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licht strahlt sie an. Mit geschlossenen Augen und im Schneidersitz streckt sie die Hände zum Himmel. „Ego eradicator“ heißt diese Yogahaltung – Egovernichter. Mit ihrem Facebook-Profilbild scheint Jessica zu sagen: Yoga ist, was ich bin. Nichts weist darauf hin, dass sie vor wenigen Jahren noch eine ehrgeizige Nachwuchswissenschaftlerin war. Jessica, heute 31, hat Soziologie studiert und wollte danach an der Uni bleiben. „Das war eigentlich schon vorgezeichnet. Ich habe den Bachelor ziemlich gut abgeschlossen, Master 1,0, was man sich so wünscht, und die Professoren haben gesagt: Du musst unbedingt promovieren!“ Den Einstieg ins Yoga fand sie 2005, während des Studiums in Berlin. Nach dem Wechsel an die Universität Konstanz blieb sie dabei. Ihre damalige Lehrerin empfahl ihr schließlich die Ausbildung zur Yogalehrerin. „Ich bin aus allen Wolken gefallen und dachte: Was? Ich werde niemals Yogalehrerin! Ich war damals im Masterstudium und voll im Stress.“ Etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland üben regelmäßig Yoga. In jeder Stadt kann man Kurse besuchen, auch in den meisten Unisportangeboten sind sie ein fester Bestandteil. Lange Zeit galt Yoga als exotisch und esoterisch, es war der Sport von Aussteigern und Hausfrauen. Inzwischen hat fast jeder es schon einmal ausprobiert, in fast allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen. „Die Menschen merken, dass das Leben, wie wir es leben, sie nicht mehr glücklich macht“, sagt Angelika Beßler, Vorstandsvorsitzende des Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland. „Ihnen fehlt ein inneres Glück, sie haben den Wunsch, aus dem Stress auszusteigen, den Wunsch nach Stille. Das finden sie im Yoga.“ Fragt man bei verschiedenen Yogaschulen in Berlin und München nach, erfährt man, dass der Anteil der Kursteilnehmer unter dreißig Jahren gestiegen ist. Nicht anders ist es in der Ausbildung zum zertifizierten Yogalehrer: Die Schüler werden immer jünger. Sie hegen die Hoffnung, nach der zwei- bis vierjährigen Lehrzeit und einer Investition von bis zu 8000 Euro ihr Hobby zum Beruf machen zu können. Ist die Yogalehrerausbildung so etwas wie die Alternative zur herkömmlichen Karriere? Und sagt es etwas über die Studenten oder gar das Studiensystem, wenn viele Yoga der Uni vorziehen? Jessica ist dann doch zu der Infoveranstaltung für die Ausbildung gegangen und hat dort den Yogalehrer getroffen, der sie später ausbildete. „Als ich ihn gesehen habe, mit

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seinem langen Bart und dem Turban, dachte ich: Von dem kann ich so viel lernen, was mir keiner an irgendeiner Uni beibringen kann. Das war, als hätte er für mich eine Tür zu einem neuen Universum geöffnet.“ Jessica machte die Ausbildung und entfernte sich von einer Karriere als Wissenschaftlerin. Die Promotion fing sie zwar noch an, brach dann aber ab. Seit 2011 hat Jessica mit der Uni nichts mehr zu tun. Ihr früheres, rationales und analytisches Ich gibt es nicht mehr. Dafür gibt es eine Jessica, die freiberuflich Yoga unterrichtet, vegetarisch lebt und keinen Alkohol trinkt, die am Morgen meditiert und sogar einen Yoganamen hat: Sevak Kaur. Das bedeutet „Gottes wahre Dienerin“. Ihr Leben und Yoga sind eins geworden. „Ich merke einfach, dass mir das total guttut. Wenn ich vom Unterricht komme, habe ich oft ein richtiges Glücksgefühl“, erzählt sie. In ihrem Leben, sagt Jessica, hat sich seit der Ausbildung so gut wie alles verändert, „meine ganze Einstellung, mein Blick auf die Welt, meine Beziehungen“. Bei Monika, 29, gab es keinen so radikalen Bruch, aber auch sie hat sich dafür entschieden, Yogalehrerin zu werden. Seit über drei Jahren macht sie schon die Ausbildung in einem Studio im Münchner Westend, im Herbst beginnen die Abschlussprüfungen. Sie wusste lange Zeit nicht, wohin es für sie gehen soll. „Mein Bruder meinte: Du machst doch so gern Yoga. Ich habe gesagt: Aber das kann man doch nicht studieren.“ Sie recherchierte im Internet und fand eine Schule, die eine Yogalehrerausbildung anbietet. „Da wusste ich sofort: Das will ich machen.“ Seitdem besucht Monika neben ihrem Studium der Volkskunde, Slawistik und Indologie einmal im Monat ein Ausbildungswochenende, lernt die Philosophie des Yoga, Anatomie und Physiologie, Haltungen und Übungen. Sie lernt, wie man eine Yogastunde vorbereitet und hält. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt Monika, „Yoga macht mich glücklich.“ Jeder Student hat irgendwann einmal das Bedürfnis auszusteigen. Wenn das Semester besonders anstrengend, die Prüfung besonders schwer oder das eigene Energielevel bei unter null ist, kommt wie von selbst die Frage: Was wird mir die ganze Lernerei bringen? Auf einmal entsteht die Sehnsucht, das Glück anderswo zu suchen; vielleicht im eigenen Café, auf einem Bauernhof im Kuhstall, vielleicht mit einem Shop für selbst genähte Taschen bei Dawanda. Es entsteht vielleicht das Gefühl, sich mit dem Studium nicht für das

Richtige entschieden zu haben. Wie viele Studenten studieren, einfach weil sie die Möglichkeit dazu haben? Wie viele Studenten wissen genau, wo sie hinwollen? Die Idee vom Café oder vom Bauernhof ist deshalb so attraktiv, weil dabei sofort klar ist, was zu tun ist und für wen man arbeitet. Es entsteht, so die Vermutung, eine klare Vorstellung vom Leben, vielleicht sogar vom Glück, die im Studium manchmal verloren geht. Jessica hat diese Klarheit in den Hörsälen, auf Scheinen und Leistungspunktekonten, in Büchern und Seminaren nicht gefunden. Während das Studiensystem immer sachlicher und leistungsorientierter wird, werden viele Studenten spiritueller und sehnen sich nach etwas anderem oder doch zumindest nach einem Ausgleich. Die meisten träumen aber nur davon und bleiben im Hörsaal sitzen. Vielleicht sind es die Mutigsten, die sich wirklich einer Alternative zuwenden. Oder die, die an ihrer Situation an der Uni nicht nur zweifeln, sondern wirklich leiden. Für Sarah, 33, zum Beispiel war die Ausbildung mehr als eine Alternative. „Yoga“, sagt sie, „war meine Rettung.“ Sarahs Familie gehört einer Freikirche an, sie wurde sehr religiös erzogen. Die Entscheidung für das Studium, Französisch und evangelische Theologie auf Lehramt, wurde stark von ihrem Umfeld beeinflusst. Vor einigen Jahren entlud sich diese Fremdbestimmung in einer schweren persönlichen Krise. Sarah ging in psychologische Behandlung. In jener Zeit nahm sie zum ersten Mal an einem Yogakurs teil. „Ich bin nach zwei Minuten rausgerannt. Es hat bei mir im Brustkorb geknackt, und ich dachte, ich muss sofort aufhören, sonst wird es zu stark“, erzählt sie. Danach hat sie sich eine Weile vom Yoga ferngehalten. Später zog sie nach Berlin, in ein neues Umfeld mit Distanz zu ihrem alten Leben. „Ich habe mich für Kurse angemeldet, um Yoga kennenzulernen und dem Gefühl nachzuspüren“, sagt sie. „Ich habe schnell gemerkt, dass es das Richtige für mich ist, dass ich damit gut zurück ins Leben komme und mein Studium abschließen kann.“ 2011 meldete Sarah sich zur Yogalehrerausbildung an. Es war die erste Entscheidung von großer Tragweite, die sie ohne ihre Familie traf. Yoga, das sei zwar keine Rebellion, aber eben ihr „ganz Eigenes“, sagt Sarah. Yoga gebe ihr eine Perspektive, privat und beruflich. Aber eine berufliche Perspektive gewinnt man nicht allein durch morgendliche Meditation. Genau wie für ein Café oder einen Dawanda-Shop braucht man für die Tätigkeit als

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Jessica trägt einen Turban, warmes Sonnen-

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Das Orientierungsmagazin der Süddeutschen Zeitung.

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