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Mein Leben könnte sich bald radikal verän-

dern, und das macht mir Angst. Ich schreibe meine Masterarbeit, das ist die letzte große Aufgabe meines Studiums. Meine Zeit an der Universität geht damit endgültig zu Ende. Was danach auf mich wartet, bereitet mir Sorgen. Werde ich mir meine Tage noch so frei einteilen können, wie das jetzt zum Beispiel während meiner Abschlussarbeit geht? Wird die Suche nach einem Arbeitsplatz kompliziert? Werde ich meine lieb gewonnene Studienheimat Leipzig verlassen müssen? Die Universität hat in den vergangenen Jahren mein Leben strukturiert. Ziele und Ablauf des Studiums waren klar. Nun bin ich am Ende des schützenden Geländers der Ausbildung angekommen. Danach erwartet mich ein erwachsenes Leben voll Verantwortung, Pflichten und Unterordnung. So geht zumindest meine Befürchtung. Die Psychologin Elisabeth Kübler-Ross hat einmal fünf Phasen beschrieben, die Todkranke erleben. Zunächst wollen sie ihr Sterben nicht wahrhaben, dann sind sie wütend auf ihr Schicksal und neidisch auf diejenigen, die weiterleben dürfen. Schließlich verhandeln sie um eine Verlängerung ihres Lebens, sie betrauern den Abschied von ihren Angehörigen. Und schließen dann, wenn alles gut geht, eine Art Frieden mit dem bevorstehenden Tod. Ich habe Angst, dass das Studium die schönste Zeit in meinem Leben gewesen sein könnte. Mit der Masterarbeit geht sie zu Ende. Und das fühlt sich manchmal wie ein kleines Sterben an.

und Computerpools. Ahnungslos lassen die Abiturienten ihre Blicke über Bücher und Arbeitsplätze schweifen. Sie tuscheln mit ihren Nachbarn, die sie gerade erst kennenlernen. Alle Zeit der Welt liegt vor ihnen: neue Freunde und Liebschaften, aufregende Partys in frisch bezogenen Wohngemeinschaften, Auslandsabenteuer. Ich dagegen muss die heiligen Hallen der Wissenschaft bald verlassen und fürchte mich vor dem kalten Wind, der auf dem Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler weht. In diesem Moment werde ich ein bisschen neidisch und wünsche den Erstis aus purer Missgunst alle Pein harter Klausuren und erbarmungsloser Prüfer, unendlich anstrengender Praktika und frustrierender Kleinstjobs. Sterbenden hilft es sehr, wenn sie ihren Groll gegen ihr Schicksal und die Welt einmal aussprechen dürfen, sagt Elisabeth Kübler-Ross. So lasse sich die zornige Phase oft entspannen. Ich lästere mit anderen Abschlusskandidaten vor den Bibliothekstüren und fühle mich bald besser. PHASE 3 – V E R H A N D E L N Um die Verhandlungsphase zu illustrieren, wählt Kübler-Ross eine kleine Anekdote. Ein Kind, dem ein Wunsch nicht erfüllt wird, rennt

PHASE 1 – L E U G N E N Wieso denn überhaupt anfangen?, frage ich mich, nachdem ich im Sommer alle nötigen Klausuren bestanden, alle Hausarbeiten abgegeben und ein Abschlussarbeitsthema gefunden habe. Jetzt habe ich die Möglichkeit, die Freiheit der Studienzeit noch einmal voll auszukosten. Ich schreibe Reportagen, beginne aufwendige Recherchen, besuche Konzerte, Kunstfestivals, Kabarettabende. Lange hält das gute Gefühl dabei nicht an. Als von den sechs für meine Arbeit eingeplanten Monaten noch fünf übrig sind, merke ich, dass ich endlich anfangen muss. Ich verlege meinen Arbeitsplatz in die Bibliothek. PHASE 2 – Z O R N Es wird Herbst, und Gruppen junger Erstsemester strömen durch die langen Regalreihen

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will mir nur das Gefühl eines legitimen Aufschubs verschaffen. Meine Kommilitonin Nilo, die auch ihre Masterarbeit schreibt, erkennt plötzlich ungeahnte Gefahren in ihrer Wohngemeinschaft. Fünf Jahre lang hat sie nie hinter der Waschmaschine geputzt. Nun vermutet sie an dieser Stelle einen ganz gemeinen Allergieherd. Mittlerweile ist es dort richtig sauber. Beide gehen wir viel zu häufig einkaufen. Wir verbringen mehr Zeit mit Jobs anstatt weiterzuschreiben. Diese Tätigkeiten fühlen sich zwar sinnvoll an. Trotzdem bekommen wir ein schlechtes Gewissen. Denn eigentlich ist das alles nur Verzögerungstaktik. Wir treffen uns in der Bibliothek wieder. PHASE 4 – T R A U R I G K E I T Die Ungebundenheit während meiner Studienjahre wird mir fehlen, wenn ich fertig bin. Aber Student auf Lebenszeit sein, das ist keine Alternative. Auch wenn es wehtut: Ich reduziere meine Verabredungen und lehne Einladungen von Freunden ab. Nun muss ich wirklich vorankommen. Die Masterthese ist ein kompliziertes Stück Arbeit. Mir wird ganz elend zumute, wenn ich an all die Details denke, die noch zu erledigen sind. Es geht nicht, ohne dass ich mich zwinge. Eine Bekannte zum Beispiel stellt gerade ihre Doktorarbeit fertig und hat jede Menge Erfahrung mit „Ausweichtätigkeiten“. Nun lagert sie ihr Essen im Büro. Wenn sie frühstücken will, muss sie an ihren Arbeitsplatz gehen. Und kann nach Müsli und Kaffee sofort weiterpromovieren. PHASE 5 – R U H E

wutentbrannt aus dem Zimmer seiner Eltern. Nur wenig später klopft es artig wieder an und fragt: „Wenn ich ganz, ganz lieb bin und brav meine Aufgaben mache — darf ich dann?“ Sterbende versuchen, ihrem Schicksal ein Angebot zu machen, etwa indem sie versprechen, besonders viele gute Taten zu vollbringen. Sie versuchen ihren Tod hinauszuzögern. Ich mache meine Steuererklärung und vereinbare einen Termin beim Arzt. Ist mit meinem Herz noch alles in Ordnung? Jetzt könnte die letzte Gelegenheit sein, mich noch einmal gründlich untersuchen zu lassen. Nichts, was ich gerade mache, ist wirklich wichtig. Ich

Irgendwann ist man drin im Thema, und dann ergibt plötzlich alles einen Sinn. Ich verstehe, wie mein Studium und meine Forschungsarbeit zusammenhängen. Nun will ich an allem bisher Aufgeschriebenen noch etwas ändern: Die Zusammenfassung des Forschungsstands lässt sich doch noch klarer formulieren. Meine Daten geben doch noch mehr Möglichkeiten zur Interpretation her. Auf mir unerklärliche Weise scheine ich meinen Frieden mit der Masterarbeit gemacht zu haben. Zwei Wochen bleiben noch bis zur Deadline. Was nach der Abgabe kommt? Ich weiß es nicht. Aber ich bin ganz ruhig.

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Das Orientierungsmagazin der Süddeutschen Zeitung.

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