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Nr. 2 | 2012

MENSCHEN FÜR ANDERE Das Magazin der Jesuitenmission

Von guten Mächten


EDITORIAL Liebe Freundinnen und Freunde unserer Missionare und Partner weltweit! „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ - der Text von Dietrich Bonhoeffer geht mir nicht nur um Neujahr durch den Kopf und durchs Herz. In der Begegnung mit ausgesetzten Menschen ist er wie eine Bitte um Zuwendung; ein ständiger Segenswunsch. 2012 ist ein Jahr, das eine breite Palette von Stimmungen auslöst.Von großen Hoffnungen und Erwartungen bis hin zu Katastrophenszenarien. Realistische Schritte in die richtige Richtung setzen. Den langen Atem für positive Entwicklungen einüben. Das sind Auferstehungserfahrungen, die uns durch das Jahr hindurch begleiten. Oder mit einem anderen Wort von Bonhoeffer: „Jedes Werden in der Natur, im Menschen, in der Liebe muss abwarten, geduldig sein, bis seine Zeit zum Blühen kommt.“ Sie halten unser Magazin in den Händen. Wir versuchen von Orten und tätigen Beispielen des Aufblühens zu erzählen. Menschen ergreifen Initiative, um Vertriebenen, die ohne Lebensgrundlage und Perspektiven waren, Hoffnung zu schenken und Unterstützung zu geben. In einem Spital in Simbabwe, bei Flüchtlingen in Kenia, beim Ziegenprojekt in Burundi, oder im Projekt meines Mitbruders Georg Sporschill SJ bei den Roma Familien in Siebenbürgen/Rumänien. Überall passiert Veränderung. Junge Menschen entschließen sich, Monate ihres Lebens in den Dienst von MENSCHEN FÜR ANDERE zu stellen und es selber zu werden. Das alles sind für mich lebendige Beispiele und Modelle, die zur Nachahmung anregen. Es sind keine globalen Zauber-Lösungen, aber es sind Ansätze, die vielleicht dazu beitragen, dass die Welt zum Positiven verändert wird und Menschen wieder Hoffnung schöpfen können. Es gibt sie, die guten Mächte. Mit den Hoffnungs-Kindern in Rumänien dürfen wir beten: „Lieber Gott, ich danke Dir, für den Engel neben mir.“ Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Zeit!

Hans Tschiggerl SJ MENSCHEN FÜR ANDERE Impressum

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JESUITENMISSION - MENSCHEN FÜR ANDERE, 2012 - Heft 2 Medieninhaber und Herausgeber: Missionsprokur der Gesellschaft Jesu in Österreich, Mag. Johann Tschiggerl SJ Dr. Ignaz Seipel Platz 1, A-1010 Wien, Tel +43 01 5125232 - 56, office@jesuitenmission.at, www.jesuitenmission.at Redaktion und Gestaltung: P. Johann Tschiggerl SJ, Stefan Reichel SJ & Team, Druck: LDD Communication Ziel dieser Publikation ist die Information der Spender über die aktuellen Entwicklungen in den Hilfsprojekten. Bildnachweis: Jesuitenmission (S.2, 6-11,15-17, 21-24), Judith Benen (S.1), JRS (S.12f), Katie Allen (S.3-5), Renate Pistrich (S.18-20), Jonathan Rashad - Wiki Commons (S.14). DVR 0029874 (234), P.b.b. Verlagsort 1010 Wien GZ 02Z032649M. ZVR Zahl 530615772, SO 1345 MENSCHEN FÜR ANDERE


Einsatz für urbane Flüchtlinge In den letzten Jahren gab es große Flüchtlingsströme in Afrika. Wegen der schwierigen Lage in den Flüchtlingslagern versuchen viele ihr Glück in der Stadt. Doch dort sind die Chancen nicht viel größer. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst hilft bei der Integration. Die Arbeit des JRS Der JRS-Ostafrika begleitet seit einigen Jahren verstärkt sogenannte „Urbane Flüchtlinge“ in den drei zentralen Städten der Region: Nairobi in Kenia, Kampala in Uganda und Addis Abeba in Äthiopien. Die Schwerpunkte der Arbeit sind Nothilfe, Ausbildung, Gesundheitsfürsorge, psychologische Beratung und Rechtsberatung im jeweiligen Land. Ankommende Asylsuchende werden aufgenommen und in ihrem schwierigen Integrationsprozess begleitet. Ist einmal der Flüchtlingsstatus erreicht, ist das nächste Ziel eine Arbeit zu finden. Besonders vulnerable Flüchtlinge und Migranten ohne Dokumente werden zusätzlich unterstützt.

Warum Flüchtlingen helfen? Große Städte bargen immer schon die Hoffnung, dort leichter Arbeit zu finden. Das meinen auch die vielen Vertrieben, die sich um ihre Familien kümmern müssen. Doch in Ostafrika leben die meisten Stadtbewohner selbst an oder sogar unter der Armutsgrenze. Das tägliche Leben besteht aus der verzweifelten Suche nach Einkommen und dem hilflosen Umgang mit den unmenschlichen Bedingungen der Straße. So ist das Leben für die „Fremden“ doppelt hart. Erfahrungen von Fremdenfeindlichkeit, Sprachbarrieren und die schwierigen Voraussetzungen, überhaupt arbeiten zu können, führen manche in den Alkohol und in die Kriminalität.

Eine Mutter mit ihrem Jungen beim Ernährungs-Notprogramm des JRS in Nairobi

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URBAN REFUGEES ihr eines der Kinder wegnehmen wollte, damit sie ihn heirate. So wurde ihr und ihrer Familie der JRS zu einem rettenden Schutz in der Großstadt. Mit einer aktuellen Initiative sollen die Gender-Einstellungen der Flüchtlinge überdacht werden. Bei abwechslungsreichen Workshops können Paare praktische Anleitungen für ihre gemeinsamen Aufgaben in der neuen Lebenswelt mitnehmen. Trotz anfänglicher Skepsis durch die kulturelle Prägung erfreuen sie sich inzwischen großer Beliebtheit. Begabte Flüchtlingskinder bekommen eine besondere Unterstützung für ihre Ausbildung

Schutz für die verletzlichsten Gruppierungen unter den Flüchtlingen: Traumatisierte Mütter mit ihren Kindern

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Bedürfnisse wahrnehmen Der zentrale Wert des JRS ist Gastfreundschaft. Im Vordergrund steht die Bemühung, die Flüchtlinge willkommen zu heißen und ihnen bei der Integration in die Gesellschaft vor Ort zu helfen. Als Anlaufstellen dienen immer mehr die Pfarren, die gemeinsam ein Auffangnetz für die Zeit des Asylantrages bilden. Nahrung, Haushaltsgegenstände und medizinische Versorgung werden zur Verfügung gestellt. Was am meisten zählt, ist die menschliche Zuwendung, das Wahrnehmen der Bedürfnisse des einzelnen Menschen. Eine Chance für Miriam Miriam, eine junge Mutter aus Somalia, wird als besonders gefährdete Flüchtlingsfrau vom JRS betreut. Zweimal pro Woche erhält sie bei ihrer Pfarre Reis und Bohnen. Während der Flucht wurden ihr Mann und ihr Vater erschossen. Sie lebt jetzt mit ihrer Mutter und den beiden Kindern in Nairobi. Während sie um das Überleben kämpfte, hatte sie zusätzlich Schwierigkeiten mit einem Mann, der sie unter Druck setzte und

Gesundheitsvorsorge Der JRS ist sich der Notwendigkeit der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge bewusst. Die tägliche Hygiene und Krankheitsprävention sind immer wieder Thema. So konnte der JRS im letzten Jahr zum Beispiel in Addis Abeba 1.500 Flüchtlingen Zugang zu medizinischer Behandlung ermöglichen. Gesundheitskontrollen für schwangere Frauen und pharmakologische Unterstützung bei psychischen Traumata sind regelmäßige Interventionen. Ohne diese Angebote hätte Sara aus dem Südsudan die Geburt ihrer Tochter vielleicht nicht überlebt. Durch die Begleitung hat sie den sonst fehlenden Rückhalt der eigenen Familie erfahren und wieder


OSTAFRIKA Mut für ihre Verantwortung als junge Mutter schöpfen können. Bildung ist Hoffnung Bildung ist eines der entscheidenden Werkzeuge der Hoffnung für Flüchtlinge. JRS versucht alles, damit gerade den Kindern die Möglichkeit geboten werden kann, mit den Alterskollegen der neuen Heimat in die Schule gehen zu können. Auch bei den Eltern wird häufig der Bedarf festgestellt, eine Ausbildung nachzuholen. Soziale Kompetenzen und Sprachfähigkeiten stehen ganz oben am Programm. Im letzten Jahr konnten durch die Unterstützung junger Flüchtlinge in Kampala Englischkurse angeboten werden, die für das weitere Hilfsprogramm eine Voraussetzung darstellen. „Durch den Kurs fanden einige Teilnehmer schon während des Englischlernens eine Arbeit, andere konnten weiterführende Ausbildungen besuchen“, berichtet Tabea, eine einheimische Englischlehrerin des JRS.

Handwerksladen eröffnen. Zwar ist der Wettbewerb groß, aber mit Geschick und Eifer fand er in der wachsenden Stadt eine Nische für seine Dienste. Ein anderes Beispiel ist der Mikono-Laden in Nairobi (Mikono bedeutet auf Kiswahili „Hand“), bei dem siebzig Flüchtlinge von ihren Handwerksprodukten leben können. (Info unter: http://jrsea.org/mikono)

Ehemalige Flüchtling können zum Beispiel mit Kunsthandwerk eine Werkstatt aufbauen

Perspektiven 2012 wird JRS seine Arbeit in NairoEigenes Einkommen schaffen bi, Addis und Kampala weiterentwiSind die Menschen einmal von den ckeln. Für die Städte ist der Einsatz Behörden als Flüchtlinge anerkannt, einer solchen Institution ungemein dann ist die Suche nach einem regel- nützlich. Das Leben vieler Flüchtmäßigem Einkommen der nächste linge und Asylsuchender hängt davon Schritt. In der Großstadt gestaltet sich ab. In einigen Gebieten ist JRS aktuell die Suche nach Arbeit als Herausfor- der einzig präsente Flüchtlingsdienst! derung. Ohne Startkapital und ausrei- Entsprechend groß ist die Hoffnung chende Bildung entsteht leicht eine der Flüchtlingsgemeinschaft auf Un„erlernte Hilflosigkeit“. In Nairobi terstützung in ihren Nöten. In einer werden daher Gewerbe-Trainings an- großen Stadt als Flüchtling zu leben geboten und Mikrokredite vergeben. ist nicht einfach. Es braucht DurchAlex ist einer jener, der über einen haltevermögen, die Kraft der Hoffsolchen Workshop ein eigenes Ge- nung und die Förderung durch eine schäft aufmachen konnte. Mit dem Organisation wie den Jesuit Refugee Mikro-Kredit konnte er sich Materi- Service. al und Werkzeuge kaufen und einen Katie Allen, JRS Ostafrika 5


Vorbild an Gastfreundschaft Marie Eleonore Liechtenstein mit Margarete Erber bei der Ausgabe von Lebensmitteln in Nairobi

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Marie Eleonore Liechtenstein war Anfang des Jahres zu Besuch bei den Jesuiten in Kenia. Im Gespräch mit dem Provinzial P. Orobator SJ und dem Regionaldirektor des JRS P. Pflüger SJ konnte sie sich vom Einsatz für Flüchtlinge ein Bild machen. Lebensrealität in Kenia Die Bilder, die in Europa mit Kenia assoziiert werden, sind oft auf einige Aspekte reduziert: Ehemalige britische Kronkolonie, erster Ministerpräsident Jomo Kenyatta nach Erlangen der Unabhängigkeit 1963, schöne Strände am Indischen Ozean, Hauptstadt Nairobi, Hollywoodfilm „Out of Africa“, Fotosafari in romantischen Touristen-Lodges mit orangeroten Sonnenuntergängen und wilden Tieren. Bilder, die mehr mit Abenteuer im Osten des Kontinents Afrika verbunden werden. Im Sommer 2011 erreichten Berichte und Aufnahmen von Hungernden die europäischen Medien. Mangels Re-

gen und der folgenden Dürre konnten sie sich nach wochenlangen Gewaltmärschen und mit wortwörtlich „letzten Kräften“ nach Kenia retten. Die Nachbarstaaten Kenias sind Somalia, Äthiopien, Uganda, Tansania und der Süd-Sudan. Das Land wird von rund vierzig Millionen Menschen bewohnt und fünfzig verschiedene Sprachen und Dialekte werden gesprochen, Swaheli und Englisch sind die Amtssprachen. Zusammen mit Tansania gehört Kenia zu den stabilen Ländern Ostafrikas. Es hat allerdings mit schwerwiegenden Belastungen und Problemen zu kämpfen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt in den rasch wachsenden Städten.


KENIA Schul- und Gesundheitssystem sind in der Entwicklungsphase und ein selbstverständlicher Zugang ist nicht gewährleistet. Auf der Flucht Ein Flüchtling wird als Person definiert, die aus politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder ethnischen Gründen ihre Heimat rasch verlassen muss und dabei ihren Besitz zurückgelassen hat. Diese Menschen haben ihre Heimat bzw. das Land, aus dem sie stammen, zu dessen Volk bzw. Nation sie gehören, dem sie sich zugehörig fühlen, verlassen müssen. Sachliche Definitionen sind in der Theorie eindeutig und klar. Was aber „Flüchtling sein“ für einen Menschen bedeutet, ist nicht nachvollziehbar. Hinter jedem Flüchtling verbirgt sich eine Geschichte, die wir uns anhören sollten, um nicht angesichts der Zahlen und Massen abzustumpfen und zu verallgemeinern. Viele der Heimatlosen irren jahrelang herum, von Land zu Land, von Lager zu Lager, mit Kindern, Alten und Kranken.

Ein trauriges Jubiläum Kakuma ist ein zweites Flüchtlingslager im Nord-Westen des Landes. Es wurde 1992 für zunächst 25.000 Kinder und Jugendliche aus dem Südsudan eingerichtet, mittlerweile leben 90.000 Menschen dort. In Kakuma leben Menschen aus acht verschiedenen Nationen; die lokale TurkanaBevölkerung ist in der Minderheit.

Rita mit ihren Zwillingen - nach Jahren der Flucht immer noch kein Zuhause

Keine Hoffnung in Sicht Die Begegnung mit der 30jährigen Rita aus dem Kongo hat mir geholfen, diesen Zahlen und Fakten ein Zuflucht für (zu) viele Gesicht zu geben. Rita lebt mit ihDadaab ist ein Ort in der Nord-Ost- ren sechs Kindern in einem Slum von Region Kenias, deren Bevölkerung Nairobi. Sie stammt aus dem Kongo ursprünglich aus Nomaden bestand. und ist zusammen mit ihrem Mann Hundert Kilometer von der Gren- vor den Massakern in ihrer Heimat ze Somalias entfernt, hat Dadaab seit nach Ruanda geflüchtet. An Bleiben den 90er Jahren 400.000 Flüchtlinge war nicht zu denken und es ging weiaus Somalia aufgenommen. Laut ter über Uganda in das Lager von KaUNHCR wurden - in einem 50 km2 kuma, wo sich die Familie sechs Jahre großen Areal, in der Wüste, 3 separate lang aufhielt. Ihr ältestes Kind ist 12 Camps errichtet, die „nur“ 90.000 und die kleinen Zwillingsmädchen Menschen beherbergen sollten. Bis sind 18 Monate alt. Nun sind sie in zu fünf Familien teilen sich heute Nairobi angelangt, da sie sich in der eine Wohneinheit, die ursprünglich Stadt bessere Lebensmöglichkeiten für eine Familie konzipiert wurde. und Zukunftschancen erhofft hatten. 7


PROJEKTREISE Die Odyssee überlebt Emotionslos nach Außen, schwer traumatisiert und gezeichnet von den Erlebnissen erzählt sie von der jahrelangen Odyssee: Gewalt, Hunger, Angst, Ablehnung, Einsamkeit. Die beiden Kleinen hängen an ihren Brüsten und wollen trinken. Es gibt kaum etwas zu essen. Ihr Mann Leo macht sich jeden Tag auf den Weg, um nicht Zuhause mitansehen zu müssen, dass er nichts tun kann. In der kleinen Hütte, die sie bewohnen, steht ein einziges Bett für die sechs Kinder. In einem großen Plastikfass wird Wasser aufbewahrt, das von einem weit entfernten Brunnen mühsam herangeschafft wird. Auf dem Boden befindet sich eine kleine Feuerstelle, ein Vorhang trennt den Raum von der Ecke, in der die Eltern schlafen.

Ein kleiner Obststand am Straßenrand in Nairobi, ermöglicht durch einen Mikrokredit

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die Zuteilungen von Mehl, Reis und Milchpulver organisiert. Die Unterkünfte müssen sich die „urban refugees“ selber organisieren. Regelmäßige Arbeit ist kaum zu bekommen, einige nähen, andere schnitzen und basteln Kunstwerke, die im JRS-Shop verkauft werden. Gespräche und andere Begegnungen sollen helfen, etwas Abwechslung in den Überlebenskampf zu bringen.

Grenzen der Überforderung Wir Europäer leben, Gott sei Dank, in der Gewissheit, dass Hilfe für Notleidende, Kranke und Sterbende vom Staat und anderen Organisationen geleistet wird. Kenia, als hilfsbereites und gastfreundliches Land, hat sich jahrelang Mühe gegeben, dem steten Strom an Flüchtlingen das traditionelle Gastrecht einzuräumen. Jedoch Hilfsangebote des JRS hat die fortdauernde Überforderung Der Jesuit Refugee Service betreut in mit Flüchtlingen sogar in Kenia eine Nairobi Menschen, die einen Lebens- fremdenfeindliche Stimmung aufweg wie Rita und ihre Familie haben. kommen lassen. Über das Verteilernetz von katholischen Pfarren werden regelmäßig Lernen von Kenia Nahrungsmittelrationen ausgegeben, Mir hat dieses Hintergrundwissen je nach Größe der Familie, werden geholfen, zu verstehen, warum sich Tausende jedes Jahr in überbesetzten Booten über das Meer hinweg auf den Weg machen, um in Lampedusa europäischen Boden zu erreichen - in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien. Den Flüchtlingen, die Europa lebend erreichen, wird der Alltag durch die europäische Asylpolitik nicht leicht gemacht. Im Vergleich zu Kenia ist die Anzahl der Flüchtlinge in Europa niedrig. Lernen wir von der Solidarität und Gastfreundschaft Kenias. Marie Eleonore Liechtenstein


Wenn aus Bildung Nahrung wird Katrin Morales und Margarete Erber besuchten die Farming School des JRS in Burundi. Dort werden die Ziegen gezüchtet, die später an die Heimkehrer vergeben werden. Die Menschen können lernen, was sie für ein Leben in Unabhängigkeit brauchen. „Die Menschen hier in Afrika werden geboren, leben und sterben - unbemerkt“, sagt Fr. Felipe SJ, ein chilenischer Jesuit, der seit einigen Jahren in Burundi arbeitet. Das gilt nicht mehr für die 6.000 Familien in Rutana, im Osten Burundis. Sie haben sich nach dem Bürgerkrieg, den sie in Flüchtlingslagern in Tansania verbracht haben, wieder in ihrer Heimat angesiedelt. Seit einiger Zeit unterstützt der JRS sie dabei, sich Grundlagen für ein neues Leben, für gesicherte Nahrung und die Möglichkeit, die eigene Familie selbst zu versorgen, zu schaffen. Das Ziegenprojekt, das dort eingesetzt wird, ist inzwischen überregional bekannt und erfolgreich.

Dieses Jahr wurde die Farming School in Kibimba, genannt „Jesus, der gute Hirte“, eröffnet. Einige Wochen danach sind die Gebäude mit Leben gefüllt. 30 Mädchen und einige Frauengruppen kommen wöchentlich zusammen, die älteren Frauen jeweils für einen Tag, die Mädchen übernachten dort. Das Programm ist abwechslungsreich und intensiv. Alphabetisierung, Landwirtschaft, Hygiene, das Entdecken eigener Fähigkeiten all das wartet auf die Teilnehmerinnen. Es eröffnet sich für sie eine unbekannte Welt - alles ist neu und eine Herausforderung: elektrischer Strom, Duschen, ein Bett für jede, Türen, die man öffnen und schließen kann …

Eine Gruppe junger Frauen, die in der Landwirtschaftsschule lernen, ein Feld zu bestellen

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PROJEKTREISE

Schwierige Familiensituation: Sechs Kinder und kein Vater

Katrin Morales mit einer Dorfbewohnerin

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Das Gelernte weitergeben Wir treffen eine Gruppe junger Frauen; ihre Lehrerin, Claudine, sollte eigentlich jeden Tag mit dem Fahrrad zum Unterricht kommen. Gleich am ersten Tag musste Fr. Tony Calleja SJ, der Leiter des Projektes, feststellen, dass weder sie, noch ihre Kolleginnen jemals Fahrradfahren gelernt hatten und mit dem zur Verfügung gestellten Rad nichts anfangen konnten. Eine Lösung wurde gefunden. Die vier Lehrerinnen wohnen jetzt selbst auf der Farm, fühlen sich wohl und sind für ihre Schülerinnen jederzeit ansprechbar. Auch für sie, die Sechzehnjährigen, die selbst erst die Schule abgeschlossen haben, ist diese neue Aufgabe ein großer Schritt in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Selbstständigkeit fördern Als eine chilenische Pädagogin, die zu Besuch kommt, ihnen bestätigt, dass sie mit ihren pädagogischen Ansätzen auf dem richtigen Weg sind, ist der Stolz groß. In der Teamsitzung, an der wir teilnehmen, schlägt Clau-

dine eine Lehrplanänderung vor, um sicherzustellen, dass alle Lehrziele erreicht werden. Zwei Wochen zuvor wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Sie, die junge Frau, schlägt Fr. Tony, einem Weißen, Mann, Priester und deutlich älter als sie, etwas vor, wird gehört und bestätigt. Bestätigung und Wachstum gibt es also nicht nur für die Schülerinnen. Darum geht es in Kibimba, sei es im Unterricht, in den Landwirtschaftskursen oder im Ziegenprojekt: Den Menschen ermöglichen, Neues kennenzulernen, Perspektiven zu entwickeln, selbständig zu werden und dazu eine Starthilfe zu bekommen. Maniok und Ziegen Auf den Feldern treffen wir eine zweite Gruppe Schülerinnen. Sie bearbeiten mit Chrysostom, dem Leiter der Landwirtschaft, ein Feld. Durch eigene Erfahrung lernen sie, wie Dünger angewendet wird, wie durch den richtigen Anbau der beste Ertrag für die Versorgung der Familie erzielt werden kann. In Gruppen und Familienverbänden bekommen sie Saatgut als Starthilfe. Wenn sie einen Komposthaufen angelegt und selbst einen


BURUNDI Stall gebaut haben, bekommen sie zwei Ziegen. Der Ziegenmist kann als ergiebiger, kostenloser Dünger verwendet werden. Die Ziegen dienen zur Nahrungsversorgung und als Einnahmequelle. Ein Ziegenbesitzer, den wir zu Hause besuchen, plant, einige seiner Ziegen zu verkaufen und eine Kuh anzuschaffen. Andere verkaufen den Überschuss ihrer Ernte und erzielen damit ein Einkommen. 10% der Erträge der Gruppen geht an Menschen, die nicht in der Lage sind, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Bereitschaft zur Hilfe Das Team des JRS hat in jeder Siedlung eine Ansprechperson, die die Menschen kennt und weiß, wer Hilfe benötigt. Wir dürfen einen Tag lang mit ihnen unterwegs sein. Wir werden bestaunt, herzlich empfangen und versuchen, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Es beginnt zu regnen und wir finden in der Hütte einer Frau Zuflucht. Sie erzählt uns, dass sie als Schwangere von ihrem Mann verstoßen wurde, weil sie Lepra hatte. Die Krankheit hat unübersehbare Spuren an Händen und Füßen hinterlassen. Jetzt lebt sie mit ihrem Kind in einer winzigen Lehmhütte. Mit Tränen in den Augen vertraut sie uns das für sie Wichtigste an: dass ihr Kind gesund ist. Schritt für Schritt Monatlich gibt es Treffen der Ziegenbesitzer. Dort ist ein Tierarzt anwesend, der die Tiere untersucht und mit Rat zur Verfügung steht. Alle Mitarbeiter der Farming School kommen aus der Umgebung und sind vom JRS

sorgfältig ausgewählt. Für Fr. Felipe SJ ist es wichtig, mit den Menschen vor Ort zu arbeiten, sich ihren Bedürfnissen und auch ihrer Geschwindigkeit anzupassen. „Manchmal geht es nicht so schnell, wie ich das gerne hätte, aber dafür kommt es wirklich bei den Menschen an. Das Team lernt Verantwortung zu übernehmen und Initiative zu entwickeln.“ Als Weißer, der zupackt und sich auch „schmutzig“ macht, ist er Vorbild und stößt Umdenkprozesse an. Katrin Morales

Katrin Morales und Margarete Erber zu Besuch bei Tony Calleja SJ und seinem Team

Unsere Hilfe in Burundi Zusammen mit der Firma Biomin und der Erber AG unterstützen wir in Burundi den regionalen Aufbauplan des JRS. Darunter fallen sowohl Bildungsprojekte wie die Landwirtschaftsschule in Kibimba, als auch die direkte Versorgung der heimgekehrten Flüchtlinge durch das Ziegenprojekt und den daraus entstehenden Produktionsgemeinschaften. Projektname: Landwirtschaftsschule Burundi 11


Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht 채ndern kann, den Mut, Dinge zu 채ndern, die ich 채ndern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Reinhold Niebuhr (1892 - 1971)


Arabischer Winter? Der Tahir-Platz bei Nacht. Bilder, die um die Welt gingen

Norbert Litoing SJ aus Kenia wurde in den letzten Jahren durch seine Arbeit im gesellschaftspolitischen Bereich zum Insider der weltbewegenden Veränderungen in Nordafrika. Ein Blick auf Chancen und Risiken der aktuellen Aufbruchsbewegung. Der arabische Frühling, als Aufstand gegen die autokratischen Regime in den arabischen Ländern, hat die Welt überrascht. Beginnend mit der Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi in Tunesien, im Dezember 2010, bis hin zu den noch andauernden Kämpfen in Syrien: Der große Wunsch nach Freiheit und das einende Verlangen der Menschen, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, hat einen Flächenbrand ausgelöst. Im Lauf der Zeit wich jedoch der Optimismus, den der arabische Frühling entfacht hatte, Ängsten und Sorgen, dass Parteien mit einer radikal islamischen Identität die Oberhand gewinnen. Die Tatsache, dass in bei-

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nahe allen arabischen Ländern islamistische Parteien und Bewegungen Unterstützung suchen und finden, ist ein Zeichen, dass ihre Botschaften Resonanz finden bei den Massen. Das zeigt sich vor allem in den verarmten Bevölkerungsschichten, wo sie besonders aktiv bei der Bereitstellung von sozialen Diensten sind. Mit Ausnahme von Al-Nour in Ägypten haben diese Parteien eine lange Oppositionsgeschichte im Kampf gegen die gestürzten Regime. Ihre beachtenswerte Präsenz in den lokalen Gemeinschaften hat ihnen eine signifikante Mitgliederbasis gesichert und ihre Anführer der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. So ist


REFLEXION es logisch, dass sie bei Umfragen vorne liegen. Wenn man das Entstehen dieser Bewegungen genauer betrachtet, vor allem im Rahmen des globalen Jihad, der von Al-Qaida getragen wird, dann gibt es viele gute Gründe, sich über die Zukunft der ethnischen und religiösen Minderheiten in diesen Ländern Sorgen zu machen. Sowohl bei den ägyptisch-muslimischen als auch bei den christlichen jungen Menschen weckte der arabische Frühling große Hoffnungen auf mehr Demokratie und Achtung der Menschenrechte. Für Christen im speziellen war das die Hoffnung auf eine Ära, frei von allen Formen der religiösen Diskriminierung. Die Zunahme der religiös motivierten Gewalt und der Aufruf von fundamentalistischen Stimmen, Ägypten als einen islamischen Staat zu etablieren, verringern diese Hoffnungen und isolieren die Christen zunehmend. Vor Beginn der ägyptischen Revolution hatten die Christen das Gefühl, dass sie aufgrund der andauernden Konflikte nichts in ihrem Land zu sagen hätten. Aber während der Demonstrationen, die schließlich Staatschef Mubarak zum Sturz brachten, wich die religiöse Identität einem einenden Nationalstolz. Religion, Alter, Geschlecht und soziale Schicht spielten keine Rolle mehr. Es ging um eine Nation, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen wollte. Auch wenn manche kirchlichen Autoritäten weiterhin das Regime Mubarak unterstützten, in der Meinung, er wäre als einziger in der Lage, das Land zu regieren, wandten sich doch viele Christen ab und schlossen sich ihren muslimischen Landsleuten an.

Am 4. Februar 2011, unter den Revolutionären bekannt als der „Freitag der Abreise“, bildeten Kopten ein menschliches Schutzschild, um ihre muslimischen Mitbürger während des Freitagsgebets zu schützen. Am Sonntag, dem 6. Februar, wurde ein christliches Gebet am Tahir-Platz organisiert, unter Teilnahme von Christen aller Konfessionen und Muslimen. Für den Fall, dass Ägypten zu einem totalitär islamischen Staat wird, würden religiöse Minderheiten innerhalb des Landes mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert werden: entweder sich der zunehmenden religiösen Verfolgung unterwerfen - oder auswandern. Diese Tatsache lässt jeden scharfen Beobachter fragen, ob die aktuellen Entwicklungen nicht die tiefsten Sehnsüchte der Menschen zunichte machen, die den Tahir-Platz zu Hunderttausenden besetzten und mit großer Leidenschaft und unter Einsatz ihres Lebens für einen Neubeginn gekämpft haben. Norbert Litoing, SJ

Dr. Norbert Litoing SJ aus Nigeria

Brückenbauer des Friedens und der Verständigung: An der Gregorianer unterstützen wir ein Stipendienprojekt für Studenten aus Konfliktzonen, wie z.B. Syrien. Die Konfliktpartner lernen sich kennen und werden später beruflich zusammen arbeiten können. Projektname: Brückenbauer 15


Hoffnung für ein ganzes Dorf Ruth Zenkert beim Trommelkurs in Neudorf (Sibiu/Rumänien)

Ruth Zenkert und P. Georg Sporschill SJ starten ein neues Projekt: In den völlig verarmten Orten Neudorf und Rothberg wird ein Sozialzentrum für die marginalisierte Roma-Bevölkerung gebaut. Eine Einladung dabei mitzuhelfen. Ein Slum in Europa Aus den Dörfern Siebenbürgens sind nach 1989 fast alle der seit 800 Jahren ansässigen Sachsen ausgewandert. Die Häuser sind inzwischen verwahrlost und verfallen. Es bildeten sich Slums, in denen Roma-Familien in bitterer Armut leben. Wir möchten Wärme, Licht, Hoffnung und Musik in die perspektivenlose Lage bringen. Noch sind wir im Anfang. Doch nach den ersten Kontakten bildet sich bereits ein erstes Netzwerk heraus. Angekommen sind wir zuerst in Neudorf. Dieser Name gibt auch das Ziel vor: In der Armut und der Arbeitslosigkeit ein neues Sozialzentrum für die Dörfer ringsherum zu bauen.

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Erste Hilfe Wir geben den jungen Familien im Dorf Möglichkeiten zur Grundversorgung, damit sie die täglichen Sorgen ums Überleben tragen können. Sie brauchen Lebensmittel und Holz, für die Kinder Kleidung und Schuhe. Am wichtigsten ist aber der Zuspruch, den wir ihnen durch unsere Präsenz und unser Engagement geben. Fähigkeiten vermitteln Ausbildung steht neben der Familienhilfe an erster Stelle. Wir kümmern uns darum, dass alle Kinder in die Dorfschule gehen können. Die Kinder können zuhause ohne Tisch,


RUMÄNIEN Licht und Hefte nicht lernen. Darum bieten wir am Nachmittag Hausaufgabenbetreuung in der Schule an. Die meisten der jungen Eltern haben selbst die Schule nicht abgeschlossen. Im Programm „Die zweite Chance“ können sie lesen und schreiben lernen. Musik motiviert Die Musikschule hat erfolgreich begonnen. Durch die Musik gewinnen wir die Herzen der Kinder. Im Musikunterricht und in den Trommelgruppen lernen die Kinder, aufeinander zu hören, miteinander einen Rhythmus zu finden und sich auszudrücken. Es entsteht eine Gemeinschaft, die jedem einzelnen beim Wachsen hilft. Wer mithelfen will, der braucht ein gutes Durchhaltevermögen und viel Phantasie. Wir erwarten von Dir die Bereitschaft zu einem einfachen Lebensstil, dass Du Dir Zeit für unsere Lebensgemeinschaft nimmst, dass Du selbst zupackst bei den täglichen Hausarbeiten, dass Du die Gebetszeiten mitträgst, dass Du mit Freude und Kreativität und mit Deinen Begabungen unseren Alltag mitgestaltest. Dann wird es sicher eine reichhaltige Zeit, in der Du viel lernen und beitragen kannst.

alt sein und die Schule abgeschlossen haben. Mitarbeiten kannst Du in Haus und Garten, bei Musik, bei der Lernhilfe, bei Sport und Spielen uvm.

Eine RomaFamilie in Neudorf: Kein Platz in der kleinsten Hütte

Was wir anbieten: Wir stellen für Dich Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung, ebenso einen Einstiegskurs für Rumänisch. Du bekommst ein Taschengeld von 50 Euro/Monat und die Möglichkeit, das Land und die Leute kennenzulernen Unser Sommervolontariat beginnt am 6. August 2012, für mindestens 14 Tage, bis zum 2. September 2012. Für Einsätze ab 6 Monate kannst Du ab dem 2. September 2012 kommen. Ruth Zenkert

Wenn du interessiert bist schreib an: Voraussetzungen Zur Vorbereitung wird es Treffen ge- ruth.zenkert@gmx.net & ben, bei denen Du unsere Organisa- office@jesuitenmission.at tion, das Team und einiges über das Wir freuen uns auf deine Bewerbung. Projekt kennen lernen kannst. Die Reisekosten musst Du selbst über- Dieses Projekt ist eine Kooperation nehmen, für den Rest kommen wir der Jesuitenmission mit Concordia auf. Du solltest mindestens 18 Jahre Transilvania. 17


Ärztin mit einer Mission Dr. Renate Pistrich mit ihrem Team während eines Dorfbesuches

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Die Ärztin Renate Pistrich war für 18 Monate auf einem Freiwilligeneinsatz im Rupert Mayer Mission Hospital in Simbabwe. Eine kritische Reflexion über Möglichkeiten und Grenzen des Helfens und die prägenden Erfahrungen in einem verarmten Land. Das „Rupert-Mayer-Mission-Hospital“ ist etwa 100 km entfernt von der nächsten größeren Stadt Chinhoyi und über eine endlos lange, holprige Schotterpiste erreichbar.

keine leichte Zeit, aber im Nachhinein kann ich selbst für diese „Wüstenerfahrung“ dankbar sein, sonst hätte ich all die schönen Momente und Begegnungen nicht erlebt.

Aufgrund der langsam arbeitenden Einwanderungsbehörde in Simbabwe, die acht Monate zur Ausstellung meiner Arbeitsbewilligung benötigte, begann mein Einsatz gleich einmal mit Warten. Die Arbeit im Krankenhaus war mir verwehrt, ich konnte mich zwar mit Englisch ganz gut verständigen, doch nicht in der Landessprache Shona; noch dazu war ich ohne Telefon und Internet von der restlichen Welt abgeschnitten. Das war

Während meines Pflichtpraktikums im „Chinhoyi Provincial Hospital“ wurde ich mit der Behandlung von AIDS und Tuberkulose vertraut, ich übte mich in Kaiserschnitten, kämpfte mit Misstrauen und Ablehnung, freute mich über Freundschaft und Wertschätzung. Ich sah die begrenzten Möglichkeiten meines übergeordneten Spitals, wohin ich meine Patienten später zu überweisen hatte, wenn wir ihnen im Missi-


FREIWILLIGENEINSATZ onsspital nicht mehr helfen konnten. Endlich war es dann soweit, im April begann ich meine Arbeit in St. Rupert´s, die Freude war allseits groß. Manche fühlten sich allein dadurch besser, dass ich mir ihre Beschwerden angehört hatte, auch wenn ich dafür einen Dolmetscher brauchte. Ich lernte zu improvisieren und Knochenbrüche auch ohne Röntgen einzurichten, ich setzte mein theoretisches Wissen in der Geburtshilfe praktisch um. Ich behandelte ebenso Epilepsie wie Bluthochdruck und Zuckerkrankheit. Meine Diagnosen musste ich vor allem auf die Schilderung der Beschwerden und die körperliche Untersuchung stützen, weiterführende Untersuchungen waren oft nicht möglich oder zu teuer. Eine Krebsbehandlung, ja selbst eine ausreichende Schmerztherapie (Morphine), ist für viele Menschen unerschwinglich.

motiviert zu lernen. Trotz allem war der Mangel an qualifiziertem Personal erschreckend. Es war für mich beschämend und für die betreffenden Frauen belastend, sie für einen Kaiserschnitt nach Chinhoyi überweisen zu müssen, weil der Operationssaal nicht funktionstüchtig und niemand für Narkose ausgebildet war. Es war lähmend, wochenlang auf Untersuchungsergebnisse warten zu müssen, die ein Labortechniker vor Ort in eiIch begann bei beinahe 300 HIV-po- ner Stunde erledigt hätte. Auch gesitiven Menschen mit der lebensnot- lang es in all den Monaten nicht, das wendigen antiretroviralen Therapie. Röntgengerät zu reparieren. Wir fuhren dazu hinaus in die Dörfer, um jene zu erreichen, die sonst nie In diesem Jahr wurden meine Gezu einem Arzt gekommen wären. Es duld und mein Durchhaltevermögen war erhebend zu sehen, wenn Men- auf die Probe gestellt. Der nachlässige schen, die sich von HIV und Tuber- Umgang mit der Zeit, die kollektive kulose gezeichnet ins Krankenhaus Unpünktlichkeit waren für mich begeschleppt hatten, wieder aufrecht sonders im Zusammenhang mit der nach Hause gingen. Ich war froh um Arbeit nur schwer zu ertragen. Andejedes HIV-negative Kind einer posi- rerseits haben die Menschen Zeit fürtiven Mutter und bangte, dass es auch einander, sie sind gastfreundlich, ofgesund bleiben möge. fen, freundlich und humorvoll. Ich fühlte mich als Mitglied der weltweiDie Krankenschwestern nutzten die ten Familie der katholischen Kirche Möglichkeit, ihr medizinisches Wis- und erlebte ihre Gastfreundschaft, sen zu verbessern, sie waren wieder mein Glaube wurde weiter und tiefer.

Im bescheiden eingerichteten St. Ruperts Mission Hospital, mit Mitarbeitern und Patienten

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SIMBABWE auch als entwürdigend empfunden werden? Handeln wir aus schlechtem Gewissen oder ehrlichem Mitgefühl? Doch das Wichtigste im weltweiten Umgang miteinander ist Gerechtigkeit, und es stimmt, dass die Barmherzigkeit von heute die Gerechtigkeit von morgen ist. Dr. Renate Pistrich

Bei einer Hochzeit in St. Ruperts feiern alle mit - ein farbenprächtiges und lautstarkes Fest

Der Eingang des St. Rupert Mission Hospitals

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FREIWILLIGENEINSÄTZE Sowohl Renate Pistrich mit ihrem Einsatz in Simbabwe, Nini Reichl in Haiti oder Peter Hochrainer in Kenia, Ich persönlich habe an Bestimmtheit über die wir im letzten Jahr berichund Entscheidungsfreude gewon- tet haben, sind Teil unseres internanen und gelernt, mit Begrenztheit tionalen Freiwilligendienstes „Jesuund Unvollkommenem zu leben. Ich it Volunteers“. Dieses Programm ist glaube, dass ich dadurch eine bessere eine Kooperation der JesuitenmissiÄrztin geworden bin. onen Deutschland, Österreich und Schweiz und seit neuem ein ZusamIn diesem Jahr habe ich erfahren, menschluss der beiden Formate „Jewas es heißt, allein in einem frem- suit Mission Volunteers“ und „Jesuit den Land zu sein, angewiesen auf den European Volunteers“. Entscheid einer undurchsichtigen Behörde. Während ich auf meine Ar- Es richtet sich an junge und jungbeitsbewilligung wartete, bekam ich gebliebene Menschen ab 18, die Aleine Ahnung davon, wie sich bei uns tersgrenze ist nach oben hin offen. Flüchtlinge fühlen müssen, die auf Wir sind ein Team mit einem geneihren Asylbescheid warten. rations-, professions- und kulturüberSeit ich wieder zuhause bin, habe ich immer weniger Verständnis für Menschen, die sich über Kleinigkeiten beklagen. Ich schätze es sehr, in einer funktionierenden Demokratie zu leben und frei meine Meinung äußern zu dürfen. Dieses Jahr hat für mich viele Fragen aufgeworfen. Was brauchen die Menschen wirklich? Was ist gute Hilfe? Kein Mensch ist gerne schwach und hilfsbedürftig. Kann dann Hilfe nicht


VOLONTARIAT

greifenden Programm. Das bedeutet, dass sich in der sechs-monatigen Vorbereitungszeit eine buntgemischte Gruppe gemeinsam auf den Weg macht. In mehreren Seminaren werden wichtige Aspekte des Einsatzes aufgezeigt und bearbeitet. Es geht um Begegnung mit neuen Kulturen, um Glaube und Gerechtigkeit, um Entwicklungspolitik und vieles mehr. Die Einsätze sind in Absprache mit uns, dem Bewerber und dem Projektpartner in den Ländern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und Osteuropas in den unterschiedlichsten Aufgabenbereichen möglich. Beispiele für Projekte Eine Maturantin gibt Geigenunterricht in Paraguay, ein Bauingenieur hilft beim Schulbau in Simbabwe, eine Pädagogin leitet Frauenprojekte in Haiti, eine Psychologin betreut traumatisierte Flüchtlinge in Kenia, ein Maturant arbeitet mit Straßenkindern in Peru, ein Informatiker gibt Kurse in Indien, ein Landschaftsgärtner weckt Umweltbewusstsein in

Schulen in Ecuador, eine Maturantin arbeitet in einem offenen Jugendzentrum in Bosnien, zwei junge Frauen begleiten ehemalige KZ-Häftlinge in Polen uvm.

Ein Workshop für zukünftige Volontäre im CPH Bildungshaus in Nürnberg

Einsatzdauer ist grundsätzlich ein Jahr. Einsatzbeginn ist im Sommer, nach Absolvierung der Vorbereitungszeit. Unsere Freiwilligen erhalten am Einsatzort Unterkunft und Taschengeld und lassen sich bewusst auf einen einfachen Lebensstil in einem kirchlich geprägten Umfeld ein. Begleitet werden die Freiwilligen durch eine Kontaktperson in Österreich/Deutschland und durch eine/n Verantwortliche/n vor Ort. Dieses Jahr nehmen an dem Programm fünf Österreicherinnen mit verschiedensten beruflichen Hintergründen und Altersstufen teil. Ein erstes Kennenlerntreffen fand Ende Februar in Nürnberg statt. Weitere Informationen und Bewerbungsunterlagen unter: morales@jesuitenmission.at 21


IN KÜRZE

Die Lange Nacht der Kirchen in Wien am 01. Juni 2012

Dirigent Christian Birnbaum in Aktion

Lange Nacht der Kirchen Auch heuer ist die Jesuitenmission wieder in Kooperation mit der Vereinigung der Altkalksburger bei der „Langen Nacht der Kirchen“ vertreten. In den Clubräumlichkeiten, im Inneren Burghof/Amalientrakt in der Hofburg, wird ab 18:45 ein facettenreiches Programm geboten. P. Markus Inama SJ wird von seinem Sozialprojekt in Sofia erzählen, Dr. Renate Pistrich berichtet von ihrem Freiwilligeneinsatz in Simbabwe und Jairo Morales & Band begleiten den Abend mit stimmungsvollen Klängen aus Südamerika.Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.langenachtderkirchen.at/wien Das Benefizkonzert an der Jesuitenkirche Wien zugunsten der Geigenkinder vom Himalaja Das Vienna Conservatory Chamber Orchestra unter der Leitung von Christian Birnbaum wird wie im letzten Jahr ein Benefizkonzert zugunsten von Schulprojekten der Jesuitenmission spielen. Die gesammelten Spenden kommen diesmal der Ghandi-Ashram-School in Darjeeling zugute. Termin: Sonntag, 24.6.2012, 16.00 - Dr. Ignaz Seipel Platz, 1010 Wien Auf Ihr Kommen freut sich - Das Team der Jesuitenmission. Luis Gutheinz: Chinesische Theologie im Werden Ein Blick in die Werkstatt der christlich-chinesischen Theologie Sich zur führenden Weltmacht zu entwickeln, heißt für China nicht, mit altehrwürdigen Traditionen zu brechen – und das Bekenntnis zum Christentum ist nicht gleichbedeutend mit der Absage an all das, was der chinesische Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus zum Menschsein beizutragen haben.

Das neue Buch von P. Luis Gutheinz SJ, erschienen im Grünewaldverlag

Luis Gutheinz führt im vorliegenden Band in den kulturell und religiös reichen chinesischen Kontext ein, in dem sich aktuell trotz restriktiver Religionspolitik ein lebendiges Christentum herausbildet. Als Brückenbauer zwischen chinesischer und westlicher Welt gewährt er Einblick in die Werkstatt einer chinesischen Theologie, die notwendig ökumenisch, interkulturell und interreligiös ausgerichtet ist – und die einen wichtigen Beitrag zu Theologie und Weltkirche zu leisten hat. JRS Führungskräfte-Training in Wien Vom 29. Oktober bis zum 3. November wird im Kardinal-König-Haus in Wien Lainz für die Regionaldirektoren des JRS ein „Leadershiptraining“ stattfinden. Die Verantwortlichen für die 10 Einsatzregionen werden dort mit P. Peter Balleis SJ, dem Internationalen Direktor des JRS, neben der Management-Fortbildung auch Exerzitien machen können. Der Direktor des Kardinal-König-Hauses, P. Christian Marte SJ, wird den Kurs mit Mag. Georg Nuhsbaumer leiten. Die neuen strategischen Ziele des JRS für die nächsten 3 Jahre finden Sie unter: www.jrs.net/about

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UNSERE BITTE: Urban Refugees ein Zuhause geben Liebe Leserin, lieber Leser! In den Städten ist es besonders schwierig, Flüchtlingen eine würdige Hilfe zukommen zu lassen. Dennoch zieht es die Flüchtlingsströme in Afrika in die Städte. Dort erhoffen sie sich schnellere Integration und Arbeitsmöglichkeit. Viele landen in tiefstem Elend. Unterstützen Sie unsere URBAN REFUGEE INITIATIVE. Wir ermöglichen dem Flüchtlingsdienst der Jesuiten in Nairobi und in den Städten der Hungerzonen Afrikas den Vertriebenen nachhaltig zu helfen: • Essensausgaben für Kinder und Familien • Gesundheitsvorsorge • Ausbildung für Kinder und Jugendliche • Mikrokredite für einen Start ins selbständige Leben Danke für Ihre Spende! Ihre Spende ist gemäß § 4a Z. 3 und 4 EstG absetzbar! ZVR-Zahl 530615772 / SO 1345

Hans Tschiggerl SJ MENSCHEN FÜR ANDERE

Spendenkonto: PSK 7086 326 / BLZ: 60000 MENSCHEN FÜR ANDERE Projektname: Urban Refugees

P.S.: Die Hungerkrise in der Sahelzone ist alarmierend. Mehr als 2 Millionen Kinder in der Region gelten als mangelernährt. Mit einer Spende unter dem Kennwort „Sahel“ helfen Sie Menschen in dieser Region.

Ja, schicken Sie mir bitte „MENSCHEN FÜR ANDERE Das Magazin der Jesuitenmission“ ab der nächsten Ausgabe kostenlos zu (für neue AbonnentInnen).

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An die Jesuitenmission Dr. Ignaz Seipel Platz 1 A - 1010 - Wien

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Mein Beitrag für eine lebenswerte Zukunft

JESUITENMISSION MENSCHEN FÜR ANDERE Dr. Ignaz Seipel Platz 1 A-1010 Wien Tel.: +43 01 5125232 - 56 office@jesuitenmission.at www.jesuitenmission.at Spendenkonto PSK 7086 326 BLZ: 60000 BIC: OPSKATWW IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326 MENSCHEN FÜR ANDERE

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Heft 02, 2012