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Nr. 2 | 2013

MENSCHEN FĂœR ANDERE Das Magazin der Jesuitenmission

Afrika im Aufbruch


EDITORIAL

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Missionare und Partner weltweit! Ein Papst vom Ende der Welt. Franziskus hat selbst darauf angespielt, dass seine Wahl bei ihm Staunen ausgelöst hat. Aber seine Person rückt die Ausgegrenzten, die Marginalisierten und die Armen der Welt in den Mittelpunkt. Ganz jesuanisch wird mit seiner Wahl die übersehene, an den Rand gedrängte, unbekannte Not der Mehrheit der Menschen ins Zentrum gestellt. „Ich bin zur Überzeugung gekommen: Die Wirklichkeit dieser Welt ist die Wirklichkeit der Armen“, sagt Jon Sobrino SJ. Afrika mag für viele ein vergessener Kontinent sein. Aber die Wirtschaft hat die Kapazitäten und Chancen seiner Vielfalt schon lange erkannt. Es kommt wohl darauf an, ob wir uns die Reichtümer der afrikanischen Völker noch einmal - oder weiterhin - gewaltsam aneignen; oder ob wir einen gerechten Umgang mit den Menschen in Afrika finden. Andererseits liegt auch ein wichtiger Ansatzpunkt darin, ob wir in Afrika nur das dreckige Elend sehen, die Hungerkatastrophen, die Misswirtschaft und die falsche Politik; oder ob wir auch bereit sind, die positiven Aufbrüche zu sehen und zu fördern. Um die Aufbrüche geht es uns in diesem Heft. Die ersten Schritte zu machen, um aus den ärmsten Verhältnissen rauszukommen. Sie sind nicht der viel geschmähte Tropfen auf den heißen Stein. Sie sind der Beginn eines Weges in eine bessere Zukunft. Danke für Ihre Begleitung und Hilfe auf diesem Weg.

Hans Tschiggerl SJ MENSCHEN FÜR ANDERE

Impressum JESUITENMISSION - MENSCHEN FÜR ANDERE, 2013 - Heft 2 Medieninhaber und Herausgeber: Missionsprokur der Gesellschaft Jesu in Österreich, Mag. Johann Tschiggerl SJ, Dr. Ignaz Seipel Platz 1, A-1010 Wien, Tel +43 01 5125232-56, office@jesuitenmission.at, www.jesuitenmission.at, Redaktion und Gestaltung: Hans Tschiggerl, Anna Schenk, Katrin Morales, Magdalena Weber, Druck: LDD Communication, Ziel der Publikation: Information der Spender über die aktuellen Entwicklungen in den Hilfsprojekten. Bildnachweis: Jesuitenmission

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Österreichische Post AG / Sponsoring.Post, 13Z039521S. ZVR Zahl 530615772, SO 1345 MENSCHEN FÜR ANDERE


Aufbruch in die Eigenständigkeit

Die Unabhängigkeit besitzt der Südsudan bereits. Um wirklich ein eigenständiger Staat zu werden und sich wirtschaftlich, sozial und kulturell gut weiterzuentwickeln, ist es noch ein mühsamer Weg, auf dem er weiterhin Unterstützung benötigt – zum Beispiel durch die Förderung der Loyola Secondary School in Wau. Er ist einer der jüngsten Staaten der Erde: Nach einem Referendum im Januar 2011 erlangte der Südsudan am 9. Juli 2011 die Unabhängigkeit vom Sudan. Mit diesem Schritt wurde der Südsudan als eigener Staat besiegelt – nach jahrzehntelangen Unruhen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber wie wird aus einer autonomen Provinz, die der Südsudan von 1972 bis 1983 und dann wieder von 2005 bis 2011 war, ein wirklich eigenständiger Staat? Wie gelingt es, die vom Krieg zerstörte Infrastruktur wiederaufzubauen und die Grundlagen für eine stabile wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu legen?

Bildung – Grundlage für eine positive Entwicklung Aufgrund der politischen Situation war im Südsudan 20 Jahre lang kein normales Leben möglich. Eine Schulbildung für viele unerreichbar. Kein Wunder, dass fast Dreiviertel aller Erwachsenen Analphabeten sind. Viele Menschen waren geflohen oder vertrieben worden. Erst langsam kehren sie in ihre Städte und Dörfer zurück.Welche Schritte auf dem Weg in eine gute Zukunft gegangen werden können, zeigt die Loyola Secondary School in Wau, die 2006 wiedereröffnet wurde, 2008 den eigentlichen 3


SÜDSUDAN Schulbetrieb wiederaufnahm und in Weg für die Wiedereröffnung der der inzwischen 450 Schülerinnen Schule im September 2006. und Schüler unterrichtet werden. Neuanfang nach 20 Jahren Aber das ist längst nicht genug. Das Engagement der Jesuiten

Darfur

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Die Ursprünge der Loyola Secondary School in Wau reichen in das Jahr 1982 zurück. Damals gründeten die Jesuiten auf Bitte von Bischof Joseph Nyakindi in Wau eine weiterbildende Schule für die Buben der Region. 1984 wurden die ersten 50 Schüler aufgenommen. Die Stadt Wau war zuvor durch den Bürgerkrieg verwüstet und ihre Infrastruktur stark beeinträchtigt worden. Mit der Gründung der Schule hofften die Jesuiten, die Menschen vor Ort zu befähigen und ihren Lebensstandard zu verbessern, damit sie so ihren Beitrag zu einer stabilen Entwicklung leisten können. Allerdings führten weitere Kämpfe und Unruhen dazu, dass die Schule nur zwei Jahre lang betrieben werden konnte, bis sie aus Sicherheitsgründen geschlossen werden musste. Aufgrund des Krieges blieb die Schule 20 Jahre lang geschlossen. Erst im Jänner 2005 ebnete das umfassende Friedensabkommen zwischen der Regierung des Sudan und der sudanesischen Volksbefreiungsbewegung den

Während des Bürgerkrieges hatten Regierungstruppen aus dem Norden den strategisch günstig gelegenen Hügel besetzt und sich in den Schulgebäuden einquartiert. „Als wir die Schule nach dem Krieg zurückbekamen, haben wir als erstes die Gräben zugeschüttet, in denen sie ihre Maschinengewehre aufgestellt hatten. Dann mussten wir das Gelände nach Landminen absuchen lassen“, erzählt P. Richard D’Souza SJ. „Sonst war an der Gebäudesubstanz glücklicherweise nicht viel beschädigt – nur aufgebrochene Türen, kaputte Dächer, zerschlagene Scheiben, verschwundenes Mobiliar und viele Einschusslöcher.“ Heute wird die Loyola Secondary School in Wau wieder als eine gemischte Schule mit 450 Buben und Mädchen betrieben. Fünf Jesuiten und 29 Laienmitarbeiter unterrichten an der Schule. Zu den Unterrichtsfächern zählen unter anderem Englisch, Physik, Arabisch, Geschichte, Mathematik, Religion und Ingenieurwesen. Neben der fachlichen Bildung zielt die Schule darauf ab, das menschliche wie geistige Wachstum der Schülerinnen und Schüler zu fördern und sie fit für eine eigenständige und friedliche Zukunft zu machen, wobei großer Wert auf Gerechtigkeit und Frieden gelegt wird. Kinder und Erwachsene „Vor dem Krieg waren wir eine reine Bubenschule, jetzt haben wir auch Schülerinnen“, sagt Pater D’Souza.


SÜDSUDAN Eine Modernisierung der Klassenräume ist notwendig

Das ist in einer Region, in der, laut Schätzungen von Hilfswerken, 90 Prozent der Frauen nicht lesen oder schreiben können, durchaus bemerkenswert. Es verändert auch die Einstellung der Buben. Aber nicht nur der vergleichsweise hohe Anteil an Mädchen, sondern auch das Durchschnittsalter der Schüler macht die Loyola Secondary School zu etwas Besonderem: „Wir haben eine ganze Reihe von Erwachsenen unter unseren Schülern.“ Die Schule gibt ihnen die Chance, das nachzuholen, was sie durch den jahrzehntelangen Bürgerkrieg versäumt haben.

musste die Schule etliche Interessenten abweisen. Erst im letzten Sommer wurden sechs neue Klassenräume in Betrieb genommen. Doch damit sind die Bauprojekte noch lange nicht am

Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder gehen zur Schule

Bauen für die Zukunft Der Bedarf an Bildung ist groß. So hat sich die Loyola Secondary School in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Jedes Jahr wurde die maximale Anzahl an Schülerinnen und Schülern aufgenommen, dennoch 5


SÜDSUDAN

Ich habe mich entschieden, noch einmal zur Schule zu gehen

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Ende. Mit dem nächsten Bauabschnitt werden zwei Ziele verfolgt: Einerseits soll die Kapazität der Schule erhöht werden, sodass zukünftig 800 Kinder unterrichtet werden können. Andererseits soll die Ausstattung der Schule verbessert werden. Hierfür sind unter anderem der Bau und die Einrichtung eines Schullabors so-

wie eines Computerraumes vorgesehen. Auch der Schutz des Anwesens und der Bau von Zäunen hat aufgrund der instabilen Situation eine hohe Priorität. Schließlich ist die Erweiterung der Solaranlage geplant, um mehr Energie gewinnen zu können. Die Herausforderungen sind groß, die Projekte ehrgeizig. Die Jesuiten und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren unermüdlich dafür gearbeitet, um den Herausforderungen gerecht zu werden und eine ganzheitliche Bildung anzubieten. Dadurch wurde die Loyola Secondary School in Wau zu einem Hoffnungszeichen für eine friedliche und nachhaltige Entwicklung des Südsudan.

„Ich heiße Margret Emilio Baku. Ich gehöre zum Stamm der Balanda und bin 32 Jahre alt. Ich habe sieben Kinder, für die ich allein sorge. Ich verdiene Geld, indem ich Brot backe und es in der Nachbarschaft verkaufe. Diese Arbeit mache ich nach der Schule. Oft reicht das Geld nicht aus, das ich verdiene. Manchmal wird eines der Kinder krank und dann muss ich Geld von Nachbarn leihen. Ich habe mich entschieden, noch einmal zur Schule zu gehen, um das Wissen zu erwerben, das ich für eine gute Zukunft meiner Kinder brauche. Ich habe schon immer Leute bewundert, die gebildet sind – vor allem die das als Frauen wie ich geschafft haben. Sie verdienen jeden Monat ein festes

Gehalt und ihre Kinder sehen gesund und hübsch aus. Ich glaube, dass all das ein Ergebnis von guter Ausbildung und guter Haushaltsführung ist. Hoffentlich werde ich diese Fähigkeiten jetzt auch erlernen. Während des Krieges hatten wir oft nichts zu essen. Leute sind an Hunger gestorben. Viele junge Frauen wurden vergewaltigt und ich habe mich die ganze Zeit versteckt. Ich habe so viel Schlimmes gesehen, dass ich manchmal nicht glauben konnte, selbst noch am Leben zu sein. Ich träume davon, Ärztin zu werden. Aber wenn ich auf mein Alter schaue, verliere ich die Hoffnung. Aber dann bete ich zu Gott. Denn mit Gott ist alles möglich.“

Agbonkhianmeghe E. Orobator SJ, Provinzial


SÜDSUDAN „Ich heiße Mathew Deng Kachuol. Ich bin 20 Jahre alt, gehöre zum Stamm der Dinka und komme aus der Gegend von Rumbek. Wir sind zu Hause zwölf Geschwister und meine Eltern sind Viehzüchter. Ich helfe dabei, die Rinder zu hüten und sie vor Viehdieben zu bewachen. Wir wohnen zehn Kilometer von der Schule entfernt und ich laufe diese Strecke täglich zu Fuß. Ich gehe gern zur Loyola Secondary School. Sie gibt mir den Mut, etwas lernen und vorankommen zu wollen. Ich habe immer das Gefühl, dass sich dort jemand um mich kümmert. Außerdem gefällt mir, dass der Unterricht auf Englisch ist und wir nicht nur Arabisch sprechen. Ich würde gerne Verteidigungsminister meines Landes werden. Die Leute leiden unter dem Mangel an Sicherheit. Viehherden werden jeden Tag von bewaffneten Personen überfallen und Rinder gestohlen – das ist

ein Zeichen, dass die Verteidigungskräfte nicht gut organisiert sind. Eine Ursache für die Kriege in unserem Land mag darin liegen, dass es keine disziplinierte Armee gibt. Während des Krieges habe ich viele nahe Verwandte verloren und wir mussten vor den Rebellen in eine Gegend fliehen, wo es nicht genug Wasser und auch nicht genug zu essen gab. Ich glaube, dass Frieden alle guten Dinge beinhaltet, auf die man nur hoffen kann. Frieden ist Entwicklung, Gesundheit und Freiheit.“

„Ich heiße Jovensia John Romano. Ich bin 17 Jahre alt und gehöre zum Stamm der Balanda. Ich habe zwei Brüder und zwei Schwestern. Meine Mutter ist Lehrerin und mein Vater ist beim Arbeitsministerium angestellt. Zu Hause helfe ich meinen Eltern bei ganz verschiedenen Dingen: waschen und bügeln, kochen, putzen und fegen. Seit zwei Jahren gehe ich zur Loyola Secondary School. Es ist hier in der Gegend bis jetzt eine der ganz wenigen Schulen, die gut organisiert sind. Es gibt gute Lehrer und Sport und eine Beteiligung der Schüler. Das Fach, das ich am meisten mag, ist Mathematik. Ich würde gerne Rechtsanwältin werden

und die Korruption in unserem Land bekämpfen. Während des Krieges habe ich in der Hauptstadt Khartum gelebt. Als wir nach Wau zurückgekehrt sind, konnte man überall noch die zerstörten Gebäude und die Spuren des Krieges sehen. Eine Auswirkung des Krieges ist, dass die meisten Lebensmittel in Wau sehr teuer und die Schulen und Krankenhäuser sehr schlecht geworden sind. Krieg wird niemals die Lösung für Probleme sein, sondern verstärkt sie. Wir brauchen Frieden im Sudan. Erziehung und Bildung werden uns zum Frieden führen.“

Den Herausforderungen gerecht werden

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Das Heil der Armen P. Jon Sobrino SJ

Er war Berater von Märtyrerbischof Oscar Romero († 1980) und entging in El Salvador 1989 selbst einem Anschlag. Für P. Jon Sobrino SJ führt an den Armen kein Weg vorbei. Für „Die Furche“ führte Otto Friedrich folgendes Interview: Otto Friedrich: Eine Ihrer zentralen Thesen lautet: „Extra pauperes nulla salus – Außerhalb der Armen gibt es kein Heil.“ Warum sind die Armen so im theologischen Blick? Jon Sobrino:Weil ich glaube, dass dies die Wahrheit ist. Für mich verbindet sich damit eine Geschichte, eine Erfahrung. Man kann Erfahrungen machen, indem man ein Buch liest. Und einige unserer Heiligen hatten mystische Erfahrungen. Aber meine Er-

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fahrung ist, dass die Armen in die Wirklichkeit eingebrochen sind. Das ist für mich real geworden. Friedrich:Was heißt denn Armut in dieser Perspektive? Sobrino: Die Armen bilden weltweit die Mehrheit der Menschen, also rein quantitativ sind sie die Wirklichkeit der Welt. Und dann gibt es auch die qualitative Betrachtung: Die Armen setzen das Leben nicht voraus. Hier in Europa setzt man voraus, etwas zum Leben, zum Essen zu haben. Man setzt auch die Gesundheit voraus. Natürlich kann man krank werden oder sterben; trotzdem setze ich voraus, gesund sein zu können – es gibt Ärzte, Krankenhäuser usw. Analoges gilt für die Bildung. Wenn jetzt in Europa so viel von Krise geredet


INTERVIEW Sobrino: Ich weiß nicht genau, was die Armen rettet oder was sie meinen, was ihr Heil, ihre Rettung ist. Ich kann nicht für sie sprechen. Aber für mich sind es die Armen, die uns die Wahrheit dieser Welt zeigen. Sie haben mir am besten die Wahrheit Gottes gezeigt. Ich glaube, ich habe im Kontakt mit den Armen dieser Welt ein wenig besser verstanden, Friedrich: Und wie müsste man sich im was Gott ist. Das Wichtigste und das Tiefste in der Wirklichkeit habe ich Angesicht dieser Armut verhalten? in den Armen entdeckt. Ich schäme Sobrino: Man muss einmal sehen: mich nicht, Mensch zu sein, wenn es Diese Leute – ob in El Salvador, in mir gelingt, auf irgendeine Weise mit Lateinamerika oder anderswo – ha- den Armen zu leben. Und an den konkreten armen Menben Feinde, ich möchte sagen: „Ich bin zur Über- schen, denen ich etwa in Salvador begegne, sehe fast alle Mächte zeugung gekommen: El ich, dass sie etwas Gutes dieser Welt sind das. Die Verein- Die Wirklichkeit dieser an sich haben. ten Nationen Welt ist die WirklichFriedrich: Verklären Sie die setzen sich nicht keit der Armen.“ Armen da nicht auch? für diese Menschen ein. Auch die internationale Finanzwirtschaft Sobrino: Natürlich findet sich unter nicht. Die Kirchen, so hoffe ich, we- den Armen auch Schlechtes – Egonigstens ein bisschen. Es gibt einige ismus, Kriminalität … Aber die Güte, Leute in der Kirche, die glauben, dass die ihnen eigen ist, ist etwas Wundie Armen die Bevorzugten Gottes derbares. Ich denke an die Köchin in sind. Das sind vielleicht fromme Ge- meinem Haus – die wird nie heiligdanken, denn in Lateinamerika sind gesprochen werden, sie hat kein Geld, die Armee oder die Banken Feinde aber in ihr begegnet mir etwas, was der Armen. Und in gewisser Weise mich fasziniert. Vor kurzem hat sie auch die Medien. Medien sind nicht mir einmal gesagt: „Padre, Sie sehen per se Feinde der Armen. Aber sie ha- sehr müde aus. Sie arbeiten viel zu ben ihre eigenen Interessen und sind viel. Machen Sie Ferien!“ Und ich von anderen abhängig. All das führt habe sie gefragt – sie ist Mitte Fünfdazu, dass ich zur Überzeugung ge- zig: „Wann sind Sie zum letzten Mal kommen bin: Die Wirklichkeit dieser auf Urlaub gewesen?“ Sie hat geantWelt ist die Wirklichkeit der Armen. wortet: „Noch nie.“ Solch einfache Menschenfreundlichkeit, solche Friedrich:Was hat dieser Befund mit Gott Qualität des Lebens findet man anderswo nicht. und dem Glauben zu tun? wird, so setzt das voraus, dass man ohne Krise leben kann. Aber bei den Armen kann all das nicht vorausgesetzt werden – Lebensunterhalt, Essen, Gesundheit, Bildung. Also quantitativ sind die Armen die Mehrheit und qualitativ ist es ein Werturteil, dass sie eben nichts voraussetzen können.

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Gloria singt Unser internationales Jugendmusikprojekt „Weltweite Klänge“ hat mehr als 30 junge Leute aus Kolumbien, Paraguay, Uganda, Indien und Deutschland zusammengebracht. Wie erleben Jugendliche diese Zeit? Die 18-jährige Gloria Akello aus Uganda hat für uns Tagebuch geführt.

ten die Älteren immer den höchsten Respekt, während die meisten von ihnen niemals auf die Idee kämen, gegenüber Jüngeren den gleichen Respekt zu zeigen.

Über mich selbst Ich komme aus Gulu in Uganda. Mein Dorf heißt Oding. Ich gehe auf das Ocer Campion Jesuit College in Unyama. Vor sechs Jahren habe ich Mein Gott, heute war ein wunder- angefangen, im Chor zu singen. In voller Tag! Alles ist so schön und neu unserer Familie sind wir zu zehnt. Es hier. Wir waren in einem riesigen war nicht immer leicht. Wir hatten Kaufhaus, in dem es auch Musikin- einen furchtbaren Krieg, sodass strumente gab. Zum ersten Mal habe meine Familie gezwungen war, in ich erlebt, wie freundlich Weiße sind. ein Lager zu fliehen, das von ReIn Europa ist vieles so ganz anders als gierungssoldaten beschützt wurde. in meiner Heimat Uganda. Die Leu- Dort gab es keine Schulen und auch te belästigen einander nicht, sondern nicht genug zu essen. Der Krieg muntern sich gegenseitig auf. dauerte 22 Jahre. Deshalb bin ich in einer armen Familie ohne Verwandte aufgewachsen. Undenkbar: Essen im Stehen Eine Sache hat mich wirklich überrascht. Die Leute hier essen sogar im Lampenfieber Stehen. Einem erwachsenen Acholi Üben, üben, üben war die Hauptauf– das ist mein Stamm – wäre so et- gabe des Tages, um unser Konzert in was niemals gestattet. Was mich auch Brixen vorzubereiten. Alle sind sehr sehr erstaunt hat: Alle begegnen sich aufgeregt. Es war großartig. Ich habe mit dem gleichen Respekt, ganz egal tatsächlich das Benedictus gesungen! wie alt jemand ist. In Uganda erwar- Überhaupt war es fantastisch, dass 10


WELTWEITE KLÄNGE uns alle wieder zurück in die Heimat geht. Ich bin sehr berührt, mit welcher Herzlichkeit wir überall empfangen wurden. In diesen zwei Wochen habe ich unglaublich viele Erfahrungen gemacht und die KonDer letzte Tag Die Sonne scheint und ich fühle zerte sehr genossen. Dafür sage ich mich ein wenig wie in Uganda. Vor von ganzem Herzen: „Danke allen, der Reise habe ich befürchtet, dass die daran beteiligt waren. Diese Zeit wir unter der Kälte leiden werden. wird in uns allen noch lange weiterDer letzte Tag in Europa und das wirken!“ letzte Konzert, bevor es morgen für Gloria Akello der Chor auch in fremden Sprachen singen konnte. Nach dem Konzert haben uns viele Leute gelobt und uns wurden viele Fragen gestellt.

Das Jugendorchester der Jesuitenmission kam aus vier Kontinenten und sprach sieben Sprachen. Der Musiklehrer Max Röber aus Dresden war künstlerischer Leiter der Weltweiten Klänge 2013. Du hast 35 junge Amateure so trainiert, dass sie viel Jubel geerntet haben. Was hast du selbst gelernt? Zum Beispiel, dass andere Kulturen viel mehr lachen. Wie man als Mitteleuropäer an Musik herangeht, unterscheidet sich doch sehr von anderen. Die Ugander oder Kolumbianer machen Musik viel mehr mit dem Herzen; sie ist bei ihnen an keinem Tag gleich. Bei uns muss immer alles überlegt, formuliert und reflektiert werden. Die Jesuitenmission hofft, mit dem Projekt zur Völkerverständigung beizutragen. Zu Recht? Ja, es gab ganz viele solche Erlebnisse. Das fing beim Aufwärmen an und hörte beim Schlittenfahren auf. Es waren alles junge Menschen, die

den anderen gern und ohne Vor ur teile aufnahmen. Mir fiel aber auch auf, dass es durch die Globalisierung und Medien wie Facebook schon wesentlich mehr Berührungspunkte gibt, als wir denken. Für manche Teilnehmer war es ein Projekt unter vielen, für andere der Höhepunkt in ihrem Leben, für andere entstehen Freundschaften daraus. Manche sind beim Musizieren über sich hinausgewachsen.

Dirigent Max Röber

Interview: Isabel Lauer

Weltweite Klänge für zu Hause Auch dieses Mal produzieren wir wieder eine Musik-CD „Weltweite Klänge 2013“, die wir Ihnen ab Mai gerne zuschicken. Bestellungen bitte unter office@jesuitenmission.at oder 01/512 52 32-56 11


Niemand kann einem anderen die Tr채nen trocknen, ohne sich selbst die H채nde nass zu machen. Afrikanisches Sprichwort


HIV - Trotzdem Leben

Unsere Kinder sind HIV-negativ

Seit 2008 engagiert sich der SERVICE YEZU MWIZA (SYM), eine soziale Einrichtung der Jesuiten in Burundi, in der psychosozialen, medizinischen und wirtschaftlichen Unterstützung der von HIV betroffenen Menschen in der Region. YEZU MWIZA gehört zu AJAN (African Jesuit AIDS Network), versteht sich aber auch als Partner der öffentlichen Einrichtungen und Teil der staatlichen Bemühungen um eine wirksame Bekämpfung der Ausbreitung des Virus sowie der Unterstützung aller Betroffenen. Hier sind zwei Zeugnisse von Menschen, die der SERVICE YEZU MWIZA unterstützt hat – Zeichen der Hoffnung. Das hat mir geholfen Ich wurde 1979 in Rutegama geboren. Im Jahr 2004 ließ ich mich testen und erfuhr, dass ich HIV-positiv bin. Ich hätte mich umgebracht, wenn ich nicht schon vor dem Test Ratschläge erhalten hätte. Ich habe an den Aufklärungsstunden über Wege zur Prävention einer Übertragung von der Mutter auf ihr Kind teilgenommen. Das hat mir geholfen zu verstehen,

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dass meine Kinder nicht HIV positiv sein müssen, nur weil ich es bin. Abgesehen von unserem letzten Kind, das sechs Monate alt ist und von dem wir den HIV-Status noch nicht kennen, sind unsere anderen fünf Kinder gesund. Ich freue mich sehr darüber. Offen gesagt, fühle ich mich gut und gehe weiterhin meinen täglichen Aktivitäten nach, wie jeder andere auch, obwohl ich mit HIV lebe. Allerdings muss ich sagen, dass es in der ersten Zeit nicht einfach war. Wiederholte Male war ich Opfer von Stigmatisierungen innerhalb der Familie. Es gab nicht nur verleumderische Worte von


BURUNDI einigen Familienmitgliedern und der Umwelt, sondern man verweigerte mir auch, bestimmte Gegenstände wie Tassen und Löffel zu berühren. Ich erinnere mich auch an einige Male, bei denen bestimmte Personen Angst hatten, mit mir das Essen vom gleichen Teller zu teilen. Über ein Jahr ging das so, aber allmählich haben die anderen gelernt, mich zu verstehen, und jetzt ist das Zusammenleben gut. Meinen Gesundheitszustand annehmen Ich stamme aus Magara. Ich bin 35 Jahre alt, verheiratet und Vater von sieben Kindern. Momentan wohne ich in Magara. Ich lebe seit vier Jahren gut mit meinem positiven HIVStatus. Der Anfang war überhaupt nicht einfach. Ich schien einen Alptraum zu leben. Zunächst hatte ich es kategorisch abgelehnt, mich testen zu lassen. Im Laufe der Zeit verstand ich, dass ich zunächst meinen Gesundheitszustand annehmen und mich testen lassen musste, um gut zu leben. Ich erinnere mich genau an die Situation gerade mal drei Monaten nach der Geburt meiner Zwillinge. Meine Frau glaubte, dass sie infiziert worden war, weil sie vor der Geburt der Zwillinge zwei Mal hintereinander eine Fehlgeburt hatte. Sie hat sich testen lassen und war wirklich HIV-positiv. Sie riet mir, den Test zu machen. Ich weigerte mich, weil ich den Tod vor mir sah. Aber die Kinder wurden getestet und ihr HIV-Status war negativ, außer bei einem der Zwillinge. In dieser Zeit wurde ich krank. Als mein Zustand andauerte, sagte mir

meine Frau, dass ich eine ärztliche Untersuchung machen müsste. Leider hatte ich nicht den Mut, dies zu tun, weil ich bereits den HIV-Status meiner Frau kannte. Sie hat darauf bestanden, aber ich habe ihre Äußerungen nicht akzeptiert, sondern wandte mich dem Gebet zu. Ich hatte große Hoffnung, dass ich durch das Gebet geheilt werden würde. 2009 verschlimmerte sich die Krankheit noch mehr. Der Leiter des Gesundheitszentrums von Kabezi riet mir, mich testen zu lassen und er begleitete mich zum SYM. Das Ergebnis der Untersuchung war positiv.

Der SMY unterstützt mich bis heute medizinisch, psychologisch und moralisch. Das Betreuungsteam ist immer ansprechbar, um mir zuzuhören und die benötigte medizinische Versorgung sicherzustellen. Damals wurde ich ins Krankenhaus in Kinama transportiert. Der Arzt beschloss, mir antiretrovirale Medikamente zu geben, weil ich mich schon im letzten Stadium der HIV-Erkrankung befand. Seither wacht meine Frau über die Einnahme meiner Medikamente. Bis heute bin ich bei guter Gesundheit.

Yezu Mwiza unterstützt medizinisch, psychologisch und moralisch

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GUATEMALA

Eine Schule für das Leben Miguel Cortes SJ unser Projektpartner und die Präsidentin des Elternvereins der Schule El Limon

Danke Dr. Richard Fischer

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Dr. Richard Fischer aus Vorarlberg ermöglicht den Bau einer Berufsschule. Aufgrund seiner guten Erfahrungen mit Fe y Alegria in einem ähnlichen Projekt in Bolivien, hat er sich für ein weiteres Projekt entschieden. Gemeinsam mit MENSCHEN FÜR ANDERE und seinem Bruder P. Georg Fischer SJ, hat er dieses Projekt ausgewählt. Wie bisher übernimmt er die gesamten Baukosten und auch die technische Ausrüstung der Schule. Der mittelamerikanische Staat ist vor allem eines: vielfältig. Über 20 Sprachen, Kulturen und fast genauso viele Klimazonen bergen reichhaltige Schätze jeder Art. Die verlassenen Ruinen der Mayastädte zeugen von der einstigen Hochkultur. Doch ein großer Teil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut, das fruchtbare Land ist ungerecht verteilt. Der Alltag wird vielerorts von Gewalt und einem starken Einfluss von Banden (maras) geprägt. Drei Jahrzehnte Bürgerkrieg (bis 1996), brutale

Unterdrückung, Genozid an der indigenen Bevölkerung und Apartheid haben Wunden in der Bevölkerung hinterlassen: Traumatisierung, Zerstörung zwischenmenschlicher Beziehungen, Zerschlagung gesellschaftlicher Strukturen. Der Drogen- und Waffenhandel zwischen Nord- und Südamerika sowie das rasante Bevölkerungswachstum tun ein Übriges, um die Spirale der Gewalt anzutreiben. Eine demokratische Entwicklung und ein gerechteres System scheiterten bisher an der Uneinigkeit und Unterschiedlichkeit der indigenen Völker, die immerhin 75 % der 14 Millionen Einwohner Guatemalas ausmachen. Knapp die Hälfte davon


GUATEMALA nie der Räumlichkeiten für Informatik-, Schlosserei- und Kochunterricht. Es ist die erste öffentliche berufsbildende Schule in Zona 18. Hier und Bildung ist der Schlüssel auch bei der EinweiDer Schlüssel, um diese Menschen hung einer Sportplatzzu unterstützen, liegt in der Bildung. überdachung wird die Die lateinamerikanische Jesuitenor- enge Zusammenarbeit ganisation „Fe y Alegria“ betreibt in mit den Eltern und der örtlichen Ge- Moderne Zusammenarbeit mit der Regierung meinde sehr deutlich. Zwei weitere Unterrichts50 Bildungszentren in Guatemala. Schulen außerhalb der Stadt errei- methoden Das sind keine Privatschulen der Kir- chen wir über steile Schotterstraßen. che, sondern öffentliche Schulen, de- Auch wenn die Schüler jeweils vor ren Lehrer vom Staat bezahlt werden. und nach dem Unterricht lange FußDie übrigen Kosten, etwa 200 Euro wege zurücklegen müssen, sie sind pro Schüler jährlich, werden von „Fe sehr glücklich über die Möglichkeit y Alegria“ aufgebracht, mit Hilfe der in die Schule gehen zu können. Die Elterngemeinschaft und durch Förde- nächsten Schulen befinden sich nämrungen aus Übersee. Derzeit werden lich in der Hauptstadt, circa 3 Fahretwa 15.000 Kinder und Jugendliche stunden entfernt und aufgrund der in „Fe y Alegria“-Bildungszentren hohen Fahrtkosten kaum finanzierbar für die Eltern. unterrichtet. sind Analphabeten, viele beherrschen die Amtssprache „ Spanisch“ kaum, wodurch sie Probleme beim Zugang zum formellen Arbeitsmarkt oder bei behördlichen Anliegen haben.

Mit Richard Fischer eine Schule bauen Wir besuchen zwei Zentren in El Limòn in der Zona 18, eines der gefährlichsten Gebiete in Guatemala Stadt. Mit starker Militärpräsenz wird versucht, die Banden im Zaum zu halten. Hier leben 250.000 Menschen, nicht einmal die Hälfte der Kinder besucht eine Schule. Kinderarbeit und Jugendkriminalität sind allgegenwärtig. In der gesamten Zona 18 gibt es keine einzige öffentliche Schule, die bis zur Matura führt. Hier baut Fe y Alegria mit der Finanzhilfe von Richard Fischer eine Berufsschule. Bei unserem Besuch sind wir Gast bei der Eröffnungszeremo-

Gesunde Ernährung Extreme Armut und damit Hunger herrscht in den Departments Chiquimula und Totonicapán. Die Kinder leiden an Unter- und Mangelernährung und sind so nur bedingt aufnahmefähig. In den „Fe y Alegria“ Schulzentren werden deshalb spezielle Ernährungsprogramme umgesetzt. Es geht um Bewusstseinsbildung in Richtung gesunde Ernährung und Hygiene. In der Folge tragen die Jugendlichen dieses Wissen als Mentoren in ihre Familien und Dorfgemeinschaften. Wir werden dieses Projekt mit der Finanzierung „gesunder Lebensmittel“ unterstützen. Lukas und Jakob Erber

Die ersten Schülerinnen der Kochschule

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SYRIEN

Syriens Gesicht verändert sich Aktivitäten mit Kindern in Homs

Das Syrien, das ich kannte, gibt es nicht mehr. Über zwei Jahre Bürgerkrieg – das hinterlässt tiefe Spuren in den Lebensgeschichten so vieler Menschen, aber auch in der Prägung eines Landes. Ohnmachtsgefühle verleiten dazu wegzuschauen, aber die Menschen brauchen unsere Solidarität. Es war mein Traum, einmal nach Syrien zu reisen. Im Studium habe ich mich intensiv mit dem Nahen Osten beschäftigt. Dieses Land steht für eine lange und reiche Kulturgeschichte: Ugarit als Wiege des ersten Alphabets, Damaskus als eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Städte der Welt, das christliche Dorf Maalula, wo heute noch die Muttersprache Jesu gesprochen wird. Ich drängte auf eine Reise im Herbst 2010, da ich kurz danach in einen Orden eintrat. Ich ahnte nicht, dass die Reise wenige Monate später in dieser Form nicht mehr möglich gewesen wäre. Seit Beginn der Aufstände im März 2011 hat sich das Gesicht Syriens

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gravierend verändert. Pluralistische Gesellschaft Früher waren die Syrer nicht nur stolz auf ihre Geschichte, sie haben auch gerne darauf hingewiesen, dass Muslime und Christen unterschiedlichster Couleur in ihrem Land friedlich zusammenleben. Das multireligiöse und multikulturelle Miteinander gehörte zum Selbstverständnis dieser Gesellschaft – gleichzeitig stand sie unter einem autoritären Regime. Dieses Syrien gibt es nicht mehr. Was als Aufstand gegen die Machtha-


ber begann und von der Regierung mit brutaler Gewalt bekämpft wurde, hat sich zu einem Bürgerkrieg zwischen dem Regime und den Oppositionellen ausgewachsen. Im Kern geht es um die Macht: um Machterhalt bzw. Machtergreifung – jeweils mit Gewalt. Anfangs waren nur wenige Kämpfer religiös motiviert. Aber das veränderte sich zunehmend. Beide Seiten nutzen die religiöse Zugehörigkeit zur Mobilisierung von Anhängern. Assad brachte Alawiten dazu, Massaker an der sunnitischen Mehrheit zu begehen. Auch Syrer aus anderen Sekten wurden dazu gebracht, Assad zu unterstützen. So wurden Jihadisten auf den Plan gerufen. Dazu kommt die Einmischung ausländischer Parteien, die gewisse Oppositionsgruppen unterstützen. Die Rebellen sind Verbündete, aber auch Rivalen. Beide Seiten müssen sich vor Racheakten fürchten. Viele Christen wandern aus. Inzwischen ist das syrische Volk tief gespalten. Eine Rückkehr zu einer pluralistischen Gesellschaft ist kaum vorstellbar.

lichen Interessen, aber auch aus Straßenkinder in Furcht vor Rache. Aleppo Ich kann verstehen, wenn Menschen in Europa nichts mehr von diesem Konflikt hören wollen. Ich selbst verspüre Ohnmacht. Wie leicht ist es da, die Augen zu verschließen und sich der Resignation hinzugeben. Ich muss mir meine eigene Ratlosigkeit eingestehen. Sicher ist, dass der Weg der Versöhnung ein langer und schwieriger sein wird, dass Syrien auch nach dem Ende der bewaffneten Konflikte noch lange unsere Solidarität brauchen wird. Unsere Solidarität

Klar ist aber auch: Wir dürfen die Menschen in Syrien nicht allein lassen. Die Jesuiten und ihre vielen HelHinter den einzelnen Gruppen ver- ferinnen und Helfer sind vor Ort bergen sich handfeste, einander wi- und versuchen den Menschen – understreitende Interessen innerhalb abhängig von ihrer Religion oder des Landes wie auch anderer Länder. Gesinnung – beizustehen, so gut es Für so viele Menschen bringt dieser möglich ist. Sie im Rahmen unserer Krieg schlicht Leid von unerhörtem Möglichkeiten zu unterstützen, kann Ausmaß – Tod, körperliche und psy- nur sinnvoll sein. Die Worte von P. chische Verletzungen, Flucht, Hunger. Nawras Sammour SJ, der die Hilfen Viele Gebäude wurden zerstört. Ge- vor Ort koordiniert, berühren mich naue Opferzahlen gibt es nicht. So sehr: „Wir haben kein Recht zu saviele Menschen sind von der Gewalt gen, wir können nicht mehr.“ Wenn betroffen. Politische Lösungen schei- dies für die Helfer vor Ort gilt, gilt es nen in weite Ferne gerückt bis un- erst recht für mich. möglich – wegen der unterschiedSr. Anna Schenck Leid auf allen Seiten

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JESUIT VOLUNTEERS

Andrea in Indien Nach 30 Jahren Berufsleben in der Apotheke wollte Andrea Gruber etwas Neues wagen. Für ein Jahr lebt und arbeitet sie in Jesu Ashram, einem Gesundheitszentrum und Zufluchtsort für arme und schwerkranke Menschen im Nordosten Indiens. Ein Tag in Jesu Ashram Mein Tag beginnt in Jesu Ashram um 6 Uhr, wenn der Wecker läutet. Um 6.30 ist Messe in der Kapelle, danach frühstücke ich gemeinsam mit den Jesuiten und den Ordensschwestern. Wir besprechen die anstehenden Dinge und dann geht jeder an seine Arbeit. Mich beschäftigen zuerst „meine “ zwei behinderten Frauen, Moti und Sephali. Nach der Begrüßung suche ich mit ihnen gemeinsam Wäsche aus dem Kasten neben ihrem Bett. Das kann eine halbe Stunde oder auch länger dauern. Die beiden haben recht eigenwillige Wünsche und Vorstellungen was sie anziehen möchten. Beide leiden an Epilepsie. Moti kann nicht sprechen, ist aber sehr clever und versteht alles. Sephali ist viel fragiler und stürzt leicht. Sie hat eine eigene Sprache entwickelt, die aus ein paar Silben besteht, die sie in unterschiedlichsten Tonlagen und 20

mit unterschiedlicher Intensität von sich gibt. Damit kann sie sich blendend verständlich machen! Die beiden sind ein unzertrennliches Paar. Inzwischen habe ich erreicht, dass Moti Sephali alleine wäscht. Ich muss nur dabei zusehen, sie loben, und hie und da helfen. Wenn Sephali gewaschen und angezogen ist, beginne ich mit Moti, die das selbst problemlos tun kann, aber dabei auch meine Anleitung und Anerkennung braucht. Beide sind glücklich über die mit ihnen verbrachte Zeit. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass mir zwei doch ziemlich stark behinderte Menschen so ans Herz wachsen können. Ich freue mich wirklich jeden Tag auf sie! Anschließend gehe ich in das Lager der Apotheke, das ich gerade umsiedle. Ich habe versucht, die Medika-


JESUIT VOLUNTEERS mente, die im Haus verwendet werden, im PC zu erfassen. Jetzt werden sie in neue Boxen umgeräumt und neu beschriftet. Die Zeit fliegt dahin. Abends wird wieder gemeinsam gegessen und auch noch anschließend geplaudert. Ab 21 Uhr ist es völlig ruhig im Haus. Von der Familie verstoßen Inzwischen gilt Lepra als offiziell überwunden. Leprakranke werden daher in öffentlichen Spitälern nicht mehr behandelt (weil es die Krankheit ja nicht mehr gibt). So landen hier bei uns immer wieder Menschen, die von ihren Familien regelrecht abgegeben werden, weil in den Köpfen der Menschen Lepra oder auch Tbc immer noch einen Makel darstellt. Was das für einen Menschen bedeutet, der monatelang hierbleiben muss, ist nur schwer vorstellbar. In einer fremden Umgebung, mit ganz fremden Menschen und nicht wissend, ob die Therapie auch wirklich zu einer Ausheilung der Krankheit führen wird. Meist sind es Frauen oder junge Mädchen. Oft haben sie wochenlang ihre Wunde versteckt, aus Angst, von der Familie verstoßen zu werden. Die Frauen sind oft zum ersten Mal in ihrem Leben getrennt von ihrer Familie und sind entsprechend verängstigt, verschüchtert und deprimiert. Alle sind froh und dankbar für jede freundliche Geste, die sie ein bisschen aufmuntert oder stärkt.

als zwei Jahre verbrachte sie in Jesu Ashram und musste zweimal in einer Klinik operiert werden. Ihre Mutter hat sie während dieser Zeit nur einmal besucht. Sie hat in Delhi ein neues Leben begonnen. Zurückgeblieben ist ein Mädchen, das nicht nur Verbrennungen erlitten hat, sondern auch sozusagen zur Waise geworden war. Kurz vor Weihnachten erlaubte ihr Fr. Julius zu ihrer älteren Schwester zu fahren. Der Abschied fiel allen schwer. Wir blieben mit der bangen Frage zurück, was weiter mit ihr geschehen werde. Vor zwei Wochen haben wir erfahren, dass sie jetzt bei anderen Verwandten lebt. Es war für uns alle eine große Erleichterung. Sie hat ein neues Zuhause gefunden, sie ist gewachsen und hat zugenommen und sie fühlt sich sichtlich wohl. Weitere Operationen werden in einigen Jahren nötig sein. Jesu Ashram hat sehr viel für diesen kleinen Zwerg getan. Es bleibt die Hoffnung, dass die nächste Zeit für sie etwas ruhiger verlaufen wird! Andrea Gruber

In der Lepra Klinik

Sangena Sangena wurde von ihren Eltern nach einem Hausbrand nach Jesu Ashram gebracht. Sie hatte schlimme Verbrennungen im Gesicht, am Brustkorb und am rechten Arm erlitten. Mehr 21


HERZLICHE EINLADUNG

Die Österreichische Provinz der Jesuiten feiert ihre Errichtung vor 450 Jahren. Gefährten Jesu für die Menschen. 450 Jahre Österreichische Jesuiten: Workshops, bunt und vielfältig – Jesuitenwerke stellen sich vor Zeit: 8. Juni 2013, 9.00 – 18:30 Uhr Ort: Kardinal König Haus, Kardinal-König-Platz 3, 1130 Wien Weltcafé der Jesuitenmission Zeit: 8. Juni 2013, 9.00 – 18:30 Uhr Ort: Cafeteria im Kardinal König Haus Weltcafé mit Begegnungsmöglichkeiten mit Freiwilligen und Projektpartnern. Workshop Freiwillige Zeit: 9.00 – 10:15 Uhr Ort: Weltcafé – Cafeteria im Kardinal König Haus „Was sollen wir tun? – Was lässt sich da machen?“ Volunteers und engagierte Menschen, die in unseren Projekten mitwirken, berichten von Möglichkeiten wie Sie helfen können! Workshop China Zeit: 13:30 – 14:45 Uhr Ort: Raum „Ignatius“ im Kardinal König Haus Wie tickt die Kirche in China: Begegnung mit Emanuel Lim SJ, Dr. Johannes Chen Binshan, Luis Gutheinz SJ, Josef Zhang Fremdes Wien – Orte der Not Zeit: 8. Juni 2013, 9.15 Uhr bis ca. 12.00 Uhr Treffpunkt: U6 Station Philadelphiabrücke, Ausgang Meidlinger Hauptstraße Wien ist eine der beliebtesten Städte Europas. Es gibt aber auch das andere, fremde Wien. Die Schattenseiten der Stadt bleiben für die meisten verborgen. Außer den betroffenen Menschen kennen nur wenige Leute Orte der Not. Im Rahmen der Sozialaktion gestalten wir eine Bedenk-Wanderung, die zur Besinnung und zum Nachdenken einlädt. Leitung: P. Markus Inama SJ Kultureller Abend Zeit: 8. Juni 2013, 20.00 Uhr Ort: Konzilsgedächtniskirche Lainz-Speising, Kardinal-König-Platz 1, 1130 Wien Ein Abend mit Lesungen aus Briefen und Dokumenten zur Geschichte der Jesuiten, einem Schattenspiel und musikalischen Partien aus dem Jesuitendrama „Mulier fortis“ (von Joh. B. Staudt/ 17. Jahrhundert), für alle unsere Freunde Festmesse mit P. General Adolfo Nicolás SJ Zeit: 9. Juni 2013, 10.15 Uhr Ort: Stephansdom Die Festmesse zum Jubiläum werden wir gemeinsam mit unserem Generaloberen P. Adolfo Nicolás SJ als Hauptzelebranten im Stephansdom feiern. Im Anschluss an den Gottesdienst sind alle Mitfeiernden zu einem kleinen Empfang im Arkadenhof des Erzbischöflichen Palais eingeladen.

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UNSERE BITTE: Den Aufbruch ermöglichen Liebe Leserin, lieber Leser! Margret, Mathew und Jovensia gehen in die Loyola Secondary School in Wau. Ihre Erfahrungen, die sie für uns aufgeschrieben haben, bewegen mich sehr. Und eines klingt bei allen durch: „Diese Schule ist unsere Chance.“ Mit der Erweiterung der Schule können 350 zusätzliche Schülerinnen und Schüler aufgenommen werden. Der Bau eines Schullabors und Computerraums ermöglicht eine fundierte Ausbildung. Helfen Sie mit, damit der Aufbruch des Südsudan in eine friedliche Zukunft führen kann! Herzlichen Dank für Ihre Hilfe!

Hans T Tschiggerl H hi l SJ Missionsprokurator

Ihre Spende ist gemäß § 4a Z. 3 und 4 EstG absetzbar! ZVR-Zahl 530615772 / SO 1345 Spendenkonto: PSK 7086 326 / BLZ: 6000 MENSCHEN FÜR ANDERE Projektname: Schule in Wau

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Mein Beitrag für eine lebenswerte Zukunft

JESUITENMISSION MENSCHEN FÜR ANDERE Dr. Ignaz Seipel Platz 1 A-1010 Wien Tel.: +43 01 5125232 - 56 office@jesuitenmission.at www.jesuitenmission.at Spendenkonto PSK 7086 326 BLZ: 60000 BIC: OPSKATWW IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326 MENSCHEN FÜR ANDERE

Die Jesuitenmission ist Ihr Netzwerk UÊ für Informationen über Schicksal und Anliegen der Armen UÊ für Austausch, Begegnung und Freiwilligeneinsätze weltweit UÊ für die Weitergabe von Spenden an unsere Hilfsprojekte

Heft 02, 2013  

Magazin der Jesuitenmission Österreich

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