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Nr. 4 | 2014

MENSCHEN FÜR ANDERE Das Magazin der Jesuitenmission

Zuflucht


EDITORIAL

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Missionare und Partner weltweit!

Der Blick auf die aktuellen Krisenherde lässt kaum Weihnachtsgefühle aufkommen. Auch die Themen unseres MENSCHEN FÜR ANDERE-Heftes spiegeln gespannte Situationen wider: Waisenkinder in Simbabwe; Flüchtlinge in Syrien und im Nordirak – und vor unseren Türen. Paterne Mombe SJ, der Leiter des Aidsnetzwerkes der Jesuiten in Afrika (AJAN), hat bei seinem Besuch erzählt, wie Kirchen buchstäblich zum Zufluchtsort für so viele Menschen, die bitterer Not ausgesetzt sind, werden. Einige unserer Jesuit Volunteers haben ihren Einsatz in Makumbi / Simbabwe gemacht. Daraus ist eine Zusammenarbeit entstanden. „Makumbi, mein Paradies“ so beschrieb vor Jahren eine Freiwillige der Jesuitenmission ihren Einsatz. Die Begegnung mit den Waisenkindern war für sie ein Geschenk. Und tatsächlich ist es ganz oft so, dass in der Begegnung mit Armen, Notleidenden und Kranken unglaublich viel Lebenswille, Hoffnung und Freude zu spüren sind. Die Kinder in Makumbi sprühen vor Lebensenergie, auch wenn jedes von ihnen eine traurige Geschichte mit sich trägt. Die Freude über das neugeborene Baby in einem Flüchtlingszelt im Nordirak ist riesig und wird mit den Besuchern geteilt. Weihnachten lässt sich überall finden. Flucht, Vertreibung und Zuflucht gehören zum Geschehen jener ersten Weihnacht, in der Gottes Sohn selber das Schicksal derer geteilt hat, die heute eine neue Heimat suchen. Ich danke von Herzen für Ihre Verbundenheit mit uns und wünsche Ihnen allen Gottes reichen Segen für das neue Jahr 2015.

Hans Tschiggerl SJ MENSCHEN FÜR ANDERE

Impressum

MENSCHEN FÜR ANDERE Das Magazin der Jesuitenmission, 2014 – Heft 4 Medieninhaber und Herausgeber: Missionsprokur der Gesellschaft Jesu in Österreich, Mag. Johann Tschiggerl SJ, Dr. Ignaz Seipel Platz 1, A-1010 Wien, Tel +43 01 5125232-56, office@jesuitenmission.at, www.jesuitenmission.at Redaktion und Gestaltung: Hans Tschiggerl, Katrin Morales, Magdalena Weber. Druck: LDD Communication Ziel der Publikation: Information der Spender über die aktuellen Entwicklungen in den Hilfsprojekten. Bildnachweis: Jesuitenmission, JRS.

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Österreichische Post AG / Sponsoring Post, 13Z039521S. ZVR Zahl 530615772, SO 1345


Eine Familie mit 90 Kindern Im simbabwischen Kinderheim Makumbi leben 90 Mädchen und Jungen in familienähnlichen Strukturen.

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s ist ein Gefühl, als würden fünfzig Kinderhände gleichzeitig an mir ziehen. „Kennst du Bayern München?“ „Mach ein Foto von uns, mach ein Foto von uns!“ „Mein Lieblingsverein ist Chelsea!“ Die Kinder lachen, hüpfen und umringen mich. Schüchtern sind die meisten nicht. Ein kleiner Trupp setzt sich schließlich durch und zeigt mir das Gelände: Gemüsegärten, Hühnerställe, zwei Milchkühe, ein überdachter Platz zum Wäschewaschen mit tiefen Spülbecken aus grauem Stein und vielen Wäscheleinen, ein Kindergarten, ein kleiner Spielplatz mit verrosteten Geräten und zu guter Letzt die mit geometrischen Mustern verzierten Wohnhäuser – das Herzstück des Kinderheims in Makumbi.

Ausgesetzt im Nachtclub Rund 90 Mädchen und Jungen leben hier, vom Säugling bis zum Teenager. Die 18-jährige Mazvita gehört zu den ältesten: „Ich bin seit 1996 hier. Am 25. Dezember werde ich 19 Jahre alt. Ich bin im Abschlussjahr der High School und möchte nächstes Jahr zur Universität gehen. Mein Wunsch ist, Rechtsanwältin oder Sozialarbeiterin zu werden.“ So wie Mazvita sind viele der Kinder bereits als Babys im Heim aufgenommen worden. Ein heute achtjähriges Kind wurde als Neugeborenes von einem Nachtwächter neben den Toiletten eines Nachtclubs am Rande der Hauptstadt Harare gefunden. Die fast gleichaltrige Melissa kam als vierzehn Tage altes Baby über die Mutter Teresa Schwestern

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Szenen aus dem Kinderheim in Makumbi. Rechts auf dem Bild ist Hausmutter Bernadette mit der kleinen Lena.

aus Mbare, die für sie einen Platz suchten. Melissa ist mittlerweile im zweiten Schuljahr, ein fröhliches Kind, das Makumbi als seine Heimat betrachtet. Für viele ist das Heim das einzige Zuhause, das sie kennen. Sie wurden als Babys ausgesetzt, vor die Türen von Pfarrhäusern, Ordenskonventen, Polizeistationen gelegt oder im Krankenhaus zurückgelassen. Andere Kinder haben durch HIV/Aids alle Verwandten verloren, die für sie hätten sorgen können. Wieder andere kommen aus Familiensituationen, in denen sie so massiv misshandelt oder vernachlässigt wurden, dass sie vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Das Jugendamt vermittelt die Kinder in zumeist kirchlich geführte Waisenheime, für die Betreuung und Versorgung der Kinder zahlt es aufgrund der knappen Kassen in Simbabwe schon lange nicht mehr.

Acht Häuser und Familien In Makumbi wachsen Mädchen und Jungen in altersgemischten Gruppen wie Geschwister auf. Heimleiterin Schwester Alois erklärt das Konzept: „Das Kinderdorf besteht aus acht Häusern oder Fami4

lien, in denen jeweils zehn bis zwölf Kinder leben. In jeder Familie gibt es eine Mutter, die sich um die Kinder kümmert und rund um die Uhr für sie da ist. Viele unserer Kinder sind traumatisiert und haben Schlimmes erlebt, sie nennen die Hausmutter trotzdem Mama, obwohl sie nicht ihre leibliche Mutter ist. Die Kinder sind sehr unterschiedlich, einige sind aggressiv, andere sind sehr höflich und zurückhaltend, das ist abhängig von dem, was sie erlebt haben. Durch die Struktur der Familienhäuser haben die Kinder das Gefühl, irgendwo dazu zugehören, sie sind Teil eines Familienlebens und das ist sehr wichtig für sie.“

Rückgrat und Seele Die 12 Hausmütter sind Rückgrat und Seele des Kinderheims. Sie sind nicht unbedingt ausgebildete Erzieherinnen, bringen als gestandene Frauen aber viel praktische Erfahrung in simbabwischer Kindererziehung und Haushaltsführung mit. Ihr Arbeitstag ähnelt dem Tagesablauf vieler Mütter in Simbabwe: Um fünf Uhr aufstehen, Wasser holen, Frühstück vorbereiten, Kinder wecken, die Großen


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zur Schule schicken, die Kleinen betreuen, Gemüse ernten, Hühner versorgen, waschen, kochen, putzen – und nebenbei Tränen trocknen, Streit schlichten, Fehlverhalten tadeln und dafür sorgen, dass zehn Kinder ihre Aufgaben im Haushalt übernehmen, für die Schule lernen und rechtzeitig ins Bett kommen. Nach einem 16-Stunden-Tag kann auch die Hausmutter um neun Uhr abends schlafen gehen – wenn denn das Baby im Gitterbett in ihrem Zimmer ruhig bleibt und keines der anderen Kinder krank wird oder mit Alpträumen aufwacht.

Liebe ist das Wichtigste Mai Goteka, die vor kurzem in den Ruhe­ stand gegangen ist, war fast vierzig Jahre lang Hausmutter in Makumbi und hat viele Kinder aufwachsen sehen: „Im Grunde sind alle Kinder gleich. Wir müssen sie so behandeln, dass sie einen guten Weg finden. Sie sind wie unsere eigenen Kinder.“ Hausmutter Bernadette, 49 Jahre alt und Mutter eines erwachsenen Sohnes, fügt hinzu: „Wir Mütter geben den Kindern Liebe, denn das ist das Wichtigste im Leben eines Kindes.“ Die 34-jährige Mai

Immaculate arbeitet seit drei Jahren als Hausmutter in Makumbi. Ihr Mann starb 2008 und sie suchte händeringend Arbeit, um sich und ihre drei Kinder zu ernähren. „Meine Kinder wohnen bei ihrer Großmutter“, sagt sie, „aber ich sehe sie ja regelmäßig.“ Die Hausmütter arbeiten drei Wochen am Stück und haben dann eine Woche frei.

Arbeit im Gemüsegarten, damit es genug zu essen gibt. Die fünfjährige Lina möchte später einmal Nonne werden.

Erziehung braucht Geduld Hausväter gibt es in Makumbi nicht. Aber einen Pater, den Leiter der Missionsstation Makumbi. Die letzten acht Jahre war das Pater Heribert Müller. „In Makumbi habe ich eigentlich erst entdeckt, was es heißt, ‚Papa‘ zu sein“, sagt der 53-jährige Jesuit. „Auch ging mir rasch auf, dass die Erziehung von Kindern gar nicht so einfach ist und viel, ja sehr viel Geduld braucht. Oft war da auch das Gefühl, nicht genügend Zeit für die Kinder und die Mütter zu haben.“ Zur Missionsstation Makumbi gehören neben dem Kinderheim eine Pfarre mit 34 Außenstationen, zwei Schulen mit einem großen Internat und verschiedene soziale Einrichtungen. Viel Leben und viel Arbeit. „Aber die Kinder sind die Seele von 5


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Blick in eines der Kinderzimmer. Bei Hausarbeiten wie kochen, waschen, bügeln helfen die Mädchen und Burschen mit.

Makumbi“, lächelt Heribert Müller, „sie machen die ganze Mission zu ihrem Spielplatz.“ Der laufende Unterhalt des Kinderheims wird zum großen Teil über Spenden aus Deutschland finanziert. Um notwendige Renovierungen und Erneuerungen bezahlen zu können, war Heribert Müller immer wieder als „ewiger Bettler“, wie er es schmunzelnd nennt, in seiner alten Heimat unterwegs, um den Kontakt zu deutschen Pfarreien, Schulen, Gruppen und Firmen zu halten.

Übergabe an Pater Nhika Seine große Hoffnung ist, dass die Freunde und Wohltäter aus Deutschland und Österreich auch trotz seines Weggangs das Kinderheim in Makumbi weiterhin unterstützen werden. Seit September ist Pater Heribert Müller in Mosambik, um die Zusammenarbeit innerhalb der süd-afrikanischen Region der Jesuiten zu stärken, und wird dann 2015 eine neue Aufgabe in Simbabwe übernehmen. Sein Nachfolger Pater Admire Nhika ist ein junger simbabwischer Jesuit: „Pater Müller hat seine Arbeit hier so gut gemacht, dass es für mich nicht leicht ist, in seine Fußstapfen zu tre6

ten. Aber ich werde mit meinem ganzen Herzen die Aufgaben in Makumbi übernehmen.“

Alle Kinder helfen mit Es ist später Nachmittag geworden und die Kinder sind aus der Schule zurück. Das Leben ist im vollen Gange: Größere Kinder tragen die Kleinen herum, ein Mädchen steht am Herd, ein Junge schneidet Gemüse, ein anderes Mädchen nimmt die Wäsche von der Leine, in einem anderen Haus bügelt ein älterer Junge, draußen wird Fußball gespielt und getobt, andere Kinder sammeln Eier in den Hühnerställen und jäten Unkraut im Gemüsegarten. Was von außen wie ein fröhlich buntes Chaos wirkt, hat eine feste Ordnung: Alle Kinder helfen im Haushalt mit. Viele Zukunftsträume Für die älteren Jugendlichen ist es oft nicht leicht, den Übergang vom geregelten Leben im Heim in die eigene Unabhängigkeit zu schaffen. Alle Kinder haben genaue Zukunftsvorstellungen, die vielleicht manchmal mehr Träume als realistische Pläne sind. Der 14-jährige


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Farai möchte ein internationaler Fußballspieler werden, die 15-jährige Rudo Ärztin, die 12-jährige Benesia Pilotin, der 6-jährige Zvikomborrero Soldat und für die 5-jährige Lina steht fest: „Ich will Ordensschwester werden!“

Trauer um Priscilla Bei einer Arbeitslosenquote von über 90 Prozent sehen die Berufschancen nicht rosig aus. Nicht immer läuft es gut, wenn die Kinder das Heim verlassen. „Das schwerste in meiner Zeit in Makumbi war der Tod von Priscilla“, erzählt Pater Heribert Müller. „Sie kam vor meiner Zeit als Baby nach Makumbi und war von Geburt an HIV-positiv. Sie hatte sich gut an die Behandlung gewöhnt und nahm jeden Tag ihre antiretroviralen Medikamente. Nach der Mittleren Reife begann sie eine Ausbildung als Friseurin und lebte in einer Gastfamilie in Harare. Alles schien gut zu gehen, bis wir auf einmal hörten, dass sie im Krankenhaus war. Was war geschehen? Sie hatte sich sehr gut gefühlt und begonnen, die Medikamente nur noch unregelmäßig zu nehmen. Die Zahl ihrer weißen Blutkörperchen ging auf ein Minimum

zurück, ihr Immunsystem kollabierte und sie bekam eine schwere Hirnhautentzündung. Sie verlor im Krankenhaus das Bewusstsein und starb eine Woche später. Das war für uns alle eine sehr schmerzliche Zeit, besonders für Schwester Alois, die Mütter und die Kinder. Selten habe ich eine so tränenreiche Beerdigung erlebt.“

Messe mit Pater Heribert Müller: Jeden Dienstagnachmittag feiern alle im Kinderheim gemeinsam einen Gottesdienst.

Ein Tag geht zu Ende Heribert Müller denkt eine Weile nach und fügt dann hinzu: „Vater und Mutter ersetzen können wir nicht, doch wir können den Kindern eine frohe und unbesorgte Kindheit schenken. Sie lernen Gott kennen in Gebet und Gesang und wachsen mehr und mehr in der Gewissheit, geliebt und angenommen zu sein.“ Draußen geht das Fußballspiel weiter. Fröhliche Kinderstimmen sind zu hören, dann gibt es einen wütenden Wortwechsel, ein Baby weint, Musik aus einem Radio erklingt, begleitet von Mädchengelächter – ein ganz normaler Tag in der Makumbi-Familie mit 90 Geschwistern und 12 Müttern geht zu Ende. Judith Behnen 7


SIMBABWE

Mit Gott für eine bessere Welt Pater Admire Nhika, der Nachfolger von Pater Heribert Müller in Makumbi, stellt sich uns vor. Gott eine bessere Welt zu schaffen. Natürlich gibt es gute und schlechte Momente, aber es ist für mich ein erfüllendes Leben.

Pater Nhika im Wohnzimmer eines der acht Familienhäuser im Kinderheim Makumbi.

Ich bin 33 Jahre alt und in Harare aufgewachsen. Die Jesuiten habe ich über Pater Oskar Wermter kennengelernt, der regelmäßig in unserer Gemeinde die Messe gefeiert hat. Am Ende meiner Schulzeit dachte ich darüber nach, Priester zu werden und las in einem Artikel über die Jesuiten: „Jeder kann kommen mit dem, was er hat, zur größeren Ehre Gottes.“ Das hat mich beeindruckt und auch beruhigt, denn Religion war in der Schule nicht mein Schwerpunktfach gewesen, sondern Erdkunde, Buchhaltung und Betriebswirtschaftslehre. Ich bin dann zu den Jesuiten gegangen, einer von ihnen war Pater Heribert Müller, und das Gespräch mit ihm hat mich bestärkt.

Jesuit aus Liebe Viele sehen es als merkwürdig an, wenn man katholischer Priester werden will. Aber ich habe gespürt, dass es mich dort hinzieht. Es ist, als würde man sich in jemanden verlieben und kann nicht mehr anders, als an die Person zu denken und in ihrer Nähe sein zu wollen. Ich bin bis heute glücklich, Mitglied der Gesellschaft Jesu zu sein. Ich finde Sinn in meinem Leben und folge dem Traum, gemeinsam mit 8

Herausforderung und Privileg Mein Noviziat habe ich in Sambia gemacht, dann zwei Jahre in Simbabwe an einer Schule unterrichtet und anschließend an der Elfenbeinküste Theologie studiert. Französisch zu lernen, war nicht so leicht, aber es war eine große Chance, eine andere Kultur zu erleben und auch die Unterschiede zu Simbabwe zu sehen. Am 20. Juli 2013 bin ich in Simbabwe zum Priester geweiht worden. Anschließend war ich Kaplan in einer gut situierten Pfarrei in Harare und stark in der Jugendarbeit engagiert. Zum 1. September 2014 bin ich als Nachfolger von Pater Heribert Müller nach Makumbi gekommen. Das ist Herausforderung und Privileg zugleich. Ich habe viel von Pater Müller gelernt und ich werde weiterhin von den Menschen um mich herum lernen. Traurigkeit und Freude Wenn ich im Kinderheim bin, fühle ich beides: Traurigkeit und Freude. Jedes der Kinder trägt eine traurige Geschichte mit sich. Aber die glückliche Seite ist, dass jemand sie gefunden und nach Makumbi gebracht hat. Hier können sie geschützt in einer liebevollen Umgebung aufwachsen. Wir sind unendlich dankbar, dass es so viele Menschen gibt, die den Kindern helfen wollen und das Heim unterstützen. Wir werden immer für Sie beten und wir freuen uns darauf, unsere Erfahrungen mit Ihnen zu teilen. Admire Nhika SJ


INTERVIEW

„Ihre Kinder sind dann unsere Enkelkinder“ Sr. Alois Nyanhete ist 1969 in den simbabwischen Frauenorden LCBL eingetreten, hat Sozialarbeit studiert und leitet das Kinderheim in Makumbi.

Seit wann gibt es das Kinderheim? Es wurde 1934 gegründet, als die Schwestern von Makumbi begannen, sich um die Babys zu kümmern, deren Mütter bei der Geburt gestorben waren. Vom traditionellen Heim mit großen Schlafsälen sind wir 1993 zur heutigen Familien-Struktur gewechselt. Wie unterhält sich das Heim? Lebensmittel wie Mais, Tomaten, Gemüse, Milch und Eier erzeugen wir selbst. Dadurch lernen die Kinder auch etwas über Landwirtschaft. Jede Familie züchtet Hühner. Das was sie selbst nicht brauchen, verkaufen sie und entscheiden dann gemeinsam, was mit dem Geld angeschafft wird. Was sind die größten Herausforderungen? Einige unserer Kinder sind HIV-positiv und wir fahren mit ihnen jeden Monat ins Missionskrankenhaus von Kutama, damit sie antiretrovirale Medikamente bekommen. Im alltäglichen Leben des Heims mangelt es uns zurzeit an Betten. Die meisten sind in einem furchtbaren Zustand. Wir konnten dieses Jahr zehn neue Betten kaufen. Aber was ist mit den restlichen 84 Kindern? Wir brauchen außerdem Unterstützung für die Jugendlichen, die zur Universität gehen. Im Moment sind es vier, nächstes Jahr fünf und dann sechs. Was machen die Kinder, wenn sie das Heim verlassen? Solche die nicht akademisch talentiert sind, verlassen die Schule nach der 10. Klasse. Wir schicken sie zu Ausbildungs-

kursen und versuchen, Jobs für sie zu finden. Manche machen sich auch auf die Suche nach ihren Verwandten, um dort zu wohnen.

Wie sieht die Verbindung zu ehemaligen Heimkindern aus? Vor zwei Jahren konnten wir zum ersten Mal ein richtiges Treffen der Ehemaligen organisieren. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht eine Vereinigung gründen möchten, um so das Kinderheim zu unterstützen. Letztes Jahr haben sie eine wundervolle Weihnachtsfeier für die Kinder organisiert. Was sind Ihre schlimmsten und die schönsten Erfahrungen? Das allertraurigste ist, wenn ein Kind stirbt. Ärgern tut es mich etwas, wenn Kinder sich nicht um ihre Zukunft kümmern. Im Gegensatz zu den Kindern aus den Dörfern müssen sich unsere Kinder keine Sorgen um ihre Bildung machen, denn das Heim zahlt die Schulgebühren. Das allerschönste ist, wenn sie es schaffen, zur Universität zu gehen und eine Arbeit zu finden. Später heiraten einige und haben selbst Kinder. Das sind dann unsere Enkelkinder. Interview: Rebekka Schuppert 9


Die Hoffnung sehen Unter schwierigen Bedingungen hat der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) mit der Arbeit in Erbil begonnen.

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anchmal erzählen die unscheinbarsten Bilder die hoffnungsvollsten Geschichten. Ein Tisch mit Wolle, ein Kreis von Frauen, eine steht mit Nadeln in der Hand und erklärt etwas. Sarab Mukhi hat dieses Foto aus Erbil im Nordirak gemailt und schreibt dazu: „Das erste Treffen unserer Frauengruppe. Es war für mich ein sehr besonderer Tag und ich möchte die Freude darüber mit euch teilen.“ Die Frauen sind Flüchtlinge in Erbil und das neu gestartete Programm des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes gibt ihnen Raum und Möglichkeit, sich zu treffen, miteinander zu reden und dabei warme Pullover für die Kinder zu stricken. Denn der Winter im Nordirak ist kalt.

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Container-Klassen Das zweite Bild zeigt eine verlassene Halle ohne Dach. Auf der anderen Seite der Straße ist ein Flüchtlingslager, in dem 250 Familien mit vielen Kindern in schulpflichtigem Alter leben. Die offene Halle bietet Schutz und vor allem einen festen Boden, um darin zwölf Klassenzimmer in Container-Bauweise aufzustellen. Jedes Klassenzimmer wird eine Größe von 5x7 Metern haben. Auch Raum für einen Spielplatz wird es noch geben. Bildung ist ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt für den Flüchtlingsdienst der Jesuiten. „Der geistigen Verbohrtheit von Terrormilizen wie dem Islamischen Staat und ihren gewalttätigen Auswüchsen kann man langfristig nur mit Bildung, geistiger Offenheit und Erziehung zum Respekt begegnen“, erklärt Pater Peter Balleis, der internationale JRS-Direktor. Familienbesuche Eine weitere wichtige Säule sind Familienbesuche, um die Situation der Flüchtlinge


NORDIRAK Eine Flüchtlingsfamilie in Erbil.

kennenzulernen, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen direkt helfen zu können. Schätzungen zufolge sind seit dem Vormarsch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ allein in Erbil 120.000 Flüchtlinge neu angekommen. Insgesamt wurden im Irak seit Jahresbeginn 1,8 Millionen Menschen vertrieben. Hinzu kommen mehr als 200.000 syrische Flüchtlinge, die Schutz vor dem Krieg im eigenen Land gesucht hatten. Viele Flüchtlinge leben unter furchtbaren Bedingungen. „Früher haben wir von Hausbesuchen gesprochen“, meint Pater Tony Calleja, „aber der Begriff klingt hier wie ein zynischer Scherz. Man kann die Zelte, durch die es zum Teil regnet, nun wirklich nicht Häuser nennen. Deshalb sprechen wir lieber von Familienbesuchen.“ Bis Jahresende will das JRSTeam in Erbil 300 besonders bedürftige Familien mit Nothilfe unterstützen. Bis Ende Januar 2015 sollen knapp 1.500 Familien besucht worden sein.

Danke! Möglich ist die Hilfe in Erbil durch Ihre Unterstützung. Auf unseren Spendenaufruf, den wir im Oktober verschickt hatten, haben Sie großzügig geantwortet. Wir danken Ihnen von Herzen für Ihre Hilfe, Ihr Gebet, Ihre Spenden, Ihre Aktionen und Ihr Mitgefühl mit den Flüchtlingen im Nordirak. In der nächsten Ausgabe unseres Heftes MENSCHEN FÜR ANDERE werden wir über den Fortgang der Arbeit berichten.

Erstes Treffen der Frauen, Hallenplatz für Notschule, JRS-Mitarbeiterin Sarab Mukhi (rechts),

Judith Behnen

Leben in Zelten.

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ZUFLUCHT

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ZUFLUCHT

Heimkehr,Versöhnung und Neuanfang: Gesegnet seien alle, die uns willkommen heißen in ihrem Land; und die ein Licht ins Fenster stellen, das uns begrüßt und wärmt. Wir dürfen nicht vergessen: Flüchtlinge sind wir alle, ohne bleibende Stätte. Jeder Ort auf dieser Welt ist nur ein Rastplatz auf dem Weg in ein anderes Land. Und: Alle Flüchtenden dieser Erde sind ein Gleichnis für unser Leben und die Hoffnung auf Frieden.

Bild: Herbergssuche, Severino Blanco, Bolivien

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Jugendliche aus dem Kollegium Kalksburg und anderen Schulen kommen und setzen sich mit dem Thema

Flucht – Vertreibung – Zuflucht

Flucht auseinander.

Der Jesuit Refugee Service (JRS) ist seit 1980 für Flüchtlinge im Einsatz. Peter Balleis SJ, der Direktor des JRS hielt den Eröffnungsvortrag zur Ausstellung „Von der Arche zu den Boatpeople – Flucht und Vertreibung“. „In diesem Jahr hat die Zahl mit 51,2 Millionen gewaltsam vertriebenen Menschen, Binnenflüchtlingen, Flüchtlingen und Asylsuchenden den Höchststand seit dem 2. Weltkrieg erreicht.“ Es ist wichtig sich nicht von den Massen blenden zu lassen: „Es geht nicht um die großen Zahlen, es geht um den Einzelnen, das Schicksal dahinter, das Gesicht im Blick zu behalten.“

Bilder der Flucht Genau das war auch das Ziel der Wanderausstellung „Von der Arche zu den Boatpeople“, die im Kardinal König Haus von der Jesuitenmission aufgestellt wurde. Sie war selbst so etwas wie ein Flüchtling, wie ein Hindernis mitten im arbeitsamen Tages­ ablauf des Bildungshauses der Jesuiten. Sie hält das Gesicht der Flucht präsent: Flucht hinter Stacheldrahtzäune, die zugleich Schutz und entmenschli14

chendes Wegsperren bedeuten. Flucht vor dem grausamen Krieg, vor der wirtschaftlichen Verdrängung aus dem Regenwald, vor den politisch und religiös extremen Gruppen. „Flucht treibt die Menschen nicht unbedingt weit weg“, betont Peter Balleis SJ. „Nur zwölf Kilometer vom eigenen Dorf entfernt finden flüchtende syrische Familien einen Unterschlupf.“ Die Tragödie spielt sich vor der eigenen Haustür und in der Nachbarschaft ab.

Vor der eigenen Tür „Die Krisenzonen liegen vor der Haustüre Europas. Die europäische Politik, die Länder und Menschen wissen nicht so recht wie sie damit umgehen sollen. Keiner hat eine Lösung. Die Positionen polarisieren sich. Manche Menschen wollen den Schrei der Hilfesuchenden nicht hören, den Ruf der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer, den Ruf der Menschen, die im Nahen Osten Hilfe brauchen.“ Es geht P. Balleis nicht um Schuldzuweisungen: „Es ist verständlich, dass die Menschen Sorge und Angst haben, wie mit so vielen Asylwerbern umzugehen ist. Lösungen vor Ort sind ökonomischer, praktischer.“


JRS –JESUITEN FLÜCHTLINGSDIENST

Begleiten Der JRS hat sich entschieden, besonders Kinder und Jugendliche mit Bildungsprogrammen, ob in Flüchtlingslagern oder als städtische Flüchtlinge, zu begleiten. „Kinder, die in Lagern ohne Kreativität, mitten in der Gewalt aufwachsen, werden zu verlorenen Generationen und sind leichte Beute für Extremisten.“ Dass Kinder und Jugendliche in diesen Fluchtsituationen in die Schule gehen können, ist sehr wichtig für ihre weitere Entwicklung. So zielt der JRS bei den ca. 325.000 Menschen in Syrien, die Dienstleistungen von den Jesuiten erfahren, besonders auf die psychosoziale Arbeit zur Traumareduzierung ab. Über 200.000 junge Menschen sind in Bildungsprogrammen des JRS beheimatet. Zuflucht „Menschen, die Furchtbares erlebt haben, wollen nicht unbedingt darüber reden.“ Sie wollen traumatische Erfahrungen der Flucht gerne hinter sich lassen. Die sollen aber ausgedrückt werden. Künstler drücken das aus, was schwer sagbar ist. Der JRS stellt sich auf die Seite der Sprachlosen. „Mehr als 50 % der Menschen in

Syrien wollen den Krieg nicht!“ Unterm Kreuz zu stehen und die Welt aus der Sicht der Opfer zu sehen, ist der sicherste Standort, um der Dynamik des Bösen zu widerstehen. Die Dynamik des Bösen, der Gewalt, versucht zu polarisieren, zu spalten, uns in politische Lager zu teilen, zu streiten. „Im Syrienkonflikt haben wir unsere Position, unsere politische Lobbyarbeit so definiert, dass wir den Menschen, die leiden, Frieden wollen, die keine Waffe in die Hand genommen haben, den Friedfertigen und Gewaltlosen eine Stimme geben. Ihre Stimme muss in Genf vertreten sein. Das Wenige, was wir tun können, ist viel. Es ist nicht die Quantität, sondern die Qualität, das Wie der Arbeit, welches den Weg nach vorne zeigt. In Syrien, im Nahen Osten, in Afghanistan, wo die Welt nach religiösen Lagern gespaltet ist – Sunniten, Shiiten, Christen, Orthodoxe, Juden – da haben wir Teams, in denen Sunniten, Shiiten und Christen zusammenarbeiten. Im Wie wird die Saat des Reiches Gottes, der Zukunft gesät. Eines Tages wird es wieder ein friedliches Syrien, Irak, Israel, Afghanistan geben.

Peter Balleis SJ beim Vortrag in Wien: „Pedro Arrupe SJ, der Gründer des JRS hatte eine Vision: Your service has to be human, spiritual and pedagogical.” Erich Drögsler SJ und Anna Lengauer begleiteten Flüchtlinge

Peter Balleis SJ / Hans Tschiggerl SJ

mit dem JRS-Österreich.

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JRS – JESUITEN FLÜCHTLINGSDIENST

Kirchenasyl – Rechtsbruch oder Rechtshilfe? Als im bayerischen Augsburg im Februar 2014 ein Kirchenasyl geräumt wurde, schlugen die Wogen hoch und machten auf eine umstrittene Institution aufmerksam. Von Regierungsseite wurde zwar versichert, dass die Polizei kirchliche Räume gegen den Willen des Pfarrers nicht betreten werde. Jedoch, so die offizielle Mahnung, handele es sich bei Kirchenasyl eigentlich um einen Rechtsbruch.

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ie Institution des Asyls hat religionsgeschichtlich eine lange Tradition. Kultstätten, Tempel und Kirchen boten einen Schutzraum für Verfolgte, seine Verletzung galt als Sakrileg. Seit der Spätantike kannte das kirchliche Recht das Asylrecht an heiligem Ort. Doch verschwand dieses Recht in dem Maß, in dem der moderne Rechtsstaat sich herausbildete und die Schutzfunktion übernahm.

Ein Flüchtlingszelt mitten im Kardinal König Haus.

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Inspiriert durch die ökumenische Sanctuary-Bewegung in den USA begann in den 1980er Jahren die Idee des Kirchenasyls wieder aufzuleben. Flüchtlinge harrten mitunter jahrelang in Pfarreien oder Klöstern aus, um einer drohenden Abschiebung ins Heimatland zu entgehen. Trotzdem schreckten viele Gemeinden wegen der unvorhersehbaren Dauer zurück. Heute dagegen ist die Zahl der Kirchen­asyle

auf einem Höchststand (in Deutschland z.B. im Jahr 2014 rund 200 Kirchen­asyle mit mindestens 350 Personen, darunter Familien mit Kindern). Woran liegt das? Im Gegensatz zu früher ist Kirchenasyl zeitlich überschaubar geworden. In den meisten Fällen droht nicht die Heimatabschiebung des Flüchtlings, sondern seine Rückschiebung in einen anderen EU-Mitgliedstaat. Nach einer europäischen Verordnung ist derjenige Mitgliedstaat für ein Asylverfahren zuständig, in dem ein Flüchtling erstmals die EU betreten hat. Reist er weiter in einen anderen Mitgliedstaat, kann dieser ihn innerhalb von sechs Monaten zurückschieben. Was ist jedoch so schlimm an einer Rückschiebung in einen anderen EU-Mitgliedstaat? Sind das nicht alles sichere Drittstaaten? Berichte von betroffenen Flüchtlingen selbst wie auch von Hilfsorganisationen, nicht zuletzt vom UNHCR, zeigen jedoch, dass die Bedingungen für Asylsuchende in einigen Mitgliedstaaten höchst prekär sind. In Italien etwa müssen Zehntausende in Obdachlosigkeit leben, aus Ungarn hört man immer wieder von Misshandlungen durch Behörden. Zudem differiert die Anerkennungspraxis innerhalb der EU stark: Ein Asylsuchender, der in dem einen Mitgliedstaat gute Chancen auf einen Schutzstatus hat, muss


JRS – JESUITEN FLÜCHTLINGSDIENST in dem anderen mit Ablehnung rechnen. Kirchenasyl kann in Einzelfällen solchen Ungleichheiten entgegenwirken. Durch Überbrückung der sechsmonatigen Überstellungsfrist soll die Rückschiebung verhindert und dem Betroffenen ein faires Asylverfahren sowie eine menschenwürdige Unterbringung verschafft werden.

Ein Blick in das Flüchtlingszelt.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Jesuit Refugee Service: JRS) sowie andere Organisationen haben sich verstärkt dieses Themas angenommen. Sie beraten Gemeinden und vermitteln Flüchtlinge ins Kirchenasyl. Außerdem finanziert der JRS Rechtsanwälte, die die immer schwieriger werdenden Verhandlungen mit den Behörden führen.

Begegnungen mit dem Thema Flucht und Vertreibung.

Die Frage eines möglichen Rechtsbruchs steht weiter im Raum. Liegt im Falle eines Kirchenasyls Beihilfe zum illegalen Aufenthalt vor? Die Antwort lautet: Nein. Denn ein Kirchenasyl wird den Behörden gemeldet, der Betroffene gilt demnach nicht als „untergetaucht“. Im Gegenteil ist Kirchenasyl eine Form von Rechtshilfe: Es zielt auf ein faires Asylverfahren und eine menschenwürdige Behandlung ab und legt dabei den Finger in eine offene Wunde, nämlich in die Mängel des europäischen Asylsystems. Diese zu beheben wäre ein politisches und ethisches Gebot der Stunde. Führende Wirtschaftsnationen könnten hier mit gutem Beispiel vorangehen und schwächere EU-Mitgliedstaaten entlasten. Papst Franziskus hat im September 2013 bei seinem Besuch in dem vom JRS betriebenen „Centro Astalli“ in Rom Ordensgemeinschaften und Pfarreien aufgefordert, großzügig zu sein und ihre Häuser zu öffnen. Gemeinden, die Kirchenasyl gewäh-

Licht der Gastfreundschaft, Jyoti Sahi, Indien.

ren, fühlen sich durch seine Worte ermutigt. Trotz aller Schwierigkeiten betonen sie, dass diese Entscheidung sie persönlich und als Gemeinde geprägt und bereichert hat, dass sie ihre christliche Verantwortung neu sehen: So wird Kirchenasyl zum gelebten Evangelium, zur froh machenden Botschaft. Dieter Müller SJ Artikel in Stimmen der Zeit 12 2014 17


Kinder mit BrailleSchreibmaschinen.

Als Jesuit Volunteer in Guadalajara Evelyn Christine Dolzer aus Oberösterreich macht mit Clara und Nadia einen Freiwilligeneinsatz in Guadalajara/Mexico und arbeitet in der Helen Keller Schule für blinde und sehbehinderte Kinder. Auf Ihrem Blog berichtet sie regelmäßig von ihren Erfahrungen (www.vivaguadalajara.wordpress.com). Hier ein kurzer Einblick.

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as mich am meisten motiviert, ist, mich sozial zu engagieren und als Vermittlerin zwischen meiner Heimat Österreich und dem Einsatzland Mexiko einen kleinen Beitrag zum interkulturel-len Verständnis zu leisten. Ich möchte mich persönlich weiterentwickeln, vielschichtige Erfahrungen sammeln und dieses eine Jahr ganz anders leben.

Helen Keller Schule Vormittags arbeite ich in der Vorschule mit Schülern im Alter von 4 bis 7 Jahren. Hier werden die Kinder auf das Lernen der Braille-Schrift (Blindenschrift) vorbereitet. Dabei liegt der Fokus am Fühlen und Unterscheiden von verschiedenen Materialien und dem Trainieren der Feinmotorik. Ein Beispiel aus unserem Alltag: Die Kinder basteln ein Dreieck aus Holz18

stäbchen, auf welches mit Kleber kleine Krepppapierbällchen draufgeklebt werden. Hier muss man sich einmal den geistigen Aufwand für ein 4-jähriges blindes Kind vorstellen, da die Aufgabe möglichst schön, still sitzend und konzentriert ausgeführt werden soll.

Der Tagesablauf Danach bin ich bei den Größeren, die 7-10 Jahre alt sind. Clara und ich arbeiten meist mit den Kindern, die Einzelbetreuung brauchen. Nach der Einheit gehen alle zum Mittagessen. Wirklich faszinierend, wie die Kinder hier mit ihrer Sehschwäche umgehen. Sehr hilfreich ist immer, dass sich die Kinder vorstellen, der Teller wäre eine Uhr. Somit kann man ganz einfach mit „Du hast noch Reis auf 6:00 Uhr“ darauf hinweisen, wo noch etwas übrig ist. Oft nehme ich auch ein Kind an der Hand


und helfe, das Essen am Teller zu finden und es zum Mund zu führen. Nach dem Mittagessen haben Clara und ich noch eine halbe Stunde Pause. Um 15:00 Uhr geht es weiter mit den Workshops. Es gibt beispielsweise Sport, Englisch, Musik oder Schwimmen. Um 16:30 ist Schulschluss und alle werden mit dem schuleigenen Bus nach Hause gebracht.

Erkenntnisse Da ich nun schon seit einiger Zeit in der Helen Keller Schule arbeite, sind mir so manche Dinge aufgefallen. Vor allem sticht heraus, dass bei den Kindern alle Sinne ganz anders sensibilisiert sind, als bei sehenden Personen. Beispielsweise ist ihr Gedächtnis viel trainierter, weil Dinge nicht schnell aufgeschrieben und später abgelesen werden können. Wichtige Dinge müssen sich die Kinder einfach merken. So ist es auch, wenn im Musikunterricht gesungen wird die Kinder können alle Lieder auswendig. Auch ihr Geruchssinn ist unglaublich sensibel. Beispielsweise lasse ich die Kinder, wenn wir etwas anmalen, die Farben selbst aussuchen. Sobald ein Stift ausgewählt wurde, öffnen ihn die Kinder und riechen

daran. Für mich haben alle Farben denselben Geruch, aber die Kinder lieben das Aroma der Farbe rosa. Nun ist auch klar, warum die vermeintliche Lieblingsfarbe aller mei-ner Kinder rosa ist.

Clara, Evelyn und Nadja in Guadalajara.

Die erste Braille-Hausaufgabe Schon nach kurzer Zeit an der Schule durfte ich zum ersten Mal eine Hausaufgabe der Kinder korrigieren, somit lernte ich das Braille-Alphabet auch recht früh. Die Hausaufgaben werden von den Kindern mit einer Braille-Schreibmaschine geschrieben. Diese hat 7 Knöpfe, darunter die 6 Punkte der Brailleschrift und einmal die Leertaste. Jeder Buchstabe ist eine Kombination der verschiedenen Punkte, die gleichzeitig gedrückt werden müssen. Es ist jeden Tag faszinierend, den Kindern zuzusehen, wie schnell sie auf dieser Schreibmaschine schreiben. Ich hab es schon ein paar Mal selbst versucht, aber ich brauche lange um nachzudenken, welcher Buchstabe welche Punkte-Kombination hat und welcher Finger auf welcher Taste für den jeweiligen Punkt liegt. Also wirklich – Hut ab vor den Kindern! Evelyn Dolzer 19


GUATEMALA

Eine Sabbatzeit P. Gernot Wisser engagiert sich nach seinem Provinzialat in einem Sozialprojekt in Guatemala. Er berichtet von seinen Erfahrungen: „Besonders beeindruckt mich die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der Jugendliche in der Gruppe freie Gebete sprechen und wie tief Glaube und Glaubenspraxis verankert sind.“ Hier sein Bericht.

Die Fe y Alegria Schulen beginnen dort, wo der Asphalt aufhört.

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ine Sabbatzeit, so dachte ich, dient der Erholung, der Reflexion, natürlich auch der Horizonterweiterung durch das Kennenlernen von unbekannten Welten und dazu, sich selbst darin neu zu erfahren. So klang für mich die Möglichkeit, die Sabbatzeit bei Fe y Alegria in Guatemala zu verbringen, verheißungsvoll. Ich dachte an das MichEingewöhnen, Sprache-lernen, Landund-Leute-kennenlernen und dann sehen, wo ich auch hilfreich sein könnte. Aber es kam dann doch ganz anders. Ich war kaum in Guatemala angekommen, da ging es auch schon in ein Zentrum außerhalb von Guatemala City zur Einweihung eines neu bestückten Computerraumes in einer Schule. Wir fuhren auf unbefestigten Straßen steil bergauf und ebenso abwärts zum Zentrum 48 „Plan Grande“ in Palencia. Es erwartete uns eine sehr gepflegte Schule, wir würden es Mittelstufe

nennen (12 bis 15jährige), ein Festakt mit Nationalhymne, Ansprachen, Präsenz von Stadtpolitikern und Vertretern des Bildungsministeriums sowie ein Buffet und die „Einweihung“ mit Durchschneiden eigens für die Politiker angefertigter Bänder (die einzelnen Teile bekamen wir zur Erinnerung mit) und einem Segensgebet von mir.

Budgetsorgen Am Nachmittag tauchte unerwartet ein Abgeordneter bei Fe y Alegria auf. Er wollte mit dem Generaldirektor, P. Miquel Cortes SJ, über einen Gesetzentwurf sprechen, der den staatlichen Anteil des Budgets von Fe y Alegria absichern soll. Natürlich hat der Abgeordnete auch gleich eine Schule in seinem Heimatbezirk Peten erbeten. So wurde ich auch sofort in die Budgetsorgen miteinbezogen.


Schulungs- und Ernährungs­ programm Eine Fahrt in der nächsten Woche brachte mich in den Osten des Landes, wo Kaffeebohnen wachsen. Hier besuchten wir eine Schule mit Internat und mit handwerklicher Ausbildung in Schneiderei, Tischlerei, Eisenverarbeitung und auch Landwirtschaft. Schließlich ist ja der Anspruch von Fe y Alegria, den Schülern und Schülerinnen eine Ausbildung zu ermöglichen, mit der sie nach Schulabschluss Arbeit finden können. Der Besuch einer einklassigen Volksschule (6-12 Jahre) war sehr berührend. Kinder, die sich vor der Jause die Hände waschen und danach Zähneputzen. Die Idylle hat nur einen Haken, die Kinder brauchen Aufbaunahrung, weil sich ihre Familien kein ausreichendes Essen für die Kleinen leisten können. Gott sei Dank gibt es diese Ernährungsprogramme. Menschenrechte Weiters hatte ich die Möglichkeit bei einem zweitägigen Jugendcamp im Westen von Guatemala dabei zu sein. In der außerschulischen Jugendbetreuung können sich die Jugendlichen in den Schulzentren in „pastoralen“ Gruppen engagieren. Zunächst schien es ein normales Jugendlager zu sein (75 Jugendliche aus drei Zentren). Das Besondere bei Fe y Alegria in Guatemala ist jedoch die Beschäftigung mit Wertvorstellungen und Menschenrechten. So lernte ich, dass es 30 Menschenrechte gibt. Für die Jugendlichen dort sind das Überlebensthemen. Die Rechte von Kindern und Jugendlichen werden weder vom Staat noch in den Familien eingehalten. In Guatemala vergeht kaum ein Tag, an dem niemand ermordet wird. Das Land ist ge-

prägt von Jugendbanden, hohem Alkoholund Drogenkonsum, Prostitution und sexuellem Missbrauch von Minderjährigen. Die Tageszeitungen berichteten jüngst, dass es in den Monaten Juli und August 1150 bekanntgewordene Fälle von Missbrauch gab – die Dunkelziffer mag ich gar nicht errechnen. Umso wichtiger ist es, dass die Jugendlichen zu Selbstständigkeit geführt werden, um ihre neuen Träume von einem anderen, einem gewalt- und korruptionsfreien Guatemala mitverwirklichen können. Gernot Wisser SJ

Beschäftigung mit Wertvorstellungen und Menschen‑ rechten.

Gernot Wisser SJ mit Miquel Cortes SJ dem Leiter der Fe y Alegria Schulen.

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PHILIPPINEN

Ein Jahr nach Haiyan Wie sieht es auf der Insel Culion ein Jahr nach dem Taifun aus, der Dörfer zerstört und Fischerfamilien die Lebensgrundlage entzogen hat?

Reparierte Stelzenhütten und eines der neuen Boote. Feste neue Häuser werden gebaut, wenn die Umsiedlungspläne geklärt sind.

Vom Boot bis zur Mobilbank Im Osterheft hatten wir Ihnen die philippinische Insel Culion vorgestellt und Sie um Unterstützung für die langfristige Wiederaufbau- und Entwicklungshilfe gebeten. Was wurde bisher erreicht? Es wurden neue Boote an Fischerfamilien verteilt oder wahlweise Material, um Boote selbst zu bauen. Die Strände wurden von Taifun-Trümmern gereinigt. Im Sommer begann der Bau von vier Mehrzweck- und Evakuierungszentren. SLB (das jesuitische Hilfs- und Sozialwerk) hat Seminare und Übungen in Katastrophenvorsorge, Kooperativenbildung, Buchhaltung und Existenzsicherung durchgeführt. Als Ergebnis der Workshops haben zwei Dorfgemeinschaften eigene Selbsthilfevereine gegründet. Die erste „BPI Globe BanKO“ wurde auf Culion eröffnet, ein alternatives Banksystem, das über Mobiltelefon funktioniert und als Plattform für Mikrofinanzen und soziale Entwicklung dient. Umsiedlung notwendig Das Hausbauprojekt hat sich leider verzögert. Pater Pedro Walpole, ein Experte

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in „Desaster Risk Management“, hat die Lage der Fischerdörfer überprüft. Sein Ergebnis: Die Dörfer würden beim nächsten Taifun wieder getroffen werden, aber alle geplanten Umsiedlungsplätze haben einen anderen Haken. Entweder ist Zugang zu Trinkwasser ein Problem oder Bodenerosion oder fehlende Akzeptanz bei der Dorfgemeinschaft, weil der Ort zu weit vom Meer entfernt ist. Pater Walpole ist sich jedoch sicher: „Umsiedlungsmaßnahmen sind immer sensibel. Der Prozess mit allen Beteiligten ist das Wichtigste für den langfristigen Erfolg. Ich habe Fälle gesehen, in denen zu schnell wieder aufgebaut wurde und beim nächsten Taifun waren die Schäden noch schlimmer. Das hilft niemandem.“ Die Fischerfamilien haben in ihren alten Dörfern wieder ein Dach über dem Kopf – so vorläufig es auch sein mag. Wir können nur hoffen, dass bald der Bau von neuen Häusern an einem sicheren Platz beginnen kann. Klaus Väthröder SJ


UNSERE WEIHNACHTSBITTE FÜR MAKUMBI Liebe Leserin, lieber Leser! Mit einem strahlend breiten Lächeln hält der Junge aus Makumbi die Wunderkerze in der Hand. Feste sind etwas Wunderbares für Kinder. Von Herzen bitte ich Sie um Ihr Weihnachtsgeschenk für das Kinderheim in Makumbi. Sei es eine Spende für ein neues Bett (50 Euro), für Schulgebühren (100 Euro) oder für das Gehalt einer Hausmutter (300 Euro) – jeder Beitrag hilft, um die laufenden Kosten in Höhe von 7.000 Euro pro Monat zu finanzieren. Umgerechnet sind das pro Kind und Tag 2,50 Euro. Da das Jugendamt in Simbabwe nichts zahlt, ist das Kinderheim auf unsere Hilfe angewiesen.

Jesuitenmission IBAN: AT942011182253440000 BIC: GIBAATWW MENSCHEN FÜR ANDERE Spendenzweck: Makumbi Ihr Spende ist gemäß § 4a Z.3 und 4 EstG absetzbar! ZVR-Zahl 530615772 / SO 1345

Ich danke Ihnen für Ihre Weihnachtsgabe!

Hans Tschiggerl SJ Missionsprokurator

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Danke für Ihre Unterstützung!

JESUITENMISSION Dr. Ignaz Seipel Platz 1, A-1010 Wien Tel.: +43 1 512 5232 56 office@jesuitenmission.at www.jesuitenmission.at IBAN: AT94 2011 1822 5344 0000 BIC: GIBAATWW MENSCHEN FÜR ANDERE

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Magazin der Jesuitenmission 2014-4  

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