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Saufen unterm Hakenkreuz Markus Schauta Matthias Hütter

Z

̩wei Typen, ihr Fahrer und ein Auto: Im südlichsten aller Bundesländer suchen sie nach einem mittelalterlichen Phallussymbol mit behaktem Kreuz, werden von Englein beweint, von Fäusten liebkost und von Wirtinnen und ihren Bürgermeistern versetzt. Und am Schluss lösen sie die Frage, wie man mit 160 Sachen unbemerkt die Kurve kratzt.

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TAG 1

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̩13:00 Uhr

̩13:00 Uhr

In tödlicher Selbstüberschätzung griff sich Phaeton die Zügel des Sonnenwagens und bretterte damit über das Firmament. In der Nacht des 11. Oktober 2008 kam er von der Fahrbahn ab. Verkehrsschild, Vorgarten, Betonsockel. Phaeton überschlug sich, spuckte einen Schuh der Marke Ludwig Reiter und eine Brille von Donna Karan aus, und blieb zerfetzt auf der Straße liegen. Über Phaetons Himmelssturz war sein Geliebter untröstlich, schreibt Ovid. Auch Stefan Petzner weinte über den Abgang seines Lebensmenschen und für Kärnten el mit Haiders Tod die Sonne vom Himmel.

„„Mit dem Hirn gegen die Großen, mit dem Herz für die Kleinenb...““ –– „„Auf Ewig in unseren Herzen –– Danke!““ –– „„Jörg, du warst unser wertvollster Stern!““ –– naja, wohl eher sternhagelvoll. Die Haider-Tangente. Eigentlich gar keine nennenswerte Kurve, nur ein hässliches Stück Bundesstraße. Komisch: Hunderte Grabkerzen, keine einzige brennt. Nur das orange bemalte Haus hinter der stinkenden Thujenhecke flackert in der Mittagssonne. Und diese weißen Engelchen... Da, ein kleines Kärtchen beantwortet die brennendste aller Fragen: „„Wie komme ich von hier aus zum Grab?““ –– „„Hey, da müssen wir hin!““ –– „„Klar!““, antwortet Markus nach gefühlten 20 Minuten. Er studiert gerade gedankenversunken eine der zahlreichen Inschriften an der Pestsäule. Abrupt dreht er sich weg und eilt zum Auto. Ist halt als Kärntner emotional involviert. „„Wie schnell, glaubst du, ist der da rein in die Kurve?““, schreit der Fahrer vom anderen Ende der gut 15 Meter langen Haiderhaltestelle. „„Puh! Mir kommt vor, ich hätt mal was von 160 km/h gelesen.““ –– „„Geht sicher schneller. Müsst man aber ausprobieren. Ich sag immer: Trau keinem außer der eigenen Erfahrung.““ –– „„Naja, dazu müsst man dann aber schon schaun, wie schnell man die Kurve besoffen abfahren kann. Alles andere wär ein glatter Selbstbetrug.““ –– „„Gute Idee. Wolltet ihr heute Abend nicht eh einen draufmachen?““ Ich schau in das erwartungsvolle Gesicht des Fahrers, dann in eines der fahlen Haiderantlitze auf einer überdimensionierten Kerze. Genug! Schnell ins Auto.

„„Sonny Soul testen““, kritzle ich in den Notizblock. Als die Beifahrertür aufschwingt, klirrt eine leere Bierflasche auf den Parkplatz in der Jörg-Haider-Gedächtniskurve. Jörg Haider, der blunzenfett einen tödlichen Unfall baute. Der politische Bankräuber, der in Kärnten ein korruptes System aufzog, dessen bizarre Politguren heute noch an den Hebeln der Macht sitzen. Plastikengel, Grabkerzen ohne Flamme, der Haider mit toten Augen auf Fotos hinter Glas. Am Christophorus-Bildstock ist ein Taferl angebracht. In kindlicher Handschrift steht da ein Gedicht geschrieben. „„Die Seele ist ein weites Land““, lese ich, überfliege den Mittelteil, wo es um eine Marktfrau am Neuen Platz, Kraut und Würstl geht und breche bei „„Landesvater mit feinstem Charakter““ ab –– danke, das war’’s! Ich werfe mich wieder auf den Beifahrersitz. Am Rande des Parkstreifens stehen Matthias und der Fahrer: Dr. Watson und Sherlock Holmes rekonstruieren den Unfallhergang. Als ich das Schild „„Sigís Kneipe““ weiter vorne an der Straße entdecke, drücke ich die Hupe.

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13:30 Uhr

̩13:30 Uhr

In Sigís Kneipe versitzen Köttmannsdorfer ihre Tagesfreizeit. Der Postler ist da und drei Kartenspieler. „„Oba freilich““, sagt der Wirt, „„jeden Tog kumman Besucher zua Kuavn. Busse bleiben a imma noch stehn.““ Ob die Gemeinde den Platz in Schuss halte? Da komme einmal die Woche eine Frau vorbei, die alles sauber macht. Ich bestelle eine Runde Bier. Und dann noch eine. Als nach der dritten Runde immer noch kein Bus an der Unfallstelle hält, brechen wir auf. Wir fahren die Drau entlang durchs Rosental, brettern durch Hundsdorf, auf Slowenisch Podsinja vas, wie die zweisprachige Ortstafel weiß, und erreichen Feistritz. Wir biegen ab, hinein ins Bärental. 15 Minuten später hält der Wagen knirschend auf einem Parkplatz. Von hier seien es sieben Minuten bis zu Haiders Grab, hatte auf dem Informationsblatt bei der Haider-Kurve gestanden. Der Fahrer stürmt los, ich hinterher. Die Forststraße führt an einem menschenleeren Gehöft vorbei, immer tiefer ins Bärental hinein. Ich pinkle an einen Baum, Matthias verabschiedet sich zum Pilzesuchen und als ich auf die Straße zurückkomme, sehe ich den Fahrer weit vorne um eine Kurve biegen und verschwinden. Irgendwo jammern Motorsägen. Ich greife zum Handy. Kein Empfang. Die Uhr zeigt halb vier. Wir sind seit 40 Minuten unterwegs und ich weiß jetzt, dass wir uns verlaufen haben. Am Rückweg nden wir die Abzweigung gleich hinter dem Parkplatz. Am Ende des Weges steht die Kapelle, hinter der Haiders Asche vergraben ist. Kleine Engel gaffen mich an, stehend und liegend, mit gefalteten Händen oder Geige spielend; Plastikherzen mit der Aufschrift „„Jörg““ und Fotos von ihm mit „„Jörg du fehlst uns““ –– die Handschrift scheint überall dieselbe; eine deutsche Fahne, ein „„Wahrheit-fürJörg““-Transparent und ein Gruß vom „„venetischen Volk““. Der Wind bläst vertrocknete Blätter von den Bäumen und mir Friedhofsgeruch in die Nase und das Plätschern eines Urinstrahls ans Ohr.

Weit sind wir nicht gekommen. Genau genommen haben wir nur die Straßenseite gewechselt und sind dann im verraucht-bratfettigen Wirtshausdunst untergetaucht. Markus unterhält sich mit den Eingeborenen. Ich halte mich zurück und beobachte. Man könnte ja leicht auffallen, so rein sprachlich. Das Bestellintervall wurde an die schnapsenden Kartenspieler angepasst. Zwei, drei Mittagsseideln im urigen Ambiente und dann geht’’s weiter ins Bärental. Und gleich vorweg: Alle Achtung, alter Haider, RIP, diese Straße auch ohne Alkohol im Blut unfallfrei zu fahren –– Ralleyspaß! Der Mann hatte Eier.̷ Dann, oben im engen, kalten Tal, geht́s zu Fuß weiter. Irrwanderung entlang einer Forststraße. Ich nütze die Gelegenheit und suche Eierschwammerln, die ich wieder wegschmeiße. Wir waren vor einer halben Stunde falsch abgebogen, Weg zurück, doch links abbiegen, weiter rauf. Da. Kleine Kirche, große Grablege, Gusseisenkreuz, beweint von hunderten weißen Keramikenglein, umweht von Burschifahnen, bepflanzt mit Schlingpflanzengewuchere, beschmückt mit drei roten Plastikrosen. Erloschene Kerzen. Frage: Wie kommt eigentlich die alte Kapelle dazu? Egal. Ich schweife ab, sehe Mossad-Agenten durch das unwegsame Dickicht des Tales schleichen und das Haider-Anwesen suchen, sehe den Petzner, wie er allwöchentlich einen neuen weißen Engel am Grab niedersetzt, vielleicht eine Kerze entzündet, still verweilt und wortlos wieder gehtb ... Da, Gebell! Ein älteres Pärchen kommt, posiert andächtig. Der Hund pisst gegen die Kirchenecke. Ein Gewitter zieht auf. Zurück zum Auto, ein Schluck Schnaps aus dem Flachmann des Fahrers. Hier ist er also begraben, aber wo wohnte Haider? Ungeklärt. Vielleicht hat’’s der Mossadagent herausgefunden. Irgendwie aber auch egal, denn ich weiß nun: Hier sagen sich nicht mal mehr Fuchs und Hase gute Nacht.


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Seidƍs extra wegen dem Jörg Haider gekommen?


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̩17:00 Uhr

̩17:00 Uhr

Über den Karawanken hängen schwarze Wolken. Die Reifen sirren auf dem nassen Asphalt, als wir aus dem Rosental hinaus rasen. Das Bergbaumuseum in Klagenfurt sperrt um 18:00 Uhr zu –– wir müssen uns beeilen. Die Haider-Ausstellung wartet. „„Seid́s extra wegen dem Jörg Haider gekommen?““ –– „„Ja, eh.““ –– „„Die Ausstellung haben wir 2010 aufgelöst.““ –– „„Warum, schlecht besucht?““ –– „„Aber nein, die besten Besucherzahlen, die wir je hatten.““ –– Stirnrunzeln. –– „„Die Medien haben falsch berichtet.““ –– „„Aha.”” –– „„Die Ausstellung war von Anfang an nur für einen kurzen Zeitraum geplant.““ –– „„Und jetzt?““ –– „„Frau Haider wollte eine Ausstellung im Bärental eröffnen. Aber dazu ist es nicht gekommen.““ –– „„Verkaufen Sie Bier?““ ––„„Nein.““ –– Wir gehen.

Markus befragt den bundesdeutschen Kassier am Stolleneingang zur Haider-Ausstellung. Ich beginne an unserer Mission zu zweifeln. Wen interessiert́s? Lasst́s den Haider doch in Ruh! Vielleicht ist auch hier, in Süd-Koroska, eine österreichische Lösung das Anzustrebende und das Wunder von Kärnten geschieht wahrhaftig: Es begräbt ihn die Zeit und alles wird gutb... Glücklich ist, wer vergisstb... Oder zumindest ein bisserl verklärenb... Und aus dem Bärental beim Rosental wird dereinst König Jörgens Bärengarten, undb ... Was für ein Tag. Der Markus macht das schon, quetscht die Infos raus aus dem Herrn Kassier. Aber die Ausstellung und die werte Witwe –– bitte sagt́s mir: Wen interessiert́s? Alles wird gut.


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̩20:30 Uhr Wiesenmarkt in St. Veit an der Glan, größtes Volksfest in Kärnten: Humtata-Musik in Bierzelten, Schnaps an Theken. Würstel braten, Stroboskope blitzen. Volksfest seit 651 Jahren. Seine Augen glänzen wie feuchte Pilze und das Hemd hängt nachlässig aus der Lederhose. Der Kerl hat sich bis unter den Scheitel mit Bier abgefüllt –– so viel ist klar. Dennoch schwankt er kein bisschen, als er jetzt in die Knie geht und die Holzkugel mit einer kräftigen Bewegung auf die Bahn wirft. Drei von neun Kegeln fallen um, damit hat er die Runde gewonnen. Der gesamte Einsatz, immerhin 80 Euro, gehört ihm. Ich lehne an der Holzwand, die den Bereich der Sandkegelbahn von den Zuschauern trennt und trinke Bier. Die Bahn ist 16 Meter lang, die neun Kegel am Ende der Bahn stehen weit auseinander. Oft fällt ein Kegel um, gelegentlich zwei, drei sind selten. Wieder werfen die Kegler ihre Einsätze auf den Boden. Zehner und Zwanziger bilden einen kleinen Haufen. „„Lercherlschaߓ“, wie mir einer der Kiebitze versichert. Um die richtig großen Summen werde im Hintergrund gespielt, dort auf der

kleinen Holztribüne am Anfang der Kegelbahn, wo sich die vielen Zuschauer drängen. Ich gehe ans andere Ende der Bahn, wo die Aufsetzerin lehnt. Nach jeder Runde stellt sie die umgefallenen Kegel auf und glättet die Sandbahn mit einem Rechen. „„Schwachscheibler““, raunzt sie, als die Holzkugel zwischen den Kegeln hindurch rollt und kraftlos gegen die Holzwand schlägt. Zwei Euro, ihr Anteil vom Wettgeld, bekommt sie nach jeder Runde ausbezahlt. Früher, so erzählt sie, gab es sechs Kegelbahnen. Wegen der hohen Wettsummen, so hieß es, wurden die dann aber verboten. Tatsächlich ging es darum, dass die Veranstalter den Platz an die Gastronomie vermieten wollten –– bringt einfach mehr Geld. Die Aufsetzerin dreht sich zur Seite und kotzt. Die rote Brühe, die sich da mit dem Sand vermischt, sieht aus wie Blut.


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̩20:30 Uhr Der Franz, der will mit mir spielen. „„Oamol, geht schon! Du bist a klassa Kerl, des siach i scho!““ Ganz ehrlich: Ich trau mich nicht, will mich vor der testosteron-, adrenalin- und alkoholgetränkten Runde nicht blamieren. Sagen tu ich schließlich zum Franz, ganz locker versteht sich: „„Geh, das machst du schon alleine! So alt bist du dann auch wieder nicht!““ Zur Untermauerung meiner städtischen Coolness schiebe ich ihm zehn Euro als Einsatz hin –– er solle doch ohne mich kegeln, den Gewinn könne er behalten. „„Na, des geht nita. Woaßt, bei dem Kegln do iśs koa Aufhean nit!““ Ich verstehe. Alleine traut er sich nicht. Und so hat jeder auf seine Weise Angst um die Männlichkeit. Ich bestelle uns zur Beruhigung zwei Bier von der Kellnerin mit dem auffallend ausladenden Dirndl. Ausufernd trifft es vielleicht besser. „„Und der, des is a festa Depp!““, meint Franz und zeigt auf einen Typen in braunem Trachtenrock, der sich gerade zu einem uralten, weißhaarigen Herrn hinunterbeugt. Der Alte gestikuliert wild, erhebt sich von der Bierzeltbank, öffnet sein Portemonnaie und reicht dem Deppen ein Bündel Zehner. „„Des is sei Schwiegervota. Der gibt ihḿs Göld und er vaspült olles.““ Und wirklich: Der arme Depp tritt an,

faltet einen Zehner, wirft ihn zu Boden, spuckt sich in die Hände, reibt die Spucke ein, kickt sich die Holzkugel hoch, fängt sie aus der Luft, betastet sie, küsst sie, klopft sie auf die hölzerne Bande, visiert das Ziel an, holt aus, macht drei schnelle Schritte, lässt die Kugel fliegen, sie tappst auf, rollt dahin und –– schlittert zwischen den Kegeln hindurch. Die Aufsetzerin rotzt verächtlich zu Boden. Geschmunzel, kein Gelächter der anbei Stehenden. Er hat bezahlt, also darf er sich auch in Würde ruinieren. Der Schwiegervater schreit. Der Depp zündet sich eine bizarr gekrümmte Virginia-Zigarre an und wirft den Zehner für die nächste Runde zu Boden. Ein Heidenspaß! „„Und des is da größte Sauhund von do bis Texas!““, stellt mir Franz den nächsten Spieler vor. Jeans, Bermudahemd, zurückgeschlecktes, öliges Haar. Gewinnt quasi jede Runde. Pro. „„Der fohrt des gonze Johr von an Volksfest zum ondan und keglt überoll. Und sunst gheart ihm a Disco in Blaibuag.““ Und wirklich: Der Sauhund zielt, scheibt und trifft, sammelt unter anderem den zweiten Zehner vom Deppen vom Boden auf und weiter geht’’s mit der nächsten Runde. Auch der Depp ist wieder dabeib...


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̩22:30 Uhr Okay, feiern können sie, die Kärntner. Hätte man ihnen nicht zugetraut. „„Zwei Bier?””, fragt der zuvorkommende Barkeeper. „„Nein, drei Bier bitte!““, schießt es aus meinem Mund, untermauert von Daumen, Zeige- und Mittelnger der rechten Hand, die ich dem Typen unter ̩̩22:30 Uhr die Nase halte. „„Ich dachte, in Kärnten bestellt man immer nur drei Bier““, lege ich nach. Witzig nde das Neue Theke, neues Bier. Der Fahrer ist vom Arsch der kleinur ich. Trotzdem bringt er die Biere. Drei an der nen Blonden angetan, die dem besoffenen Nachbartisch eiZahl. Ich geh kurz raus. Schwummrig irgendwie alles um mich herum. Da, eine hübsche Dame, nen Alkoholtest anbietet und ruft sie zu uns herüber. „„Oje, da, ein Grüppchen halbwüchsiger, junger Bureine bakku-shan““ –– „„Hä?““ –– „„Japanisch und heißt soviel schen, die nuscheln –– schauen die mich an? wie Mädchen, das von hinten schön aussieht, aber nicht Lachen die über mich? Einer kommt auf mich von vorne.““ Egal, jetzt wird geblasen. Der Alkomat zeigt zu, ich spür eine geballte Faust in der rechbeim Fahrer 2,7 Promille an. Wir bestellen noch drei Bier ten Augenhöhle, greller Blitz, dann nichts, und werden verhaltensauffällig. Der Matthias braucht erst kein Schmerz, keine Burschen, keine hübmal frische Luft. Vor der Schießbude „„Der goldene Schuss““ schen Damen. Hab ich das geträumt? bekommt er eine Faust ins Gesicht geknallt.


TAG 2 ̩07:00 Uhr

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Im Aufenthaltsraum der Pension spuckt die Kaffeemaschine fauchend und gurgelnd den Mokka in meine Tasse. Eine leere Flasche Gordońs steht am Tisch, dazu Gläser mit ausgelutschten Zitronenscheiben. Matthias sieht abgegriffen aus und was mich aus dem Spiegel anstarrt, freut mich nicht. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht sind verschwommen. In meinem Sakko nde ich meinen vollgekritzelten Notizblock: „„Dobernig, des schiache Gfries““, „„Buberlpartie hängt uns wie ein Zeck an den Eiern““. Ein Blick aufs Handy. Das Aufnahmegerät läuft: Sechs Stunden, 42 Minuten. Ich stoppe, drücke auf Play: „„Memo an mich selbst““, hör ich mich lallen, im Hintergrund Autodrommusik, „„St. Veiter zu mir im Riesenrad: Hakenkreuzturm –– alter Hut –– interessiert niemanden –– was war, das war –– mia san mia –– soll Heimat nicht durch den Dreck ziehen –– Ende.““ Ich leg das Handy weg und exe den brennheißen Mokka. Uns erwarten Interviews mit dem Bürgermeister der Gemeinde Kraig und dem Pächter der Burgruine, an deren Turm seit 1934 ein Hakenkreuz prangt. Mindestens vier Meter im Durchmesser. Vor zwei Jahren kam es zum Vorschein, als die Bäume um die Ruine abgeholzt wurden. Wegmachen? Unmöglich, stand in den Lokalblättern zu lesen. Um 8:30 Uhr stehen wir vor dem Gemeindeamt in Kraig und warten auf den Bürgermeister. Um 8:35 Uhr knattert ein Traktor vorbei, um 8:50 Uhr ist immer noch kein Bürgermeister zu sehen. Wir gehen ins Gasthaus Matschnigg auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Kaffee ist heiß und stark. An der Wand hängt ein Foto der Ruine Hochkraig. Ich frage die Wirtin nach dem Hakenkreuz, erfahre aber nichts Neues. Es sei schwierig das zu entfernen, weil der Turm baufällig ist. Übermalt wurde es schon einmal, aber die neue Farbe ist wieder abgeblättert.


̩07:00 Uhr „„So wollten die Slawen unser Kärnten teilen!““ Da steht́s! Dick und tapfer. Hab ich mich doch glatt mit einem Abwehrkämpferbund-Plakat ins Bett gelegt, es mir um den Kopf gewickelt. Was tapezieren sie auch die ganze Stadt damit zu! Ist ja klar, dass sich da der eine oder andere Wiesenmarktgast eins mit nach Haus nimmt und als Sabberschutz über das Kopfkissen bettet. Den einzig sinnvollen Daseinszweck hat’’s aber ausgesprochen heldenhaft erfüllt: Ein triefender Speichelfleck wellt das Papier, gerade dort, wo auf der abgebildeten Kärntenkarte das Mölltal sein müsste. Wer wird die wieder bezahlt haben, die Plakate? Der Dobernig? Ok: Tag zwei. Auf geht’’s zum Herrn Bürgermeister von Kraig. Und siehe da, der lässt uns im Morgentau stehen. Wirtshaus sei Dank bleibt ein größerer Schock aus. „„Und was ist mit dem Hakenkreuz auf dem Turm der Burg? Ist das noch dran?““ –– echt jetzt? Hat Markus das eben die Wirtin gefragt? Zu spät um einzulenken, zu direkt die Frage. Sie verkriecht sich in der hochofziellen Version und schließlich hinter der Theke. Na bravo, nicht mal die Wirtin will mit uns über das dörfliche Mainsight sprechen. Keinen Sinn für ihre touristische Unique-Selling-Proposition, die Leute hier. Schade. Wird dann mal wohl Pleite gehen, das Kaff.

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̩11:00 Uhr

̩11:00 Uhr

Wir parken vor dem Schloss Frauenstein. Mit Kamera, Stativ und einem Sechsertragerl Hirter Bier brechen wir auf. Irgendwo in den Wäldern hinter dem Schloss steht die Ruine Hochkraig. Nach 20 Minuten erreichen wir eine Wiese. Dahinter erhebt sich ein steiler, bewaldeter Hang. Ganz oben, am Rande eines Felsens, hockt eine morsche Ruine. Am mächtigen Turm ein fettes weißes Hakenkreuz. Mein Handy läutet. Es ist der Pächter. „„Das Interview wird nicht stattnden““, stellt er fest. Es gebe eine Weisung von der Gemeinde, weshalb auch der Bürgermeister nicht erschienen sei. Punkt. Ende des Gesprächs. „„Und jetzt?““, fragt der Fahrer. Ich reiß ihm eine Flasche Bier auf: Saufen unterm Hakenkreuz.

Hinter dunstigen Weihern, vorbei an einem slawischen Grab aus der Völkerwanderungszeit, giftigen Pilzen und modrigen Baumstämmen, weitet sich das düstere Tal nach einer halben Stunde Fußmarsch. Ein Kahlschlag. Da, links auf einem Felssporn: Minas Morgul. Ich setze mich zu Markus auf die Bank. Wortlos drückt er mir eine Flasche Bier in die Hand. Wir lassen fassungslos die Aussicht auf uns wirken. „„Die Sonne brennt mir auf eine Art und Weise auf die Birne, dass mir schlecht wird““, bricht Markus das Schweigen. Ich nicke verständnisvoll, greife in die Jackentasche und halte ihm ein Aspirin hin. Ein Pärchen spaziert den Weg herauf. Der riesige Hund prescht an uns vorüber, wie ein Pferd –– ein Warg. Mir ekelt. Das Pärchen in schwarz bleibt stehen. Der Mann hebt die Hand und deutet hoch zum Turm. Der Blick der Frau folgt der Richtung, dorthin wo das Hakenkreuz prangt. Meiner aber bleibt am muskulösen Unterarm des Kerls hängen. Ein Tattoo, Worte in gotischen Lettern, runenumrankt: „„Klagt nicht, kämpft!““ –– Echt jetzt? Echt?

̩17:23 Uhr „„Noch zwei Ottakringer, bitte!““ –– „„Wenn ich so an den Projekteinkäufer der ÖBB denke, der für die Sitze in den Railjets verantwortlich ist, dann hab ich immer diese Samuraischwert-Fantasienb...““ –– „„Hä?““ –– „„Ratzfatz Kopf ab.““ –– „„Ach dieb...““ –– „„Immer wieder ein innerer Abwehrkampf.““ –– „„Mhmb...““ –– „„Da sind sogar die Linienbusse in Südostburma komfortabler. Und außerdem verkaufen die dort im Bus Valium, damit man von der Folterei möglichst wenig mitkriegt.““ –– „„Sonny Soul würd’’s auch tun, was für die geschundene Seele.““ –– „„Stadtkrämer-Style quasib...““ –– „„Dafür habeńs bei den Flatscreens nicht gespart. Braucht man schon, so im Zug. Ist ja oft ein bisserl fadeb...““ –– „„Naja, und so wissen wir wenigstens, dass wir irgendwo in der Steiermark sind und in einer Kurve liegen.““ –– „„Immerhin!““ –– „„Und das mit 160 Sachen.““ –– „„Ich saǵs ja. Geht doch.““ –– „„Schon blöd eigentlich, dass er nicht mit der Bahn gefahren ist, der Haiderb……““ –– „„Der Sturz des Phaeton. Im Niemandsland gefallenb...““ –– „„Man fährt wieder Bahn Baby, man fährt wieder Bahn.““ –– „„Aber nicht, wenn man in vorgestrigen Ansichten lebt.““ –– „„Nein, dann fährt man den deutschen Volkswagen.““ –– „„Frau Ober! Geh, bringen Ś uns bitte eine Flasche Wodka. Wissen Ś, zwecks der Nostalgieb...““

Fotos: Christopher Glanzl

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Profile for markus

Saufn unterm Hakenkreuz  

rasante Gonzostory über braunen Politikerkult, ein 651-jähriges Zeltfest und eine Ruine mit Hakenkreuz.

Saufn unterm Hakenkreuz  

rasante Gonzostory über braunen Politikerkult, ein 651-jähriges Zeltfest und eine Ruine mit Hakenkreuz.

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