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Mich stört das (unausgesprochene) Missverständnis zwischen „gelernten“ Kreativen und den Hobbykreativen. Mich stört das Verkennen der jeweils anderen Arbeit und das gegenseitige Unverständnis. Wir sind in einem kreativen Studium um am Ende Kreativitätsexperten zu werden. Da kreatives Arbeiten aber in vielen Bereichen für Jedermann zugänglich und möglich ist, gibt es viele autodidakte kreative Köpfe. Diese dilettantisch Kreativen, haben ganz andere Motivationen hinter ihrem Schaffen, als jemand, der versucht damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Trotzdem werden sie von den Experten oft negativ beäugt und in ihrer Arbeit nicht ernst genommen. Doch dank fehlender Kenntnisse erarbeiten sie sich oft ihre eigenen Methoden und finden so zu neuen Möglichkeiten als der Experte, der Vieles schon gar nicht in Betracht zieht. Jahrelang angeeignetes Wissen ist für den kreativen Lebensunterhalt zwar sehr wichtig, führt aber auch dazu, dass voreingenommen und weniger frei gearbeitet wird. Ganz im Gegensatz dazu arbeitet der Hobbykreative einfach aus Spaß am Machen, aus Freude über das Endergebnis und ist Stolz über das, was er erschaffen hat. Trotzdem herrscht, meiner Meinung nach, ein unausgesprochenes Missverständnis zwischen kreativen Experten und kreativen Dilettanten. Der dilettantischen Kreativität wird ein Mangel an Tiefe vorgeworfen. Die Arbeit ist am Ergebnis ausgerichtet, während der Experte oft ein tiefergehendes Konzept verfolgt. Der Experte hat ganz andere Ansprüche an seine Arbeit und erschafft so im Extremfall auch ein Unverständnis, da viele Betrachter die Vielschichtigkeit nicht sehen. Sätze wie „Wer soll denn so etwas tragen?“ fallen von Seiten der weniger Kreativen, die eine klare Vorstellung davon haben, wie Kleidung auszusehen hat.


Die Marke d u l l i ergreift die Chance beide Welten zusammen zu führen. d u l l i - Dulli ist die liebevolle Bezeichnung für jemanden, der etwas „nicht checkt“ oder nicht kann. d u l l i möchte die kreative Energie und die unvoreingenommene Sicht der Dilettanten nutzen. In der Nähszene gibt es viele mutige Hobbykreative, die sich für die Entwicklung von Mode interessieren, sich trauen neue Dinge auszuprobieren und auch mal anders auszusehen. Durch das Nähen der eigenen Kleidung treffen sie aktiv immer wieder Entscheidungen. Sie sind hier dem Designen von Kleidung also nicht komplett fern, gehen aber ganz anders an das Kleidungsstück ran. d u l l i bindet die Kundin in unterschiedliche Prozesse ein, wie z.B. Formentwicklung, Mappings, Details oder Stoffauswahl. So profitiert d u l l i von der unvoreingenommenen, freien Denkweise von dilettantisch Kreativen. Die Rollen verschieben sich - der Dilettant wird zum Experte und der Experte wird zum Dilettant. Die Kundin, eine offene Frau, die sich in ihrem Hobby auslebt, sich aber selbst nicht traut auf ihre Kreativität als Lebensunterhalt zu setzen, ist experimentierfreudig und neugierig. Ihre Naivität wird zu Leichtigkeit, doch ist sie gleichzeitig auch unbeholfen und unsicher in ihrer Herangehensweise. Die Marke d u l l i führt sie an die Welt der Modedesigner heran und ermutigt sie selbst ihre Kreativität zu erforschen. Denkbar wäre das in Form von z.B. Workshops, in denen Dilettanten Teile der Kollektion erarbeiten. Durch unterschiedliche Aufgaben und Herangehensweisen bekommen die Dilettanten einen Einblick in die komplexität einer Kollektion und verstehen, dass Mode mehr sein kann als das Zusammennähen von Kleidung. Auch online könnten externe Kreative Teil der Kollektion werden und z.B. über Farben und weitere Details abstimmen. Die Neugierde für die fremde Welt der Modedesigner wird so ein Stück weit gestillt und die Kundin wird ein Teil der Kollektion, kann indirekt mitbestimmen oder Einblicke bekommen. Die Designerin ist die jenige, die alles zusammen führt und anleitet. Sie bestimmt anschließend über den Mehrwert und die Nutzbarkeit der Beiträge. Die Hobbykreative erstellt also kein komplettes Kleidungsstück oder bekommt eine vorgefertigte Anleitung a la „how to be fashion designer“ sondern bekommt Einblick in die Welt der kreativen Experten und sammelt so erste Erfahrungen. Sie ist eine große Hilfe für die Designerin, denn diese kann sich die Sichtweise der Dilettantin zu Nutze machen.


In der Entwicklung von Formen und Entwürfen nutzen Experten oft die Technik der Mappings. Heruntergebrochen auf eine nicht digitale Form, ist es genau genommen eine erweiterte Collagentechnik. Die Aufgabe der ersten Formentwicklung habe ich zwei Freundinnen, die Nähbloggerinnen sind, überlassen. Sie bekamen einige Blätter mit unterschiedlich großen, ganz alltäglichen Kleidungsstücken geschickt und ein Blatt mit Figurinen. Damit haben sie mir die ersten Collagen entwickelt, wobei sie hier ohne Vorgabe arbeiten konnten. So entstanden Formen und Beispiele, die ich so sicher nicht zusammen gestellt hätte, was meine Kreativität wiederum ganz anders gefordert hat. Das danach folgende Zusammenfügen und weiter entwickeln der Collagen war dann wieder die Aufgabe der „Expertin“.


Meine zwei wundervollen Assistentinnen: Kerstin - aschenputtelfashion

Anika - Konfettiregen Berlin

Weiterentwicklung der Collagen


Sticken ist für mich die Technik, die man am Einfachsten, ohne große Vorkenntnisse ausprobieren kann. Alles was man benötigt ist eine Nadel und Garn. Daher eignet sich diese Technik besonders gut für die dilettantische Arbeitsweise. Durch das Erarbeiten von unterschiedlichen Materialproben kam ich darauf mit Hilfe von dicker Wolle Strick zu immitieren. Da ich selbst nicht stricken kann, ist hier die dilettantische Arbeitsweise auch von meiner Seite auf eine weitere Ebene gebracht worden. Durch das Einschließen von Wolle zwischen Stoff und Einlage, entsteht ein neuartiger Streifenstoff. In Kombination mit den Streifen, die mit einem Textmarker auf den Stoff übertragen wurden, ergaben sich außerdem weitere dilettantische Materialbearbeitungen.


Material: Pulli: Organza bestickt mit Wolle Hose: Baumwollstoff mit Wollfäden & Einlage


Material: Samt mit Wollfäden und Einlage darüber: Tüll Tasche: Lack mit Wollkordel


Material: Oberteil: Einlage + Wollfäden + Tüll Hose: Jeans Gürtel: Lack


Material: Oberteil: Satin + Chiffon + Wollfäden Rückteil & Ärmel: Jersey Hosen: Satin, darüber Tüll + Lack Gürtel:Feinkord


Material: Oberteil: Samt + Wollfäden + Einlage Overall: Feinkord


Wenn ich den Gedanken, was mich stört, versuche auf den Kern herunter zu brechen, merke ich, nun wo ich auf meine fertige Arbeit zurück schauen kann, dass mich am meisten das Gefühl stört von Anderen als unkreativ gesehen zu werden oder dem Bild anderer Personen nicht zu entsprechen. Mich stört das Gefühl anzuecken oder als „anders“ gesehen zu werden. Ich stehe als Nähbloggerin zwischen zwei Welten, fühle mich jedoch zu keiner zugehörig. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass ich nicht ändern kann, wie andere Menschen ihre Welt sehen und dass manche Leute vorschnell urteilen ohne Hintergründe oder Details zu kennen. Ich versuche einem Bild zu entsprechen, dem ich nicht entsprechen kann, da ich für jede Person eine neue Maske aufsetzen müsste. Ich versuche jedem zu gefallen, was genau genommen dazu führt, dass ich mich selbst nicht auslebe, keine Risiken eingehe und es mir schwer fällt mich selbst und das was m i r gefällt zu definieren. Eigentlich stört mich also eher die Tatsache, dass ich Bewertungen und Meinungen Anderer als zu wichtig nehme, Angst davor habe ich selbst zu sein und nicht zu mir selbst stehe. Mit der Kollektion d u l l i war es für mich also auch besonders wichtig mich danach zu richten, was i c h gut finde und was m i r gefällt.. Es ging mir um Spaß, um Freude am Machen und mit dem positiven Gefühl des „Flows“ mitzuschwimmen. Nicht alles totzudenken und nicht alles zu ernst zu nehmen. Auf die eigenen Gefühle hören, der Intuition folgen, ohne definiertes Ziel und einfach ausprobieren! Es hat mir persönlich sehr gut getan meine vorhandenen Barrieren im Kopf mal etwas Beiseite zu schieben. So bin ich selbst wieder deutlich dilettantischer an meine Arbeit gegangen und habe eine Kollektion entwickelt, von der ich selbst nicht wusste, dass sie so in mir steckt. Ich möchte hiermit auch ermutigen selbst ein bisschen mehr Dulli zu sein und sich zu trauen ganz dilettantisch an neue Dinge zu gehen oder alte Verhaltensmuster zu hinterfragen. Danke Frau Klose, dafür, dass Sie mich auf diesem Weg unterstützt haben.


Jessicali mappe 6 semester  
Jessicali mappe 6 semester  
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