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Copright © 2013 by Jerkov Institut des Lächelns Text und Übersetzung: Tatyana Jerkova und Gerogi Jerkov Umschlag - und Buchgestaltung: Dietmar Ribolits, Illustration Cover: www.fotolia.de/Ivan Kopylov Illustrationen: Marianne Sonntag

Jerkov Institut des Lächelns Höhenringstr. 20, D-82256 Fürstenfeldbruck T: +49 (0) 8141-347495, Mobil: +49 (0) 171-2433326, E: info@jerkov.de www.jerkov.de, www.jerkov.at, www.jerkov.ch


Einst lebte in einem Dorf ein Mann, der unbedingt der beste Bogenschütze des Landes werden wollte. Er zog aus, um diese Kunst vollends zu erlernen. Er trainierte hart und übte jahrelang, bis er tatsächlich ein großer Meister im Bogenschießen war. Dann kehrte er heim in sein Dorf. Als er durch den Ort ging, sah er überall an den Bäumen Zielscheiben hängen, in deren Mitte Pfeile steckten. „Wer“, dachte er, „ist dieser vortreffliche Schütze, der immer in die Mitte trifft? Ich habe so lange trainiert und doch habe ich es noch nie geschafft, mit jedem Schuss ins Schwarze zu treffen.“ Er fragte die Leute und sie gaben ihm zur Antwort: „Dank des Schützen, der in unserem Dorf lebt, wagt es unser Feind nicht, uns zu Nahe zu kommen.“ Der Mann wollte unbedingt diesen Schützen kennenlernen. Daraufhin kam ein kleines Mädchen zu ihm und fragte: „Wer will mich kennen lernen?“ Der Mann war sprachlos: „Das kann nicht wahr sein!“ dachte er und fragte: „Mädchen, wie hast du es geschafft, so meisterlich Bogen zu schießen? Wie kannst du immer genau in die Zehn treffen?“ „Das ist ganz einfach!“ antwortete das Mädchen, „Ich schieße wohin ich will und um die Pfeilspitze zeichne ich die Zehn der Zielscheibe!“


Es war einmal ein weiser Mann, ein Meister, der bekannt dafür war, zur rechten Zeit die rechten Antworten zu geben. Er genoss höchstes Ansehen bei den Menschen seines Landes. Sie liebten und verehrten ihn über alle Maßen. Alle, bis auf einen – das war sein Nachbar! Er war eifersüchtig auf die Geistesgröße des Meisters. Sein ganzes Trachten galt dem Gelehrten eine Falle stellen zu können. Schließlich hatte er eine Idee: er wollte einen Schmetterling fangen und ihn, verborgen in seinen Händen, zum Meister bringen. Am besten zur Mittagszeit, wenn viele Menschen anwesend waren. Dann würde er ihm, für alle hörbar, die Frage stellen: „Beantworte mir bitte eine Frage: lebt der Schmetterling in meinen

Händen, oder ist er tot?" Wenn der Meister antworten würde: „Er lebt.", könnte er den Schmetterling durch eine winzige Bewegung töten und beweisen, dass der Alte ein Betrüger und kein Meister war. Wäre die Antwort: „Tot", so könnte er die Hand öffnen und den Falter fliegen lassen, auch so würden die Menschen dem Meister kein Wort mehr glauben. Gedacht, getan... An einem sonnigen Mittag ging der vom Neid zerfressene Mann mit seinem Plan zum Meister. Wie üblich war der Garten voll mit Leuten. Mit dem Schmetterling in den Händen stellte er sich mitten in die Menschenmenge und rief laut: „Meister, du behaup-


test, du kennst auf alle Fragen eine Antwort! Bitte komm heraus und beantworte mir auch meine." Der Meister trat in den Garten und entgegnete mit ruhiger Stimme: „Gerne antworte ich auf deine Frage." Aufgeregt fragte der Mann: „Sag mir doch bitte, ob der Schmetterling in meinen Händen lebendig oder tot ist!" Plötzlich wurde es still im Garten – die Menschenmenge schien den Atem anzuhalten, weil sie ahnte, dass hier ein böser Streich gespielt wurde. Angespannt warteten alle.

Ganz gelassen lächelnd erwiderte darauf der Meister: „Alles liegt in deinen Händen!"


Die Klingel hallte über die Korridore der belebten Schule und die Schüler strömten wie Flüsse in den unermesslichen See des Klassenzimmers. Jeder setzte sich auf seinen eigenen Platz, mit seinen Mitschülern scherzend. Vom den waren, betrachten und das ferne im Nebel verschleierte Gebirge sehen. Manchmal fragte sich Bob, ob die Drachen nicht wirklich existierten, versunken in einen tiefen Schlaf, irgendwo da unter den Gipfeln, wo das Gebirge den kreisten. Jetzt sollte der von ihm nicht sehr geliebte Literaturunterricht beginnen, für den er fast nichts vorbereitete, weil er die Lehrerin nicht mochte, die jeden


Satz analysierte, die Verse in Algebra und die Prosa in Geometrie verwandelte und alle, von jedem einzelnen Werk erweckten Gefühle ignorierte. Sie verspätete sich schon zehn Minuten, als die grünliche Tür des Klassen-zimmers einen krummen Holzstock gestützt; gäbe es diesen nicht, wäre er vielleicht gestürzt. Trotz seines hohen Alters, blitzten seine Augen lebhaft und forschend, tief aber nicht ergeben. Bob schien der Alte den guten weisen Zauberern ähnlich, in den Büchern reitend und nützliche Ratschläge den in Schwierigkeiten geratenen Helden gebend. Beim Hinsetzen seufzte „der Zauberer“ und sah die Schüler an, jeden einzelnen, seine forschenden doch gütigen Augen, wie nach deren Herzen greifend, auf sie gerichtet. Niemand lachte ihn aus oder machte einen Scherz über den Alten, was Bob seltsam erschien, weil es immer Schüler gab, die bereit waren über alles zu spotten, aber nie über die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse gewonnen, was eigentlich nicht so errer aussehender Greis das Klassenzimmer betreten würde. Niemand verstand -8-


seltsam war. Normalerweise fragten die Schüler immer und immer, doch jetzt schwiegen sie wie im Schlummer vertiefte Baumstämme.

Stimme, in der so etwas wie Frühlingsfrische zu spüren war. Wenn seine Augen nicht so lebhaft blitzen würden, hätte man einen kalten Atem von Winterwind erwartet, welcher zu seinem Aussehen besser passte. „Heute werde ich dern weil ich sie darum gebeten habe. Ich musste sie lange Zeit bitten. Am Anfang dachte sie, dass ich ein vertrottelter Greis sei, wahrscheinlich bin ich es auch“, hier kicherte er wie ein fröhliches Kind, das von seinem älteren Bruder -

men wollte. Diese Frage werde ich beantworten.“ Obwohl er einen Monolog mit sich selbst führte, schien niemand kein bisschen gelangweilt. Im Gegenteil, Alten, der aus den Büchern gekommen zu sein schien. „Ich werde antworten, -9-


zubringen, das sich ziemlich viel von einer Literaturanalyse unterscheidet. Ich aber natürlich ohne dabei zu übertreiben, denn wenn alles analysiert worden wäre, wo bliebe der leckere Geschmack des Unklaren und Mystischen, Antwort wartete, sprach dann weiter, den Stock in den Hänalles, was wir, die Menschen, auf dieser Welt besitzen. Lasst uns das Leben wie eine Bühne, eine riesige, fast endlose mit Schau„Du“, wies er auf Sonja, die leicht irritiert schien. „Wir sind alle Schauspieler“, sagte er, wobei er seinen Stock hob und einen alle Schüler umfassenden Kreis in die Luft zeichnete, „und jeder hat seine eigene Rolle. Ja, jeder spielt die Rolle, die er sich selbst ausgedacht hat. Oder genauer gesagt, öfter nimmt jeder die Rolle an, die ihm die anderen zugedacht haben.“ Der Greis merkte an den Blicken der Schüler ihr Nichteinverstandensein und lächelte gutmütig und -10-


verständnisvoll. „Oh, ich erwarte nicht, dass Ihr sofort mit allem, was ich sage,

die Wahrheit anzunehmen, das müsst Ihr wissen und deswegen ziehen die vermeidlich, sich selbst zu belügen, das ist sogar nötig und manchmal auch

von uns gespielte Rolle von den anderen bestimmt worden ist, doch das ist die

einen Moment lang und sah die Schüler mit seinen grünen Augen an, jung wie frischer Flieder, der in einem zu ausgetrockneten Boden – seinem Gesicht –

einem goldnen, seiden-weichen Fluss ähnlich. „Unsere Rolle darf nicht nur von uns ausgedacht werden; da wir unter Menschen leben, dürfen wir nicht alles tun, was uns einfällt, sonst können wir damit die anderen Schauspieler stören, wir können sogar das Drehbuch der anderen durcheinanderbringen. Anderseits aber sollen wir nicht nur die Rolle spielen, die uns die anderen Schauspieler auf dieser riesigen Bühne – das Leben – zuweisen, denn wir -11-


verlören dabei unser Gesicht, das dann wie eine Lehmplatte ständig von anderen geformt würde.“ Der Alte verstummte und es war, als ob er über irgendetglaubte nicht, dass dies der Grund seines Unterbrechens war. Bobs Meinung das Schwerste, unser Selbst darzustellen und keine Maske zu tragen, hinMaske, die die meisten von uns haben, weil sie befürchten, ihr schwer, keine Maske zu tragen, schwer und doch angenehm. Und wenn Ihr einem anderen Schauspieler ohne Maske begegDie Freundschaft erblüht leichter, wenn die Maske beiseite gelassen wird.“ Träumend schaute er hinaus auf den Schulhof, wo alte, mit Blättern üp-

genaue Antwort geben, Ihr müsst das “Wie“ selbst erfahren, jeder muss für einiger anderer immer auf irgendeine Weise stören werdet. So muss es sein, -12-


wolkenlosen Himmel scheinende Sonne. Die Rollen schneiden sich und die Finsternis duldet kein Licht, auch umgekehrt – das Licht mag die Finsternis nicht. Die Rollen kreuzen sich und stören einander, so ist es, aber unsere Aufgabe ist zu verstehen, wann unsere eigene Rolle Disharmonie bringt.“ Die Stimheller, erfüllt war, verklang allmählich. Langsam fuhr er fort. „Wir alle sind Schauspieler und das Interessanteste ist, dass jeder von uns überzeugt ist, er ist wirklich so. Jeder spielt die Hauptrolle seines Lebens. Wir alle spielen auf der Bühne. Das Wichtigste ist, wenn sich die Vorhänge unserer Vorstellung senken, sagen zu können, dass wir wirklich so gespielt haben, wie wir es uns

seinen Blick hin zum Gebirge schweifen, über die alten Bäume mit ihren langen moosigen Bärten, ihre mit frischgrünen Blättern bedeckten Äste ausbreitend, durstig das Licht einatmend, die bezaubernde Magie des Lebens trinkend, vom Wind gekitzelt lachend. „Die Vorhänge meiner Vorstellung werden -13-


blühte ein von Glück durchdrungenes Lächeln. „Vor vielen Jahren, als ich noch jung war, sangen die Bäume jeden Tag. Ich hörte sie mit meinem Herzen. Sie sangen ohne Melodie, und ihr Lied war herrlich. Sie sangen jeden Tag und Welt zusammen, vom Licht der Sonne, der Freiheit, des Lächelns der anderen sagt, konnte mein Herz sie nicht mehr hören, weil ich vielleicht ihm zuzuhören aufgehört und den Lebenshunger verloren hatte. Das hat nichts zu bedeuten,

Lebens – bunt und herrlich – enttarnt, so herrlich wie sie nun einmal sind. Der -14-


seine Tränen abwischend ging er durch dieselbe grünliche Tür hinaus, durch die er hereingekommen war, mit seinem Stock durch den Korridor schreitend.

die Korridore. Die Stunde war aus. Bob merkte, dass es niemand so eilig hatte, zu gehen wie an jedem anderen Tag. Bald würde wieder jeder seine eigene Rolle spielen, aber sie würde vielleicht ein bisschen anders sein als vorher. Bob nahm seine mit schweren Lehrbüchern gefüllte Tasche auf die Schulter und machte sich mit einem Lächeln im Gesicht und wirklich glücklich auf den Weg des Lebens. Denn was hinderte ihn, glücklich zu sein – sangen doch die

Lubomir Jerkov

Marzling, 27.06.2003

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Der richtige Weg zur Wahrheit

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A

n einem schönen, sonnigen Tag spazierten der Meister und sein jüngster Schüler durch den Frühlingswald.   Ihr Weg führte sie zu einem breiten Fluss, der im Frühling zu einem reißend Gewässer angeschwollen war.   Über den tosenden Fluss führte eine Brücke, unweit davon aber lag ein alter, knorriger Baumstamm, der sich gleichfalls von der einen Uferseite zur anderen erstreckte.   „Welchen Weg soll ich wählen?“ fragte der Schüler voller Achtung seinen Meister „Den einfachen oder den schwierigen Pfad?“   Der Meister antwortete mit einem Lächeln: „Wenn du nach der Wahrheit suchst, offenbart dir nur der schwierigste Weg seine Früchte.“   -17 

Der Schüler seufzte und begann, über den rutschigen Baumstamm zu klettern. Achtsam beobachtete der Meister, wie sich der junge Mann über den glitschigen Stamm mühte. Es war ein gefährliches Unterfangen. Jeden Augenblick konnte er ausrutschen, in den Fluss fallen und ertrinken.   Als der Schüler das andere Flussufer sicheren Fußes erreicht hatte, ging der Meister ruhig und bequem über die Brücke   „Aber wieso macht ihr es euch so einfach?“  fragte der  Schüler empört, „Wo bleibt die Wahrheitslehre?“   „Erst wer die Meisterschaft erreicht hat, erkennt, dass nur der einfachste Weg zur Wahrheit führt.“ antwortete der Meister lächelnd.


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Die Blume des Glücks Am Fuße eines hohen Gebirges lebte einst ein weises Volk. Es hatte einen uralten, besonderen Brauch: jeder Mensch sollt demnach sein Glück finden, wenn er am Altjahrtag die weiße Blume des Glücks pflücken konnte. Der Berg, auf dem diese wundersame Blume wuchs, war aber verzaubert. Er schüttelte sich ständig und niemand konnte ihn bezwingen. Wenn aber der Silvestertag nahte, fanden sich immer wieder junge, kühne Menschen ein, die versuchten, ihr Glück auf diese Weise zu finden. Einmal trafen sich zum Jahresende drei junge Burschen, um -19-


die Blume des Glücks zu pflücken. Um sicherzugehen, dass ihr Vorhaben erfolgreich sein würde, beschlossen sie, vor dem Aufstieg von einem Weisen Rat einzuholen. Sie erzählten dem Alten also von ihrem Plan und fragten ihn nach seinem Ratschlag. Der Weise gab ihnen die schlichte Antwort: „Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen.“ Als die Zeit gekommen war, gingen die Drei zum Berg. Jeder begann den Aufstieg von einer anderen Seite aus und obwohl der Berg bebte, kletterten die Freunde entschlossen weiter. Drei Stunden waren schon vergangen, da kam der erste der Jungen zurück: nach Atem ringend und verärgert über sein Versagen. Sein Körper war übersäht mit blauen Flecken und Schrammen. „Der Weise hat uns falsch beraten“ – keuchte der Junge – „Ich bin sieben Mal hingefallen und als ich zum achten Mal aufgestanden bin, habe ich gesehen, dass ich nur ein Viertel des Weges zum Gipfel gegangen bin. Dann habe ich mich entschieden, zurückzukehren.“ Nach weiteren zwei Stunden kam der zweite Junge zurück, -20-


zerschlagen, müde und zornig: „Wir haben keinen richtigen Rat von dem weisen Mann bekommen. Ich bin sieben Mal hingefallen und als ich zum achten Mal aufgestanden bin, habe ich gesehen, dass ich nur ein Drittel des Weges zum Gipfel gegangen bin. Dann bin ich zurückgekehrt.“ Am nächsten Tag kam der dritte Junge mit der weißen Blume in der Hand. „Bist du den nicht hingefallen?“ – fragten ihn seine beiden Freunde. „Doch, ich bin hingefallen, hundert Mal oder viel mehr sogar. Ich habe nicht gezählt.“ –antwortete der Junge. „Warum hast du dann nicht entschieden, zurückzukehren?“ – wunderten sich die anderen Jungen. Der Junge lächelte und sagte: „Bevor ich zum Berg ging, habe ich trainiert und gelernt, hinzufallen.“ „Du hast gelernt aufzustehen, mein Junge. Das ist das Wichtigste im Leben!“– sagte der Weise, der dieses Gespräch mitangehört hatte.

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Was wir sehen Einmal wollte ein Meister drei seiner Schüler auf die Probe stellen. Er zeigte ihnen ein leeres Blatt Papier, in dessen Mitte sich ein schwarzer Punkt befand. „Was seht ihr hier?“ fragte der Meister in die Runde. Der erste Schüler sah auf das Blatt und antwortete: „Einen Punkt.“ „Und was siehst Du?“ wollte er auch vom Zweiten wissen. „Ganz klar, das ist ein schwarzer Punkt“ bestätigte auch der. Abermals stelle er die Frage an den dritten Schüler, der die Aussage präzisierte und antwortete: „Das ist ein fetter, schwarzer Punkt!“ -22-


Sehr enttäuscht setzte sich der Meister und begann zu weinen.

So zieht oft der kleinste Makel unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich und wir übersehen den unendlichen Reichtum um uns.

Die drei Schüler konnten sich den plötzlichen Stimmungswandel ihres Meisters nicht erklären, denn sie meinten, auf jeden Fall korrekt geantwortet zu haben.

So beurteilen wir Menschen oft nur nach ihren kleinen Schwächen und nehmen ihre zahlreichen Fähigkeiten, Begabungen und Stärken nicht wahr.

Sie fragten bestürzt: „Meister, warum weinst Du so bitter?“ „Ich weine, weil meine Schüler nur den kleinen schwarzen Punkt gesehen haben und niemand das reine Weiße wahrgenommen hat, das den Großteil des Blattes ausmacht“.

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Weitere Parabeln

folgen demn채chst.



Aus der quelle der lebensweisheit maerz 2014