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Online-Magazin schekker.de Zehn Reportagen (2005-2008)

Inhalt

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Eine Welt voller Journalisten - Nachrichten in der Blogosphäre

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Jung, motiviert, work-acoholic? Freiwillige stemmen die Jugendmedientage

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Schöne neue Fernsehwelt - Junge Formate für morgen

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Bin ich Deutschland? Als Praktikant am Goethe-Institut von Los Angeles

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Mutig, engagiert, vielseitig! Bei den Europaworkshops des Jugendkongresses

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Festung Europa? Die europäische Einwanderungs- und Asylpolitik

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„Die Kirche ist jung!” Der XX. Weltjugendtag in Köln

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Heimat Ostdeutschland: Kreative Jugendprojekte gegen die Abwanderung

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Weltstadt mit Herz - Zu Besuch in Genf

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Praktikum Down Under - Zwischen Globalisierung und Umweltschutz

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Oktober 2008 | Thema: Jugendmedientage in Mainz

Eine Welt voller Journalisten Nachrichten in der Blogosphäre Es sind viele – und Tag für Tag werden sie mehr. Sie schreiben, veröffentlichen diskutieren – zu jedem nur denkbaren Thema. 2006 hat sie das TIME-Magazin zur Person des Jahres gewählt: Blogger. So umstritten sie sind – eines haben sie geschafft: Die Blogger polarisieren. So heißt es einerseits, dass sie zu mehr Offenheit und Transparenz im Nachrichtengeschäft beitragen, die Demokratie stärken und unzähligen Geschichten eine größere Öffentlichkeit verschaffen. Hier wird offensiv um Meinung geworben. In der Blogosphäre werden Themen aufgegriffen, die in den klassischen Medien keinen Platz finden. Also ein Gewinn für den Journalismus? Es gibt auch Skeptiker: Kurzlebig, uninteressant und völlig bedeutungslos finden sie die Beiträge und Kommentare der Blogger. Die Blogs, so lautet die Kritik, lebten von den Inhalten professioneller Medien, seien subjektiv und verwerteten lediglich Inhalte, die es schon irgendwo gibt. Die Blogger – schmarotzende Schwimmer in der eigenen Mediensuppe? Anmelden, loslegen bloggen Jeder kann heutzutage einen Blog betreiben. Egal ob als Freiwilliger in einem afrikanischen Entwicklungsprojekt oder am heimischen Schreibtisch über die Alltäglichkeiten des Lebens. Freunde und Verwandte sollen schließlich wissen, wie es einem gerade ergeht. Im Prinzip ist ein Blog nie etwas anderes als ein Tagebuch gewesen – aber öffentlich und mit der Möglichkeit zu kommentieren. Doch was passiert, wenn das Private politisch wird? Wenn Laien Nachrichten schreiben und Meinungen veröffentlichen, die in den Meinungsbildungsprozess einfließen, der früher schließlich nur von professionellen Medien bedient wurde? Leben wir dann in einer Welt voller Hobbyjournalisten, die ohne Sinn und Verstand oder zumindest ohne fundierte Ausbildung für sich in Anspruch nehmen, zur vierten Macht im Staate zu gehören? Ein neuer Journalismus light, der die professionellen Redaktionen verdrängt? Wo bleiben Anspruch, Qualität, Sorgfalt und Wahrheit? Der Blogger als Journalist 2007 entschied man in den USA ganz offiziell: Blogger sind Journalisten. Auch in Deutschland fallen Blogger seit demselben Jahr unter das Telemediengesetz. Das heißt, dass jeder, der eine Internetseite betreibt, die „nicht ausschließlich persönlichen oder familiären Zwecken“ dient, ein Impressum auf seiner Seite angeben muss. Handelt es sich um ein „journalistisch-redaktionell gestaltetes Angebot“, müssen die Autoren sogar die gleichen Sorgfaltspflichten erfüllen, wie professionellen Journalisten auch. Heißt konkret: Geschichten müssen auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft und Gegendarstellungen können erzwungen werden. Blogger können sogar abgemahnt werden, wenn sie Werbung und redaktionelle Inhalte vermischen. Damit werden Blogger de facto zu Journalisten. Doch wo genau die Trennlinie zwischen privatem Tagebuch und journalistischem Blog allerdings liegt, müssen die Gerichte entscheiden. Denn eine Patentformel hierfür gibt es nicht. Von der Euphorie zum Blogsterben Ich bin selbst Blogger! Zumindest war das einmal so – in der euphorischen Hochphase der Blogosphäre vor zwei Jahren. Täglich, stündlich, minütlich neue Artikel, Beiträge, Kommentare. Journalismus für jedermann. Toll – aber irgendetwas muss in den letzten Monaten passiert sein. Denn die einstige Blogflut ist abgeebbt – versandet in den unendlichen Weiten des Web 2.0. Sind Blogger vielleicht doch nichts weiter als amateurhafte Kurzzeit-

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Journalisten? Noch vor zwei Jahren haben wir frenetisch gefeiert, als uns das TIME-Magazin allesamt zur Person des Jahres ausrief. Waren wir stolz – auf uns, auf unsere Blogosphäre. Und heute muss ich bereits unsere Todesanzeige lesen – auf Basic Thinking, dem laut Blogcharts derzeit populärsten deutschen Blog: „Die deutsche Blogszene stirbt aus“ – Prophezeiung oder Feststellung? Ein verzweifelter Blogger namens Ecki wendet sich in einer Videobotschaft an sein Publikum. Während er die Blogger für ihre Ideenlosigkeit kritisiert, schmiert er sich tief bedrückt sein Met-Brötchen. Sein Urteil ist gnadenlos: Es gibt keine neuen Themen, keine Qualität, keine interessanten Geschichten mehr. Die Blogger sterben aus – 700.000 Jahr für Jahr. Ich kann das nicht glauben. Bereits ein kurzer Blick in die Blogosphäre beweist mir das erhoffte Gegenteil: Eher noch verrückter, noch schriller und noch abgedrehter kommen die abertausenden Geschichten der Blogger daher. Alle drei Monate veröffentlicht Technochrati eine Studie zum Stand der Blogosphäre. Aktuell gibt es 133 Millionen aktive Blogs, jede Woche kommen 1.5 Millionen hinzu. 900.000 Beiträge werden täglich geschrieben und veröffentlicht. Wir leben also noch! Alles andere als Hobbyjournalismus Und doch: Irgendwas ist anders. Viele Nachrichtenblogs sind alles andere als unprofessionell, kurzlebig oder bedeutungslos. Und mal ehrlich: Hätten Tagesschau-Redakteure oder ZDF-Korrespondenten, die ZEIT oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung Blogs für sich entdeckt, wenn es sich dabei wirklich um journalistische Schmuddelkinder handeln würde? Die Profis tummeln sich schon längst in der Blogosphäre. Der Leiter des ZDFHauptstadtbüros Peter Frey etwa schreibt in seinem „Freytag“ darüber, was die Finanzkrise für die Große Koalition in Berlin bedeutet. Von den ZDF-Korrespondenten in Washington erfahre ich in ihrem eigenen Blog, dass die Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner in den USA bereits 150.000 für Schuhe und Kleider ausgegeben hat und Barak Obamas Steuerpläne heftig diskutiert werden. Doch nicht nur das. Der Bildungsgipfel der Bundesregierung wird viel und kontrovers diskutiert, Jürgen Osterhage, Redakteur im ARD-Hauptstadtstudio, portraitiert im tagesschau-Blog Angela Merkel auf ihrer Reise nach China und der BILDblog wird nicht müde, Tag für Tag auf die Fehler und Verfehlungen der BILD-Zeitung aufmerksam zu machen. In diesem Fall wird ein Blog sogar zur Qualitätskontrolle eines gestandenen Mediums und appelliert an die journalistische Sorgfaltspflicht des Blattes. Und doch fällt auf: Viele Artikel in der Blogosphäre drehen sich mehr oder weniger um die Blogs selbst. Datenschutz, Online-Durchsuchungen und die Bedeutung von Blogs bestimmen die Nachrichtenlage der digitalen Tagebücher. Zwischen Nachrichten und Nichtigkeiten Die abertausenden persönlichen Tagebücher mit Anekdoten, Geschichten und Alltäglichkeiten der Autoren prägen noch immer das Bild der Blogosphäre. Doch auch und vor allem die professionellen und etablierten Medien wissen die Blogs heute zu nutzen. Fundierter Journalismus hat sich regelrecht breit gemacht. Ein einziger Blog kann die Zeitung oder ein Online-Magazin zwar nicht ersetzen – doch findet man hier neben den großen Themen auch die Randgeschichten zu den eigentlichen Schlagzeilen. Journalisten klassischer Medien gehören zu den Stammlesern verschiedenster Blogs. Hier suchen sie nach Ideen für ein Thema, Hintergrundinformationen, Zitaten und Argumenten zu einer Streitfrage. Blogs haben sich als Nachrichtenquelle fest etabliert. Und gleichzeitig sterben sie aus? Der Hype um die Blogosphäre ist vorbei. Alte Inhalte finden sich heute im neuen Web 2.0. Man kann jetzt kommentieren, doch die Nachrichten bleiben die gleichen. Die große Informations-Revolution blieb aus. Denn Nachrichten der professionellen Medien wiederzugeben und zu kommentieren ist nicht wirklich revolutionär. Hier und da liest man noch gebannt die interessanten und kuriosen Geschichten fernab der eigentlichen Nachrichten. Doch im Großen und Ganzen bleibt die Blogosphäre tatsächlich eine Welt voller Hobbyjournalisten – ohne wirkliche Substanz.

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Oktober 2008 | Thema: Jugendmedientage in Mainz

Jung, motiviert, work-acoholic? Freiwillige stemmen die Jugendmedientage Diskutieren, Kontakte knüpfen, Erfahrungen sammeln. Unter dem Motto „Bilder bewegen – Televisionen in Eigenregie“ entwickelten 500 junge Medienmacher auf den Jungendmedientagen in Mainz neue Perspektiven zu Fernsehen und Co. Sie stiegen hinter die Kulissen des ZDF, diskutierten mit Medienprofis und schärften ihr Bild vom Journalismus. Für Langeweile blieb den jungen Teilnehmern keine Zeit. Doch wer betreut das Ganze eigentlich? Man nennt sie Orgas – Techniker, Betreuer, Fahrer und Koordinatoren. Sie sind Schüler und Studenten, die in ihrer Freizeit den größten Nachwuchs-Medienkongress in Deutschland stemmen – komplett ehrenamtlich. Manch einer verzichtet dafür sogar auf seine Hochzeitsreise. Projekt: Jugendmedientage Ununterbrochen klingelt ihr Handy. Eine wirklich ruhige Minute hatte sie in den letzten Tagen nicht. Aber sie ist glücklich. Im letzten Jahr war Anna-Lena Alfter noch als Praktikantin bei der Organisation der europäischen youth media days dabei, heute kümmert sie sich bei den Jugendmedientagen als Projektleiterin um Workshops, Programmplanung und die Betreuung der Referenten. Beispiel: Matthias Mattusek, der bekannteste deutsche Videoblogger. „Irgendwann kam einfach die Idee, ihn als Referenten zu bekommen.“ Jetzt hat es geklappt und Anna-Lena ist total begeistert über sein Feedback. „Mattusek hat mich gerade noch angerufen und sich für die Organisation bedankt. Er hat nach den Kontakten der Teilnehmer gefragt, um weiter mit ihnen zu diskutieren. Das find ich echt toll.“ Hinter den Jugendmedientagen steht ein großes Team vieler Ehrenamtlicher der Jugendpresse aus ganz Deutschland. 30 Leute haben seit Monaten an der Vorbereitung gearbeitet. „Das Herz ist das Team. Ohne die Freiwilligen wäre das alles gar nicht möglich gewesen“, sagt Anna-Lena. „Ich habe total viel gelernt – und noch nie so viele Leute mit so unheimlich verschiedenen Infos, Hintergründen und Ideen erlebt.“ Dafür hat sie ihren Wohnsitz sogar für einige Zeit nach Mainz verlegt. 70 Freiwillige – ein Team Für die 500 jungen Medienmacher zwischen 16 und 24 Jahren sind 70 Freiwillige aus allen Bundesländern jeden Tag unermüdlich im Dauereinsatz. Mit unübersehbaren Schildern begrüßen sie die Teilnehmer am Bahnhof, lotsen sie die Jugendlichen zum ZDF-Gelände und sind sie in ihren blauen T-Shirts jederzeit für die Teilnehmer da. Im letzten Jahr sind viele von ihnen noch selbst Teilnehmer gewesen, heute sagt ihnen ein fester Stundenplan wann sie wo für was im Einsatz sind. „Spannend, arbeitsintensiv und schlaflos“ beschreibt Nele Balser ihre Arbeit als Betreuerin. Zur Eröffnung wies sie den Teilnehmern noch den Weg vom Check-In zum ZDF-Gelände, am nächsten Tag betreute sie Referenten und Teilnehmer bei einen der Medieneinblicke. Und warum das Ganze? Wie die anderen Betreuer ist sie hautnah am Geschehen. Sie können an den Diskussionen und Workshops teilnehmen - und ganz nebenbei auch noch jede Menge Organisationstalent erwerben. Die meisten von ihnen engagieren sich bereits seit langem bei der Jugendpresse. Hinter dem Großevent: Die Jugendpresse Deutschland Anna-Lena ist noch gar nicht so lange dabei – aber total begeistert. „Ich finde es total beeindruckend, dass ein ehrenamtlicher Verein wie die Jugendpresse so viele Dinge auf die Beine stellt. Es ist ein buntes Netzwerk

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unterschiedlichster Leute. Und plötzlich hat man 100 Freunde mehr.“ Schreiber, Radiomacher, Videofilmer, Fotografen, Webdesigner, Layouter - überall in Deutschland haben sich junge Medienmacher zusammengeschlossen, um ihren Spaß am Medienberuf in die Tat umzusetzen. Die Jugendpresse Deutschland bringt sie mit gestandenen Journalisten zusammen, organisiert Workshops und gibt Jugendlichen Tipps rund ums Thema Journalismus. Die Aktiven selbst sind medienbegeisterte Schüler, Studenten, Freiwillige. Unabhängig und komplett ehrenamtlich setzen sie sich in ihrer Freizeit für jungen, dynamischen Journalismus ein. Ehrenamt ist Ehresache Daniel Protzmann ist sein 1997 bei der Jungendpresse. Elf Jahre später organisiert er das Großevent in Mainz – und hat dafür erst einmal seine Hochzeitsreise verschoben. „Ich finde es selbstverständlich, sich für die Gesellschaft einzusetzen. Ehrenamt ist für mich Ehrensache“, sagt Daniel. Die ersten Ideen für die Jungendmedientage 2008 gab es im August des letzten Jahres - viel Vorbereitungszeit und Erfahrungen von den letzten Jugendmedientagen. Nicht ohne Grund: Immer wieder kann man aus Fehlern lernen – auch, um nicht den Anschluss zu den Jugendlichen selbst zu verlieren. „Wir wollten wissen, ob wir noch an den Teilnehmern dran sind. Wir machen die Jungendmedientage für die Jungendlichen. Das steht für uns im Vordergrund“, sagt Daniel. Ist er stolz? „Ja - auf das ganze Organisationsteam und die Veranstaltung, die wir hier gemeinsam für die Jugendlichen auf die Beine gestellt haben“, sagt Daniel. Und warum eigentlich das ZDF? Chefredakteur Nikolaus Brender musste sich bereits bei der Auftaktveranstaltung den skeptischen Fragen der Jugendlichen stellen. Wird das ZDF nicht eigentlich für ein älteres Zielpublikum gemacht? „Wieso alt?“, wusste Brender da nur zu antworten. „Das ZDF will alle Menschen ansprechen.“ Daniel ist mit der Zusammenarbeit zufrieden: „Für die Teilnehmer ist es auf jeden Fall eine große Sache, dass sie die Chance haben, einmal hinter die Kulissen der größten Sendeanstalt Europas zu schauen.“ Nichts, was man nicht lösen könnte Natürlich läuft nicht alles perfekt. Hin und wieder hapert es bei der Verpflegung. Die Teilnehmer sind in einer Turnhalle untergebracht, die sie früh morgens für den Sportunterricht räumen müssen – manchmal auch umsonst. Und plötzlich stehen auch mal einige Teilnehmer ohne Referenten da, weil der bereits zur Mittagspause gegangen ist. „Klar gab es etwas Chaos, aber es gab auch nichts, was sich nicht lösen ließ“, sagt Lisa Hagedorn. Sie kümmerte sich um das Programm der Teilnehmer – und für gute Unterhaltung. Candle-LightDinner in einem Mainzer Restaurant, Konzert mit Patrice am Abend – den Jugendlichen wurde einiges geboten. „Und wenn man dann die glücklichen Gesichter der Teilnehmer sieht“, sagt Lisa, „weiß man, wofür man sich die letzten sieben Monate den Hintern aufgerissen hat.“

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Oktober 2008 | Thema: Jugendmedientage in Mainz

Schöne neue Fernsehwelt Junge Formate für morgen Fernsehen ist out. In ist, was online und jederzeit verfügbar ist. Jugendliche verbringen schon heute mehr Zeit im Internet als vor dem Fernsehen – der Anfang vom Ende des alten Leitmediums. Von wegen. Auf den Jugendmedientagen tauschten sich Jugendliche und professionelle Journalisten zu Medienformaten für junge Leute aus – mit überraschendem Ergebnis. Sie machen sich Gedanken. Patentrezepte gibt es keine – aber einige Ideen. Juppi versus Bauer „Wir wollen Reality-TV mit gesellschaftlicher Relevanz! Es soll bilden, aber nicht belehren!“ - Nike Bodenbach stellt voller Elan das Ergebnis ihrer Arbeit vor. Sie „pitcht“, versucht also die Jugendlichen in der Jury ihr gegenüber von ihrer neuen Programmidee zu überzeugen. „Global homies“ soll sie heißen - Menschen wie du und ich begegnen den Problemen der Welt. Thema für die erste Sendung: Deutscher Bauer trifft auf einen Landwirt aus einem Entwicklungsland. Doch die Jury ist skeptisch. Keiner will die Sendung auf Anhieb kaufen. Wir sind in einem der Workshops der Jugendmedientage. Elf Jugendliche suchen nach neuen Formaten und präsentieren Gruppe für Gruppe ihre Ideen. Auch die anderen legen sich ins Zeug: Sie wollen ein neues Jugendmagazin – interaktiv und crossmedial. Die Dokumentation „Zukunft ich“ begleitet Jugendliche in ihrer Selbstfindungsphase. In „Juppi versus Bauer“ treffen junge Leute aus Stadt und Land aufeinander. Christoph Stoll hält für das ZDF Ausschau nach neuen Programmen und Formaten. Er leitet den Workshop, diskutiert die Ideen und gibt den jungen Medienmachern eine Kostprobe davon, was Tag für Tag auf seinem Schreibtisch landet. Mutloses Fernsehen? Schrill, laut, schnell geschnitten fliegen die Bilder auf der Leinwand vorbei. Christoph Stoll hat ein Promo-Tape eingelegt. Schon sind wir in Las Vegas, Amy sucht den perfekten Mann. Sie lernt einen Franzosen über das Internet kennen, verliebt sich, trifft ihn in Paris. Perfekt. Dating übers Internet – romantisch unterlegt. „eLove“ heißt das Ganze - gibt sich neu, innovativ, jugendlich. Doch die Teilnehmer sind nicht überzeugt – nichts fürs deutsche Fernsehen und vor allem nicht neu. Christoph Stoll würde das Format auch nicht nehmen. Doch er gibt auch zu, dass deutsche Sender lieber fremde Formate kaufen, als selber zu produzieren. „Sie brauchen Sicherheit, wollen ein Rundum-sorglos-Paket und nicht die Katze im Sack kaufen.“ Auch das ZDF ist vorsichtig. Zwar soll 2009 ein neuer Doku-Kanal auch verstärkt mit jugendlichen Formaten aufwarten, doch zuviel will man nicht riskieren. Szenenwechsel. ZDF-Programmdirektor Thomas Belut scheint auf einer Podiumsdiskussion fast schon ratlos: „Die jungen Leute machen, was sie wollen. Sie sind immer woanders und es ist schwierig, sie mit neuen Sachen einzufangen.“ Manchmal traut man sich aber auch einfach nicht an neue Ideen. „Hätte jemand Dr. House auf deutsch vorgeschlagen, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Riskante Angebote können wir uns einfach kaum leisten.“ Das findet auch Christoph Post, einst Programmdirektor von VIVA und Creative Director von MTV: „Deutschland ist kein wirklich kreativer Impulsgeber, wenn es um Fernsehen geht. Ideen für neue Fernsehsendungen gibt es wie Sand am Meer. Und trotzdem ist Deutschland hinterher.“ Totgesagte leben länger – auch das Fernsehen Moderator Dominik Heizmann unterbricht mit einer Sondermeldung die Diskussion: „Heute, am 1.12.2045 fanden Bauarbeiter an einer unterirdischen Hyperbahn zwischen China und den USA ein erstes Artefakt aus der

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bisher nur aus Legenden bekannten Fernsehkultur – ein als TV bekanntes Gerät, das wohl große Bedeutung bei der Kindererziehung, Schlafstörungen und der Abendgestaltung gehabt haben muss.“ Fernsehen adé in ein paar Jahren? Conrad Fritsch, Geschäftsführer des Online Musikvideoportals tape.tv mag auf den Abgesang zum Fernsehen nicht so recht einstimmen: „Fernsehen ist geil. Ich glotze gerne, ich schalte ab. Das Fernsehen muss nur über die Inhalte nachdenken und stärker auf das Publikum eingehen.“ Seine Horrorvorstellung: Die TV-Sender machen so weiter wie bisher. „In Asien schauen sich alle in der U-Bahn UMTS-Fernsehen an. Auch wir müssen lernen, neue Dinge auszuprobieren und schneller auf Veränderungen zu reagieren.“ Höher, schneller, weiter – Nachrichten im Sekundentakt, immer und überall erreichbar. Journalisten zieht es ins Internet – das passt in den allgemeinen Trend. Sollte man meinen. Internet, nein danke Die Jugendlichen in einer Diskussion nebenan sind da anderer Meinung: Nach einer Blitzumfrage will kaum einer von ihnen in den Onlinejournalismus. Gleichzeitig brechen Verleger auf dem Podium eine Lanze für das Internet. Ohne das Web ginge heute gar nichts mehr. Verkehrte Welt? Vorbei die Zeit, in der Verlage mit dem Aufbruch des Internets das Ende der Zivilisation heraufbeschworen und Jugendliche sich nicht mehr im richtigen Leben, sondern in Internetforen, schülerVZ, facebook und Co. trafen? Junge Menschen sind zwar mit dem Internet aufgewachsen und nutzen das interaktive Medium mehr als jede andere Generation, doch versunken sind sie darin noch lange nicht. „Ich hör lieber Radio mit FrequenzRauschen als Radio im Internet“, sagt eine Teilnehmerin. Eine andere setzt sich für die gute alte Tageszeitung ein: „Ich würde das Knistern der Zeitung am Frühstückstisch vermissen - und das Gefühl, sie einfach in der Hand zu halten. Ich finde es schade, wenn das alles verloren geht.“ Klingt ziemlich nostalgisch? Nein – vielmehr eine längst überfällige Reaktion auf den totalen Informationsüberfluss im Internet, glaubt eine Teilnehmerin: „Im Netz gibt es viel zu viele Informationen und wir werden das nicht ewig mitmachen.“ Gern Unterhaltung, nur nicht zu viel Was also sind die neuen jugendlichen Formate? Fernsehen einfach nur mit Internet zu verbinden reicht nicht aus. Die Jugendlichen im Workshop wollen vor allem zwei Dinge: authentische Geschichten, Nähe zu den Leuten. Bei „Wer wird Millionär“ kann einfach jeder bewerben – auch bei „Deutschland sucht den Superstar“ kann jeder vorsingen. Man kann sich einbringen; und das ist der Erfolg. Reality-Shows, in denen Familien ihre Eltern tauschen oder gleich ganz ins Ausland auswandern, begeistern die Jugendlichen auch nicht mehr. Zu gestellt, zu unglaubwürdig. Gerne ein wenig Unterhaltung, aber nicht übertreiben. Mehr Mut zu neuen Ideen - weniger übertriebene Selbstdarstellung. So neu ist das gar nicht. Aber näher an den Jugendlichen wäre es auf jeden Fall.

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August 2008 | Thema: Engagement

Bin ich Deutschland? Als Praktikant am Goethe-Institut von Los Angeles Nein, leicht hat man es im Ausland manchmal wirklich nicht: Seit zwei Monaten lebe ich nun hier in Los Angeles und bei jeder neuen Begegnung stellen sich die gleichen Fragen: Schmeckt deutsches Bier wirklich so gut? Sind Lederhosen eigentlich bequem? Und stimmt das mit den Autobahnen tatsächlich? Ich bin Deutschland - ich bin Bratwurst und Sauerkraut! So oder so ähnlich kommt es einem manchmal schon fast vor. Doch mal im Ernst: Haben wir vielleicht nicht doch ein wenig mehr zu bieten? Eigentlich schon: Selbst in einer Filmmetropole wie Los Angeles ist deutsche Kultur alles andere als langweilig. Man denke nur an Marlene Dietrich, den Film „Das Leben der Anderen“ oder den Komponisten Hans Zimmer. Für genau diese Art von Kultur setzt sich das Goethe-Institut in der Stadt ein. Und dafür engagiere auch ich mich derzeit als Praktikant. Einmal nach Amerika Generation Praktikum – diesen Stempel bekommt man als Student in letzter Zeit häufiger aufgedrückt. Und in der Tat ist da ja einiges dran. Immer mehr junge Leute machen immer mehr Praktika, um überhaupt noch eine Chance auf einen Job zu bekommen. Doch sehe ich es derzeit eher von einer positiven Seite: Überall in der Welt kann man heute Erfahrungen sammeln, sich für eine bestimmte Zeit engagieren und gleichzeitig seine Sprachkenntnisse aufpolieren. Schon lange wollte ich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten arbeiten und kulturelle Events in den Staaten organisieren. Gesagt, getan. Nach einiger Vorlaufzeit für das Visum mache ich nun mein Praktikum im Goethe-Institut im Herzen von Los Angeles. Von „Lissi“ bis „Kirschblüten Hanami“ Die Stadt an der Westküste der USA ist groß, sehr groß sogar. Selbst ich als Berliner muss das neidlos anerkennen. Und so brauche ich auf meiner allmorgentlichen Fahrt durch den 13 Millionen Einwohner fassenden Großraum Los Angeles auch nicht weniger als knapp zwei Stunden, um mich mit Bus und Metro durch den Verkehr zur Arbeit zu schlagen - vorbei an idyllischen Reihenhäusern und verrauchten Industriegebieten, entlang der weltberühmten Sterne des Walk of Fame, durch Hollywood und Beverly Hills. Im Institut angekommen, helfe ich vor allem meiner Kollegin Margit Kleinmann dabei, Events vorzubereiten, Programme auszuarbeiten und Veranstaltungen zu organisieren. Margit lebt und macht dies nun schon seit vielen Jahren in den USA. Fast schon hat sich ein kleiner amerikanischer Akzent bei ihr eingeschlichen. Doch als ich sie frage, wo aus den USA sie eigentlich herkommt, lacht Margit nur. „Also eigentlich komme ich aus Bayern“, sagt sie. „Aber das ist schon witzig, weil ich eigentlich jedes Jahr gefragt werde, wo ich denn so gut deutsch gelernt habe.“ Gerade haben wir den aktuellen Kalender mit den Terminen für den Herbst fertig gestellt. Ohne Filme geht dabei natürlich gar nichts in L.A. - der beste Ort also, um zu beweisen, dass Deutschland auch ein großartiges Filmland ist. Und so steht nun bald unter dem Titel „German Currents“ ein Filmfestival an, bei dem wir aktuelle deutsche Filme dem amerikanischen Publikum präsentieren – von Michael Herbigs „Lissi“ bis zum wunderbaren „Kirschblüten – Hanami“. Hierzu musste in den letzten Wochen allerhand organisiert werden. Ich konnte recherchieren und Texte schreiben, Flüge buchen und einen Eindruck davon bekommen, was es heißt, solch ein Event zu planen und wie vielfältig allein deutsche Filmkultur eigentlich sein kann.

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Goethe weltweit Doch was verstehen wir nun eigentlich unter „typisch deutsch“? Wie nimmt man uns im Ausland wahr? Und was genau bedeutet deutsche Kultur? Darüber machen sich Tag für Tag viele der 2.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Goethe-Instituts ihre Gedanken – an 134 Instituten in 82 Ländern überall auf der Welt. Das Goethe-Institut ist für einen Großteil der Kulturpolitik im Ausland zuständig und arbeitet eng mit dem Auswärtigen Amt zusammen. Allerdings ist es auch ein gemeinnütziger Verein, der politisch unabhängig agiert. Für kurze Zeit bin ich ein kleiner Teil davon. Indem wir die Leute in anderen Ländern über unsere Kultur, Gesellschaft und Politik informieren, versuchen wir ein Deutschlandbild fernab aller Stereotypen und Klischees zu vermitteln. Finanziert wird das Goethe-Institut und damit auch die Arbeit hier in Los Angeles zum größten Teil von der Bundesregierung. Allerdings helfen auch zahlreiche Spenden kulturverbundener Menschen, wie etwa der „Friends of Goethe“ hier in Kalifornien. Jeden Bewohner Deutschlands kostet das Goethe-Institut übrigens weniger als 20 Cent im Monat. Damit werden Veranstaltungen aller Art organisiert und natürlich auch die Kenntnisse der deutschen Sprache gefördert. Jahr für Jahr lernen 185.000 Menschen Deutsch an den Goethe-Instituten weltweit. „Isar goes Hollywood!“ Auch Bayern hat weit mehr als Lederhosen und Weißbier zu bieten. Gerade erst ist in München aus einem Teil der in einer Betonröhre begradigten Isar wieder ein natürlicher Fluss entstanden. Wenn dies ein Vorbild für die Renaturierung des Los Angeles River sein kann, dann ist auch dies auswärtige Kulturarbeit. Zumindest werden schon bald Leute aus München nach Los Angeles kommen, um die hiesigen Verantwortlichen genau davon zu überzeugen. „Der Fluss ist an vielen Stellen so trostlos, dass viele Bürger gar nicht wissen, dass es ihn überhaupt gibt“, meint Margit. Und auch meine Gastmutter Daisy Struve gibt zu: „Ich wusste bisher nicht, dass es in Los Angeles eine Fluss gibt.“ Vorurteile beiderseits des Atlantiks Schon bald werde ich wieder zurück in Deutschland sein. Gelernt habe ich bisher vor allem, dass es absurde Vorurteile auf beiden Seiten des großen Teichs gibt. Denn auch Amerikaner sind alles andere als arrogante Cowboys oder selbstherrliche Besserwisser, wie man es manchmal glauben mag. Ich habe sie als weltoffene und gastfreundliche Menschen erfahren, die ein großes Interesse auch für die Kulturen anderer Länder hegen. So habe ich Anton (35) kennen gelernt, der zunächst natürlich auch vor allem eines wissen wollte: „Kann man auf deutschen Autobahnen wirklich so schnell fahren, wie man will?“ Damit war er nicht der Einzige. Doch nach einigen Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft zum Public Viewing im Goethe-Institut wusste auch Anton, dass Deutschland sehr viele Facetten hat und wir Deutschen auch ohne Auto sehr glücklich sein können.

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Mai 2007 | Thema: Jugendkongress „Bündnis für Demokratie und Toleranz“

Mutig, engagiert, vielseitig! Bei den Europaworkshops des Jugendkongresses Wie passen Jugendliche und Europa überhaupt zusammen? Lässt sich Europa eigentlich demokratisch und tolerant gestalten? Darüber wurde gestritten und diskutiert. Und am Ende stellten die Jugendlichen manch handfestes Ergebnis auf die Beine. Europa braucht dich Viel zu viel Bürokratie, undemokratisch, zu weit weg von den Leuten. Wo soll man sich da schon einbringen? Mit Ideen, Konzepten, Projekten natürlich! Bleibt nur die Frage: Wie eigentlich? Drei Stunden sind verdammt wenig Zeit, um zu erfahren, wo man sich als Jugendlicher in Europa engagieren kann und um eine Idee davon zu bekommen, wie man ein Projekt am erfolgreichsten angeht. Und ganz am Ende des Workshops sollte dann auch noch ein eigenes kleines Projektkonzept auf die Beine gestellt werden. Kein Problem für die Jugendlichen in einem inhaltlich ziemlich voll gepackten Workshop unter dem Titel „EU wants you“. Die Moderatorin Nadine Zirbes-Sala selbst ist ganz überrascht von den Jugendlichen. „Am Anfang hatte ich schon ein wenig Angst wegen der Größe des Themas, aber mit einer so tollen Resonanz hätte ich nie gerechnet“. Die Jugendlichen fanden es zunächst auch ziemlich theoretisch und frontal. Doch die Erarbeitung eigener Projekte in kleinen Gruppen zum Schluss des Workshops fanden sie dann richtig klasse. Und die entstandenen Projektideen zu Tierrechten, Klimaschutz und anderen Themen konnten sich sehen lassen. Viele hätten am liebsten gleich mit der Umsetzung losgelegt, ihre Mindmaps in die Tat umgesetzt und auf „einen coolen Multiplikatoreffekt“ gehofft. Schreiben für Europa Apropos Multiplikatoreffekt. Möglichkeiten, sich zu engagieren und sich als Jugendlicher einzubringen, gibt es wohl mehr als genug in Europa. Doch natürlich müssen davon auch andere Leute irgendwie motiviert, müssen die Menschen auch von einer tollen Idee begeistern werden. Aber wie am besten davon erzählen, wie darüber berichten und schreiben? Etwa in der Schülerzeitung. „Ganz wichtig ist zunächst einmal, wie sehr mich das Thema selbst interessiert und wen genau ich damit erreichen

will“,

erklärt

die

Leiterin

des

Workshops

Jana

Kellermann

von

schekker.de,

dem

Onlinejugendmagazin der Bundesregierung. Dabei erscheint das Thema Europa auf den ersten Blick ziemlich abstrakt und viel zu komplex, als dass man darüber etwas Interessantes berichten könnte. Doch schaut man genauer hin, stecken überall klasse Ideen für einen interessanten Artikel. Was hat es eigentlich mit der europäischen Hymne auf sich? Warum wird so intensiv um die Verfassung gestritten? Was bedeutet das Motto „In Vielfalt geeint“ ganz konkret? Tabuthemen gibt’s in Europa keine. Und damit sie auch interessant und spannend rüber kommen, konnten die Jugendlichen gleich auch noch selbst ein paar praktische Erfahrungen sammeln und selbst zu Stift und Papier greifen. Die Jugendlichen finden es toll. Und auch die Moderatorin des Workshops ist zufrieden. „Das macht richtig viel Spaß, mit denen zu arbeiten. Die Jugendlichen sind alle super motiviert.“ Europa und die Verfassung Warum eigentlich nicht gleich direkt an die Bundeskanzlerin schreiben? Kein Problem. Zumindest nicht im Workshop zur Bedeutung des Grundgesetzes und den jugendlichen Standpunkten zu einer europäischen

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Verfassung. Kreativ gingen die Jugendlichen der Frage nach, was es eigentlich bedeutet, so eine Art Grundgesetz der EU zu haben. Offen und engagiert diskutieren die Jugendlichen über ihre Gedanken und Assoziationen zur EU und ihren Hoffnungen und Erwartungen zu einer Europäischen Verfassung. Am Ende des Workshops standen ein paar ziemlich beeindruckend verfasste Reden zum Sinn und Zweck einer EU-Verfassung und einige Briefe an die Bundeskanzlerin. Sie soll sich als EU-Ratspräsidentin stärker für eine europäische Verfassung nach den Ideen und Vorstellungen der Jugendlichen einsetzen. Vor allem muss sie klar, verständlich und einfach zu lesen sein. Denn auch wenn alle darüber reden, weiß doch im Prinzip eigentlich kaum einer, was in dieser potentiellen Verfassung nun tatsächlich drinsteht. „Ich war ziemlich schockiert, als ich diesen Wälzer das erste Mal sah“, meint Sebastian, einer der teilnehmenden Schüler des Workshops. Viele Wege nach Europa Europabilder können schon ziemlich diffus sein: Auf der einen Seite herrscht eine unglaubliche Begeisterung für die geeinte und weltoffene EU, auf der anderen Seite stehen Asyl suchende immer wieder vor den verschlossenen Toren der Festung Europa. Die Jugendlichen des Workshops „Wege nach Europa“ versuchten sich daran, ihr eigenes vielschichtiges Bild von Europa zu machen. Eingestimmt mit der Europahymne entwarfen sie ihre Vorstellung von Europa. Diskutierten, wie es sein müsste und wie man es erreichen kann. Mit mehr Beteiligung, mehr Transparenz, mehr Aufklärung. Und dem Mut dazu, ganz eigene und persönliche Erfahrungen in Europa zu machen. Ansätze, Europa positiv zu verändern, finden die Jugendlichen mehr als genug. Klar ist es immer ziemlich schwierig, ein so komplexes Thema in drei Stunden zu diskutieren, aber die Leiterin des Workshops Christiane Bull fand es auf jeden Fall „sehr faszinierend, auf welchem Niveau diskutiert und in welche Tiefe gegangen wird.“ Dabei hätten die Jugendlichen selbst gerne noch länger diskutiert. Denn Wege, Europa zu erfahren gibt es unglaublich viele.

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Oktober 2006 | Thema: Integration

Festung Europa? Die europäische Einwanderungs- und Asylpolitik Jeder kennt sie, die Bilder hoffnungslos überfüllten Boote mit Flüchtlingen irgendwo im Mittelmeer. Sie wollen nur eines: nach Europa. Doch wie soll das funktionieren, Einwanderung auf europäischer Ebene? Wo liegen die Kompetenzen, wo die Grenzen? Seit Monaten tobt nun schon eine heftige Debatte darüber, wie die Gestaltung einer europäischen Asyl- und Einwanderungspolitik auszuschauen hat. Vorschläge gibt es einige: Auffanglager in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, rigorose Abschiebung, massive Grenzkontrollen. Was sind wirklich geeignete Mittel für eine humane Einwanderungspolitik? Zusammen mit Jugendlichen aus ganz Deutschland werde ich in den nächsten vier Tagen versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Und zwar auf Einladung des Vereins zur Förderung politischen Handelns. Hier in der so genannten Hauptstadt Europas, in einer Stadt, die übrigens selbst große Integrationsprobleme hat. Macht oder Ohnmacht der EU? Einwanderungspolitik ist ein relativ unterbewertetes Politikfeld auf europäischer Ebene. Es stellt keinen eigenen Tätigkeitsbereich dar, sondern gilt lediglich als kleiner Teil des Bereiches „Justiz und Sicherheit“. Deshalb stehen bei der Bewältigung der Aufgaben insbesondere die Bedrohung durch den Terrorismus sowie die Verhinderung illegaler Einwanderung im Vordergrund. Doch geht es auch nicht ausschließlich um eine bloße Gefahrenabwehr. So gibt es weitergehende Pläne für die Zukunft, wie etwa das erst 2004 verabschiedete Haager Programm. Es sieht die Ausweitung europäischer Kompetenzen in der Migrations- und Integrationspolitik vor. Etwa eine gemeinsame Visapolitik oder die Schaffung von Mindeststandards im europaweiten Strafrecht. Warum derlei Reglungen jedoch schwer durchzusetzen sind, das wollen wir im Ministerrat erfahren. Kompromissfinder oder Blockadeinstrument? Voller Spannung betreten wir das Gebäude des Ministerrates. Vorbei an den obligatorischen Sicherheitskontrollen finden wir uns in einem der Sitzungsräume wieder. Hinter uns befinden sich die geräumigen Übersetzer-Kabinen. Kleine Schildchen mit Ländernamen darauf stehen direkt vor uns auf dem Tisch. Ein lächelnder älterer Herr betritt den Konferenzraum und beginnt zu erzählen. Guillermo Troncoso González ist Mitarbeiter in der Abteilung für Asyl und Zuwanderung. Der Spanier redet offen über die derzeitigen Probleme: Wenn es nach dem Willen vieler Mitgliedsstaaten ginge, wäre die europäische Migrationspolitik schon wesentlich stärker vereinheitlicht. Das betrifft die Steuerung der Migrationsströme, die Einführung eines gemeinsamen Asylverfahrens und den europaweiten Informationsaustausch. „Klar gibt es einige Programme zur besseren Integration ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, doch sind sie meist nicht mehr als der Tropfen auf den heißen Stein“, so González. Weitergehende Regelungen zur Harmonisierung des europäischen Rechtsraumes scheiterten immer wieder am Einstimmigkeitsprinzip des Ministerrates. „Wenn auch nur ein Land dagegen ist, können wir den Vorschlag vergessen. Wie weit also kann ein Kompromiss zwischen den bald 27 Mitgliedsländern da schon gehen?“ „Viel Arbeit und kaum Kompetenzen“ Inzwischen strömen Regentropfen die gläserne Fassade des Brüsseler Hauptgebäudes der EU Parlamentsvertretung hinunter. Wir warten mit unseren frisch gedruckten Besucherausweisen auf unsere

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nächste Gesprächspartnerin Ewa Klamt. Die Parlamentsabgeordnete für die Europäische Volkspartei ist Mitglied im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres. Dass sie dort zwar sehr viel zu tun, aber immer noch zu wenig zu entscheiden hat, gibt sie offen zu: „Ich bin die einzige aus meiner Fraktion, die sich wirklich eingehender mit dieser Problematik beschäftigt. Wer will schon in einen Ausschuss sitzen, der kaum Kompetenzen hat?“ Ihre Position vertritt sie dafür um so deutlicher: „Ich bin ganz klar für eine geregelte Zuwanderung.“ Doch was die Erfolgsaussichten angeht, bleibt Ewa Klamt skeptisch. Zu groß die Differenzen zu diesem Thema, zu unwahrscheinlich eine Einigung aller Beteiligten. Perspektiven: Mangelware Das bestätigt auch Cem Özdemir. „Eine einheitliche europäische Einwanderungspolitik ist mittelfristig illusorisch“, so der grüne Europapolitiker. Zwar seien Standards zur Unterbringung aufgegriffener Flüchtlinge oder die Koordination der europäischen Grenzkontrolle durch die Organisation Frontex erste sichtbare Erfolge. Doch sehe er „kaum Spielraum für tiefgreifende Kompetenzen auf europäischer Ebene“. Dabei ist die Zahl der Asylanträge schon seit Jahren stark rückläufig. Während sie 2005 bei noch etwa 457.000 in Gesamteuropa lag, stellten 2005 laut UNHCR nur noch 263.000 Personen solch einen Antrag. Warum fällt eine Einigung dann so schwer? Wir versuchten am nächsten Tag, die Positionen zur europäischen Einwanderungspolitik in einem Planspiel nachzuvollziehen. Politik zum Selbermachen: Ein Planspiel Die Vorwürfe gingen von einem Lager zum anderen. Schnell wurden die Vorschläge des „politischen Gegners“ als „unpräzise“ und „unausgegoren“ bezeichnet, verlor sich das Vokabular irgendwo zwischen „realitätsfremdem Reaktionismus“ und „christlich urkonservativem Protektionismus“. Fast so wie auf EUEbene. Eine Gruppe wollte eine härtere Asylpolitik, eine andere sprach sich für die Stärkung der Rechte illegal hier lebender Menschen aus. Einige forderten ein Recht auf Arbeit für die geduldeten Flüchtlinge, andere lehnten dies ab. Vertreter vor allem der kleineren Länder sprachen sich für eine Ausweitung legaler Einwanderung aus, während Länder wie Italien oder Spanien mit völlig anderen Problemen zu kämpfen haben. Denen ging es vielmehr um stärkere Maßnahmen zur Verhinderung illegaler Einwanderung. Letztlich müssen sich die Argumente nicht einmal grundsätzlich ausschließen. Und doch war es kaum möglich, einen Kompromiss zu finden. Keine Einigung, kein Gesetz. Es ist gar nicht so einfach, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Wir haben eine Ahnung davon bekommen, wie es erst zugeht, wenn 25 unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen. Und genau das geschieht auf EU-Ebene. Höchstens technische Fragen können geklärt werden. So ermöglicht etwa die Einführung von „Eurodac“ die länderübergreifende Erfassung von Fingerabdrücken. Doch was passiert in Zukunft mit Flüchtlingen, die in ihren kleinen Booten an spanischen oder italienischen Küsten stranden? Was geschieht mit denen, die alles aufgaben, um ihren Traum von Europa zu realisieren? Wie mit ihnen verfahren werden soll, liegt noch immer beim Mitgliedsland selbst und nicht in der Hand der Europäischen Union. Schließlich haben auch die einzelnen Länder mit sehr individuellen Problemen zu kämpfen. Binnenmigration in Europa, das ist durch die offenen Grenzen innerhalb des so genannten Schengen-Raumes heute fast problemlos möglich. Europa sollte sich jedoch auch stärker Gedanken über diejenigen machen, die auf der Suche nach Arbeit oder Asyl in die EU kommen wollen. „In Vielfalt geeint“, das geht nicht ohne eine gemeinsame Einwanderungs- und Asylpolitik.

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Juni 2006 | Thema: Kirche und Religion

„Die Kirche ist jung!” Der XX. Weltjugendtag in Köln - Begegnungsstätte von Kirche und Jugend „Habemus Papam!“ Die Welt und vor allem Deutschland standen Kopf, als am Abend des 19.April diesen Jahres weißer Rauch aus der altehrwürdigen Sixtinischen Kapelle des Vatikans stieg, die Glocken des monumentalen Petersdoms erklangen und wenig später die Wahl des ehemaligen Kardinal Joseph Ratzingers zum neuen Papst Benedikt XVI. feierlich verkündet und darüber hinaus enthusiastisch bejubelt wurde. „Viva il Papa!“ – „Lang lebe der Papst!“ schallte es dem neuen Oberhaupt der katholischen Kirche unter tosendem Beifall in emotionalen und lang anhaltenden Sprechchören noch minutenlang entgegen, als er sich bereits kurz nach seiner Wahl zum neuen Präfekten Roms der versammelten Menge auf dem Petersplatz in Rom präsentierte. Unter der begeisterten Menschenmasse auch unzählige geradezu ekstatische Jugendliche. Und so ist denn auch der neue, fast schon wie ein großer Pop-Star frenetisch empfangene Papst ebenso wie sein Vorgänger absolut von der Jugendhaftigkeit der modernen Kirche überzeugt: „Die Kirche ist jung!“, so Benedikt XVI. Doch was macht die katholische Kirche im Speziellen, aber auch Religion im ganz Allgemeinen eigentlich so interessant, ja geradezu attraktiv für junge Menschen? „Auf der Suche nach ihrer Form“ – Jugend und Kirche in Deutschland Befragt nach ihren Assoziationen zu den Themen Kirche und Religion antworteten zahlreiche Jugendliche spontan und ohne viel über ihre Worte nachdenken zu müssen, in geradezu einhelliger Übereinstimmung, fast schon unisono: „Konservativ und rückwärtsgewandt“, „starr und dogmatisch“ oder auch generell in ihren Ansichten zu sprichwörtlich Gott und der Welt als teilweise „lägst überkommen“. Kaum verwunderlich also, dass christlich orientierte Jugendliche in Deutschland zu einer immer kleiner werdenden Minderheit geworden sind; so bezeichnen sich heute etwa noch weit weniger als 20 Prozent der jungen Leute als Anhänger des Theismus. Es steht also nicht gerade zum Besten um „Kirche“ in good old Germany. Sollte man meinen. Bei näherer Befragung jedoch fällt denn in der Tat ziemlich schnell auf, dass sich durchaus ein großer Teil der Jugend eben doch so seine intensiven Gedanken zu Spiritualität und religiösen Themen macht, ja sich gar freimütig als „irgendwie gottgläubig“ bezeichnet. Doch Gott, so das Bekenntnis der Jugendlichen, sei keine Person, sondern vielmehr eine Art alles zusammenhaltendes Prinzip, kein Individuum, sondern eine unbeschreibliche spirituelle Erfahrung. „Etwas und nicht Jemand.“ Eine gigantische „Pilgerfahrt junger Menschen“ Mehr als 800.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter zwischen 16 und 30 Jahren, 4.000 Journalisten, 600 Bischöfe und Kardinäle und über 30.000 freiwillige Helferinnen und Helfer aus aller Welt werden dem eindringlichen Aufruf des Papstes aller Voraussicht nach folgen und Mitte August gemeinsam in das Erzbistum Köln pilgern. Doch was beweisen diese gigantischen Zahlen eigentlich wirklich? Darf man sie tatsächlich zum Beweis einer wieder erstarkten tiefen Religiosität der Jugend heranziehen? Zunächst einmal beweisen die Schätzungen der Organisatoren in der Tat ein enormes Interesse der Jugend an Kirche und die ungebrochene Akzeptanz und Toleranz gegenüber friedlichen Religionen in unserer eigentlich säkularisierten Gesellschaft. Und da sich nicht zuletzt der Weltjugendtag selbst nach Ansicht seiner Veranstalter als „Pilgerfahrt junger Menschen“ und „Fest der Begegnung und Solidarität“ versteht, wird sich auch das Spektakel in Köln weniger um eine kritische Auseinandersetzung mit den doktrinären Standpunkten

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der katholischen Kirche drehen, als vielmehr um die innige Erfahrung, den Glauben sowie kirchliche Riten und Traditionen hautnah zu erleben und aktiv mitzuerleben. Im Vordergrund solle der mutige Dialog und offenherzige Gedankenaustausch untereinander stehen: „Die Kirche hat der Jugend viel zu sagen und die Jugend hat der Kirche viel zu sagen“, bekräftigte schon der ehemalige Papst Johannes Paul II, welcher sich Zeit seines Lebens auch und gerade für die Belange der jungen Gläubigen engagierte. „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“ – Jesus hautnah erleben Der Kern der 10-tägigen Veranstaltung „Weltjugendtag“ wird bereits durch das prägnante Motto eindeutig auf den Punkt gebracht: Beten, beten und nochmals beten. Doch dazu müssen die Hunderttausenden Jugendlichen auch erst einmal in die Rhein-Metropole pilgern. Junge Leute verschiedenster Ethnien und Hautfarben, geographischer und sozialer Herkunft, oftmals unterschiedlichster Meinung und Lebensauffassung treten den zum Teil langen Weg nach Köln an, denn sie alle eint und verbindet ein gemeinsames allumspannendes Ziel: Die Anbetung Jesus Christi. Jeder Einzelne solle die Begegnung mit Jesus suchen, ihm nahe kommen, die tiefe Religiosität dieser innigen Erfahrung spüren und die Botschaft Christi vernehmen, um ganz im Sinne Papst Johannes Paul II. als „Baumeister einer neuen Zivilisation der Liebe und Gerechtigkeit“ zu fungieren. „feel the spirit“ – Ein Name ist Programm Nur eines von unzähligen multikulturellen Jugendprojekten auf dem XX. Weltkirchentag verbirgt sich hinter dem viel versprechenden Namen „feel the spirit!“, einem unter anderem von der „Katholischen Jungen Gemeinde“ (KJG) organisierten Begegnungsprogramm für junge Leute. Die Organisatoren planen etwa unter der Überschrift „spirit of communication“ einen Treffpunkt internationaler Begegnung einzurichten: Gäste können sich in einem acht Quadratmeter großen Tagebuch verewigen, jede Stunde lehren Muttersprachler und Fachleute das „Vater Unser“ in einer anderen Sprache, ein Café International lädt zum Verweilen ein und allerlei Informationen rund um Kirche und Religion werden geboten. Doch das war erst der Anfang; Künstler aus aller Welt, aus Frankreich und Angola, Belgien wie Haiti, den Philippinen sowie Litauen sorgen mit ihrer Musik, Tänzen und Spielen für ein abwechslungsreiches Programm auf dem Festival „spirit of celebration“ und damit auch für den nötigen Spaß und eine gute Unterhaltung der Jugendlichen. Und wie steht eigentlich die Jugend dazu? Eine „jugendliche“ Kirche – Geht das überhaupt? „Apostel der Neuevangelisierung“ und „Wächter des neuen Morgens“, sollen sie sein, die Jugendlichen dieser Tage. So zumindest die eindringliche Aufforderung und Botschaft der verstorbenen Papst Johannes Paul II. Doch die Realität sieht – wie so häufig – etwas anders und vor allem wesentlich differenzierter aus. Es wäre falsch, zu behaupten, die Jugend erlebe derzeit eine regelrechte Rekatholisierung und wende sich mit ganzem Herzen ihrem christlichen Glauben hin, doch wäre die These, wonach wir, die „Generation Euro“ vollkommen gottverlassen, überaus atheistisch und bis auf die Knochen säkularisiert seien, ebenso inkorrekt und unglaubwürdig. Die Wahrheit liegt bekanntlich irgendwo dazwischen. Wer meint, nur weil Passagen der Bibel im krassen Widerspruch zu Naturgesetzen stehen und die Kirche auch weiterhin an längst überkommene Dogmen festhält, sei gleich die gesamte Religion in Frage gestellt, als Humbug entlarvt und aus den Köpfen der Jugendlichen verbannt, der irrt gewaltig. Der Andrang und die freiwillige Teilnahme der Schüler am Religionsunterricht, Tausende Besucher bei den ökumenischen Gottesdiensten, stets und ständig gut besuchte Kirchentage sowie unzählige weitere Beispiele zeigen, wie gerne sich Jugendliche mit dieser Thematik auseinandersetzen und wie sehr das durchaus spannende und nicht zuletzt auch immer wieder aktuelle Thema Religion eigentlich beschäftigt. Religion, das bedeutet eben nicht nur Kirche, sondern auch Hoffnung, Kraft und Zuversicht.

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März 2006 | Thema: Jugend und Perspektiven

Heimat Ostdeutschland Kreative Jugendprojekte gegen die Abwanderung Manch einer staunt nicht schlecht, auf seiner Reise nach Ostdeutschland: Auf den neuesten Autobahnen geht’s durch manch riesigen Gewerbepark oder adrette Wohngegend. Die Einheit, so scheint es, war auch wirtschaftlich ein voller Erfolg. Den hier lebenden Jugendlicher jedoch fehlt die Perspektive in ihrer Heimat. Kleine Projekte in der gesamten Region zeigen nun, wie engagierte junge Leute gegen diesen Trend ankämpfen. Die wahren Probleme des Ostens sind auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Fremdenfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit sind nur einige. Vor allem viele Jugendliche, egal ob aus MecklenburgVorpommern, Brandenburg, Sachsen oder Sachsen-Anhalt haben deshalb nicht selten nur ein Ziel: Sie wollen abwandern. Weg aus den neuen Ländern, weg aus ihrer Heimat. Statistisch sieht die ganze Sache auf den Ersten Blick dabei eigentlich ganz gut aus: Heute leben in Ostdeutschland etwa genauso viele Menschen wie 1989. Dank der geburtenstarken Jahrgänge von vor der Wende. Doch 2001 kippte der Trend. Seither leben jährlich 100.000 Menschen weniger in den neuen Bundesländern. Gleichzeitig steigt die Bevölkerungszahl in den alten Ländern jedes Jahr um etwa 80.000. Dabei wandern vor allem viele Jugendliche gen Westen. Auf der Suche nach einer Arbeit und einer persönlichen Perspektive. Nicht einmal mehr jeder Fünfte in den neuen Ländern lebende ist heute jünger als 20. Doch es geht auch anders. Zum Beispiel in Wittstock.. Wittstock zeigt Gesicht Bombodrom, Woodstock, DDR, Pferde und die nahe Autobahnausfahrt. Sehr viel mehr können Berliner mit der weniger als zwei Stunden entfernten brandenburgischen Stadt Wittstock an der Dosse kaum anfangen, wie ein paar Wittstocker Jugendliche mit ihrer Befragung auf den Straßen der Hauptstadt herausfanden. Das versammelte Wittstocker Publikum verfolgt gebannt die Premiere dieses Kurzfilmes, der nur einen Teil einer Tagung darstellt, die sich mit den touristischen Potentialen der Stadt befassen soll. In der gut gefüllten Aula des Gymnasiums diskutieren Politiker, Städtemanager und Wirtschaftsförderer gemeinsam mit den Jugendlichen die Problemfelder, beleuchten kleine Workshop-Gruppen einzelne Aspekte des Ganzen. Und vor allem: Die Ideen der in Wittstock engagierten Jugendlichen werden wirklich ernst genommen. Egal, ob es sich dabei um die Planung eines Skate-Parks, einen Wettbewerb zur Verschönerung der Schaufenster oder eben die Realisierung des Kurzfilmprojektes handelt. Doch wozu eigentlich dieser ganze Aufwand? Gemeinsam gegen Abwanderung Das Projekt in Wittstock ist nur ein Ergebnis von vielen Initiativen, die sich derzeit mit der Abwanderungsproblematik junger Menschen in den neuen Bundesländern befassen. Jugendlich werden bei der Beschäftigung mit ihrer Heimat unterstützt, um diesen kreativen Köpfen wieder Perspektiven in der eigenen Region aufzuzeigen. Letztlich mit dem großen Ziel, die Abwanderung aus Ostdeutschland endlich abzubremsen. Die Stiftung Demokratische Jugend etwa fördert gezielt das soziale Engagement junger Leute zwischen 12 und 27 Jahren. Neben der Betreuung und Unterstützung lokaler Netzwerkstellen koordiniert sie etwa direkt die in ihrem Zeitensprünge-Programm aktiv gewordenen Jugendlichen, damit sie sich mit ihrem Kiez stärker auseinander setzen und besser identifizieren können. Egal ob die Erforschung der Geschichte eines Internats in Ziesar, die Vergangenheit des lokalen Rostocker Rundfunks, die Bedeutung des Gothaer Schlosses, der Hintergrund von Straßennamen in Dresden oder die Geschichte einer Jugendbewegung in Halle. Überall erleben

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Jugendliche, dass die eigene Heimat spannend sein und es eben auch Alternativen zur bloßen Abwanderung geben kann. Jugendliche in Wittstock Netzwerke, wie das in Wittstock zwischen der Stadtverwaltung, den regionalen Unternehmen, der Wirtschaftsförderung, dem Tourismusverein und allerlei Jugendorganisationen kommen vor allem den Jugendlichen zu Gute. Sie werden aktiv in die Gestaltung ihrer Stadt eingebunden. Auf der Tagung im Gymnasium diskutierten Jung und Alt denn auch nicht wirklich gegeneinander, sondern vielmehr stets auf gleicher Augenhöhe. Alle wollen sich für Wittstock engagieren, das in der Tat weit mehr zu bieten hat, als ein profanes Ausfahrtsschild an der Autobahn. Das unter Beweis zu stellen, haben auch die Jugendlichen zum Ziel. Den jungen Gymnasiasten hat das kleine Projekt auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht. Es hat aber auch ein starkes Interesse geweckt, weshalb sie sich auch in Zukunft mit ihrer Stadt auseinandersetzen und sich für ihre Heimat einsetzen wollen. Jugendliche wandern ab Der allgemeine Trend in Brandenburg jedoch zeigt in eine andere Richtung: Vor allem 18- bis 25-Jährigen wandern ab. Der Wunsch, eine Familie zu gründen, sinkt seit Jahren stärker als in Westdeutschland. Jahr für Jahr leben weniger Menschen in den neuen Bundesländern. Klar, seit 2003 hat die gesamte Bundesrepublik mit einem gewissen Bevölkerungsschwund zu kämpfen, doch trifft das vor allem die ostdeutschen Länder: Während die Bevölkerung in Ländern wie Bayern oder BadenWürttemberg 2004 um mehrere 10.000 anstieg, verließen im selben Jahr 91.000 Menschen die neuen Bundesländer. Die Arbeitslosenquote liegt im Osten knapp doppelt so hoch wie im Westen. Und auch die Prognose für die Zukunft sieht eher ernüchternd aus. Beispiel Brandenburg: Sind es heute noch fast 2,6Mio. Menschen, die das nach Mecklenburg-Vorpommern am dünnsten besiedelte Bundesland bevölkern, sollen es 2050 nur noch 1,8Mio. sein. Blühende Landschaften? Fehlanzeige.. Potenziale entdecken, Chancen nutzen Fazit: Auch wenn die Debatte um Ossis und Wessis lange nicht mehr derart negativ und auch fast schon mit dem ein oder anderen Augenzwinkern geführt wird und sich viele Jugendliche gerne mit ihrer Heimat „im Osten“ identifizieren, gibt es doch auch mehr als 16 Jahre nach dem Fall der Mauer strukturelle Probleme, die es den Jugendlichen schwer machen, hier zu bleiben. Doch was, wenn man diese jungen Menschen stärker für die Erkundung ihrer Heimat begeistern kann? Was, wenn sie sich mit ihrem Kiez identifizieren? Initiativen, wie die Arbeit lokaler Netzwerkstellen oder die Zeitensprünge-Projekte der Stiftung Demokratische Jugend zeigen, dass es in der Region der neuen Bundesländer durchaus möglich sein kann, die Potenziale der Jugendlichen zu wecken und kleine Alternativen zur Abwanderung aufzuzeigen. Diese Problematik ist natürlich nicht neu. Doch können Diskussionsrunden und Debatten allein da keine Abhilfe schaffen. Das können nur konkrete Projekte zusammen mit den Jugendlichen aus Ostdeutschland. Sie müssen ermutigt werden, sich mit ihrer Region zu beschäftigen, sich mit den Menschen auseinander zu setzen, eigene Ideen und Vorstellungen zur Verbesserung ihres eigenen Lebensumfelds zu entwickeln und sie die Tat umzusetzen. Und so bietet sich doch zumindest für den einen oder anderen vielleicht das an, woraufhin eigentlich alle Anstrengungen hinausarbeiten: Eine Perspektive in der eigenen Heimat Ostdeutschland.

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Februar 2006 | Thema: Europa

Weltstadt mit Herz Zu Besuch in Genf Die Stadt Genf in der Schweiz ist vor allem wegen seiner internationalen Bedeutung bekannt. Organisationen aus aller Welt haben hier ihren Sitz. Und auch mit der Geschichte der Menschenrechte ist das idyllisch am Rande der Alpen gelegene Städtchen untrennbar verbunden. Im südwestlichsten Zipfel der Schweiz, fast völlig von der französischen Grenze umgeben, liegt Genf, in der Landessprache „Genèva“. Mit etwas mehr als 180.000 Einwohnern ist sie die zweitgrößte und zugleich internationalste Stadt der Schweiz. Wer dabei an eine pulsierende Großstadt wie New York oder London, Hongkong oder Sydney denken muss, wird sich in Genf verwundert die Augen reiben. Diese Stadt ist anders als die anderen: Gelassener und ländlicher, aber gerade dadurch ungeheuer sympathisch. Genfer Stadtromantik Als ich mich am späten Morgen auf den Weg zum berühmtesten Wahrzeichen der Stadt mache, befinde ich mich noch in den verwinkelten Gassen der romantischen Altstadt. Ich schlendere an monumentalen Bauwerken, wie der beeindruckenden Cathédrale St. Pierre oder dem geschichtsträchtigen Rathaus vorbei und gönne mir eine kurze Pause auf der „Promenade de la Treille“. Mit 126 Meter die angeblich „längste Sitzbank der Welt“. Entlang unzähliger Straßencafés geht es weiter in Richtung Ufer. Und dann sehe ich ihn: „Jet d’Eau“, den „Wasserstrahl“, eine recht harmlose Bezeichnung für den 140 Meter hohen Springbrunnen inmitten des Genfer Sees. 500 Liter Wasser pro Sekunde schießen mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern in der Stunde in die Luft. Entspannter als am Ufer des Sees kann man den Tag in Genève kaum genießen. Freundlich dreinschauende Menschen schlendern gemütlich an mir vorbei, bummeln eine der vielen Promenaden entlang oder gönnen sich ebenfalls eine Pause am malerischen Seeufer. Aus aller Herren Länder Doch genug geträumt, schließlich bietet sich dem politikbegeisterten Weltenbummler in Genf noch weitaus mehr, als die gelassene Ruhe beschaulicher Sommertage. Genf ist wirklich international – und das ist in einer Stadt, in der 45 Prozent der Bevölkerung aus anderen Nationen stammen, schon fast eine Untertreibung. Bereits 1865 wurde hier das Internationale Komitee vom Roten Kreuz gegründet, die Stadt war Sitz des Völkerbundes und seit 1946 europäisches UNO-Zentrum. Die Weltgesundheitsorganisation, das UNFlüchtlingskommissariat, ja sogar die Weltpfadfinderorganisation haben in der Stadt ihr Hauptquartier. Insgesamt sind es etwa 200 Regierungsorganisationen und NGOs. Menschen aus 180 Ländern leben und arbeiten in Genf. Im Norden der Stadt hat sich nach und nach sogar ein ganzes Viertel internationaler Organisationen entwickelt. Zwischen Weinbergen und Alpenkulisse Neben engen Gassen, breiten Straßen, nostalgischen Trams, schicken Boutiquen und sündhaft teuren Cafés gibt es zahlreiche Burgen und Schlösser in der Genfer Umgebung. Eine kleine Tour durch die facettenreiche Landschaft des kleinen Kantons lohnt sich – am besten mit dem „Vélo“. Stadt der Menschenrechte Inmitten gepflegter Parkanlagen liegt das UN Hochkommissariat für Menschenrechte. Jedes Jahr tagt in Genf die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, um über die weltweite Lage der Menschenrechte zu

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befinden. Die so genannten Genfer Konventionen zum Schutz von Zivilisten tragen gar den Namen der kleinen Stadt. Besteht eine tiefe Verbindung zwischen Genf und den Menschrechten? Eindeutige Antwort: Ja. Alles begann etwa 1863 mit der Entstehung der internationalen Bewegung des Roten Kreuzes, die sich vor allem für die Kriegsverletzten einsetzte. Ein Jahr später erarbeitete die Organisation die Genfer Konventionen. 1919 wurde Genf zum Sitz des Völkerbundes bestimmt. Seither gilt die Stadt als internationale Begegnungsstätte für Verhandlungen und Konferenzen zum Weltfrieden und zum Schutz der Menschenrechte in aller Welt. Weltoffen und wunderschön Fazit: Genf ist mit seiner traumhaften Umgebung und der verwinkelten Altstadt auf jeden Fall eine längere Reise wert. Klar, ein wenig Schnelllebigkeit habe ich in der multikulturellen Stadt schon gespürt. Trotzdem ist Genf ohne die typische bodenständige Gelassenheit und die liebenswürdige Gastfreundschaft der Eidgenossen nicht vorstellbar. In diesen unscheinbaren Zipfel der Schweiz wird es mich mit Sicherheit noch ein zweites Mal verschlagen. Ach ja, die Eidgenossen haben selbst daran einen Anteil, dass ihr die neueste Ausgabe des schekker lesen könnt. Denn das Internet wurde tatsächlich in der Schweiz erfunden. Um genau zu sein, in Genf - einer kleinen Weltstadt mit Herz.

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Mai 2005 | Thema: Europa

Praktikum Down Under Zwischen Globalisierung und Umweltschutz

„Das sind doch die totalen Spinner, ohne Sinn und Verstand“, sagen die einen. „Was die machen, ist absolut notwendig“, meinen die anderen. Befragt man Jugendliche nach ihrer Meinung zu „Greenpeace“, trifft man nicht selten auf derart unterschiedliche Antworten. Nicht ohne Grund: Denn nichtstaatliche Organisationen wie Greenpeace wollen eben auch und gerade provokativ auf Missstände aufmerksam machen, wachrütteln und die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit ihrer Arbeit überzeugen. Auch ich hatte mir bereits mein Urteil über diese Nichtregierungsorganisation gebildet, bis ich ihre Arbeit vor kurzem aus einer ganz anderen Perspektive kennen lernen durfte. „Quit Coal!“ Es ist kurz vor sieben Uhr, als sich die ersten Sonnenstrahlen etwas träge noch über die Dächer von Sydney schieben und die Büroräume von Greenpeace in der australischen Metropole erhellen. Hektisch sprinten die Frühaufsteher der Communications Devision durch das ansonsten so gut wie ausgestorbene Bürogebäude an der Liverpool Street, durchforsten die neuesten Nachrichten, bereiten Pressemitteilungen vor. Anspannung liegt in der Luft. Zur gleichen Zeit in der nur 200km nördlich gelegenen Stadt Newcastle: Das Greenpeace Flagschiff „Rainbow Warrior“ blockiert den größten Kohlehafen der Welt. Die Kohleverladung kommt für mehr als vier Stunden zum Erliegen. Aktivisten besetzen Produktionsmaschinen und breiten ein überdimensionales Banner aus. Darauf ihre Message: „Quit Coal!“. „Greenpeace“ ist mal wieder in den Medien. Der Tag bricht an. Greenpeace - Zwischen Protest und Politik Die 1971 gegründete und heute global und unabhängig agierende NGO Greenpeace setzt sich in 40 Ländern dieser Welt mit Hilfe von mehr als 2,8 Mio Fördermitgliedern für Natur- und Umweltschutz, erneuerbare Energien und nachhaltige Landwirtschaft, die Rettung der Wale, den Regenwald und die Meere unseres Blauen Planeten ein. Und das alles ausschließlich mit Hilfe privater Spenden und Mitgliedsbeiträge, wie viele andere NGOs in Deutschland und der Welt. Atomausstieg, nachhaltige Landwirtschaft, die Förderung erneuerbarer Energien sowie die Einführung der Ökosteuer sind nur einige Beispiele für die von Greenpeace positiv vorangetriebenen Veränderungen in der deutschen Umweltpolitik. Doch zufrieden gibt sich die Organisation mit diesen Teilerfolgen noch lange nicht. Mithelfen und aktiv werden kann eigentlich jeder, der Lust dazu hat – egal ob jung oder alt, im Büro oder „vor Ort“, als Spendensammler oder Demonstrant. Denn auch und gerade über das Engagement vieler jugendlicher Freiwilliger zeigen sich Nichtstaatliche Organisationen immer wieder erfreut. „Ohne sie wäre vieles erst gar nicht möglich“, meint etwa Danny Kennedy, Campaigns Manager von Greenpeace Australia Pacific: „Ihre Begeisterung dafür, diese Welt ein Stück weit lebenswerter zu gestalten, gibt uns immer wieder neuen Mut, das Ganze auch wirklich durchzuziehen.“ Die Chance, bei Greenpeace irgendwo am anderen Ende der Welt für einen kurzen Zeitraum zu arbeiten, nutzen denn auch nicht Wenige: Junge Menschen aus Papua Neuguinea, Südkorea, Brasilien oder Deutschland halfen etwa den Jungs und Mädels Down Under etwa bei ihren verschiedensten Arbeitsfeldern, im IT-Bereich, der Vorbereitung neuer Kampagnen oder diversen organisatorischen Abläufen im Sommer 2005. Chris, Informatik-Student aus Stuttgart und gleich für sechs Monate als Praktikant bei Greenpeace, ist sich sicher: „Von meiner Arbeit bei Greenpeace kann ich auf alle Fälle jede Menge mitnehmen. Nicht nur das Engagement, sondern auch die unglaubliche Professionalität der Greenpeace-Mitarbeiter haben mich tief beeindruck.“

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Fragen über Fragen… Es ist jetzt kurz vor neun und das geschäftige Treiben der Pendler auf den Straßen Sydneys hat bereits seinen alltäglichen Höhepunkt erreicht. Im Büro indes laufen die Telefone heiß, die Medien fragen nach Erklärungen, Fakten und Hintergrundinformationen; Menschen wollen die Motive dieser neuerlichen Greenpeace Aktion erfahren, erbitten eine Stellungnahme. Was ist da los? Was wollt ihr damit erreichen? Wieso gerade in Newcastle? Fragen über Fragen, mit deren Beantwortung Danny und andere alle Hände voll zu tun haben. „Es ist nicht gerade einfach, die Leute von der Notwendigkeit dieser Kampagne zu überzeugen und die zentralen Anliegen in den Medien klar rüberzubringen“, so Kennedy. So versuchen die Leute von Greenpeace denn auch an diesem Tag, die Gefahren des Klimawandels zu verdeutlichen und Alternativen für die Energiegewinnung aufzuzeigen, in einem Land, das sich der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls weiterhin verwehrt und noch immer 88% seiner Energieversorgung aus Kohle speist. Für Greenpeace unhaltbar. Es ist auch deine Welt Kurz nach eins. Für die Mittagspause im sonnigen Darling Harbour bleibt heute wohl keine Zeit mehr. Zu groß das Interesse von Funk und Fernsehen. Zu stark auch meine Aufregung an diesem geradezu chaotisch wirkenden Tag. Fast schon berauscht von dem Gefühl, ein Teil dieser Kampagne zu sein, dazu zu gehören, schmeiß ich mich an die Arbeit, um die Leute so gut es geht zu unterstützen: Die Medien müssen ausgewertet und kontaktiert, Hintergründe recherchiert und erfahrbar gemacht werden. Fazit für Greenpeace: „Wir haben an diesem Tag die Welt zwar nicht verändern können; und doch ist es uns gelungen, auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen.“ Es war ein guter Tag. Doch welche Chancen hast du als Jugendlicher, dich bei all dem jetzt ganz persönlich zu engagieren und kreativ tätig zu werden? Eine ganze Menge: Geh hinaus in die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten und setz dich ein in einem Projekt, das dir Spaß macht, in einer Organisation, die zu deinen Vorstellungen passt. Als Praktikant bei Greenpeace in Sydney lernte ich nicht nur verdammt nette Leute kennen, konnte ich nicht nur in eine völlig andere Lebenskultur eintauchen und das internationale Flair der Organisation genießen. Vor allem durfte ich meine eigenen Ideen einbringen und mich aktiv für die Umwelt des Roten Kontinents einsetzen. Doch Greenpeace ist nur eine unter vielen international operierende Gruppen, die Praktika und die Unterstützung von Projekten im Ausland anbietet. Es ist auch deine Welt. Also hey, worauf wartest du noch? Ein kleiner Erfolg Endlich Feierabend. Es ist bereits neun Uhr und ein turbulenter Tag neigt sich seinem unaufhaltsamen Ende entgegen. Doch wir haben es geschafft, sind in den Abendnachrichten auf dem zweiten Platz gelandet, haben zumindest das Ziel des öffentlichkeitswirksamen Protestes mehr als erreicht. Ein kleiner Erfolg also. Fürs erste. Denn mit diesen durchaus medienwirksamen Aktionen können NGOs wie Greenpeace zwar auf die eklatanten Missstände in der Umweltpolitik aufmerksam machen, doch konkret erreicht haben sie damit zunächst einmal überhaupt noch nichts. Allerdings gelingt es ihnen andererseits nur so, Themen wie den Klimawandel in der öffentlichen Debatte zu halten, um Menschen endlich auch auf der politischen Ebene zum Handeln zu animieren. Klar, der Klimawandel kann durch die Blockade eines Kohlehafens nicht gestoppt, Massenarmut mit Hilfe engagierter Gruppen nicht vollends zurückgedrängt und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch eindringliche Berichte einiger Organisationen nicht ausgerottet werden. Doch tragen NGOs mit ihrer Arbeit und ihren Aktionen dazu bei, globale Probleme, Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen ein Stück weit in das Bewusstsein der Menschen Einzug finden zu lassen. Sie geben denen Gehör, deren Stimme in der Welt unterzugehen droht. „Begeisterte und engagierte junge Leute“, so Kennedy, „sind dabei von größter Wichtigkeit.“

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