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jazzwerkstatt + Klassik Produktionsges.mbH ISBN: MEDIUM:

978-3-00-034405-3 BUCH + CD

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€ 19,90 incl. 7% MwSt. (es gilt die Buchpreisbindung)

HERAUSGEBER: ULLI BLOBEL TITEL: WOODSTOCK AM KARPFENTEICH SUBKULTUR HINTER DEM EISERNEN VORHANG

BUCH / CD

Autoren: Ulli Blobel Dr. Bert Noglik Dr. Ulrich Steinmetzger Wolf Kampmann René Theska Stefan Wolle Christoph Dieckmann Ernst-Ludwig Petrowsky Günter Baby Sommer CD: WORKSHOP ’81, 18. April 1981 Peter Brötzmann (reeds) Johannes Bauer (tb) Uli Gumpert (p) Harry Miller (b) Willi Kellers (dr) CHICAGO – WUPPERTAL – DRESDEN 21. Februar 1981 Leo Smith (tp, fl) Peter Kowald (b) Günter Baby Sommer (dr) CONRAD BAUER BLÄSERQUINTETT 16. März 1980 Conrad Bauer (tb) Johannes Bauer (tb) Ernst-Ludwig Petrowsky (reeds) Heiner Reinhardt (ts, bcl) Dietrich Unkrodt (tu) UWE KROPINSKI SOLO 14. September 1980 Uwe Kropinski (g) Es muss etwas bedeuten, wenn der Jazz die im Rückspiegel am wenigsten kontaminierte Kunstform der DDR ist. Fast keine Täterakten sind bekannt, wie das in den anderen Kunstformen an der Tagesordnung war. Es muss etwas bedeuten, dass man auch heute die alten Aufnahmen hören und anderen vorspielen kann, ohne ihre Entstehungsorte und -zeiten entschuldigen, relativieren, verniedlichen, dämonisieren oder was auch immer zu müssen. Es muss etwas bedeuten, dass so nachhaltig geblieben ist, was dort über wenige Jahre nicht dagegen, sondern daneben gewachsen ist. Das ist genug Stoff für ein Buch, das ohne Nostalgie auskommen möchte, weil es ja vielleicht die schönste Bestätigung der Idee Peitz ist, wie die meisten der Musiker, die wir dort sahen und hörten, auch heute noch präsent sind in ihrer sich immer neu erfindenden Musik. Ulrich Steinmetzger Hardcover, 210 Seiten incl. Audio-CD Ein Buchprojekt der jazzwerkstatt, ermöglicht mit Mitteln der Bundeszentrale für politische Bildung.


Ulli Blobel

schauten ob der fremdartigen Klänge entsetzt und nicht begeistert. Der Gedanke reifte, dass etwas Besonderes hermusste, um Publikum aus dem ganzen Land in die Kleinstadt Peitz in der Niederlausitz zu locken. Ein Festival sollte es sein. Nachdem Tomasz Stanko im Duett mit Adam Makowicz als erste ausländische Gäste aufgetreten waren, folgten unser damaliges Idol Namysłowski und bald auch unsere neuen Freunde aus Wuppertal. Kowald spielte im Quintett mit Evan Parker, Paul Rutherford, Alexander von Schlippenbach und Paul Lovens. Brötzmann und Gunter Hampel folgten. So war 1973 die Jazzwerkstatt Peitz geboren. Ich gab meinen Optikerberuf auf und wollte fortan nur noch Konzerte und Jazzfestivals organisieren. Schallplattenproduzent zu werden war mein größter Traum. Für einen Jungen von Anfang zwanzig aus tiefster Provinz war die Organisation eines Festivals schon ein riesiges Wagnis. Aus jetziger Sicht war es sogar ein Abenteuer, gepaart mit einem gehörigen Schuss Naivität, denn Budgets, Organisationsstrukturen und Ähnliches gab es nicht. Unser Programm wurde den Fans, die reichlich kamen, per handgetipptem Brief mitgeteilt. Die Mundpropaganda erreichte Weiteres. Möglicherweise war es die Nähe zu unserem Publikum, die den harten Kreis der Jazzwerkstatt-Fans zusammenschweißte. Jimi und ich begegneten ihnen regelmäßig auch bei anderen Konzerten im Lande, zu denen wir fuhren. Unser Programm war außergewöhnlich. Neben den festen Ensembles, ich denke an das Friedhelm Schönfeld Trio, Synopsis oder Conny Bauers Band FEZ, stellten wir immer wieder Workshops zusammen. Jimi und ich steuerten hierzu Ideen bei, aber auch die Musiker lieferten welche. Besonders Baby Sommer und Luten Petrowsky wurden so quasi zu Mitveranstaltern, Kuratoren würde man heute sagen. Abgesprochen war das zwischen uns nicht, es ergab sich einfach so. Auf diesem Wege sind viele Bands entstanden oder hatten ihre Premieren in Peitz: Gumpert-Malfatti-Oxley, Leo Smith-Peter Kowald-Baby Sommer (Chicago–Wuppertal–Dresden nannte sich das Trio damals), Doppelmoppel mit den beiden Bauer-Brüdern, Joe Sachse und Uwe Kropinski, der sein erstes Solo-Jazzkonzert überhaupt in Peitz spielte. Ich erinnere mich an einen Kurzbesuch Baby Sommers. Er erzählte, Peter Kowald aus Wuppertal würde ihn Weihnachten besuchen. Wir trommelten für den zweiten Weihnachtsfeiertag 1976 unser Publikum zusammen, und auf der Bühne stand das „Sommer-Winter-Duo“, dem sich im zweiten Set noch Ulrich Gumpert und Luten Petrowsky anschlossen. Ich bin mir sicher, dass der Bassist „Winter“ von den Spähern der Stasi nicht als Ko4

Russenpanzer, FDJ und Free Jazz

wald identifiziert wurde, denn sein Visum für die DDR war privater Natur. Die Sache wurde uns nicht zum Verhängnis. Ein sehr wichtiger Ideengeber war Manfred Schulze. Noch spannender wurde es dann ab 1975, als viele Künstler aus dem Ausland in die Lausitz kamen. Das waren bei Weitem nicht ausschließlich gute Musiker, aber mehr als nur Farbtupfer in grauer Landschaft waren die Herren aus Wuppertal, London, Amsterdam und anderswoher schon. Einige Höhepunkte will ich aus meiner Erinnerung, die mich zuweilen auch verlässt, nennen: Aladar Pege solo, der ein enger Freund wurde, Rudolf Dašek & Jiri Stivín, Tony Oxley in verschiedenen Konstellationen, der seinerzeit von England nach Ost-Berlin gezogen war. Peter Brötzmann mit Harry Miller und Louis Moholo, Sven-Åke Johansson im Duo mit Alexander von Schlippenbach. Aber auch das Schlippenbach-Trio (mit Evan Parker und Paul Lovens) und Globe Unity oder das Manfred Schoof Quintett. Das 350 Besucher fassende Kino in Peitz wurde bald zu klein und hielt dem Ansturm der Fans nicht mehr stand. So initiierten wie jeweils ein zweites Konzert am Nachmittag und auch zusätzliche am Sonntag. Oder wir gingen in ein größeres Kino in Cottbus. Mit Behörden hatten wir bis in die Mitte der 70er-Jahre nur wenig zu tun, die verschlafene Kleinstadt erwies sich im Nachhinein als Standortvorteil. Ich erinnere mich an eine Bretterbaracke in Cottbus, in der ein Kreiskulturrat saß, der per Stempel auf einem behördlichen Formular die Konzerte genehmigen musste. Das klappte letztlich und ein paar sehr kulturvolle Kommentare bekamen wir auch noch mit auf den Weg. Die dort zu nehmende Hürde war klein. Doch es musste der Stempel der Sicherheitsorgane folgen. Anfangs war hierfür der Polizist in Peitz zuständig, ein Hundesportfreund, der meinen Vater, meinen Bruder und mich aus einem Verein kannte. Das wurde bei einem Bier schnell erledigt. Später mussten wir bei der Polizeibehörde in Cottbus antanzen Dort saßen uns neben Uniformierten auch Herren in Ledermänteln gegenüber, die sich nicht näher vorstellten, aber als Repräsentanten des einzigen Arbeiterund Bauernstaates auf deutschem Boden klar auszumachen waren. Ich musste aufschreiben, was wir zur nächsten Jazzwerkstatt vorhatten und was uns bei der letzten aufgefallen war. Danach rauschte der Stempel aufs Genehmigungspapier. Ich weiß bis heute nicht, ob meine Lügen erkannt wurden. Wir konnten ja nicht erzählen, dass viele Musiker aus dem Westen Privatbesucher von uns, Freunden oder Musikern aus der DDR gewesen waren. Für die offiziell zur Einreise begehrten Visa wäre ausschließlich die staatliche Künstleragentur zuständig gewesen. Das wussten wir schon.

Peter Brötzmann Peitz, 1981 (41) Rainer Präger Rudolf Dasek 1981 Matthias Creutziger Publikum Peitz, 1980 (36) Matthias Creutziger

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Ulli Blobel

Trevor Watts, Otto Sill, Günter Baby Sommer, Barre Phillips Steffen Warzecha Harry Beckett Peitz, 1981 (41) Rainer Präger

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Mit der wurde eine Zusammenarbeit nötig, als sich die Spirale des Festivals weiter drehte und wir für 1979 unser erstes Open Air planten. Dafür mussten Verträge, Einreiseformalitäten, finanzielle Verfahren und anderes geklärt werden. Außer auf der Peitzer Bühne veranstalteten wir zwischenzeitlich schon Tourneen durchs ganze Land, denn von Wismar bis Ilmenau war der Free Jazz populär. Ich wohnte zu dieser Zeit schon in Berlin. Kontakte zu den westlichen Botschaften entwickelten sich, sodass hartes Geld für Reisespesen und wohl auch für Gagen zur Verfügung gestellt werden konnte. An einem warmen Junitag 1979 parkte ich in Sichtweite zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Dort nahmen wir die Musiker in Empfang, die via West-Berlin zu uns kamen. Was hätte der deutsche Dichter, nach dem dieser Grenzübergang widerwärtigerweise benannt war, gesagt, wenn er dieses monströse Bauwerk kennenge-

Russenpanzer, FDJ und Free Jazz

lernt hätte? Ihm war die Zensur im Preußen der Pickelhauben unerträglich gewesen. Dieses Tor durch die Mauer war für mich spannend und voller Überraschungen. Gleich Fabelwesen spuckte es bunte Glasperlen aus, in diesem Fall Jazzmusiker. Die sahen anders aus als das DDR-Volk, irgendwie bunter, mit übergehängten Instrumenten und zumeist gut gelaunten, erwartungsfrohen Gesichtern. An diesem Tag spazierten Evan Parker, Paul Lovens, Sven-Åke Johannson nach und nach durchs streng bewachte Tor. Einer aber kam und kam nicht. Ich wartete vergeblich. Dann musste ich los, um das eigene Festival, das erste Open Air, nicht zu verpassen. In Peitz eingetroffen, stand der, den ich vergeblich erwartet hatte, schon da. Hans Reichel war anderswo durch die Mauer gekommen und in Gesellschaft einiger Fans zu seinem ersten Jazzwerkstattauftritt getrampt. Das London Jazz Composers’ Orchestra, Ken Hyders Talisker, Harry Beckett und Elton Dean’s Ninesense kamen in die DDR. Reiner Haarmann, den späteren Macher von Jazz Baltica, kenne ich aus dieser Zeit als Mitarbeiter der ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Er und andere, die Kulturattachés der britischen und amerikanischen Botschaften, waren sehr behilflich. Eine enge Zusammenarbeit entwickelte sich bei der Programmgestaltung mit Friedhelm Schönfeld, damals Musikdramaturg am TiP im Palast der Republik. Er machte traumhafte Programme. Zum Open Air, das wir in Ermangelung ausreichender Beleuchtung und fehlender Bühnenscheinwerfer am längsten Samstag des Jahres Mitte Juni veranstalteten, kamen etwa 3000 Besucher. Die Auftritte von Albert Mangelsdorff, die Gunter Hampel Galaxie Dream Band und Brötzmann-Miller-Moholo bleiben legendär. Ideen für ein Programm hatte ich, aber andere organisatorische Fragen wie eine ausreichende Verstärkeranlage, ein geflickter Zaun um das Festivalgelände und ein ausreichender Getränkevorrat in der Mangelwirtschaft waren für Jimi und mich die schwerer zu bewältigenden Aufgaben. Ich erinnere mich, dass wir, ich glaube es war 1980, das ganze Jahr über Rotwein kauften, bis wir dann zum Festivaltag 3000 Flaschen „ungarisches Stierblut“ zusammen hatten. Jeder kann sich vorstellen, dass nicht nur die Free-JazzKlänge wirkten, als diese Rotweinflaschen leergetrunken waren. Der Zeltplatz, überhaupt das ganze Festivalgelände, erinnerten an den Film über das Woodstock-Festival. Menschen und Wiesen waren fertig – Woodstock am Karpfenteich. Nach dem einige Jahre andauernden Hippie-Idyll kam 1982 die Ernüchterung. Die Jazzwerkstatt Peitz wurde

verboten. Hierzu genügte ein Zweizeiler, auf dem keine Gründe angeben werden mussten. Der Brief traf im Mai ein, das Programm war schon auf den bei uns üblichen Flyern auf dünnem grauen Papier verschickt, längst waren die Musiker engagiert. Gleichzeitig wurden mir die Tourneen, die durchs ganze Land gingen, inzwischen sogar nach Prag oder nach Ungarn, untersagt. Kurz vor diesem tragischen Datum fand noch ein Festivaltag, „Jazzwerkstatt Peitz zu Gast in Debrecen“, in der ostungarischen Metropole statt, und ich machte regelmäßige Radiosendungen im ungarischen Rundfunk Magyar Radio. Alles war mit einem Schlag vorbei. Konzerte gab es infolge meines Berufsverbots weniger oder andere organisierten sie. Die Musiker waren enttäuscht, versuchten in Protestnoten bis hin zum Zentralkomitee der Einheitspartei Änderungen herbeizuführen – vergebens. Festivals waren mir nicht mehr zugänglich, Imre Kiss, der Jazzredakteur aus Budapest war nicht mehr erreichbar und mit Hannes Zerbe fand sich ein Judas, der mit staatlichen Behörden aus Cottbus die Jazzwerkstatt Peitz weiterhin organisieren wollte oder sollte, was gründlich misslang. Da es mir verwehrt war, in westliche Länder zu reisen, obwohl viele Einladungen von Festivals vorlagen, entschied ich mich für einen Ausreiseantrag aus der DDR. Ich berief mich wie soviele vergeblich auf die Schlussakte von Helsinki und vieles mehr. Es nutzte nichts. Der Spruch, dass ich solange in der DDR bleiben wollte, wie die Jazzwerkstatt Peitz existierte, war meinem Umfeld häufig zu Ohren gekommen. In diesen Worten lag schon die Gewissheit, dass die Sache irgendwann zu Ende gehen würde. Dass aber das Ende so bald schon käme, hatte ich nicht gedacht. Nach einer der vielen Diskussionen mit Musikern, wie und ob und wann es in gewohnter Weise weitergehen könnte, kam ich nach Hause und fand einen unfrankierten Brief vor. Damals lebte ich am Frankfurter Tor im Friedrichshain. Mir wurde mitgeteilt, dass ich in den nächsten Tagen zwecks Familienzusammenführung bei Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel vorstellig werden sollte. Die sogenannte Familienzusammenführung war ein damals üblicher Terminus, um Familienmitglieder aus beiden deutschen Staaten zusammenzubringen. Die Bundesregierung finanzierte diesen „humanitären“ Akt mit enormen Geldern. Ich hatte keine Verwandten im Westen. Zwischen den Zeilen las ich, dass man mich loswerden wollte. Gelder mussten nicht fließen. Druck wurde mit einem unmittelbar eingeleiteten Ermittlungsverfahren wegen Devisenvergehen gemacht. Die Polizei, die aufgrund eines Strafantrages der Kulturbehörde in Cottbus ermittelte, wollte nicht glauben, dass

die vielen Musiker aus aller Herren Länder, insbesondere aus den USA, für das nicht konventierbare DDR-Geld gekommen waren. Am Tag des von mir gestellten Ausreiseantrages war das Verfahren eingestellt worden. Dr. Vogel empfing mich in seinem kleinen Büro irgendwo hinter Lichtenberg: vor dem Haus große Mercedes-Modelle, im Bürohaus bürgerliche Einrichtung mit schwerem Schreibtisch, davor im grauen Anzug mit Seidenkrawatte der Rechtsanwalt, Honeckers Mann fürs Besondere, distinguiert wie auf einem Davidoff-Poster. So sieht also der Westen aus, dachte ich mir. Dort war ich noch nicht. Unvermittelt sprach er mich an: „Herr Blobel, ich hörte, Sie können sich ein Leben in der Bundesrepublik Deutschland vorstellen.“ Meinem zurückhaltenden, schüchternen Ja folgte der Zusatz: „Sie müssen sich aber entscheiden, mit welcher Frau Sie gehen wollen,

allein ist es auch möglich. Sie sind mit Frau Eva Blobel verheiratet, leben aber mit Fräulein Marquardt zusammen. Klären Sie das.“ Kleinlaut und überrascht über sein Wissen schob ich die Frage nach, was das alles kosten würde. „Es ist gegenüber meinem Freund Gauß lediglich eine Gefälligkeit.“ Mit dieser Antwort war ich aus der Kanzlei in die graue Novemberkälte Ost-Berlins entlassen. Jetzt musste ich Tempo vorlegen, Scheidung, Heirat, danach Geburt meiner Tochter Marie. Das gerade erworbene Haus in Oranienburg musste schnell verkauft werden, denn mir war klar, dass es mir, wenn die Ausreisewünsche offiziell werden sollten, aus irgendwelchen konstruierten Gründen vom Staat abgenommen werden würde. Von Jazzkonzerten wollte ich aber auch nicht lassen. So fanden wir in Coswig bei Dresden ein Gasthaus, in dem

Klaus Koch, Uli Gumpert, Andreas Altenfelder kann eigentlich nur Open Air ‚79 sein, aber Altenfelder??? unbekannt

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Ulli Blobel

Friedhelm Schönfeld (aus „Melodie und Rhythmus“ Heft 12/1971 1971 unbekannt Jimi Metag, Bert Noglik Peitz, 1981 (41) Uwe Kranz

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wir eine Jazzwerkstatt mit ganz beachtlichem Programm auf die Beine stellten. Yosuke Yamashita war damals eine Sensation in der DDR, Alexander von Schlippenbach kam mit Alan Silva und einige damals neue multidisziplinäre Aktionen mit Tanz, Jagdhornensemble, Varieté, Malerei und Jazz wurden versucht. Der sehr behilfliche Gastwirt entpuppte sich als Mann der Stasi. Aber besser Konzerte unter Aufsicht als gar keine Konzerte. Nach einigen Wochen wurde ich einbestellt, meine Personaldokumente wurden eingezogen und ich erhielt das Datum meiner Ausreise: 4. Februar 1984. Ich war nicht sicher, ob ich darüber lachen oder weinen sollte. Wohin in dieser mir unbekannten Bundesrepublik Deutschland? West-Berlin war es nicht – nicht die Mauer von der anderen Seite sehen müssen. Es folgten Besuche von Musikern in verwanzten Hotellobbys, dunkel und weitläufig, in Ost-Berlin, wo jedes Gespräch mitzuhören war. Peter Brötzmann, Peter Kowald, der oft kam, und Rüdiger Carl schilderten Wuppertal als kulturelle Einmaligkeit. Pina Bausch sei da, Festivals sollten organisiert werden und schön sei es im Bergischen Land. Köln ist gleich nebenan und New York sei auch nicht weit. Peter Kowald wollte auch dort leben. Ich besuchte ihn dann zwei Monate später im April in

Manhattan, 1st Avenue, im Haus von William Parker. So haben die Argumente für Wuppertal mich überzeugt und nicht das andere Angebot aus Frankfurt am Main, wo Albert Mangelsdorff mich bat, den Jazzkeller zu übernehmen. Wirt wollte ich nicht werden, denn der Bierausschank in einem Jazzkeller ist keine Nebensache. Ich vermittelte Alberts Wunsch an meinen Freund Eugen Hahn, der zugriff und den Job noch heute macht. In der Ost-Berliner Hufelandstraße ging es erst einmal ans Kofferpacken und um die Übergabe der Konzertagentur an Jimi Metag. Mein alter Mitstreiter aus Peitzer Tagen übernahm die Aufgaben. Ein Möbelwagen wurde vollgepackt und fuhr ab nach Wuppertal, wo Peter Kowald schon eine Wohnung angemietet hatte. Zum Mitternachtszug Moskau–Paris gingen wir beklommen und von Freunden mit feuchten Augen begleitet durch den Tränenpalast auf den für diese Reisen vorgesehenen Bahnsteig im Bahnhof Friedrichstraße. Nach fünf Minuten Fahrt stoppte der Zug im Bahnhof Zoo. Dort erwarteten uns Albrecht Riermeier und andere Freunde. Sektkorken knallten als Willkommensböller in der Freiheit.

Ulli Blobel

Die Jazzwerkstatt in Berlin und in Brandenburg Ein Nachwort

Mein neues Leben in Wuppertal begann mit dem ehrgeizigen Gedanken, in meiner Arbeit fortzufahren wie in Ost-Berlin. Peter Kowald organisierte mir eine ansehnliche Wohnung. In ein Aufnahmelager zu gehen, das seinerzeit in Gießen war, lehnte ich ab. So fuhr ich direkt vom Bahnhof in das neue Wuppertaler Domizil. Am ersten Wochenende startete eine Willkommensparty, zu der sich viele Wuppertaler Jazzmusiker einfanden. Auch andere Künstler der Stadt und von anderswo kamen, A. R. Penck und einige, die vor mir von dem einen in den anderen deutschen Staat gewechselt waren. Am meisten wunderte ich mich über die vielen DKP-Leute, die sich unter die Partygäste mischten, weil ich aus dem ihrer Gesinnung entsprechenden Herrschaftsgebiet kam. Mit diesem Missverständnis räumte ich schnell auf und gab mich mit deutlichen Worten als keiner von ihnen zu erkennen. Bei dieser Gelegenheit aber bemerkte ich einen Zwiespalt, den ich über die Jahre nicht sonderlich ernst genommen hatte. Die Protagonisten des Free Jazz Wuppertaler Prägung waren den sozialistischen Idealen sehr zugetan. Dem kapitalistischen System, in dem sie lebten, standen sie klassenkämpferisch gegenüber. Das ging nicht in meinen Kopf. Sie kannten doch die Bedingungen in der DDR. Nach vielen Diskussionen verlief sich der Zwiespalt. Das Thema stand nicht mehr im Raum, nur die Realität, dass es zwei sehr unterschiedliche Umstände sind. Im sozialistischen Staat tagein, tagaus ummauert zu leben oder nach einer Visite, auch noch vor begeistertem Publikum, die Rückfahrkarte in die Welt jederzeit nutzen zu dürfen, betonte ich immer wieder. Die Tourneen, die mir wichtig waren, um keinen Bruch im Arbeitsalltag eingestehen zu müssen, begannen sofort: Peter Brötzmann und Keith Tippett in einem Quartett

chauffierte ich selbst über Linz und Salzburg nach Ljubljana im damaligen Jugoslawien, die Alpen bestaunend. Mindestens zehn weitere Stationen folgten und ein erster Eindruck von der deutschen Jazzszene entstand. Dass mir Auberginen, Mehrwertsteuer und die englische Sprache unbekannt waren, fiel mir am Rande auf. Doch daraus folgten nicht sogleich Konsequenzen. Mit der mir gut bekannten Ulrich Gumpert Workshop Band, dem Globe Unity Orchestra und einem fantastischen Trio mit Peter Brötzmann, Peter Kowald und Andrew Cyrille fuhr ich durch halb Europa. Danach ging der Tourbetrieb auf diese Weise weiter. Es schloss sich eine Reise nach New York an, wo ich gemeinsam mit Peter Kowald ein Konzert mit dessen Trio in der Carnegie Recital Hall organisierte und auf dem Rückweg in Reykjavik mit Jazzfans von dort ein kleines Festival auf Island besprach, das ein halbes Jahr später auch tatsächlich stattfand. Damals kannte man noch keine Billigflieger und mit Iceland Air kam man von Luxemburg aus am billigsten über den Atlantik. In Islands Hauptstadt quälten wir uns aus dem Flugzeug: Brötzmann, Kowald und ich weiß nicht mehr, wer noch. Wir nahmen einen völlig zerquetschten Kontrabass in Empfang. Er hatte wohl unter dem Gepäck der anderen 200 Fluggäste gelegen. Das Festival wurde von einer kleinen Runde bestritten, Irène Schweizer erhielt ihre Gage von Pro Helvetia, Evan Parker kam mit Hilfe des British Council, Fred van Hove war da und Ulrich Gumpert, dessen Reise und Gage vom Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen bezahlt wurde. Alle spielten über zwei Tage in unterschiedlichen Besetzungen. Gumpert hatte auf Einladung des Freundschaftsvereins DDR–Island noch ein extra Solokonzert. In einem kleinen Raum im Charme des DDR-Kulturbun9


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Die Jazzwerkstatt in Berlin und in Brandenburg – Ein Nachwort

Uwe Kropinski Peitz, JW Nr. 15 oder 1980 (37) Matthias Creutziger

des mit Gardinenstores saßen sieben Gäste, darunter der Botschafter des Arbeiter- und Bauernstaates, um einen Konzertflügel, obenauf kleine DDR-Wimpel und einer in den Isländischen Landesfarben. Die mussten erst einmal beiseitegestellt werden, damit der Flügel aufgeklappt werden konnte. Das rief einen energischen Protest des Herrn Botschafters hervor. Dass der Klassenfeind, ein Bundesministerium, die Reise des DDR-Künstlers finanziert und somit erst ermöglicht hatte, bemerkte er nicht. Dann hieß es nach einem Jahr stopp. Das alles war wohl zuviel gewesen. Die gerade geschlossene Ehe war kaputt. Und wie ein neues Leben zu organisieren wäre, hatte ich, immer auf Reisen, nicht einmal ansatzweise verstanden. Ich erinnerte mich an meinen Jugendtraum, Schallplattenproduzent werden zu wollen, und nahm mir vor, das in Angriff zu nehmen. Nach Konzerten mit Globe Unity in Italien blieb ich einige Zeit in Siena, dachte über Projekte nach und startete vorsichtig mein Produzentendasein. Doch die alten DDR-Kollegen, außer Uwe Kropinski, mit dem ich schon damals die Solo-LP „so oder so“ aufgenommen hatte, die Wuppertaler Herren oder auch Alexander von Schlippenbach waren so eng mit FMP verbandelt, dass ich für mein Betätigungsfeld andere 10

Künstler brauchte. Jost Gebers wachte eifersüchtig über sein Terrain. Ich lernte die italienische Sängerin Tiziana Simona kennen. Mit ihr, Kenny Wheeler, Enrico Rava, Mal Waldron Steve Lacy, Toshinori Kondo und anderen entstanden meine ersten Vinyl-Produktionen. Gemeinsam mit den Wuppertaler Freunden Wolfgang Schmidtke und Jan Kazda initiierte ich viele Produktionen im Stile des Rock Jazz mit Gästen. Die RhythmTakes spielten wir in Deutschland ein, um dann in New York weitere Tonspuren aufzunehmen mit Gastsolisten wie Randy Brecker, Billy Bang oder Marilyn Mazur sowie in London mit Chris McGregor, Harry Beckett, Annie Whitehead und vielen mehr. Wir hatten die feste Vorstellung, einen neuen Sound kreieren zu wollen. Ein Schlüsselerlebnis war die Zusammenarbeit mit Anthony Braxton, der damals sehr populär war. Seine Tourneestationen waren Paris, London, Athen, Madrid, Wien, Amsterdam, Berlin und viele weitere Metropolen. Die meisten europäischen und amerikanischen Großstädte hatte ich nach zwei, drei Jahren gesehen. Es folgten die Gründung der Band „Last Exit“ mit Peter Brötzmann und Bill Laswell und viele Festivalauftritte. Mit Laswell lernte ich einen der wichtigsten Produzenten dieser Zeit aus nächster Nähe kennen. Er brachte mich mit Ginger Baker zusammen, der Drummer-Legende

von Cream. Mit ihm machte ich drei CDs und mehr als 50 Konzerte, die nördlichsten in Uppsala und Stockholm, die südlichsten auf Sizilien. Ich stand mitten in der Szene, hatte zwei Schallplattenlabel, ITM und West Wind, gründete das Ruhr-Jazz-Festival in Bochum und war trotzdem mit allem nicht glücklich. Ich war an einem Punkt, an dem ich wusste, was ich nicht wollte, aber noch nicht, was ich will. Labelbesitzer sind fast immer unzufrieden mit ihren Vertrieben. Ich hatte damals überhaupt keinen Grund dazu, denn die geschäftlichen Umstände waren optimal. Veröffentlichungen auf ITM mit Ginger Baker, Eartha Kitt und zwei in Seattle mit großem Aufwand produzierte Platten mit Jerry Granelli, Charlie Haden, Kenny Garrett, Robben Ford, Bill Frisell, Julian Priester und vielen anderen gingen in Lizenz nach Japan und in die USA. Dennoch gründete ich mit einem Partner einen Vertrieb. Die Umstände entwickelten sich in kurzer Zeit so, dass die Gesellschaft an mich fiel. Ich war zum Geschäftsmann geworden, ohne etwas von Geschäften zu verstehen. Nach Hochs und Tiefs kniete ich mich in den neuen Job, verließ die Jazzszene für 15 Jahre und baute einen umfangreichen Tonträgervertrieb in Deutschland, Italien, Frankreich und zeitweilig auch in Dänemark auf. Das Leben zwischen Bozen in Südtirol, wo der Sitz der Gesellschaften war, und Wuppertal gefiel mir. Jazzkonzerte besuchte ich als die Tickets bezahlender Musikliebhaber nur noch zwei- bis dreimal im Jahr. Mehr und mehr wendete ich mich klassischer Musik zu. Immer wieder erreichten mich Einladungen von Jazzfestivals, Radiosendern oder Talkrunden, um über den Jazz in der DDR und ähnliche Themen zu sprechen. All das lehnte ich dankend ab, bis mich Rainer Bratfisch nach einem Artikel für sein Buch „Freie Töne“ fragte. Nach der Veröffentlichung des Bandes fanden an einem Wochenende in Eisenach Lesungen und Konzerte statt. Die Einladung dazu nahm ich nur zögerlich an und mietete mich nicht im Hotel aller ein, sondern auf der Wartburg. Zunächst war meine Haltung wohl arrogant und abweisend. Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Ich fand Fans von damals, die sich an die Jazzwerkstatt Peitz besser erinnern konnten als ich selbst, die von Plakaten und anderen Trophäen berichteten, die noch heute einen besonderen Platz in ihren Wohnungen einnahmen. Irgendwie fühlte ich, dass noch Leben im Free Jazz der alten Tage steckte. Ulf Drechsel und sein Vater Karlheinz nahmen sich Zeit, um mit mir über Entwicklungen der letzten Jahre zu reden. Sie berichteten nicht gerade Euphorisches vom Zustand der Berliner Jazzszene. Das eigentliche Schlüsselerlebnis aber war nach mehr als zwanzig Jahren eine Wiederbegegnung mit Friedhelm Schönfeld, der in einem Club mit seinem Quartett spielte, mit Ekkehard Jost, Dieter Manderscheid und Ja-

nusz Stefanski, an den ich mich von Konzerten aus den 70er-Jahren mit Tomasz Stanko und Hans Koller in Peitz gut erinnern konnte. Die Gespräche und die Musik an diesem Abend beeindruckten mich derart, dass ich schon während der Autofahrt nach Hause meiner Frau erzählte, dass ich mich unbedingt wieder mit dem Jazz in Berlin beschäftigen wolle. Kurzerhand fiel die Entscheidung, nach Berlin zu ziehen und nicht nach Italien, was der ursprüngliche Plan gewesen war. So würden wir auch häufiger Konzerte mit den von uns sehr geliebten Berliner Philharmonikern besuchen können. Ich nahm Kontakt zu alten Bekannten auf, zu Ernst Bier, Alexander von Schlippenbach, Ernst-Ludwig Petrowsky, Uwe Kropinski und einigen mehr. Wir gründeten im Spätsommer 2006 den Förderverein jazzwerkstatt BerlinBrandenburg e. V. Weil ich die jungen Musiker der Stadt noch nicht kannte, traten zu unserem Start im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie die Mitstreiter von damals auf: Peter Brötzmann, Ernst-Ludwig Petrowsky und das Friedhelm Schönfeld Trio. Seither entspringt alles, was an Neuem und interessant gebliebenem Alten heute auf dem jazzwerkstatt-Label und live zu hören ist, einem Arbeitsprozess und dem intensiven Umgang mit der Musik. Die Jazzwerkstatt ist mir eine Herzenssache geworden.

Evan Parker Peitz, 1981 (43) Foto: Matthias Creutziger

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Woodstock am Karpfenteich  

Jazzwerkstatt Peitz

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