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jazzwerkstatt ----MAGAZIN----

VESNA PISAROVIĆ WITH SUSPICIOUS MINDS STEVE HEATHER, VESNA, CLAYTON THOMAS, GERHARD GSCHLÖSSL


VESNA PISAROVIĆ WITH SUSPICIOUS MINDS

You Tube Video REZENSION IM RONDO MAGAZIN

With Suspicious Minds ist eine experimentelle und ironische Begegnung mit dem Erbe des King of Rock and Roll, ein JazzAlbum mit Spaß an der Improvisation und einem leichten, fast mühelosen, lyrischen Touch. Der Klang ist das Ergebnis einer besonderen Mischung. Der charakteristische Beitrag von drei eigenwilligen Berliner Jazzmusikern verknüpft sich kunstvoll mit Vesnas coolem Gesang (sie selbst ist ja berühmt durch ihre Popmusik, und jetzt stellt sie eine ausdrücklich un-poppige Version des großen Pop-Idols vor). Ihre Artikulation ist präzise, aber locker. Ein bisschen weniger Geprotze und ein bisschen mehr Konversation: man hört wieder zu, hört wieder die Poesie der Verse, jetzt, wo sie in einen ganz anderen musikalischen Kontext gebracht sind. Vesna und die Bandmitglieder sind weitaus mehr als ein Ensemble. Es gibt einen echten Dialog untereinander, und jeder hat sein eigenes Profil. Das ist nicht der Elvis eurer Väter (oder Großväter), sondern die neuartigen Arrangements, die eure Hörgewohnheiten erschüttert werden. STEVE HEATHER drums CLAYTON THOMAS double bass VESNA PISAROVIĆ voice GERHARD GSCHLÖSSL trombone


Als Christopher Dell und John Tchicai sich vor sechs Jahren in Frankfurt zum ersten Mal trafen, ging es um ein musikalisches Projekt, das dem südafrikanischen Bassisten Johnny Dyani gewidmet ist. Kurz vor dessen Tod 1986 war in Zusammenarbeit mit Dyani noch der Konzertzyklus „Jazz gegen Apartheid - die Musik Johnny Dyanis“ entstanden, dem Tchicai von Anfang an aktiv verbunden war. Eine intensive Zusammenarbeit Tchicais mit Chris McGregors „Brotherhood of Breath“ und Johnny Dyani gingen dem voraus. Als der Produzent Ulli Blobel von der Zusammenarbeit Tchicais und Dells bei „Jazz gegen Apartheid“ erfuhr, regte er gemeinsame Konzerte an, die im Frühjahr 2010 in Berlin stattfanden. Vom DuoKonzert am 27. März 2010 im damaligen Jazzwerkstatt-Café schafften es einige Stücke auf diese CD, die anderen stammen von zeitnahen Aufnahmen des gemeinsamen Quartetts mit Christian Lillinger und Jonas Westergaard.Das Trio Dell, Westergaard, Lillinger ist aus der Zusammenarbeit mit Tchicai hervorgegangen. Die Idee des Kollektivs trägt bei allen vier Teilnehmern die vorliegenden Aufnahmen. Die Größe variiert zwischen Solo und Quartett, die Haltung des Kollektivs bleibt eindeutig: Position beziehen.


FUTURE DRONE Köln und New York sind die räumlichen Koordinaten dieses Trios. Joe Hertenstein hat am Rhein studiert und schon mit seinem Diplomkonzert 2006 Musiker der freien Improvisationsszene animiert, Stücke zu spielen, also nicht nur den Eingebungen des Augenblicks zu folgen. Als Mitglied des Kölner James Choice Orchestra und anderer Bands hatte er längst unterschiedlichste Strategien, Musik zu organisieren, erprobt. Dann, 2007, folgte der Sprung zu einem Master-Studium nach New York, wo er seither aktiver Musiker der Szene ist, ohne die europäischen Kontakte zu vernachlässigen. Mit seinem Trio HNH, dazu zählen der Trompeter Thomas Heberer und der Bassist Pascal Niggenkemper, landete er 2009 sein Debutalbum als Bandleader beim renommierten portugiesischen Label Clean Feed Records. 2011 folgten die CDs „TØRN:crespect“ mit Achim Tang und Philip Zoubek, veröffentlicht beim koelner Label 2nd floor, sowie "Polylemma" mit Heberer, Niggenkemper und dem Baßklarinettisten Joachim Badenhorst für die kanadische Firma Red Toucan. Seine vierte Initiative "Future Drone" passt zur jazzwerkstatt mit dem offenen und doch zugleich die besten Traditionen des Free Jazz und der modernen Tradition weiterführenden Konzept des Labels. Joe Hertenstein will Brücken schlagen, auch indem er Musiker mit unterschiedlichen Spielhaltungen zusammenführt. Doch diese Brücken sind alles andere als gusseiserne Konstruktionen. Vielmehr handelt es sich um geistig bewegliche, luftige, flexible Gebilde, beidseitig und in beide Richtungen begehbar. Joe Hertenstein, der Jon Irabagon und Achim Tang zusammenbringt, weiß um die Besonderheit dieser Verbindung. Er gestaltet vom Schlagzeug aus - treibend, verbindend, inspiriert und inspirierend; auffallend klangbewusst mit einem extremen dynamischen Spektrum. Wie kaum eine andere Besetzung im Jazz, assoziiert sich die Geschichte des Saxophon-Kontrabass-Schlagzeug-Trios mit der Tradition und dem Drang nach Freiheit. Auf dieser Tradition fußend, treffen sich die Drei zu einem Spiel von dringender Aktualität. Musik, in der vieles von dem aufgehoben ist, was zu dieser Geschichte gehört und die zugleich in einer eigenen Sprache neue Geschichten erzählt. Joe Hertenstein steuert zwei unsentimentale, aber emotional schwingende Stücke bei, "Panicballad" und "Ballad for Paul and Poo", alles andere entfaltet sich spontan im Sinne von instant composing. Die Widmung an den großen, im November 2011 verstorbenen Paul Motian, verknüpft sich mit der Hochachtung vor einem Schlagzeuger und Bandleader, der die einst mit Bill Evans entwickelte Kunst des sensiblen Interagierens im Trio zeit seines Lebens weiterentwickelt hat. Bert Noglik

Joe Hertenstein drums Achim Tang bass Jon Irabagon saxophone


SILKE EBERHARD & ULRICH GUMPERT Peanuts & Vanities

Release Konzert

Die Peanuts, diese liebenswerten Kleinigkeiten, von denen manche nicht genug bekommen können. Oder auch das, was für die einen Kleckersummen, für die anderen unerreichbarer Reichtum bedeutet – durch einen deutschen Banker ist der Begriff zum Unwort eines Jahres geworden. Die Peanuts und die Vanities, die Kleinig- und die Nichtigkeiten, weil es im Deutschen ja die Kleinstigkeiten nicht gibt. Bei einem solchen Titel ist Ironie im Spiel, auch Selbstironie, zumindest so etwas wie Augenzwinkern. Dizzy Gillespies skurriles Stück "Salt Peanuts", einer der raren Vokaltitel des Bebop, gerät zu Fixpunkten im Fluss des freien Musizierens. Und damit sich diese zu einer gedanklichen Klammer schließen, gibt's zum Rauswurf noch "The Peanut Vendor" – ein Standard, ursprünglich der Ausruf eines Straßenverkäufers, ein kubanischer Song, der in den vierziger Jahren nach den USA und Europa schwappte und eine Rumba-Hysterie auslöste. Stan Kenton hat den Titel orchestriert, Louis Armstrong hat ihn gesungen, und Django Reinhardt hat ihn auf der Gitarre gespielt. Im Zusammenhang mit den hier veröffentlichten Duo-Aufnahmen von Silke Eberhard und Ulrich Gumpert sei darauf hingewiesen, dass mit "Salt Peanuts" und "The Peanut Vendor" alle auffindbaren Jazzstücke mit dem Begriff "Peanuts" auf einem Album erscheinen. Es gibt nur diese beiden. Doch die "Peanuts" sind in der Tat nicht das Essentielle dieser Einspielung, die sich ansonsten der Verankerung im Thematischen entzieht und dem Zitieren entsagt. Was die beiden – Silke Eberhard und Ulrich Gumpert – hier tun, ist Musik erfinden, indem sie einander zuhören und aufeinander reagieren. Instant composing hat man das einmal genannt, und der Begriff ist gar nicht so schlecht.

Freitag, den 21. 12. 2012, 20.00 Uhr Institut Français, Kurfürstendamm 211

SILKE EBERHARD & ULRICH GUMPERT

Die CD PEANUTS für jazzwerkstatt ist ihr erstes gemeinsames Werk das an Silke Eberhard und Ulrich Gumpert 2011 im Saal 3 des rbb in der Berliner Masurenallee.


SØREN NILS EICHBERG

KOLJA BLACHER

Was wäre wenn man Ludwig van Beethoven (1770-1827) beim Wort nähme und man seine berühmte Violinsonate No. 9 in ADur, op. 47, besser bekannt als “Kreutzer-Sonate”, tatsächlich (fast) als ein Konzert spielen würde? Der australische Komponist, Dirigent (u.a. als Leiter des Australian Chamber Orchestra) und Violinist Richard Tognetti (*1965) hat eine hochinteressante Fassung der Violinsonate für Solovioline und Streicher geschrieben. Dabei hob Tognetti die »Polarität von Violine und Klavier zugunsten eines Gegenübers von Solo und Tutti« auf, so Karl Dietrich Gröwe in seinen Anmerkungen im Booklet. Dies sei »keine “Verbesserung” des Originals, sondern eine Verschiebung des musikalischen Tonfalls und der Akzente (…) In der Bearbeitung von Tognetti verhandelt, wie in einem Tribunal, der Eine mit den Vielen, aber als “primus inter pares”.« Was in der Beschreibung ziemlich abstrakt und theoretisch klingt, ist in der Umsetzung des Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von Kolja Blacher, der auch den Soloviolinen-Part übernimmt, eine überaus lebendige Angelegenheit geworden. In der Tat: Der so charakteristische Antagonismus zwischen Klavier und Violine in der Originalfassung weicht hier einem gemeinschaftliche(re)n Miteinander. Wenn man glaubte, dass die Kreutzer-Sonate ihre innere Spannung durch einen Gegensatz, eine Art “Kampf der Instrumente” erhalten würde, so wird man durch diese Einspielung eines Besseren belehrt. Auch eine Kreutzer-Sonate ‘im Gleichklang’ verliert nichts von ihrer inneren Spannung und macht klar: Es ist nicht der Gegensatz zweier dominanter Solisten, der die Kreutzer-Sonate so besonders macht, sondern der intensive Dialog der beiden Stimmen. Und der kann eben auch ‘inter pares’ stattfinden. Blacher und das superbe Mahler Chamber Orchestra machen aus dieser Bearbeitung ein vibrierendes, pulsierendes, aufregendes Quasi-Konzert. Dass der Dialog von Streichern miteinander durchaus auch etwas Aggressives haben kann, belegt Søren Nils Eichberg (*1973) mit seinem Concerto Grosso für Streichquartett und Streichorchester “Endorphin”. Auf den ersten Eindruck offenbart Endorphin wenig vom barocken Konzept des Concerto Grosso, doch bei genauerem Hinhören entdeckt man, trotz aller harmonischen (und formalen) Unterschiede zu den Vorlagen, sehr wohl eine typische Concerto-Grosso-Konstellation: Eichberg lässt die Concertino-Gruppe (in diesem Fall ein Streichquartett) gegen die Concerto-Grosso-Gruppe (eben das Tutti des Streichorchesters) miteinander und vor allem gegeneinander kommunizieren. Der harsche Eindruck, den Endorphin zunächst vermittelt, ist der veränderten Tonsprache, nicht aber der Auflösung des Konzepts geschuldet. Mehr noch: Endorphin ist gewissermaßen die Umkehrung des vereinenden Konzepts der Tognetti-Bearbeitung der Kreutzer-Sonate: Hier ringen zwei Parts miteinander ‘im Gleichklang’. Dies ist eine überraschende CD, die dem Hörer überraschende Erkenntnisse zu einem Stück bietet, was man doch eigentlich gut zu kennen glaubte. Damit ist das Album deutlich mehr, als nur eine nette Spinnerei für Beethoven-Fans (wie mich), sondern deutlich wertvoller und spannender, als die x-te Neuaufnahme der Original-Sonate. Sal Pichireddu

Magazin Herbst 2012  

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