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jazzwerkstatt LABEL: jazzwerkstatt ARTICLE No.: jw 127 MEDIUM: CD + DVD (NTSC) ARTIST: TITLE:

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Julie Sassoon Land of Shadows

CD: JUST SO WHAT THE CHURCH BELLS SAW... (PART 2) FORTY-FOUR LAND OF SHADOWS SHIFTING NEW LIFE Bonus DVD: WHAT THE CHURCH BELLS SAW...

JAZZ

JULIE SASSOON (piano) Die Töne tauchen aus der Stille auf, aus der Ferne, aus einer anderen Zeit, bis sie in der Gegenwart ankommen und zu leuchten beginnen. Sieht man Julie Sassoon beim Spielen zu, gewinnt man mitunter fast den Eindruck, sie würde im Klavier versinken. Sie holt die verborgenen Klänge aus der Tiefe, reiht sie einzeln auf, fädelt sie zu Ketten, bündelt sie zu Tontrauben und lässt sie sacht wieder in die Stille entgleiten. Julie Sassoon folgt ihren Leadtönen am Klavier oft singend, mit einem halben Ton Abstand. Ein Schatten, der das aktuelle Geschehen begleitet. Ein Schleier. Julie Sassoon hört den verminderten Septakkorden nach, die bohrende Fragen stellen, die zu klagen beginnen und nach Auflösung streben. Mit "Land Of Shadows" thematisiert sie ihre biografischen Erfahrungen. Mit Repetitionen steigt sie hinab in die Bereiche des Un- und Unterbewussten. Sie meditiert im Medium der Klänge, tiefer und tiefer, Schicht um Schicht. Und sie lässt den Klängen ihren freien Lauf. Wenn sie durch die farblichen nuancenreichen Landschaften des Impressionismus streift, in minimalis-tischen Patterns schwelgt und gesanglich anmutende Klavierstimmen ent-wirft, dann nur, um letztlich eine, um ihre Geschichte zu erzählen. Erstmals in Berlin, bei einem Konzert der jazzwerkstatt, sagt Julie Sassoon, habe sie öffentlich über ihre jüdischen Wurzeln gesprochen. Das sei nicht geplant gewesen. Sie stand vom Klavier auf, und als sie darüber redete, war ihr bewusst, dass es das ist, wovon ihre Musik handelt. Julie Sassoon kam von der Klassik zum Jazz und zur improvisierten Musik, sich Schritt für Schritt in freiere Gefilde wagend. Geboren und aufgewachsen in Manchester, studierte sie klassische Musik und Malerei an der Universität von Lancaster und postgradual Jazz-Piano sowie indische Violine am Leeds College of Music. Sie war in England erfolgreich mit dem Trio "Azilut!", mit einer Reihe weiterer Gruppen, auch mit einem Werke zeitgenössischer Komponisten aufführenden Ensemble mit sechs Pianisten/Pianistinnen, und mit Solokonzerten. 2009 kam Julie Sassoon von London nach Berlin – für sie kein gewöhnlicher Schritt, sondern die Aufnahme einer Herausforderung. Jeder Jude, jede Jüdin in Berlin hat eine andere Geschichte zu erzählen. Mit ihrem Spiel auf den Tasten erzählt Julie Sassoon etwas von der Ihrigen. Ihre Vorfahren, die Wertheimers, einst in Kippenheim, einem kleinen Ort im Schwarzwald beheimatet, emigrierten 1939 nach England, nachdem Julies Großvater im Zuge der Novemberpogrome nach Dachau verschleppt wurde und wieder frei gekommen war. Die Eltern der Großmutter fanden den Tod im Konzen-trationslager Auschwitz. Als Julie aufwuchs, war die Last noch so groß, dass darüber in der Familie nicht gesprochen werden konnte. Deutschland war tabu. Und doch brach Julie Sassoon eines Tages, als 18-Jährige, auf nach Kippenheim, wo sie allerdings nur Kälte vorfand und eine Synagoge, die als Lagerraum genutzt wurde. Einige Jahre später, nun mit einer Deutschen befreundet, besuchte Julie Sassoon Berlin und... verliebte sich in die Stadt. Sie heiratete einen Deutschen und brachte eine Tochter zur Welt. Vor diesem Hintergrund wird bewusst, was es für Julie Sassoon bedeutet haben mag, bei einem Konzert in Berlin über ihrer Familiengeschichte zu sprechen. Und der Auftritt in der "Neuen Synagoge" gestaltete sich für sie schließlich zu einem Eintauchen in ein Kontinuum, gleichzeitiges Durchleiden und Reinigen. An diesem Abend, bekennt Julie Sassoon, habe sie in Gedanken an ihre Großmutter gespielt. Jüdisches Leben in Berlin kann sich mit Bekenntnissen zu Religion und Kultur verbinden, ohne sich im engeren Sinne im Glauben zu verankern. Die Stimmungen und Befindlichkeiten sind vielfältiger, als sie eine Farbskala darstellen könnte. Noch immer gibt es Gefühle, über die sich eher schweigen als reden lässt. Und es gibt ein Schweigen, das am ehesten durch Klänge gebrochen werden kann. Klänge der Nachdenklichkeit, des Klagens und der Hoffnung. Beim Gang durch die Stadt wird Julie Sassoon von Echos begleitet, von Schatten, von Zweifeln, von Fragen. Zugleich beginnt sie, sich beim tiefen Durchatmen zu befreien. Als sie mit ihrer Tochter schwanger war, schrieb sie "New Life". Bert Noglik

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Julie