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Nicole Birmes

Die besondere Zutat


© 2013 tao.de, Bielefeld

Autor: Nicole Birmes (www.nicole-birmes.de) Umschlaggestaltung, Illustration: Gerrit Hansen (www.ohnekopf.de) Lektorat: Viviane Korn

Verlag: tao.de, Bielefeld (www.tao.de) ISBN: 978-3-95529-101-3 Printed in Germany Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.


Langer Atem Bertha steht in ihrem kleinen Gartenhaus und schüttelt vorsichtig ein Glas mit Lavendelöl, als sie innehält. Sie schließt die Augen, um genau ausmachen zu können, woher die Geräusche kommen, die sie in ihrem Tun unterbrochen haben, und dreht sich in deren Richtung. Ja, jetzt weiß sie, woher sie kommen und was sie bedeuten. Sie lächelt und flüstert zu sich selbst: „Ihr lieben Jungs“, bevor sie sich immer noch lächelnd wieder ihrer Tätigkeit widmet. Vor fast zwei Jahren hatte es an ihrem Grillplatz einen unschönen Vorfall gegeben. Eine Gruppe junger Erwachsener hatte den Himmelfahrt-Tag ausgiebig und vor allem feucht-fröhlich gefeiert. So ausgiebig, dass sie nicht mehr Herr über ihre Kräfte waren und sie an den massiven Bänken und Tischen auslebten. Ein Wunder, dass dabei niemand ernsthaft verletzt wurde. Bertha erinnert sich, wie froh sie damals darüber war. Auch, dass sie diesen Platz der Allgemeinheit zur Verfügung stellt und somit keine Haftung übernehmen muss. Geblieben ist nur der Sachschaden, den sie bis heute nicht beheben lassen hat. Sie hat die jungen Männer weder angezeigt noch sich anderweitig zu diesem Vorfall geäußert. Sie hat vielmehr darauf spekuliert, dass sich von anderer Seite Druck aufbauen würde. Denn immerhin konnte dieser schöne Platz seither nicht mehr von anderen genutzt werden. Schon lange sind keine Wandergruppen oder Familien mehr hier gewesen, um bei einer Rast zu grillen. Bertha ging es nicht um das Geld, das eine Wiederherstellung erforderte. Das ganze Grundstück sowie die errichteten Gebäude wurden mit Hilfe eines Lottogewinns finanziert, der längst noch nicht aufgebraucht ist und sie und diese Anlage bis zu ihrem Lebensende und darüber hinaus versorgen wird.

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Nein, ihr ist es um die Symbolik gegangen, ähnlich wie bei Kindern: Wer etwas willentlich kaputt macht, kann damit eben nicht mehr spielen. Ende! Was den Jungs wahrscheinlich noch egal wäre, würden nicht auch alle anderen nicht mehr „spielen“ können. Ihre Rechnung scheint heute aufzugehen. Schon im letzten Sommer wurden Stimmen aus der naheliegenden kleinen Stadt laut, dass sich jemand verantwortlich fühlen solle, den Grillplatz wieder herzurichten. Ja, darum geht es Bertha. Nicht um eine Entschuldigung oder Bezahlung des Schadens. Nein, sie vertraut auf Dinge wie Gewissen und Verantwortungsbewusstsein und somit darauf, dass der Schaden ohne ihr Zutun behoben wird. Tatsächlich macht sich jetzt eine Gruppe junger Männer mit mitgebrachtem Werkzeug daran, den Grillplatz wieder nutzbar zu machen. Für Bertha ein Beweis, dass sich ihr langer Atem gelohnt hat. „Hörst Du das? Ich hätte nicht gedacht, dass du Recht behältst“, sagt David, der lächelnd den Kopf in die Tür hält. Bertha nickt ihm lächelnd zu. Auch David drängte sie damals, die Jungs in die Verantwortung zu nehmen, und konnte nicht nachvollziehen, dass sie es doch tue, nur eben auf ihre Weise. Doch sie konnte ihn verstehen, denn immerhin hatte er das kleine, gut besuchte Schmuckstück selbst gebaut. Als Tischler hat er so einiges an Herzblut in ihr Anwesen gesteckt, und er ist der beste „Verwalter“, den sich Bertha vorstellen kann. Seit nunmehr zwölf Jahren stehen sie Seite an Seite, und ihre Freundschaft vertieft sich jeden Moment mehr. Trotzdem können sie sich immer noch mit ihrer Andersartigkeit überraschen. „Was meinst du, soll ich mal hingucken und mit fachmännischem Rat unterstützen?“, unterbricht David ihre Gedanken.

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„Na klar, du kannst es doch sowieso nicht aushalten. Und außerdem soll es ja auch anständig werden. Es reicht, dass die Jungs ihren guten Willen tatkräftig zeigen. Ich komme später auch dazu“, antwortet Bertha und nickt ihrem irischen Freund auffordernd zu. „Ich freue mich schon auf die unsicheren Blicke, solange sie nicht wissen, ob ich in Frieden komme“, grinst David. Bertha lacht. „Ja, ein paar Sekunden dürfen sie ruhig leiden. Aber übertreibe es nicht, mein Lieber.“ Sein schelmisches Lächeln zeigt ihr, dass er es ein paar Sekunden länger auskosten wird. Dann verschwindet er aus der Tür und geht aufrecht Richtung Grillplatz. Bertha schüttelt lächelnd den Kopf, denn Davids Gang erinnert sie an einen Western. In diesem Moment könnte er auch ein Revolverheld auf dem Weg zu einer Schießerei sein. Ein paar Minuten später hört Bertha Mathilda kommen. Die junge Mutter hat heute wenig zu tun, es sind nur zwei Zimmer und der Sanitärbereich des Zeltplatzes zu reinigen. Aber Bertha ist froh, dass sie ihr diese Arbeiten abnimmt. „Morgen, Tilly! Lass uns erst einen Kaffee trinken. Holst du bitte Tassen und die Kanne? Ich komme gleich“, ruft Bertha in Richtung der hübschen Frau, die gerade aus ihrem Auto aussteigt. „Guten Morgen! Mache ich“, ruft Mathilda zurück und verschwindet in Berthas Küche. Bertha stellt die Gläser mit Öl wieder zurück auf die Fensterbank. In ein paar Tagen wird sie sie abseihen und umfüllen können. Zufrieden nickt sie und verlässt ihr Gartenhaus, das alle anderen „Hexenküche“ nennen. 7


Draußen blickt sie sich um und spricht in Gedanken ein paar Worte des Dankes. Denn beim Anblick des Geländes wird ihr klar, dass sich auch hierfür ein langer Atem gelohnt hat. Als sie damals den Lottogewinn erhielt, wusste sie sofort, wie sie einen Teil investieren würde. Und so kaufte sie sich dieses idyllische Grundstück direkt am Wald und dazu einen weiteren Teil, der jetzt als Zeltplatz, Weide, Wiese und Wildgarten gestaltet vor ihr liegt. Auch der ursprüngliche kleine See gehört ihr. Doch es hat einiges an Zeit gekostet und viel, viel Geduld, um hier Gebäude mit den notwendigen Strom- und Wasserleitungen zu errichten. Sie orientierte sich beim Bau ihres eigenen und des Gästehauses an ihrer Heimat. Denn aufgewachsen ist Bertha nicht in Deutschland, sondern in Kanada, in einem Reservat der Woodland-Cree, was unter anderem ihre Naturverbundenheit erklärt. Als ihre deutsche Mutter jedoch vor fünfzehn Jahren schwer krank wurde, kam sie nach Deutschland, um sie zu pflegen. Nach ihrem Tod zwei Jahre später, blieb Bertha, um die Heimat ihrer Mutter genauer kennenzulernen und damit einen Teil ihrer Wurzeln zu ehren. Gerade als sie meinte, jetzt genug zu kennen und wieder zurückkehren zu können, überraschte sie der Lottogewinn. Da sie den Lottoschein zusammen mit David ausgefüllt hatte, war klar, dass sie mit dem Gewinn auch gemeinsam etwas erschaffen würden. Und nun steht sie hier, fünfundsechzig Jahre alt, und blickt auf das, was sie erschaffen haben – und das sie bewirtschaften können wie sie wollen, ohne wirtschaftlich sein zu müssen. Die Preise orientieren sich ausschließlich an den Kosten. Alles, was darüber hinausgeht, gilt als Spende und geht nach der Jahresabrechnung an soziale Einrichtungen der naheliegenden kleinen Stadt.

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Das ist sicher ein Grund, warum die fünf Zimmer des kleinen wie ein Motel gestalteten Gästehauses am See so gut besucht sind – sowohl von Familien, die ein Wochenende in der Natur verbringen wollen, als auch von Reisenden, die eine Nacht Rast machen, um dann zum eigentlichen Zielort weiterzufahren. Auf der Weide neben dem See stehen drei alte Pferde, ein Muli und zwei Esel, um dort einen ruhigen Lebensabend zu verbringen. Ihre Besitzer sind froh, sie untergebracht zu wissen. Sie kümmern sich um Futter und Tierarztbesuche. Für die Weide und den offenen Stall, den David vor ein paar Jahren liebevoll gebaut hatte, brauchen sie nichts zu bezahlen. Auch der gegenüberliegende kleine Zeltplatz wird oft und gern besucht, von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen. Oder von Gruppen, die die Natur erkunden, wie z. B. die ortsansässigen Pfadfinder. Die Benutzung des Platzes ist ebenfalls kostenlos, allerdings lassen es sich die Besucher oft nicht nehmen, einen kleinen Beitrag zu leisten, indem sie etwas in die Spendenkasse einzahlen, um zumindest die Kosten für die Benutzung der sanitären Anlagen zu decken. Bertha hat erkannt, dass es auf freiwilliger Basis fast noch besser funktioniert, und spart sich daher den bürokratischen Aufwand. Das Einzige, was bezahlt werden muss, ist die Benutzung der Waschmaschinen und des Trockners, die mit Münzeinwurf ausgestattet sind. Eine Zeit lang wurden die Geräte regelmäßig von einem Stadtbewohner benutzt, der irgendwo übergangsweise zur Untermiete wohnte und dankbar für die günstige Waschgelegenheit war. Ein paar Wochen vor seinem regulären Umzug bewohnte er ein Gästezimmer und wurde von Bertha verpflegt. Im Gegenzug half er David, ein Baumhaus als „Gästezimmer für Kreative“ zu bauen, und machte sich nützlich, wo er konnte.

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Die Idee für das Baumhaus war vor drei Jahren entstanden. Damals waren alle Gästezimmer belegt, doch ein Gast, ein Maler und Schriftsteller, reiste früher ab als geplant, da er sich weder entspannen noch auf seine Kunst konzentrieren konnte. Es hatte nicht genug Ruhe, da keine Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung standen. Dieser Hinweis inspirierte Bertha und David, auch besonders sensiblen Menschen eine geeignete Herberge anzubieten. Bertha winkt Mathilda zu und begibt sich zu ihr auf die Veranda. Heute wird ein „Baumbewohner“ eintreffen, eine junge Autorin, auf die Bertha schon neugierig ist.

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Normal mysteriös Felicity ist sehr genervt, und das obwohl es die letzten Minuten vor ihrem Urlaub sind. Vielleicht aber auch gerade deswegen. Sie fühlt sich nicht mehr flexibel genug, um auf Sonderwünsche einzugehen. Immerhin hat sie sich beeilt, alle Vorbereitungen für den bevorstehenden Bastelnachmittag zu treffen, damit ihre Kollegin Jessica gleich loslegen kann. Die Kinder sind schon wuselig genug, da darf man doch von einer Erzieherin erwarten, dass wenigstens sie den Überblick behält. Aber nein, wie immer heißt es „Kannst du noch mal hier“ und „Kannst du noch mal da“, wie ätzend! „Nein“, faucht Felicity, als Jessica sie immer noch nicht gehen lässt. „Okay, ich kriege das schon hin“, versucht Jessica, ihr auch noch ein schlechtes Gewissen zu machen. „Jetzt hör’ aber auf, das zieht bei mir nicht! Raff’ dich mal auf, Mensch! Du machst den Job doch nicht erst seit heute!“ Felicity ist wirklich verärgert. So gern sie hier im Kindergarten arbeitet, seit Jessica vor einem Jahr dazu gekommen ist und überall versucht, sich vor Arbeit zu drücken und nur die Rosinen herauszupicken, kommt sie regelmäßig an die Grenzen ihrer Geduld. Wie kann jemand mit Kindern arbeiten, wenn er keine Lust hat, sich zu bewegen oder zu spielen?! Am liebsten würde Jessica nur Aufsicht führen, ohne selbst in Aktion treten zu müssen. Ein paar Anweisungen, ein paar Zurechtweisungen, völlig fehl am Platz! Dabei ist sie schon sieben Jahre länger in diesem Beruf tätig als Felicity. Entweder hat sie sich verändert oder sie hatte bislang nur allzu gutmütige Kolle-

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gen. Felicity hingegen fühlt sich mit Mitte Zwanzig immer noch ähnlich verspielt wie die Kinder. „Schönen Urlaub“, wünscht Jessica und gibt auf, sie weiter aufhalten zu wollen. Denn tatsächlich fühlt sie sich der Kindergruppe ohne Unterstützung eines weiteren Erwachsenen nicht gewachsen. Und wenn es auch nur eine viertel Stunde ist, in der die Kinder mit Essen beschäftigt sind. „Danke“, erwidert Felicity knapp und winkt den Kindern beim Rausgehen lächelnd zu. Draußen kommt ihr Nadja entgegen, die anscheinend etwas früher ihren Dienst beginnen will, um Jessica nicht zu lange allein mit der Köchin zu wissen. Felicity lächelt sie dankbar an und Nadja nickt. „Schalt’ ordentlich ab, Lizzy, und mach’ dir einen richtig schönen Urlaub“, wünscht sie ihr. „Danke, das werde ich. Schön, dass du schon da bist. Lass’ dich nicht ausnutzen, Nadja“, verabschiedet sich Felicity winkend, während Nadja den Kopf schüttelt und den Daumen hoch hält. Auf dem Weg nach Hause geht sie einen Umweg über den Friedhof, auf dem ihre Eltern und ihr kleiner Bruder liegen, die bei einem Autounfall vor zwei Jahren ums Leben gekommen sind. Felicity bleibt vor dem Familiengrab stehen und schaut sich vorsichtig um, ob weitere Besucher anwesend sind. Als sie keinen sehen kann, beginnt sie laut zu schimpfen und sich endlich Luft zu machen. Denn vor den Kindern ist sie immer bemüht, nicht die Stimme zu erheben, wie sehr sie sich auch über Jessica ärgert. Was die natürlich weiß. Doch Felicity weiß, wie sehr es ihr auf den Magen schlägt, wenn die Wut nicht hinaus darf. Leider sind oft Menschen zugegen und dann bleiben nur eine Fahrt in den etwas entfernteren Wald oder ein halbherziger Schrei ins Kopfkissen inklusive anschließender Prügel,

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wobei ihr das Kissen einfach zu schnell leidtut. Bis zum Urlaub will sie sich diese Erleichterung allerdings nicht aufsparen, um möglichst ohne Wut im Bauch losfahren zu können. Gerade in solchen Momenten vermisst sie ihre Eltern, die ähnlich mit Ärger umgegangen sind und ihr immer ins Gewissen geredet haben, sie solle ihn niemals herunterschlucken. Es ist nur ein kurzer Ausbruch, dann geht es ihr schon besser und sie lächelt die Grabsteine ihrer Verwandten an. „Danke fürs Zuhören“, sagt sie, nun deutlich leiser. „So gern ich die Kinder auch habe, aber so geht das nicht weiter. Gibt es denn keine normalen Menschen mehr? Wieso gibt es in diesem Beruf so viele, die komplett ungeeignet sind?! Die können sich doch nicht wohlfühlen. Wie ätzend! Aber jetzt ist sie da und scheint Sitzfleisch zu haben. Noch zwei Jahre, dann kommt Mona wieder. Ich weiß aber nicht, ob ich das wirklich so lange aushalte. Ich brauche echt eine Idee.“ Sie lauscht, ob irgendein Zeichen wahrnehmbar ist. Aber nichts. Nichts, was zu sehen, zu hören, zu fühlen ist. Doch, eine innere Stimme, aber wohl eher ihre eigene. Umso besser. Es scheint sich eine Idee zu formen, über die sie im Urlaub nachdenken kann. Ursprünglich wollte sie wieder anfangen, kleine Kurzgeschichten oder Märchen zu schreiben, die die Kinder so gern hören. Aber vielleicht wird es auch Zeit, ein ganzes Buch zu schreiben, ein Märchenbuch mit vielen kleinen Fabeln oder magischen Begebenheiten. Sie könnte die Geschichten, die sie sich schon ausgedacht hat, darin aufnehmen. Ja, das scheint ein guter Gedanke. So würde sie auch schnell von Jessica und der nervtötenden Zusammenarbeit mit ihr abschalten können.

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Als Felicity ihre Reisetasche in den Kofferraum legt, gehören die Gedanken an den Alltag bereits der Vergangenheit an. Stattdessen ist sie neugierig auf das Baumhaus, in dem sie die nächsten zwei Nächte schlafen wird. Die Internetseite unter dem Motto „Einfach leben“ sah sehr einladend aus, auch wenn Felicity noch nicht richtig einschätzen kann, ob sich das Motto auf den Erholungswert oder die Einrichtung bezieht. Zumal die Preise wirklich minimal sind. Aber sie ist auch nicht auf Luxus aus. Und da sie insgesamt drei Wochen Urlaub hat, in denen der Kindergarten ebenfalls geschlossen sein wird, kann sie sich auf alles einlassen, was kommen will. Je nachdem, wie die Zeit im Baumhaus sein wird, wird sie danach entweder weiter an die Küste fahren oder wieder nach Hause, um vielleicht sogar das Buch zu schreiben. Diese Gedanken bringen in ihr eine unbändige Abenteuerlust hervor, so dass sie aufpassen muss, das Gaspedal nicht unangemessen weit durchzutreten. Sie schaut in den Rückspiegel und grinst. „Felicity Middle, vielleicht machst du ja in den nächsten Tagen deinem Namen alle Ehre, findest deine glückliche Mitte, machst von dort die Leinen los und brichst zu neuen Ufern auf“, motiviert sie sich. Die anschließende dreistündige Autofahrt verbringt sie mit lautem und fröhlichem Mitsingen aller Lieder, die die verschiedenen Radiosender hergeben. Von der den Ort umgehenden Schnellstraße aus kann sie das kleine Städtchen sehen, durch dessen Mitte ein breiter Fluss fließt. Es sieht zwar beschaulich aus, ist aber größer als sie angenommen hat. Falls es ihr im „Einfach leben“ zu langweilig wird, wäre dies hier ein gutes Ausflugsziel, auch wenn sie der Stadt eher entfliehen möchte. Dann sieht sie schon das Schild, das ihr die Richtung von der nächsten Ausfahrt in einen kleinen Waldweg

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weist. Ein paar Fahrradfahrer biegen ebenfalls in ihn ein. Nach ein paar hundert Metern führt der Weg geradewegs auf einen See und die Anlage zu, die wirklich klein und beschaulich ist – und dennoch eine Augenweide! Felicity ist begeistert, als sie schon von Weitem das Baumhaus ausmachen kann, direkt an einem länglichen Holzhaus, auf dessen Veranda zwei Frauen sitzen, zu ihren Füßen zwei Huskys. Die beiden Hunde stehen auf, als sie aus dem Auto steigt. Auch die ältere Frau erhebt sich und kommt ihr lächelnd entgegen. Die Hunde folgen ihr ruhig und freundlich. „Frau Middle, herzlich willkommen. Ich bin Bertha“, empfängt sie sie herzlich. „Hallo, das ist ja ein netter Empfang“, entgegnet Felicity ebenso herzlich und schüttelt die angebotene Hand der leicht ergrauten Frau mit den tiefdunklen, freundlichen Augen. „Kommen Sie, setzen Sie sich doch bitte noch kurz zu mir. Das Baumhaus ist gleich bezugsfertig“, sagt Bertha und stellt ihr Mathilda als „guten Hausgeist“ vor. Die beiden jungen Frauen begrüßen sich, bevor Mathilda sich auf den Weg macht, um das Bett im Baumhaus frisch zu beziehen. Felicity nimmt Berthas Angebot an, einen Kaffee mit ihr zu trinken, und setzt sich zu ihr auf die Veranda. Sie streichelt die Hunde, die sie kurz beschnüffeln und sich dann neben den Tisch legen. „Sie sind Autorin, Frau Middle?“, fragt Bertha interessiert. „Na ja, sagen wir mal, ich will eine werden. Aber bitte nennen Sie mich Lizzy, das mit der Mitte klappt noch nicht so ganz“, lacht Lizzy verschmitzt.

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„Okay Lizzy, ich drücke die Daumen, dass sie sie finden. Da passt das Baumhaus doch gut, oder? Von oben hat man doch meist den besseren Überblick.“ „Ja, das sieht wirklich witzig aus. Ich hoffe, ich habe keine Höhenangst.“ „Und wenn, dann ziehen Sie in etwas Ebenerdiges um. Es sind noch zwei Zimmer frei“, beruhigt Bertha sie. Mathilda verlässt das Baumhaus und nickt Bertha zu. Die erhebt sich und fordert Lizzy auf, ihr Gepäck zu holen und in ihr neues Domizil zu bringen. Sie gehen auf die riesige Eiche zu, deren Stamm erkennen lässt, dass es ein sehr alter Baum ist. Die Treppe zum Baumhaus liegt auf der anderen Seite direkt neben den Sanitäranlagen für die Zeltplatz-Gäste, ein paar Meter von Berthas Wohnhaus entfernt, und windet sich um den Stamm herum empor. Als Lizzy hinter Bertha das Baumhaus betritt, staunt sie nicht schlecht. Der Eingang befindet sich auf der Ostseite. Der Raum ist mit dem Notwendigsten eingerichtet: einem mittelgroßen Bett, einem kleinen Schrank, einem winzigen Nachttisch mit einer ebenso winzigen Lampe. Ein weiteres Fenster befindet sich auf der Westseite. Zwischen Bett und Schrank führen drei Stufen in einen weiteren Raum hinauf, der mit Hilfe einer Schiebetür verschlossen werden kann. Lizzy erkennt eine Art Arbeitszimmer oder Atelier, denn dort befinden sich ein quadratischer kleiner Schreibtisch mit integrierten seitlichen Steckdosen sowie eine Lampe, die mit einer Klemmvorrichtung am Schreibtisch befestigt ist. Auch ein Bürostuhl ist zu sehen und ein kleines Schränkchen unter einem Regal, auf dem diverse Büroartikel wie Locher, Tacker, ein Glas mit Stiften, Schreib- und Malblöcke liegen. Auf jeder Seite befindet sich ein Fenster, so dass man den ganzen Tag Licht hat, das nur durch das Laub der Eiche gedämpft 16


wird. Dazu ein Blick über das gesamte Gelände, während man selbst vor den Blicken anderer geschützt ist. Lizzy ist begeistert – ein Baumhaus auf zwei Ebenen, möglich durch das Anpassen der Bauweise an den Wuchs des Baumes. „Hier bin ich wirklich gern Baumbewohner“, schwärmt Lizzy. „Habe ich mir gedacht“, lacht Bertha. „Wenn ich nicht schon so alt wäre, würde ich auch lieber hier wohnen als ebenerdig. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Toiletten und Duschen, die auch die Zeltplatz-Gäste mitbenutzen werden.“ „Wie haben Sie denn den Strom hierher bekommen? Ich sehe gar keine Leitungen“, fragt Lizzy. „Die sind in der Treppe eingebaut und führen über die Wand und in ein Tischbein vom Schreibtisch. Deswegen haben Sie auch nur einen Lichtschalter im Schlafraum und oben nur die Schreibtischlampe.“ „Raffiniert“, staunt Lizzy anerkennend. „Ich habe den weltbesten Handwerker im Haus. Sie werden David gleich beim Essen kennen lernen“, freut sich Bertha und zeigt ihr die Waschgelegenheiten. Dabei erzählt sie kurz alles Wissenswerte zu den Gästen, zur Anlage und was es mit der Reparatur des Grillplatzes auf sich hat. Bevor sie Lizzy hinter das Haus führt, um ihr David vorzustellen, überreicht sie ihr den Schlüssel für ihr neues Domizil. Den jungen Männern ist deutlich anzusehen, dass sie mächtig Respekt vor der Begegnung mit Bertha haben. Tatsächlich sind es genau die, die den Schaden angerichtet haben und sich nun redlich Mühe geben, ein neues Schmuckstück zu bauen. Sie waren auf das Schlimmste

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gefasst, als David ihnen energisch entgegentrat, und erleichtert, dass er nur streng geguckt, aber nichts gesagt hat. Im Gegenteil, er hat ihnen angeboten zu helfen und weiteres Werkzeug herbeigeschafft. Unter seiner Anleitung haben sie nun nicht nur viel gelernt, sondern auch professionell die neuen Sitzgelegenheiten und robusten Tische zusammengebaut. Sie befürchten allerdings, Davids Freundlichkeit bedeute nur, dass das dicke Ende in Form von Berthas Fluch noch kommt. Denn seit Jahren munkelt man im Ort, sie sei eine Art Hexe und habe magische Kräfte. Die ganze Zeit haben sie ängstlich gewartet, dass ihnen ein Unglück geschähe, doch außer den alltäglichen Missgeschicken ist nichts passiert. Umso mehr glauben sie, dass heute der Tag der Abrechnung gekommen sei. Als sie Bertha sehen, werden die jungen Männer unruhig. Lizzy fragt sich, ob sie etwas an Bertha übersehen haben könnte. Von all den Hexengerüchten weiß sie zwar nichts, wohl aber hat sie das Funkeln in ihren Augen gesehen, das erahnen lässt, dass diese nicht nur warm und freundlich gucken können. Jetzt gerade sind ihre Augen komplett undurchdringlich. Niemand könnte sagen, was in ihr vorgeht. Gerade das macht es so spannend. Bertha weiß genau, welche Wirkung sie hat, wenn sie so guckt und es mit ihrer Körperhaltung noch unterstreicht. Die Männer werden immer unsicherer und senken unruhig den Blick. Nur einer muss seinem inneren Erleben Ausdruck verleihen. Er grinst verlegen und bedeutet ihr, sich zu setzen und zu prüfen, ob es sich gut sitzen lässt. Die Hoffnung in seinem Gesicht und seiner Gestik ist deutlich sichtbar: Ist jetzt alles wieder gut? Bertha macht sich einen kleinen Spaß. Sie behält ihren Blick und tut so als murmele sie lautlos vor sich hin. Sie weiß, dass alle denken, sie spreche Zauberformeln oder

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sogar Flüche. Na ja, so etwas in der Art ist es ja auch. Allerdings in die andere Richtung, was natürlich alle spüren, aber nicht ohne Einschränkung glauben wollen. Sie fühlt, dass sich nun auch in Lizzy eine Spannung aufzubauen beginnt, und verkneift sich ein Schmunzeln. Auch David muss weggucken, um nicht lauthals loszulachen. Zu komisch findet er diese Situation, die er zwar nicht oft, aber auch nicht zum ersten Mal miterlebt. Lange hält es Bertha allerdings nicht aus, dann entlässt sie die Starre aus ihrem Gesicht, um Platz für das wärmste, strahlendste Lächeln zu machen, das David je gesehen hat. Jetzt muss er weggucken, um nicht der ganzen Öffentlichkeit zu präsentieren, wie groß der Platz in seinem Herzen ist, den er Bertha bereitwillig eingeräumt hat. „Ach, ihr lieben Jungs“, lächelt sie gerührt zur völligen Überraschung der jungen Männer. „Wir sind noch nicht ganz fertig“, beeilt sich der, der damals die größte Zerstörung angerichtet hat, zu erklären. „David hat eine tolle Idee, nämlich das ganze zu überdachen und eine richtige Grillhütte entstehen zu lassen. Wir wollen ihm dabei helfen und kommen für das Material auf, wenn das in Ordnung ist.“ „Natürlich ist das in Ordnung. Und eine wirklich tolle Idee. Aber für heute seid ihr fertig und habt es wirklich schön gemacht. Vielen Dank“, sagt Bertha wieder zur Überraschung der Männer, die eher Schelte statt Dank erwartet haben. Sie grinsen erleichtert. „Dann heizt den Grill schon einmal an. Ich habe ein paar Salate gemacht und Mathilda gebeten, Würstchen, Fleisch und Baguette zu besorgen. Ich sage den übrigen Gästen Bescheid und dann weihen wir alle zusammen euer Werk ein“, bestimmt Bertha freudig und schaut David an, der nickt und sich anschickt, Holzkohle zu holen.

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Bertha geht zurück, Lizzy bleibt bei den Männern, macht sich bekannt und lässt sich die ganze Geschichte erzählen. Bertha ist fast beim Haus angekommen, als der „Zerstörer“ leise sagt: „Ich würde zu gern wissen, was sie vorhin gemurmelt hat.“ „Ich habe mich bedankt, dass ich mich in euch nicht getäuscht habe“, ruft Bertha. „Bei wem?“, ruft er verwirrt, denn Bertha war definitiv außer Hörweite für seine geflüsterten Worte. Bertha zeigt, ohne sich umzudrehen, nach oben in den Himmel und natürlich folgen alle Blicke ihrem Finger, auch Lizzys. In diesem Moment hören sie das Kreischen eines Bussards, der noch eine Runde über ihnen kreist, um dann Richtung Wald zu fliegen. Bertha weiß, welche Blicke nun alle austauschen, und muss sich sehr zusammenreißen, um nicht lauthals zu lachen. Im Stillen bedankt sie sich für das gute Timing des Bussards, der natürlich nur zufällig vorbeigeflogen ist und ihr so geholfen hat, ihren „Ruf“ zu wahren. „Oh, Gott sei Dank! Sie ist uns nicht böse“, seufzt der „Zerstörer“ erleichtert. „Wer weiß, durch wen sie uns hat beobachten lassen. Kann eine Stubenfliege gewesen sein oder der Bäcker. Der hat mich letztens so komisch angeguckt, da wusste ich gar nicht, was los war. Bertha ist echt eine Nette, aber verärgern sollte man sie möglichst nicht, was? Mann, haben wir Schwein gehabt. Ich glaube, die mag uns, sonst wäre wohl wer weiß was passiert.“ Alle nicken und Lizzy ist beeindruckt. So richtig unheimlich will ihr zwar nicht werden, aber zumindest ist das die richtige Atmosphäre, um eine gute Idee für ein Kinderbuch über Magie und Zauberei zu kriegen. Wer weiß, vielleicht ist sie ja in einen richtigen Hexenwald geraten. Ihr Interesse ist jedenfalls geweckt, denn sie findet es

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erstaunlich, wie unmittelbar Bertha auf die leise gemurmelten Worte des jungen Mannes reagiert und wie sie den Bussard in das Geschehen einbezogen hat. Nachdem sie aber endlich die ganze Geschichte aus den Männern herausgelockt hat, ist sie wieder beeindruckt von Berthas Geduld und ihrer Strategie, dass der Druck der Öffentlichkeit ausreiche und keine Strafe nötig sei. Nachtragend ist Bertha also überhaupt nicht. Im Gegenteil, zu verzeihen und Milde walten zu lassen scheinen wichtige Werte für sie zu sein. Als Lizzy zum Haus zurückkehrt, kommt Mathilda gerade mit den Einkäufen wieder. Sie hat ihr Kind dabei, das sie auf dem Rückweg aus dem Kindergarten abgeholt hat. Lizzy bietet an, sich um die Kleine zu kümmern und erklärt auf den zurückhaltenden Blick, dass sie in einem Kindergarten arbeite. Mathilda stimmt zu und Lizzy macht sich mit ihrer Tochter Mia bekannt, die zunächst noch etwas scheu ist. Um sie nicht zu bedrängen, hilft Lizzy daher, die Einkäufe in die Küche zu bringen, um dann Bertha zu fragen, wie die weitere Planung aussieht. Auf Mathildas Hinweis hin geht sie zur „Hexenküche“, die auch Mathilda so nennt. Belustigt will Lizzy gerade eintreten, als sie ein Murmeln hört. Aufgeregt bleibt sie stehen und versucht, ungesehen zu beobachten, was Bertha macht. Sie hält den Atem an, um die gemurmelten Worte zu verstehen:

„Gelöst sei der Bann, der über dir liegt, weil es für ihn keine Gründe mehr gibt. Sei nun befreit von dieser Last, die du so lange getragen hast. Gelöst sei der Bann, ein Schluck nur dafür. Was du frei jetzt machst, liegt nun bei dir.“

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Während Bertha leise diese Worte spricht, zerreibt sie mit den Fingerspitzen ein getrocknetes Blatt und lässt es langsam in eine Flasche mit einer roten Flüssigkeit rieseln. Als sie die Flasche verschließt, schleicht sich Lizzy leise drei Schritte weg, um umso hörbarer wiederzukommen, wobei sie Berthas Namen ruft. „Ach Lizzy, haben Sie Mathilda schon zurückkommen sehen?“, fragt Bertha harmlos. „Ja, wir haben die Einkäufe schon in die Küche gebracht und der Grill ist bereits an“, antwortet Lizzy, als wäre sie gerade erst gekommen. „Prima, die Gäste wissen Bescheid und werden gleich zum Grillplatz kommen. Und wir können Geschirr, Besteck und die Lebensmittel hinbringen. Und weil die Jungs so fleißig waren und vor allem endlich zur Besinnung gekommen sind, bekommen sie als Dankeschön einen Schlehen-Schnaps von mir.“ Lizzy nickt und kehrt zur Küche zurück. Was sie nicht weiß ist, dass Bertha sie kommen hörte und sich diesen Spaß mit dem Zauberspruch einfach nicht verkneifen konnte. Junge, angehende Autoren brauchen schließlich Inspiration. Warum nicht dem eh schon vorhandenen Ruf gerecht werden? Obwohl Bertha genau weiß, wie wenig manche Worte, wie viel mehr dafür manche Gedanken ausrichten können. Auch, dass sie ab und zu ruhig mit ein paar Worten Schabernack treiben kann, solange kein böser Antrieb dahintersteckt. Mit den tatsächlichen Spirits jedoch geht sie tunlichst respektvoll um. Auch wenn die wiederum gern ihren Schabernack mit den Menschen treiben. Meist jedoch auch ohne bösen Antrieb und immer lehrreich. Das Essen ist schnell auf einem der Tische platziert, David hat ein paar Getränke geholt und der „Zerstörer“

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sich als Grillmeister zur Verfügung gestellt. Auch die anderen Gäste kommen aus ihren Zimmern bzw. vom See. Alle machen sich bekannt und freuen sich auf das herrlich duftende Essen. Den Hunden hat Mathilda zwei große Knochen vom Schlachter mitgebracht, die sie sich in einiger Entfernung schmecken lassen. Nach dem Essen reicht Bertha David eine Flasche Schnaps für die Gäste, lässt es sich aber nicht nehmen, den Erbauern des neuen Grillplatzes selbst aus einer anderen Flasche einzuschenken. Lizzy weiß, dass das der Schnaps ist, der mit jedem Schluck den einstigen Bann von den Männern nehmen wird. Da es eine kleine Flasche ist, bekommt jeder zwei Gläschen und Lizzy denkt sich, dass Bertha wohl sichergehen will, dass der Bann auch wirklich gebrochen ist. Den ganzen weiteren Abend beobachtet Lizzy die Männer genau und meint zu erkennen, dass sie sich immer gelöster geben. Dabei wird sie von Bertha beobachtet und die wiederum von David. Als sich ihre Blicke kreuzen, lächeln sie warm und wissend.

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Inspiriert Am späten Abend kommen drei weitere Gäste an und gesellen sich zu Bertha, Lizzy und David. Mathilda und Mia, die doch noch neugierig auf Lizzy zugegangen ist, sind nach dem Essen nach Hause gefahren. Die jungen Handwerker sind gegen einundzwanzig Uhr verschwunden, werden morgen Vormittag jedoch wiederkommen, nachdem sie mit David Holz für die Grillhütte besorgt haben. Die anderen Gäste sind kurze Zeit später in ihre Zimmer gegangen, da sie morgen früh bereits aufbrechen und ihre Reise an die Küste fortsetzen werden. Kurz vor halb zehn hören sie die Stimmen von zwei Frauen, denen Bertha sofort freudig entgegen geht. Die Stimmen gehören Berthas langjähriger Freundin Marlene und deren Lebensgefährtin Carmen, die sich erst für morgen angekündigt hatten. Wie sich jedoch herausstellt, haben sie eine überraschende Nachricht, mit der Marlene nicht länger warten wollte und mit der sie auch sofort herausplatzt. „Wir ziehen hierher in die Stadt“, ruft sie freudestrahlend. „Was? Das ist ja toll!“, ruft Bertha begeistert. „Das Gymnasium hat einen Lehrer für Sport und Mathe gesucht, und da habe ich mich einfach beworben. Nach den Ferien geht es los. Wir haben allerdings erst ab Oktober eine Wohnung und wollen fragen, ob wir solange ein Zimmer bei dir haben können.“ „Selbstverständlich! Ich freue mich!“ Bertha kann es kaum fassen und strahlt bis über beide Ohren. Lizzy erfährt, dass sie sich kennen lernten, als Bertha in Düsseldorf bei ihrer kranken Mutter lebte und für ihren Lebensunterhalt in einem Café arbeitete, in das Marlene

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fast jeden Tag nach der Schule zum Abschalten ging. Nach kurzer Zeit freundeten sie sich an und Bertha nutzte die Gelegenheit, ihre Deutschkenntnisse aufzufrischen. So bekommt Lizzy auch die Erklärung für Berthas Aussehen, da sie sich bereits den Kopf über ihre Herkunft zerbrochen hat. Auf ein indigenes Volk wäre sie von allein jedoch nie gekommen. Immer mehr gewinnt sie den Eindruck, hier genau am richtigen Ort zu sein, um eine Idee für ihr Buch willkommen zu heißen. Kaum ein paar Minuten später hält ein Taxi direkt vor der Haustür und David springt auf, um den Gast zu begrüßen. Seit ungefähr einer Stunde ist ihm deutlich anzumerken, dass er unruhig ist. Das Taxi fährt wieder und David stellt schnell einen Koffer ins Haus, dann kommt er mit einem jungen Mann in Pilotenuniform wieder zum Grillplatz. Es ist sein Sohn Mark, der zwei Tage Aufenthalt in Deutschland hat, bevor er weiterfliegt, was er nutzt, um seinen Vater zu besuchen und sich ein wenig zu entspannen. Bis auf Lizzy kennen ihn alle, so dass eine herzliche Begrüßung stattfindet, die Lizzy aufmerksam verfolgt, da dieser charismatische große Mann sie fasziniert. Er gibt ihr die Hand und zwinkert ihr zu. Sie stellt sich vor und zwinkert zurück. Dann erst gibt er ihre Hand frei, was Lizzy fast schade findet. Sie ist gespannt, ob er sie morgen ohne Uniform auch noch so faszinieren wird, kann aber jetzt nicht wirklich die Augen von ihm lassen. Er ist ungefähr zehn Jahre älter als sie und – da David nach seiner Frau und seiner Tochter fragt – verheirateter Vater. Auch das findet sie fast schade, freut sich aber dennoch, so einen gut aussehenden Mann in direkter Nähe zu wissen. Gucken darf man ja schließlich. Als Carmen Bertha leise etwas sagt, runzelt die die Stirn und bittet sie, ihr zu folgen. Das nutzt Lizzy, um sich

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ebenfalls zu verabschieden und zu ergründen, wie es sich im Baumhaus schläft. Sie begleitet die beiden Frauen bis zum Haus, wo sich ihre Wege trennen. Lizzy geht links herum, Bertha und Carmen rechts in die „Hexenküche“ und schließen die Tür. Lizzy ist zwar neugierig, was die beiden dort wohl machen, will aber nicht lauschen und beschließt, dass es sie nichts angeht. Wer die Tür schließt, will Privatsphäre, und das ist zu respektieren, Neugierde hin oder her. Sie holt sich ihre Waschutensilien und verschwindet im Sanitärbereich, um kurze Zeit später in die weichen Kissen ihres Baumhaus-Bettes zu fallen. Nach wenigen Minuten ist sie auch schon eingeschlafen. Währenddessen sitzen Bertha und Carmen bei Kerzenschein an einem kleinen Tisch und unterhalten sich. Dann reicht Bertha ihrem Gast ein kleines Fläschchen mit dem Hinweis, täglich drei Teelöffel davon einzunehmen, unverdünnt, auch wenn es eklig schmeckt. Als sie wieder herauskommen, werden sie von den beiden Hunden, die ihnen und Lizzy vorausgegangen waren, wieder zurückbegleitet. Die Tiere lassen niemanden allein durch die dunkle Gegend wandern, sondern bilden immer eine Eskorte. Ein Grund, warum hier niemand auf die Idee kommt, einzubrechen oder jemanden zu überfallen. Marlene und Carmen beziehen leise ihr Zimmer, da die anderen Gäste bereits schlafen. David und Mark gehen mit Bertha ins Haus und durch die gemeinsame Küche und Wohnstube in Davids privaten Bereich, während Bertha links in ihre Zimmer geht. Zwar hat David einen eigenen Eingang, der jedoch selten benutzt wird, da der erste Gang ins Haus sowieso meist dem Kühlschrank gilt, um etwas zu trinken. Nur wenn Bertha direkt im Eingang auf der Stufe zur Veranda sitzt, geht David durch die rechte Tür des Hauses. So

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wohnen sie einerseits zusammen und dennoch getrennt. Jeder hat seinen Schlafbereich, ein Badezimmer sowie einen weiteren Raum als Rückzugsort oder für Gäste. Den benutzen sie selbst jedoch nie, da sie sowohl die Mahlzeiten gemeinsam einnehmen als auch die Abende zusammen verbringen. Zwischen Küche und Wohnbereich führt eine Tür zum hinteren Teil des Hauses in einen Anbau, der als kleiner Veranstaltungsraum und Kaminzimmer genutzt wird. Bertha hat Lizzy erzählt, dass sich dort am zweiten Samstag jedes Monats ein paar Frauen treffen, um zu handarbeiten, sich Geschichten vorzulesen oder einfach nur zu unterhalten. Es sei eine Art Gesprächskreis, kein typischer Kaffeeklatsch. Es gehe viel um Religion oder Spiritualität im Allgemeinen, Philosophie, Gesundheit und aktuelle Themen, die die Welt bewegen und damit insbesondere die Frauen. Im Winter säßen sie oft zwei, drei Stunden vor dem Kaminfeuer mit Kuchen, Kaffee und Tee, im Sommer meist irgendwo im Schatten, wofür die neue Grillhütte sich bald qualifizieren werde. Das nächste Treffen finde morgen Nachmittag statt und Lizzy sei herzlich eingeladen. Dieses Angebot nimmt Lizzy gern an. Sie freut sich auf einen Austausch mit Erwachsenen über Themen, die nicht hauptsächlich mit ihrer Arbeit und den Kindern bzw. deren Eltern zu tun haben. Der Morgen ist noch sehr jung, als Lizzy aufwacht. Nicht etwa, weil sie ausgeschlafen hat, sondern weil ein Vogel direkt über ihrem Fenster lautstark die aufgehende Sonne begrüßt. Sie hatte das Fenster aufgelassen, um im Schlaf möglichst viel frische Luft zu tanken. Noch dazu, weil hier kein Geräusch zu hören ist, außer dem Rauschen der Blätter, wenn sie von einem Windhauch bewegt werden. Tatsächlich hat Lizzy das Gefühl, viel mehr Sauerstoff in der Luft zu schmecken als sonst. Kein Wunder,

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wo doch Bäume als die „Sauerstoff-Fabriken“ der Erde bekannt sind. Den Vogel scheinen die menschlichen Geräusche, die sie beim Aufstehen produziert, überhaupt nicht zu stören, viel zu wichtig scheint der Willkommensgruß an die Sonne zu sein. So macht sich Lizzy mit ihrem Waschzeug auf den Weg nach draußen. Auf der Treppe sieht sie Bertha in der Dämmerung, die mit einem kleinen Korb in der Hand in ihrem wilden Garten Kräuter sammelt. Auch vom Kirschbaum pflückt sie einige reife Früchte. Lizzy bestaunt schweigend dieses harmonische Bild und verweilt eine Minute, um es wirken zu lassen. Die alte Frau mit den früher dunkelbraunen, inzwischen grau durchsetzten langen Haaren, die sie jetzt am Morgen offen trägt, sieht von Weitem wesentlich jünger aus als sie ist. Und es sieht so aus, als gehöre sie wie jede einzelne wild gewachsene Pflanze ebenfalls in diesen Garten. Lizzy kommen die Worte „eins mit der Natur“ in den Sinn. Damit müssen Menschen wie Bertha gemeint sein. Als sie die letzte Treppenstufe erreicht, begrüßen sie die Hunde freundlich schweigend. Sie tätschelt beiden den Kopf und flüstert: „Guten Morgen, ihr treuen Beschützer“, bevor sie im Sanitärbereich verschwindet. Als sie wieder herauskommt, empfängt Bertha sie mit einer Tasse duftenden Kaffees. „Hat Mustafa Sie wach gemacht?“, fragt sie schmunzelnd und setzt auf Lizzys fragenden Blick hinzu: „Die Amsel über Ihrem Fenster. Wir sind hier eine Multi-Kulti-Gesellschaft, alles und jeder ist akzeptiert.“ „Ja“, grinst Lizzy. „Da bewahrheitet sich die Volksweisheit: Der frühe Vogel fängt den Wurm! Aber anscheinend gilt das auch für ein paar Menschen, was?“

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„Na ja, da gilt wohl eher: Der frühe Mensch bekommt die frischesten Brötchen! Ich will nämlich gleich in die Stadt fahren und Brötchen holen. Wir sind hier zwar ein bwb-Motel, also „bed without breakfast“, aber da Marlene, Carmen, Sie und Mark sowieso mit uns frühstücken, können die anderen drei Paare und die Kinder auch dabei sein. Dann sind sie wenigstens für die Fahrt gestärkt und müssen nicht noch extra in die Stadt, um sich etwas zu holen. Wollen sie vielleicht mitfahren?“ „Ja, warum nicht, dann kann ich mir gleich einen Eindruck machen“, stimmt Lizzy zu. „Prima, aber erst trinken wir in Ruhe Kaffee. Die anderen werden mindestens noch zwei Stunden schlafen. Es ist gerade mal halb sieben“, stellt Bertha fest und nippt an ihrer Tasse. „Vorsicht, heiß!“, warnt sie gerade noch rechtzeitig. Lizzy kann sich zwar beherrschen, Bertha nicht wegen ihres angeblichen „Hexen-Daseins“ zu befragen, schafft es jedoch nicht, sie nicht genau zu mustern, um irgendeinen Hinweis zu erhalten. „Hören Sie auf Ihr Gefühl“, ahnt Bertha ihre Gedanken und erntet einen halb verlegenen, halb erstaunten Blick. „Hören Sie nicht auf fremde Worte, sondern auf das, was Ihre eigene innere Stimme Ihnen sagt. Die weiß und sagt nämlich erstaunlich viel. Nur leider hören die meisten nicht richtig hin.“ „Die sagt mir, dass ich hier genau richtig bin, um meine Idee für ein Kinderbuch zu konkretisieren“, entgegnet Lizzy. „Hier scheint einiges einen Hauch Magie zu enthalten, und genau davon soll das Buch handeln.“ „Ehrlich? Dann gebe ich Ihnen gern besonders viel Futter“, flüstert Bertha mit eindringlichem Blick.

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„Es soll aber nicht von Hexen handeln“, beeilt sich Lizzy zu erklären. „Das ist gut, dieses Thema scheint in der Literatur bereits ausgelutscht zu sein. Zumal ich der Meinung bin, dass in jedem Lebewesen etwas Magisches wohnt und dementsprechend jede Frau sowieso eine Art Hexe ist.“ Bertha lehnt sich entspannt zurück, blickt Lizzy aber weiterhin eindringlich an. „Ich denke eher an ein unsichtbares Volk, das die Kinder wieder auf den Weg zum Interesse an der Natur anstelle von Technik und Bildschirmen führt, das sich über Herzensenergie verständigt“, legt Lizzy ihre ersten Überlegungen offen. Berthas Augen funkeln. „Das ist ja eine tolle Idee. Ist Ihnen die im Kindergarten gekommen?“, fragt sie ehrlich interessiert. „Nein, heute Nacht im Baumhaus“, gibt Lizzy ehrlich zu. „Wie schön! Ich werde das Buch kaufen, sobald es veröffentlicht wird. Diese Geschichte passt auch prima in meine Heimat, daher hoffe ich, dass es ins Englische übersetzt wird“, begeistert sich Bertha. „Ich habe noch nicht eine Zeile geschrieben“, dämpft Lizzy Berthas Erwartungen. „Das Schreiben selbst ist nur die Fleißarbeit, das Denken ist der eigentliche Akt. Oder ist das bei Ihnen anders?“ „Stimmt schon, die große Story formiert sich vorher im Kopf, beim Schreiben verändern sich nur noch Details, das Gesamtkonstrukt bleibt“, erinnert sich Lizzy. „Sehen Sie, auch Sie haben Magie in sich. Sie haben einen guten Draht zu Kindern. Selbst die scheue Mia ist auf Sie zugekommen. Dann ahnen Sie noch, welcher Stil die Geschichte Kindern gerecht macht und orientieren 30


sich am Zeitgeist, indem sie gesellschaftskritische Themen wie die Technisierung aufnehmen. Wenn das keine Gabe ist“, sagt Bertha anerkennend. „Na ja, Magie hat doch eher etwas Zauberhaftes, mit Zauberformeln und Ritualen.“ „Ach was, das ist doch nur Getue, damit im Außen etwas sichtbar wird. Rituale und Zeremonien sind zudem etwas Meditatives und geben Halt, weil sie immer auf die gleiche Art ablaufen und somit vorhersehbar sind. All das und natürlich auch Worte haben Macht, doch viel mächtiger ist das, was unsichtbar ist. Manchmal sind Worte sogar schädlich, wenn sie Ängste schüren oder jemandem unheimlich sind. So wie Ihnen gestern, als ich mir den Spaß mit dem Zauberspruch erlaubt habe“, verrät Bertha. „Sie haben mich gehört?“ „Aber ja, ich habe es Ihnen zuliebe getan. Und auch, weil ich gerne Reime bilde. Wer weiß, vielleicht haben die ja auch eine Art von Macht. Doch was für mich zählt, ist der innere Antrieb. Will ich jemandem etwas Böses, kommt es genauso an wie das Gute. Ob ich es nun kommentiere oder nicht. Aber viele glauben mehr an die Macht der Worte als zum Beispiel an die Heilkraft von Kräutern. Sie glauben, ein Tee oder eine Salbe wirkt besser, wenn sie mit einem Zauberspruch belegt sind. Wer das glaubt, dem tue ich natürlich gern den Gefallen. Denn ich weiß, dass der Glaube allein schon Wunder bewirken kann. Dazu braucht es dann fast schon keinen Tee mehr.“ „Das war also alles nur Show?“ „Aber eine schöne, oder?“, grinst Bertha. „Glauben Sie mir, ich weiß genau, was ich tue, wenn ich mit lebenden Wesen umgehe. Und dass ich den Preis zahlen muss, wenn ich Schindluder treibe. Ich weiß gar nicht, wie viele Reime ich schon gesprochen habe und wie viele davon im

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Ort kursieren. Anfangs habe ich noch versucht zu erklären, dass es nur gute Wünsche sind, als Reim formuliert. Aber viele wollen einfach ihren Zauberspruch. Na dann, nichts einfacher als das. Soviel zu verbaler Magie.“ „Ach, es hat schon etwas Mystisches. Einerseits aufregend, andererseits unheimlich. Und mal ehrlich, das mit dem Bussard gestern, das war schon ein echter Kracher“, erinnert sich Lizzy aufgeregt. „Ja, manchmal spielen die Tiere mit, manchmal der Zufall. Alles lebt um uns herum. Und meiner Meinung nach will alles, was lebt, auch zwischendurch ein wenig Spaß haben. So wie Mustafa heute mit Ihnen, der Bussard gestern mit den Jungs, Sie mit den Kindern im Kindergarten und ich mit den großen Kindern, die Probleme haben. Solange es niemand an Respekt fehlen lässt, darf es ruhig locker zugehen. Was meinen Sie?“ Bertha hat wieder ihren undurchdringlichen Blick. „Locker ist immer gut. Allerdings sind Indianer ja für ihre Magie bekannt. Und was da normal ist, wirkt hier bestimmt oft mystisch oder exotisch“, gibt Lizzy vor. „Im Herzen sind wir alle eins, ob Indianer oder Germane. Auch die sogenannte Magie ist gleich. Sie unterscheidet sich nur in ihrer Anwendung. Viele üben Magie aus, sind sich dessen aber gar nicht bewusst. Das meine ich mit Respekt. Denn je bewusster man sich seiner selbst und seiner Fähigkeiten ist, desto achtsamer wird man im Umgang mit sich selbst und anderen. Es gibt viele, die andere mit einem Fluch belegen, ohne es zu wissen. Sie haften aneinander, obwohl sie sich nicht ausstehen können. Meist sind es die, die sich von der Natur entfernt haben. Je mehr wir mit der Natur verbunden sind, desto achtsamer werden wir. Je achtsamer, desto respektvoller, desto magischer, aber auch lockerer und vertrauensvoller.

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Auch deswegen bin ich so begeistert von Ihrer Idee für das Kinderbuch-Thema.“ „Danke, so wie Sie es jetzt gerade erklärt haben, bin ich nun auch richtig begeistert von der Idee“, staunt Lizzy. „Dann kann es ja losgehen, was? Und wir fahren jetzt erst einmal in die Stadt.“ Bertha bringt die Tassen in die Küche und Lizzy holt ihren kleinen Rucksack aus dem Baumhaus. Dann gehen sie zur Rückseite der Gästezimmer, wo sich die Parkplätze befinden. Als sie in Berthas Auto steigen, kommt gerade ein Wagen an. Eine Frau um die vierzig mit einem kleinen Hund steigt aus. Bertha grüßt winkend und die Frau winkt zurück, während Bertha den Wagen Richtung Waldweg steuert. „Das ist Sonja mit ihrem Hund Nellie. Sie gehen gern am Wochenende morgens hier im Wald spazieren, besonders im Labyrinth“, erklärt Bertha. „Hier gibt es ein Labyrinth? Das ist ja wieder so etwas Mystisches“, ruft Lizzy. „Na ja, mystisch? Das ist ein uraltes Symbol der Menschen für den Lebensweg. Er führt einmal zur Mitte und dann auf demselben Weg wieder zurück. Wie im Leben, da macht man ja auch in der Mitte des Lebens halt und besinnt sich, bevor es weitergeht. Hier sagt man MidlifeKrise dazu. Die Menopause passt ebenfalls dazu, dann geschieht eine Art Umkehr.“ Bertha schaut Lizzy nachdenklich an. „Interessant, dass junge Menschen vieles für mystisch halten, was im Grunde uraltes Wissen ist, das nur vernachlässigt wurde und nicht mehr präsent ist. Schade eigentlich.“

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„Ja, so etwas in der Art habe ich auch gerade gedacht. Ich werde mir das Labyrinth nachher mal anschauen“, erwidert Lizzy etwas verschämt. Sie halten sich in der Stadt nicht lange auf, sondern gehen direkt in einen Bio-Laden, um Brötchen, Brot und Eier zu kaufen, dazu ein paar Sorten Käse und ein Glas Honig. Da Wochenmarkt ist, besorgen sie am Stand eines Fleischers noch etwas Aufschnitt und nehmen beide wie die Kinder kichernd eine Scheibe auf die Hand. So sind sie gerade einmal eine halbe Stunde in der Stadt, doch was Lizzy schon erkennen kann ist, dass es hier gemütlich ist und nicht viel los zu sein scheint. „Oh, ganz so ist es nicht“, sagt Bertha. „Es gibt viele und regelmäßige Veranstaltungen. Allerdings herrscht hier kein Masseneinkaufstreiben, denn die Supermärkte, Baumärkte usw. befinden sich alle etwas außerhalb in den Gewerbegebieten. Darum ist die Innenstadt eher stressfrei.“ Sie fahren zurück und bringen die Einkäufe in Berthas Küche, die sich aber nicht helfen lassen will, sondern Lizzy stattdessen hinausschickt, um sich das Gelände in Ruhe anzuschauen. Die Tiere auf der Weide würden sich immer über Besuch und ein paar Streicheleinheiten freuen. Und das Labyrinth beginne direkt am Waldrand kurz hinter den Parkplätzen und führe in den Wald hinein. Bertha gibt ihr ein paar Scheiben altes Brot und je eine Mohrrübe für die Huftiere mit und macht sich leise in der Küche zu schaffen, während Lizzy Richtung Weide geht. Bertha hat Recht, die Tiere freuen sich über Besuch und trotten ihr freundlich entgegen. Ein alter Schimmel und ein kleiner Brauner buhlen um ihre Gunst, aber Lizzy bedenkt alle mit derselben Portion Futter und Streichel-

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einheiten. Ein Esel wirkt sehr müde und atmet laut und sehr tief. Alle genießen die Aufmerksamkeit und Lizzy fällt es schwer, sich von ihnen zu trennen. Aber sie hört bereits, dass die ersten Gäste Geräusche machen und bald aus den Zimmern kommen werden. Sie schaut sich um und sieht Marlene, die ihr zuwinkt, mit Anlauf in den See springt und zügig ein paar Kreise schwimmt. Na ja, eine Sportlehrerin muss sich fit halten. Auch Carmen folgt eine Minute später und planscht fröhlich im Wasser. Bei diesem Anblick bekommt auch Lizzy Lust zu schwimmen. Der Tag soll heiß und sonnig werden. Sie nimmt sich vor, dem See nach dem Frühstück einen Besuch abzustatten und sich später während der Mittagshitze das Labyrinth im Schatten des Waldes anzuschauen. Sie sieht Bertha zu den Zimmern gehen und an die Türen klopfen, um ihren Gästen Bescheid zu sagen, dass sie auch für sie auf dem Grillplatz Frühstück vorbereitet hat. Während Bertha wieder zurückgeht, öffnet sich eine Zimmertür und ein dicker Mann trägt zwei Koffer zu einem Auto. Hinter ihm sieht Lizzy eine Frau, die ein Bein stark nach zieht und der ihrem schmerzverzerrten Gesicht zufolge jeder Schritt höllische Qualen bereitet. Sie begibt sich langsam zum Grillplatz während sie sich eine Hand in den Rücken hält. Ihr Mann kommt hinterher und unterstützt sie beim Gehen. Auch Lizzy geht zurück und sieht, wie Bertha die Frau in ihre „Hexenküche“ bittet, während der Mann weitergeht. Lizzy beeilt sich, um doch noch ein weiteres Mal unauffällig lauschen zu können. Die Tür ist nicht ganz geschlossen. Durch den Spalt kann sie erkennen, wie ihre Gastgeberin der Frau eine kleine Papiertüte, vermutlich mit Tee, und ein Fläschchen mit Öl gibt, mit dem sie ihr die schmerzenden Rückenmuskeln kurz massiert. Lizzy

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sieht Berthas Gesicht und auch, dass Bertha sie gesehen hat. Die lächelt und zwinkert ihr zu, dann sagt sie:

„Erkenne mit dem Herzen den Grund für deine Schmerzen. Das heile die verletzte Stelle, und erneuere jede Zelle. Die Schmerzen seien bald gelindert und zukünftig achtsam verhindert.“ Lizzy lächelt auch, denn tatsächlich sind es gute Wünsche in Reimform inklusive eines versteckten Appells, besser mit sich selbst umzugehen und ungesunde Verhaltensweisen oder Haltungen abzulegen. Selbst wenn hier ein Chirurg oder Chiropraktiker ans Werk muss, wird ein gesunder Tee und das Massieren von verspannten Muskeln mit Kräuterextrakten nicht schaden, sondern vielleicht sogar im Kleinen lindern. Keine Hexerei, nur etwas Natur und gute Wünsche zur Aktivierung der Selbstverantwortung und damit Selbstheilung. Also eher eine Art Suggestion, denn wie Bertha ihr auch erzählt hat, gibt sie den meisten den Zettel mit dem Spruch mit nach Hause, damit sie ihn sich selbst bei jeder Anwendung laut vorsagen. Damit gäben sie Körper, Geist und Seele dort, wo Unordnung herrscht, eine Art Marschbefehl zur Harmonisierung. Beim Frühstück sieht sie Mark wieder, ohne Uniform. Immer noch sieht er richtig gut aus, in der Sonne sogar noch besser. Wieder muss sie sich beherrschen, ihn nicht ständig anzugucken. Und wieder zwinkert er ihr zu. Beim angeregten Gespräch in der Runde stellt sich heraus, dass Marlene, Carmen und auch Mark heute Vormittag den See unsicher machen wollen. Mark in Badehose? Oh ja.

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Hingabe David sieht sehr wohl die Blicke seines Sohnes und weiß genau, wie gut es Mark tut, eine junge, hübsche Frau wie Lizzy zu beeindrucken. Er hofft, dass seinem Sohn diese harmlose Art von Bestätigung reicht, denn er erinnert sich zu genau, dass er selbst es früher nicht bei so etwas belassen konnte. Nach einer längeren unangenehmen Phase in seiner Ehe mit Marks Mutter hatte David mancher Versuchung nicht widerstanden. Sie lebten damals in Irland, wo er eine gut gehende Tischlerei führte. Anfangs fühlte sich Theresa in seiner Heimat sehr wohl und erforschte das Land, die Sprache, die Natur. Als Mark auf die Welt gekommen war, schien ihr die Mutterrolle wie auf den Leib geschneidert zu sein. Sie hatte sich in ihrem Leben eingerichtet und war zufrieden. Der Junge wurde größer und mit ihm die Herausforderung. Denn Mark versuchte sich zwar mit dem Tischler-Handwerk, allerdings war schnell klar, dass er zu etwas anderem berufen schien. Als er fest entschlossen war, Pilot zu werden und sich nicht mehr davon abbringen ließ, platzte Theresas Seifenblase. Sie hatte sich ihr restliches Leben so vorgestellt, dass Mark in Davids Betrieb einsteigen und ihn eines Tages übernehmen würde. Er würde mit seiner eigenen Familie möglichst direkt nebenan oder zumindest in unmittelbarer Nähe sein, so dass sie ihre Lieben ein Leben lang um sich hätte. In einer neuen Funktion als Großmutter, wodurch sie ihr bisheriges Leben, leicht abgewandelt und um einiges angenehmer würde wiederholen können. Doch Mark hatte seine eigenen Vorstellungen und verliebte sich in eine Frau am anderen Ende des Landes. Er gründete zwar eine eigene Familie, jedoch nicht in der Nähe, sondern weit weg von Theresas Welt. Sie geriet in eine Sinnkrise, ein Leben nur zu zweit, mit David, reichte

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ihr nicht. Ihr Wunsch nach weiteren Kindern war unerfüllt geblieben. Anfängliche Versuche, sich ehrenamtlich zu beschäftigen, schlugen fehl und Theresa ließ sich immer mehr gehen. Es gab Streit zwischen ihr und David wegen unbedeutender Dinge. Sie pflegte sich nur noch ungenügend und bekam Ess-Störungen, in deren Folge sie erheblich zunahm. Sie war nicht in der Lage, sich einen geeigneten Lebensinhalt, einen Ersatz für ihren Traum von einer heilen Familienwelt zu schaffen, und begann, ihre eigene Heimat Deutschland zu vermissen. David war hilflos und nichts, was er an Unterstützung leistete, wurde nachhaltig von ihr akzeptiert. Ihr Sehnen nach Deutschland wurde immer stärker, eine regelrechte Sucht, in die sie sich hineinsteigerte. Sie gab sich diesen Gefühlen so sehr hin, dass David die Entscheidung traf, mit ihr nach Deutschland zu ziehen und den Betrieb zu verkaufen. In Deutschland angekommen, fand er schnell eine Anstellung in einer großen Tischlerei. Doch Theresa war auch mit der Rückkehr in ihre Heimat der Erfüllung ihrer inneren Wünsche keinen Deut näher gekommen. Im Gegenteil, sie musste schmerzlich erkennen, dass sie viele ihrer Freunde verloren hatte und sich schwer tat, neue zu finden. Auch ihre Familie benötigte mehr Freiraum als ihr lieb war. Es folgte eine schwere Zeit, in der Theresa sich von einer Therapie in die andere stürzte und ihre Emotionen von einem Extrem ins andere schwankten. In einer Zeit, in der sie David beschuldigte, für ihr Unglück verantwortlich zu sein, und ihn deshalb strafend ignorierte, wurde er zum Stammgast in einer irischen Kneipe, in die sich auch ähnlich junge, hübsche Frauen wie Lizzy verirrten und für ihn zu schwärmen begannen. Denn auch David war ein charismatischer Mann mit dunklem Haar und blaugrünen Augen. Und er genoss die Anerkennung der fremden Frauen.

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Eines Tages, als Theresa ihn wieder einmal herb abgewiesen hatte, geschah, was nie hätte geschehen dürfen. Er wurde seiner Frau untreu und ließ sich auf eines der jungen Mädchen ein. Es folgten weitere Abenteuer, bis der schale Beigeschmack und das schlechte Gewissen Überhand nahmen. Theresa bekam es heraus und reichte die Scheidung ein. Anstatt wieder in seine Heimat zurückzukehren, blieb er eine Weile in Düsseldorf und gab sich einem belanglosen Leben hin. Mark hatte erstaunlich verständnisvoll reagiert und sich weder auf die Seite seiner Mutter noch auf seine geschlagen. Theresa lernte schnell einen verwitweten Mann kennen, der in einem Mehrfamilienhaus wohnte. Seine Tochter lebte mit ihrem Mann und einem kleinen Mädchen in der Wohnung über ihm. Theresa verstand sich sehr gut mit allen und wurde als Oma oft und gern in Anspruch genommen. David hatte sie komplett aus ihrem Leben verbannt, Mark und seine Familie waren jederzeit willkommen. Als David in einem Café mit dem Umbau eines Lagerraumes und der Küche beschäftigt war, lernte er Bertha kennen. Die beiden schlossen schnell Freundschaft und verbrachten viel Zeit mit Gesprächen in der Wohnung von Berthas Mutter, die damals schwer krank war. Er war fasziniert von der Indianerin mit den funkelnden Augen und stand ihr bei, als ihre Mutter starb. Sie waren eine Zeit lang durch Deutschland gereist, um die Heimat von Berthas Mutter und somit einen Teil ihrer Wurzeln näher kennen zu lernen. David befürchtete jedoch, dass es Bertha wieder zurück nach Kanada ziehen würde. Er wäre damals bereit gewesen, mit ihr zu gehen, denn in seiner Heimat Irland wäre er nicht mit den Erinnerungen an die schlimme Zeit seiner Ehe zurechtgekommen. Noch dazu bekam er eine schwere Infektion, die ihn fast das Leben

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gekostet hätte, und sah sich seitdem mit massiven Potenzstörungen konfrontiert. Nur Mark weiß seit einiger Zeit davon, da er nicht verstehen konnte, dass David schon so lange allein, wenn auch in einer Art WG mit Bertha lebt. Damit er aufhört, seinen Vater regelmäßig zu bedrängen und verkuppeln zu wollen, hat David ihm unter Zusicherung seiner Verschwiegenheit erklärt, warum er den Frauen nur freundschaftlich gegenübertritt. Seither bemüht sich Mark allerdings darum, ihn immer auf dem neuesten Stand der medizinischen Möglichkeiten zu halten. Mit dem gemeinsamen Lottogewinn und den Jahren der gemeinsamen Planung und des Schaffens hat ein völlig neues Leben für David begonnen, das er sehr genießt, vor allem wegen der Nähe zu Bertha. Es gab bereits einige Situationen, in denen er bei Bertha dieselbe Zuneigung zu spüren meinte. Besonders in diesen Momenten verfluchte er sein sexuelles Handicap, das er andererseits jedoch als gerechte Strafe für sein untreues Verhalten akzeptiert. Dennoch ist er dankbar für Marks medizinische Informationen, denn er will sich nicht bis zu seinem Lebensende bestraft wissen. Er vermutet sogar, dass Bertha ihm ein Elixier oder ähnliches zaubern könnte, doch trotz des Vertrauens zu ihr bringt er es nicht über sich, sie ins Bild zu setzen. Umso mehr hofft David nun, dass Mark nicht denselben Fehler wie er begeht und mehr Ausdauer im Umgang mit den Depressionen seiner Frau hat. Wer weiß, ob er nicht auch eine ähnliche Strafe erfährt. Da Mark aber die Philosophie seines Vaters in Bezug auf Untreue und Strafe kennt, will David ihn nicht darauf hinweisen, dass es besser ist, die Finger von Lizzy oder anderen zu lassen. Er hofft, dass es Mark reicht, seine Fehler zu kennen, ohne sie wiederholen zu müssen. Denn wie er damals Theresa liebt Mark seine Kyra, auch wenn es seit einem Jahr

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schwer ist und Mark als Pilot vielen attraktiven Frauen begegnet, also noch viel mehr Gelegenheiten hat, sich einem schwachen Moment hinzugeben, als er früher. Einen Moment zögert David, ob er seinen Sohn nicht doch vor einem vermeintlichen Fehler warnen soll, hält sich dann aber zurück. Er verlässt den Frühstückstisch, um sich in der Stadt mit den Jungs zu treffen und den Baumarkt zu erkunden, bevor sie sich wieder um die Grillhütte kümmern werden. Was auch immer Mark heute anstellen wird, er wird davon nichts mitbekommen. Und es auch nicht kontrollieren. Mit David gehen auch die Gäste, um ihre Reise an die Küste fortzusetzen. Sonja und Nellie sind von ihrem Waldspaziergang zurück und Sonja nimmt dankbar Berthas Angebot zum Frühstück an. Sie belässt es allerdings bei einem Kaffee und fragt Bertha, ob sie ein paar Minuten Zeit für sie hätte. Lizzy ahnt, dass die beiden in die „Hexenküche“ verschwinden werden, und behält Recht. Nellie hingegen läuft freudig durch die Gegend, eskortiert von den beiden Huskys, für die sie keinerlei Interesse zeigt, weswegen sie schnell von ihr ablassen. Sie findet einen Tannenzapfen und versucht, jemanden zu motivieren, ihn zu werfen. Carmen erbarmt sich, merkt aber schnell, dass das ein den Tag füllendes Programm werden könnte, und beendet das Spiel bald. Schon kurze Zeit später kommt Sonja wieder und verabschiedet sich. Sie hat ein kleines dunkles Fläschchen in der Hand und sieht gelöst und erleichtert aus. Ob Sonja ebenfalls Wert auf „Zaubersprüche“ legt? Alle helfen, die Lebensmittel ins Haus zu bringen, wo Bertha sich sofort daran macht, sie zu verstauen. Ihre Gäste schickt sie zum See – in ihrer Küche scheint sie niemanden länger zu dulden.

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Während Marlene und Carmen in ihr Zimmer gehen, um sich zum Baden umzuziehen, verschwindet Mark in Davids Privatbereich und Lizzy steigt in ihr Baumhaus. Sie sieht nicht, wie Mark ihr heimlich zusieht und sich fragt, ob sie wohl einen Badeanzug oder einen Bikini anziehen wird. Er hofft auf einen Bikini. Vom Baumhaus aus sieht Lizzy, dass Marlene und Carmen bereits in den See springen und Mark mit PoolNudeln bewaffnet auf dem Weg dorthin ist. Wie erwartet, macht er in Badehose eine extrem gute Figur. Schnell holt Lizzy ein Badelaken und ein Handtuch zum Abtrocknen aus der Reisetasche und steigt in Bikini und Sandalen die Treppe hinunter. Für Spaß ist mit den Pool-Nudeln auf jeden Fall gesorgt. Planschen und Albern sind ihr sowieso lieber als Schwimmen. Mark wirft die Pool-Nudeln ins Wasser, nimmt Anlauf und springt mit einem Tarzan-Schrei in den See. Die beiden Frauen lachen und schnappen sich jeweils eine Nudel. Lizzy legt erst ihre Handtücher ins Gras, dann geht auch sie langsam in das unerwartet kühle Wasser. Mark hält eine Nudel für sie bereit und wartet, bis auch sie vollständig im Wasser ist. Wie erhofft, hat sie einen Bikini an und gewährt einen ausführlichen Blick auf ihre junge Haut. Er ist froh, im kühlen Wasser zu sein, denn Lizzy hat eine aufregende Figur. Nicht etwa drahtig und gestählt, sondern fraulich und weich und aufgrund ihrer Jugend dennoch straff. Eine Frau, die Mann unbedingt anfassen möchte. Es folgt eine Reihe ausgelassener Spiele. Dann beschließt Marlene, einige großzügige Runden zu schwimmen, während Carmen es sich in der Sonne gemütlich macht und sich eincremt. Mark und Lizzy liegen mit den Armen auf den Nudeln und lassen sich treiben, während

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sie sich über ihre Berufe unterhalten. Dann legen auch sie sich auf ihre Badetücher und cremen sich ein. Mark lässt sich Zeit und cremt ausführlich seine Beine ein, während Lizzy bereits fertig ist und sein Angebot, ihr den Rücken einzucremen, gern annimmt. Auch hierbei lässt er sich viel Zeit und genießt es, die junge Haut zu berühren. Er bemüht sich, nicht versehentlich seitlich ihre Brüste zu streifen, fährt mit seiner Hand allerdings gefährlich nah an ihnen vorbei. Lizzy genießt seine Berührungen und spürt förmlich seine Blicke auf ihrer Haut, was ihr ein erregendes Kribbeln bereitet. Sie weiß, dass auch Marks Rücken noch eingecremt werden muss, und freut sich darauf, auch ihn berühren zu können. Sie regt sich als Zeichen, dass es nun an der Zeit wäre für ihn. Mark lächelt und hat es eilig, sich auf den Bauch zu legen. Lizzy weiß warum, denn auch an Tim, von dem sie sich vor eineinhalb Jahren getrennt hatte, waren Berührungen dieser Art niemals spurlos vorbeigegangen. Tim hatte ihr nach dem Tod ihrer Familie rührend beigestanden, war aber bald überfordert, da sie sich sehr an ihn geklammert hatte. In einer Phase ihrer Trauerarbeit hatte sie panische Angst bekommen, ihn auch noch zu verlieren, und ihn förmlich mit ihrer Nähe erstickt. Als für ihn die Entscheidung anstand, ein Auslands-Semester zu absolvieren, ließ sie ihn schweren Herzens ziehen und beschloss, dass sie ihr Leben in ihre eigenen Hände nehmen müsse. Sie gab ihn frei und Tim war erleichtert. Heute telefonieren sie noch ab und zu, doch es wird weniger und er hat eine neue Freundin, mit der er bereits zusammenwohnt. Die erste Zeit war sehr schwer, doch dann begann Lizzy, ihren eigenen fehlenden Halt zu spüren und ihn im Gegenzug den Kindern im Kindergarten zu bieten. Das füllte sie so lange aus, bis Jessica eingestellt wurde. Da

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wurde ihr bewusst, dass es in ihrem Leben mehr geben müsse, vielleicht sogar irgendwann eigene Kinder. Die Männer, die sie nach Tim kennen lernte, waren jedoch keine geeigneten Partner. Wie ein solcher allerdings aussehen könnte, weiß sie bis jetzt selber nicht. Doch hier mit Mark muss sie sich darüber auch keine Gedanken machen, denn immerhin ist er verheiratet und fährt morgen Nachmittag schon wieder weg. Sie legt eine Hand auf Marks Rücken, um ihn darauf vorzubereiten, dass gleich die kalte Creme folgen wird. Sie meint zu spüren, dass er es kaum erwarten kann. Dann beginnt sie in derselben Ausführlichkeit wie er bei ihr, die Creme auf seinem Rücken zu verteilen und sanft einzumassieren, während Mark sich zwingen muss, ruhig weiterzuatmen. Jeder Atemzug scheint zu stören, als würde er verhindern, die Berührung ihrer Hände vollständig wahrzunehmen. Als die Creme so tief eingearbeitet ist, dass sie wahrscheinlich schon die inneren Organe erreicht, dreht Mark sich um, hält die Arme von sich gestreckt und schaut Lizzy herausfordernd an. Sie weiß, er meint den Bauch, denn er selbst hat sich ja nur die Beine eingecremt. Er zwinkert ihr zu und Lizzy muss unwillkürlich schlucken. Denn immerhin wird er sie nun beobachten können. Und das tut er. Wieder legt sie vorbereitend erst eine Hand auf seine Brust, während sie sich eine gehörige Portion Creme auf den eigenen Oberschenkel spritzt. Dann nimmt sie davon einen Teil ab und beginnt an seinen Schultern. Nicht ganz so ausführlich, denn Mark schaut ihr unentwegt ins Gesicht, was sie ein wenig verunsichert. Noch dazu ist die sitzende Haltung an seiner linken Seite sehr unbequem. Sie bemüht sich, nur auf die Stellen zu schauen, die sie eincremt, und ihn nicht etwa ganz in Augenschein zu

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nehmen. Das tut sie erst, als er zu ihrer Erleichterung die Augen schließt und sie nur einmal kurz öffnet, als sie sich wirklich kaum noch halten kann, sich mit ihrer linken Hand neben seiner rechten Hüfte abstützt und sich so über seinen Unterkörper wölbt. Jetzt muss er schlucken, wobei sie ein kleines Lächeln zu erkennen meint. Sie cremt großzügig seinen Bauch ein und spart nur die linke Brust aus. Für die holt sie mit seiner eigenen linken Hand den letzten Rest Creme von ihrem Oberschenkel und cremt damit seine Herzgegend ein. Jetzt öffnet Mark erstaunt die Augen, doch Lizzy lächelt nur und erklärt: „Steht mir nicht zu.“ Das Herz eines Fremden fasst man nicht einfach so an, das hatte ihr ihre Oma erklärt, als sie in der Pubertät ein weiteres der unzähligen Male im Liebeskummer versunken war. Ihr damaliger Schwarm hatte ihr respektlos einfach an die Brust gefasst, woraufhin sie ihm spontan eine Ohrfeige gegeben und er sie nicht mehr beachtet hatte. Mark erwidert nichts, daher weiß Lizzy nicht, wie beeindruckt er von dieser Geste ist. Das hätte er ihr nicht zugetraut. Schon gar nicht, weil zu erkennen ist, dass diese Situation für sie beide sehr erotisch ist. Er hält ihr den rechten Arm hin, damit sie sich nicht verbiegen muss und schließt wieder genießend die Augen. Sie ist sanft und doch nicht streichelnd, eine Mischung, die einerseits entspannt, andererseits aufregend ist. Als sie seine Finger bearbeitet und ihre zwischen seinen reiben, muss er sich beherrschen, nicht mit ihnen zu spielen. Er sieht nicht, dass Lizzy immer wieder jeden Zentimeter seiner Haut betrachtet, doch er spürt es, was alles andere als entspannend ist. Beim linken Arm muss er sich noch mehr beherrschen, denn Lizzy legt seine Hand auf ihren Oberschenkel, wäh-

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rend sie sich an seinem Oberarm zu schaffen macht. Er weiß nicht, ob er froh sein soll, als sie seine Hand wieder entfernt. Auch weiß er, dass gleich kein Zentimeter mehr ohne Creme sein wird – bis auf sein Gesicht, das er ihr gleich auffordernd entgegenstreckt, als er sich aufsetzt. Lizzy grinst, tut ihm aber den Gefallen und cremt nun sanft mit beiden Händen sein Gesicht ein. Dann nimmt sie wieder seine linke Hand, kleckst einen Tupfen Creme auf seinen Zeigefinger und fährt mit ihm über seine Lippen. Jetzt schaut er ihr in die Augen und sie sieht alles, auch den Respekt. Als Lizzy sich von Mark löst, dreht er sich schnell auf den Bauch und beide müssen grinsen. Lizzy nickt und Mark weiß, dass auch sie alles andere als entspannt ist. Sie dösen eine Weile in der Sonne, jeder in seine Fantasie vertieft. Auch Marlene hat sich zwischenzeitlich ans Ufer zu Carmen gelegt. Die beiden haben nur den Anfang der Zeremonie zwischen Mark und Lizzy mitbekommen und vielleicht einen Funken Erotik aufgefangen. Denn nicht viel später sind sie in ihrem Zimmer verschwunden. Als es zu heiß wird, albern Mark und Lizzy ein weiteres Mal im Wasser herum, mit nur einer Pool-Nudel, um die sie sich balgen, um so viel Körperkontakt wie möglich herzustellen, bis es Zeit wird, sich für das Mittagessen umzuziehen. Beim Abtrocknen lädt Mark sie ein, abends mit ihm in den Irish Pub zu gehen, da dort eine Live-Band spielen würde, und Lizzy sagt zu. Währenddessen hat David mit den jungen Männern von gestern angefangen, vier Pfeiler für die Überdachung in den Boden einzulassen und Holz zurechtzuschneiden. Mathilda hat die verlassenen Gästezimmer gereinigt und Bertha Salat und gefüllte Paprika zubereitet.

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Gegessen wird wieder am Grillplatz, wo auch die Reste vom gestrigen Tag verbraucht werden, damit die jungen Männer für ihre weitere Arbeit gestärkt sind. Einer von ihnen ist sehr interessiert an Davids Schnitzereien und will sich unter seiner Anleitung ebenfalls darin versuchen. Sie beschließen, die Hütte reichlich zu verzieren und an den Pfeilern Schnitzereien anzubringen, die als Garderobenhaken dienen sollen. Bertha ist begeistert und sieht vor ihrem geistigen Auge schon das fertige Werk. Die Männer haben sich vom gestrigen Erlebnis mit dem Bussard erholt und gehen gelöst mit Bertha um. Lizzy lächelt innerlich, da sie nun weiß, was es mit dem vermeintlichen „Bann“ auf sich hat. Und sie versteht Bertha, die ihren Ruf zu bestätigen weiß, um die Menschen in respektvoller Distanz zu halten und nur die von ihr ausgewählten näher kommen zu lassen. Nach dem Essen setzt Lizzy ihr Vorhaben in die Tat um, das Labyrinth zu erkunden. Sie geht Richtung Waldstück und muss sich nicht anstrengen, den Eingang zu finden, denn es führt eine aus Steinen gelegte Spur direkt in den Wald, in dem es angenehm schattig und kühl ist. Das Labyrinth ist größer als sie gedacht hat, denn es bezieht die Vegetation mit ein. Lizzy folgt der Spur und verliert sich in ihren Gedanken. Mit jedem Schritt entfernt sie sich aus dem aktuellen Geschehen und kehrt in eine Art innere Stille ein. Der Wald dämpft die wenigen Geräusche von außen. Erst heute Nachmittag wird eine Gruppe Radfahrer eintreffen und den Grillplatz in Anspruch nehmen. Und dann kommen noch die Frauen, die sich zum gemütlichen Beisammensein treffen. Doch jetzt gerade ist es still, selbst die Vögel scheinen Siesta zu halten.

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Lizzy gibt sich ganz dem vorgegebenen Weg hin und erkennt, dass auch ihr Leben einem vorgegebenen Weg zu folgen scheint. Alle Erfahrungen, alle Begegnungen, alle Abschiede und Verluste erhalten im Rückblick einen Sinn. Nämlich das Leben bewusster und genussvoller anzunehmen, sich ihm hinzugeben. So wie Bertha sich ihren Gästen und dem Leben hier hingibt, wie Marlene und Carmen sich einer neuen Chance in einem neuen Job an einem neuen Ort hingeben. Wie die Pferde, Esel und das Muli sich ihrem Lebensabend und den Wohltaten der Besitzer und Gäste hingeben. Wie Mark sich ihren Berührungen hingegeben hat, so dass alles noch im „Harmlosen“ und zum größten Teil Sache der Fantasie geblieben ist. So wie sich viele Menschen dem Wissen und der „Magie“ von Bertha hingeben. So wie sie sich bisher dem Schreiben von Geschichten hingegeben hat und sich künftig dem Schreiben ganzer Bücher hingeben will. Das ist echtes Leben. Sich dem zu widmen, wohin das Herz einen führt, und nicht zu viel Energie in Dinge zu stecken, die sein müssen oder erwartet werden. Das Maß aller Dinge scheinen die richtigen Prioritäten zu sein. Und da hat Bertha Recht, ohne Bewusstsein, Respekt und Achtsamkeit passieren Dinge, die in die falsche Richtung führen. Und man tut anderen etwas, das nicht angemessen ist. Was ist das angemessene Verhalten gegenüber Mark? Lizzy weiß mittlerweile, dass Mark jünger aussieht als er ist, denn er wird nächstes Jahr vierzig und ist somit fünfzehn Jahre älter als sie. Dennoch spürt sie die „Magie“, die sich zwischen ihnen entwickelt. Es ist kein Verliebtsein, keine Seelenverwandtschaft oder das Gefühl, er sei der Mann für das Leben, wie es viele Romantiker erwarten. Nein, es ist Faszination und sexuelle Anziehung. Ist es angemessen, sich dem hinzugeben? Lizzy weiß, dass sie es

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tun wird, wenn die Situation es ermöglicht. Und sie spürt, dass auch Mark sich dann nicht zurückhalten würde. Lizzy verweilt während dieser Gedanken in der Mitte des Labyrinths und bleibt so lange darin stehen, bis sie die Antwort gefunden hat. Sie geht den Weg wieder zurück, wissend, dass sie sich weder dem Leben noch dem, was zwischen ihr und Mark geschehen soll, verweigern wird. Nicht sie hat etwas zu verlieren, weder ihre Unschuld noch ihre Ehre, weil sie jemand anderem ein Versprechen gegeben hat. Sie ist hierhergekommen, um sich für neue Ideen zu öffnen, Inspiration für ihr Buch zu finden. Nicht, um sich zu kontrollieren oder den vermeintlichen Erwartungen anderer zu entsprechen. Sie hat nicht vor, sich Mark eindeutig anzubieten, aber auch nicht, den Moralapostel zu spielen. Sie will die Dinge geschehen lassen, wie sie sich fügen, ohne Macht auszuüben. Frei von allen Beschränkungen, voller Vertrauen, dass ihr Herz – oder wie Bertha sagt, ihr Gefühl, ihre eigene innere Stimme – ihr einen klaren Impuls geben wird, was das Richtige ist. Wieder am Eingang angekommen, steht sie plötzlich Mark gegenüber. „Ich werde auch einen Rundgang machen“, sagt er und schaut ihr eindringlich in die Augen. „Ich habe meine Antworten bereits gefunden“, erwidert Lizzy ruhig und fest, ohne sich seinem Blick zu entziehen. „Die ersten Frauen sind schon da. Bertha sagt, du willst an der Runde teilnehmen?“ „Ja, ich bin gespannt, über was in so einer Runde so gesprochen wird“, antwortet Lizzy. Mark nickt. Wahrscheinlich würde er es auch zu gerne wissen. Er schaut ihr immer noch in die Augen und kommt einen Schritt auf sie zu.

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„Geh’ du deine Runde“, fordert Lizzy ihn auf. Sie will, dass auch er erst seine Antwort hat, auch wenn sie sich am liebsten sofort mit ihm in den kühlen Wald zurückziehen würde, was gerade offensichtlich seine Absicht ist. Mark nickt verstehend und wendet sich wieder dem Labyrinth zu. Lizzy geht zum Haus, ohne sich noch einmal umzudrehen. Mark hingegen schaut ihr den ganzen Weg hinterher und ist erneut beeindruckt von dieser jungen Frau, zu der er sich so magisch hingezogen fühlt. Schon lange vermisst er das Gefühl, begehrt zu werden. Und auch selbst zu begehren, denn Kyra präsentiert ihm zunehmend ihre abweisende und schlampige Seite. So wie damals seine Mutter, die sich dermaßen gehen ließ, dass er sich zeitweise regelrecht für seine Zugehörigkeit zu ihr schämte. Würde er nun in dieselbe Falle tappen wie sein Vater, der sich in seiner Resignation anderen Frauen hingegeben hatte, um sich zumindest in wenigen Momenten als würdiger Mann zu fühlen? Würde auch er daraufhin später mit Erektionsstörungen gestraft werden? Und mit einer Frau leben, die sich als die Liebe seines Lebens erweist, der er das aber aus Angst vor Abweisung nicht erklären kann, und sich mit einer engen Freundschaft zufriedengeben? Sein Vater wirkt zwar wirklich zufrieden, aber fehlt ihm denn nicht die körperliche Nähe? Fehlt ihm nicht, das zu fühlen, was Mark im erotischen Spiel am See gefühlt hat? Aber vielleicht ist das im Alter nicht mehr so wichtig. So wie David Bertha manchmal ansieht, fällt es Mark allerdings schwer, das zu glauben. Was, wenn es mit Lizzy zu weit geht und er sich verliebt? Was, wenn nicht er sondern sie sich verliebt? Mit diesen Fragen steht auch Mark in der Mitte des Labyrinths. Und auch er geht mit ähnlichen Antworten wie Lizzy wieder zurück. Denn in der Tiefe seines Herzens 50


weiß er, dass er nur einen Teil der Geschichte seiner Eltern wiederholt, aber jederzeit einen anderen Weg einschlagen kann. Heutzutage sind die Therapien für Depressive wie Kyra wesentlich ausgereifter als damals. Noch dazu ist etwas anders an seiner Geschichte, denn Kyra hat ihn bereits betrogen. Sie denkt zwar, dass er nichts weiß, aber er hat es durch einen dummen Zufall herausbekommen. Wenn man aufrechnen wollte, so hätte er ein Vergehen gleicher Art gut, um quitt zu sein. Vielleicht wäre das auch gut, um wieder mit Kyra auf Augenhöhe zu kommen. Denn innerlich macht er ihr nach dieser Verletzung Vorwürfe und ist nicht in der Lage, seine Frau auf ihrem Genesungsweg so zu unterstützen, wie er es gern würde. Es ist noch eine Rechnung offen, was aber nicht bedeutet, dass er sie leiden sehen will. Jedenfalls nicht bis zum Lebensende. Und Lizzy? Sie hat ihre Antworten bereits gefunden und er wird herausfinden, ob sie mit seinen übereinstimmen. Mit diesen Gedanken geht er die letzten Schritte und aus dem Labyrinth heraus. Nur das Verlangen, die junge Frau zu berühren und ihr Verlangen nach ihm zu spüren, bleibt in ihm und breitet sich in seinem Körper aus. Eine illustre Gesellschaft hat sich auf Berthas Veranda eingefunden. Mathilda, Marlene, Carmen und Sonja kennt Lizzy bereits. Mit dabei ist noch die Besitzerin des BioLadens, in dem sie heute Morgen die Brötchen gekauft haben. Sie ist eine Frau Ende vierzig namens Sabine, ihre Lebenspartnerin ist ein paar Jahre jünger und heißt Conny, eigentlich Cornelia, aber den Namen kann sie nicht ausstehen. Den beiden gehören auch zwei der Pferde, die hier ihren verdienten Ruhestand genießen. Im Gegenzug für die Stall- und Weidemöglichkeit versorgt Sabine Bertha regelmäßig mit frischen Eiern und einem besonderen

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Käse, nach dem Bertha fast schon süchtig zu sein scheint. Eine alte Dame über siebzig stellt sich als Hilda vor, eine ehemalige Lehrerin für Geschichte und Religion. Lizzy fühlt sich unerwartet wohl, denn die Gespräche drehen sich um vielfältige Dinge, unter anderem auch um solche, die Kinder und deren Umgebung angehen. Alle sind sich einig, dass eindeutig zu viel Technik Einzug ins Leben gehalten habe und sie sich den jungen und jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft einigermaßen unterlegen fühlen, was das Verständnis der Nutzung von Computern aller Art angehe. Auch empfinden sie es als unangenehm, wie viele Allergien sich auszubreiten scheinen, ebenso wie Übergewicht und die sinkende Lust, draußen an der frischen Luft zu spielen. Die Qualität des Spielens habe sich grundsätzlich verändert, ebenso das soziale Verhalten durch unpersönliche Kontakte im Chat usw. Lizzy staunt, dass sich keine hitzigen Debatten entwickeln oder übereifrige Überzeugungsarbeit geleistet wird. Jeder darf seinen Standpunkt haben, ohne als „falsch“ beurteilt zu werden. Immer mehr wächst in ihr die Lust, nicht nur als Erzieherin, sondern auch als Schriftstellerin Kindern spielerisch sinnvolle Inhalte zu anzubieten. Werte, an denen sie sich orientieren können, verpackt in spannende oder magische Geschichten, mit Hauptakteuren, mit denen es sich zu identifizieren lohnt. Das Kinderbuch, das sie plant, wird ihr erster Versuch werden, sich in dieser Position zu etablieren. Wenn sie nur wüsste, wie sie einen Anfang finden kann. „Ach bitte Bertha, hast du nicht heute einen Zauberspruch für uns?“ fragt ausgerechnet Hilda, die Älteste im Bunde, von der man als Religionslehrerin vermuten würde, mit Hexen nichts am Hut zu haben. Doch Bertha scheint auch hier Recht damit zu behalten, dass jeder Mensch etwas Magisches in sich habe und von daher so-

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wieso jede Frau auf die eine oder andere Art eine Hexe sei. Warum also nicht auch eine ehemalige Geschichtsund Religionslehrerin? „Na, dann kommt mal mit“, lacht Bertha. „Ich habe da ein leckeres Likörchen für spezielle Anlässe. Davon gönnen wir uns jetzt einen.“ Sie geht voran in die „Hexenküche“, die nun auch Lizzy zum ersten Mal vollständig von innen sieht. Sie misst ca. fünfzehn Quadratmeter und ist mit diversen Regalen, einem alten Herd und vielen geflochtenen kleinen Körben und Schalen bestückt. Im gesamten Raum, außer in direkter Nähe zum Herd, sind Kräuter an herabhängenden Fäden zum Trocknen befestigt. Die Luft zirkuliert gut dank zweier großer Fenster. Es riecht herb und würzig. Bertha geht zu einem großen Schrank mit vielen Schubladen, zieht eine heraus und entnimmt ihr eine kleine Flasche. Sie bedeutet den Frauen, am Tisch, der in der Mitte des Raumes steht, Platz zu nehmen. Sie setzen sich auf die Bänke, die an zwei Seiten des Tisches stehen, während Bertha sich auf einen abgenutzten, aber sehr bequem aussehenden Stuhl setzt. Alle sehen ihr gespannt zu, wie sie die Flasche öffnet und herumgehen lässt, damit alle daran riechen können. Es ist ein Kirschlikör, der es in sich hat. Lizzy ist auf die Farbe gespannt, denn die dunkle Flasche lässt sie nicht erkennen. Dem Geruch nach müsste die Flüssigkeit tiefrot, schon fast schwarz sein. Bertha nimmt ein Bündel getrockneter Kräuter aus einem der Körbe und gibt jeder Frau ein Blatt, das sie zuerst auf ihr Herz, dann auf ihre Stirn drücken, dann auf die linke Innenhandfläche legen und mit der anderen Hand umschließen sollen. Das Blatt soll die Wärme der Hände aufnehmen. Während die Frauen Berthas Anweisungen folgen, stellt diese neun kleine Gläser auf den Tisch, die sie aus einer kleinen Schublade

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unterhalb der Tischplatte nimmt, gießt den dunkelroten Likör ein und streift ein Paar Einweghandschuhe über. Eine Frau nach der anderen übergibt ihr die angewärmten Blätter, die sich durch ihren intensiven Duft als Minze entpuppen. Sie zerbröselt die Blätter in je ein Glas und spricht währenddessen den von Hilda gewünschten „Zauberspruch“:

„Mit Liebe wurde zubereitet, was den Blickwinkel dir weitet. Jeder Schluck bringe dir Klarheit, offenbare deine Wahrheit, zeige dir, was gut gewählt, was für dich als richtig zählt.“ Alle nehmen einen kleinen Schluck, auch Bertha, die ihr Getränk schon vor dem Anlegen der Handschuhe zubereitet hat. Lizzy ist beeindruckt. Nicht von dem Spruch, sondern von der Atmosphäre in diesem Raum, von der sanften und dennoch klaren Stimme Berthas und von ihrem liebevollen, warmen Blick, der gleichzeitig so geheimnisvoll ist, dass sie ihr die „Hexe“ sofort abnehmen würde, wissend, dass es eine gute ist. Die Frauen lassen jeden Schluck genüsslich auf der Zunge wirken. Die Minzbrösel geben dem ansonsten sehr schweren Tropfen, der die Kirschen herausschmecken lässt, aber auch den Alkoholgehalt, eine frische Note. Lizzy könnte schwören, dass sich der Anfang ihres Kinderbuches zu formen versucht und sich kurz davor befindet, den Weg über ihre Finger in ihr Notebook zu finden. Sie weiß aber auch, dass sie es nicht erzwingen kann, sondern jetzt besser in den Hinterkopf schieben und sich mit etwas ganz anderem beschäftigen sollte.

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Als alle ihr Glas geleert haben, bedanken sie sich herzlich bei Bertha und verabschieden sich fröhlich. Hilda nimmt Bertha in die Arme. „Danke, meine Kleine“, flüstert sie, doch Lizzy kann es hören und sie sieht auch Berthas Rührung. Als die Frauen gegangen sind, gießt Bertha sich und Lizzy ein weiteres Glas ein, so dass die Flasche leer ist. Sie stoßen lächelnd an und genießen schweigend den schweren Tropfen. „So, ich kümmere mich jetzt um das Abendbrot. Können Sie den Männern Bescheid sagen? Die sind bestimmt auch gleich fertig mit der Hütte“, fordert Bertha Lizzy auf. „Mache ich gern“, antwortet Lizzy und folgt ihr aus der „Hexenküche“, die ihrem Namen alle Ehre macht. Die Männer sind tatsächlich mit den groben Arbeiten zur Überdachung fertig und präsentieren stolz ihr Werk, für das Bertha voll des Lobes ist und sich überschwänglich bedankt. Auch David ist stolz, denn er hat viel Anerkennung von seinen gelehrigen Schülern bekommen. Das, was die Jungs einst an überschüssigem Temperament ausgelebt hatten, haben sie längst wieder wettgemacht und dabei Ehrgeiz bewiesen, eine gute Arbeit abzuliefern. Auch Mark hat sich beteiligt und eine kleine Schnitzarbeit angefertigt, die als Haken für Grillbesteck verwendet werden soll. Diese meditative Arbeit hat ihm geholfen, seine Gedanken weiter zu sortieren und die Antworten, die er im Labyrinth bereits gefunden hatte, abzurunden. Als er Lizzy sieht, melden sich wieder die Gefühle vom See und er lächelt. Lizzy lächelt zurück, denn auch in ihr steigt die bekannte Wärme auf. Der Abend mit Mark in der Stadt wird ihr helfen, die aufkeimende Idee für den Anfang ihres Buches in den Hintergrund zu schieben.

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Nach dem geselligen Abendbrot verabschieden sich die Männer. David und Bertha wollen einen Film ansehen, Marlene und Carmen werden ebenfalls in die Stadt gehen, allerdings in die Jazz-Bar, auf die sich Carmen schon riesig freut. Es ist eine kleine, urige Kneipe, im Gewölbekeller eines beliebten Restaurants. Alle wollen erst duschen, um die Reste der Sonnencreme abzuwaschen. Mark begleitet Lizzy zu ihrem Wagen und lotst sie durch die Stadt zu einem öffentlichen Parkplatz in direkter Nähe zum Pub. Von Weitem hören sie schon die Musik der Band. Es ist erst zwanzig Uhr und der Abend scheint lang zu werden. Sie folgen der Musik und erreichen das schon gut gefüllte Lokal. Mark hält Lizzy die Tür auf, was sie mit einem Lächeln honoriert. Drinnen herrscht zwar kein Lärm, aber schon eine gehörige Lautstärke. Es wird sogar bereits getanzt und der Barmann hat reichlich zu tun. Auch Mark bestellt bei ihm zwei Getränke, alkoholfrei, weil Lizzy noch fahren muss. Je länger der Abend, desto dichter drängen sich die Menschen. Auch Mark und Lizzy haben kaum Platz, sich zu bewegen und weichen auf die kleine Tanzfläche aus. Sie sind beide in ausgelassener Stimmung und Mark fühlt sich sichtlich wohl angesichts der Musik seines Geburtslandes. Er kennt viele Songs und singt kräftig mit. Zwischendurch wirbelt er Lizzy herum, was sie sich gern gefallen lässt. Wieder am Rand der Tanzfläche stellt sich Mark schützend hinter sie und umfasst ihre Taille mit seinen großen Händen. Sie wiegen sich zur Musik und spüren beide die „magische“ Anziehung, die sich mit jeder weiteren gewollten oder ungewollten Berührung steigert. Gegen dreiundzwanzig Uhr nutzen sie die Pause der Band, um ihren Platz weiteren hereindrängenden Besuchern zur

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Verfügung zu stellen. Die Luft im Pub ist immer schlechter geworden und sie atmen mehrmals tief durch, als sie draußen in der kühlen Dunkelheit stehen. Lizzy bedankt sich für den schönen Abend, den sie sehr genossen hat. Mark erwidert den Dank und schlägt vor, durch die Stadt zu schlendern, um sich ein bisschen abzukühlen. Lizzy stimmt zu und folgt Mark in die Fußgängerzone der Stadt, die menschenleer zu sein scheint. Das Leben spielt sich zu dieser Uhrzeit überall hinter den Türen ab. Doch die Ruhe tut nach der lauten Musik gut. Nach ein paar Metern nimmt Mark wie selbstverständlich Lizzys Hand, die das lächelnd geschehen lässt, wohl wissend, dass diese Berührung nicht lange ausreichen wird. Und so ist es auch. Nach weiteren zwanzig Metern liegt sein Arm um ihrer Schulter und ihrer um seine Hüfte. Sie erreichen einen großen ausladenden Baum, der den Mittelpunkt eines Platzes bildet, auf dem tagsüber diverse Tische und Stühle des angrenzenden Cafés stehen. Mark steuert auf den Baum zu und dreht Lizzy, so dass sie mit dem Rücken an den Stamm gelehnt zum Stehen kommt. Seine linke Hand wandert an ihr Becken, die Rechte an ihre linke Wange, seine Lippen auf ihre. Kein Zögern, keine Aufforderung, keine Unsicherheit, beiden ist klar, dass diese Situation unausweichlich war und es Zeit für sie ist. Marks Fantasie bewahrheitet sich, Lizzys wird übertroffen und beide geben sich dem Moment hin. Es dauert einige Minuten, bis sie beschließen, zurückzufahren und sich in Lizzys Baumhaus zu begeben. Endlich angekommen, fällt es ihnen schwer, leise zu bleiben. Zu eilig haben sie es, die gewundene Treppe im spärlichen Licht des Bewegungsmelders an Davids Eingang emporzusteigen. Das Licht geht aus, als sie sich auf Lizzys Bett fallen lassen und sich hastig ihrer Kleidung

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entledigen, begleitet von erwartungsvollen fordernden Küssen. Lizzy erkennt, dass Mark weiß, was er tut, und sich nicht mit Unsicherheiten herumschlägt, wie der eine oder andere Mann ihres Alters mit entsprechend weniger Erfahrung. Sie genießt seine Souveränität, seine sanften und dennoch druckvollen Berührungen. Sie spürt sein Begehren, was ihres nur noch mehr steigert. Es reizt sie, dass er sich sehr beherrschen muss, um nicht doch verräterische Geräusche zu produzieren, die im nahe liegenden Haus seinen Vater auf den Plan bringen würden. Diese einzige Zurückhaltung bewirkt jedoch eine Verzögerung, die ihr hilft, sich voll und ganz hinzugeben, bis auch sie sich den Mund zuhalten muss, während sich seine Hände in ihr Kissen und ihre weiche Haut krallen. Es vergehen Stunden der Leidenschaft, bevor sich Mark im Morgengrauen leise auf den Weg in das Gästebett seines Vaters macht. Den kurzen Gedanken an ein schlechtes Gewissen verwirft er sofort wieder, zu lange hat er bereits auf Leidenschaft und Körperlichkeit verzichtet. In Lizzys Armen hat er sich endlich wieder als das empfunden, was er ist – ein Mann mit allem Drum und Dran. Nie würde er bereuen, diese junge, leidenschaftliche Frau mit dem gleichzeitig festen und weichen Körper berührt zu haben. Es war eine Offenbarung, pure Hingabe.

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Geschehen lassen David hat mitbekommen, dass Mark erst im Morgengrauen ins Haus gekommen ist. Er wird jedoch nicht fragen, ob er so lange mit Lizzy in der Stadt oder in ihrem Baumhaus gewesen ist. Sein Sohn ist schließlich erwachsen und von ihm gewarnt worden. Mehr gibt es nicht zu tun. Marks Entscheidungen und Taten liegen allein in seiner Verantwortung. Allerdings wünscht er ihm von Herzen, dass er nicht wie einst sein Vater in einen Teufelskreis gerät. Mark hat ebenfalls nicht das Bedürfnis, mit seinem Vater über die Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit zu sprechen. Er hat sich von dessen morgendlichen Geräuschen wecken lassen und grüßt David gähnend auf dem Weg ins Badezimmer. Trotz des wenigen Schlafes fühlt er sich fit und ruhig. Auch jetzt empfindet er kein schlechtes Gewissen, und wenn es ihn doch noch ereilen sollte, dann wird er es ebenso geschehen lassen wie er die auslösende Situation hat geschehen lassen – und wie er sie am liebsten sofort wieder geschehen lassen würde, so erregend sind die Erinnerungen daran. Lizzy hatte zunächst Probleme einzuschlafen, denn Mustafa wollte ihr zu verstehen geben, dass es eigentlich Zeit sei, aufzustehen. Doch sie war zu müde, um ihm weitere Beachtung zu schenken und ist in einen tiefen Schlaf gefallen. Erst die Geräusche von Marlene und Carmen, die sich auf dem Weg zum Frühstück über den Jazz-Abend unterhalten, wecken sie auf. Ein paar Minuten bleibt sie noch liegen, um die Eindrücke der Nacht Revue passieren zu lassen und Marks Geruch in den Kissen zu finden. Dann steht auch sie auf, um sich schnell zu waschen und ebenfalls zu frühstücken.

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Lizzy spürt, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sich der Anfang ihres Buches in Gedanken abgerundet hat. Vielleicht wird sie schon heute Nachmittag die ersten Zeilen tippen. Sie schmunzelt bei der Erinnerung, irgendwo gelesen oder gehört zu haben, dass kreative und sexuelle Energie denselben Ursprung hätten. Das würde erklären, warum sie die Nacht mit Mark als eine Art „Türöffner“ empfindet. Zu einem Raum, in dem sich Fantasie und Erleben in einer Geschichte formiert haben und hinaus wollen. Als sei das rationale Denken beim Liebesspiel ausgeschaltet worden, um nun in veränderter Form wie ein Programm-Update wieder hochzufahren. Anders, gelöster und freier als vorher, so als sei alles möglich, wenn man es nur geschehen lasse. So wie Kinder geschehen lassen, die dem Leben neugierig und spielerisch begegnen und sich von zauberhaften oder fabelhaften Wesen in den Bann ziehen lassen. Mark hat beides verkörpert, einerseits das Zarte, Feinfühlige und andererseits das Handfeste, Animalische und auch sie hat sich in diesen Bann ziehen lassen. Während der kurzen Dusche schaut sie nach, ob sich an ihrem linken Oberschenkel eventuell ein blauer Fleck gebildet hat, als Mark in seiner Ekstase fest zupackte, um Halt zu finden. Doch es ist nichts zu sehen, vielleicht eine kleine Rötung, mehr nicht. Lächelnd folgt sie dem Kaffeeduft und setzt sich zu den anderen auf die Veranda. Marlene und Carmen schwärmen von ihrem Abend in der Jazz-Bar, Mark und sie von ihrem im Irish Pub. Bertha und David haben sich zum x-ten Mal „Der mit dem Wolf tanzt“ angeschaut, damit Bertha mal wieder etwas zu lachen hat. Sie findet es zu köstlich, dass in dem ansonsten sehr authentischen Film ausgerechnet Kevin Costner als Soldat in einer Sinnkrise den Indianern sagt, wo Büffel sind. Hätte er gesagt, Hasen oder Wildschweine, ok, aber Büffel? Diese Tiere

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seien immerhin die Lebensgrundlage der Indianer gewesen, weshalb sie in mobilen Wohnstätten gelebt hätten, um den Tieren folgen zu können. Sie seien sicherlich vieles gewesen, aber mit hundertprozentiger Sicherheit nicht darauf angewiesen, dass ihnen ein Weißer sagt, wo sich Büffel befinden. Beim Erzählen haut sich Bertha wieder lachend auf die Schenkel. „Aber wer weiß, vielleicht ist Captain Dunbar ja im Inneren mehr Indianer als die Indianer“, lacht sie immer noch. David wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Immer wieder lässt er sich von Berthas Lachen anstecken. Gut, dass die meisten Indianer, die er kennt, eine Menge Humor haben. Obwohl sie Grund genug hätten, ihn anstelle des Kriegsbeils zu vergraben. Allerdings weiß er, wie sehr es Bertha freut, die Geschichte der Ureinwohner Amerikas und Kanadas nicht mehr total verfälscht in billigen Western zu erleben, wie noch vor zwanzig Jahren, sondern realistischer mit Schauspielern wie Graham Greene. Bertha erzählt zu Lizzys Erstaunen, dass Hilda den Mann kennt, in dessen Garten das Tipi steht, in dem Kevin Costner damals in diesem Film seine Hochzeitsnacht verbrachte. Der Neffe des Mannes, der einen hohen Posten im Pine Ridge Reservat in South Dakota hat, hatte im Film mitgespielt und das Requisit war nach ein paar Verhandlungen in den Besitz seines Onkels übergegangen. Hilda habe ihn schon öfter einladen wollen, da er auch ab und zu in Europa unterwegs sei, es habe aber noch nie gepasst. Dafür werde vielleicht bald ein junges Paar von dort zu Besuch kommen. Sie habe die beiden bei einer Schwitzhütten-Zeremonie kennen und schätzen gelernt und wolle der jungen Familie einen Urlaub und Eindrücke der deutschen Kultur ermöglichen. Deutsche und Indianer hätten ihrer Meinung nach einen besonderen Draht

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zueinander. Nicht umsonst sei Bertha das Ergebnis aus solch einer Verbindung. Lizzy erfährt auch, dass am kommenden Freitag Besuch aus Kanada eintreffen wird. Verwandte und Freunde werden kommen und zwei Wochen hier verbringen. Es solle dann ein mittelgroßes Tipi aufgestellt werden, für das David einen Deal mit dem ortsansässigen Förster gemacht habe, der Anfang der Woche die Pfähle liefern werde. Auch der Stoff solle geliefert werden. Ebenso würden sie eine Schwitzhütte bauen, da die frühere noch unbenutzt von einer Horde Wildschweine zerstört worden sei. David habe sich darum gekümmert, eine Ladung Flusssteine zu bekommen, um Zeremonien durchführen zu können. Dafür müsse auch eine gut geschützte Feuerstelle errichtet werden, für die sie die Genehmigung ebenfalls schon besorgt hätten. Für die Zeit des Besuchs wolle Bertha ein Schild „Zimmer belegt“ an der Einfahrt zum Waldweg aufstellen, wobei der Zeltplatz weiter nutzbar bleiben solle. Doch das wolle sie nicht extra mitteilen. Wer komme, der komme und werde dann sehen, ob er bleiben wolle. Diese zwei Wochen seien in erster Linie private Zeit. Lizzy hatte zwar vor, nur das Wochenende hier zu verbringen und Montag weiter Richtung Küste zu fahren, will nun aber den Nachmittag abwarten, ob sich ihre Ahnung erfüllen und sie mit ihrem Buch beginnen wird. Wenn ja, will sie fragen, ob sie weitere fünf Tage bleiben kann, falls das Baumhaus nicht anderweitig gebucht wurde. Aber das will sie erst später entscheiden. Bertha eröffnet ihren Gästen, dass sie und David heute bis zum späten Mittag in der Stadt sein werden, um eine Ausstellung zu besuchen, und fragt, ob jemand mitkommen möchte. Marlene und Carmen schließen sich an, Mark will sich noch etwas Schlaf gönnen, da er heute

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Abend wieder fliegen wird und ausgeruht sein will. Lizzy will sich sonnen und schwimmen, bevor es in der Mittagshitze zu heiß wird. Sie räumen den Tisch ab und gehen in ihre Zimmer, um sich für ihre Vorhaben fertig zu machen bzw. wieder hinzulegen. Als Bertha, David und die beiden Frauen wegfahren, hat sich Lizzy bereits ihren Bikini angezogen und steigt die Treppe des Baumhauses hinunter, als ihr Mark auf halber Höhe entgegenkommt und sie lächelnd wieder zurückdrängt. Auch Lizzy lächelt und steigt rückwärts wieder hinauf. Keine Minute später liegen sie auf ihrem Bett und Mark entfernt ohne Eile den wenigen Stoff von ihrem und seinem Körper. Sie sieht seine begehrenden Blicke, mit denen er ihren Körper verschlingt, und spürt sie, als würden sie sie berühren. Er beobachtet, wie sich ihre Haut unter seinen Händen und seinen Lippen verändert, wie sie nachgibt und sich wieder spannt und Lizzys Bewegungen folgt. Sie spürt seine Erregung und erforscht, wie sie sie steigern kann. Diesen späten Morgen erleben sie beide voller Hingabe, ohne darauf achten zu müssen, ob sie jemand hören oder anderweitig bemerken kann. Es ist gleichzeitig ein Abschied voneinander, der ihre nackten Körper zu immer größerer Hitze animiert. Als die vier Stadtbummler zurückkommen, trocknet sich Lizzy gerade nach einem ausgiebigen Bad im See ab, während Mark tief und fest im Gästebett seines Vaters schläft. David lächelt, innerlich erleichtert, dass sein Sohn „vernünftig“ geblieben ist, und winkt Lizzy zu. Nach einem späten Mittagessen fährt David seinen Sohn zum Flughafen. Lizzy klettert zum Schreiben ins Baumhaus.

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Wünschen und Brauchen Lizzy fängt an zu schreiben, verwirft die ersten Sätze jedoch schnell wieder. Auch der zweite Ansatz scheitert, ebenso der dritte und vierte. Fürs Erste entmutigt, erinnert sie sich daran, nichts erzwingen zu wollen, und verlässt das Baumhaus, um ihren Gedanken mit ein paar Schritten Auslauf und damit Gelegenheit zu geben, sich wieder neu zu formieren. Sie weiß, welche Kräfte in ihr wirken und sie zu blockieren scheinen. Denn damals, als ihre Familie von einer Sekunde auf die andere nicht mehr da war, war sie in ein tiefes Loch gefallen. Sie hatte sich leer und erschöpft gefühlt und nur das Notwendigste zustande bringen können. Damals war sie sehr geizig mit ihren Kapazitäten geworden und hatte sich einen sehr ökonomischen Ansatz angewöhnt: Alles möglichst perfektionistisch zu beginnen und wenn es nicht beim zweiten Anlauf klappen wollte, keine weitere Energie mehr hineinzustecken. So hatte sie auch viele ihrer Geschichten und Märchen wieder verworfen, obwohl sie bereits die Erfahrung gemacht hatte, dass zunächst ein Anfang reichte, um einen ersten Entwurf zu erstellen und im Nachhinein daran zu feilen. Die Phase der größten Trauer und Erschöpfung hat sie allerdings bereits hinter sich gelassen. Für dieses Buch benötigt sie daher kein ökonomisches Prinzip mehr und könnte einfach drauflos schreiben. Sie merkt jedoch, dass sich der Perfektionismus in ihr verankert und zum Teil verselbstständigt hat, und sucht nach einer Möglichkeit, ihn hinter sich zu lassen. Denn im Grunde ist dieses Kinderbuch im Kopf bereits im Groben fertig, es muss nur noch aus den Fingern fließen. Und dafür braucht es nun einmal einen Anfang.

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Bertha sieht sie in ihre Überlegungen versunken an der Weide entlanggehen und ruft sie zu sich. Lizzy ist dankbar für die Abwechslung und Unterbrechung ihrer Gedanken. „Machen Sie sich gerade selbst das Leben schwer?“, fragt Bertha und sieht sie prüfend an. „Ja, ich habe mir irgendwie meine Spontanität abgewöhnt und weiß nicht, wie ich aus dem Automatismus herauskomme“, erklärt Lizzy. „Brauchen Sie einen Zauberspruch?“, fragt Bertha verschmitzt, meint es allerdings ernst. „Genau das wäre jetzt das Richtige“, meint Lizzy ebenfalls ernst. Bertha nickt. Doch sie trinken zunächst gemütlich einen Kaffee. Dann nimmt sie Lizzy mit in die „Hexenküche“ und lässt sie Platz nehmen. Sie schließt die Tür und nimmt ein kleines Bündel getrockneter Kräuter, das aus Salbei und Lavendel sowie Süßgras besteht, wie Lizzy später erfahren wird. Sie zündet das Bündel an und bläst darauf, damit sich etwas Glut entwickelt. Aus einer Schublade des Tisches nimmt sie eine große Feder, deren Schaft mit einem Lederband umwickelt ist, auf dessen letztes herunterhängendes Stück verschiedenfarbige Perlen aufgezogen sind. Mit ihr wedelt sie den entstehenden Rauch um Lizzys Kopf. Dann soll sie sich hinstellen und Bertha hüllt ihren kompletten Körper in den würzig duftenden Rauch ein, während sie Lizzys „Zauberspruch“ sagt:

„Was von dir einst aufgebaut und vielleicht als Schutz geglaubt, hat so guten Dienst getan, dass es Pause machen kann. Öffne dich der Welt jetzt neu, ohne Barriere, neugierig und frei!“

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Ja, Lizzy hatte sich geschützt, indem sie mit ihren Kräften zu haushalten begonnen hatte, als es bitter nötig war. Diese Notwendigkeit gibt es heute nicht mehr. Der einstige Schutz hat sich deutlich als Barriere, als Blockade gezeigt. Zeit, sie zu überwinden. Die Tür, dies zu erkennen, hat Lizzy in Marks körperlicher Nähe bereits geöffnet. Jetzt wird sie hindurchgehen und mit dem umgehen, was sie dahinter findet. Bertha klopft die Glut ab und steckt das Bündel in einen metallenen Becher. „Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann ...“, Lizzy hält inne. „Was dann?“, fragt Bertha interessiert. „Wenn Sie eine echte Hexe wären, dann müssten Sie jetzt sagen, dass ich vorsichtig mit dem sein soll, was ich mir wünsche“, grinst Lizzy. „Ach, das machen doch alle schon in Büchern und Filmen“, winkt Bertha ab. „Außerdem bekommt man sowieso, was man braucht. Allerdings ist das nicht unbedingt immer das, was man sich wünscht.“ „Wo ist der Unterschied?“, will Lizzy wissen. „Das, was man braucht, hilft einem, seinen eigenen Weg und der eigenen Bestimmung zu folgen, zu der gewisse Aufgaben und Lehren im Leben gehören. Das kann durchaus übereinstimmen mit dem, was man sich wünscht. Doch die größten Lehren zieht man meistens aus den weniger schönen Momenten, Fehlern oder gar Krisen. Wer wünscht sich schon so etwas? Wünschen tut man sich doch nur schöne Sachen, oder? Das größte Problem beim Wünschen ist allerdings, dass meistens auch Erwartungen daran geknüpft sind. Und die weisen oft auf einen Mangel hin. Schwingt der beim Wünschen mit, bekommt man meist, was man sich wünscht, nämlich

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den Mangel. Der wiederum kann wieder genau das sein, was man braucht, um voranzukommen, Lösungen zu finden, kreativ zu werden. Zu viele Geschenke machen träge, während das Leben sehr bewegungsfreudig ist. Deshalb soll man vorsichtig mit seinen Wünschen sein. Sie erfüllen sich, wenn man die Erwartungen daran loslässt, also den Gedanken an den Mangel, der ausgeglichen werden soll. Wünsche sind sehr dienlich, um herauszufinden, welche Bedürfnisse in einem schlummern. Sich also seiner selbst bewusster zu werden. Deswegen sind Wünsche von Natur aus eine tolle Sache. Es geht um das, was mit ihnen mitschwingt.“ Lizzy glaubt, eine Psychologie- oder PhilosophieProfessorin vor sich zu haben, und schweigt nachdenklich. Sie erkennt, dass es sinnvoll ist, seinen Wünschen auf den Grund zu gehen und die Ursache zu erkennen. Denn tatsächlich ist die meist ein Mangel. Wer ihn erkennt, kann sich daran machen, ihn zu beheben. Also aktiv werden, anstatt darauf zu warten, dass irgendeine unsichtbare Macht aus Versehen den Wunsch hört und gerade nichts Besseres zu tun hat als ihn zu erfüllen. Ob das auch für Gebete gilt? Ähnlich ist es vielleicht auch mit guten Wünschen für andere. Da sollte man vielleicht auch erst einmal hinterfragen, ob nicht ein Eigennutz dahintersteckt, eine Erwartung, ein Mangel, den ein anderer ausgleichen soll. Lizzy versteht, was Bertha meint, allerdings scheint das Thema umfangreicher zu sein als gedacht. „Danke Bertha, Sie sollten eine Praxis aufmachen und Menschen helfen, sich ihrer selbst bewusster zu werden“, schlägt Lizzy vor. Bertha grinst und deutet mit den Händen auf den Tisch, an dem sie sitzen. Lizzy schlägt sich die Hand vor den Kopf. „Bin ich Patient oder Klient?“, fragt sie lachend.

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„Klient, ein lernwilliger“, lacht Bertha mit ihr. Immer noch lachend gehen sie aus der „Hexenküche“, die gleichzeitig inoffizielle „Praxis“ ist. Mittlerweile sind dunkle Wolken aufgezogen. Es ist schwül, ohne einen einzigen Windzug. Alles lässt auf ein Gewitter deuten, das nicht allzu lange auf sich warten lassen wird. „Sie werden sehen, wenn es blitzt und donnert und sich ein paar Regentropfen durch das Laub an Ihre Fenster verirren, dann haben Sie die richtige Atmosphäre zum Schreiben. Wollen Sie wirklich morgen schon wieder fahren? Das Baumhaus ist nicht gebucht und ich würde mich freuen, wenn Sie die ersten Kapitel hier schrieben“, bittet Bertha mit warmem Blick. „Wirklich gern. Ich wollte sowieso danach fragen, es aber abhängig davon machen, ob ich hier einen Anfang zum Schreiben finde. Doch wenn es heute nicht klappt, dann vielleicht morgen. Ich bleibe gern noch bis Ihr Besuch kommt“, nimmt Lizzy die Einladung an. „Sie können auch gern länger bleiben. Vielleicht bekommen Sie noch gute Ideen im Gespräch mit meinen Verwandten. Sie werden vom Thema des Buches begeistert sein. Es sind auch ein paar Kinder dabei, die können Sie fragen, wenn Sie nicht weiterkommen.“ Bertha freut sich über ihre Idee. „Ehrlich? Oh, das ist ja toll. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich es mir heimlich so gewünscht“, gesteht Lizzy ihr. „Sehen Sie, manchmal entsprechen die Wünsche dem, was man braucht“, lächelt Bertha. „Und jetzt, wo klar ist, dass Sie länger bleiben, können wir das Förmliche hinter uns lassen und zum Du übergehen. Bist du einverstanden?“ „Gern, es ist mir eine Ehre“, lächelt auch Lizzy und fühlt sich tatsächlich geehrt. Denn sie weiß, dass sie ehr-

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lich willkommen ist. Auch geben ihr Berthas mütterliche Art sowie ihre vielen weise Worte etwas von dem, was sie so sehr vermisst. Nämlich Rat und Unterstützung, wozu ihre eigene Mutter keine Gelegenheit mehr hat. Vielleicht hat sie aber in ihrem unsichtbaren Wirken dazu beigetragen, dass Lizzy hier gelandet ist und in Bertha eine Alternative gefunden hat, solange sie noch nicht gereift genug ist, sich selbst Mutter und Vater zu sein. „Los, jetzt aber schnell ins Baumhaus, meine Kleine. Der Himmel wird schon undicht“, scheint Bertha ihre Gedanken zu lesen. Sie nimmt sie sanft in den Arm und schiebt sie zur Treppe. Lizzy freut sich, dass Bertha Recht hat. Denn tatsächlich helfen die Dunkelheit und die Geräusche des folgenden Gewitters und des starken Regens dabei, aus der Realität in die magische Welt des unsichtbaren Volkes einzutauchen, das über die Schwingungen ihrer Herzen Kontakt zu gleich schwingenden Menschen hält. Die erste Szene, in der sich eine Verbindung zwischen zwei Gleichaltrigen beider Völker aufbaut, ist schnell geschrieben. Sie soll sich durch das ganze Buch ziehen, so dass Lizzy darauf aufbauend die Entwicklung der beiden Kinder bis ins Erwachsenenalter beschreiben kann. Vielleicht ergibt sich so sogar die Möglichkeit, die Geschichte in mehrere Bände zu fassen. Bevor sie anfängt, die jeweiligen Lebensumstände der beiden Hauptakteure zu beschreiben, damit in den Köpfen der Kinder Bilder entstehen, merkt sie, dass es Zeit ist, sich mit einem kräftigen Abendbrot zu stärken. Die Wolken haben sich in den letzten Stunden mit heftigen Schauern entleert und sind bereits im Begriff, sich wieder aufzulösen, um der Abendsonne Gelegenheit zu einem strahlenden Gruß zu geben. Zwar hatte sich Lizzy keinen Regen gewünscht, sie merkt aber, dass er sehr nützlich war,

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um den Nachmittag nicht im Freien, sondern im geschützten Baumhaus zu verbringen. Sie hat also laut Bertha bekommen, was sie brauchte, unabhängig von ihren Wünschen. Lizzy erkennt das als Hinweis darauf, ihren weiteren Lebensweg mit der Schriftstellerei aufzuwerten und diese Sinn bringend in ihren Beruf zu integrieren. Denn nicht nur die Arbeit mit Kindern, sondern auch das Schreiben scheinen Teil ihrer Lebensbestimmung zu sein. Wenn sie Bertha Glauben schenkt, dann wird sie sich an den Zeichen der Umgebung orientieren können, um zu ergründen, ob sie sich noch auf dem für sie richtigen Weg befindet. Denn nur auf ihm würden sich viele Wünsche mit dem decken, was sie wirklich bräuchte. Zufrieden klettert sie die feuchten Stufen hinunter und wird von Bertha, die gerade den Tisch deckt, lächelnd auf der Veranda empfangen. David ist mittlerweile auch wieder da. Während der zweistündigen Fahrt zum Flughafen hatte er viel Zeit für Vater-Sohn-Gespräche unter vier Augen, was ihm gut bekommen zu sein scheint. Lächelnd gesellt er sich zu den Frauen. Auch Marlene und Carmen sind auf dem Weg zur Veranda. Sie werden morgen früh weiterfahren, so dass die Zimmer des kleinen Motels vollständig leer sein werden, was Mathilda nutzen wird, um sie besonders gründlich zu reinigen. Es wird nur eine Gruppe von Kindern auf dem Zeltplatz erwartet, die sich unter Aufsicht einiger Erwachsener auf spielerische Erkundungstouren in den Wald begeben wollen. Nach einem ausgiebigen Abendbrot beeilt sich Lizzy, wieder in ihr Baumhaus zu kommen, während die anderen sich noch lange bei Kerzenschein und Rotwein unterhalten und planen, wie der Umzug des Frauenpaares organisiert werden kann.

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Lizzy beendet das zweite kurze Kapitel und schnappt sich einen Zeichenblock, um sich an einigen Skizzen zu versuchen, die ihre geschriebenen Worte zur Umgebung des „Ratsplatzes“ des unsichtbaren Volks verdeutlichen. Die Konzentration macht sie müde, und als ihr die Augen zuzufallen drohen, geht sie schnell in den Waschraum, um sich die Zähne zu putzen und danach schlafen zu gehen. Es ist später als sie dachte, denn auch die vier Älteren beenden gerade den Abend und bringen Kerzen, Gläser und Getränke ins Haus, bevor sie sich verabschieden. Im Bett spürt Lizzy den Erinnerungen an Marks Berührungen an und in ihrem Körper nach.

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In Maßen und manchmal mehr Am nächsten Tag ist Lizzy schon sehr früh wach. Vor Mustafa, der sich darüber lautstark beschwert. Was er nicht ahnt ist, dass Lizzy genau dieses Verhalten in die Geschichte des nächsten Kapitels einbaut, inspiriert von der sie umgebenden Natur, umsorgt von einer Frau, deren ganzes Wesen der Natur verbunden ist. Auch Bertha erhält einen Platz in ihrem Buch, als alte weise Ratgeberin des unsichtbaren Volkes, zu der die erwachsenen guten Geister kommen, um sich mitzuteilen oder beraten zu lassen. Die Jüngeren und Kinder besuchen lieber eine andere alte weise Frau, die sich jedoch im Inneren ein Kind bewahrt hat, das sich großzügig in die Seelen der Jüngsten einzufühlen vermag. Es klopft an die Tür und Lizzy bittet den unerwarteten Besuch herein. Es ist Bertha, die vom Schlafraum zu ihr hinaufschaut und leicht tadelnd den Kopf schüttelt. Es ist schon später Vormittag und Lizzy ist nicht zum Frühstück erschienen. Ohne Energie würde ihre Schreibwut allerdings schnell erschöpfende Wirkung haben. Bertha weiß um den Verlust des Gespürs für Zeit, Umgebung und den eigenen Körper, wenn man in einer Art „Zwischenwelt“ verweilt und von kreativen Kräften umgarnt wird. „Du bist ja noch nicht einmal gewaschen und angezogen“, schimpft sie mäßig streng mit Blick auf Lizzys kurzen Pyjama und ihr ungekämmtes halblanges Haar. „Ach, Waschen, Zähne putzen und Essen wird allgemein überbewertet“, antwortet Lizzy grinsend, während sie sich langsam wieder ins Hier und Jetzt begibt. Leicht schuldbewusst setzt sie jedoch hinzu: „Ich komme sofort.“ Bertha nickt und verlässt das Baumhaus. Wenig später folgt Lizzy ihr, mit Zahnbürste und anderen Utensilien

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bewaffnet. Kurz darauf sitzt sie auf der Veranda, beißt genüsslich in eine Scheibe Weißbrot mit Schinken, nimmt eine Gabel voll Rührei dazu und trinkt dann einen Schluck Kaffee. Ein bisschen wünscht sie sich, dass Bertha sie sanft zurechtweisen würde, nicht zu hastig zu essen. Doch Bertha denkt sich nur ihren Teil und grinst. Lizzy erkennt, dass Bertha zwar mütterlich ist, sie aber dennoch als Erwachsene behandelt. Denn mit Mitte zwanzig sollte jeder selber wissen, was gut und richtig für ihn ist, und nicht die Verantwortung auf jemand anderen abwälzen. Lizzy grinst, wohl wissend, dass sie sich gerade bei ihrer eigenen Erwartungshaltung beim Wünschen ertappt hat. „Heute Mittag gibt es einen Nudelauflauf. Ich werde kurz zu dir hochrufen, wenn es so weit ist“, informiert Bertha sie. „Oh lecker. Ich hoffe, ich höre es, wenn du rufst.“ „Falls nicht, ist es auch kein Problem. Aufläufe kann man prima aufwärmen.“ Bertha lässt keinen Zweifel daran, dass sie Lizzy nichts hinterhertragen wird. Lizzy wirft ihr einen Kuss durch die Luft zu und lächelt. Bertha hat recht, sie schreibt zwar ein Kinderbuch, will aber mit Sicherheit nicht selbst wieder zum Kind werden. Das nämlich hätte schließlich auch seine Schattenseiten, z. B. nicht ernst genommen zu werden. Sie muss schon selbst aufpassen und rechtzeitig auf ihren Magen hören. Außerdem wäre es sehr unhöflich, Bertha besondere Umstände zu machen, da sie ihr bereits während des Frühstücks einen Teller mit Obst und Nüssen zum Mitnehmen zubereitet. Für den Tag sind weitere Gewitter angesagt. In der Ferne formieren sich schon dunkle Wolken. Da das eine verheißungsvolle Atmosphäre zum Schreiben verspricht, zieht Lizzy sich ins Baumhaus zurück.

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Die besondere Zutat  
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