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Der Tod des Dalai Lama

TAODE


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Einleitende Worte

I

m Nachfolgenden finden wir, mit viel erzählerischer Freiheit, eine verborgene Geschichte des Dalai Lama. Es ist eine spirituelle Reise in das Herz des Buddhismus. Dabei erfahren wir von spannenden und auch bedrohlichen Kindheits- und Jugenderlebnissen, sowie drastischen UmbrĂźchen und Katastrophen. Einige davon haben groĂ&#x;e globale Auswirkungen, die uns alle betreffen. NatĂźrlich sind viele Fakten bekannt: Der 14. Dalai Lama wurde 1935 als Lhamo Dondrub in Takster im Gebiet Amdo in Tibet, als fĂźnftes von sieben Kindern geboren. Durch eine Suchkommission wurde er als Reinkarnation des 13. Dalai Lama wieder entdeckt, geprĂźft, und später als 14. Dalai Lama bestätigt. Als MĂśnch erhielt er den Namen (hier die Kurzform): Tenzin Gyatso. Er absolvierte eine umfangreiche Ausbildung, die bereits sehr frĂźh begann, von dutzenden Lehrern unterstĂźtzt wurde und im 25. Lebensjahr mit der buddhistischen DoktorwĂźrde „Geshe“ vollendet wurde. Allerdings erfolgte bereits im Alter von 15 Jahren die Einsetzung als 14. Dalai Lama. 5


Als 1959 aufgrund der chinesischen Invasion in Tibet, der Dalai Lama nach Nordindien fliehen musste, war er 25 Jahre alt. Seitdem bemüht er sich um Dialog, Frieden, Gewaltfreiheit und für die Erhaltung der tibetischen Traditionen und Kultur. Dafür erhielt er 1989 den Friedensnobelpreis. Das sind alles gut bekannte Tatsachen, aber sie bilden natürlich nur die sichtbare „Spitze des Eisberges“. Das, was sich gewissermaßen unterhalb des Sichtbaren zugetragen haben könnte, liefert eine spannende Geschichte. Im Mittelpunkt steht hier nicht nur der Dalai Lama, sondern auch eine Vision, die uns alle betreffen könnte. Umrahmt wird diese Geschichte von einzelnen Einblicken in die buddhistische Ausbildung und den Transformationen des Dalai Lama, die uns durch das Lachen des Dalai Lama offenbart werden. Dieses Buchprojekt regte zu zahlreichen und darunter auch kontroversen Diskussionen an. Wir finden hier eine Geschichte vor, die den Dalai Lama auch von seiner menschlichen Seite zeigt. Der tiefe Respekt vor seiner Heiligkeit dem XIV. Dalai Lama sollte dadurch nicht geschmälert werden. Es möchte aber auch den Respekt vor den vielen Milliarden Menschen unterstreichen, die als fühlende Wesen über die gleichen Potentiale verfügen. Der Zen-Priester Steve Hagen schreibt: Denn wenn du Lehrer zu Göttern machst, wie kannst du dann erkennen, dass du im Grunde bist wie sie? Wir alle sind auf einem nicht ganz leichten Weg. Und hier finden wir einen sehr spannenden Lebensweg, der uns wohl einiges auch über uns selbst zu zeigen vermag, aber auch über den Budd6


hismus, als ein Kulturen übergreifendes Geistestraining. Diese Qualität könnte in einem stärken Maß für uns nutzbar gemacht werden. Dazu möchte dieses Buch einen kleinen Beitrag leisten. Sich einem Buch zu widmen ist immer kostbare Lebenszeit. Ich wünsche der Leserin und dem Leser viel Vergnügen bei der Lektüre. Matthias Ennenbach Weilheim 2012

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Kapitel 1 ,QGHU.LQGKHLWHQWIDOWHWVLFKGLH,QWHOOLJHQ]XQGGHU*HLVW LVWYROOYRQ)UDJHQ 'LHVHULQWHQVLYH:LVVHQVGXUVWLVWGLH*UXQGODJHIÂ UXQVHU LQQHUHV:DFKVWXP ;,9'DODL/DPD

Der Junge aus Takster

D

ie Tagesgeräusche verstummten langsam und hinterlieĂ&#x;en einen Raum fĂźr die Nachtgeräusche. In diesem Ăœbergang entdeckte Lhamo einen kurzen Moment der Stille. Er lauschte gerne den Geräuschen und wie sie sich im Tagesverlauf veränderten. Der kleine Ort, indem er lebte, bestand nur aus wenigen Gebäuden, die sich auf den Ăśstlichen Hochebenen Tibets, in einer Ăźberwältigenden Natur, erfolgreich behaupteten. Die einzigen Geräusche, die er jetzt wahrnahm, erzeugte der Wind. Wenn er sich langsam drehte, dann änderte sich der Klang des Windes in seinen Ohren. So stand er eine Weile da und drehte ganz langsam seinen Kopf hin und her, und lauschte. Es waren sanfte Schschsch-Geräusche. Aber wo waren sie wirklich? Auf Lhamo wirkte es so, als ob sich die Geräusche tief in seinem Ohr befinden wĂźrden. Aber das änderte sich bei jeder leichten Kopfdrehung. In einer bestimmten Position fĂźhlte es sich an, als wĂźrde der Wind seine Ohre streicheln und ihm dabei sanft ins Ohr pusten. 8


Sein älterer Bruder hatte ihm einmal erklärt, dass es wahre Stille nur in uns, im Inneren, gäbe. Aber niemals dort draußen. Das war eigentlich nur so daher gesagt, aber auf Lhamo hatte es einen großen Eindruck gemacht. Er wollte es selbst nachprüfen, ob es nicht doch einen ganz stillen Ort gab. So war er in Takster herumgelaufen und hatte einen Ort der Stille gesucht. Die kleine Ortschaft war recht überschaubar. Lhamo kannte bereits schon im Alter von vier Jahren sämtliche der insgesamt 16 anderen Familien. Für seine Suche nach dem Ort der Stille, lief der kleine Lhamo umher und ging als erstes in einen großen alten leeren Stall. Hier fand er zwar noch einen kräftigen Geruch vor, aber natürlich genauso wenig Stille, wie hinter einer verwinkelten Hauswand. Nicht in einem kleinen Innenhof und auch nicht in dem Erdloch neben dem Haus der Nachbarn. Er wagte sich auf seiner Suche sogar alleine etwas außerhalb der Dorfgemeinschaft. Aber selbst draußen in der einsamen Natur fand er keine Stille. Stets waren da Geräusche von Tieren, dem Wind oder anderen undefinierbaren Quellen, die Lhamo nicht sofort zuordnen konnte. Vielleicht gab es ja die Stille nur auf den Berggipfeln? Aber da er sich mit dem Wind recht gut vertraut gemacht hatte, glaubte er auch daran nicht so recht. Damit hatte sein Bruder schon mal Recht behalten. Außen war kein Ort der Stille zu finden. Aber wo in seinem Inneren, von dem sein älterer Bruder ebenfalls gesprochen hatte, sollte es diese Stille geben? Selbst wenn er sich die Ohren zuhielt, hörte er immer noch etwas von seiner Umwelt. Und wenn es außen fast ganz still wurde und er dazu noch die Ohren zuhielt, konnte er in sich immer noch 9


Geräusche wahrnehmen. Er lauschte, und hörte zuerst seinen Atem. Es war wie ein rhythmischer Windhauch. Und alles andere als leise. Und dann, mit etwas mehr Aufmerksamkeit, auch seinen Herzschlag. Das fand er gleich auf Anhieb ziemlich spannend. In ihm gab es verschiedene Geräusche in verschiedenen Rhythmen. Und je nach seiner Verfassung änderten sie sich. Wenn er ein Stück lief und sich dann die Ohren zuhielt, entstanden vollkommen andere Geräusche, als zum Beispiel am Abend, wenn er in seinem Bett lag und lauschte. Es gab vieles zu hören. Nur keine Stille. Wo sollte es diese Stille also geben, von der sein Bruder gesprochen hatte? Wenn es diese Stille in mir wirklich gibt, wieso erlebe ich sie dann nie? dachte Lhamo, als er fast schon eingeschlafen war. Wieder lauschte er. Was waren das für Geräusche? Sie waren oft so schwer zuzuordnen. Es gab da ein Knarren, ein Rascheln, Tiergeräusche und zahllose andere Töne, die Lhamo nur erahnen ließen, dass die Nacht keineswegs für alle Wesen der Ruhe dienten. Er spürte sehr genau, dass er als kleiner Junge zu den Tagwesen gehörte. Die Nachtwesen waren ihm noch völlig fremd. Allerdings hatte er schon von zahlreichen Erzählungen gehört, die Erwachsene abends, wenn sie zusammen saßen, untereinander austauschten. Oftmals war hier auch die Rede von der Dunkelheit, vom Tod und Geistern und Dämonen. Oft wurde von den verstorbenen Ahnen gesprochen. Aber das geschah in einer Weise, als wären sie noch sehr lebendig und immer anwesend.

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Die Erwachsenen erkannten anscheinend überall um sie herum wirkende Ahnen, Geister und Götter. Seine Eltern und auch seine älteren Geschwister hielten in den verschiedensten ihrer Verrichtungen oftmals inne und verhielten sich, als wäre noch jemand oder noch etwas anwesend. Er wurde auch immer wieder darauf hingewiesen, sich brav zu verhalten, um keine Geister zu erzürnen. Anscheinend war alles um ihn herum auf eine besondere Art lebendig. Überall hüteten Geister das Gleichgewicht. Aber einige von ihnen waren wohl auch zu Scherzen aufgelegt. Sie ließen Gegenstände zu Boden fallen und konnten sogar auch für größere Schäden sorgen. Die Erwachsenen zeigten oftmals ein ehrfürchtiges Verhalten, wenn sie über die sie umgebenden Kräfte sprachen. Sie waren ehrfürchtig, aber sie schienen sich meist nicht zu fürchten. Vielleicht werde ich die Geister erst sehen können, wenn ich so alt bin wie mein älterer Bruder. Lhamo versuchte sich immer wieder selbst zu beruhigen, wenn er die Erwachsenen mit den Geistern sprechen hörte. Denn für ihn waren diese Vorstellungen von unsichtbaren Geistern alles andere als beruhigend. Das Verhalten der Erwachsenen erzeugte in Lhamo in solchen Situationen immer Angst. Die Nähe zu den Erwachsenen wirkte dann zwar oft beruhigend, aber er hatte immer das Gefühl, dass es da noch etwas gibt, das ihn beobachtet, auf ihn einwirkt, aber das er nicht sehen konnte. Am Tage, wenn alles hell und sichtbar war, fand Lhamo die um ihn herum lebenden Geister schon recht beängstigend, allerdings steigerte sich die Angst in der Nacht oft zu einem nur noch schwer alleine auszuhaltenden Gefühl. 11


In seiner Angst war er dann ganz Ohr: Er lauschte auf jedes Geräusch. Jetzt in diesem Augenblick waren auch tatsächlich die Tagesgeräusche verstummt und die Nachtgeräusche noch nicht zu hören. Dieser Moment war für Lhamo immer ein ganz besonderer. Wie durch Zufall hatte er diesen Moment entdeckt. Dabei war ihm eingefallen, dass es einen Unterschied zu geben schien zwischen Stille und Ruhe. Vielleicht hatte sich sein Bruder auch nur etwas unklar ausgedrückt, denn auch wenn die Stille nicht ganz perfekt lautlos war, konnte er selbst doch eine vollkommene Ruhe in sich spüren. Auch wenn diese immer nur von kurzer Dauer war, denn in solchen Momenten tauchten sehr schnell wieder die unterschiedlichsten Empfindungen und Gedanken auf. Er trat jetzt an das Fenster, sah die Dunkelheit und spürte die immer nur kurz anhaltende Stille dort draußen und die Ruhe in sich. Das war der Augenblick, in dem Machig zu ihm kam. Noch bevor sie lautlos auf ihn zukommen und berühren konnte, spürte er schon ihre Anwesenheit. Es war immer dieser besondere Moment der Stille, in dem die beiden sich fanden. Obwohl Machig nur unwesentlich älter war als Lhamo, so war sie doch erfahrener. Sie schien immer den richtigen Moment für ihr Erscheinen zu kennen. Ohne zu sprechen standen sie dann meist für eine ganze Weile gemeinsam lauschend in der einbrechenden Nacht. Es dauerte nie lange, bis die Stille des Übergangs in die Abendund Nachtgeräusche mündete. Unten im Haus wurde das Feuer im Ofen angezündet und verkündete die baldige Zusammenkunft der Familie zum Essen.

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Kapitel 2 ,QGHU.LQGKHLWZLUGGDV)XQGDPHQWJHOHJW 'LH'HQNZHLVHZLHZLUXQVZlKUHQGGLHVHUDXVVFKODJJHEHQ GHQ-DKUHDQHLJQHQ KDWHLQHQWLHIJUHLIHQGHQ(LQIOXVVDXIGHQ9HUODXIXQVHUHU JHVDPWHQ([LVWHQ] ;,9'DODL/DPD

Lhamo und Machig auf dem Dach der Welt

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o schnell, wie die Dunkelheit in Lhamo Angst erzeugen kann, so leicht vermag eine BerĂźhrung von Machig seine Angst auch wieder zu lĂśsen. Lhamo spĂźrte dann, wie schnell sich sein KĂśrper entspannte. Sie war da. Sie war wieder da. So standen sie eine Weile, lauschten gemeinsam, sahen aus dem Fenster und blickten in die hereinbrechende Nacht. Da es im Zimmer keine Lichtquelle gab, konnten sie die Umgebung drauĂ&#x;en recht gut betrachten. Vor allem, wenn die Wolken mal wieder den Mond freigaben. Beiden waren eigentlich auf einen Moment der Ruhe eingestellt. Sie schauten hinaus in die Nacht. Da beide gleichzeitig erschraken, hatten sie es wohl auch gleichzeitig wahrgenommen. Da drauĂ&#x;en war etwas. Eine Gestalt bewegte sich sehr schnell und zielsicher durch die Nacht. Seine Bewegungen schienen ungewĂśhnlich flieĂ&#x;end und 13


sicher. Es war der Gestalt nach ein Mensch, aber es war dennoch in seinen Bewegungsabläufen und der fast instinkthaften Sicherheit, mit der es durch die Nacht glitt, etwas animalisches, als könnte es auch in der mondlosen Dunkelheit alles deutlich sehen. Lhamo und Machig ahnten mehr von der Gestalt, als das sie sie genau sehen konnten. Aber als eine Wolke den Mond freigab, erschraken beide heftig. Lhamo spürte das Zusammenzucken von Machig und Machig konnte intensiv spüren, wie sehr auch Lhamo vor Schreck zitterte. Das machte die erschreckende Wahrnehmung noch bedrohlicher. Der Mond beleuchtete ein Wesen mit einer scheußlichen Grimasse. Beide Kinder sahen übergroße hervorquellende Augen, lange Zähne und eine struppige Mähne. Lhamo ergriff Machigs Hand und Machig murmelte ein Schutzgebet. Anscheinend waren sie tatsächlich Zeuge einer Dämonenerscheinung. Allerdings wurde dem Dämon schon bald im Nachbarhaus die Türe geöffnet. Eine knappe Begrüßung fand statt, die allerdings keinerlei Entsetzen des Nachbarn zeigte. Machig und Lhamo schauten sich fragend an und in ihren Augen war Neugierde und Angst zu gleichen Teilen zu lesen. Was geschah im Nachbarhaus? Dort wohnte doch der alte Gyaltse mit seinem seltsamen Sohn, vor dem alle Kinder des Ortes Angst hatten. Machig und Lhamo wussten seinen Namen gar nicht. Er sprach mit niemanden, er wurde nie erwähnt, er verließ das Haus nur selten und am liebsten in der Dunkelheit. Das hatte er so lange getan, bis sich die Dorfbewohner beim alten Gyaltse erkundigten, was es damit auf sich ha14


be. Auch glaubten einige im Dorf, das die nächtlichen Streifzüge seines Sohnes mit dem Verschwinden von Weidevieh im Zusammenhang standen. Die Kinder hatten Angst vor Gyalses Sohn, weil dieser ständig entweder mit sich selbst oder aber mit jemanden zu sprechen schien, den sonst niemand sehen konnte. Anscheinend hatte er einen ganz besonderen Kontakt zu den Geistern. Es sei auch schon vorgekommen, dass Gyalses Sohn in Zuckungen zusammen gebrochen sei und dann unverständliches Geschrei von sich gegeben habe. So verdichtete sich im Dorf immer mehr die Ansicht und auch die Sorge, dass entweder Gyaltse selbst mit den dunklen Mächten in Verbindung stehe, oder zumindest sein Sohn von mächtigen Dämonen heimgesucht werde. Nun sahen Machig und Lhamo es mit ihren eigenen Augen, dass es tatsächlich stimmte: Gyaltse bekam offenkundig den nächtlichen Besuch eines Dämons. Lhamo wollte eigentlich am liebsten zu seinen Eltern laufen, um ihnen von der Katastrophe und der Gefahr zu berichten. Nur Machigs Art, ihn fragend anzuschauen, hielt ihn noch zurück. Na, Lhamo, möchtest du zu Mami laufen? Diese Frage reizte ihn natürlich und stellte seinen derzeit gar nicht vorhandenen Mut auf eine große Probe. Wie konnte er Machig ebenbürtig sein und gleichzeitig den Rückzug antreten? Und, Machig, was sollten wir denn sonst tun? Lhamo hoffte inständig darauf, dass Machig jetzt einlenkte und die Kinder sich an die Erwachsenen wenden konnten. Aber zu seinem Entsetzen sagte Machig: Los komm, Lhamo, wir schauen selbst, was da bei Gyaltse vorgeht.

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Kapitel 3 8QWHUVFKHLGHQ6LHJHQDX]ZLVFKHQGHU3HUVRQ XQGGHPPRPHQWDQHQ9HUKDOWHQGHU3HUVRQ ;,9'DODL/DPD

Der Nachbar und der Dämon

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as Tor zum Innenhof beim Nachbarn war wie üblich unverschlossen. Machig und Lhamo standen mit klopfendem Herzen davor. Mit ganz leichtem Druck ließ es sich knarzend öffnen. Das spärliche Licht reichte aus, um den Weg zum Wohnhaus zu beleuchten. Die Tür war natürlich versperrt, aber auch das Fenster war jetzt eigenartiger Weise verhängt. Machig wies sofort auf eine Treppe rechts neben der Eingangstür, die sie auf den Dachboden führen konnte. So gelangten Machig und Lhamo schnell und sicher in einen Bodenraum oberhalb des Wohnbereiches. Als sie den Raum betraten, rochen beide den Duft von altem Stroh und von Tieren, die diesen Raum immer wieder in kalten Nächten als Unterschlupf nutzen. Aufgrund der vollkommenen Dunkelheit in dem Raum, sahen beide sofort die Bodenspalten, aus denen das Licht vom unteren Wohnbereich hindurchschien. Ohne zu überlegen, krochen sie nun auf allen Vieren zu den Lichtschlitzen. Im unteren Raum sahen sie einen Ofen mit offener Feuerstelle, so dass der Schein des Feuers den Raum erhellen konnte. Darüber hinaus waren überall im Raum Kerzen verteilt, deren Schein nun

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eine Szene beleuchtete, die für Machig und Lhamo schon auf den ersten Blick atemberaubend war. Der Sohn von Gyaltse saß auf einem großen Stuhl mit stabiler Rückenlehne und ebenfalls stabilen Armstützen. Machig und Lhamo sahen sofort, dass er mit den Händen an den Armlehnen gefesselt war. Ebenso waren seine Beine an den Stuhlbeinen festgebunden. Um seinen Oberkörper herum und um die Rückenlehne befand sich ein schweres Seil. Ansonsten war Gyaltses Sohn völlig nackt. Hinter seinem Sohn stand Gyaltse, er hatte seine Hand auf den Kopf seines Sohnes gelegt und versuchte ihn zu beruhigen. Aber sein Sohn zerrte an den Seilen, verdrehte die Augen und schrie. Gyaltse schien sich alle Mühe zu geben, aber er konnte seinem Sohn die Angst nicht nehmen. Auch er selbst wirkte sehr angespannt und besorgt. Scheinbar völlig unbeeindruckt davon hockte der Dämon mit dem Rücken zum Vater und Sohn und blickte in das Feuer. Er schien sich mit dem Feuer zu unterhalten. Vom Dachboden aus konnten Machig und Lhamo nur die Schreie des Sohnes hören, aber in den Pausen, war das Murmeln des Dämons deutlich zu hören. Ob er wohl aus dem Feuer noch weitere Dämonen heranlockt? Lhamos zittrige Stimme verriet seine Angst. Aber von Machig kam keine Antwort, sie war in die Szene vollkommen eingetaucht. Siehst du die Zeichen? raunte ihm Machig nach einer Weile zu. Der ganze Oberkörper des Sohnes war mit seltsamen Schriftzeichen bedeckt. Die angebrannten Holzscheite lagen noch auf dem Tisch vor ihm. Anscheinend wurden damit die Schriftzeichen auf die Haut gezeichnet.

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Als nächstes sahen die beiden, wie sich der Dämon wieder mit diesen fließenden und scheinbar schwerelosen Bewegungen drehte und mit einer brennenden Hand auf Vater und Sohn zuschwebte. Nach dem ersten Schreck erkannten Machig und Lhamo aber, dass der Dämon ein Stück brennendes Holz in der Hand hielt. Damit kam er nun auf den hilflosen Sohn zu. Er setzte einen Fuß auf dessen Brustkorb, und schien die ganze Luft aus dem jungen Mann herauspressen zu wollen. Gyaltse hielt den Stuhl von hinten fest, sonst wäre sein Sohn sicher mit dem Stuhl umgefallen. Als der Dämon den Druck lockerte, hielt er sofort das brennende und rauchende Holz vor das Gesicht des entsetzten Jungen. Der Dämon nutzte sogleich den einsetzenden Atemreflex, in dem er das würzig rauchende Stück Holz nun kräftig anblies und so das Opfer zwang, den gesamten Rauch einzuatmen. Als Folge davon sackte Gyaltses Sohn sofort in sich zusammen. Der Dämon stieß Gyaltse zur Seite und begann tanzend den Stuhl mit seinem Opfer zu umkreisen. Das rauchende Stück Holz schwang er dabei wild durch die Luft. Schon bald war der gesamte Raum mit Rauch eingehüllt. Der Rauch drang dann auch bald durch die Spalten in der Zimmerdecke, so dass auch Machig und Lhamo den würzigen, aromatischen aber auch beißenden Rauch zu spüren bekamen. Da beide auf dem Bauch lagen und wie gebannt, fast schon wie gelähmt, in das Geschehen eingetaucht waren, konnten sie sich schon nicht mehr bewegen, als der Rauch sie traf. Sehr schnell war seine besänftigende Wirkung zu spüren. Beide hatten das Gefühl als würde der Rauch sie mütterlich umfangen. Die Angst und Anspannung waren vollkommen verflogen.

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Lhamo erzählte später Machig, dass er die Empfindung hatte, dass der Boden, auf dem er lag, nicht mehr vorhanden gewesen sei und er frei über der Szene, die er unter sich sah, geschwebt habe. Die weiteren Ereignisse des Abends, die sich im Zimmer unter ihnen abspielten, gerieten in einen diffusen Nebel unklarer Erinnerungen. Trotz der beruhigenden Wirkung des Rauches konnten beide die bedrohliche Stimmung, die der Dämon erzeugte, durchaus noch intensiv wahrnehmen. Als dann aber ein Trommeln einsetzte, dessen monotoner Rhythmus einschläfernd wirkte, konnten beide Kinder das Geschehen nicht mehr klar verfolgen. Immer wieder fielen ihnen die Augen zu. Aber das letzte was beide mit Entsetzen deutlich sahen, war das Dämonengesicht, mit den großen, weit aufgerissenen Augen und den langen weißen Reißzähnen. Es blickte direkt zu Ihnen hoch. Erstaunlicherweise erwachte Lhamo am nächsten Morgen in seinem Bett. Die nächste Überraschung stellte für ihn das Verhalten seiner Eltern dar, als sie am nächsten Morgen auf die aufgeregten Erzählungen ihres Sohnes mit augenscheinlicher Gelassenheit reagierten. Lhamo war davon vollkommen irritiert. Interessierte es die Erwachsenen gar nicht, dass im Dorf ein Dämon sein Unwesen trieb und dass der Nachbar mit dem Dämon anscheinend unter einer Decke stecke und sogar seinen eigenen Sohn quälte? Für einen kurzen Moment dachte Lhamo daran, dass es vielleicht seine Eltern auch zulassen würden, wenn sich der Dämon mit ihm beschäftigen wollte. Waren womöglich bereist alle Er20


wachsenen des Dorfes in der Hand des Dämons? Lhamo saß mit großen Augen am Küchenfeuer und wirkte vor Sorge fast apathisch. Lieber Lhamo, so beruhige dich doch. Was du gesehen hast, war das Werk eines Mila, versuchten ihn nun seine beiden Eltern zu besänftigen. Du musst nämlich wisse, lieber Lhamo, dass das Geschlecht der Milas sehr eng mit unserer tibetischen Tradition verknüpft ist. Und nun folgte Lhamo staunend der Geschichte über Vertrauen, Verrat, Mord, Sühne, Vergebung und Befreiung. Die Geschichte des Milarepa und eine Geschichte über Schamanen in Tibet.

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Kapitel 4 'DLFKLQGHUXUVSUÂ QJOLFKHQ1DWXUGHV*HLVWHVUXKH ZLUGPLUGLH)Â OOHYRQWLHIHQ(UNHQQWQLVVHQ]XWHLO 0LODUHSD

Das Geschlecht der Mila

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ereits Jahrhunderte vor dem ersten Dalai Lama lebte in der Zentralprovinz in Tibet das Geschlecht der Mila. Fast 1000 Jahre, bevor Machig und Lhamo den Schamanen bei Gyaltse beobachteten, erhielt der erste Mila seinen Namen aufgrund seiner Tätigkeiten als Dämonenbändiger und Schamane. Er war damit sehr erfolgreich und wurde deshalb von den Mitgliedern seiner Dorfgemeinschaft sehr geachtet. Deshalb durfte er als Ehrentitel die Bezeichnung Mila fßhren. Diesen Namen gab die Familie stets an den Sohn oder den Herzenssohn, also den Schßler, weiter. Im elften Jahrhundert, im Jahr des Wasserdrachen, wurde Milarepa geboren. Der Legende nach wuchs er in einer reichen Händlerfamilie auf. Sein Vater war ein geschickter Mensch, der es verstand, seinen Reichtum zu mehren. Allerdings zeigte sein Vater relativ wenig Feingefßhl bei der Auswahl seiner Vertrauten. Als er im Sterben lag, war sein Sohn erst sieben Jahre alt. Daher ßbertrug er seinen Reichtum an seinen Bruder und seine Schwester. Diese sollten das Erbe verwalten, bis sein Sohn Milarepa volljährig, also 15 Jahre alt geworden war.

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Milarepa und seine Mutter wurden allerdings von diesen Verwandten sehr schlecht behandelt und als es dann später um die Aushändigung des Erbes ging, wurden beide von Onkel und Tante betrogen. Der rasante Wechsel vom materiellen Überfluss hin zur Armut, war für Milarepas Mutter nicht zu ertragen. Aber sie war wohl nicht nur eine traurige, sondern auch eine wütende Frau. Eine Frau, der es nach Rache gelüstete. Davor kann sich kaum ein Mann wehren, ein fünfzehnjähriger Junge war dem schutzlos ausgeliefert. So kam es, dass Milarepa die Kunst der schwarzen Magie erlernen sollte. Mit dieser Hilfe, so sagt es die Legende, brachte er das Haus seiner Verwandten zum Einsturz und tötete sie alle. Sicherlich kannten die Menschen, die im Umfeld lebten, alle die Abläufe und Hintergründe. Aber dennoch kam es wohl zu keinem Prozess, zum Beispiel wegen Selbstjustiz. Milarepa hatte also Erfolg mit dieser Tat. Trotz seiner Jugend war er erfolgreich. Ein Erfolg, der anderen Menschen das Leben gekostet hatte. Der Junge musste damit leben, einen Teil seiner eigenen Familie ausgelöscht zu haben. Lediglich seine Mutter und seine Schwester waren noch am leben. Wahrscheinlich brachte ihm diese Tat einiges an Anerkennung. Er hatte für Gerechtigkeit gesorgt. Zwar auf eine grausame Weise, aber dennoch konnte er sich beweisen. Eigentlich sollte seine Mutter nun endlich zufrieden sein, aber Milarepa spürte, dass sie ihm nun nicht mehr vertraute. Er war nicht mehr der kleine Sohn. 23


Von einem Tag auf den anderen hatte er bewiesen, dass er ein gefährlicher junger Mann geworden war. Das spürten seine Mutter und auch seine Schwester. Die beiden einzigen Menschen, für die er diese Bürde auf sich genommen hatte, entfernten sich von ihm. So entstand eine innere Leere, die er nicht mehr füllen konnte. Jeder weitere Schritt in die dunkle Magie hinein erzeugte eine größere Distanz zu seinem Leben und vor allem seiner jüngeren Schwester, die er sehr liebte. Sie war es auch, die auf ihn zuging und ihm in die Augen schaute, dabei legte sie ihre Hände auf die seinen. Milarepa, wohin gehst du? Wohin wird dich dein Weg führen? Sie stellte diese Fragen ganz sanft und erwartete wohl auch keine Antwort. Aber diese Fragen brannten sich ihm ein, er hörte sie danach noch viele Tage lang, wie ein stilles Echo in sich. Wohin wird mich mein Weg führen, wenn ich genau so weitermache? So entwickelte sich in ihm ein immer stärkeres Verlangen danach, einen neuen Weg für sich zu finden. Das war aber innerhalb seiner Familie und seiner gewohnten Umgebung kaum möglich, deshalb reifte in Milarepa der Entschluss, fortzugehen. Das war der Beginn einer legendären Entwicklung. Wie so viele Menschen seines jungen Alters, neigte auch Milarepa zu den Extremen. Er ließ alles zurück und zog in die Berge. Seine Askese- und Selbstkasteiungsübungen schienen sehr radikal

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gewesen zu sein. Wahrscheinlich können diese extremen Verhaltensweisen als Sühnebemühungen angesehen werden. Es folgten viele entbehrungsreiche Jahre, bis er seinen buddhistischen Lehrmeister Marpa fand, der ihm den Pfad zur Befreiung, den Mittleren Weg zeigte. Milarepa lebte lange Jahre zurückgezogen als Einsiedler in der Natur. Heutige Bildnisse zeigen ihn als Meditierenden auf einem Fell sitzend und die eine Hand lauschend an das Ohr gehalten. Man sagt, er habe die Stille direkt hören können. So wie schon Angulimala, ein berühmt-berüchtigter Mörder, der von Buddha geheilt werden konnte, so wurde Milarepa ein weiterer sehr berühmter Straftäter, der durch die buddhistische Lehre und Praxis auf einen heilsamen Weg zurückfand und die Befreiung erreichte. Milarepa blieb dann auch nicht in erster Linie als reuiger Straftätiger bei den Tibetern in Erinnerung, sondern als ein Mensch, der trotz früher Verfehlungen, die Befreiung für sich erreichen konnte. Das ist eine ganz besondere Konstellation, da viele Buddhisten davon ausgehen, dass sie selbst ohne schwere Verfehlungen nicht in diesem Leben die Befreiung finden werden. Und nun zeigt uns Milarepa, dass wir selbst als Mehrfachtäter die Befreiung finden können. Wir dürfen also immer hoffen. Das Leben in einer Höhle, der Verzicht auf persönlichen Besitz, die völlige Unvoreingenommenheit gegen jeden Besucher, egal ob es umherziehende Banditen oder einfache Wanderer waren, Milarepa zeigte sich frei. Diese Freiheit wurde von vielen als Narrheit erlebt. Der befreite Mensch als ein weiser Narr, wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem festen Begriff. 25


Sein persönlicher Weg in die Befreiung zeichnete sich also durch sehr extreme Erfahrungen aus. Ein Weg also, den Buddha selbst als bedenklich bezeichnete. Auch er begann seinen spirituellen Weg mit Extremerfahrungen, zum Beispiel durch seine Askese. Diese Tendenzen in uns, oft in Extremen eigene Erfahrungen zu suchen, beinhalten zu viele Gefahren und führen nur zu oft nicht ans Ziel. Die Weisheit des Mittleres Weges ist deshalb eines der grundlegendsten buddhistischen Anliegen. Der heutige Milarepa blickt also auf eine lange Ahnenreihe zurück. Über fast 1000 Jahre hinweg lehrte Mila der Vater seinem Sohn oder Herzenssohn den Weg des Mila: Der Weg des weisen Narren und Schamanen, des Dichters und Yogis. Wie jeder Mila vor ihm, so war auch der heute lebende Mila durch eine harte Schule gegangen: Jeder einzelne Mila vollzog den Weg des ersten Milarepa und gewissermaßen auch des Siddhartha nach. Der Weg, den Siddhartha vor 2500 Jahren freiwillig und den Milarepa vor 1000 Jahren mehr oder weniger freiwillig ging, wurde seit dem elften Jahrhundert jedem Mila-Sohn als Lehrweg vorgegeben: Nach Jahren des Wohlstandes in Kindheit und früher Jugend, erfolgt dann immer der Bruch, der Entzug der materiellen Unterstützung und die Weisung, nun den eigenen Weg alleine zu finden. Es ist ein komplexer Initiationsritus, der die Persönlichkeit und insbesondere das Bewusstsein des jungen Mila transformiert. In dieser Grenzsituation und auch in der nachfolgenden Zeit, muss er

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beweisen, dass er von seiner vorausgegangenen Ausbildung profitieren konnte. Natürlich erhielt jeder junge Mila, anders als sein Urahne Milarepa, ein stabiles spirituelles Handwerkszeug mit auf den Weg: Die buddhistische Lehre und Meditationspraxis. Der erste Milarepa musste im elften Jahrhundert viele dunkle Täler durchwandern, er erzeugte viel Leiden, bis er seinen spirituellen Weg und seinen Lehrer Marpa fand. Heute profitiert davon jeder junge Mila. Sie wurden alle schon recht früh auf diesen bevorstehenden Bruch vorbereitet. Dennoch wurde es keinem jungen Mila leicht gemacht. Der plötzliche Verlust aller Halt gehenden Strukturen erzeugt im jungen Mila eine fundamentale Erschütterung. Alles Vertraute entfällt. Es ist, als würde man für einen Neubau erst das alte Haus abreißen. Wenn ein junger Mensch dann in diesem Stadium auf den Ruinen seiner bisherigen Existenz steht, dann scheint er wie ein trockener Schwamm zu sein: Dürstend nach dem Heilmittel, dass das innere Chaos zu lindern vermag. So entstehen natürlich enorm günstige Voraussetzungen für Veränderungen, Wandel und Transformation. Wohl nie ist die Lernbereitschaft größer. Und dieser Zeitpunkt wird dann auch genutzt, den Kontakt mit dem spirituellen Meister herzustellen. Die uralte tibetische Naturreligion des Bön, die eine schamanische Weltsicht beinhaltet, wird dem jungen Mila ebenso vermittelt, wie die klassischen buddhistischen Lehren. Allerdings gibt es aus der uralten Tradition der Milas eine Besonderheit in der buddhistischen Ausbildung.

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Viele Jahrhunderte war der Buddhismus in Tibet sehr eng mit der Bön-Religion verknüpft, so dass trotz der nicht-theistischen Anschauung der Buddhisten, die tibetischen Gläubigen eine Vielzahl von Dämonen, Naturgeister und Götter kannten. In dieser Tradition wuchs auch der erste Milarepa auf. Allerdings hatte Milarepa im elften Jahrhundert eine äußerst einflussreiche Zeitgenossin. Die Yogini Machig Labdrön war eine buddhistische Yogini, die sehr anschaulich vermitteln konnte, dass wir die Geister und Dämonen nicht nur im Außen zu suchen haben, denn alle Dämonen wohnen in uns. Die Probleme liegen selten nur im Außenfeld, wir tragen sie in uns und mit uns herum. Wir müssen also nicht mehr in den äußeren Krieg ziehen, sondern den Kontakt zu unseren verschiedenen inneren heilsamen und unheilsamen Anteilen aufnehmen. Damit gab Machig Labdrön der buddhistischen Kultur in Tibet eine enorm wirkungsvolle Prägung.

Milarepa konnte also aus einem sehr vielschichtigen Erfahrungsschatz schöpfen. Er blieb naturbezogen und sah dort die geistigen Kräfte ebenso, wie er die Dämonen in sich selbst und in seinen Mitmenschen erkannte. Seit dieser Zeit verstehen wir, dass die heilsamen göttlichen Kräfte ebenso in uns wohnen wie auch die unheilsamen Impulse der Dämonen. Damit erhielt der Buddhismus einen spürbaren Einfluss, der dazu führte, dass die Gläubigen vermehrt in sich selbst nach den heil28


samen, aber auch den unheilsamen Kräften Ausschau hielten. Das menschliche Innenleben wurde durch dieses Verständnis um ein Vielfaches komplexer. Eine Anschauung, die den ursprünglichen buddhistischen Lehren vollkommen entspricht. Der Weg des Mila war ein dorniger Weg, der die jungen Männer einer jeden Mila-Generation mit den eigenen hellen und dunklen Anteilen konfrontieren sollte. Konkret führt sie der Weg immer in die einsame Natur. Natürlich erhielten die jungen Männer während ihrer gesamten Erziehung viele Fertigkeiten vermittelt, wie sie alleine in der rauen und wilden Natur Tibets überleben konnten. Wenn dann der Tag der Verabschiedung kam, waren die jungen Milas zumindest soweit gewappnet, dass sie nicht verhungerten oder erfroren. Allerdings handelte es sich keinesfalls um einen romantischen Ausflug, sondern um eine Prüfung, die auch das Leben kosten konnte.

Das Weitertragen von Wissen wird in der tibetischen Kultur als sehr umfassend empfunden. Es betrifft nicht nur das SchülerLehrer-Verhältnis, sondern die Kette der Weitergabe, die sich, je nach Übertragungslinie, sogar über Jahrhunderte oder gar über Jahrtausende erstrecken konnte. Das Geschlecht der Machig Labdrön war ebenso alt, wie das der Milas und ließ sich über die vergangenen Jahrhunderte, sehr weit in die frühe Geschichte Tibets, bis ins 11. Jahrhundert, zurückverfolgen. Die Übertragungslinie der Dalai Lamas war ebenfalls Jahrhunderte alt und ging auf das 15. Jahrhundert zurück.

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Über viele Generationen wurde so ein wichtiger Erfahrungsschatz weitergetragen. Der Glaube an die Möglichkeit einer Wiedergeburt oder einem Leben nach dem Tod, ist in vielen Kulturen fest eingewurzelt. Die tibetische Kultur festigt mit diesem Verständnis seine innere Struktur. Es baut auf die immer wiederkehrenden Meister und Lehrer, die das Kulturgut und den Glauben der Nation bewahren. Das kontinuierliche Werden und Vergehen findet so einen größeren und womöglich auch tröstlicheren Rahmen. Dieses Verständnis ist in den Kulturen verankert. Die buddhistische Lehre in seiner ursprünglichen Form ist allerdings nicht von solchen Vorstellungen ausgegangen. Buddha formulierte recht deutlich, dass es in uns und um uns nichts Festes oder Überdauerndes gibt.

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Kapitel 5 *OÂ FNLVWQXUGDQQP|JOLFK ZHQQVHOEVWGDVZDVZLUDOV/HLGDQVHKHQ XQVQLFKWXQJOÂ FNOLFKPDFKW ;,9'DODL/DPD

Die Suche

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er 13. Dalai Lama Thupten Gyatso verstarb 1933 im Alter von 57 Jahren. Sein Leichnam wurde in einer Weise einbalsamiert, dass es mĂśglich war, ihn wieder standesgemäĂ&#x; zu bekleiden und ihn auf seinen Thron zu setzen. Der KĂśrper wurde dabei gerade, in diesem Fall Richtung SĂźden, ausgerichtet, auch sein Gesicht war nach SĂźden gerichtet. Der Legende nach, habe sich sein Gesicht nach einiger Zeit in Richtung Nordosten gedreht. Das sollte als ein Zeichen gesehen werden, in welcher Region seine Wiedergeburt zu suchen sei. Ein anderer hochgestellter Lama, der damals Tibet regierte, berichtete von einer Vision. Er habe Schriftzeichen und Bilder gesehen, die auf die Gegend Amdo hindeuten. Auch ein Haus wurde in dieser Vision beschrieben. Kewtsang Rinpoche leitete die Delegation, die den Zeichen folgen und sich auf die Suche nach der Inkarnation des verstorbenen Dalai Lama machen sollte.

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Diese Suche führte die Delegation nach Takster in der Region Amdo und wieder in die Familie von Lhamo Dondrub. Bereits der 13. Dalai Lama hatte den älteren Bruder von Lhamo als einen Tulku, also eine hohe Wiedergeburt, anerkannt. Damit war also das Haus der Dondrubs nicht völlig unbekannt. Lhamo war noch sehr jung und konnte nicht verstehen, dass plötzlich fremde Männer ein so großes Interesse an ihm zeigten. Da sie aber von den Eltern so respektvoll empfangen wurden, spürte Lhamo mehr als dass er es wusste, wie wichtig dieser Augenblick für ihn war. Seine Anspannung legte sich relativ schnell, da die Männer anscheinend nur ein paar Spiele spielen wollten. Lhano sollte Gegenstände wiedererkennen, die er eigentlich gar nicht kannte. Immer wieder packten die Männer etwas Neues aus: Mehrere Hüte, mehrere Schalen und auch einige Gebetsketten. Das einzige was Lhamo tun sollte, war auf den Gegenstand zu zeigen, den er am liebsten mochte. Erst sehr viele Jahre später verstand Lhamo, dass sich unter den vielen Gegenständen, die persönlichen Besitztümer des 13. Dalai Lama befunden hatten und er diese wieder erkennen sollte, da er die Reinkarnation des Dalai Lama war. Anscheinend hatte er es auch tatsächlich geschafft. In der Nacht als die Männer wieder abreisten, schlief er sehr unruhig. Er ahnte, dass sich eine Veränderung in seinem Leben anbahnte, eine Veränderung die er selbst nicht kontrollieren konnte. Etwas geschah. Lhamo spürte in sich Anspannungen und Unruhe. Vor dem Schlafengehen hatte er gemerkt, wie nervös seine Eltern waren. Sie flüsterten aufgeregt und schauten ihn immer wieder an. 32


Diese Spannung hatte sich auf die ganze Familie übertragen. Und natürlich nahm er diese Spannung auch mit in den Schlaf. Das war die Nacht, in der er zum ersten Mal von Machig träumte. Zuerst sah Lhamo nur das lächelnde Gesicht eines Mädchens. Aber es war sofort ein vertrautes Gesicht. Als würde er seine Schwester oder eine gute Freundin im Traume sehen. War sie die Tochter eines Nachbarn? Lhamo spürte, wie sehr er auf das Bild dieses Mädchens reagierte. Er spürte seine innere Suche nach einem Verständnis für diese Erfahrung und für dieses Mädchen. Aber im Traum kam er zu keinem Ergebnis. Diese Suche führte allerdings nicht dazu, dass er nun unruhiger schlief. Nein, im Gegenteil, das Bild dieses Mädchens, das ihm so vertraut schien, wirkte ungemein beruhigend. Mit einem Lächeln im Gesicht schlief ein weiter und wachte auch mit diesem Lächeln auf. Anscheinend hatte seine Traum-Suche ihn irgendwo hingeführt. Am darauf folgenden Tag verliefen alle Abläufe wie gewohnt. Jedes alltägliche Ritual wurde wie immer vollzogen. Aber die Regungen, die sonst durch Spiel, Freude und Abenteuerlust geprägt waren, hatten sich heute grundlegend verändert. Unterschwellig war in der Familie eine Spannung, die mehr zu spüren als zu sehen war. Da Lhamo sich noch nicht gut genug artikulieren konnte, versuchte er durch Rückzug den spürbaren Spannungen auszuweichen. So verbrachte er viel Zeit des Tages auf dem Dachboden seines Nachbarn. Hier hatte eine Katze vor ein paar Tagen ihre Jungen zur Welt gebracht. Im würzigen Stroh des Dachbodens verträumte und verspielte Lhamo den Tag.

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Und als er spürte, wie das Licht schwächer wurde, die Taggeräusche nachließen und sich der Abend näherte, da trat auch in Lhamo endlich etwas mehr Ruhe ein. Er spürte, wie das innere Zittern etwas nachließ. Ein Zittern, von dem er meinte, dass es alle sehen müssten. Aber wenn er auf seine Arme schaute, dann lagen sie völlig ruhig auf seinem Bauch. Beim Blick auf seine Arme erkannte er in seinem Blickfeld ein paar nackte Füße. Sein Blick wanderte langsam nach oben und er sah ein Mädchen. Er sah das Mädchen. Es war tatsächlich das Mädchen aus seinem Traum. Von nun an sollte Machig sein Leben begleiten. Das Mädchen besuchte ihn jeden Abend in der Abenddämmerung. Immer wenn die Taggeräusche langsam verstummten und die Nacht herankam. Als Lhamo sie zum ersten Mal sah, konnte er noch nicht verstehen woher sie kam. Sie verriet ihm zwar schon bald ihren Namen, aber auf Fragen wo sie denn herkomme, antwortete sie immer nur mit Schweigen. Die folgenden Monate mit den festen gemeinsamen abendlichen Ritualen, den abendlichen Treffen und die verschwiegene Gemeinsamkeit wurden für beide ein festes Band. Auch wenn sich Machig nur wenige Augenblicke verspätete, begann Lhamo sich schon große Sorgen zu machen. Wo sollte er sie suchen? Schon bald musste er Machig fragen, warum sie sich niemals am Tage mit ihm treffen wolle. Allerdings hatte Machig eine wunderbare Art Lhamo zu lenken. Sie berührte nur leicht seinen Arm, legte ihre Hand in die seine und schon vergaß er seine Fragen und jeden Zweifel. Der Augenblick war so vollkommen, dass jedes weitere Nachfragen nur gestört hätte.

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Machig kam in den Abendstunden, sie blieb und begleitete Lhamo dann später bis in den Schlaf und manchmal sogar bis in den Traum hinein. Während andere Kinder oft das Zubettgehen hinauszögern wollten, zog sich Lhamo immer schon aus eigenem Antrieb recht früh von seiner Familie zurück. Er wolle träumen gehen, war dann jeden Abend seine Erklärung für die Familie. Seine Eltern und die älteren Geschwister versuchten schon bald in dem kleinen Lhamo den nächsten Dalai Lama zu sehen, so interpretierten sie solche kleinen Merkwürdigkeiten als wichtige Zeichen. Die Familie lernte also schon früh den kleinen Lhamo loszulassen und er selbst entfernte sich auch etwas. Der Kontakt zu Machig war für Lhamo eine enorme Bereicherung.

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Kapitel 6 $OOXQVHUH6FKZLHULJNHLWHQ UÂ KUHQDXVGHP:XQVFK QDFK'LQJHQGLHZLUIlOVFKOLFK DOVGDXHUKDIWDQVHKHQ ;,9'DODL/DPD

Die Trennung

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ie oft langen Abende mit Machig und die vielen intensiven Träume, in denen Lhamo mit Machig die abenteuerlichsten Erfahrungen machte, forderten nicht selten ihren Preis. Lhamo wirkte tagsßber verändert. Er wurde stiller und nachdenklicher und sicherlich wirkte sich auch die Mßdigkeit auf dem kleinen Lhamo aus. Die Menschen in seinem Umfeld sahen darin aber wichtige Zeichen und sichtbare erste Schritte hin zur spirituellen Entwicklung. Auch Lhamo selbst spßrte die Veränderungen deutlich. Er hatte das Gefßhl, beobachtet zu werden, man ging vorsichtiger mit ihm um und wenn er etwas zu sagen hatte, verspßrte er jetzt, dass dem doch deutlich mehr Gewicht gegeben wurde. Zwar versuchten alle auch weiterhin wie gewohnt fortzufahren und auch die hohe Wiedergeburt in ihrer Familie als normales Kind zu behandeln. Aber im Kosmos der nicht-sprachlichen Kommunikation wurden teilweise vollkommen andere Botschaften ßbermittelt als im Gespräch. Diese eigentßmliche Verzerrung wirkte auf viele sehr

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verwirrend. Um dem etwas zu entgehen, versuchten alle Beteiligten es mit etwas mehr Distanz. Das erzeugte in Lhamo aber immer wieder körperliche Verspannungen und Unruhe, die er durch wildes Toben abzureagieren versuchte. So sahen die Menschen in Takster entweder einen etwas müden und ruhigen oder einen sehr wilden Lhamo. Ohne dass es Lhamo wusste, rückte sein Abschied immer näher. Eines Abends sagte sein Vater zu ihm, dass sie am nächsten Tag in das nur wenige Kilometer entfernte Kloster Kunbum reisen werden. Das ist der erste wunderbare Schritt lieber Lhamo, auf deinem vorgezeichneten Schicksalsweg. Es ist ja nicht so weit entfernt, so dass wir immer in deiner Nähe sind. Lhamo verstand erst gar nicht, wovon sein Vater sprach. Aber langsam dämmerte es ihm immer mehr, dass er ab morgen nicht mehr hier bei seiner Familie leben konnte. Zuerst spürte er bei den Worten seines Vaters Unverständnis, das dann nach und nach in eine Dumpfheit hinein mündete. Er fühlte sich wie betäubt und konnte gar nicht mehr klar denken. Wieso sollte er denn weggehen? Hatte er etwas falsch gemacht? War sein intensiver Kontakt zu Machig seiner Familie aufgefallen? War es deshalb? Es traten so viele Fragen in sein Bewusstsein, aber eine bleierne Schwere legte sich immer mehr über ihn. Das Erste was er nun sah, war das Gesicht von seiner Machig. Hab keine Angst Lhamo, es wird etwas Wunderbares geschehen. Aber ich habe so große Angst. 37


Das ist normal Lhamo, das wird vergehen. Wenn du es willst, dann bin ich immer bei dir. Du musst nur die Augen schließen und an mich denken. Wirst du mich denn auch dort besuchen kommen? Ja Lhamo, jede Nacht komme ich zu dir, bin bei dir. Wir beide schaffen das zusammen. Ja Machig, wir beide. Aber was geschieht dort mit mir? Was passiert dort in Kunbum? Lieber Lhamo du hast so ein Glück, dass du dahin gehen darfst, es ist der Ort der 100.000 Buddhas. Das Kloster ist schon furchtbar alt und ehrwürdig. Dort wirst du sehr viele Dinge erfahren. Aber was soll ich denn dort, wenn schon so viele Buddhas da sind? Wie viel ist denn überhaupt 100.000? Ach Lhamo, das ist so viel, wie ein großer Baum Blätter trägt. Und die Buddhas leben dort auch nur als Bilder. Es gibt dort nämlich tatsächlich einen sehr alten Baum, auf dem jedes einzelne Blatt das Bildnis Buddhas zeigt. Du wirst es lieben, es gibt dort ganz viele Geheimnisse und Abenteuer. Bitte vergiss mich nicht. Langsam glitt Lhamo tiefer in einen traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen zog die ganze Familie des kleinen Lhamo mit einer kleinen Karawane in Richtung des Klosters Kunbum.

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Kapitel 7 'DV/HEHQLQHLQHU*HPHLQVFKDIWLVWPHLQHV(UDFKWHQVHLQH VHKUJXWH6DFKH YRUDXVJHVHW]WPDQKDWVLFKIUHLGDIÂ UHQWVFKLHGHQ ;,9'DODL/DPD

Lhamo in Kunbum

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bwohl das Kloster nur einige Kilometer von Takster entfernt lag, fĂźhlte sich Lhamo bei seiner Ankunft sehr erschĂśpft. Er verstand noch nicht so ganz was man von ihm erwartete. Seine Eltern hatten ihm immer nur wieder das Gleiche wiederholt. Sei nicht so wild, hĂśre darauf, was die ehrwĂźrdigen MĂśnche dir sagen. Mach uns keine Schande. Aber Lhamo fĂźhlte sich die meiste Zeit erschĂśpft, traurig, angespannt und ängstlich. Er fragte immer wieder: Warum kann ich denn nicht bei euch bleiben? Warum kĂśnnen wir denn nicht alle zusammen in Kunbum leben? Lhamo beruhige dich, alles ist so vorbestimmt. Du wirst sehen, dass es dir schon sehr bald gut gehen wird. Und dein Bruder Lobsang wird an deiner Seite bleiben. Ihr beiden BrĂźder helft euch gegenseitig. Aber bitte hĂśr auf das, was Lobsang dir sagt. Er ist älter und weiĂ&#x; viel mehr als du Lhamo. Bitte versprich mir, dass du auf ihn hĂśren wirst. All diese Hinweise, Ratschläge und Ermahnungen wurden nicht nur als ewige elterliche Rituale abgespult, sondern geschahen aus 39


guter Kenntnis heraus. Lhamo neigte zur Wildheit, er war trotz seiner häufigen Rückzugswünsche, ein sehr lebendiges und auch oft impulsives Kind. Anders als Lobsang, der ein ausgeglicheneres und ruhigeres Temperament besaß.

Im Kloster erhielt die Familie einen respektvollen Empfang. Alle Bewohner des Klosters wollten einen Blick auf den zukünftigen Dalai Lama werfen. Für Lhamo erfolgte hier ein sehr großer Schritt. Jetzt war er von einer auf die andere Minute nicht mehr nur der kleine Lhamo und Kind seiner Eltern. Er spürte mehr als das er es wusste, dass hier etwas Besonderes auf ihn wartete. Während sein Vater mit dem Abt sprach, ging Lhamo mit seinem Bruder Lobsang durch das Kloster, er sah zuerst die Gebetshalle und später auch den Schlafsaal, wo er mit den anderen Kindern und seinem Bruder schlafen würde. Wo kann ich hier nur Machig wiederfinden? Sie hat mir doch versprochen, dass sie mich besuchen wird. Hoffentlich findet sie mich. Es belastete Lhamo schon sehr, dass er seine Freundschaft mit Machig noch niemandem hatten mitteilen können. Es war ein unbewusster Impuls, diese Kostbarkeit mit keinem zu teilen, auch nicht mir seinem Bruder Lobsang. Diese Last, die Ungewissheit vor dem, was hier auf ihn wartete, führte wieder zu seinem mittlerweile für ihn gut bekannten Spannungsgefühl und auch zu jähzornigen Empfindungen. Am liebsten hätte er mit Lobsang ein wenig gekämpft und geboxt. Aber hier in

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dem Kloster schaffte Lhamo es tatsächlich zum ersten Mal, sich zu beherrschen. Am Abend, noch vor dem Abendessen, erhielt Lhamo seine Klosterkleidung, sodass er nun genauso aussah, wie alle anderen Kinder im Kloster auch. Es dauerte dann auch nicht lange, bis er durch seine lebendige und schlagfertige Art einen guten Zugang zu den anderen Kindern fand. Auch die Mönche, seine Lehrer, behandelten Lhamo genauso streng und verständnisvoll, wie die anderen. In der ersten Nacht schlief Lhamo tief und fest, wie betäubt sank er in einen tiefen Schlaf. Aber das sollte sich schon bald ändern. Als er am ersten Morgen im Kloster sehr früh zum Morgengebet geweckt wurde, benötigte Lhamo ein paar Augenblicke, um zu realisieren, wo er sich befand. Und schon nach ein paar weiteren Momenten spürte er in sich einen kleinen Stich. Es war, als hätte er etwas Liebgewohntes verloren. Er erinnerte sich nicht an seine Träume der Nacht. Etwas Wichtiges fehlte. Er vermisste Machig. Sie hatte ihn heute Nacht nicht besucht. Hatte er es verschlafen? War sie dagewesen? Er suchte nach einem Zeichen, einer Hinterlassenschaft, einer Botschaft, aber es war nichts zu finden. Der Tag im Kloster war vollkommen durchstrukturiert. Gebete, Unterricht, kleinere Arbeiten, wieder Unterricht und Gebete wechselten sich ab, wie Perlen auf einer Schnur. Aber es gab auch immer wieder die Möglichkeit, mit den anderen Kindern etwas zu spielen. Das konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Freiheiten hier empfindlich eingeschränkt waren. Er hatte nun keine Möglichkeiten mehr, das zu tun was er wollte oder wann er es wollte. Er musste sich an die Abläufe im Kloster 41


gewöhnen. Er musste sich an die vielen für ihn fremden Menschen gewöhnen. Er musste sich auf so vieles Neues einstellen und gleichzeitig fehlten ihm seine vertraute Umgebung, seine Eltern, aber ganz besonders vermisste er seine Machig. Tief in sich empfand er, ebenso wie die meisten Menschen seiner asiatischen Kultur, eine tiefe Verbundenheit innerhalb seiner Familie und der größeren Verwandtschaft. Seine Empfindung für sich selbst war sehr stark an die familiären Verbindungen geknüpft. Sobald er für einen Augenblick zur Ruhe kam, spüre er, dass seine Familie für ihn da war, dass er nicht wirklich alleine war. Sein Bruder begleitete ihn täglich und stets waren Familienmitglieder erreichbar. Er war immer Teil einer Gemeinschaft. Dieses Gemeinschaftsbewusstsein war tief in ihm angelegt und gefestigt. Aber dennoch steigerte sich hier im Kloster seine Wildheit. Er spielte mit den Kindern äußerst lebhaft, er empfand es als entlastend, wenn er sich körperlich betätigen, auch wenn er im Spiel mit anderen kämpfen und ringen konnte. Seine Lehrer sahen das weniger gelassen, sie betrachteten dieses Temperament mit etwas Sorge. Besonders, wenn die Wildheit in Jähzorn wechselte. Dann wurde oft Lobsang gerufen, der beruhigend auf Lhamo einwirken musste. Eines Nachmittages saß Lhamo mit seinen Mitschülern im Unterrichtsraum auf dem Holzfußboden. Die Sonne stand etwas tief und Sonnenstrahlen drangen schräg in den Raum und wärmte alle etwas auf. In ihrer Mitte saß der Lehrer und erzählte ihnen eine Geschichte von einem sehr jungen Mann, der seine Familie verlassen hatte. Sofort waren alle Kinder im Raum still und aufmerksam. Ja, der junge Mann verließ seine Familie, er tat es heimlich, weil er 42


wusste, dass seine Eltern es nicht erlauben würden. Allerdings war er auch schon etwas älter als die meisten von euch. Er war nämlich bereits schon verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Dennoch schlich er sich davon. Ihr könnt euch also denken, dass es um etwas enorm Wichtiges und Bedeutungsvolles gehen musste, denn sonst hätte er sich und seiner Familie nicht so viel Kummer bereitet. Aber ihr Lieben, ihr seit sogar noch mutiger als der junge Mann, von dem ich euch gerade erzähle, denn ihr habt eure Familien viel früher verlassen müssen als er. Aber im Leben kommt früher oder später immer dieser Moment, wo wir diese Veränderungen bewältigen müssen. Hier im Kloster seit ihr aber nicht alleine, so alleine wie Siddhartha damals war, denn so hieß übrigens der junge Mann. Ihr müsst auch wissen, dass Siddhartha ein Prinz war, also war er ein sehr reicher junger Mann. Das machte die Sache nicht unbedingt einfacher. Und all das ließ er hinter sich, weil er für sich, aber auch für uns alle etwas sehr wichtiges herausfinden wollte. Was meint ihr, was war das wohl? Was gibt es so wichtiges, das ein junger Mensch auf die Idee kommt, allen Reichtum und seine Familie zu verlassen? Was ist so wichtig? Ihr wisst es nicht? Es gibt so vieles, das wichtig ist? Der junge Siddhartha lebte nicht hier in Tibet, sondern weiter im Süden. Ein Gebiet, das heute zu Nepal und Nordindien gehört. Früher waren die Ländereien dort in kleinere und größere Fürstentümer aufgeteilt. Das ist jetzt schon über 2500 Jahre her. Also eine unvorstellbare lange Zeit.

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Wahrscheinlich könnt ihr euch dass jetzt noch nicht so gut vorstellen, vielleicht auch weil euch die Heimat von Siddhartha so fremd erscheint, so weit weg, aber Siddhartha fand, was er suchte. Und was er fand, war so wichtig, dass es für uns, für alle Menschen, eine sehr große Bedeutung erhielt.

Also, was könnte es sein, das so furchtbar wichtig ist, dass es alle Menschen seit über 2500 Jahren bis heute für so wichtig erachten? Was ist das Wichtigste im Leben? Ja, ich weiß, ihr findet es wichtig lange schlafen zu können, so oft wie es nur geht, etwas zu essen zu erhalten, vielleicht sogar noch Süßigkeiten. Sicherlich fehlen euch eure Eltern. Aber ihr erkennt doch sicherlich, dass wir all diese Dinge nicht ständig zur Verfügung haben. Ihr seid doch so oft unzufrieden, weil immer etwas fehlt, immer etwas nicht so abläuft, wie ihr es wünscht. Und viele von euch haben schon miterlebt, wie noch viel schlimmere Dinge passieren. Eure Großeltern sind vielleicht schon verstorben oder sind krank. Womöglich habt ihr auch schon andere Verluste erlitten. Ich weiß, dass einige Mütter bei eurer oder der Geburt eines jüngeren Geschwisters von euch verstorben sind. Also was wäre das Wichtigste? Das so etwas nie wieder geschieht? Na ja, das wäre wohl auf den ersten Blick eine große Erleichterung. Aber wenn niemand sterben würde, was würde dann wohl geschehen? Ein interessanter Gedanke. Überlegt es euch doch bitte später in euren kleinen Übungs- und Disputationsrunden.

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Aber ich gebe schon jetzt zu bedenken, dass wir hier nicht über Wunder reden, sondern über realistische Möglichkeiten. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir bei all den schlimmen Dingen, die passiert sind und die noch passieren werden, nicht mehr leiden müssten? Sicherlich spüren wir Menschen immer wieder etwas Kummer, aber es gibt tatsächlich einen Weg, der uns zu zeigen vermag, wie wir nicht mehr leiden. Diesen Weg fand Siddhartha damals. Er hat dafür viele Jahre des Probierens und der harten Askese benötigt, bis er ihn fand. Ein Weg, der uns heute ebenso offen steht, wie damals. Viele sind diesen Weg bereist vor uns gegangen. Sie haben uns wichtige Hinweise hinterlassen. Und wir werden versuchen, diesen Weg mit euch nun gemeinsam zu gehen, ihn euch zu zeigen. Wir alle gehen den Weg des Siddhartha zusammen, liebe Schüler. Wir haben unsere Familien verlassen und bereiten uns auf die Lehre vor, die uns zu zeigen vermag, wie wir und alle Menschen das ewige Leiden überwinden. Wenn ihr dass schafft, dann ist es etwa so, als würdet ihr am Morgen aus einem Traum erwachen, der manchmal ganz lustig und vergnüglich, aber unvermeidlich immer auch wieder leidvoll wird. Ihr wacht dann am Morgen auf und seht, dass es nur ein Traum war. Wenn ihr zum Erwachten werdet, seid ihr frei vom Leiden. Ihr werdet euch zwar auch dann noch gelegentlich mal ärgern, traurig oder ängstlich sein, aber es ist dann nur von kurzer Dauer und ihr selbst habt darauf einen großen Einfluss. 45


In der alten Sprache des Siddhartha gab es einen Begriff für einen erwachten Menschen, er lautet Buddha. Denn Buddha bedeutet übersetzt in unsere Sprache, der Erwachte. Da wir alle diesen Weg zusammen gehen, bedeutet es auch, dass wir alle zum Buddha werden wollen.

Darüber musste Lhamo noch lange nachdenken. Wie wäre es, nicht mehr zu leiden? Würde es nicht auch bedeuten, niemanden mehr zu vermissen? Eigentlich wäre es eine Erleichterung, aber die Sehnsucht nach Machig war gleichzeitig so schmerzhaft aber auch so wichtig. In dieser Nacht träumte Lhamo endlich wieder von Machig. Er sah ihr freundliches Gesicht, er spürte es anfangs mehr, als dass er es genau sah. Aber schnell bemerkte Lhamo, dass etwas anders war. Auch Machig trug nun eine Klosterkleidung. Sie trug die Klostergewänder einer tibetischen Nonne. Machig, endlich sehe ich dich wieder! Wie geht es dir? Lass dich anschauen. Ich habe so oft an dich gedacht. Ja mein lieber Lhamo, auch ich habe oft an dich denken müssen. Da, wo ich jetzt bin, geht es mir nun auch richtig gut. Ich habe, wie du, ein neues Zuhause gefunden. Es ist noch etwas ungewohnt, aber ich glaube, dass ich mich mit der Zeit bestimmt gut daran gewöhnen werde. Aber wo bist du denn, wollte Lhamo wissen. Aber ich bin doch da Lhamo, ich bin immer da. Nur manchmal bist du einfach zu aufgeregt oder zu müde, sodass wir uns dann 46


verpassen. Ich war schon ein paar Mal hier bei dir und habe gesehen, wie tief du geschlafen hast. Da wollte ich dich nicht stören. Du hast bestimmt keine leichte Zeit, bestimmt fehlen dir deine Eltern. Lhamo musste etwas schlucken um nicht seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Lhamo, schau mich an! Machig ging jetzt zwar sanft aber dennoch sehr bestimmt auf ihn zu: All das hier hat eine große Bedeutung. Das darfst du nie vergessen, du hast eine große Bedeutung für uns alle. Wenn es dir schlecht geht, dann denke daran, dass es wichtig ist. Du hilfst damit auch mir. Lhamo schaute sie verblüfft an. Ja, dein Schicksal ist mit meinem verknüpft. Aber dein Schicksal steht vor allem auch mit ganz Tibet in Verbindung. Vielleicht verstehst du das noch nicht. Aber du vertraust mir doch, oder? Lhamo nickte sofort. Ja, natürlich. Beide lächelten. Es hatte also alles einen Sinn. Er musste nur noch etwas Geduld haben.

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Kapitel 8 *HQDXMHW]WLVW*HOHJHQKHLW 6XFKWQDFKGHULQQHUHQ(VVHQ]GHV*HLVWHV² GRUWILQGHWLKUGHQ6LQQ :HQQLKUGHQ*HLVWEHWUDFKWHWLVWGRUWQLFKWV]XVHKHQ 1LFKWVHKHQGVFKDXWLKUKHOOXQGNODUGHQ6LQQ 0DFKLJ/DEGU|Q DXV-pUyPH(GRX 

Machig wird eine Nonne

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as Mädchen stand eines Morgens vor dem Kloster. Sie klopfte lange und ausdauernd, bis jemand kam und sie fand. Anscheinend war sie den langen und beschwerlichen Weg zum Frauenkloster alleine gegangen. Die Nonne, die ihr Üffnete blickte in alle Richtungen, in der Hoffnung, doch noch einen Begleiter zu finden, mit dem dieses kleine Mädchen unterwegs war. Sie wusste, wie beschwerlich der Aufstieg zum Kloster war und wie viele Gefahren lauerten. Aber allem Anschein nach, war dieses tapfere kleine GeschÜpf vollkommen alleine hier angekommen. Da wßrde bestimmt eine spannende, womÜglich aber auch eine traurige Geschichte dahinter stecken. Es kam schon gelegentlich mal vor, dass Waisenkinder aus Verzweiflung im Kloster einen Unterschlupf suchten.

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Das kleine Mädchen stand mit großen Augen vor der Klostertür, sah die Nonne nur fragend an und schwankte bereits etwas. Amala, so hieß die Nonne, nahm sie gleich in die Arme und führte Machig stützend in die Klosterküche. Nach einem heißen Becher Buttertee kam wieder etwas Leben in Machig. Amala versuchte natürlich zu erfahren, woher das Mädchen kam und ob etwas passiert sei. Mein Name ist Amala und wie ist dein Name, wo kommst du denn her? Machig schaute die fremde nette Frau weiterhin mit ihren großen dunklen Augen an. Das Sprechen viel ihr noch etwas schwer. Einerseits war sie vollkommen entkräftet und zudem hatte sie seit vielen Tagen mit niemandem mehr gesprochen. Aber nach einigen Räuspern und einem weiteren Schluck von dem guttuenden Buttertee, konnte sie antworten. Machig, mein Name ist Machig, brachte sie dann heraus. Ich bin sehr lange unterwegs gewesen. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange. Ich weiß auch nicht, wo ich hier bin. Amala lauschte sehr gespannt. Die Kleine wirkte zwar völlig erschöpft, aber dennoch ging von dem kleinen Wesen eine unerwartete Energie, eine Art von fast erwachsenem Selbstbewusstsein aus, dass Amala wirklich erstaunte. Oh, Machig, das ist aber ein sehr schöner Name. Und so ein Zufall, dass du kleine Machig ausgerechnet hier im Kloster der großen Machig gelandet bist. Hast du schon einmal von unserer Klostergemeinschaft hier gehört? Machig schüttelte ihren Kopf. Sie war der Karawane von Lhamo im weiten Abstand gefolgt, aber irgendwann hatte sie den An49


schluss verloren. Es kamen mehrere Weggabelungen, sodass Machig immer unschlüssiger wurde. So saß sie eine Weile an einer dieser Gabelungen, als sie den starken Impuls ich sich spürte, den Weg zu nehmen, der in die Berge führte, steil bergauf. Obwohl sie sich ganz sicher war, dass dieses bestimmt nicht der Weg nach Kunbum war, schritt sie energisch voran. Sie erzählte nun Amala davon, dass sie diesen Impuls selbst gar nicht verstanden habe. Natürlich war ihr auch die damit verbundene große Gefahr bewusst, ganz alleine den für sie unbekannten Weg in die Berge einzuschlagen. Aber irgendetwas habe sie geleitet, den ganzen Weg bis hierher. Amala vergaß vor Anteilnahme und Faszination ihren eigenen Tee, der unberührt in ihren Händen dampfte. Machig fuhr fort, dass sie gar nicht wisse, wie lange sie unterwegs gewesen war. Es schien ihr aber in diesem Augenblick auch egal. Der warme Tee und die tagelangen Anstrengungen mit den Entbehrungen und Gefahren der Reise forderten ihren Tribut. Eine bleierne Müdigkeit überfiel sie. Amala schaute noch eine kleine Weile auf das nun schlafende Geschöpf, das tatsächlich den Weg hier zu ihnen in das Kloster gefunden hatte. Vollkommen alleine. Hoffentlich ließe sich in den nächsten Tagen etwas mehr in Erfahrung bringen. Womöglich hatte sie sich ja nur verlaufen. Womöglich stammte sie aus einer der Familien, die hier im Umkreis angesiedelt waren. Es war möglich, aber insgeheim glaubte Amala nicht daran. Dazu waren Machig und die Art, wie sie von ihrem Herkommen sprach, zu besonders. 50


Amala war schon sehr begierig darauf, diese Neuigkeiten der Äbtissin und ihren Mitschwestern zu berichten. Es passierte schließlich nicht jeden Tag etwas so besonders, wie diese unerwartete Ankunft. Die Äbtissin des Klosters war ungewöhnlich früh erwacht. Noch bevor die Glocke zum ersten Gebet, vor Sonnenaufgang, angeschlagen wurde, war sie hochgeschreckt. In einem Traum sah sie sich selbst, wie sie hier in diesem Kloster, in dem sie ihr gesamtes Leben verbracht hatte, ankam. Sie spürte ihre Angst und Unsicherheit, die sie damals empfand, als wäre es erst gestern. Sie sah in dem Traum, wie sie sich auf ihre Zehenspitzen stellen musste um das Glockenseil an der Tür zu erreichen. Diese Empfindungen hatte sie seit vielen Jahrzehnten schon nicht mehr erinnert. Die Bilder und Emotionen ließen sie während ihrer gesamten Morgenrituale nicht los. Sie wurden sogar durch die erste Meditation zum Sonnenaufgang nochmals verstärkt. Während die Äbtissin noch etwas mit ihren Erinnerungen beschäftigt war, führte sie aber die Gewohnheit als erstes in die Küche des Klosters. Dort überwachte sie oft die ersten Vorbereitungen, für die erste der beiden Tagesmalzeiten. Sie aßen hier im Kloster am Morgen und zu Mittag. Danach durfte im Kloster nichts mehr gegessen werden. Als sie die Küche betrat, spürte sie eher die Veränderung, als das sie sie sofort erkannte. Aber schon nach wenigen Sekunden hatte sie das kleine schlafende Mädchen auf einem kleinen Strohlager in der Nähe des Ofens entdeckt. Sehr schnell spürte sie in sich einen schon lange nicht mehr wahrgenommenen Impuls, sie war in ganz besonderer Weise gerührt. Obwohl es eigentlich gar nicht ihre Art war, so spontan, oh51


ne zu überlegen zu handeln, nahm sie das schlafende Mädchen auf den Arm und trug es in den Schlafraum der anderen Schülerinnen.

Danach folgten die nächsten Schritte so, als seien sie ein ganz natürlicher und logischer Ablauf. Machig half in der Küche und integrierte sich in das Klosterleben, als hätte sie schon immer dazugehört. Und als dann einige Wochen später ein paar Familien ihre Töchter zur Erziehung ins das Kloster brachten, erhielt Machig mit ihnen die offizielle Aufnahme. Das geschah trotz der Tatsache, dass sich Machig über ihre Herkunft in Schweigen hüllte und die befragten Familien aus der Umgebung, nichts über die kleine Machig zu sagen wussten. Einerseits ärgerte sich die Äbtissin etwas über diesen Starrsinn der kleinen Machig, aber andererseits spürte sie, dass es ihr kaum möglich war, der Kleinen böse zu sein. Es gab wohl einen guten Grund für dieses Schweigen. Und irgendwann, wenn vielleicht genug Vertrauen aufgebaut war, war es der kleinen Machig wohl möglich, mehr von sich preis zu geben. Allerdings fühlte es sich für die Äbtissin sehr ungewohnt an, dass sie Entscheidungen, die das Kloster betraf, auf einer intuitiven Ebene abhandelte. Aber in diesem speziellen Fall waren Ahnungen und Intuitionen im Spiel. Von der kleinen Machig ging etwas aus, vor dem sich die Nonnen nicht verschließen konnten. Also blieb Machig erstmal an diesem Ort. Sie selbst schien sich auch keine weiteren Gedanken zu machen. Zu froh war sie in der ersten Zeit darüber, dass sie eine Bleibe gefunden hatte. Das es tatsächlich ein Ziel gegeben hatte, am Ende ihres Weges. Ein Weg, der sie scheinbar gerufen hatte und dem sie eigentümlicher weise blind 52


vertrauend gefolgt war. Allem Anschein nach hatte dieses Kloster wohl eine besondere Bedeutung. Und da sie sich hier schnell einlebte, sich wohl zu fühlen begann und auch von allen anderen Nonnen und Nonnenschülerinnen gut aufgenommen wurde, akzeptierte sie diesen Weg. Dass sie hier in einem Kloster angekommen war, dass ihrer Namensgeberin, der berühmten tibetischen Yogini Machig Labdrön gewidmet war, schien der kleinen Machig anfangs noch ganz unbedeutend. Der Orden der Machig Labdrön war schon sehr alt und ging auf das 11. Jahrhundert zurück. Unsere kleine Machig erfuhr schon bald, dass Machig Labdrön eine sehr bedeutende Frau in Tibet war. Machig Labdrön war zu ihrer Zeit als Tulku anerkannt, also eine hohe Wiedergeburt. Sie galt als Reinkarnation der Yeshe Tsogyal, einer Meisterin des tibetischen Buddhismus. Machig Labdrön war die einzige Frau unter all den vielen männlichen tibetisch-buddhistischen Meistern, die eine Übertragungslinie schaffen konnte. Das bedeutet, dass sie aus der buddhistischen Lehre eine spezielle Übungsform heraus entwickelte und diese dann an ihre Schülerinnen weitergab. Diese Weitergabe erfolgte dann über viele Generationen hinweg. Eine Übertragungslinie konnte so gebildet werden. Aber nicht nur dieser Tatbestand machte aus Machig Labdrön einen ganz besonderen Menschen. Sie hatte den tibetischen Buddhismus in ganz besonderer Weise geprägt. Machig Labdrön entwickelte die sogenannte Chöd-Methode, eine Art Heilmaßnahme gegen unheilsame Kräfte, die in uns wirken.

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Dieses Wirken macht sich meist so bemerkbar, dass wir den Eindruck haben, etwas Ungutes treibe uns an. Es ist aber ebenso möglich, dass wir diese Kräfte als unsere inneren Stimmen wahrnehmen, die uns zum Beispiel antreiben, uns Druck oder Angst machen und so auf uns einwirken, dass wir uns für andere aber auch für uns selbst unheilvoll verhalten. Manchmal könnten wir fast meinen, wir wären von einem bösen Geist angetrieben oder eben von einem Dämon, der in uns wirkt. Die Chöd-Methode der Machig Labdrön beschreibt eine sehr clevere Verfahrensweise für den Umgang damit. Chöd ist eine Kombination aus der tibetischen Bön-Tradition, dem Bön-Schamanismus und den buddhistischen DzogchenLehren. Dzogchen bedeutet die große Vollkommenheit und weist darauf hin, dass wir uns durch ein geduldiges Geistestraining vollkommen transformieren können. Chöd beinhaltet also schamanische Rituale, die uns verändern können. Die ganz besondere Leistung der Machig Labdrön bestand darin, dass sie erkannte und auch vermittelte, dass die Dämonen, die in der tibetischen Bön-Tradition noch als reale, außerhalb von uns lebende Wesen angesehen wurden, tatsächlich „nur“ eigene innere psychologische Kräfte darstellen. Machig Labdrön betonte bei jeder Gelegenheit: „Die Quelle des Dämons ist unser eigener Geist“. Damit förderte sie die buddhistischen Impulse, die eher das Geistestrainings in den Mittelpunkt unseres Bemühens stellt. Gleichzeitig reduzierte sie dadurch die Einflüsse des älteren BönSchamanismus. 54


Bön war bis zum achten Jahrhundert vorherrschend in Tibet. Bön bedeutet Wahrheit oder wahre Lehre und stammt aus einer alten Schamanentradition. Aus dieser Sicht heraus war die gesamte uns umgebenden Natur angefüllt mit Geistern und Dämonen. Dementsprechend wurden Störungen und Probleme auf äußerliche Ursachen, ausgelöst durch Geister und Dämonen, zurückgeführt. Mit dem Buddhismus wurden diese Vorstellungen schon deutlich relativiert, da hier natürlich der Mensch in den Mittelpunkt geführt wird. Allerdings werden diesbezügliche Schwerpunkte in jeder Kultur, in die der Buddhismus eingeführt wird, eigenständig angepasst. Der Buddhismus integriert sich und nimmt die vorhandenen Traditionen sehr ernst. Nachdem der Buddhismus mit dem Bön eine Co-Existenz führte, entwickelte sich daraus nach und nach eine tibetische Integration. Eine spezielle tibetische Form des Buddhismus. Machig Labdrön hat dieser Entwicklung einen deutlichen Stempel aufgedrückt, indem sie die buddhistischen Lehren noch stärker betonte, das Individuum und hier unseren Geist als Quelle für unsere Probleme identifizierte. Die Welt der äußeren Dämonen und Geister und damit die mystische Weltsicht veränderten sich durch Machig Labdrön. Hier war unsere kleine Machig also gelandet, in einem Frauenkloster der Machig Labdrön, der Dämonenbändigerin. Aber momentan wusste sie davon noch nichts. Ja, die Ordensstifterin trug denselben Namen wie sie, aber was für die kleine Machig wirklich von Bedeutung war, das waren die schützende Gemeinschaft und vor allem auch die zwei Mahlzeiten pro Tag.

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In der Früh und in der Mitte des Tages kamen alle Frauen des Klosters zusammen, um gemeinsam zu essen. Jedes Mitglied des Klosters besaß eine eigene Essschale. Wenn Machig dann mit den anderen Mädchen vor ihrer dampfenden Schale mit Reis und Gemüse saß, konnte sie ihr Glück oft kaum fassen. Die Klosterregeln sahen vor, dass das Essen schweigend eingenommen wurde. So konnte sich Machig vollkommen auf den Genuss der Speisen konzentrieren. Für einen kleinen Moment spielte die Vergangenheit oder Zukunft keine Rolle mehr. Das Essen war so köstlich und erwärmte den ganzen Körper. Da die Portionen allerdings nicht sehr groß waren, versuchte Machig besonders langsam zu essen und jedem einzelnen Bissen bewusst wahrzunehmen. Das fiel ihr oft nicht leicht, denn sie war ein Mädchen mit einem sehr guten Appetit. So musste sie anfangs noch sehr mit dem Impuls kämpfen, sich ihrem Appetit entsprechend, schnell über ihre Produktion herzumachen. Aber immer wenn sie dieser Schwäche nachgab, musste sie danach den anderen Mädchen, die langsamer aßen als sie, beim Essen zuschauen. Und das war etwas, das sie nicht sehr häufig wiederholen wollte. So lernte sie eigentlich aus der Not heraus ihre Impulse etwas zu zügeln. Eine Strategie, die ihr dabei half die Essgeschwindigkeit zu drosseln, bestand darin, sich bei den verschiedenen Zutaten des Essens zu überlegen, woher sie denn wohl kamen. Zwar hatte sie den Gemüsegarten des Klosters schon bald entdeckt, aber für den Reis und die Yakmilch musste das Kloster Handel treiben.

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So saß Machig manchmal vor einem Glas Milch und sinnierte darüber, aus welchen fernen Gebieten diese Milch zu ihr gekommen war. Ob die Yakkuh auf einer grünen Wiese lebte oder eher im kargen Hochland, was wahrscheinlicher war. Musste ihr Kalb womöglich oft dürsten, damit wir die Milch trinken können? Aber sehr lange konnte sie darüber nicht nachdenken, da bereits wieder der Gong geschlagen wurde und die nächste Unterrichtseinheit ankündigte.

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Kapitel 9 0LW*HGXOG]lKPWPDQVRJDUZLOGH7LHUH :HVKDOEVROOWHQZLUDOVRXQVHUHQ*HLVWQLFKW]lKPHQN|QQHQ" ;,9'DODL/DPD

Die Ausbildung beginnt

I

n den folgenden Jahren erhielt Lhamo eine fundierte Ausbildung von seinen buddhistischen Lehrern. Sein Lernprogramm war enorm, aber er fand sich immer mehr in die klösterlichen Abläufe ein. Besonders die Gleichförmigkeit und die sich stetig wiederholenden Abläufe der abgeschlossenen Gemeinschaft erleichterten ihm die Eingewöhnung. So wusste er ziemlich schnell, wie der Tag strukturiert war und demzufolge auch der folgende und die darauf folgenden Tage. Die Vorhersehbarkeit wirkte auf ihn beruhigend. Aber auch sein älterer Bruder Lobsang bemühte sich mit viel Geduld darum, seinen kleinen Bruder zu unterstützen und ihn in den anfangs immer noch auftauchenden traurigen Phasen etwas abzulenken oder aufzuheitern. Seine Lehrer wussten natürlich um die bevorstehenden hohen Aufgaben und Ämter, die auf ihren noch sehr jungen Schüler warteten. Aber gerade deshalb waren sie wohl auch bemüht, es ihm nicht zu leicht zu machen. Die Folge war ein voller Lehrplan und von überall her direkt oder noch häufiger, indirekte hohe Erwartungen an ihn.

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Das zehrte nicht selten an seinen noch schwachen Nerven und an seiner psychischen Verfassung. Ein wahrer Segen und eine spürbare Kraftquelle waren dem noch jungen Lhamo die nächtlichen Zusammenkünften mit seiner Machig. Auch wenn es harte Tage gab, an denen er mit der Strenge seiner Lehrer und der Sehnsucht nach seiner Mutter zu kämpfen hatte, so entstand in ihm immer wieder recht schnell der Trost, dass in den Abendstunden Machig da war. Sie hatte wirklich Wort gehalten. Wenn Lhamo nach einem langen Tag erschöpft auf seiner Schlafstätte lag, dauerte es immer nur wenige Momente, bis er ihre Präsenz spüren konnte. Sogar ihr Geruch lag dann in der Luft. Es gab eine vertraute Zweisamkeit, die es Lhamo vergessen ließen, wo er sich befand. An der Hand von Machig wagte er sich überall hin. Hier tauchte er wieder in vertrautes Gefilde. Eines Nachts hörte er, wie Machig ihm zu flüsterte: Komm Lhamo, lass uns eine kurze Reise in die Heimat antreten. Sofort nahm er ihre Hand und so wie er sich aufrichtete, stand er mit Machig wieder in Takster vor dem Haus seiner Eltern. Schau nur Lhamo, deine Eltern haben nach dir noch zwei Kinder bekommen, flüsterte Machig ihm ins Ohr. Beide standen sie jetzt vor dem Fenster und blickten von außen in das Zimmer. Lhamo konnte seine Mutter sehen, wie sie ein kleines Kind säugte. Sein Vater saß daneben und Blicke ins Feuer. Es war eigentlich ein Bild der Ruhe und des Friedens, aber Lhamo konnte es sich nicht lange anschauen. Lass uns weitergehen, bat er seine Freundin.

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Und so schlichen sich die beiden Kinder durch das nächtliche Takster. Schon im Nachbarhaus sahen sie, eine große Familie mit den Großeltern, vier erwachsenen Menschen und einer ganzen Schar von größeren und kleineren Kindern. Alle diese Menschen befanden sich in nur einem Raum und jeder von ihnen sprach mit einem anderen, so dass der ganze Raum zum Bersten angefüllt war mit Geräuschen. Als sie eine Weile dort standen, hatten sie sogar das Gefühl, als würde der Geräuschpegel mit jeder Minute nochmals ansteigen. Nun waren sie auch neugierig, was wohl gerade in den anderen Häusern passieren würde. Ständig machten sie sich gegenseitig auf irgendwelche Besonderheiten aufmerksam. Lhamo schau nur, hast du das gesehen? Ja Machig, aber sie einmal dorthin, ist das nicht lustig? Jetzt sahen sie einen Mann, der anscheinend zu viel gegorene Yakmilch getrunken hatte und bereits seit vielen Minuten vergeblich darum bemüht war einen Faden in seine Nadeln einzufädeln. Der Mann schwankte etwas und ließ sich aber dennoch in keiner Weise entmutigen. Immer wieder versuchte er das kleine Loch mit dem Faden zu finden. Lhamo und Machig mussten lachen. Und mit diesem Lachen kam Lhamo wieder auf seinem Rücken liegend in seinem Bett im Kloster an. Es war oft der Balsam gegen die am Tag durchlebten Herausforderungen und manchmal sogar Überforderungen. Mit dieser Energie schlief er für den Rest der Nacht tief und fest und konnte so am Morgen wieder aufs Neue seiner Ausbildung folgen. 60


Der Umzug vom Kloster Kunbum nach Lhasa in den Potala Palast war für Lhamo, der als Mönch nun den Namen Tenzin Gyatso erhalten hatte, ein besonderes Ereignis. Es war 1939 eine recht beschwerliche und mehrmonatige Reise durch das tibetische Hochland gewesen. Und als sich die Reisegesellschaft auf Lhasa zubewegte, konnte Lhamo, also Tenzin, schon von weitem sein zukünftiges Zuhause erkennen, den großen Potala Palast, dem Sitz der Dalai Lama. Er konnte den Blick davon gar nicht abwenden. Nun sollte er selbst in den Sagen umwobenen Palast der Dalai Lama einziehen und dort leben. Dieses Gebäude war umso vieles größer als alles andere, was er bislang in seinem Leben gesehen hatte. Als einer seiner Lehrer plötzlich neben ihm zu sprechen begann, erschrak Tenzin etwas, er hatte ihn in seiner Faszination für den Anblick des Palastes gar nicht kommen hören. Der Lehrer erzählte ihm vom Potala-Palast: Tenzin, du musst wissen Potala meint das reine Land des Bodhisattva Avalokiteshvara. Erinnerst du dich, was ich dir über den Begriff Bodhisattva erzählt habe? Ganz gedankenverloren schüttelte Tenzin den Kopf, zu viel ging jetzt in ihm vor sich, als das er sich jetzt in diesem Augenblick daran erinnern könnte. Tenzin, konzentriere dich bitte etwas, ein Bodhisattva ist ein bereits erleuchtetes Wesen, das sich aber bewusst immer wieder reinkarnieren lässt, umso vielen anderen fühlenden Wesen zu helfen. Ein Bodhisattva ist also ein Helfer und Heiler.

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Und der Bodhisattva Avalokitesvara ist in Tibet ein sehr berĂźhmter Bodhisattva. Das war fĂźr Tenzin deshalb so besonders, weil seine Lehrer ihm vermitteln konnten, dass er nicht nur als Dalai Lama eine hohe Wiedergeburt des 13. Dalai Lama sei, sondern gleichfalls auch die Reinkarnation des Bodhisattva Avalokitesvara. Also war es auch seine Aufgabe, anderen Menschen zu helfen. Es dauerte noch viele Jahre der Ausbildung, insbesondere seiner Selbsterfahrungen in der Meditation, bis Tenzin wirklich verstehen konnte, was es bedeutete.

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Neben dem Studium der umfangreichen buddhistischen Lehren, halfen ihm die meditativen Ăœbungen tatsächlich. Seine sehr erfahrenen Lehrer fĂźhrten ihn Schritt fĂźr Schritt in diese Technik ein, so dass er sie schon bald eigenständig umsetzen konnte. Es war fĂźr ihn ein bisschen so, als wĂźrde er in der Nacht seiner Machig begegnen. Auch wenn die aktuelle Situation des Tages sehr anstrengend gewesen war, so konnte er in der Meditation diesen Ballast achtsam wahrnehmen, gedanklich einen Schritt zurĂźcksetzen und so einen inneren Bereich betreten, der frei war von Verwirrungen und unheilsamen Empfindungen. 62


Diese Form des Unterrichts empfand Tenzin gar nicht als Unterricht. Es war eher so, als ob ihm jemand eine Tür gezeigt hätte, die er bislang vollkommen übersehen hatte. Und hinter dieser Tür befand sich ein ganz eigener Bereich, in dem er sich wohl fühlen konnte. Die praktischen Aspekte der buddhistischen Lehre fand Tenzin immer besonders anziehend, wohingegen das umfangreiche Literaturstudium große Herausforderungen für ihn bereit hielt. Die Ankunft im Palast war für Tenzin fast eine Überforderung. So viel Neues stürmte auf ihn ein. So viele neue Eindrücke, so viele Informationen und natürlich auch viele neue Menschen, die hier auf ihn warteten. Aber besonders gespannt war Tenzin auf seine eigenen Zimmer. So ließ er sich direkt in den obersten Stock des Palastes führen. Ohne auf irgendwelche Details seines zukünftigen Zuhauses zu achten, durchschritt er die Zimmer, um den Balkon zu erreichen. Er trat hinaus und sein Blick öffnete sich für eine grandiose Aussicht. Unter ihm lag Lhasa, die Hauptstadt, mit seinen unzähligen Dächern. Aber seinen Blick konnte er ungestört in die Weite schweifen lassen, bis zum Horizont. Innerhalb nur weniger Minuten hatte er schon im Palast seinen Lieblingsplatz gefunden. Wenn er in der Folgezeit an dieses Ankommen hier im Palast zurück dachte, dann erschien ihm die Erinnerung wie ein ferner Traum. Allerdings bestand nur relativ wenig Freiraum, um sich langsam einzuleben. Zu voll war sein Tagesprogramm.

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Aber dennoch fand er immer wieder die Zeit, um auf dem Balkon des Palastes den Blick auf Lhasa zu genießen. Lhasa lag schon auf über 3650 Höhenmeter, und der Potala Palast lag nochmals auf einem kleinen Berg über der Stadt Lhasa, sodass vom Palast aus in der dünnen und klaren Luft, der Überblick über Lhasa immer wieder zum Betrachten einlud. Allerdings sollte diese Art der Betrachtung für Tenzin ein ambivalentes Vergnügen bleiben. Um diese Freude des Betrachten dennoch zu steigern, hatte Tenzin ein Fernrohr geschenkt bekommen, mit dem er die für ihn unerreichbare Welt seiner Landsleute dort unten aus der Distanz heraus betrachten konnte. Es war ihm auf diese Art möglich, zuzuschauen, so konnte er zumindest ein wenig teilhaben, denn tatsächlich teilnehmen durfte er niemals. Tenzin fühlte sich stets mit seiner Familie und auch mit seinen Landsleuten intensiv verbunden, aber in seiner Rolle als Dalai Lama, waren ihm die einfachen Freuden im alltäglichen Familienleben oder auch in den Gemeinschaften der Dörfer, versagt. Also versuchte er es sich im Palast des Dalai Lama so behaglich wie möglich zu machen. Trotz der großen Höhenlage gab es in Lhasa oft milde Winter, allerdings stieg dafür die Temperatur im Sommer nicht oft über 15 °C. Alle diese Informationen nahm Tenzin bereits nach den ersten Tagen wissbegierig in sich auf. Er wollte so viel wie möglich über seine neue Heimat erfahren. Daher berichtete ihm einer seiner Lehrer bereitwillig etwas über den Potala Palast. Mit unverkennbar ehrfürchtiger Stimme schilderte ihm sein Lehrer: Dieser Palast, in dem wir uns hier befinden, wurde bereits 64


vom 13. Dalai Lama aufwendig renoviert. Es ist ein Jahrhunderte alter, sehr großer Bau, der nun auch eure Heiligkeit als 14. Dalai Lama, ein Zuhause sein sollte. Der Lehrer verneigte sich mit zusammengelegten Handflächen. Er fuhr fort: Die Grundfläche des Palastes misst etwa 300 mal 350 Meter und ragt bis zu 13 Stockwerke hoch. In der gesamten Anlage existierten fast 1000 Zimmer, die zum Palast gehörten. Eure privaten Gemächer befinden sich ja im obersten Stockwerk dieser Palastanlage. Hier war schon immer das zuhause der Dalai Lamas. Hier lebten sie und hier starben sie. Unten in der Palastanlage befinden sich die Stupas, also die Grabanlagen der vorherigen Dalai Lamas.

Es war für Tenzin in seinen jungen Jahren eine noch sehr ungewohnte und zwiespältige Erfahrung, hier seine zukünftige Grabstätte zu besuchen. Mit zunehmendem Alter interessierte er sich mehr für seine Vorgänger. Er studierte intensiv ihr Leben und Wirken, sowie die tibetische Philosophie vom Leben und Sterben. Und wie alle jungen Menschen war er magisch von der Frage angezogen, was mit ihm selbst nach seinem Tode geschehen würde. Die buddhistische Lehre in Tibet hatte viel von der noch älteren tibetischen BönKultur angenommen und vermittelte ihm das Verständnis der Reinkarnationen. Die Energie, die sein Leben bestimmte, würde nach seinem Tode eine neue Existenz suchen. Damit würde das, was er ist, nach seinem Tod, in einen Neugeborenen hineinfahren und dort weiterleben. Das wäre die Geburtsstunde des 15. Dalai Lama. 65


Da sich Tenzin so sehr für dieses Thema interessierte, erzählten ihm seine Lehrer sehr oft die Geschichte der Dalai Lama. Du musst nämlich wissen, begann der Lehrer, dass der Titel Dalai Lama eigentlich gar nicht in Tibet entstanden ist. Der tibetische Herrscher erhielt diesen Ehrentitel Dalai Lama 1508 durch den mongolischen Fürsten Altan Khan. Dalai ist der mongolische Begriff für Ozean und Lama ist der tibetische Begriff für Lehrer und Meister. Die sinngemäße Übersetzung wäre also Ozean des Wissens. Da die beiden Vorgänger des damaligen Dalai Lama postum ebenfalls den Titel Dalai Lama erhielten, war der durch den mongolischen Fürsten ernannte Dalai Lama also der dritte in seinem Amt. Damit lässt sich der Titel Dalai Lama also auf die Geburt des ersten Dalai Lama Ende des 14. Jahrhunderts zurückverfolgen. Über 14 Generationen hinweg, wurde dieser Titel also ununterbrochen weitergegeben. Der Lehrer verneigte sich vor dem Dalai Lama, fügte dann aber noch etwas verschmitzt hinzu: Allerdings hatte es in dieser Tradition nicht selten die eine oder andere Komplikation gegeben.

Aus den Tiefen des 14. Jahrhunderts, bis heute, besteht also die Lebenslinie des Dalai Lama und Tenzin war nun tatsächlich ein Teil dieser wunderbaren Geschichte. Allerdings wurde ihm schon sehr früh unmissverständlich verdeutlicht, dass dieser Titel mehr Verantwortung und deshalb auch mehr Bürde ist, als Vergnügen. Während viele andere Herrscher dieser Welt ihr Amt so ausübten, wie sie es eben vermochten, wurde auf eine fundierte und umfassende Ausbildung des zukünftigen Dalai Lama sehr viel Wert 66


gelegt. Für Tenzin bedeutete es während seiner Kindheit und Jugend harte intellektuelle und auch spirituelle Arbeit. Sicherlich versuchte er jede Gelegenheit zu nutzen, um seine wenigen Freiräume auszukosten. Oft haderte er mit dem Leben im Palast, aber ob er wohl damit glücklicher gewesen wäre, wenn er damals schon gewusst hätte, was ihn als jungen Erwachsenen und als Oberhaupt der tibetischen Regierung und als spiritueller Führer des tibetisches Volkes, noch bevor stehen würde? Für diese schweren auf ihn wartenden Prüfungen hatte Tenzin noch mehr als 10 Jahre Zeit. Zeit, in der er sich vorbereiten konnte durch die intensive buddhistische Ausbildung.

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Kapitel 10 ,KU0|QFKHLFKZHUGHHXFKHLQHQ9RUWUDJÂ EHUGLH:XU]HO DOOHU'LQJHKDQGHOW +|UW]XXQGYHUIROJWDXIPHUNVDPZDVLFKVDJHQZHUGH %XGGKD

Das Wissen Buddhas

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eute stand fßr Tenzin ein ganz besonderes Thema auf dem Studienplan. Er sollte die Weisheit Buddhas erfahren. Natßrlich wusste er mittlerweile recht gut, wie aus dem Prinzen Siddhartha nach langen Jahren der Askese, des Experimentierens und des Suchens, dann der Erwachte, also der Buddha wurde. Aber was bedeutete dieses Erwachen tatsächlich? Was genau hatte Siddhartha eigentlich erkannt und verstanden und was davon war weitergegeben worden? Auf diese Fragen sollte er nun Antworten erhalten. Sein Lehrer legte mit sehr viel Bedacht ein schmales längliches Buch auf den Tisch, vor dem der Dalai Lama gewartet hatte. Dem Buch war sein hohes Alter durchaus anzumerken, obwohl es von jeder Generation sehr vorsichtig gehandhabt worden war. Die ersehnten Antworten lagen also in diesem alten Buch verborgen, das die Lehrreden Buddhas enthielten. Es waren viele seiner Reden von seinen Schßlern und dann später von deren Schßlern weiter getragen worden. Und all dieses Wissen lag nun in diesem Buch fßr ihn bereit. 68


Tenzin, die Antworten, die wir heute suchen, finden wir in der Lehrrede vom Ingangsetzen des Rades der Lehre. Mit dieser Rede wurde das gesamte Rad der Lehre, der Dharma, von Buddha vor mehr als 2500 Jahren in Bewegung gesetzt. Es ist die berühmte erste Lehrrede, mit der Buddha nach seinem Bewusstseinwandel, den wir Erwachen oder Erleuchtung nennen, auf seine Weggefährten zuging. Tenzin war neugierig und ein wenig in Sorge. Diese Lehrrede hatte im Laufe der Jahrhunderte sicherlich Millionen von Menschen inspiriert. Es war kaum vorstellbar, wie oft diese Sachverhalte geprüft worden waren, wie oft sie in einem Selbstexperiment getestet wurden. Denn so viel wusste Tenzin schon, dass die buddhistischen Lehren nicht einfach nur geglaubt und übernommen werden sollten. Der Buddhismus soll nicht geglaubt, er soll verstanden werden. Es geht also um Wissen und nicht im Glauben. Anscheinend verweisen die buddhistischen Lehren auf tiefe Wahrheiten und Weisheiten, die allen Überprüfungen standhalten konnten, denn sie haben all die Zeit überdauert. Tenzin betrachtete das Buch mit großer Ehrfurcht. Es könnte tatsächlich ein so tiefes Wissen beinhalten, dass es womöglich sein Fassungsvermögen überstieg. Etwas nicht zu verstehen war für Tenzin äußerst schwierig, es bereitete ihn meist ein unangenehmes körperliches Spannungsgefühl. Gemeinsam mit seinem Lehrer las er sehr aufmerksam die Lehrrede. Der Rhythmus der alten Sprache beeindruckte Tenzin immer wieder. Die Texte waren wie Lieder komponiert. Es gab immer eine sich wiederholende Einleitungsstrophe, gefolgt von einer 69


Strophe mit der Information und dann endete der Abschnitt mit einer immer gleichen Abschlussstrophe. So wurden die wichtigen Informationen eingebettet in eine Art von Schriftgesang. Tenzin wusste mittlerweile natürlich, dass diese faszinierende Struktur damit zu tun hatte, dass die Texte während einer sehr langen Phase nur mündlich weitergegeben wurden. Wahrscheinlich fanden die ersten Niederschriften fast 500 Jahre nach Buddhas Tod statt. Aber so angetan Tenzin von der Wortmelodie auch war, die eigentlichen Informationen fand er beim ersten Durchlesen etwas enttäuschend. Da gab es Weisheiten, die wohl jeder sofort verstehen und nachvollziehen konnte. Sie schienen schon fast banal in ihrer Einfachheit: Bleibe auf dem Mittleren Weg. Bau nicht zu viel Spannung auf, aber versuche auch eine ausreichende Spannung zu erhalten. Spekuliere nicht über die ungewisse Zukunft und grübel ebenso nicht über die bereits verloschene Vergangenheit. Bleibe im Hier und Jetzt. Nutze alle Erkenntnisse, die du gewinnst, für deinen Alltag, aber nutze sie nicht nur für dich allein, lass andere teilhaben. Das klang alles so normal und natürlich und so wenig magisch und mystisch. Dazu kam noch, dass die Informationen zum Leiden, die einen Hauptanteil an der Ersten Lehrrede ausmachten, entweder auch diese schlichte Einfachheit zeigten oder aber im Achtfaches Pfad der Vierten der Vier Edlen Wahrheiten plötzlich doch noch kompliziert wurde. Weißt du Tenzin, viele Menschen missverstehen diese Wahrheiten vom Leiden und meinen, dass der Buddhismus eine sehr pessimistische Lehre sei, da sie sich so auf das Leiden bezieht und

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auch davon ausgeht, dass das Leiden so umfassend und in unserer menschlichen Natur verankert ist. Um hier etwas mehr Klarheit zu gewinnen, werden wir uns diese Botschaft genau anschauen. Auf den ersten Blick sehen wir ja schon, dass nur die Erste der Vier Edlen Wahrheiten das Leiden als etwas Umfassendes ansieht und Unausweichliches erkennt. Es ist ganz einfach: In der Welt gibt es Leiden, das ist unumgänglich. Aber schon die Zweite Edle Wahrheit beginnt damit, das Leiden zu analysieren, um es dann, und das ist ja das eigentliche Ziel, erfolgreich zu überwinden, es zu transformieren. Du wirst sehen, dass die Vier Edlen Wahrheiten wie eine ärztliche Strategie funktionieren. Nach dem allgemeinen Wissen über Leiden, folgen Ursachen des Leidens und dann die Maßnahmen dagegen, zuletzt vielleicht noch präventive Überlegungen, wie Leiden auch zukünftig zu vermeiden sind. Du erinnerst dich ja sicherlich an die vielen Buddhadarstellungen, die ihn als einen Medizinbuddha darstellen? Tenzin nickte, er kannte viele Bildnisse von Buddha, die ihn mit einer Medizinschale oder einem Medizingefäß in der Hand zeigten. Das ist es Tenzin. Die buddhistische Lehre ist für uns wie Medizin, oder wie eine heilerische Vorgehensweise. Ich glaube, dass die Menschen, die den Buddhismus als etwas Negatives ansehen, nur sehr wenig darüber wissen. Denn es würde wohl auch niemand den ärztlichen Berufsstand als negativ oder pessimistisch bezeichnen. Ärzte und Heiler bekämpfen ja unser Leiden oder wollen sogar, dass wir gar nicht erst krank werden.

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Obwohl sie dabei oft genug scheitern, glauben alle an ihre positive Haltung. Also lesen wir die Vier Edlen Wahrheiten nochmals, aber nun mit dem Verständnis, als handle es sich um eine ärztliche Strategie. Tenzin las die Vier Edlen Wahrheiten mehrmals und verstand dann, dass es sich dabei um eine Art von strategischem Plan handelte. Sie schienen einerseits aufeinander abgestimmt zu sein, als würde die eine Aussage fast logisch zur nächste führen. Aber andererseits zeigte jede der Vier Edlen Wahrheiten eine gewisse Geschlossenheit und innere Logik, die sie auch unabhängig von den anderen machte. Jede für sich war bereits eine Offenbarung und eine Quelle, die sicherlich ausreichend war, um davon intensiv zu profitieren. Ja, das stimmt, bestätigte ihm sein Lehrer. Das tiefe Erkennen und Verwirklichen selbst einer einzigen der Vier Edlen Wahrheiten, würde uns bereits in die Befreiung führen. Aber schauen wir sie uns dennoch alle gemeinsam an. Die Erste Wahrheit ist die so genannte Wahrheit über das Leiden. Es ist die Vermittlung eines Grundverständnisses über unser menschliches Erleben und Empfinden. Es besagt, dass unser Funktionieren so abläuft, dass wir automatisch immer wieder leidvolle Erfahrungen machen müssen. Es ist in unserer Natur so angelegt, dass wir schmerzlich geboren werden, dass wir altern, krank werden und dann sterben. Dazu kommen die vielen weiteren kleineren und größeren vorprogrammierten Schwierigkeiten. In diesem über 2000 Jahre alten Text wurden Beispiele von menschlichen Schwächen aufgeführt, die so wirkten, als wäre dieser Text erst gestern entstanden. Hatten sich die menschlichen Probleme nach 2000 Jahren so wenig verändert? 72


Der Tod des Dalai Lama