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Exposé: Janne Hejgaard, Lola & retfærdighedens bog, Klim 2011, 254 Seiten, Lesealter: 11-15 Ulrike Brauns, Erich-Weinert-Straße 128, 10409 Berlin, 030-86307176, ulrike@braunsundsprache.de

Autorin Janne Hejgaard (*1947 in Aarhus) ist in ihrem Heimatland Dänemark eine renommierte Autorin. Sie hat bereits dreizehn Kinder- und Jugendbücher geschrieben und mehrere Dutzend Ratgeber und Sachbücher. Ihr jüngstes Werk ist Lola & retfærdighedens bog, das den Auftakt einer Reihe mit drei Teilen bildet. Der zweite Band erscheint 2012 unter dem Titel Lola & kalejdoskopet (Lola & das Kaleidoskop), und der dritte Oktober 2013 unter dem Titel Lola & spejlene (Lola & die Spiegel). Inhalt Lola Saubro ist 13 und gerade mit ihrer Familie nach Dänemark zurückgekehrt, nachdem sie sieben Jahre in Afrika gelebt haben. Sie beziehen das Haus der verstorbenen Großmutter, wo Lola ein mysteriöses Buch findet: Es ist in Leder eingeschlagen, genauer gesagt in das Gesicht eines Gorillas, auf der Oberseite prangt ein großes, geöffnetes Auge. Es ist in einer afrikanischen Sprache geschrieben. Während Lola eine Passage laut vorliest, hat sie plötzlich das Gefühl, dass sich das Buch bewegt und lässt es erschrocken fallen. Als sie es wieder aufhebt, ist das Auge geschlossen. Sie versteckt das Buch erst mal, da ihr der bevorstehende erste Schultag in der neuen Klasse schon genug Sorgen bereitet. Ihre MitschülerInnen sind ihr gegenüber nicht sofort aufgeschlossen, und die dominanteren Klassenkameraden wie Camilla und Simon lassen sie das sogar sehr deutlich spüren. Dennoch kann Lola sich bald mit Laura und Vik anfreunden. Vik hat eine leichte Form des Asperger-Syndroms. Camilla hänselt ihn ganz offen. Vik ist der Erste, dem Lola vom „Affenbuch“ erzählt. Er interessiert sich sofort brennend dafür und gemeinsam versuchen sie, den afrikanischen Text zu entschlüsseln. Im Internet finden sie Wörterbücher, mit deren Hilfe es ihnen zunächst gelingt, den Titel zu übertragen: „Das Buch der Gerechtigkeit“. Sie halten es für ein Zauberbuch. Eine Passage daraus übersetzen sie sinngemäß, da sie nicht alle Vokabeln finden. Dort steht ein Spruch, mit dem man andere dazu bringen kann, Respekt zu haben. Obwohl Lola nicht an Magie und Zauber glaubt, probieren die beiden das Ritual aus und sprechen in der Nacht des 31. Oktober die Worte aus dem Buch, damit Camilla und Soffi bald Respekt vor Vik haben. Laut Buch setzt die Wirkung erst fünf Tage später ein. Auch Camilla wird näher vorgestellt. Sie hat ein strenges Elternhaus, ihr Vater schreckt vor Schlägen nicht zurück. Um Bestrafungen zu entgehen, strickt Camilla sich ein Doppelleben. Zu Hause verhält sie sich angepasst und folgsam, weshalb sie ihre Freundin Soffi besuchen darf. Statt jedoch bei Soffi abzuhängen, ziehen die beiden um die Häuser. Bei einem dieser Ausflüge lernt Camilla den Drummer einer Band, Chad, kennen. Sie fangen an zu knutschen und für Camilla steht damit fest, dass sie nun zusammen sind. Obwohl


Soffi ihr kurze Zeit später erzählt, sie habe Chad mit einem anderen Mädchen gesehen, stellt Camilla lieber ihre Freundin infrage, als ihren „Freund“. Chads Band hat am 31. Oktober einen Auftritt in einem Dorf in der Nachbarschaft. Camilla und Soffi gehen zu dem Konzert, wo sich Soffis Aussage bewahrheitet: Chad hat eine Neue. Die beiden Mädchen stürzen - leicht bekleidet und ohne weiteres Bargeld – aus der Konzerthalle. Lola fühlt sich nach dem Ritual sehr matt, was über das Wochenende auch nicht besser wird. Montags geht sie völlig erschlagen in die Schule, nur um festzustellen, dass weder Camilla noch Soffi da sind. Als dann auch noch Camillas Vater auftaucht, um zu fragen, ob jemand weiß, wo Camilla und Soffi sein könnten, sie wären seit Freitag spurlos verschwunden, wird es Lola nicht nur mulmig, sondern auch speiübel. Niemand kann jedoch sagen, wo die Mädchen sein könnten. Kurz darauf wird Lola krank nach Hause geschickt, von ihrem schlechten Gewissen ganz zerfressen. Eine andere Geschichte kommt in Lola hoch, die auch mit Aberglauben zu tun hat und für die sie sich schuldig fühlt. Sie hat einem afrikanischen Freund, Buru, den Talisman weggenommen, der ihn vor Schlangenbissen schützen sollte und kurz darauf wurde er gebissen. Lola fürchtet, dass sie und Vik am Verschwinden von Camilla und Soffi nicht unschuldig sind. Die beiden weihen Laura ein – und zusammen versuchen sie, die Mädchen aufzuspüren. Vik ist überzeugt, dass er es sein muss, der die beiden findet und befreit. Tatsächlich gelingt es den dreien am fünften Tag nach dem Verschwinden, die Konzerthalle ausfindig zu machen. Sie entdecken die Tür zu einem Bunker, die verschlossen ist. Die drei verständigen den Hallenwart, der den Bunker öffnet und tatsächlich: Dort liegen Camilla und Soffi, völlig unterkühlt und fast verdurstet. Vik mahnt den Hallenwart, die Mädchen nicht abrupt ins Warme zu bringen, sondern auf den Rettungswagen zu warten. So rettet er den beiden das Leben. Als die beiden Mädchen wieder in die Schule kommen, ist Soffi tatsächlich wie verwandelt Vik gegenüber. Camilla bedankt sich widerwillig, an ihrem Verhalten scheint sich jedoch nichts geändert zu haben. Schlussendlich zeigt Lola ihren Eltern das Affenbuch, das ihre Mutter gleich wiedererkennt. Lolas Oma hatte es in den 1950er Jahren von einem afrikanischen Stamm geschenkt bekommen. Es ist ein spiritueller Ratgeber für Hebammen. Vik und Lola hatten sich in der Sprache geirrt und die Passagen völlig falsch übersetzt. Der Titel lautet in Wirklichkeit „Buch der Geburt“. Zum Text Lola & retfærdighedens bog ist in einer schönen, flüssigen Sprache geschrieben. Die Dialoge sind flott und authentisch. In den Text sind hin und wieder kursivierte spanische und afrikanische Begriffe gestreut, die im Glossar im Anhang kurz erklärt werden und den Text reizvoll auflockern. Die aus dem „Affenbuch“ zitierten Passagen erscheinen in einer Sprache, die zwar fiktiv ist, aber afrikanisch anmutet. Das gesamte Personal des Buchs ist sehr glaubhaft, die einzelnen Figuren überzeugend, liebevoll und abwechslungsreich ausgearbeitet. Jede Figur hat ihren ganz eigenen Ton.


Lolas Gedanken kann der Leser ebenso gut nachvollziehen wie Camillas. Die Erzählperspektive wechselt zwischen diesen beiden Mädchen (nicht alternierend, das Hauptaugenmerk liegt bei Lola). So entsteht ein rundes Bild, da man in beide persönlicher hineinschauen – und sich mit beiden gut identifizieren – kann. Themen wie Ausgrenzung, Rassismus, Aberglaube, Selbständigkeit, Verantwortungsbewusstsein werden so klug innerhalb der Geschichte behandelt, dass sie nie schulmeisterlich wirken. Genau so wird Viks AspergerSyndrom angesprochen: kurz, informativ, aber sehr menschlich und einfühlsam. Es steht nie im Vordergrund. Bis zum Schluss weiß man nicht, ob es sich beim „Affenbuch“ wirklich um ein Zauberbuch handelt, das Spiel geht also perfekt auf – und es ist richtig erfrischend, eine Geschichte zu lesen, die das Zauberhafte und Unerklärliche zeigt, das einem jeden Tag begegnen kann. Alles in allem hat Janne Hejgaard eine überzeugende, abenteuerliche in sich geschlossene Geschichte geschrieben, auf der sich hervorragend weitere Bände aufbauen lassen. Als Leser ist man gespannt darauf, welche Abenteuer Lola und ihren Freunden in Zukunft noch erwarten.

* LOLA & DAS BUCH VON GERECHTIGKEIT Kapitel 1 und 11 Aus dem Dänischen von Ulrike Brauns * HINWEIS ZUM WÖRTERBUCH Lolas Herz begann, heftig zu schlagen. „Was ist passiert?“, fragte sie eine der Frauen. „Was ist mit ihm los?“ „Puffotter“, antwortete die Frau leise. „Er wurde gebissen. Er liegt dort unten zwischen den Felsen ...“ Puffotter? Du kannst das Wort Puffotter in der Vokabelliste am Ende des Buches nachschlagen, dort steht, was genau es bedeutet. In der Liste findest du auch die Übersetzung der afrikanischen und spanischen Wörter, die Lola benutzt. *


I DAS GEHEIME FACH Lola sah sich um. Bett, Tisch, Sessel, Kleiderstange, Regal. Neben den Topfpflanzen auf dem Fensterbrett stand eine geschnitzte Maske, und an der Wand über dem Bettsofa hing die Mbira, die Nyakis Enkel für sie gebaut hatten. Nyaki hatte ihr gezeigt, wie man darauf spielt, doch sie hatte nie wirklich eine Melodie zustande gebracht. Egal, das Instrument sah interessant aus und erinnerte sie an Afrika. Noch fehlten Bilder oder ähnliches an den Wänden, aber sie würde sicher noch welche aufhängen. Das Wichtigste war erst einmal, dass dies ihr Zimmer war, ihr Zimmer allein. Emils und Viggos Zimmer lag ein Stockwerk tiefer, und die beiden durften nur hier hereinkommen, wenn sie es ihnen erlaubte. Was war das schön. Obwohl sie ihre Brüder mochte, war sie doch sehr froh darüber, dass sie nun selbst bestimmen konnte. „Privatsphäre!“, sagte sie laut ins Nichts. Mit bedeutender Stimme fuhr sie fort: „Man braucht Privatsphäre!“ Sie warf den Kopf spielerisch in den Nacken, als wäre sie eine feine Dame und lächelte über sich selbst. Das war aber auch der einzige Vorteil daran, wieder in Dänemark zu sein: ein eigenes Zimmer. Sie hatte sogar die ganze obere Etage für sich allein, außer ihrem Zimmer gab es hier nur noch den leeren Dachboden. Wobei leer vielleicht das falsche Wort war: Omas Gerümpel stand dort, aber zumindest wohnte niemand außer ihr in diesem Teil des Hauses. Niemand sonst würde ihre Treppe benutzen. Lola warf einen Blick auf die Zimmertür. Sie hatte ein Schloss, aber ein Schlüssel steckte nicht darin. Wenn sie den Schlüssel finden würde, könnte sie sogar abschließen. Wo mochte der wohl sein, wenn er nicht im Schloss steckte? Sie stand vom Bett auf und betrat den Dachboden. Es roch staubig, und durch das schräge Dachfenster fiel nur wenig Licht. Sie drückte auf einen Schalter und die nackte Glühbirne, die mitten im Raum von der Decke hing, ging an. Dann sah sie sich um. Wo war dieser Schlüssel bloß? An einem Nagel an der Wand? Auf einem der Balken, die das Dach stützten? Sie fing an zu suchen. Zunächst stieß sie auf eine ganze Menge Staub. Und Spinnen, aber glücklicherweise waren sie nicht so groß wie die, die sie aus Afrika gewohnt war, also machten sie ihr auch nichts aus. Und massenweise tote Fliegen, bloß kein Schlüssel. Zumindest keiner, der einem gleich ins Auge sprang. Hm. Sie ließ ihren Blick über den Dachboden streifen. Alle Möbel von Oma standen hier übereinandergestapelt. Vielleicht gab es ja gar keinen Schlüssel mehr. Trotzdem wäre es magnífico, wenn sie abschließen könnte. Mitten in dem Möbelberg stand eine Kommode mit Schubladen. So eine würde sich in ihrem Zimmer sehr gut machen, solang sie nicht zu schmutzig war. Die Schubladen hatten


Schlösser, und juhu! In einem der Schlösser steckte ein Schlüssel. Die wollte sie haben, damit sie wenigstens irgendwas zum Abschließen hatte. „Privatsphäre!“ Sie bahnte sich ihren Weg zu dem Möbelstück und betrachtete es aus der Nähe. Die Kommode war noch gut in Schuss und hatte fünf Schubfächer, das oberste war etwas kleiner als die übrigen vier. Lola zog an einer Schublade, doch sie ließ sich nicht öffnen. Sicher war sie abgeschlossen. Deshalb versuchte sie ihr Glück bei dem Fach, in dem der Schlüssel steckte. Die Schublade kam heraus, aber nur schwer. Sie war vollgestopft mit Kleidungsstücken ihrer Großmutter, ihrer kleinen, süßen Omama. Aber, puh, alles stank noch nach ihren ewigen Zigarillos. Lola nahm das oberste Kleidungsstück in die Hand, eine beigefarbene Bluse. Großmutter hatte immer Kostümchen mit Blusen getragen. Und spitze Schuhe mit Wahnsinnsabsätzen. Lola ging zur Treppe und lehnte sich weit übers Geländer. „Mama“, rief sie in die untere Etage. „Ma-ma!“ „Ja“, tönte es von unten. „Was ist los? Komm runter und schrei nicht durchs ganze Haus.“ „Manno.“ Lola verzog das Gesicht. Typisch Mama. „Du schreist doch gerade selbst“, rief sie zurück. „Darf ich Omas Kommode für mein Zimmer haben? Damit ich meine Blusen hineintun kann?“ Ihre Mutter erschien am Treppenansatz und sah zu ihr hinauf. „Ich hab gesagt, du sollst aufhören hier so rumzuschreien“, sagte sie. „Wenn du zu faul bist, die Treppe hoch und runter zu laufen, bekommst du ein anderes Zimmer. Was hast du gerade von einer Kommode gesagt?“ „Da steht eine Kommode auf dem Dachboden“, antwortete Lola. „Mit Omas alten Sachen drin. Darf ich die haben und für meine Klamotten benutzen? Ich habe ja sonst nur die Kleiderstange.“ „Mach das“, sagte ihre Mutter. „Aber hör auf, so rumzuschreien.“ „Magnífico“, entfuhr es Lola. „Soll ich Omas Sachen in einen Plastiksack stecken?“ „Mach das“, wiederholte ihre Mutter und verschwand aus Lolas Sichtfeld. Lola schnappte sich ein paar leere Säcke aus ihrem Zimmer und kämpfte sich wieder zur Kommode vor. In der ersten Schublade waren Blusen, Kleider und dergleichen. In der nächsten befanden sich nur Schuhe. Omas spitze Stöckelschuhe. Lola stieß auf ein Paar aus Schlangen- oder Echsenleder oder etwas in der Richtung, ging damit zu dem Teil des Dachbodens, wo nichts stand, und steckte ihre Füße hinein. Die Schuhe waren groß genug, aber viel zu eng an den Zehen. Sie machte ein paar vorsichtige Schritte, bis sie vor einem alten Spiegel stand und betrachtete sich. Struwweliges, blondes Haar, breites Gesicht, grün-braune Augen, die in dem schummrigen Licht sehr dunkel aussahen. Ein T-Shirt und eine fleckige Hose, die natürlich nicht zu den eleganten


Stöckelschuhen passten. Sie verzog das Gesicht. Was ihre neuen Klassenkameraden wohl sagen würden, wenn sie so in die Schule käme? ‚Ja, das ist echte Puffotter. Das tragen alle, da, wo ich herkomme.‘ Oh, nein, doch keine Puffotter. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Von Puffottern hatte sie mehr als genug. Dann lieber Ringelnatter. Oder gleich Python. Was würden ihre neuen Klassenkameraden wohl überhaupt zu ihr sagen? Lola zog die Schuhe wieder aus und pfefferte sie mit den anderen Paaren in den Plastiksack. Sie freute sich schon darauf, wenn sie ihn endlich hinter sich hatte. Den ersten Schultag in der neuen Klasse, mierda! In der dritten Schublade lagen alte, braune Strumpfhosen und Omas Unterwäsche. Das fand sie schon ein wenig unangenehm, deshalb versuchte sie, so wenig wie möglich davon zu berühren, während sie alle in den Sack warf. Warum um alles in der Welt hatte jemand Omas Unterwäsche und benutzte Strumpfhosen aufbewahrt? Das unterste Schubfach saß fest. Lola ruckelte und zog daran, aber nichts half. Vielleicht klemmte auch nur das Schloss? Weil die Kommode zwischen all die anderen Möbeln gequetscht war, ließ sich das gar nicht so genau sagen. Lola seufzte. Sie brauchte mehr Platz, die Kommode musste frei stehen. Sofort schob und rückte sie andere Möbelstücke beiseite, bis sie genug Platz hatte, um die Kommode mühsam hervorzuziehen. Jetzt sah sie, dass die Schublade nicht abgeschlossen war. Noch einmal zerrte sie mit voller Kraft daran, aber nichts tat sich. Was für eine vermaledeite Mistkommode. Aufgehen sollte die Schublade, was konnte sie denn jetzt noch tun? Sie ging einmal um die Kommode herum und sah sie sich genauer an. An der Rückseite befand sich eine Holzplatte. Von unten sicher auch, oder? Vorsichtig legte Lola die Kommode auf die Seite. Sie hörte, wie sich dabei etwas im Inneren rutschte. Mist, auch dort war eine durchgängige Platte. Lola setzte sich erschöpft in den Staub. Sie musste wohl ihren Vater um Hilfe bitten, sobald er mit seinem Zimmer fertig war. Oder besser gesagt mit seinem Büro, wie er es nannte. Alle fünf Familienmitglieder waren damit beschäftigt, sich einzurichten, bevor sie am Montag zum ersten Mal auf die Arbeit und in die neue Schule gehen würden. Nach sieben Jahren in Bwananda, Afrika. Ganz vorn ragte ein großer Nagel schräg aus einem Loch im Boden der Kommode. Lola runzelte die Stirn, dann streckte sie die Hand aus und zog ihn heraus. Merkwürdig. Wozu war der denn gedacht? Sie stand wieder auf, ging um die Kommode herum und ruckelte erneut an der untersten Schublade, die nun ohne große Mühe herausglitt und enthüllte, dass sie leer war. Lola dachte einen Moment nach. Dann schob sie die Schublade wieder zu und steckte den Nagel wieder ins Loch. Bingo: Jetzt saß die Schublade wieder fest. Aha, eine Art Extraschloss, ein


geheimes Schloss, chulo. Die kleinste, oberste Schublade war auch leer. Gut. Sie stellte die Kommode wieder auf die Füße, nahm alle Schubladen komplett heraus und wollte das Möbelstück gerade über den Boden in ihr Zimmer ziehen, als ihr etwas einfiel. Irgendetwas hatte darin gerumpelt, als sie es auf die Seite gekippt hatte. Doch in den Schubfächern hatte nichts mehr gelegen, was also konnte es gewesen sein? Sie untersuchte die nun leere Kommode, fand aber nichts, was lose war, nur die obligatorischen Spinnennetze und toten Insekten, wie überall auf dem Dachboden. Sie würde also einmal mit dem Staubsauger durchsaugen müssen, bevor sie die Kommode in ihr Zimmer stellen konnte. Wo doch alles andere, was darinstand, so sauber war. Lola hob eine Seite an und rüttelte ein wenig. Kein Geräusch. Sie dachte nach. Etwas hatte sich bewegt, als sie die Kommode auf die Seite gelegt hatte. Sie seufzte und kippte die Kommode noch einmal. Nicht ein Ton. Nein, so kam sie nicht weiter. Dann würde sie eben zuerst einmal durchsaugen und die Kommode dann in ihr Zimmer schleifen. Doch als sie das Möbel wieder zurück auf die Füße wuchtete, hörte sie das Geräusch erneut. Da bewegte sich also wirklich irgendetwas im Innern der Kommode. Sicher war es eine tote, vertrocknete Ratte. Ratten brauchten keine großen Löcher, die konnten sich durch Öffnungen von der Größe einer Münze quetschen. Wo versteckte sie sich bloß? Die musste weg. Sie überprüfte die leere Kommode noch einmal, ohne Löcher, Schlitze oder ähnliches zu entdecken. Weil das Licht nur schwach war, steckte sie eine Hand hinein und fuhr damit über die Seitenflächen und in die Ecken, wo sich die einzelnen Platten verbanden, aber nein, da war nichts. Lola biss sich auf die Lippe, während sie angestrengt nachdachte. Dann fing sie an, mit einem Fingerknöchel gegen die Bretter der Kommode zu klopfen. Und ja, oben klang es hohl. Die Deckplatte musste einen doppelten Boden haben. Dort verbarg die Ratte sich sicher. Gefunden, du Untier! Jetzt musste sie nur noch die Öffnung suchen. Sie stellte sich wieder hin und überlegte kurz. Dann kippte sie die Kommode noch einmal, diesmal mit der Unterseite nach oben. Das Licht, das durch das Dachfenster kam, fiel nun direkt auf das Brett, das hohl geklungen hatte. Lola kniete sich hin und sah es sich genauer an. Darauf war ein seltsamer Knubbel ... hm. Sie drückte mit einem Finger auf den Knubbel und fuhr erschrocken zurück. Mit einem hohen, trockenen Pfeifen glitt ein Teil des Bretts zur Seite und gab den Blick auf ein staubiges Fach frei. Es war so groß, dass noch viel mehr hineingepasst hätte, als das eine Ding, das mitten drin lag. Lola starrte wie gebannt darauf. Dann beugte sie sich langsam mit klopfendem Herzen vor und starrte noch mehr. Was hatte sie da bloß gefunden? Was um alles in der Welt lag dort in diesem geheimen Fach und ... glotzte sie an? Da war ein Auge auf etwas, das aussah wie ein Paket. Glücklicherweise guckte das Auge nur


und bewegte sich nicht. Nach kurzem Zögern griff Lola hinein und holte das Paket hervor. Es war schwer wie ein dickes Buch und in ein merkwürdiges Stück Leder eingeschlagen. Hier und dort ragten borstige Haare hervor und die Oberfläche war uneben, voller Falten, Beulen und Grübchen. Das Auge war so passend in das Leder eingearbeitet worden, dass es aussah, als wäre das Paket in die Hälfte eines Gesicht eingewickelt worden, und ein kalter Schauer überlief Lola, als ihr klar wurde, dass es nicht nur so aussah. Sie ließ das Paket fallen, das dumpf auf dem Boden aufschlug und eine kleine Staubwolke aufwirbelte. Das Auge starrte weiter, es war offensichtlich aus Glas. Igitt! Was hatte sie denn da gefunden? Das Gesicht konnte glücklicherweise nicht von einem Menschen stammen. Es musste ein Affe gewesen sein. Ein riesiger Affe, schließlich war eine Gesichtshälfte groß genug, um etwas darin zu verpacken. Qué feo. Wie war dieses Ding bloß in Großmutters Kommode gelandet? Was war wohl in dem Paket? Um das herauszufinden, musste sie es anfassen. Ruhig, mahnte Lola sich selbst. Es lebt ja nicht. Das ist bloß Leder, altes, staubiges Leder. Ein Affengesicht, fügte sie hinzu, und konnte nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf ihr eigenes Gesicht stahl. Ein halbes Affengesicht. Das war unmöglich. Dann musste es auch ein Nasenloch haben. Als sie das Paket umdrehte, erkannte sie ein eingetrocknetes Ohr. Auf der Rückseite befand sich ein Schnürverschluss. Am Ende der Schnur hing ein großer Zahn. Lola begann, das Band zu entknoten, und obwohl das Leder steif und sehr trocken war, bröckelte und brach nichts ab. Als sie es aufklappte, kam ein Papierstapel zum Vorschein, nein, ein Buch. Es war ein Buch und das Affenleder war der Umschlag. Lola setzte sich auf die Kante der Kommode und schlug es auf, um die erste Seite zu lesen. Das Papier war grob und uneben, ganz wie das handgeschöpfte Papier, das in den Souvenirläden auf dem Dorf verkauft wurde, wo Nyaki lebte. Eine Reihe von Zeichen und Wörtern in einer Sprache, die sie nicht kannte, zierten das Blatt. Lola beherrschte Spanisch und Englisch, ein bisschen Mbdau und natürlich Dänisch. Die Wörter deuteten auf eine afrikanische Sprache hin, europäisch waren sie sicher nicht. Himmel, war das ein Tagebuch? Was auch immer es war, Omas Tagebuch würde es nicht sein, schließlich war sie nie in Afrika gewesen. Zumindest nicht, soweit Lola wusste. Nein, das war sie nicht, sonst hätte Mama doch etwas davon erzählt, schließlich hatten sie selbst so lange dort gelebt. Vorsichtig schlug sie das Buch an einer zufälligen Stelle auf. Auch hier waren Zeichen und Wörter in einer deutlichen Handschrift geschrieben. Diese Seite glich einem Rezept, wie sie in Kochbüchern stehen. Lola folgte einer Zeile mit dem Finger.

. Ndiyaba. ∩ . ndimkhulu . ndazi ihlabathi . ∪ . ndiligqwirhakazi . kufuneka undoyike, stand dort. Ndiyaba . ndimkhulu . le ncwadi iyaba eqinileyo . kufuneka undoyike .  .


kufuneka ulale! .  . „Ndiyaba . ndim-khu-lu . le ncwa-di i-ya-ba e-qi-ni-le-yo . ku-fu-ne-ka un-do-yi-ke. Ku-fune-ka u-la-le“, murmelte sie, während ihr Zeigefinger die Worte abfuhr. Das war sicher eine afrikanische Sprache, und es gefiel ihr, die Worte auszusprechen. „Ndiyaba . ndimkhulu . le ncwadi iyaba eqinileyo . kufuneka undoyike . kufuneka ulale“, wiederholte sie, diesmal schneller und gleich noch einmal: „Ndiyaba . ndimkhulu . le ncwadi iyaba eqinileyo . kufuneka undoyike . kufuneka ulale!“ Plötzlich schien das Buch in ihren Händen zu zucken. Erschrocken ließ Lola es fallen und stand abrupt auf. Was war das? Sie starrte wie gebannt auf das Buch, das nun auf dem Boden lag. Reglos. „Es hat sich nicht bewegt“, versuchte Lola sich selbst zu beschwichtigen. Jetzt spielten ihre Nerven wohl verrückt. Als würde ein altes Buch lebendig werden können. Aber es hat sich angefühlt, als hätte es sich bewegt ... Vielleicht war ein Tier darin. Eine Schlange oder ein Käfer konnte sich sehr wohl zwischen die Seiten geschoben haben. Sie bückte sich, um das Buch näher zu untersuchen, verharrte dann aber mitten in der Bewegung. Das Auge sah sie nicht mehr an. Es war geschlossen. Im gleichen Augenblick hörte sie Schritte auf der Treppe. Ihre Brüder waren auf dem Weg zu ihr. Ohne zu zögern griff Lola nach dem Buch und legte es zurück in das geheime Fach. Sie fummelte an dem Knubbel herum und glücklicherweise glitt der Deckel knarzend zurück und verbarg seinen Inhalt. Viggo stürzte auf den Dachboden, Emil dicht auf seinen Fersen. „Was machst du?“ „Warum liegt das hier so? Darf ich mir dein Zimmer angucken? Bist du schon fertig?“ Lola atmete langsam aus. Was war denn bitte gerade hier geschehen? Sie schüttelte ungläubig den Kopf und trat von der Kommode weg. „Du siehst lustig aus“, sagte Emil. „Und wir essen gleich.“ „Schön“, sagte Lola. „Seht euch ruhig in meinem Zimmer um, ich bin fast fertig. Ich hab’s nur noch nicht geschafft, diese Kommode ...“ Wollte sie das Möbelstück denn jetzt wirklich noch haben? „Wie langweilig“, meinte Viggo, der im Türrahmen stand und in ihr Zimmer schaute. „Unseres ist viel spannender.“ „Wie gut“, sagte Lola. „Dann muss ich ja nicht befürchten, dass ihr die ganze Zeit angerannt kommt.“ Viggo verzog das Gesicht, dann stürzte er zur Treppe und polterte wieder hinunter. Emil folgte ihm, und zuletzt setzte auch Lola sich in Bewegung. Sie warf einen letzten Blick


zur Kommode, die noch auf dem Kopf stand. Man konnte nichts sehen. Was sollte man auch sehen können? Dann schloss sie vorsichtig ihre Zimmertür und ging ebenfalls die Treppe hinunter. Sollte sie Papa und Mama von dem Buch erzählen? Es roch nach gebratenen Zwiebeln und sie hörte das Klappern von Besteck. Hatte ihre Fantasie ihr einen Streich gespielt? Lola atmete tief ein und trat zu den anderen in die Küche. Sie beschloss, erst mal nichts zu sagen. *


11 MIT KLOPFENDEM HERZEN Lola war immer noch müde, als sie am nächsten Morgen aufwachte, obwohl sie mindestens so lange geschlafen hatte, wie gewöhnlich. Im Bad erwartete sie ein Spiegelbild, das ihr gar nicht ähnelte. Sonst standen ihre Haare morgens in alle Himmelsrichtungen ab, doch heute klebten sie ihr förmlich am Kopf. Und was war bloß mit ihren Augen los? Vielleicht wurde sie ja krank? Als sie am Frühstückstisch ankam, bemerkte niemand der anderen irgendetwas Außergewöhnliches an ihr. Alle waren in Aufbruchsstimmung, mussten entweder zur Arbeit oder in die Schule. Mama wirbelte durch die Küche und stiftete allgemeine Verwirrung. Normalerweise versorgte sie morgens alle mit Pausenbroten und Sportsachen, heute jedoch nicht. Jeder musste seine Brote selbst schmieren und das führte zu kleinen Streitereien und gereizten Bemerkungen. Lola beobachtete die anderen stumm und rührte ihren Joghurt fast nicht an. ‚In der Spur?‘ dachte sie. Von wegen. Pures Chaos. Ein Gewusel wie im Ameisenhaufen. Oder wie in einer Horde Meerkatzen. Die hatte sie ein paar Mal beobachten können, wenn sie den Regenwald durchquerten. Gerempel, Gekreische, und man musste aufpassen, nicht allen möglichen Mist auf den Kopf zu bekommen. Kaum hatte sie das Schulgebäude erreicht, klingelte es schon zum Unterricht. Und plötzlich war sie richtig gespannt darauf, Camilla und Soffi zu treffen. Wie sie wohl sein würden? Ob man ihnen schon eine Veränderung anmerken konnte? Und Vik – vielleicht hatte er noch mehr herausgefunden. Aber keiner von den dreien war in der Klasse, als sie hereinkam. „Weiß jemand, wo Camilla ist? Ist sie krank? Und was ist mit Soffi?“, fragte Gut-Ruth, die sich in der Klasse umsah, aber niemand antwortete. Lola stutzte. Wieso erkundigte sie sich nicht auch nach Vik? Sie rechnete wohl nicht damit, dass jemand außerhalb der Schule Kontakt zu ihm hatte und etwas wissen könnte. Aber da hatte sie falsch gedacht. Sie würde es ihnen zeigen. „Ich weiß nicht, was heute mit Vik los ist“, sagte sie laut und deutlich. „Am Samstag ging es ihm jedenfalls noch gut. Da hab ich eine E-Mail von ihm bekommen und darin hat er nichts davon geschrieben, dass er krank ist.“ Alle drehten ihre Köpfe zu ihr und sahen sie an. „Ach, das kannst du natürlich nicht wissen“, lächelte Gut-Ruth. „Vik ist nicht krank. Jeden Monat hat er an den ersten beiden Schultagen Förderunterricht an einer anderen Schule. Er hat wohl vergessen, dir das zu erzählen.“ Förderunterricht. Warum hatte er das nicht erwähnt? Mierda.


„Ach, ja“, sagte sie und stellte irritiert fest, dass sie rot wurde. „Oh, Schatz, du solltest wirklich keine Geheimnisse vor mir haben“, flüsterte Simon mit aufgesetzter Stimme. „Ich will doch alles über dich und dein span-nen-des Leben wissen.“ Sie riss sich zusammen und tat so, als hätte sie ihn nicht gehört. Petardo! Dann würde sie Vik also erst am Mittwoch wiedersehen. Am Mittwoch. Erst da wurde ihr bewusst, was sie gerade gehört hatte: Camilla und Soffi waren nicht in der Schule. Oh, nein. Oh, nein! Wieso waren sie nicht da? Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Und nicht mal Vik war da, sie hatte niemanden, mit dem sie sprechen konnte. Warum waren Camilla und Soffi nicht in der Schule? Waren sie krank? Oder war ihnen irgendetwas zugestoßen? Wer kannte sie gut genug? Wer könnte etwas wissen? Simon vielleicht. Sie fixierte ihn mit ihrem Blick, was er sofort bemerkte. Sauer starrte er zurück. „Weißt du, ob Camilla krank ist? Oder schwänzt sie vielleicht?“, flüsterte sie. Einen Augenblick wirkte er verwirrt, als hätte er etwas anderes erwartet als diese Frage. Dann setzte er eine überlegene Miene auf. „Vielleicht“, antwortete er. Sie fixierte ihn kurz, dann gab sie auf. Mierda. Gab es noch andere, die etwas wissen könnten? Sie hatte keine Ahnung. Ja, Maja vielleicht? Aber die saß so weit weg. Lola musste bis zur Pause warten. Doch Maja wusste auch nichts. Camilla und sie waren am Wochenende nicht verabredet gewesen. Aber sie hatte Camillas Handynummer, wie wär’s, wenn Lola sie einfach anrufen und sie selbst fragen würde, wo sie sich doch so sehr um ihren Gesundheitszustand sorgte? Ja, das könnte sie sicherlich tun. Lola ließ sich die Nummer aufschreiben und schämte sich plötzlich, dass sie kein Handy hatte. Alle anderen besaßen eins. Sie würde es sich zu Weihnachten wünschen. Aber sie konnte ja ohnehin nicht einfach so bei Camilla anrufen. Was sollte sie denn sagen, wenn Camilla dranginge? Wenn sie denn dranginge, fügte sie niedergeschlagen hinzu. Lola könnte natürlich sofort auflegen, sobald sie Camillas Stimme gehört hatte. Doch dann hätte Camilla gesehen, wer angerufen hatte. Mierda. Laura kam zu ihr, während sie dort stand und überlegte. Sie sagte Hallo und sah fröhlich aus. Lola wünschte, sie könnte genauso sein: fröhlich und ruhig – und unbeschwert. Es wirkte so, als wäre es leicht, Laura zu sein. „Erzähl schon“, sagte sie. „Ich möchte alles wissen. Wie war es?“ Lola sah sie verwirrt an. „Wie war was?“ „Mit Vik natürlich. Als er am Freitag mit bei dir zu Hause war. Und ihr beide habt gemailt?


Davon hast du ja am Samstag kein bisschen erzählt, als wir telefoniert haben. Erzähl schon, was habt ihr gemacht?“ „Na ja“, seufzte Lola. „Wir haben die meiste Zeit geredet. Ich habe ganz viel von Bwananda erzählt.“ „Und das ging gut? Mit ihm zu reden, meine ich?“ „Ja, er klingt zwar oft wie ein wandelndes Lexikon, aber das ist schon in Ordnung. Ganz lustig sogar. Ich musste mich nur erst daran gewöhnen.“ Sie verstummte. Und dann sprudelte doch alles aus ihr heraus. „Oh, Laura, es ist so viel passiert ... Mir geht es nicht gut. Ich würde dir das gern erzählen, aber ...“ Laura starrte sie erschrocken an. „Was ist denn los? Ist es was Schlimmes?“ „Nein ... oder doch. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Das ist ja das, was ich nicht herausfinden kann.“ Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Und das wollte sie nicht. „Hat es mit Vik zu tun? Ist was vorgefallen, als er bei dir zu Hause war?“ „Nein, nein“, Lola schüttelte den Kopf und versuchte, zu lächeln. „So was ist es nicht. Können ... Wenn du morgen zu mir kommst, können wir ...“ Sie riss sich zusammen. „Da ist so viel, was ich dir erzählen möchte, aber ... ich kann gerade nicht. Nicht hier. Kannst du bis morgen warten?“ Lola sah Laura flehend an. Hoffentlich wurde sie jetzt nicht sauer. Oder fühlte sich ausgeschlossen. „Ich verspreche dir auch, dass ich dir dann wirklich alles erzähle.“ Laura riss die Augen weit auf. „Das klingt ja schrecklich geheimnisvoll, und ich sterbe gleich vor Neugierde. Aber wenn du gerade nichts sagen willst, gut.“ Sie umarmte Lola kurz. „Solang es dich nicht traurig macht. Es macht dich doch nicht traurig, oder?“ Lola atmete tief ein und schüttelte den Kopf. „Es bedrückt mich eher. Aber dafür gibt’s bestimmt keinen Grund.“ „Gut“, sagte Laura bestimmt. Im gleichen Moment klingelte es, weshalb sie sich bei Lola unterhakte und sie mit sich zog. Vor der Tür zur Klasse stand Gut-Ruth mit einem Mann, den Lola nicht kannte. „Das ist Camillas Vater“, erklärte Laura mit leiser Stimme. „Was will der denn hier?“ Oh, nein! Lola blieb wie angewurzelt stehen. Nein, nein, nein! „Kennst du ihn?“, fragte Laura erstaunt, doch Lola schüttelte schnell den Kopf und war froh,


als sie endlich in der Klasse waren und sie sich setzen konnte. Sie hatte ganz weiche Knie. Jetzt machte sie sich Sorgen. Richtig ernsthafte Sorgen. Gut-Ruth und Camillas Vater kamen herein und schlossen die Tür hinter sich. Gut-Ruth sah ernst aus, was so ansteckend war, dass alle angespannt schwiegen. Sie ist tot, dachte Lola. Ihr Herz schlug ihr vor Aufregung bis zum Hals. Camilla ist tot. Wir haben sie umgebracht. „Das ist Camillas Vater“, sagte Gut-Ruth und machte eine ausladende Geste mit der Hand. „Er möchte euch etwas fragen.“ Lola musste ihren Mund öffnen, um genug Luft zu bekommen. „Ja, guten Morgen“, sagte Camillas Vater. „Ich hatte gehofft, dass Camilla hier ist. Sie ist nämlich am Wochenende leider nicht nach Hause gekommen. Und ihre ... hm, eure Klassenkameradin Sofie offensichtlich auch nicht, wie ich von ihrer Mutter erfahren habe. Seit Freitagnachmittag hat niemand die beiden gesehen, und ich hatte gehofft, dass jemand von euch weiß, wo sie sich aufhalten könnten. Könnt ihr mir helfen, sie zu finden?“ Er schwieg und räusperte sich, bevor er weitersprach. Lolas Blut rauschte so laut in ihren Ohren, dass sie kaum noch verstehen konnte, was er sagte. Nicht nach Hause gekommen. Nicht nach Hause gekommen. Vielleicht nicht tot. Aber nicht nach Hause gekommen. „... der Auffassung, dass Camilla mit Sofie und ihrer Familie in Nordjütland war, aber das stimmte nicht, wie wir nun herausgefunden haben. Die beiden sind gar nicht erst mitgefahren. Wir glauben, dass sie sich bei einem Bekannten aufhalten. Sofies Mutter hat erzählt, dass sie am Freitag zu irgendeiner Party wollten.“ Er machte einen Gesichtsausdruck, als hätte er etwas sehr Unappetitliches gesehen. „Jedenfalls ist es ja möglich“, er sah sich in der Klasse um, „dass eine oder einer von euch auch bei dieser Party war und mir verraten will, wo sie stattgefunden hat. Damit ich meine Tochter dort abholen kann“, fügte er noch hinzu. Alle tauschten neugierige Blicke. Party? War eine oder einer von ihnen mit Camilla und Soffi auf einer Party gewesen? Aber keiner von ihnen sagte etwas. Simon konnte sich nicht mehr halten vor Lachen. Lolas Gedanken überschlugen sich. Eine Party? Am Freitag? Am selben Abend, an dem sie ... Aber warum sollten sie so lange wegbleiben? Waren sie wirklich nur zu einer Feier gefahren? Nein, das konnte nicht sein, es war ja schon Montagmorgen. Es musste eine andere Erklärung geben. Eine, die nur sie kannte. Und Vik. Ihr wurde übel. „Denkt bitte alle noch einmal richtig nach“, sagte Gut-Ruth und sah sich eindringlich in der Klasse um. „Selbst wenn niemand von euch mit bei der Party war, hat vielleicht jemand gehört, wo Soffi und Camilla hinwollten?“


Wieder tauschten alle neugierige Blicke, ein paar schüttelten den Kopf. „Was meint denn die Polizei?“, wandte Gut-Ruth sich wieder an Camillas Vater. „Polizei?“, fragte er schroff zurück. „Ich sehe bisher keine Veranlassung, die Polizei einzuschalten.“ „Aber, die Mädchen müssen doch gesucht werden.“ „Ich“, das Gesicht von Camillas Vater wurde ganz schmal, „ich kann sehr gut selbst auf meine Tochter aufpassen. Ich muss nicht gleich zur Polizei rennen, nur weil meine Tochter ein bisschen ... rebellisch ist. Ja, rebellisch.“ „Rebellisch?“ Gut-Ruth schaute ihn verständnislos an. „Meine Frau und ich sind uns darüber einig, dass ... Hm, sicher hat Sofie einen schlechten Einfluss auf Camilla. Bisher hatten wir noch keine Möglichkeit, uns mit Sofies Eltern zu unterhalten. Wir konnten uns kein Bild von deren ungewöhnlichen Erziehungsmethoden machen. Wenn wir davon gewusst hätten, dann hätten wir Camilla gar nicht erlaubt, zu ihr zu gehen. Darüber wird sie sich selbstverständlich im Klaren gewesen sein.“ Gut-Ruth starrte Camillas Vater an. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie sagte nichts. „Aber bitte“, platzte es aus Lola heraus, „wieso sind sie denn noch nicht nach Hause gekommen? Keine Party dauert drei Tage lang, oder?“ Camillas Vater sah zu ihr herüber. „Meine Tochter hat eine gute Erziehung genossen“, sagte er. „Sie weiß, dass ihr für ihr Handeln Konsequenzen drohen. Sie hat einfach noch nicht die nötige Kraft, ihrer Strafe ins Auge zu sehen. Sie hat den Schwanz eingezogen und sich versteckt.“ Lola verstand erst nicht, wovon er redete. Gute Erziehung? Schwanz eingezogen? Sprach er wirklich von Camilla? Das war doch absurd. Mit dem stimmte irgendetwas nicht. Gut-Ruths Blick war auf den Boden gerichtet. Dann richtete sie sich auf und den Blick auf die Klasse. „Wisst ihr irgendetwas? Habt ihr eine Ahnung und könnt Camillas Vater helfen? Kennt ihr jemanden, mit dem Camilla und Soffi befreundet sind und der nicht hier auf die Schule geht? Hat jemand gewusst, dass sie zu einer Party wollten? Alles könnte von Bedeutung sein, also meldet euch.“ Es wurde still in der Klasse. Diesmal sah sich niemand um. Ein paar schauten zu Camillas Vater, doch die meisten hatten den Kopf gebeugt und starrten auf den Boden. Lola wurde schwindelig, sie klammerte sich an ihren Stuhl. „Also gut“, sagte er nach einer Pause. „Dann werde ich meine Nachforschungen an anderer Stelle fortsetzen. Ich hoffe, ihr seid ehrlich zu mir. Wenn jemand hier sitzt und etwas über Camilla weiß und nicht erzählt, dann ... Ja, dann ...“


„Ich bin davon überzeugt“, unterbrach ihn Gut-Ruth mit scharfer Stimme, „dass alle Klassenkameraden Camilla gern helfen möchten. Falls doch noch jemandem etwas einfällt, gebe ich Ihnen das sofort weiter. Gleichzeitig erwarte ich natürlich, von Ihnen zu hören, sobald die Mädchen wieder auftauchen.“ Er nickte. „Darüber werde ich die Schule sofort in Kenntnis setzen“, sagte er. „Und nun müssen wir mit dem Unterricht beginnen. Wenn Sie uns bitte entschuldigen würden. Ich hoffe inständig, dass die beiden Mädchen bald wieder wohlbehalten zu Hause sind. Viel Glück.“ „Danke.“ Camillas Vater wirkte ein wenig verwirrt. Dann nickte er den Schülern zu und verließ das Klassenzimmer. Gut-Ruth sah ihm mit zusammengebissenen Zähnen nach. „Was man nicht alles erlebt“, murmelte sie. „Arme Camilla“, entfuhr es Sarah Maria. „Ich würde auch weglaufen, wenn ich so einen Vater hätte.“ „Wo kann sie nur sein?“ „Wie cool von ihr, dass sie einfach weg bleibt.“ „Hört mal“, sagte Gut-Ruth, „hat wirklich keiner von euch eine Ahnung, wo die beiden stecken könnten?“ Lola biss sich auf die Lippe. Nein, wo wusste sie nicht. In der Gebärmutter? Aber sie wusste vielleicht, warum sie weg waren. Nur, was konnte sie denn tun? Und wieso war Vik nicht da? Er war ja auch daran beteiligt, es war also auch seine Schuld. Warum musste sie das alleine durchstehen? Das konnte sie nicht. Nicht noch einmal. Inzwischen war ihr richtig übel, sie beugte sich vor, damit ihr Magen sich entspannen konnte. „Was ist, Lola?“ Gut-Ruth hatte ihre Bewegung gesehen. „Weißt du vielleicht doch etwas?“ Lola schüttelte schnell den Kopf, aber das hätte sie besser nicht tun sollen. Die Übelkeit verstärkte sich nur noch mehr. Ruckartig stand sie auf und stürzte zwischen den Tischen hindurch zur Tür, damit sie es noch rechtzeitig in den Flur schaffte, bevor sie sich übergeben musste. Doch als sie die Hand auf die Klinke legte, ließ sich der bittere Mageninhalt schon nicht mehr zurückhalten. „Ihhh“, hörte sie jemanden stöhnen, während sie sich gegen die Tür stützte und sich auf nichts anderes konzentrieren konnte, als auf ihre Übelkeit. Ihr Bauch krampfte sich noch mehrmals zusammen, aber sie würgte nichts als Galle hoch. Wie gut, dass ich den Joghurt nicht gegessen habe, dachte sie dabei. Gut-Ruth war zu ihr herübergekommen, stellte sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern.


„Lauft zum Hausmeister und lasst euch Küchenrolle und einen Eimer Wasser mit Putzmittel geben“, sagte sie an die Klasse gerichtet. „Und ein Paar Gummihandschuhe.“ Jemand quetschte sich an ihnen vorbei und rannte los. Ein Fenster wurde geöffnet. Lola fühlte sich langsam besser. Sie stellte sich aufrecht hin und lächelte Gut-Ruth entschuldigend an. Die ließ sie los und machte einen Schritt zurück. „Das ... Das tut mir sehr leid“, sagte Lola. „Ich ...“ „Du kannst ja nichts dafür“, meinte Gut-Ruth. „Hast du was Falsches gegessen?“ Lola schüttelte vorsichtig den Kopf. Gut-Ruth sah sie forschend an. „Hat es irgendwas mit den beiden Mädchen zu tun?“ Lola konnte ihrem Blick nicht standhalten. „Ich weiß nicht, wo sie sind“, sie flüsterte fast. „Das weiß ich wirklich nicht.“ „Ja“, sagte Gut-Ruth nach einem kurzen Zögern. „Ja, gut. Lauf doch schnell zur Toilette und wasch dir das Gesicht. Emma“, rief sie. „Begleitest du Lola?“ Unten auf dem Mädchenklo spülte Lola ihren Mund aus, um den fiesen Geschmack von Erbrochenem loszuwerden. Dann wusch sie Gesicht und Hände. Zwar war ihr nicht mehr kotzübel, aber gut ging es ihr trotzdem nicht. Gut-Ruth sah sie prüfend an, als sie zurückkamen. Das Erbrochene war inzwischen aufgewischt, Sarah Marie hockte noch am Boden und war fast fertig mit dem nachwischen. „Wie geht es dir?“, fragte Gut-Ruth. „Du bist ganz schön blass. Möchtest du hierbleiben oder lieber nach Hause gehen?“ „Nach Hause“, antwortete Lola erleichtert. Sich ins eigene Bett legen. Einfach vor allem in den Schlaf flüchten. „Bringst du Lola heim?“, fragte Gut-Ruth an Emma gerichtet, die nickte. Lolas und Lauras Blicke trafen sich. Lola wäre es lieber gewesen, wenn Laura mitgekommen wäre. Laura sah sie forschend an, dann nickte sie und formte ein „Bis bald“ mit den Lippen. Ja, nickte Lola. Bis bald. Zwanzig Minuten später hatte sie sich bei Emma bedankt und von ihr verabschiedet, die Tür hinter ihr verschlossen und einen Zettel mit der Nachricht, dass sie zu Hause und krank war, auf dem Küchentisch zu hinterlassen. Nun lag sie mit geschlossenen Augen im Bett. Puh. Sie war sehr, sehr müde und innerhalb weniger Minuten eingeschlafen. Sie war so enttäuscht. Dabei war sie sich so sicher gewesen, dass er ihr einen zum


Geburtstag schenken würde. Dreizehn Jahre. Teenager? Fast erwachsen. Bald zumindest. Er hätte so gut gepasst. Aber nein. Nyaki hatte ihr stattdessen ein Stück Leder gegeben, das man an die Wand hängen konnte und in das ein Bild eingebrannt war. Ein Bild von einem großen Schwein, das so schnell lief, dass seine Füße den Boden nicht berührten. Es war sehr schön, und Lola hatte sich im Nachhinein auch darüber sehr gefreut, aber als sie es bekam, konnte sie ihre Enttäuschung kaum verbergen. Buru durfte einen haben und sie nicht. Wie ungerecht. Wo sie doch so gern selbst einen besessen hätte. Nyaki tat doch sonst immer so, als würde er sie mögen. Drei Wochen später war Lola in Nyakis Dorf und wollte dort auch – wie so oft – über Nacht bleiben. Buru und seine Mutter hatten ein paar Tage frei, mit Nyaki und ihrem Vater, der sie ins Dorf fuhr, saßen sie zu fünft im Wagen. Buru war fünfzehn Jahre alt und arbeitete wie ein erwachsener Mann bei Lolas Nachbarn. Seine Mutter kümmerte sich um den Haushalt der Nachbarsfamilie wie Smily sich bei ihnen und den Haushalt kümmerte. Und Buru war für den Garten und alle anderen praktischen Arbeiten zuständig, so wie Nyaki in Lolas Haus. Lola mochte Buru sehr und unterhielt sich oft mit ihm. Ihre Eltern fanden es gut, dass sie sich mit den Kindern vor Ort anfreundete, deshalb waren sie froh, wenn sie Buru nach der Schule traf. Sie hatten auch kein Problem damit, dass ihre Tochter ein paar Wochenenden draußen auf dem Land verbrachte. Dort lernte sie das Leben in Bwananda richtig kennen und bekam einen realistischen Eindruck davon, wie die meisten Afrikaner lebten. Und Nyaki passte dort gut auf sie auf. Oft lief sie in den Garten der Nachbarn, um Buru bei der Arbeit zu helfen. Manchmal saß sie auch einfach nur in seiner Nähe und sah ihm zu, während sie ihm alles Mögliche erzählte, das sie beschäftigte. Bei einer dieser Gelegenheiten, als sie dort saß und ihm erzählte, was sie gerade in der Schule machten, hatte er den kleinen, geschnitzten Raubvogel aus der Tasche gezogen und ihr gezeigt. Er war aus einem speziellen Material, aus Ebenholz, erklärte er ihr, mit kleinen, eingelassenen Elfenbeinstückchen und etwas Rotes saß um die Augen herum. Der Vogel war so fein gearbeitet, dass der Ausdruck eines echten Raubvogels in seinem Gesicht lag, und sie fand ihn wunderschön. „Das ist ein Schlangenadler“, sagte Buru. „Ein Seiltänzeradler.“ „Seiltänzeradler“, wiederholte Lola begeistert, während sie die kleine Figur betrachtete, die mit ausgebreiteten Flügeln auf ihrer Handfläche lag. Der Vogel war so geschnitzt, dass er auf einem Ring saß, an dem eine geflochtene Lederschnur befestigt war. „Wieso heißt der so?“ „Weil er beim Fliegen die Flügel ausbreitet wie ein Seiltänzer, der versucht, das


Gleichgewicht zu halten. Man nennt ihn auch Gaukler, weil er aussieht, als würde er durch die Luft turnen. Er kann wahnsinnig gut fliegen.“ In Burus Stimme schwang viel Stolz mit. „Woher hast du ihn?“, fragte Lola. „Von Nyaki. Er hat ihn mir gegeben. Das ist ein Talisman, der mich vor Schlangen beschützt. Ein Schlangenadler frisst Schlangen.“ „Oh“, schwärmte Lola, „so einen möchte ich auch haben. Ich werde Nyaki fragen, ob ich auch so einen bekomme.“ „Aber das ist doch ein Talisman“, sagte Buru. „Ja, und?“ „Weißt du nicht, dass ein Talisman ein heiliges Geschenk ist? Den bekommst du nicht, weil du ihn dir wünschst. Den bekommst du, weil die Götter ihn dir schenken.“ „Du hast deinen aber doch von Nyaki bekommen. Dann kann er mir doch genauso gut einen geben.“ „Da liegst du falsch“, sagte Buru. „Akwazi!“ „Ich glaube nicht an Götter“, erwiderte Lola trotzig. Buru betrachtete sie ruhig und sagte nichts weiter. Doch es zeigte sich, dass er recht hatte. Nyaki lächelte nur und schüttelte den Kopf, als sie ihn fragte, ob sie auch so einen kleinen Vogeltalisman bekommen könne. „Ich möchte auch vor Schlangen beschützt werden“, hatte sie gesagt, aber nein. Nyaki hatte ihr sonst jeden Wunsch erfüllt, deshalb kam sie wohl auf die Idee, dass er ihr einen schenken wollte, schließlich wurde sie in ein paar Wochen dreizehn. Als sich das nicht bewahrheitete, wurde Lola eifersüchtig: Nyaki mochte Buru also lieber als sie. Und das nur, weil sie weiß und Europäerin war. Und ein Mädchen. Und das war ganz sicher ungerecht. An diesem Samstagvormittag auf dem Land jedenfalls wollten Buru mit seinem kleinen, vierjährigen Bruder Farai hinunter zum Fluss, und Lola wollte mitkommen. Buru behauptete, dass man kleine Goldklumpen und Rohdiamanten im Schlamm finden konnte. Einer seiner Onkel hatte schon, das konnten sie ruhig glauben, sowohl das eine als auch das andere gefunden. Gerade hatte es am oberen Flusslauf so viel geregnet, dass der Fluss über die Ufer getreten war, die Chancen, etwas zu finden, waren heute also noch größer. Buru wollte hinunter und im Schlamm suchen. Sie liefen über die verkrustete Erde der Maisfelder und weiter auf dem Weg, der durch niedriges Gestrüpp und dann über die Felsen wieder hinunter zum Flussbett führte. Es war ein heißer Tag. Sie schwitzen und versuchten ihr Möglichstes, sich im Schatten zu halten. Am Fluss angekommen, stand die Sonne senkrecht über ihren Köpfen. Der Schlamm hatte sich schon wieder in harte, zerklüftete Erde verwandelt. Sie liefen hin und her, hoben Klumpen an


und versuchten, sie zu zerbröseln, was allerdings sehr schwierig war. Lola wollte sich nicht komplett mit Schlamm einsauen, weshalb sie schnell aufgab. Sie fand ein schattiges Plätzchen, an das sie sich setzen und von wo aus sie den anderen zugucken konnte. Das braune, trübe Wasser floss friedlich an ihnen vorbei, Insekten und kleine Vögel schwärmten darüber. Und dann wollten die Jungs ins Wasser. Buru zog sich die meisten und Farai alle seine Klamotten aus und schon planschten die beiden in einer flachen Bucht. Lola war es strengstens verboten, auch nur einen Fuß in den Fluss zu halten, weil er voller Parasiten und Schmutz war, aber sie wusste, dass die Dorfkinder das Verbot nicht so ernst nahmen. Viele Erwachsene und Kinder litten unter einer Krankheit, die sie durch das verunreinigte Flusswasser bekommen hatten, und Lola konnte nicht einfach dasitzen und mitansehen, wie sich die beiden Jungs vielleicht ansteckten. „Ihr sollt nicht ins Wasser gehen“, rief sie Buru zu. „Ihr werdet krank, das weißt du doch. Willst du etwa krank werden?“ „Das Wasser ist in Ordnung, wenn es gerade geregnet hat“, antwortete Buru. „Alle Krankheiten sind heute weggespült.“ „Du bist so dumm wie ein Huhn. Du sollst auf Farai aufpassen und das machst du nicht. Jetzt wird er krank und das ist deine Schuld.“ „Heute wird er nicht krank“, rief Buru zurück. „Ich weiß schon, wie ich auf meinen Bruder aufpassen muss.“ Er schnappte sich Farai und schleuderte ihn so hoch in die Luft, dass er mit einem großen Platscher unter Wasser verschwand. Er tauchte mit einem breiten Grinsen im Gesicht wieder auf, und Buru warf Lola einen verstohlenen Blick zu, um zu sehen, ob sie zuschaute. Farai hatte Spaß, sah sie das denn nicht? Also, nein, so ging das einfach nicht. Sie sollten rauskommen. Lola stand auf und lief ans Ufer hinunter. Sie schwitzte und war kurz davor, richtig sauer zu werden. „Ngwaamba. Du passt nicht gut auf ihn auf, wenn du ihn mit ins Wasser nimmst“, sagte sie wütend. „Deshalb bist du ein schlechter großer Bruder.“ Buru sah sie nicht an. Er spielte weiter mit Farai. Dann grinste er plötzlich. „Du bist ein dummes, weißes Mädchen, das nichts kapiert. Akwazi. Ein dummes Mädchen, das meint, es wäre so klug wie ein schwarzer Mann.“ „Takwara.“ Lola stampfte mit dem Fuß auf. „Du bist kein Mann. Außerdem bist du derjenige, der dumm ist und keine Ahnung hat. Und ein schlechter großer Bruder bist du noch dazu.“ „Dummes, weißes Mädchen! Dummes, weißes Mädchen!“ Natürlich sah sie, dass er dabei übers ganze Gesicht grinste, und sie wusste, dass er sie nur


aufzog, aber ihr war so heiß und sie war so reizbar und wütend darüber, dass er nicht auf sie hörte. Sie wollte, dass die beiden nicht in dem ekligen Wasser schwammen. Sie wollte, dass Buru auf sich selbst und auf Farai aufpasste. Und er war verrückt, zu glauben, dass der Fluss heute nicht gefährlich war. Es war doch dasselbe Wasser darin. „Du bist dümmer als dumm“, schrie sie, „und damit musst du allein zurechtkommen. Ich geh nach Hause.“ Buru antwortete ihr nicht. Sie sah, dass er wieder nach Farai griff und ihn in die Luft warf. Dumm. Sie drehte sich wutschnaubend um und stapfte Richtung Felsen. Buru hatte seine Klamotten auf einen Stein gelegt, an dem sie nun vorbeilief. Dabei entdeckte sie das Lederband, das aus Burus Hosentasche heraushing. Das geflochtene Lederband, das am Schlangenadler festgeknotet war. Sie blickte kurz zurück. Er war noch immer damit beschäftigt, seinen kleinen Bruder in das flache Wasser zu werfen und sah nicht in ihre Richtung. Bevor sie wusste, was sie tat, hatte sie den kleinen Vogel aus der Tasche gezogen und in ihrer Hand versteckt. Dann lief sie schnell weiter, während hinter ihr Farais Lachen schallte. Das geschah Buru ganz recht. Was musste er auch so dumm sein? Akwazi! Wütend stapfte sie zurück ins Dorf und erreichte Nyakis Haus, ohne mit jemandem sprechen zu müssen. Dort setzte sie sich hin und sah sich den Vogel genauer an. Es hatte einen fast stolzen Gesichtsausdruck. Dass jemand so präzise schnitzen konnte. Wer konnte das nur gewesen sein? Das hatte Nyaki ihr nicht erzählt. Wer immer es war, er war auf jeden Fall unglaublich begabt. Seiltänzer. Sie musste sofort an den großartigen Seiltänzer aus dem Film denken, den sie vor kurzem gesehen hatte: Man on Wire – Der Drahtseilakt. Philippe Petit, der über ein Seil zwischen den Twin Towers balancierte. Was würde Buru wohl sagen, wenn ihm auffiel, dass der Talisman nicht mehr in seiner Tasche war? Er würde sich sicher erschrecken, und das geschah ihm ganz recht. Vielleicht fiel es ihm ja auch gar nicht sofort auf. Dann würde er sicher denken, er hätte ihn verloren. Zumindest würde er nicht auf die Idee kommen, dass sie den Talisman genommen hatte. Sie konnte ja so tun, als hätte sie ihn gefunden. Dann würde sie ihm den Vogel wiedergeben mit den Worten: ‚Siehst du, du kannst ja nicht mal auf deinen Schlangenadler aufpassen. Weder auf deinen kleinen Bruder, noch auf dich selbst, noch auf deinen Talisman kannst du aufpassen.‘ Dann würde er sicher auf sie hören. In diesem Augenblick meldete sich eine leise Stimme in ihrem Kopf. Warum behielt sie ihn nicht einfach? Was sollte denn schon passieren? Nyaki würde ihm doch sicher einen neuen geben. Natürlich müsste sie ihn dann erst einmal verstecken, damit ihn niemand bei ihr entdeckte, zumindest für eine ganze Weile nicht. So lange, bis alle vergessen hatten, dass Burus Talisman


verschwunden war. Sicher würde er selbst ihn vergessen, sobald er einen neuen hatte. Er wäre ihm völlig egal, und das wollte sie nicht. Sie wollte sich freuen. Und Nyaki wollte ihr ja schließlich keinen geben. Die Stimme wurde lauter und lauter. Lola biss sich auf die Lippe. Sie wusste, dass das nicht richtig war. Aber das, was Buru machte, war auch nicht richtig. Und dass sie keinen Talisman bekam, war schlichtweg ungerecht. Sie war völlig in ihre Gedanken versunken, als sie plötzlich hohe Schreie von draußen hörte. „Buru“, wurde unter anderem gerufen. Sie versteckte den Vogel schnell in ihrem Gepäck zwischen den frischen Klamotten und lief hinaus, um zu fragen, was geschehen war. Am Feldweg standen mehrere Frauen und trösteten den weinenden Farai. Er stand dort und war völlig außer Atem. Er musste gerannt sein. Ein paar Männer waren auf dem Weg Richtung Fluss und Burus Mutter kam mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck angelaufen. Lolas Herz begann, heftig zu schlagen. „Was ist passiert?“, fragte sie eine der Frauen. „Was ist mit Buru?“ „Puffotter“, antwortete die Frau leise. „Buru wurde gebissen. Er liegt dort unten zwischen den Felsen. Sie gehen ihn holen.“ Lola blieb die Luft weg. Puffotter. Die gefährlichste Schlange in ganz Afrika. Buru war gebissen worden. Sie hatte ihm seinen Talisman weggenommen, und jetzt war er gebissen worden. Alles drehte sich um sie und hätten die Frauen sie nicht aufgefangen und auf den Boden gesetzt, wäre sie hingefallen. „Oh, mein Kind“, sagte sie und tätschelte Lolas Hand. „Du bist ein Freund von Buru. Bete zu deinem Gott, dass er nicht sterben muss. Bitte ihn, Buru zu beschützen.“ Lola zitterte am ganzen Körper. Beschützen? Ich war es doch, die ihm seinen Schutz weggenommen hat.  Montagnachmittag, an anderer Stelle „Zoffi.“ Sie tauchte auf, was? Wo? So kalt. „Durstik. Durstik.“ Camilla. Das war Camilla. Sie waren da. Dunkel, kein bisschen Licht. Camilla lag neben ihr. Sie lagen in altem Laub. Sie waren eingeschlossen. Schon lange. Der Mund war so trocken. Sie tastete in der Dunkelheit, fand Camillas Hand und hielt sie kurz. Dann konnte sie nicht mehr, ihre Hand rutschte einfach ab. „Finnen uns bal“, flüsterte sie mit steifen Lippen. „Die kommen.“


„Nhnn.“ Das Herz schlug noch wie wild. Es vibrierte im ganzen Körper. Es tat weh. Sie drehte sich mit großer Mühe. Ihr Arm lag über Camilla.


Vokabelliste in alphabetischer Reihenfolge

akwazi (Mbdau)

Du hast keine Ahnung.

chulo (Spanisch)

cool, toll, schick

magnífico (Spanisch) ausgezeichnet, herrlich, prächtig mbira

Afrikanisches Musikinstrument

mierda (Spanisch)

Mist, Scheiße

ngwaamba (Mbdau)

nein

petardo (Spanisch)

Dummkopf, Idiot

Puffotter

gefährlichste Giftschlange Afrikas

qué feo (Spanisch)

eklig, hässlich

takwara (Mbdau)

Ausruf der Verwunderung: Oha!


Lola und das Buch von Gerechtigkeit