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INHAL ÜBER TIZE

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SORRY FÜR DIE VERSPÄTUNG, ICH BIN IN DIE FALSCHE RICHTUNG GEFAHREN SOFIE DAVID ENTERTAINMENT

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WAS SIND ESPORTS? AROLDO BRUDERER

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WAS LÖSTE DER FALL GEORGE FLOYD IN DER SCHWEIZ AUS? GABRIELA MENNEL UND DANN PLATZ DIE FILTERBLASE KATHARINA WALBRUN WIE ENTSTEHT HASS? CYNTHIA GEHRIG

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WARUM PRIVATSPHÄRE SO WICHTIG IST MAURIZIO PIU HERBST JULIE ROTH

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AUSSCHWITZ VON INNEN ALEXANDRA BIRRER

REPORT

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#TEAMTIZE

DIE UNBEKANNTE HEIMAT LENARD BAUM FAMILIE EINMAL ANDERS SARA PETRILLO

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AN MEINER ANSTECKUNG BIN ICH SELBER SCHULD ALINE GASSMANN UND RINA FRISCHKNECHT MÜSSEN FRAUEN EIGENTLICH NOCH STREIKEN? JANA LEU HEIMAT, ABER IRGENDWIE AUCH DOCH NICHT JANINE GRABER 2

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DIE WELT IM AUFSCHWUNG DES POPULISMUS CYRILL PÜRRO WE LIVE IN EXCEPTIONAL TIMES NAOMI MEIER DER STILLE LAUSCHEND LEVIN STAMM

REPORT

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STORIES

EUROPÄER SIND NICHT WILLKOMMEN LIVIA BETSCHART

STORIES

«ABTREIBUNG KAM FÜR MICH NICHT IN FRAGE» DEBORAH AMOLINI WIE WAR DAS NOCHMA MIT SYRIEN? BENEDIKT KAISER

ASKED

INFO

FAKE NEWS  WAS SIE SIND UND WAS DAGEGEN HILFT JANIC URECH MENTAL HEALTH ZU CORONA ZEITEN ALEXA WÖLLMER THEATER = ALT UND VERSTAUBT? ANNAMIRJAM LÜTOLF AUSGANG IM QUEEREN RAHMEN SVENJA FÖRSTER

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STORIES

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INFO

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DIE GROSSE WASSERLÜGE LARISSA BUCHER

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ÜBER T Tizemeet im Sommer 2019 in Zürich.

Gegründet wurde Tize 2015 vom damals 15-jährigen Nils Feigenwinter. Zu den ersten Teammitgliedern gehörte auch Tristan Scherrer (damals 14 Jahre alt), der mittlerweile die Projektleitung von Tize übernommen hat. Bereits Ende 2015 werden regelmässig an allen Wochentagen, neue Beiträge um 6 Uhr morgens live geschaltet. Im Febru-

im Vordergrund steht, erarbeitet das Team am Creative Day neue Konzepte, und zeigt neuen Mitgliedern, was hinter der Plattform tize.ch noch steckt. Da alle Mitglieder in der -¦KUOLFK ĆQGHW MH HLQ DXVDeutschschweiz JLHELJHU 7HDPDXVćXJ VWDWW ganzen um andere Mitglieder ken- verteilt leben, sind diese nezulernen und zu Beginn n Treffen ungemein wichtig des Jahres ein sogeannnter für den Zusammenhalt und #CreativeDay. Während am Teamgeist. einen Tag das Kennenlernen ar 2016 zählte das Team neu 25 Mitglieder, die regelmässig diverse Beiträge über Themen ihrer Wahl veröffentlichten.

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Damit ist Tize das grösste Jugend-Online-Magazin in der ganzen Deutschschweiz und ein wichtiger Teil für die junge Medienwelt. Die gesammelten Beiträge für die vorliegende Jubiläumsausgabe wurden aufgrund persönlicher Favoriten ausgewählt, jedoch mit dem Sinn die Vielfalt und Kreativität aller ehemaligen und gegenwärtigen Mitgliedern zu zeigen. Alle weiteren tollen Beiträge der OHW]WHQ  -DKUH ĆQGHVW GX auf www.tize.ch.

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Tize schreibt nicht nur. Tize berichtet. Tize interviewt. Tize ist live vor Ort. Tize reist quer durch die Schweiz unter dem #Summertour und veröffentlicht innerhalb von etwas mehr als einer Woche mehrere Videos von diversen Ferienregionen. Tize war an den Swiss Music Awards und am Jugendkulturfestival Basel. Tize spricht mit Personen über ihre Geschichte und gibt damit der jungen Generation eine Stimme. Ob eine Geschichte, eine Reportage, Lifehacks, eine Buch oder Film Rezension oder ein informativer Bericht - auf Tize schreiben heute junge Erwachsene zwischen 17 und 23 Jahren über die Themen, die sie bewegen. Ganz nach dem Motto:

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Tizemeet im Sommer 2016 in Zürich.

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WAS LÖST DER FALL GEORGE FLOYD IN DER SCHWEIZ AUS? von Gabriela Mennel

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© Jana Leu

Der grausame Tod des Afroamerikaners George Floyd, der nach einer brutalen Verhaftung, durch Polizisten verstarb, erschütterte die ganze Welt. Ich wollte herausfinden, wie sich diese traurigen Ereignisse auf unsere Kultur in der Schweiz auswirken. Was diese Bilder und Videos bei uns auslösen, ob auch wir ein Rassismus Problem haben und was wir dagegen tun können.

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DER FALL GEORGE FLOYD

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Die Videoaufnahme vom Tod des Afroamerikaners George Floyd, der nach einer brutalen Verhaftung, durch Polizisten verstarb, erschütterte durch das Internet die ganze Welt. Die Aufnahmen sind fast nicht anzusehen. Auf dem Boden liegt ein unbewaffneter Mann, welcher von vier Beamten heruntergedrückt wird. Der Polizist kniet auf dem Genick des Opfers, welches nach Luft ringt, um sein Leben bettelt, das Bewusstsein verliert und später daran verstirbt. Sein Tod löst auf den Strassen und den sozialen Medien grosse Empörung aus. Es wird Gerechtigkeit und Gleichheit gefordert. Der Täter soll bestraft werden. Die ganze Rassismus Debatte entfacht sich neu und unter dem Banner «Black Lives Matter» protestieren hunderttausende auf den Strassen der USA. George Floyd ist nicht der Erste, der durch die Hand eines Polizisten stirbt. Immer wieder sorgen ähnliche Fälle von brutaler Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten für weltweite Schlagzeilen.

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WAS DENKEN JUNGE SCHWEIZER*INNEN ÜBER DIESES THEMA? Das Alter der befragten Personen liegt zwischen 18 – 25 Jahren.

Was lösen Bilder und Videos von Polizeigewalt und Unterdrückung wie zu dem Fall von George Floyd in dir aus? Lora: Die Enttäuschung darüber, dass Polizisten, welche uns eigentlich beschützen sollten, das Gegenteil tun, ist gross. Dass im Jahr 2020 in einer modernen funktionierende Gesellschaft, wie wir uns gerne nennen, immer noch solche Gewalt existiert, ist einfach nur traurig. Anouchka7UDXHU:XWXQG9HU]ZHLćXQJ8QGZHQQLFK ehrlich bin, auch Angst. Ich möchte diese Videos echt nicht mehr sehen, es ist traumatisierend. In der Schweiz wird polizeiliche Gewalt nicht im gleichen Ausmass ausgeübt wie in die USA, oder besser gesagt, nicht so mediatisiert. Was, wenn sich das ändert und ich, meine schwarzen Brüder und Schwestern auch um unser Leben fürchten müssen? Das macht mir Angst. Ich sehe irgendwie kein Ende in dieser Hinsicht, und das macht mich traurig. Rima: Da ich weiss, wie viel Grausamkeit die Black Community erleben muss, habe ich oft nicht Kraft dafür, mir die Bilder und Videos anzuschauen. Jenes mit George Floyd brach mir das Herz. Ich wusste nicht, wie ich mit dem verzweifelten Gefühl in mir umgehen sollte. Wie kann man einen Menschen auf eine einzige Eigenschaft reduzieren?

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«Warum ist das im Jahr 2020 überhaupt noch ;bm$_;l-ĵŅŊmo†1_h-


Wie kann man die Frechheit besitzen, seine Rasse /seine Nationalität über eine andere zu stellen? Ich habe daher vollstes Verständnis für die brutalen Reaktionen in den USA seitens Volk. Die Geschichte lehrt uns, dass wir Revolutionäre sein müssen, wenn wir etwas ändern wollen. Anela: Für mich war es sehr schwierig, weil ich viele Freunde in den USA habe und der Gedanke daran, dass das genau so gut jemand von ihnen hätte sein können, macht mich sehr traurig. Anfangs empfand ich Wut und Hass, mittlerweile ist es einfach nur noch Frust. )-v vbm7 $_;l;mķ 7b; 7b1_ -Ѵv  Ő;orѴ; o= oѴouő 0;v1_࢜[b];mķ 0;b ‰;Ѵ1_;m 7† 7;mhv|ķ 7-vv vb1_ ‰;bvv; Personen keine Gedanken darüber machen/müssen?

Anouchka: Werde ich jemals einen Job kriegen können, bei dem ich als öffentliche Person tätig sein kann, wie z.B. Journalistin? Die Angst ist da, dass Menschen mich dann weniger ernst nehmen oder sich weniger interessieren, als wenn eine weisse Person da stehen würde. Ich stelle mir

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«Bereits als kleines Mädchen wurde ich o[lb|!-vvbvl†v hom=uomঞ;u|ĺŅŊ!bl-

© Jana Leu

Rima: Im Vergleich zu anderen Staaten kann ich mit einem sicheren Gefühl durch die Schweiz schlendern und ich werde mittlerweile seltener mit dem versteckten Rassismus konfrontiert. In der Schweiz besteht nicht eine Schwarz/Weiss, sondern mehr eine Schweizer/Ausländer Diskrepanz. Dennoch bekommen viele Schwarze ihre Hautfarbe beispielsweise bei der Stellensuche zu spüren. Ebenfalls wird eine Gruppe Dunkelhäutiger bei einer Polizeikontrolle eher kontrolliert. Nichtsdestotrotz fühle ich mich sicher in meiner Haut und bin schlagfertig genug, um von Zeit zu Zeit einer begrenzt bedachten und mit Dummheit geschmückten Aussage, mit Fakten und Stolz zu begegnen. Grosse Bedenken wegen meiner Hautfarbe habe und werde ich nicht haben.


Fragen wie: Kommt diese Dame/dieses Paar nicht zu mir in mein Abteil weil ich schwarz bin? Wie werden meine Kinder auf dieser Welt leben und behandelt werden? Hast du schon einmal Rassismus erlebt? Gleidis: Ja, ich habe in der Oberstufe Rassismus erlebt. Einer meiner Klassenkameraden machte sich über mich lustig und sagte mir immer, dass wir schwarzen Frauen hässlich seien und stinken würden. Auch andere bestätigten dazuPDOGDVZDVHUVDJWH'LHVH$XVVDJHQVSH]LĆVFKGLHGLHVHV Schülers haben dazu geführt, dass mein Selbstvertrauen sank und ich mich manchmal sogar in meiner schwarzen Haut nicht wohl fühlte. Rima: Bereits als kleines Mädchen wurde ich oft mit Rassismus konfrontiert. Meine Hautfarbe habe ich vor allem im Vergleich mit Anderen, zu spüren bekommen. Ich wechselte von Sportart zu Sportart, da ich mich in keinem Club gleichberechtigt fühlte. Als Immigrantin waren meine Deutschkenntnisse zu Beginn sehr vage. Dieser Umstand führte zu unzähligen rassistischen Auseinandersetzungen. Anela: Persönlich wurde ich bereits wegen meiner Nationalität diskriminiert. Aber ich habe auch schon miterlebt wie Freunde von mir aufgrund ihrer Hautfarbe beleidigt wurden. Wir standen gemeinsam auf der Strasse und unterhielten uns, als drei Männer direkt auf uns zukamen, in einen meiner Kollegen hineinlief und ihm sagte: «Geh doch aus dem Weg, du scheiss Neger». Ich war schockiert und dieser Vorfall hat mich sehr traurig und wütend gemacht. Luisa: Leider ja, meine Familie in Deutschland ist sehr altmodisch. Einmal brachte mein Onkel einen arabischen Freund mit zu meinem Opa. Mein Opa sagte mir dann, ich solle ihm nicht zu nahe kommen und versteckte alle herumliegenden Wertsachen. Damals war ich zu jung um das zu verstehen, aber heute schäme ich mich für ihn und es macht mich traurig.

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© Jana Leu

Lora: Rassismus ist ein alltägliches Thema, welchem man an allen Ecken begegnet. Denn vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass dies bereits vlt. in einem Tram beginnt in welchem man lieber steht, als sich neben eine Person mit einer anderen Hautfarbe oder beispielsweise mit einem Kopftuch zu setzen. Auch in der Berufswelt, gibt es Personen welche sich weigern mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, welche ein gewisses Aussehen oder eine gewisse Nationalität haben.


-v|7†;|‰-v7-];];m†m|;umoll;mbm7b;v;u"b|†-ঞomĵ Gleidis: Ich habe mich in diesen Situationen nicht sonderlich gewehrt, weil ich Angst und nicht genug Mut hatte, um mich dagegenzustellen. Nur ab und zu sagte ich etwas dazu, wie zum Beispiel, dass nur weil er diese Ansichten hatte, das nicht bedeuten würde, dass das auch wirklich so sei. Rima: Als wir in die Schweiz einreisten, betonte meine Mutter unzählige Male, dass wir Menschen, die uns etwas Böses sagen, ignorieren sollten. Lange konnte ich jedoch nicht auf ‚meinem Mund‘ sitzen und die Ungerechtigkeit ¾EHU PLFK HUJHKHQ ODVVHQ ZDV ]X YLHOHQ .RQćLNWHQ PLW Mitschülern und Lehrern in der Schule führte. Anela: Ja, ich habe reagiert und mich dazu geäussert. 'HQQLFKĆQGHPDQPXVVLQVROFKHQ6LWXDWLRQHQHLQJUHLIHQ Denn wenn du vor deinen Augen Unrecht geschehen lässt ohne etwas dagegen zu tun, bis du meiner Meinung nach genau so schuldig wie der Täter.

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Luisa: Damals habe ich nichts unternommen. Hätte er sowas heute abgezogen, hätte ich ihm ordentlich meine Meinung gesagt. Lora: Ich versuche in solchen Situationen, dann einfach gegen zu wirken indem ich mich dann genau neben diese Personen setze und somit zeige, dass das einfach nur Menschen sind wie du und ich auch. Ebenfalls versuche ich in der Schule sowie in der Berufswelt diese Themen anzusprechen, um etwas dagegen zu tun. )-uv|7†v;Ѵ0v|0;u;b|v;bml-Ѵu-vvbvঞv1_ĵ)b;_-|;vvb1_ in diesem Moment angefühlt und wie fühlt es sich nun an? Luisa: Als ich in der Primarschule war, bestimmt. Wir hatten viele Migranten und verschiedene Kulturen in der Schule, ich habe bestimmt den einen oder anderen Spruch abgegeben. Das ist mir heute peinlich und passt nicht zu meinen Prinzipien. Lora: Ich denke jeder von uns war in seinem Leben bereits einmal rassistisch, dies wahrscheinlich meistens nicht einmal bewusst, sondern einfach durch die Vorurteile, welche wir in uns tragen. Ich bin auch eine Person welche sehr gerne Witze macht, deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass sich gewisse Leute bereits von angegriffen gefühlt habe. Wichtig ist zu erkennen, wo die Grenzen liegen.

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ń1_7;mh;ķ_࢜‚; †mv;u;;v;ѴѴv1_-[ von klein auf dies ];Ѵ;um|0;holl;mķ würden wir in einer viel besseren Welt Ѵ;0;mĺŅŊѴ;b7bv


Rima: Wir leben im 21. Jahrhundert, können mit 3D-Drucker Gegenstände ausdrucken, sind an der ErĆQGXQJ YRQ ćLHJHQGHQ $XWRV XQG ćRJHQ EHUHLWV HLQLge Male auf den Mond. Wo bleibt dann der Platz, um etwas schlechteres in seinem Gegenüber zu sehen, wenn wir doch alle der Rasse Mensch angehören?

Anela: Es passiert, wir wissen es, jetzt ist es Zeit es auszusprechen. Nutzt eure sozialen Medien, teilte Beiträge, unterzeichnet Petitionen, ruft an, sprecht mit eurem Umfeld über dieses Thema. Nutzt eure Stimmen. Dabei sollten wir uns nicht voneinander abgrenzen oder uns durch unsere Hautfarbe differenzieren, wir sollten uns alle als Menschen sehen, welche für andere Menschen kämpfen. ¬ ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƍƏĸƍѳĸƏƍƏƍ

Anouchka: Ich habe ein gutes Bild im Internet gesehen, auf welchem dies steht (s. rechts): ,FKĆQGHGDVLVWVFKRQHLQ guter Ratschlag. Hört zu, nehmt es ernst und macht was dagegen. Sensibilisiert euch und ignoriert das Problem nicht, das macht es nur schlimmer. Instagram © Recoverysayings

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Lora: Der Sinn meiner Meinung nach Rassismus zu bekämpfen, ist ein Gleichgewicht in der Gesellschaft zu erschaffen in welchem wir alle gleich behandelt werden. Informiert euch darüber was Rassismus genau heisst und dann habt ihr auch die viel bessere Möglichkeit dagegen anzukämpfen.

Gleidis: Meiner Meinung nach wäre es wichtig bereits in der Schule den Kindern Werte wie Respekt, Menschlichkeit und Solidarität näher zu bringen.

«Heute sind es eher 7b;(ou†u|;bѴ;ķ7b;b1_ teils im Hinterkopf _-0;ķ-m7;m;mb1_ -u0;b|;ĺŅŊ†bv-

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Was können wir gegen RasŊ sismus tun? Was möchtest du unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Luisa: Die Menschen aus deinem Umfeld haben einen JURVVHQ (LQćXVV DXI GHLQH Meinung, doch mache dir immer selbst ein Bild, informiere dich und lerne.

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Das ist für viele Menschen sehr schwierig, da viele gar nicht wissen was Rassismus genau heisst und ab wann es wirklich Rassismus ist.


© Alfred Kenneally (Unsplash)

UND DANN PLATZT DIE FILTERBLASE

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von Katharina Walbrun Es ist Anfang Oktober und vor mir auf dem Tisch liegt wortwörtlich dicke Post. Zu sagen, dass ich nicht vorgewarnt worden wäre, wäre gelogen, denn schon seit Wochen gleichen die Strassenränder einer scheinbar unendlichen Reihe Zahnarzt- und Zahnpastawerbeplakaten. Von jeder Strassenlaterne, von jedem Baum, von jedem Gartenzaun wird man von einem mehr oder weniger strahlenden Politikerlächeln geblendet. 2019 ist ein Wahljahr und zum ersten mal kann auch ich, 19-jährig und wie sich noch herausstellen sollte etwas naiv, meine Stimme

bei einer eidgenössischen Wahl abgeben. Das mindestens einen Zentimeter dicke Couvert, das vor mir liegt, enthält die Wahlzettel für National- und Ständerat, sowie eine wahre Flut an Parteiprospekten (was bei der verwendeten Masse an Papier und mit der aktuellen Klimabewegung im Hinterkopf schon fast ironisch wirkt). Voller Elan und nur minimal überfordert fülle ich die Unterlagen eine Woche vor der Wahl aus und werfe das nun viel dünnere Couvert zum letztmöglichen Zeitpunkt in den nächsten gelben Briefkasten. Die Ausgangslage und Erwartungen sind mit den Kli-

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mastreiks, den grünen Wahlerfolgen in Deutschland und den überdurchschnittlich vielen jungen Kandidat*innen sehr jung, grün und zugegebenermassen etwas linksorientiert. Und dann kam der Wahlsonntag. Viele der erwarteten Ergebnisse trafen tatsächlich ein, so war das Schweizer Parlament noch nie so jung und noch nie so grün wie nach diesem 20. Oktober. Einzig die Wahlbeteiligung blieb weit hinter den Erwartungen zurück, so nahm sie im Vergleich zu 2015 mehr als 3% ab. Doch wo liegt denn nun eigentlich das Problem, fragst du dich vielleicht?


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Filterblase. Ein Wort, das seit einigen Jahren wie ein Schreckgespenst über unseren Köpfen schwirrt. Ein Begriff, der die einseitige Informationsversorgung und undifferenzierte Meinungsbildung beschreibt. Ein Ausdruck, von dem

Doch ich will dir hier auf keinen Fall vorwerfen, dass du mit Scheuklappen durchs Leben stolperst, aber wenn es dir wie mir geht, lohnt es sich vielleicht beim nächsten Mal nicht nur die Schlagzeilen der 20 Minuten oder der NZZ zu lesen, sondern auch mal einen Blick ins Lokalblatt deines Vertrauens zu werfen. ¬

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DIE GEFAHR FILTER BUBBLE UND WARUM LOKAL JOURNALISMUS SO WICHTIG IST

tiven Kräfte hatten mehr als doppelt so viele Stimmen erhalten wie die liberalen. Hier ist wohl die kurze Anmerkung hilfreich, dass ich in einem ziemlichen Kuhdorf, einer gutbürgerlichen Gemeinde im idyllischen Suhrental wohne, doch da auf dem Land ja bekanntlicherweise sowieso eher die bürgerlichen Parteien das Zepter in der Hand haben, sollte mich eigentlich auch dieses Ergebnis nicht besonders überraschen. Doch das tat es und da wurde mir endgültig bewusst, dass es ja schön und gut ist, wenn man darüber Bescheid weiss, was in der Schweiz und der Welt so läuft, aber was sich vor der eigenen Haustür abspielt, sollte dabei nicht übersehen werden.

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Klingt doch eigentlich alles eher weniger dramatisch. Das Problem liegt in der Tatsache, dass mir bei diesen ersten Wahlen, an denen ich teilnehmen durfte, bewusst wurde, dass ich in einer Filterblase stecke.

ich mich bis jetzt nie angesprochen fühlte. Ohne angeben zu wollen, kann ich von mir behaupten, dass ich mich in der Schweizer Politik ganz okay auskenne, dass ich ungefähr weiss, wo die Schwerpunkte liegen, wer welche Meinung vertritt usw. Ich habe auch das Gefühl, dass ich mich ziemlich ausreichend über verschiedene Medien und Kanäle über das tägliche Geschehen informiere und so zu einer recht überlegten Meinung komme. Das dachte ich zumindest bis zum 20. Oktober. Denn als die Wahlergebnisse des Kanton Aargau eingeblenGHW ZXUGHQ ĆHO LFK DXV DOlen Wolken. Auch hier hatte eine leichte Verschiebung nach links stattgefunden, doch die bürgerlichen Parteien haben immer noch die klare Mehrheit. Aber ich sehe es ja ein, das war hauptsächlich mein Fehler, dass ich mich im Vorfeld der Wahl anscheinend nicht genügend mit der Verteilung der Aargauer Nationalrats-Sitze auseinandergesetzt hatte. Da beschlich mich zum ersten mal ein etwas ungutes Gefühl, dass ich mich vielleicht doch nicht so ausgewogen und unvoreingenommen informierte. Noch viel stärker war dieses Gefühl, als ich die Wahlergebnisse meiner Gemeinde sah. Was sich da vor mir auf dem Bildschim zeigte, lies mich leer schlucken; die konserva-


WIE ENTSTEHT HASS? von Cynthia Gehrig

:HVKDOE HPSĆQGHQ ZLU HV DOV ULFKWLJ HLQH 3HUVRQ DXIgrund ihrer Hautfarbe anders zu behandeln, sie zu diskriminieren und mit ihnen herablassend zu reden? Warum denken wir, dass wir das Recht haben, Frauen den Hijab herunterzureissen und ihnen zu erzählen, dass ihre Religion nur von Terrorismus und Unterdrückung geprägt sei? Wieso benutzen wir «schwul» als Schimpfwort und machen beim Thema Liebe Unterscheidungen zwischen verschieden- und gleichgeschlechtlichen Paaren? Warum ist der Mensch der Ansicht, dass Folter und öffentliche Quälerei etwas Angemessenes seien? Aus welchem Grund erschiessen, bombardieren und erstechen wir Menschen, ohne einen einzigen Gedanken an das Leben, dass man gerade auslöscht, zu verschwenden? Weshalb denken wir antisemitisch und betrachten unsere eigene Religion als etwas Besseres? Welchen Grund gibt es, der es uns erlaubt, Frauen als schwaches Geschlecht anzusehen, dass nur da ist, um unsere Bedürfnisse entsprechend zu erfüllen? Warum lachen wir über Personen mit Behinderungen, provozieren sie mit Videoaufnahmen und stellen das dann auf YouTube? Warum geniessen wir es, Leute im Internet zu demütigen, ihnen den Tod zu wünschen und langsam zuzuschauen, wie sie am Mobbing zerbrechen? Wieso behandeln wir Menschen mit einer anderen Herkunft als wären sie dumm und ungebildet? Warum denken wir, dass Menschen, deren biologisches Geschlecht nicht mit ihrem eigentlichen übereinstimmt, nur verwirrt sind und ignoriert werden können? Seit wann sehen wir psychische Krankheiten als Einladung, um uns über Schizophrenie witzig zu machen und «depressiv» oder «bipolar» als verharmloste Adjektive zu verwenden? Kannst du dir erklären, warum sich der Mensch so unmenschlich verhält?

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In den Medien gibt es täglich neue Schlagzeilen, doch ständig liest man vom Selben: Vom Hass, der die Leute auf dieser Welt langsam erfüllt und hartnäckig jeder ihrer (QWVFKHLGXQJHQ XQG :RUWH EHHLQćXVVW 0DQ NDQQ NDXP noch den Leuten Glauben schenken, die über Nächstenliebe sprechen. Wieso sind wir Menschen so hasserfüllt?

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DOCH WAS HABEN DIESE ÄNGSTE MIT HASS ZU TUN? Angst entsteht, wenn wir uns von einer Sache überfordert fühlen. Wir verspüren das Gefühl von Schwäche, weil wir uns etwas nicht gewachsen fühlen, weil es stärker und grösser als wir wirkt. Und dieses Gefühl von Schwäche nagt am Menschen. Wir wollen es loswerden und suchen so nach etwas, dass uns stärker macht. Und so entsteht der

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© T. Chick McClure (Unsplash)

Der Mensch mag keine Veränderungen. Er bleibt am liebsten bei seinen bisherigen Gewohnheiten, macht das, was er bisher tat und glaubt an das, was ihm schon zuvor eingetrichtert wurde. In der heutigen Zeit leben die Leute, die die Veränderung der gesellschaftlichen Normen mitgemacht haben. Sie lebten in der Zeit, in der beispielsweise +RPRVH[XDOLW¦WQRFKQLFKWZLUNOLFKDXIĆHOXQG9HUZLUUXQJ stiftete. Oder in der Schwarze noch von den Weissen getrennt wurden. Sie waren sich gewohnt, dass gewisse Leute anders behandelt wurden. Und dann wollte man das nicht mehr, die Generation musste sich auf etwas Neues gefasst machen und sich von ihren alten Gedankengängen trennen und einsehen, dass jeder Mensch gleichwertig ist. Was für uns Jugendliche eigentlich schon so gut wie selbstverständlich ist, machte den Älteren Angst. In der jetzigen Generation ist man sich eigentlich schon an das gewohnt, dass früher als anders angesehen wurde. Wir sind aufgeklärter. Doch trotzdem kann man noch sehen, dass einige Jugendliche trotzdem hassen. Entweder wurde ihnen dieses Gefühl von Hass zum Beispiel in der Erziehung vermittelt, oder sie verspüren wieder diese nagende Angst. Wer Zeitung liest, sieht bestimmt die Nachrichten über Terroranschläge. Oder man kennt sicher diesen Druck, den man früher hatte, als sich alles noch ums Beliebt-sein drehte. Terror macht Angst, wirkt erschreckend und sorgt für Angst. Wer dem Beliebt-sein Druck standhalten musste, verspürte bestimmt mal die Angst, auch mal unter den Schikanen seiner Klassenkameraden zu leiden.

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$XI GLHVH )UDJHQ HLQH ORJLVFKH $QWZRUW ]X ĆQGHQ LVW kaum möglich. Was aber klar ist: Hass wird keinem Menschen angeboren. Keine Person kommt auf die Welt und entschliesst sich in der Sekunde, in dem es zum ersten Mal seine Augen aufschlägt, dass er mit purem Hass gegen die Menschheit durch das Leben geht. Einerseits wird einem Hass beigebracht, andererseits bringt man es sich selber bei. Und das, weil man Angst hat.

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HASS IST NICHT ANGEBOREN


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Hass: Wir hassen, weil wir dafür sorgen, dass eine andere Person vor uns Angst hat. Wir sorgen dafür, dass wir uns stärker fühlen. Weil dies Hass ausmacht: Das Gefühl von Stärke und Überlegenheit. So fängt man an, Muslime zu diskriminieren, weil man sich so gegenüber dem IS-Terror überlegener fühlt. Man mobbt eine Klassenkameradin, um nicht selber schikaniert zu werden. Man behandelt Schwarze schlechter, weil man sich so wie etwas «Besseres» fühlt. Doch die nächste Frage, die sich stellt, ist: Ist es nicht traurig, wenn man sich Bestätigung holt, in dem man einen anderen Menschen behandelt, als wäre er keiner? Auch wenn ich versucht habe, den UrVSUXQJ GHV +DVVHV ]X ĆQden, bedeutet das nicht, dass man damit seinen Hass begründen darf. Denn letztendlich ist nicht Angst die Schwäche, sondern der Hass. Denn hinter dem Hass verstecken wir uns, als wäre er ein Schutzschild. ¬ ˆ;uࡴ==;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƏƑĸƍƑĸƏƍƏƍ

WARUM PRIVATSPHÄRE WICHTIG IST von Maurizio Piu Begriffe wie Datenschutz und digitale Privatsphäre haben in den letzten Jahren, insbesondere nach einigen grossen Skandalen, enorm an Wichtigkeit gewonnen. Dennoch scheint dieses Thema bislang fast nur Personen mit ohnehin vorhandenem Interesse an IT zu beschäftigen. Warum diese Themen jedoch für jeden einzelnen Menschen und die Gesellschaft als Ganzes wichtig sind, darum geht es in diesem ersten Teil der Artikelserie zu Datensicherheit. Mitte 2014 veröffentlichte Glenn Greenwald im Namen von Edward Snowden in der amerikanischen Zeitschrift The Guardian die Nachricht über das enorme Ausmass der globalen Überwachung durch die NSA. Anfang 2018 klärte der ehemalige Cambridge-Analytica Mitarbeiter Christopher Wylie darüber auf, wie Facebook zusammen mit seiner früheren Firma massenhaft persönliche Daten ohne das Wissen der Nutzer sammelte. Um solche Skandale

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herum steigt das Interesse und Bedürfnis nach Schutz der eigenen Daten für eine gewisse Zeit, um dann aus Faulheit oder Gewohnheit wieder verloren zu gehen. Jedoch sind solche Skandale oftmals nur die Spitze eines Eisbergs, von welchem der grösste Teil unsichtbar bleibt.

IST JA NICHT SO SCHLIMM Nicht selten hört man in Gesprächen die Meinung, dass dies ja nicht so schlimm sei. Im Gegenteil, selbst der langjährige CEO von Google, Eric Schmidt, äusserte sich auf diese Weise: «Wenn Sie etwas tun, von dem sie nicht möchten, dass dies andere wissen, dann sollten Sie es vielleicht von vornherein nicht tun.» Gerade auch in der Schweiz wird von bürgerlichen Parteien in Zusammenhang mit Überwachung und Datenspionage oft das Argument gebracht: «Wer nichts zu verstecken hat, hat auch nichts zu befürchten.» Keine Privatsphäre zu brauchen, sowieso ist eine relativ merkwürdige Be-


JEREMY BENTHAM’S KONZEPT EINES PANOPTIKONS Diesem Gedanken folgend entwarf der englische Sozialphilosoph Jeremy Bentham im 18. Jahrhundert die Idee des «Panoptikons». Dieses beschreibt einen Aufbau eines Gefäng-

BEDEUTUNG DER PRIVATSPHÄRE So hat Privatsphäre weniger mit der Absicht zu tun, Dinge vor anderen zu verbergen, sondern damit eine individuelle Freiheit unabhängig von äusserer Kontrolle zu besitzen, also unabhängig eines äusseren «Blicks». Denn Mittel wie Massenüberwachung oder Vorratsdatenspeicherung bieten die perfekte Infrastruktur für ein globales Panoptikon, welches mit privaten Firmen oder Staaten als «Wächter» operiert. Diese können womöglich die besten Absichten ha-

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Jeremy Bentham’s Konzept ;bm;v-morঞhomv

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Eine intuitive Wahrheit, welche auch bereits von diversen Sozialwissenschaftlichen und psychologischen Studien bestätigt wurde, ist, dass unser Verhalten sich verändert, wenn wir uns beobachtet fühlen. Wir stehen einem «Blick» gegenüber, der je nach eigenem Verhalten ein Gefühl von Scham auslösen könnte. Umso grösser ist auch der Druck bei Vorhandensein eines solchen Blicks, sich so zu verhalten, wie es erwartet wird, zu konformieren. Dabei ist es nicht einmal notwendig, dass ein solcher Blick existiert. Es reicht bereits, wenn man denkt, dass man gesehen wird.

ben, jedoch hat man dafür nie eine Garantie. Umso mehr Bedeutung gewinnt die Privatsphäre auf diese Weise als Mittel zur Freiheit. Selbst wenn man diese nicht aktiv spürt, schränken solche Strukturen die Freiheit des Einzelnen enorm ein. Oder in den Worten von Rosa Luxemburg: «Wer sich nicht bewegt, der spürt seine Fesseln nicht.» ¬

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VERHALTEN UNTER BEOBACHTUNG

nisses, in welchem alle Insassen von einem einzigen Wächter überwacht werden können. Dabei wissen die Gefangenen selbst nicht, ob sie zu einem beliebigen Zeitpunkt überwacht werden. Da jedoch stets die Möglichkeit dazu besteht, verhalten sie sich konform und so wie es von ihnen als Insassen erwartet wird. Im 20. Jahrhundert erweiterte Michel Foucault diesen Gedanken so weit, dass die Idee des Panoptikons grundsätzlich auf jede Institution anzuwenden sei, die danach trachtet menschliches Verhalten zu kontrollieren. Also Institutionen wie beispielsweise Schulen, Kliniken oder Fabriken. Diese Struktur, argumentierte dieser, sei der Schlüssel zur sozialen Kontrolle moderner Gesellschaften.

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hauptung: Denn keine Person würde mir ‘weil sie nichts zu verbergen hat’ ihre Mail- oder Social-Media Passwörter geben. Oder um es auf die Spitze zu treiben, könnte man gerade so gut Wohnungs- und Briefkastenschlösser entfernen, da man auf diese Weise ja die eigene Wohnung oder Post verbirgt.


HERBST von Julie Roth Herbst. Wenn sich die Bäume draussen bunt färben und vertrocknete Blätter unter meinen Schuhen knirschen. Und es draussen wieder kalt ist, aber noch nicht zu kalt; genau so kalt, dass man noch das Haus verlassen kann ohne zu frieren. Herbst. Wenn es zu Hause wieder Kürbissuppe und im Starbucks Pumpkin Spice Latte gibt. Und ich meinen Lieblingspulli endlich wieder anziehen kann.

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Herbst. Wenn ich mich bei Regen mit einer Tasse Tee ans Kaminfeuer setze und ein Buch lese. Und ich das Lied „September“ von Earth, Wind & Fire endlich wieder im richtigen Monat hören kann. Herbst. Wenn … Wenn? Meine Finger verharren über der Tastatur, als mir auffällt, dass das alles gar nicht wahr ist, was ich da geschrieben habe. Oder zumindest nicht die ganze Wahrheit. Herbst, müsste es eigentlich heissen, wenn ich trotz dem veränderten Wetter immer noch den ganzen Tag in der Schule bin. Und es eigentlich egal ist, ob ich meinen Lieblingspulli trage, denn im klimatisierten Inneren des Gymnasiums macht es eigentlich ohnehin kaum einen Unterschied, ob ich einen Pulli oder das ganze Jahr über ein Sommerkleid anhabe. Herbst. Wenn ich mir wahrscheinlich höchstens einen einzigen Pumpkin Spice Latte holen werde, weil ich in einem Kaff wohne und das nächste Starbucks fast eine halbe Stunde entfernt ist. Und weil es sowieso zu teuer ist.

18 © Eberhard Grossgasteiger (Unsplash)


Herbst. Wenn ich trotzdem meinen Lieblingspulli anziehe, auch wenn es keinen Unterschied macht. Und wenn ich endlich mal wieder so richtig shoppen gehe, weil es mir nicht egal ist, ob ich im Sommerkleid oder in warmer Kleidung rumlaufe. Herbst ist und bleibt Herbst. Herbst. Wenn ich zwar keine Starbucks-Getränke kaufen, aber dafür endlich wieder meinen Teebecher mit zur Schule nehmen kann. Wenn ich mich an das Wetter gewöhne und in meine wärmste Jacke gehüllt nach draussen gehe. Diejenige Jacke, die sich anfühlt als würde man mit einer kuschligen Decke über den Schultern rumlaufen. Herbst. Wenn ich vor dem Kaminfeuer lernen kann, denn lernen vor dem Kaminfeuer ist um einiges schöner. Und wenn ich trotz allem versuche, die bunten Blätter zu betrachten. Denn schlussendlich sind die Jahreszeiten zu einem Teil auch das, was wir aus ihren Klischees machen. ¬ ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƏƓĸƍƔĸƏƍƎѴ

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Aber auch das ist nicht die ganze Wahrheit.

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Herbst. Wenn ich das Lied «September» garantiert nicht den ganzen September lang höre, weil einem selbst das beste Lied nach so einer Zeitdauer auf die Nerven geht. Und das Kaminfeuer? Davor setze ich mich höchstens mit meinen Schulsachen, um zu lernen.

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Herbst. Wenn ich mich am 1. September in einen Monolog über den Klimawandel ausbreche, weil das Wetter noch genau das gleiche ist wie am 31. August. Und es mir dann ab Mitte September schon wieder viel zu kalt ist.


AUSSCHWITZ VON INNEN von Alexandra Birrer

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© Linda Biblekaj

Einen Film sehen, eine Autobiographie lesen oder das Thema in der Schule behandeln ist eines. Aber frühmorgens in einen Bus in Krakau zu steigen mit dem Wissen, der nächste Halt ist Auschwitz, ist dann doch nochmal etwas Anderes.

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Wenn mich im Nachhinein jemand gefragt hat, wie es sich denn angefühlt habe, ein ehemaliges Konzentrationslager zu betreten, so konnte ich nur mit einer Antwort, bestehend aus verschiedenen Gefühlsfetzen, dienen. Komisch, beklemmend, einschüchternd, erdrückend und einfach schrecklich.

Ich dachte erst, dass mir auf der Führung pausenlos die Tränen runterrollen würden, doch schlussendlich geschah nichts dergleichen. Es hört sich im ersten Moment seltsam an, doch die Führung und auch der Besuch an sich haben mich in erster Linie nicht traurig gestimmt. Zwar war Trauer schon eins der Gefühle, dass sicher in meinem Emotionscocktail seinen Platz hatte, doch das stärkste, was ich gefühlt habe, war Eckel gegenüber der Menschheit. Dieser Besuch hat mir stärker denn je gezeigt, zu welch grausamen Taten Menschen fähig sind und

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SCHOCKIERENDE GLASVITRIENEN Während unserer Führung durch das Stammlager Auschwitz I betraten wir diverse Blöcke, in denen zum einen Fotos, Tafeln mit Fakten aber eben auch Gegenstände aus der damaligen Zeit ausgestellt waren. An diesem Tag sah ich so viele Gesichter von ermordeten Menschen, Bergeweise Schuhe oder Töpfe von Menschen, deren Ende das KZ war. Sowie Koffer beschrieben mit Namen, da die Menschen anfangs mit dem Glauben nach Auschwitz kamen, hier wie halbwegs normale Bürger untergebracht zu werden. Doch das schlimmste, was in diesen Glasvitrinen ausgestellt ist, sind Haare. Eine gefühlt über 15 Meter lange Glaswand trennte mich von abertausenden Zöpfen, langen, kurzen, dunklen oder hellen Haaren, die den deportierten Menschen hier abgeschnitten oder abrasiert wurden, um sie zu Kriegszwecken weiter zu verarbeiten.

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EIN KZ BETRETEN

SCHLUSSENDLICH KEINE TRÄNEN

wie schlimm etwas ausarten kann. Wäre ich auch zu so etwas fähig wie all die SS Mitglieder es waren, fragt man sich automatisch. Natürlich ist der erste Impuls sofort, zu verneinen. Doch wie gut kennt man sich überhaupt, wenn man noch nie eine solche Extremsituation erlebt hat?

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Genauso falsch fühlte es sich für mich auch an, Fotos zu machen. Neben mir liefen englischsprachige Touristen mit Fotoapparaten, die all zwei Minuten kurz anhielten, um viermal beim gleichen Sujet abzudrücken. Ich dagegen habe es in den ersten paar Minuten nur insgesamt viermal übers Herz gebracht, ein Foto zu machen. Danach verschwand mein Handy in der Jackentasche und blieb auch dort.

Auch wenn ich mit vielen Menschen da war, die dem Ort etwas Lebendes verleihen, so lauerte meiner Meinung nach überall der Tod. Jedes Gebäude, welches ich betrat, weckte in mir die Erinnerung, dass hier vor ungefähr 75 Jahren auch Menschen gewesen waren. Allerdings erlebten sie einen grässlichen wahrgewordenen Albtraum und fast keiner von ihnen hatte das Privileg, das Gelände, so wie ich, nach zwei Stunden wieder verlassen zu können. Dieses «Am selben Ort aber zu einer anderen Zeit» Gefühl liess mich während meinem ganzen Aufenthalt in Auschwitz nicht mehr los.

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Nur schon der Anblick von Aussen machte mir zu schaffen. Die Zäune und die bekannten Bauten, die nach dem zweiten Weltkrieg nicht dem Erdboden gleichgemacht worden sind, vermitteln ein beklemmendes Gefühl. Doch genauso ging es mir mit dem kleinen Buchladen und dem Restaurant. Natürlich ist Auschwitz mittlerweile ein Touristenort. Aber diese Läden an einem solchen Ort zu sehen war für mich einfach falsch.


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Wäre ich auch zu so etwas fähig wie all 7b;""b|]Ѵb;7;u;v‰-u;mķ=u-]|l-m vb1_-†|ol-ঞv1_ĺ-|ুuѴb1_bv|7;u;uv|; lr†Ѵvvo=ou|ķŒ†ˆ;um;bm;mĺ o1_‰b; ]†|h;mm|l-mvb1_ু0;u_-†r|ķ‰;mm man noch nie eine solche Š|u;lvb|†-ঞom;uѴ;0|_-|ĵ

Und erneut überkam mich der Eckel. Aus den Haaren von unschuldigen, toten Menschen wurden Stoffe gemacht, die andere Leute ohne schlechtes Gewissen benutzen. Dasselbe galt für Goldschmuck, der aus Goldzähnen von Ermordeten gemacht wurde. So viele Male habe ich mich an diesem Tag gefragt, wie man bloss derart rücksichtslos und grausam sein konnte, um solch einen Massenmord gepaart mit dieser immensen Leichenschändung zu betreiben.

in diesen Momenten gar nicht richtig was denken, da sich einfach alles falsch anfühlte und ich mir die Szenarien, die sich hier in vergangenen Jahren abgespielt haben mussten, gar nicht vorstellen wollte.

AUSSCHWITZ BIRKENAU

Auch wenn diese zwei Orte für mich die am meisten mit dem Tod verbundenen Stellen im Stammlager waren, so war das Gefühl des Todes noch nicht vorüber, als wir das Tor zur Freiheit im Stammlager SCHWEIGE wieder passierten. Die ErMINUTEN fahrung Auschwitz war Zwei Orte betraten wir noch nicht vorbei, denn eine im Stammlager Auschwitz weitere Führung im Verstillschweigend. Den Innen- nichtungslager Birkenau hof eines Blocks mit der stand noch an, selbst wenn sogenannten Todesmauer mir in diesem Moment das und die erste Versuchs- Stammlager schon genug gaskammer. Sich an diesen war. 2UWHQ ]X EHĆQGHQ O¸VW LQ Das Bild mit dem noch einem Menschen vieles an stehenden Gebäude am Emotionen aus. Ich wusste Eingang gepaart mit den

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nach hinten verlaufenden Schienen brennt sich ins Gedächtnis ein. Es steht für so viel Zerstörung und Grausamkeit, dass es wirklich schwierig zu beschreiben ist, wie man sich in einem solchen Moment fühlt, wenn man alles mit eigenen Augen sieht. Dasselbe gilt für die Ruinen der Baracken, das Denkmal am hinteren Ende von Birkenau oder den verbrannten Geruch, der die Ruinen der Krematorien noch heute zu verströmen scheinen. Vier Gedenktafeln, die aussehen wie Grabsteine, sehen nach wenig aus, dafür, dass in Auschwitz womöglich knapp 1,5 Millionen Menschen ermordet worden sind. Und trotzdem bin ich der Meinung, dass


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man Auschwitz unbedingt stehen lassen muss. Als eine Erinnerung und Abschreckung für alle Menschen. Damit so etwas nie mehr passiert. Und damit Menschen Geschichte erleben können. Denn ich stimme unserem Tourguide auf jeden Fall zu bei ihrer Aussage, dass es schlussendlich etwas ganz Anderes sei, Auschwitz von innen gesehen zu haben, als nur immer davon zu hören. ¬

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© Marcin Czerniawski (Unsplash)

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I bi bi tize mit drbi wöus e super Plattform für jungi Schribendi bietet, drbi viel Freiheite erloubt und ig oh sehr grossi Wärtschetzig gspüre. - Maurizio P. ń!;7-h|;†u

Tize isch für mi eifach en Familie worde <3 Ŋ-mbm;ĺń;b|†m]vlb|]Ѳb;7

Jedes tize-Treffen war ein wenig wie ein Familientreffen. Am Morgen brauchten alle noch ein wenig Zeit um «wa(rm)ch» zu werden, aber dann war es immer ein grosser Spass.» - Marc H. ń;_;lĸ;b|†m]vlb|]Ѳb;7ŝ$

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Ich chönnt jetz vo mir säge dass ich durch tize mini liebi zum journalismus han chöne entdecke. - Sofie D. ń!;7-h|;†ubmŝ"o1b-Ѳ;7b-

Was Tize usmacht ond mir bsunders gfallt: Es isch en Ort woni extrem ˆb†_-1_क़mm;Ѵ;_u;ķ†vruo0b;u;om7 lb‰b|;u;m|‰b1hѴ;ĺѴѴ;u7bm]vmb7 verbunde mit Druck sondern immer 7;mmķ‰;mmb_-1_क़mm;om7‰क़†;ĺ Es isch sehr offe ond bietet mir nach ‰b;ˆou7-vķ‰-vb1_=ুu;v|b]b7)࢜Ѵ| ˆolo†um-Ѵbvl†v]Ѵ-†0;Œ0u†1_;Ĺő ŊѴ;Š-m7u-ĺ/ !;7-h|;†ubmŝo-1_

Ech han bi Tize ahgfange, well echs en mega cooli Idee gfunde han, dass es so en Plattform gid, wo Jungi für Jungi schriibed, und mer daas da au als Hobby hed chönne nachegaah. Usserdem isch d'Stimmig im Team so guet gsi, dass es umso meeh Spass gmacht hed. Mer esch daas ganze sehr wichtig worde ih dene 3 Jahr woni debii gsi bin und ech han mech nume ganz schwer chönne löse, wells en grosse Platz ih miim Herze gha hed. - Svenja ń;_;lĸ!;7-h|;†ubm

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Tize isch nöd eifach nume es Online Magazin. Tize bedütet für mich Lebensfreud, Kreativität, Fründschafte und Liideschaft. Es widerspieglet d Lebensgschichte vo de Redaktion, da mir mitem Magazin mit- und über eus hinuusgwachse sind. Ohni Tize wär ich nöd annähernd da woni jetzt stahn. I bin froh, Part vo so ne tolle Idee z si und zeme mit de Redaktion chöne z bewiese: «Heyy mir Junge mir hends echt druf!» - Debi A. ń!;7-h|;†ubmŝ;b|†m]vlb|]Ѳb;7

Bin bi Tize will ich journalistischi Erfahrige sammle und mit anderne JugendŊ Ѵb1_;-क़rrbvruo7†h|bˆ;lv1_-==;‰bѴѴĺ Ŋ-mb1&ĺ ń!;7-h|;†u Tize isch für mi e coole Ort zum usprobiere wenn me drah interessiert isch, Hobby-Journalismus zbetribe. Me isch frei & cha wähle was me wot mache, z.b. es Interview, Kolumne, Reportage, etc. I bi bi Tize derbi ir hoffnig, dr Verein chli chönne mit zgestaute & qualitativ hochwärtige Journalismus zbetribe. Tize söu sech vo angerne Medie abhebe, für die Junge stoh & glichzytig gäge Als ich Tize 2015 gründete, hätte ich nie gedacht, «Boulevard-Trend» würke. dass Tize für so viele Jugendliche ein derart - Cyrill P. ń!;7-h|;†u wichtiges Sprungbrett in die Medienlandschaft Schweiz werden würde. Tize ist eine Plattform für mutige junge Journalistinnen und Journalisten, Freundschaften und Spass welche etwas zu sagen haben. Und das macht Tize Sich und Sein können finden noch heute so relevant. Dazu noch Pizza. - Nils F. ń;_;lĸuof;h|Ѳ;b|;u - Lenard B. ń;_;lĸ!;7-h|;†u

1__-mƑƏƐƕ0b$bŒ;-]=-m];ķ‰bѴѴb1_;rrbv †vlbm;u; u;†7-l"1_ubb0;_-‰;ѴѴ;l-1_;ĺ Debi isch viel meh enstande als es paar ArŊ |bh;ѴĹ uুm7v1_-=|;ķ;um;u=-_ub];†m7 uѴ;0Ŋ mbvķ7b;b1_mक़7‰bu7ˆ;u];vv;ĺ Ŋ‹m|_b-ĺ ń!;7-h|;†ubm Hier geht's zu den aktuellen Tize Mitgliedern

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«SORRY FÜR DIE VERSPÄTUNG, ICH BIN IN DIE FALSCHE RICHTUNG GEFAHREN.» von Sofie David

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Jeder kennt es, doch manchmal habe ich das Gefühl, dass ich Vorfälle dieser Art fast wie magisch anziehe. Sie sind nicht sehr erfreulich und die eigene Pünktlichkeit fördern sie auch nicht gerad. «Persönliche» Pannen im öffentlichen Verkehr: Einmal verschläft man die richtige Station, ein anderes Mal verpasst man den Zug oder man fährt in die falsche Richtung. Lassen sich solche Geschehnisse vermeiden? Meinen Erfahrungen zufolge würde ich mit «Nein» antworten, das liegt aber zu gewissen Teilen auch an mir. Jetzt kann man sich darüber ärgern, oder man kann seine peinlichen Geschichten zum Besten geben und darüber lachen. Einmal zum Beispiel fuhr ich beinahe eine Stunde lang in die falsche Richtung, ohne es zu merken. Zum Zeitpunkt dieses Ereignisses war ich ungefähr 12 Jahre alt. Ich hatte vor, zum Abendessen zu meinen Grosseltern zu fahren. Aus einem Grund, den ich heute nicht mehr weiss, war es nicht möglich, den Zug meiner üblichen Route zu nehmen. Also liess ich mir vor Aufbruch den Weg mit dem Tram von meiner Mutter erklären. Bei der Station, wo ich ins mir bislang eher unbekannte Tram umsteigen sollte, war mir aber irgendwie nicht klar, dass mein Ziel die eine Endhaltestelle der Tramlinie war. Ich war eher der Annahme, dass meine Station irgendwo dazwischen liege. Hätte ich das gewusst, wäre mir vielleicht aufgefallen, dass das Tram auf der anderen Strassenseite fuhr, genau meine Station als Endziel angeschrieben hatte. So allerdings stieg ich einfach ins nächstbeste Tram mit der richtigen Nummer ein und wartete darauf, dass die Computerstimme meine Station ansagte. Weil ich allerdings - verpeilt wie ich halt manchmal bin - ins falsche Tram eingestiegen war, fuhr ich fast eine Stunde lang nichtsahnend in die falsche Richtung. Nicht einmal als ich aus dem Fenster das Gegentram mit meiner Haltestelle auf

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Ein anderes Mal - es ist noch nicht sehr lange her - waren wir mit meiner damaligen Klasse und der Parallelklasse, in der französischen Schweiz im Klassenlager. Am ersten Tag stand unter Anderem ein Museumsbesuch auf dem Plan. Also stiegen wir, um dorthin zu gelangen, in einen Zug – beziehungsweise alle ausser mir stiegen ein. Der Eingang zum Zug war nämlich so aufgebaut, dass es zwei Türen gab, die eine vom Zug, die andere von der überdachten Station. Wie eigentlich immer waren ich und meine Kollegin die aller Letzten, der Rest – allen voran unsere Lehrer – war bereits eingestiegen. Allerdings war es an dieser Station nicht üblich, dass über vierzig Leute in den Zug einsteigen und so benötigten wir dafür auch um einiges mehr Zeit als der Durchschnitt. Da die Tür der Station automatisch funktionierte und aber über keine Form der Intelligenz verfügte

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der Anzeigetafel in die entgegengesetzte Richtung fahren sah, wurde mir klar, dass etwas nicht stimmte. Ich dachte lediglich, dass sie wohl vergessen hätten, die Aufschrift zu aktualisieren. Als ich an der Endhaltestelle ankam und das Tram nicht mehr weiter fuhr, wunderte ich mich erst einmal, weshalb meine Station noch nicht gekommen war. Langsam dämmerte mir dann aber, dass ich irgendeinen Fehler gemacht haben musste. Ich dachte mir, dass ich vielleicht, trotz meiner genausten Überwachung des Anzeigebildschirms, die Richtige Station verschlafen hätte. Da ich es aber nun mal nicht ändern konnte, beschloss ich gleich, im Tram sitzen zu bleiben und den gekommenen Weg wieder zurückzufahren. Doch als ich erneut an der Station vorbeifuhr, bei der ich ursprünglich eingestiegen war und meine Haltestelle nicht vorgekommen war, wurde mir bewusst, dass ich sie nicht bloss verpasst hatte, sondern dass ich in die falsche Richtung gefahren sein musste. Ein zweites Mal an diesem Tag blieb ich also einfach sitzen und wartete, bis das Tram weiterfahren würde. Beinahe zwei Stunden später kam ich schliesslich an der anderen Endhaltestelle der Tramlinie an und wartete auf meinen Anschlussbus. Als ich über drei Stunden nach dem vereinbarten Zeitpunkt bei meinen Grosseltern eintraf - es war inzwischen dunkel geworden - erfuhr ich, dass nicht nur meine Grosseltern sondern auch meine Eltern in heller Aufregung um mich waren. Mein Grossvater war mit dem Auto losgefahren, um mich zu suchen und meine Grossmutter war kurz davor, die Polizei zu verständigen. Weil ich damals noch kein Handy hatte, bekam ich von dieser ganzen Aufregung während meines kurzen Umwegs natürlich nichts mit. Vermutlich aber, das kann ich heute sagen, hätte ich auch mit Handy nichts mitbekommen und wäre nichtsahnend mit dem Flugmodus aktiviert, in der Gegend herumgefahren.


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© Fabrizio Verrecchia (Unsplash)

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und somit auch von dieser ungewöhnlichen Situation nichts mitbekam, schloss sie sich einfach ohne jegliche Warnung in Form eines Piepen oder Ähnlichem und klemmte meine Kollegin, welche vor mir ging, ein. Allerdings hatte die Tür nicht diese Funktion, die automatische Türen sonst haben, dass sie sich sofort wieder öffnen, wenn etwas den Schliessmechanismus stört. So behielt sie meine Kollegin in ihren Fängen, welche dann von den Leuten im Zug hineingezogen werden musste. Ich allerdings blieb draussen und sah zu, wie der Zug mitsamt meinen Mitschülern und Lehrern davonfuhr. Das wäre ja alles in allem gar kein Problem gewesen, ich wurde unmittelbar von meiner Lehrerin angerufen und darüber informiert, dass ich einfach mit dem nächsten Zug bis zur Endstation fahren solle, was ich dann auch tat. Nur hatte ich im nächsten Zug das Pech, dass ich kontrolliert wurde und mein Ticket zeigen sollte, welches ich natürlich nicht hatte. Also versuchte ich den Kontrolleuren, welche übrigens kein Englisch verstanden, in meinem gebrochenem Französisch zu erklären, was passiert war, womit ich allerdings nicht sehr viel Erfolg hatte. Glücklicherweise erübrigte sich die Situation als wir an der Station ankamen und meine Lehrerin den Kontrolleuren das Billet unter die Nase hielt. Da ich in meinem Leben bisher sehr viele Vorfälle dieser Art hatte, lautet mein Fazit mittlerweile: Da ich es ohnehin nicht vermeiden kann, freue ich mich, statt mich aufzuregen – was sowieso meistens nichts bringt – über die lustigen Geschichten, die man danach immer erzählen kann. ¬


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von Aroldo Bruderer

Wenn man heute von Sport spricht, assoziieren die meisten Personen damit Leistungssport. Was E-Sports sind und wie gross diese mittlerweile sind, zeige ich euch im unten verlinkten Video.

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© Florian Olivo (Unsplash)

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WAS SIND ESPORTS?


DIE UNBEKANNTE HEIMAT von Lenard Baum

Als die Sonne langsam aufging über Berlin-Marzahn wurde mir mal wieder etwas klar. An manchen Tagen ist Berlin verdammt hässlich. Schmierereien auf Strassenbahnen und Wänden in der ganzen Stadt, Mülleimer die mehr Müll neben als in sich haben und eine so grosse Menge an Plattbauten das selbst die Skyline Berlins praktisch selbst zu einem grauen Betonklotz wird. Doch ist sie ebenso meine Geburtsstadt, die Stadt, mit der ich das Wort Heimat mit am besten verbinden würde. Wobei ich doch eigentlich nichts über diese ständig sich verändernde Stadt weiss. Diesem Gedanken bin ich ein wenig nachgegangen und deshalb hier mein persönliches Essay über meine «unbekannte Heimat».

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© Mar Cerdaira (Unsplash)

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EIN STÜCK PAPIER ALLES ENTSCHEI DEND? Eine Frage, die ich mir seit gut der Oberstufe immer wieder anhören durfte, war die Frage des Passes. Dadurch dass ich den Schweizerpass nicht besitze, konnte ich mir die Frage immer wieder anhören: Willst du nicht irgendwann mal den Schweizerpass haben? Abgesehen davon, dass ein Stück Papier allein über die Herkunft von einem

WAS ZÄHLT DENN JETZT EIGENTLICHT? Es sind Fragen der Sprache, des Passes, des Gefühls etc., welche für viele entscheidend sind wo man für einen hingehört oder welchem Staat man ebenso angehört.

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ALEXANDERPLATZ ALS ZENTRUM DER SPRACHE Quirlig war es, auf dem Alex unter dem Fernsehturm tummelten sich Jung und Alt, mitten drin ich. Ein 1,90m Riese mit, wie mir meine Tanten und Onkeln sagten, einem klaren feinen Hochdeutsch. Fragezeichen bei mir, doch so besitze ich laut ihnen halt keinen Dialekt. Was tatsächlich ungefähr der Wahrheit entspricht, ich sage statt Icke Ich, Bölle ist für mich ein Ball und Giele ist für mich ein Junge. Also sprachlich bin ich am Ende in der Schweiz ein Deutscher und in Deutschland nicht zuortbar. Wobei sei es in den Strassen Berlins oder Interlakens (Wohnort

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Manch einer will einem sogar vorschreiben wo man hingehört und das man gar nicht in «sein» Land sein soll. Heimat ist für mich persönlich ein Begriff, den jeder für VLFK VHOEVW GHĆQLHUHQ PXVV Ich will in diesem Beitrag niemandem vorschreiben was Heimat heisst, sondern habe ich mich selbst hinterfragt was Heimat eigentlich bedeutet für mich. Wobei ich einfach erkennen musste das beides seine Nachteile wie Vorteile hat.

DU KANNST SO SCHRECKLICH SCHÖN SEIN Peter Fox (Berliner Rapper) fand für mich hier den richtigen Titel zum Schluss. So entpuppen sich viele

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Es ist um die 12 Jahre her, das meine Eltern mich und meine Zwillingsschwester miteinpackten und in die Schweiz zogen. Ich, damals noch ein 6-jähriger Knirps, hatte vom grossen Berlin nur ein paar wenige Erinnerungen. Über Umwege im Aargau und in Zürich bin ich nun unter der Woche im Kanton Bern unterwegs. Zu meinen Kollegen meinte ich dann immer von der einen Hauptstadt mit Bären zieht es mich in die andere. Berlin besuchte ich bis dahin mindestens einmal pro Jahr, einmal sogar zwei Wochen DOOHLQ &RXFKVXUĆQJ EHL HLnem Verwandten zum anderen. Ich konnte einfach gar nicht anders als stehts in diese, doch schon damals mir fremde Stadt zurückzukommen.

und Schweizer Touri-Mekka) einfach faszinierend ist unterschiedliche Kulturen und Sprachen miteinander harmonieren zusehen.

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MINIBIOGRAFIE EINES AUSLÄNDERS

entscheiden soll, bittet der Deutsche Pass manch einen Vorzug grad eben noch. So gibt’s gegenüber der Schweiz in Deutschland NHLQH :HKUSćLFKW PHKU heisst das ich gegenüber anderen nicht mehrere Wochen im Jahr aus meinem normalen Umfeld gerissen werde. Die Frage des Passes bleibt am Ende ebenso verbunden mit der Frage zur Identität.

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Doch erstmal ein wenig mehr über mich:


Schmierereien als wahre Kunstwerke, Berlins Mülleimer sind zwar dreckig aber verschönern einem wenigsten mit frechen Sprüchen stets den Tag und gegen Plattbauten steht das Brandenburger Tor, die Reste der Mauer, die Gedächtniskirche oder die Humboldtuni entgegen. Zum Schluss habe ich die Stadt einfach in mein Herz geschlossen. So mag der Begriff Heimat eh für viele etwas anderes bedeuten doch mindestens als meine Erste Heimat bleibt Berlin in meinem Herzen. ¬

© Kevin Delvecchio (Unsplash)

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FAMILIE EINMAL ANDERS von Sara Petrillo

Patchworkfamilien – den Ausdruck kennt man. Doch was bedeutet es eigentlich, in einer Patchworkfamilie aufzuwachsen? Welche Rolle hat man als ältestes Kind? Als Einzelkind wünschte ich mir immer Geschwister. Jemanden zum Spielen haben, an Familienfesten die Langeweile mit jemandem zu teilen oder sich einfach mal mit jemandem prügeln. Ich stellte mir das Leben mit einer Schwester oder einem Bruder wunderbar vor – bis ich neun Jahre alt wurde und meine Eltern, die getrennt sind, beschlossen, je eine neue Familie zu gründen. In den nächsten vier Jahren bekam ich dann plötzlich nicht nur ein neues Geschwister – nein, ich hatte plötzlich vier. Luna und Noé sind mittlerweile dreizehn und zehn Jahre alt und leben bei meinem Vater. Céleste und Lino sind sechs und acht Jahre alt und leben bei meiner Mutter. Je ein Junge und ein Mädchen, zur Ältesten habe ich einen Altersunterschied von neun Jahren und zur Jüngsten einen von sechzehn Jahren.

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GEWÖHNUNGS BEDÜRFTIGE SITUATION Da ich nicht bei meinem Vater, sondern bei meiner Mutter wohnte, habe ich zu meinen Geschwistern väterlicherseits eine andere Beziehung als zu meinen Geschwistern mütterlicherseits. Ich liebe sie alle vier – auch wenn es mit ihnen teilweise nicht ganz leicht war. Als Erstes war da der Fakt, dass ich nicht mehr mit meiner Mutter allein lebte. Mein Stiefvater zog bei uns ein und später hatten wir die zwei Kleinkinder im Haus. Nicht nur meine Eltern bekamen keinen Schlaf mehr. Dann die Umstellung vom Einzelkind zur ältesten Schwester. Plötzlich gab es Verantwortung zu tragen, manchmal auf die Jüngeren aufpassen, manchmal ein bisschen mehr zurückstecken – was völlig normal ist, aber als Einzelkind ungewohnt. Und alle Wutanfälle, Schreikrämpfe

und Trotzphasen. Viermal die Trotzphase durchzustehen war ein nervenaufreibendes Erlebnis, die Jüngste steckt noch mittendrin. Zum Schluss darf man etwas nicht vergessen: Als dreifache Mutter ist man sich Gefahren aller Art gewohnt – als grosse Schwester nicht. Wenn die Kleine auf dem Hochbett herumhüpft, gehen mir Visionen von gebrochenen Knochen und ausgeschlagenen Zähnen durch den Kopf. Während ich ihr sage, sie soll sofort herunterkommen, zuckt meine Mutter mit den Achseln und sagt: «Lass sie nur.»

len. Die Rolle der grossen, coolen Schwester gefällt mir. Ich kann diejenige sein, die ihnen zuhört bei Problemen, die sie nicht mit den Eltern besprechen wollen, oder ich kann diejenige sein, die sie ins Kino mitnimmt, wenn der Vater nicht mitgehen will. Und die Freude in den Augen meiner kleinen Geschwister, wenn ich wieder einmal zu Besuch komme oder wenn ich sie von der Schule abhole und sie aufgeregt zur Lehrerin und ihren Freunden sagen: «Lueged, das isch mini grossi Schwöster!» ist unbezahlbar. ¬

EINMAL IM LEBEN COOL ZU SEIN

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Klar, ist es manchmal schwer, in so einer Situation die richtige Balance zwischen grosser Schwester und Aufsichtsperson zu ĆQGHQ 7URW]GHP EHGHXten mir alle vier so viel und ich könnte mir mein Leben nicht mehr ohne sie vorstel-

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«AN MEINER ANSTECKUNG BIN ICH SELBER SCHULD.» von Aline Gassmann und Rina Frischknecht

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Rund 20’000 Menschen in der Schweiz sind HIV-Infizierte. Einen von ihnen haben wir getroffen und zu seinem Umgang mit der Krankheit befragt. Zudem haben wir einen Experten besucht, um uns auch über die medizinischen Aspekte zu informieren. Uns erwarteten spannende und verblüffende Antworten, mit denen wir nicht gerechnet haben. Etwas unsicher, aber erwartungsvoll stehen wir vor der steinernen Treppe, die zur Tür von Felix W.*s Wohnung führt. Sein Zuhause, das er bis vor kurzem noch mit jePDQGZHLWHUHPEHZRKQWKDWEHĆQGHWVLFKLP=¾UFKHU1LH GHUG¸UćL,P)OXUWUHIIHQZLUDXIHLQLJH.LVWHQXQGZHUGHQ von einer halbnackten Schaufensterpuppe begrüsst. Die alte Wendeltreppe knarrt unter unseren Sohlen. Als wir sie hinaufsteigen, steigt auch unsere Spannung. Nachdem FeOL[XQVMHGRFKKHUHLQELWWHWYHUćLHJWGLHVHVRJOHLFK9RUXQV steht ein sympathisch wirkender 54-jähriger Mann in Pullover und Jeans, der uns gleich Kaffee und Kuchen anbietet. Seine Krankheit, das HIV, sieht man ihm nicht an.

ÜBER KATZEN, VERLUSTE UND TOTE Als Felix in die Küche eilt, haben wir Zeit, uns in seinem Reich umzusehen. Was uns zuerst ins Auge springt, sind die unzähligen Katzenkissen, die das Sofa zieren. Dass dieser Mann Katzen mag, ist auch sonst nicht zu übersehen: Katzenstatuen und seine 21 Jahre alte Katze Dixie sind sein ganzer Stolz. Auch sonst ist sein Apartment sehr persönlich eingerichtet: Überall, egal ob an den Wänden oder auf dem Couchtisch, gibt es Schatzstücke seiner Reisen: Grosse und NOHLQH%XGGKDVXQGNXEDQLVFKH%RQJRV9LHOH3ćDQ]HQJHben der Wohnung einen grünen Touch und durch die hohen Fenster wirken die Räume sehr hell und offen. Als Felix wieder zurückkommt, erzählt er uns gleich zu Beginn von einem Thema, bei dem wir froh sind, es nicht selbst aufgreifen zu müssen: Verlust und Tod. Sein Lebens-

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© freestocks (Unsplash)


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Wie er sich in dieser Situation gefühlt haben musste, können wir uns nicht einmal annährend vorstellen. Doch Felix hatte Glück: Er war einer der Ersten, bei dem 1995 die kombinierte Behandlung mit zwei Wirkstoffen eingesetzt wurde, Wir sind beeindruckt von die auch wirklich zu einer seiner Einstellung und auch Eindämmung der Viren versonst verblüfft er uns mit half. Er war also quasi ein seinen Weisheiten. Als wir Versuchskaninchen. Über den Tag verteilt, alle fragen, wie er denn mit der Krankheit umgehe, sagt er, acht Stunden, musste Fedass er nicht jammern will lix sehr hohe Dosen zu sich und ein relativ schönes Le- nehmen, heute schluckt er ben mit einem tollen Umfeld morgens eine Tablette – hat. Inspiration für diese das wars. Dieser extreme Denkweise sind Menschen, Fortschritt in der Medikadie bereits seit ihrer Geburt mentenindustrie wird uns LQĆ]LHUW VLQG ł_u; ࣟ‚;u während des Gespräches und Väter sind gestorben, sie mit einem Arzt noch einmal sind verwaist und niemand sehr deutlich. Er betreute jammert. Warum soll ich es Patienten, welche zu den Ersten zählten. Auch sie tun?» waren der Ungewissheit von damals ausgeliefert. EIN LEBEN LANG Die Tabletten machen einMEDIKAMENTE en nicht wieder gesund, sie Felix hatte lange Angst dämmen das Virus nur ein. davor, sich testen zu lassen, Felix kann ungeschützten da die medikamentöse BeGeschlechtsverkehr haben, handlung in seinen 20erohne seinen Partner dabei Jahren noch nicht sehr anzustecken. Er sei sogar weit fortgeschritten war noch zeugungsfähig, doch und die Diagnose somit auf die Behandlung wird er das Todesurteil bedeutete. immer angewiesen sein. Als er aber wegen starkem Nicht nur die MedikaGewichtsverlust und Austion hatte sich in den 90erschlägen zum Arzt musste, Jahren stark verbessert, wurde ihm vorgeschlagen, auch die Anzahl der Neueinen HIV-Test zu machen. infektionen sinkt seit 1997 Das Ergebnis: positiv. Es war stetig. Doch die Nebenwie ein Schlag in die Magenwirkungen der Medikagrube. «Doch gross anmerken mente sind immer noch Ѳb;vvb1_lbumb1_|vĸ b;‫ى‬uŒࢼm enorm: Felix erzählt von fragte mich: «Wieso bleiben schlimmen FettverschieSie so cool?», schildert er uns. bungen am Kinn und vor angesteckt habe. Das wäre etwas, das nicht cool wäre, aber ich wüsste nicht, dass es mal so war. Ich bin immer ehrѲb1_Ķ 7-v bv| lbu v;_u ‰b1_ࢼ]ĸ Ich habe kein Tabu daraus gemacht», antwortet Felix auf unsere Fragen.

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gefährte ist vor noch nicht allzu langer Zeit an Gelbsucht und HIV gestorben. Auch sonst erzählt er frei von der Leber weg, mit wie vielen Todesfällen er schon konfrontiert worden ist. Uns scheint, als gehöre bei Felix der Tod zum Alltag. VielOHLFKWLVWHVDOV+,9,QĆ]LHUWer ganz normal, dass der Tod einen grösseren Stellenwert im eigenen Leben einnimmt. Wann und wo er sich angesteckt hat, weiss er nicht, das sei aber auch nicht wichtig. «Schuld bin ja ich, b1_ 0bm mb1_| ˆ;u];‰-Ѳࢼ]| worden oder so. (…) Ich kann keinem die Schuld zuweisen, das ist für mich auch keine Frage. Nie. Schuld bin ich, mb;l-m7 -m7;uvĸ 1_ _޶‚; eher Angst, dass ich jemand


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allem am Nacken, die operativ wieder in Ordnung gebracht worden sind. Seit drei Monaten nimmt Felix ein neues Medikament, das bei ihm extreme Albträume auslöst, die seinen ganzen Tag zunichtemachen und ihn regelrecht verfolgen. Auch hatte er für eine kurze Zeit ein Mittel, das bei ihm gröbste Suizidgedanken auslöste und deshalb wollte er dieses so schnell wie möglich wieder absetzen. :HLWHUH K¦XĆJ YRUNRPmende Nebenwirkungen sind Stoffwechselstörung-

en, die Nierenleistung wird beeinträchtigt und sexuelle Funktionsstörungen kommen vor. Die Liste der Nebenwirkungen ist beinahe endlos, doch eine andere Wahl als das Medikament zu nehmen, hat er nicht. Nach über einer Stunde Gespräch fühlen wir uns wie ausgewechselt. Die Lebenseinstellung dieses Mannes berührt uns, zudem haben wir eine ganz andere Sichtweise auf die Krankheit. Geerdet verlassen wir seine Wohnung. Als wir im Türrahmen stehen, scheint viel

weniger Zeit vergangen zu sein, als zuerst gedacht. Wir sind dankbar diesen emotionalen ehrlichen Einblick in Krankheit HIV und in Leben von Felix W. ¬

für und die das

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MÜSSEN FRAUEN EIGENTLICH NOCH STREIKEN? von Jana Leu Vor Monaten bereits national angekündigt, gehen heute am 14. Juni 2019 Tausende von Frauen (und gelegentlich auch Männer) auf die Strasse, um für mehr Gleichberechtigung, mehr Ansehen und weniger Sexismus zu kämpfen. Bravo, das ist ja schön und gut. Aber brauchen wir denn noch solche Frauenstreiks? Jedenfalls sind das die Fragen, mit denen ich konfron-

tiert werde, wenn ich andere auf den heutigen Freitag aufmerksam mache und mich selbst in die Reihen der Streikenden eingliedere. Frauen haben Doktortitel. Frauen sind Manager. Frauen sind in der Politik tätig und Frauen verdienen manchmal auch ganz schön viel. Ausserdem steht es Frauen frei, selbst zu entscheiden ob sie Militärdienst

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leisten möchten oder nicht. Frauen geht es heute also vergleichsmässig mit den 30er Jahren, als der Ehemann in den Krieg zog und das Frauchen putzte und die Kinder mit wenigen Rappen versorge, ziemlich gut. Selbstverständlich und wir dürfen uns eigentlich auch auf die Schultern klopfen, dass Frauen im 21. Jahrhundert solche Standards erleben


҆Ich fühl mich nicht gleich0;u;1_ࢼ]|ĸ҇, meinte letztens eine junge Frau zu meiner Mutter, auf die Frage hin, ob sie sich denn gleichberechtigt fühlt. Die Ü50 Frauen, die ebenfalls in dem Raum waren, bejahten es wiederum. «Uns geht es doch gut.» Ist der ganze Rummel folglich bloss ein Trend, in welchem junge Aktivist*innen die Chance erkennen, endlich einmal eine vermeintlich eigene Meinung laut herauszubrüllen? Ist die Bezeichnung Feminist*in genauso platonisch wie «plantbased» und «vegan»? Mit den sogenannten «Lifestyle-Feminist*innen» hat die amerikanische Autorin Jessa Crispin bereits abgerechnet. Sie selbst gehört bestimmt nicht in diese Schublade und beteuert in ihrem 2018

Irgendwie hat sie ja recht, die gute Jessa. Frauenemanzipation sollte kein Lifestyle sein. Es sollte sich nicht bloss um einen gegenwärtigen Trendzug handeln, auf dem alle jungen Hipster für einige Stationen aufspringen. Feminismus ist eine Haltung, eine Hingabe, eine aufrechte Anerkennung der Probleme und Beteiligung an der Bewegung. Es ist kein Wort, das in deiner Instabio steht. Es ist auch kein Label, das jeder radikalen Dame, mit kurz geschorenem Haar angehängt werden darf und HV LVW GHĆQLWLY DXFK QLFKWV dass nicht jeder Mann und jede Frau ernst nehmen sollte. Schliesslich würden heute kaum zahlreiche Frauen ihren Arbeitsplatz verlas-

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Grundsätzlich hab ich vom Frauenstreik keine Ahnung. Und verglichen mit anderen bin ich auch «nur» eine nicht-betroffene CisFrau, die sich nie so richtig ungleichberechtigt gefühlt hatte. Schliesslich wuchs ich mit dem alleinerziehenden Mutter-Vorbild auf, dass ich alles erreichen kann, wenn ich es nur will – ganz egal was da zwischen den Beinen ist. Nachdem ich jedoch begann mich regelmässig für den beinahe etablierten Klimastreik einzusetzen, schien urplötzlich auch die Frage des «Sind Frauen ]Ѳ;b1_0;u;1_ࢼ]|ĴŃ überall aufzukeimen. Wobei ich PLFK DQĆQJ ]X IUDJHQ ZDV Klima mit Frau und Erderwärmung mit Feminismus zu tun hat. Statt Antworten sah ich, wie Klima Streikende nebst dem Klimastreik Sym-

erschienen Buch «Why I am not a Feminist», dass ihr alle Möchtegern emanzipierten Frauen ganz schön auf die Eierstöcke gehen.

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bol auch die polarisierende feministische Faust mit sich herum trugen.

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dürfen. Na, jedenfalls in der westlichen Zivilisation. Oder etwa doch nicht?

© Claudio Schwarz (Unsplash)

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sen, hätten sie nicht das dringende Bedürfnis auf gegenwärtige Missstände aufmerksam zu machen. Ausserdem müssen diese nicht bedingt am eigenen Arbeitsplatz auftreten. Solidarisches Verhalten in einer bekanntlich egomanen Gesellschaft, die sich je länger je mehr isoliert, lässt ohnehin zu wünschen übrig. Nationale oder gar internationale Streiks zeigen (nebst dem breiten Interesse an einem Problem), dass wir nach wie vor gemeinsam etwas Grosses und Aufmerksamkeit erregendes zustande bringen.

Und Männer ebenso. Sei es für sich selbst, für Frauen im Nahen Osten und für die Ungleichberechtigung des männlichen Geschlechts. Schlicht und einfach gegen Ungleichberechtigung jeglicher Art. Sie alle streiken heute, so wie es auch andere Gewerkschaften tun, wenn sie sich schlecht behandelt fühlen und das ist in unserer Gesellschaft mehr als legitim und sollte keines Falls belächelt werden. Ausserdem sollten sie meiner Meinung nach insbesondere dann streiken wenn Christoph Blochers Sprössling dem wenig Wohlwollen entgegenbringt und auch dann, wenn der bekannte Milchverarbeiter Emmi vermutlich ganz sauer dabei wird. Trotzdem sollte bei dem ganzen Aufstand aber jede*r für sich überlegen, wieso er oder sie streiken oder sich selbst gar als Feminist*in betiteln möchte. Schliesslich gibt es Papageien oder Lemminge (oder was es sonst noch für Tiere gibt, die alles einander nachäffen) bereits zu Genüge. Individuen, die mit einer lauten Stimme einschlagen, werden nicht nur ernster, sondern auch um ein vielfaches intensiver wahrgenommen. Wenngleich es gilt: umso mehr auf den Strassen umso besser. ¬ ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƎƑĸƍѳĸƏƍƎƔ

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ALSO JA, FRAUEN MÜSSEN AUCH HEUTE NOCH STREIKEN.

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ist neu, alles ist für mich gewohnt und nichts aufregend. Dass im Nachbarsdorf Ricola hergestellt werden und das die Redensart «s’Bescht wos je hets gits» aus meinem Geburtsort kommt (ein Dorf weiter, haha), das ist normal für mich. Kurz gesagt: Irgendwie habe ich es, trotz Heimatgefühle für mein Schwarzbubenland, satt. Bis oben hin, kurz vor dem Platzen! Das ewige «Dorfgeschwätz», ständige Lästereien, die Jahre danach noch erzählt werden, aber auch die Leute, die man nicht mag, sieht man immer wieder. Darum will ich raus. Raus in die weite Schweiz. Ich will den Stadtlärm kennenlernen, erst nach drei Uhr nachts nach Hause gehen und immer noch nach Hause kommen, weil ich eine ÖV-Verbindung habe. Ich will schnell an einem Bahnhof sein, schnell weg sein, aber auch schnell wieder da sein, ich will neue Leute

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treffen, neue Sachen ausSURELHUHQ QHXH :HJH ĆQGen, neues Umfeld aufbauen. Umso frustierender, wenn ich noch ein Jahr warten muss, bis ich das vielleicht endlich schaffen werde. Viele Stadtmenschen denken sich, dass in einem Dorf zu wohnen entweder total VFKUHFNOLFK LVW RGHU VLH ĆQden es mega toll und ziehen für die Familienplanung aufs Land. Sie schätzen die Vorteile vom Landleben und uns Junge aus dem Dorf, zieht es in die Stadt, weil dort die Vorteile besser sind. Es wundert mich nicht, wenn immer weniger Junge in einem Dorf leben, nachdem sie die Ausbildung fertig haben, ich kann es durchaus verstehen. Und irgendwie bin und bleibe ich ein «Schwarzbuebemeitli». Auch wenn ich hoffentlich weg von hier kann. ¬ ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƏƒĸƍƎĸƏƍƎƔ

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Heimatliebe. Ein Gefühl, das viele Personen auf dieser Welt besitzen. Hingezogen zu einem Ort, zu einer Region, oder gar einem Land. Doch was ist, wenn du zwar eine Heimat hast, dich aber irgendwie doch nicht hingezogen fühlst? Ich bin aufgewachsen in einem 2’200 Einwohner-Dorf. In Mitten von Kühen, ein paar bewaldeten Hügeln und vielen Burgen und Schlössern, die inzwischen mehrheitlich Ruinen sind. Ich weiss übrigens, dass die Kühe nicht violett sind oder dass ein Bauer vor dem Regen seine Felder düngt, selbstverständlich mit gut riechendem Kuhmist (das war ein Witz, gut riecht er wirklich nicht). Ich weiss, welche Kräuter man gegen Mückenstiche verwenden kann, weiss wo Norden ist, ĆQGH PLFK LQ mPHLQHP} Dorf besser zurecht als der örtliche Pöstler. Doch das ist mein Problem, denn ich kenne das hier alles in und auswendig. Nichts

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von Janine Graber

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HEIMAT, ABER IRGENDWIE AUCH DOCH NICHT


DIE GROSSE WASSERLÜGE

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von Larissa Bucher ł$ubmh ˆb;ѲĶ 7-v bv| ‰b1_ࢼ]Ķ EIN TREND MEHR? ];v†m7 †m7 mࡴࢼ] =ࣟu 7;bm; Früher genügten PlastikHaut». Wer hat diesen ćDVFKHQ GDQQ NDPHQ GLH wohlgemeinten Satz noch typischen Sport- bzw. Wannie gehört? GHUćDVFKHQ 8QG KHXWH" Sind bei vielen Studenten WIE VIEL WASS und Büroarbeiter die holzER BRAUCHT ES und glasverzierten Flaschen WIRKLICH? der Marken FLSK, PEARL, Mindestens zwei Liter 46 Nord und weiteren auf Wasser (also acht Gläs- GHQ 7LVFKHQ YRU]XĆQGHQ er) sollte ein Mensch pro Überallhin werden sie mitTag trinken – mit Tendenz geschleppt, um bei akuter nach oben, dies wenn man Flüssigkeitsmangel schnell medizinischen Berichten reagieren zu können. Denn vertrauen kann. So kommt es ist angesagt, sich gesund es nicht selten vor, dass wir zu ernähren, auf die Umwelt das Gefühl haben, zu wenig zu achten und hydriert zu Flüssigkeit zu uns zu neh- bleiben. men. Im digitalen Zeitalter gibt es sogar Apps, die uns «Unser Gehirn weiss nicht erinnern, nach einer gewis- wann unser Körper Durst sen Zeit wieder etwas zu hat.» Diese Aussage hatte trinken. für viel Furore gesorgt, je-

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doch ist sie seit dem Jahr 2002 wissenschaftlich widerlegt. Professor Heinz Valtin (Unterrichtet an der Medical School Physiologie und Neurobiologie) hat erläutert, dass es zum einen keine wissenschaftliche Befunde gibt, wie viel Wasser wir wirklich trinken sollten, und zum anderen diese Empfehlung gar schädlich sein kann: «[...] weil sie sowohl eine potenziell gefährliche Hyponatriämie herbeiführen -Ѳv -†1_ 7b; "1_-7v|o@-†=nahme steigern könnte und zudem bei vielen Menschen "1_†Ѳ7];=ࣟ_Ѳ; _;uˆouu†[Ķ weil sie meinen, nicht genug zu trinken.» Wieso glauben wir also weiterhin der vorgegaukelten Lüge?


҈Unser Gehirn weiss nicht ‰-mm†mv;uक़ur;u †uv|_-|ĺ҉

© Erik Dungan (Unsplash)

DIE WASSER KONZERNE STEHEN IN DER KRITIK Allen voran Nestlé mit ihrem Wasser «Vittel». In dem französischen Städt-

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Austrocknen zur Folge haben. Doch es ist nicht nur Frankreich betroffen, auch in Dürregebieten wie Kalifornien oder Äthiopien wird Wasser abgepumpt. Nestlé hat 50 000 Liter pro Stunde abgepumpt während 42 Millionen Menschen in diesen Gebieten ohne Wasser waren. Rund 8 Milliarden CHF sollen sie im Jahr damit verdienen. Wasser ist und bleibt damit ein rentables Geschäft aufgebaut auf fragwürdigen Gründen. ¬

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Die einzigen die von dieVHP :DVVHUZDKQ SURĆWLH ren sind Unternehmen. Durst ist etwas für den globalen Süden, für Arme, für Unterprivilegierte, für Suboptimale. Umso mehr wir von einem Produkt konsumieren, desto besser ist dies für die Unternehmung. Daher wird viel daran gesetzt das Image aufrecht zu erhalten und gilt als Marketing-Schachzug. Die wissenschaftliche Erhebung «Hydration for Health» (sie wirbt inhaltlich dafür, mehr Wasser zu trinken). Gesponsert wird sie durch «Danone». Danone ist diese Unternehmung, welche Wasser in Flaschen unter Markennamen «Volvic» und «Evian» verkauft.

chen Vittel wird das berühmte Quellwasser abgepumpt und verursacht damit einen sinkenden Grundwasserspiegel von 30 Zentimeter pro Jahr. Zudem dürfen die Anwohner an den öffentlichen Brunnen höchstens sechs Flaschen für den Eigengebrauch füllen und Schäfer müssen Wasser von ausserhalb für ihre Schafe besorgen. «Das ist so, als würde man ;mv1_;mĶ 7b; -l |Ѳ-mࢼh wohnen zwingen, in einem Pool zu gehen.» Nestlés Antwort darauf: Sie bezahlen Steuern im Millionenbereich, schaffen Arbeitsplätze und sind sich bewusst, dass mehr Wasser entnommen wird als mit Regenwasser kompensiert werden kann. Die dadurch entstandene Fehlmenge soll jährlich rund eine Million Kubikmeter betragen und bis zum Jahr 2050 ein


DIE WELT IM AUFSCHWUNG DES POPULISMUS von Cyrill Pürro

Ob in den USA, Italien, Deutschland, Brasilien oder Indien: Rechts- und linkspopulistische Politiker gewinnen immer grösseren Zuspruch. In manchen Ländern gewinnen sie Präsidentschaftswahlen, anderen Ortes stellen Aussen-Parteien «nur» eine Minderheit als Randpartei. Wieso unsere Gesellschaft zurzeit einen derartigen Aufschwung der polarisierenden Flügel erlebt und was die Folgen davon sein können, jetzt bei «Tize klärt auf».

© Marco Oriolesi (Unsplash)

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Das Spektrum der radikalen Rechtsparteien ist breit. Es ist nicht möglich, Donald Trump in den USA mit Matteo Salvini in Italien, Björn Höcke aus der AfD, dem Präsidenten der Türkei Recep Tayyip Erdogan oder dem Brasilianer Jair Bolsonaro zu vergleichen. Nicht alle Parteien und Politiker gehen gleichermassen radikal und offensichtlich «rechts» vor. Nur zwei Dinge haben rechte Politiker gemeinsam: Ihre politische Orientierung und die Tendenz, populistisch Politik zu machen. Bei der Präsidentschaftswahl im Jahre 2016 hatte vorerst noch niemand wirklich geglaubt, dass Donald Trump das Rennen gegen Clinton tatsächlich gewinnen würde. So ähnlich war es beim 2018 neu gewählten brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Das Amt einem Politiker als Staatsführer zu überlassen, der weibliche Abgeordnete als «nicht Wert von mir vergewaltigt zu werden» bezeichnet (so berichtet die Zeit), scheint in der Schweiz und in Europa als gar unmöglich. Während Trump und Bolsonaro durch

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GRÜNDE FÜR DEN AUFSCHWUNG DES POPULISMUS Kriege wie in Syrien und Afghanistan oder Armut in Regionen wie Mexiko, Südamerika, etc. sind Auslöser von unzähligen Flüchtlingsströmen, die zu uns in

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RECHTSPOPULIS MUS ALS BEISPIEL: RECHTS IST NICHT GLEICH RECHTS

ihre lauten und eher unbedachten Worte auffallen, verhaltet sich beispielsweise der Bundeskanzler von Österreich Sebastian Kurz zurückhaltend. Durch seine gut überdachten Worte, der ausgeschmückten Sprache und der Nähe zum Volk, wirkt er auf viele Österreicherinnen und Österreicher als Hoffnungsträger. Auch der Lebenslauf von Kurz scheint nahezu wie aus dem Bilderbuch zu stammen. 2004 legte er die Matura mit Auszeichnung ab, dann studierte er Rechtswissenschaft und ist schon seit 2003 Mitglied der JVP (Junge Volkspartei). Nach die Freiheitsliebe steht fest, dass die österreichische Regierung zum Zweck der Zentrumsbildung mit einer rechtsradikalen Partei, der FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs), paktiert. Auch der türkische Präsident Erdogan habe für Wahlen im Jahre 2018 eine «Volksallianz» mit der faschistischen MHP-Partei geformt. Die sogenannten «grauen Wölfe» gehen vor allem gewaltsam gegen die kurische Minderheit in der Türkei vor.

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umgekommen sind, lässt den Unmut der Bevölkerung gegenüber der politischen Ohnmacht in Deutschland weiter hochkochen.

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Sie nennen sich «Patrioten», «Retter der Nation» oder auf der anderen Seite «Antifaschistisch» und «Die Linke»: Politisch aussenstehende Gruppierungen oder 3DUWHLHQ ĆQGHQ YRU DOOHP in Europa immer grösseren Aufwind, wie eine Studie zeigt. Auch die neusten Ereignisse in der in Thüringen anhaltende Regierungskrise lässt die Frage aufkommen, wie die Politik in der heutigen Zeit mit extremistisch Eingestellten umgehen sollte. Ausgelöst wurde die Krise durch die Wahl vom FDP-Politiker Thomas Kemmerich zum Thüringer Ministerpräsidenten. Dieser bekam bei der Wahl auch Stimmen der rechtsradikalen AfD (Alternative für Deutschland), was in der Geschichte der Bundesrepublik eine Sensation darstellt. Laut dem MDR wurde Kemmerich durch ein taktisches Manöver der AfD gewählt, welche mit allen Mitteln eine rot-grüne oder rot-rot-grüne Regierungskonstellation verhindern wollte. Mittlerweile haben sich die SPD und die CDU dazu verweigert, mit Kemmerich Politik zu machen und fordern eine «Korrektur der abgekarteten Wahl». Durch die Regierungskrise besteht nun eine grössere Möglichkeit der AfD, Stimmen für sich zu gewinnen. Der rassistisch motivierte Terroranschlag vom Februar 2020 in Hanau, bei dem neun aus dem Ausland stammende Menschen


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den Westen führen. Nach Mediendienst Integration sind allein aus Syrien 770'000 Menschen allein QDFK 'HXWVFKODQG JHćRKHQ (Stand 2018). Bei vielen Europäerinnen und Europäern trifft das Thema Migration auf einen wunden Punkt, kein anderes Thema wird in der Gesellschaft stärker debattiert und bis aufs letzte ausgeschlachtet. Nicht zuletzt auch in der Schweiz, gerade durch die SVP, die bei Abstimmungen mit ihren Plakaten am Wegesrand jeder Passantin und jedem Passanten ins Auge sticht. Der Ursprung der Urangst gegenüber Migration scheint wohl gerade für einen liberalen und zeitgeistlichen Menschen schwer nachzuverfolgen, vor allem zu verstehen. Viele fürchten sich vor dem Verlust von Arbeitsplätzen oder im Allgemeinen, im eigenen

Land zu kurz zu kommen, sei es in Bereichen der staatlichen Sozialleistungen, bei der Wohnungssuche, etc. Populismus (gleichgültig ob im rechten oder linken Flügel) steht dafür, Themen volksnahe und demagogisch darzustellen und Sachverhalte über zu dramatisieren. Populistische Politiker beleuchten ein kompliziertes Thema gegenüber den eigentlich komplizierten Themen vereinfacht und stellen sich selbst so dar, als hätten sie die Lösung für alles. Hier kann man sich fragen: Wie funktioniert das so erfolgreich? Weil es einfacher ist einer pompös aufgemachten Parole zu folgen, statt selbst zu recherchieren und nachzufragen, bevor eine eigene Meinung gebildet wird. Die schnellen Umbrüche in der Medienbranche durch Social Media und die Ver-

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lagerung der News und der Politik ins Internet stellen weitere Möglichkeiten dar, Populismus zu fördern. Ein Beispiel wäre der Instagram-Account von Donald Trump oder seines Sohnes Donald John Trump. Letzterer bezeichnet sich selbst als «General der Memes», die vor allem gegen die amerikanische demokratische Partei ausgerichtet sind. Das gleiche passiert auf der linken Seite. Diverse «Meme-Pages» auf Instagram und anderen Social Media Kanälen, wie beispielsweise der von sich selbst ernannte Internet-Guerilla «dreckiger Kommunist», greifen tagtäglich brisante Themen auf und stellen diese mit Karikaturen da, um Stimmung gegen eine Partei, einen Politiker, etc. zu machen. Dabei werden Symbole, wie der Hammer und die Sichel,


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© ev (Unsplash)

WESHALB STELLT POPULISMUS EIN GROSSES PROBLEM DAR? Eine gut funktionierende Demokratie braucht für den politischen Diskurs linke, mittige, wie bürgerlich rechte Parteien und Politiker. Es braucht einen Ausgleich zwischen den Fronten, damit keine Ein-ParteienPolitik entsteht, wie es in Russland, China oder bald vielleicht auch in den USA der Fall ist. Wichtig ist aber, dass in jedem Flügel Themen sachlich ausdebattiert werden und dass Parteien, die Beziehungen zum faschistischen oder radikal kommunistischen UnterJUXQG SćHJHQ PLW 6DQNtionen bestraft werden.

Rechtspopulismus beispielsweise fördert also nicht nur den Hass der einheimischen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen und Migranten, sondern bringt auch die Grundordnung der Demokratie in Gefahr. Faschisten und Linksradikale, die wie oben aufgezeigt, vielmals mit extrem rechten und linken Politikern zusammenarbeiten, streben einen totalitären Staat an, der mit eiserner Hand durch Diktatur geführt wird und gegen jeden vorgeht, der «aus der Reihe tanzt» und eine andere Meinung vertritt. ¬ ˆ;uࡴ==;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƎƎĸƍƐĸƏƍƏƍ

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unter denen in Zeiten der UdSSR Millionen Menschen ums Leben kamen, verherrlicht.

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WE LIVE IN EXCEPTIONAL TIMES

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von Naomi Meier «); Ѳbˆ; bm ;Š1;rࢼom-Ѳ ࢼl;vĸ» Dieser Satz heisst auf Deutsch übersetzt «Wir leben in einer aussergewöhnlichen Zeit.» und wird in der Schweiz aktuell die neue Realität. Letzten Freitag hat der Bundesrat verschärfte Massnahmen gegen das Coronavirus bekanntgegeben, welche das öffentliche Leben von jedem Bürger sehr einschränken werden. Alle Schulen sind geschlossen, Veranstaltungen von über 100 Personen verboten und in Bars und Restaurants dürfen sich nicht mehr als 50 Personen aufhalten. Zuletzt wurden solche Massnahmen in der Schweiz zu Zeiten des Krieges oder der spanischen Grippe ergriffen. :LUEHĆQGHQXQVPRPHQtan in einem Ausnahmenzustand und uns bleibt nichts anderes übrig, als uns an diese Verordnungen anzupassen. In Zeiten wie diesen ist Egoismus fehl am Platz und das eigene Wohl muss einmal hinter alles andere gestellt werden. Wenn jeder Bürger den Massnahmen folgt und dafür sorgt, dass es andere ihm gleichtun, wird diese Krise hoffen-

tlich bald vorüber sein. Natürlich ist es nicht cool, dass alle Partys und grössere Veranstaltungen abgesagt wurden aber es ist nicht das Ende der Welt. Unser ganzes Sozialleben wird wohl für eine unbekannte Zeit gebremst, absterben wird es trotzdem nicht. Kleinere Treffen können immer QRFKVWDWWĆQGHQZHQQPDQ vorsichtig ist und sonst gibt es auch andere Möglichkeiten, um sich selbst zu beschäftigen. Vielleicht wieder mal ein Buch lesen, für das man sonst keine Zeit hat, Filme anschauen, Joggen oder sein Zimmer aufräumen. Da die meisten Hobbys nun wegfallen, müssen Alternativen gesucht werden.

WERDET KREATIV! Diese neuen Regeln sind keine Ausrede dafür, sich in sein Zimmer zu verkriechen und nichts zu tun. Mit Freunden kann immer noch Facetime gemacht werden und Anrufe sind nicht verboten. Wir leben in einer technologisch so fortgeschrittenen Zeit, dass fast alles übers Handy möglich ist. Es nützt nichts, sich über diese neuen Massnahmen aufzuregen oder zu denken, dass man der Einzige ist der

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darunter leidet. Wir sind alle davon betroffen. Wir als Bevölkerung, müssen uns an diese neue Situation anpassen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Meiner Meinung hält diese Krise eine Lektion bereit; Wir lernen, mit weniger auszukommen und wir lernen, zusammenzustehen. );Ѳbˆ;bm;Š1;rࢼom-Ѳࢼl;vĸ ¬

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Für alle, welche inmitten von diesem Chaos eine Beruhigung brauchen - einfach den QR-Code scannen.


T I Z E | J U B I L Ä U M S A U S G A B E © Levin Stamm

DER STILLE LAUSCHEND von Levin Stamm Oft sitzt er einfach nur da und lauscht. Den Menschen um ihn herum, die unaufhörlich vor sich hin quasseln, dem Wind, der durch den Raum pfeift, oder der Stille, die manch anderer schlicht nicht erträgt. Meist ein Bein lässig übers andere geschlagen, seine hageren Körper in einer gebückten Haltung, hat er das Gesicht zu einem amüsierten Lächeln verzogen, das seine markigen Gesichtszüge und die ihn auszeichnende Zahnlücke herausstreicht. Abdalle ist kein Mann der grossen Worte. Er braucht sie nicht. Das Leben hat dem 19-Jährigen zu oft ein Schnippchen geschlagen, DOV GDVV HU VLFK LQ ODQJHQ 5HGHQ SURĆOLHUHQ Z¾UGH 6WDWW dessen lacht er der Absurdität des Lebens ins Gesicht und akzeptiert sie – egal, wie hoffnungs- und sinnlos sie manchmal erscheinen mag. Das Bewusstsein, dass uns die menschliche Existenz ein einziges Rätsel bleibt, scheint seinen Charakter geformt zu haben.

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UNBEKANNTES SOMALILAND Schon seine Herkunft ist vielen unbekannt. Somaliland, ein Land in Ostafrika, das sich zu Beginn der 90er Jahren während des in Somalia wütenden Bürgerkrieges abspaltete. Bis heute ist der Staat völkerrechtlich an Somalia gebunden und von keinem einzigen UNO-Mitgliedsstaat anerkannt. Hier wächst Abdalle auf. In der Hauptstadt Hargeysa lebt er mit seiner Mutter und sechs Geschwistern. Zwar in armen Verhältnissen, doch zumindest ohne Angst, «plötzlich auf der Strasse erschossen zu werden», wie es in Somalia der Fall sei. Er erzählt, wie sich seine Heimat nach der Deklarierung ihrer Unabhängigkeit von den Kriegswirren der krisengeschüttelten Nachbarländer verabschiedet und sich in eine kleine Oase des Friedens und der Stabilität verwandelt habe. «Die Menschen hier haben realisiert, dass aus Gewalt nichts Gescheites herauskommt», sagt Abdalle.

stützen, lässt ihn den Glauben in die Religion verlieren. Er kehrt sich mehr und mehr von seinem Glauben ab und ĆQGHW =XćXFKW LQ DQGHUHQ Beschäftigungen. Im Akademischen zum Beispiel. Abdalle ist ein exzellenter Schüler, besucht die beste Highschool des Landes 'HU UHOLJL¸VH (LQćXVV LVW und erhält nach einem sehr im Alltag trotzdem nicht strengen Auswahlverfahren zu übersehen. Frauen ohne mit hunderten von KonkurKopftuch sind nur selten an- renten ein Stipendium, um zutreffen, Alkohol ist verbo- sein Diplom an einer auslänten. Abdalle beschreibt, wie dischen Schule abzuschliesder Islam ihm während sei- sen. ner turbulenten Kindheit oft Halt gibt. Den Koran lernt er ODYSSEE DURCH früh kennen, und als er ihn DIE FLUGHÄFEN auswendig kann, wird er DER WELT eingeschult. Doch als er zum Doch mit der Aufnahme jungen Mann heranwächst, beginnen die nächsten beginnen die Zweifel, und er Probleme. Da Somaliland fängt an, Fragen zu stellen. nicht international anerFragen, auf die er keine Ant- kannt ist, bleibt Abdalle worten erhält oder ein «das nichts anderes übrig, als ‰;bvv m†u o‚ĸŃ Dieser Un- sich für einen somalischen wille, auf seine Antworten Pass zu bewerben, den er einzugehen, dem wissens- erst nach einem langwiedurstigen Jungen bei seiner rigen bürokratischen ProIdentitätssuche zu unter- zess erhält. Damit sind die Somaliland bis heute nicht etablieren. Abdalle relativiert, auch in seiner Heimat sei eine extremistisch gesinnte Gesellschaftsschicht präsent, sie sei jedoch zu klein, um das Land in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen.

Diese Stabilität lässt sich auch mit der Abwesenheit religiös-fundamentalistischer Organisationen erklären. Im Gegensatz zum Nachbarland Somalia, wo die Al-Shabaab-Miliz mit Terroranschlägen immer wieder Angst und Schrecken verbreitet, konnten sich islamistische Organisationen in

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© Robert Bye (Unsplash)

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Schert es ihn wirklich nicht gross oder hat er die Hoffnung schlicht aufgegeben? Beides könnte seine Gelassenheit über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, diese faszinierende Ruhe im Umgang mit Problemen, wenn andere bereits die Fassung verloren hätten, erklären. Geprägt von seiner Herkunft und Geschichte hat Abdalle realisiert, dass das Leben für manche nicht viel Erfreuliches bereithält. «Das ]bѲ| ;v Œ† -hŒ;rࢼ;u;mŃĶ sagt er zum Abschluss, «ob du dich über einen Zwei-Stunden- oder Vier-Tage-Flug beschwerst, spielt am Ende keine Rolle.» Und dann ist er weg, eingestiegen in den Bus, geht er seinen eigenen Weg, schlicht und einfach der Stille lauschend. ¬

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Das lange Jahr der Ungewissheit, die vielen Tage, gestrandet in den Flughäfen dieser Welt, all das hat Abdalle geprägt fürs Leben, ihn autoritätsungläubig gemacht. Geplagt von der Sehnsucht nach Hause und den hohen Mauern der Schule, zieht er sich in seine eigene Welt zurück, eingenommen von Alkohol, Marihuana und anderen Drogen. Mit Regeln kann er nicht viel anfangen, er verachtet sie regelrecht. So sehr, dass ihn die Schuldirektion nach eineinhalb Jahren wieder rausschmeisst. Auch da bleibt er ruhig, zumindest hat er seine Freiheit wieder.

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Probleme jedoch nicht gelöst. Er versucht Flüge zu organisieren, die nötigen Transitvisen und dazu das Studenten†m];‰ࡴ_mѲb1_; ;v1_b1_|;mĸ ѲѲ; visum im Zielland zu erhalten. Am Schluss ist all die Mühe 0bv_;ub];m ;v1_b1_|;m Œ†l -1_- umsonst, bereits nach seinem ersten Flug, in Addis Abeba, Ѳ;v;m-†=ࢼŒ;ĸ1_ńf†];m7Ѳb1_;ň-†vň-Ѳ- wird er abgewiesen, seine Dokumente sind nicht korrekt Ѳ;uň‰;Ѳ|ńĸ ausgefüllt. Es folgt ein Jahr des bangen Wartens. Abdalle ist rastlos, weiss nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll, die Ungewissheit macht ihm zu schaffen. Er kommt mit Marihuana in Kontakt, beginnt Khat zu kauen, ein Rauschmittel, das oft mit Koffein, manchmal mit Kokain verglichen wird. Die Droge macht süchtig wie Abdalle selbst sagt, und er erzählt von Freunden, die bis zu einem Jahr unter den Entzugserscheinungen gelitten haben. Es sei ein Beispiel für den Widerspruch, indem sich die somaliländische Gesellschaft beim Versuch, religiöse Werte und lokale TraGLWLRQHQ ]X YHUELQGHQ RIW EHĆQGHW 1DFK HLQHP ODQJHQ Jahr des Wartens versucht er es erneut. Bis nach Brasilien schafft er es, wo er, nach über sechzig Stunden des Reisens, wieder umkehren muss – zurück nach Somaliland. Wieder war ein ungültiges Visum das Problem. Einen Monat später klappt es dann trotzdem, nach einer siebzig Stunden langen Reise erreicht er das zentralamerikanische Costa Rica. †];m7Ѳb1_; -†v -ѲѲ;u);Ѳ|ĸࢼŒ;ĸ1_ ʼn


EUROPÄER SIND NICHT MEHR WILLKOMMEN von Livia Betschart

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl nicht willkommen zu sein. In diesem Artikel berichte ich davon, wie ich und meine zwei Freundinnen die letzten Tage unserer Südamerikareise in Cusco erlebt haben.

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Wie bereits erwartet, waren wir nicht die einzigen Touristen, welche am Flughafen versuchten einen Flug zu buchen. So warteten wir ungeduldig in der Schlange und bangten

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hängt. Alle müssen das Land schnellstmöglich verlassen, ansonsten droht eine zweiwöchige Quarantäne. Dazu gaben die Einheimischen den Europäern die Schuld, das Virus nach Südamerika gebracht zu haben. Eine wie bisher harmonische Reise durch Südamerika wäre wohl nicht mehr möglich gewesen. Durch diese Nachrichten war somit auch für uns klar, dass wir nicht mehr bleiben können. Wir suchten sofort nach Flugverbindungen, welche uns am 15. März noch vor Mitternacht aus dem Land bringen. Doch es war unmöglich, da Flüge innerhalb der nächsten 24 Stunden nicht mehr online gebucht werden können. Unsere einzige Möglichkeit war somit ein Flugticket direkt am Flughafen zu buchen. Wir packten unsere Sachen in wenigen Minuten und fuhren mit dem Taxi um 18:00 Uhr zum Flughafen. An diese Taxifahrt kann ich mich nur noch wage erinnern. Ich weiss nicht mehr genau, was mir in diesem Moment durch den Kopf schwirrte. Es ging alles so unfassbar schnell und ich hatte keine Zeit die Situation zu realisieren.

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mosphäre im Hostel. Einige Touristen gerieten in Panik und suchten bereits im InUnsere Reise durch ternet nach Flügen. Andere Südamerika hat Anfangs hingegen wollten die ErnstFebruar in Buenos Aires haftigkeit der Lage nicht gestartet. Das Coronavibegreifen und nahmen alles rus war zwar schon ein allgelassen. Denn warum einen gegenwärtiges Thema in 5¾FNćXJ EXFKHQ ZHQQ GDV den Medien, doch es war öffentliche Leben in Cusco noch nicht wirklich greifbar. völlig normal schien? Keiner Niemand hatte geahnt, dass trug Masken und auch Sesich fast die ganze Welt in henswürdigkeiten, wie der wenigen Wochen im LockMachu Picchu konnten weiGRZQ EHĆQGHQ ZLUG ,P terhin besucht werden. Wir Februar konnten wir unsere entschieden uns im Land zu Reise somit ohne Bedenbleiben, da wir erst Mitte ken geniessen. Das Virus April Peru verlassen würden war weit weg und Social und sich die Lage bis dahin Distancing ein Fremdwort. sicherlich beruhigen wird. Anfangs März kamen dann Doch so ganz ohne Sorgen die ersten besorgniserregkonnten wir den restlichen enden Nachrichten aus EuTag nicht mehr geniessen. ropa. Doch diese brachten noch keine Konsequenzen ES MUSS SCHNELL für uns mit sich. Es gab keine GEHEN neuen Regeln zu beachten Am Tag darauf, 14. März, und an einen frühzeitigen Reiseabbruch war sowieso bestiegen wir noch eine der meistbesuchten Senicht zu denken. henswürdigkeiten in Peru, den Rainbow Mountain auf ALLES HALB SO 5200 Meter über Meer. WILD Mit dabei hunderte andere Am Freitag, 13. März, als Touristen, welche sich, so in der Schweiz die ersten wie wir, nicht von den gestrispürbaren Massnahmen gen Nachrichten erschreckgetroffen wurden, veren liessen. Die Warnungen änderte sich auch die bis gerieten im Gedränge der anhin entspannte Lage in Menschenmasse in VergesPeru. Es kursierten unzähsenheit. Doch dies sollte lige Gerüchte bezüglich pesich schnell ändern. Als wir ruanischen Massnahmen am späten Nachmittag zuund man konnte nicht unrück in Cusco ankamen, war WHUVFKHLGHQ ]ZLVFKHQ RIĆzwischenzeitlich das Chaos ziellen Informationen und ausgebrochen. Die RegieFake News. Nicht einmal die rung hatte ein Ein- und Schweizer Botschaft in CusAusreiseverbot für alle Euco konnte weiterhelfen. So ropäer ab dem 16. März verentstand eine seltsame At-

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ENTSPANNTER START


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«Ihr solltet euch glücklich schätzen überhaupt das Privileg zu haben euch einen voѴ1_|;†u;m!ু1hY†]Ѵ;bv|;m Œ†hक़mm;mĺŅ

um einen Sitz zurück in die Schweiz. Als wir endlich an der Reihe waren, suchte ein Mitarbeiter über eine Stunde nach einem passenden Flug, denn entweder waren die Flüge bereits ausgebucht, machten einen Zwischenstopp in Länder, welche die Grenzen für Europäer bereits geschlossen hatten oder waren schlichtweg zu teuer, da nur noch First Class Plätze übrig waren. Als wir die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, konnten wir doch QRFKHLQHQ)OXJĆQGHQZHO cher uns rechtzeitig aus dem Land bringen kann. Wir würden am 15. März um  QDFK %RJRWD ćLHJHQ und von dort aus um 22:30 weiter nach Madrid. Die

Umsteigezeit in Bogota betrug jedoch nur 30 Minuten. Eine Verspätung im Flugplan wäre somit fatal und wir würden in Kolumbien festsitzen. So verliessen wir den Flughafen drei Stunden später völlig erschöpft und je CHF 2300.- leichter.

«Ihr solltet euch glücklich schätzen überhaupt das Privileg zu haben, euch einen solch |;†u;m !ࣟ1hY†] Ѳ;bv|;m Œ† können.» Er hatte recht und ich versuchte aufzuhören mich über meine Situation zu beklagen.

Die letzten Stunden vor In der letzten Nacht vor unserem Flug verbrachten XQVHUHP5¾FNćXJVFKOLHILFK wir noch in der Stadt. Obunruhig und wachte immer wohl nun klar war, welche wieder auf. Meine Gedanken Massnahmen in Peru schwirrten im Kopf umher ab dem 16. März gelten und ich konnte nicht fassen, werden, sah der Alltag völdass wir bald unseren Rück- lig gelassen aus. Menschen ćXJLQGLH6FKZHL]DQWUHWHQ tummelten sich auf Plätzen, würden. Doch ich musste gingen einkaufen oder sasauch immer wieder an den sen entspannt in Cafés. In einen Satz denken, welcher uns kamen erste Zweifel der Mitarbeiter der Flugge- auf. War es wirklich die richsellschaft nach der Buchung tige Entscheidung die Reise des Fluges gesagt hatte: abzubrechen? Was wenn in

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'HU 1DFKWćXJ ZDU ODQJ und anstrengend. Nach ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƍƒĸƍƒĸƏƍƏƍ etwa neun Stunden FlugDie Stimmung im Flugzeit kamen wir kurz vor zeug war sehr bedrückend. Mittag in Madrid an. Der Überall Passagiere, welche damals aktuelle Hotspot mit Masken ausgerüstet vom Virus. Wir freuten uns hysterisch ihre Sitzplätze auf ein wenig Abwechslung GHVLQĆ]LHUWHQ :HQQ VLFK und spanische Tapas. Doch jemand nur räusperte, zog ein menschenverlassener man bereits misstrauische Flughafen erwartete uns. Blicke auf sich. Nach vier Alle Läden und Restaurants Stunden Flugzeit kamen wir waren zu. Das war für mich wie geplant in Bogota an. der erste Moment, in dem Doch statt wie empfohlen ich wirklich realisierte, wie einen Sicherheitsabstand

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NERVENAUFREI BENDE HEIMREISE

Wenn ich heute auf diese Tage zurückblicke, bin ich froh, dass wir schlussendlich rasch gehandelt haben. Die Quarantäne in einem fremden Land und zudem zu dritt in einem kleinen Hostelzimmer zu verbringen, wäre sicher nicht leicht gewesen. Es ist zwar schade, dass wir unsere Reise nicht wie geplant durchführen konnten, doch ich bin mir sicher, dass sich diese Gelegenheit noch bieten wird. ¬

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zwei Wochen alles wieder normal sein wird? Haben wir völlig überreagiert? Wir stiegen somit mit einem beklemmenden Gefühl in das Flugzeug und hofften, dass wir nicht falsch gehandelt haben.

Meine Stirn fühlte sich durch den Stress und Schlafmangel schon ganz heiss an und ich befürchtete schon das Schlimmste. Doch der Thermometer mass glücklicherweise keine erhöhte Temperatur. So eilten wir DXI GHQ $QVFKOXVVćXJ XQG hofften, dass dieser rechtzeitig starten konnte, damit wir noch vor Mitternacht in der Luft sind. Pünktlich um 22:30 war es dann so weit und das Flugzeug verliess den kolumbianischen Boden. Endlich konnten wir durchatmen. Wir waren zwar noch nicht auf dem Weg in die Schweiz, doch zumindest nach Europa.

schlimm die Lage war. Denn ein Flughafen ist normalerweise immer laut, hektisch und voller Leben, doch an diesem Tag war es unheimlich still. So verbrachten wir unseren achtstündigen Aufenthalt auf einer Bank und assen irgendwelche Snacks DXV GHP 9HUSćHJXQJVDXtomaten. Um 20:00 stiegen wir dann in den letzten Flug zurück nach Zürich. Nach drei Flügen, 23 Stunden Reisezeit und 7 Stunden Zeitunterschied kamen wir völlig erschöpft aber unendlich froh Zuhause an.

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zu anderen Passagieren einzuhalten, standen alle dicht gedrängt aneinander in einer Schlange. Denn die Flughafenpolizei mass jedem Reisenden die Temperatur. Ich wollte gar nicht wissen, was mit denjenigen geschah, welche Fieber hatten. Doch eines war sicher, ZHLWHUćLHJHQ Z¦UH QLFKW mehr möglich gewesen.


«ABTREIBUNG KAM FÜR MICH NICHT IN FRAGE.»  INTERVIEW MIT SERAINA von Deborah Amolini

Laut Bundesamt für Statistik kam es im Jahr 2018 zu insgesamt 10 457 Schwangerschaftsabbrüchen. 3.3 % davon waren von jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren. Seraina war 19 Jahre alt, als sie schwanger wurde. Von der Studentin zur Mutter. Für sie kein Problem – doch kann eine 19-jährige Mutter ein Kind erziehen? )b;_-|7;bm&l=;Ѵ7-†=7;bm;"1_‰-m];uv1_-[u;-]b;u|ĵ

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Die Eltern meines Mannes waren geschockt. Für sie hat der Glaube einen hohen Stellenwert, Sex vor der Ehe- ein absolutes Tabuthema.

0|u;b0†m]‰-umb;;bm;rঞom];‰;v;mĵ Für mich kam dies aus ethischen Gründen gar nicht in Frage. Abtreibung ist für mich ein Tötungsdelikt. Das Kind kann nichts dafür, dass dessen Eltern ungeschützt Sex hatten. Ein Kind sollte behalten werden. Eher gebe ich das Kind zur Adoption frei, als dass ich abtreibe.

)-u;bm-m];Ѵ-m†WѴ࢜u†m]7;uu†m7=ুu7;bm;"1_‰-m];uv1_-[ĵ Ich war sehr aufgeklärt. Wir sind mit dem Thema «Sex» einfach zu leichtsinnig umgegangen. Wenn du Sex hast, kann es Kinder geben. Eigentlich wollten wir bis zur Hochzeit warten. Frage mich nicht, was wir uns dabei gedacht hatten, als wir keine Kondome gekauft haben und trotzdem unser Erstes Mal hatten.

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© Aditya Romansa (Unsplash)

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"1_†Ѵ;†m7bm7ĺ)b;‰-u7-v=ুu7b1_lक़]Ѵb1_ĵ Mein Partner, unterdessen seit 12 Jahren Ehemann, und ich wollten früh Eltern werden. Auch die Hochzeit war geplant. Dass ich bereits mit 19 Jahren und vor der Ehe schwanger wurde, war ungeplant. Ausbildung und Kind, nein, das wollte ich nicht. Aus diesem Grund brach ich mein Studium ab. Mein Vater war enttäuscht, da ihm eine abgeschlossene Ausbildung wichtig war.

Aber ohne Ausbildung bist du doch völlig abhängig von deinem Mann? Es ist eine Herausforderung, ja. Mein Mann verdient das Geld und ich kümmere mich um die Kinder. Es kam schon oft zu Diskussionen. Doch ich sehe es als ein Geben und Nehmen. Mein Mann ist in gewissem Sinne auch abhängig von mir. Ich spielte auch mit dem Gedanken, erneut ein Studium zu beginnen. Doch die Studienberaterin riet mir davon ab. Die Kombination Mutter und Studium sei zu anstrengend. Wie können Frauen arbeiten, den Haushalt machen und nebenbei noch ihre Kinder erziehen? Ich bin bereits mit der Erziehung der Kinder ausgelastet.

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Was denkst du zur Aussage: †m];ু‚;umhक़mm;m_u;bm7;umb1_|;uŒb;_;mĴ Diese Aussage ist Personen abhängig. Natürlich bist du mit 19 reifer als mit 16 Jahren. Es hängt auch davon ab, ob du von einem One Night Stand oder von deinem langjährigen Partner schwanger wirst. Ich hatte bereits vorher Kontakt zu Kindern, da ich Lehrerin werden wollte und auch die Sonntagsschule leitete. Ich wollte mir keine Hilfe von Stiftungen für junge Müttern holen. Damals dachte ich, ich sei erwachsen genug für eine Schwangerschaft. Rückblickend war ich alles andere als das und bemerke die rosaroten Vorstellungen, die ich hatte.

)-vbv|7bu‰b1_ঞ]0;b7;u uŒb;_†m]7;bm;ubm7;uĵ Meinem Mann und mir ist es wichtig, dass unsere Kinder anständig und freundlich sind. Zudem ist uns auch der Glaube an Gott wichtig. Wir besuchen regelmässig die Kirche. Es war zwar ungeplant, dass wir so früh Kinder hatten, aber es ist gut gekommen bis jetzt. ¬

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© Suhyeon Choi (Unsplash)

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ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƍƒĸƎƍĸƏƍƎƔ


Seit 2011 herrscht in Syrien Krieg. Was als friedliche Demonstration begann, in zu einem gigantischen Chaos geworden. Über eine halbe Million Menschen wurde seit Kriegsbeginn getötet, mehr DOV0LOOLRQHQćRKHQ8Qzählige Milizen kämpfen gegen Syriens Diktator Assad. Sie alle haben aber ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was aus Syrien werden soll. Die Terrororganisation Islamischer Staat hat international für Angst und Schrecken gesorgt und ist später durch europäische Luftangriffe wenigstens militärisch geschlagen worden. Zu Beginn des Kriegs gab es nicht einen Tag, an dem nicht in den Medien darüber berichtet wurde. Zwischenzeitlich hörte man dann praktisch nichts mehr, doch seit rund einer Woche ist der Krieg in Syrien um ein Kapitel reicher. Die USA haben nämlich ihre Truppen aus Nordsyrien abgezogen. Dies hat eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. Höchste Zeit, sich die Interessen der unterschiedlichen Kriegsparteien wieder in Erinnerung zu rufen.

KAMPF GEGEN DAS ASSADREGIME Die Demonstrationen gegen das Assad-Regime begannen im Jahr 2011. Als das Regime auf die friedlichen Demonstrationen mit Gewalt reagierte, griffen die Syrerinnen und Syrern zu den Waffen. Zu Beginn kämpften sie nur um ihre Städte und Dörfer zu schützen, später mit dem Ziel, den Diktator Assad zu stürzen. Durch diesen nun militanten Aufstand verlor das Regime die Kontrolle über einen Grossteil des Landes. Dank dem Eingriff von Iran und Russland gelang es Assad aber, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Das Ziel von Präsident Assad ist die erneute Kontrolle von ganz Syrien durch ihn selbst. Um dieses Ziel zu erreichen, führt er einen gnadenlosen Krieg gegen die Rebellen. Dabei schreckt er nicht von Angriffen auf Zivilisten oder zivile Infrastruktur ab. Versuche von westlichen Ländern, Assad auf politischem Weg zu stoppen, sind gescheitert.

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Seit dem Abzug der amerikanischen Truppen von letzter Woche hat sich AsVDGV (LQćXVVJHELHW QRFK vergrössert. Die kurdischen Rebellen, die den Nordosten Syriens unter Kontrolle hatten, wurden von der türkischen Armee angegriffen. In höchster Not wandten sie sich daraufhin an Assad, denn nur durch seine Hilfe haben die Kurden eine Chance, nicht von der türkischen Armee abgeschlachtet zu werden. Dieser Schritt bedeutet das Ende der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens und eine willkommene Möglichkeit für Assad, VHLQ (LQćXVVJHELHW ZLHGHU weiter auszudehnen.

DER IRAN Der Iran gehört zu den wichtigsten Verbündeten von Diktator Assad. Die mit dem Iran verbundene und vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz unterstützt Assad in seinem Krieg gegen die Rebellen. Der Iran will durch sein Engagement im Syrienkrieg seinen regionaOHQ (LQćXVV YHUJU¸VVHUQ Ziel ist ein durchgängiges

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von Benedikt Kaiser

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 EIN ÜBERBLICK

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WIE WAR DAS NOCHMAL MIT SYRIEN?


(LQćXVVJHELHWYRQ-HPHQELV]XP/LEDQRQ6RVROODXFKGHU gemeinsame Feind Irans und Syriens, Israel, eingekesselt werden. Ideologisch stellt sich der Iran als Schutzmacht der Schiiten dar. In Syrien sind diese zwar in der Minderheit, doch sie besetzen die gesamte Regimeführung.

RUSSLAND Russland ist der wichtigste Verbündete von Assad. Seit 2015 greift Russland mit Luftangriffen in den Krieg ein. 2IĆ]LHOOJHKWHVGDEHLXPGLH9HUQLFKWXQJGHV,VODPLVFKHQ 6WDDWV LQRIĆ]LHOO WUHIIHQ GLH $QJULIIH GLH 5HEHOOHQ 'DQN dieser Interventionen gewann Assad die Kontrolle über grosse Teile des Landes zurück. Assad wird von Russland unterstützt, weil er mehr oder weniger eine Marionette ist. 'XUFKLKQVROO5XVVODQGVUHJLRQDOHU(LQćXVVJHZ¦KUWEOHLben. Der Syrienkrieg stellt auch einen Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den USA dar. Während Russland auf der Seite von Diktator Assad steht, unterstützen die USA die kurdischen Rebellen. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen vor rund einer Woche kann sich Russland als Sieger dieses Duells der Grossmächte betrachten. Angst vor irgendwelchen Konsequenzen muss Russland dank seines Vetos im UNO-Sicherheitsrat keine haben.

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DIE REBELLEN

;u$u-†l;bm;vh†u7bv1_;m-ঞom-Ѵv|--|v ist für die Kurden in weite Ferne gerückt. © REUTERS/AZAD LASHKARI

Es gibt zahlreiche Rebellengruppen, die sich alle voneinander mehr oder weniger unterscheiden. Sie eint aber der gemeinsame Kampf gegen das Regime von Präsident Assad. Seit dem Eingriff Russlands verloren die Rebellen das von ihnen erkämpfte Territorium grösstenteils wieder. Mittlerweile geht es bei den Rebellengruppen eigentlich nur noch um das Überleben im grossen Kriegschaos.

DIE KURDEN Die Kurden machen einen grossen Teil der Rebellen aus. Sie wollen den Syrienkrieg nutzen, um einen eigenen Staat aufzubauen. Sie waren Verbündete der USA, da beide, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, den Islamischen Staat bekämpften. Bis vor rund einer Woche kontrollierten sie den Nordosten Syriens. Als die USA ihre Truppen abzog, nutzte dies die türkische Armee für einen Angriff auf die ihnen verhassten Kurden. Diese hatten die Wahl zwischen dem Untergang oder dem Ende ihrer Autonomie. Sie wählten letzteres und unterwarfen sich Assad, damit dieser sie beschützt. So sieht es in vielen Regionen in Syrien aus. Hier im Bild die Stadt Aleppo. © Aladdin Hammami (Unsplash)

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Zu Beginn des Kriegs war der Sturz Assads das erklärte Ziel der Türkei. Zu diesem Zweck unterstützte Erdogan verschiedene Rebellengruppen. Mittlerweilen ist das Hauptmotiv nicht mehr der Sturz Assads, sondern die Verhinderung eines autonomen Kurdenstaats. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen startete die Türkei eine Offensive, um die Kurden zu vernichten. Diese suchten Schutz beim syrischen Präsidenten Assad, der mit Russland verbündet ist. Somit stehen sich indirekt die Türkei und Russland gegenüber. Eine Konfrontation scheint aber unwahrscheinlich, vielmehr könnte es einen Deal geben, wonach die Türkei ihre geforderte Pufferzone an der syrischen Grenze erhält, sowie Assad den Rest des Kurdengebiets.

DIE USA Den USA geht es in erster Linie um die Ausrottung des Islamischen Staats. Als nützlichster Partner erwiesen sich die Kurden, die die USA zum Missfallen der Türkei unterstütze. 'LH 86$ ćRJHQ DXFK VHOEVW ]DKOUHLFKH /XIWDQJULIIH JHJHQ den Islamischen Staat. Mit dem Truppenabzug von letzter Woche haben sie die Kurden der Türkei zum Frass vorgeworfen und indirekt den Ausbruch islamistischer Kämpfer ermöglicht. Wie es mit Syrien und ganz speziell mit den Kurden weitergeht, steht nun nach dem amerikanischen Truppenabzug mehr denn je in den Sternen. ¬ ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƏƐĸƎƍĸƏƍƎƔ

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DIE TÜRKEI

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Dem Islamischen Staat gelang es, während dem Krieg grössere Teile Syriens zu erobern. Dies wurde unter anderem durch die Hilfe von Saudi-Arabien, das den radikalen Gruppen in Syrien ideologisch nahesteht, möglich. Saudi-Arabien führt in Syrien mithilfe des Islamischen Staats einen Stellvertreterkrieg gegen den Iran, bei dem es um die Position der stärksten Regionalmacht geht. Das Ziel des Islamischen Staats ist die Gründung eines Kalifats. Um dieses errichten zu können, kämpft er gegen alle anderen Kriegsteilnehmer. Seit den Luftangriffen der internationalen Antiterrorallianz sowie Russland ist der Islamische Staat militärisch weitgehend geschlagen. Im Zuge des Angriffs der Türkei auf die Kurden vor rund einer Woche gelang jedoch hunderten von inhaftierten Kämpfern und Sympathisanten des Islamischen Staats die Flucht. Seitdem sorgen sich die westlichen Staaten vor einem Wiedererstarken des Islamischen Staats.

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DER ISLAMISCHE STAAT


FAKE NEWS  WAS SIE SIND UND WAS DAGEGEN HILFT

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von Janic Urech Immer wieder beschuldigen sich politische Fronten, gegenseitig Falschinfos zu verbreiten. Tatsächlich sind Fake News eine grosse Gefahr für eine funktionierende Politik. Warum das so ist und was wir dagegen tun können, damit befasst sich dieser Artikel.

DEFINITION FAKE NEWS Zunächst müssen wir klarstellen, was Fake News sind und was eben nicht. Dabei ist es Wichtig, zwischen Informationen und Argumenten zu unterscheiden. Am besten sieht man das bei der Quelle. Wenn die Information von einer Interessenorganisation, einer Partei oder einem Werbetreibenden kommt, sprechen wir nicht von Fake News. Wenn Politiker bei Reden im Wahlkampf mit Fakten argumentiert sind das keine

News sondern Argumente beziehungsweise Werbung. Fake News hingegen sind, bewusst verfälschte Informationen, die von TV-Sendern, Printmedien oder Radios verbreitet werden. Ausserdem gehören bewusst verbreitete Falschinformationen auf Sozialen Netzwerken wie Twitter ebenfalls zur Gattung Fake News. Eine Ausnahme dabei bildet die Satire. Satireformate wie der deutsche Postillion oder in Amerika «The Onion» verbreiten offensichtlich Falschinformationen. Diese sind jedoch grundsätzlich zu absurd, um für wahr gehalten zu werden.

FUNKTIONSWEISE Grundsätzlich funktionieren Fake News dann, wenn sie unsere bisherige Meinung unterstützen. Wir mögen es schliesslich

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alle, bestätigt zu werden. Entsprechend teilen wir gerne Tweets, die unsere Meinung bestätigen mit unseren Freunden, ohne die Info genauer zu überprüfen. So verbreiten sich Infos, die uns gefallen, schneller als Infos die tatsächlich stimmen. Natürlich können diese Infos auch übereinstimmen, es ist aber nicht garantiert, dass die populärste Info auch die wahrste ist. Ähnlich ist es auch bei TV-Sendern oder Printmedien. Wir abonnieren am ehesten ein Medium, welches unsere Meinung stützt. Das Medium, macht also mehr Geld, wenn es unsere Meinung stützt. Entsprechend sind viele Medien dazu motiviert, attraktive Nachrichten anstelle von wahren zu berichten. So entsteht eine Blase, in welcher wir immer wieder bestätigt werden, unabhängig von Tatsachen.


© Markus Spiske (Unsplash)

GEGENMITTEL Der Radio Sender SWR3 hat eine einfache 4 Punkte Liste dazu aufgestellt, wie wir gegen Fake News vorgehen können.

URHEBER ÜBER PRÜFEN Zunächst sollte man nachschauen, ob genau ersichtlich ist woher die Info kommt. Findet man Quellen? Findet man ein Impressum? Steckt allenfalls sogar eine Interessenorganisation wie eine Partei dahinter.

HINTERFRAGEN Man sollte den Inhalt generell und oder auch in Bezug auf den Urheber hinterfragen. Ergibt die Info überhaupt sinn? Was ist das Motiv des Autors? Was hat der Autor bisher sonst so veröffentlicht?

In der Zeit um COVID-19 ist das Thema aktueller denn je. Tagtäglich lassen Regierungen neu Verordnungen raus. Diese müssen wir alle befolgen. Wir müssen unsere Infos aus verlässlichen Quellen beziehen und ansonsten besser überprüfen. Wenn wir falsche Infos beziehen, verhalten wir «Aber wieso sollte dann ich uns falsch. Dies kann dazu überhaupt aus der Blase hiführen, dass die Anstecknaus? In meiner Fake News ungsrate hoch geht oder wir Blase bekomme ich die Infos auf falsche Hilfsmittel zu-†= 7;l "bѲ0;u|-0Ѳ;‚ †m7 rückgreifen. Paradebeispiel 7-mm0;v|޶ࢼ];mvb;;uv|mo1_ dafür ist die von Donald meine Meinung. Ist doch suTrump vorgeschlagene per. Ich rufe doch nicht bei Desinfektionsmittel Infueiner Zeitung an nur um meine sion. Hier sind Fake News ;bm†m] Œ;uv1_l;‚;um Œ† also im schlimmsten Fall lassen.» lebensgefährlich. ¬ Handelt es sich um eine brisante Information, geht es oft um eine bestimmte Organisation oder Behörde. Schlussendlich geht der sicherste Weg übers Telefon. Einfach mal der entsprechenden Organisation anrufen und nachfragen.

Das ist richtig, es ist beˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƏƓĸƍƒĸƏƍƏƍ quemer in der Blase. Ganz grundsätzlich ist es auch nicht überlebenswichtig, seine Fakten zu überprüfen. Aber wir haben das Glück, in einer Demokratie zu leben. Wir haben somit einen EinćXVVGDUDXIZLHXQVHU/DQG organisiert ist. Wenn wir uns von Fake News beein-

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EXKURS COVID19

ANRUFEN

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Natürlich kann Google auch für dieses Problem eine Lösung sein. Einfach mal den Sachverhalt in Stichworten in die Suchmaschine eingeben und die Resultate studieren. Bei wichtigen Infos schreibt meistens nicht nur eine Seite darüber. Gibt also für eine Info nur die eine Quelle, ist das ein Indiz für eine Falschinformation.

ćXVVHQ ODVVHQ NRQ]HQWULHUW sich die ganze Macht bei einigen wenigen Medienschaffenden. Es erwartet niemand, dass wir bei der Boulevardzeitung anrufen, um sich das Hochzeitsdatum eines Promipärchens bestätigen zu lassen aber News die unsere MeinungHQ EHHLQćXVVHQ VROOWH PDQ doch mit einer gewissen Skepsis betrachten.

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GOOGELN


MENTAL HEALTH ZU CORONAZEITEN

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von Alexa Wöllmer Auch wenn es aktuell schon Lockerungen gibt, sind wir immer noch von Einschränkungen und Veränderungen betroffen. Social Distancing ist nach wie vor das Gebot der Stunde. Die soziale Isolation und die Einschränkungen lösen Stress und ein Gefühl von Einsamkeit aus. Auch die Ungewissheit, wann wieder mehr Normalität einkehren wird und wie sich unser Leben verändern wird, bereitet vielen Sorgen. Gerade in Zeiten wie diesen ist es deshalb besonders wichtig, auf die mentale Gesundheit zu achten.

2. MEDITIEREN UND YOGA Schon kurze Meditationen und Yoga-Einheiten können zur Entspannung beitragen. Am besten ist das Ergebnis bei regelmässiger Wiederholung und Dank YouTube kann das jeder zuhause nachmachen.

malen, wie ihr euch gerade fühlt und was euch gerade bewegt. Oder geht all die gespeicherten DIY-Anleitungen auf Pinterest durch, die ihr schon immer machen wolltet.

6. EIN BUCH LESEN

Wir haben doch bestimmt alle ein paar Bücher zuhause, die wir schon immer 3. BEWEGUNG lesen wollten. Jetzt ist der Bewegung hat nachweisideale Zeitpunkt dafür! So lich einen positiven Effekt taucht ihr für einen Moment auf unsere Psyche und hilft in eine andere Welt ein und zum Beispiel auch bei Dewenn das Wetter es zulässt, pression. Wichtig ist, dass könnt ihr dabei auch noch LKU KLHU HWZDV ĆQGHW GDV an der Sonne sitzen und Vieuch wirklich Spass macht, tamin D tanken. egal ob es ein Workout, ein +LHU ĆQGHW LKU  7LSSV Spaziergang oder Tanzen ist. 7. KOCHEN UND die eurer mentalen GesundBACKEN 4. LÖST EIN heit helfen können: KREUZWORTRÄTSEL Im normalen Alltag haben wir nicht so viel Zeit, um 1. ROUTINEN Dieser Tipp ist etwas oldjeden Tag frisch zu kochen BEIBEHALTEN school aber so könnt ihr – dabei kann Kochen und «Der Mensch ist ein Ge- eure Konzentration etwas Backen so gut tun! Nehmt wohnheitstier» – Diese anderem widmen und dabei euch die Zeit, wieder mal für Aussage habt ihr bestimmt ausserdem einige intereseuch zu kochen und etwas schon gehört. Gewohnheit- sante Dinge lernen. Gutes zu essen. en und Routinen vermitteln ein Gefühl von Normalität 5. MALEN, ZEICH 8. AUFRÄUMEN und Kontinuität. Durch sie NEN, BASTELN UND AUSMISTEN ist unser Alltag strukturiert Jetzt ist die Zeit, um kreaAufräumen und alte Dinge und organisiert. Ausserdem tiv zu werden und Neues können wir so Zeit sparen, auszuprobieren. Holt eure loszulassen tut der Seele die wir dann für andere Leinwände, Farben und Pin- gut. Wer fühlt sich schon Dinge zur Verfügung haben. sel hervor und versucht zu nicht wohl in einem auf-

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10. AFTER CORONA BUCKETLIST Schreibt eine Liste mit all den Dingen, die ihr nach dem Lockdown machen wollt. Nicht umsonst sagen viele Eltern, dass Vorfreude die schönste Freude sei. Versucht doch mal diese Tipps in euren Alltag zu integrieren. Vielleicht helfen sie ja auch euch in dieser Zeit nicht durchzudrehen. ¬ ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƎѴĸƍƒĸƏƍƏƍ

Hat das Theater noch Relevanz für junge Leute? Diese Frage beschäftigt mich schon länger. Schliesslich gehe ich selbst oft ins Theater und spiele leidenschaftlich seit ich klein bin auf verschiedenen Bühnen. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag meine Ansichten und Gedanken, was dieses Thema angeht, teilen und vielleicht den einen oder die andere anregen, sich aus einer anderen Sichtweise mit dem Thema zu beschäftigen. Damit der Artikel nicht zu einseitig und nur aus meiner Sicht geschrieben ist, kommen einige Personen, unter anderem auch jene, die ihr Leben nicht komplett dem Theater gewidmet haben, kurz zu Wort. Das Theater existiert schon gefühlt seit den Urzeiten. Schon in der grauer Vorzeit sind die Menschen gerne in Rollen geschlüpft und haben sich verkleidet. Es braucht ja auch nicht viel, um ein kleines Stück aufzuführen. Bestenfalls nur ein paar motivierte Leute. «Die Idee des Theaters war es schon immer, in eine andere Welt einzutauchen. Es ermöglicht einem, eine Geschichte lb|Œ†;uѲ;0;mĶ7b;;bm;mmb1_|r;uvࡴmѲb1_0;|ub\ĸŃŎ;_u;ubmĶƏƐ Jahre) Das Theater entwickelte sich, wurde professioneller, mit Bühne, Schauspieler*innen, Kostümen und war schon bald aus dem Leben der Kulturinteressierten nicht mehr wegzudenken. Es wurde fester Bestandteil der Gesellschaftjede Stadt hatte mindestens ein Theater. Früher, als man am Abend den Fernseher noch nicht einfach anschalten konnte, war das Theater eine Art der Unterhaltung. So war es neben Hinrichtungen die beste Unterhaltung, die man sich vorstellen konnte. Doch die Zeiten änderten sich. Plötzlich liessen sich die Bilder einfangen, bewegte Bilder so, dass die Menschen ihr Haus nicht mehr verlassen mussten, um die Unterhaltung zu haben, die ihnen der Fernseher ins Wohnzimmer liefern konnte.

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Lernt eine neue Sprache oder macht einen Online-Kurs zu einem Thema, welches euch schon lange interessiert. Vieles kann man heute ganz einfach mit Youtube Videos lernen, z.B. eine neue Maltechnik mit Acrylfarben.

von Annamirjam Lütolf

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9. SICH SELBST BILDEN

THEATER  ALT UND VERSTAUBT?

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geräumten Zuhause. Vielleicht habt ihr sogar Lust, euer Zimmer etwas umzustellen oder umzudekorieren.


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© Karen Zhao (Unsplash)

Auch bei einem Film kann man mit den Figuren mitfühlen, doch beim Theater fühlt es sich viel realer an, weil es gerade in diesem Moment vor den eigenen Augen passiert. Und schon bald lief im Fernseher nicht mehr «Der Zug, der in den Bahnhof einfährt», sondern Filme, die mit modernen Techniken immer hochwertiger produziert werden. Manche Leute würden behaupten, das Kino habe das Theater abgelöst, da das Theater quasi in der Vergangenheit steckengeblieben sei. Doch meiner Meinung nach ist das ein Ausspruch von jemandem, der das Theater nicht verstehen möchte oder es nie

wirklich kennengelernt hat. Ich glaube, dass viele beim Gedanken «Theater» an einen verstaubten Saal denken, wo ein paar untalentierte Menschen ein langweiliges Stück aufführen, welches zu Zeiten von Shakespeare geschrieben wurde.

sonen ist das Theater «uncool». Meiner Meinung ist das unglaublich schade, weil dadurch dem Theater nicht mal die Chance gegeben wird, zu zeigen, was es kann.

«Auch wenn in sie nicht vo o[ 0;v†1_;Ķ Cm7; b1_ ;v ‰b1_ࢼ]Ķ 7-vv $_;-|;u ;Šbvň ł1_ Cm7; ;v v1_-7;Ķ 7-vv ࢼ;u;mĸ ޶0; ;v h;bm; $_;-ň 7b; Ѳ-ƒoul mb1_| vo ]uovv ter mehr, würde für mich ist, zum Beispiel, dass uralte etwas fehlen in unserer GeStücke aufgeführt werden, v;ѲѲv1_-[ĸŃ die Jüngere nicht wirklich interessieren.» (Angehende HeNatürlich werden so verbamme) mehrt Stücke aufgeführt, die dem «älteren» Publikum Vielleicht ist genau das gerecht werden, weil man dass Problem. Dadurch, sich natürlich nach der Zieldass das Theater eine so gruppe richtet. lange Tradition hat, sehen es Dasselbe passiert in der viele junge Leute als etwas, Filmindustrie, wenn imdas doch nur ältere Leute mer mehr Leute seichte, besuchen. Für junge Per- kurzweilige Unterhaltung

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© Haley Kean (Unsplash)

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«Theater anzuschauen bereitet mir grossen Spass, auch selbst mitzuspielen. Ich liebe es, in die Geschichte einzutauchen und zu sehen, wie das Ganze auf der Bühne umgesetzt wird.» (Lehrerin, ƏƐ-_u;-Ѳ|ŏ¬

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suchen. Dann werden anspruchsvollere Filme, die auch etwas wagen, zu einem Nischenprodukt. Und doch gibt es sie. Filme und Theaterstücke, die jüngere Menschen ansprechen, ohne Langweilig und stumpf zu sein. Ich glaube, das Theater könnte genau der Ort sein, der alle Generationen zusammenbringt, das würde ich mir zumindest wünschen.

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AUSGANG IM QUEEREN RAHMEN von Svenja Förster

Vor kurzem habe ich zum ersten Mal die Milchbar in Luzern besucht, die lesbischen, schwulen, bi, trans* und asexuellen Jugendlichen und allen dazwischen und ausserhalb gewidmet ist. Ich habe dort auch eine polyamore Beziehung gesehen und eine waschechte Dragqueen kennengelernt! Vielleicht mag die Milchbar für viele nicht als richtigen Ausgang gelten, da es keine Party ist, allerdings gibt es ja auch noch richtige Partys in Clubs, die ebenfalls für queere Jugendliche gemacht ist. Beispielsweise einmal im Monat im El Cartel in Luzern die FriGay.

mich, was da wohl auf mich zukommen würde. Ich hatte ein wenig Angst, GLH DEHU VFKQHOO YHUćRJHQ war. Eigentlich war fünf Minuten nach meiner Ankunft alles vergessen. Ich fand innert kürzester Zeit Anschluss. Gespräche über die sexuelle Orientierung? Nur wenige! Es ist also so, dass queere Jugendliche nicht unbedingt darum dort sind, bzw. nur wenn es sich JHUDGHHUJLEW'DVĆQGHLFK eigentlich sehr toll, denn du weisst zwar, dass du bei Gleichgesinnten bist, unterhältst dich aber über Gott und die Welt und du umarmst einander beim Abschied völlig selbstverständlich.

Ich habe auch schon erste Freundschaften geschlossen und sogar alte Bekannte getroffen. Was ich immernoch VFKDGH ĆQGH LVW GDVV ZLU immernoch eine so intolerante Welt haben und es in vielen Ländern immernoch die Todesstrafe für Homosexualität gibt. Wie krank ist das bitte? Ich würde gerne Mal wissen, was der Grund ist, so homophob zu sein, schliesslich sucht sich niemand aus, auf wen man steht und Liebe ist doch Liebe – egal in welcher Konstellation. Genauso wie jede Art von trans. Es ist doch überhaupt nicht schlimm, dazu zu stehen, wenn man im falschen Körper steckt. Ich ĆQGHHVVRJDUVHKUVWDUNn

Ich mag sowas sehr gerne. ,P¾EULJHQĆQGHWGLH0LOFK- ˆ;uࡴ@;m|Ѳb1_|-l‫ث‬ƍƐĸƍѳĸƏƍƎƔ bar alle zwei Wochen statt! Ich werde jetzt wohl verPHKUW GRUW ]X ĆQGHQ VHLQ

Allerdings möchte ich jetzt von meiner Erfahrung in der Milchbar erzählen. Im ersten Moment fragte ich

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Ausgang! Vor allem die junge Generation liebt Partys und co. Aber was, wenn ein Abend komplett der queeren Jugend gewidmet wird?

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© Nadine Shaabana (Unsplash)


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SPECIAL #SUMMERTOUR mit Alexandra Birrer, Aroldo Bruderer, Janine Graber, Cyrill Keller, Marc Hanimann, Jana Leu, Tristan Scherer 9 Tage. 9 Städte. 7 Menschen. tize.ch wagt sich vom 14. bis 22. Juli 2018 auf die grosse Summertour. Das Programm ist so verschieden wie unser Land: Vom Klettern am Rheinfall über das Stand-up-Paddeln auf dem Zürichsee bis zum Open Air im Tessin – alles ist dabei! Wir zeigen unserer Generation die Vielfalt der Schweiz und eine Auswahl der tollsten Aktivitäten der jeweiligen Destination. In Zusammenarbeit mit: • Schweizer Jugendherbergen • Samsung • nau.ch & vielen weiteren Partnern

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Hier geht's zur Videoplaylist!


LS SWISS MUSIC AWARDS von Alexandra Birrer und Lenard Baum ł v bv| ;bm 0bvv1_;m ‰b; ;bm Ѳ-vv;m|u;@;m -0 †m7 Œ†ĸ &m7 immer wieder kommen ein paar neue Junge und ein paar Alte sind nicht mehr da. Aber ist immer ein Plausch.» Hier geht's zum Video!

So der Musiker Marc Lynn, der Teil der Schweizer Band Gotthard ist. Er und viele andere Musiker liefen am Samstag, dem 16. Februar, im KKL in Luzern über den Roten Teppich. Dort waren auch wir von Tize bereit mit unseren Fragen, die wir zum grössten Teil passend zum Motto #10yearschallenge stellten. Wir wollten von den Musikern wissen, ob sie vor zehn Jahren gedacht hätten, 2019 auf dem Roten Teppich der SMAs zu stehen oder wie sie die Schweizer Musikszene in zehn Jahren einschätzen würden.

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DANKE Ein grosses Dankeschön an alle Redakteur*innen, Mithelfer*innen, Mitdenker*innen. An all jene, die auf dem Weg zu heute für längere oder nur kurze Zeit ein Teil vom #Team Tize waren.

Du kannst Tize nur dank der Unterstützung von unseren Partnern und Sponsoren lesen. Ein grosses Dankeschön geht dabei an:

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Deborah Amolini | Lenard Baum | Livia Betschart | Alexandra Birrer | Sara Blatter | Aroldo %UXGHUHU_/DULVVD%XFKHU_-XOLD%XFKHU_6RĆH'DYLG_1LOV)HLJHQZLQWHU_6YHQMD)¸UVWHU_ Karin Frautschi | Rina Frischknecht | Cynthia Gehrig | Rachel Gerry | Janine Graber | Marc Hanimann | Tanja Heggli | Vinzenz Hesse | Dominic Iseli | Jennifer Jakob | Joshua Jesenek | Salome Käsemodel | Benedikt Kaiser | Cyril Keller | Alyssia Kugler | Jana Leu | Adrian Lipkovits | Maja Lovric | Johannes Lucht | Annamirjam Lütolf | Laura Marta | Dominic Meier | Lea Meier | Naomi Meier | Gabriela Mennel | Nicola Müller | Sara Petrillo | Cyrill Pürro | Lynn Rissi | Liliane Saner | Eric Schenk | Tristan Scherer | Levin Stamm | Janic Urech | Katharina Walbrun | Alexa Wöllmer | Stephan Wüest u.v.m.

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Impressum Kontaktadresse Verein tize.ch Tristan Scherer Zentralstrasse 124 5430 Wettingen Schweiz Haftungsausschluss Der Autor übernimmt keinerlei Gewähr hinsichtlich der inhaltlichen Richtigkeit, Genauigkeit, Aktualität, Zuverlässigkeit und Vollständigkeit der Informationen. Haftungsansprüche gegen den Autor wegen Schäden materieller oder immaterieller Art, welche aus dem Zugriff oder der Nutzung bzw. Nichtnutzung der veröffentlichten Informationen, durch Missbrauch der Verbindung oder durch technische Störungen entstanden sind, werden ausgeschlossen. Alle Angebote sind unverbindlich. Der Autor behält es sich ausdrücklich vor, Teile der Seiten oder das gesamte Angebot ohne gesonderte Ankündigung zu verändern, zu ergänzen, zu löschen oder die Veröffentlichung zeitweise oder endgültig einzustellen. Urheberrechte Die Urheber- und alle anderen Rechte an Inhalten, Bildern, Fotos oder anderen Dateien auf der Website gehören ausschliesslich dem Verein tize.ch oder den speziell genannten Rechtsinhabern. Für die Reproduktion jeglicher Elemente ist die schriftliche Zustimmung der Urheberrechtsträger im Voraus einzuholen.

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Tize.ch Jubiläumsausgabe  

Das Online-Jugendmagazin Tize.ch wurde 5 Jahre alt. Die besten, schönsten Geschichten aus den vergangenen Jahren sind hier versammelt.

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