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F端r Indienfans, Reisende, Weltverbesserer und Leseratten. Und f端r meine Freunde und Unterst端tzer, ohne die es dieses Buch nicht g辰be.


Vorwort

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So funktioniert dieses Buch

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1. Indien. Gegenwart der Gegensätze 2. Goa. Indien für Anfänger Aller Anfang ist ... gut

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Gut zu wissen #1. Der Gepäck-Check Einfach magisch

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3. Karnataka. Reich der Kontraste Radkarma

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Gut zu wissen #2. Transportmittel im Ökotest Die perfekte Welle

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Auf grünen Pfaden

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4. Kerala. Dorfentwicklung unter Palmen Power to the People

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Bessere Orte zum Leben und Bereisen Urlaub mit guten Nebenwirkungen Nimm mich mit, Kapitän!

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5. Tamil Nadu. Land’s End Mystischer Süden Bildung für alle

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Gut zu wissen #3. Voluntourismus Eine Stadt auf der Suche

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der Buchmitte! omotive meiner Reise in Extra: Die schönsten Fot

6. Uttar Pradesh. Holy Cow!

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Gut zu wissen #4. Zug fahren auf indisch Im Auge des Festivalorkans Indiens heiligste Stadt

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Rendezvous mit einem Star

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7. Rajasthan. Im Land der Könige Hauptstadtfieber

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Landpartie mit Luxusfaktor Im Gartenparadies

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Gut zu wissen #5. Auf zur Safari! 8. Delhi. Stadt der Superlative Megastadt ganz privat

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Spaziergänge durch die Zeit

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Gut zu wissen #6. Allein unter Indern

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9. Uttarakhand. Wo die Hindugötter wohnen Von Bergen und Menschen Der Weg ist das Ziel

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Gut zu wissen #7. Das ABC des guten Reisens 237

Gute Adressen

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Guter Lesestoff

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Danke!

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10. Fazit. Reisen mit Hand und Fuß

Anhang

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Herzlich Willkommen zu unserer gemeinsamen Reise nach Indien! Eines verspreche ich Ihnen gleich: Unser Ausflug wird so besonders wie unser Reiseziel. Mal bunt, laut und staubig, mal still und spirituell. Manche Orte werden uns sprachlos staunen lassen, andere uns in einem Strudel der Erlebnisse mitreißen. Die Szenerie wird uns oft den Atem rauben, der Lärmpegel manchmal auch den letzten Nerv. Ganz gewiss aber wird das Land Spuren hinterlassen, mit Erlebnissen, die es nur hier geben kann: im gigantischen, sich ständig wandelnden, niemals langweiligen Indien. Unsere Route beginnt an der Westküste, im Aussteigerparadies Goa. Nachdem wir uns bei landestypischem Yoga an die Hitze gewöhnt haben, geht es in den Süden des Subkontinents, der uns mit immergrünen Palmenlandschaften und großer Gastfreundschaft empfängt. Von dort aus führt unser Weg gen Norden, hinein ins gläubige Herz Indiens, in dem uns Heilige und Berühmte Audienz gewähren, bevor uns die Wüste Thar mit ihrer Stille umhüllt. Erholt wagen wir uns dann ins Gewirr der Megastadt Delhi und erklimmen schließlich den Himalaya, der uns mit ehrfürchtig machenden Aus- und Einblicken belohnt. Entlang unseres Weges entdecken wir Orte, die so in keinem Reiseführer stehen: abgelegene Dschungeldörfer, winzige Bergsiedlungen und ganz private Winkel in geschäftigen Millionenstädten. Wo immer wir Station machen, hören wir die Geschichten der Menschen und tauchen ein in ihren Alltag und ihre Kultur. In diesen Begegnungen zeigt sich eindrucksvoll, wie vielfältig das Leben auf dem Subkontinent ist und welche Herausforderungen es mit sich bringt. Denn Indiens Gesellschaft ist im Wandel. Sie schwingt im Spannungsfeld von althergebrachtem Kastenwesen und kleinbäuerlicher Selbstversorgung und einem rasanten technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt. Europa hat für solch eine Entwicklung Jahrhunderte gebraucht, in Indien findet alles gleichzeitig statt. Genau das macht vielleicht den besonderen Reiz des Landes aus: die Gegenwart der Gegensätze, die uns immer wieder vor Rätsel stellt, und die dennoch ganz selbstverständlich zu ihm gehört. 6


Unsere Indienreise wird also kein gewöhnlicher Urlaub, so wie Indien kein gewöhnliches Urlaubsland ist. Indien wird uns einladen, es zu erleben, zu berühren und einzuatmen. Es wird uns inspirieren, Neues zu entdecken und Bekanntes infrage zu stellen. Unterwegs können wir unentwegt lernen, im Austausch mit dem Anderen, in Reibung mit der eigenen Realität. Wenn wir uns darauf einlassen, gewinnen wir Einblicke in fremde Lebenswelten und die Möglichkeit, neu zu denken und zu handeln. Und das weit über diese Reise hinaus.

Eine Reise wie diese beschert unvergessliche Erlebnisse – und das gilt nicht nur für uns: Mehr als eine Milliarde Menschen fahren jedes Jahr in den Urlaub und sorgen so für Umsätze in Billionenhöhe, mit stetig steigender Tendenz. Das Reisen ist also ein wesentlicher Wirtschaftsmotor, der fast überall auf der Welt für Devisen und Arbeitsplätze sorgt. Doch die anhaltende Reiselust hat auch negative Folgen. Unzählige Umweltschäden gehen auf das Konto des Tourismus, und auch unsere Gastgeber freuen sich nicht immer, uns zu sehen. Wie das? Lassen Sie es mich am Beispiel Wasser verdeutlichen. Die Ressource ist für uns selbstverständlich und steht uns fast immer und überall zur Verfügung – zum Trinken, Kochen und Duschen, in Swimmingpools und zur Bewässerung immergrüner Golfanlagen. Je nach Reiseart und Anspruch verbrauchen wir schnell mehr als 1.000 Liter am Tag. In Indien aber ist Wasser ein äußerst knappes Gut, besonders in trockenen Gebieten und außerhalb der Regenzeit. Für die Landwirtschaft, einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige des Landes, ist unser sorgloser Verbrauch daher fatal: Ohne Wasser verdorrt die Saat, verdurstet das Vieh, verarmen die Bauern. Auf der Suche nach einer neuen Existenz zieht es sie scharenweise in die Städte. Doch dort warten meist keine Jobs auf sie, und so müssen sich viele als Tagelöhner durchschlagen und unter kläglichen Bedingungen in einem der Armenviertel hausen. Natürlich hat nicht jede Dusche, nicht jede Partie Golf so dramatische Folgen. Doch das Beispiel zeigt: Eine für uns schöne Reise kann für unser Reiseziel belastend, auf Dauer sogar lebensbedrohlich sein. Das betrifft nicht nur das Wasser. Wenn wir weiter reisen wie bisher, werden wir 7


unseren ohnehin hohen Energieverbrauch und den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase verdoppeln, unsere Abfallmenge wird sich sogar mehr als verdreifachen. Ein echtes Dilemma, denn so gefährden wir exakt die Orte, die wir doch eigentlich so gern besuchen. Dieses Buch will aber kein schlechtes Gewissen bereiten. Wir meinen es ja nicht böse, wir wollen einfach nur Urlaub machen. Die erste gute Nachricht schicke ich also gleich mal vorweg: Wir können besser reisen, richtig gut sogar. Deshalb widmen sich die folgenden Kapitel nicht nur den schönsten Orten und interessantesten Erlebnissen auf indischem Boden. Sie handeln auch von uns Reisenden selbst und der Art, wie wir all das erkunden. Das Buch hinterfragt unser Reiseverhalten, deckt auf, welche Verantwortung wir für unser Reiseziel tragen und zeigt, wie unsere Reise verträglicher wird. Wie wir Landstriche entdecken können, ohne ihre Ökosysteme zu gefährden. Wie wir eine Kultur kennenlernen, ohne sie dem touristischen Ausverkauf preiszugeben. Und wie unsere Gastgeber, die unseren Urlaub ja maßgeblich ermöglichen, auch von unserem Aufenthalt profitieren. Die zentrale Frage dieses Buches lautet also: Wie wird eine schöne Reise nach Indien auch eine gute – und zwar für alle Beteiligten? Lassen Sie es uns gemeinsam herausfinden. In diesem Sinne: Gute Reise!

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Die folgenden Kapitel führen uns durch sieben indische Bundesstaaten und das Hauptstadtterritorium. Auf dieser Route war ich selbst unterwegs, Sie können mich also als Ihre persönliche Reisebegleiterin betrachten. Ich zeige Ihnen inspirierende Orte und stelle Ihnen Menschen vor, die uns das gute Reisen näherbringen. Auf die Ansprache als Leserinnen und Leser verzichte ich zugunsten der besseren Lesbarkeit – Sie dürfen sich also angesprochen fühlen, egal, welchem Geschlecht Sie angehören. Zu Anfang jeder Etappe versorge ich Sie mit wichtigen Fakten zur Region und streue auch zwischendurch immer wieder Infohäppchen ein, die einzelne Hintergründe beleuchten. Damit Sie den Überblick nicht verlieren, finden Sie acht liebevoll illustrierte Karten der einzelnen Reiseabschnitte im Buch verteilt. Eine Übersichtskarte von ganz Indien und eine meiner Rückreiseroute, die vornehmlich auf dem Landweg zurück nach Deutschland führte, befinden sich in den Buchdeckeln. Meine schönsten Fotomotive verstecken sich im Mittelteil des Buches. Natürlich möchte ich Sie mit dieser virtuellen Indienreise auch zu einer echten inspirieren! Im Anhang finden Sie dazu einige handverlesene Reiseveranstalter. Auch für weiteren Lesestoff ist dort gesorgt, so können Sie sich noch eingehender über das Land und die unterschiedlichen Aspekte des verantwortungsvollen Tourismus informieren. Bevor es nun losgeht, noch ein Anliegen von meiner Seite: Dieses Buch ist eine Herzensangelegenheit und lebt seit der ersten Stunde vom Austausch mit anderen. Berichte von Reisenden, Gastgebern und Experten aus Tourismus, Nachhaltigkeit und Entwicklungszusammenarbeit haben wesentlich zu seinem Inhalt beigetragen. Auch auf Ihre Rückmeldung bin ich sehr gespannt! Anregungen und Kommentare können Sie daher gern in meinem Blog www.gute-reise.in oder auf Facebook www.facebook.com/ gutereiseindien posten oder per E-Mail an hallo@gute-reise.in senden. Vielen Dank! 9


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1 INDIEN – G EG ENWART DE R G E G E NSÄT Z E

Wie nähert man sich einem Land, das so anders ist als unseres? Das dank seiner Größe und Vielfalt alle Maßstäbe unserer Erfahrungswelt sprengt? Und über das die Meinungen so weit auseinander gehen wie über kaum ein anderes? Indien ist in der Tat nicht immer leicht zu verstehen, es steckt voller Widersprüche und polarisiert. Genau deshalb beginne ich unsere Reise mit einem kurzen Überblick über seine Entstehung, seine Bewohner und die Herausforderungen, die sie meistern müssen. So können wir diesem wunderbaren, verwirrenden Giganten ein Stück weit näherkommen. Werfen wir zunächst einen Blick auf Indiens lange und bewegte Geschichte. Erste menschliche Spuren stammen vermutlich schon aus der Zeit um 200.000 vor Christus. Bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend entwickelte sich dann eine der frühesten Hochkulturen der Welt, die IndusZivilisation. Zu ihren Errungenschaften zählten städtische Siedlungen mit gepflasterten Straßen und Kanalisation, Ackerbau, Handel und Kunsthandwerk. Auf ihren Niedergang, der vermutlich auf klimatische Veränderungen zurückzuführen ist, folgte das vedische Zeitalter, das wichtige kulturelle 11


Grundsteine des heutigen Indiens legte und die Basis für Buddhismus und Hinduismus schuf. Anschließend entstanden erste Großreiche, zerfielen wieder und wurden geeint, bis gegen Ende des zehnten Jahrhunderts islamische Invasoren in den Nordwesten vordrangen. Ihr Sultanat von Delhi brachte den muslimischen Glauben nach Indien, der weitgehend friedlich neben den anderen Religionen existierte. Das galt auch für die folgende Epoche des Mogulreiches. Im 16. Jahrhundert regierten zentralasiatische Herrscher über weite Teile Indiens, die sich durch religiöse Toleranz und kulturelle Vielfalt auszeichneten. Zu ihrer Zeit entstanden einige der schönsten Bauwerke des Landes, allen voran das berühmte Taj Mahal. Ihre Herrschaft endete jedoch in Zwietracht und die zentralindischen Marathen versuchten sich an der Bildung eines neues Großreiches, unterlagen jedoch afghanischen Eroberern und hinterließen ein zersplittertes Land. Dies diente den Interessen europäischer Kolonialmächte. Ab dem 17. Jahrhundert hatten Frankreich, die Niederlande und Großbritannien Handelsstationen auf indischem Boden errichtet und nutzen nun die innerindischen Konflikte, um ihren wirtschaftlichen Einfluss im Land auszuweiten. Durch die Monopolstellung der Ostindien-Kompanie gelang es den Briten schließlich, sich auch als politische Macht zu etablieren – die Geburtsstunde der Kronkolonie Britisch-Indien. Die Kolonialmacht verfügte fortan frei über indische Rohstoffe, unterstellte die Inder der britischen Krone und zwang sie, die englische Sprache zu erlernen und reihenweise zum Christentum überzutreten. Mitbestimmung und höhere Laufbahnen blieben Indern ab sofort verwehrt. Die Unterdrückung überdauerte Jahrzehnte, bis sich Ende des 19. Jahrhunderts erster Widerstand regte. Nach einigen Aufständen aus hinduistisch-nationalistischen und islamischen Lagern, die teils brutal von den Briten niedergeschlagen wurden, gelang es schließlich Mahatma Gandhi, die Massen für den gewaltfreien Widerstand zu mobilisieren. Seine Kampagnen des zivilen Ungehorsams führten erst zu Reformen zugunsten der Bevölkerung und schließlich, am 15. August 1947, zur indischen Unabhängigkeit. Die junge Republik wurde mit großen Aufgaben in die Freiheit entlassen, etwa mit der ungelösten Frage nach der gerechten Aufteilung Pakistans und Indiens, aber auch mit einer gut ausgebauten Infrastruktur und einem funktionierenden Regierungsapparat. Auf dessen Zweikammernparlament basiert das Regierungssystem Indiens bis heute. Sein politisches Geschehen ist von einer breit gefächerten Parteienlandschaft geprägt, zum Beispiel 12


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von der weltweit mitgliedsstärksten Bharatiya Janata Party, die das Staatsoberhaupt, den aktuellen Ministerpräsidenten Narendra Modi, stellt. Der indische Staat besitzt kolossale Ausmaße. Vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkt sind es rund 3.200 Kilometer, von Ost nach West nur etwas weniger. Mehr als drei Millionen Quadratkilometer misst das Land insgesamt, das sich in 29 Bundesstaaten, sieben Unionsterritorien und ein Hauptstadtterritorium gliedert. Deutschland fände auf diesem Areal fast zehnmal Platz. Die Fläche bietet eine Menge Raum für topografische Vielfalt. Im Norden ragt das höchste Gebirge der Welt auf: Der Himalaya, einst als Knautschzone bei der Verschiebung von Landmassen entstanden, bildet heute die nördliche Grenze Indiens. Jenseits der Demarkation liegen die Nachbarn Pakistan, China mit dem Autonomen Gebiet Tibet, Nepal, Bhutan, Myanmar und Bangladesh. Südlichwestlich des Gebirges schließen sich die lebensfeindliche Wüste Thar an und, weiter östlich, die fruchtbare Ebene des Ganges. Mit mehr als 2.600 Kilometern ist er Indiens längster Strom. Das Dekkan-Plateau umfasst einen wesentlichen Teil Zentralindiens, vor der Westküste erstrecken sich die Hügel der Westghats, am östlichen Ufer die Ostghats. Beide Gebirgszüge laufen spitz aufeinander zu und treffen sich schließlich am Kap Komorin, dem südlichsten Punkt des Festlandes. Der weite Indische Ozean umschließt die Halbinsel, im Osten als Golf von Bengalen, im Westen als Arabisches Meer. Jenseits der Küstensäume zählen noch drei vorgelagerte Inselgruppen zum indischen Staat: die wunderschönen Korallenatolle von Lakshadweep, die Andamanen und die Nikobaren. Dank seiner enormen Ausdehnung verfügt Indien über diverse Klimazonen. In Nord- und Zentralindien herrscht hauptsächlich subtropisches Klima mit teils erheblichen Temperaturunterschieden zwischen 10 Grad im Winter und bis zu 50 Grad im Sommer. Im Süden ist es dagegen fast das ganze Jahr hindurch tropisch heiß. Das Hochgebirge fungiert als Wetterscheide.


An seinen Südhängen herrscht feuchtwarmes Klima, Richtung Norden beginnt die kalte und trockene zentralasiatische Zone. Wichtigster Taktgeber ist der Monsun. Oder besser: die Monsune. Zwischen Juni und September versorgt der Sommermonsun die meisten Landesteile mit ergiebigem Regen, ab Oktober bringt der Wintermonsun kältere Luftmassen und weitaus weniger Niederschläge. Immer öfter verschiebt sich die Regenzeit allerdings, fällt schwächer aus oder übermäßig stark. So kommt es regelmäßig zu Dürren oder heftigen Überschwemmungen – laut Experten Folgen des globalen Klimawandels.

Grundsätzlich ermöglichen die natürlichen Bedingungen aber eine reiche Vegetation. Das Hochgebirge ist zwar nur spärlich bewachsen, doch in den tieferen Lagen des Himalaya gedeihen immergrüne Feucht- und Regenwälder mit Bäumen wie Eichen, Rhododendren, Zedern und Kiefern. Das zentralindische Hochland war einst ebenfalls bewaldet, heute sind seine Wälder allerdings fast vollständig der landwirtschaftlichen Nutzung gewichen. Halten konnten sich vorrangig kommerziell bedeutende Hölzer wie Teak, Sandelholz und das schnell wachsende Bambus. In der Wüste fühlen sich vor allem anspruchslose Dornengewächse wohl, im feuchtwarmen Südwesten sprießt ein dichter Dschungel aus Palmen, Orchideen und Farnen. Mangroven finden sich nur noch vereinzelt an Indiens Küsten. Die salzwassertauglichen Gezeitenwälder beherbergen eine Vielzahl an Lebewesen und zählen zu den produktivsten Ökosystemen der Welt. Leider fallen sie zusehends der intensiven Küstenfischerei und der touristischen Nutzung der Strände samt ihrer Folgen für die Umwelt zum Opfer. Vor allem die entlegenen Habitate, die dichten Wälder und Bergregionen, beherbergen eine vielfältige Tierwelt. Schätzungen zufolge leben hier rund 350 Säugetierarten wie der Indische Elefant und der Königstiger, der vor einiger Zeit auszusterben drohte und dessen Population sich dank errichteter Schutzgebiete langsam wieder erholt. In einigen Gebieten leben 14


auch Lippenbären, deren Hindi-Name bhalu einst Pate für die Figur Balu im Dschungelbuch stand. Wildkatzen wie Leoparden und die kleineren Mungos sind in Indien ebenfalls heimisch, der Asiatische Löwe findet sich hingegen kaum noch. Verbreitet sind aber Wildschweine, diverse Hirschund Antilopenarten, massige Wasserbüffel und natürlich die heiligen Kühe – letztere allerdings weniger in freier Wildbahn, auch wenn dies so scheinen mag, da sie meist ungehindert über Straßen und Strände trotten. Auch zahlreiche Affenarten gelten unter Hindus als heilig und genießen damit das Vorrecht, ein äußerst freches Dasein zu führen. Hyänen und Füchse finden in Indien ebenfalls eine Heimat, ganz zu schweigen von ihren Halbbrüdern, den Straßenhunden, die das Land in Scharen bevölkern. In Indiens Binnen- und Küstengewässern tummeln sich Tausende Fischarten und, insbesondere vor der Westküste, Delfine. Die indische Regierung fällte kürzlich ein historisches Urteil zum Schutz dieser intelligenten Lebewesen: Sie erkannte sie als „nicht-menschliche Personen“ an und verbat sämtliche Delfinarien im Land. Neben Säugetieren und Fischen leben auch Hunderte Reptilienarten auf dem Subkontinent, die Hälfte davon Schlangen wie die hochgiftige Königskobra oder die Tigerpython, die gern auch mal einen Leoparden verspeist. In Feuchtgebieten finden sich Krokodile wie das knollennasige Gangesgavial sowie rund 200 Amphibienarten. Auch Indiens Vogelwelt birgt zahlreiche Schätze: Mehr als 1.200 heimische Arten zählen Ornithologen, darunter Nektarvögel, asiatische Sperlinge, prachtvolle Pfauen und Bengalgeier sowie unzählige Zugvögel auf der Durchreise. Indiens Tier- und Pflanzenwelt ist reich, zusehends jedoch auch in seiner Existenz bedroht. Die Menschen dringen immer tiefer in die natürlichen Lebensräume ein, verbrauchen lebensnotwendiges Grundwasser, roden Rückzugsorte und verunreinigen Luft und Böden mit Abgasen, Pestiziden und Müll. Der sorglose Umgang mit ihrem Land verwundert zunächst, schließlich bekennt sich ein Großteil der Bevölkerung zum Hinduismus, in dem die Verehrung der Natur tief verwurzelt ist. Millionen huldigen täglich den als heilig geltenden Flüssen, Bergen, Pflanzen und Tieren. Viele ernähren sich vegetarisch, manche, etwa das Naturvolk der Bishnoi, setzen sogar Leib und Leben für den Umweltschutz aufs Spiel. Dennoch steht das Land vor enormen ökologischen Herausforderungen. Diese wurzeln nicht zuletzt in dem rasanten Bevölkerungswachstum, das überall sichtbare Spuren hinterlässt. Mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern ist Indien nach China der bevölkerungsreichste Staat der Welt und wird den Spitzenreiter

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vermutlich bald vom Thron stoßen. Damit gilt das Land als größte – weil bevölkerungsreichste – Demokratie der Welt. Ein Fakt, der in Indien gern betont wird, vermutlich, weil es ihn klar von seinem Mitstreiter unterscheidet. Bei der Natur bewirkt die demografische Entwicklung jedoch starke Wachstumsschmerzen. Zwar hat die indische Regierung umfassende Gesetze zu ihrem Schutz erlassen und Naturschutzprogramme aufgelegt. Dazu zählen knapp 600 Natur- und Tierschutzgebiete und die Kampagne Swachh Bharat, die für ein sauberes Indien sorgen soll. Doch die tägliche Umsetzung der Maßnahmen lässt oft noch zu wünschen übrig. Letzteres betrifft nicht nur den Umweltschutz. Generell erscheint es wie eine fast unlösbare Aufgabe, den indischen Riesen zu lenken. Das liegt nicht nur an seinen enormen Ausmaßen, sondern auch an der Heterogenität seiner Bevölkerung. Diese macht es nahezu unmöglich, von „den Indern“ zu sprechen. Indien ist ein Vielvölkerstaat, dessen ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt kaum zu überflügeln ist. Hier existieren nicht nur unterschiedliche Volksgruppen wie die aus dem Norden stammenden Indoarier und die südlichen Draviden. Hier werden weit über 100 Sprachen gesprochen, neben den Amtssprachen Hindi und Englisch auch zahlreiche Regionalsprachen wie Malayalam, Kannada, Rajasthani und Urdu. Hinzu kommen unzählige Dialekte und diverse Schriftsysteme. Auch die Glaubensvielfalt ist beachtlich. Neben dem Hinduismus wurzeln auch Buddhismus, Sikhismus und Jainismus in Indien, Eroberer brachten den

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Islam ins Land, Missionare und Kolonialherren das Christentum. Im Vergleich zu anderen multireligiösen Teilen der Welt leben die Glaubensgemeinschaften weitgehend friedlich nebeneinander. Dennoch kommt es auch hier immer wieder zu regionalen Konflikten, etwa um das Gebiet Kaschmir, das sowohl Indien als auch das muslimisch geprägte Pakistan beanspruchen. Die Spannungen haben zu jahrzehntelangen, erbitterten Unruhen geführt, in denen religiöser Fundamentalismus und politisches Kalkül kaum voneinander zu trennen sind. Der Glaube beeinflusst auch das Alltagsgeschehen. Das hinduistische Kastenwesen ist eine streng hierarchische und religiös untermauerte Gesellschaftsordnung und eine der wohl herausragendsten Besonderheiten der indischen Gesellschaft. Seine Ursprünge vermuten Experten in der vedischen Zeit, in der sich verschiedene Volksgruppen durchmischten. Um sie zu gliedern, wurden vier Hauptkasten oder Varnas eingeführt, die sich wiederum in Jatis und Subjatis, ein System aus Tausenden Untergruppen, unterteilen. Traditionell dienten sie dazu, gesellschaftliche Gruppen voneinander abzugrenzen und in sich zu stabilisieren, vor allem, was die Berufs- und Partnerwahl anging. So galten die Brahmanen lange als Kaste der Gelehrten, die Kshatriyas waren Krieger und Beamte, die Vaishyas Kaufleute und Bauern und die Shudras Handwerker und Tagelöhner. Unterhalb dieser Hierarchie stehen die Dalits, die Unberührbaren, die mit unreinen Berufen wie der Wäscherei oder dem Müllsammeln befasst sind und die keine Chance hatten, zu Lebzeiten gesellschaftlich aufzusteigen. Heute ist das undurchlässige System zwar offiziell abgeschafft, doch im Alltagsleben hat es noch einen festen Platz. So achten Familien im Zuge arrangierter Eheschließungen noch immer auf die Zugehörigkeit zur passenden Gesellschaftsgruppe. Zudem führen Fördermaßnahmen der Regierung, die benachteiligte Gruppen besser stellen sollen, zu einer neuen Form der Diskriminierung. Sie zementieren das Kastendenken oft eher, als gesellschaftliche Grenzen abzubauen. Dies gilt insbesondere auf dem Land, wo Traditionen und Brauchtum das Leben noch stark bestimmen. Zwar erleben Megastädten wie Delhi, Mumbai oder Bangalore spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung und gesellschaftlichen Fortschritt. Insbesondere die IT-Branche entwickelte sich seit den neunziger Jahren zu einem führenden Wirtschaftszweig und trug bedeutend zum Bruttoinlandsprodukt bei. Dank dieses Booms, durch eine florierende Industrie in Branchen wie Textil und Chemie sowie einem aufstrebenden Dienstleistungssektor, zu dem

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auch der wachsende Tourismusmarkt zählt, galt Indien lange als größter Wachstumsmarkt nach China. Aktuell stagniert die Wirtschaft zwar, doch sie hat eine gut ausgebildete und kaufkräftige Mittelschicht hervorgebracht, auf der nun die Hoffnung des Landes ruht. Ein völlig anderes Bild bietet sich jedoch außerhalb urbaner Zentren. Mehr als 70 Prozent der indischen Bevölkerung lebt in ländlichen Gebieten, die meisten von einfachster Landwirtschaft. Auf rund der Hälfte der Staatsfläche werden Erzeugnisse wie Getreide, Hülsenfrüchte, Kaffee, Tee und Gewürze angebaut. Die Erträge würden reichen, um die gesamte indische Bevölkerung zu ernähren, doch dank sinkender Exportpreise und Monopolisten steckt die Landwirtschaft in einer tiefen Krise. Das führt zu flächendeckender Armut, Mangelversorgung und fehlenden Bildungschancen. Nach Regierungsangaben lebt mehr als eine Viertelmilliarde Inder unterhalb der Armutsgrenze, die mit durchschnittlich 36 Eurocent pro Tag jedoch sehr niedrig angesetzt ist. Setzt man immer noch geringe zwei US-Dollar als Tagesbudget an, so betrifft dies rund zwei Drittel der Bevölkerung. Verlierer dieser Entwicklung sind vor allem die Kinder. Fast jedes zweite leidet unter Mangelernährung, die Kindersterblichkeit liegt entsprechend hoch. Besonders auf dem Land müssen Kinder in der Regel hart arbeiten, weil die Familien anders nicht überleben und es sich ohnehin nicht leisten könnten, ihren Nachwuchs zur Schule zu schicken. Einen Ausweg aus der Armut suchen Groß wie Klein in den Städten. Seit Jahren findet eine regelrechte Landflucht statt, doch die wachsenden Metropolen bieten den Suchenden kaum Perspektiven. Das Ergebnis sind hohe Arbeitslosenquoten und wachsendes Elend: Knapp jeder dritte Stadtbewohner lebt in einem Slum. Auch die weibliche Bevölkerung hat es nicht leicht. Ihre Situation ist wie ein Sinnbild des heutigen Indiens: Frauen bewegen sich im komplexen Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Aufgewachsen in einer mit wenigen Ausnahmen patriarchalisch und traditionell geprägten Gesellschaft, wählt die junge Generation immer öfter einen emanzipierten Weg. Mehr und mehr Mädchen wollen mitbestimmen, wen sie heiraten, wo sie leben und wie. Die indische Verfassung stellt sie ihren männlichen Mitbürgern gleich, faktisch ist die Gleichberechtigung jedoch noch nicht in der Gesellschaft angekommen. Noch immer werden weibliche Föten wesentlich häufiger abgetrieben, besetzen weniger Frauen Führungspositionen oder werden misshandelt, wenn sie sich nicht in ihre Rolle als schwaches Geschlecht fügen. Frauenrechtler werten dies als Zeichen, 18


dass der Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte vor allem ein wirtschaftlicher und weniger ein gesellschaftlicher war. Sie fordern echte Demokratie für ihre Heimat, in der die Bürgerrechte jedes und jeder Einzelnen zählen. Der Wandel lässt sich in vielen Teilen des Landes schon spüren. Doch er vollzieht sich an den unterschiedlichen Orten unterschiedlich schnell. Auf mich wirkt Indien in dieser Hinsicht wie einer seiner prägnantesten Vertreter, der Elefant. Wie der tonnenschwere Dickhäuter erscheint das Land manchmal als unbeweglicher Koloss, der durch seine massigen Beine fest auf der Vergangenheit fußt. Mit seinem beeindruckenden Erinnerungsvermögen bewahrt es Dinge, die wir in unserem Fortschrittsdenken längst vergessen haben – Weisheiten und Rituale, die es vor Jahrtausenden gelernt hat. Der agile Rüssel aber erkundet neugierig die Zukunft, auch die großen Ohren lauschen interessiert auf Neues. Und durch seine erstaunlich sensiblen Fußsohlen nimmt es auch kleinste gesellschaftliche Erschütterungen wahr. Wir werden vielleicht noch staunen, was der Gigant Indien alles bewirken kann, wenn er sich einmal in Bewegung setzt.

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Hauptstadt: Panaji Einwohner: 1,5 Millionen Größe: 3.702 km² Amtssprache: Konkani Klima: tropisch, Monsun Juni bis September Religion: 65,8% Hindus, 26,7% Christen, 6,8% Muslime, 0,7% andere Bildung: 87% alphabetisiert Einkommen: 2.200 Euro pro Kopf


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Goa gilt als das Urlaubsparadies Indiens. Kein Wunder, beherbergt der kleine Bundesstaat in der Größenordnung von Mallorca doch einige der wohl schönsten Flecken des Landes. Die Konkanküste erstreckt sich hier auf mehr als 100 Kilometern Länge. Hin und wieder wird sie von Flussmündungen zergliedert, über weite Teile aber ist das Meeresufer mit feinem Sand bedeckt und von Palmen umsäumt. Durchgängig warme Temperaturen von 25 bis 30 Grad und viel, viel Sonnenschein laden ein, gedankenverloren auf das Arabische Meer zu blicken und das süße Nichtstun zu genießen. Für diese Stimmung haben die Goaner sogar ein eigenes Wort: susegad – friedvoll, entspannt.

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Wer sich von seiner Strandliege erhebt und landeinwärts blickt, sieht die Landschaft dort in flachen Terrassen ansteigen; dahinter erheben sich die Ausläufer des Westghat-Gebirges bis auf knapp zwölfhundert Meter über den Meeresspiegel. Während des Sommermonsuns fallen hier bis zu 7.500 Millimeter Regen, Berlin schafft es während des gesamten Jahres nicht einmal auf ein Zehntel. Dank der ergiebigen Niederschläge ist die Bergwelt von immergrünen Feuchtwäldern bedeckt. Magnolien, Feigenbäume und Teak gedeihen hier ebenso üppig wie ein dichtes Unterholz aus Bambus, Farnen und Orchideen. In den Wäldern lebt eine Vielzahl an Wildtieren, darunter die seltenen Indischen Leoparden, verschiedene Affenarten, Hirsche, Lippenbären und Wildschweine. Auch Hunderte Vogelarten wie Papageien, Eisvögel und Reiher sind in der Region zu Hause. Neben seinen natürlichen Reizen lockt der Staat mit einer reichen Kulturgeschichte. Anders als der Rest Indiens ist Goa stark portugiesisch geprägt. Als Seefahrer Vasco da Gama im Jahr 1498 hier landete, veränderte das die Geschicke des Landstrichs für immer. Portugal eroberte die Gebiete Goa, Diu und Damão und ernannte sie zur Kolonie Portugiesisch-Indien. Wenig später boomte der Handel mit indischen Gewürzen, die Eroberer dehnte ihr Weltreich bis nach Ostafrika und Südostasien aus und Goa wurde zum Zentrum der Macht. Mit dem Niedergang der portugiesischen Vormachtstellung im 16. und 17. Jahrhundert bröckelte jedoch auch die Autorität auf indischem Boden. Immer öfter wurde die Kolonie angegriffen und besetzt, von den Niederländern, den weiter nördlich beheimateten Marathen und der britischen Kolonialmacht, bis im 20. Jahrhundert schließlich die indische Freiheitsbewegung zum Leben erwachte. Es sollte jedoch noch bis zum Jahr 1961 dauern, bis die Region die Unabhängigkeit erlangte; 1987 wurde sie dann offiziell zum indischen Bundesstaat erklärt. Die kolonialen Einflüsse spürt man in Goa noch allerorten. Neben der Amtssprache Konkani fallen immer wieder portugiesische Begriffe und Namen, denn die Besetzer tauften zahlreiche Orte und ihre Bewohner um. Missionare hatten den Katholizismus auf den Subkontinent gebracht und während der Inquisition viele Hindus zum Konvertieren gezwungen, Namenswechsel inklusive. Die Hoffnung der Mitglieder niederer Kasten, durch den Übertritt zum Christentum dem rigiden Gesellschaftssystem zu entkommen, bewahrheitete sich hingegen nicht. Es entstanden neue Kasten, die ähnlich undurchlässig waren wie die alten. Noch heute ist knapp jeder vierte Goaner katholisch, der Staat beheimatet eine der größten christlichen Gemeinden auf asiatischem Boden. 22


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Für Feriengäste bedeutet die besondere Mischung Goas vor allem eines: einen perfekten Erholungsurlaub. Selbst mitten im Winter lässt sich nach nur wenigen Flugstunden die indische Sonne genießen. Kein hektisches Großstadtgewimmel wie in Delhi oder Mumbai, auch Kleiderordnung und Verhaltensregeln sind hier weniger streng als im hinduistisch geprägten Rest des Landes. Das laissez faire Goas mag am tropischen Klima liegen, an den südeuropäischen Einflüssen – und an den zahlreichen Aussteigern, die in den späten sechziger Jahren über den Hippie Trail hierher kamen, um der westlichen Welt den Rücken zu kehren. Einige von ihnen sind geblieben und betreiben nun Cafés, Gästehäuser und Yogaschulen, die sich entlang der Strände aufreihen wie bunte Perlen. Die Geschäfte laufen gut, denn Goa ist und bleibt ein Besuchermagnet: Nach den Hippies kamen die Backpacker, dann die Partyurlauber und schließlich die Pauschaltouristen. Die örtliche Wirtschaft profitiert enorm vom Fremdenverkehr. So kommt es, dass Indiens kleinster Bundesstaat auch der reichste ist. Das hiesige Einkommen liegt mehr als das Dreifache über dem indischen Durchschnitt, so gut wie jedes Kind besucht eine Schule und neun von zehn Einwohnern können lesen und schreiben. In Indien ist das beileibe nicht die Regel. Trotz dieser Vorzüge ist Goa auch ein Beispiel für die Schattenseiten des Tourismus. Dafür sind vor allem die Menschenmassen verantwortlich, die es jedes Jahr hierher zieht. Zuletzt waren es mehr als drei Millionen Besucher – und damit etwa doppelt so viele wie Goa Einwohner zählt. Die touristische Invasion mag für einige wirtschaftlich einträglich sein, das Leben vor Ort strapaziert sie jedoch gewaltig. Wo einst kleine Fischerdörfer zwischen Sanddünen nisteten, sprießen nun Hotelanlagen aus dem Boden. Die dichte Bebauung hat die Vegetation der Küstenzone längst verdrängt, natürliche Mangrovenwälder mussten fast überall Feriendomizilen weichen. Diese erschweren nun den Anwohnern den Zugang zum Meer. Über lange Zeit bildete der Fischfang eine wesentliche Lebensgrundlage der Goaner, heute sind die bunten Boote kaum mehr als Dekoration. Die wenigen landwirtschaftlich nutzbaren Flächen leiden zudem unter regelmäßigen Dürren, denn die großen Hotels verbrauchen das kostbare Frischwasser tonnenweise. Der bäuerliche Ertrag ist schon heute so gering, dass Goa große Mengen an Lebensmitteln aus Nachbarstaaten einführen muss. Während Fischerei und Landwirtschaft stark an Bedeutung verlieren, entwickelt sich der Tourismus zu einem zentralen Haupterwerbszweig. Schon rund ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts stammt aus dieser und


angrenzenden Branchen, mit rasant steigender Tendenz. Auch der eng mit dem Reisesektor verbundene Immobilienmarkt trägt einen großen Teil zur florierenden Wirtschaft bei. Das Wachstum weckt Begehrlichkeiten. Ständig ziehen Menschen aus anderen Landesteilen zu, um vom Geschäft mit den Urlaubern zu profitieren. An nahezu jedem Strand sind fliegende Händler unterwegs, viele Orte bestehen fast nur noch aus Unterkünften, Bars und Shops für die Gäste. Für die ist das praktisch, die Händler aber geben ihr ursprüngliches Leben zugunsten der westlichen Konsumlust auf. Ihr kulturelles Erbe verkommt zum Handelsgut, das sie auf einem der vielen Touristenmärkte feilbieten, ihre Ländereien fallen an Großinvestoren. Ob sie dadurch ein besseres Leben führen, ist jedoch fraglich. Zunehmend kaufen sich ausländische Geschäftemacher in die Region ein, die hohe Renditen erzielen und die Grundstückspreise in die Höhe treiben. Indischen Arbeitskräften bleibt da oft nur, sich mit schlecht bezahlten Knochenjobs über Wasser zu halten. Ganz bewusst beginnt unsere Reise in diesem Spannungsfeld der guten und schlechten Seiten des Tourismus. Lassen Sie uns herausfinden, welche Herausforderungen die Küstenorte konkret bewältigen müssen und wie wir Reisende einigen davon begegnen können.

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Mittwochmorgen, vier Uhr: Ich bin in Indien. So richtig glauben kann ich es noch nicht. Vor ein paar Stunden stand ich noch im deutschen Nieselregen, jetzt umhüllt mich tropische Nacht. Während ich an der Gepäckausgabe des kleinen Flughafens Dabolim auf meinen Rucksack warte, suche ich nach untrüglichen Zeichen dafür, in einem exotischen Land zu sein. Doch statt bunter Saris und gewickelter Turbane entdecke ich nur mitteleuropäisches Grau in Grau. Eine Flugzeugladung Urlauber wartet mit mir auf die Ankunft unseres Gepäcks, die Mienen müde, die Blicke fest auf das Laufband geheftet. Von rechts dringt ein hessischer Akzent an mein Ohr: Ei, wo denn nur die Koffer blieben? Ich fühle mich ertappt. Auch mir war diese Frage gerade durch den Kopf geschossen. Ungeduld ist eine sehr deutsche Angelegenheit. Schon für diese Erkenntnis lohnt sich das Reisen, denn die ureigensten Charaktereigenschaften fallen einem oft erst auf, wenn man gewohnte Gefilde verlässt. Besonders augenfällig werden sie in einem Land, das so anders ist als unseres. Hier fällt schon rein optisch aus dem Rahmen, wer über 1,70 Meter groß ist, helle Haare und einen noch helleren Teint besitzt. Was es bedeutet, anders zu sein, werde ich bald erfahren. Nun aber greife ich nach meinem Rucksack, der endlich auf dem Gepäckband erscheint, und befestige eine zusammengerollte Matte daran. Für meine erste Woche im Mutterland des Yoga habe ich nämlich ein Retreat gebucht, eine Art Yogakur. Entgiften und verjüngen steht auf dem Programm. Sieben Tage Bewegung, gesunde Kost und wohltuende Massagen klingen nach einem standesgemäßen Einstand. Und genau richtig für mich, denn ich brauche dringend eine Pause. Keine Meetings, Projektpläne oder Steuererklärungen mehr, nur herrliche Ruhe und die Chance, mich Schritt für Schritt mit der Andersartigkeit Indiens vertraut machen. Nicht umsonst gilt Goa als idealer Ort für Indienanfänger. Hier will ich die ersten Lektionen meines Reiselandes lernen. Und die folgen schneller als gedacht. Lektion eins: Nicht Indien ist anders, ich bin es. Als ich mit Sack und Pack den Flughafen verlasse, stehen draußen mehrere Dutzend Männer, die wild durcheinander rufen und ihre 25


Hände nach mir ausstrecken. Ich bin verwirrt. Ob sie mich für einen Promi halten und mir deshalb einen so frenetischen Empfang bereiten? Schlaftrunken will ich gerade in der Flughafenhalle Schutz suchen, da entdecke ich in der Menge ein Schild. Ashiyana steht schwungvoll darauf geschrieben. Mit dem gleichnamigen Yogazentrum hatte ich einen Abholservice vereinbart. Das erschien mir eine bessere Idee, als mitten in der Nacht in einen Bus zu steigen und womöglich die richtige Haltestelle zu verschlafen. Der Schildträger begrüßt mich freundlich, schultert meinen Rucksack und lotst mich zu seinem Wagen. Von dort aus erkenne ich, dass auch das übrige Begrüßungskomitee nicht etwa auf Autogramme hofft, sondern nun ebenfalls, Wagen für Wagen, das Flughafengelände verlässt. Auf den Rückbänken schläfrige Urlauber.

Im Auto geht es nordwärts die Küste entlang. Während der Fahrt erhalte ich meine zweite Lektion: Mein Chauffeur erteilt mir Vokabeltraining. Das Hindiwort dhanyavad bedeute danke, sagt er, und namasté heiße Ich verbeuge mich vor Dir. Ich staune. Zwar legen wir zu Hause bei jeder Yogastunde die Handflächen aneinander und murmeln das Wort. In Indien hat der Gruß aber eine weitaus umfassendere Bedeutung. Schon das mudra, die Geste, ist mehr als unser Handschlag. Sie baut eine Art unsichtbarer Brücke vom einen Geist zum anderen. Durch sie verbinden wir uns miteinander und mit der großen Kraft, die in uns allen fließt. Mahatma Gandhi soll diesen Gruß einmal so beschrieben haben: „Ich ehre den Platz in dir, in dem das gesamte Universum residiert. Ich ehre den Platz des Lichts, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens und der Weisheit in dir. Ich ehre den Platz in dir, wo, wenn du dort bist und auch ich dort bin, wir beide nur noch eins sind.“ In Indien verbirgt sich eine ganze Weltanschauung in einem einzelnen Wort. Nach der Einführung ins indische Grundlagenwissen kehrt im Wagen Stille ein. Die Nacht verschluckt uns, tiefschwarz und still. Nur die Kegel der Autoscheinwerfer erzählen von Goa. Ihr Licht fällt auf gewundene Straßen, das Grün am Fahrbahnrand, ein entgegenkommendes Motorrad, eine schlafende Kuh. An einigen Häusern leuchten Papiersterne und Schilder mit der Aufschrift Happy Christmas. Vor einer Woche haben auch die goanischen Christen Weihnachten gefeiert. Einen Augenblick später holpern wir 26


über einen Sandweg und bleiben schließlich stehen. Im Lichtkegel erscheint ein junger Mann und hinter ihm der Eingang zum Yogazentrum. „Und wie sagt man auf Hindi good-bye?“, will ich vom Fahrer wissen und erwarte eine weitere spirituelle Antwort. „Good-bye“, antwortet er und grinst in den Rückspiegel.

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Indien ist kein Land für Schüchterne. Wer wenig indisch aussieht, genießt hier die ungeteilte Aufmerksamkeit – ob man nun will oder nicht. Bei Familien- oder Schulbesuchen, die recht häufig vorkommen, wird man wie ein Promi hofiert und mit Begrüßungsritualen überhäuft. Nicht selten erhält der Gast eine Blumengirlande umgelegt, einen erhöhten Sitzplatz angeboten oder das Privileg, allein am Tisch zu speisen. All das ist Ausdruck der indischen Gastfreundschaft, die fast keine Grenzen kennt. Bitte nehmen Sie sie an, Ihren Gastgeber wird es freuen! In der Öffentlichkeit sollten Sie hingegen auf weniger Etikette gefasst sein. Unverhohlene Blicke werden Sie treffen, eigentlich immerzu. Manchmal bilden sich ganze Grüppchen von Passanten, die Sie anstarren, anfassen oder Fotos machen wollen. Das mag befremdlich wirken, haben wir doch gelernt, unsere Mitmenschen nicht derart zu belagern. In Indien ist das anders. Speziell in Gegenden, in die nicht viele Touristen kommen, sind Sie ein Exot. Sehen Sie es einfach als Trainingseinheit für Ihre Geduld: Sonnenbrille aufsetzen, tief durchatmen und auf Ihr Buch oder etwas anderes konzentrieren. Mit etwas Glück ist der Glanz des Neuen dann schnell verschwunden – und zu Hause werden Sie die Aufmerksamkeit vielleicht sogar vermissen. Weitere Tipps, speziell für alleinreisende Frauen, finden Sie in der Rubrik Gut zu wissen #6.

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Am nächsten Morgen wecken mich laute Bässe. Im Dämmerschlaf glaube ich, Zeuge einer legendären Goa-Party zu sein. Schließlich ist sind Feierwütige aus aller Welt jahrzehntelang für diese Happenings angereist. Beim Frühstück erfahre ich jedoch, dass es mit dem Spektakel etwas ganz anderes auf sich hat: Der Hindutempel auf der einen und die christliche Kirche auf der anderen Seite der Yogaschule buhlen so täglich um ihre Schäflein. Trotz des überzeugenden Weckers verpasse ich meine erste Yogastunde. Eigentlich bin ich ja der pünktliche Typ, doch meine nächtliche Ankunft steckt mir noch in den Knochen. Mukesh, der mich nachts in Empfang genommen hatte, zeigte mir noch meine Unterkunft: ein Baumhaus in den Wipfeln eines kleinen Dschungels. Dessen Vorzüge konnte ich jedoch kaum noch wertschätzen und fiel, kaum hatte der hagere Mann den Raum verlassen, in tiefen Schlaf. Mein zeitlicher Fehltritt wird gelassen hingenommen. „No problem“, sagt Mukesh jetzt. Ich könne ja erst einmal das Areal erkunden. Ich streife also durch das Zentrum, das verträumt unter einem grünen Palmendach schlummert. Ashiyana bedeutet so viel wie Heimat oder Home, sweet home. Der Name ist Programm: Die Gäste übernachten hier nicht in sterilen Hotelzimmern, sondern – je nach Vorliebe und Budget – in einer Villa, Bungalows, Bambushütten oder eben Baumhäusern. Jeder hat sein eigenes Reich, das mit viel Liebe zum Detail gestaltet wurde. Dadurch wirkt die Anlage weniger wie ein Ferienkomplex als ein kleines Dschungeldorf. Das Freiluftrestaurant und die drei Yogaräume sind darin wie kleine Marktplätze, an denen sich die Bürger treffen. Um die 50 zählt die Gemeinschaft derzeit, die meisten stammen aus Europa, ein paar aus Amerika und Australien. Alle auf einmal treffe ich nie, zu unterschiedlich sind unsere Tagespläne, außerdem reist ständig jemand ab, kommt jemand Neues hinzu. Das Zentrum ist wie ein Holz und Lehm gewordenes Yogaprinzip: Alles ist im Fluss. Das Leben verändert sich immerzu, ganz gleich, was wir davon halten. Jenseits eines realen Flusses gelange ich über eine schmale Hängebrücke ins reale Dorf. Mandrem ist ein verschlafenes Nest, in dem es wenig zu tun gibt. Ein paar Läden verkaufen das Nötigste, ein Reisebüro lockt mit Busfahrten in andere Landesteilen und einige Stände bieten preiswerte Kleidung. Auch lange nach der Hippie-Ära liegen hier T-Shirts im Batik-Look oder mit Om-Symbol hoch im Kurs. Das wohl wichtigste aller Yogamantras dient seit Jahrtausenden dazu, Körper, Seele und Geist in 28


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Tourismus und Immobiliengeschäfte machen Goa zu Indiens reichstem Bundesstaat – zumindest auf dem Papier. Denn ein Großteil der Profite kommt gar nicht bei den Bewohnern an. Nach Schätzungen des Centre for Responsible Tourism Goa wird nur etwa jedes zehnte Gästezimmer von Einheimischen vermietet. Der überwiegende Teil befindet sich im Besitz großer Hotelgruppen und anderer Konglomerate, die oft gar nicht aus Indien stammen. Während diese Investoren hohe Gewinne einstreichen, wächst in der Bevölkerung die Armut. Leakage effect nennen das Experten, der Profit sickert in andere Taschen. Die wirtschaftliche Ungleichheit trifft vor allem junge Frauen. Laut Internationaler Arbeitsorganisation ILO verrichten sie den allergrößten Teil der Arbeit im Tourismus, ohne jedoch angemessen entlohnt zu werden. Derzeit lässt die Regionalregierung einen Masterplan erstellen, der Goas Tourismusstrategie für die kommenden 25 Jahre festlegen soll. Initiativen wie das CRT und Equations, eine Aktivistengruppe für fairen Tourismus, kritisieren jedoch, es gehe ihr vorrangig darum, Goas Attraktivität für zahlungskräftige Besucher zu steigern. Negative Folgen für Bewohner und Umwelt würden hingegen vernachlässigt. Es bleibt zu hoffen, dass das nicht den Tatsachen entspricht, denn ohne eine Regulierung wird sich für die Ärmsten wohl nicht viel verbessern. Weitere Infos zum Masterplan und zum Engagement der Organisationen finden Sie unter www.responsibletourismgoa.com und www.equitabletourism.org.

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Harmonie zu bringen. Für viele Touristen symbolisiert es etwas typisch Indisches. Landestypisch wären zwar auch Sari oder Tunika, die sucht man hier allerdings vergebens. Unweit einer der Bars am Strand lasse ich mich in den Sand gleiten. Hier gibt es Cocktails, europäisch gewürzte Speisen und einen herrlichen Blick aufs Meer. Gerade genieße ich den Ausblick auf die funkelnden Wellen, als ein Schatten auf mich fällt. „Hello, madam“, sagt eine dünne Stimme in einem Akzent, der blitzschnell über die Vokale reitet. Ich schaue auf und blicke in das sonnengegerbte Gesicht einer zierlichen Frau. Ihr Alter ist schwer zu schätzen, vielleicht Ende 30. Sie trägt einen riesigen Stoffballen über der Schulter, den sie nun in den Sand fallen lässt. „What is your good name?“, fragt sie interessiert. Ich antworte und frage nach ihrem. Sie heiße Prema, entgegnet sie. Im Sanskrit, der alt-indischen Sprache, bedeute das Liebe. Ein Strahlen huscht über ihre Falten, vielleicht ist sie doch erst Mitte 20. „What’s your country?“, will sie nun wissen. Auf meine Antwort erwidert sie ein langgezogenes „Aaaaaaah, Germanyyyyy“, als sei sie eben erst von einer Deutschlandreise zurückgekehrt. „First time in India?“, schiebt sie hinterher und ergänzt mit einem Blick auf meine winterblasse Haut: „So white!“ Etwas gequält bestätige ich ihren Verdacht. Sie aber scheint es als Kompliment zu meinen. In Indien gilt blasse Haut als Schönheitsideal. Nach diesem Einstiegsgeplänkel, das sich in den kommenden 100 Tagen wenigstens 100 Mal in verschiedenen Besetzungen wiederholen soll, kommt sie schnell zum Punkt. Gekonnt wickelt sie ihren Stoffballen ab, zieht hier an einem gelben Ende, dort an einem blauen, und schon sitze ich in einem Meer bunter Tücher. Das pinkfarbene mit dem Blattmuster stehe mir gut, meint sie. Ob ich schon einen Sarong hätte? In der Tat habe ich keines der praktischen Tücher, das man wahlweise als Sonnenschutz, Kleid oder Unterlage verwenden kann. Ich will aber nicht gleich am ersten Tag Geld ausgeben, auch wenn es umgerechnet nur ein paar Euro sind. Ich behaupte also, keines bei mir zu haben. Premas Lächeln verschwindet sofort, darum betone ich schuldbewusst, dass ich nun öfter käme. Sie nimmt meine Hand und blickt mir fest in die Augen. „Promise?“, will sie wissen. Ich nicke und mache mich auf den Weg zum Yogazentrum. Wenigstens zur zweiten Stunde will ich pünktlich sein. In meinem Rücken höre ich sie noch einmal rufen: „Promise?“ In den kommenden Tagen treffe ich die Tuchverkäuferin immer wieder, tagsüber am Strand und abends in einem der kleinen Läden im Dorf. Es scheint, als habe sie niemals Feierabend. Eines Tages erklärt sie mir, sie 30


müsse ihre kleine Tochter durchbringen und deshalb fast rund um die Uhr arbeiten. Prema ist gerade einmal 19. Nachdem ich gleich zwei Tücher gekauft und auch einige meiner neuen Yogafreunde zum Shoppen mitgebracht habe, erhalten wir von ihr so etwas wie Geleitschutz: Den dutzenden Händlerinnen, die täglich diesen Strandabschnitt bearbeiten, bedeutet sie, sich von uns fernzuhalten. Tauschgeschäfte Indian style. Außerhalb der Touristenorte hat Goas Armut noch ein ganz anderes Gesicht. Auf dem Weg in ein Nachbardorf meine ich, in einem trockenen Flussbett einen Marktplatz zu erkennen. Beim Näherkommen entpuppen sich die Planen jedoch als behelfsmäßiges Camp. Hunderte Menschen leben hier auf engstem Raum, ohne Strom, fließendes Wasser oder echtes Dach über dem Kopf. „Looking for work“, erklärt mir mein indischer Begleiter. Die meisten kämen aus dem Nordosten, einer der ärmsten Regionen des Landes, in der Hoffnung auf gutes Geld. Nicht selten landen sie dann in Slums wie diesem. Welch symbolträchtigen Ort sie für ihr provisorisches Zuhause gewählt haben, erkenne ich erst, als wir weiter fahren: Über ihnen prangt eine riesige Reklametafel, die teuren Goldschmuck anpreist.

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Im Yogazentrum ist von Goas Gegensätzen wenig zu spüren. Hier herrscht angenehme Stille, in die ich mich nach und nach zurückziehe. Ich folge meinem strikten Entgiftungsplan, stehe früh auf, gehe früh schlafen, praktiziere ein- bis zweimal täglich Yoga und trinke viel, vor allem vom frisch aufgebrühten Ingwer-Zitronen-Tee, der die innere Reinigung anregen soll. Die Süße des darin enthaltenen Honigs ist so ziemlich das einzige Laster, das das Retreat uns zugesteht. Alkohol und Zigaretten sind hingegen verpönt, schließlich sollen wir uns von ungesunden Verhaltensmustern lösen. Wie sich herausstellt, bin ich nämlich nicht die einzige, die an diversen Wehwehchen leidet. Jeder hier hat mit Kopf- oder Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Konzentrationsproblemen zu kämpfen. In einer privaten Yogatherapiesitzung erfahre ich, dass diese Beschwerden in der ayurvedischen Medizin als Störungen der Lebensenergie gelten. Das Prana könne nur fließen, wenn die Leitbahnen dies zuließen, so die Therapeutin. Oft seien die Meridiane aber blockiert, eine typische Folge unseres modernen Lebensstils. Stress, unausgewogene Ernährung, mangelnde Bewegung und Schadstoffe, die über die Nahrung in den Organismus gelangten, 31


vergifteten unsere Körper regelrecht. Gezielte Yogaübungen, ionisierte Fußbäder und eine Ozon-Behandlung sollen nun helfen, die Energie wieder fließen zu lassen. Das Konzept des Energiestaus klingt irgendwie plausibel. Tatsächlich fühle ich mich oft wie eine Stehlampe mit kaputtem Schalter. Ich stehe zwar ständig unter Strom, aber der Funke will nicht so richtig überspringen, die Birne bleibt dunkel. Zwar weiß ich nicht, wie ausgerechnet ein paar Asanas und nasse Füße daran etwas ändern sollen, aber schaden können sie wohl auch nicht. Also lasse ich mich auf das Experiment ein. Die ersten Veränderungen sehe und erschnüffle ich schnell: Schon am zweiten Tag vernebeln kleine Schwebepartikel mein Fußwännchen, ohne dass jemand sie hineingegeben hätte. Schwermetalle, meint die Heilpraktikerin. Die hätten sich über Jahre in meinem Körper abgelagert und würden nun durch meine Fußsohlen austreten – ein gutes Zeichen! Ungläubig nehme ich eine Probe, das Wasser riecht tatsächlich nach Metall. Zur Wochenmitte spüre ich dann etwas: Schmerz! Ich kann mich kaum noch bewegen, so stark ist der Muskelkater, den die tägliche Yogapraxis in Körperzonen verursacht, in denen ich nicht einmal Muskeln vermutet hätte. Als sich am vorletzten Tag auch noch bohrendes Kopfweh hinzu gesellt, bin ich kurz davor, alles hinzuschmeißen. Neue Lebensenergie? Pah! Mir tut alles nur noch weh! Dennoch halte ich durch – und werde belohnt: An meinem letzten Ashiyana-Tag geht es mir blendend. Noch vor dem wummernden Tempelwecker wache ich auf, ohne Zwicken im Rücken oder Watte im Kopf. Ich fühle mich frisch und klar, zum ersten Mal seit Monaten. Ob das nun von den Fußbädern kommt, von der vielen Bewegung oder dem tollen Ambiente? Ich weiß es nicht. Fakt ist, hier in Goa fühle ich mich endlich wieder gut, also kann es nun richtig losgehen auf gute Reise. Namasté Indien, ich verbeuge mich vor Dir und freue mich auf Dich!

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Das Yogazentrum Ashiyana ist ein guter Anfang. Zum einen ist es der perfekte Ort, um sich bei Yoga und ayurvedischen Anwendungen vom stressigen Alltag zu erholen und neue Energie zu tanken. Ausflüge zu nahegelegenen Gewürzplantagen oder zum Stand-Up-Paddling sind willkommene Abwechslungen zur strengen Routine. Zum anderen legt das Team Wert auf einen schonenden Umgang mit der Natur: Anstelle großer Bettenburgen fügen sich kleine Gebäude, meist aus heimischen Materialien gestaltet, harmonisch in die Umgebung ein. Rundherum gedeiht ein urwaldähnlicher Garten, der Klimaanlagen überflüssig macht und aus dem eigenen Brunnen bewässert wird. Während meines Aufenthaltes war ein Pool in Planung, der sich durch spezielle Pflanzen selbst reinigen und ohne giftiges Chlor auskommen soll. Regelmäßig reinigt das Personal außerdem den vorgelagerten Strandabschnitt und sorgt auf dem eigenen Grundstück dafür, dass Müll getrennt und recycelt wird – in Indien leider noch nicht die Regel. Die Gäste werden ebenfalls angehalten, sorgsam mit den Rohstoffen umzugehen. In den Zimmern finden sich zu diesem Zweck ausführliche Infobroschüren, im Restaurant stehen Recyclingtonnen und gefiltertes Trinkwasser bereit. So können Besucher auf gekaufte Plastikflaschen verzichten, die sonst am Strand verbrannt werden und dabei giftige Stoffe freisetzen. Und auch das Umfeld profitiert: Die verarbeiteten Lebensmittel stammen vorrangig aus der Region, für Fahr- und Reinigungsdienste engagiert Ashiyana lokale Kräfte, zahlt seinen Angestellten faire Löhne und eine Krankenversicherung. Nur die Yogalehrer stammen größtenteils nicht aus Indien – schade, denn so fließen ihre Gehälter zumindest in Teilen wieder aus dem Land hinaus. Doch erste gute Schritte sind gemacht und man darf gespannt sein, was sich das Zentrum noch alles einfallen lässt. Weitere Infos zu Ashiyana erhalten Sie im Anhang und unter www.ashiyana-yoga-goa.com.

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Mal ehrlich, meistens haben wir doch viel zu viel im Gepäck. Dabei beginnt gutes Reisen schon beim Packen:

Indien ist das Land der Abermillionen Stoffe. Packen Sie also nur das Nötigste ein und lassen Sie sich vor Ort etwas auf den Leib schneidern. Mit einem Salwar Kameez etwa, einer leichten Tunika mit langer Hose, sind Frauen bestens gekleidet. Männer können sich eine legere Jodhpurhose und ein Hemd mit typischem Stehkragen gönnen. So zeigen Sie Interesse an der indischen Kultur und unterstützen gleichzeitig die örtliche Wirtschaft. Knappe Outfits mit tiefen Einblicken sollten aus Respekt vor Ihren Gastgebern lieber zu Hause bleiben.

Informieren Sie sich frühzeitig über die gültigen Impfempfehlungen. Aktuelle Infos gibt es beim Auswärtigen Amt, beim Robert-Koch-Institut und bei einem Tropeninstitut in Ihrer Nähe. Außerdem sollten ein Verbandsset und Medikamente gegen Schmerzen und Allergien sowie – bei Reisen in Malariagebiete – entsprechende Mittel im Gepäck sein. Auch Wundsalbe, ein tropentaugliches Insektenspray und Verdauungspräparate haben sich bewährt, die indische Ayurveda-Medizin bietet hier wirksame pflanzliche Alternativen. Gegen den indischen Lärm helfen Ohrenstöpsel. Maßanfertigungen sind zwar teurer, aber wirklich den Preis wert!

Wildes Campen ist in Indien unüblich und aufgrund wilder Tiere auch nicht ratsam. Das Zelt kann daher getrost zu Hause bleiben. Ein eigener Schlafsack ist hingegen unbezahlbar, denn Hotelbetten bieten oft nur dünne Laken und sind auch nicht immer blütenrein. In Malariagebieten ist ein Moskitonetz sinnvoll – Reißnägel und Bindfaden zum Befestigen nicht vergessen! Für die ersten Tage hat sich eine Rolle Toilettenpapier bewährt, mit ein bisschen Training gewöhnen Sie sich aber schnell an die Hocktoiletten mit Wasserbrause oder Eimerchen (mit links waschen!). 34


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Vergleichsweise wenig Abfall produzieren Sie, wenn Sie Ihr Shampoo in wiederverwendbare Fläschchen füllen und Ihren Einkauf in Stofftaschen statt Plastiktüten legen. Für Getränke sind aufrollbare Trinkflaschen praktisch, die Sie in der Unterkunft mit gefiltertem Trinkwasser befüllen und leer platzsparend verstauen können. Auf langen Zugfahrten ist ein Dosenset unschlagbar. Speisen sind darin luftdicht verpackt und Einwegverpackungen überflüssig. Bei Kunststoffdosen auf das Label BPA-frei achten, der Stoff Bisphenol A steht im Verdacht, das Erbgut zu schädigen. Oder gleich ein typisch indisches Tiffin aus Edelstahl kaufen!

Vor allem bei längeren Zugfahrten ist Vorsicht eine gute Idee, denn die meisten Abteile sind offen und es herrscht reger Durchgangsverkehr. Mit einem dünnen Stahlseil samt Zahlenschloss lässt sich das Gepäck unter dem Sitz anschließen. Bargeld, Kreditkarte und wichtige Dokumente passen in den Geldgürtel. Der ist zwar nicht wirklich hübsch, aber eng am Körper getragen kommt nichts abhanden. Nur ein einziges Mal, gegen Ende meiner Heimreise in der Transsibirischen Eisenbahn, habe ich den Gürtel unbeaufsichtigt gelassen – und wurde prompt bestohlen! Weitere Tipps, vor allem für alleinreisende Frauen, finden Sie in der Rubrik Gut zu wissen #6.

Indien bietet unzählige Impressionen, die man am liebsten sofort ins Netz stellen würde. Aber auch für Tablet, Smartphone und Digitalkamera gilt: abspecken! In weiten Teilen des Landes ist die Internetverbindung ohnehin sehr schwankend und reicht oft gerade einmal zum Checken der Emails. Sim-Karten fürs Handy gibt es nur nach aufwändiger Registrierung, in meinem Fall hat es auch nach Wochen nicht geklappt. Doch die Technikdiät hat auch ihre guten Seiten. Ohne Whatsapp, Facebook und Instagram bleibt mehr Zeit zum Reisen! P.S.: Sehr sinnvoll ist allerdings eine gute, alte Taschenlampe – indische Nächte sind abseits der Städte stockdunkel. 35


Hauptstadt: Neu-Delhi

Einwohner: 1,2 Milliarden

Größe: 3.287.469 km²

Amtssprachen: Hindi und Englisch Klima: vorrangig subtropisch, Sommermonsun Juni bis September, Wintermonsun Oktober bis Juni Religion: 80,5% Hindus, 13,4% Muslime, 2,3% Christen, 3,7% andere Bildung: 74% alphabetisiert

Einkommen: 759 Euro pro Kopf


Wassermeditation. Die einst idyllischen Backwaters in Kerala...

...sind mittlerweile leider überfüllt – zulasten von Umwelt und Anwohnern.


Where three oceans meet. Indiens Südspitze in Tamil Nadu

Größenvergleich. Tiruvalluvar-Statue und Vivekananda-Denkmal

Streunende Schönheiten. Indiens heilige Kühe

Braunes Gold. Gewürze in Hülle und Fülle


Zweite Heimat. M채dchen im Kinderheim, Satankulam, Tamil Nadu

Zugfahren in Indien. Alles andere als Luxus, aber gut f체r Klima und Reisebudget

Matrimandir. Der Tempel der Mutter in Auroville, Tamil Nadu


Opfergaben. Marigold und Räucherstäbchen für die Götter

Kumbh Mela. Das größte Hindufestival der Welt in Allahabad, Uttar Pradesh

Leseprobe Gute Reise  

INDIEN ENTDECKEN fair und umweltfreundlich von Dorit Behrens Illustrationen von Annette Köhn „Indien wird uns einladen, es zu erleben, zu b...

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