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Z E I T E X I S T I E R T Eilig läuft sie durch die Straßen der kleinen facettenreichen Stadt. Bald durch wirre Häuserschluchten, bald über den weiten Platz. Vorbei an dem Brunnen aus einer anderen Zeit, an dem sich heute viele junge Menschen dieser Zeit versammelt haben. Sie dreht ihren Kopf dem Treiben zu, doch unterbricht nicht ihren Schritt, denn sie hat keine Zeit für Schaulust. Und wie oft hören wir uns sagen, wir hätten keine Zeit? Haben wir jemals Zeit? Haben wir nicht selbst dieses System erdacht, ihm einen Namen gegeben? Einen Namen für alles erdenkliche Geschehen. Eine Ableitung aus den Ereignissen, auf die wir keinen Einfluss haben.


Der Bewegung der Planeten. Und der Name einer Umdrehung der Welt lautet Tag. Und wenn wir warten, warten wir nicht die Zeit ab, wir warten ein Ereignis ab. Doch warum warten wir überhaupt? Denn das Ereignis verlangt von uns kein Warten. Es tritt einfach ein. Und wenn es ausbleiben sollte, wozu hätten wir gewartet? Warten wir auf etwas, weil wir glauben, dass dann alles besser wird? Als wollten wir die Zeit bis zu einem Ereignis einfach überspringen. Wie kommt es, dass wir so unachtsam sind mit der Zeit, die uns gegeben ist? Ist sie doch begrenzt und wir wissen noch nicht, wann sie abläuft. Längst ist sie unser Herr geworden, dem wir hörig sind. Wenn wir


Hamburger Hafen, Deutschland 10:09:27


D E R W E G Er setzt den Fuss vor die Tür seines Elternhauses, das ihm immer alles gewesen ist bis zum heutigen Tag. Ein wahres Zuhause. Wer hier auf dem Land geboren ist, geht selten weg. Die Stadt ist attraktiv für die junge Generation, aber das Wort Familie wiegt schwer und ohne wahre Gemeinschaft kann ein Dorf nicht existieren hier draußen. Gemächliche Schritte tragen ihn über das zerklüftete Pflaster. Abgetreten und uneben ist es, doch auch ein Zeuge langer Zeit. Generationen von Menschen hat es überdauert und weiß von all den Schritten noch. Ob eilig, müde, verzweifelt oder voll Freude. Und sein Schritt ist heute ruhig und entschlossen, aber auch wagemutig und dabei noch von unterschwelliger Nervosität durchsetzt. Den ganzen Tag schon hat er mit den anderen alles vorbereitet zum Aufbruch. Der Alte nickt ihm zu. Er weiß, was ihm bevorsteht, denn auch er war einst auf diesem Weg, war einst wie diese Kinder am Wegesrand, deren buntes Treiben kurz verstummt beim Anblick der Aufbrechenden. Auch sie haben die Geschichten gehört, und doch können sie den Weg nur erahnen, der auch ihnen einmal bevorsteht. Heute ist es soweit, da er hinausgehen wird. Dieses Mal nicht nur in die nächste Stadt, sondern in neues Land, das er nie zuvor gesehen hat. Sie werden gehen bis die Berge im flachen Land ausgeklungen sind


zu naiv, weil sie aus einer anderen Zeit stammen, als wir jung und unerfahren waren? Er wollte die Welt erobern mit seiner Kamera, doch wem gelingt das schon? Ein gutes Bild zu machen hingegen, gelingt so manchem. Doch wie entgehen wir dieser Frustration, die uns ausbremst und daran hindert unser Bestes zu geben und uns damit noch mehr frustriert? Uns abwärts zieht in einer Spirale. Vielleicht ist es an der Zeit unsere Träume zu reformieren, sie neu aufzusetzen, auf dass wir ihnen endlich näher kommen. Selbst wenn dies bedeutet, dass sie nicht mehr auf der großen Bühne stattfinden. Hier draußen fühlt er sich wohl. Es ist ruhig und es weht ein lauer Wind. Er stellt die Flasche ab und blickt hinaus aufs Wasser, das nur mehr die Schwärze der Nacht und


die Beleuchtung der Umgebung reflektiert. Seine Aufmerksamkeit fällt auf das stattliche Boot, das in einiger Entfernung ohne Fahrt im Wasser liegt. Es gibt Licht im breiten Fenster und er kann bereits mit bloßem Auge Gestalten ausmachen. Schon hat er die Kamera im Anschlag und lugt durchs Objektiv. Er kennt diese Gestalten. Öfters schon hat er sie beobachtet auf der großen Bühne, von seinem Platz im Publikum. Und heute Nacht ist er der Letzte, der noch auf seinem Platz verweilt ist. Der Letzte, der noch nicht nach Hause gehen wollte, um nur noch ein wenig den abklingenden Dunst des Treibens auf der Bühne zu atmen. Er ist ganz ruhig und dreht nur noch ein klein wenig mehr an seiner Linse. Dann löst er aus.


Leseprobe Eine Stunde Welt