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Das Konzept

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Erste Auflage: September 2010 Alle Rechte liegen beim Autor. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert, verarbeitet, vervielf채ltigt oder verbreitet werden. Grafische Gestaltung: Jacob Nomus ISBN 978-3-00-032106-1 www.jacobnomus.com

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Das Konzept Leseprobe

Jacob Nomus

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Rudolf Schürzer, 48 Jahre, Versicherungssachbearbeiter, nicht verheiratet, keine Kinder, Eltern verstorben, eine Schwester. Abteilung Geometrie. So oder so ähnlich kann man das Leben Rudolf Schürzers tatsächlich zusammenfassen. Es gibt keine umfangreicheren Beschreibungen seiner Existenz als Datenbankeinträge in einigen Behörden und Firmen, von denen eine eben jene Versicherung ist, für die er arbeitet. Rudolf, oder kurz Rudi für seine Freunde, wenn er denn welche hätte, ist eine stille Erscheinung wie es sie Tausende in jeder Stadt gibt. Vielleicht nicht gerade das Licht der Schöpfung, weswegen der Herrgott auch keine Nachfahren für ihn vorgesehen hat. Denn auch von einer eventuellen Frau, die hierzu nötig wäre, weiß niemand zu berichten. Es soll nun nicht der Eindruck vermittelt werden, Rudolf sei unglücklich. Als Versicherungssachbearbeiter führt er ein, statistisch gesehen, normales Leben, hat ein gutes Einkommen und verbringt den größten Teil seiner Freizeit zu Hause auf dem Sofa. Früh hat er begriffen, dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens unvorhergesehener Ereignisse mit der Anzahl der eigenen Aktivitäten stark korreliert. Also hütet er sein angenehm ruhiges Leben, indem er rein gar nichts tut. Natürlich hätte er auch gern irgendwann eine Familie, so eine wie im Fernsehen, mit der er Sonntag morgens im Garten frühstückt, sich die goldene Butter aufs frisch geschnittene Vollkornbrot schmiert, während die weiß gekleidete Ehefrau ihm mit strahlendem Lächeln wunderbar duftenden, aromatischen 5


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Kaffee eingießt und die beiden blonden, wohlerzogenen Kinder lachend mit einem lustigen, wolligen Hund umher springen. Ja, so eine Familie wünscht er sich schon, und vielleicht wäre er bereits verheiratet, hätte er in jungen Jahren seine steigende Entzückung für eine Frau in irgendeiner anderen Form als Sprachlosigkeit ausgedrückt. Diese seine Eigenart ließ in ihm die Auffassung reifen, das Schicksal - ein von ihm eigentlich eher vermiedener Begriff - würde es wohl für ihn richten. Und so arbeitet er, tagein, tagaus, spart auf das Haus mit jenem Frühstücksgarten und hofft, dass er irgendwann einmal von einer bezaubernden Frau als das entdeckt wird, was er ist: Halt ein zuverlässiger, netter Kerl. Diese Aussicht, und die Kenntnis, dass die Wahrscheinlichkeit deren Auftretens proportional zum angesparten Geld für das Haus ist, lässt ihn jeden Morgen zufrieden zur Arbeit gehen. Auch wenn die Tür, die er alltäglich hinter sich abschließt, zu einer 40 Quadratmeter-Mietwohnung im fünften Stock eines neunstöckigen Wohn-Silos in der Neuköllner Straße gehört. Täglich geht er nach der Arbeit im Supermarkt einkaufen. Zu Hause übt er sich dann in der Kunst des Kochens italienischer Gerichte - meist Spaghetti und Tiefkühlpizza - , um irgendwann einmal jener, vor Sympathie und Gesundheit strotzende, vollhaarige Familienvater aus der Werbung zu sein, der im Markenhemd, Krawatte und Schürze das Essen für seine Lieben zubereitet. Verglichen mit seinem Ideal, ist er momentan noch etwas übergewichtig und trägt eine Brille. Die überflüssigen Pfunde verlöre er aber rasch beim allmorgendlichen Laufen mit seinem zukünftigen, glücklich wedelnden Hund; und Kontaktlinsen ließen sein Bild eines Tages perfekt werden. Man sieht, Rudolf ist ein zufriedener Mensch, dessen Leben in wohlgeformten, geregelten Bahnen verläuft. Seit er sich erinnern kann, sind sie so. Schon als kleines Kind räumte er stets sein 6


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Zimmer auf und zählte dabei gern seine Bauklötze. Ein Umstand, der vielleicht dazu beigetragen hat, dass er in der Schule zumindest in Mathematik überdurchschnittlich war. Er berechnete alles im Kopf. Selbst an der Kasse des Supermarktes war es für KleinRudolf eine Herausforderung, den Gesamtbetrag der im Einkaufswagen befindlichen Güter schneller im Kopf zu ermitteln als die nette Frau an der Kasse. Seiner Mutter imponierte dies immer aufs Neue. Dieser reizvolle Aspekt beim Einkauf verlor sich, als die Kassen automatisiert wurden. Eine marginale Veränderung, die der heranwachsende Sohn nicht einmal bemerkt hat bei all den mathematischen Dingen, die ihn seit jeher umgeben. Das Erste, was ihm beim Betreten eines Supermarkts ins Auge fällt, ist, ob die Regale parallel zu den Fliesen stehen. Sind Pfeile auf dem Fußboden aufgeklebt, rollt er mit seinem Einkaufswagen immer exakt mittig darüber. Seine Füße setzt er, wenn möglich, in die Plattenmitte oder läuft gradlinig die Fugen entlang, wobei er beim Abbiegen am Ende des Ganges konsequenterweise eine abrupte Neunzig-Grad-Wendung macht; hierbei ist ihm bewusst, dass ein solcher Weg länger ist als eine Kurve mit gleich bleibendem Radius, an die seine eckige Wendung ihre Tangente anlegt. Bei jedem Richtungswechsel sieht er förmlich die schraffierte Differenzfläche. In Supermärkten ohne gefliesten Boden lässt er Gerechtigkeit walten und verringert die angehäufte Differenzmenge, indem er sich mit gleichmäßigen Sinus-Schwingungen zwischen den beidseitig des Gangs befindlichen Auslagen bewegt. Der geschwungene Weg führt gegenüber der gradlinigen Bewegung zu einer schraffierten Differenzfläche, an deren Ende Konfitüre, Kaffee - oder was sonst von Nöten ist - im Einkaufswagen landet. Am Ende des Gangs angelangt, führt er eine perfekte Kurve aus, in dem er, einem Zirkel gleich, seinen Fuß in den Kreismittelpunkt setzt und stilvoll den Wagen um sich herum zieht.

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Während der Wartezeit an einer Theke kalkuliert er die Summe der schraffierten Flächen des jeweiligen Tages, rechnet sie auf ein Jahr hoch und philosophiert über die im so verlängerten Lebensweg eines Menschen implizierte Verschwendung. Geometrische Formen haben Rudolf schon immer fasziniert und mit seinem Einkaufsverhalten zollt er ihnen seinen ganz persönlichen Respekt. Seit er sich erinnern kann, versucht er ein mathematisches Modell auf der Basis von Menge und Art der Waren zu entwerfen, mit dem man berechnen kann, welche Kasse die schnellste ist, oder eines, das erklärt, warum der Kunde drei Personen weiter vorne immer mindestens eine Ware ohne Preisinformation hat. Eine überraschend hartnäckige Zufallsvariable, die wiederum dazu führt, doch die falsche Kasse gewählt zu haben. Das Kombinieren verschiedener mathematischer Modelle macht ihm besonders viel Spaß und das Verifizieren dieser Modelle vor Ort entschädigt ihn für die Wartezeit. Die Schlange an der Kasse als empirischen Feldtest zur Datenerhebung und Ergebnisprüfung zu deuten, lässt sie ihm oftmals sogar als interessant erscheinen. Selbst beim Überschreiten des Zebrastreifens auf dem Weg zum Parkplatz setzt er seine Füße nur auf die weißen Streifen und tänzelt mit einer nicht zu leugnenden Eleganz durch die Reihen geparkter Fahrzeuge zu seinem, mit exakt gerade ausgerichteten Vorderreifen auf ihn wartenden, sauberen Mittelklassewagen. Dies soll zur Beschreibung von Rudolfs Welt genügen. Seine mathematische Beobachtungsgabe und Folgewilligkeit findet sich konsequenterweise in jedem Bereich seines Lebens. Die Darstellung seines kompletten Daseins, seiner Handlungen und Einrichtungen, sei ihm in Form seiner Memoiren vorbehalten. Es sei vorweggenommen, dass diese nicht erhältlich sind und es auch niemals sein werden. Was von keiner Bedeutung für diese 8


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Geschichte und die Welt ist, weil sie sowieso niemanden interessieren würden. Für Rudolf hingegen ist jede dieser Einzelheiten sehr wichtig, denn die Summe von all dem ist er. -( )Eines Morgens, kurz nach halb sieben, findet Rudolf auf dem Boden eine Postkarte, die unter der Eingangstür seiner Wohnung hindurch geschoben worden ist. 'Der Postbote hat sie wohl versehentlich einem Nachbarn in den Briefkasten geworfen', denkt er. Ein kurzer Blick: die übliche Werbung. Doch schnell wecken die symmetrisch gestalteten und proportional perfekten Inhalte der Karte beim Empfänger jenes Mindestmaß an Interesse, das ihn dazu bewegt, sie nochmals anzusehen. Die Ecken des Adressfelds sind beschädigt, aber ansonsten macht die Postkarte einen überraschend seriösen und exklusiven Eindruck. Sie zeigt die Abbildung eines Hauses, darunter der Text: Zu verkaufen. Einfamilienhaus mit Garten. Mollwitzstraße 18. Besichtigung: Werktags 16-19 Uhr. Sieht nett aus, und noch nicht einmal weit vom Arbeitsplatz entfernt. Ist ja interessant. Die Karte hat es geschafft! Sie landet zur weiteren Betrachtung auf dem Küchentisch. Wenig später, beim genüsslichen Biss in sein mit Butter und Konfitüre bestrichenes Vollkornbrot, fragt sich Rudolf, warum gerade er diese Einladung bekommen hat. Der Gedanke verflüchtigt sich schnell; dass er von einem Einfamilienhaus träumt, ist in der Firma ein offenes Geheimnis. Sein Blick gleitet über den Firmennamen, Pénte Immobilien, dann über das Logo, ein Sechseck. 'Komisch. Pénte bedeutet auf griechisch Fünf. Da nennt sich eine Firma Fünf und benutzt als Logo ein Sechseck?' 9


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Es ist diese unscheinbare Kleinigkeit, die der Postkarte die volle Aufmerksamkeit ihres Betrachters sichert. Er legt sie auf den Tisch, nimmt einen kräftigen Schluck Kaffee, bestreicht eine neue Scheibe Brot und nimmt die Karte wieder in die Hand. Kauend mustert Rudolf das Haus. Es sieht sonnig aus, gemütlich. Genau wie er es für seine zukünftige Familie möchte. 'Das könnte ich mir eigentlich nachher anschauen. Liegt ja auf dem Weg zur Arbeit. Wie viel es wohl kosten mag?' In Gedanken versunken deckt er den Tisch ab, nimmt seinen Aktenkoffer, steckt die Karte in seine Jackentasche und schließt die Tür hinter sich zu. Nach Dienstschluss fährt Rudolf zur Mollwitzstraße. In wenigen Minuten erreicht er sie. Hier zu wohnen wäre schon bequem. Keine Wartezeiten aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens, geringeres Unfallrisiko aufgrund der kürzeren Fahrtstrecke. Sicher und planbar, das gefällt dem Haussuchenden. Er parkt den Wagen am Anfang der Straße und geht zu Fuß bis zur Nummer 18. Mollwitzstraße 18 ist ein Eckhaus mit viel Garten, begrenzt von einer etwa zwei Meter hohen, gerade geschnittenen, dichten Hecke. An der Eingangstür hängt ein Schild: Zu verkaufen - Pénte Immobilien. Langsam trottet Rudolf auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig entlang und schaut sich den über die Hecke herausragenden Teil des Hauses aus den verschiedenen Perspektiven an. Dann dreht er sich auf der eigenen Achse um, beobachtet die Umgebung und schreitet zurück zum Eingang. Wenig Verkehr. Sehr ruhig. Angenehm. Zwei ältere Damen gehen an ihm vorbei. Vage hört er einen gemeckerten Satz: „Ist das Haus schon wieder zu verkaufen.“ Die Damen entfernen sich und er steht wieder allein vor dem Haus. Nach einigen Minuten klingelt er und ein älterer Herr öffnet ihm. 10


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„Guten Abend.“ „Guten Abend. Ich bin hier wegen des Hauses.“ „Aaaah - ja.“ Der ältere Herr wirkt irritiert. Er reicht Rudolf seine Hand. „Mein Name ist Perkert. Ja. Sie interessieren sich also für das Haus?“ „Ja.“ Rudolf schüttelt die Hand seines Gegenübers. „Schürzer. Draußen auf dem Schild steht, dass es zum Verkauf steht.“ „Das Schild. Ja, richtig.“ Perkert sucht nach Worten. „Sie haben es also nicht über eine Agentur erfahren?“ „Doch. Eigentlich schon.“ Die Postkarte entrinnt dem Dunkel einer Jackentasche und erblickt auf der Türschwelle die Abendsonne. „Hier, Pénte Immobilien.“ Der Hausherr nimmt die Karte in seine Hand. „Aaaah ja. Ich sehe. Pénte. Wann haben Sie diese Mitteilung bekommen?“ „Heute Morgen. Warum?“ „Ja, also“, Perkert räuspert sich kurz, „nun, es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Sie den Weg leider umsonst gemacht haben. Das Haus ist heute Morgen verkauft worden.“ Mit dieser Antwort hat der kaufwillige Rudolf nicht gerechnet. Die Verwunderung weicht jedoch sofort seinem sonnigen Gemüt. „Das ist wirklich sehr schade.“ Ein kurzer Blick ins Innere des Hauses. „Es ist sehr hübsch und liegt nah an meinem Arbeitsplatz. Das wäre sehr praktisch gewesen. Nun denn, dann bedanke ich mich bei Ihnen und störe nicht länger.“ Der verlegend lächelnde Hausherr entschuldigt sich nochmals. Als er Rudolf die Postkarte zurückgeben will, schaut er auf die Adresse. „Sie wohnen in der Neuköllner Straße?“ „Ja, stimmt.“ „Ist die nicht in der Nähe der Lehmannstraße?“ „Richtig. Die Lehmannstraße ist zwei Blöcke weiter.“ „Dürfte ich Sie um einen kleinen Gefallen bitten?“ „Sicher. Worum geht es?“ 11


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Perkert zieht einen Umschlag aus einem Aktenkoffer. „Der Käufer dieses Hauses, Herr Hoffmann, wohnt in der Lehmannstraße. Er bat mich, ihm die Vertragsunterlagen bezüglich des Hauskaufs heute Abend einfach in seinen Briefkasten zu stecken. Wenn Sie dort in der Nähe wohnen, könnten Sie dies dann vielleicht für mich tun?“ „Ja sicher, das ist überhaupt kein Problem.“ „Aber nur wenn es Ihnen keine Umstände macht.“ Perkert fühlt sich sichtbar unwohl und wünscht, er hätte die Frage erst gar nicht gestellt. „Da kommen Sie schon umsonst hierher und dann müssen Sie wegen mir noch einen Umweg fahren.“ „Aber nein, ich bitte Sie. Es ist ganz in der Nähe meiner Wohnung. Ich bringe die Unterlagen gleich hin, noch bevor ich nach Hause fahre. Sie in einen Briefkasten zu werfen, sollte ja nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen.“ Er schaut auf die Adresse: Lehmannstraße 87. Noch bevor Perkert sich bedanken kann, hat Rudolf in Gedanken bereits die neue Fahrtroute berechnet, um den Umschlag auf kürzestem Weg an sein Ziel zu bringen. Zurück im Auto, legt Rudolf den Umschlag, zusammen mit der Postkarte, neben sich auf den Sitz. Adressat: Klaus Hoffmann. Absender: Pénte Immobilien. Und wieder dieses Sechseck. Je länger er es sich anschaut, desto mehr brennt sich der Widerspruch zum Namen in sein Hirn. Der Motor startet. Der Fahrer blickt noch einmal auf das Haus mit dem Garten. Dieses Haus hätte er gern sein Heim genannt. Es ist wirklich schön. Symmetrisch. Er blickt auf den Umschlag neben sich. Da liegt es nun, das Papier, das Klaus Hoffmann ein neues Heim bedeutet. Ein Tag zu spät. Sein Blick wandert zur Postkarte. Ein Tag zu spät. Er nimmt sie in die Hand und blickt auf das Datum. Der Poststempel ist vom letzten Monat. Ein Monat, um eine 12


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Postkarte in einer Stadt zu verschicken? - Vor seinem geistigen Auge sieht Rudolf den betrunkenen, sich voran schlängelnden Postboten, der Stöße von Briefen auf der Straße verliert, und sogleich die im Chor singenden Fließbandarbeiter im LogistikZentrum der Post, hinter jedem einzelnen ein kleines Fässchen Bier, um den trüben Alltag lustiger zu gestalten. Amüsiert aber auch etwas verärgert schüttelt Rudolf den Kopf. Es sollte wohl nicht sein. Er legt den Gang ein und fährt los. An der Ecke setzt er den rechten Blinker, schaut nach links, ob sich ein Auto nähert, vergewissert sich, dass hinter ihm keine Fahrräder sind, und biegt dann rechts auf die Lohsestraße, Richtung Zuhause. Perkert, sichtlich betrübt, schaut ihm nach und montiert dann schnell das Schild vom Eingang ab, damit er heute nicht noch weitere Interessenten enttäuschen muss. -( )Das Leben Rudolfs geht für weitere vierzehn Tage seinen üblichen geregelten Gang ohne Ereignisse, die in irgendeiner Form würdig wären, erzählt zu werden. Tatsächlich ist es ein Charakteristikum seines Lebens, dass man von der Anzahl nennenswerter Vorkommnisse nicht auf den Zeitraum schließen kann, in welchem sie wahrscheinlich stattgefunden haben. Denn sowohl im Laufe von Wochen als auch von Monaten tendiert die Anzahl auch nur geringfügig interessanter Ereignisse in seinem Leben stets gegen Null. Vielleicht doch, ein Vorkommnis soll an dieser Stelle aufgeführt werden, und zwar als Rudolf eines Morgens die Treppe hinab Richtung Haustür geht und auf dem letzten Treppenabsatz des Hausflurs seiner wohlgeformten Nachbarin begegnet. Er bemerkt bereits aus der Ferne, dass dieser an sich schon durchaus gelungene Teil der Schöpfung durch die Bewegung der halb geöffneten Bluse einen noch sehenswerteren Anblick darstellt. Allerdings gebietet seine makellose Erziehung 13


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ihm, den Blick konstant in ihrer Augenhöhe zu halten. Und dies sowohl für den Moment des kurzen Grußes als auch für jenen flüchtigen Atemzug, bis sie an ihm vorbei gezogen ist. Jener Bruchteil einer Sekunde, in dem Rudolf zufrieden ob der Standhaftigkeit seines Blickes, etwas weniger deren seiner Füße ist. Abrupt erinnert er sich, dass es eine absolute Priorität darstellt, beim Betreten einer Treppe stets auf die Stufen zu achten, die sich naturgemäß in der Nähe des Bodens und somit in weiter Ferne des Gesichts einer sich im Hausflur aufhaltenden Nachbarin befinden. Dann, bereits in horizontaler Fluglage, beschließt er, das nächste Mal zum Gruß der netten Nachbarin den gehobenen Blick daran zu knüpfen, dass seine Füße stehen bleiben. Und als er donnernd auf seinem Rücken landet und sich dabei seinen Aktenkoffer an den Kopf knallt, ist er bereits froh, dass er seine Nachbarin nicht einen Treppenabsatz weiter oben getroffen hat. Mit hochrotem Kopf steht er auf, den Aktenkoffer noch immer fest in seiner rechten Hand, und schlägt sich kurz mit der linken nicht vorhandenen Staub von der Hose, obwohl er Schmerzen in Kopf und Rücken spürt. Danach dreht er sich zu seiner Nachbarin um, die besorgt die Treppe hinab läuft, ruft ihr lächelnd zu, es sei ja nichts passiert, und humpelt so unauffällig wie möglich aus dem Haus, stolz, ihr auch jetzt wieder nicht auf die Brüste gesehen zu haben. Dieses Ereignis wird an dieser Stelle erwähnt, weil es nur einmal aufgetreten ist und somit prinzipiell als einzigartig angesehen werden kann. Es wird auch angeführt, um zu zeigen, dass Rudolf in jenem Zeitraum tatsächlich gelebt hat und dass es Frauen in seinem Leben gibt, die ihn immer wieder an sein Lebensziel erinnern: seine zukünftige, glückliche Familie. -( )-

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Zwei Wochen nach dem erfolglosen Versuch eines Hauskaufs also findet Rudolf im Briefkasten erneut eine Postkarte von Pénte Immobilien. Er braucht einen Moment, um sich an den Namen und die damit verbundenen Vorkommnisse zu erinnern. Danach folgt ein kurzer Blick auf das Datum des Poststempels, der dieses Mal vom gestrigen Tag ist. Wieder handelt es sich um ein Einfamilienhaus mit Garten. Richmodisallee 79. Besichtigung: Werktags 16-19 Uhr. Das ist noch näher an seinem Arbeitsplatz als das andere Haus. Auf dem Foto macht es einen sehr guten Eindruck. Der Garten scheint größer als der in der Mollwitzstraße, das Haus insgesamt sonniger. Wirklich schön. Nach der Arbeit wird er es sich anschauen. Gute Laune macht sich in ihm breit, stellt die Postkarte ihm doch ein noch schöneres Heim in Aussicht als das in der Mollwitzstraße. Wenn nur das irritierende Sechseck nicht wäre. Rudolf stellt den Kilometermesser auf Null und fährt dann vom Parkplatz des Firmengeländes auf die Münchner Straße Richtung Richmodisallee. Nach knapp zwei Kilometern hält er vor der Allee. Die Hausnummer 79 ist vier Häuserblöcke entfernt. Allerdings kann er nicht in sie einbiegen: Es ist eine Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung. Also fährt er eine Straße weiter. Wieder Einbahnstraße, wieder ein rotes Schild mit weißem Balken. Und auch die nächste Straße ziert ein solches Schild. Diesmal allerdings als temporäre Absperrung auf dem Boden. Wut kommt auf. 'Wer ist nur für die Verkehrsplanung in dieser Stadt verantwortlich? Alle sollen raus, aber niemand rein?' Also weiter. Der nächste Häuserblock. Verzweifelt sieht er ein weiteres rot-weißes Verbotsschild, fährt rechts ran und lässt das Fenster runter, um eine Passantin nach dem Weg zu fragen. Halb belustigt, halb verzweifelt bemerkt er dabei, dass er sich gerade ebenfalls in einer Einbahnstraße befindet. Er erfährt, dass alle Zufahrtswege wegen eines Straßenfestes gesperrt sind, und so empfiehlt ihm die Frau, einfach zu Fuß zu gehen. 15


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Zurück zur Richmodisallee sind es vier Häuserblöcke, exakt so viele wie zur Hausnummer 79, die inmitten der Allee liegt. Da der unfreiwillige Wanderer es nicht mag, den selben Weg mehrmals zu gehen, beschließt er im Zick-Zack-Kurs durch die Straßen zu marschieren. Rechts abbiegen, links abbiegen, rechts abbiegen, dann wieder links. Die Gedanken lösen sich beim monotonen Widerhall seiner Schritte vom Körper. Vor seinem geistigen Auge sieht Rudolf sich von oben. Mit jedem Schritt steigt seine Aussicht weiter in die Höhe. Schon ist er klein wie eine Ameise, sieht auf einen Blick Hunderte von Häuserblöcken. Einen Block weiter ist er in Gedanken in luftigsten Sphären. Von so weit oben gesehen geht er auf einer diagonalen Strecke direkt zur Richmodisallee 79, ein Weg auf der Hypotenuse, der, links oder rechts von schraffierten Feldern umgeben, ungleich kürzer ist als der lange Weg über die beiden Katheten. Vom Boden aus gesehen jedoch hat er mit dem Zick-Zack-Kurs nur zwei Strecken, die im rechten Winkel zueinander stehen, in viele kleine zerlegt. Die Summe aller Einzelstrecken wiederum ist exakt die Summe der beiden Hauptstrecken. Einen Häuserblock von der Hausnummer 79 entfernt entscheidet Rudolf, dass der Unterschied, ob er in diesem Moment eine Diagonale oder zwei zerteilte, im rechten Winkel zueinander liegende, Graden entlang läuft, im Winkel seiner einzelnen Schritte liegt. Belustigt dreht er seinen rechten Fuß um fünfundvierzig Grad nach rechts und setzt seinen linken Fuß, diesmal um fünfundvierzig Grad nach links gedreht, direkt davor. Hierbei achtet er präzise darauf, dass sich die linke Ferse und die rechten Zehen berühren. Danach setzt er wiederum die rechte Ferse im rechten Winkel genau vor die linken Zehen und geht so im Watschelgang die letzten Meter auf sein Ziel zu. - In diesem Augenblick wird er wohl der einzige Mensch auf der Welt sein, der eine Hypotenuse entlang watschelt und dabei die Strecke der beiden Katheten zurücklegt. Er beschäftigt sich gerade mit dem Gedanken, ob die Etikette den 16


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Beweis des Satzes des Pythagoras mit Hilfe von so etwas Ordinärem wie Quadratlatschen erlaubt, als er das Haus erreicht. Fasziniert bleibt er davor stehen. Ein wunderschönes Grundstück, riesige Eichen, die Schatten spenden. Er sieht seine Kinder um die Bäume laufen, mit kleinen Pflügen in der frischen Erde spielen. Seine Frau nähert sich leise, streckt ihre Arme nach oben, legt sie um seinen muskulösen Hals und lehnt ihren Kopf an seine breiten, durchtrainierten Schultern. Erfolgreich unterdrückt Rudolf den konsequenten Rückschluss von seinem Tagtraum auf die geringe Größe seiner zukünftigen Frau. Denn er selbst ist knapp ein Meter sechzig groß. Gut gelaunt ob der Lösung des mathematischen Problems und seinen klaren, unzweifelhaften und bezaubernden Zukunftsvisionen geht er auf die Eingangstür zu, neben der Zu verkaufen steht. Die Schrift Pénte Immobilien ist, auch wenn dennoch lesbar, überklebt. Nicht überklebt hingegen, zum Leid Rudolfs, das Sechseck.

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Das Weltbild Rudolf Schürzers ist tief in der Mathematik verwurzelt. Als ihn eine ihm unbekannte Immobilienagentur zu Hausbesichtigungen ein...

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