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10 Schweiz

D I E Z E I T No 3 2

Fotos: Alexander Egger für DIE ZEIT

1. Au g u s t 2013

Der

Klimawandel ist da

Lawinen sind die Menschen in Guttannen gewohnt. Doch gegen die Murgänge, die seit einigen Jahren ihr Dorf am Grimsel bedrohen, sind sie machtlos. Es ist Zeit, um Abschied zu nehmen   Von Hanspeter BUndi

Die Wasserkraft, hier der Grimselstausee (links), ist die Lebensversicherung von Guttannen (oben). Albi von Bergen zeigt,

A

lbert von Bergen, den hier alle Albi nennen, zeigt die Bedrohung mit den Händen. Die Innenflächen nach oben gerichtet, sodass die Schwielen und die feinen Risse gut zu sehen sind, hebt er seine klobigen Pranken so langsam und sanft an, als ob er ein Lamm oder ein kleines Kind ans Licht halten wollte. »Die Murgänge haben das Aarebett um zwölf Meter angehoben«, sagt der Mechaniker, Schäfer und Jäger. Wenn nochmals einige Meter dazukommen, ist sein Haus dran – und später auch der Weiler Boden. Das sind zehn Häuser mit etwa 30 Bewohnern. Drei Millionen Kubikmeter Geröll, sagen die Fachleute, liegen noch oben in den Hängen des Ritzlikorns. Damit ließen sich fast 40 Fußballfelder zehn Meter hoch zuschütten. Alle sagen, dass wohl kaum alles auf einmal kommen werde. Vor allem hoffen sie es. Denn dass es kommen wird, daran zweifeln nur wenige hier. Guttannen, ein kleines Dorf an der Straße zum Grimselpass, ungefähr auf halber Strecke zwischen Meiringen und der Passhöhe, erlebt die Folgen des Klimawandels. Die Sommerhitze taut den Permafrost an den Hängen des Ritzlihorns auf, der Bergschutt lockert sich, und wenn dann ein Dauerregen den Untergrund aufweicht, kann sich eine Mure in Bewegung setzen. Vor acht Jahren staute ein Murgang aus dem Rotlouigraben die Aare. Die suchte sich einen Weg durch das Dorf und lagerte in der Kirche meterhohe Schuttmassen ab. Weiter unten, im Weiler Boden, rissen in den letzten Jahren kleinere Murgänge den Spreitgraben zu einer tiefen Rinne auf, und am 10. Oktober 2011 brachte eine Mure 150 000 Kubikmeter Geschiebe ins Tal. »Es war wie ein Weltuntergang«, sagt Hans Abplanalp, der Gemeindepräsident. Er stand damals außerhalb der Gefahrenzone an der Sonnseite des Tales und sah zum Gegenhang hinüber, wo sich der Spreitbach in ein Wildwasser verwandelt hatte. Als die Mure kam, war es wie eine hässliche, gewalttätige, dunkelbraune Wand, die alles wegfegte. In einem Amateurvideo sind die ängstlichen und die bewundernden Ausrufe der Zuschauer zu hören – und im Hintergrund das Tosen des Wassers. »Es war ... nein, nicht schön ... das darf man nicht sagen ...«, erinnert sich der Gemeindepräsident. »Es war eindrücklich. Gewaltig. Schön im Sinn

von gewaltig.« Albert von Bergen steht an der Stelle, wo dieser Murgang die Waldstraße weggerissen hat. Unter ihm liegt eine Ebene mit Geröll, aus der abgebrochene Baumstämme ragen. Die Aare schäumt weiß und harmlos in ihrem neuen Bett. In den Fichten hängen Nebelfetzen, und an den steilen Hängen liegt schmutziger Lawinenschnee vom letzten Winter. Wenn die Wolkendecke aufreißt, ist das Ritzlihorn zu sehen. Albi zeigt, wo der Hof »under der Hohfluh« stand, der auf Geheiß des Kantons abgebrochen wurde. »Der Nächste, den es trifft, bin ich«, sagt er. Genauso ungeschönt und geradeaus haben es die andern auch gesagt. »Der Nächste, der drankommt, ist Albi.« Ob es auch den Weiler Boden treffe, darüber gehen die Meinungen auseinander. Solche Spekulationen hat es früher nicht gegeben. Die Naturgefahr, das waren in Guttannen immer die Lawinen. Sie waren mal kleiner, mal größer, sie schnitten das Dorf mal Stunden, mal Tage von der Umwelt ab. Doch die Lawinen sind berechenbar. Man kennt sie seit Generationen. Sie sind so vertraut, dass in Guttannen sogar eine Postautostation nach einer Lawine benannt ist: »Bänzloui«. Die Murgänge aber sind etwas Neues. Damit kommen die Menschen in Guttannen nicht klar – noch nicht. »Seit ca. zwei Jahren ist unser Hausberg, das Ritzlihorn, unser Sorgenkind«, schreibt Mathilde von Bergen, Albis Frau, in ihr Album mit den Bildern der Verwüstungen von 2011.

Guttannen bleibt, hieß es einst. Diese Zeiten sind vorbei Guttannen ist ein Dorf an der Peripherie mit den Problemen eines Dorfes an der Peripherie. Die Familien werden kleiner, die Jungen ziehen weg, Post und Raiffeisenkasse schließen ihre Filialen, der Bäcker gibt auf, der Schreiner ebenso, es gibt keine Lehrstellen mehr, die Jungen ziehen noch früher weg, und so beeinflusst das eine das andere – und die Einwohnerzahl geht zurück. Noch hat Guttannen 300 Einwohner; etwas mehr im Sommer, etwas weniger im Winter. Noch gibt es die Schule, den Männerchor, die Feldschützen, den Skiklub und den Turnverein. Noch bauen die Jungen eine Halfpipe oder eine Schanze für Mountainbiker. »Gibt es Guttannen in hundert Jahren noch?«

»Es kommt sehr darauf an, wie die Entwicklung verläuft.« Die Antwort des Gemeindepräsidenten wäre vor wenigen Jahren noch ein Skandal gewesen. Einer mit so viel Realitätssinn, der hätte als unzuverlässiger Zeitgenosse gegolten. Guttannen bleibt, hieß es damals. Hinterfragt wurde das nie. Die Lebensversicherung für das Dorf sind die staatlichen Kraftwerke Oberhasli (KWO). Sie leiten das Wasser aus dem Grimselgebiet mit einem komplizierten System von Stollen und Stauseen auf ihre Turbinen. Die Nennleistung aller Anlagen beträgt 1100 Megawatt; das ist etwas mehr, als das Atomkraftwerk Gösgen leistet. Für Guttannen bedeutet der Strom: Geld. Mehr als die Hälfte aller Familien lebt von den Löhnen der KWO, und die Million Franken, welche die KWO jährlich in Form von Liegenschaftsteuern abliefert, macht das Dorf zu einer wohlhabenden Gemeinde. Doch ein Teil des Geldes geht im Rahmen des Finanzausgleichs an den Kanton. »Die in Bern waren immer schon vorne dabei, wenn es darum ging, das Geld zu nehmen«, sagt Walter Schläppi, der frühere Gemeindeschreiber. Im 18. Jahrhundert besteuerten die Herren von Bern die Kristalle, den einzigen Reichtum des Tales. Sie holzten die Wälder ab, um ihre Eisenhütte zu betreiben. »Vielleicht sind wir zu fügsam«, sagt Schläppi. »Vielleicht sollte man dem Kanton etwas öfter i den Stäcken biissen.« An der Urne haben die Guttanner dem Zentrum mehr als einmal in den Stäcken gebissen. Sie haben geholfen, die Motorfahrzeugsteuer so weit herabzusetzen, dass in der Kantonskasse jetzt 400 Millionen Franken fehlen. Sie haben Vorlagen für ein fortschrittliches Energiegesetz und für eine griffige Raumplanung abgelehnt. Die Zweitwohnungsinitiative war in Guttannen chancenlos. »Betrachten die Guttanner den Kanton und den Bund als Gegner?« »Jaahh ... ohh ... nicht überall ... aber schon«, sagt Schläppi. »Das tönt nicht gerade nach inniger Freundschaft.« »Sagen wir es so: Ich bin mir nicht sicher, ob der Kanton Bern uns überhaupt will.« Als bekannt wurde, dass das kantonale Tiefbauamt eine Studie übers Tal bis hinauf zur Grimsel erarbeite, waren viele Guttanner skeptisch, so wie immer, wenn Behörden und Regierungen der Mittellandschweiz sich einmi-

schen. Der Kanton verfolge einen langfristigen Plan, vermuten viele. Er wolle sie »uffs Häfi zwinge«, sagen sie. Er wolle ihnen die Unabhängigkeit nehmen, sie mit Innertkirchen oder gar mit Meiringen fusionieren.

»Millionen von Franken, um mein Haus zu schützen? Das ist zu viel« Am 27. Mai stellte Ingenieur Nils Hählen vom Oberingenieurkreis 1 den Medienvertretern und Stunden später auch den Guttannern die Studie vor, die er erarbeitet hatte. Auf einer Luftaufnahme zeigte er den rasanten Rückgang der Gletscher. Mit einer Permafrostkarte illustrierte er, wo der Kältewall in den Hängen links und rechts des Tales durchlässiger wird. Ingenieur Hälen legte bedrohliche Keile in die Kartenlandschaft, einen grünen bei der Rotloui, wo die Mure vor allem die Straße bedroht und einen rosaroten beim Spreitgraben. »Es ist sicher, dass noch mehr herunterkommt«, sagte er und identifizierte sechs zusätzliche Gefahrenstellen für die Passstraße und für das Dorf. Klar, es gibt Lösungsvorschläge gegen die Gefahr vom Berg, allerdings nur theoretische. Der Kanton könnte weite Teile der Passstraße in Tunnels verlegen. Er könnte die Häuser im Weiler Boden mit riesigen Dämmen vor den Murgängen schützen. Er könnte die Talsohle ausbaggern lassen und damit Platz für den Schutt neuer Murgänge schaffen. Doch das würde Abermillionen von Franken kosten. Geld, das der klamme Kanton Bern nicht hat. Die Grenzen der Machbarkeit sind enger als in früheren Zeiten. So bleibt nicht viel anderes übrig, als zu beobachten. Von einer »Überwachung der Gefahrenstellen« und »vorbereiteten Sofortmaßnahmen im Ereignisfall« spricht der Kanton. »Das Aufgeben von ganzen Tälern und ein Rückzug aus dem Berggebiet sind für mich kein Thema«, beruhigte Barbara Egger an der Medienkonferenz, um dann sogleich einzuschränken: »Nicht jeder Weiler oder jedes Haus kann gegen gewaltige Prozesse, wie wir einen am Spreitgraben erleben, geschützt werden.«

Mit anderen Worten: Weiler wie den Boden in Guttannen wird man über kurz oder lang aufgeben müssen. Die Betroffenen nehmen die Ausführungen erstaunlich gelassen. »Ich behaupte, dass ich hier nie wegmuss«, sagt Martin Lüthold, einer der Bauern im Boden. »Redest du darüber?« »Nicht groß.« »Wieso nicht?« »Weil wir zu wenig Angst haben.« Albi von Bergen sagt: »Millionen von Franken, um mein Haus zu schützen. Das ist zu viel.« Die Guttanner haben die radikalen Steuersenkungen an der Urne unterstützt und damit den Kanton zum Sparen verdammt. Nun aber sind sie Manns genug, die Konsequenzen dafür zu tragen. Auch wenn sie diese am eigenen Leib spüren. »Man muss wissen, wo es sich lohnt, etwas zu tun«, sagt Albi. Gegen die Murgänge im Spreitgraben kann man nichts tun, die muss man hinnehmen – und deshalb nimmt er sie hin. Er macht das mit der Ruhe des Berglers, der schon mehr als einmal zugesehen hat, wie Menschen vor dem Berg kapitulieren. »Die Natur ist immer stärker als wir«, sagt er. Und Albi hat schon reagiert. Zuerst, sagt er, musste er seine Frau aus der Gefahr bringen. Matilde von Bergen wohnt einige Tage pro Woche in einer kleinen Wohnung in Meiringen, wo sie aufgewachsen ist und wo die Berge weniger Angst machen. Deshalb lebt Albi oft allein in dem Haus im Weiler Boden, wo er geboren wurde und wo er immer gewohnt hat. »Ich bin wie ein Wolf in einem Käfig«, sagt er. Einerseits hofft er, dass der nächste Murgang noch lange auf sich warten lasse, und andererseits wünscht er sich, dass das Geschiebe möglichst bald komme, damit er noch kräftig genug sei, um an einem neuen Haus, talauswärts in Meiringen, mitzubauen. Die größte Schwierigkeit am neuen Ort wird für ihn sein, dass dort so viele Menschen leben.

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Der klimawandel ist da hanspeter bundi die zeit 01082013  

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