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ZEITSCHRIFT DES ORDENS DER SCHWEIZERISCHEN ODD FELLOWS ORGANE DE L’ORDRE SUISSE DES ODD FELLOWS GIORNALE DELL’ORDINE SVIZZERO DEGLI ODD FELLOWS

Nr. 1 Januar / Februar 2010

Thema: Carpe diem – Nutze den Tag

www.oddfellows.ch

Einzelheft Fr. 12.– / Jahresabonnement Fr. 60.–


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Auftakt / Prélude

Zeitschrift des Ordens der Schweizerischen Odd Fellows www.oddfellows.ch

Titel / Impressum Inhalt Contenu / Impressum

Redaktion Kurt Riedberger, Buchserstr. 45, 8157 Dielsdorf, Tel. 044 885 46 56 kuri@pbr.ch

Editorial

Carpe diem

Thema

Horaz prägte den Ausdruck «Carpe diem» Carpe diem – der rote Faden im Logenjahr Carpe diem – die hohe Kunst der Lebensfreude Carpe diem – den Tag bewusst gestalten Carpe diem – das Jetzt ist die einzige Zeit

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Bundesbüro

Von Ideen zu Aktionen – OM-/UM-Tagung

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Lager

Eidgenossen-Adventslager in Bern Einladung zum Eidgenossen-Lager in St. Gallen Einladung zum Von-Tavel-Lager Bern 40. Rebekka-Lager in Zürich

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Logen

Die Logen und ihre Obermeister OF-Hilfe, Berner Musikpreis, UNP-Projekt 25 Jahre Fürstenland-Loge Berichte aus Basel, Bern und dem Tessin

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Neue Odd Fellows Wir gratulieren Wir trauern

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Personen

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Arbeitsprogramme

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Branchenregister

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Atempause Pause pour respirer Heute ist die Zukunft von gestern und die Vergangenheit von morgen. Ich weiss, was gestern war, aber ich weiss nicht, was morgen sein wird. Darum lebe ich jetzt und heute. Aujourd'hui est l'avenir de hier et le passé de demain. Je sais comment était hier, mais je ne sais pas ce que sera demain. C'est pourquoi je vis maintenant et aujourd'hui. ■ Kurt Riedberger

Redaktion Frauenlogen Verena Böhler-Meister, Ringweg 18, 4413 Büren, Tel. 061 911 02 49 verena.boehler@bluewin.ch Rédacteur pages romandes Jacques Edelmann, rue des alouettes 2, 1635 La Tour-de-Trême, tél. 026 912 58 92 jacques.edelmann@bluewin.ch Redaktionskommission Adolf Grossert (Vorsitz), Hanspeter Blattmann, Verena Böhler, Olav Brunner, Jacques Edelmann, Kurt Riedberger, Simone Senn, Hans Jörg Walther Druck, Inserate, Administration Ueli Läderach, Druckerei Läderach AG, Beundenfeldstr. 17, 3000 Bern 25, Tel. 031 331 61 26 druckerei@laedera.ch Erscheint alle zwei Monate. Nachdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe und dem Einverständnis des Redaktors erlaubt.


Editorial

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Carpe Titel diem Carpe diem

Es war am Eidgenossen-Lager in Weinfelden, als ich von Jean Wenger das neue Jahresthema erfuhr: Carpe diem. «Aha, geniesse den Tag», entgegnete ich ganz spontan. Und Jean Wenger korrigierte ebenso spontan: «Nutze den Tag.» Der kurze Wortwechsel hatte Folgen, denn seither beschäftigt mich die Frage, ob ich etwas falsch mache, wenn ich den Tag geniesse. Mir ist zwar klar, dass es mehr Nutzen bringt, wenn ich den Tag sinnvoll nutze. Anderseits will ich aber auch geniessen. Immerhin hat der Tag 24 Stunden. Was nützt es mir, wenn ich diese Zeit ausschliesslich sinnvoll nutze und dabei vergesse, das Leben zu geniessen? «Ein bisschen Spass muss sein» lautete vor Jahren der Titel eines deutschen Schlagers. Dieser Aussage will ich nicht widersprechen, denn der Tag ist doch lang genug, um ihn zu nutzen und zu geniessen. Aus meiner Sicht ist es gerade die Kombination von beidem, die unser Leben wirklich ausgewogen und lebenswert macht. Sprichwörtlich ausgedrückt: ich will den Fünfer und das Weggli, nicht den Fünfer oder das Weggli. Nutzen oder geniessen, inzwischen weiss ich, dass – je nach Auslegung – beides richtig ist. Ich habe jetzt 365 Tage lang Zeit, die beste Kombination von den Tag zu nutzen und den Tag zu geniessen herauszufinden. In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein gesundes, genussvolles und erfreuliches neues Jahr! Carpe diem – nutzt die Tage und geniesst die Nächte, oder umgekehrt… ■ Kurt Riedberger, Redaktor

Titelbild: Carpe diem – leiser Protest an einem leerstehenden Fabrikationsgebäude.

Image de couverture: Carpe diem – protestation silencieuse en face d'une fabrique vide.

Bild: AngelaL/pixelio

C’est lors du Camp Suisse à Weinfelden que j’ai appris par Jean Wenger que le thème pour l’année prochaine serait: Carpe diem. J’ai spontanément répondu «Aha, profitons du jour». Sur quoi Jean Wenger a corrigé, tout aussi spontanément: «Utilisons le jour.» Ce bref échange de paroles a eu pour effet que je me pose maintenant la question de savoir si je fais quelque chose de faux en profitant du jour. C’est évident pour moi que le profit sera plus grand en utilisant le jour à bon escient. D’un autre côté, je souhaite aussi avoir du plaisir. Et le jour a 24 heures. A quoi cela me sert-il d’utiliser exclusivement ce temps de manière sensée et d’oublier de profiter des choses de la vie? «Il faut avoir un peu de plaisir», tel était le titre d’une chanson à la mode il y a quelques années en Allemagne. Je ne veux pas contredire ce propos, car le jour est assez long pour en profiter et l’apprécier. C’est, à mon avis, la combinaison des deux éléments qui permet d’avoir une vie équilibrée et qui vaut la peine d’être vécue. Exprimé de façon proverbiale: je veux la thune et le petit pain, pas la thune ou le petit pain. Utiliser ou profiter, je sais maintenant que – selon l’interprétation – les deux sont justes. J’ai maintenant 365 jours à disposition pour trouver comment obtenir la meilleure combinaison pour utiliser et profiter du jour. C’est dans cet esprit que je souhaite à toutes nos lectrices et à tous nos lecteurs une année de santé, de plaisir et de joie! Carpe diem – profite des jours et apprécie les nuits, ou l’inverse… ■ Kurt Riedberger, rédacteur


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Thema: Carpe diem – Nutze den Tag

Zu neuem Denken gelangen Unsere Chance, etwas an diesem Tag für die weniger Glücklichen zu tun, besteht darin, sie zu einem Umdenken zu veranlassen, zu einem neuen Denken über sich selbst. Aber auch wir sollten zu einem neuen Denken über sie gelangen. Denn wenn wir sie als unglücklich und bedauernswert ansehen, werden auch sie so über sich denken. Die Kontrolle über unsere eigenen Gedanken ist die höchste Form von Intelligenz. Wir sollten daher redlich und möglichst nur an gute Dinge denken und nicht in Angst und Dunkelheit verweilen. Wenn wir eine andere Perspektive einnehmen, werden wir über alles anders denken. Auf diese Weise lernen wir, unsere Gedanken zu kontrollieren und unserem Leben eine neue Bedeutung zu geben.

Unser Leben bewusster zu leben, an jedem Tag und in jedem Augenblick. Vom deutschen Dichter Jean Paul (1763–1825) stammt die Aussage: «Das Leben gleicht einem Buch: Toren durchblättern es flüchtig; der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiss, dass er es nur einmal lesen kann.»

wir in Wirklichkeit uns selbst, also unserem eigenen Selbst. Was wir geben, wird uns gegeben werden. Da wir ohne Zögern Lob, Ermutigung und Liebe schenken, wird dies alles auch uns gegeben. Wenn wir Liebe sein möchten, werden wir liebevolle Dinge mit andern tun. Nicht für andere, sondern mit anderen.

Geben ist gut, annehmen auch Unser ganzes Leben lang sind wir gelehrt worden, dass es besser ist zu geben, statt zu empfangen. Doch wie können wir geben, was wir nicht haben? Annehmen ist ebenso wichtig wie geben. Oft wird sehr viel von uns verlangt, und wir haben das Gefühl, dass auch wir Unterstützung brauchen. Jeder Mensch muss erhalten, was ihm zusteht. Was wir einem anderen geben, das geben

Mitgefühl hat nie ein Ende, Liebe hört niemals auf, Geduld geht in der göttlichen Welt nie aus. Nur in der Welt der Menschen hat Güte ihre Grenzen. Das Leben ist zum Nehmen und zum Geben da – und dazu müssen wir andern vergeben. Vor allem jenen, die uns nicht das gegeben haben, wovon wir glaubten, es bekommen zu müssen. ■ Werner Achermann, Loge 34

«Carpe diem» – réjouis-toi de ce jour

«Carpe diem» – Sfrutta il giorno

Réjouis-toi de ce jour, car il fait partie de ta vie. Son cours représente toute la réalité de notre présence terrestre, la joie de grandir, la magnificence de la force. Car hier n’était qu’un rêve et demain est seulement une vision. Car aujourd’hui représente un hier vécu et demain une vision pleine d’espoir. Accorde donc toute ton attention à ce jour. Ce que tu vis est une occasion unique. Nous pensons dès aujourd’hui au lendemain et demain à l’éternité, car chaque instant a une valeur infinie. Aucun sage ne prétend qu’il vivra demain. Il faut donc commencer à vivre tout de suite. Nous vivons sans penser que le temps manquera peut-être pour corriger nos fautes. Nous reportons à plus tard pour dire à l’autre que nous l’aimons, tout en pensant que nous aurons assez de temps pour lui demander ce que nous pouvons faire pour lui. Nous ignorons ce que demain sera. Aujourd’hui est peut-être notre dernière chance pour nous rapprocher de ceux que nous aimons. Pourquoi alors attendre à demain? Tu pourrais le regretter de n’avoir pas pris le temps, en étant trop occupé, de tenir compte d’un dernier souhait. Prête attention à ceux que tu aimes et dis leur l’intensité de ton amour. Prends le temps de leur dire que tu regrettes, que tu leur demandes pardon, ou alors dis-leur merci ou que tout va bien. Et si demain n’arrive pas, alors tu ne regretteras pas ce jour.

Non rimandiamo nulla al futuro poiché viviamo adesso, in quest’attimo. Evitiamo di guardare alle preoccupazioni passate e a quelle future, poiché i pensieri negativi c’indeboliscono. Per gestire la vita in modo felice dobbiamo sfruttare il giorno restando nel presente, ora e qui. Ai timorosi che guardano al futuro e sperano in miglioramenti senza intraprendere nulla, diciamo che qualsiasi istante potrebbe essere quello giusto per prendere una decisione o fare un’azione coraggiosa che possa segnare una svolta nella vita.

■ Tous les résumés en français: Jacques Edelmann

È saggio colui che vive la giornata odierna come se fosse l’ultima. Interessiamoci del nostro prossimo: incoraggiamolo, lodiamolo e se gli avessimo detto o fatto qualcosa che l’avrebbe potuto ferire, esprimiamogli il nostro rincrescimento. Domani potrebbe essere già troppo tardi per voler ovviare agli errori commessi. Non riuscendo più a fare del bene ai nostri cari, potremmo doverci pentire. Incoraggiamo i meno fortunati affinché possano cambiare il modo di pensare e di vedere sè stessi. Se noi li consideriamo sfortunati o da compatire, anche loro si vedranno così. Il controllo sui nostri pensieri è la più alta forma d’intelligenza. Solo pensando alle cose buone, tralasciando di soffermarci sulle paure, potremo dare un significato nuovo alla nostra vita e vivere in modo consapevole l’attimo. Oltre a dare, dobbiamo anche imparare a ricevere. Quel che diamo agli altri, in realtà lo diamo a noi stessi.


Tema: Carpe diem – Sfrutta il giorno

über zukünftige Momente zu erzeugen. In beiden Fällen läuft uns die Zeit davon wie feiner Sand durch unsere Finger. Seien wir im Moment! Die Vergangenheit ist vorbei Die Vergangenheit mag gut oder weniger gut gewesen sein. Sie ist vorbei. Der gestrige Tag ist bereits Geschichte, über die wir keine Macht mehr haben. Ob wir ihn in Freude oder Trübsinn verbrachten, ihn nützten oder vergeudeten, ob wir siegten oder unterlagen – er ist vorbei und nicht mehr zu ändern. Und morgen? Wir wissen nicht, ob der morgige Tag noch uns gehört und ob wir die Möglichkeit haben, auch ihn zu unserem Vorteil zu nutzen. Aber solange wir in ständiger Unruhe über die Zukunft schweben, leben wir nicht im Hier und Heute und nutzen nicht den Augenblick. Denn es gibt keine andere Zeit als die der Gegenwart. Es gibt keine Zeit ausser dieser Zeit. Das Jetzt ist alles, was es gibt. Denn «immer» und «ewig» sind eine Sache von gerade jetzt. Menschen mit hohem spirituellem Wissen sind sich im Klaren darüber, dass es Zeit im Grunde genommen nicht gibt. Die dient lediglich als Hilfsmittel für unsere Orientierung im menschlichen Dasein. Somit geschieht alles, was je geschehen ist, jetzt, und was je geschehen wird, existiert in diesem Augenblick. Goethe (1749–1832) sagt dazu: Jeder Tag, jeder Augenblick ist von unendlichem Wert; denn er ist der Repräsentant der Ewigkeit.» Wann ist der rechte Augenblick? Jeder Augenblick ist – sofern wir dies erkennen – der richtige Augenblick. Er dient uns zu neuem Denken, um einen Entschluss zu fassen, eine mutige Tat einzuleiten, ein grosses Werk zu vollbringen, ein neues Leben anzufangen.

Jeder Moment bietet uns die Chance, unserem Lebensweg eine neue Richtung zu geben, um damit zu besseren Möglichkeiten vorzustossen. Dies gilt insbesondere für alle, die ängstlich und hoffend in die Zukunft blicken und von ihr Besserung erwarten, ohne eigenes Dazutun. Wir brauchen nämlich keinen Augenblick zu verzagen und uns zu sorgen, sondern können den nächsten Moment zum Wendepunkt unseres Lebens bestimmen. Es liegt ein Stück Lebenskunst darin, so viele Augenblicke des Tages wie möglich zu neuen Ausgangslagen für ein reicheres Leben zu bestimmen. Was gehört uns denn wirklich? Nur der heutige Tag, nur der gegenwärtige Augenblick! Heute können wir lieb zu uns selbst sein und uns des Lebens freuen. Heute können wir einen anderen Menschen glücklich machen und damit unser eigenes Glücksvermögen erweitern. Heute können wir gute Gedanken in gute Taten verwandeln. Heute können wir eigenes und fremdes Leid lindern, uns und andere aufrichten und das Leben meistern. Unendlich viel Gutes können wir heute tun. Ob auch morgen? Wir wissen es nicht. Ein Weiser, der so lebt, als ob der heutige Tag der entscheidende und letzte seines Daseins sei, lebt in der Gegenwart, im Augenblick. Indem er den heutigen Tag zum bedeutsamsten seines Lebens macht, denkt er weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft. Er lebt einfach im Hier und Jetzt. Oder wie der Dichter sagt: «Kein Weiser, glaube mir, spricht: ‹Morgen will ich leben!’› Das Morgen ist zu spät! Heut‘ ziemt sich’s, anzuheben.» Die Gunst der Stunde Reden wir davon, was wir unseren Mitmenschen in diesem

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Augenblick schulden oder ihnen so oft vorenthalten. Da ist zuerst das aufmunternde Wort gegenüber dem, der sich bemüht, Schwächen zu überwinden. Jetzt benötigt er unser Wort des Zuspruchs, das ihn ermutigen wird und das ihm zusteht. Sprechen wir auch ein Lob aus, wo es angebracht ist. Es gibt so viele Gesten guten Willens, die das Herz eines Menschen erheben, der es gerade zu diesem Zeitpunkt braucht. Wenn wir bemerken, dass wir etwas gegen unsere Absicht getan oder ausgesprochen haben, was einen anderen verletzt, halten wir nicht die Worte zurück: «Es tut mir leid». Wir werden damit schnell eine kleine Wunde heilen, ehe sie zu einem ernsten Hindernis für uns beide werden kann.

Kleine Dinge können grosse Freude bereiten.


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Thema: Carpe diem – Nutze den Tag

«Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben – das Leben allen Lebens. In seinem kurzen Ablauf liegt alle Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins, die Wonne des Wachsens, die Herrlichkeit der Kraft. Denn das Gestern ist nichts als ein Traum und das Morgen nur eine Vision. Das Heute jedoch – recht gelebt – macht jedes Gestern zu einem gewesenen Etwas und das Morgen zu einer Vision voller Hoffnung. Darum achte gut auf diesen Tag!» Aus dem Sanskrit

Das Jetzt ist die einzige Zeit Jetzt ist der Augenblick, um mit Kindern und Enkeln zu spielen, nicht morgen.

Die nachstehende Geschichte kann uns sehr zum Nachdenken anregen: Ein Mann öffnete die Schublade der Kommode seiner Ehefrau und holte ein in Seidenpapier verpacktes Päckchen heraus. Es ist nicht irgendein Päckchen, sondern eines mit Unterwäsche darin. Er entfernte das Papier und betrachtete die Seide und die Spitzen. Diese kaufte er, als er das erste Mal mit seiner Frau in New York war. Sie trug die Sachen nie, denn sie wollte sie für eine besondere Gelegenheit aufbewahren. Er näherte sich dem Bett und legte die Unterwäsche zu den anderen Sachen, die vom Bestattungsinstitut mitgenommen wurden. Seine Frau war gestorben. Als er sich umdrehte, sagte er mit fester Stimme zu seinem Bekannten: «Bewahre nie etwas für einen besonderen Anlass auf. Jeder Tag, den du lebst, ist ein besonderer Anlass!» «Nutze den Tag», sagte der römische Dichter Horaz. Tag bedeutet: Zeit! Jeder Augenblick unseres Lebens! Doch zahlreich sind die

Stunden, die wir Tag für Tag sinnlos vergeuden durch Grübeleien, Ängstigen und Zurückschauen in die düstere Vergangenheit. Es gibt Menschen, die noch nach vielen Jahren in ihren Gedanken Kämpfe mit ehemaligen Widersachern austragen. Es ist klar, dass diese Schlachten für den virtuellen Gegner allesamt vernichtend enden. Dies ist so ziemlich der kostspieligste Luxus, dem ein Mensch zu frönen vermag, denn er kostet wertvolle Zeit und somit Leben. Solch immer wieder aufkommende Gedankenlast drückt nieder und schwächt Seele und Körper. Wer sich sorgt, kann nicht geniessen Eine Tatsache wird viel zu wenig wahrgenommen: die meisten Menschen sorgen sich zu Tode! Das Sich-Sorgen gehört zur schlimmsten Form mentaler Aktivität die es gibt – nebst Hass, dem eine zutiefst selbstzerstörerische Wirkung innewohnt. Angst ist ein verstärktes Sich-Sorgen. Es ist erwiesen, dass sich die Gesundheit rasch verbessert, wenn das Sich-

Sorgen ein Ende hat. Von Franz Grillparzer (1791–1872) stammt die Aussage: «Heute sorgen wir für morgen, morgen für die Ewigkeit. Ich will heut‘ für heute sorgen. Morgen ist für morgen Zeit.» Wir haben viele Wünsche Derweil wünscht sich die gesamte Menschheit dasselbe. Wir möchten Frieden, Wohlstand, Freude und Erfüllung. Wir wünschen uns Befriedigung und Selbstverwirklichung bei der Arbeit, Liebe in unserem Leben, Gesundheit für Körper und Seele. Wir wünschen uns alle dasselbe. Aber wie sollen unsere Wünsche verwirklicht werden? Wer sein Leben meistern und glücklich gestalten will, muss den Tag nützen. Dazu gilt es, den Augenblick auszuschöpfen. Denn die grösste Herausforderung für den Menschen besteht darin, im Hier und Jetzt zu sein. Also aufzuhören, in der Vergangenheit zu schwelgen und sich beängstigende Dinge auszudenken. Aber auch, aufzuhören, Gedanken der Sorge


Thème: Carpe diem – Utilisons le jour

Lebe nicht morgen, sondern heute Denke nicht an morgen Denn dann ist heut' vielleicht verdorben Lebe den Tag an der Seite des Lachens Und lerne aus dem Schlechten das Gute zu machen Hast du ein Bett zum Ruhen für die Nacht Und ein Unterschlupf welcher ist bedacht Hast du etwas Wasser und einen kleinen Schmaus Womit du kommst heute noch aus So ist ein kläglicher Tag für dich gerettet Denn für heute bist du gesättigt und eingebettet Doch überwiegen trotz allem die Trauer und der Schmerz So frage im Inneren dein bedrücktes Herz Kann ich noch gut mit meinen Augen sehen Kann ich auf meinen Füssen gehen Kann ich noch hören mit meinen Ohren Habe ich auch meinen Mund nicht verloren Und heißt die Antwort «Ja» auf diese Fragen So gibt es keinen grossen Grund zum Klagen Auch wenn sich viele Probleme haben verfangen So ist doch das Wichtigste nicht verloren gegangen.

6. Meditation und Besinnung Wie beginne ich den Tag, mit welchen Ritualen gestalte ich ihn? Zum bewussten Pflücken des Tages gehören Meditation und geistige Arbeit. Hierzu können Gebete, Yoga – oder andere Meditationstechniken – Texte, Musik oder Düfte gehören. Auch hier gibt es keine Regeln. Jeder sollte die Art und Weise herausfinden, die für ihn jetzt gut ist, die sich im Laufe der Zeit auch ändern kann. Die Psalmen weisen auf die Begrenztheit des Lebens hin. Dies zu beachten führt zur Weisheit. «Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss» (Psalm 39, Vers. 5); aber auch: «Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden» (Psalm 90, Vers. 12). Der Tod gehört für den Psalmisten mitten in das Leben hinein. Klugheit und Weisheit liegen darin, dass es im bewussten Wissen um den jederzeit eintreffenden Tod das wunderbare Geschenk des begrenzten Daseins zu erkennen und die kostbare Zeit zu nutzen gilt. Ähnlich drückt das

Jesus aus: «Wirket, solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann», Johannes 9,5. Alle Sinne ansprechen Horaz überlässt es seinen Lesern, wie sie den Tag pflücken wollen. Aber die Vielfalt des Pflückens erscheint mir wichtig, damit alle Sinne angesprochen und herausgefordert werden. Dass ein solches Leben eine Ruhe ausstrahlt und ansteckend wirkt, ist die Folge. Die kleinen Achtsamkeitsübungen der Wahrnehmung und der bewussten Handlungen lassen keinen Tag gleich erscheinen und lassen nicht zu, die Zeit tot zu schlagen. Dafür ist die Zeit, die eigene Lebenszeit, zu kostbar. «Pflücke den Tag und gehe behutsam mit ihm um. Es ist dein Tag, 24 Stunden lang. Zeit genug, ihn zu einem wertvollen Tag werden zu lassen. Darum lass ihn nicht schon in den Morgenstunden verwelken.» (Margot Bickel) ■ Wolfgang Schulze, Loge 15

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Carpe diem, ou l’art de vivre, est une exhortation à organiser le jour en conscience La conscience que la vie n’est pas éternelle et qu’elle n’est à notre disposition que pour un temps limité a toujours conduit les gens à réfléchir à la mort et au monde. La richesse matérielle est-elle la condition pour avoir une vie heureuse ? Cueille le jour, utilise-le, saisis, prends, apprécie la vie. Il faut vivre au quotidien et éviter de penser au lendemain. Comme nul n’est certain d’être encore ici demain, Il faut vivre chaque jour comme si c’était le dernier de sa vie. Celui qui vit dans cet esprit dispose d’une forme élevée d’attention. On pourrait penser que chacun devrait la posséder, mais ce n’est pas le cas. Celui qui souffre d’une maladie grave vit souvent avec intensité, car il sait que ses jours sont comptés. L’exagération doit cependant être évitée afin que notre environnement reste protégé, pour que notre terre nous permette une vie agréable. Notre attitude ne doit en rien être celle de l’autruche qui cache sa tête dans le sable pour ne pas voir les difficultés. Pour qu’un jour soit un vrai cadeau, il faut qu’il se déroule dans le respect des générations futures, et non pas selon le principe de «après moi le déluge», respecter la beauté des choses et parler raisonnablement, soigner son corps, cultiver l’amitié et garder suffisamment de liberté en toutes choses. Les sens doivent aussi être éveillés afin de profiter du jour sous tous ses aspects.

Carpe diem, o l’arte di vivere, è un’esortazione a gestire il giorno in modo cosciente La consapevolezza che il tempo a nostra disposizione è limitato, ha fatto in modo che l’uomo da sempre sia stato stimolato a riflettere sulla propria esistenza, sul mondo, sulla vita, sulla morte e sulla gestione della propria vita. Utilizziamo il tempo presente senza fidarci del domani. Spesso rimandiamo il godimento della vita al futuro e da anziani glorifichiamo il passato. Chi sa si dover morire, vive spesso in modo molto intenso. Dobbiamo vivere alla giornata senza preoccuparci delle conseguenze per il futuro? No, non si tratta di mettere la testa nella sabbia, ma di cogliere il momento giusto per pianificare e provvedere già oggi per il futuro. C’è da riflettere su quali siano le cose indispensabili per vivere: acqua, cibo, vestiti, un tetto, la salute... Si può vivere in modo consapevole facendo meditazione, lavoro spirituale, riflessioni su vita e morte. Molte sono le possibilità per cogliere il giorno.


Tema: Carpe diem – Sfrutta il giorno

Was braucht es, um diesen einen, den geschenkten Tag so zu gestalten, als wenn es der letzte ist? 1. Sein Tagwerk verrichten Martin Luther drückte es aus mit einem Gleichnis: Wenn ich wüsste, dass morgen Christus wiederkäme (und gemeint ist das Ende aller Tage), dann würde ich den Apfelbaum, den ich heute setzen wollte (auch wenn er erst in einigen Jahren Früchte tragen wird), erst recht heute pflanzen. Dahinter steckt der Gedanke, die Arbeit, die getan werden muss, auch im Hinblick auf die zukünftigen Generationen, die später die Früchte einmal ernten werden, heute zu tun und sich nicht von einer «Nach-mir-die-SintflutMentalität» anstecken zu lassen.

3. Seinen Körper pflegen Wer seinen Körper und seine Seele nicht pflegt, der darf sich nicht wundern, wenn beide verkümmern. Tägliche körperliche Bewegung ist absolut notwendig, um schweren Krankheiten vorzubeugen und verhilft zu einem guten Körpergefühl. Das muss kein Leistungssport sein. Bewegung muss Spass machen und dem jeweiligen Alter und dem körperlichen Zustand angepasst sein. Die einen treiben Ausdauersport, andere wandern, wieder andere suchen ihren Ausgleich beim Holzhacken oder vergnügen sich beim Tanzen.

2. Schönheit wahrnehmen und vernünftig reden Johann Wolfgang von Goethe schrieb: «Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.»

4. Freundschaft pflegen Ein Netzwerk aufzubauen gehört zum Muss eines jeden Unternehmens, will es erfolgreich sein und sich im harten Wettbewerb behaupten. Was für ein Unternehmen recht ist, darf für den Einzelnen billig sein. Auch dann, wenn das abendliche Treffen auf dem Dorfplatz fehlt, auch wenn kaum Zeit bleibt für einen Schwatz beim Einkaufen. Neue Verbindungen werden weltweit über Internet, Facebook oder E-Mail geknüpft.

Glücklich sind nicht die Reichen, Schönen, Mächtigen, sondern glücklich sind diejenigen, welche die wunderbaren Gelegenheiten, die jeder Tag für sie bereit hält, erkennen und nutzen.

Allerdings reicht das nicht. Es braucht echte Freundschaften. Eine Freundschaft ist mehr als nur bekannt sein in einem Dorf oder in einem Quartier. Epikur, ein Philosoph aus dem 3. Jh.

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v. Chr., als dessen Schüler sich Horaz bezeichnete, sagte: «Von allem, was die Weisheit für die Glückseligkeit des ganzen Lebens bereitstellt, ist bei weitem das Grösste die Gewinnung der Freundschaft.» Erst im Gegenüber erfahren wir uns selber, erst dann, wenn unsere Worte auf ein Ohr stossen, bekommen sie einen Wert. Freundschaften helfen, die eigene Identität zu finden. Erst im Gespräch finden wir die eigene Wahrheit. Das Verlangen nach Reichtum und Luxus ist vielleicht der Versuch, Anerkennung zu bekommen, mehr Respekt in der Gesellschaft zu erlangen, damit die Leute auf einen aufmerksam werden. Echte Freundschaften sind weit mehr wert als aller Luxus dieser Welt. Jesus sagte dazu: «Was nutzt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt aber Schaden nimmt an seiner Seele.» 5. Frei werden Es gehört zur Selbstprüfung, sich immer wieder zu fragen, was man zum Leben braucht. Eine Lehrerin sagte mir einmal, wenn sie noch einen Teller Spaghetti habe und ein Glas Rotwein, dann sei sie zufrieden. Ich meine, dass Kleidung und ein Dach über dem Kopf ebenso dazugehören. Dazu ein kleines Gedicht von einem unbekannten Dichter:


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Thema: Carpe diem – Nutze den Tag

Carpe diem, oder die Kunst zu leben, ist eine Aufforderung, den Tag bewusst zu gestalten Das Bewusstsein, dass das Leben endlich ist und dem Menschen nur eine bestimmte Zeit hier auf Erden zur Verfügung steht, hat Menschen zu allen Zeiten angespornt, über sich, über die Welt, über das Leben, den Tod und über die Gestaltung des Lebens nachzudenken. Was braucht der Mensch zu einem geglückten Leben? Ist es der materielle Reichtum oder ist geglücktes Leben unabhängig davon? Carpe diem: Pflücke den Tag, nutze ihn, ergreife, nimm, geniesse und probiere ihn. Die beiden Worte Carpe diem sind eine Sentenz aus dem Gedicht «Carmen» des Philosophen Horaz, der neben Vergil einer der bedeutendsten Dichter der «Augusteischen Zeit» war. Das Leben und jeder Tag ist einmalig «Nutze den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten!» Carpe diem ist eine Aufforderung, die begrenzte Lebenszeit und besonders den heutigen Tag zu nutzen und sich nicht auf den nächsten Tag oder die nächste Zeit zu verlassen. Denn es ist nicht sicher, ob einem der morgige Tag noch geschenkt wird. Ergriffen soll der Tag werden als wenn er der letzte Tag im eigenen Leben ist. «Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens» lautet eine Maxime der Anonymen Alkoholiker. Das Leben ist einmalig und jeder Tag ist einmalig und kehrt nicht mehr zurück. Das eigene Dasein soll in dem Bewusstsein gestaltet werden, dass alles eine zeitliche Begrenzung hat. Koste dein Leben aus so lange du noch lebst, denn du weisst nicht, ob es morgen schon vorbei ist.

Wer so lebt und sein Leben in diesem Bewusstsein gestaltet, lebt in einer hohen Form der Achtsamkeit und man könnte meinen, dass dieses Bewusstsein allen Menschen gegeben sein müsste – ist es aber nicht. Das Leben in der Gegenwart ist zwar nicht anstrengend, dennoch erhoffen sich die meisten Mitmenschen ihr wahres Leben eher in der Zukunft, verschieben es auf das kommende Wochenende, auf die Ferien, auf die Zeit nach der Schule, nach dem Universitätsabschluss, nach der Lehre, nach der Pensionierung. Oder wenn man alt ist, liegt es in der glorifizierten Vergangenheit. Viele erhoffen sich ein Leben in Fülle, wenn gewisse Bedingungen, wie beispielsweise materieller Reichtum, erfüllt sind. Dieses bewusste Leben der Achtsamkeit ist nicht an ein Alter geknüpft. Oft geschieht es, dass nach unmittelbarer Erfahrung der Endlichkeit, zum Beispiel mit dem plötzlichen Tod eines geliebten Mitmenschen oder einer tödlichen Krankheit, Menschen aufschrecken und beginnen, über die Gestaltung ihres Lebens nachzudenken. Intensiv leben Anders ist es einem mir bekannten Jungen ergangen. Er litt ab seiner Geburt an Muskelschwund, und er wusste, dass er nicht alt werden würde. Obwohl er viele Dinge nicht machen konnte, gestaltete er sein Leben mit höchster Intensität. Er war wissbegierig als würde er uralt werden. Er dürstete richtiggehend nach Leben und seine Eltern ermöglichten ihm auch vieles. Er starb als er

noch keine 20 Jahre alt war, aber sein Leben war erfüllt, er hat gelebt, er hat das Leben richtig ausgeschöpft. Wie aber verhält sich die Konzentration auf den heutigen Tag mit der Verantwortung für kommende Zeiten? Wenn die Menschheit weiterhin so lebt wie bisher und sich um die Auswirkungen eines ungebremsten Lebensstils und einer enormen Umweltbelastung keinen Deut kümmert, wird sie und die gesamte Mitwelt von einer Katastrophe bedroht, die ungeheure Ausmasse annehmen wird. Dieses unverantwortliche «Kopf in den Sand stecken» missversteht das Anliegen von Horaz. Wer zu spät kommt, verpasst die Ernte! Carpe diem meint das bewusste Gestalten des Tages, meint auch das bewusste Planen und Vorsorgen für eine Zukunft, in der Leben möglich ist. Ein Personalverantwortlicher eines grösseren Hotels in einem Kurort weiss, dass für die Sommersaison jetzt im Winter Mitarbeiter gesucht werden müssen. Heute muss er sie suchen und nicht erst im Sommer. Zu seinen heutigen Aufgaben gehört die rechtzeitige Suche für eine spätere Zeit. Es gilt, heute die Chance zu packen, denn wer zu spät kommt, verpasst die Ernte!


Thème: Carpe diem – Utilisons le jour

Luxemburg 1917 in einem Brief aus dem Gefängnis schreibt: «Oh, bitte, beachten Sie doch diesen herrlichen Tag, vergessen Sie nicht, schnell den Kopf zu heben und einen Blick zu werfen auf die riesigen silbernen Wolken. Der Tag ist geschenkt, wie eine voll aufgeblühte Rose, die Ihnen zu Füssen liegt und darauf wartet, dass Sie sie aufheben und an Ihre Lippen drücken.» Positive Empfindungen Mir gefällt pflücken am besten. Es löst etwas Positives, Heiteres in mir aus. Mit fröhlichem Eifer wird der Tag gepflückt, ich höre Vögel zwitschern, und wenn ich mir eine Farbe dazu vorstelle, so ist es lindengrün. Wer den Tag pflückt, nimmt aktiv und mit quirliger Freude das Geschenk Leben an. Ohne zu fragen, wer gepflanzt oder gesät hat, was es da zu pflücken gibt und ohne sich eines

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Dankes schuldig zu fühlen. Carpe diem eben. Aber, sagt Horaz nicht auch: «Lebe mit Verstand.» Ein Widerspruch? Aus heutiger Sicht ganz bestimmt. Horaz hat die Sorge des Einzelnen im Blick, er ruft dazu auf, was immer sein mag, zu ertragen und ferne Hoffnung auf kurze Dauer zu beschränken. Der römische Dichter möchte den Verstand so lenken, dass seine Zeitgenossen ihr Geschick annehmen und sich nicht um Kommendes kümmern.

Sollte. Ich glaube indes, dass wir die Sorge um den Nächsten, das Land, die Welt erst dann mit zu schultern vermögen, wenn wir sie frei von unseren eigenen kleinen Nöten gemacht haben. Nach einer geglückten Begegnung, nach einer frohen Tafelrunde mit Freunden, nach einem langen Spaziergang, nach herzhaftem Lachen und unbeschwertem Geniessen ist der Blick auf die Sorgen dieser Welt unverstellter und der Verstand klarer.

Heute sieht die Welt anders aus 2000 Jahre später sieht die Welt aber anders aus. Unser Bewusstsein ist gewachsen, wir haben Verantwortungsgefühl entwickelt. Unsere Welt ist sehr komplex geworden. Glücklich ist, wer Horaz’ Carpe diem in seinem Mikrokosmos umsetzen kann, im Makrokosmos aber sollte ein anderes Verhalten gelten.

Deshalb neige ich dazu, Horaz’ Carpe diem als einen Aufruf zu deuten, sich am Heute zu erfreuen ohne den Verstand auszuschalten. Das unterscheidet sich doch wesentlich von Morgensterns «Après nous le déluge». Aber das hat er ja sowieso nur als Studentenscherz gemeint… ■ Katrin Früh, Frauenloge 5

Carpe diem – le grand art de la joie de vivre

Carpe diem – la grand’arte della gioia di vivere

Pour s’exprimer librement, il faut vivre avec raison, veiller à respecter la vérité et limiter ses ambitions dans le temps, profiter du jour présent et ne pas penser trop au lendemain.

Diverse, nel passato, le interpretazioni di quest’espressione. Il suo autore, lo scrittore latino Orazio, esortava a vivere il presente senza preoccuparsi del futuro ancora incerto.

L’appel à la joie de vivre, à vivre au présent, ne rencontra pas d’emblée l’enthousiasme au 17ème siècle. Epuisés par les privations de la guerre de trente ans, les gens avaient un fort sentiment du court terme. Et Christian Morgenstern invitait les gens, il y a 110 ans, à s’amuser et à profiter des choses de la vie comme auparavant, sans penser au lendemain. Dans le vocabulaire d’aujourd’hui Carpe diem signifie profiter du jour, l’apprécier et en récolter les fruits. Horace peut avoir lui aussi pensé au plaisir. Rosa Luxemburg écrivait en 1917, de sa prison: voyez ce jour magnifique, n’oubliez pas de redresser la tête et de jeter un regard sur ces nuages argentés géants. Le jour est un cadeau, comme une rose éclose qui repose à vos pieds et qui attend que vous la preniez et la portiez à vos lèvres. Horace disait aussi qu’il fallait vivre raisonnablement. C’est peut-être une contradiction aujourd’hui car, 2000 ans plus tard, le monde est différent. Notre conscience a mûri et nous sommes devenus responsables. Notre monde est aussi devenu très compliqué. Je tends à me rapprocher de l’interprétation de Horace, qui est un appel à se réjouir du quotidien, sans écarter la réflexion. Cela nous éloigne considérablement de Morgenstern qui disait: après nous le déluge. Mais c’était de toute façon une farce d’étudiant.

Se nel 17° secolo all’idea di puro godimento si contrapponeva il pensiero alla morte inevitabile, in epoca barocca sono nuovamente permessi i divertimenti. All’inizio del 20° secolo Christian Morgenstern invita a godere l’attimo seguendo la massima «dopo di me il diluvio». Oggi si pensa piuttosto a sfruttare, godere o cogliere il giorno. Anche Orazio potrebbe aver inteso gustare e godere, come nel 1917 Rosa Luxemburg quando affermava di godere il giorno paragonandolo ad una rosa regalata. Alla sorella Katrin Früh, autrice di questa relazione, piace in particolar modo l’espressione «cogliere», perché positiva e piena di luce. Chi coglie il giorno accoglie con piacere questo regalo della «vita». Oggi, possedendo un’accresciuta consapevolezza, abbiamo sviluppato un senso maggiore di responsabilità, per cui, se da una parte dobbiamo rallegrarci del presente, dall’altra abbiamo il dovere di sopportare ed occuparci delle preoccupazioni altrui. Difatti, dopo un momento felice troviamo maggior lucidità per affrontare le preoccupazioni del mondo. ■ Tutti i riassunti in italiano: Hanspeter Widmer


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Thema: Carpe diem – Nutze den Tag

Carpe diem – die hohe Kunst der Lebensfreude Das für ganze Zeitepochen als Schlüsselzitat gehandelte Carpe diem stammt aus der Feder des römischen Dichters Horaz. Er liebte es, in seinen Gedichten die verschiedensten Themen zusammenzufügen und verhaltene, hintergründige Aussagen zu machen. Uns sind insbesondere die Ode Carmen 1,11 und davon vorrangig die letzten Sätze geläufig. Da heisst es in freier Übersetzung: «Lebe mit Verstand, kläre den Wein und beschränke ferne Hoffnung auf kurze Dauer. … Nutze den Tag und glaube so wenig wie möglich an den nächsten.» Nicht immer populär Carpe diem, dieser Aufruf zur Lebensfreude, die Aufforderung, im Hier und Jetzt zu leben, fiel dann aber besonders im 17. Jahrhundert gar nicht auf fruchtbaren Boden. Gebeutelt von den Erfahrungen des dreissigjährigen Krieges entwickeln die Menschen ein recht starkes Vergänglichkeitsgefühl. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend wird Horaz’ Carpe diem Vanitas – alles ist eitel – und Momento mori – bedenke, dass du sterben musst – entgegengesetzt. Erst im Barock weicht das Gefühl der Sinnlosigkeit allen Tuns wieder dem Carpe diem, dem Aufruf, seine Zeit zu nutzen und Vergnügungen zuzulassen. Verspieltheit und Sinnlichkeit sind angesagt. Von Martin Opiz… Martin Opiz dichtete 1624 unter dem Titel «Carpe diem» im Schlussvers: «Bitte meine guten Brüder auf die Musik und auf ein Glas! Kein Ding schickt mich,

Wer den Tag pflückt, nimmt aktiv das Geschenk Leben an.

Bild: Korhan

dünkt mich, bass als gut Trank und gute Lieder. Lass ich gleich nicht viel zu erben, ei, so hab’ ich edlen Wein! Will mit andern lustig sein, muss ich gleich alleine sterben.»

diejenigen, die Carpe diem vor den Wagen ihres Produkte- und Dienstleistungsangebots spannen. Carpe diem – ist doch eingängig und ausserdem irgendwie Erfolg versprechend…

… bis zu Christian Morgenstern Und Christian Morgenstern parodierte vor gut 110 Jahren: «Amüsier dich, und lass Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher! Seufzen macht mich nervös … All das ist Zeitverlust … Heute ist heut! Après nous le déluge!» Im heutigen Sprachgebrauch wird Carpe diem mit den Tag nutzen, geniessen oder auch pflücken übersetzt und verwendet. Das Heute nutzen wollen all

Carpe diem dient vielen Dingen Da vertreibt jemand unter Carpe diem «Bücher, Filme und Musik für die schönen Seiten des Lebens»; unter Carpe diem werden Sprachreisen und -kurse, Ferienwohnungen, Fruchtgetränke, Weine, Hundefutter und Kosmetika angeboten. Carpe diem ist auch der Name einer Freimaurerloge in Heidelberg und der Titel eines Songs der Sängerin Nena. Horaz kann aber auch geniessen gemeint haben. Etwa so, wie Rosa


Tema: Carpe diem – Sfrutta il giorno

wie Horaz mit seinem Carpe diem – immer wieder ermahnten? Alle müssen mithelfen Liebe Brüder: Nehmt das Thema auf, macht euch eigene Gedanken darüber und äussert sie in den Logensitzungen! Auch mit externen «Vordenkern» können wir uns regional an die Öffentlichkeit wenden und PR für uns machen (Beispiel Medizin und Ethik in Basel, oder IPE in Zürich). Eventuell können wir auch wieder eine Broschüre herausgeben, wie sie zum Thema «Achtsamkeit» bereits vorliegt. Dazu ist es jedoch notwendig, dass die Texte zur Ordensleitung gelangen. Es ist die Aufgabe der Obermeister, dafür zu sorgen, wenn immer der Bruder mit einer Veröffentlichung einverstanden ist. Die Rubrik «Jahresstudienthema» im Internet/Intranet ist dazu die geeignete Stelle. Bitte sendet die Texte elektronisch an den Webmaster, notfalls an den DGS; auch der Gross-Sekretär nimmt sie gerne entgegen. Aber:

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Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es! Der Zweck der Jahresstudienthemen ist nichts weniger, als die Arbeit am Ziel unseres weltweiten Ordens, die Welt zu einem lebenswerten Ort zu machen! ■ Peter Senn, Gross-Sire Literaturhinweise OSHO: «Freiheit – Der Mut, Du selbst zu sein» (Ullstein Taschenbuch) Eckhart Tolle: «Jetzt! – Die Kraft der Gegenwart» (J. Kamphausen Verlag, Bielefeld) Werner Heidenreich: «In Achtsamkeit zueinander finden» (mvg-verlag.de, Taschenbuch) Hans Küng: «Denkwege – Ein Lesebuch» (TB piper serie, piper.de) Udo Manshausen: «Seelenführung – die Briefe des Abbas Poimen» (Paulinus Verlag, paulinus.de) Marc Aurel: «Selbstbetrachtungen» (Reclam und diverse Verlage)

«Carpe diem» – Le fil rouge pour les Loges en 2010 Le thème de l’année 2010 devra animer les MC à s’engager dans leur Loge sur le chemin de la sagesse et de la vérité. Les thèmes annuels permettent l’engagement des frères en Loge et aussi pour des buts de PR. Concernant ces derniers, l’accent sera mis sur notre orientation vers le public comme pionniers des questions éthiques de notre temps. L’expression «Carpe diem», profite du jour, imagine que c’est le dernier, nous vient de Horace, poète romain du 1er siècle avant JC. Horace prouve qu’il faut toujours nous le rappeler. La hache de notre emblème et le crâne nous exhortent aussi à agir tant qu’il est temps. Quant au travail sur nous-mêmes, Marc Aurèle, autre poète romain, nous dit de travailler à notre intérieur, que c’est la source du bien, à condition de creuser. Nous avons besoin de vraie philosophie dans notre vie: n’attendons pas pour jouir de l’instant présent qu’une catastrophe se produise. Avec l’aide de «pionniers» externes nous pouvons aussi apparaître en public et publier des brochures, comme par exemple sur le thème de «l’Attention». Le but poursuivi par nos thèmes annuels est de nous aider, dans le cadre de notre Ordre, à faire de notre monde un endroit où il fait bon vivre.

«Nutze die Zeit» am Kirchturm von Saara (D).

«Carpe diem» – il filo rosso nelle Logge per l’anno 2010 Indicazioni del Gran Sire Peter Senn Il Gran Sire Peter Senn scrive della funzione dei temi di studio; essi permettono di farci sentire. Auspica che gli OF vengano recepiti nell’opinione pubblica quali «precursori in questioni etiche del nostro tempo». Riguardo al tema 2010 «Carpe diem» – Sfrutta il giorno, il GS afferma che l’espressione, stando al suo autore Orazio, poeta latino del 1° secolo a. C., significa sperare nell’oggi gustando l’attimo senza fidarsi del domani, consapevoli che la giornata odierna potrebbe essere l’ultima. IL GS ha l’impressione che invecchiando sia sempre più difficile concentrarci sul presente. Il rituale ci esorta pure ad operare fintanto che è giorno. Il lavoro sulla propria persona consiste molto probabilmente nel ricordarci di sfruttare il giorno, di goderlo, di gustare l’attimo. Marco Aurelio, poeta latino, affermava che ognuno di noi possiede interiormente una fonte inesauribile di Bene a cui attingere. Possiamo chiederci se sia proprio indispensabile una catastrofe per insegnarci a godere l’attimo. Sul tema i fratelli sono invitati ad esprimere le proprie riflessioni.


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Thema: Carpe diem – Nutze den Tag

Wirke, solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht… Bild: Freestyler/Pixelio

Halle verlassen. Allerdings klingt sie etwas düster und verfehlt so unter Umständen ihren Zweck: «Die Axt ist Sinnbild menschlichen Wirkens und Gestaltens, und der Schädel mit den gekreuzten Knochen ermahnt uns zu wirken, solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.» Wer behält schon gerne die kommende dunkle Nacht – den Tod also – in Erinnerung, wenn er aus der Stille der Halle in den Alltag entlassen wird? Vielleicht wäre es gut, uns an die poetische Formulierung von Horaz in einer schönen Übersetzung anzulehnen, wenn

wir unser Ritual wieder einmal überarbeiten! Die Symbole der Axt und des Schädels mit den gekreuzten Knochen sind dann noch mahnend genug! Denn die Symbole können wir nicht ändern, sie sind Teil unserer freibrieflichen Verpflichtung als Orden der Odd Fellows. Mich dünkt das ein wichtiger Teil der rituellen Besinnung, denn die Arbeit an mir selbst besteht mit aller Wahrscheinlichkeit genau darin, mich dieser Tatsache stets bewusst zu bleiben: Carpe diem – nutze den Tag! Oder, anders übersetzt: geniesse den Tag; koste den Augenblick!

Der Verstand macht uns zu Menschen Wo und wann findet denn unser Leben statt? Klar: Hier und jetzt. Warum habe ich dann so viel Mühe, mein Bewusstsein auf dieser Tatsache zu fixieren? Weshalb nur müssen meine Gedanken dauernd kreisen, sei es um Dinge aus der Vergangenheit, sei es um Absichten oder Hoffnungen oder was auch immer in der Zukunft? Eckhart Tolle sagt, es sei unser Verstand, der uns diesen Streich spielt. Der möchte uns weismachen, dass wir allein aus ihm – unserem Verstand – bestehen. Wir sind aber nicht unser Verstand! Er ist lediglich ein wunderbares Werkzeug, das es uns erlaubt, unser tägliches Fortbestehen und unsere Weiterentwicklung zu sichern! Dadurch sind wir Menschen und nicht einfach Primaten. Daneben haben wir so etwas wie eine Seele, die Psyche – oder unser «Selbst». Das, was die «Arbeit an uns selbst» so schwierig macht, denn wer oder was ist dieses «Selbst»? Mit dem Verstand angegangen – anders ist es ja gar nicht möglich – finden wir uns bald wieder im Teufelskreis dieses «Egos», das uns der Verstand vorspiegelt. Vielleicht gibt uns eine Aussage von Marc Aurel einen hilfreichen Hinweis, wie wir es auffassen sollen: «Arbeite an deinem Innern. Da ist die Quelle des Guten, eine unversiegbare Quelle, wenn du nur immer nachgräbst.» Wir brauchen die Philosophie Wir bedürfen wahrhaftig der Philosophie in unserem Leben, denn ohne wäre es ja gar nicht auszuhalten! Bedarf es denn immer einer Katastrophe, beispielsweise einer schweren Krankheit, des Todesfalls eines Familienmitglieds oder Partners/Partnerin, um uns zu lehren, dass wir den Augenblick nutzen – ja geniessen – sollen, wie uns alle Philosophen über Jahrtausende hinweg – so


Thème: Carpe diem – Utilisons le jour

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Carpe diem – der rote Faden im Logenjahr Gedanken von Gross-Sire Peter Senn zum Jahresstudienthema

Das neue Jahresstudienthema soll die Obermeister dazu anregen, sich zusammen mit ihrer Loge vertieft und intensiv über eine Weisheit und erkennbare Wahrheit zu beugen. Neben Vorträgen kann dies auch kurze Beiträge zum Besten des Ordens mit Erlebnissen und Gedanken der Brüder zum Thema umfassen. Mindestens kurze Beiträge zum Thema sind möglichst in jeder Sitzung erwünscht. Der Obermeister ist das geistige Oberhaupt seiner Loge. Das Jahresstudienthema ist dazu gedacht, ihm einen roten Faden für die Arbeit anzubieten. Plattform für die Logenarbeit Die Jahresstudienthemen sind keine Pflichtübungen, sondern Plattform für das Einbeziehen der Brüder in die Logenarbeit und nicht zuletzt auch für die PR. Zur Erinnerung: Mit dem PR-Konzept wollen wir weg vom Image einer reinen Spendenorganisation – das können andere wesentlich besser.

Vielmehr wollen wir der Öffentlichkeit – etwas unbescheiden gesagt – das Bild des Vordenkers in ethischen Fragen unserer Zeit vermitteln. Wir wollen also laut werden mit unseren Themen und Inhalten. Auch dabei sind die Jahresthemen eine Hilfe. Ein vielversprechendes Thema Passend zur Reihe der letzten Jahresthemen – sie können alle miteinander verknüpft werden – heisst das Jahresstudienthema für 2010 «Carpe diem», also: «Nutze den Tag.» Woher kommt dieser Ausspruch? Quintus Horatius Flaccus (Horaz) schrieb vier Lyrikbücher, die «Carmina», die 104 Gedichte enthalten. Die ersten drei Bücher verfasste er um 23 v. Chr. und das vierte um 13 v. Chr. Themen sind vor allem Liebe und Politik, aber auch Freundschaft, Alltäglichkeiten des Lebens und Fragen aus der Philosophie. «Carpe diem» stammt aus der Schlusszeile des

Das Horaz-Haus in Venosa beherbergt ein kleines Museum.

Das Horaz-Denkmal in Venosa. um 23 v. Chr. entstandenen Carmen 1,11., auszugsweise: «Frag nicht, Leuconoe – Wissen ist Fluch – was Götter mir, was dir ausersehen an Zeit; (…) Zeige dich klug: kläre den Wein, stelle der Hoffnung Flug auf das Heute nur ein! Neidisch entflieht, während du sprichst, die Zeit: Schenk dem kommenden Tag nimmer Vertraun, koste den Augenblick!» Noch deutlicher sagte Horaz, was er damit meint, in anderem Zusammenhang: «Omnem crede diem tibi diluxisse supremum»: Glaube, dass jeder lichte Tag dein letzter ist. Notwendige Ordnungsrufe Warum nur – stelle ich mir selbst hier die Frage – habe ich es nötig, mich immer wieder zur Ordnung zu rufen und meine Gedanken in die Gegenwart zurückzuholen? Es ist sogar so, dass mir das, je älter ich werde, von Jahr zu Jahr schwerer fällt. Dieses Carpe diem von Horaz, in so schöner und nachdenklicher Weise in seiner Ode ausgedrückt, liefert den Beweis, dass des Menschen Verstand (oder ist es die Seele?) solche Ordnungsrufe schon immer nötig hatte. Und so ist es verständlich, wenn auch unser Ritual eine solche Aufforderung enthält, und zwar immer am Schluss, bevor wir die


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Thema: Carpe diem – Nutze den Tag

Horaz, geboren am 8. Dezember 65 v. Chr., war – wie Vergil – kein Stadtrömer von Geburt, sondern stammte aus Venusia (heute Venosa), einer Kleinstadt an der alten Via Appia, die von Rom kommend über Capua, Beneventum, Venusia und Tarentum nach Brundisium, dem Tor zum Osten, führte. Seine Geburtsstadt an der lukanisch-apulischen Grenze lag eher im Randgebiet des römischen Einflusses. Der Vater, ein Freigelassener, betrieb dort eine kleine Landwirtschaft. Doch siedelte er später nach Rom über, wohl um

Vergil, Horaz und Varius als Besucher im Haus des Maecenas.

Der Dichter Horaz (Quintus Horatius Flaccus) prägte den Ausdruck «Carpe diem» seinem offensichtlich begabten Kind – wahrscheinlich seinem einzigen – eine gute Ausbildung und Erziehung zu gewähren. In Rom lernte Horaz das, was sonst nur Angehörigen der römischen Oberschicht zugänglich war. Den Elementarunterricht erhielt er von einem Lehrer, einem berühmten Grammatiker, an den er sich als plagosus Orbilius, schlagfertigen Orbilius, erinnert. Vom Feldherr zum Dichter Nach Grammatik- und Rhetorikunterricht folgten philosophische Studien in Athen, wo er sich Ende 44 v. Chr. (wie viele junge Römer) von Brutus, dem Caesarmörder, für die «Freiheit der Republik», die von Antonius und Oktavian bedroht schien, anwerben liess. Horaz, noch keine 21 Jahre alt, war dabei und nahm als Stabsoffizier (tribunus militum) am letzten Ringen zwischen den republikanischen und den revolutionären Kräften teil und führte während der Doppelschlacht bei Philippi gar als Kommandant eine Legion.

Nach der verlorenen Schlacht (42 v. Chr.) kehrte er, von seinen Gegnern begnadigt, mit gestutzten Schwingen, gebeugtem Sinn, des väterlichen Gutes beraubt – das hatten die Sieger eingezogen – nach Rom zurück, wo ihm Armut den Wagemut und den Antrieb zum Dichten gab. Dort diente er zunächst als Schreiber (scriba) an der Staatskasse. Auf sein nun beginnendes dichterisches Werk, die Epoden, wurde Vergil aufmerksam, der ihn im Frühjahr 38 v. Chr. mit Maecenas bekannt machte. Ein knappes Jahr später wurde Horaz unter dessen Schützlinge aufgenommen. Aus der Beziehung wuchs eine enge Freundschaft, deren äusseres Zeichen das grosszügige Geschenk eines Landgutes in den Sabinerbergen war, das dem Dichter als Stätte der Zurückgezogenheit und der Schaffensfreude diente. Es ermöglichte Horaz ausserdem, sich sorgenfrei der Dichtkunst zu widmen. Nach dem Tod Vergils (19 v. Chr.) wurde er dessen Nachfolger als Poeta laureatus.

Zwischen 41 und 30 v. Chr. schrieb Horaz zwei Bücher, Satiren in Hexametern (dem klassischen Versmass der epischen Dichtung), auch Sermones (Plaudereien) genannt. Dann erschienen zwei Bücher Epistulae (Briefe), die ähnliche Themen wie die Satiren behandeln, nämlich Probleme der menschlichen Gesellschaft und der Lebensführung. Mit vier weiteren Büchern – Oden, auch Carmina (Lieder) genannt, bürgerte Horaz das äolische Lied von Alkaios und Sappho in Rom ein. Ein etablierter und gefragter Dichter Im Jahre 17 v. Chr. erhielt er von Augustus den Auftrag, das Festlied für die Säkularfeier, das Carmen saeculare, zu dichten, das Augustus, seine Familie und seine Politik verherrlicht. Horaz wollte trotzdem unabhängig bleiben und lehnte eine feste Stellung als Privatsekretär am Hofe des Kaisers ab. Das in einem Marmorpfeiler eingegrabene Protokoll der Feier wurde 1890 im Tiber gefunden. Deutlich lesbar ist der Satz: «carmen composuit Q. Horatius Flaccus». Kurz nach Maecenas starb Horaz, knapp 57 Jahre alt, am 27. November des Jahres 8 v. Chr. Er wurde, wie er es sich in der Ode II, 17 gewünscht hatte, auf dem Esquilin neben dem Grab seines Gönners bestattet.

OF Zeitschrift 1/2010  

ZEITSCHRIFT DES ORDENS DER SCHWEIZERISCHEN ODD FELLOWS

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