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Liebe Leserinnen und Leser Erich Kästner schrieb in seinem Buch Als ich ich ein kleiner Junge war, Vorworte seien wie die Gärten eines Hauses. Wenn das stimmt, möchte ich an dieser Stelle gleich an paar Anlegen. Einen Garten lege ich meinen Sponsoren an. Ohne Ihre Unterstützung würden Sie als Leser dieses Tagebuches eines Verrückten nicht in Ihren Händen halten. Für Autoren ist es sehr schwierig, ihr Buch in einem Verlag unterzubringen, sehr oft wird das Skript nicht gelesen, egal wie gut es ist. Mit diesem eher ungewöhnlichen Schritt, Geldgeber für mein Werk zu finden, habe ich mir den Traum eines jeden Schriftstellers erfüllt. Dafür möchte ich meinen Sponsoren danken. Wenn Sie in diesem Buch also auf die ein oder andere, sagen wir, kommerzielle Information stossen, blättern Sie nicht gleich weiter, sondern halten Sie einen Moment inne. Einen Garten möchte ich für meine Leser anlegen. Ich freue mich, dass Sie dieses Buch lesen. Als ich vor zwei Jahren damit anfing, Henry Leben einzuhauchen, war das noch nicht abzusehen. Genießen Sie dieses Tagebuch, ziehen Sie ganz persönliche Schlüsse daraus aber zuerst: Genießen

Sie es. Machen Sie es sich bequem, richten Sie sich ein und lesen Sie. Wenn Sie fertig sind, geben Sie es weiter. Paulo Coelho fordert in seinem Buch Sei wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt, seine Leserinnen und Leser zu der für einen Autor eher ungewöhnlichen Handlung auf, gelesene Bücher nicht zu behalten, sondern weiterzugeben. Ich schließe mich dem an. Der nächste Garten ist für das Verrückte in uns. Das gibt es eigentlich nicht, denn verrückt ist nur, was ungewöhnlich erscheint und Ungewöhnliches stellt sich oft als ein schöner Neuanfang heraus. Also lassen Sie den Henry in sich frei und durchbrechen Sie Ihren Alltag. Sich einmal am Tag zu blamieren, stärkt den Charakter. Machen Sie mit. Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.


Freitag. 21.09. 2007 Ich bin nicht verrückt. Und das ich nachts um 01:22 Uhr neben meinem Bett sitze und meinen neuen Laptop auspacke auf dem ich gerade tippe, bedeutet nichts. Lange habe ich mich gegen dieses Ding gewehrt. Tagebuchschreiben ist was für Schwächlinge, Warmduscher, Mit-HundSpatziergeher. Dachte ich. Jetzt schreibe ich selbst. Alles fing vor drei Wochen an, als ich im Zappen im Fernseher bei so ´ner Wissenschaftssendung hängen geblieben bin. Diese Sendungen sind eigentlich nichts für mich. Nicht das ich mich gegen Wissen sträube, nein, im Gegenteil. Doch immer wenn ich mit neuen Informationen überhäuft werde, fange ich an nachzudenken. Und wenn ich einmal nachdenke, gibt’s für mich kein Halten mehr. Oft endet alles dann in starken Depressionen, weil ich mich gegenüber der Welt so ohnmächtig fühle. Doch ich hab´ diese Sendung angeschaut. Von Anfang bis Ende. Und mir ging’s gut dabei. Es hieß, dass es gut sei Tagebuch zu schreiben. Das hab ich bis dahin nicht geglaubt. Doch das was der Mensch im Fernseher mir dann erklärte, klang wirklich einleuchtend. Man kann seine Gedanken ordnen, sagte er. Man räume damit im Kopf auf. Am selben

Abend bin ich in die Stadt, in ein Internetcafé. Dort hab ich mir mein Laptop bestellt. 845 Euro mit Versandt. Ich hab sechzig Euro mehr bezahlt und ihn schon am nächsten Tag bekommen. Doch das brachte mir nichts. Bis heute Nacht um 01:22 Uhr stand das Gerät neben meinem Bett. Nicht angerührt hab ich es. Aber ich bin nicht verrückt. Im Gegenteil. Mein Geist ist klar. Manchmal denke ich mir das er zu klar ist. Dienstag. 30.10.2007 21:03 Uhr Vor ein paar Tagen habe ich eine Zeitschrift über den Untergang gekauft. Und jetzt: Pessimismus. Ich sitze an meinem Tisch an dem komischerweise vier Stühle stehen, jedoch nur einer gebraucht wird, und auf dem sitze ich gerade. Ich bin alleine, habe neben mir einen Pott Kaffee stehen und hoffe darauf, dass wenigstens er mir das Leben einhaucht, das ich so stark vermisse. Wenn schon das immer dümmerwerdende Fernseherprogramm nichts für mich tun kann. Ich bin, was das Mentale angeht, sehr angefressen und habe aus diesem Grund wesentlich mehr Kaffeepulver verwendet als ich es vielleicht hätte tun sollen. Ich sitze hier in meiner kleinen 60m²-Wohnung,


habe mir bei meinem Einzug tatsächlich vier Stühle gekauft (!!) und sitze doch jeden Tag nur alleine da und starre immer und immer wieder die gleiche Wand an. Es ist so, als würde mich jemand bestrafen wollen. Als hätte jemand gesagt „Henry? Der Henry? Nee, den lassen wir alleine sitzen. Tut dem ganz gut.“, doch das trifft nicht zu. Tut mir eben nicht gut. Manchmal habe ich Glück und sehe eine Fliege hier rummschwirren. An meinen freien Tagen kann ich dann schonmal einige Stunden sitzen und ihr zuschauen, doch das bekommt natürlich niemand mit. „Was hast du am Wochenende so gemacht?“ „Ach du, ich war Fallschirmspringen. Hast du mich nicht gesehen?“ Schon deprimieren. Vorallem aber dann, wenn ich sehe was ich hier schreibe und das Geschriebene damit tatsächlich zur einer Realität wird, die auch dann noch existiert, wenn ich den Raum verlasse und mich versuche unter Menschen zu mischen. Mein Gemütszustand sieht wesentlich besser aus, wenn ich in meinem Buchladen bin. Dort kenne ich mich aus, ich kenne jedes Buch, jedes Regal und habe das gesamte Inventar in meinem Kopf. Ich gehe hin, kenne mich aus, mache meinen Job, kümmere mich um meinen Scheiss und der

Schröder lässt mich in ruhe mein Ding machen, sogar die Stellvertreterin kümmert sich nicht um mich. Wobei ich mich ohnehin nicht darum scheren würde. Wir sind gleich alt. Hallo? Freitag. 31. Oktober 2007 17:46 Uhr Letztes Jahr hab ich eine Patenschaft übernommen. Für den kleinen Josef aus Afrika. Er hat keine Eltern mehr. Dreißig Euro im Monat kostet mich das. Dafür bekomme dann ein paar Mal im Jahr ein gemaltes Bild von ihm, und einen kleinen Text, den ganz sicher nicht er geschrieben hat. Wahrscheinlich hat er nicht einmal das Bild gemalt. Vielleicht weiß er nicht einmal wer ich bin. Vielleicht kommt nicht einmal das Geld an. Aber es beruhigt mein Gewissen, wenn ich bezahle. Zur Zeit bauen die Menschen, die sich um Josef kümmern, einen Brunnen, damit Josef und die anderen Kindern nicht mehr so weit laufen müssen. Komischerweise hat es auch mein Gewissen beruhigt, als ich im H&M nach Angeboten Ausschau gehalten und die Klamotten ungetragen dem Roten Kreuz gespendet habe. Ich dachte, die Menschen in Afrika sollten sich einmal über saubere Wäsche freuen. Eine, die sie zum ersten Mal tragen. Dann


hab ich erfahren, dass diese Kleiderspenden den einheimischen Markt dort unten kaputt machen. Woraufhin ich sofort aufgehört habe zu spenden. Doch dann habe ich mich so leer gefühlt. Mir wurde klar, dass ich wieder etwas machen muss. Das ich meinen Teil für eine bessere Welt beizusteuern habe. Also habe ich mich eines nachmittags ins Altersheim gesetzt und angefangen mit den alten Menschen zu reden. Irgendwann ist eine alte Frau vor mir zusammen geklappt und war tot. Einen Augenblick zuvor hat sie mich noch angeschaut. Vielleicht hab ich sie irgendwie geschockt, ich weiß es nicht. Mittwoch. 5. November 2007 18:22 Mein Kollege, der Herr Weser, gehört der Freien Evangelischen Gemeinde an. Man merkt es nicht gleich. Man muss erst eine Weile mit ihm reden um zu registrieren, dass er sich oft zurückhält, keine direkte Meinung vertritt und dann irgendwann bei einem versauten Gespräch unter Kollegen meint, er würde zu Hause so viel Liebe erfahren, er hätte keine Pornos nötig. (Da fragt sich, was für eine Liebe das ist). Aber er ist nett. Er ist freundlich und lacht gerne, aber wenn das Thema

mal zufällig auf den Glauben fällt, dann ist´s aus mit seiner liberalen Haltung. Die Erde ist 6000 Jahre alt, steht so in der Bibel, und jetzt Schluss. Wenn ich was nicht leiden kann, dann Menschen, mit denen man nicht reden kann, weil sie eingefahren und konservativ sind. Wie mein Kollege eben. Ich verstehe das nicht. Die Erde, 6000 Jahre? Hallo? Wo leben wir denn? Gott hin, Gott her, aber 6000 Jahre? Also bitte? Obwohl er mir sympathisch ist, verstehe ich seinen Glauben oft nicht. Sein Leben völlig und total Gott anzuvertrauen, das scheint mir fragwürdig. Zumindest nach der Definition von „Gott“ wie wir sie von den Kirchen her kennen. Alles Gute kommt von ihm, alles Schlechte haben wir selbst zu verschulden. Wenn alles nur so einfach wäre. Ich weigere mich demnach verhemment, die Welt als so einfach anzuerkennen, wie die Kirche mir das weiß machen möchte. Es gibt Dinge zwischen Gut und Böse. Wie zum Beispiel der Postbote. Der trägt zwar immer pünktlich die Post aus, aber unfreundlich ist er trotzdem. Kommt der jetzt in die Hölle oder nicht? Montag. 12. November 2007 19:31 Uhr Heute ist ein schöner Tag. Dabei


hatte er heute Morgen etwas anderes versprochen. Ich bin wie immer aufgestanden und zur Arbeit. Irgendwann bat mich mein Chef zu sich ins Büro. Ich bekomme Panik! „Setzen Sie sich.“, sagt er. Ich setze mich. „Sagen Sie, wie geht es Ihnen?“ „Danke gut.“, antworte ich, während sich mein Chef, der Filialoberguru des Buchladens, Herr Schröder, auf seinem Ledersessel platziert, der quietscht als seine Hose daran reibt, während er seinen Körper in eine Position bringt die so ohne Haltung ist, dass ich mir sicher bin, er hätte in der Schule dafür eine gescheuert bekommen. „Frau Fischer ist schwanger.“, sagt Schröder. „Das ist ja toll“. Mir ist es egal. Ich sage es, um die Frage in meinem Kopf zu verschleiern: Wer macht es mit der Fischer? „Sie wird schon bald unser Unternehmen verlassen.“ „Aha.“, staune ich, ziehe mein Gesicht in die Länge und öffne meine Augen weit. Wenn Schröder jeden Mitarbeiter einzeln zu sich bestellt um diese Neuigkeit zu verkünden, dann kann das ein langer Tag für ihn werden.

„Die Stelle als Stellvertreter ist frei.“ „Das habe ich mir fast gedacht.“ Natürlich, wenn sie Fischer geht, dann ist die Stelle frei. Ich blicke Schröder an und versuche zu erkennen ob er von mir nun eine Bestätigung für diese sagenhafte Erkenntnis möchte, oder vielleicht eher einen Kaffee. Während ich in Gedanken schwelge und mir ausmale ob Schröder ein Kaffeeohne-alles-Trinker oder ein Kaffee-mit-einemSchluck-Milch-Genießer ist, merke ich das er mich mit seinem Blick durchdringt und darauf wartet bis es bei mir „Klick“ macht. Und tatsächlich schimmert in meinem Hirn nach und nach die Erkenntnis durch, dass ich Frau Fischers Stelle übernehmen soll. „Was sagen sie dazu?“ Zuerst sage ich nichts. Ich denke. Ich denke an die Nachteile die diese Stelle mit sich bringen könnte- doch dann komme ich schnell zu dem Entschluss, vor allem als ich die Frau Fischer vor Augen sehe, dass diese neue Aufgabe sogar weniger stressiger sein könnte als die, die ich jetzt habe. Immerhin hat die Fischer Zeit zum Pimpern! Vielleicht werde ich dann auch Zeit zum Pimpern haben, und solange ich niemanden habe zum Pimpern, werde ich die Zeit einfach nutzen, um jemanden zum Pimpern zu finden. Also sage ich


schnell: „Ja, ich mach´s!“, während meine Lippen sich unter Abwesenheit meines Verstandes zu einem breiten Grinsen formen. Ja, ich mach´s. Als ich erfahre, dass ich ab sofort das neue Gehalt bezahlt bekomme, habe ich eine Vision: ich hole mir eine Putzfrau. Ich weiß nicht wie ich auf diesen Gedanken kommen, beziehungsweise wieso gerade zuerst diese Idee kommt. Vielleicht liegt es an den Wäschebergen zu Hause, an den Staubmilben die mich schon duzen oder an dem Gestank, der einfach nicht weichen will und ich habe echt keine Ahnung woher der kommt. Nur wenig später rufe ich bei einer Zeitung an und lasse meine Anzeige reinsetzen. Dienstag. 13. November 2007 17:31 Uhr Ich bekomme gesagt, was alles meine Aufgaben sein werden, während die Fischer sich langsam mit dem Gedanken anzufreunden versucht, dass ich bald jetzt ihre Stelle übernehmen werde. Seitdem hatten wir eigentlich fast nichts miteinander zu tun. Das liegt vor allem auch darin, dass ich mir von einer Gleichaltrigen nichts sagen lasse und all ihre „Befehle“ schön dezent in den

Wind geblasen habe. Der Witz ist, dass der Laden trotzdem lief. Oder gerade deswegen. Das erste Vorstellungsgespräch, das ich in meinem Leben führen werde (und dabei hinter anstatt vor dem Tisch sitzen werde), wird am Freitag Abend sein. Das hat aber nur indirekt etwas mit meiner neuen Stelle zu tun, denn ich suche, wie ich bereits sagte, eine Putze. Und am Freitagabend kommen drei potenzielle, die in einer harten Prüfung zeigen müssen, ob sie der Herausforderung meiner Wohnung gewachsen sind. Eine wird das Rennen machen. Nur eine kann es werden. Ich gewöhne mich an die Position in der ich anderen sagen kann was sie zu tun haben. Das macht mir Angst. Werde ich ein sadistisches Arschloch, das seine Untergebenen quält? Werde ich wie Hansi? Der Dicke? Werde ich wie Herr Feder? Ich schaue in den Spiegel und sehe dafür noch keine Anzeichen. Keine Fettmasse im Gesicht, kein verschobener Blick. Noch bin ich ich. Mittwoch. 14. November 2007 23:44 Uhr Ich habe mein eigenes Büro! Ich!! Heute habe ich es in Empfang genommen. Wäre ich Raucher hätte ich es mit einer Zigarre eingeweiht,


so musste eine Tasse Kaffee mit Milch den Job übernehmen. Sekt gabt es leider keinen und Kaffee pur schmeckt nicht. Dennoch war ich gut drauf- fast schon so als hätte ich mich mit diesem nicht vorhandenen Alkohol zugeschüttet. Die Fischer in ihrer Schwangerschaft kann sich über Ich-fühl-michglücklich-Hormone auch nicht gerade beschweren. Stundenlang blabberte sie irgendetwas davon, wie froh sie endlich sei diesem Laden entkommen zu können und ich konnte mir als ich das hörte, gerade noch die für sie wohl sehr unangenehme Frage zurückhalten, wen sie denn für das Pimpern bezahlt hat. Stattdessen grinse ich sie an und erzählte ihr von meinem Putzfrauen-Casting, das ich abhalten werde. „Hey, das ist ja ´ne super Idee.“, staunt sie. Ich nicke. Klar ist das eine super Idee. Ich meine, nicht das die Idee nur super ist, weil ich sie hatte. Nein, die Idee ist wirklich super. Oder? Keine Ahnung ob die Idee jetzt wirklich super ist, aber bestimmt ist sie sehr effizient und ich habe am Freitag eine saubere Wohnung ohne dafür bezahlt zu haben. Ich schaue die Fischer an und mir fällt das erste Mal auf, dass das verfilzte auf ihrem Kopf Rastalocken sein sollen. Als sie mich angrinst erkenne ich Bob Marley in ihr und stelle den Kaffee

beiseite. Ich fühle mich in diesem Augenblick eher wie in einer WG als in einem Buchladen, dessen rechte Hand ich bald sein werde. „Soll ich dir helfen?“ Ich frage: „Wie bitte?“ „Ja bei deinem Casting. Wir könnten das richtig professionell machen und so. Ich setze mir eine Brille auf, ziehe sie bis zur Nasenspitze und schaue wie eine Kampflesbe nach fünfzig Jahren Entzug.“ „Und das soll was bringen?“, frage ich erstaunt und die Fischer zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht, macht aber bestimmt Spaß.“ Ich überlege und trotz des Blödsinns den dieser Vorschlag Fischers besitzt, muss ich doch zugeben das es eine gute Idee ist, eine zweite Meinung in diesem Casting zu Rate ziehen zu können. Also meine ich: „Gute Idee.“, und sage dass das Casting um 19 Uhr beginnt. Gegen Feierabend kommt Schröder rein und sieht beruhigt aus, als er mich und die Fischer sieht, wie wir eifrig über Ordner gebeugt sitzen. Es sieht tatsächlich so aus als würden wir arbeiten. Das ist etwas, worin ich in den letzten Jahren richtig gut geworden bin, nachdem es in der Schule oft


schlecht lief. Auch zu Hause war diese Schauspielerei nicht gerade von Erfolg gekrönt, was mir mehr Arbeit als meinem Bruder einbrachte, der ein Talent in dieser Hinsicht war. Jedenfalls schauen wir Schröder an und er fragt: „Heute schon was vor?“ „Nee, eigentlich nicht.“, sage ich leise gähnend und denke an die Fliege bei mir zu Hause. „In Ordnung, denn dann ich lade heute die gesamte Belegschaft ein.“ „Zu was?“, fragt Fischer. „Zum Essen.“ „Warum?“ „Weil´s mal wieder Zeit wird. Und ich sie auch auf das nahestehende Weihnachtsgeschäft mit meinen alltbekannten Schlachrufen einstimmen möchte. „Ist es schon wieder soweit?“ Gerd grinst, nickt und verlässt das Büro. Nach Feierabend entführt uns der Schröder in ein schickes Restaurant, in dem ich mir ein bisschen underdressed vorkomme. Dafür benehme ich mich so anständig, dass meine Mutter stolz auf mich wäre, würde sie mich hier sehen. Dennoch bin ich froh das sie nichts davon mitbekommt, wie ich mich

damit abquäle einen Fisch zu filetieren. Irgendwann steht der Schröder auf und ruft laut: „Meine lieben Mitarbeiter, ich möchte es kurz machen, aber Sie wissen was auf uns zu kommen wird. Der Saal nuschelt leise vor sich hin, die Azubis machen den Schröder nach oder geben dumme Antworten, während ich bereits zum zwanzigsten Mal binnen einer Minute auf die Uhr schaue und den Abgang kaum erwarten kann. Der Weser schaut mich die ganze Zeit schon so komisch an. Dennoch: Der Abend ist schön. Die gesamte Belegschaft sitzt zusammen und das macht genau vierzehneinhalb Personen. Das kleine Wesen in Frau Fischers Bauch mit eingeschlossen. Wir reden über das nahende Weihnachtsgeschäft und über die Kunden die uns jeden Tag nerven (gehört idiotischerweise immer dazu, sich über das aufzuregen, was einen ernährt) und werden immer privater, je näher die Nacht rückt. Irgendwann erzählt die Fischer von meinem Plan, eine Putzfrau einzustellen und von dem komischen Casting das wir abhalten wollen. Dem Schröder gefällt es, er klopft sich auf den Schenkel und verschluckt sich fast seinem Fisch. Das ich ihm gerade noch das Leben rette bevor der Fisch seines nimmt, sehe ich als Pluspunkt an.


Als wir alle gesättigt und mit bester Laune aus dem Restaurant laufen, spricht mich Herr Weser an. Ich wusste ehrlich gesagt dass das passieren würde und mein schneller Gang zur Türe konnte dem leider auch nichts entgegen setzen. Er war der einzige der den ganzen Abend über nicht all so gut drauf war und als er mir sagt was ihm auf dem Herzen liegt, weiß ich auch warum. „Meine Schwester hat ihren Job verloren.“, meint er. „Das tut mir Leid.“, sage ich und bin verwirrt über diese Info mit der ich absolut nichts anfangen kann, weil ich seine Schwester nicht kenne. „Und ihr Mann ist vor einem Monat gestorben und das Geld reicht nun hinten und vorne nicht.“ Wieder sage ich das es mir Leid tun würde, obwohl ich nichts dafür kann und fühle mich dennoch so komisch, als hätte ich ihn umgebracht. „Sie ist Hausfrau und weiß wie man putzt.“, sagt er. Jetzt endlich kapiere ich was er meint. „Sie, sie...“, stottere ich und bin entsetzt darüber, wie traurig Herr Weser mich auf einmal anblicken kann. Um der sehr peinlichen Situation ein Ende zu setzen, spreche ich aus was jeder denkt und lade

Wesers Schwester zum Casting ein. Dabei weiß ich jetzt schon wer gewinnen wird, denn Typen wie ich haben eine sehr sentimentale Seite. Man könnte auch sagen, Typen wie ich hätten einen extrem hohen EQ. 1000 oder so. Donnerstag. 15. November 2007 00:35 Uhr Ich kann nicht schlafen. Ich liege einfach nur in meinem Bett, die Augen gehen zwar zu, doch der Verstand schaltet sich nicht ab. Ich habe so viele Gedanken die nicht weichen wollen weil sie so wichtig sind und wäre ich ein Gedanke, würde ich jetzt auch nicht weichen wollen. Um auf´s eigentliche Thema zu kommen: Mein Nachbar, ein chronisch mittelloser junger Mann, schnarcht. Und das so laut, dass ich nicht schlafen kann und von eben diesen gerade beschriebenen Gedanken heimgesucht werde. Dabei fällt mir das Schnarchen wohl nur auf, WEIL ich nicht schlafen kann. Diese Idee finde ich so verrückt, dass sie gut in dieses Tagebuch passt: Ich bemerke etwas weil ich durch etwas anderes darauf aufmerksam werde und mache das, was ich bemerkt habe, dafür verantwortlich das es existiert. Also bin ich eigentlich schuld daran, dass es diese Störung gibt,


denn gäbe es mich nicht, gäbe es auch keine Störung. Kann man dann also davon ausgehen, dass wenn niemand (außer einer) ein Problem bemerkt und es niemand (außer einer) als ein solches registriert, der das Problem ist, der es bemerkt? Anders gedacht: Gibt es Probleme nur, weil der Mensch sie wahrnimmt? Wenn ja, ist dann nicht der das Problem, der das „Problem“ als ein solches bezeichnet? Gäbe es dann keine Probleme wenn es keine Menschen und keine Tiere gäbe? (Vorausgesetzt, Tiere können Situationen oder Umstände als Problem erfassen.) Noch ein letzter Gedanke, bevor mir die Augen zufallen: Ist Glück nur vorhanden, weil es Menschen gibt, die welches empfinden können? Wenn ja, warum manipulieren wir uns nicht? Gute Nacht! Samstag. 17. November 2007 18:23 Uhr Am Freitag Morgen begann der Tag mit einer Überraschung. Ich liege in meinem Bett, strecke meinen Kopf nach hinten, schaue aus dem Fenster und sehe: Schnee. Alles weiss. Die Uhr ein paar Wochen zuvor auf die Winterzeit umgestellt zu haben um zu registrieren, dass es jeden Tag sehr

viel früher dunkel wird als noch Tage zuvor, ist die eine Sache. Das es dann aber auch noch schneit und zu der Kälte diese weiße Masse Schnee dazu kommt, die mich als Fußgänger genauso beeinträchtigt wie die Autofahrer, die sich nicht trauen schneller als Schrittgeschwindigkeit zu fahren, ist die andere. Der Schnee schränkt ein. Erheblich. Dennoch mag ich ihn. Ich kann ihn schön finden weil er meinen Zeitplan täglich um nur insgesamt zehn Minuten durcheinander bringt. Und zwar fünf Minuten zur Arbeit, die ich einplanen muss weil es sich anbietet langsamer zu laufen um Knochenbrüche zu vermeiden- und, du hast es vielleicht erraten, fünf Minuten wieder zurück. Andere trifft es da wesentlich schlimmer und sie tun mir auch Leid. Nichtsdestotrotz mag ich es zu zuschauen, wie die Stadt im Chaos versinkt, weil es schneit. Ganz einfach nur wegen Schnee. Der Mensch hat sich die Atomspaltung zu eigen gemacht, lief auf dem Mond umher- und trotzdem bringt ihn Schnee aus der Fassung. Aber diese weiße Masse soll nicht Thema dieses Eintrages werden. Den Hauptteil überlasse ich vielmehr dem Thema, das jetzt kommt. Oder besser gesagt der Erkenntnis, die mich überfallen hat, als ich am Freitag Morgen um sechs Uhr zehn aus dem Bett


krieche und mir plötzlich einfällt das heute das Casting stattfinden wird. Auf einmal leuchtet mir auch ein, warum mich mein Wecker bereits so früh aus dem Bett klingelt, denn eigentlich hätte ich noch gut und gerne zwei Stunden schlafen können. Also nicht das ich das Casting ganz vergessen hätte. Ich konnte vor dem Schlafengehen an nichts anderes mehr denken, doch als ich heute Morgen aufgewacht bin, war mein Kopf leer. Ist doch allgemein verbreitet, dieses Phänomen, oder nicht? Das Hirn braucht ´ne Weile, bis es sich hochgefahren hat. Ich gehe ins Wohnzimmer, schalte den Fernseher ein und höre etwas von Bahnstreik. Schnell schalte ich ihn wieder aus. Ich schaue mich um, merke das es etwas kalt in der Wohnung ist und besinne mich erst langsam darauf, weswegen ich eigentlich im Wohnzimmer stehe. Dann geht alles ganz schnell. Von Vorfreude auf das heutige Ereignis gepackt, entfalte ich eine Energie die ich um diese Uhrzeit eigentlich nicht von mir kenne und räume das Wohnzimmer total um. Als ich fertig bin steht mein Schreibtisch, der zuvor in meinem Schlafzimmer stand nun im Wohnzimmer und dient der Jury, also der Fischer und mir, als Unterlage für all die Papiere die wir eifrig gekritzelt werden weil es

professioneller aussieht. Außer zwei Stühlen (und eben dem Tisch) steht sonst nichts mehr im Raum. Nicht einmal der Fernseher- und ich frage mich wie ich das fertig gebracht habe, als ich schweißgebadet mein Werk betrachte. Ich gehe duschen und dann zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin vergesse ich so ziemlich alles. Oder soll ich lieber schreiben, dass ich es verdränge? Nein, vielleicht, dass es verdrängt wird. Genau. Alles wird verdrängt. Jeden Morgen auf´s Neue. Alles. Jeden Morgen. Das liegt daran, dass ich gerne beobachte und das, was ich sehe, fasziniert mich. Jeden Morgen sehe ich den selben Bus an mir vorbei fahren. Oft sind es verschiedene Fahrer, doch seit ein paar Tagen ist es immer derselbe. Und seit fünf Tagen hat er dasselbe T-Shirt an. Ja, richtig! Seit fünf Tagen. Zum einen ist das eklig. Zum anderen frage ich mich aber: Wem fällt das noch auf? (Mails bitte an henry.online@web.de) Die Fischer strahlt schon als sie mich sieht und es wirkt so, als hat sie dieses Grinsen schon seit heute Morgen drauf- als würde sie seit dem Aufstehen an nichts anderes mehr denken als an dieses Casting. Ich schaue sie an und frage mich warum das so ist. Passiert in ihrem Leben nichts


aufregendes mehr, oder sind es die Hormone? Als ich in mein Büro laufe (oh mein Gott, wie geil sich das anhört! Mein Büro!), folgt sie mir und ich registriere das wir auf einer Ebene stehen. Bevor sie wusste das ich ihr Nachfolger werden würde, unterhielt sie sich mit mir kaum bis gar nicht. Jetzt, wo wir beide das gleiche Gehalt bekommen und ich auf ihrem Stuhl sitzen darf, bin ich ihr Freund. „Alles fit?“, fragt sie, während sie mir auf die Schulter klopft, als wäre ich sie ein Mann und wir auf dem Bau. Ich hänge meine Jacke auf, schaue sie an und verdrehe innerlich die Augen, wobei ich äußerlich gefasst bleibe und mich nicht von der RastalockenFrau auf meinem Stuhl irritieren lassen möchte, die aussieht wie eine Mischung aus Pippi Langstrumpf, Karl Marx und diesen THC-Schlürfer in Studentenwohnheimen. Ich nicke und sage: „Alles fit.“ Dann setzte ich mich auf meinen Stuhl. Dabei spüre ich die Blicke der Fischer. Ich weiß das es an meinem weißen Hemd liegt das ich heute anhabe und freue mich darüber. „Was is denn mit dir los?“, fragt sie. „Wieso? Was?“ „Dein...dein....jetzt sag schon. Dein...“

„Hemd?“ „Wieso hast du ein Hemd an?“ Ich überlege einen Augenblick. Die Wahrheit ist, dass das Casting direkt nach der Arbeit anfängt und ich mich nicht umziehen möchte weil, dafür keine Lust haben werde- das weiß ich jetzt schon. Doch ich erzähle nicht die Wahrheit. „Weil ich als Chef der Filiale nicht nur mein Fachwissen nach außen tragen muss, nein, auch mein Äußeres soll die Menschen von meiner Kompetenz überzeugen.“ „Das kam jetzt wirklich überzeugend rüber.“ „Ehrlich?“ „Ähm... nein.“ „Wieso? Ich habe mir echt Mühe gegeben.“ „Für einen Moment...“, röchelt sie „...habe ich das dir wirklich geglaubt.“ „Und wieso glaubst du mir jetzt nicht mehr?“ „Weil du Zahnpaste und Nutella an deinem Mund hängen hast. Und warte...“ Fischer steht auf und läuft auf mich zu. Dabei spitzt sie ihren Mund und fixiert mich derart streng, dass ich Angst vor ihr bekomme. Dann sagt sie leise, sehr leise und sehr sexuell anziehend: „Die Nutella hängt da schon ein paar Tage, was?“


Der Arbeitstag verläuft sehr angenehm. Das liegt vielleicht auch an meinem Hemd, denn mir scheint so als strahlt es wirklich eine Kompetenz aus, die nur wegen diesem Oberteil existiert und ich nehme diese Eigenschaft gerne auf. Um sechs schließe ich den Laden. Das ist das erste Mal das ich das tun darf. Schröder ist nicht da und die Fischer denkt, dass es langsam mal an der Zeit wäre, dass ich das tun soll- wahrscheinlich hat sie mein Hemd überzeugt. Es schneit irre draußen und wir laufen zu mir. „Zu teuer.“, meint die Fischer als ich sie frage, warum sie kein Auto hat. „Aber du bist doch die Stellvertreterin!“, meine ich erstaunt und die Frau neben mir grinst mich an. Es scheint, als wolle sie mir sagen, dass ich aufwachen soll. „Das bisschen Gehalt mehr?“, sagt sie. „Wie viel mehr ist es denn genau? Vierhundert, sechshundert?“ „Siebzig.“ „Siebzigtausend?“ „Klar. Dazu gibt’s noch ´nen Firmenwagen, eine Tankkarte, zwei gratis besuche im Puff, einen Dösenöffner und zwei mal zwei Kinokarten für Spiel mir das Lied vom Volldepp.“

„Siebzig Euro?“ „Und keinen Besuch im Puff, Firmenwagen, keine Tankkarte...“ „Okay, okay. Ich hab´s verstanden.“

keinen

Endlich angekommen, entschuldige ich mich für den Fernseher und dem Sofa in meinem Schlafzimmer, zeige ihr den Ort wo wir das Casting abhalten werden und biete ihr einen Stuhl hinter dem Jury-Tisch an. Dann frage ich sie, ob ich ihr etwas bringen darf. „Tee? Wasser? Cola?“ Die Fischer schaut mich an, als hätte ich ihr etwas getan. „Was ist denn?“, frage ich erstaunt. „Cola?“, wiederholt sie?“ „Cola.“, sage ich. „Willst du?“ „Spinnst du?“ „Warum das? Ist doch kein Gift.“ Es gibt Momente im Leben, da krallt einen ein Monster mit acht Händen und zwei Gebissen. Dieses Monster heisst Scham. Als Kind habe ich mir verschiedene Emotionen visuell vorgestellt. Irgendwann kam dann noch dazu, dass ich mir vorgestellt habe, wie diese Kreaturen mich packen und wegziehen. Fremdschämen war immer ganz


witzig. Da kamen stets sieben Zwerge und haben mich mit ihren kleinen Fingern gekitzelt, während sie mich weggetragen haben. Das fand ich sehr lustig, weswegen ich schon fast süchtig nach Fremdschämen war. Um den Kick zu bekommen, habe ich meinen Lehrern oft kleine Briefe geschrieben, in denen eine Chantal oder ein JeanWilliam sie gerne kennen lernen und in einem SexShop treffen würden. Komischerweise sind diese Lehrer relativ oft gekommen, wo sie dann einen ihrer Schüler vorgefunden haben. Dann habe ich in Sekundenschnelle meine Kamera vor ihr Gesicht gehoben und abgedrückt. Daraus wurde ein Fotoalbum, mit dem ich die Zwerge so oft rufen konnte wie ich wollte. Wenn einem aber selbst etwas passiert, wofür sich andere schämen würden, dann nennt man das Scham. Das ist sozusagen der große, böse Bruder von Fremdschämen. Und genau dieser böse Bruder hat mir auf die Schulter geklopft, als ich die Fischer anblicke, kurz nachdem ich gefragt hatte, ob sie eine Cola haben möchte. Ich habe die Fischer noch nie so ernst und aufgebracht erlebt wie in diesem Moment. „Bringst du mich jetzt um?“, möchte ich wissen und setze meinen Hundeblick auf, der wirklich nicht aussieht als würde ich ihn Blick absichtlich

aufsetzen- worauf ich sehr stolz bin. Mit dem Gedanken daran, dass man mich nach meinem Ableben wahrscheinlich mit diesem Blick finden und ich ihn damit praktisch unsterblich machen würde, setze ich mich neben die Fischer auf meinen Stuhl und warte auf das Licht, oder auf eine Lippenbewegung meines Gegenübers. Also was den Teil im Gesicht angeht. „Cola“, sagt die Fischer, „pumpt den Menschen in Afrika das Grundwasser ab und verkauft es an sie.“ Naiv wie ich eben bin, zucke ich mit den Schultern und sage: „Und?“ „Und? Und? Du hast wirklich und gesagt?“ „Grundwasser. Abpumpen. Ist doch ok, oder nicht? Die kommen ja eh nicht selbst da ran. Stell dir mal vor was die dafür haben müssten! Ein Loch. Ein großes Loch....einen...“ „Brunnen.“ „So könnte man es nennen.“ „Eben. Und wenn Cola das Wasser abpumpt und es keines mehr gibt, müssen die Menschen das Wasser bei Cola kaufen. Sie müssen! Verstehst du?“ „Ja, aber wenn die doch eh nicht selbst da rankommen...“ „Die werden doch wohl Brunnen da unten haben.“


„Ach, die gibt’s da auch?“ „Verarschst du mich gerade?“ „Ähm...nee... Ok. Grundwasser. Abpumpen. Hast du Beweise?“ „Nee, nicht wirklich.“ „Und woher weißt du das dann?“ „Habe ich gehört. Und man informiert sich eben.“ „So so.“ Ich schaue weg von der Fischer. Ich möchte alleine sein. Während ich die Wand vor mir anstarre, sehe ich den Weihnachtsmann vor mir und denke daran, dass dieser Mann von Coca Cola eingekleidet wurde. Vielleicht hat die Fischer recht. Wenn ein Unternehmen es schafft, den Weihnachtsmann neu einzukleiden und niemand sagt was dagegen, wieso sollte es dann nicht auch Grundwasser abpumpen und es an die armen Afrikaner verkaufen? „Und wieso macht niemand was dagegen?“, frage ich. Die Rastalocken-Frau grinst mich an. „In Deutschland? Jemand was machen? Da sagt doch nur jeder das man was tun soll, und niemand macht wirklich was.“ Diese Aussage trifft mich hart. Auch ich bin deutsch. Deswegen sage ich schnell: „Das stimmt

doch gar nicht.“, bin beleidigt und drehe mich noch weiter weg. Doch die Fischer hat recht. Nicht das ich das je zugeben würde, aber es ist nun mal so. Tief in meinem Inneren spüre ich das jemand Cola das Handwerk legen muss und weiß im selben Augenblick, dass nicht ich das sein werde. Doch wieso eigentlich nicht? Dann klingelt es. Aber nicht bei mir. Also, doch schon bei mir, aber nicht in meinem Kopf. An der Haustüre. Die Fischer schaut mich an und ich schaue auf die Uhr. Erst halb sieben. „Viel zu früh“, meint die Frau neben mir und spricht meine Gedanken aus. Fischer sieht die leeren Blätter vor sich liegen und kritzelt sich ein kleines Minus auf eines. Ich schaue sie an und frage: „Wieso minus?“ „Um sieben war vereinbart. Jetzt ist halb.“ Aus Protest kritzelt meine deutsche, verletzte Seele ein kleines Plus und ist gleichzeitig gespannt, welchen Namen die Hand gleich daneben schreibt. Sofort schießt mir die Schwester vom Weser durch den Kopf. Ich notiere ein W und ein e, merke dann das die Frau gar nicht so heißen muss und schaue leer vor mich hin. Ich habe Angst. Der Fischer habe


ich nichts von der Schwester unseres Arbeitskollegen erzählt und mir schwitzt der Angstschweiß hoch und runter. Was wenn die schlecht ist, die Schwester? Bin ich moralisch verpflichtet sie einzustellen? Und was, wenn mir das Geld nachher gar nicht reicht, weil die Fischer sich nicht einmal ein Auto leisten konnte und ich mir schon Personal einstelle? Ich schaue zu der Frau neben mir und merke das sie nicht da ist. Ich blicke geradeaus und sehe die Haustüre, die von ihr geöffnet wird. Das Licht im Hausgang ist an. Ich höre Schritte. Ich haue auf mein Bein, weil dieses vor Aufregung zuckt. Bringt nichts, plötzlich zuckt meine Hand. Schnell, als sei diese Hand vom Teufel besessen, schüttele ich sie und hoffe das die Aufregung verschwindet. Plötzlich zuckt mein linkes Auge. Dann höre ich eine Stimme, die weder vom Teufel noch von Gott kommt, sondern von einer Frau. (Da können beide eh nicht mithalten.) „Entschuldigung ich komme früh.“, höre ich die Stimme laut und schnell sagen. Das ist ja mal eine Aussage. Entschuldigen Sie bitte, ich komme immer früh. Echt supe. Da ich aber weiß wie es gemeint ist, murmele ich „Entschuldigung DASS ich ZU früh komme.“ vor mich hin und trockene meine Hand an meinem Hosenbein ab, weil dieses Ding mit den fünf

Fingern plötzlich zu schwitzen beginnt. Ist Wesers Schwester aus dem Osten? Hat Weser da mal was anklingen lassen? Ist das überhaupt seine Schwester? „Ah.“, höre ich sie sagen und schon sehe ich... „...Berta!“, auf mich zukommen und mir ihre Hand reichen. „Meine Name ist Berta. Schwester von Kollege.“ Ich bin geschockt. Vor mir steht eine dickliche Frau um die sechzig, die mich an Frau Holle erinnert. Berta könnte meine Mutter sein und ich fühle mich schlagartig nicht mehr meiner Position als Jury würdig. Ich würde jetzt viel lieber in mein Zimmer verschwinden und die Türe beleidigt zuknallen, die Musik laut aufdrehen und meine Pickel ausdrückenja, die Berta erstrahlt mütterlichen Flair. „Setzen sie doch.“, meint die Fischer und bietet unserer Kandidatin einen Platz an, ehe sie merk das ich für unsere Bewerber gar keinen Stuhl hingestellt habe. „Macht nix, macht nix.“, meint Berta und klatscht in die Hände. „Ich lieber putzen und zeigen was ich kann.“ Die Fischer hat diesen Satz überhört (wahrscheinlich mit Absicht) und verwandelt sich


plötzlich in jene Frau, die sie war, bevor sie mitbekam das ich ihr Nachfolger werden würde. Ihr Gesicht wird ernst und ich bekomme Angst. Die Berta auch, doch der Unterschied zwischen uns beiden ist, dass sie es sagt. „Warum sie schauen so böse? Schöner Tag heute, net wahr? Wissen sie, so viel Probleme es geben auf der Welt und wir alle gesund. Warum nicht freuen darüber?“ Berta strahlt eine so ungeheure, positive Energie aus, die auch die Fischer weich klopft. Wir schauen uns an und wissen nicht was wir sagen sollen. Für einen Moment tritt beklommene Stille ein. Nach ein paar Sekunden der Ruhe frage ich: „Woher kommen Sie.“ „Ich geboren in Moskau. Aber nix schön. Viele Ratten. Dann ich umgezogen nach anders hin und schon schöner da. Da ich auch kennen lernte meine Mann. Vor ein paar Jahren ich erfahre von Martin und ich bekomme mit, dass er ist meine Bruder.“ „Herr Weser, meinen sie, oder?“, will ich wissen. Berta nickt. „Genau, richtisch. Komische Geschichte, sie müssen wissen. Unserer Vater damals Soldat von Russland gewesen und hat gekämpft gegen Deutschland. Dann Deutschland ihn hat gefangen und gerade als sie wollten ihn

erhängen, Freund Amerikaner kam und hat befreit meinen Vater. Vati nix mehr wollte nach Hause und gebleiben in Deutschland. Er nix fand Deutschland so schlimm wie gesagt von Russland und fand deutsche Frau. Später er bekommt noch einmal Vater und gab Sohn Namen Martin.“ Ich finde die Geschichte sehr interessant und wundere mich darüber, dass Herr Weser noch nie etwas von einer Schwester erzählt hat. „Vati starb vor sechs Jahren und sagte davor Martin, dass ich bin da. Seine Schwester. Martin hat gesucht mich und fand mich. Er extra reise nach Russland. Lieber Bruder, sehr lieber Bruder.“ „Und seither leben sie in Deutschland?“, fragt die Fischer und ich sehe auf dem Notizblock vor ihr das Wörtchen „Aufenthaltsgenehmigung?“. „Nee, nee.“, meint Berta und winkt in die Luft. „Ich und Familie habe besucht Martin jedes Jahr. Dann mein Mann habe gefunden Arbeitsplatz hier in schöne Deutschland und wir kommen her. Näher an Martin und Mann habe Job. Alles supi. Und wunderschön hier..“ Plötzlich blickt Berta auf den Boden und das Wörtchen „Wunderschön“ kaufe ich ihr nicht mehr ab. „Sie müssen wissen, meine Mann Emil gestorben vor ein paar Monaten. Meine liebe Mann. Seitdem Deutschland nix mehr soooo schön


wie mit Emil.“ „Das tut mir Leid.“, sage ich und wieder weiß ich das ich zwar nichts dafür kann, mir es aber so vorkommt. „Und Sie sind die Schwester vom Herr Weser?“, fragt die Fischer. „Der, der in unserem Buchladen arbeitet?“ Berta nickt so eifrig, als würde sie mit jedem Nicken ihre Chancen erhöhen, als Putzfrau engagiert zu werden. Dann klingelt es an der Türe und mir fällt wieder ein, dass wir noch andere Kandidaten haben, die mir irgendwie Leid tun (Woraufhin ich merke, dass mir gerade ziemlich viel Leid tut). Die Fischer springt auf, läuft zur Türe und ich stehe mit Berta alleine im Wohnzimmer. Berta blickt mich mit Absicht nicht an und schaut im Raum umher. Ich hingegen muss sie anblicken, ich kann nicht anders. Die Exil-Russin hat rote Backen, braunes, schulterlange Haare, um ihren Hals eine Kette mit einem Kreuz hängen trägt ein rosafarbenes Oberteil. Es ist als würde ich sie schon lange kennen. „Darf ich vorstellen.“, unterbricht die Fischer meine Gedanken und kommt mit einer Frau in das Zimmer, die so bieder aussieht wie Nachbars Lumpi, der nur das Beste zum Essen bekommt- keine Ahnung wie ich auf den Vergleich komme. Sie stellt sich mir

jedenfalls als Fräulein Maier vor. Sie ist mindestens vierzig Jahre alt und das „Fräulein“ zeigt mir, dass sie einen Mann nur vom Katalog her kennt und kennen will. Maier trägt eine Brille mit dickem Rand, hat ihre Haare streng in einem Dut (heißt das wirklich so?) nach hinten zusammen gebunden und trägt eine Schicht von mindestens zwei Zentimetern knallroten Lippenstift auf ihren Lippen. Sie reicht mir ihre Hand und ich spüre... nichts. Sie hat weder einen festen Händedruck noch Körperwärme. „Jetzt kommt nur noch eine Bewerberin.“, sage ich und versuche meinen Blick von Fräulein Maier abzuwenden. „Erzählen Sie mir doch etwas von sich.“, meint die Fischer. Ich bin froh über diese Frage, die an die Maier gerichtet ist. „Nun also,“ beginnt die hagere Person vor mir. Das sie frei im Raum stehen muss, gefällt ihr gar nicht. Aufgeregt spielt sie an ihrem rechten Zeigefinger und blickt die Fischer nervös an. Ich hingegen blicke auf Berta und sehe die Ungeduld in ihren Augen. „Wann endlich kann fangen an?“, höre ich sie schon reden. Das Dastehen und Nichtstun gefällt ihr nicht, doch komischerweise sieht diese Nervosität bei ihr viel besser aus als bei... „Susanne- so heiße ich. Und ich wohne nicht


weit von hier. Ich habe Philosphie studiert und....“ „Ganz?“, unterbricht die Fischer. „Wie bitte?“ „Na, ganz? Sind Sie fertig?“ „Nein, das bin ich nicht.“ „Wieso?“ „Weil ich... ich habe einen Mann kennen gelernt der....“ „Was arbeitet sie jetzt?“ „Ich bin Sekretärin in einem Anwaltbüro.“ „Ganztags?“ „Nein.“ Die Fischer schiebt ihre Brille zurecht und notiert sich etwas auf ihrem Zettel. Ich finde gut das sie bei mir ist, ich könnte nicht so knallhart sein wie sie. Zu gerne wüsste ich, wie es bei ihr im Inneren aussieht. Verkneift sie sich das Lachen, weil sie sich selbst nicht wiedererkennt oder ist sie voll und ganz die Frau, die sie gerade spielt? Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich nicht merke wie es wieder klingelt. Erneut steht die Fischer auf und läuft zur Türe. Berta und Maier machen ihr Platz, als sei sie jemand ganz Besonderes- und in meinen Augen ist sie das plötzlich auch, selbst ich bekomme tiefen Respekt vor ihr. Als sie wiederkommt blicke ich sie an und

sehe nicht eine Gefühlsregung in ihrem Gesicht. Nur ihre Rastalocken zeigen, dass sie im Inneren nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. „Und Sie sind?“, frage ich die Frau neben Berta und der Maier. „Ich bin Yvonne.“ „Erzählen Sie etwas von sich, Yvonne.“ „Also ich ähm, ich... also ich komme ursprünglich aus Hamburg und bin wegen meinem Freund hier her gekommen.“ „So so.“, meint die Fischer und hebt ihren Kopf von ihrem Notizblock, auf den sie gerade etwas kritzelte. Ich traue mich gar nicht nachzuschauen was es ist, ich habe Angst von ihr ermahnt zu werden. Verdammt spielt sie ihre Rolle gut. „Und was arbeiten Sie?“ „Ich ähm, ich.... bin Hausfrau.“ „Hausfrau. So so. Dann kennen Sie sich wohl aus in Sachen putzen und so, was?“ Die Yvonne sagt grinsend „Ja.“ Ihr Gesichtsausdruck verrät mir, dass sie von der Fischer ebenfalls ein Lachen erwartet, um die angespannte Situation etwas entschärft zu wissen. Doch das Lachen bleibt aus. Ich schlucke den Klos in meinem Hals herunter und schaue wieder nach vorn. Ja, ich habe eine Frage an die Kandidaten. Ich


würde sie auch gerne beantwortet haben- doch die Fischer ist schneller. „Wie flexibel sind Sie?“, will sie von Fräulein Maier wissen. „Ich kann jeden Nachmittag und jeden Abend.“ „Und Sie, Frau Yvonne?“ „Also ab 18 Uhr.“ „So so. Ich schätze wegen den Kindern.“ Die Fischer will es abwertend klingen lassen und sie hat Erfolg damit. Ich denke das Kinder doch etwas Schönes sind und mir es auch nichts ausmacht wenn die Yvonne erst ab 18 Uhr kommt, doch die Rastalocken-Frau neben mir sieht das anders. Sie zupft an ihrer Brille und notiert sich wieder etwas auf ihrem Block. Es herrscht Stille. Dann blickt sie wieder auf und schaut Berta an. „Und Sie?“ „Als meiner Wenigkeit kann immer.“, sagt Frau Holle stolz. Ich spicke auf die Notizen der Fischer und sehe bei „Berta“ zwei Plus und ein Minus, bei den anderen beiden Bewerbern sogar drei Minus, die alle drei extra dick umrahmt sind. „Können Sie uns etwas von ihrer Fähigkeit des Putzens zeigen?“, frage ich und bin froh endlich ein Wort an die potenziellen Putzfrauen richten zu

können. Zwei von ihnen schauen mich verdutzt an, nur Berta springt los als hätte sie auf diesen Satz gewartet. Während die Maier noch fragt wo denn in meiner Wohnung Putzlappen und so weiter wäre, höre ich es im Bad schon rumpeln. Die Frage erübrigt sich. Maier und „die“ Yvonne laufen schnell los, die Fischer und ich hinterher. Berta ist schon ins Schlafzimmer verschwunden und beginnt ihre Tat zu vollbringen, während die beiden anderen sich noch nicht einig sind, wer von ihnen zuerst den Eimer mit Wasser füllen darf. Die Fischer macht sich Notizen und ich schaue nach Berta. In meinem Schlafzimmer steht all das Zeug, das heute Morgen noch im Wohnzimmer stand, aber aufgrund des Castings Platz machen musste. Berta ist geschockt. „Und Sie so können wohnen?“, stellt sie eher fest als das sie frag. „Schlimm, schlimm.“ Sie schüttelt den Kopf und und nimmt den schweren Fernseher vom Bett. Ich komme nicht dazu mich zu rechtfertigen und starre sie mit offenem Mund an. Binnen Sekunden hat sie meine Bettdecke zum Lüften aus dem Fenster gehangen und beginnt kurz darauf mit dem Wischen des Fensterrahmens. Bis dato bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass man diesen Rahmen auch putzen muss bzw. kann. Berta schon. Als sie den Dreck auf dem Lappen


sieht, läuft sie rot an. Leise höre ich Frau Holle „Schlimm, schlimm“, flüstern. Spätestens jetzt ist sie für mich die Siegerin des Castings, der Rest ist nur noch Formsache. Ich merke wie ich mich beruhige, als ich im Bad einen Knall und dann die Fischer schreien höre. Ich gehe zum Ereignispunkt und sehe eine riesige Pfütze auf dem Boden, einen kaputten Eimer mittendrinn und drei hysterische Frauen drumherum. Plötzlich schmiert die Maier der Yvonne eine. Es dauert keine Sekunde, da schlägt die Yvonne zurück und der Maier die Brille aus dem Gesicht. Beide schauen sich an als wären sie zwei rallige Bullen beim Kampf um eine Kuh, nur mit dem Unterschied das die Kuh die Stelle der Putzfrau ist. Plötzlich haut die Maier der Yvonne mit geballter Faust ins Gesicht und das Wasser auf dem Boden färbt sich rot. Ich schaue die Fischer an und sehe einen Gesichtsausdruck den ich noch nie gesehen habe. Dann haben sich die beiden Streithähne in den Haaren und prügeln sich was das Zeug hält. Die Fischer wartet einen Augenblick bis sie einschreitet und bekommt dann selbst eine ab. Ich weiß nicht ob ich lachen oder auch dazwischen gehen soll. Am Ende mache ich beides und bekomme die drei Frauen wie durch ein Wunder tatsächlich auseinander.

Am Schlimmsten sieht die Maier aus. Ihr Dut ist keiner mehr und ihr Lippenstift hängt überall im Gesicht. Es könnte aber auch das Blut der Yvonne sein. Wir alle stehen da und schauen uns an. Am wenigsten können Maier und Yvonne die Situatuion begreifen. Als Berta kommt, lässt sie einen Schrei los und macht sich sofort daran, das Wasser vom Boden aufzuwischen. Dann schmeißt sie unter Gebrüll ihre Mitstreiter aus dem Haus und erspart mir und der Fischer damit eine Menge Arbeit. „Nix kann sein wahr.“, meint Frau Holle als sie auf dem Boden kniet und weiter wischt. „Nix kann sein wahr.“ Dann höre ich die Haustüre knallen und bin erleichtert als die Fischer ihre Brille abnimmt. Wir schauen uns an und müssen lachen. Ich möchte Berta sagen das sie das Casting gewonnen hat, doch als sie sieht das wir „immer noch“ dastehen, verscheucht sie uns ins Wohnzimmer. „Ich nix putzen kann wenn Menschen sind da.“ Heute Morgen dauerte es eine Weile bis ich verstand, was gestern Abend geschah. Dann spielt sich alles wie in einem Film vor mir ab und ich erinnere mich auchdaran, dass ich heute frei habe. Dafür darf ich am nächsten Samstag arbeiten. Das ist halt so, doch daran denke ich gerade nicht


wirklich. Ich bin dankbar für diesen frühe Morgenstunden, in denen ich mich nocheinmal umdrehen darf und schließe meine Augen. Kurz darauf klingelt es an der Haustüre. Schlafgetrunken und ohne recht zu wissen was ich tue, stehe ich auf und greife nach dem Hörer an der Wand, der mich mit der Außenwelt verbindet. „Wer da?“, frage ich lallend. „Berta!!“, höre ich eine freudige Stimme rufen. „Ich nur wollte fragen wann ich kann wieder kommen putzen. Oder Sie nicht waren zufrieden mit mir?“ Berta? Wer ist Berta? „Ach, Berta.“ „Es Ihnen geht gut?“ „Mir? Sicher. Heute brauchen Sie nicht zu kommen.“, sage ich ein wenig wacher. „Wann dann?“ Das Wörtchen „dann“ wird von ihrem russischem Dialekt sehr weich und lange ausgesprochen, was ich sehr interessant finde. „Keine Ahnung, ich bin noch zu müde um so etwas entscheiden zu können.“ „Sie nicht waren zufrieden?“ „Doch.“ „Nein!“ „Doooochhhh!“ „Warum dann Sie nix sagen können wann Berta

soll kommen?“ „Weil ich zu müde bin um einen klaren Kopf zu haben.“ „Nix zufrieden?“ Es reicht mir. Ich lasse den Hörer fallen, trete aus meiner Wohnung, hebe die Fußmatte vor dem Eingang hoch, nehme den darunterliegenden Zweitschlüssel in die Hand, trete zum Fenster und schaue hinaus, sehe Berta und schmeiße ihr den Schlüssel vor die Füße. „Kommen Sie wann Sie wollen.“, schreie ich ihr zu, dann schließe ich das Fenster und die Türe wieder und geh ins Bett. Dienstag. 20. November 2007 19:22 Uhr Um die Frage des Tages auf den Punkt zu bringen: Wieso habe ich keine Freundin? Und wieso stelle ich mir diese Frage? Letzteres ist jedoch gerade eher unwichtig, denn die Frage nach dem Warum steht eh schon im Raum. Also: Wieso? Bin ich hässlich? Bin ich unausstehlich? Stinke ich? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht wunderst du dich darüber, dass ich mir diese Frage stelle. Dazu gibt es natürlich eine Vorgeschichte. Als ich am Montag in den Buchladen komme,


begrüßt mich die Fischer, die es irgendwie immer schafft früher als ich im Laden zu sein. Als ich sie anblicke spüre ich, dass wir in dem anderen seit Freitag Abend nicht mehr nur den sehen, der im Buchladen arbeitet, sondern auch einen Freund. „Und?“, fragt sie als ich meine Jacke im Büro auf hing. „Zufrieden mit Berta?“ „Natürlich.“, gebe ich schnell zurück. „Hey, Henry?“, fragt sie und setzt sich wieder auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. „Mein Mann möchte dich kennen lernen.“ Ich bleibe wie angewurzelt stehen, dass ich mich eigentlich setzen wollte habe ich zu diesem Zeitpunkt vergessen. „Dein Mann?“ „Wir haben da einen sexuellen Wandel gedacht, verstehst du? Immer zu zweit, das ist doch auf Dauer langweilig. Das ist so, wie immer nur Hamburger essen. Verstehst du was ich meine?“ „Hm... Nee. Nicht unbedingt. Du verarschst mich doch gerade.“ „Richtig.“ „Das will ich eigentlich gar nicht wissen, also was ist los?“, frage ich und setze mich endlich auf meinen Stuhl, versuche den Blick von der Fischer abzuwenden und das Bild in meinem Kopf zu zerstören. Es gelingt mir nur teilweise.

„Nee, also jetzt im Ernst. Ich erzähle immer nur so viel von dir und da hat er sich gedacht, dass es eine gute Idee wäre wenn wir dich zum Essen einladen würden. Dich und (Achtung, jetzt kommt ´s) deine Freundin.“ Ich schaue die Frau mit den Rastalocken an und kann meinen Gesichtsausdruck nur erahnen. Wieso glaubt sie, dass ich eine Freundin habe? Wird eine Beziehung heutzutage schon als so normal angesehen? Ich bin doch nicht blöd. Was soll ich mit einer Freundin? Mir geht es doch gut! Keine Verpflichtungen, keine Geldsorgen... „Habe ich was Falsches gesagt?“, fragt die Fischer. „Nee, nee.“, gebe ich schnell zurück und setzte mich endlich auf meinen Stuhl. „Da ist doch was.“, bohrt sie. „Nee. Was denn?“ „Da, das da.“ „Was, das?“ „Na, die Aura um dich herum.“ „Die Aura? Spinnst du jetzt völlig?“ „Du hast keine Freundin.“ Das tut weh. Ich weiß nicht was ich sagen soll, versuche mir eine Wahrheit auszumalen die ich selbst schlucken könnte.


„Das ist nicht schlimm. Wirklich nicht.“ „Wie heißt du eigentlich mit Vornamen?“, frage ich. Diese Frage ist peinlich, sicher. Sie ist sogar sehr peinlich, denn eigentlich müsste ich den Namen meiner Kollegen kennen, doch auch den von Herrn Weser weiß ich nicht (mehr). Die Fischer schaut mich mit böse Augen an und ich sie- auch wenn mein Blick nicht böse sein kann, denn dazu habe ich keinen Mut. „Meinst du das ernst?“ Ich nicke langsam. „Wieso?“ „Wieso was?“ „Wieso fragst du?“ „Na, weil ich es wissen will.“ „Nee, das ist es nicht. Du willst ablenken.“ „Ich? Ablenken? Von was?“ „Das du keine Freundin hast.“ Ich schlucke. Natürlich hat die Fischer recht. Einmal ganz abgesehen davon das ich wirklich keine Ahnung habe wie sie und der Weser mit Vornamen heißen, ist mir die Erkenntnis, dass ich keine Freundin habe, so peinlich, dass ich nichts davon wissen will. In Wirklichkeit verschweige ich das Thema sogar schon seit Jahren vor mir selbst und jetzt wo die Fischer es anspricht, ist die Fassade

eingebrochen. „Bei mir hat es auch ziemlich lange gedauert.“, sagt die Frau vor mir beruhigend. „Mein erstes Mal hatte ich...“ Ich hebe mir die Ohren zu und drehe mich weg. Ich will nichts von ihrem ersten Mal wissen, erst recht nicht mit dem Wissen, dass sie schwanger ist. „14.“ „Du verstehst mich falsch.“, versuche ich mich zu verteidigen. „Ich habe schon viele Freundinnen gehabt. Aber ich habe nur zur Zeit keine. Das ist alles.“ „Aber du würdest es gerne ändern, was?“ Ich spüre das ich rot anlaufe. „Also, schon.“, sage ich und gebe mich der Peinlichkeit des Augenblickes hin. „Vielleicht kann ich da ja was tun.“ „Für mich? Etwas tun? Du?“ „Ja. Eine Freundin suchen.“ „Nee, du. Lass mal.“ Ich male mir aus wie die Freundinnen der Fischer aussehen und dabei läuft es mir kalt den Rücken herunter. „Ich finde schon eine. Auch alleine.“ „Na dann.“, meint meine Kollegin und wirkt etwas angepisst. Vielleicht würde sie mich gerne vergeben sehen. Aus welchen Gründen auch immer.


Ich greife nach einem Stift, der da auf dem Tisch genauso partnerlos rumliegt wie ich. Aber wieso macht mir das soviel aus? Vielleicht weil ich meine innere Uhr schon ticken höre? Weil ich gerne einen kleinen Henry hätte. Ja, das wär schon cool. Einen kleinen Henry. Mit dem würde ich Fussballspielen, Eis essen, ins Kino gehen... Ach, mein Gott werde ich gerade sentimental. Die Fischer schaut mich an, das spüre ich ganz genau. Ich knipse wie verrückt auf dem Kugelschreiber. Knips, knips, knips, knips... „Henry?“ Starrer Blick nach vorne, immer noch knips, knips, knips. Plötzlich nochmal. Ein lautes „Henry!!“ „Was ist denn?“ „Du störst gerade.“ Ich steh auf, starre weiter vor mich und verlasse den Raum wortlos. Als ich vor dem Büro stehe und mein Blick herrenlos im Raum umherirrt, weiß ich, dass ich etwas ändern muss. Ich weiß nur nicht ob ich dabei so bleiben soll, wie ich bin. Ach, alles langweilig. Vorallem ich. Ich drehe mich um 180 Grad, öffne die Türe zu meinem Büro und sage „Ich geh heim, mir ist schlecht.“ und gehe wirklich. Nach Hause. Dort ist Berta. Das wusste ich nicht. Hätte

ich es gewusst, wäre ich einen Saufen gegangen. Obwohl... Alkohol ist auch keine Lösung. Aber Wasser löst auch keine Probleme. Zurück zur Tatsache: Als ich heimkomme, steht Berta in meiner Wohnung und hat den Staubsauger in der Hand. Mit großen Augen blickt sie mich an. In dieser Wohnung riecht es so frisch wie schon lange nicht mehr. „Sie kommen von Arbeit?“, fragt mich Frau Holle. Ich nicke. „Sie schauen fertig aus.“ „Ich bin es.“ „Kommen Sie.“, meint sie und zerrt mich an dem Ärmel meiner Jacke ins Wohnzimmer. „Ich Essen Ihnen machen und dann Sie fühlen besser sich.“ „Aber...“, stammele ich und versuche vergebens den Rest vom Satz „...dafür werden sie doch gar nicht bezahlt.“, dran zu hängen. Berta scheint das egal zu sein. Sie dreht mir gerade ihren Rücken zu um in der Küche Essen für mich zu machen, als sie sich umdreht und mit ernster Miene fragt: „Sie haben nix Freundin?“ Ich zucke zusammen. Das darf doch nicht wahr sein! Ich schaue Berta an und werde gelassen. Richtig ruhig. „Nee.“, sage ich. „Ich bin schwul.“


Berta bekommt nasse Augen und betätschelt meine Wange. „Ohhh!“, sagt sie. „Auch schwule Menschen, Menschen.“ Ich nicke. „Schade. Ich habe hübsche Nichte.“ „Wie hübsch?“ „Nicht schwul?“ „Ich bin flexibel.“ Berta lacht und ich genieße ihre Aufmerksamkeit mir gegenüber. „Ich habe Foto.“ „Dabei?“ „Sicher.“ „Und wieso?“ „Na, wegen du.“ „So. Wegen ich.“ „Sicher.“ „Aber ich bin schwul.“ „Nee, sicher nicht. Wohnung viel zu unbunt.“ „So. Unbunt. Das habe ich auch noch nie gehört.“ „Hier ich habe Foto. Wenn Lust, dann schauen.“ Berta kramt in ihrer Tasche nach einem Geldbeutel, aus dem sie ein Foto herauszieht, legt es mir umgedreht auf den Tisch und verschwindet mit einem Lächeln. Das ist jetzt einige Stunden her.

Seitdem überlege ich, wann wohl der beste Zeitpunkt wäre, das Foto umzudrehen. Aber ich habe Angst dass das Bild in meinem Kopf nicht Wirklichkeit sein könnte und ich habe Angst vor dem Herrn Weser, der schließlich der Vater der Nichte meiner Putzfrau ist. Diese Erkenntnis überrennt mich. Ich gehe in die Küche und gönne mir ein Glas Wasser. Auf das es meine Probleme löse! Donnerstag. 22.November 2007 22:21 Uhr Heute Morgen, als ich in den Buchladen lief, überkam mich eine Sehnsucht. Ein regelrechtes Verlangen nach...(trommelwirbel)... dem Internet. Internet bei mir zu Hause. Internet auf meinem Laptop. Internet auf dem Boden, im Bett, im Garten, in der Küche. Internet einfach überall. Ich brauche es, um meine Idee zu verwirklichen, die mir seit dessen ersten Aufkeimen als Gedanke nicht mehr aus dem Kopf gehen möchte. Und wegen Josef. Der Kleine hat ja kein Geld. Gerne würde ich ihm mehr geben als die 30 Euro im Monat. Daran arbeite ich. Und daran, Berta als Putzfrau behalten zu können. Eigentlich führt das eine zum anderen. Ich habe leider nur keine Ahnung was ich wo tun


muss, um mir das Internet auf meinen Computer zu holen. All das ist übrigens eine Ablenkung, denn ich habe Angst vor dem Foto, welches noch immer da liegt und nach mir schreit. In der Pause habe ich die Fischer gefragt. Nicht was die Sache mit meiner Freundin die ich nicht habe, sondern was die Sache Internet angeht. Die kennt sich vielleicht aus. Nach der Arbeit wollte ich zu T-Online gehen um mir dort ein paar Infos über die Preise geben zu lassen, doch so weit kam ich nicht. Mir ist eingefallen das ist T-Online nicht mag. Ich mag die gesamte Telekom nicht. Ich mag sie nicht, weil sie Mitarbeiter entlässt (oder Neudeutsch: Outsourced) und dennoch sehr viel Gewinne macht. Eigentlich ist mein Verhalten blöd, denn wenn die Telekom keine Kunden mehr hat weil jeder so denkt wie ich, dann entlässt sie noch mehr Mitarbeiter. Ein Teufelskreis. Und dieser Kreis war es, der mich auf dem Heimweg noch mehr über meine Idee nachdenken lässt. Und dazu brauche ich Internet. Als ich zu Hause ankomme, begegne ich meinem Nachbarn, dessen Name ich nicht kenneso, wie ich auch den Vornamen der Fischer immer noch nicht weiß. „Hey, guten Abend.“, sagt er, als wir uns im schwachen Dämmerlicht des Ganges treffen. Er ist

etwas dicklich, hat viele Bartstoppel in seinem Gesicht, lange Haare die er zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden hat und er grinst immer. Stets ist er gut drauf. Vielleicht fällt ihm deswegen auf, dass ich überhaupt nicht gut drauf bin. Noch bevor ich auf sein „Hey, guten Abend.“, antworten kann, meint er: „Is dir ´ne Laus über die Leber gelaufen, oder was is los?“ Ich male mir aus wie es aussieht wenn mir eine Laus über die Leber läuft und mir wird klar, dass ich heute Abend nichts mehr essen werde. „Alles gut.“, lüge ich und greife nach meinem Schlüssel in meiner Jackentasche, möchte schnell in meiner Wohnung verschwinden und die Türe hinter mir zuknallen. Ja, ich bin unhöflich. Und ich bin wortkarg. Und mir ist es egal. „Hey, komm Alder, was ist los?“, will der Dicke wissen und ich spüre, wie er sich Sorgen um mich macht. Wie süß. Einen Moment lang denke ich darüber nach, ihn über sein nächtliches Schnarchen zu berichten, doch dann lasse ich es aus Höflichkeitsgründen doch bleiben- obwohl dann keiner von uns davon was hat. Ich sollte es ihm sagen und ihn auf sein Problem aufmerksam machen, wenn er doch sonst niemanden hat, der


ihm darüber berichten könnte. Am Schluss bin ich vielleicht noch Schuld daran, dass er eines nachts wegen seinem Schnarchen keine Luft mehr bekommt und stirbt. Mit diesem Gefühl möchte ich nicht leben. Ganz und gar nicht. Also sage ich: „Hast du heute Abend vielleicht kurz Zeit?“, und starre ihn mit großen Augen an. Ich kann mir vorstellen, dass dies das erste Mal seit einer sehr langen Zeit ist, dass ihn jemanden um Zeit bittet. Wir schweigen ein paar Sekunden, die sich tief in meine Seele bohren. Ich warte. Ich leide. Dann bewegt mein Nachbar langsam seinen Mund und sagt: „Jaaaa, wieso denn nicht?!“ Ich schließe die Türe wieder, ziehe den Schlüssel aus dem Schluss und meine: „Super.“ Die Wohnung meines Nachbarn besteht aus einem Zimmer und einer Küche. Die Dusche befindet sich außerhalb, zwischen seiner und der Wohnung nebenan, die gerade leer steht. Wird sie bezogen, muss sich mein Nachbar die Dusche mit dem neuen Mieter teilen. „Setz´ dich doch.“, sagt mein Gastgeber höflich und zeigt auf einen Stuhl, auf dem ein Müllsack

steht. Deutlich verlegen meint er flüsternd, dass er heute noch den Müll wegbringen wollte. Ich glaube ihm nicht. Aber das tut nichts zu Sache. Ich bin nicht da um ihn zu beurteilen und mir ist sein Schicksal auch weitgehend egal. Es sei denn er würde sterben, weil ich ihn nicht über sein Schnarchen aufgeklärt habe, doch deswegen bin ich schließlich da. Ich versuche die leeren Cola-Flaschen auf dem Schreibtisch zu ignorieren und kann doch nicht anders, als an die Fischer zu denken, die so ein Greul gegen Cola hat. „Also, Alder, was is los?“, sagt mein Nachbar und setzt sich vor mich an den Schreibtisch. Mir fällt auf, dass das, was bei Ebay einigermaßen Geld bringen würde, hier in dieser Wohnung nur der Computer wäre. Selbst das Bett ist alt. Bestimmt sind schon viele Menschen darauf gestorben. Vielleicht stirbt auch mein Nachbar da drauf. Das macht mir so Angst, dass ich mich wieder auf den Grund meiner Anwesenheit besinne. „Also ich... ich...“, stottere ich und blicke in die Augen meines Gegenübers. „Hey, wie heißt du eigentlich?“, unterbricht er mich. „Tschuldigung, ich kann mir Namen nicht so gut merken.“ Staunend sage ich: „Henry. Und ich hab´s mit


den Namen auch nicht so.“ Ich bin wirklich überrascht darüber, tatsächlich eine Gemeinsamkeit mit meinem Nachbarn zu haben. „Und du?“, frage ich. „Wie heißt du?“ „Maddy.“ „Maddy?“, staune ich auf eine unfreundliche Art. „Eigentlich Martin. Aber meine Freunde nennen mich Maddy. Du kennst doch den Film Matrix, oder?“ Ich nicke und schaue Maddy an. Dann leuchtet´s mir ein. „Aha.“, sage ich. „In Anlehnung an Matrix, was?“ Maddy grinst. „Ja, genau.“, sagt er und dabei hüpft sein Körper auf hoch und ab. Vielleicht lacht er. „Und wieso Matrix?“, frage ich. „Na, weil ich so ein Computerfreak bin.“ Anscheinend haben wir nur eine Gemeinsamkeit. „Aber warum bist du denn da? Hast du Probleme?“, fragt Maddy. „Kann ich dir irgendwie helfen?“ Während mein Nachbar mich mit einem fürsorglichen Blick mustert, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Mir wird klar, dass ich jetzt nicht mit der Wahrheit rausrücken und ihm sagen kann, dass mich sein Schnarchen stört und er, wenn schon, nicht hier sterben soll. Ich lasse meine Augen

kreisen und suche im Raum nach einer Ausrede. Dann sehe ich den Computer und sage: „Du kennst dich doch sicher auch mit dem Internet aus, was?“ Maddy lacht, dabei hüpft sein Oberkörper gut einen halben Meter weit nach oben, während sein grinsender Kopf seltsamerweise da bleibt wo er ist. „Natürlich.“, sagt er. Ich laufe rot an, habe Angst das er sagen könnte „Deswegen bist du aber nicht hier, was?“, und würde am liebsten verschwinden. Meine einzige Möglichkeit, ist die Flucht nach vorn. Deswegen sage ich „Ich möchte mir auch das Internet anschaffen.“, und warte auf eine Reaktion. „Wwwwiiieeee? Du hast noch keines?“ Maddy sieht aus, als würde er mich auslachen. Sein Gesicht läuft rot an und ich spüre seinen Puls schon durch die von ihm in Bewegung gesetzte Luft. Kleinlaut sage ich: „Nee, habe ich nicht.“, und hoffe das mir nicht der Kopf abgebissen wird. „Das geht ja mal echt nicht. Wirklich. Da müssen wir das dran ändern.“ „Deswegen bin ich da. Ich dachte, du kennst dich damit aus.“ Ich habe diesen Satz wirklich nur positiv


gemeint, doch mein Nachbar scheint beleidigt zu sein. „Nur auskennen? Ist das ein Witz?“, sagt er laut und klatscht mir auf die Schulter. „Ich bin Profi.“ Und ich bin beruhigt. Maddy erzählt mir von seine Karriere als Internet-Computer-Guru und lobt sich in den höchsten Tönen. Und ich höre zu. Eigentlich möchte ich doch nur mit meinem Computer in das Internet, doch ich habe mit Maddy ein Lexikon des Binärcodes zum Reden gebracht. Dankend registriere ich wie er nach einer guten Stunde endlich den Mund hält. „Was war deine Frage?“, meint er. „Habe ich jetzt ganz vergessen.“ „Internet.“, stammele ich. Ich bin müde. Fühle mich ausgepowert und verliere von Minute zu Minute die Energie, freundlich zu sein. Doch zu meiner Verwunderung geht´s plötzlich ziemlich zügig. „Internet? Kein Problem? Hast du ein Computer?“ „Laptop.“ „Noch besser. Bring rüber.“ Ich gehe schnell in meine Wohnung, packe mir mein heiliges Untensil des

Gedankenniederschreibens und reiche es Maddy, der sich die Lippen abschleckt, als würde ich ihm mein Laptop zum Essen schenken. Er schaltet das Ding an, sagt einmal „Supi“, steckt erst einen USB-Stick rein, tippt ein paar Zahlen, meint dann „Hier bitte.“, und reicht mir meine Heiligkeit. „Äh? Wie jetzt?“, frage ich. „Das war´s?“ „WLAN.“, meint er. „W was?“ „Du kannst jetzt über meine Box ins Internet.“ Maddy dreht sich zu seinem Computer und ignoriert mich plötzlich. Mir scheint es so, als sei es beleidigt, weil mein Problem viel zu einfach für ihn war. Ich sage freudig: „Danke.“, stehe auf und verabschiede mich. Ich kann nicht wirklich glauben, dass mir auf einmal die gesamte Welt des Internets zur Verfügung steht, schließe meine Haustüre auf und renne an meinen Schreibtisch. Und tatsächlich: Ich bin im Internet. Gespannt schaue ich auf den Bildschirm und gebe vorsichtig www.g..., ein, als sich irgendetwas auf meinem Bildschirm bewegt. „Sie haben eine Mail.“, sagt eine weibliche Stimme. Ich klicke auf einen kleinen Briefumschlag und lese plötzlich: „Hey, Nachbar, klappts?“


Ich bin geschockt. Ist das Maddy? „Ja, sicher. Danke.“, schreibe ich zurück. „Kein Problem. Falls du noch was brauchst, komm einfach rüber.“ Geschockt über den Verlust meiner Privatsphäre, klappe ich den Bildschirm runter und schiebe den Laptop von mir weg. Niemand hat mir gesagt, dass die Leute plötzlich anfangen mit einem zu reden, wenn man im Besitzt des Internets ist. Ich gehe in die Küche und Mixe mir einen Cocktail. Mit Früchten. Dann setze ich mich vor den Fernseher und schlafe ein. Als ich wieder aufwache, hat sich bis auf die Uhrzeit nichts verändert. Ich kippe den restlichen Cocktail auf runter, und wage mich danach wieder an den Laptop. So wie ich mich jetzt fühle, muss sich der Mensch beim ersten Kontakt mit dem Feuer gefühlt haben. Ich schalte den Computer an und traue mich, das Weite des WordWideWeb zu betreten. Der Alkohol hat die Sache des Verlustes der Privatsphäre erträglich gemacht. Freitag. 23. November 2007 20:43 Uhr Die Fischer verlässt uns. Darüber bin ich traurig, denn ich dachte sie würde mir noch ´ne

Weile zur Seite stehen. Doch bei ihrer Schwangerschaft läuft nicht alles so glatt, läuft wie es laufen soll. Das verstehe ich, doch es verbessert meine Lage nicht wirklich. Am Montag bin ich ohne die Fischer und ich habe Angst davor. Daran kann ich leider nichts ändern. Allerdings wartet davor noch eine Abschiedsparty auf sie, die der Schröder kurzerhand geplant hat. Das kam so: Heute kommt ausnahmsweise die Fischer einmal zu spät. Sie, die sonst immer überpünktlich war. Ihr Gesichtsausdruck lässt Schlimmes vermuten, doch auch ohne sie angeschaut zu haben weiß ich alleine schon dadurch, dass ich der erste im Laden war, dass etwas nicht stimmt. „Hey, ist was?“, frage ich sie. „Nee, is nix.“ Obwohl ich keine Freundin habe, weiß ich das es meistens nicht stimmt, wenn Frauen sagen, dass nichts sei. Es ist immer was. Immer. Also lasse ich nicht locker und versuche es auf die SchmeichelTour: ich bin nett zu ihr, netter als sonst, und mache mich auch nicht über sie lustig. Ich bringe sie sogar zum Lachen. Und irgendwann nimmt sie mich zur Seite und sagt mir, dass sie am Montag nicht mehr da sein wird. Sie versucht mir zu erklären warum, doch ich höre nicht mehr hin. Mir reicht es, dass ich


alleine sein werde und mehr möchte ich nicht wissen. Während sie mir von ihrem Unterleib erzählt, schallen nur drei Worte in meinem Kopf: Du bist alleine. Ich starre vor mich hin und irgendwann meint die Fischer: „Hey, alles okay?“ Ich nicke langsam. „Nicht traurig sein, alles wird gut.“, sagt sie. Ich weiß das sie denkt ich hätte Mitleid mit ihr, weil sie ja gehen muss und so, doch ich spüre nichts. Ich nicke nur und schweige. Die Fischer fasst es so auf, als würde mich ihre Angelegenheit voll runter ziehen und ich lasse sie in diesem Glauben. Ich meine, unter anderen Umständen würde mir das Problem das sie hat sicher nachgehen, doch das tut es nicht. Irgendwann sitzen wir im Büro, als der Schröder rein kommt. Er hat natürlich als erster von dem unvermeidlichen Abschied erfahren, er ist schließlich der Chef. Und komischerweise blickt er wie ich drein. Traurig tritt er in das Büro und meint: „Frau Fischer, wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, dann...“ Er schweigt und blickt mich an. „...dann helfen wir natürlich.“, vollende ich den Satz. Der Schröder nickt und mir kommt es vor, als würde er gleich weinen. Noch immer weiß ich nicht

genau warum die Fischer früher gehen muss, doch es muss was Schlimmes sein, denn der Schröder sieht sehr sehr mitgenommen aus. „Danke.“, meint die Fischer und blickt ihren Chef an. Als der Schröder gegangen ist, ist die Situation nicht mehr wie vorhin. Die Fischer schweigt und ich weiß nicht wie ich mit diesem Nichtssagen umgehen soll. Irgendwann sage ich, dass ich auf das Klo muss und schleiche mich zum Schröder. Ich will von ihm wissen was genau der Grund ist, das die Fischer gehen muss. Als ich eintrete, schaut er nachdenklich aus dem Fenster. Er ist so erschrocken darüber, dass ich ihn plötzlich beim Nichtstun erwische, dass er zusammen zuckt und rot anläuft. „Was kann ich für Sie tun?“ „Wegen der Fischer.“ „Ja, schlimme Sache. Sehr schlimme Sache. Setzen Sie sich.“ Ich nehme mir einen Stuhl und setzte mich. Der Schröder schaut mich an und mir kommt die Sache sehr peinlich vor. Plötzlich traue ich mich nicht mehr zu Fragen, was es mit der ganzen Sache auf sich hat und schweige. Und irgendwie hat der Schröder in diesem Moment den Eindruck gewonnen, wir beide würden ganz zeremoniell eine Schweigeminute


abhalten. Auf einmal fängt er das Schluchzen an. Verdammt nochmal. Ich mag es nicht wenn die Menschen mir gegenüber anfangen zu heulen. Und ich mag es erst recht nicht, wenn es mein Chef ist. Ich kann doch nicht einfach hingehen und ihn in den Arm nehmen. Er ist doch mein Chef! Und er ist doch ein Mann! Also sitze ich nur stumm da und schaue aus dem Fenster. Dabei komme ich mir vor wie im falschen Film. Hier heult der Schröder, im anderen Zimmer ist die Fischer mies drauf. Und ich habe echt keine Ahnung warum. Als ich meinen Chef anblicke, fällt mir auf, dass das Foto von seiner Frau umgedreht mit dem Gesicht auf die Decke gerichtet auf dem Schreibtisch liegt. Ich bin mir sicher, dass es gestern noch normal da stand. Also was geht hier ab? Mir stinkt die ganze Sache zum Himmel. Als der Schröder meinen Blick auf dem Foto erkennt, sagt er heulend: „Sie...sie...sie hat mich verlassen.“ Ich muss mir ein Lachen unterdrücken. Ich weiß das wir in einer Zeit leben, in der auch die Männer auf die Tränendrüse drücken dürfen, doch ich kann mich noch immer nicht daran gewöhnen. Langsam und hoffentlich traurig sage ich: „Das tut mir Leid.“ Sofort stößt der Schröder einen hohen Seufzer

aus und mir schlackern die Ohren. Ich reiche ihm ein Taschentuch, das in einer Box auf dem Tisch steht und er pustet was das Zeug hält. „Fast zwanzig Jahre.“, meint er. „Zwanzig Jahre!“ „Ja.“, stimme ich ihm zu. „Das ist ´ne ganze Menge.“ „Und wissen sie was das Schlimmste ist?“ „Nee.“, sage ich. „Was?“ „Das sie mir nichts lässt. Ich darf die Kinder nicht sehen, ich darf das Auto nicht fahren, ich darf nicht einmal mehr zu Hause schlafen.“ Zum ersten Mal werde ich an diesem Tag von meinen Emotionen gepackt. „Was?“, sage ich etwas lauter. „Nicht mehr zu Hause schlafen?“ Der Schröder schaut mich an und legt das Taschentuch zur Seite. „Ich muss hier schlafen.“ „Im Buchladen?“ „Ja.“ „Das geht aber nicht.“ „Ich weiß. Aber soll ich im Park übernachten?“ „Nee, aber...“ „Wo denn dann?“ Ich spüre seinen Blick auf mir. „Haben Sie keine Freunde?“, frage ich. „Mein bester Freund hat meine Frau flachgelegt und Sie fragen mich, ob ich keine Freunde habe?“


Sein bester Kumpel? Deswegen hat ihn seine Frau verlassen? Er hätte sie doch verlassen müssen. Mir kommt die Sache sehr komisch vor, doch ich sage nichts. Ich weiß auf was der Schröder hinaus will und ich beschließe den Mund zu halten. Vielleicht komme ich dann davon. Doch plötzlich: „Haben Sie nicht noch ein Plätzchen bei sich frei?“ „Wie bitte?“, huste ich los. „Ich hab´ Sie grad echt nicht verstanden...“ „Das ist mir ja wirklich peinlich aber...“ Ich höre nicht wie der Schröder versucht, seine Ehre zu retten. Ich denke gerade an die Vorteile die mir winken würden, wenn mein Chef bei mir zu Hause pennen müsste, weil seine Alte ihn rausgeschmissen hat. Er würde in meiner Schuld stehen. Tatsächlich. Insgeheim wäre ich dann der Leiter des Buchladens, denn der Schröder hat, auch wenn er gerade redet um das zu verhindern, seine Ehre verloren. Ich muss grinsen und als der Mann vor mir fertig ist, sage ich: „Kein Problem. Sie können so lange bei mir wohnen, wie Sie möchten.“ Schröder grinst mich an und ist glücklich. Wir wissen beide nicht was wie in diesem Moment sagen sollen und handhaben die Situation eben so, wie

Männer es immer tun wenn ihnen etwas suspekt vorkommt: Wir schweigen. Ich stehe auf, rieche den Triumph und gehe wieder zur Fischer. Als ich am Abend heimkomme, steht die Türe von Maddy offen. Ich versuche mich vorbei zu schleichen, doch er bekommt mit das ich da bin. „Hey, Kumpel. Wie geht’s mit dem Internet?“, ruft er mir zu. „Ähm, ganz gut.“, sage ich als ich den Schlüssel ins Schloss stecke. „Wirklich super.“ „Das freut mich. Hast meine Mail noch bekommen?“ „Ja, du hast mir ja geschrieben.“, sage ich lachend, weil ich nicht weiß welche Mail er meint. „Du hast mir noch gar nicht geantwortet.“ „Auf was?“ „Ja, auf die Mail.“ „Achso. Nee. Habe ich wohl noch nicht.“ „Kannst ja gleich machen.“ Ich nicke. Schnell öffne ich die Türe, trete ein und schließe sie genauso schnell wieder. Dann gehe ich an meinem Laptop, weil ich wissen will was der Maddy für ´ne Mail meint. Als der Computer sich hochgefahren hat und ich auf den kleinen


Briefumschlag geklickt habe, lese ich: „Hey, Nachbar. Ich hab´ mal ne Frage: Kann ich vielleicht ein paar Dateien auf deiner Festplatte speichern? Ich muss mir ein neues Laufwerk kaufen, und die Hardware die ich brauche ist nicht so leicht zu bekommen und oft auch nicht kompatibel mit meiner Software.“ Ich schaue die Nachricht an und verstehe nur Bahnhof. Ich weiß nicht genau was der Dicke von mir will, doch ich möchte ihn auch nicht enttäuschen, denn schließlich hat er mir den Zugang zum Internet ermöglicht. Ich tippe also ein: „Kein Problem. Ich finde deine Idee gut.“, und hoffe auf meine Ruhe. In einer Stunde kommt Schröder. Er hat gesagt, dass er noch ein bisschen im Buchladen bleiben muss, doch ich denke das er sich dort die Seele aus dem Leib heulen wird. Ich nutze die Zeit um aufzuräumen und das Gästebett hinzurichten. Sonntag. 24. November 2007 15:23 Uhr Ich traue mich kaum nieder zu schreiben was am Wochenende los war. Es ist so komisch und abgefahren, dass ich von nun an nicht mehr denke, dass nur ich komische Gedanken habe.

Wenn die einer hat, dann mit Abstand der Gerd, also der Schröder. Ich dachte immer ich bin ein bisschen komisch, aber das Gerdi mir erzählt hat, das bricht echt alle Rekorde. Und dieser Tagebucheinträge auch- allein schon der Länge wegen. Als er, Gerd, am Freitag kommr, stinkt er nach Alkohol. Ich habe versucht mir nichts anmerken zu lassen, ihm gezeigt wo er schlafen kann (auf der Matratze im Wohnzimmer) und ihm auch gezeigt wo die Küche und wo das Bad ist. Letzteres hat er gleich in Anspruch genommen. Kaum die Jacke ausgezogen, hat er seinen Kopf über die Kloschlüssel gebeugt und seinen Magen geleert. Die Sache war ihm sehr peinlich, das denke ich zumindest. Ich denke, dass es sogar eine Entschuldigung war, die er lallend von sich gab, als er sich auf die Matratze fallen gelassen hat. Vorsichtshalber habe ich einen Eimer an seine Seite gestellt und ihn in Ruhe gelassen. Ich setze mich wieder an meinen Schreibtisch und sehe, wie Maddy eine Datei nach der anderen auf meinem Computer speichert. Stundenlang an diesem Abend. Ich möchte nachschauen was das für Dinge sind für die er meinen Speicherplatz braucht, doch da habe ich keine Chance. Kaum klicke ich auf den Ordner mit der Aufschrift „Is nich so wichtig“, schreibt mir


Maddy eine Nachricht: „Nee, kleiner. Wirklich nicht.“ „Wieso?“, schreibe ich zurück. „Davon verstehst du nichts.“ „Von was?“ „Von all dem Zeug da.“ „Ja, was ist das für ein Zeug?“ „Ja, so Zeug eben.“ „Und was?“ „Wieso willst du das wissen?“ „Weil´s mein Computer ist.“ „Ja, aber es dauert so lange das zu erklären. Ich erzähl´s dir ein andermal.“ Ich lasse mich davon nicht beeindrucken und klicke noch einmal auf den Ordner. Mich wundert es überhaupt nicht, dass ich ein Passwort eingeben muss. Was hat Maddy vor? „Was, was machst du da?“, schreibe ich. „Hey, Henry, ich habe was für dich.“ „Für mich? Was denn?“ „Ein Programm.“ „Ein Programm? Für was?“ „Damit kannst du deine eigene Homepage bauen.“ Ich weiß das Maddy das nur sagt um mich bei Laune zu halten und um mir das Maul zu stopfen.

Doch er hat´s geschafft. Ich öffne die Datei, die er mir schickt. „Damit kenne ich mich aber gar nicht aus.“, schreibe ich und versuche ein letztes Mal mich gegen diese feindlichen Einflüsse zu wehren. „Das ist ganz einfach ehrlich. Das schaffst auch du.“ „Und dann? Wenn ich es geschafft habe?“ „Dann hast du deine eigene Homepage.“ „Im Internet?“ „Wo denn sonst?“ „Also, so richtig?“ „Sicher.“ „Mit eigenem www. und .de und so.“ „Jep.“ Ich vergesse das Maddy mir das Programm nur gegeben hat, dass ich meinen Computer hergebe. Binnen Minuten bin ich drin in der Materie des Homepagebauens und kreiere nach und nach meine eigene Welt. Mit Datenbanken und allem was dazugehört. Echt super das Programm. Maddy hat nicht gelogen, ich kapier sofort wie was funktioniert. Das gefällt mir. Es ist, als hätte mein Nachbar gewusst das ich eine eigene Homepage brauche um meine Idee zu verwirklichen. Ich bin den ganzen Abend so in Extase, dass ich ganz vergesse ins Bett


zu gehen. Als mir um vier Uhr die Augen zufallen und mein Kopf auf den Schreibtisch knallt, merke ich, dass ich jetzt ins Bett gehen muss, wenn ich weitere Verletzungen vermeiden möchte. Als ich drei Stunden später aufwache bin ich noch immer totmüde, doch ich weiß, dass ich mich wachquälen muss. Ich muss zur Arbeit. Ich muss vor allem deswegen, weil heute Fischers letzter Arbeitstag ist. Also stehe ich auf, schlürfe in meinem Pantoffeln in die Küche und setzte mir einen Kaffee auf. Obwohl ich das Zeug ja eigentlich nicht mag, brauche ich es, denn nur das Koffein kann mich heute wach halten. Und während ich warte bis das Wasser auf der Herdplatte endlich zu kochen anfängt, sagt ein Mann, der noch fertiger aussieht als ich „Guten Morgen.“, zu mir. Ich drehe meinen Kopf und sehe Schröder. Ich habe ganz vergessen das der hier ist. Ich schaue ihn an und sage nichts. „Sehe ich so schlimm aus?“, meint er. Ich nicke. „Echt jetzt?“ Wieder nicke ich. „Haben Sie für mich auch ein Kaffee?“

Erneut wird genickt. Schröder sieht wirklich fertig aus. Ich fühle mich in einer WG, in der wir einen Tag zuvor eine sehr große Party gefeiert haben und ahne noch nicht, dass das erst an diesem Samstagabend der Fall sein wird. „Was haben Sie gemacht, wenn ich fragen darf?“, will ich wissen. „Gesoffen.“ Ich bin verdutzt über die direkte Antwort. Seither dachte ich, dass der Schröder anders drauf ist, doch plötzlich scheint er auch nur ein Mensch zu sein. Ich gebe also dem Menschen mir gegenüber eine Tasse Kaffee und plötzlich fängt Schröder an zu lachen. „Das bleibt aber unter uns, okay?“, sagt er. „In Ordnung.“ Eine Stunde später haben wir es wie durch ein Wunder fertig gebracht, so auszusehen wie man es von den Chefs einer Buchhandlung erwarten kannbis auf die Augenringe, die sich breit über unser Gesicht ziehen. Kurz vor dem Gehen überlasse ich dem Gerd die Küche und er zaubert uns einen Kaffee der sich gewaschen hat. Einen richtig starken. Einen echt starken! Ich bin mir sicher das ich mit diesem Gesöff in der Blutbahn den Tag gut


überstehen werde, und lasse mir gleich das Rezept aufschreiben, für den Fall das es irgendwann einmal aufhören wird zu wirken. Als wir im Buchladen ankommen, ist die Fischer schon da. Und das obwohl ich heute wesentlich früher dran bin als sonst, denn wir haben Zündstoff im Blut. Ich begrüße sie und sie begrüßt mich, wobei ich in ihrem Gesicht kaum noch die Niedergeschlagenheit von gestern sehen kann. Als der Schröder in seinem Büro verschwindet, spricht mich die Fischer an. „Hey, was hast du mit dem gemacht?“, will sie wissen. „Darf ich nicht sagen.“ „Wieso das?“ „Na, weil ich es eben nicht darf.“ „Da kannst du doch nicht machen. Mir nicht sagen wollen. Ich glaub du spinnst. Das geht nicht!“ Ich schaue die Fischer an und spüre das die Hormone der Schwangerschaft mit ihr durchgehen. „Spinnst du?“, frage ich sie. „Schrei halt noch lauter rum.“ Die Fischer packt mich und zerrt mich mein Büro. „Sag jetzt was vorgefallen ist.“, faucht sie. Ich bekomme Angst vor ihr und schweige. „Sag es jetzt.“

„Wieso willst du das wissen?“ „Na, weil ich es eben wissen will.“ „Wie wichtig ist es dir?“ „Sehr wichtig.“ „Also...“, sage ich. „Der Schröder hat....ich sag ´s dir aber nur, wenn du ruhig bist und niemanden davon berichtest.“ „Sag schon.“ „Also der Schröder ist von seiner Frau rausgeschmissen worden und hat bei mir gepennt.“ „Rausgeschmissen? Wieso das?“ „Na, warum wohl? Weil sie sich so mögen, oder etwa nicht?“, sage ich grinsend, doch die Fischer hat meine blöde Antwort bemerken wollen. „Also trennen die sich?“ „Geht mich nichts an.“ „Aber du bist sein Stellvertreter.“ „Ja und? Geht mich trotzdem nichts an.“ „Kannst du es für mich rausfinden?“ „Wieso?“ „Warum stellst du immer so blöde Fragen?“ „Weil du blöde Dinge verlangst.“ „Haben wir also ein Deal?“ „Nicht das ich wüsste. Bis jetzt muss nur ich was tun, bei unserem sogenannten Deal. Also was springt für mich dabei raus?“


„Was willst du haben?“ „Das du normal wirst und mir die Wahrheit sagst.“ „Kann ich nicht.“ „Aber da ist doch was im Busch.“ Die Fischer lässt sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch fallen. Eigentlich ist´s jetzt meiner, doch ich lasse ihr den Glauben das es ihrer seiheute noch. „Kannst du ein Geheimnis für dich bewahren?“ „Welches?“ „Sag erst. Ja oder Nein.“ „Ja, welches?“ „Henry!“, faucht mich die Fischer an. „Kannst du?“ Ich merke wie sie mich gegen mich selbst ausspielen will und weiß nicht ob ich dieses Spiel mitmachen soll. Nur zu gerne würde ich wissen was hier im Buchladen hinter meinem Rücken abgeht, aber trotzdem geht mir das Privatleben vom Gerd eigentlich am Arsch vorbei. Plötzlich leuchtet´s mir ein: Das Privatleben vom Gerd und das, was sich hier im Buchladen abspielt, ist ein und dasselbe. „Du hast was mit dem Schröder, oder?“, bricht es aus mir heraus. Ich bekomme von der Fischer

eine geknallt und kann es ihr nicht einmal übel nehmen- vorausgesetzt ich liege falsch. Doch ich schaue sie an und merke, das ich ins Schwarze getroffen habe. „Ich habe recht.“, sage ich. „Mit was?“ „Das du mit deinem Chef....“ „Ja, okay!“, schreit die Fischer. „Du hast recht.“ „Und das Baby. Ist das von ihm?“ Ich sehe wie Fischers Hand zuckt. Am liebsten würde sie mir wieder eine klatschen, doch irgendetwas hindert sie daran. Plötzlich wird sie nett, ihr Gesichtsausdruck auch und sie meint in einem übertrieben hohen Ton: „Na und? Jeder hat in seinem Leben mal einen Seitensprung.“ Ich finde diese Aussage lächerlich und kann mir ein Grinsen nicht unterdrücken. „Ich bestimmt nicht.“, sage ich. „Also wenn ich eine Freundin hätte.“ „Du auch Henry, sicher.“ „Nee.“ „Doch.“ „Und wieso?“ Schweigen. „Weil...weil...“


„Weil der Schröder so ein geiles Stück ist.“, sage ich und lache laut los. „Der Gerd ist ein sehr netter Mensch.“ „Und man lässt sich von jedem schwängern, der nett ist.“ „Es war ein Unfall.“ „So so.“ „Ja. Ein Unfall.“ Ich glaube der Fischer. Kann sein das es ein Unfall war. Eigentlich ist´s mir auch egal was die mit dem Chef hat, immerhin ist sie schwanger und ich bekomme ihr Stelle. Das ist was zählt. Doch das der Gerd auch gleich bei mir pennen muss, das geht mir ein bisschen zu weit und macht die Sache auch gleichzeitig zu meiner Angelegenheit. „Weißt du“, meint die Fischer, „der Daniel und ich, wir wollten schon lange ein Baby haben.“ „Der Daniel und du.“, säusele ich vor mich hin. „Wir haben es echt lange versucht, doch es hat nicht geklappt.“ Mir schießt ein Bild vor Augen das nicht mehr verschwinden will. Ich schlage gegen meinen Kopf doch es ist immer noch da. „Und dann bin ich vom Gerd schwanger geworden.“ „Na dann.“, sage ich laut theatralisch. „Wenn das

so ist, dann ist ja alles in Butter, oder nicht?“ „Nee, ist es eben nicht.“ „Wieso?“ „Na weil Gerds Frau von uns Wind bekommen hat.“ „Ich hab´eigentlich gedacht, dass seine Frau seinen besten Freund gepimpert hat.“, sage ich erstaunt und die Fischer schaut mich mit großen Augen an. „Wie jetzt? Die hat einen anderen gezwischtert?“, fragt die Fischer. Das immer Vögel herhalten müssen, für Dinge die sich niemand traut richtig auszusprechen. „Lass mich in Ruhe mit eurem Mist!“, sage ich laut und bestimmend. So laut und bestimmend, dass die Fischer tatsächlich für ein paar Minuten schweigt und mich anstarrt, als hätte ich ihr unbeborenes Baby einen Bastard genannt. Was ich natürlich nie tun würde. Nur denken. „Wowo“., meint sie irgendwann. Ich drehe mich mit meinem Stuhl weg, hin zu dem Regal hinter mir und greife nach irgendwelchen Ordnern, von dessen Inhalt ich nichts weiß und bestimmt auch nicht begeistert sein werde. Doch diese blöde Zahlen und Fakten nerven mich in diesem Moment wesentlich weniger, als es die Fischer macht. Mir ist doch echt egal, wer mit dem gepimpert hat. Zumindest


allmählich. Um drei Uhr machen wir den Buchladen zu. Stillschweigend. Die Fischer redet mit dem Schröder nichts. Sie würdigen sich nicht einmal eines Blickes. Ich würde ja mit beiden reden, würden sie mich nicht so anwidern würden, wie sie es gerade tun. Und so trete ich wortlos meinen Heimweg an, als der Schröder um kurz nach drei den Schlüssel umdreht und selbst wortlos von sich zieht. Ich weiß nicht wohin, mir ist diese Hackfresse auch egal, genauso wie die Bob Marley-Frau. Zu Hause setze ich mich an meinen Laptop. Dieses gute Dinge lässt mich zumindest nicht im Stich, denke ich mir als ich das Programm öffne, mit dem ich meine Homepage gestalten kann. Und sie sieht mittlerweile richtig gut aus. Und die Idee ist es auch. Zugeben: ich habe etwas Angst, so zu werden wie Maddy. Die Idee meiner Homepage ist so gut, dass ich vielleicht eines Tages einmal von ihr leben kann- und spätestens da würde ich so sein wie er. Aber in meinem Hass auf Fischer und Schröder, ist mir Maddy gerade sogar lieber. Deswegen stört es auch nicht sonderlich, als der Dicke mir eine Nachricht schreibt. „Hey, wie geht’s?“

Ich habe mehr erwartet. Er sitzt den ganzen Tag an seinem PC und hat genug Zeit dafür, ein intensives Gespräch mit mir vorzubereiten, weil, schließlich bin ich sein Nachbar und garantiert mehr Wert als ein „Hey, wie geht’s?“. Jeder Mensch ist mehr Wert. Hey wie geht’s?, ist ein wirklich dummer Satz, weil man an dem „Hey“ schon erkennt, dass derjenige der diese Frage stellt, nicht wirklich daran interessiert ist zu wissen, wie es wirklich geht. Ich würde gerne antworten und lege meine Finger zum Schreiben an die Tasten, doch ich weiß nicht wie es mir geht. Ich denke an den Gerd und an die Sache zwischen ihm und der Fischer und da fällt mir ein, dass ich noch immer nicht weiß warum die Rastalocken-Frau ab Montag nicht mehr da ist. „Geht so.“, antworte ich dann. „Wieso? Was ist los?“ „Na, der Beruf halt. Stress. Kennst du doch auch, oder?“ „Nee, kenn´ ich nicht.“ Die Nachricht von Meddy flimmert auf meinem Bildschirm und ich starre darauf. Er hat einen Job, der nicht stressig ist? Ich möchte wissen was das für ein Job ist und schreibe: „Was machst du du eigentlich beruflich?“ „Ich bin im Filmgeschäft tätig.“


„So so. Und was machst du da?“ „Dinge halt.“ „Und was für Dinge, halt?“ „Wenn du das wüsstest“, lautet die Antwort von der ich nicht weiß ob sie mein Nachbar ernst meint, „dann müsste ich dich leider umbringen :-)“ Der Smiley am Ende der Nachricht verbessert meinen Gemütszustand nicht sonderlich. Plötzlich klingelt es an der Türe. Ich gehe zum Hörer und frage: „Wer ist da?“ „Ich.“, höre ich. „Wer?“ „Na, die Berta.“ „Jetzt schon?“ „Ja, sie doch machen Party. „Wer hat das gesagt?“ „Bruderherz. Ich soll helfen vorbereiten oder nicht?“ „Was denn vorbereiten?“ „Ja, Salat, Trinken, Aufräumen.“ „Muss man das?“ „Also in Russland so üblich.“ „Ähm...“ „Party. Fertig. Da gibt es nix!“ „Echt?“ „Ist so...“

„Na dann.“, denke ich, sage es und lasse Berta eintreten. Es dauert eine Weile bis sie es die Treppen hoch schafft und als sie oben ankommt, weiß ich auch warum. Ich fühle mich wirklich besoffen, doch ich weiß es besser. Es ist der Kaffee. Ich begrüße Berta und lasse sie in meine Wohnung. Okay, ab diesem Moment der Begrüßung sollte ich eigentlich sagen, dass sie mich in ihre Wohnung lässt. Denn fast schon so, als hätte sie die Küche selbst eingebaut, stolziert sie in diese und versucht ihre Kuchen abzustellen, doch sieht sie leider nicht viel. Ja, fünf Kuchen können die Sicht schon mal verbauen. Fünf!! „Ich gemacht haben Kuchen.“, sagt die kleine, zierliche Frau, die mindestens fünf verschiedene Kuchensorten auf ihren Händen übereinander gestapelt trägt. Als ich versuche ihr etwas abzunehmen, faucht sie mich an: „Ich machen kann alleine. Nix fassen an Du haben Freundin?“, will die Russin wissen. Verdutzt frage ich: „Was?“ „Du haben Freundin?“ „Nee, habe keine.“ „Dann gut. Meine Nichte auch haben keinen Freund. Du haben gesehen das Foto von ihr?“ Ich erinnere mich an das Passbild, doch ich muss


gestehen das ich es noch nicht angeschaut habe. Also sage ich: „Nein, leider nicht.“ „Oh. Wieso nicht?“ „Ich...weiß nicht.“ „Du haben Angst?“ „Kann sein.“ „Nix brauchen haben Angst. Alles schön. Und vorallem Nichte. Sehr schön.“ „Kommt sie heute Abend auch?“ „Wer weiß“, grinst Berta. Doch plötzlich wird ihr Gesichtsausdruck wieder ernst. „Du nix haben zu tun?“ Ich merke, dass sie alleine sein möchte und verschwinde, setze mich wieder an den Schreibtisch und schreibe Maddy. Dabei fühlt es sich gut an zu wissen, dass Berta alles macht und das auch noch viel viel besser als ich es jemals tun könnte. Auf dem Bildschirm vor mir sehe ich eine Nachricht von meinem Nachbarn. „Habe ich dir Angst gemacht? Ich will dich doch gar nicht umbringen.“ Ich schreibe zurück: „Nee, ich habe vor nichts Angst.“, doch die Sache kommt mir komisch vor. Als ich die Nachricht abgesendet habe, klicke ich ein drittes Mal den Ordner an, der schon seit Stunden

von Maddy befüllt wird- und immer noch. 5,2 GB zeigt der Speicher an und selbst ich als Laie weiß das es viel ist. Mein Laptop hat ´nen Speicher von rund 160 GB und ich gespannt wie lange die Sache noch andauert. „Ist ganz harmlos, ehrlich.“, schreibt mir Maddy. „Ehrlich?“, schreibe ich zurück. „Dann kannst du mir ja sagen was das für Dateien sind.“ „Nee, du, geht nicht. Wie weit bist du denn mit deiner Homepage?“ Maddy versteht es, auf ein andere Themen zu lenken. Weil ich stolz bin auf meine bisherige Homepage lasse ich mich wieder um den Finger wickeln und schreibe: „Ganz gut. Habe schon viel geschafft.“ „Darf ich sie mal sehen?“ „Wenn du möchtest.“, schreibe ich zurück und freue mich das er fragt. Sehr sogar! Gerade will ich ihm die Datei schicken in der sich der Homepagebaukasten befindet, da schreibt er mir: „Sieht schon sehr gut aus. Und das Thema ist sehr interessant.“ Ich bin geschockt. Maddy hat freien Zugriff auf meinen Computer und auf mein Tagebuch. Ich bin mir sicher das er es schon gelesen hat. Um mich zu beruhigen spiele ich mit der Maus, jage den kleinen


Pfeil im Bildschirm vom einen Ende zum anderen. „Hey, was ist los Nachbar? Bist du noch da?“ „Bin ich.“, antworte ich wütend. „Was is denn los?“ „Nichts.“ „Ach komm. Jetzt sag schon.“ „Du spionierst in meinen Sachen.“ „Ich? Echt? Davon wusste ich nichts.“ „Aber du hast freien Zugriff auf meine Ordner und Dateien. Du hast bestimmt schon mein Tagebuch gelesen.“ „Du schreibst Tagebuch?“ „Tu´ nicht so blöd.“ „Ehrlich jetzt, ich habe nichts getan.“ „Das kann jeder sagen.“ „Wenn du dich davon überzeugen willst, dann komm her. Mein Computer steht dir offen.“ Ich blicke auf Maddys Mail und weiß nicht ob ich das Angebot annehmen soll. Ich überlege lange. Dann komme ich zu dem Entschluss, dass es sehr interessant wäre zu wissen, wie so ein ComputerFreak lebt. Ich kenne zwar seine Wohnung, doch richtig leben tun die ja nur durch Bits und Bytes. Kenne ich also seinen PC, kenne ich sein Leben. Also gehe zu Maddy, setze mich wieder auf den Stuhl auf dem ich schon letztes Mal saß und schaue ihn finster

an. „Was ist denn los?“, sagt mir sein bärtiges Gesicht. „Is dir ´ne Laus über die Leber gelaufen?“ „Nocheinmal kannst du mir den Hunger nicht verderben. Nicht heute.“ „Wieso Hunger?“ „Egal. Zeig mir deinen PC.“ Maddy lacht als ich ihn dazu auffordere. „Weißt du was du für ein Glück hast? Viele Leute wollen an meinen Computer ran.“ „Wieso das? Speicherst du deine Dateien auch woanders ab?“ „Nee, das mach ich nicht.“ „Und wieso nicht?“ „Wieso?“ „Bist du den ganzen Tag am Computer?“ „Das ist meine Arbeit.“ „Deine Arbeit, über die ich nichts Genaues wissen darf.“ „Ich bin in der Filmbranche. Habe ich dir doch schon gesagt.“ „Und wo ist deine Ware?“ „Auf meinem Computer.“ „Du handelst mit Pornos. Wahrscheinlich drehst du die auch noch selber.“ Maddy grinst mich an und lacht plötzlich laut.


Dann steht er auf und fragt: „Willst du auch ein Bier?“ Ich verneine, er geht in die Küche und öffnet den Kühlschrank. Während seiner Abwesenheit blicke ich auf den Bildschirm und kann unter all den Dateien und Sachen die auf dem Desktop abgebildet sind, nur meinen Homepagebaukasten erkennen. Kein Tagebuch. Das beruhigt mich. „Was ist das eigentlich für ´ne Homepage an der du da baust. Willst du damit Kohle machen?“, fragt mich Maddy als er sich mit einer Flasche Bier wieder zu mir setzt. „Geld machen? Mit einer Homepage? Wie denn?“ „Ja, durch Werbung.“ „Das geht?“ „Sicher. Hast du das vor?“ „Wenn´s funktioniert.“ „Du brauchst halt viele Besucher. Je mehr User, desto mehr Kohle. Kriegst du das hin?“ „Also ich weiß nicht. Ich hab bis jetzt ja nur so ´ne Idee. Keine Ahnung ob sie klappt.“ „Erzähl mir davon.“ Ich schaue meinen Nachbarn an und erkenne in dem dicken, bärtigen Gesicht einen Hauch von Kindlichkeit. Ich überlege ob ich ihm von meiner Idee erzählen soll und sage dann:

„Wenn du mir versprichst, die Idee nicht zu klauen.“ „Nee, versprochen.“ „Siehst du die Cola-Flaschen auf deinem Tisch?“ Maddy nickt. „Cola pumpt das Wasser in Afrika ab und verkauft es an die armen Afrikaner.“ Mein Nachbar nimmt einen kräftigen Schluck Pils, setzt die Flasche ab, wischt sich den Mund mit seinem T-Shirt und fragt dann, woher ich den Scheiss habe. „Das ist kein Scheiss.“ „Ehrlich jetzt?“ „Ich glaube schon.“ „Und deswegen baust du eine Homepage?“ „Ich möchte die Menschen aufmerksam machen auf die Dinge, die um sie herum passieren.“ „Aha.“, staunt Maddy doch ich merke wie ernst er dieses Stöhnen meint: gar nicht. Er greift nach seiner Bierflasche und setzt an. Dabei sieht er aus wie ein Baby. „Ich meine es ernst.“, sage ich. „Ich möchte ein Portal bauen. Ein großes Forum. Jeder Mensch kann sich dort treffen und sich mit anderen Menschen zusammen schließen.“ „Zum Beispiel zum Cola-Boykott.“


„Genau. Dann gibt’s nämlich keine Ausreden mehr wenn in Deutschland was schief läuft.“ „Oder in Afrika.“ „So siehts´s aus. Und jeder der boykottiert, kann seine Erfahrung zum Thema aufschreiben und auch, warum er das macht.“ „Und du denkst das zieht User an?“ „Ich denke schon.“ „Also ich...“ „Was?“ „Ich weiß nicht so recht.“ „Wieso denn nicht?“, frage ich und schaue meinen Nachbarn mit großen Augen an. „Niemand kann sich dann mehr der Verantwortung stehlen und jedes Mitglied hat die Chance, aktiv an mitzumischen.“ „Hm. Vielleicht will das niemand. Vielleicht gibt ´s ja deswegen noch kein Portal wie deines.“ „Vielleicht ist auch nur noch keiner auf die Idee gekommen.“ „Du musst den Usern Punkte geben.“, sagt Maddy und nimmt wieder einen Schluck. „Wieso das? Wieso Punkte?“ „Na weil die Menschen eine Motivation brauchen. Je mehr Beiträge sie schreiben, desto mehr Punkte bekommen sie. Und je mehr Punkte sie haben,

desto höher gestellt sind sie. Und du musst jedem User die Möglichkeit geben sich mitzuteilen. Zum Beispiel durch Gästebucheinträge, Weblogs, Videos, Bilder, email und und und.“ Mir gefällt wie Maddy denkt. „Du brauchst etwas, was dich von anderen unterscheidet.“, meint er. „Du musst einzigartig sein, denn die Communities boomen gerade.“ „Denkst du, das lässt sich machen?“ „Wenn ich dir die richtigen Programme gebe.“ „Braucht das viel Zeit?“ „Wenn du damit auch Geld verdienen willst, dann schon.“ „Das passt mir nämlich grade gar nicht rein. Ich muss ab Montag meine neue Stelle ganz alleine meistern.“ „Welche Stelle?“ „Stellvertretender Chef in meinem Buchladen.“ „Der Henry hat ja richtig was zu sagen.“, freut sich Maddy und mir scheint, als würde ich ihn schon lange kennen. Er freut sich richtig für mich und das macht mich glücklich. „Also ich kann dir ja ein bisschen unter die Arme greifen, wenn ich... sagen wir mal.... wenn ich die Hälfte des Gewinnes bekomme.“ Da ich eh nicht daran denke Gewinne zu


machen, willige ich ein. Während ich in den darauf folgenden Minuten von meinen genauen HomepageVorstellungen berichte, schwebt mir nach und nach ein komischer Geruch in die Nase. Irgendwann riecht es auch Maddy. „Was ist das?“ Ich stehe auf, laufe in meine Wohnung und sehe Berta, die mich traurig anschaut. „Was ist los?“, will ich wissen. „Ich versucht habe Kuche in Backofen bisschen fertiger zu machen und ich vergessen das ich Ofen geputzt mit Putzmittel. Jetzt Kuchen in Ofen und Ofen heiss, Putzmittel auch und alles stinkt.“ Ich muss lachen als ich das höre, auch wenn ich nicht wirklich verstanden habe was Sache ist. Berta tut mir in diesem Augenblick sehr Leid. Traurig sieht sie aus und ich habe das Gefühl sie aufmuntern zu müssen. Ich stelle ihr Maddy vor, der neben mir steht. „Das ist mein Nachbar.“, sage ich und Berta schaut Maddy an. „Warum du nix so dick wie diese Mann? Ist gut. Du so dünn, das nix gut.“ Mein Nachbar und ich müssen lachen, nur meine Putzfrau nicht. Sie fühlt sich beleidigt und auf den Arm genommen.

„Geht! Geht!“, sagt sie laut. „Nix hier sein. Nur schlecht! Geht.“ Wenig später erscheint Schröder. Er sieht fertig aus, richtig schlecht. Ich traue mich nicht ihn zu fragen was vorgefallen ist, doch wahrscheinlich wird es die Gesamtsituation sein die ihn so mitnimmt. Immerhin hat seine Frau von zu Hause rausgeschmissen weil sie einen Typen flachgelegt hat. Das verstehe ich nicht. Es geht mir nicht in meinen Kopf. Aber es geht mich auch nichts an. Ich biete dem Gerd eine Unterkunft und hoffe das er bald wieder verschwindet. Mehr nicht. Doch dann fällt mir die Fischer ein. „Bitte finde es für mich heraus.“ Wieso? Wieso möchte sie das wissen ob der Schröder sich von seiner Frau trennt- oder umgekehrt? Ja, sie empfängt bald schon klein Gerdi, doch reicht das nicht? Ich nehme dem Schröder seine Tasche ab. Er sieht so mitgenommen aus und die Augenringe in seinem Gesicht sind so groß und auffallend, dass ich mich nützlich machen möchte. Während wir in das Wohnzimmer (was zu seinem Zimmer degradiert wurde) laufen, stelle ich ihm kurz im Vorbeigehen meine Putzfrau vor: („Das ist Berta, die putzt für mich.“) und frage meinen Chef, ob ich ihm irgendwie


helfen kann. Ich meine meine Frage ernst. Wirklich ernst. Gerd sieht aus als hätte er keine Freunde. Und das kann nicht sein. Jeder Mensch braucht Freunde. Und während ich darüber nachdenke und in die Augen meines Chefs blicke, fällt mir ein, dass ich in meinem Leben auch nicht gerade von einem großen Freundeskreis beglückt bin. Plötzlich erscheint mir Schröder nicht mehr wie mein Chef, dem ich Unterschlupf gebe weil seine Frau ihn rausgeschmissen hat, sondern viel mehr wie ein Freund. Ohne es zu merken sage ich: „Das wird jetzt also die zweite Nacht, was?“, und lege meine Hand kameradschaftlich auf seine Schulter. „Ja, das wird sie wohl. Schlimm?“ „Nein, nein. Du kannst so lange bleiben wie du möchtest.“ „Du?“ „Was?“ „Sie haben Du gesagt.“, meint Schröder. „Habe ich nicht.“ „Doch. Ganz sicher.“ Ich laufe rot an. Es ist so, wie damals, als ich mit sieben Jahren das erste Mal ein Mädchen geküsst hat, das mich danach anblickte und mich fragte, was denn der Scheiss soll. Genauso wie

damals fühle ich mich heute. Doch dann sehe ich eine Träne über Gerdis Gesicht laufen. Und plötzlich sind sie wieder da. Diese Emotionen von denen ich nichts wissen möchte. Gerd versprüht sie im Raum und ich kann nichts dagegen tun. Plötzlich nimmt mich mein Chef in den Arm und drückt mich. „Danke!“, sagt er leise und unter Tränen. Ich stöhne ein „Bitte.“ hervor, mehr kann ich unter dem Druck die die Hände meines Chefs auf meinen Brustkorb ausüben nicht von meinen Stimmbändern verlangen. Doch plötzlich scheint die Sache dem Gerd peinlich zu sein und er dreht sich weg. Ich schaue ihn an und frage mich ob ich was falsch gemacht habe, spüre dabei diese leicht schwule Art gegen die ich eigentlich nichts habe, nur bei mir soll sie nicht gerade durchbrechen. Dann sehe ich Maddy an der Türe stehen. „Ich will ja nicht stören oder so“, meint er grinsend, „aber wir in ein paar Stunden steigt hier ´ne Party und hier ist nichts.“ „Party?“ „Berta hat schon Kuchen mitgebracht.“ „Deine Putze?“ „Mama-Ersatz, würde ich schon fast sagen.“ „Hab schon gedacht, das ist deine Freundin.“ Autsch.


„Also was ist jetzt?“, will Mady wissen. „Woher weißt du eigentlich das hier eine Party steigen soll?“, möchte ich hingegen wissen. „Hast du mir gesagt.“ „Nee, hab ich nicht.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ „Auch egal, reden wir später drüber. Wir brauchen was zu trinken.“ „Also das Wasser...“ „Trinken!!!“ „Ahhh!! Ich verstehe! Aber Moment... ich hab kein Geld. Kann mir Berta nicht mal leisten.“ „Henry, du bezahlst deine Freundin?“, fragt Gerd ein bisschen durch den Wind. „Nee, meine Nutte.“ „Kein Thema. Ich habe Geld.“ „Das war ein Witz, sie ist meine Putzfrau!“ „Für den Alkohol, du Depp.“ Plötzlich grinst der Gerd und kramt in seiner Tasche. Ich staune nicht schlecht als er fünfhundert Euro auf den Tisch legt. „Woher...“, frage ich. „Schwarzkonten.“ Ich weiß nicht ob Schröder das ernst meint. Und ich kann auch nicht sagen das mir das egal ist, dass

er irgendwo her fünfhundert Euro hat und behauptet , dass es Schwarzgeld sei. Aber ich nehme es hin, stecke das Geld in meinen Geldbeutel und sage freudig: „Lass uns einkaufen gehen.“ Als Schröder, Maddy und ich in den kleinen, alten, roten Ford Fiesta meines Nachbars steigen, freue ich mich auf die Kohle die in meinem Geldbeutel ruht, andererseits habe ich auch ein schlechtes Gewissen. Schwarzkonten? Von? Vom Buchladen? Hafte ich dann mit? Ganz klar: Zu viele Gedanken. Wir kommen im Kaufland an und mir sträuben sich die Nackenhaare. Ich arbeite nun schon sein einigen Jahren nicht mehr in diesem Laden, doch immer wenn ich betrete, träume ich mindestens zwei Wochen lang von ihm. Das meine ich ernst. Deswegen versuche ich ruhig an die Sache ran zu gehen. Das wir jetzt hier sind und wir gerade in diesen Laden den größten Betrag des heutigen Tages liegen lassen werden, hat was mit Faulheit zu tun. Maddy wollte einfach nicht weiter als insgesamt einen Kilometer fahren, weil das Benzin gerade so teuer ist und er überschreitet mit diesem einen Kilometer sein Monatspensum angeblich bereits um


zwei. Keine Ahnung wie er das berechnet hat und vor allem warum. Natürlich gäbe es noch einige andere Geschäfte in denen das Einkaufen bestimmt genauso viel, wenn nicht sogar noch mehr Spass machen würde, doch nun sind wir eben hier. Ich laufe den langen Gang entlang und schiebe meinen Einkaufswagen vorbei an Blumenerde und Grußkarten. Ich sehe eine Mitarbeiterin die nicht kenne. Sie ist wahrscheinlich noch nicht so lange hier. Das kann man erkennen, wenn man in das noch unverbrauchte und optimistisch dreinblickende Gesicht schaut. In spätestens einem Monat ist es verschwunden. Das optimistisch dreinblickende Gesicht und vielleicht auch die Mitarbeiterin. Maddy bleibt vor Servietten und Kerzen stehen, packt sie in seinen Wagen und macht beim Alkohol weiter. Er scheint so, als hätte er schon seit Wochen keinen Kontakt mehr mit Menschen gehabt und freue sich auf die Feier. Der Schröder eher nicht. Er schaut betrübt zu Boden und blickt mich hin und wieder an. Ich weiß genau das er sich in diesen Momenten fragt, was er hier eigentlich macht. Ich kann mir gut vorstellen das er an einem normalen Samstag um diese Uhrzeit mit seinen Kindern etwas unternehmen würde, doch nun ist hier, schläft und isst bei mir, ist ganz auf meine soziale Ader

angewiesen und weiß nicht wie seine Zukunft aussieht. Okay, das weiß niemand so genau, doch Maddy und auch ich wissen im Gegensatz zu Gerd schon ziemlich genau, wo wir in einem Monat oder in einem Jahr schlafen werden. Gerd nicht. Irgendwie tut er mir Leid. Doch dann, ich lenke meinen Einkaufswagen auf die Rolltreppe zu und sehe wie Maddy von mir davon saust, denke ich an die Fischer die von ihm gepimpert wurde und plötzlich kommt mir diese Sache gerecht vor. Ich blicke meinen Chef an. Er sieht aus wie ein verloren gegangener Teddybär der seinen Anschluss verpasst hat und sucht mit seinem Blick nach einem Halt, den erst recht Kaufland ihm nicht bieten kann. „Alles klar?“, frage ich ihn. Er nickt. „Wird heute bestimmt toll, oder nicht?“ Schulterzucken. „Das wird schon.“, sage ich und versuche dem Gerd Mut zu machen. Plötzlich rollt ihm eine Träne über das Gesicht und würde mich die Sache irgendetwas angehen, würde ich ihm sagen das der einzig Unschuldige und bemitleidenswerte Typ in dieser Ich-Schlafe-Mit-Jemand-Anderen-Geschichte, der Mann von der Fischer ist, und er sich nicht so


anstellen soll. Schiebt im Kaufland seinen Einkaufswagen und fängt an zu heulen! „Ist das Geld wirklich vom Buchladen?“, frage ich ihn um auf ein anderes Thema zu lenken. Ich kann zu unrecht weinende Menschen nicht ausstehen. Als Schröder seinen Kopf schüttelt und plötzlich in einem wutentbrannten Gesicht sagt, dass das sein Geld sei, er es aber lieber versäuft und verfrisst bevor es seine Frau in die Hände bekommt, fällt mir ein Stein vom Herzen. An der Kasse fängt die Kassiererin an zu zittern, als sie drei Einkaufswägen mit Bergen extrem kalorienhaltigem Futter sieht. Die Menschen hinter uns fangen nach drei Minuten zu meckern und zu toben an, weil nur drei Kassen offen sind und eine davon ist durch uns verstopft. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch und lästern, doch keiner hat den Mut uns das, was sie untereinander tuscheln, ins Gesicht zu sagen. Da muss ich an die Fischer denken, die kein gutes Wort für die deutsche Mentalität übrig hat. Ich verstehe sie in diesem Moment ein bisschen besser. Die Fischer kommt um halb acht- und das nicht einmal alleine. Daniel ist dabei, ihr Ehemann der

nicht die geringste Ahnung davon hat, wer mit wem gepimpert hat und wer mit wem noch pimpern möchte. Ich kann mit diesem Druck des Wissens aber Schweigens nicht umgehen und kippe mir, bevor ich die beiden begrüße, zwei kleine Feiglinge hinter die Binde. Dann atme ich noch einmal tief durch und reiche erst der Fischer die Hand, dann dem armen Daniel. Ich hatte Hoffnung das er ein Arschloch ist. Dann könnte ich den Seitensprung der Fischer verstehen, dann würde ich ihn vielleicht sogar unterstützen. Doch als mir seine Hand reicht und sich für die nette Einladung bedankt, habe ich das Bedürfnis nach zwei weiten kleinen Feiglingen. Daniel ist nett. Leider. Okay, ich habe ihn nicht eingeladen, doch ich würde es tun. Keine Frage. Wahrscheinlich mehr als die Fischer. Im Allgemeinen habe ich gerade nicht viel Ahnung von gar nix. Allein schon der Satz! Nicht viel Ahnung von gar nix. Aber so ist es. Und unter anderen Umständen wäre der Akt des sich gegenseitig Vorstellens und Beschnupperns wie der andere so tickt, sehr langweilig. Ich genieße den Anblick als Gerd Daniel die Hand reicht und ihn begrüßt, sehe sein Gesicht und kann Scham und Hass gleichzeitig darin erkennen-welch wunderbares


Schauspiel. Und da ist es wieder. Das Monster Monster mit acht Händen und zwei Gebissen. Und dieses Monster heisst Scham. Das geht mir so nach, dass ich mich in die Küche schleiche und mir noch einen kleinen Feigling gönne. Ich weiß dass das keine Lösung ist. Das Problem ist nur, dass es in diesem speziellen Fall einfach keine andere Lösung gibt, oder ich besser gesagt, ich nicht glauben möchte, dass es eine gibt. Die Fischer ist da, ihr Ehemann und der Mann von dem sie schwanger ist. Nebenbei weiß die Fischer zwar das ihr IchSchwänger-Dich-Typ von zu Hause rausgeschmissen wurde, aber hat keine Ahnung davon ob das gleichzeitig eine Trennung bedeutet. Plötzlich kommt Berta in die Küche und schaut mich entgeistert an. Zuerst weiß ich nicht warum, dann sehe ich die Flasche Feigling in meiner Hand und drei weitere auf dem Tisch liegen. Leer. „Du saufen?“, fragt sie mich. „Nee, is Wasser.“ „Du lügen?“ „Ich alt genug.“ „Mein Onkel sich hat gesaufen tot.“ „Möchtest du mich etwa mit ihm vergleichen?“ „Wenn du so weiter machen.“, sagt sie. Dann tritt sie einen Schritt nach vorne und schaut mich

sorgevoll an. „Du haben vielleicht Probleme?“ „Nee, die habe ich nicht. Also nicht die klassischen.“ „Was ist dann? Vati tot? Mutti tot?“ „Nein.“ „Was ist los?“, fragt sie. Ich kann nicht fassen in welcher Situation ich mich befinde. Immerhin ist Berta Russin. Sie muss Alkohol doch schon mit der Muttermilch eingesogen haben. Zumindest sagen meine Vorurteile, die sich gerade beginnen in Luft aufzulösen. Immerhin ist es ja nur ein kleiner Feigling, und nicht ein großer Ichbin-der-Beste-der-Welt. Den würde ich nicht trinken. In meinem Magen wird´s warm und ich spüre die Sorgen sich von mir verabschieden. Das ist ein schönes Gefühl, auch wenn es nicht lange anhalten wird. Doch vielleicht kann ich meine Probleme in genau der Zeitspanne lösen, in der ich besoffen bin. Dann blickt Berta in meine glasigen Augen und kneift mir in die Backe. „Alles in Ordnung?“, fragt sie. Ich nicke. „Komm mit, viele Menschen da sind.“ Meine Putzfrau streckt mir ihre Hand zu und ich ergreife sie. Sie führt mich raus aus der Küche und stellt mich vor Herrn Weser, bei dem sie mich dann


stehen lässt und selbst weiter zieht, weil irgendjemand tatsächlich sein Sektglas auf den Tisch stell- ohne Unterlage. Kurz darauf merke ich, dass die Wohnung auf dem Meer treibt. Alles dreht und bewegt sich in verschiedene Richtungen. Ich blicke den Weser an, und der hat tatsächlich eine Frage. „Wundern Sie sich?“, will er wissen. „Schon, ich dachte die Wohnung würde wackelfrei sein. Aber wenn Sie meinen das sie hier sind, auf einer Party auf der wirklich Alkohol konsumiert wird und sich einige den Freifahrschein direkt in die Hölle holen, werden, dann lautet die Antwort: Ja, das tue ich. Da haben Sie recht.“ „Ich bin hier, weil ich etwas zu verkünden habe. Und damit retten Sie Ihre Seele übrigens.““ „So so. Etwas zu verkünden. Seele retten. Legen Sie los.“ „Sie werden sich freuen. Glauben Sie mir.“ Ich habe Probleme mit dem Gleichgewicht und auch sonst geht mir irgendwie alles am A**** vorbei, vorallem was Weser sagt. Ich lasse ihn stehen und gehe weiter, suche nach Sektgläsern die ohne Unterlage auf Tischen stehen. Doch er folgt mir. „Ich möchte Ihnen jemanden vorstellen.“

„Tatsächlich?“, sage ich erstaunt und drehe ich mich zu ihm um. Dann sagt mein Mitarbeiter irgendetwas von Frau und Tochter und deutet auf eine etwas ältere und eine jüngere Frau. Es dauert zwar ein paar Sekunden, doch ich kapiere dann, dass die Menschen die auf mich zukommen, die Frau von Herrn Weser ist und...tja.. die Nichte von Berta eben. Die Ehefrau Wesers bekomme ich noch einigermaßen auf die Reihe, das bedeutet, dass sie keine Frau ist die mich zum Sabbern bringen würde, doch ganz anders sieht es schon bei der Tochter aus. Sie reicht mir die Hand, diese zarten Finger und bedankt sich wie all die anderen Menschen an diesem Abend für die Einladung. Doch nur ihr nehme ich das wirklich ab. Allein schon deswegen, weil sie es wie niemand anderes in dieser Wohnung versteht, so schön auszusehen und mich anzulächeln, als gäbe es kein Morgen. Ich versuche nett und höflich zu sein und wünsche mir in diesem Augenblick, keinen Alkohol getrunken zu haben. Anderseits macht mich dieser Promillepegel unwiderstehlich und extrem redseelig. Ich schaue das Wesen vor mir an, blicke in diese braunen Augen der Unschuld und sage: „Mein Name ist Henry...“


In diesem Moment wird mir klar, das Alkohol keine Lösung ist. Die Lösung auf alle Probleme ist die Liebe. Ganz logisch. Ich blicke Sina an und stehe mit einem Bein im Nirvana. Alle anderen, angeblichen Sorgen erscheinen plötzlich ganz seltsam klein. Sina schaut mir in die Augen, und es ist um mich geschehen. Alle Menschen, denen es auch schon einmal so erging, wissen was ich meine. Alle anderen tun mir Leid. Wir stehen etwas Abseits und blicken uns an, während mir im Kopf unheimlich viele Fragen umher schwirren. Doch allein die Tatsache hier zu sein, mit ihr, fühlt sich an, als wäre ich angekommen. Dabei ist das in Wirklichkeit nicht der Fall. Ich muss etwas tun, um den Zustand zu vertiefen, um sie wiederzusehen- aber zuerst einmal, um sie kennen zu lernen. Doch stattdessen leitet Sina das Gespräch ein, und nicht ich. Sie bestätigt mir, dass ich eine schöne Wohnung habe, was ich dankend annehme. Und dann legt sie los. „Ich liebe witzige Filme, leider gibt es davon nicht genug. Halbherzige Hollywoodschinken langweilen mich. Ich lese auch gerne. Dazu komme ich aber gerade selten, denn mein Job nimmt mich total ein. Dabei müsste er das gar nicht mal, dann wären meine Kunden, wenn man so will, aber sehr einsam, denn meistens haben sie niemanden der

sich um sie kümmert. Und so bleibe ich oft länger bei ihnen als ich eigentlich dürfte. Wenn es geht zumindest. Das führt dazu das ich ein ruhiges Gewissen habe, mich aber auf Dauer kaputt mache. Mein Traum wäre es, mit meinen Patienten in einer großen großen WG zusammen zu leben und mein Job in mein Privatleben einfließen zu lassen. Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Menschen, die im Grunde vollkommen mit ihrem Job zufrieden sind. Bis auf die wenige Zeit für mich selbst. Das wird sich jedoch ändern, wenn wir in einer WG wohnen. Bis dahin habe ich einen 15 Stunden Tag, was mir aber einen ruhigen Schlaf beschert. Und warum breche ich damit über dich herein? Um ehrlich zu sein, meine Eltern wollen mich schon lange unter der Haube sehen. Am liebsten schon gestern als heute. Sie sind extrem gläubig und nehmen einem die Luft zum Atmen. Vielleicht sind nicht alle so, aber sie sind es zumindest. Wenn du draußen also einen alten VW-Bus stehen hast und mit mir die nächsten Jahre die Welt erkunden möchtest, dann sage ich nur: Hier bin ich und lass uns gehen. Am liebsten wären mir die nordischen Länder. Schweden und so. Einfach einmal keine Menschen sehen. Auch wenn ich Rosi und die anderen mitnehmen würde, aber behinderte Menschen machen mich mit ihren


unkomplizierten Sicht auf die Dinge einfach glücklich.“ Ich stehe neben Sina. Wir lehnen uns beide an die Wand in der Küche und schauen gerade aus und schweigen uns an. Die Informationsflut die über mich hereinbrach hat mich nicht überwältigt oder gar erschlagen. Im Gegenteil. Endlich ein unkomplizierter Mensch, denke ich mir. Auch wenn Sina sich gerade dafür schämt. Das ist aber nicht nötig, denn ich spüre in mir das Gefühl, endlich einmal Glück zu haben. Jetzt bin ich mal dran. Ich schaue sie an und lächele. Sie auch. Anscheinend ist sie erleichtert darüber, dass ich nicht das Weite suche. Es gibt bestimmt viele Typen die das machen. Kann ich mir vorstellen. Ich nicht. Ich finde sie interessant. Mehr denn je. „Und?“, fragt sie. „Was denkst du?“ Ich schaue gerade aus und habe vor Augen, wie wir beide in Schweden aus unserem Bus in einen tiefen, klaren, kalten See springen und um die Wette schwimmen. Dann sage ich „Ich habe aber keinen Bus“ und lächele sie an. Sie lächelt zurück und die Welt ist in Ordnung. Auch ohne Bus und Schweden. Plötzlich wird unsere Zweisamkeit gestört, als ich im Augenwinkel durch die Türe hindurch Herrn Weser sehe, der mich anstarrt und plötzlich auf den Boden

knallt. Einfach so. Vielleicht hat er gerade mit aller Kraft bei seinem Chef versucht zu arrangieren, dass ich in die Hölle komme. Jedenfalls sehe ich ihn jetzt auf dem Boden liegen. Ach nee, denke ich, und trotz des Alkohols reagiere ich schneller als die anderen in meiner Wohnung und bin schon bei meinem Kollegen, als Sina anfängt zu schreien und zu kreischen. „Was ist denn los?“, frage ich Herrn Weser, während ich auf dem Boden Knie und mich über ihn beuge. „H...H....Herz.“ „Arzt?“ „Wär´ angebracht.“ „Mach ich schon.“, sagt Maddy locker, als würde er sich eine Pizza bestellen. „Henry?“, meint Weser leise. „Wenn du sie nicht heiratest, sorge ich dafür das du in der Hölle landest. Egal wo ich gleich sein werde.“ Plötzlich kippt sein Kopf nach hinten auf den Boden. Sina fängt wieder an zu schreien, ich richte mich auf und komm nicht umher, meinen ehemaligen Kollegen unfreundlich mit dem Fuss gegen das Schienbein zu treten. Was bildet der sich eigentlich ein! Mir drohen, dann sterben. Ich frage Maddy nach einer Zigarette, obwohl ich eigentlich nicht rauche, zünde


sie mir an und gehe die Treppen herunter, während ich in der Ferne einen Krankenwagen höre. Ein wenig später stürmen die Rettungsdienstler eilig die Treppe hoch die ich gerade runter kam und nun stehe ich da und ziehe an der Kippe. Ziemlich Scheisse, dass Weser sterben muss. Ich weiß gar nicht was er gegen mich hatte. Schon am Anfang der Party hatte er gesagt, er hätte etwas zu verkünden. Da er jetzt tot ist, hat sich das wohl. Blöd. Ich setze mich auf den Boden und sehe die Rettungsmenschen wieder an mir vorbeziehen, nur Rückwärts und nicht ganz so schnell, weil diesmal der Weser auf einer Trage liegt. Dann sehe ich Sina, Berta und die Fischer an mir vorbei rennen. Ich ziehe an meiner Zigarette. Ab dem Filter wird’s wilder. Es ist nicht gerade kalt draußen, man sieht die Sterne. Bin mal gespannt, wann ich den Weser wiedersehe. Etwa eine halbe Stunde später, tut mein Arsch weh. Ich stehe auf, fahre mit meiner Hand über mein Gesäß, weil die Kieselsteine sich über die Zeit langsam aber sicher in mein Fleisch gebohrt haben und weil die Leute, die vorhin aus dem Haus gestürmt sind, nicht mehr zurück in dieses sind, gehe ich wieder in meine Wohnung. Als ich eintrete, höre ich schon den Gerd

schluchzen. Das stört gewaltig. Am liebsten würde ich ihn raus schmeißen. Doch stattdessen setze ich mich zu ihm, weil er neben einem Tisch sitzt, auf dem was zu trinken steht. Manchmal kann das Leben so einfach sein. Ich lasse mich in meinen alten Sessel fallen und komm nicht umher Gerd anzuschauen. „Gefällt sie dir?“, will er wissen. „Sina?“ Gerd nickt. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Die Stimmigkeit. Diese... ich kann es nicht beschreiben.“ Gerd nickt erneut und scheint mir damit sagen zu wollen, dass so etwas früher, ganz früher, als die Menschen noch mit Knochen Musik machten, bei ihm auch vorkam. Diese Liebe. Ich glaube ihm nicht, denn soetwas gab und gibt es nicht noch einmal. Bei keinem Menschen. Aber ich lasse ihm in seinem Glauben. „Und bei dir? Wie sieht ´s aus?“, will ich wissen. „Meinst du den Teil der Party, in dem Weser starb, oder als ich über´m Klo hing und gekotzt habe.“ „Beides.“ „Ich würde schon interessieren, ob der Weser jetzt zeitliche gesegnet hat. Wieso ich gekotzt habe


liegt auf der Hand.“ „Was ist eigentlich los?“ „Was meinst du?“ „Deine Niedergeschlagenheit, deine Beziehung oder Nichtbeziehung zur Fischer. All das eben. Die Fischer ist schwanger, aber nicht von ihrem Mann. Ich weiß das du es bist und eigentlich ist´s mir egal aber ich kann unter diesen Umständen nicht richtig arbeiten.“ „Wie? Arbeiten?“ „Es belastet mich. Diese Geheimnisse. Dabei dachte ich wir werden langsam Freunde. Also mehr als nur Chef und Untertan. Immerhin... du darfst bei mir wohnen.“ „Ja aber...“ „Ist was an der Sache dran? Sag es.“ Gerd nickt. „Gut. Trennst du dich von deiner Frau?“ „Wieso?“ „Ja oder Nein?“ „Ähm....ich...“ „Hallo? Sie hat einen anderen gepimpert.“ „Ja aber...“ Ich spüre wie mir die Geduld ausgeht. Alles was ich möchte ist zu Arbeiten, meine Rechnungen zu bezahlen und in Ruhe gelassen zu werden und Sina

besser kennen zu lernen, doch dieses Recht wird mir verweigert. Ich balle meiner Hand zu einer Faust und versuche ruhig zu bleiben. Ich habe diese GZSZ-Geschichten satt. Genauso satt wie dieses Meldungen über einen „Heiligen Krieg“ und diese gesamte Kacke die damit verbunden ist. Warum scheint immer alles so verdammt kompliziert zu sein? Warum kann nicht alles so sein wie Sina? Einfach direkt. Plötzlich bricht Schröder in Tränen aus und diese Emotionalität die mir entgegen schlägt, bricht mir fast das Genick. Ich nehme meinem neuen Mitbewohner das Glas aus der Hand und versuche durch ruhiges Ein- und Ausatmen meine Nerven unter Kontrolle zu behalten. Dann sage ich meinem Chef, dass er sich wie ein kleines Baby verhält und er selbst schuld ist an der Sache, die mich eigentlich nichts anzugehen hat. Doch ich stecke mitten drin. Der Gerd legt die Fäden seines Lebens in meine Hand und ich darf damit spielen wie ich möchte. Er sitzt einfach nur unter Tränen da und schweigt. Oder er spricht eine andere Sprache, die ich nicht verstehe. „Trenne dich von deiner Frau, schweige darüber das du die Fischer geschwängert hast und alle sind glücklich.“ Ich stehe auf, verbuche diesen Satz als


die Erkenntnis des Tages und schenke mir ein garantiert letztes Glas ein. Dann sage ich: „Naja. Alle außer deine Frau, aber die hat´s verdient.“ Als ich mich wieder umdrehe und den Gerd anschaue, scheint er plötzlich wie ausgewechselt. Er trägt noch immer die gleichen Klamotten doch seine Seele strahlt auf einmal richtige Lebensfreude aus. Ich kann kaum fassen wie schnell das geht und bin mir nicht sicher, ob ich diesen neuen Lebensmut in ihm geweckt habe. Vielleicht ist es ja auch gar keiner. Vielleicht hat er erkannt, dass das Universum eh früher oder später in sich zusammenfallen wird und sich die Sorgen auf diesem kleinen Planeten nicht lohnen werden. Doch er sagt: „Danke.“, und strahlt mich wirklich so an, als sei ich der gewesen, der ihm frischen Wind gegeben hat. Egal ob das Universum morgen noch steht oder nicht. Ich kippe das Glas herunter und bin mir nicht sicher, ob meine Idee gut ist. Immerhin ist sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnappsidee. Doch dem Schröder geht’s gut und das ist wichtig. Er ist mein Chef und wenn es ihm nicht gut geht, geht´s mir auch nicht gut. Ich bin eigentlich schon dazu verpflichtet, dafür zu sorgen das er ein tolles Leben hat. Also: Mission erfüllt. Ich stelle das Glas

auf den Tisch, verabschiede mich und gehe schlafen. Heute wird sich der Schröder nicht umbringen. Donnerstag. 29.11.2007 18:23 Uhr Der erste Tag ohne die Fischer verlief gut. Eigentlich hat sich nur insofern was verändert, als das ich niemanden mehr wirklich zum Reden habe- zumindest keinen der so verrückt drauf ist wie sie. Gerd zählt nicht. Der ist noch komischer. Er hat sich ein neues Auto gekauft und neue Krawatten, strahlt eine Perfektion der Freude aus und ist schlichtweg nicht mehr wieder zu erkennen- und angeblich bin ich daran schuld. Und das lässt er mich auch auch spüren. Er mischt sich nicht ein in meine Arbeit, lässt mich absolut in Ruhe, alles was ich mache ist okay für ihn. Doch ab und zu kommt er trotzdem in mein Büro und will Dinge von mir wissen die überhaupt nichts mit der Arbeit zu tun haben. Wie ich sein neue Krawatte finde, ob sein neues Auto schick aussieht- und gestern auch, ob ich seine neue Wohnung gut ist. Gerd Schröder zieht aus! Ich habe meine Wohnung wieder für mich alleine! Welch eine Freude!


Und als ob gerade alles gut laufen würde, hat mir Maddy die Homepage gezeigt, an der er laut eigenen Angaben sehr lange gebastelt hat. Gestern Nacht haben wir die Seite online gestellt und zwar genau um Null Uhr. Okay, der Besucherzählen hat sich die darauf folgenden Stunden nicht bewegt, doch das wird noch. Ich spüre es. Es muss! Denn...es ist fast schon peinlich das zu sagen: Berta muss bezahlt werden und ich habe kein Geld. Mein neues Gehalt ist nicht so groß ausgefallen wie ich gedacht habe.

Seite gestellt. Pro Klick gibt’s Geld. Nicht viel, wir hoffen das wir vielleicht ein paar Euro im Monat einnehmen können, andererseits wär´s toll wenn so viel rausspringen würde, dass ich Berta bezahlen könnte. Und die gute Frau hat keine Ahnung davon. Klar, bis jetzt bezahle ich sie noch von meinem Ersparten. Und währen dich ideenbrütend vor dem Laptop sitze und warte bis sich die Besucherzahl der Website dazu entschließt zu steigen, denke ich an Sina. Natürlich denke ich an Sina. Samstag. 30. November 2007

Freitag. 30 .November 2007 22:39 Uhr Besucher auf der Homepage: mittlerweile zehn. Immerhin. Davon hat einer eine Gruppe „Boykott dem vorgeschriebenem Leben“ eröffnet und berichtet davon, dass er jetzt im Wald lebt, sich von Tannenzapfen und Regenwasser ernährt, die Tiere seine Freunde sind und er nichts anderes zum Leben braucht, als seinen Verstand und seine Hände. Ich frage mich nur wie er ins Internet kommt, immerhin berichtet er schon seit gestern Abend regelmäßig von seinem so sorgenfreien Leben. Maddy hat auch jetzt Werbebanner auf unsere

23:33 Uhr Neunundvierzig! So viele Besucher haben sich mittlerweile auf unserer Homepage umhergetrieben. Dreißig davon haben sich angemeldet und ihr Profil errichtet- doch nur zwei sind der Gruppe des Waldmenschen beitreten. Immerhin. Der freut sich und schreibt mittlerweile zweimal täglich was er im Wald so treibt. Viel ist´s nicht. Geht auch schlecht. Aber er hat sich eine Digitalkamera gekauft und macht jetzt auch Bilder. Schön. Was der Wald alles hergibt. Sogar Kameras. Und ich renne immer zum Media-Markt. Sonntag. 02. Dezember 2007


19:12 Uhr Vor einer Stunde klopft Maddy an meiner Türe, drückt mir einen Brief in die Hand und fragt mich ob er reinkommen darf. Noch bevor ich etwas sagen kann, trtt er in meine Wohnung, setzt sich vor meinen Laptop und nimmt wortlos seine Arbeit auf. Ich stehe an der Türe, blickt ihm nach, blicke auf den Brief in meiner Hand und lese, dass er von dem kleinen Josef kommt. Genau! Vom kleinen Josef aus Afrika, für den ich eine Patenschaft übernommen hatte. Der Josef, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob er wirklich von mir weiß, ob mein Geld auch wirklich bei ihm ankommt. Ich stehe im Gang der Wohnung, die Türe ist noch immer geöffnetdoch das bekomme ich nicht mit. Ich öffne den Brief in meiner Hand und versinke dabei in eine tiefe Depression: Ich habe die Patenschaft gekündigt. Schon vor ein paar Wochen. Das ist aber nicht das Problem, da ich seither eh nicht wusste ob mein Geld ankommt. Aber jetzt bekomme ich diesen Brief, der mir sagt das ich falsch lag. Josef muss ihn abgeschickt haben, da wusste er noch nicht das ich ihn nicht mehr möchte! Wie traurig! Mir rollt eine Träne die Wange entlang, als ich das Papier in meinen Händen auseinander falte. Dann sehe ich ein Bild. Schon wieder. Klar, denn Josef kann kein

Deutsch und wahrscheinlich nicht einmal schreiben! Der arme Kleine! Ich sehe einen Brunnen und viele kleine Kinder drum herum, die lachen und sich freuen. Sie scheinen mir zu winken. Mir rutscht etwas aus der Hand und als ich mich bücke um es zu greifen, lese ich darauf: Sie geben den Kindern in Afrika Mut! Dank Ihnen und all den Menschen mit einem so großen Herz wie Ihnen, müssen die Kinder nur noch wenige Meter zum Brunnen laufen und kein schweres Wasser mehr schleppen. Sie haben so mehr Zeit zum Lernen, um etwas aus ihrem Leben zu machen. Vielen Dank! Mir rutscht der Brief aus der Hand, meine Augen weinen, meine Seele stirbt, ich schaue in den Spiegel neben mir und sehe ein Monster! Und das bin ich! Ich stelle mir den kleinen Josef vor, wie er nicht an den Brunnen darf weil ICH aufgehört habe Geld zu spenden, sehe ihn vor meinem geistigen Auge kilometerweit durch die Wüste laufen, während seine Klassenkameraden ihn auslachen. Und ich bin schuld. Maddy ruft mir zu „Wo bleibst du denn? Is´was?“, doch ich kann mich nicht bewegen.


Ich merke wie ich in eine Depression rein rutsche und helfe mir selbst dabei sogar, denn ich habe nichts anderes verdient! Ich bin schlecht! Armer Josef! Irgendwann laufe ich zu meinem Nachbarn, der mit weit geöffneten Augen vor meinem Laptop sitzt und mich zwar bemerkt als ich mich neben ihm abstelle, doch das scheint ihm egal zu sein. Und mir ist es recht! Armer kleiner Josef. Ich blicke Maddy an und frage: „Hast du schon einmal etwas getan, wofür du dich richtig geschämt hast?“ Matrix-Lover schielt mich von der Seite an und sagt: „Mach ich ständig, doch der Trick ist, das Gewissen auszuschalten.“ „Geht das?“ „Ja. Denk einfach nicht mehr dran.“ In Gedanken packe ich Josef und versuche ihn aus meinem Kopf zu schieben, doch er wehrt sich und will nicht gehen. „Geht nicht.“, sage ich. „Bei mir funktioniert es. Dann machst du was falsch.“ Glaube ich nicht. Ich denke, dass das wofür sich Maddy schämt, noch lange nicht so schlimm ist wie das, was ich dem kleinen Josef angetan habe. Aber ich lasse das Thema ruhen. Zumindest Maddy gegenüber.

„Hey, deine Festplatte...“,, sagt mein Nachbar und ich bin froh über diese Ablenkung. „Kann ich da ein paar Daten von dir...ähm...löschen?“ „Ähm...nö.“ „Okay, da ich wusste das du das sagen würdest, habe dir eine externe Platte mitgebracht, da passt noch was drauf.“ „Wie wär´s wenn du deinen Scheiss einfach löschst?“ „Mein Scheiss? Das ist wertvoll.“ „Dann nimm´s mit.“ „Bald, bald Kumpel.“ Ich bin zu fertig um mich aufzuregen, ich sitze da und starre auf den Bildschirm meines Computers. Was Maddy macht ist mir plötzlich egal. Irgendwann stehe ich auf, suche in der Küche nach einem kleinen Feigling der noch von der Party übrig geblieben ist und als ich ihn gefunden habe, kippe ich ihn fast runter. Doch ich fühle mich noch immer schlecht. Und plötzlich weiß ich auch wieso: Weil ich trinke! Josef hat kein Wasser! Aber ich habe Wasser! Ich kann trinken! Er nicht! Also darf ich auch nichts Flüssiges zu mir nehmen! So einfach ist das! Plötzlich fühle ich mich gut und bin erleichtert. Es ist, als wäre ich auf einmal von all meinen Sünden freigesprochen worden. Ich gehe wieder zu Maddy


und umarme ihn. „Hey, was ist mit dir los?“, fragt er erstaunt. Doch ich schweige. Er würde es nicht verstehen. Josef schon. Als der Matrix-Freak gegangen ist, setze ich mich selbst an meinen Laptop und melde mich auf unserer Website als User an. Ich gebe mir den Namen Absolutultraverrückt007. Dann gestalte ich mein Profil. Meine Hobbies sind: Schreiben. Doch das hört sich langweilig an. Also lösche ich dieses Luschi-Hobby und tippe stattdessen „Verrückte Gedanken haben“ in die Tasten. Das hört ist doch gleich viel besser an! Es hört sich komisch an! Es hört sich verrückt an! Ich lade ein Foto hoch und eröffne ein neues Thema. Wie es ist, ohne Wasser zu leben! Als genau Erklärung schreibe ich, dass aus Sympathie zu den Menschen aus Afrika auch auf Wasser verzichten möchte, weil den ihnen das Wasser von Cola ab gepumpt wird. Ich werde einfach nichts trinken! Null! Nichts! Dann lehne ich mich zurück, strecke mich und schaue auf den Bildschirm. Mein Blick gleitet auf den Besucherzähler der Homepage und was ich dort sehe, lässt mich an meinem Verstand zweifeln: 989!

Die nächsten zwei Stunden laufe ich durch die Wohnung, als würde ich Feuer austreten. Ich bin unruhig. Sehr unruhig. Als ich den Fernseher anschalte, bekomme ich gesagt, dass der LottoJackpot von 38 Millionen Euro noch immer nicht geknackt ist. Und das wir heute den ersten Advent haben. Ich weiß nicht worüber ich mich mehr aufregen soll. Mir passt es nicht, dass das Geld noch immer auf dem Markt der geldgeilen Säcke ist, weil ich mich selbst plötzlich gezwungen sehe, Lotto zu spielen. Dann könnte ich Berta bezahlen! Das wär´s doch! Doch während ich merke, dass ich bislang dieses Jahr gar kein Adventskranz habe, düse ich zu meinem Schreibtisch, hole mir einen Taschenrechner, Papier und einen Stift, gehe ins zum Klo, schnappe mir vier Klorollen und setze mich im Wohnzimmer auf das Sofa. Den Taschenrechner, das Papier und den Stift lege ich ersteinmal zur Seite. Dann nehme ich die Klorollen, wickele sie ab, stecke das Papier in die leere Rolle und wiederhole diesen Akt der Verzweiflung drei Mal. Anschließend stelle ich meine Kerzen auf den Tisch und zünde eine von ihnen an. Und sie brennt gut! Mein persönlicher Adventskranz! Und wie schön er brennt! Doch dann denke ich an Berta, nehme meinen Taschenrechner und das übrige Zeug und


rechne aus, wie viel Geld ich zur Verfügung habe, wie viel Geld ich morgen beim Lotto einsetzen könnte. Ich rechne und rechne. Gleichzeitig brennt meine Kerze ab und erheitern mein Gemüt. Ich denke an Josef. Wenn ich gewinnen würde, dann würde ich ihm viel Geld geben! Mich beruhigt dieser Gedanke, er wäscht meine befleckte Seele rein und gibt mir ein wunderbares Gefühl des sündenfreien Lebens! Wer braucht da noch Wasser? 22:56 Uhr Ich habe auf die Homepage geklickt. Mittlerweile haben wir über Tausend Besucher. Einer hat meine Gruppe Wie es ist, ohne Wasser zu leben angeklickt. Er schreibt: Echt toll was du machst! Könnt ich nicht! Allein schon wegen der eigenen Gesundheit! Bleib weiter am Ball, ich unterstütze dich! Liebe Grüße, Weltverbesserer234 Ich schreibe zurück: Danke! Ich zieh´s durch! Und wegen der Gesundheit: Mir geht´s gut! Ich fühle mich wohl!

Ich klatsche aus Freude in die Hände, finde toll das sich jemand für mich interessiert. Und von wegen Gesundheit! Ich fühle mich gut. Dann klicke ich die Gruppe des Typen an, der im Wald lebt. Er sagt, dass ihm die Kälte nachts zu schaffen macht, er es aber durchhalten und dagegen ankämpfen wird. Ich frage mich nur, warum? Ich muss grinsen als ich darüber nachdenke, finde meine Situation und mein Beitrag für eine bessere Welt viel genialer, schalte gleich mit einem Lächeln im Gesicht meinen Laptop aus und werde ins Bett gehen. Gute Nacht! Montag. 03. Dezember 2007 19:32 Uhr Gerd kommt nicht zur Arbeit! Sein Handy ist aus. Ich muss den Laden alleine führen und bekomme Panik. Ich übergebe dem Weser die Führung, ohne das der davon etwas mitbekommt. Vielleicht muss ich an dieser Stelle sagen das der Weser nicht das zeitliche gesegnet hat. Er hatte noch einmal Glück. Darüber bin ich überrascht, denn ich bekomme davon erst Wind, als ich ihn in meinem Buchladen sehe. Das war, als wäre ein Geist vor mir erschienen. Und genauso böse schaut er mich auch an. Wie ein Dämon. Und wer weiß... Jedenfalls schließe ich mich


in meinem Büro ein und denke nach. Über Josef. Und über Sina. Und Berta. Und über die Fischer. Sina würde ich gerne wieder sehen. Den Josef würde ich gerne überhaupt einmal sehen. Die Berta würde ich gerne bezahlen können und bezüglich der Fischer würde ich gerne wissen, ob sie ihr Kind schon auf die Welt gebracht hat, und ob ihr Mann erkannt hat das es nicht seines ist. Um sechs gehe ich aus dem Laden raus, schmeiße dem Weser die Schlüssel zu, sage das er heute mal abschließen soll, schließlich hat er heute auch den Laden geführt und sich drücken geht mal gar nicht! Außerdem kann der Dämon in ihm auch mal was Gutes tun. Doch dann, wieder in Freiheit, raus aus diesem kleinen Büro, weiß ich nicht wohin ich gehen soll. Lebensmittel einkaufen, oder gleich nach Hause? Mein Kampf der Entscheidung dauert fünf Minuten! Ich habe einfach keine Ahnung, wohin ich gehen soll. Doch dann gehe ich ins Kaufland. Ich zwinge mich dazu. Dieses Land der begrenzten Freiheiten ist der einzige Laden in der Nähe und ich möchte nach Hause! Schnell! Trotz nötigem Einkauf! Es ist dunkel! Um nicht zu viel Zeit vertrotteln zu müssen, entscheide ich schon unterwegs was ich kaufen werde: Tiefkühlpizza. Nur Tiefkühlpizza. Zehn Stück! Und alle von der gleichen Sorte! Ich

packe diese zehn Stück gefrorene Teigwaren aus dem Land der Italiener, gemacht in den Produktionsstätten Kauflands also unter meine Arme und versuche schnell die Kasse zu erreichen bevor mir meine Gliedmaßen anfrieren. Um Geld zu sparen nehme ich keine Tasche. Wieder packe ich die Pizzen unter meine Arme und laufe nach Hause. Schnell! Denn mir ist kalt! Doch unterwegs, ach du Wunder, du barmherziges Wunder, du Amor der Liebe, da treffe ich Sina. Sie schaut mich an, als hätte sie noch nie jemanden mit so viel Tiefkühlpizza im Winter unter den Armen gesehen, doch ich versuche so cool zu reagieren, als ob das, was sie sieht, das Normalste der Welt wäre. Doch ich bin nicht cool! Ich bin überrascht! Ich freue mich sie zu sehen. Sehr sogar. „Hey, Henry.“, sagt sie und bleibt vor mir stehen. „Wie geht´s dir?“ Plötzlich wird mir klar, dass ich mich schlecht fühle. Das hat auch was mit dem Wasser zu tun, das mir seit gestern einfach fehlt, aber auch Sinas „Wie geht´s dir?“ ist nicht ganz unbeteiligt. Es ist eine Wie-geht´s-dir-Frage der Beleidigung. Solche Fragen stellt man nur Menschen, die man nur einmal im Jahr sieht und man sich wünscht, dass es dabei auch bleibt. Doch ich kann einfach nicht


vergessen wie sehr es an der Party zwischen uns geknistert hat. „Mir geht’s ganz gut.“, sage ich und bin beleidigt. „Das sieht aber gerade nicht so aus.“ „Ja, aber geht schon.“ „Schmeißt du heute Abend ´ne Party?“ Ich schrecke auf. „Wieso?“, frage ich. „Möchtest du kommen?“ Sina lacht. „Wegen den vielen Pizzen unter deinem Arm.“ „Nee, du“, sage ich. „Vorrat.“ „Achso.“ Schweigen. Wir versuchen zu vermeiden uns anzuschauen. Irgendwann meint dieses schöne Geschöpf vor mir: „Du, ich bin umgezogen.“ „So so.“, sage ich. „Das ist ja schön.“ „Ich wohne jetzt nicht weit von dir.“ Ich bin noch immer beleidigt und sage: „Aha. Gut gut.“ „Also“, meint Sina und kramt in ihrer Handtasche, zuckt eine Visitenkarte und schiebt sie mir in meine Jackentasche, „vielleicht möchtest du mich ja mal besuchen.“ Sie lächelt mich an und verschwindet. Ich auch. Nach Hause. Den ganzen

Weg lang denke ich darüber nach, dass Sina diese Nummer der Visitenkarte bestimmt bei vielen Männern abzieht, wieso sollte sie sonst Visitenkarten haben? Daheim angekommen, schiebe ich meine Pizzen in das kleine Gefrierschränkchen im Kühlschrank, doch da wollen nicht alle rein. Also gehe ich ins Schlafzimmer, öffne das Fenster und packe den Rest auf das Dach. Draußen ist kalt, wird schon schief gehen. Dienstag. 03. Dezember 2007 18:04 Uhr Mein zweiter Tag ohne ein Tropfen Wasser. Ich rede mir ein, dass es mir gut geht, doch das tut es nicht. Ich weiß plötzlich wie der kleine Josef sich fühlt und leide mit ihm. Ich leider aber auch aus ganz anderen Gründen! Gerd Schröder geht! Ganz! Und zwar endgültig! Heute Morgen ist er mit zwei Stunden Verspätung in den Buchladen gekommen und ist ohne irgendetwas zu sagen, in sein Büro gestürmt. Ich hinterher, frage was los ist und sehe wie er seinen Schreibtisch zusammen räumt. „Ich gehe.“, sagt er. „Und wann kommst du wieder?“ „Ähm... sagen wir mal... nie wieder.“


„Wie jetzt?“ „Ich bin meine Frau los und bin wieder frei.“ „Aber... das.... das geht doch nicht.“ „Doch, siehst du doch. Ich habe Lust auf was Neues.“ „Ja, aber dann kauf dir ´nen neuen Schreibtisch oder...“ Plötzlich dreht Gerd sich um, schaut mir in die Augen, reicht mir seine Hand und bedankt sich für diesen einleuchtenden Satz, den ich ihm nach der Party gesagt habe. Ich könnte mich dafür ohrfeigen! Schröder geht wegen mir! Und bevor ich mich versehe, lässt er mich in seinem ehemaligen Büro zurück. Ich weiß nicht wo mir der Kopf steht, bin völlig außer mir, flüchte in mein eigenes Büro, schließe die Türe hinter mir zu und flüstere: „So, Herr Weser, jetzt bist du wieder an der Reihe.“ Ich bleibe den ganzen Tag in meiner Hölle...ich meine, Höhle. Einmal klingelt das Telefon. Ganz lange. Nach fünf Minuten gehe ich ran, höre eine Stimme die sich als Verkaufsleiter vorstellt. Die Stimme fragt, ob der Schröder wirklich gegangen sei. Ich sage ja, frage was das ganze soll, doch ich

die Stimme sagt, dass sie das selbst nicht weiß, der Gerd sei heute Morgen in der Zentrale erschienen und habe gesagt, dass er jetzt in sein Büro fahren, seine Sachen zusammenpacken und abhauen werde. Und das hat er auch gemacht. Ich frage wer jetzt als Ersatz kommt. Die Stimme sagt, dass der Neue schon unterwegs ist. Ich weiß nicht ob ich mich deswegen freuen soll, schließlich habe ich den Gerd dressiert und den Neuen nicht. Ich weiß jetzt schon das ich ihn nicht leiden kann! Dann hört die Stimme auf zu sprechen und legt auf. Ich verkrieche mich unter meinen Schreibtisch, stecke das Telefon aus und fühle mich seltsam komisch! In meinem Kopf pocht irgendetwas gegen den Schädel und möchte heraus, doch ich kann es nicht raus lassen, weil sonst Luft in mein Hirn kommt und dann... tja... dann ist da eben Luft drin. Und das geht nicht! Also wippe ich hin und her, versuche dieses Pochen zu ignorieren und fahre damit ziemlich lange ziemlich gut. Doch vier Stunden später ist es wieder da. Ich weiß nicht was ich tun soll, ich habe kein Fenster in meinem Büro, kann keine frische Luft schnappen, bin hier drin gefangen, kann nicht raus. Auch nicht aus meinem Körper! Auch nicht aus meinem Hirn! Also habe ich etwas mit diesem Pochen gemeinsam! Irgendwann klopft es an meiner Türe und


jemand versucht in mein Büro zu kommen, doch ich habe die Türe abgeschlossen. Ich schreie „Wer ist da?“, und bekomme eine Antwort, die ich mir schon gedacht habe: „Ihr neuer Chef, Karl Schmitz. Kann ich reinkommen?“ Ich schaue mich um und sehe niemanden. Keinen Schmitz. Ich weiß nicht was mit mir los ist, doch ich kapiere einige Sekunden lang einfach nicht, dass dieser Schmitz noch hinter der Türe steht und erst rein möchte, also noch gar nicht bei mir im Raum stehen kann! Obwohl ich weiß das dieser Gedanke dumm ist und noch dazu ziemlich abgefahren, lobe ich mich selbst, als ich merke das Schmitz noch hinter der Türe steht! Ich bin drauf gekommen! Dieser Schmitz kann mich nicht verarschen! Mich nicht! Ich rapple mich auf, schmiere mir die Haare zurecht, öffne die Türe und.... und blicke in die Augen eines Mannes, der von seiner Körperform her, Bodybuilder sein könnte. Vielleicht ist er´s ja auch. Ich schaue ihn an, sehe sein markantes, eckiges Gesicht, das verrät, das irre viel Megatonnen Testosteron in seinem Körper umherfließen und sage leise: „Ich bin Henry.“ „Karl. Karl Schmitz“ Dieser Karl reicht mir seine Hand und

zerquetscht sie fast. Was hat mir die Zentrale da geschickt? Einen Auftragskiller? Ich schaue in die Augen Schmitz´und habe Probleme dieses Pochen in meinem Kopf zu unterdrücken. Ich weiß das es von diesem Wasser kommt, dass ich einfach nicht in meinem Körper habe und weiß auch, dass ich durchhalten muss- Josef zuliebe! Dem armen, kleinen Josef! „Sind Sie Null Zwei?“ „Null Wer?“ „Null Zwei.“ „Ich habe eine Nummer?“ Schmitz schaut mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank! Aber ich frage mich, wer von uns beiden verrückt ist! Menschen gibt man doch keine Nummer! Spinnt der! „Geht es Ihnen nicht gut?“ „Mir? Ach was. Bestens! Also ich bin die rechte Hand Schröders. Also... zumindest war ich es einmal. Der ist ja jetzt nicht mehr hier.“ „Richtig. Aber ich. Ich bin der Neue. Entschuldigung das ich so spät komme, unterwegs war Stau.“ „Aber das macht doch nichts.“, sage ich. „Wollen Sie vielleicht einen Kaffee?“ Ich frage aus Eigennutz. Ich spüre das der Neue


voll Energie steckt und nicht so faul ist wie Gerddas könnte ein Nachteil werden. Plötzlich muss ich an die Fischer denken. Wieso ist sie nicht hier? Wieso ist der Gerd nicht hier? Wieso muss sich immer alles ändern? Und wieso muss ich alles ausbaden? „Nein. Ich würde gerne mit meiner Arbeit beginnen. Können Sie mir alles zeigen?“ Ich nicke. Wir gehen in Schröders ehemaliges Büro, was dem Schmitz nicht zu gefallen scheint. Er drückt mir einen Notizblock und einen Stift in die Hand und meint: „Schreiben Sie auf: Neue Vorhänge. Neuer Schreibtisch. Neues Telefon.“ Er läuft in die Mitte des Zimmers, dreht sich hin und her, begutachtet sein neues erstes, zweites oder gar drittes Reich. „Ein Wasserspender muss her, ein neuer Kalender. Der hier ist ja von 2005. Haben Sie das?“ Ich nicke. „Haben Sie das, möchte ich wissen.“ „Ja, Sir.“ Der Neue schaut mich an, als hätte ich seine Mutter beleidigt. Ich spüre seinen Atem auf meiner Haut und versuche diese von Wasserdampf verseuchte Ausdünstung nicht einzuatmen, muss an Josef denken und versuche hart zu bleiben. „Wollen

Sie mich eigentlich verarschen?“, fragt er ruhig. „Nein, Sir.“, antworte ich jauchzend. „Ich will sie nicht verarschen. Ganz sicher nicht.“ „Haben Sie das?“, wiederholt er langsam. Ich nicke. „Kommen Sie mit.“ Ich folge dem Neuen. Ich renne ihm hinterher wie ein Sklave der sich nichts zu sagen traut, spreche nur wenn ich gefragt werde und verfalle in das Ich-will-doch-nur-überleben-Schema zurück, welches in tagtäglich während meiner Ausbildungszeit bei Kaufland anlegen musste. „Schreiben Sie: Neue Wand, neue Regale. Wie viel Personal haben wir?“ „Ähm....“ Ich muss überlegen. Die Fischer ist weg, dafür ist niemand gekommen. Der Schröder ist weg, aber dafür ist der Schmitz jetzt da. Also macht das....“ „Schlafen Sie?“ „Nein, noch nicht.“ Schmitz bleibt spontan stehen, ich knalle auf seinen von Muskeln bepackten Körper, doch er scheint nicht viel davon mitzubekommen. Ich schon. Ich bekomme kaum noch Luft. Plötzlich sehe ich den Herr Weser vor mir und hoffe das er dem Neuen entkommen kann, versuche ihm durch meine


Gedanken klar zu machen, dass er flüchten soll, doch dann leuchtet mir ein, dass keiner von denen Gedanken lesen kann. Schade eigentlich. „Und Sie sind?“, fragt Schmitz. „Weser. Herr Weser.“ „Position?“ „Ähm....“ Weser schaut mich an und mir bleibt nichts anderes übrig, als mit den Schultern zu zucken und zu hoffen, dass die Geschichte ein gutes Ende nimmt- trotz Dämon. „Position.“, wiederholt Schmitz. „Ähm...also Buchhändler halt.“ „Aha.“, meint der Neue. „Position Null.“ Null? Was hat Null zu bedeuten? Immer diese Zahlen für Menschen die eine Seele haben! Wie weh mir das tut! Schmitz, du Null Null! Doppelnull! Die Führung dauert mehr als eine Stunde, am Ende habe ich eine Liste von sechsundsechzig Dingen, die geändert werden müssen. Sechsundsechzig! „Herr Henry?“, sagt der Neue als wir wieder vor seinem Büro stehen. „Bitte, nur Henry.“ „Also Herr Bitte nur Henry....“ Ich balle meine Hände zu Fäusten und hoffe das

er es nicht sieht. Das Pochen in meinem Kopf wird stärker! Ich schlucke den Klos in meinem Hals herunter und hoffe das ich gleich aufwache, dass der Neue einfach weg ist und der Schröder wieder da! Das wär schön! Doch Schmitz bleibt. „Sie kümmern sich um die Dinge, die auf der Liste stehen.“ Dann verschwindet er in seinem Büro und knallt die Türe zu. Ich verschwinde auch in meinem. Gerade als ich die Türe hinter mir abschließen und mich unter meinen Schreibtisch setzen möchte, kommt Herr Weser rein. Er sieht absolut nicht gesund aus. „Was ist denn los?“, frage ich entsetzt. „Kann ich Ihnen helfen?“ „Lassen Sie das!“, meint er. „Äh?“, staune ich. „Keine Zeit für Höflichkeit. Wir müssen den Neuen weg bekommen.“ „Gute Idee.“, sage ich. „Ich werde gleich mal in sein Büro gehen und ihm sagen, dass er verschwinden kann.“ „Er wird uns alle noch ins Verderben führen. Ich spüre es.“ „Wie? Sie spüren es?“ „Seine Art. Sie ist so...“


„...satanisch?“ „Genau.“ „Damit haben Sie ja Erfahrung oder? Hier mal ´ne Teufelsaustreibung, dort mal eine...da kommt schon was zusammen für den Klingelbeutel, oder nicht?“ Ich setze mich auf meinen Stuhl und biete auch meinem Kollegen einen Platz an. „Doch was sollen wir tun? Ihm umbringen?“ „Machen Sie keine Witze, ich meine es ernst!“, entgegnet mir Weser böse. Da ist es wieder! Dieses Pochen! Ich schaue Weser an und sehe ihn nicht richtig, es ist als würde er zucken. Doch ich bin es. Ich zucke! Meine Augen zucken! Mein Verstand zuckt! Alles zuckt! Ich überlege wie wir den Neuen rausbekommen, verfalle in eine tiefe Nachdenk-Phase, doch ich komme einfach auf keine Idee! „Wir streiken!“, sage ich dann plötzlich. „Wir gehen einfach nicht zur Arbeit.“ „Dürfen wir das?“, meint Weser. „Keine Ahnung, wir tun´s einfach.“ „Ehrlich jetzt?“ „Wieso nicht?“ „Weil es verboten ist.“ „Ach was.“, sage ich. „Die von der Bahn streiken auch die ganze Zeit.“

„Aber die sind in einer Gewerkschaft. Da streiken alle.“ „Wir auch. Wir alle.“ „Aber...“ Ich schaue in das Gesicht meines Kollegen und spüre das ihm etwas nicht passt. Nur was? Meine Idee ist doch gut! „Also?“, frage ich. „Tun wir´s?“ „Hm. Geht das so einfach?“ Das Pochen in meinem Kopf wird immer stärker. Und stärker! Und stärker! Meine Zunge ist ganz trocken, ich schmecke Staub. Wenn ich nicht wüsste das es Herr Weser ist, der vor mir sitzt, dann würde ihn ihn nicht mehr erkennen. Alles zuckt! „Also. Morgen gehen wir nicht zur Arbeit.“ „Das geht nicht. Ich...“ „Bekommen Sie Angst?“ „Ich muss eine Familie ernähren! Ich kann nicht einfach zu Hause bleiben!“ Aber genau das ist es. Wenn er seine Familie nicht mehr ernähren kann, ist Sina frei. Super ist das! Ich finde meine Idee genial. Aber wenn er es nicht möchte, dann mache ich es eben allein! Ich werde nicht zur Arbeit gehen! Ich werde zu Hause bleiben! Das mit Sina bekommen wir auch anders noch hin... Gepackt von meiner Drang, den Schmitz los zu


werden, stehe ich auf und ziehe meine Jacke an. Mir ist schwindelig, richtig übel schon. Dabei liegt es nicht an der Angst, eher an dem Wassermangel! Doch ich halte durch! Jetzt gibt es schon zwei Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt! Als ich zu Hause ankomme, fühle ich mich schlecht. Ich habe Angst das mir der Schmitz nach Hause folgt, schließe die Haustüre hinter mir zu, lasse den Schlüssel stecken und setze mich unter meinen Schreibtisch. Dann kommt mir die sensationelle Idee, dass der Neue vielleicht doch meine Gedanken lesen könnte. Ich bekomme richtig Panik! Ich gehe in die Küche, hole die Alufolie aus der Schublade und bastele mir einen Hut, den ich mir aufziehe- und plötzlich fühle ich mich richtig sicher. Wieder setze ich mich unter meinen Tisch, nehme den Laptop und logge mich auf meiner Homepage ein. Wie schön! Hier verstehen mich die Leute! WondergirlausK will wissen, wie ich denn auf die Idee mit dem Wasserverzicht gekommen bin und ich schreibe: Ich habe einen Freund in Afrika, der nicht genügend zu trinken hat. Ich möchte durch mein Leiden auf ihn aufmerksam machen! Wir können nicht immer nur wegschauen! Wir müssen es anpacken!

Als ich durchlese was ich geschrieben habe, fühle ich mich wie ein Held! Josef kann stolz auf mich sein! Und der Weser auch! Ach, alle meine Mitarbeiter können stolz auf mich sein! Ich nehme die Last des Streikes auf mich, zeige der Zentrale das wir den Neuen nicht haben wollen und bringe uns einen neuen Chef! Einen, den man leiden kann! Einen wie den Gerd! Mittwoch. 4. Dezember 2007 03:24 Uhr Ich habe geschlafen. Ich habe. Nun bin ich wach. Ich habe geträumt das ich durch eine Wüste laufe und nach Wasser suche, doch nur Staub zum Fressen bekomme! Dann habe ich Josef getroffen und wir sind zusammen gelaufen. Als ich den Schmitz gesehen habe, bin ich aufgewacht. Armer Josef, der ist bestimmt jetzt allein mit dem Schmitz und wird von ihm ganz sicher ganz schlecht behandelt. Armer Kleiner! Deswegen suche ich gerade nach der Nummer von Karl Schmitz! Ich gebe ihn bei Google ein. Ich werde ihn finden! Dann werde ich ihn anrufen und sagen das er die Finger von Josef nehmen soll!


03:45 Uhr Ich habe ihn angerufen! Ich habe ihn angerufen! Seine Frau war am Telefon, hat sich verschlafen angehört! Dann aber habe ich ihn an den Hörer bekommen. „Wer ist da?“, hat er gefragt. „Dein Gewissen.“, habe ich gesagt. „Dein Gewissen?“ „Mein was?“ Im Hintergrund flüstert seine Frau: „Wer ist denn das, Karl?“ „Nichts, nur ein Irrer.“, meint der Neue. So so. Ein Irrer! Das hat er jetzt davon! Ich habe aufgelegt und eine Liebesbrief geschrieben! An meinen Karl! Von Henriette. Mal schauen was die Frau Schmitz dazu sagt! 06:29 Uhr Ich bin wieder wach. Schon lange. Ich bin im Besitz von zehn Pizzen. Wenn ich jeden Tag nur eine halbe esse, reichen sie für zwanzig Tage! Erst dann muss ich wieder raus und neue kaufen! Das ist gut! Zwanzig Tage! Das ist lang! Das ist gut! 8:44 Uhr Berta ist da. Ich habe gesagt, dass ich Urlaub habe und meine Ruhe haben möchte, jetzt

stört sie mich nicht mehr. Sie putzt nur. Doch ich habe ein schlechtes Gewissen. Wenn ich wirklich kein Geld mehr bekomme, wenn das also stimmt was der Weser gesagt hat, dann kann ich meine Famili... ich meine, dann kann ich Berta nicht mehr bezahlen! Denn mein Erspartes geht für die Miete drauf. Vorausgesetzt ich spiele nicht Lotto. Dann kann ich aber auch nicht gewinnen! Ach, Scheisse! Wieso ist das Leben so kompliziert! 10:52 Uhr Maddy hat gemerkt das ich da bin, hat geklopft und ich habe ihn reingelassen. „Keine Arbeit mehr?“, fragt er. „Doch doch.“, sage ich stolz. „Ich mache die Arbeit nur erträglicher. Wir haben da einen Chef, den wir rausbekommen wollen.“ „Aha. Und wie? Durch einen Boykott?“ „Genau! Aber den mach´ nur ich.“ „So so.“ Maddy läuft wieder zu meinem Laptop und setzt sich an meinen Schreibtisch als wäre es seiner. „Hast du gesehen wie viele Leute schon auf unserer Homepage waren?“, fragt er. „Ja.“, sage ich geistesabwesend und schiebe die Alu-Mütze wieder richtig auf meinen Kopf. „Tausend oder so.“ Plötzlich lacht Maddy los. „Tausend? Witzig!“


„Echt? Witzig?“ „Achttausend!“ Ich traue meinen Ohren kaum. „Wie bitte?“, frage ich. „So viele?“ „Und es werden immer mehr. Stündlich.“ Ich höre Berta im Wohnzimmer und schon zwängt sich mir eine Frage auf, die ich einfach stellen muss: „Wie viel Geld bringt uns die Sache ein?“ Maddy blickt mich an und schaut verdutzt. „Hast du Geldsorgen?“ „Ich? Nein! Neeeinnn! Ich doch nicht.“ „Gut. Weil viel ist´s bis jetzt noch nicht. Hundert Euro oder so.“ Hundert? „Kann ich die haben?“ „Jetzt?“ „Ja.“ „Geht nicht.“ „Wieso?“ „Weil die ersteinmal ausbezahlt werden müssen.“ „Wann ist es soweit?“ „Buh. Du fragst Sachen. Vielleicht....in drei Wochen oder so.“ „Was? Drei Wochen? Das geht nicht!“ „Brauchst du Geld?“, fragt mich der Matrix-Lover. „Ich? Nein! Neeeinnn! Ich doch nicht!“

„Ich kann dir echt was geben, so ist es nicht.“ „Nee, du.“, sage ich und fühle mich schlecht! Ich brauche das Geld! Natürlich! Aber doch nicht von Maddy! Nicht von ihm! Wer weiß womit er es verdient! Nachher dreht der noch schmutzige Filmchen im Keller! Und was soll überhaupt die Festplatte an meinem Laptop? Wieso speichert er die Sachen bei mir ab? Wieso nimmt er nicht die Festplatte und steckt sie bei sich an den PC? Ich nehme meine Alu-Mütze ab und versuche seine Gedanken zu lesen. Doch ich empfange nichts. Ich schiebe es auf das schlechte Wetter und versuche es später erneut. 15:23 Uhr Sina sieht hübsch aus! Ich habe das Foto angeschaut, welches mir Berta vor ein paar Tagen da gelassen hat und kann meinen Blick kaum noch davon abwenden. Ihre schönen braunen Augen, ihre Ausstrahlung, ihr Gesicht. Ich habe meine Mütze abgenommen um vielleicht ihre Gedanken lesen zu können, doch das Wetter ist noch immer schlecht! Es regnet! Hallo? Wenn ich jetzt raus gehe, dann... dann tue ich dem kleinen Josef unrecht! Er hat kein Regen! Er kann nicht den Mund öffnen, nach oben schauen und sich das Elixier des Lebens in den Mund träufeln lassen. Er


muss laufen! Ganz weit! Durch die ganze Wüste! Und ich? Ich nicht. Ich sitze hier. Alleine. Ich habe zwar auch nichts zu trinken, aber ich muss nicht laufen! Ungerecht! Sehr ungerecht! Deswegen werde ich mich gleich warm anziehen und los marschieren. Dabei darf ich nur nicht nach oben schauen, ich darf keinen einzigen Regentropfen in meinen Mund kommen lassen. Wenn ich schon einmal dabei bin, wer weiß ob ich Sina begegne. 23:57 Uhr Herz, Lunge- alles am Arsch. Wortwörtlich! Alles! Die erste Stunde ist kein Problem. Ich gehe in die Stadt, bin viel mehr damit beschäftigt das Pochen in meinem Kopf zu ignorieren, als darauf zu achten wohin ich gehe. Die zweite Stunde ist schlimmer. Meine Beine! Sie wollen eine Pause! Mein Geist jedoch nicht. Um 17 Uhr stehe ich vor Sinas Haus. Vielleicht nicht einmal zufällig, vielleicht will ich es sogar. Ich weiß es nicht. Ich stehe jedenfalls davor und... stehe eben. Eine Stunde lang! Mir ist nicht kalt, ich höre nicht einmal mehr das Pochen in meinem Kopf. Ich stehe einfach nur da und starre das Haus an. Ich denke nicht einmal nach. Keine Gedanken darüber, Sina zu besuchen, Hallo zu sagen, sie kennen zu

lernen, mit ihr zu lachen, zu fragen ob sie mit mir ausgehen möchte. Nichts! Wäre ich mir selbst begegnet, ich hätte die Polizei gerufen! Doch meine Gedanken, wenn ich denn welche gehabt hätte, wären friedlicher Natur gewesen. Auch jetzt sind sie es und sie waren es auch, bevor ich in die Extase des Nichts-Denkens gefallen bin. Nach einer Stunde dann plötzlich, ist mein Geist wieder da. Ich schaue noch immer auf das Haus, denke daran das SIE da drin irgendwo wohnt und male mir aus, wie es bei ihr ausschaut. Hingehen, mich davon zu überzeugen das sie eine kuschelweiche Bettdecke und eine schöne Küche, vielleicht auch schon einen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer stehen hat, das möchte ich nicht. Ich habe Angst. Ich habe Angst vor einer Abfuhr, ich habe Angst das sie einen Typ bei sich hat, ich habe Angst davor, den Stapel von Visitenkarten zu sehen die sie an andere Männer verteilt, ich habe Angst davor, dass das Bild in meinem Kopf einfach völlig falsch ist! Also trete ich den Heimweg an. Ich schaue nicht nach oben, mein Gesicht ist aufgrund der Wasser-Abstinenz auf den Boden gerichtet, selbst wenn es gerade nicht regnet. Plötzlich stoße ich mit jemandem zusammen. Ich sage leise „Entschuldigung.“ und laufe weiter. Doch die Person


mit der ich zusammengestoßen bin, bewegt sich nicht, läuft nicht weg. Ist sie tot? Ich höre keine Schritte. Ich laufe langsamer. Ich bleibe stehen. „Hey.“, sagt die Person und ich zucke zusammen. Langsam drehe ich mich um und schaue Sina in die Augen. Sina! Meiner lieben, süßen Sina! „Hast mich gar nicht erkannt, was?“ „Nee du.“, sage ich. „Ich war so in Gedanken.“ „Was treibt dich denn hier her?“ Josef!, denke ich. Josef! „Ach, ein bisschen spazieren gehen halt.“ „Ist auch schön grad. So mild.“ Ich nicke. „Hast du bei mir geklingelt?“, will sie wissen. „Nee, ich...“ Sage jetzt nicht, dass du sie eigentlich gar nicht besuchen wolltest! Sage, das du kein Licht gesehen hast und... „Ich habe kein Licht gesehen und habe gedacht, du wärst eh nicht daheim.“ Sina strahlt mich an. „Willst vielleicht mit hoch kommen?“ Mit hoch? Zu ihr? In ihr Reich? Zu ihrem Tannenbaum, zu ihrer Wolldecke und ihrer Küche? Ich nicke heftig! Scheisse, denke ich, daneben

benommen. Zug abgefahren. Das war´s. Sie weiß das ich mich freue, bei ihr zu sein und das darf sie nicht. Jetzt hat sie die Macht! Doch das gefällt ihr wohl. Sie stellt sich neben mich und sagt „Na, dann los.“ Als würden wir in den Krieg ziehen. „Na dann, los. Auf den Kampf. Macht ja nichts, mehr als sterben ist eh nicht drin.“ Stattdessen fragt sie „Wie war die Arbeit?“, als ich neben ihr zu ihrer Wohnung laufe. Und das ist eine sehr gute Frage! Die kann sie eigentlich gleich weiter geben, an ihren Vater. Er wird es wissen, ich nicht. Ich streike nämlich! Ich bin schließlich der Chef, der sich für die anderen einsetzt! „Ganz okay.“ Als wir bei ihr ankommen, sie den Schlüssel in das Schloss steckt, rieche ich an ihren Haaren. Orange. Doch dann in der Wohnung, die Enttäuschung: Kein Tannenbaum. Ich bin am Boden zerstört! Wäre ich doch nur heimgegangen! „Willst du vielleicht was trinken?“ „Ach, nee du.“, sage ich. Sina geht in die Küche, ich ziehe meine Schuhe aus und hänge meine Jacke auf. Oder ist das unhöflich? Vielleicht sende ich jetzt falsche Signale aus. Vielleicht meint sie, ich bereite mich gerade auf einen längeren Aufenthalt vor, möchte am liebsten gleich bei ihr übernachten. Naja... also wenn sie


mich fragen würde, dann... Als sie wiederkommt, schaut sie mich an und meint „Schön.“, nimmt meine Hand und führt mich zum Sofa. Ich weiß nicht was sie von mir möchte, aber ihre Wohnung ist bequem. Richtig modern. „Und?“, will sie wissen, als wir uns setzen und sie an ihrem Orangensaft nippt. „Und?“, frage ich. „Alles okay?“ Zug weg, wieder war´s das. „Alles okay? Heute auch schön gefrühstückt? Danach auch auf dem Klo gewesen? Aber Hände waschen nicht vergessen und das Vesperbrot wird nicht verschenkt!“ „Naja.“, sagt sie. Ich schaue ihr in die Augen, versuche zu erkennen ob sie denkt, dass sie einen Looser vor sich hat und ob sie sich darüber aufregt, diesen Deppen nicht zuvor schon als einen erkannt zu haben. Dann hätte sie ihn, also mich, vielleicht sogar noch unten auf der Straße abwimmeln können. Doch ich sehe nichts dergleichen. Im Gegenteil. Ich sehe wie sich ihre Muskeln um den Mund zu einem Lächeln zusammenziehen und wie sich dann ihre Lippen bewegen. „Die Arbeit halt.“, sagt sie. „Aber sie macht auch Spass.“ „Da hast du es oft mit viel Leid zu tun, was?“ „Wenn du damit Menschen meinst, die sich nicht richtig bewegen, waschen und erst recht nicht

einkaufen können, dann ja. Wenn du aber ihren inneren Frieden mit sich und der Welt meinst und ihre Fähigkeit, überall das Schöne in allem zu erkennen, dann nein.“ Sina sieht happy aus, ist froh darüber von mir verstanden zu werden und auch froh über das Interesse, welches ich ihr entgegen bringe. Wir schauen uns an und fühlen uns wieder so unbeschreiblich anders. Und plötzlich ist das wieder dieses Pochen in meinem Kopf. Es erschlägt mich fast, macht mich ganz irre. Auf einmal sind meine Gedanken woanders. Das merkt auch Sina. „Geht´s dir gut?“, fragt sie. Ich schaue sie an und sehe sie zucken. Sie zuckt hin und her, ihr ganzer Körper zuckt. Doch ich weiß, dass ich es bin. Ich zucke. Mein Auge zuckt! Mein Verstand zuckt! „Du siehst ganz blass aus. Soll ich dir was bringen?“ „Nee, du.“, sage ich. „Alles okay.“ „Jetzt mal ehrlich, du siehst nicht gerade alles okay aus.“ „Das... ach, so viel Stress halt.“, sage ich und versuche das Thema zu wechseln. Doch Sina lässt sich nicht darauf ein. „Leg´ dich hin. Ich mach dir einen Tee. Dann geht’s dir wieder besser, wirst sehen.“


Tee? Geht nicht! Kein Tee! Kein Wasser! Keine Flüssigkeit! Das kann ich dem Josef nicht antun! Er braucht mich doch! „Weißt du“, sage ich, „mir geht es schon viel besser. Ist glaub das Wetter...“ Ich schaue sie an und ich glaube sie kauft mir ab was ich sage. Ich wirke ernst! Natürlich, denn die Situation ist es auch! Kein Wasser! K. E. I. N. W. A. S. S. E. R! „Ehrlich? Du wirkst so krank.“ „Alles wieder gut.“ Von wegen! Das Pochen wird stärker! „Ich muss nach Hause.“, sage ich. Als ich auf die Straße trete und diese frische, kalte Luft einatme geht es mir ein bisschen besser. Ich laufe los, weiß aber nicht wohin. Und irgendwie ist das auch egal. Mein Schritt passt sich dem Pochen in meinem Kopf an und ich laufe in die Nacht. Es fehlen noch einige Kilometer bis ich den See erreiche, bis ich da bin wo Josef ist. Ich laufe und fühle mich gut, zumindest seelisch. Körperlich, das ist eine andere Sache. Mein Körper und meine Seele sind eh nicht mehr zusammen verankert. Mein Geist schwebt auf anderen Ebenen. Ein schönes Gefühl! Für mich. Nicht aber für meine Körper. Egal! Ich bin ich! Und ich sehe.... eine Kneipe. Nach zwei Stunden! Plötzlich ist sie vor mir! Wer hat die denn

da hin geschoben? Jetzt habe ich den See erreicht. Das spüre ich! Also trete ich ein und setze mich an den Tresen. Was er mir denn bringen kann, meint der Barkeeper. Ich überlege, schaue mich um, sehe Menschen die Getränke vor sich haben. Nur Getränke. Nichts anderes. „Ähm.“, sage ich und versuche Zeit zu schinden. „Vielleicht....´ne Nudelsuppe?“ „`Ne Nudepsuppe?“ „Haben Sie eine?“ „Ja, da muss ich nachschauen.“ „Das wäre toll.“ Ich bin plötzlich gut drauf. Ich pfeife sogar. Doch dann, der Absturz. „Halt!“, schreie ich den Barkeeper an. „Keine Suppe! Was Festes!“ „Wie jetzt? Fest?“ „Nichts Flüssiges! Bitte!“ „Tja, da haben wir noch ´ne Lammkeule.“ Plötzlich sehe ich ein kleines Lamm an meinen Füßen und bekomme Tränen in die Augen als ich sehe wie sich ein Fleischermesser langsam... „Stopp! Keine Keule! Danke“ „Haben Sie´s bald? So viel Auswahl haben wir jetzt auch nicht mehr da!“ Der Typ hinter der Theke schaut mich verärgert an. Aber ich würde auch verärgert schauen, wenn mit dreckigen Klamotten,


verauchter Stimme, gelben Zähnen und einem hässlichen Gesicht diesen dreckigen, verkommenen und im Niveau ganz unten befindlichen Laden schmeißen müsste, der vom Staat indirekt durch die ganzen Hartz VI-Bezieher subventioniert wird. Dann hätte ich auch schlechte Laune. Vorallem wenn ich dann auch noch vorbeikomme und mit meinem Wunsch nach etwas zu Essen das monotone BierAusschenken unterbreche, das diese Absteige mit Schall und Leben füllt und den Menschen das Gefühl gibt, sie hätten die Welt verstanden. Aber nur sie. Und alle anderen nicht. „Naja...Pfannkuchen?“ „Sind von gestern.“ „Egal.“, sage ich und winke ab. Ich will die nerven des Mannes nicht weiter strapazieren. Passiert ziemlich oft das man das Gefühl hat, als Kunde schuldig zu sein. Eigentlich doof. Doch ich versuche an etwas anderes zu denken. Die ganze Welt auf einmal kann ich auch nicht retten. Mit der Lammkeule fange ich jedoch an. Lammkeule? Oder Suppe? Ja, aber nur fast! Nicht mit mir! Nein! Ich bleibe hart! Nichts da! Ich pfeife vor mich hin, bin wirklich gut drauf, merke wie das Leben es gut mit mir meint. Wirklich gut! Immerhin, ich habe es durchschaut! Ein paar Minuten später bekomme ich

meine Pfannkuchen. Diese schöne Kuchen, diese schöne. Flach wie eine Flunder, aber knackig wie... Scheisse, denke ich, ich denke laut. Die Leute um mich herum nicken. Sie schauen mich an, als hätten sie noch nie jemanden gesehen, der mit seinem Essen redet. Ich beiße in meinen Pfannkuchen und beeile mich, denn ich möchte hier schnell wieder weg. Schnell nach Hause, wieder daheim verkriechen und sich wohl fühlen. Anders als hier, in dieser staatlich subventionierten Absteige des schlechten Geschmackes. Andererseits interessiert es mich schon, warum diese Menschen sich dazu berufen fühlen, literweise Bier in sich zu kippen und, für mein Empfinden, ihre Arbeitsleistung der Gesellschaft damit voll zu verwehren. Anstatt den ganzen Tag hier zu sitzen, könnten sie ja auch Müll aufsammeln oder sonst was tun. Sie könnten Beispielsweise in parkende Autos sitzen und so dem Besitzer vor Knöllchen bewahren. Das wäre doch was. Da würden sie vielleicht auch nicht gerade reich werden, aber sie würden Geld sparen und säßen auch noch bequem. Besser zumindest als auf diesen harten, von Fürzen durchtränkten und konservierten Stühlen. Während ich mein Essen in mich hineinqäule, setzt sich ein versoffener Mann neben mich an die


Theke. „Einen guten.“, meint er. Er hat wie alle hier gelbe Zähne, einen widerlichen Bart, hässliche Klamotten, ekelhafte Haare und stinkt. Aber lächelt und ist nett. Deswegen sage ich „Danke!“, und möchte meine Vorurteile von mir schieben, mir einen Neuanfang gönnen. „Möchten Sie vielleicht Knöllchen verhindern?“, frage ich ihn, doch wie erwartet schaut mich der Mann ungläubig an. Natürlich. Natürlich versteht er nicht was ich meine. Wären seine Gedanken nicht so von Alkohol durchdrängt, würde er es wohl verstehen. „Heute nichts zu Essen bekommen, oder?“, will er wissen und geht nicht auf meine Frage ein. Damit habe ich jetzt auch keine Lust mehr und verschlinge mein Essen ein bisschen schneller, um endlich hier raus zu kommen und das Niveau hier etwas zu senken. Ich sage „Nee. Heute war´s nicht sehr viel.“ und will damit den Mann eigentlich sich selbst überlassen, womit er, wie wahrscheinlich alle hier, die meisten Probleme hätte. Doch er meint freundlich „Tja, dann. Lass es dir schmecken.“ und ich halte einen Moment inne, bevor ich ihn frage: „Warum sind Sie hier?“ „Wie bitte?“ „Sie haben schon richtig verstanden. Warum sind Sie hier? Warum besaufen Sie sich die ganze

Zeit und entbehren sich der Gesellschaft?“ „Ach!“, erwidert er scharf. „Und Sie entbehren sich nicht? Helfen Sie alten Omas über die Straße oder geben Sie in der Obdachlosenküche Essen aus?“ „Nein. Ich boykottiere das Trinken.“ Der Mann lacht, wirft seinen Kopf nach hinten und zeigt mir Zähne. „Trinken. Boykottieren. Da sind Sie hier aber an der falschen Adresse.“ „Das ist mir schon klar.“, gebe ich zurück. „Aber ich boykottiere jede Art von Flüssigkeit. Das ist der Unterschied.“ „So. Das machen Sie? Und warum, wenn ich fragen darf?“ Ich rücke meinem Gegenüber etwas näher und stecke ihm zu, dass ich wegen dem kleinen Josef aus Afrika nichts trinke. Nichts. Doch er scheint es nicht zu verstehen, oder nicht verstehen zu wollen. Erst als ich ihm verklickere, dass ich ein Internetportal habe, dass andere damit mobilisiert mit zu machen, macht sich bei ihm . „Du berichtest in diesem komischen Portal also von deinem Wasserentzug?“ Ich nicke. „Das ist dann natürlich einleuchtend. Dann machen andere Menschen auch mit. Gibt es denn da


schon ein paar?“ „Es gibt ein paar, doch die machen nicht diese Art von Boykott die ich mache. Einer wohnt im Wald...“ „Weißt du was?“ Er legt seine Hand um meine Schulter und haucht mich an. „Ich mache mit.“ „Beim Boykott?“ „Klar. Warum nicht?“ „Weil du das nicht aushältst. Nichts zu trinken.“ „Wetten?“ „Wetten.“ „Und ich trinke nicht zu nichts, ich spaziere auch noch während dessen durch Europa.“ „Machst du nicht.“ „Doch. Ich laufe morgen gleich los.“ „Nein.“ „Doch.“ „Und warum?“ „Weil du recht hast.“ „Und wieso bist du nicht schon früher drauf gekommen?“ „Dieses Ambiente lädt nicht gerade zum Nachdenken ein. Im Gegenteil.“ Ich schaue mich und es stimmt. Der Typ am Spielautomat versucht schon seit ich da bin zu gewinnen und beglückt die Kneipe im Sekundentakt

mit dem Einwerfen seiner staatlich subventionierten Münzen. „Eigentlich müsste ich dir deswegen danken, echt.“ „Ach...“, sage ich verlegen. „Wenn du mir eine Karte schreibst, sind wir quitt.“ „Ich bin Fred.“ „Henry.“ „Weißt du Henry, ich baue mir heute noch eine Homepage, beschrifte mein T-Shirt damit und mache so wie die Menschen auf mich aufmerksam.“ „Ist aber kalt. Nur ein T-Shirt.“ „Darum geht es doch gar nicht!“ „Stimmt.“, sage ich. „Du solltest auf deiner Homepage auch irgendwo die Tatsache unterbringen, das Cola in Afrika das Grundwasser abpumpt.“ „Das machen die?“ Fred ist verrückt. Das weiß ich. Doch ich bin es auch. Dieses Pochen, dieser Wasserentzug, das macht mich zu einem anderen Menschen. Zwei Stunden später gehe ich nach Hause, vorbei an Sinas Haus, versuche klar zu denken, doch es misslingt mir. Immer und immer wieder. Irgendwann komme ich an, schalte meinen Laptop ein und freue mich, wieder in die Tasten hauen zu


können. Und hier sitze ich nun. Frustriert, weil das Pochen in meinem Kopf mich auch gleich in meine Träume verfolgen wird und frustriert weil es dem Josef schlecht geht. Dem armen, kleinen Josef!

Donnerstag. 06. Dezember 2007 08:12 Uhr Besucher auf der Website: Elftausend. Ich melde mich wieder als Absolutultraverrückt007 an und staune nicht schlecht, als ich sehe das mir zwölf Menschen geschrieben haben. Alle finden meine Idee gut, haben sich sogar meiner Gruppe angeschlossen und machen mit. Der Waldmensch ist auch ordentlich am Schreiben, berichtet über den Sturm der über das Land zog, über den Bauer der ihm verscheuchen wollte, weil er ihn nackt beim Tannenzapfen sammeln erwischt hat und über die Ruhe die er genießt. Seine Anhänger: Sieben. Ich habe mehr! Was auch mehr wird, ist das Pochen in meinem Kopf! Schlecht! Sehr schlecht! Ich habe wieder den Alu-Hut auf meinem Kopf und weiß, dass es eigentlich nicht richtig ist. Ich weiß, das ich verrückt bin, dass niemand meine Gedanken lesen kann, dass es dem Josef gar nicht schlechten gehen muss,

nur weil ich aufgehört habe Geld zu spenden. Und doch ist da dieses Pochen in meinem Kopf, das mir sagt, dass der Schmitz versucht meine Gedanken zu lesen und das der arme kleine Josef kein Wasser mehr hat! Und ich deswegen auch nicht! Und deswegen pocht es auch in meinem Hirn. Immer wieder und wieder. Poch. Poch. Poch. Heute Mittag werde ich Sina besuchen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, möchte das sie sich gut fühlt, werde ihr sagen das ich sie rattenscharf finde. Das werde ich aber wahrscheinlich nicht, passt nicht zu mir. Aber ich werde sie besuchen. Dabei laufe ich geduckt. Schmitz soll mich nicht sehen, kann sein das er mich sucht. Ich traue es ihm zu. 18:22 Uhr Um zwei Uhr ging ich. Zu Sina. Als ich bei ihr ankomme ist sie im Stress. Sie blickt mich an und ich sehe ganz deutlich, dass es ihr nicht passt das ich da bin. Eigentlich ist es ein Wunder das sie da ist, ich dachte sie wäre weg. Arbeiten oder so. „Hey, Henry.“, freut sie sich. „Ich muss leider aber schon wieder weiter, die Rosi wartet.“ „Ach, sag ihr ´nen Gruß von mir.“ „Kennst du sie?“ „Ist doch eine alte Frau mit den Haaren und...“


Ich muss grinsen. Natürlich kenne ich keine Rosi. War ja auch nur ein Witz. Ich möchte gerade „Auf wiedersehen sagen.“, da meint Sina, ob ich denn mitkommen möchte. „Wie jetzt? Mitkommen?“ „Wieso nicht? Kannst der Rosi Hallo sagen.“ „Aber ich...“ Verdammt! Ich kenne doch keine Rosi! Und sie kennt mich auch nicht! Mist. Bestimmt weiß das Sina, aber den Gefallen will ich ihr nicht gönnen. „Komm schon. Wird bestimmt lustig.“ Nur ein paar Augenblicke später sitze ich in einem weißen Auto mit der tollen Aufschrift Mobiles Pflegen. Sina ist auch in weiß gehüllt, sie sieht richtig gut aus. „Rosi hat schon viel erlebt. Beide Weltkriege, vier Ehemänner, den Tot ihrer Kinder...“ „Wow.“, staune ich. „Und ich bekomme schon ein Pochen im Kopf, wenn ich ein paar Tage nichts trinke.“ „Was? Du trinkst seit ein paar Tagen nichts mehr?“ „Ich? Quatsch. Ist nur ´ne Redewedung.“ „Kenne ich nicht.“ „Echt? Ist ja komisch.“ „Wie geht’s eigentlich im Buchladen? Wie stellt

sich mein Vater an?“ Ich zucke mit den Schultern. „Also, ehrlich gesagt weiß ich das gerade gar nicht.“ „Hast du Urlaub?“ „So zu sagen. Ja.“ „Ihr habt ´nen neuen Chef, was?“ Ich merke wie Sina ein Gespräch aufbauen möchte und ich lasse mich darauf ein. „Ja, eine Doppelnull“, meine ich und erzähle von Schmitz´ Febel für Zahlen und Sachen, die auf einer Liste stehen und sich ändern müssen. „Könnt ihr den nicht irgendwie los kriegen?“ „Wie denn?“ „Streiken oder so.“ Mein Gott, ich liebe sie! „Bin gerade dabei.“ „Ich habe gedacht du hast Urlaub.“ „Stimmt ja auch. Irgendwie halt.“ „Und was machst du den ganzen Tag?“ Ich denke an Josef. Ich denke an das Pochen in meinem Kopf. Ich denke an die Menschen die meine Homepage besuchen. „Ach, das Übliche eben.“ „Du kannst ja ab und zu mit mir mitgehen, wenn dir das gefällt.“ „Das hier?“, frage ich. Ich schaue mich um und merke erst jetzt, wo ich gerade bin und wohin mich die Frau neben mir fährt. „Vielleicht. Wenn´s mir


gefällt.“ Rosi ist eine pumelige Frau mit roten Wangen und schnell Augen- und wie sich herausstellt, einem noch schnelleren Mundwerk. Als sie mich sieht, meint sie „Wer ist das?“, steht von ihrem Stuhl auf und ist, bevor ich überhaupt richtig in der Wohnung bin, bereits neben mir. „Ist der gut?“, will Rosi wissen. „Der?“ Sina zeigt auf mich. „Kommt drauf an, worin.“, sagt sie und lächelt mich an, als hätte sie gerade etwas ganz derbes gesagt. Das hat sie bestimmt, aber ich kapiere es mal wieder nicht. „Wollen Sie hier ewig herumstehen?“ Ich verstehe nicht das Rosi das Wort an mich gerichtet an und wir drei schweigen uns einige Sekunden an, während Rosis Augen mich anstarren. „Ich?“ „Klar, Sie. Sinmaus macht das schon alleine.“ Natürlich macht das Sinamaus allein. Wir setzen uns an den Tisch von dem Rosi gerade aufsprang um mich zu beschüffeln. Rosi ist so klein, dass, wenn sie sitzt, ihre Füße nicht den Boden berühren und in der Luft schweben, während sie mich mit einem breiten Grinsen anlächelt und die Hände in ihren Schoss legt. „Und?“, fragt sie. „Woher kommen Sie?“

„Von hier. Ulm.“, sage ich. „Und, was arbeiten Sie?“ „Ich bin Buchhändler.“ „Ach.“, meint Rosi und klatscht in die Hände. „Bücher sind eine schöne Sache. Da haben Sie aber einen tollen Beruf.“ Ich überlege. Eigentlich habe ich schon einen tollen Job. Wenn der Schmitz nicht wäre. Wenn... „Wollen Sie vielleicht was trinken?“, fragt mich Rosi. „Sinamaus, kannst du dem netten Herrn vielleicht was zu trinken bringen?“ Ich bin geschockt. Nein! Bitte nicht! Kein Wasser für mich! Plötzlich ist das wieder dieses Pochen, das bestimmt auch schon vor zehn Minuten da war, doch erst jetzt nehme ich es wieder wahr. „Geht es Ihnen nicht gut?“, fragt die alte Dame. „Ach doch.“, sage ich. „Als wir während dem Krieg einmal tagelang nichts zu trinken hatten, weil wir alles unseren Kinder gaben und eh fast nichts hatten, da sahen mein Mann und ich genauso aus wie Sie.“ „So.“, staune ich. „Wie sehe ich denn aus?“ „Wollen Sie das wirklich wissen?“ „Sagen Sie es mir.“ „Also, Sinamaus findet sie so bestimmt nicht hübsch.“


„Was? So schlimm?“ „Das können Sie mir aber glauben. Und das wollen wir doch nicht, oder?“ Ich laufe rot an. Und dann kommt Sinamaus. Sie trägt eine Flasche Wasser in der Hand und ein Glas, stellt beides neben Rosi ab und setzt sich zu uns. Und Sina und ich bleiben, bis Rosi ihr Wasser ausgetrunken hat. Nur deswegen sind wir hier. Wir passen auf, dass sie trinkt. Nach zwanzig Minuten gehen wir wieder, doch ich muss versprechen, bald wieder zu kommen. Das mache ich gerne! Ich mag die alte Frau. Und ich glaube, sie mag mich auch. Mehr jedoch nicht, das möchte hier hier gleich klar stellen. Es wird nie eine Beziehung zwischen uns geben. Dafür ist sie mir zu alt. Und zu flippig. Es reicht schon wenn ich komisch bin, zwei der gleichen Sorte würde eine Beziehung nicht aushalten. Als wir wieder ins Auto steigen, spricht Sina nicht mit mir. Vielleicht regt sie es auf, dass ich mich mit Rosi besser verstanden habe als sie, dass ich plötzlich ihr Liebling bin und sie sogar gefragt hat, wann ich wiederkomme. Ich habe keine Lust auf solche Ich-bin-beleidigt-Spielchen und schalte das Radio an. Dann, meint Sina, dass Rosi auch eine

Person wäre, mit der sie gerne eine WG gründen würde. Deswegen war sie so schweigsam. Wegen einer WG. „Also doch nicht nach Schweden?“, frage ich. „Doch. Schweden auch. Klar. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann WG. Ich mit allen Menschen die ich mag.“ „Bin ich auch dabei?“, möchte ich peinlich berührt von meiner direkten Art wissen. Sina jedoch lächelt und nur und dreht das Radio lauter. „Ulm.“, sagt der Nachrichtensprecher. „Laufen für Afrika. Unter diesem Motto startete Fred Obenheimer heute morgen um sechs Uhr seinen Weg durch Europa. Obenheimer möchte auf die durstende Bevölkerung Afrikas aufmerksam machen, weil es schließlich sonst keiner täte, so der Wanderer. Bepackt mit einem Rucksack und einem T-Shirt mit der Aufschrift www.ichwilldochnurwasser.de, führt ihn sein Weg durch alle Hauptstädte Europas. Wir bleiben am Ball und berichten auch weiterhin.“ Ich schaue aus dem Fenster, hebe meine Hand vor mein Gesicht, weil ich nicht möchte das Sina mein Grinsen sieht. „Kennst du den?“, fragt sie. „Flüchtig. Wohin fahren wir jetzt?“


„Zu einem ganz besonderen Fall.“ Als ich in eine fremde Wohnung trete, ist es ruhig. Ich folge Sina in ein Zimmer... und schreie laut auf. Mitten im Raum steht ein Bett. In diesem liegt ein Mann. Ein Mann, der nicht gesund aussieht. Ich trete ein paar Schritte nach vorne, doch die Augen des Mannes bleiben starr. Ich weiß nicht ob er mich nicht sehen möchte, oder ob er mich nicht sehen kann. Seine Haut ist weiß, sein Blick glasig, sein Gesicht abgemagert. „Das hier ist das Besondere.“ „Liegt der im Koma?“ Sina verneint. „Er ist faul.“ Ich muss lachen. Faul. Toller Witz. Maddy ist vielleicht faul, doch er liegt nicht im Bett und starrt die Decke an. Er frisst Chips und sitzt vor dem Computer, so wie es die Faulen eben tun. „Er könnte sich bewegen, körperlich ist alles in Ordnung.“ „Und wieso tut er´s nicht?“ „Das weiß keiner so genau. Ich komme immer mal wieder vorbei um nach ihm zu sehen. Wenn man auf Details achtet, dann merkt man das er sich ab und zu aus dem Bett bewegt.“ „Nur ab und zu?“

Sina nickt. „Wirklich selten!“ „Aber... wie... wie geht er aufs Klo?“ „Gar nicht. Er trägt Windeln!“ Natürlich! Windeln! Warum ist mir das nicht eingefallen! Vielleicht weil ich bis jetzt noch nie einem solchem Spezialfall der menschlichen Spezies begegnet bin? Weil dieser Mann mir Angst macht, meine Gedanken blockiert? Ja, er macht mir Angst! Sehr sogar! Seine Augen sehen aus wie jene von alten Gemälden: sie verfolgen dich, egal wohin du gehst. Ich spüre den Schweiß der aus meinen Poren kriecht und die Flucht ergreifen möchte. Hoffnungslos. „Macht dir das keine Angst?“, frage ich. „Manche normale Menschen machen mir echt mehr Angst.“ Da hat sie recht! Und während sie nach schaut, ob diese irre Gestalt in diesem kahlen, weißen Raum volle Windeln hat, starre ich dieses Monster an, und versuche sein Blick zu verfolgen, der sich dann doch irgendwie in der Leere verliert. Da wäre ich auch gern. In der Leere. Einfach in einem Raum, der keine Grenzen hat. Okay, eigentlich wär´s dann nicht einmal ein Raum. Ein Raum hat Grenzen. Aber die Spüre ich gerade auch. Meine eigenen. Dieser Typ macht mich auch durch Nichtssagen verrückt.


Dieser Raum ist steril, meine Zunge trocken, Sina beschäftigt und ich damit völlig alleine. Alleine mit mir. Damit habe ich ein Problem, aber das ist wohl an dieser Stelle keine Neuigkeit mehr. Neu ist jedoch die Art, wie ich mit mir selbst umgehe. Ich schließe nämlich meine Augen und stelle mir, an einem ganz schönem, wirklich schönem Ort zu sein. Eine Wiese. Genau. Und ich steh drauf, habe keine Schuhe oder Socken an, spüre den kühlen Tau. Ich habe einmal von einem Gedächtnispalast gelesen. Das war glaub im Buch „Hanibal“. Da sitzt Hanibal im Flugzeug und versinkt vollkommen in einem Gedächtnispalast. In meinen Gedanken auf dieser komischen Wiese, stelle ich mir vor wie ein Computer aus dem Boden empor wächst und sich vor mir ausbreitet- inklusive Stuhl. Da sie Sache jedoch ziemlich lange dauert, da der Computer ja wächst und nicht plötzlich da ist, habe ich genug Zeit die Gegend zu erkunden. Ich laufe tagelang umher, doch irgendwann verliere ich die Orientierung und brauche geschlagene drei Wochen, bis ich wieder an dem Ort bin, an dem ich mir den Computer hingewünscht hatte. Mittlerweile läuft schon der Bildschirmschoner und ich merke deutlich, sehr deutlich, dass in meinem Kopf etwas nicht stimmt. Nichtsdestotrotz setze ich mich an den PC

und besuche Wikipedia, wo ich schließlich nach „Gedächtnispalast“ suche. Irgendwann gehen wir. Sina meint sie würde gerne noch länger bleiben, doch der Zeitplan sei streng, jedem Patient stehe nur ein paar Minuten täglich zu und heute sei mehr einfach nicht drin. Das ist so schlimm, das kann ich mir kaum vorstellen. Für viele Menschen ist der Besuch Sinas der Höhepunkt des Tages. Ich kenne mich nicht aus in diesem System, doch ich ahne das es ungerecht zugeht. Ich rieche Kaufland und sehne mich nach einer WG. 22:23 Uhr Ich dachte, der Abend würde ruhig verlaufen. Ich freue mich auf meine Serien im Fernsehen, will nichts mehr von der Welt wissen. Doch dann heule ich. Ich sitze tatsächlich hier, tippe mit Tränen in den Augen in die Tasten und bin dem Verzweifeln nahe! Und an allem ist dieser Schmitz schuld! Dieser... Bodybuilder ohne Herz! Dieser Warmduscher! Ungefähr um zwanzig Uhr kommt die Frau Fischer zu mir nach Hause. Sie sagt, sie könne nicht lange bleiben, sie habe nur den Auftrag bekommen


mir was zu geben. Das ganze sei eh schon komisch, weil sie eigentlich nur als Kunde in den Buchladen gegangen sei, und da habe der Neue ihr einen Brief in die Hand gedrückt, welchen sie mir nun geben soll. „Willst du nicht rein kommen.“, frage ich und blicke in das geistig verstörte Gesicht meiner ehemaligen Kollegin. „Geht nicht. Der beschattet mich bestimmt. Tschau.“ Dann ist die Fischer weg und ich stehe im Gang. Plötzlich macht Maddy die Türe auf und schaut mich verschlafen an. „Hey, weißt du wie viel Uhr ist?“, fragt er. „Wie bitte? Wie viel Uhr?“ „Weißt du es jetzt, oder nicht?“ „Keine Ahnung. Acht oder so.“ „Danke.“ „Hey, Maddy?“ „Was ist?“ „Wie läuft´s mit der Homepage?“ „Geht so, warum?“ „Ich habe meinen Job verloren.“ Matrix-Lover schaut mich mit weit aufgerissen Augen an. „Wie bitte? Wo steht das?“ Ich hebe den Brief in die Luft. „Hier.“

„Aber ist aber noch gar nicht auf.“ „Macht nichts. Ich spüre es.“ „Nee, du. Das finde ich jetzt Scheisse. Willst du reinkommen?“ Ich nicke.

mal

richtig

Als ich mich setze, ist mein alter Freund, das Pochen, wieder da. Es ist viel stärker als sonst, ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. „Hey, alles okay? Du siehst aus wie auf Entzug.“ Ich muss lachen, dann falle ich vom Stuhl und knalle auf den Boden, meine Augen fallen zu und ich träume. Von einem Goldfisch. Von einem schönen, goldenen Goldfisch. Und er spricht zu mir. „Hey, ich glaub ich ruf den Krankenwagen!“, meint er. Witzig! Wie kann ein Goldfisch eine Krankenwagen rufen? Als ich meine Augen wieder öffne, ist der Fisch weg. Dafür steht Maddy neben mir, hat ein Telefon in der Hand und schaut mich entgeistert an. „Hey, Alter, was geht mit dir ab?“, will er wissen. Was soll schon abgehen? Ich liege. Nichts geht. „Wo ist der Goldfisch?“ „Welcher Fisch?“ „Na der Fisch, der den Krankenwagen rufen will.“ „Ich will den Krankenwagen rufen.“ „Wieso du?“


„Du bist auf den Boden geknallt, Junge. Was soll ich den sonst tun?“ „Vielleicht... mir erzählen was du so machst.“ „Wie, was ich mache? Bist du...“ „Neeeinnn!“, sage ich. „Ich bin nicht verrückt! Mein Tagebuch ist es!“ „Hey, dich nimmt das schon mit, was?“ „Wer nimmt mich mit?“ „Dich nimmt es mit, dass du deinen Job verloren hast.“ „Meinen Job? Aber man kann mich doch gar nicht entlassen!“ „So. Und wieso nicht?“ „Weil ich das... weil ich das Shinning habe!“ Plötzlich höre ich eine Stimme am Telefon. Maddy nicht. Er blickt mich an, als wäre ich der Goldfisch, lässt das Telefon plötzlich fallen und die Stimme ist verschwunden. „Die Stimme ist weg.“ „Henry, ich glaub du brauchst keinen Krankenwagen. Was du brauchst, sind eine Menge Tabletten und viel Geduld. Und zufällig habe ich da...“ Ich muss lachen. „Passt ja.“, sage ich. „Zeit habe ich ja jetzt.“ „Also bist du doch entlassen?“

„Wo?“ „Ja, von deinem Buchladen.“ „Wer?“ „DU!“ „Ich?“ Maddy fasst mir unter die Arme und setzt mich wieder auf den Stuhl. Ich mache ihm Sorgen. Das sehe ich ihm an. Aber wieso? Wegen dem Pochen in meinem Kopf? Kann er es auch hören? „Hörst du es auch?“ „Was?“ „Das Pochen?“ „Nee.“ „Aber es ist laut.“ „Henry, das Pochen ist in deinem Kopf.“ „Ehrlich? Und wie kriegen wir es da raus?“ „Wir? Gar nicht! Ein Arzt! Ein Seelendoktor! Oder die tollen Tabletten hier...“ „Nein!“, sage ich und springe auf! „Ich hab´s! Wir bohren ein Loch!“ „In deine Kopf?“ „Spinnst du? Nein! Wir bohren ein Loch durch die Wand! Von dir, zu mir.“ „Und wieso?“ „Dann sparen wir die Telefonkosten!“ „Aber wir rufen uns doch eh nie an.“


„Ja schon, aber das muss ja die Telekom nicht wissen.“ „Ich bin nicht bei der Telekom.“ „Ich auch nicht.“, sage ich stolz. „Und weißt du auch warum? Weil die ihre Leute entlassen obwohl sie Gewinne machen!“ „Henry, du machst mir Angst! Ehrlich jetzt.“ „Angst? Ich? Dir? Nee, dieser Mann macht uns Angst. Mir und der Sina.“ „Der Mann? Welcher Mann denn?“ „Na, der Mann die immer so vor sich hin guckt. Der sitzt nur da und schaut komisch, versetzt die Menschen in Angst und Schrecken! Man muss ihm helfen!“ „Man muss DIR helfen!“ Maddy geht in die Küche. Ich tanze im Kreis. Als er wiederkommt, hat er eine Pfanne in der Hand und macht mit ihr, dass ich träume. Als ich wieder zu mir komme, liege ich in seinem Bett, habe unendliche Kopfschmerzen und einen Blutgeschmack in meinem Mund. Und das Pochen ist noch immer da. Maddy sitzt am Computer, dreht sich zu mir und meint: „Hey, schon wieder wach?“ „Wieso schon wieder? Ich habe nicht geschlafen! Ich habe mit dem Goldfisch geredet und der mag dich nicht.“

„Hör auf mit dem Scheiss. Ich hab glaub eine Lösung!“ „Eine Lösung für was?“ „Für deine Arbeitslosigkeit.“ Maddy lacht. Wieso lacht er? Dann fällt mir ein, dass die Fischer da war und mir meine Kündigung in die Hand gedrückt hat. Plötzlich bin ich wieder am Boden zerstört. Ich stehe vom Bett auf, gehe in meine Wohnung und schließe die Türe ab. Scheissdreck! Freitag. 06. Dezember 2007 23:12 Uhr Berta weckt mich um neun Uhr. Als sie die Türe aufschließt und mich im Bett liegen sieht, bekommt sie solch einen Schock, dass sie laut aufschreit. Plötzlich bin ich hellwach, richte mich auf und... muss sehr schrecklich ausgesehen haben. Als ich Berta anblicke, schreit sie ein zweites Mal. „Hey, was ist denn los?“, frage ich. „Hier wollen Menschen schlafen.“ „Du... du...“ „Ich bin Henry.“ „Ich sehen dich und dachte du tot.“ „Tja, bin ich aber nicht.“ „Aber Haut. Ganz schrecklich! Augen, ganz


schrecklich!“ „Echt jetzt?“ Berta springt ins Bad und holt mir einen Spiegel. Als ich mich anblicke, muss ich auch ich geschockt. Mein Gesicht sieht aus wie das eines Toten: Meine Augen sind rot, die Haut ist weiß, die Muskeln sind schlaff. Schöne Scheisse. Für eine Sekunde frage ich mich, warum ich den ganzen Mist eigentlich mache. Dann denke ich an Josef. Und diese Woche ohne Wasser ist plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Ich lege mich wieder hin und schalte den Fernseher ein, bin zufrieden mit der Welt. Doch Berta ist es nicht. „Nix liegen. Wir gehen.“ Die Russin schmeißt mir meine Klamotten zu zeigt mit dem Finger auf mich. „Wohin denn?“ „Arzt.“ „Da geh ich nicht mit.“ „Schauen dich an! Nicht schön! Nicht schön“ „Ja und?“, sage ich. „Es hat schon seinen Sinn.“ „Sinn? Nix Sinn! Verrückt das ist! Nur verrückt! Wenn du meine Sohn wärst ich...“ Berta hebt ihre Hand und macht eine Bewegung, die nach Schmerzen aussieht. Ich zucke zusammen. „Ich brauche nicht zum Arzt“, sage ich. „Ich weiß was mir fehlt“.

„So? Und was ist das?“ „Wasser.“ „Wie?“ „Ja. Wasser. Einfaches Wasser.“ „Wieso? Viel Wasser in Deutschland! Auch für dich!“ Ich schüttele den Kopf. „Das ist es doch gar nicht! Der Josef hat keines! Wegen mir!“ „Wer sein Josef?“ „Ein kleines Kind aus Afrika. Ich habe die Patenschaft gekündigt. Jetzt kann er nicht am Brunnen trinken. Der Arme.“ „Und Josef es geht besser wenn du nix trinken?“ „Darum geht es nicht.“ „Was dann?“ „Josef hat kein Wasser!“ „Ich zahle bis drei.“ „Wie bitte?“, frage ich. Zahlen?“ Plötzlich sehe ich wieder diesen Goldfisch. Er schwimmt im Raum umher. Ich blicke ihm nach, bin erstaunt darüber wie schön er aussieht. Ich springe in die Luft, möchte auch so schwerelos sein wie der Fisch, doch als ich auf den Boden knalle, merke ich das dieses Gefühl nur ihm vorbehalten ist. Egal. Ich bleibe liegen. Wer liegt, kann nicht fallen.


Zwei Stunden später wache ich auf, liege in meinem Bett. Als ich meine Augen öffne, sehe ich wie Berta mir einen Strohhalm in den Mund zu schieben versucht. Gerade noch rechtzeitig drehe ich mich weg und sie erwischt nur mein Auge. „Trinken! Los! Trinken!“ „Nee, du.“, sage ich. „Ich will nicht.“ „Aber wenn du nicht trinken, dann du sterben! Und der Tot sein wird sehr sehr schmerzvoll. Alles trocknen aus, deine ganze Leber, Herz, Gehirn...“ „Hör auf, du machst mir Angst.“ „Dann trinke!“ „Nein.“ „Was ich soll tun das du wieder trinken?“ „Mach, dass Josef auch trinken kann.“ „Und wie?“ „Mir egal.“ Ich drehe mich zur Seite. Schmolle. Irgendwie hat sie ja recht, doch das ist mir egal. Josef hat auch kein Wasser. Doch plötzlich wird mir klar, dass ich handeln muss. Wenn das so weiter geht, dann wird Josef auch sterben. Nicht nur ich! „Berta?“ „Hier.“ „Kannst du mir meinen Computer bringen?“ „Wieso?“

„Weil ich eine Idee habe.“ „Und wieso?“ „Weil ich noch immer denken kann.“ „Wieso?“ „Bring mir einfach meinen Computer.“ Berta ist beleidigt. Das weiß ich. Doch es ist mir egal. Für diesen Moment zumindest. Als sie mir meinem Laptop bringt, setzt sie sich zu mir ins Bett und will ganz genau erklärt haben, was ich gerade tue. Ich glaube, es ist Rache. „Wohin du gehen?“ „Nirgends“, sage ich als ich die Adresse meiner Website eintippe. „Ich logge mich ein.“ „Logge? Komisch Wort.“ „Stimmt, sage ich. „Ist auch Englisch. Ist westlich. Ist kapitalistisch. Das mögt ihr doch nicht.“ „Wir?“ „Egal.“ „Du?“, meint sie. „Ding kaputt.“ „Welches Ding?“ „Na das da.“ Berta zeigt auf den Besucherzähler. Und er ist kaputt! Tatsächlich! Bei 99999 hat er plötzlich zu zählen aufgehört!!! „Nix gut, wenn kaputt.“ „Doch! Das ist gut!“ Ich springe auf, renne zu


Maddy, stürme seine Wohnung und stammele: „Der...der...Besuch....“ „Beruhige dich, Junge.“ „Der Besucherzähler!“ „Was ist mit dem?“ „Schau!“ Ich reiche ihm meinen Laptop, dann schaut Maddy so verdutzt wie ich. „Das gibt’s doch nicht.“ „Sind wir jetzt reich?“ „Keine Ahnung.“ „Aber es könnte sein, oder?“ „Sieht so aus.“ „Kannst du dich darum kümmern?“, frage ich. „Du, geht grad echt nicht.“ „Jetzt hab dich doch nicht so.“ „Kannst du mich jetzt bitte in Ruhe lassen? Ich muss arbeiten.“ „Okay, okay.“, sage ich beleidigt, klappe den Laptop zu und ziehe ab. Samstag. 08. Dezember 2007 22:43 Uhr Ich laufe los. Einfach so. Heute Mittag. Als ich eine Pause brauche, setze ich mich in ein Altenheim. In diesem gibt es einen Saal, in die

alte Menschen sitzen und aus dem Fenster schauen können. Das tue ich auch. Ich sitze einfach da. Stundenlang. Ich schaue mir die Alten an. Und keiner stirbt! Keiner von denen die mich anschauen, verabschiedet sich vom Leben. Dabei habe ich doch genau aus diesem Grund schon seit Längerem die Alten zu meiden versucht! „Wollen Sie auch hier rein?“, fragt mich irgendwann eine Frau, die gebückt geht und mit jedem Schritt noch gebückter. Sie setzt sich neben mich. Gerade noch rechtzeitig. Ich glaube, sie wäre sonst zusammengebrochen. „Schauen Sie sich das Heim an?“, will sie wissen. Ich nicke und glaube kaum, dass Sie davon ausgeht das ich hier rein möchte, immerhin bin ich doch viel zu jung für sowas. Die alte Frau möchte bestimmt nur reden, vielleicht hat sie niemanden, denke ich und sage: „Ja, vielleicht zieh ich hier ein. Wie ist es denn hier so mit den Krankenschwestern? Sind die willig?“ „Billig? Neeeinn! Billig ist das hier hier nicht. Aber es ist nicht so, das man deswegen gleich was geboten bekommt. Die Schwestern hier sind...“ „...geil?“ „Ja, die Treppen.“ „Wieso die Treppen?“


„Die Treppen sind steil. Also zumindest kommt es mir so vor. Ich kann mich ja kaum noch bewegen in meinem Alter.“ „So so.“ „Tzz...die schmeckt auch nicht.“ „Wie bitte?“, frage ich verdutzt. „Was meinen sie?“ „Die Suppe. Die schmeckt auch nicht.“ „Ist hier denn überhaupt irgendwas gut?“ „Evelyn.“ „Evely ist gut?“ „Ja, ja. Evelyn und Luke.“ „Wer ist Luke?“ „Ja, sie.“ „Nein, meine Name ist nicht Luke.“ „Was ist nicht gut?“ „Das frage ich ja Sie.“ „Hier ist vieles nicht gut. Außer... der Horst der hat noch Tinte in der Feder und schaut jede zweite Woche bei mir vorbei... wenn sie verstehen was ich meine.“ „Ich wünschte, ich würde es nicht.“ „Sie sagen es. Die Gicht. Die kann einem schon den ganzen Spass dabei verderben. Haben sie eine Frau?“ „Wenn ich das wüsste?“

„Sie sagen es. Die Küste. Da komme ich hier. Aber wechseln sie doch nicht ständig das Thema. Oder ist es ihnen unangenehm? Wissen Sie, ich hab nicht mehr viele Menschen mit denen ich mich unterhalten kann.“ Und was ist mit Horst?, denke ich mir und versuche die Bilder in meinem Kopf zu vernichten, bevor sie es mit meiner zarten Seele tun. „Haben Sie keine Verwandte, denen sie das alles erzählen können? Ich höre normalerweise den Geschichten von alten Menschen gerne zu, aber irgendwie fehlt mir dazu jetzt gerade die Geduld.“ Ich schaue die alte Frau an und bin gerade dabei aufzustehen, da sehe ich wie ihr eine Träne die Wange herunter rollt. „Weinen Sie?“, frage ich. „Ach, nein. Nur ein Windzug.“ „Sie schwindeln.“ Ich setze mich wieder. Gegen meinen Willen möchte ich wissen, ob sie mir davon erzählen möchte, da brasseln auch schon Informationen auf mich ein, mit denen ich nichts anfangen möchte und auch kann. Sie erzählt mir von ihrem Sohn, der sie hier her gebracht hat und sich nie bei ihr meldet, dabei sei er doch ihr einziger. Ich höre geduldig zu und entwickele tatsächlich ein paar mütterliche Gefühle, doch irgendwann nicke ich ein. Als ich meine Augen wieder aufmache, meint


die alte Frau: „...und so habe ich den Moment erlebt, der mein Leben total veränderte.“ „So so.“, sage ich. „Das ist ja schön.“ „Sehen Sie, und beherzigen Sie das, was ich ihnen gesagt habe.“ Sonntag. 09. Dezember 2007 21.23 Uhr „Sollen wir nach Afrika fliegen?“, fragt mich Maddy heute Morgen und weckt mich dadurch. Der Witz ist, dass er von seiner Wohnung aus durch die Wand zu mir rüber brüllt und ich mich nicht dagegen wehren kann. Irgendwann stehe ich auf, taumele im Halbschlaf zu ihm rüber und frage ihn, ob er besoffen sei. „Hast du überhaupt verstanden was ich dich gefragt hab?“ „Afrika. Afrika ist mir doch egal. Ich will schlafen.“ „Und Josef? Ist dir der auch egal?“ „Was hat Josef jetzt mit der Sache zu tun?“ Ich setze mich auf den freien Stuhl neben Maddy an den Tisch auf dem der Computer steht und schaue meinen Nachbarn fragend an. „Jetzt sag´ schon.“ „Vergiss es!“

„Josef? Vergessen? Sag mal, geht´s noch du Matrix-Warmduscher du?! Josef ist real, im Gegensatz zu deinen scheiss Manga-Pornos, du kleiner...“ Ich knalle mit meiner Faust auf den Tisch und erwische dabei ein paar Chipskrümmel, die ich noch kleiner mache als sie es ohnehin schon sind. Wie lange die hier schon liegen, möchte ich gar nicht wissen. Und ehrlich gesagt, ist er mir auch egal. Ich schaue Maddy an und bin böse. Sehr böse. „Morgenmuffel. Lass deinen Frust nicht an mir raus!“, meint der Dicke. „Frust? Das ist kein Frust. Ehrlich. Ich bin nur schlecht drauf. Das ist es.“ „Wichtiger als das ist vielleicht Afrika, oder?“ „In wie fern?“ „Da kannst du hinfliegen.“ „So, und woher willst du das wissen? Haben dir das deine Manga-Pornos gesagt?“ „Was hast du mit den Manga-Pornos aufeinmal. Lass den Scheiss und hör mir lieber ordentlich zu. Willst du jetzt nach Afrika, oder nicht?“ „Natürlich. Sollen wir gleich gehen? Warte, ich hole nur noch meine Zahnbürste.“ Ich stehe auf und möchte weiter schlafen. Doch Maddy drückt mich wieder auf den Stuhl. „Jetzt komm mal geistig an, Junge.“, meint er.


„Bist du da?“ „Wo denn sonst? Du sprichst doch mit mir.“ „Ob du geistig da bist, meine ich.“ „Kommt drauf an.“ „Schau mal auf den Bildschirm.“ Ich tue wie mir befohlen und bin relativ enttäuscht über das, was ich sehe. „Da sind ein paar Nullen. Um ehrlich zu sein, sechs Stück. Ist das so ein Code... so ein Binär-Code?“ „Nein.“, lacht Maddy laut. „Du Depp, das ist Geld.“ „Super. Du Depp. Wer fängt schon was mit sieben Millionen Ein-Cent-Stücken an? Willst du dir ein Brautkleid kaufen?“ „Bist du eigentlich dumm, oder tust du nur so?“ „Das sollte ich dich fragen, oder nicht?“ „Das sind Euro. Sieben Millionen Euro.“ „Ja, klar. Wo ist die Kamera?“ „Hey, Alter, verarsch mich jetzt nicht. Ehrlich.“ „Tut mir ja auch Leid, echt. Aber ich hab gerade kein Kopf für so zwischenmenschliche Beziehungen und Witze und so. Ehrlich nicht. Ich habe ganz schlecht geschlafen und...“ „Von dem Geld kannst du dir Sex ohne zwischenmenschliche Beziehungen kaufen.“ Ich lache laut. „Mit sieben Millionen Cent-

Stücken?“ „Das sind EURO, du dummer Buchhändler! Euro! Sieben Millionen Euro!“ „So so. Und woher hast du deine angebliche sieben Millionen Euro? Von Monopoly-Online?“ „Das ist dein Geld, Arschloch.“ „Bin ich da auch angemeldet?“ „Ich habe unsere Website verkauft.“ „An Monopoly?“ „Nix Monopoly. An Google.“, faucht Maddy. „Ehrlich jetzt? Wieso hast du das gemacht?“ „Na, wegen diesen SIEBEN MILLIONEN EURO!“ „Nur sieben?“ „Das ist dein Teil. Ich hab auch sieben Millionen.“ „Ja, aber wieso nur sieben?“ „Weil ich auch nur 49% verkauft habe, verstehst du?“ „Ahaaa! Du hast sie betrogen, du Fuchs.“ „Habe ich nicht.“ Ich schaue Maddy an und grinse wie ein Dummer, glaube noch immer an einen Scherz und daran, dass er mich umarmt und sagt „Nimm´s mir nicht übel, aber den Witz musste ich einfach machen.“ Doch nichts dergleichen kommt. Maddy blickt mich an und mir scheint es so, als würde er darauf warten das ich begreife dass das, was er


gerade zu mir gesagt hat, die Realität ist. Ich schaue mich um, um sicher zu gehen keine Kameras zu finden, und langsam aber sicher schnackelt es dann in meinem Kopf. Und während diese herbeigesehnte Realität an die Türe klopft, werde ich innerlich zum ersten Mal seit langem ruhig und atme tief ein und aus. Ein und aus. Ein und aus. „Geht´s wieder? Bist du wieder normal?“ „Hey, das ist jetzt kein Witz, oder?“, frage ich. „Versprochen.“ „Wir sind reich.“ „Jep. Du und ich.“ „Und... das ist dein Geheimnis der letzten Tage? Das da? Diese tolle Nachricht? Du Fuchs, du wolltest mich überraschen, was? Du hast gewartet. Und dann...“, ich schlage mit meiner rechten Faust in meine linke Hand, „...bäng!“ Irgendwie bringe ich es jedoch fertig, mit meiner Faust auszurutschen, das Gleichgewicht zu verlieren, nach vorn zu schwenken und mit meiner Nase an der Maus des Computers hängen zu bleiben. Während ich daliege und auf ein Gelächter warte, blicken meine Augen auf den Bildschirm. Das Gelächter bleibt aus und das macht mich stutzig. Ich schaue mir den Bildschirm genauer an und lese „Henry aus dem Weg schaffen!“, bevor Maddy mit seiner linken Hand an meinem Kopf

vorbei fasst und den Bildschirm ausmacht. Total perplex richte ich mich wieder auf und schaue meinen Nachbarn an. „Was soll das?“, frage ich. „Was?“ „Du weißt genau was ich meine.“ „Vergiss es. Den kennst du nicht.“ „Henry? Den kenne ich sehr wohl. Das bin ich. Und ich bin dir im Weg.“ „Nein, nicht mir. Bitte versteh das nicht falsch.“ „Oh nein. Das mach ich bestimmt nicht.“ „Es ist... es ist geschäftlich. Also...“ „Also?“, frage ich. „Willst du jetzt nach Afrika?“ Ich stehe auf und möchte das Zimmer verlassen. Doch plötzlich durchfährt mich ein Taubheitsgefühl, welches meinen Körper binnen Sekundenbruchteilen sanft auf dem Boden aufsetzen lässt. Und dann liege ich da. Ich kann mich nicht bewegen. Maddy beugt sich über mich. „Echt, tut mir voll Leid, aber die Befehle sind so.“ „Welche Befehle? Von wem? Goldfinger?“ Maddy versucht zu lachen. „Du bist mir echt ans Herz gewachsen, aber...“ „Aber jetzt störe ich dich.“


„Mich nicht. Aber die Mission.“ „Welche Mission verdammt nochmal?“ „Die Mission eben.“ Ich liege auf dem Boden, kann mich noch immer nicht bewegen. Kaum zu glauben. Dabei habe ich doch gerade erst erfahren das ich reich bin. Eigentlich hätte das ein schöner Tag werden können! Ich hätte mit der Kohle ganz neu anfangen können. Irgendwo auf den Bahamas. Und plötzlich leuchtet mir ein, dass ich genau das auch hätte tun sollen. „Das war nicht für deine Augen bestimmt. Ganz einfach.“ „Zu spät. Aber... kannst du mir nebenbei vielleicht verraten, wieso ich mich nicht bewegen kann? Ich würde gerne wieder aufstehen. Ich bin auch ganz lieb.“ „Sorry.“ Maddy zieht eine Nadel aus meiner Schulter und plötzlich spüre ich meinen Körper wieder. „Chinesiche Kampfkunst.“ „Ich kenn´ nur Sushi.“ Ich richte mich auf und setze mich wieder auf den Stuhl. Ganz in dem Bewusstsein, dass ich gleich Dinge höre, die mein Leben verändern werden. „Das, was ich dir erzähle, darfst du eigentlich gar nicht erfahren. Ehrlich.“ „Ich sage es auch keinem. Versprochen.“

„Es ist ganz wichtig, dass du tust was ich dir sage. Sonst bist du tot.“ „Warum? Bist du von einem InkasoUnternehmen?“ „Schlimmer. Vom BND.“ „Vom Bundesnachrichtendienst? Puh! Und wieso bist du hier?“ „Wegen deiner Putzfrau.“, Maddy schaut mir tief in die Augen. „Ich wollt sie echt noch anmelden, ehrlich.“, lüge ich mit zitternder Stimme. „Ach, Quatsch. Darum geht es doch gar nicht.“ „Nicht? Um was dann?“ „Deine Putze ist vom KGB*. Sie hat den Auftrag, in Deutschland ein Netzwerk zu errichten.“ „Berta?“, frage ich verdutzt. „Meine Berta?“ „Glaubst du, dass ich lüge?“ „Wäre mir echt recht. Das passt mir nämlich nicht rein.“ „Das du mitbekommst was hier abgeht, passt mir auch nicht rein. Aber es ist nun mal so. Wichtig ist, dass du das machst, was ich dir sage.“ „Verschwinden?“ „Genau. Bis die Sache über die Bühne ist.“ „Willst du sie killen? Bitte nicht. Ich bin echt zufrieden mit Berta.“


„Scheisse, nein. Hier wird niemand gekillt. Berta geht zurück. Nach Russland.“ „Und das war´s? Killt ihr eure Feinde nicht mehr?“ „Gerade eben hast du noch....“ „Ja, schon. Aber ich habe gedacht, ihr killt eure Feinde.“ „Berta geht nach Russland zurück. Und der Weser auch. Ihr Plan hat einfach nicht funktioniert.“ „Weser auch? Der ist auch ein Spion?“ Ich kann ´s kaum glauben. „Wieso? Was wollen die hier?“ „Es ist fast so wie ein Spiel. Sie versuchen hier eine geheime Untergrundwelt zu schaffen und wir versuchen das in Russland auch. Nur das es uns besser gelingt als denen.“ *den es nicht mehr gibt, aber ich Idiot kapier sowas ja nicht!

„Achso. Und wenn´s nicht funktioniert, schickt ihr eure Feinde wieder nach Hause.“ „Ja.“ „Bis sie wieder kommen. Dann beginnt das Spiel von vorn.“ „Genau.“ „Eine ziemliche Verschwendung von Steuergeldern, was?“ Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, ohne eine Antwort zu verlangen und

fange an zu kapieren was hier vor sich geht. „Deswegen hat mir der Weser seine Schwester empfohlen. Aber was ist mit Sina?“ „Die gehört auch dazu.“ „Die ist auch ein Spion?“ „Und sie sind nicht verwandt. Und die Fischer...“ „...ist auch vom KGB.“ „Nee, die ist vom BND.“ „Glaub ich jetzt nicht. Sie ist deine Kollegin?“ „Sag ich doch. Wir haben den Auftrag bekommen, Berta und dem Weser das Spiel zu versauen. Und das haben wir auch geschafft. Deswegen schafft die Fischer auch nicht mehr in dem Buchladen.“ „Die Fischer war für den Weser zuständig und du für die Berta.“ „Du hast es erfasst.“, lacht Maddy. „Aber das Casting. Ihr wolltet, dass die Berta kommt. Ihr wusstet, dass sie vom KGB ist. Aber sie hatte keine Ahnung wer ihr seit.“ „Stimmt.“ „Und die Fischer ist wahrscheinlich gar nicht schwanger, was?“ „Jetzt vielleicht nicht mehr. Keine Ahnung. Aber sie hat tatsächlich den Gerd gepimpert.“ „Und der gehört auch zu euch? Der Gerd?“


„Nee, das hätte eigentlich nicht passieren sollen...“ „Hey, wie krank!“ „Und der Schmitz, der ist auch von den Guten.“ „Nee, jetzt. Der Depp? Wieso das denn? Wegen dem habe ich meinen Job ver ... Nein! Ich sollte gehen! Das ist es! Deswegen auch die Millionen auf dem Konto.“ „Richtig. Also genieße deinen Reichtum und verschwinde.“ „Zu Josef.“ „Wieso nicht?“ „Weil es keinen Josef gibt?“ „Stimmt.“* „Ihr wolltet doch, dass ich mich verrückt mache, dass ich austicke und meinen Job kicke.“ „Das war echt nicht meine Idee.“ „Wessen dann?“ „Schmitz´.“ „Ist das euer Ober-Guru?“ Maddy nickt. „Ihm ging es dann irgendwann zu langsam und da hat er sich kurzerhand selbst als Chef in den Buchladen eingesetzt und dir das Leben zur Hölle gemacht.“ „Wo ist Gerd?“ „Auf den Bahamas.“

„Ehrlich jetzt?“ „Willst du ihn anrufen?“ Maddy streckt mir ein Telefon zu. „Nein.“, sage ich. „Lieber nicht. Ich muss die Sache erst verdauen.“ „Weißt du was, Maddy? Weißt du was mich an *Erst ja, dann nein? Hätte mich auch stutzig machen sollen.

der ganzen Geschichte stört? Ich war gerade im Begriff, mich in Sina zu verknallen. Ehrlich! Sie hatte sogar einen Job! Ich dachte sie sei bodenständig.“ „Pech. Such dir ´ne andere.“ Ich drehe mich weg und schaue aus dem Fenster. Eine Welt bricht zusammen. Sina weg und mein Reichtum war nicht meine Idee. Wahrscheinlich hat Google nicht einmal das Geld bezahlt. Wahrscheinlich war es der BND. Dafür, dass ich meine Klappe halte und verschwinde. Und alles nur wegen ein paar Russen in Deutschland, die den Staat unterwandern wollen. Oder wer weiß was die vorhatten. Immerhin, es hat nicht geklappt. Und Sina ist weg. Und ich? Auf dem Weg zu den Bahamas? Mit Gerd in Shorts einen Cocktail schlurfen? Die Sache ist so komisch, dass sie wieder plausibel klingt. Jedoch muss man bedenken, dass ich seit über einer Woche auf Wasserentzug bin und keinen Sinn mehr für Realität und Logik habe. Das


könnte Maddy natürlich ausnützen. Was er aber nicht machen wird. Oder? „Maddy, ich muss ein bisschen alleine sein.“, sage ich und stehe auf. „Bitte ramme mir keine Nadel in die Schulter.“

Montag. 10. Dezember 2007 16:21 Uhr Aufgewacht mit dem Gedanken, dass der ganze Scheiss nur geträumt wurde, nenne ich mich glücklich. Doch dann kommt die Erinnerung und ich fühle mich obdachlos. Seelisch. Ich denke an Josef, den es nicht gibt und an die Menschen, die es in meinem Leben bald nicht mehr geben wird. Nur eine Unterhose am Leib tragend, schlendere ich zu Maddy alias Andreas oder Andreas alias Maddy und setze mich zu ihm an den Schreibtisch. Wir schweigen. Irgendwann sagt Maddy, dass ich gehen muss. Aber ich schweige weiter. „Du musst wirklich gehen.“, sagt er. „Mhm.“, stammele ich und blicke gedankenverloren vor mich hin. „Wie wär´s mit den Bahamas?“ „Zu Gerd?“

„Wäre doch bestimmt eine lustige Sache.“ Ich blicke Maddy ernst an und sage: „Die Tage, in denen er bei mir gewohnt hat, reichen. Aber abgesehen davon: Wieso muss ich weg?“ „Die Sache lief nicht ganz so, wie wir wollten. Wenn die Russen auch nur auf die Idee kommen, dass du, der diese mittlerweile sehr bekannte Internetseite besitzt, eine Ahnung von den Dingen hat, die hier geschehen, dann schicken sie dir jemanden vorbei. Wenn du weißt was ich meine.“ Ich nicke. „Ich brauche eine neue Indentität, was?“ „Vielleicht müssen wir auch nur jemanden töten der so aussieht wie du, ihn ein wenig verbrennen, ihn in deiner Wohnung ablegen und die Sache klärt sich von selbst.“ „Das ist ein Witz, oder?“ „Natürlich.“ „Ich habe mir Sorgen gemacht wegen Berta. Ich dachte, sie hätte kein Geld. Und der Josef hat mir auch unendlich Leid getan Aber den kleinen Josef gibt es nicht einmal. Alles nur inszeniert um mich krank zu machen.“ „Dafür hast du ein paar Millionen auf deinem Konto.“ „Mein früheres Leben wäre mir lieber. Da war


alles geordnet.“ „Bist du dir sicher? All die Gedanken die du hattest... Ich glaube nicht das es dir damals besser ging.“ „Was weißt du schon von meinen Gedanken?“, sage ich und schwelge in Erinnerungen. „Du hast dir Gedanken gemacht über den Sinn des Lebens, über Zahlen auf einem Gulli-Deckel, über das Universum, über alte Menschen, über Durschschnittsmenschen, über...“ „Okay, okay. Es reicht.“, unterbreche ich ihn. „Ich weiß was du mir sagen möchtest.“ „Dann nimm an, was ich dir gebe.“ „Mir bleibt doch eh keine andere Wahl, oder?“ „Natürlich. Du kannst selbst entscheiden, wohin du gehst.“ „Supi.“, staune ich und hebe vor Freude meine Arme um fünf Zentimer, verfalle dann jedoch wieder in einen Zustand des Trostlosigkeit. „Hier.“, meint Maddy alias Andreas und legt mir ein Flugticket vor die Nase. „Die Bahamas. Schönes Wetter, schöner Strand...“ „Ich werde Sina vermissen. Ich werde diese Stadt vermissen. Ich werde meine Wohnung vermissen.“ „Ich werde dich auch vermissen.“

Montag. 10. März 2008 20:52 Uhr Der Wind weht schwach, die Sonne ist gerade am Untergehen, ich sitze auf der Veranda des Hauses das ich vor knapp drei Monaten gekauft habe und freue mich auf den nächsten Tag. Die Millionen werden immer mehr, denn ich gebe nicht viel Geld aus und die Zinsen erledigen ihre Arbeit gut. Ich habe mir vorgenommen Manuela zu fragen was sie von der Idee hält, ein Teil des Geldes zu spenden. So wie ich sie kenne, fragt sie mich, warum ich denn nur einen Teil spenden will, denn eigentlich brauchen wir diese Millionen nicht. Ich kaufe mir nichts, außer einmal die Woche was zu Essen in der Stadt. Aber das Geld beruhigt. Ich weiß, dass wenn ich möchte, ich Sina, Berta und auch den Herrn Weser besuchen könnte. Es beruhigt mich zu wissen das ich es kann, wenngleich ich es wohl auch nie tun werde, denn ich möchte


überleben. Den Einzigen den das Heimweh ab und zu noch packt, ist Gerd. Tja. Diese arme Sau. Seine Kinder hat er seit Monaten nicht mehr gesehen und die Fischer, die ein Weiteres ausgetragen hat, die auch nicht. Ich sage das er den Kopf nicht hängen lassen soll, dass das hier doch schön sei, er eine nette Frau und genug Zeit zur freien Verfügung hätte, doch er macht sich aus diesem Luxus nichts. Seine Niedergeschlagenheit steckt an. Wenn ich mit ihm zusammen bin, denke ich auch an die alten Zeiten. Doch dann versuche ich zu realisieren, dass es so gut ist, wie es ist. Wenn Manuela zu mir her schwimmt und sich auf meine Fuß setzt, rede ich mit ihr manchmal stundenlang und fühle mich dabei glücklich. Schon dumm das Gerd meinen Goldfisch nicht sehen kann, aber wenn er von seiner Frau erzählt, dann habe ich auch keine Ahnung wie diese aussieht. Der Sonnenuntergang ist wirklich eine Pracht. Jeden Tag auf´s Neue. Ich sitze auf der Veranda, suche mir einen Punkt in der Ferne und starre ihn solange an, bis der Punkt und meine Gedanken eins werden und ich mich im Nirvana verliere. Erst wenn es dunkel ist, komme ich wieder zu mir, gehe in das Haus, lege mich ins Bett und schlafe ein. Wenn ich morgens aufwache, höre ich das Meer rauschen.

Dann stehe ich auf, trete wieder auf die Veranda und schaue in die Ferne. Was ich in der Zeit zwischen Sonnenauf- und Untergang mache, das ist nicht geregelt. Ich habe keine Verpflichtungen. Kein Buchladen, keine Durchschnittsdeutschen, keine nervigen Kunden... Aber nach ein paar Wochen Nichtstun fängt diese Stille um mich herum an mehr zu nerven als die Durchschnittsdeutschen, die Kunden und der Buchladen. Irgendwann habe ich angefangen, mit Manuela zu reden. Hauptsache mit irgendjemandem!, dachte ich mir. Ich weiß das Manuela nicht real ist und das mich viele Leute auslachen würden, würden sie wissen das ich mit einem Fisch rede, der durch die Luft schwimmt. Aber hier gibt es nicht einmal Cocktails. Maddy hat nicht die Wahrheit erzählt. Egal. Fakt ist, dass ich hier bin und doch nicht da, weil meine Gedanken stets woanders sind. Bei Berta und Sina zum Beispiel. Ich kann nicht glauben das sie sie nicht wieder sehen soll oder das sie tatsächlich vom russischen Geheimdienst sind. Das geht nicht in meinem Kopf rein. Genauso wenig wie die Tatsache, dass es keinen Josef gibt, der irgendwo auf mich wartet. Und was mit Cola ist, ob sie tatsächlich das Wasser ab pumpen um es für viel Geld weiter zu


verkaufen, dass weiß ich noch immer nicht. Genauso wenig habe ich keine Ahnung davon, ob es tatsächlich Google war, der meine Homepage gekauft hat. Ich versuche nicht oft an die Sorgen zu denken, die eigentlich gar keine sind. Viele Menschen würden sich die Finger danach lecken, wenn das alles wäre, was sie in ihrem Leben belasten würde. Doch inmitten der Einöde des Paradieses, kann selbst ein Kaffeefleck auf dem Tischtuch die Welt um mich herum zusammenbrechen lassen. Es ist, als würde ich mit der Lupe durch die Gegend gehen und nach Fehlern suchen, die sich auch noch bereitwillig melden und mir das Leben zur Hölle machen. Selbst Manuela verliert manchmal Schuppen, die dann auf dem Fußboden liegen und das Gesamtbild zerstören. Manuela!! Dieser Fisch, der nur in meinem Kopf existiert und wenn ich es möchte, eigentlich gar keine Schuppen haben müsste. Aber vielleicht brauche ich sie. Schuppen, die mich tagtäglich spüren lassen, dass mein Herz noch schlägt. Was sonst würde mich daran erinnern? Es gibt hier keine Kunden die mich so nerven, dass ich mich auf den Feierabend freue. Der Feierabend ist immer. 24 Stunden am Tag. Er hört auch nie auf. Verdammt ist das langweilig! Scheiss Paradies! Kein Wunder wir

sind daraus vertrieben worden. Und ich Depp muss wieder zurück. Heute war ich bei Gerd, dessen Haus etwa zweihundert Meter südlich von meinem steht. Mein alter Chef ist nicht mehr der beste Unterhalter, weswegen ich ihn nicht oft besuche und er mich erst recht nicht. Den ganzen Tag über sitzt er nur auf seiner Veranda, blickt in die Ferne und scheint keine Angst vor dem Alleinsein zu haben. Wer weiß was er für Gestalten sieht, wenn sich sein Blick in der Leere verliert, wer weiß welche Welt sich ihm offenbart. Vielleicht würde ich neidisch werden, würde ich es wissen. Mittwoch. 12. März 2008 12:54 Uhr Manuela schwimmt um mich herum und ich schaue ihr dabei zu. Nach oben, nach unten, linksum, rechtsum. Die ganze Zeit. Hin und her. Ich weiß nicht wie lange das Schauspiel noch gehen soll, wie lange ich gefallen daran finde, bevor ich sie wieder in die hintersten Ecken meines Gehirns verstaue und sie erst dann wieder vorhole, wenn die Langeweile in mir durchbrennt. Als ich heute Morgen an dieser Stelle zwischen Türe und Geländer saß, habe ich wieder dieses


Pochen in meinem Kopf gespürt. Zuerst ganz langsam und leise, dann jedoch immer schneller und lauter. 15:33 Uhr Einmal die Woche gehe ich in die Stadt. Dafür lasse ich einen Bus kommen, was etwas kostet, doch wenn ich etwas habe dann ist es Zeit und Geld. In der Stadt gibt es Menschen, die mittlerweile schon von diesem Typ Henry wissen, der einmal die Woche kommt und mehr ausgibt, als die Dinge kosten, die er sich dort kauft. In dieser Stadt gibt es ein Café. Bis auf die Bedienung, die mich jedes mal anlächelt als wäre ich der Mann ihrer Träume, jedoch immer zu stottern beginnt wenn ich mit ihr rede, gibt es dort auch einen Internetzugang. Doch Post von Bekannten bekomme ich keine. Maddy ist untergetaucht und lässt vielleicht schon den nächsten KGB-Clan hoch. Sina, ihr Vater und Berta wissen nicht einmal das ich auf den Bahamas sitzeund sind vielleicht eh gerade auf der Flucht. Meine und Maddys Homepage wächst von Tag zu Tag, nur mein Forum zum Boykott von Cola finde ich nirgendwo. Während mir die Bedienung lüsterne Blicke zuwirft und sich schamvoll abwendet als ich ihr das Geld für das Internet und den Kaffee sowie

dreißigmal soviel Trinkgeld als üblich in die Hand drücke, überlege ich, dass es so nicht weiter gehen kann. In diesem Moment fasse ich zwei Entschlüsse. Ich schlendere die Straße zu meinem Bus entlang und genieße das Treiben um mich herum. Wie gerne wäre ich ein Teil davon, hätte auch diese Sorgen die diese Menschen um mich herum haben und könnte mich wieder als Mensch fühlen. Nicht als Maschine, die am Leben gehalten wird. Donnerstag. 13. März 2008 07:11 Uhr Ich stehe auf, weil ich das Rauschen des Meeres höre, setze mich an meinen Schreibtisch und starte meinen Laptop. Meine Gedanken sind klar. Klarer als sonst. Doch plötzlich: Poch. Poch. Ich versuche durch ein paar gezielte Schläge auf den Kopf dieses Pochen zu vernichten, doch es wird natürlich noch stärker. Schnell trinke ich eine Flasche Wasser aus, weil ich denke, dieses Pochen würde von einem Wassermangel her rühren. Falsch gedacht. Auf dem Bildschirm öffnet sich eine Fotogalerie mit Bildern aus meinem früheren Leben, die ein früherer Henry geschossen hat. Wahrscheinlich hab die das Programm bei meinem letzten Versuch mich


im Suff nach Hause zu trinken, nicht geschlossen. Jedenfalls ist meine Wohnung ein Traum. Oder war. Keine Ahnung wer jetzt drin wohnt. Ich bin es jedenfalls nicht und das macht mich irre im Kopf. Als ich auf der Tastatur den weißen Pfeil drücke und das nächste Foto erscheint, sehe ich meine alte Freundin: die Fischer. Wieder durchzucken mich Erinnerungen und ich spüre neben diesem dummen Pochen, meine Beine zucken. Sie wollen weg. Anders als ich, der sich selbst betrügt und diesen Ort als ein Paradies ansehen will, drücken meine Beine aus, was sie wollen. 15:46 Uhr Wenn ich Gerd besuche, sieht es bei ihm so aus, wie an dem Tag, an dem ich ihn das letzte Mal sah. Es scheint sich nicht viel zu machen bei ihm. Auch heute nicht. Ich trete auf seine Veranda, wo er wieder einmal sitzt und in die Ferne schaut und setze mich neben ihn auf die braune Holzbank. „Schönes Wetter, was?“, frage ich. „Wie immer.“, antwortet er, ohne mich anzublicken. „Was hast du heute so getrieben?“ „Ich sitze hier. Und da würde ich gerne sitzen bleiben.“

Ich nicke und sage das ich nicht die Absicht hege ihn aus seinem Paradies zu vertreiben, doch das dieser Ort garantiert nicht der Ort der Träume sei. „Ich mag diese Langweile nicht. Ich mag es nicht, nichts zu tun, ich vermisse meine Sorgen und diese nervigen Kunden. Und ich vermisse Sina.“ Gerd murmelt „Mhmh.“ „Nervt dich das auch? Wollen wir abhauen, von vorn beginnen?“ „Das ist das Ende, Henry. Da gibt es keinen Anfang mehr. Wir werden hier leben, ob wir wollen oder nicht. Denn lieber hier leben, als tot zu sein.“ „Wieso tot?“, frage ich. „Die Russen. Die finden uns doch noch. Du darfst diese Menschen nicht unterschätzen.“ „Ach das meinst du!“, gebe ich von mir und lehne mich nach hinten. „Ich habe keine Angst. Vielleicht hätte ich sie, wenn ich mir wirklich vorstellen könnte, dass das, was Maddy gesagt hat, Wirklichkeit wäre. Aber das kann ich nicht. Sina soll zum KGB gehören? Ich bitte dich.“ „Diese Vorstellung, dass alles um mich herum inszeniert war, gefällt mir besser als die, dass mein Leben tatsächlich auf diese Art ein Ende nehmen musste.“ „Hast du mit deinem Leben bereits


abgeschlossen?“ „Bist du noch zu retten? Wieso sitze ich sonst den ganzen Tag hier und warte darauf zu sterben?“ „Das machst du?“, frage ich. „Wieso?“ „Drei Gründe: Frau weg. Kinder weg. Job weg.“ Ich kann verstehen was er meint, resigniere aber nicht. „Glaubst du nicht, wir könnten sie zurückholen?“ „Träum´ weiter.“ „Das mache ich, Gerd.“ Freitag. 14. März 2008 12:31 Uhr Ich bin in der Stadt. In meinem Café. Die Bedienung, dessen Name ich nicht kenne, schaut ziemlich überrascht als ich eintrete, denn schließlich ist heute nicht Henry-Tag. Dennoch scheint ihr zu gefallen das ich da bin. Das merke ich daran, dass sie mir nach schaut als ich mich mit meinem Laptop an einen Tisch sitze und mich WLAN-Mäßig ins Netz einlogge. Denn ich habe einen Plan, Zeit und Geld. Und ich bin entschlossen. Ich habe ein Ziel! Ich buche einen Flug nach Deutschland. Für morgen. Mein Bein fängt wieder zu zucken an, als ich meinen Kauf bestätige und ich hoffe das dies die

Bedienung nicht sieht. Als ich zu ihr schiele, merke ich das ich sie vermissen werde. Armes Ding. Bald bin ich weg. Morgen schon. Auf der Homepage finde ich mein Forum noch immer nicht. Dumm!, denke ich mir. Ich verstehe es nicht. Ich tippe www.ichwilldochnurwasser.de in das leere Feld auf dem Bildschirm ein und hoffe dort vielleicht einen Link zu finden, doch ich merke schnell, dass es weder diesen Link noch diese Website gibt. Das macht mich ehrlich gesagt nervös. Sehr sogar. Denn im schlimmsten Fall bedeutet es mehr, als dass die Seite einfach weg ist. Ich schaue wieder die Bedienung an um mich abzulenken und ich finde immer mehr gefallen an ihren braunen Haaren und ihrer sonnengebräunten Haut. Als sie mich anblickt, schaue ich verlegen weg, was ich sehr komisch finde. So kenne ich mich nicht. Nicht mehr zumindest. Wetter.de sagt, dass das Wetter in Deutschland sehr schlecht sein soll. Es soll stürmen und regnen. Das kann ich mir auf dieser Insel auf der ich mich gerade befinde, gar nicht vorstellen. Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich nicht mitbekomme wie die nette, gutaussehende Bedienung all ihren ganzen Mut zusammen nimmt und mit schnellem Herzschlag an meinen Tisch


kommt. Erst als sie vor mir steht und ich selbst durch ihre sonnengebräunte Haut die Röte in ihrem Gesicht erkennen kann, werde ich auch verlegen und schaue auf. „Hallo.“, sagt sie. Ich bin überrascht ein deutsches Wort zu hören und antworte stotternd „H...ha...lll..hallo.“ „Wieso bist du heute hier?“, möchte sie wissen. „Ich muss etwas im Internet machen.“, sage ich, ohne näher darauf einzugehen das ich morgen aus ihrem Leben verschwinden werde, in das ich gerade erst trete. Sie setzt sich neben mich und blickt auf den Bildschirm. „Da war ich auch eine Weile.“ „In Deutschland?“ Sie nickt. „Mein Vater ist daher.“ Welch ein Zufall, denke ich. Mitten auf der Insel treffe ich das einzige, gut aussehende Mädchen, das deutsche Wurzeln hat und auch noch deutsch spricht. Komisch, oder? „Du wohnst hier?“, fragt sie schüchtern. Ich nicke. „Noch.“ „Du gehst?“ Scheisse! Das muss sie doch nicht wissen. Wer weiß was da heute noch geht! „Muss das nicht jeder einmal?“, frage ich dumm, grinse dementsprechend

und fühle mich auch so. „Mein Name ist Sarah.“ „Henry.“, sage ich. Sarah lacht. „Das weiß ich doch.“, meint sie. „Jeder hier kennt dich bereits. Und jeder hofft auf dein Trinkgeld.“ „Du auch?“, schießt es aus mir heraus. „Vielleicht auf mehr?“, kontert das hübsche Geschöpf und ich fühle mich schlecht. Ich muss an Sina denken und an meine Sehnsucht ihr gegenüber, andererseits weiß ich nicht einmal ob ich sie jemals wiedersehe. Ich weiß nicht einmal ob sie in Deutschland oder in Russland ist! Trotzdem wundere ich mich darüber, wie alles zusammenpasst. „Hast du heute Abend schon was vor?“, will Sarah wissen. Ich habe mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass mich dieses schüchterne Mädchen anspricht und mich fragt, ob ich mich mit ihr verabreden möchte. „Ja...“, sage ich. Und dabei bleibt es. Mehr bekomme ich nicht aus mir heraus. „Holst mich ab? Um acht. Ist das in Ordnung?“ Sie drückt mir einen Kuss auf die Wange und verschwindet. Ich auch.


18:21 Uhr Als ich „zu Hause“ ankomme, bin ich regelrecht deprimiert. Sarah ist scharf auf mich, was mir gefällt, doch ich bin scharf auf Sina, sehe sie aber wohl eh nie wieder. Als ich mich an meinen Schreibtisch setze, merke ich wie dumm diese Geschichte ist, und das sich gerade nicht viel von Gute-Zeiten-Schlechte-Zeiten in meinem Leben unterscheidet. Und darauf habe ich keine Lust. Vom Wein, der sich neben mich gesellt und freudig in meinem Körper seine alkoholische Gärung ausschöpft, besoffen, aber auch fest entschlossen, mich nicht diesem Strom der Sehnsüchte hinzugeben, tippe ich wie behämmert auf die Tasten meines Computers und hoffe darauf, dass sich mein Geist und meine Lipido beruhigen. In weniger als zwei Stunden treffe ich Sarah. Und morgen fliege ich. Gerne würde ich Gerd von dieser Geschichte erzählen, doch ich vermute stark, dass das in ihm nur schlechte Gefühle hervorrufen würde. Im besten Fall jedoch gar keine. Vielleicht denkt er dann im wieder an seine Frau und seine Kinder. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen! Nicht mit mir! Lieber versuche ich es mit den Russen aufzunehmen, als das ich in diesem angeblichen Paradies immer mehr

und mehr verkomme und mein Geist keine Nahrung bekommt. Samstag. 15. März 2008 15:21 Uhr Peter tuckert mit seinem Bus den Hügel hoch und hubt zweimal. Er freut sich mich zu sehen, aber ich glaube er sieht nur die Geldnoten. Kann ich aber voll und ganz verstehen, denn immerhin verdient nur er in seiner Familie, und bei sechs Kindern hat immer eins Hunger. Mir ist klar, dass ich an diesem Abend viel Geld loswerde und habe mich neben großen Geldscheinen auch mit einer kleinen Pistole bewaffnet. Ich habe sie in der Stadt gekauft und die Patronen sofort in den Müll geschmissen. Ich möchte niemandem wehtun. Klingt zwar paradox, aber ist mir egal. „Hallo, Peter.“, begrüße ich meinen Fahrer. Er heißt nicht Peter. Nicht wirklich. Aber sein echter Name ist so kompliziert, dass ich ihm diesen Namen gegeben habe. Peter grinst als ich einsteige und hinter ihm Platz nehme. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache. Nur die des Geldes scheint mein Freund zu verstehen. Ich bin mir sicher, dass wenn ich ihn anrufe weil er kommen und mich irgendwo hin fahren soll, er auch nichts versteht. Würde ich am


Telefon sagen das er nicht kommen soll, würde er trotzdem ein paar Minuten später dastehen. Mein Fahrer hält vor dem Café in dem Sarah arbeitet, nachdem ich ihm minutenlang mit meinen Händen den Weg gedeutet habe, der mehrmals falsch war. Ich sage Peter das er hier warten soll und merke nicht, wie aufgeregt er ist. Im Café ist nicht viel los. Um diese Uhrzeit war ich noch nie hier, weswegen ich nicht weiß warum hier nichts mehr geht. Als ich mit Sarah das Gebäude verlasse, merke ich den Grund jedoch schnell. Kaum draußen, kommen drei finstere Typen um die Ecke, die uns einkreisen. Ich spüre die Waffe in meiner Hosentasche, bekomme aber so viel Schiss, dass ich mich nicht traue mich zu bewegen. Ich stehe da und denke ganz optimistisch, dass die sich schon wieder verziehen werden. Was sie aber nicht tun. Als Peter sieht, dass die Typen seiner Meinung nach an das Geld wollen, das er sich an diesem Abend ehrlich verdienen möchte, greift er unter seinen Sitz und holt etwas hervor, was aussieht wie ein Baseballschläger. Ich glaube nicht dass das eine gute Idee ist!, denke ich mir, und mein Puls rast in die Höhe. Als Peter aber aus dem Bus kommt, registriere ich das der Baseballschläger

schießen kann. Mein Fahrer ballert in die Luft und einem dieser finsteren Typen vor die Füße. Ich kann kaum glauben, was sich gerade hier abspielt und starre Sarah an. Peter versucht einem der Typen sein Gewehr über den Kopf zu ziehen, doch er duckt sich und verschwindet mit seinem Kumpel in der Nacht. Ich atme erleichtert ein und wieder aus und drücke Peter einen nicht unerheblichen Geldbetrag zu. Etwa eine Stunde später sitze ich mit Sarah in einer Bar, in der ich den ersten Cocktail seit meiner Ankunft auf dieser Insel sehe, bestelle und trinke. Peter steht bewachend neben uns. Kann gut sein das er Angriffe einfädelt um an noch mehr Kohle zu kommen. Doch als ich endliche einen Cocktail in der Hand halte, denke ich daran das Maddy recht hatte mit der Existenz der Cocktails auf dieser Insel. Und bei jedem Schluck muss ich unweigerlich mehr an mein zu Hause denken. An mein richtiges zu Hause. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und höre Sarah bedächtig zu, wie sie Geschichten aus ihrem Leben erzählt. Dabei nehmen ihre Arme das ganze Umfeld ein, aber trotz dieser physischen Untermalung verstehe ich kein Wort von dem was sie sagt. Dazu ist es in der Bar einfach viel zu laut. Das allerdings führt dazu, dass ich mich wenig


später in einer Art Traumzustand befinde. Der Cocktail tut sein Übriges. Meine Sinne bekommen eine Überdosis von allem. Von Alkohol, Lautstärke... und Sarah. Denn die steht plötzlich auf, nimmt mich an den Händen und schmeißt mich, ihren Körper ganz dicht an mich geschmiegt, auf die Tanzfläche. Sie reibt sich an meinem Schenkel, ist plötzlich so ganz anders und ich erkenne sie nicht wieder. Weg ist die Schüchterne, die Einsame, die, die erobert werden möchte. Vor mir bewegt sich eine Frau im Takt der Musik, die, so scheint mir, heute Nacht das Gehirn aus meinen den Nasenlöchern lutschen möchte- und wer weiß was sonst noch alles. Doch Sarah wirkt plötzlich bedrohlich. Alles um sie herum verschwimmt. Nur noch ihre körperliche Umrandung scheint mir sichtbar zu sein, ihre Taille, ihre Haare, ihre Hände. Das wird mir zu viel, dass passt alles zu gut zusammen. Das war noch nie so in meinem Leben. Und das wird heute nicht anfangen. Da stimmt was nicht, denke ich mir, als ich mich von Sarah abwende und den Ausgang suchen möchte. Als ich versuche mein Bein entgegen der Gewalt ihres Schenkels weg zu bewegen, weiß ich nicht ob sich der Boden oder das besagte Bein bewegt, jedenfalls möchte ich den Dreh ausbalancieren und stolpere dabei fast. Das ich

Sarahs Oberteil abgerissen habe merke ich erst, als ich tatsächlich zum Ausgang gelangt bin und mich noch einmal nach ihr umdrehe. Ich sehe, wie sie die Träger ihres Tops am Rücken wieder zusammenbindet, umringt von handyzuckenden Männern, die alles darum geben würden, dass diese braungebrannte Schönheit auch ihnen folgen wurde. Dabei wissen die überhaupt nicht, welchen Dämon man lieber schlafen lassen sollte. Doch Sarah schläft nicht. Sie wacht auf. Ich liege am Boden, doch sie packt mich am Genick und schleift mich nach draußen. Vielleicht ist sie ja ein Mann, wundern würde mich heute nichts mehr. Als ich auf die Straße liege, schießt mir frische Luft in die Lunge. Ich lehne meinen Rücken an die Hauswand der Bar und möchte ein paar Minuten ruhen, da erscheint Sarah vor mir. Ich weiß nicht was das ganze Schauspiel soll und schaue sie fragend an. Sie jedoch erwidert in jenem Blick, den Frauen ihren Männern zuwerfen, wenn diese kurz und knapp davor sind fremd zu gehen oder es gedanklich bereits getan haben. Ich jedoch, bin mir keiner Schuld bewusst. Ich hebe meine Hand als Zeichen der Pause und forme ein T. Ich fühle mich plötzlich so, als hätte ich im Dauerlauf den Erdball umrundet und kann mir


nicht erklären warum. „Waa...wa..“, stottere ich kann meine Kopf halten. Sarah tritt ein paar Schritte näher. Ich rieche ich ihr Parfüm. Sie beugt sich zu mir, ich schaue ihr in die Augen. In meinen sieht sie die sterbende Hoffnung und die Erkenntnis, dass da etwas in meinem Cocktail war. Als ich meinen Körper nicht mehr halten kann und dieser sich auf den Boden legt, überschwemmt mich eine Welle der Erleuchtung: Maddy, das war dein Cocktail! Die Sache ist komisch, war mein Leben doch bisher zwar oft komisch, meistens jedoch lustig. Die Sache scheint sich gerade zu ändern und ich merke, dass ich keine Freunde habe. Die, die sich für welche ausgaben, sind ab heute bestimmt keine mehr. Als ich aufwache, liege ich zwar weich, doch es stinkt. Und ich sehe nichts. Ich versuche mich aufzurichten, aber alles was sich bewegt, ist das Bettgestell, das furchtbar komische Laute von sich gibt. Plötzlich streift mich ein kalter Lufthauch. „Na, hast du gut geschlafen?“, möchte eine männliche Stimme von mir wissen. „Entschuldige bitte, aber wir hatten keine Decke für dich. Bestimmt ist dir kalt.“

Jemand setzt sich zu mir auf das Bett und drückt die Matratze runter. „Wer bist du?“, frage ich. „Sagen wir... ein Freund. Auch wenn es gerade nicht so aussieht.“ Ich muss lachen und sage „Hier sieht es nach nichts aus. Alles dunkel.“, was den Mann neben mir kurz etwas schweigsam macht. Dann greift eine Hand in mein Gesicht, nimmt mir die Augenbinde ab. „Besser?“ „Schwachsinn.“ Ich trage eine Boxershort. Sonst nichts. Als ich den Typ neben mir anschaue, braucht es eine Weile bis ich erstens sehe und zweitens dann auch begreife, dass Maddy auf meinem Bett sitzt. „Damit hast du nicht gerechnet, was?“, will er wissen. In der Tat, damit habe ich nicht gerechnet. Und dabei wollte ich nicht rechnen. „Wir können dich nicht gehen lassen, verstehst du?“ „Wer ist wir? Der BND?“ Mein ehemaliger Nachbar blickt um sich, als würde er nach etwas suchen. „Ich bin nicht vom BND.“ „Ach.“, sage ich zynisch. „Das bist du privat hier? Geht da spesentechnisch überhaupt was?“


„Mach keine Witze, mein Freund...“ „Freund?“, schreie ich und will meine Fäuste auf Maddy einschlagen, doch außer dem Bett bewegt sich nichts. Dieser Widerstand der Handschellen, die meine Hände daran hindern auf meinen ehemaligen Nachbarn einzuschlagen, bringt mich fast um den Verstand. Mein Puls rast, ich schwitze und bin so voll Hass geladen, dass ich ein Blutbad anrichten würde, wäre ich nicht gefesselt. Ich versuche meine Fäuste aus den Schellen zu quetschen und spüre den Schmerz nicht, der mich davor warnen möchte, dass ich meine Knochen gerade zu Pulver mache. „Du hast ein paar Leute mit deiner Website genervt.“, sagt Maddy. „Cola, verstehst du? Da waren plötzlich die Leute von Cola und haben mir eine sehr hohe Summe gegeben, wenn ich dich dazu bringe, die Klappe zu halten.“ „Wie hoch?“ „Vierzig Millionen.“ „Du solltest mich umlegen. Du hast das Geld bekommen, um mich umzubringen.“ Maddy nickt verlegen. „Klingt schon komisch, wenn du das so sagst. Aber du lebst ja noch.“ Maddy steht auf und klatscht seine Hände. Ach, du lebst ja noch, du altes Haus. Also was willst du mehr? Sein Gesichtsausdruck sehnt sich nach einem

Neuanfang. Aber Verzeihung, in meiner gegenwärtigen Situation kann ich ihm das nicht zugestehen. Aufgeregt spielt er mit seinen schwitzigen, dicken Händen und schaut mich an. „Ich habe es nicht fertig gebracht. Ganz einfach. Es war nicht leicht.“ Mein ehemalige Nachbar kramt in seiner Jackentasche nach etwas und zieht wenige Augenblicke später eine Waffe hervor. „Die haben sie mir gegeben. Komisch, was?“ „Komisch ja. Sehr komisch.“, sage ich. „Aber warte... nein... Das ist krank! Einfach nur krank!“ „Ich sagte doch: ich konnte dich nicht umlegen. Deswegen habe ich dich mit sieben Millionen auf die Bahamas geschickt und auch gedacht, du würdest da bleiben. Als ich jedoch merkte, dass es dir dort zu langweilig wird und du auch auf die Tabletten nicht anschlä....“ „Tabletten?“, flüstere ich leise und plötzlich wird mir einiges klar. „Du hast Gerd unter Drogen gesetzt. So, dass er nicht gehen wollte.“ „Und dich. Aber du hast zu unregelmäßig gegessen oder so. Keine Ahnung. Jedenfalls habe ich dir Sarah...“ „Hab´ich´s mir doch gedacht!“ „Du Depp bist allem gegenüber resistent. Der Plan sah so einfach aus. Cola denkt du seist tot, ich


habe mein Geld, du bist zwar unter Drogen, glücklich und reich.“ „Aber... aber...“, stottere ich. „Die Geschichte mit dem KGB? „ „Erlogen. Ja. Es gibt nicht einmal mehr einen KGB.“ „Es gibt ihn nicht mehr? Bedeutet das, du hast mich mit einer Geschichte verarscht, auf die ich auch noch hätte kommen müssen? Man, man, man... Aber heißt das auch, dass Sina in Deutschland auf mich wartet? Das die Berta eine richtige Putzfrau und der Schmitz ein richtiges, normales Arschloch ist?“ Maddy nickt erneut. „Aber das kann dir egal sein. Ich kann dich nicht von der Insel lassen. Das geht nicht.“ „Wieso nicht? Hast du Schiss vor Cola? Hast du Schiss, dass du alles nachzahlen musst? Und erklär ´ mir mal eines: Warum ist der Gerd auch dabei? Was macht das für einen Sinn?“ „Alleine wärst du wahrscheinlich nie auf der Insel geblieben und Gerd schien mir der ideale Mann zu sein. Getrennt lebend von seiner Frau, hoffnungslos und am Boden zerstört. Deswegen. Ich habe ihn schon in Deutschland unter Drogen gesetzt, dass er mir glaubt. Das war ganz einfach. Nachdem er den

Buchladen verlassen hatte und seine Frau auch nichts mehr von ihm wissen wollte, vermisste ihn keiner. Da hatte ich mal wieder richtig Glück.“ „Und so wurdest du Cola hörig.“ „Für vierzig Millionen. Wer vergisst da nicht gerne mal ein paar moralische Wertvorstellungen?“ Ich stecke die Energie meiner Wut in meine Hände, die sich auch weiterhin versuchen, aus den Handschellen zu quetschen. Es ist ein unsagbarer Schmerz, doch ich brauche in diesem Moment nur Maddy anschauen, der mir sagt das er für Geld alles tun würde- und siehe da, es gelingt mir, ich befreie meine Hände. Maddy blickt auf die Waffe in seiner Hand und läuft einige Schritte im Raum umher. Mir ist bitterkalt, doch ich zittere aus Angst davor, was ich gleich versuchen werde. Die Betonung liegt dabei auf versuchen, aber schlimmer ausgehen als zu sterben, ist heute nicht drin. Als ich beide Hände aus den Handschellen habe, sehe ich in der Ecke des Raumes meine Klamotten. „Du musst das nicht tun.“, sage ich. „Wir können die Sache doch auch anders regeln. Ich meine, wir hätten uns das Geld von Anfang an Teilen und ehrlich sein können. Dann wäre ich auf nie mehr wiedersehen irgendwohin verschwunden und jeder


wäre glücklich geworden.“ Maddy blickt mich an, als hätte ich ihn jetzt erst auf diese Idee gebracht. Doch dann meint er, dass mehr Geld der Grund war, warum er genau das nicht getan hat. So einfach und hart kann die Wahrheit manchmal sein. Er hebt die Waffe langsam in die Luft, schließt seine Augen und zielt auf mich. Seine Hände zittern, er hat Angst abzudrücken und merkt nicht, wie ich mich wie eine Gazelle aus dem Bett und Maddy die Waffe in die Hand schlage, sie auf ihn richte... und abdrücke. Es fällt mir verwunderlicherweise sehr leicht. Ich habe diese Waffe in der Hand, spüre meinen Puls an meinem Hals pochen, ziele auf Maddy und drücke ab. Einfach so. Ich bin nicht einmal verwundert als ich es tue und ein lauter Knall ertönt, der mich fast das Hörvermögen kostet. Maddy sackt zu Boden. Als ich ihn dort liegen sehe hasse ich mich dafür, dass es mir so leicht viel auf Maddy zu schießen. Nicht, dass ich es getan habe. Ich lege die Waffe weg und gehe zu Maddy. Er schaut mich an als ich mich über ihn beuge und plötzlich sehe ich meinen alten Freund wieder. „Hey, Kumpel.“, flüstert er leise und hat

Probleme mich zu sehen. Dabei bin ich genau vor ihm. „Es tut mir Leid.“ „Komm mir nicht mit dieser Nummer, du Depp. Das würde ich jetzt auch sagen, wenn ich auf dem Boden liegen würde und am Verbluten wäre. Da wär ´vielleicht auch Hitler mein Freund... Naja...ok. Der vielleicht nicht gerade. Jetzt halt still, ich schau mal was ich machen kann.“ „Machen? Hier? Es gibt hier kein Auto, kein Handyempfang, nix. Ich lasse mich davon nicht beeindrucken. Ich durchsuche Maddys Taschen und finde ein Handy, wähle die Notrufnummer... und habe keinen Empfang. „Du Depp!“, schreie ich meinen Freund an. „Du stirbst, weil du mich töten wolltest. Du bist ein Opfer deiner Dummheit geworden.“ Er weint. „Tut mir Leid.“, sagt er unter Tränen, welche die Farbe seines auf dem Boden um uns herumkreisenden Blutes angenommen haben. „Aber glaub mir, es ist besser so. Ich habe dir Unrecht getan, Gerd und allen, die an das Gute glauben. Lass mich hier einfach liegen und gehe.“ Ich richte mich auf. Gehe zu meinen Klamotten. Ziehe sie an. „Kommt nicht in Frage.“, sage ich. Ich packe Maddy unter den Schultern. Plötzlich klebt sein Blut überall an mir. Und er schreit. Er hat


Schmerzen. Das ist gar nicht so schlecht, denn auch wenn ich gerade versuche sein Leben zu retten, dann mache ich das eigentlich nur wegen mir. Ich möchte mit mir im Reinen sein und vielleicht gutes Karma sammeln, wenn es das gibt. Was Maddy angeht... naja. „Stell dich nicht so an, du Waschlappen.“, sage ich und stemme meinen Freund auf meine Schultern. „Diese Sache ist nun mal so, finde dich damit ab. Du bist schuld an dieser Scheisse. Nur du. Und du musst die Sache ausbaden. Lass mich versuchen dich hier raus zu holen. Wenn ich es nicht tun würde, hätte ich mein ganzes Leben lang ein schlechtes Gewissen. Es geht hier also nicht um dich.“ Als ich aus dem Haus trete in dem ich hätte sterben sollen, geht die Sonne als ferner Streifen in der Ferne auf. Ich mache einen Schritt nach vorn und spüre Schmerz. Maddy ist kein Leichtgewicht. Seine Barthaare reiben sich an meinem Nacken, als ich uns in Richtung Rettung trage und scheuern meine Haut auf. Ich versuche eine Entschuldigung für sein Verhalten zu finden, während ich unter größter körperlicher Anstrengung einen Schritt nach dem anderen mache. Vielleicht hätte ich auch so

gehandelt. Vielleicht ist jeder käuflich. Und bei vierzig Millionen? Hallo? So viel Kohle! Ich schüttele meinen Kopf als könnte ich mich von der Verführung befreien. Mein ehemaliger Nachbar wollte mich erschießen!, rufe ich mir in Erinnerung. Doch ich war schneller. Reine Selbstverteidigung. Es ging in diesem Moment, in dem er seine Waffe auf mich gerichtet hatte, nur darum, mein eigenes Leben zu retten und Maddy außer Gefecht zu setzen. Das ist geschehen. Nun, wo die gefährliche Situation vorbei ist, kann ich ihn retten. Oder es zumindest versuchen. „Was willst du zu Hause als erstes tun?“, frage ich ihn. „Sollen wir ins Kino gehen?“ „Spinnst du?“, hechelt Maddy leise. „Ich wollte dich erschießen.“ „Ach, das ist doch Vergangenheit ich....“ „Ich sollte sterben.“ „Nein.“, sage ich schnell, kurz und laut. „Ich trage dich doch nicht durch die Gegend, dass du danach in einem Krankenhaus sterben kannst. Außerdem ist das hier kein Film, indem das Opfer heulen kann und trotzdem gerettet wird. Noch ein dummer Spruch und ich lasse dich hier liegen. Wir wissen beide, dass es so nicht enden soll. “ „Du... ich muss dir noch etwas sagen.“


„Leg los.“ „Dein Geld ist weg.“ Ich muss kurz innehalten und bleibe stehen. „Wie, es ist weg?“ „Als ich dachte das ich dich umlegen würde, da hab ich es mir geholt.“ „Ich bin jetzt also bankrott?“ „So kann man es sagen.“ „Schöne Scheisse. Wovon soll ich dann leben?“ „Du bekommst es ja wieder.“ Ich mache wieder einen Schritt nach vorne und bringe den Bewegungsapperat in Gang. Der schmerzt, doch wie schon einmal in meinem Leben kann ich meine Seele von meinem Körper wunderbar trennen. Nur die Realität ändert sich dabei nicht. Sie ist immer noch sehr real. „Hast du gehört? Ich gebe es dir.“ „Kannst du behalten. Ich will dein blutverschmiertes Geld nicht.“ Ich spüre wenig, als die Sonne nach und nach ihren höchsten Punkt erreicht und mir die Hitze in den Körper treibt. Mein Blick ist nach unten auf den staubigen Asphalt gerichtet, mein Geist ist außer Kraft gesetzt. Ich laufe nur. Minute um Minute. Stunde um Stunde. Irgendwann ist mein Mund so

trocken, dass ich nicht mehr mit Maddy reden kann. Vielleicht liegt er bereits ohnmächtig auf meinem Rücken, vielleicht hat er seine Augen offen und denkt nach. Ich tue es nicht. Ich arbeite. Wie eine Maschine. Ich ramme meine Beine im Sekundentakt in den staubigen Boden, der einfach nicht zu einem Ende kommen möchte. Als die Sonne hoch über dem Horizont steht, habe ich das Zeitgefühl vollkommen verloren. Vielleicht bin ich schon ein, vielleicht zwei oder drei Stunden am Laufen, vielleicht aber auch schon vier oder fünf. Ich kann es nicht sagen. Maddy klammert sich um meinen Hals und nimmt mir die Hälfte an Sauerstoff dadurch weg, wodurch ich wie ein Hund hecheln muss. Beschweren kann ich mich später. Was ich während dieser Zeit gedacht habe, kann ich nicht sagen. Ich weiß nichteinmal, ob ich überhaupt gedacht habe. Doch dann kam es zu einem Ende. Ich höre ein Auto. Es ist ein leises, ganz weit entferntes Summen, doch ich höre es. Ich versuche mich umzudrehen. Es misslingt. Maddy ist viel zu schwer und zu breit. Ich flüstere „Tut mir leid.“, lege ihn vorsichtig neben die Straße und schaue ihn an. Sein Gesicht ist blass. Er hat viel Blut verloren. Die


Hälfte davon hat mein Hemd aufgesaugt, die andere ist über die letzten Kilometer hinweg auf die Straße getropft. Man konnte also Hänsel und Gretel spielen, wenn man möchte. Als ich mich umdrehe, sehe ich einen schwarzen Punkt weit entfernt. Es ist ein Auto! Tatsächlich. Ich laufe auf die Straße, platziere mich in der Mitte und hebe meine Arme in die Luft. Die Sonne macht aus meinem Schatten ein drei-Meter großes Etwas. Das Auto kommt näher und näher. Ich blicke Maddy von der Seite an, hoffe das er noch durch hält. Es ist ein schwarzer Pick-Up. An manchen Stellen schon etwas rostig und verbeult, doch für mich das schönste Auto überhaupt. Etwa zwanzig Meter vor mir beginnt der Fahrer des Wagens, sein Fahrzeug abzubremsen. Es rollt die letzten Meter und kommt kurz vor meinen Beinen zum Stehen. Dann Stille. Ich kann nicht in das Fahrzeug schauen, bin aber ohnehin so perplex, weil ich kaum glauben kann das hier in diese Einöde ein Auto vor mir steht. Ich rühre mich nicht. Der Fahrer steigt aus. Ganz langsam bewegt er die Türe, streckt erst seinen Kopf heraus und schaut mich an, dann Maddy. „Können Sie mich mitnehmen?“, frage ich leise hechelnd. Ich habe Probleme meine Stimme zu

finden. Der Fahrer schweigt. „Mein Freund hier hatte einen Unfall.“, sage ich. Schweigen. Der Person vor mir scheint Sonne in das Gesicht, weswegen ich es jenes kaum erkennen kann. Er meines sicher auch nicht. „Wir brauchen ihre Hilfe.“, sage ich. „We need your help.“ Als sich noch immer nichts tut und jeder jeden nur blöd anschaut, wird es auch mir zu dumm. Das ist kein RTL II- Film. Das ist ernst. „Dieser Typ dort drüben“, ich zeige auf Maddy „hat versucht mich zu erschießen, aber ich war schneller. Wenn Sie jetzt also bitte so freundlich sein würden und uns mitnehmen...“ „Henry?“, höre ich den Mann sagen. Ich bin verwundert. Irgendjemand meint es gut mit mir. Ich trete einen Schritt nach vorn und... Peter! Ich umarme ihn, bin außer mir vor Freude! Was er hier macht, frage ich ihn, doch er grinst nur weil er mich nicht versteht. „Wir müssen mitfahren.“, sage ich. „Der Fettsack braucht Hilfe.“ Wir düsen die Straße entlang. Peter drückt das Gaspedal durch, der Pick-Up klappert und quitscht.


Maddy liegt hinten auf der Ladefläche. Er hat die Augen auf und schaut in den Himmel, vielleicht ist er auch schon da. Als wir in einer Stadt ankommen und Häuser um uns herum aus dem Boden schießen, merke ich erst wie schnell Peters Pick-Up fährt. Es ist heiß, ich kurbele das Fenster herunter und halte meinen Kopf aus dem Fenster. Meine Augen fangen an zu schmerzen, weil die Luft so verdammt trocken ist. Wir schießen an einem Mann vorbei, der uns auf seinem Fahrrad nach schaut als würde er die Welt nicht verstehen. Und was versteht er schon? Als wir eine Stadtgrenze überschreiten, bin ich sehr sehr müde. Ich ziehe meinen Kopf ins Auto, lehne mich nach hinten und schaue in den Spiegel. Ich weiß nicht ob Maddy noch lebt, doch ich kann sowieso nichts mehr machen. Als ich die Augen schließe, stehe ich in meiner Wohnung in zu Hause, als mich ein immenses Heimweh überkommt. Gleichzeitig frage ich mich, wieso ich den Schwanz eingezogen habe, wieso ich mich habe verscheuchen lassen. Was bin ich für ein Mensch? Ich hatte doch meine Zweifel, ich war der Wahrheit doch so nahe. Trotz diesen Vorwürfen mir selbst gegenüber, versuche ich ruhig zu bleiben. Ich atme tief ein und aus, doch mit diesem Scheiss kann ich echt gerade

nichts anfangen. Er macht mir noch aggressiver. Ein und aus. Wer hat sich sowas einfallen lassen? Stattdessen balle ich meine Hand zu einer Faust. Gewalt ist keine Lösung, rede ich mir ein, und weiß das dieses Ich in mir recht hat. Das andere jedoch, möchte mit brutalster Gewalt gegen all diese Menschen vorgehen, dir mir gerade ans Bein pissen. Schmitz, Maddy, Gerd. Ja, auch Gerd. Dieser Mensch hat sich aufgegeben und jammert permanent. Ich kann das nicht verstehen. Irgendwann hält Peter an. Wir stehen vor einem Krankenhaus. Peter steigt es dem Wagen und rennt in das Gebäude, doch ich bleibe sitzen und starre weiter gerade aus. Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Neben mir liegt eine volle Wasserflasche, nach der ich langsam versuche zu greifen. Mein Geist ist willig, das Fleisch ist- fast tot. Aber das macht nichts. Ich habe Zeit. Ich habe Zeit und warte. Ich warte. Wenn es sein muss, warte ich ein Jahr. Nichts drängt mich, außer ich mich selbst. Als die Wasserflasche meine Lippen berührt, sauge ich die Flüssigkeit ein, als gäbe es kein Morgen. Irgendwann kommen ein paar Ärzte und nehmen Maddy mit. Dann kommt Peter wieder und steigt ins Auto.


Als Peter und ich vor Gerds Haus halten, sehe ich meinen alten Chef bereits auf seiner Veranda sitzen und Löcher in die Luft starren. Ich sage Peter, dass er im Wagen auf mich warten soll. Die Treppen zur Veranda knarren unter meinen Beinen. Ich setze mich zu Gerd, der mich anschaut als ich neben ihm Platz nehme. „Alles klar?“, frage ich. Er nickt. „Ich gehe. Kommst du mit?“ Gerd steht auf und läuft in´s Haus. Ich bin verwundert, stehe auf, schaue ihm nach. Als ich sehe wie er in sein Schlafzimmer geht, laufe ich ihm hinterher. Mir war klar das er zicken würde. Er steht unter Drogen. „Was machst du...“, sage ich als ich eintrete, muss jedoch schlagartig unterbrechen als ich sehe, wie Gerd seinen Koffer packt, mich angrinst und sagt: „Gehen wir.“ „Wieso? Warum so einfach? Warum zickst du nicht rum?“ „Sie nerven mich. Sie fangen tatsächlich an mich zu nerven.“ „Wer?“ „Ja, die Menschen. Jörg. Oder Patrick. Sie nerven mich.“

„Ich kenne keinen Jörg. Und keinen Patrick.“ „Natürlich nicht. Sie sind da drin.“ Gerd zeigt auf seinen Kopf. „Und sie nerven. Lass uns gehen. Ich möchte wieder nach Hause.“ „Und deine Frau?“ „Die ist auch nicht echt.“ „Und die Insel? Ist die nicht schön?“ „Langweilig. Sie nervt. Zick´ nicht rum. Gehen wir.“ „Seit wann... ich meine...wieso...“ Ich stehe im Raum und schaue Gerd an, der Socken in seinen Koffer legt und diesen dann schließt. „Ich kann dieses dumme Wasser nicht mehr schmecken. Immer nur dieses dumme Leitungswasser. Seit ein paar Tagen lasse ich mir Cola aus der Stadt kommen. Und siehe da: mir geht ´s besser. Ich weiß nicht was die Gesundheitsgurus immerzu gegen Cola haben. Ist doch klasse.“ „Nein.“, sage ich schnell. „Cola ist nicht klasse. Cola ist schuld an der ganzen Scheisse.“ „Rede keinen Stuss. Cola schmeckt.“ „Du wirst diesen Satz noch bereuen. Komm jetzt. Wir müssen gehen.“ Ich stelle Peter Gerd vor und Gerd Peter. Dann steigen wir ins Auto.


„In die Stadt.“, sage ich. „Kann der Deutsch?“, will Gerd wissen. „Weiß nicht.“ „Was willst du in der Stadt?“ „Zum Flughafen..“ „Hört sich nach einer geilen Nacht an.“ Während der Fahrt ziehe ich mir ein neues Hemd an. Eines, das nicht nach Blut riecht. Erst jetzt begreife ich, dass wir gerade dabei sind, die Insel zu verlassen. Neues Hemd, neues Leben. Dann packe ich meinen Laptop aus und beginne zu schreiben. Mittwoch. 19. März 2008 15:21 Uhr Es ist kalt in Deutschland. Ich sitze an einem Tisch auf dem gerade eben noch Essen stand und tippe euphorisch in die Tasten, um all das zu verarbeiten was ich erlebt habe. Als Gerd und ich in Stuttgart landen, nehmen wir den Zug nach Hause. Wir sind erschöpft vom Flug und zu allem Überfluss sind wir in Deutschland nicht willkommen. Cola mag uns nicht. Wobei nebenbei bemerkt Cola ja nicht Deutschland ist, aber wenn man sich gegen diesen Konzern auflehnt, dann kann ich mir vorstellen, dass man leicht ganz Deutschland gegen sich haben kann. Das ist so wie bei der

Hexenverfolgung. Ob meine Wohnung bereits vermietet ist?, frage ich mich als ich dem Schaffner unser Ticket zeige. Ich weiß das er uns im Auge behält, denn wir sehen unrasiert und widerlich aus, wir stinken und können kaum noch richtig sitzen. Gerade will er mit einem angewiderten Blick wieder abziehen, da kann ich das nicht auf mir sitzen lassen. „Haben Sie ein Problem mit uns?“, will ich wissen. „Hör auf.“, zischt Gerd neben mir. „Hör auf.“ Der Schaffner dreht sich um, schaut mich an. „Wie bitte?“, fragt er. „Sie schauen uns gerade abschätzig an. Stimmt irgendwas nicht? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ „Nein, das können Sie nicht. Aber Sie könnten sich vielleicht waschen, dann würde der Zug nicht so stinken.“ „Vielleicht liegt es ja auch am Zug.“ „Also jetzt hören Sie mal auf.“ „Ich bitte sie. Bleiben Sie sachlich. In diesem Ton möchte ich nicht mit Ihnen weiter reden.“ „Sachlich? Hören Sie mal her. Ich bin sachlich.“ „Sie sollen ruhig bleiben.“, sage ich und grinse ihn an. „Ruhig. Gewalt ist keine Lösung.“ Ich liebe diese Momente, in denen ich das Zepter in der Hand


halte. Das war ja schon bei der Fischer so. Und jetzt wieder. Mag sein das ich den Typ unverhältnismäßig provoziert habe, aber wenn er es zulässt? Es ist kalt draußen und wir sind nicht freiwillig da. Vielleicht ist es für deutsche Verhältnisse auch echt warm, aber meinem exotischem Gemüt setzt die Kälte wirklich sehr zu. Dabei bin ich jedoch guter Hoffnung, dass wir heute noch Heim kommen. Es ist erst neun Uhr. Gerds geplappere das er mir den ganzen Scheiss zu verdanken hat, kann ich mir nicht anhören, weswegen ich zwar neben ihm nach Hause laufen muss, ich aber noch lange nicht gezwungen bin ihm zu zuhören. Außerdem ist es ja nicht mehr weit. Vielleicht noch 40 Kilometer. Wenn wir schnell laufen, sind wir in ca. vier Stunden da. Und selbst wenn es fünf sind, was macht das schon? Wir haben Zeit. Und so nütze ich diese, um die Landschaft um mich herum anzuschauen. „Weißt du was, Gerd?“, sage ich in einem hoffnungsvollen Ausatmer. „Weißt du was den Menschen fehlt?“ „Ich will es gar nicht wissen.“ „Doch. Es fehlt an Arschtritten.“ „Den haben wir gerade einkassiert.“ „Nein, ich meine an richtigen Arschtritten. Wenn

jemand seinen...“ „Arsch...“ „...nicht hochbekommt. Dann braucht es professionelle Menschen, die jemand in den... „... Arsch treten.“ „Genau. Du sprichst mir aus der Seele.“ „Wenn ich mich jetzt auf diese absolut sinnfreie Diskussion einlasse, dann nur, weil sterben aus Langweile gerade nicht so angebracht ist. Und ganz nebenbei hasse ich dich übrigens, habe ich das schon gesagt?“ „Sehr oft, Gerd. Sehr oft. Jedenfalls die Arschtritte. Da sollte es so eine Agentur geben. Und die sollte Menschen beschäftigen, die von anderen Menschen angeheuert werden, die jemand kennen, der Arschtritte braucht. Ich glaube schon das die Situation in Deutschland so aussieht, dass die Menschen immer fauler werden. Viele zumindest. Nicht alle, aber viele. Und da muss man doch was machen.“ „Das hätte ich früher auch nötig gehabt. Dann wär das ganze vielleicht nie passiert. Diese ganze Scheisse mit den Bahamas, der Scheidung, die Fischer zu schwängern. All das. Man war das ein Mist. Und jetzt? Jetzt stehe ich da und habe nichts. Weder einen Job, noch meine Frau, die Fischer und


nicht mal die anerkannte Vaterschaft .“ „Wieso nennst du sie eigentlich auch Fischer?“ „So heisst sie nun mal. In Deutschland spricht man die Menschen mit ihrem Namen an, KlugScheisser.“ „Ihr Vorname ist Fischer?“ „Klingt komisch, was? Ist aber so. Und wenn nicht, dann muss ihr Vorname noch viel viel schlimmer sein.“ „So habe ich das noch nie gesehen.“ „Das bringt uns aber auch nicht weiter. Dich nicht, und mich nicht. Wir haben keine Kohle mehr und die Sache sieht wesentlich schlimmer aus als jemals zuvor in meinem Leben. Ich bin immer ein Erfolgsmensch gewesen. Immer auf den Überholspul.“ „So nennst du das? Überholspur? Du hast bestimmt nicht mitbekommen als deine Kinder das erste Wort gesagt haben, oder anfingen zu laufen...“ Gerd wird ruhig, die Situation real und gleichzeitig traurig. „Da hast du recht.“, meint er, vermeidet es, seinen Blick mir zu zuwenden. „Vielleicht wäre so eine Aschtritt-Agentur gar nicht so schlecht gewesen. Früher.“ „Siehst du. Jeder braucht ab und zu mal einen Arschtritt. Das ist einfach so. Deswegen sollte man

solch diese Agentur gründen. Wenn die Mutter dann mit ihrem Sohn nicht fertig wird, dann kommt sie zu der Agentur. Oder wenn der Ehemann immer dicker wird. Oder... ach was weiß ich. Es gibt so viele Gründe.“ „Sehe ich ein.“, höre ich Gerd sagen, was motiviert. Auf der Welle Kreativität male ich mir dann aus, wie ich mir sowas genau vorstelle, wie eine Website auszusehen hätte, wie ich mir ein Büro einrichte, ... „Wenn´s läuft, denk an mich. Stell mich ein. Ich brauch ein Job.“ „Ja, kannst du denn Menschen in den Arsch treten?“ „Also bitte, Henry. Ich war Chef eines Buchladens.“ „Mal ehrlich, dazu gehört nicht sehr viel. Auf´s Militär bezogen wäre das nicht mal... Feldwebel.“ „Wie kommst du denn auf so einen Vergleich?“ „Egal, er stimmt. Und du machst dir was vor.“ „Ehrlich?“ Gerd bleibt plötzlich stehen und streckt mir seinen Arsch entgegen. „Dann bin ich der erste dem du in den Arsch treten kannst.“ Ich bin überrascht, winke ihn jedoch ab. „Du hast eh kein Geld.“, sage ich und gehe weiter. Gerd zieht seine Hose herunter und erregt gerade die


Öffentlichkeit. Aber negativ. „Ich mein das ernst, du kannst mir jetzt in den Arsch treten.“ „Ach, Gerd.“, sage ich und laufe weiter. Es ist mir peinlich, die Leute könnten mich für schwul halten. Ich meine, nicht das ich etwas gegen Schwule habe. Ehrlich nicht. Aber wenn man keinen Opel fahren möchte und irgendeine dumme Situation einen dazu zwingt, dann ist einem das auch peinlich. Und diese Situation ist sogar noch peinlicher. Erst recht, als mir Gerd zuschreit, dass ich ihm jetzt verdammt nochmal in den Arsch treten soll. Ich weiß mir nicht anders zu helfen als stehen zu bleiben und auf ihn zu zulaufen, auf ihn einzureden, zu sagen das er das lassen soll. Doch Gerd schreit „Er traut sich nicht, er traut sich nicht!“, während ich unter der größten Anstrengung stehe, nicht auf seinen Zugang zu schauen. „Er traut sich nicht, was? Sehen Sie das?“, schreit er einen alten Frau zu, die entsetzt stehen bleibt. „Er traut sich nicht. Könnten Sie mir vielleicht freundlicherweise in den Arsch treten? Wären Sie so nett?“ Gerd dreht sich in gebückter Stellung zu der Frau. Beziehungsweise seinen Arsch. „Treten Sie ruhig, es tut nicht weh. Und wenn doch, dann habe ich es verdient.“ „Gerd!“, schreie ich. „Lass das. Das ist peinlich.“

„Ach was.“, meint er. „Das ist mal nötig! Also komm, trete mir in den Arsch. Los.“ „Das ist wirklich gegen allen guten Geschmack.“ „Mach doch! Mach doch! Tu es!“ Ich gehe auf Gerd zu, während sich um uns herum immer mehr Menschen versammeln. Einige heben bereits ihre Handys auf und filmen die ganze Situation. Das bringt mich so in Rage, dass ich plötzlich tatsächlich auf Gerd zu renne und ein paar Meter weiter, meinen Schuh in seinem Arsch versenke. Das meine ich absolut ernst! Meinen ganzen Schuh! Die Menschen um uns herum drehen sich plötzlich angewidert weg, einige übergeben sich, viele machen sich gegenseitig voll. Als ich meinen Schuh wieder herausziehe, ist er... hässlich eingefärbt. Gerd hat bestimmt sehr viele Schmerzen, aber er lässt sich nichts anmerken. Er liegt auf dem Boden, mit herunter gelassenen Hosen und lacht langsam vor sich hin. Wie weit können Menschen sinken? Und wie weit erst Schuhe? „Habt ihr das?“, schreit Gerd einer Gruppe Jugendlicher zu, die ihre Handys noch immer auf meinen ehemaligen Chef richten. „Habt ihr das? Ihr stellt das doch sicher ins Netz, oder? Dann bringt irgendwie noch die Arschtritt-Agentur mit drauf. Irgendwie. Versteht ihr das? Wisst ihr was das ist?


Die Arschtritt-Agentur? Die tritt Menschen in den Arsch. Und es gibt sie. Und ich bin dabei! Ganz sicher! Seht ihr ja! So. Und jetzt: Kann uns irgendjemand heim fahren?“ Natürlich nicht. Die Masse löst sich langsam auf, viele beschimpfen und bespucken uns. Ich meine, klar, denn so eine Szene gibt es doch nicht mal bei Brüno. Oder doch? Schlimm genug darüber nachdenken zu müssen. „Geht´s wieder?“, frage ich Gerd wenig später. Er sitzt mit nacktem Arsch neben mir auf einer Parkbank. „Geht schon. Ist schön kalt die Bank. Ich kann es aber nicht nicht glauben. Du hast es tatsächlich getan.“ „Das tut mir ja auch irgendwie Leid. Ganz ehrlich. Das passt nicht zu mir.“ „Das ist gut! Das ist sogar sehr gut! Ich wollte schon immer mal etwas mit viralem Marketing machen!“ „Für verkackte Schuhe? Hiermit hast du dein Ziel erreicht.“ „Nein. Für unsere Aschtritt-Agentur. Wir haben es geschafft.“ „Klar, das war ja auch ein Ding. Aber wenn ich

das Online nochmal sehen muss, dann kotze ich auch.“ „Ach was, das sieht doch so unecht aus, dass wir dafür vielleicht auch noch ein Visual-Design-EffectPreis bekommen.“ „Wenn der so heisst.“ „Darum geht’s gar nicht, du Hirni. Lass uns das durchziehen, das mit der Agentur. Am besten jetzt gleich. Bevor das Video online geht brauchen wir eine Website.“ „Das ging schonmal schief.“ „Diesmal ist es was anderes. Diesmal machen wir es. Alleine. Und gleichberechtigt.“ „Ehrlich jetzt? Denkst du, daraus kann was werden?“ „Aber Hallo!“ Ich blicke auf einen Fluss, auf dem Nebel liegt. Um uns herum liegt eine Morgenluft, die mich motiviert. Vielleicht auch nicht zuletzt deswegen, weil ich auch ein bisschen einen Scheissgeruch in der Nase habe. „Ok. Machen wir das.“, stimme ich Gerd zu. „Gut. Nur noch ein paar Minuten, dann können wir weiterlaufen. Mein Arsch brennt noch.“ Als wir in Ulm ankommen, brennt nicht nur


Gerds Arsch, aber wir sind auch um viele Ideen reicher. Sehr viele. Alles fängt mal wieder mit einer Website an, die wir machen müssen. Und wenn es nach Gerd geht, sogar ziemlich schnell. Sehr schnell. Deswegen drängt er mich dazu, ein Café aufzusuchen damit wir am besten gleich damit anfangen können. Ich weiß nicht was der Arschtritt für Kräfte in ihm freigelegt hat. Jedenfalls traue ich mich eh nicht nach Hause (sofern es das noch gibt) und stimme ihm zu. Café ist gut. Das machen wir. Nach sieben Stunden gehen, endlich wieder sitzen zu können kommt einem Orgasmus gleich. Ich muss lautes Stöhnen unterdrücken, mein Arsch schmerzt und drückt mich wieder hoch. Das ganze sind wieder mal schwul aus, aber ich hab ja nichts gegen Schwule. Das die Menschen die uns gerade anschauen aber glauben, dass ich mit Gerd gepimpert haben könnte, das widert mich mehr an, als als mein Schuh in seinem Arsch. Ich schüttele mich angeekelt und packe meinen Laptop aus. Während ich ihn hochfahre versucht Gerd sich immer noch auf den Stuhl zu setzen, was ihm minutenlang nicht gelingen will. Auch als er uns zwei Wasser bestellt, weswegen uns die Bedienung wirklich sehr komisch anschaut. Aber sie übergibt nicht. Sie hat aber auch noch nicht das Video

gesehen. „Wie bauen wir´s auf?“, frage ich Gerd. „Was?“ „Die Website.“ „Ach, keine Ahnung. Eine Website halt.“ „Das geht nicht irgendwie so. Man muss ich Gedanken machen.“ „Dafür bist du zuständig.“ „Schiebe doch nicht alles weg von dir.“ „Ehrlich, Henry“, sagt Gerd laut, „Ich habe noch mit den Folgen deines Schuhes in meinem Arsch zu kämpfen. Also lass meinen Arsch sich langsam an diesen Stuhl gewöhnen, bevor wir weitermachen können.“ „Ist ja schon gut.“, gebe ich verlegen zurück und schaue errötet auf den Boden. „Zwei Schwuchtel.“, höre ich irgendwo jemanden rufen. „Dann mach einen Weblog drauf.“, meint Gerd etwas leiser. „Erstens kenne ich mich damit etwas aus und zweitens können wir dort dann immer von unseren Erlebnissen als Arschtritt-Verteiler berichten.“ „In Ordnung.“, sage ich und mache wie Gerd meinte. Währenddessen muss ich an Sina denken. Das merke ich daran, dass ich die ganze Zeit schon, seitdem wir endlich hier sitzen (auch Gerd), wie ein


Scanner das Café nach ihr durchsuche. Das ging wirklich unbewusst ab, bis ich es bemerkt habe und die Sehnsucht sich noch verstärkte. „Und? Fertig?“, fragt Gerd mich. „So schnell geht das nicht.“ „In meiner Situation kann es nicht schnell genug gehen, ehrlich. Ich glaub du hast ein Teil deines Schuhes drin vergessen.“ „Oh, stimmt. Ich habe keine Schnürsenkel mehr dran.“, sage ich und blicke auf meinen Schuh. „Ehrlich jetzt?“ „Kleiner Witz.“ „Ich lache später.“ „Und wenn sie mich hier so sieht, dann ist die Sache eh aus.“ „Was meinst du jetzt schon wieder? Du springst themenmäßig grad im Vierreck umher wie ein Frau.“ „Ich meine Sina. Und ich meine, wenn sie kommen und mich hier sehen würde, dann ist das nicht gut.“ Gerd schaut mich an, von oben bis unten und rümpft seine Nase. Dann nickt er und meint „Ja. Wie weit bist du mit der Website?“ „Hast du mir überhaupt zugehört?“ „Wenn wir mit der fertig sind, dann gehen wir.“

Ich öffne die Türe und rieche den Duft des Hauses, den ich die vergangenen Monate fast vergessen habe. „Komm, Gerd.“, sage ich. Die Treppen knarren unter meinem Gewicht und spielen jene Melodie ab, die ich kenne. Die, die mich immer wieder auf´s Neue begrüßt hat. Meine Hymne. Als wir oben ankommen, ist es ruhig. Ich bin ein wenig außer Atem, denn die letzten Monate musste ich mich nur selten so sehr bewegen wie gerade eben. Ich atme einige Male tief ein und wieder aus, weil ich mich davor drücken möchte den Schlüssel in meine Wohnungstüre zu stecken. „Mach schon, Henry.“, meint Gerd. „Stell dich nicht so an.“ Ich peile das Schloss an, stecke den Schlüssel hinein, drehe den Türgriff zu mir her und drehe ihn um. Sie öffnet sich und ich rieche nicht mich. Die Wohnung riecht nicht mehr nach mir. Ich trete ein und sehe Möbel, die nicht mir gehören. Wo sind meine Möbel? Das hier sind sie nicht, das ist absolut nicht mein Stil! Überall schrille Sachen die überhaupt nicht zueinander passen. Sie sehen aus wie Müll! Ganz ehrlich. „Hey.“, höre ich eine tiefe Stimme rufen. Ich


erschrecke. „Was machst du da?“ „Ich?“ „Wer denn sonst?“ „Wo sind Sie?“ Aus dem Wohnzimmer kommt ein Mann mit Vollbart. Er stinkt widerlich und schaut mich komisch an. „Wie bist du hier reingekommen?“, will er wissen. Ich hebe meinen Schlüssel in die Luft und sage: „Mit dem hier.“ „Woher hast du den?“ „Das ist meiner.“ „Das ist aber meine Wohnung.“ „Kann nicht sein. Sie gehört mir.“ „Hey, du Spacko. Hör mal her. Entweder du verschwindest jetzt, oder ich mach dich kalt. Damit das klar ist.“ „Nichts ist hier klar! Das ist meine Wohnung und DU musst hier verschwinden. Damit DAS mal klar ist!“ Der Urwaldmensch rennt auf mich zu und packt mich am Hals, will mich in die Luft heben doch dafür fehlt ihm die Kraft. Ich schaue Gerd an und gebe ihm durch ein wildes Augenbewegen zu verstehen, dass er sich auf den Typ stürzen und ihn wie ein Tier

auseinander nehmen soll, doch Gerd steht nur da und hat Angst. Ich auch. Doch das hindert mich noch lange nicht daran, mein Gegenüber kalt zu machen. Mit einem Schlag zwischen die Beine sorge ich dafür, dass er von mir lässt, sich auf den Boden schmeißt und wimmert wie ein kleiner Hund. Er sieht Sterne, da bin ich mir sicher. „Was hast du da getan?“, schreit Gerd. „Du hast ihn umgelegt.“ „Nein. Nur impotenisiert.“ „Was?“ „Na, impotent gemacht.“ Gerd und ich schauen uns an und uns ist deutlich anzusehen, wie wenig Lust wir auf diese Sache haben. Der Urwaldmensch liegt immer noch auf dem Boden und blickt blicklos vor sich hin. Ja, er tut mir Leid. Er hat bestimmt eine schlimme Sache erlebt und jetzt kommen wir und schmeißen ihn aus der Wohnung. Aber es ist meine! Meine Wohnung! „Henry?“ „Was?“ „Ich habe nichts gesagt.“, meint Gerd. „Henry?“, sagt der Urwaldmensch. „Bist du es?“ „Woher weißt du das?“ „Weil das ja deine Wohnung sein soll.“ „Und was hast du hier zu suchen, wenn das


MEINE Wohnung ist?“ Der Mann steht auf. Seine Schenkel schützen seine Weichteile durch enges Zusammenpressen und auch seine Hand hat er schützend über seine Juwelen gelegt. Mit einem Blick, der selbst ihm, dem vollbärtigen Mann, einen kindlichen Charme verleiht, schaut er mich an. Vielleicht hat er Angst das ich ihn wirklich raus schmeiße. Jetzt, wo er weiß, dass es tatsächlich meine Wohnung ist. Woher auch immer. „Ich dachte du kommst nicht mehr.“, sagt der Mann. Er scheint sich nicht zu freuen. Er ist traurig darüber, dass ich nun hier bin. Und bestimmt nicht nur wegen dem Schlag zwischen die Beine. „Wieso sollte ich nicht kommen? Ist ja schließlich meine Wohnung.“, sage ich und setze mich in einem Zimmer auf einem bunten, regenbogenfarbigen Stuhl. Dieser Raum war einmal mein Wohnzimmer. Hier habe ich mit der Fischer gesessen und das Casting abgehalten. Hier habe ich die Berta zum ersten Mal gesehen. „Du kennst mich nicht?“, fragt der Mann mit Bart. Ich schaue ihn an. Keiner, den ich je kannte, sieht so aus wie er. Ich versuche mir den Bart wegzudenken, doch nichts. Diese Person kenne ich nicht. Noch nie gesehen. Da bin ich mir sicher.

„Ich bin einer deiner ersten Fans.“ „Ich habe Fans?“, schießt es aus mir heraus? „Wieso sollte ich Fans haben?“ „Na, deine Internetseite. Hast du die schon vergessen? Und hast du all die Menschen schon vergessen, die dich reich gemacht haben?“ Reich? Ich muss lachen. Stumm sitze ich auf meinem Regenbogenstuhl und lächele. So einfach ist die Geschichte nicht. Nicht ich habe mich reich gemacht, sondern Maddy hat mir einen Teil seiner Kohle geschenkt- und auch wieder genommen. Aber all das erzähle ich dem Urwaldmenschen nicht. Ich kann ihm all das nicht erzählen, weil er bis vor Kurzem noch mit Tannenzapfen im Wald gelebt hat und garantiert nicht verstehen würde. „Was ist?“, fragt er und macht ein Gesicht, als würde er erwarten, dass ich vor Freude platze. Aber ich sage nur: „Aha. Und wie kommst nun nochmal hierher?“ „Das ist eine komische Geschichte. Ich habe nämlich im Wald gelebt, das weißt du ja sicher...“ Ich nicke. „...und mir ging´s ziemlich gut dabei. Aber irgendwann kam so ein Typ in mein Revier und hat von morgens bis abends rumgetanzt. Er sei leicht wie eine Feder, hat er gesungen. Dabei war er ein


Koloss sondergleichen. Ich konnte mich gar nicht mehr richtig wohlfühlen in meinem Wald. Der Typ war mein Schatten. Er ist mir überall hin gefolgt. Überall hin!“ „Ich sehe immer einen Goldfisch. Manuela.“, sage ich. „Ich weiß aber das es Manuela nicht wirklich gibt.“ „Denkst du etwa das ich verrückt bin?“ „Glaub mir: Jeder ist verrückt. Absolut jeder. Die einen versuchen es nur zu verstecken und die anderen die leben es aus.“ „Aber er war da. Ganz ehrlich. Und immer wieder hat er gesungen: Ich bin eine Feder, mir will niemand ans Leder. Nicht einmal die Schwerkraft, die es schwer mit mir hat.“ Ich nicke bedächtig und stütze meinen Kopf mit meiner Hand ab. „Du glaubst mir mir nicht.“ „Erzähl weiter.“ „Ich musste weg vom Wald. Das war klar. Und da habe ich mich an meinen einzigen Freund in der Welt erinnert. An Henry.“ „An mich?“, sage ich laut. „Ich bin dein Freund? Ich weiß doch nicht einmal wie du heißt!“ Der Waldmensch steht auf und reicht mir seine Hand. „Ewald.“, meint er und macht einen

prinzessinnenhaften Knicks vor mir. Ewald. Wer hät´s gedacht. „Ist das dein ernst?“ „Ja, du bist mein Freund.“ „Ich meine deinen Namen. Ewald.“ „Natürlich.“ „Das klingt so... abgesprochen.“ „Mit wem?“ „Erzähl weiter.“, sage ich und winke ihn voran. Ich habe gefallen an diesem Verrückten gefunden, der mich, so scheint es, um einiges toppen kann. „Ich bin hier her.“, meint der Waldmensch und setzt sich wieder. „Und du warst nicht hier. Also habe ich gewartet. Und gewartet und gewartet.“ „Wie lange?“ „Boha... keine Ahnung. Vielleicht drei Monate.“ „War´s dir im Wald zu kalt?“ „Hey.“, zwischt Ewald mich an. „Da war dieser Herr Feder. Der Verrückte und ich...“ „Stopp!“, sage ich laut. Ich muss nachdenken. Herr Feder? Ein Dicker? Ein Koloss? Ein Verrückter?“ „Kennst du denn Herrn Feder?“ „Keine Ahnung ob es der ist, den ich gerade in meinem Kopf habe aber...“ „Er hat gesagt, er hätte eine Zeit lang als Stripper gearbeitet.“ „Kenn ich nicht.“


„Und im Kaufland.“ „Der Herr Feder? Im Kaufland?“ In meinem Kopf strömen Endorphine in einer unglaublichen Anzahl aus und machen mir auf eine sehr seltsame Art sehr glücklich. Der Feder sitzt im Wald! Ich glaub´s ja nicht „Ist der noch immer da? Im Wald?“ „Ich glaube, niemand kriegt ihn da wieder weg. Der Typ ist noch verrückter als ich. Der rennt nackt rum! Ich glaube, dass Körperfett das der mit sich rum trägt... also ich meine es ja nicht böse aber... ich glaube das hält ihn warm. Und dann tanzt er noch nie ganze Zeit!“ „Aha.“, sage ich nachdenklich.“ „Und ich? Darf ich noch hier bleiben? Ich meine, ich habe mich gerade neu eingerichtet.“ „Neu? Eingerichtet? Du hast meine Möbel alle weg geworfen!“ „Nee, nee.“, meint Ewald, steht auf und geht zum Fenster hin, von dem aus man in den Garten schauen kann. „Hier sind sie.“ Ich schaue hinaus und sehe alle meine Möbel im Gras liegen. „Ich schmeisse die natürlich nicht weg. Ich meine, die gehören ja dir.“ „Du hast sie aus dem Fenster geworfen?“ „Glaub´ mir, denen geht es gut.“

„Das glaube ich nicht.“, schreie ich. „Die sind alle kaputt! Mein Schrank, mein Tisch, meine Stühle! Schau mal, die Schublade der Kommode liegen im Kompost!“ „Halb so wild. Ich kauf dir neue Sachen.“ „Du? Mit welchem Geld? Tannenzapfen?“ „Also hör mal.“ „Gerade ganz schlecht. Die Sache klären wir später. Jetzt muss ich mich erstmal umziehen, duschen und so. Ich muss gleich weiter.“ „So, und wohin?“, will Ewald wissen. „Bist du auch noch von der Stasi?“ „Sehe ich so aus?“ „Ich hab ehrlich gesagt noch keinen von der Stasi kennengelernt, ich kann´s nicht sagen. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest...“ Ich gehe zu meinem Koffer und hole mir frische Sachen. Gerd liegt auf dem Boden daneben und schläft. Als ich fertig bin, bin ich wirklich fertig. Aber der Gedanke an Sina lässt mich weitermachen. „Los geht’s, Gerd.“, schreie ich ihm ins Ohr. „Los geht’s. Wir müssen zu Sina.“ „Wer ist Sina?“, will Ewald wissen. „Eine Frau.“, sage ich schnell und stürme aus


der Türe „Wenn ich wiederkomme,“, rufe ich Ewald zu, „dann müssen wir noch ein Wörtchen miteinander reden.“ „Kein Thema.“, erwidert er. „Ich komme mit.“ „Nein, du kannst du ja meine Möbel wieder nach oben tragen.“ „Das geht nicht.“ „Und wieso?“ Ich wackele ungeduldig von einem Bein auf das andere, kann es kaum noch erwarten bis ich mit Gerd endlich zu Sina stürmen und sie in meine Arme schließen kann, denn schließlich ist sie nicht vom KGB. „Weil meine Möbel schön in meiner Wohnung sind.“ Ich setze meine Beine auf den Boden und schaue Ewald an. Der Typ hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. „Du kannst doch nicht einfach meine Wohnung besetzen. Ich zahle die Miete.“ „Bist du dir sicher?“ „Ja.“, gebe ich zu. Schließlich habe ich den Mietvertrag nie gekündigt und wenn mich nicht alles täuscht, habe ich sogar während meiner Abwesenheit die Miete brav weiter bezahlt oder vergessen den Vertrag zu kündigen, wie mich in dieser wirklich abstrakten Situation überkommt.

„Kann ja sein, aber du warst nicht da.“ „Ja und? Das tut doch nichts zur Sache.“ „Finde ich schon.“ Ich schaue Gerd an, der zuckt nur mit den Schultern. „Und wo wohnt Sina?“, will Ewald wissen. „Du gehst nicht mit.“ „Und wieso?“ „Weil du peinlich bist, deswegen.“, schreie ich dem Waldmensch ins Gesicht. „Schau dich doch an: Deine Haare, dein Bart, du stinkst und noch dazu bist du anhänglich wie eine Klette.“ Ewald dreht sich von mir weg, doch ich sehe noch wie ihm eine Träne die Wange herunter läuft. „Ach nee!“, sage ich und stampfe mit meinem Fuss auf den Boden. „Jetzt wein doch nicht.“ „Zu spät.“, schluchtzt er. „Also gut.“, gebe ich schließlich auf. „Wenn du ruhig bist, kannst du mitkommen.“ Als wir vor Sinas Wohnung ankommen, sage Ewald das er wenigstens vor dem Haus warten soll, denn diesen Schritt möchte ich alleine gehen. Der Waldmensch macht nur was ich sage, weil auch Gerd vor dem Haus wartet. „Viel Glück.“, ruft mir Schröder zu, als ich die


Klingel zu Sinas Wohnung tief und lang drücke. Ich nicke meinem ehemaligen Chef zu, atme tief aus und in meinem Kopf wird schummrig. Atmen nicht vergessen, Atmen nicht vergessen, versuche ich mir in Erinnerung zu rufen. Ich atme ein. Ich atme aus. Ein. Aus. Und die Türe bleibt zu. Kein Summen, kein „Wer ist da?“. Nichts. „Klingel nochmal.“, ruft Ewald. Danke für den Tipp. Super Idee. Nochmal. Knopf drücken. Lange und tief. Dann atmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Kein Summen, kein „Wer ist da?“. Ich blicke zu Gerd und der zuckt wieder mit seinen Schultern. Ich klingel noch einmal. Ein. Aus.

Ein. Aus. Plötzlich sehe ich hinter dem milchigen Glas eine Person. Dann geht die Türe auf. Aber es ist nicht Sina, die mich anlächelt und mir um die Schultern fallen möchten. Ich blicke in die Augen eines alten Mannes, der mich zwar anblickt, doch um die Schultern fallen möchte er mir auch nicht. Dabei hätte ich diese Art von Trost bitter nötig. „Wollen sie mich umarmen?“, frage ich ihn und strecke ihm meine Arme entgegen. Der aber schließt die Türe und ich bekomme gerade noch mein Bein dazwischen. „Was wollen Sie?“, ruft er, der den Widerstand spürt und nun wahrscheinlich Angst bekommt, ich sei ein Verrückter. „Ich will zu Sina.“, sage ich. „Die wohnt hier nicht.“ Ich stemme meinen Oberkörper gegen die Türe und da der Mann alt und klein ist, kann ich ihn fast wegdrücken. Aber nur fast. Mein Körper ist wirklich schwach geworden, mein Kampfgeist jedoch einfach stärker. Ich bleibe hart und drücke eisern weiter gegen die Türe.


„Wo wohnt sie?“ „Keine Ahnung wie die Straße heißt. Sie hat es mir erzählt, aber... hauen Sie ab.“ „Bitte.“, flehe ich. „Bitte sagen Sie es mir.“ Der alte Mann drückt die Türe zu. Gerade als sie sich endgültig verschließen möchte, höre Gerd auf mich zurennen. Er atmet schwer, sein Fett schwabbelt auf und ab und sein Blick ist auf die Türe gerichtet. Ich kann gerade noch zur Seite treten, da rammt sich sein Körper gegen die Türe und reißt sie aus der Angel. „Schluss mit lustig, alter Mann. Wo wohnt Sina? Raus mit der Sprache.“ Gerd packt den Alten an seinen restlichen Haaren und hebt ihn in die Luft. „Ich hab jetzt echt keine Lust mehr. Also los!“ „Das war beeindruckend, Fettwanzt, aber ich war Jahrzehnte beim Militär. Aber in Ordnung, ich zeug euch wo sie wohnt.“ Wir brauchen eine Weile bis wir dort sind. Und „dort“ heißt nicht bei Sina. Zwar sagt der alte Mann als wir ankommen „Hier wohnt sie“, doch alles was ich sehen kann ist ein mittelgroßes Haus, das zerfällt. Es ist kaputt. Eine Bruchbude. Und es schimmelt. „Hier?“, frage ich entsetzt? „Wie kann das sein?“

„Schauen Sie selbst.“, sagt der Alte und läuft voran. Wir folgen ihm. Sogar Ewald hat er die Sprache verschlagen. Er kommt neben mir und Gerd vor dem Eingang des Hauses zu stehen, während der alte Mann klingelt. Einatmen. Ausatmen. Ein. Aus. „Geht´s dir gut?“, will Gerd wissen und schaut mich sorgenvoll an. Ich nicke. Ein. Aus. „Scheint so, als ob niemand da wäre.“, meint der alte Mann. Doch plötzlich höre ich das Geschrei eines kleinen Kindes und die Türe geht auf. Was ich dann zu Gesicht bekomme, begreife ich zuerst nicht: Ich sehe die Fischer, die ein kleines Baby auf dem Arm hält, völlig eingemauert in Tüchern, einer Mütze und Handschuhe, als ob es im Haus genauso kalt wäre wie hier draußen. Ich kann es nicht erkennen und nicht sagen ob es gut oder schlecht aussieht- als ob er darauf ankommen würde. Dann schaut die Fischer uns genauso verdutzt an, wie wir sie.


„Du?“, frage ich erstaunt und störe die Ruhe, die von Gedanken durchtränkt ist. „Du?“, erwidert die Fischer. „Baby?“, nuschelt Gerd. „Deins.“, meint die Fischer. „Sina?“, will ich wissen. „Drinnen.“ „Wieso?“, frage ich. „Weil sie hier wohnt. Wollt ihr ewig hier draußen stehen bleiben?“ „Noch so eine.“, sagt Ewald. „Der Wald ist schön!“, meint er als wir ihn anschauen. „Was habt ihr Leute alle gegen den Wald?“ „Ignoriere ihn.“, sage ich. „Warte. Ich hole sie.“ „Wen? Sina?“ „Wen denn sonst.“ Einatmen. Austamen. Einatmen. Ausatmen. Plötzlich höre ich ein schrilles „Heeennnrryyyy!“ und blicke Sina in die Augen. Doch mein Körper erstarrt plötzlich. Ich kann es mir nicht erklären. Es ist so als sei ich zwar angekommen, aber doch nicht ganz. Irgendwie im Nirvana schwirrt mein Ich noch

umher, praktisch noch auf der Suche nach der richtigen Türe, die es nicht findet. Sina schaut mich an und fragt mich, was mit mir ist, doch ich starre nur leblos zurück. „Gerd?“, frage ich. „Kommst du mit?“ „Henry, spinnst du jetzt?“ „Gerd?“ „Was ist?“ „Komm, wir gehen.“ „Wieso das?“ „Ich... ich... bin gerade wirklich überfordert. Weißt du, irgendein Teil von mir schwirrt noch im Nirvana umher.“ „Was redest du denn jetzt für blödes Zeug?“ Sina ist aufgebracht. Klar, die Situation hätte auch wesentlich besser verlaufen können. Macht sie aber gerade nicht. Ich bin ein Feigling. Anstatt mich zu entscheiden und den Schritt in das Haus zu machen, ziehe ich den Schwanz ein. Aber nur, weil ich überfordert bin. Da sitze ich monatelang auf einer einsamen Insel und glaube mich zu kennen und zu wissen was ich möchte, da stehe ich da und weiß doch nichts von mir. Das ist wirklich beschissen. Ob es vielen so geht? Dann dreht Sina sich von mir weg und knallt mir die Türe vor der Nase zu.


„Gerd? Bist du noch da?“ „Ich geh´da jetzt auch rein.“ „Wieso?“ „Weil da jemand auf mich wartet. Und ich weiß was ich will. Wenn du es auch weißt, kannst du ja kommen.“ „Und was ist mit unserer Agentur?“ „Die kannst du ja schon mal anfangen.“ „Ach, verdammter Mist.“, sage ich und gehe. Warum und wohin, das weiß ich beides gerade nicht. Ich muss einfach weg. Um 15 Uhr komme ich in meinem alten zu Hause an. Auch wenn hier eigentlich nichts mehr so ist, wie ich es kenne. Es riecht anders, es ist anders, Maddy ist auch nicht mehr nebenan und Berta wird auch nicht mehr einfach so mal vorbeikommen. Es ist diese Wohnung und trotzdem ist sie eine ganz andere. Ich schaue in „meinen“ Kühlschrank und sehe eine Art Schnaps, den ich erst raushole, dann aber wieder reinstecke. Alkohol ist auch keine Lösung. Das Problem bin ich. Einfach bei Sina zu bleiben, so wie ich es mir vorgestellt habe, das kann ich plötzlich nicht. Dabei bin ich diesem Ziel gerade näher als sonst irgendwann in meinem Leben. Ach, wie einfach war´s doch früher. Ich nehme statt dem

Schnaps Milch aus der Kühlschrank und setze mich auf einen knallbunte Drehstuhl, ganz in der Hoffnung das es die Milch macht. „Was willst du jetzt tun?“, rede ich mit mir selbst. „Das ist eine Frage, auf die ich keine Antwort habe.“, antworte ich mir. „Das ist ziemlich blöd, denn da wartet Sina.“ „Und das ist das Problem.“ „Du steckst doch nur in der Midlifecrisis!“ „In meinem Alter?“ „Mach dir nichts vor. Du möchtest Abenteuer durchleben. Das ist es. Und dich nicht jetzt schon binden.“ „Da könnte vielleicht was dran sein.“ „Das ist ja auch kein Problem. Das Problem ist nur, dass du es nicht zulassen willst.“ „Wenn ich es zulassen würde, dann würde ich abhauen.“ „Dann mach es doch.“ „Einfach gehen? Ohne Geld?“ „Du kannst ja als Arschtreter durch die Lande ziehen.“ „Willst du mich veräppeln?“ „Ich bin du. Das geht also schon mal gar nicht. Aber wenn du mir nicht glaubst das es geht, dann


geh doch ins Internet. Schau dir die die ArschtrittAgentur-Website an.“ Als gäbe es in mir tatsächlich zwei Persönlichkeiten, mache ich, wie ich mir gerade vorgeschlagen habe. Das macht mir in diesem Moment keine Angst, obwohl es das sollte. Ich greife nach meinem Laptop und schalte ihn an. Bis er hochfährt, schaue ich aus dem Fenster und die Natur an. Schon krass, dass das Hochfahren des PCs meinen Lebensstil gerade beeinflusst. Ich schaue aus dem Fenster und sehe vier verschiedene Baumkronen von vier verschiedenen Bäumen. Das es da draußen vor meinem Fenster Bäume gibt, das wusste ich. Das es aber vier Stück sind, das erkenne ich gerade zum ersten Mal. „Du kannst dich ja auch ganz davon los sagen.“, sage ich zu mir selbst. „Dann verdiene ich aber kein Geld.“ „Tja.“, lache ich. „Das ist der Preis.“ Während sich der weiße Balken auf schwarzem Hintergrund immer weiter nach rechts drängt, versuche ich die Art der Bäume auszumachen. Kastanie. Das bekomme ich hin, das ist keine große Kunst. Doch der dahinter? Und der daneben? Ich weiß es nicht. Das ist sehr schade. Dann ist der Balken rechts angekommen und offenbart mir die

weite Welt des Internets. Da steht auch drin, welche Bäume ich gerade da sehe. Genutzt hab ich diese Eigenschaft des Word Wide Web noch nie, zumindest noch nie in dieser Hinsicht. Eher schockiert über diese Erkenntnis, als aufgeregt über das baldige Wissen zu sein, wie viele Menschen schon das Video von Gerd und mir angeschaut und unsere Website besucht haben, besuche ich diese eher zweitrangig. Nebenher schaue ich bei Wikipedia vorbei. Mit Kastanie liege ich ja schon richtig. Auf den zweiten Baum komme ich nicht, da ich nicht weiß wie ich suchen soll. 19921 Besucher auf der Website, aber keine Ahnung wie der Baum heißt. Man ist das deprimierend. Ich logge mich in mein email-Postfach ein und während mich dieser beschissene Log-Out-Mann darauf hinweist das ich mich das nächste Mal gefälligst ausloggen soll (aber wenn ich es nicht mache, hat es anscheinend auch keine Konsequenzen), schaue ich weiter aus dem Fenster. Der Himmel ist verdammt blau, es ist richtig schön da raus zu schauen, aber wenn mich dieses Wolkenbild nicht alles täuscht, dann fängt es bald an zu regnen. Das hat mir mein Opa beigebracht. Das weiß ich noch. Jetzt weiß ich nicht mal wie der beschissene Baum heißt. Mich überkommt das Gefühl, mich bei ihm entschuldigen


zu müssen. Ich gehe in die Küche und packe mir meine sieben Sachen zusammen. Etwas zu Trinken, bisschen Brot und so weiter. Während ich nach meinem Rucksack suche, registriere ich das ich 172 Mails habe. Man muss ich mal zu Gemüte führen. Ich hab diesen Weblog mit ein bisschen Blabla (aber ich muss zugeben, echt stilvollem Blabla) vor ein paar Stunden ins Netz gestellt und dabei sogar noch schnell gemacht, da ich Sina schließlich nicht sehen wollte. Als ich mit meinem Rucksack auf dem Rücken, voll gepackt mit Verpflegung und meinem Laptop für ´s Tagebuchschreiben, aus der Haustüre trete, fühle ich mich in dem Moment, als ich die Türe hinter mir ins Schloss drücke, sehr sehr befreit. Fast schon glücklich. Ich möchte in den Garten, zu meinen Bäumen, doch als ich nach einem Schritt registriere das links neben mir Maddys Wohnung ist, da bleibe ich kurz stehen und denke nach. Um mich herum ist es plötzlich sehr still und auch das Blut in meinem Ohr verlangsamt seine Rauschgeschwindigkeit. Ich stelle meinen Rucksack und trete ein paar Schritte zurück, dann springe ich mit solch einer idiotisch schnellen Beschleunigung gegen die Türe der Wohnung, dass sie nachgibt und ich mit einem lauten Wums im Raum des Mannes liege, der mich

versucht hatte umzubringen. Draußen ziehen sich die Wolken zu einer dicken grauen Schicht zusammen und ich denke mir, dass das ein guter Moment sei, um ein paar Dinge aus dem Fenster zu schmeißen. Also packe ich den Stuhl und schmeiße ihn durch das (geschlossene) Fenster, dann ein paar Bücher, alte Bierflaschen, Wäsche, dann eine Kommode, einen Schrank und den Staubsauger auch noch. Ich bringe mich dadurch sehr in Rage, denn endlich kann ich meinen ganzen Frust ablassen. Auch wenn es Maddy wahrscheinlich gar nicht interessiert, da drüben auf den Bahamas. Dafür packe ich aber gerade seinen Bildschirm an und... auch draußen. Nur am Rechner mache ich halt. Was da wohl drauf sein mag? Ich nehme ihn vorsichtshalber mal mit. Dafür schmeiße ich aber sonst alles raus, was ich zwischen die Finger bekommen kann. Tisch, Kühlschrank, Geschirr, Fernseher, ... Als ich den Rechner in meiner Wohnung abgestellt habe, schließe ich die Türe ein zweites Mal hinter mir und gehe. Raus in den Garten. Der Blutrausch in meinem Ohr hat sich noch nicht beruhigt. Als ich ankomme und zu den Bäumen hochblicke, erscheinen sie mir noch wesentlich


größer und beeindruckender als vorhin, als ich mich auf der Höhe ihrer Kronen befand. Jetzt bin ich klein. Aber das ist auch sehr gut so im Moment, denn ich spüre den ersten Regentropfen. Endlich Natur. Endlich Wildnis. Wenn auch nur in meinem Garten. Unter den vier Bäumen nehme ich Platz. Ihre Kronen sind so dicht und ineinander verwogen, dass ich hier vor Regen sicher bin. Ich setze mich genau in die Mitte, in ein mit Moos bedeckten Boden und sitze zu meiner Verwunderung wirklich weich. Ich packe meinen Laptop aus und möchte mich in ein meditatives Schreiben hineintippen, da zucke zusammen. „Der ist hier irgendwo.“, höre ich eine Stimme hinter mir leise Flüstern. Es muss der Nachbar sein, oder irgendjemand, der sich in dessen Garten befindet. Ich hatte mit meinen Nachbarn noch nie viel zu tun, ich weiß nur das es sie wahrscheinlich gibt. „Ich hab´ ihn gerade noch gesehen.“, flüstert eine andere Stimme. Ich fahre meine Laptop hoch und wieder beginnt das Warten bis der Balken rechts angekommen ist, doch diesmal ist es nicht so schlimm. Hier, wo ich jetzt bin, kann ich es sehr lange aushalten. Bei meinem Bäumen, voll in der Wildnis. Doch da meldet sich meine Stimme wieder, die sich mit einem lauter werdenden

Lachen anmeldet. Ich versuche sie zu unterdrücken und höre meinem Nachbar zu, der meint, dass „Die Sau hier sein muss. Dieses perverse Schwein.“, doch meine Stimme wird lauter. Als sie in schallendes Gelächter ausgebrochen ist, habe ich den Kampf verloren. „Schön eingerichtet hast du dich hier.“ „Ja.“, gebe ich geknickt zu. „Hab´ich. Und jetzt hau´ab.“ „Jetzt sei doch nicht so. Ich will wissen wen die suchen.“ „Meine Nachbarn?“ „Scheint doch interessant zu sein. Irgendein Schwein. Eine Sau. Können die sich nicht entscheiden? Schwein oder Sau?“ „Wahrscheinlich nur einen Menschen, der sich wie ein Schwein, oder eben Sau, verhält.“ „Aber das ist doch interessant. Da ist ein Mensch, der gesucht wird. Vielleicht ein Massenmörder, ein Flitzer oder so was.“ „Mir egal. Ich bin hier, mir geht’s gut. Fast zumindest. Hau jetzt ab.“ „Wunderst du dich nicht darüber, dass ich da bin? Ich meine, ich bin da. Und du redest mit mir. Die Sache klingt doch äußerst abstrakt, oder? Jetzt sitzt du hier draußen im Wald und redest mit dir


selber und du gibst dir sogar auch noch antworten, die aussehen, als wäre das Gespräch logisch aufgebaut. Dabei bin ich du. Das ist wirklich äußerst prekär.“ „Du hast gewonnen.“ „Darum geht es doch gar nicht.“ „Ich hab ihn.“ „Was?“ „Ich war´s nicht. Wahrscheinlich wieder dein Nachbar. Wollen wir mal schauen.“ „Nein, wir schreiben.“ „Wieso schreibst du unser Gespräch auf?“ „Weil ich... warum schreibt man Tagebuch?“ „Buh... wenn du es nicht weißt, wie kann es dann ich wissen?“ „Du langweilst mich schon.“ „Was? Wieso das jetzt schon wieder?“ „Du willst raus in die Natur, weg von allem was dich negativ bewegt. Jetzt sitzt du hier im Garten. Schöner Fortschritt.“ „Ach, halt doch deine Fresse.“, schreie ich. „Da ist er. Ich habe ihn gehört.“ „Jetzt suchen sie dich.“ „Ich suche jetzt das Weite.“ „Wohin gehst du.“ „Weg.“

Ich packe meine Sachen zusammen und möchte verschwinden. Vor mir selbst weg laufen. Das ist wirklich komisch, denn eigentlich bin ich nüchtern, trinke wieder Wasser und bin fit. Nur geistig nicht. Ich erinnere mich daran, dass ich mir vor ein paar Jahren einmal ein Zelt gekauft habe und gehe in meine Wohnung zurück, um es zu holen und dann viel weiter weg zu gehen als nur in den Garten. „Das bringt doch nichts. Geh jetzt zu Sina, sage ihr was du fühlst und alle sind glücklich.“ „Ich fühle nichts.“, sage ich, als ich die Haustüre aufschließe. Kurz nachdem wir hier eintreten, bleibt mein Ich zwischen Tür uns Angel stehen. „Da ist doch was faul!“ „Wo?“ „Hier.“ „In der Wohnung?“ „Ohja.“ Ich schaue mich um, mein Puls beginnt zu rasen und ich wundere mich, warum mein Ich das merkt und ich nicht. Vielleicht ist da auch gar nichts, oder mein Unterbewusstsein wurde ausgelagert. Outgesourced. „Riechst du das nicht?“ Ich atme tief ein. „Riecht fast wie immer, bis auf diesen Plastikmüll hier. Und Berta war schon ´ne


Weile nicht mehr da.“ „Nein. Das ist es nicht. Es riecht... nach Schweiß.“ Ich schließe die Türe und stelle meinen Rucksack ab, dann gehe ich ganz langsam und gedückt ein paar Schritte nach vorn. „Da ist doch was faul.“, meint mein Ich. Wir gehen weiter und öffnen die Wohnzimmertüre. Als sich der Spalt immer weiter öffnet, bleibt mein Blick starr und von meinem Puls unterstrichen. Stille. „Na, los, geh rein.“ „Da rein?“, nuschel ich. „Ja, klar. Du musst doch nachschauen.“ „Ich muss gar nichts.“ „Wer denn sonst? Nachher ist da wirklich jemand.“ „Mach doch du.“ „Macht keinen Sinn.“ „Feigling.“ Mein Puls erreicht die Schmerzgrenze und könnte es reicht mit einem Presslufthammer aufnehmen. Meine Hände schwitzen, mein Blick ist in einem Tunnelblick gerade aus gerichtet und ich frage mich ernsthaft, was ich hier gerade mache. Da

ist bestimmt niemand. Wer soll denn da schon sein? Ewald? Selbst wenn. Glaub ich aber nicht. „Da wird niemand sein.“, sage ich laut und richte mich wieder normal auf. „Da wäre ich mir nicht so sicher.“ „Ach, vielleicht bist du nur eine überaus vorsichtige Eigenschaft von mir. So ein kleiner Henry-Schisser.“ Ich trete ins Wohnzimmer und drehe mich an meinem Ich zu. „Siehst du? Niemand!“ Dann erhalte ich einen Schlag auf den Kopf und falle um. In meinen Träumen sehe ich Sina und ich auf einem alten, ausgedienten Bauernhof, in völliger Einöde und Ruhe. Es ist wirklich schön, wie wir beide auf der Veranda des Hauses sitzen und unseren Kindern beim Spielen zuschauen. Sina ist auch wunderschön. Als sie aufsteht und mich fragt, ob ich noch einen Kaffee haben möchte, sage ich ja und folge ihr. Da kommt Rosi die Treppen herunter und meint, dass ich schon besser aussehen würde. Etwas entsetzt darüber, was sie in meinem Traum macht, antwortet Sina mir, dass das ja mein Traum sei und sie keine Ahnung habe, was sie hier tue. „Ist das hier die WG?“ „Die WG?“


„Ja. Die, von der du mir erzählst hast.“ „Ja, das ist sie.“ „Aber sie ist nur ein Traum.“ „Klar. Für die Realität hast du zu wenig Mut in den Knochen.“ „Ach, menno.“, stammele ich. „Jetzt fang´du auch noch damit an.“ „Schwarz?“ „Was?“ „Dein Kaffee.“ „Nein. Milch und Zucker.“ „Sag´ ich doch. Weichei.“ „Ich bin kein Weichei. Ich habe nur Angst mich zu binden.“ „Und bindest dich dabei einen blöden Computer und deine scheiss Arschtritt-Agentur.“ „Hey, die Agentur läuft gut. Ich hab schon ganz viele Anfragen bekommen und...und...“, stottere ich und wedele wild mit meinen Händen. „Okay, mag sein“, erwidert Sina. „Mag sein das die Agentur nicht schlecht läuft, ich meine, schau mal was sie uns hier beschert hat.“ Sina zeigt um sich. „Dieses Haus?“ Sina nickt. „Gerade eben hast du noch gesagt...“

„Es ist dein Traum.“ „Aber es ist auch wahr. Ich könnte diese Situation echt haben.“ „Und wieso hast du sie dann nicht? Wieso bist du nicht mal auf dem Weg, sie zu haben?“ „Weil ich mich nicht traue.“ „Stattdessen liegst du jetzt niedergeschlagen in deiner Wohnung.“ „Ja, genau. Wer war das eigentlich?“ „Ich sicher nicht. Ich bin immer noch da wo du mich zurückgelassen hast, du Feigling. Ich mache mir gerade echt Sorgen, wie das mit uns wird.“ „Noch ist aber nichts.“ „Ja, eben.“ Sina reicht mir meinen Kaffee. Als ich darüber nachdenke wie echt alles wirkt und mich setzen möchte, meint Sina laut: „Nicht setzen, Freundchen. So geht das nicht. Du musst was machen. Aufwachen, zum Beispiel.“ „Nee, du.“, lache ich. „Dann treffe ich auf den, der mich niedergeschlagen hat.“ „So ist das Leben.“ Sina nimmt mir meinen Kaffee aus der Hand und ich merke wie alles um mich herum langsam zu verschwinden beginnt. „Aber, aber...“, stottere ich. „Verdammter Mist.“


„Na, da ist er ja wieder.“ Ich blicke in das Gesicht meines Ichs, welches über mich gebeugt mir in die Augen blickt. „Was ist passiert?“ „Du wurdest niedergeschlagen. Hab´ doch gesagt das hier jemand ist.“ „Und wer ist hier?“ Plötzlich geht die Türe auf und ein dicker, fetter, hässlicher und nackter Mann schaut mich an. Er ist tatsächlich nackt! Da starrt mich ein dicker, fetter, hässlicher, nackter Mann an. „Auch schon wach?“, meint er mit einem Grinsen. „Davon haben also die Nachbarn geredet.“ „Aber hier finden sie mich nicht.“ Der Dicke setzt sich neben mich auf den Boden. Ich blicke ihm geradewegs in den Schritt und von dieser erotischen Situation absolut nicht angetan, richte ich mich auf und spüre meinen Kopf. „Was hast du mit mir getan?“ „Egal jetzt. Ehrlich.“ „Find´ ich nicht.“ „Doch. Viel wichtiger ist die Frage, ob du mich noch kennst.“ „Dich? Sorry, ich kenne keinen fetten

Menschen.“ Der Dicke steht auf und schüttelt mit dem Kopf, während es ihm sein primäres Geschlechtsteil nachmacht. „Das enttäuscht mich echt. All die Jahre. Wir beide.“ „Wir beide?“ „Ja. Damals.“ „Du bist dieses gehässige Arschloch vom Kaufland. So nackt erkennt man dich ja kaum wieder. Zugelegt?“ „Sieht man es stark?“ „Würde ich schon sagen,“ beteuere ich und richte mich auf. Der Dicke ist darüber nicht wirklich erfreut und befiehlt mir, ich solle mich setzen. Das erfreut mich wiederum wirklich nicht. „Spinnst du?“, frage ich ihn. „Hast du den Arsch auf? Du kommst in meine Wohnung und sagst mir, was ich zu tun habe?“ „Die Frage ob ich spinne erübrigt sich.“, meint der Dicke und macht so, als ob er auf meine Äußerung wirklich Stellung nehmen müsste. „Aber nicht das Duzen. Das finde ich gar nicht gut.“ „Ist mir egal.“, sage ich und streife eine Staubschicht von meinen Schultern. Mit dem Putzen hat Ewald es nicht besonders. „Du kannst nicht anfangen mich zu duzen. Das


ist so, als wären all die Jahre im Kaufland zwischen uns völlig nicht Existent.“ „Leider sind sie das nicht.“ Der Dicke macht einen nachdenklichen Eindruck. „Aber ich kann dich nicht gehen lassen. Setze dich jetzt wieder.“ „Nein. „Und wieso?“ „Was machst du hier?“ „Was machen SIE hier. Sie. Verstehst du? Sie.“ „Du.“ „Sie.“ „Ach, halt´ deine Klappe.“ Der Dicke bringt sich in Rage, schreitet den Raum mehrmals ab. Und ich stehe. Denn das lasse ich mich nicht bieten. Kommt ein Fettsack in meine Wohnung. Das hört sich an wie ein Witz. „Also ich weiß nicht was du jetzt machst, aber ich werde jetzt gehen.“ „Nein. Wirst du nicht!“ „Doch.“ Ich gehe aus dem Wohnzimmer zur Haustüre. „Wirst du nicht.“ „Doc...“ Die Türe ist verschlossen. „Wirst du nicht.“, meint der Dicke langsam und geschwollen, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

„Wirst du nicht. Ich habe es dir doch gesagt.“ „Wo ist der Schlüssel?“, frage ich. „Versteckt.“ „Wo ist der verdammte Schlüssel?“ „Immer noch versteckt.“ Der Dicke grinst als hätte er eine Banane unglücklich im Mund verstaut. „Versteckt, und du bekommst ihn nicht.“ „Was willst du?“ „Das kann ich dir gar nicht genau sagen...“ „Du hältst mich hier gefangen!“ „Richtig. Und jetzt komm zu mir und setze dich.“ „Ich setz´mich aus Prinzip nicht zu nackten Männern.“ „Ich bin so, wie Gott mich schuf.“ „Nein. Gott hat dich nicht als übergewichtigen Fettsack auf die Welt gebracht.“ Ich rüttele an de Türe. Das ich raus kommen werden, das ist gewiss. Auch wenn ich die Türe aufbrechen muss. „Was wollen die Nachbarn von dir?“ „Ach die... Die regen sich nur darüber auf, dass hier ein Nackter durch die Gegen rennt.“ „Das ist alles?“ „Und halt das ich mir ihren Hund ausgeliehen habe.“ „Was hast du mit dem Hund gemacht?“ Ich


nehme mir einen Stuhl und setze mich. Der Dicke steht im Raum mich verschränkten Armen und grinst mich gemütlich an. „Weißt du, Henry.“, sagt er. „Die Zeit mit dir hat mich geprägt. Ehrlich. Auch als ich dann weg war vom Kaufland. Im Knast, da gibt es nicht so viele junge Männer wie dich. Weißt du was das bedeutet?“ „Muss ich es wissen?“ „Es bedeutet, dass ich oft an dich gedacht habe. Sehr oft. So oft, dass ich mir geschworen habe dich zu besuchen, sollte ich wieder rauskommen.“ „Solltest du wieder rauskommen?“ „Du sollst mich nicht duzen!“ Der Dicke rammt sein Bein auf den Boden und bis zu seinen Ohren fängt sein ganzer Körper zu wackeln an. „Nicht duzen!“ „Was meinst du damit, solltest du wieder rauskommen? Was hast du angestellt?“ „Ach.“, winkt er ab. „Verschiedene Dinge.“ Plötzlich ist er wieder ruhig. Das spricht für sein sehr wechselhaftes Temperament, denke ich mir und schaue ihn mir genau an. Um sein Auge sind Fettpickeln, die es mir kalt den Rücken herunterlaufen lassen. Seine Arme, sein Buch, seine Beine- sie alle sind so ekelhaft dick, dass ich mir

sicher bin keine Chance gegen ihn zu haben, wenn er sich dazu entschließt, auf mich zu hüpfen. Wenigstens würde es dann schnell gehen. „Aber es ist alles egal. Alles egal. Wie sie mich finden dauert es eine Weile. Und bis dahin haben wir die ganze Zeit für uns. Was sagst du dazu?“ „Nicht gerade prickelnd, mit einem nackten Mann in einem Raum gefangen zu sein.“, erwidere ich und renne wieder zur Haustüre, versuche sich aufzubrechen, rüttele daran und schreie, doch Maddy ist mich da und niemand hört mich. Dann kommt der Dicke und zerrt mich an meinem Bein wieder zurück ins Wohnzimmer. Ich knalle mit meinem Oberkörper auf dem Boden auf und spüre Blut in meinem Mund. Als der Dicke von mir lässt, sind wir wieder im Wohnzimmer. „Das geht echt nicht.“, meint er. „Das geht echt nicht. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Wirklich nicht.“ Ich stehe wieder auf und renne erneut zur Haustüre, schmeiße ich mich mit voller Wucht dagegen, doch nichts tut sich. Ich richte mich wieder auf und möchte meinen Versuch wiederholen, da stoße ich bei meinem Anlaufnehmen mit dem Dicken zusammen und falle nach hinten um. Das ist so ekelhaft, das kann ich


gar nicht beschreiben. Ich liege auf dem Boden und schaue geradeaus auf das hängende Ding des Fettsacks. Mir ist kotzübel, ich schmecke Blut und meine Schulter schmerzt auch. Der Dicke lacht und fühlt sich bestätigt. „Komm.“, sagt er. Ich richte ich mich auf und folge ihm, drehe ich um und inspiziere die Türe, male mir aus wie der nächste Sprung dagegen aussehen muss. Im Wohnzimmer steht Maddys Rechner. Das wundert mich ein wenig. Der Dicke hat ihn bestimmt hier her gebracht, ins Wohnzimmer, und weiß Gott was er damit anstellen möchte. Ich setze mich wieder auf den Stuhl von dem ich einst meinen Fluchtversuch startete und gebe mich für ein paar Minuten geschlagen. Aber nur ein paar Minuten. „Weißt du das hier drauf ist?“, will der Dicke wissen. Ich zucke mit den Schultern. „Etwas ganz Besonderes.“ Wieder zucke ich mit den Schultern. „Maddy und ich haben es zusammen gemacht. Und hier ist es.“ „Du kennst Maddy?“ „Sicher. Du ja auch. Oder denkst du, nur du darfst Menschen kennen?“

Ich verdrehe die Augen und fasse mir an den Kopf. Er schmerzt. Und in meinem Mund schmeckt es noch immer nach Blut. Der Dicke steht am Fenster neben dem Rechner und seine Hand liegt darauf. Mit stolz geschwellter Brust schaut er mich an. „Was ist da drauf? Raus mit der Sprache.“, frage ich. Nur noch ein bisschen, dann werde ich mich wieder mit Gebrüll gegen die Türe werfen und diesmal werde ich gewinnen. Ganz klar. Egal wie viele Knochen mich das kosten wird. „Rück´ jetzt raus mit der Sprache, oder wir lassen es bleiben.“ „Filme. Filme, die Maddy und mich berühmt machen werden.“ Der Dicke legt seine Hände an seinem Rücken zusammen und läuft ein paar Schritte. Dabei schaut er mich an und meint „Wir haben ein Kunstwerk geschaffen. Ein Kunstwerk ohnegleichen. Mit diesen Filmen werden wir in die Analen der Kunstgeschichte eingehen, man wird nach uns noch Statuen erbauen und Schulen benennen.“ „Du kennst Maddy?“ „Ja.“ Er winkt mit der Hand irgendetwas weg und meint „Er hat bei uns im Kaufland gearbeitet. Im Lager. Dieser kleine dicke Mann. Nicht wichtig, kurze Romanze, dann bisschen mehr und so...


„Maddy und Kunst?“, frage ich ungläubig. „Du und Kunst?“ „Nicht duzen, verdammt nochmal. Nicht duzen. Ich bin Herr Feder. Diese Filme.“, schreit der Dicke laut, „Auch du wirst sie zu schätzen wissen. Mach an.“ „Wie bitte?“ „Mach den PC an.“ „Wie denn? Ich hab kein Bildschirm und ich habe keine Tastatur dafür.“ „Nimm deinen Laptop“, meint der Dicke und zeigt in die Ecke des Zimmers, wo tatsächlich mein Laptop liegt. „Nimm ein Kabel, oder was weiß ich. Aber mach was.“ „Ich habe kein Kabel.“ Der Dicke rammt sein Bein wieder auf den Boden und wird rot. In ihm kocht es. Da ich nicht weiß wie er am Schluss noch reagieren wird, stehe ich auf und mach´ meinen Laptop an. Während der jedem jetzt wohl bekannte Balken wieder nach rechts drängt, schaue ich mir Herr Feder ganz genau an. Er ist nackt, altgeworden, und geistig verstörrt. Das sind alles drei Komponenten, die mich Einschüchtern. Und er ist schwul. Das wäre ja alles in Ordnung, wenn er nicht nackt und geistig verstörrt wäre und mich in meiner Wohnung

festhalten würde. Ich bereite mich geistig auf meinen nächsten, garantiert auch gelingenden Fluchtversuch vor, als Windows mich willkommen heisst. Was für eine Ironie. Herzlich willkommen. Und jetzt? Ich habe keine Filme von Maddy auf meinem Laptop. Völliger Mist, in den ich da hineingeraten bin. Und ich weiß nicht wie ich da wieder raus kommen soll. Um mir Zeit zum Nachdenken und Handeln zu verschaffen, verwickele ich den Dicken in ein Gespräch, und frage ihn wie er sich denn das mit dem Erfolg genau vorstellt. „Wir werden einen Oskar bekommen. Ach was sage ich da, wir werden in jeder Kategorie einen Oskar bekommen. Wirklich. Und dann werden wir reich werden und wir werden die ersten sein, die sich mit einem Low-Budget-Film in der Filmgeschichte verewigen werden. Da ist dieser eine Film da, mit den Hexen und diesem...“ „Blair Witch Project?“ „Der Film ist nichts dagegen. Ehrlich! Und weißt du was das Beste für dich dabei ist? Du bist auch dabei.“ Der Dicke grinst sich ins Fäustchen und wie ein kleiner Junge. „Du bist auch dabei!“; wiederholt er mehrere Male und schaut mich mit großen Augen an. „Du bist auch dabei.“ Dumm nur, dass ich keine Filme auf meinem PC habe. Nichts. „Und kommst du


an den PC?“, will der Fettsack wissen. „Ja, klar.“, lüge ich. „Ich muss da nur mal kurz so ein Netzwerk einrichten.“ In Wirklichkeit logge ich mich in meinem Mailpostfach ein. 233 Mails. Das ist derbe. Aber dafür habe ich keine Zeit. Ich muss eine Nachricht schreiben. An irgendjemanden, der mir helfen kann aus dieser Situation rauszukommen. Unter „Freunden“ finde ich nicht viele Menschen. Nur Sina. Ihre Visitenkarte habe ich in mein Mailpostfach übertragen und dafür könnte ich mich in diesem Moment selbst knutschen. Sina, bin ich hier gefangen in meiner Wohnung, so ein Irrer will mich nicht rauslassen. Kein Witz. Ruf die Polizei oder so was. Aber mach was. Bitte! PS: Ich habe nachgedacht und

über

die

ganze

Situation

„Was machst du da?“ „Ich richte doch das Netzwerk ein.“, erwidere ich stotternd. „Musst du dem Netzwerk eine Geschichte schreiben?“ Schnell schicke ich die unfertige Mail ab und schließe den Browser. Von meiner Stirn tropfen

Schweißperlen, als ich verstört den Desktop anblicke und mir erhoffe, dass er mir sagt was ich nun tun soll. Macht er aber nicht. „Na, hast du Schiss?“, höre ich mich selber fragen und fühle mich durch mich selbst wieder belästigt. „Nein, habe ich nicht. Ich bade nur. Ich bade in meinem eigenen Schweiß.“ „Was sagst du?“, will der Dicke wissen. „Ach, nichts.“, erwidere ich und winke ihn ab. „Wie sieht´s aus? Klappt´s?“ „Sag´ihm, dass er dich in Ruhe lassen soll.“ „Halt´s Maul.“ „Was hast du gesagt? Ich soll mein Maul halten?“ „Gib´s ihm.“ „Du sollst die Fresse halten. Nein, nicht du, er.“ „Du sollst mich nicht duzen! Nicht duzen.“ „Schau ihn dir an. Schau ihn dir an. Mach ihn fertig. Steh auf und hau ihm eine runter.“ „Sei jetzt ruhig. Halt dein Maul!“, schreie ich. „Du sollst mich nicht duzen!“ „Ich meine auch nicht dich!“ „Schlag ihn. Ein Schlag in die Fresse und die Sache ist vorbei. Oder hast du Schiss?“ „Wie sieht´s aus mit dem PC? Bekommen wir die Filme heute noch zu sehen?“


„Ich arbeite daran.“ „Du Feigling. Schlag ihm doch eine rein. Hier und jetzt.“ „Das kann ich nicht machen. Das geht nicht. Er überrollt mich dann.“ „Mit wem redest du verdammt nochmal?“ „Nicht mit dir!“ „Ist bei dir eine Sicherung durchgefallen?“ „Das musst du ja gerade sagen. Schau dich doch mal an. Du stehst nackt vor mir.“ „Genau, gib´s ihm.“ „Du siehst aus wie eine dicke Melone.“ „Ach, Henry. Das hat natürlich gesessen. Das geht ihm jetzt voll nach. Du siehst aus wie eine dicke Melone. Los, sag ich das sein rechter Zeh aussieht wie eine Kartoffel. Los.“ „Halt dein Mund. Deine Stimme nervt.“ „Sag nicht zu mir, dass ich mein Maul halten soll.“ Der Dicke wird rot im Gesicht. „Wie sieht es aus mit dem Filmen? Los jetzt.“ „Ich kann es nicht. Wie denn? Ich habe kein Kabel!“ „Du brauchst auch kein Kabel. Das geht auch so!“ „Und wie? Soll ich meine Hände benützen?“ Der Dicke greift nach meinem Laptop und ich

kann ihm das nicht verwehren. „Da ist es ja.“, schreit er plötzlich. „Da ist es ja.“ „Die Filme?“ „Der ganze Ordner!“ „Den hat Maddy mir geschickt.“ „Wieso denn das?“ „Vielleicht wusste er das ich seine ganze Wohnung aus dem Fenster schmeiße.“ „Und den PC nicht?“ „Wusste er es?“ „Scheissegal. Wir schauen jetzt die Filme an.“ Der Dicke setzt sich auf den Stuhl auf dem ich gerade saß, und ich bin mir ganz sicher, wenn ich nicht krank werden möchte, setze ich mich nicht mehr dahin. Doch meine Gedanken werden aus ihrer Routine gerissen, als der Dicke mit seinen Tränen zu kämpfen hat. Er blickt auf den Bildschirm meines Laptops und scheint in anderen Sphären zu schweben. „Er hat es schon geschnitten.“, meint er in einer piepsigen Stimme. „Verstehst du was das heisst?“, beginnt er zu heulen. „Was?“, frage ich eher belanglos. „Er ist fertig!“ „Kann ich ihn vielleicht mal sehen?“ „Nein. Später.“ In Anbetracht der Tatsache, dass mir gerade das


Ding des Dicken ins Gesicht schießt, frage ich ihn reflexartig, wieso er denn sich nicht was anziehen kann, hier drin, wenn wir hier alleine sind. Das wirkt richtig richtig verstörend auf mich. „Das verstehst du nicht.“ „Vielleicht verstehe ich das wirklich nicht, aber ich kann es ja versuchen zu verstehen.“ „Das ist eine Einstellung. Eine Einstellung gegenüber der Natur und der Umwelt.“ „Für mich scheinst du eher einen an der Klatsche zu haben.“ „Genau, gib´s ihm.“ „Halt endlich den Rand.“ „Wie redest denn du mit mir?“ „Du auch. Ihr beide.“ „Ach komm schon, Henry. Hab´dich nicht so. Das wird sonst langweilig. Komm. Zeig ihm wer der Herr im Haus ist.“ „Ich muss zurück zu Natur finden. Nur das ist der Weg. Nur das kann ein Weg sein. Und ich brauche Geld dazu.“ „Wieso denn das?“ „Ich muss leben von diesem Geld. Ich kaufe mir eine Hütte in Schweden und kann mir in Einklang mit der Natur alles leisten, was ich brauche.“ „Klingt ziemlich bescheuert. Was machst du da

gerade eigentlich?“ „Ich lade das Video hoch.“ „Kann ich es zuvor sehen?“ „Nein.“ „Wieso nicht?“ „Hast du das gehört?“ „Was denn?“ „Da ist jemand.“ „Glaube ich dir nicht.“ Doch dann höre ich es auch. Da klopft jemand an der Türe. „Du bleibst hier!“, meint der Dicke ernst und bewegt seinen kolossalen Körper raus aus dem Zimmer zur Haustüre. Ich greife nach dem Laptop und ziehe ihn zu mir her, während ich auf dem Boden sitze und lausche. Der Dicke öffnet die Türe, als ich endlich in dem Ordner bin, in den mich Maddy nie reinlassen wollte- und ich sehe ganz viele Videos und einen Unterordner, auf dem „Fertiger Film“ steht. Wie hat Maddy es fertig gebracht, seine Daten sogar auf den Bahamas auf meine Laptop zu speichern? Was muss das für ein Freak sein? Plötzlich höre ich von draußen einen Schrei und einen Schlag, dann fällt etwas schweres zu Boden und jemand anderes atmet tief und schnell aus. Als ich auf den Film klicke, öffnet sich ein Videofenster und mein Puls attackiert sich nach oben. Meine


Hände schwitzen. Dann höre ich von draußen, dass jemand etwas bewegt, praktisch über den Boden schleift. Dann klopft es an der Wohnzimmertüre. Ich lege den Laptop weg, stehe auf und greife nach dem Türgriff. Schon durch das milchige Fenster erkenne ich das der, der hinter der Türe steht und rein will, ein Textiler ist. Er trägt Klamotten. Es ist also nicht der Dicke. „Henry?“, höre ich Gerd rufen. „Bist du das?“ Ich ziehe die Türe an mich ran und sehe Gerd in die Augen. „Wer ist denn dieser Fettsack?“, will mein früherer Chef wissen. „Lange Geschichte.“ „Er ist nackt!“ Gerd schaut mich mit großen Augen an. „Ist da was, was ich wissen sollte?“ „Hat Sina meine Mail bekommen?“ „Welche Mail?“ „Der Fettsack hat mich hier festgehalten. Er wollte mir ein Film zeigen!“ „Darf ich raten was für einen?“ „Kennst du den?“ „Vielleicht einen warmen?“ „Was? Einen warmen Film?“ „Ja, einen Bananenfilm. Du weißt schon... Dreck am Stecken und so.“ „Nein. Verdammt nochmal! Nein! Das hoffe ich

zumindest. Ist er tot?“ „Fettsack? Nein, ich glaube der zuckt noch.“ „Was machen wir mit ihm?“ Wir fesseln den Dicken, indem wir ihn auf den Bauch rollen und seine Hände und Füße zusammenbinden und rollen ihn ins Wohnzimmer. Gerd und ich sind fertig mit der Welt, als wir vom Fettsack ablassen. „So. Das wär´s.“ Wir gehen in die Küche, in der wir einst den hammermäßigen Kaffee zu uns nahmen der uns durch den Tag gerettet hat, und greifen nach einer im Raum stehenden Flasche Wodka. Vielleicht hat die Berta hier liegen lassen, denke ich, als mir einfällt das sie mir das Trinken ja einst abgewöhnen wollte. Sie war´s also nicht, aber die Wunde liegt offen. Mit der Flasche und zwei Gläsern gehen wir wieder ins Wohnzimmer und setzen uns zwischen dem Fettsack und dem laufenden Laptop auf den Boden. „Wird das zur Gewohnheit?“, frage ich Gerd, der sich neben mich setzt und seine Beine ausstreckt. „Was meinst du?“, will er wissen und schenkt und beiden Alkohol ein. „Genau das da.“, sage ich und zeige auf unsere Gläser. „Alkohol. Ich glaube, wenn sich in naher


Zukunft nichts ändert, dann ändert sich nie was.“ Gerd nickt, versucht seine Anteilnahme auszudrücken, doch was ich meine mit dem was ich gesagt habe, verstehe glaube ich, nur ich. „Wie geht es Sina?“, will ich aufgeregt wissen und schiebe das Glas von mir weg. „Kannste vergessen.“ „Wie bitte?“ Gerd schenkt uns weiter ein, als er mit den Augen rollt und sagt „Ich meine nicht Sina. Ich meine das Haus in dem sie wohnt.“ „Sie wohnt da alleine?“ „Nein, mit der Fischer, unserem gemeinsamen Kind und ein paar wirklich schrägen Typen.“ „Typen?“ „Gestalten.“ „Sie wohnt mit Männern zusammen?“ „Auch. Mit einem der sich nie zu bewegen scheint, mit einer Rosi die wirklich einen an der Klatsche hat und mit ein paar anderen noch.“ „Das sind ihre Pflegefälle. Sie hat´s also getan.“ Gerd reicht mir mein Glas und ich schiebe es erneut von mir. Alkohol ist nicht gut. Und wenn das hier gerade Kinder lesen, dann sei euch gesagt, dass ihr am besten gar nicht damit anfangt! Kauft euch Obst und Gemüse, macht daraus tolle Dinge

und fühlt euch glücklich. Zumindest besser, als ich mich gerade fühle. Dazu gehört allerdings auch nicht viel. Traurig und niedergeschlagen sitze ich hier und weiß, dass Sina sich die Sache nicht leisten kann, die sie gerade anzettelt. Eine WG. Von welchem Geld? „Wie kann sie sich das leisten?“, frage ich Gerd. Vielleicht hat er eine Antwort. Er ist doch der Familienvater unter uns. Doch der zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung.“, sagt er. „Ich weiß es nicht.“ „Wie geht es ihr?“ „Frag´sie selbst. Was machen wir mit dem Dicken?“ „Liegen lassen bis er aufwacht, und dann erst recht.“ Gerd nimmt noch einen Schluck und atmet schwer aus. „Ok. Ich bin dabei.“ „Und wie sieht dein Baby aus?“ „Mein Baby?“ „Die Fischer, du...“ „Achso. Ja, sieht gut aus. Kann man lassen.“ „Klingt nicht gerade zufrieden.“ „Wenn du das alles wissen willst, dann musst du schon selbst mitkommen. Wieso bist du abgehauen?“ „Kann ich dir nicht sagen. Da ist eine innere


Stimme, die weiß nicht was sie will. Und eigentlich ja nicht erst seit jetzt. Die Geschichte mit Maddy und unserer gemeinsamen Website, dann die Arschtritt-Agentur...“ „Die wirklich nicht schlecht läuft. Ich muss nie wieder Buchhändler werden.“ „Ehrlich?“ „Gib mir einen Laptop.“, meint Gerd und zeigt auf den PC. „Siehst du.“, sagt er, als er www.arschtrittagentur.de eingegeben und Enter gedrückt hat. „Allein schon hier auf unserem Blog, haben wir schon 50 Anfragen aus der näheren und weiteren Umgebung.“ „Und Mail habe ich auch viele bekommen.“ „Von wegen, du weißt nicht genau was du willst. Du weißt es doch ganz genau. Und zwar diese Aufträge annehmen und Geld machen.“ „Und was ist mit dem Internetportal, welches ich mit Maddy gebaut habe?“ „Was geht mich das an?“ Ich denke nach. Darum geht es nicht. Es geht nicht darum, was es Gerd angeht. Es geht darum, dass ich nicht genau weiß was ich möchte. Erst bin ich alleine unglücklich, dann bin ich meinem Job unglücklich (als der Schmidt kam), dann stellt sich

alles aus Schauspiel heraus und eigentlich müsste ich glücklich sein auf meiner einsamen Inseln, doch das bin ich nicht und reise ab. Angekommen, ist doch wieder alles wie es einst war, doch glücklich bin ich noch lange nicht. Ich hatte Sina erst verloren, hab sie dann wieder, doch in beiden Fällen weiß ich nicht was ich möchte und stehe plötzlich wieder alleine da. Alleine mit dem Fettsack in meiner Wohnung. Keine gerade Linie. Sie fehlt völlig. Doch mit der Website geht es gut, die Arschtritt-Agentur boomt auch, eigentlich könnte alles gut laufen was ich in die Hand nehme, wenn ich selbst weiß was ich möchte. „Ziehen wir das durch?“, will Gerd wissen. „Was?“ „Das mit der Agentur? Machen wir das? Oder bereust du es?“ „Nein, nein.“, sage ich geistesabwesend. „Das machen wir.“ Gerd schlägt mir auf meinen rechten Schenkel und meint „Das wird schon, wir gehen nachher zu Sina und alles ist gut.“ „Nichts ist gut!“, schreit plötzlich der Dicke. „Nichts! Lasst mich frei!“ „Ach, den gibt es auch noch.“, freue mich. „Lass uns doch mal den Film anschauen.“


„Das ist eine gute Idee.“, meint Gerd und rückt den Laptop gerade. Was wir dann sehen, hätte ich nicht erwartet. Schlimmer noch. Ich hatte es nicht nur nicht erwartet, ich hatte es mir auch nicht vorstellen können. Bei aller Fantasie die ich habe. Wirklich nicht. Was sich mir offenbart ist ein 90-minütige Doku über mich. „Die besten Geschichten schreibt das Leben.“, ist im Intro zu lesen. Die besten Geschichten schreibt das Leben. Und das ist mein Leben. Ich sitze an meinem Laptop, die Webcam ist auf mich gerichtet. Ich schreibe Maddy. Was geschrieben wird ist im Film zu lesen. Es geht um den Bau einer Website und wie wir das machen. Dann bin ich in meinem Buchladen zu sehen. Ständig verfolgt von einer semi-professionellen Stimme, die kommentiert was ich tue. Und warum ich was tue. Als ich von Gerd meine Beförderung mitgeteilt bekomme, bin ich in verschiedenen Blickwinkeln zu sehen, was den Film irgendwie einleiten soll. Aber nur soll. Die Kameraführung, der Ton- grottenschlecht. Doch wie die beiden das gemacht haben, das weiß ich nicht. Wie kommt die Kamera dahin? Sogar in Gerds Büro! Ich schau meinen ehemaligen Chef neben mir an, doch der

beteuert seine Unschuld. Währenddessen grinst der Dicke hämisch. Im Film rede ich mit der Fischer darüber, dass ich ein Casting abhalten möchte, worauf sie begeistert meint „Hey, das ist eine super Idee“ und ich so schaue als würde ich nicht recht wissen ob sie wirklich so super ist. In der Tat, ich erinnere mich an meinen Gedankengang. Dann sehe ich mich, wie ich im Winter zum Buchladen laufe und mir Gedanken darüber mache das der Busfahrer schon seit fünf Tagen das gleiche T-Shirt trägt. Wie gering meine Sorgen damals waren. Da hatte ich noch Spass am Sarkasmus. Sogar an mir selbst. In den nächsten Szenen halten die Fischer und ich das Casting ab, dann steigert sich die Zahl der Besucher auf unserer Website immer mehr und mehr und die Party, auf der ich Sina zum ersten Mal gesehen habe, steigt auch. Immer begleitet von dieser semi-professionellen Stimme, mit der sich der Dicke und Maddy bestimmt nicht in die Analen der Geschichte eintragen werden. Im Film ist währenddessen der Dialog zwischen mir und der Fischer entbrannt, in dem sie unbedingt wissen will wie das Privatleben vom Herrn Schröder aussieht und ich es erst nicht preisgeben möchte. Als ich es dann doch tue, schlägt mich Gerd neben mir auf die Schulter, was schmerzt. Aber ich reagiere nicht, ich


möchte weiter schauen. Die definitiv beste Szene ist die, als ich unten am Haus stehe und die Sannis den Weser wegtragen. Dann lese ich den Brief, in dem mir diese gemeinnützige Institution dafür dankt, dass der Josef und seine Freunde endlich einen Brunnen habe, woraufhin ich verrückt spiele und mich dazu entschließe, kein Wasser mehr zu trinken, was dem Film eine einzigartige Seite verleiht. Ich kaufe ganz viel Pizza, unterhalte mich kurz mit Sina und schließe ich zu Hause ein. Am nächsten Tag geht der Gerd und der Schmitz kommt und ich verkrieche mich unter meinem Schreibtisch, bis ich abhaue und für alle Mitarbeiter des Ladens streike. Und auch nur, weil ich nichts getrunken habe. Dann bin ich bei Sina zu Hause und anschließend in dieser Kneipe, in der ich den Typ treffe der am nächsten Tag gleich losgelaufen ist um die Welt zu retten. Was der wohl jetzt macht? In der nächsten Szene bin ich mit Sina bei Schlappi. Anschließend bekomme ich von Maddy mitgeteilt, dass er die Website verkauft hat. Zumindest zu 49 %. Der Dicke neben uns schaut uns dabei grinsend an. Als er meinen Blick bemerkt, grinst er noch deutlicher und meint, die Szenen wären schon alle online. Auf Youtube. Ich kann es kaum glauben. So ein schlechter Film? Nicht

möglich! Als ich mich wieder dem Bildschirm zuwende, sehe ich mich selbst, wie ich auf den Bahamas auf der Veranda sitze und ins Blaue hinaus schaue, während die Stimme versucht meine Gedanken nachzumachen und mir unterstellt, dass ich sehr glücklich sei. Naja... bedingt. Auch als ich die Fotos auf meinem Laptop anschaue, wirke ich nicht gerade wie jemand, der sich freut auf dieser Insel zu sein- und sehr viel zu Geld zu haben. Das ist echt kontrovers, schließlich hatte ich alles, was sich der Durchschnittsdeutsche sich je zu bekommen erhofft. Manche Träume, denke ich mir, sollten nie in Erfüllung gehen. Wieder was gelernt. Währenddessen zieht auf dem Bildschirm mein Leben ab, wie ich es bereits kenne. Nichts Neues mehr. Abgehakt. Da mischt mir jemand was ins Getränk, ich falle um, wache wieder auf und sehe Maddy vor mir, der mir versichert, dass jeder für Geld alles tun würde. Als ich mich aus dem Bett schleiche und auf meinen ehemaligen Nachbarn schieße, kommt mir die Sache komisch vor. Nicht nur im Film. Und in der Tat. Ich habe Maddy keine Kugel verpasst. Das alles Schauspiel. Wieder mal. „Gut, was?“ Der Dicke rollt sich vergnüglich hin und her. „Wirklich gelungen. Diese Finale Szene.“ „Maul halten. Woher wusstest du, dass ich das


mache?“ „Was mache?“ „Ja, auf ihn schieße.“ „Deine Handschellen waren sehr schwach angelegt...“ „Fand ich jetzt nicht besonders...“ „Und in Wirklichkeit wäre Maddy nicht so nachlässig gewesen. Glaubst du das wirklich? Ich meine, er hatte sogar soviel Grips, den Film auf deinen Laptop zu platzieren, da er wusste du würdest seinen PC aus dem Fenster schmeißen.“ „Da ist was dran.“, gebe ich nachdenklich zu. Vielleicht ist Maddy wirklich nicht so dumm wie ich dachte. Vielleicht war nicht mal das Schnarchen damals echt, vielleicht wusste er dass das den Anfang der ganzen Geschichte bedeuten würde. „Wo ist er jetzt?“ „Wahrscheinlich auf dem Weg hierher, keine Ahnung.“ „Keine Ahnung?“ „Mag schon sein das ich es weiß, aber ich sage es nicht.“ „Wir können dich auch hier liegen lassen.“ „Macht nichts, der Teppich kratzt mich gerade ganz schön an meinem Hinterteil.“ Ich drehe mich angewidert weg und bin mir

sicher, dass ich hier nicht mehr wohnen bleiben kann. Nicht nur wegen dem Teppich, den es auszuwechseln gilt, sondern auch wegen der ganzen Geschichte an sich. Ich fühle mich wie ein Opfer. Und ich bin eines. Und Maddy und der Dicke sind dran schuld. Als ich wieder auf den Laptop blicke, schleife ich Maddy durch die Wüste, als Peter anhält und uns mit nimmt. „Ist der echt?“ „Peter? Klar. Alles ist echt. Nur der Schuss nicht. Und die Geschichte, die wir dir aufgetischt haben. Dafür kommst du jetzt aber groß raus. Ganz groß.“ „Das wird er auch ohne euch.“, faucht Gerd und klingt eifersüchtig. „Wir haben nämlich eine Arschtritt-Agentur und dir hätte sie auch in den Arsch treten sollen. Oder jemand anderes. Ich zum Beispiel. Am besten jetzt gleich noch.“ Gerd steht auf und rollt den Dicken auf den Bauch. Doch der fängt an und grinsen und dann zu lachen, sodass es meinem ehemaligen Chef irgendwie keinen Spass mehr macht. „Alles gespielt.“, sage ich mir selbst. „Alles nicht echt.“ „So ist das Leben. Da ist vieles nicht echt. Sehe es als Therapie an. Jetzt kannst du so richtig loslegen. Dein Leben gehört dir.“


Bei allem Schwachsinn, den mir der Dicke neben mir verzapfen möchte, leuchtet mir das hingegen wirklich ein. Er hat recht. Jetzt weiß ich was mich in meinem definitiv nicht weiterbringt: Millionen auf dem Konto, und ich auf den Bahamas. Diese Info kann wirklich sehr viel Wert sein. Wie viele Menschen streben einem Lottogewinn nach oder wollen auf der Karriereleiter immer weiter nach oben kommen, um immer mehr Geld zu verdienen? Ich für meinen Teil weiß nun, dass das ganze nichts bringt. Auch wenn es bedeutet, sich seine eigene Putzfrau leisten zu können. Bringt nichts. Nachher beschwere ich mich bei meinen Freunden noch, dass ich meiner Putze die Wäsche habe geben müssen, was ja so anstrengend sei. Soweit kommt es bei mir nicht. So etwas will ich nicht. Ich möchte in Gegenwart leben und diese spüren, meine Hände ruhig auch mal dreckig machen können und mich dabei gut fühlen. So gut wie jetzt. Ich habe ein breites Lächeln auf meinem Lippen, als ich aufstehe und dem Dicken auf seine schmalzige Stirn küsse. „Danke!“, sage ich ihm. „Komm Gerd, gehen wir zur Sina.“ Als wir vor ihrem Haus eintreffen, sehe ich keine Bruchbude mehr vor mir. Stattdessen die

Möglichkeit, daraus für uns alle ein Paradies ohnegleichen zu schaffen. Für Sina, den Gerd, die Fischer, ihrem gemeinsamen Baby und all den mehr oder weniger komischwirkenden Menschen- mich inklusive.

Freitag. 18.09.2009 12:25 Uhr Das der Schmitz nicht wirklich schlecht sein muss, habe ich gemerkt, als ich nachgedacht habe. Das schadet eigentlich nie. Und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass dieser Mensch in seiner Kindheit und Jugend etwas erlebt haben muss, was ihn dazu zwingt, Kontrolle über alles haben zu müssen, oder das zumindest zu glauben. Anders kann ich mir das nicht erklären. Niemand ist freiwillig ein Arschloch. Auch nicht der Schmitz. Als ich ihn zu Hause besuche, fühle ich mich jedoch etwas komisch. Klar. Mein Verhalten war sehr schlimm und eigentlich nicht zu entschuldigen. Trotzdem bittet er mich zu sich rein. Dabei lerne ich seine Frau kennen, die mir in einem Moment unter uns zwei zusteckt, dass ihr Mann in Gegenwart von


Fremden ein echter Ekel ist und ich ihn bestimmt nicht anders erlebt habe. Ja, sie hat recht. Sie sagt aber auch, ich soll mir nichts daraus machen, sie habe ihn unter Kontrolle und „das wird schon.“ Dann klopft sie mir auf die Schulter und verlässt den Raum, als ihr Mann mich auffordert, mich zu setzen. Ich tue es und erkläre ihm, dass mein Verhalten eigentlich nicht zu entschuldigen sei. Das gefällt ihm. Diese selbstlose Erniedrigung meiner Person um etwas zu erreichen, was nur er mir geben kann: meinen alten Job zurück. Ich entschuldigte mich für mein plötzliches verschwinden und für meine unberechenbare Art. „Doch wie Sie ihre Mitarbeiter behandeln, ihnen Nummern geben statt Vertrauen, wie Sie durch den Raum schreiten und ihre Position ausnützen, weil Sie genau wissen das die Menschen ihren Job im Buchladen nicht nur brauchen, sondern auch lieben, sich dazu berufen fühlen und zu einer Familie zusammengewachsen sind, das ist unmenschlich. Sie laden damit Ihre Sorgen und Probleme, Ihre Phobien und was weiß ich noch was, auf Menschen ab, die diesen Problemen schutzlos ausgeliefert sind. Mein Verhalten war nicht in Ordnung und ich schäme mich dafür, doch mich macht es zu einem besseren Menschen, wenn ich meine Fehler einsehe. Und sie?“

Schmitz schaut mich mit seinem markantem Gesicht eindringlich an. Es ist wohl schon eine sehr lange Zeit her, dass sich jemand getraut hat, in diesem Ton mit ihm zu reden. Er legt seine riesige Hand auf den Tisch, die mich mit einem Schlag niederstrecken könnte, doch da seine Frau uns lauscht, was jede Frau machen würde und Schmitz weiß das, bleibt er ruhig und überlegt. In ihm findet ein Kampf statt. Ein Kampf zwischen der Situation, mit der ich ihn konfrontiere, und dem jungen Menschen in ihm. Er schaut mich an und meint: „Ich hielt Sie für einen Schwächling, der nicht mithalten konnte, mit dem harten Business des Managements, mit der harten Realität und dem harten Kampf an der Front.“ Ich bin gerade dabei ihm klar und deutlich zu widersprechen, da hebt er die Hand und die Welt verstummt. „Dann aber begriff ich, dass die Welt, zumindest erstmal was den Buchladen angeht, nicht hart sein muss. Nachdem Sie verschwunden waren und all die sechsundsechzig Dinge die ich Ihnen aufgetragen hatte, alleine handhaben musste, merkte ich was für eine scheiss Arbeit das war.“ „Klingt nicht gerade so, als hätten sie verstanden was ich meine.“ Schmitz blickt mich an. Hätte er will


er mich töten wollen, hätte er es bereits getan. Er lehnt sich zurück, woraufhin der Stuhl anfängt zu quietschen und nachzugeben, doch ich werde es nicht. „Ich bin für Sie eine wertvolle Führungspersönlichkeit. Aber...“ „Herr Simons, ich...“ „Nein.“, sage ich, „Hören Sie mir zu. Ich bin eine wertvolle Führungspersönlichkeit und ich habe diesen Job im Buchladen geliebt. Ich liebe Bücher, ich liebe das Schreiben, ich liebte mein Team. Aus diesen Gründen würde ich ihn gerne wiederhaben. Aber ich brauche ihn nicht des Geldes wegen. Nicht aus diesen Gründen. Ich habe... sagen wir mal, mir ein zweites Standbein geschaffen und um ehrlich zu sein, ich hätte da einen Deal.“ Schmitz lacht. „Sie haben mir einen Deal? Sie wollen mir tatsächlich was anbieten? Mir? Entschuldigen Sie, aber...“ „Ich betreibe mit Herrn Schröder die ArschtrittAgentur.“, erläutere ich meinem ehemaligen Chef. „Sie verteilen Arschtritte?“ Schmitz beugt sich nach vorn und stützt sein Kopf in seinen Händen ab. Er hört mir zu, aber er hört nicht was ich sage. „Wir verteilen Arschtritte. In etwa so, wie Sie Arschtritte verteilen. Doch wissen Sie, was der Unterschied ist?

Unsere Kunden haben es tatsächlich verdient. Tatsächlich! Und Sie müssen sich vorstellen, dass wir deswegen gebucht werden.“ Jetzt lehne ich mich zurück, während Schmitz´ Augen mich groß anstarren. „Sie verteilen Arschtritte.“, stellt er endlich fest. Ich nicke zufrieden. „Das ist doch das, was sie schon immer tun wollten, ohne jemanden damit wirklich weh zu tun. Mal unter uns. Ich kenne das. Ich verstehe Sie.“ „Und Sie wollen Ihren Job zurück.“ „Genau. Aber nicht des Geldes wegen, wie ich Ihnen mehrfach nahe gelegt habe.“ „Schon verstanden, schon verstanden.“ Schmitz wedelt mit seiner Hand. „Ich kapiere. Wie viel wirft diese Agentur ab?“ „Genug. Sehr viel genug sogar. Es ist für uns alle was da. Und hier habe ich sogar einen ganz besonderen Arschtritt zu vergeben. Es geht um eine Gruppe Jugendlicher. PC-Junkies, Sie verstehen? Drogen, Alkohol, fast am Abgrund, aber irgendwie wollen sie das nicht wahrhaben. Ihre Eltern haben zusammengelegt.“ Schmitz blickt mit erstaunt an. „Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.“ „Sehen Sie.“, sage ich.


„Okay.“, erwidert er. „Sie fangen morgen wieder an und ich mache bei Ihrer Arschtritt-Firma mit.“ „Agentur.“ „Egal.“ „Und der Schröder hat seinen Job auch wieder, oder? Habe ich das richtig verstanden?“ „Macht ihm die Sache auch so viel Spass wie Ihnen?“ „Am Geld liegt es nicht.“ „Ach, von mir aus. Morgen acht Uhr. Aber Chef bleibe ich.“ „Vorerst noch.“ „Wie bitte?“ „Chef bleiben Sie. Ist ok.“ Als ich aus dem Haus trete, wartet Sina bereits auf mich. Wie es war, will sie wissen. „Natürlich gut.“, sage ich stolz. Sie umarmt mich und ich bin unsagbar glücklich. Das Leben kann so schön einfach sein und so einfach schön. „Hast du es ihr gesagt?“ „Sie kommt.“ „Super.“ Als wir in das vereinbarte Café treten, sehen wir die Fischer bereits. Sie begrüßt uns überschwenglich, immerhin haben wir uns schon lange nicht gesehen.

Aufgeregt setzt sie sich und sagt „Jetzt los. Warum bin ich hier.“ Sie weiß nichts davon und daran wird sich die nächsten Minuten auch nichts ändern. „Wie verstehst du dich mit Gerd?“, will ich wissen. Die Fischer lehnt sich zurück und schaut mich ungläubig an. „Was soll das jetzt?“, fragt sie. „Wieso willst du wissen, ob ich mich mit Gerd gut verstehe?“ „Liegt doch auf der Hand, das Baby ist auch sein Baby.“ „Wovon Daniel nichts weiß.“ „Nobody is perfect. Tut auch nichts zur Sache. Also weswegen bin ich ich da?“ „Sieht er sie?“ „Wen?“ „Das Baby.“ Die Fischer schaut mich eindringlich an. Sie weiß nicht auf was ich hinaus will aber ich weiß was sie gerne hätte. Und ich kann es ihr geben. Ich blicke ebenso eindringlich zurück und versichere ihr durch meinen Blick, dass ich keine bösen Absichten hege, dass ihr nur das beste will und sie mir ruhig vertrauen kann. Sie scheint mich zu verstehen, beugt sich zu uns beiden nach vorne und meint: „Er kann seine Tochter so oft sehen wie sie


möchte. Und das macht er auch. Es ist gibt eine Beziehung zwischen uns, die nicht auf Hass oder Neid aufgebaut ist. Wir verstehen uns. Vielleicht auch, weil wir es müssen. Das ich mich damals von ihm...“ Sie lehnt sich wieder zurück und schüttelt grinsend ihren Kopf. „Nein. Das ich das machen konnte. Ich meine, es ist natürlich gut so, aber...ihr versteht. Wir kommen miteinander aus. Ich glaube, er genießt seine Freiheit. Und sie tut ihm gut. Alles ist gut so, wie es ist. Bis auf die Tatsache, dass ich meine Bücher vermisse. Unser altes Team halt.“ Sie schlägt mir lachend auf auf die Schulter und erinnert sich an unsere Zeit. „Morgen acht Uhr, wir haben unseren Job wieder.“, sage ich schnell, um meine Tränen noch in letzter Sekunde zurück halten zu können. „Bist du dabei?“ „Unseren alten Job? Im Buchladen? Bei Schmitz?“ „Der ist nicht mehr so schlimm und...“ „Und ich habe ein Kind, um das ich mich kümmern muss.“ „Das macht nichts. Wir werden der familienfreundlichste Buchladen der ganzen Welt.“ Mit großen, nachdenklichen Augen schaut sie mich an. Lange. Aber an meiner Meinung ändert

sich nichts. Ich bleibe dabei. „Deswegen wollte ich wissen, ob du dich mit Gerd gut verträgst.“ „Er kommt auch?“ „Ja.“ „Was sagt da der Schmitz?“ „Wenn er was sagen sollte, dann sage ich ihm, dass Geld keine Rolle spielt.“ „Läuft deine Agentur so gut?“, will sie wissen. „Sie wirft genug ab. Für uns alle.“ Ich schaue Sina an und sie lächelt. „Ist´s bei euch auch soweit?“, brüllt die Fischer aus sich heraus. Inbrünstig. Mit voller Freude. Wir nicken verschämt. „Das ist ja super. Ich freue mich für euch. Ehrlich. Das sind ja nur gute Nachrichten heute.“ „Stimmt.“, beteuert Sina und streichelt meinen Arm. Doch die Fischer schüttelt ihren Kopf und lächelt uns an. „Nein, nicht nur ihr, sondern auch ich habe eine gute.“ „Du?“ „Sehe ich etwa nicht so aus?“ „Kommt drauf an.“ „Naja... es war eher Gerds Idee. Endlich hatte er auch mal eine. Also, wie soll ich sagen. Er war in Afrika. Er hat sich nach einem Josef gesucht.“ „Nach meinem Josef?“


„Und stell dir vor, es gibt ihn doch.“ „Maddy hat also gelogen?“ „Vielleicht war er auch nur schlecht informiert. Jedenfalls gibt es ihn und er hat einen Brunnen und Wasser und muss nicht...“ „Dann war das alles also umsonst?“, will ich wissen. „Alles? Die Wasser-Aktion, die Sorgen, die Qual?“ „Ja.“ „So einfach? Einfach ja?“ „Freust du dich nicht?“ „Und ob ich das tue. Wie geht es ihm? Was macht er? Hat er echt die Bilder gemacht? Habe ich ihm unrecht getan?“ „Du kannst es ja wieder gut machen.“ Die Fischer wirft ihren Kopf nach hinten und lacht. „Du kannst eine richtige Patenschaft übernehmen. Und noch viele andere auch. Ach was, du kannst gleich eine ganze Schule bauen.“ „Vielleicht mache ich das auch.“ Als wir aus dem Café treten, hat sich die Welt für mich ein verändert. Nun weiß ich, dass ich damals, selbst mit meinen begrenzten finanziellen Mitteln, Gutes verrichtet habe. Und das alles, wenn auch durch Umwege, gut geworden ist.

Als wir zu Hause ankommen, wartet Rosi bereits auf uns und möchte wissen wo wir waren. Doch leider habe ich für sie gerade keine Zeit. Ich erwarte einen Anruf. Also überlasse ich Sina das Feld und Rosi darf sie diesmal vollquasseln. Als ich in meinem Arbeitszimmer verschwinde, schalte ich meinen Laptop an. Als der Balken sich nach rechts drängt, schaue ich aus dem Fenster und sehe das Ulmer Münster. Das ist zwar keine Kastanie, aber auch sehr schön und die Bäume sind nicht weit weg. Es passt also alles zusammen. Sogar mit diesem komischen Balken habe ich meinen Frieden gefunden. Als Windows mich willkommen heisst, starte ich Skype. Keinen Augenblick später, ruft Maddy bereits an. Er ist in den USA, wartet auf seinen Durchbruch als Filmemacher. Ich hege zwar nicht so viel Zuversicht, aber vielleicht es ja noch was. Das er mich versucht hat von Sina wegzubringen, nur um sich eine Geschichte für Youtube zurecht zu legen, das habe ich ihm mittlerweile verziehen. Auch das mich sein Freund nackt überfallen hat. Okay, wäre die Geschichte anders verlaufen, würde ich ihn jetzt wahrscheinlich verfolgen. Umbringen wollen. Doch das ist sie nicht. Und so sitze ich da und unterhalte mich mit Maddy, während ich das Ulmer Münster anschaue und


Baumkronen vor mir sehe. „Wir arbeiten da gerade an etwas.“ gibt er stolz von sich. „So eine Doku. Weißt du, über die Geschichte von den Obdachlosen hier.“ „Solange es besser wird als mein Film...“ „Hey, hör´mich auf. Das tut mir echt Leid. Wirklich. Das war dumm. Und auch das ich dir vorgespielt habe, dass du reich wärst...“ „Das hat sich bereits anders ergeben.“ „Apropos Geld. Weißt du wie viel eine Heirat hier unten kostet?“ „Ihr wollt heiraten?“ „Ja. Ich glaube, wir haben uns gefunden.“ „Nimmt er auch was gegen seine psychischen Anfälle? Oder rennt er wieder nackt rum?“ „Nein. Gerade geht’s. Die Amerikaner sind da auch ein bisschen prüde. Nicht so wie die Deutschen. Die Amis akzeptieren Nackte nicht so schnell.“ „Ach, dann sind meine Landsleute doch nicht so schlimm?“ „Das hast du gemeint. Deswegen haben wir das Internetportal ja auch eingerichtet.“ „Was ja auch ein Erfolg ist. Wirft was ab. Aber viel wichtiger ist, dass wir etwas bewegen können.“ „Kann man immer sagen, wenn man Geld hat.“

„Du etwa nicht?“ „Geld? Die Amerikaner sind nicht so. Ich meine, als ich die amerikanische Version unserer Website hier gestartet habe, ist sie wirklich nur langsam populär geworden. Hier leben glaube ich nur Gewohnheitstiere. Es reicht halt nur für einen Porsche. Okay. Und für eine extrem geile Wohnung.“ Maddy lacht und bekommt sich nicht mehr. „Die Hochzeit ist übrigens im Dezember. Da ist´s hier schön mild. Kann man aushalten. Kommst du?“ „Du meinst, kommt ihr?“ „Ja. Du uns Sina, Gerd, die Fischer, ihr Baby... Aber vielleicht müssen wir erst noch den KGB fragen, ob sie sie gehen lassen.“ „Machen wir.“, lächele ich. „Und vergiss Peter nicht.“ Dann klopft es an meiner Türe und Berta späht hinein. Ich verabschiede Maddy bis morgen und widme mich meiner Kollegin zu. „Hi, Berta.“, sage ich. „Komm rein.“ „Es geben Arbeit?“, will sie wissen. „Ja, da gibt’s ein paar junge Männer, die wollen oder können nicht richtig putzen und kochen. Ihre Freundinnen wollen das du ihnen hilfst.“ Berta reibt sich die Hände. „Nicht schlecht.“ Sie lacht laut. „Aber jetzt, los.“ „Los?“, frage ich.


„Essen. Rosi wartet, alle warten.“

Das Tagebuch eins Verrückten  

Wie lange kann ein Mensch ohne Wasser leben? Und was geschieht, wenn er es länger durchhält?

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