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#Life #Literatur #Reportage #Ulrich Holbein

Reportage: Zu Besuch bei Ulrich Holbein

BÜCHER UND HAARE AM RAND DER WELT Ulrich Holbein ist Romancier, Essayist, Hörspielautor und Erfinder des literarischen Doppelporträts. Bekannt wurde er mit seinen Kolumnen in der Zeit und der Süddeutschen Zeitung. Zusammen mit 15.000 Büchern und hundertmal mehr Haar wohnt er am Rand der Welt: im hessischen Knüllwald. Sein Verleger Philip Krömer hat ihn dort besucht. Fotos: Evelyn Dragan

Der Büchernarr Ulrich Holbein, der Schriftsteller aus dem hessischen Knüllwald, schenkt mir ein Buch, wie man in anderen Kulturen ein Glas Tee vorgesetzt bekommt – für einen guten Start unserer Beziehung als Autor und Verleger. Das Buch nicht nur als sein Inhalt, sondern als eigener Ausdruck – bei wem, wenn nicht bei UH? UH, dem umtriebigen Romancier, Essayisten und Hörspielautor. Dem Erfinder des literarischen Doppelporträts, ausgezeichnet unter anderem mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, berühmt geworden durch seine Kolumnen in der Zeit und der Süddeutschen Zeitung, der mal einen ganzen Roman nur aus Zitaten bastelte. UH, dem Sohn aus gutbürgerlichem Hause, dem Aussteiger, der im Wald wohnt, am Rand der Welt, zusammen mit 15.000 Büchern.

Haus im Wald am Rand der Welt Das Navi sagt, wir sind gleich da. Unmittelbar an der Straße verdichtet sich der Wald. Eine Wand aus Blättern ragt fast märchenhaft auf, durch das Grün blitzt eine Ahnung von Hauswand. Hier soll sie sein, UHs Residenz im Knüllwald. Ich parke auf der angrenzenden Wiese. Rapunzel, Rapunzel, lass dein ... Da ist es nicht Rapunzel, sondern der alte Zauberer, der aus einer Aussparung in der grünen Wand tritt. Die Natur hole sich das Haus zurück, meint UH. Vor meiner Anreise schickte er, der sein gesamtes Leben und Schaffen bis ins Kleinste archiviert, eine Fotoserie. Die Entwicklung seiner Wohnsituation: in der 80ern frei stehendes Landhausidyll; in den 90ern kruschig am Einwachsen; in den 2000ern von Kletterpflanzen und herabhängenden Ästen grünbedeckt bis an den Giebel. Und heute durchschreiten wir eine Blätterwand, betreten den Zauberwald? Leute schreiben Bestseller über das Leben in Eintracht mit der Natur, aber das hier, das ist ein Dschungel. Mitten in Hessen. Ein schmaler Pfad führt von der Blätterwand zum Haus, das sich irgendwo dort hinten unter das Laubdach duckt. Links und rechts ist er gesäumt von allerlei Grünzeug, in einer freigeschnittenen Einbuchtung stehen Mülltonnen wie die Totems einer völlig fremden Kultur. Äste greifen einem von oben ins Gesicht, über einem Baumstumpf hängt Plastikflitter, etwas Kunsthandwerk steht zwischen Farnen. Ist hier ein grüner Daumen am Werk oder das genaue Gegenteil, ein antiautoritärer Gärtner? Eine große Zeitung nannte UH einen »Waldschrat«, einen einzelgängerischen Waldgeist. Dabei bin ich auf Einladung hier. Rapunzel lässt sein Haar herunter. Ein Geist ist er natürlich nicht, eher dessen Beschwörer. Haar und Bart trägt er wie der weise Zauberer (Gandalf der Grüne), statt eines


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