Page 118

118 Heimspiel

Bombee+ Bombee+ Home Sweet Home / Poor Dog Das ist ja das Schöne an diesem Band-Ding: dass einzelne Musiker ihre mitunter widerstreitenden musikalischen Vorlieben unter einen Hut bekommen müssen. So ist das natürlich auch im Fall von Bombee+. Da gibt es zum einen die hörbare Vorliebe für Jack Johnsons Gitarre in ihren jazzigeren Augenblicken. Dazu gesellt sich ein Gesang, der offenbar einem Eddie Vedder nacheifern will. So weit, so wertneutral, vielleicht gibt es ja auch Leute, die sich nichts Besseres als diese Kombination vorstellen können. Man könnte aber auch behaupten, sie klängen wie eine Ton gewordene SBBäckerei am Heidelberger Hauptbahnhof, deren herausragendste Qualität das Lederimitatsofa von Ikea darstellt. Ziemlich mittelmäßig also. Mick Schulz

4 Experimentelle Die Nur 2 Sind

UNKNWON PLEASURES In unserer aktuellen »Control«-Gesellschaft werden die neuen Ian Curtisse in den nächsten Monaten ja nur so aus dem Boden sprießen.

M

it einem kantigen Abklatsch des »Unknown Pleasures«-Covers ist derzeit im Rattenrennen der Originalität also bestimmt kein Blumentopf zu gewinnen. Macht auch nichts, denn 4 Experimentelle Die Nur 2 Sind – die wollen wirklich so heißen und sind in echt sechs Musiker aus der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz – finden ihre Inspiration weniger im Manchester der End-70er als vielmehr in einer einige Jahre später auf dem Kontinent florierenden Tradition, die Pop als brachliegendes Experimentierfeld komplett neu beackern wollte: Songstruktur brechen, Klangbild erweitern, Kakofonie als Glam umdeuten, eben Post-Punk’sche, deutsch textende Widerborstigkeit, you name it. Wenn eine Band wie die 4 Lustigen 2 Die Nur 6 Sind dann stolz auf eine über zehnjährige Geschichte zurückblicken kann und mit »Typewriter« ihr bereits sechstes Album vorlegt – in Linz sind sie längst Legende –, hat sich natürlich einiges an musikalischen Lieblingsskurrilitäten angesammelt. Da ist der atemlose Sprechsingsang von NDW, da rumpeln die kantigen Rhythmen von No Möchtegern New York, Männerchöre erinnern an selige Hardcore-Zeiten, die Bläsersätze tröten erst in Richtung Palais Schaumburg und quäken dann verhalten

Caretta Caretta We Can Not Speak This Language Coraille Es ist gewagt, zu dritt in klassischer Rockbesetzung Instrumentalmusik zu machen. Aber es funktioniert – zumindest auf klanglicher Ebene: Peter Heinrich, Johanna Jäger und Philipp Mahlmeister beherrschen ihr Handwerk und erzeugen eine beeindruckende Dichte, was nicht zuletzt am dynamischen Schlagzeugspiel Mahlmeisters liegt. Die Musik von Caretta Caretta aus Würzburg ist äußerst komplex, und man kann ihr anhören, dass die Synkopierungen und Breaks in stundenlangen Jams erarbeitet wurden. Das Debüt ist zwar eine vielversprechende, kompromisslose Umsetzung einer gemeinsamen künstlerischen Vision, die angenehm unangestrengt und trendfern ausfällt, doch noch fehlen die dramatischen Höhepunkte, die den Zuhörer über längere Zeit fesseln können. Philipp Jedicke

Ceil Pride Of Creation Ruuf Records Man kennt die Situation: Zufällig trifft man gute alte Bekannte ausm Dorf wieder, na so was, haben uns ja seit Ewigkeiten nicht gesehen, hast dich gar nicht verändert! Und alles ist sofort wieder so wie früher. Eben deswegen ist es auch immer wieder erfreulich, aus längst verschollen geglaubten Subgenres oder -kulturen plötzlich und unerwartet überaus vitale Signale zu empfangen. Da klopft dann nämlich gleich dieser geile Zeitreiseeffekt an die Tür, hinter der man all die längst verdrängten Erinnerungen abgeladen hat. Im konkreten Fall klopfen also Ceil, drei Anfang-20er, die mit groß-

er Präzision Schlagzeug, Bass und Gitarre bearbeiten, an die Pforten der Wahrnehmung. Hey, Crossover, was geht so bei dir? Du klingst ja immer noch so knackig und spritzig wie bei unserem letzten Treffen damals in, wo war das noch mal? Und wann? H-Blockx in Günzburg kurz vor dem Abi oder doch beim ersten Foo-FightersKonzert in Memmingen? Ach, ist auch egal. Mit den zeitgereisten Powerchords von Ceil ist ab sofort eben immer Crossover. Gib mir doch deine Handynummer. Na dann, wir hören uns, bis bald! Nora Steinhardt

Er France Ex Saint Lolila Er France präsentieren sich auf ihrem zweiten Album »Ex Saint« als locker-flokkige Popband – nicht viel

»Free Jazz!« – eine ganze Bibliothek des Experimentiergeists in Pop wurde da angelegt, aus der sich die Band um Songwriter David Lipp nach eigenem Gutdünken bedient. Das so Exzerpierte wird dann von Klampfe über Bassklarinette bis Geige reich instrumentiert und arrangiert, ganz ohne Angst, die Lücken zwischen den Referenzen auch mal mit Banalem zuzukleistern. Der Rahmen für kulturkritische Essay-Lyrik ist damit also bestens abgesteckt. Der alte Standard des Schriftverkehrs (Brief! Schreibmaschine!) wird hymnisch besungen, die Mobiltelefonie kommt im Vergleich dagegen eher schlecht weg. Ist das noch Rückwärtsgewandtheit oder schon die neue Nachhaltigkeit? »Hier bei uns ist das so«, antwortet lapidar der Linzer »Hausbrauch«. Über die, nun ja, etwas uncharismatische Stimme von Sänger David Lipp braucht dabei niemand zu mäkeln, solange sich Zeilen wie »auf einer Skala von 1 bis 10 bin ich die 0 und du die 11« abgreifen lassen. Wäre Ian Curtis ein etwas simpler gestrickter Popexperimentler gewesen, hätte er ein Lied über schiefe Liebesverhältnisse vermutlich in genau dieselben Worte gepackt. Arno Raffeiner 4 Experimentelle Die Nur 2 Sind »Typewriter« (CD // Pumpkin Records)

mehr, aber auch nicht viel weniger. Zwischen dem vielen Pop lassen die beiden Wahl-Düsseldorfer André Tebbe und Isabelle Frommer es aber auch hin und wieder dezent krachen. Besungen wird der charmante Indiesound dabei mit deutschen, französischen und englischen Texten der Chanteuse Isabelle Frommer. Ein paar schöne musikalische Momente haben die beiden dabei geschaffen, zumeist sind diese allerdings recht harmlos. In den etwas wilderen Songsequenzen french’n’rollt es dann aber ganz schön, schade, dass es nicht mehr davon gibt. So sind Er France auf »Ex Saint« eher Mittelmaß als Überflieger. Vielleicht benötigen die beiden Musiker einfach noch ein bisschen mehr Zeit, um dann aber so richtig super zu werden. Mal schauen. Vielleicht ist es ja schon auf dem nächsten Album so weit. Tine Plackmann

Guts Pie Earshot Revolt Against EP Rookie Records / Broken Silence Wütend, virtuos, heftig. Was das Duo Guts Pie Earshot an musikalischen Ergüssen abliefert, könnte man als Arabesk-Techno beschreiben, ausschließlich von Hand eingespielt – Computer und Sampler müssen aus konzeptmäßiger Überzeugung draußen bleiben, die beiden sind echte Mucker –, mit flotten Exkursen zu Hyper-Break-Beats und feisten Schwermetallgitarren. Dazu gibt’s noch eine Ecke Grindcore, und das Cello wird immer schön durch den Verzerrer gejagt. Das hat so was Tröstliches von seligem Punk- und Hardcore-Spirit. Wie sehr »Revolt Against« zu einer hohlen Floskel verkommen ist, wissen natürlich auch die beiden bestens im linken Kontext und in bewährten Punkstrukturen einge-

Intro #157  

Musik und so. Pop, Kultur und gute Noten.

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you