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# 158 März 2008

0,00 € www.intro.de

B-52’s Die Rückkehr der Glamour-Ritter

The Kills Heroin Milkshake

I’m Not There Ich, wir vier und Bob Dylan n

Kai Althoff R Teenager Räume

Charlotte Roche Körperhaar-Popliteratur


www.replay.it


Ansage No. 158

ANSAGE NO.158 Das Jahr fängt ja gut an: Nach unserer Titelgeschichte zum »Control«-Film und der Story über Hot Chip nun also Mode auf dem Intro-Cover. Gestaltet haben das Cover Catrin und Adrian, besser bekannt als Pixelgarten. Die jungen Frankfurter gehören einer neuen Generation von Illustratoren an, die mit 3-D-Elementen arbeiten. Der Raum wird zum Bildschirm. Zuletzt zeigten sie im Rahmen der »Gute Aussichten«-Ausstellung im Hamburger Haus der Photographie ihre Arbeit »Worum es nicht geht«. In ihrem Atelier entstand für die aktuelle Ausgabe auch die Jeans-Strecke »Remake/Remodel«, zu sehen ab Seite 54, wo sie zum ersten Mal Klamotten in ihre Kunst integrieren. Der Stoff als Tuschkasten. Und alles, passend zum Frühlingsanfang, so bunt as can be. Bevor wir euch aber passend zum Modespecial viel Freude beim KleiderschrankAusmisten und -Neu-Bestücken wünschen, seien noch die anderen Highlights des Monats angesprochen. Allen voran die Jungs hinter dem Why?-Schild auf dem Cover. Die Anticon-Band aus Berkley ist mit dem neuen Album »Alopecia« endlich richtig in Europa angekommen, auf dem Kölner Label Tomlab. »Alopecia« leistet nicht weniger als die perfektionierte, stimmige Zusammenführung aller vorrangegangenen Phasen des Projekts: experimentelle Beat- und Wortkonstrukte, Folkmomente sowie Indiehymnen auf einem Album. Wow. Ebenfalls mit neuen Kommentaren zur Zeit am Start: Charlotte Roche, die B-52’s, Simon Reynolds, Stephen Malkmus, Kai Althoff, ... ach, guckt doch selbst ins Inhaltsverzeichnis. Wie immer wünscht euch viel Spaß beim Lesen des Heftes, Die Redaktion

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004 Inhalt

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MONIT OR

006 Produktpalette 008 Lutz Braun 010 Fun Home / Alison Bechdel 012 Neulich 014 Monitor mit u. a. Correcto, One-Two, The Breeders, Frank Spilker, Madsen, The National Bank, Interpol, Black Lips, Those Dancing Days, The Brunettes, Adam Green 020 Impressum 026

MUSIK

026 B-52’s / Simon Reynolds 030 Hercules And Love Affair 034 Why? 038 Neon Neon 040 Operator Please 042 Vampire Weekend 044 The Kills 046 Tegan And Sara 048 Neopunk goes Electro 050 Cosmic-Disco 054

WEITER

054 Mode: Remake/Remodel / Pixelgarten 060 Mode: Chicks On Speed / Parra 062 Mode:Fashion Week Paris 064 Mode: Anne Lück 066 Film: I’m Not There / Todd Haynes / Stephen Malkmus 070 Film: Das jüngste Gewitter / Roy Andersson 072 Neue Filme 074 Neue DVDs 078 Kunst: Kai Althoff 082 Literatur: Feuchtgebiete / Charlotte Roche 084 Neue Literatur 086 Neue Spiele 089 Spiele: Lost 090 Neue Technik 093

PROBEFAHRT

093 Charts / Spalter 094 Platten vor Gericht 096 Neue Alben und DVDs 118 Heimspiel 122

DAS GEHT

122 Intro empfiehlt 123 Das geht 126 Into Intim 127 Da geht’s 130 Katz & Goldt / All The Next


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1 Blumen kaufen für Chérie! Bsp. das Bund ROSEN aus dem Supermarkt. Rewe, EUR 3,49 2 Große TÜCHER sind genau richtig für die Übergangszeit. Es gilt: je unikater, desto hübscher. Diesen Frühling gerne folkloristische Blumen-Kombis. Vintage EUR 29 3 Hat Ferrero jemals am Design gedreht? Zum Glück nicht. Nebst Toffifee und Katzenzungen das sweeteste Praliné überhaupt. KÜSSCHEN: EUR 2,49 2 4 Michael Perry lud Freunde und Kollegen ein, ihr schönstes Werk für ein Sammelalbum zu schicken. Ein Kleinod mit 256 vollgekritzelten Seiten, darunter Alphabete von Smallville-Records-Haus-Zeichner Stefan Marx sowie Jan Kruse und Malte Kaune vom Human Empire, die für die Gestaltung bei Morr Music verantwortlich sind. HAND JOB. A CATALOG OF TYPE: 35 Pfund 4 5+6 We love Kate. Lackieren uns die Finger in PORTOBELLO PINK, Rimmel London, EUR 2,99 und gehen einkaufen bei TOPSHOP. Schläppchen Modell »Movie« aus schmiegsamem Leder: 28 Pfund 7 Seit der guten alten Levi’s 501 hielt sich kein Modell so hartnäckig und szeneübergreifend wie die CHEAP MONDAY Modell »Tight Od Indigo Blue«: EUR 50 8 Prima Ohrclips: Vintage, EUR 7 9 HERZCHEN zum Verschenken sollte man immer parat haben. 12 Boxen von Kik: EUR 5,45 Produktion + Text: Amélie Schneider Foto: Lioba Schneider


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HELLO, MY LOVE


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Lutz Braun. Träume aus dem Teenagerzimmer: Für ihre Ausstellung auf der Berlin Biennale 2006 lebten Lutz Braun (Foto) und Kai Althoff (siehe Seite 78 in dieser Ausgabe) in einer Wohnung in der Auguststraße in Berlin-Mitte. Das Ergebnis war ein faszinierender Raum, zugleich Zeugnis von in der eigenen Kunst aufgehenden Künstlersubjekten ohne zynische Distanz zum Geschaffenen, und beeindruckende Werke mit hohem Reflexionsgrad. Die beiden eint – bei aller Empfänglichkeit für die Abgründe des Lebens – ein Glaube an Wärme und Geborgenheit und Sozialität. Nun zeigt Braun bis zum 8. März in der Berliner Dependance der Kölner Galerie Nagel (www.galerie-nagel.de) eine Einzelausstellung, die sowohl bezüglich der Materialvielfalt als auch thematisch gut anzuknüpfen weiß. Auf Teppichen, Holzbrettern und Leinwänden entwirft er mystische Rätselwelten, reich an Bezügen und Gefühlen. Bilder wie eine Collage aus Devendra Banhart und New Order.


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Manchmal, wenN alles gut lief, gefiel es meinem Vater womöglich, eine Familie zu haben.

Außerdem konNte er meine Brüder und mich umsonst malochen laSsen. Für Dad waren wir so etwas wie Roboterarme, Verlängerungen des eigenen Körpers.

LaSst heißes WaSser ein und holt ein paar saubere Lappen.

Zumindest wird ihm der Anschein des Authentischen gefallen haben, den wir seiner inszenierung verliehen: einer Art Stillleben mit Kindern.

Theoretisch fußte sein Verhältnis zu meiner Mutter auf Gleichberechtigung.

Was das anlangte, waren wir nicht Kinder von JimMy, sondern von Martha Stewart.

Die Praxis sah anders aus.

Wie findest du diesen Kronleuchter?

Pufflampe.

Alison Bechdel. Manche Keller voller alter Comic-Hefte erzählen Kindheits- bzw. Adoleszenzgeschichten nach. Bei ausgewachsenen Nerds mögen es ganze Biografien sein, die sich da nachvollziehen lassen. Vermehrt mischen sich auch dickere Bücher, sogenannte Graphic Novels, zwischen die Paperbacks. Mit den Bilderromanen kamen die Comic-Autobiografien. Sie sind längst zum Genre erwachsen. Alison Bechdel landete mit ihrer Familienstory »Fun Home«, jetzt bei Kiepenheuer & Witsch als »Eine Familie von Gezeichneten« aufgelegt, vor zwei Jahren einen Mega-Erfolg. Das Time Magazine kürte den Comic zum besten literarischen Buch des Jahres. Bechdel erzählt von unterdrückter Homosexualität unter bedrückenden Umständen: »Mit der Zeit ärgerte ich mich, dass mein Vater seine Möbel wie Kinder und seine Kinder wie Möbel behandelte.«


WELCOME, FRED! THE 7 TH GENERATION OF DISTILLERS FROM THE BEAM FAMILY.


012 Neulich

Underworld, 28.01., Köln, Palladium, 22:24 Uhr: Warum sollten Underworld bei ihren jetzt nachgeholten Deutschland-Konzerten auch mehr als zwei, drei Tracks vom neuen Album spielen, wenn sie über ein Jahrzehnt Meilensteine britischer Elektronik-Geschichte geschrieben haben? Foto: Marc Weber

NEULICH: Wedding Dress, 03.02., Berlin Wedding, ca. 16 Uhr: Sonntagnachmittag. Der Weddinger staunt nicht schlecht, als das bunte Modevolk über seinen Bezirk herfällt. Aber trotz verständlicher Berührungsängste gibt’s für die gut gestalteten Designershops unerwartete Kundschaft. Und mit verschiedenen Events, einem großen Café und Kunstinstallationen reichlich Neuland für die Berliner Modeposse. Foto: Christoph Voy


Neulich

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Club Transmediale, 03.02., Berlin, Maria am Ostbahnhof, ca. 3 Uhr: Einer der Urväter der electro-akustischen Musik, Pierre Henry, das quietschbunte Energiebündel Ebony Bones, der Plattenkiller Christian Marclay und die Electro-Weirdos Mouse On Mars (Foto) spielten Sets auf der äußerst gelungenen Club Transmediale 08. Foto: Matthias Schneider Pete Doherty, 23.01., Köln, Stereo Wonderland, 01:39 Uhr: Beim regulären Konzert in Köln ließ er Journalisten und seine Mutter stundenlang warten. Glücklichen Fans gab Babyshambles-Frontmann Doherty aber spätnachts noch einen Solo-Kneipen-Gig von einer bierdeckelhohen Bühne. Foto: Frank Steinert

Maximo Park, 31.01., Halle (Saale), MDR Sputnik Studiokonzert, 21:35 Uhr: »Standing By The Händel-Monument« – Maximo-Park-Sänger Paul Smith widmet dem großen Sohn der Stadt Halle einen Song. Außerdem geht er vor der Show noch Schuhe kaufen. Bei seinem Sprungpensum offenbar nötig. Foto: Stephan Flad


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Those Dancing Days

SCHOOL’S OUT FOR BANDPROBE

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ie läuft’s in der Schule? Lisa Pyk: Nur noch zwei von uns gehen in die Schule, wir anderen haben letzten Sommer unseren Abschluss gemacht. Läuft aber ganz gut. Schwänzt hr gerade? Linnea Jönsson: Nein, wir sind im letzten Jahr, und da kann man sich frei nehmen. Kurz vor dem Abitur hat sowieso keiner mehr Lust, und deswegen geht sowieso niemand mehr hin.

Ist es nicht stressig, Schule und Post-Disco-Indie unter einen Hut zu bringen? Linnea: Im Moment ist es noch sehr anstrengend, aber wir sind ja bald fertig damit. Da fällt mir gerade ein, dass ich noch Hausaufgaben machen muss ... Was sagen eure Lehrer zu Those Dancing Days? Linnea: Die reden hinter unserem Rücken über uns. Angeblich hat ein Lehrer eine E-Mail über uns rumgeschickt, und daraufhin hat der ganze Lehrerverteiler über unsere Band diskutiert. Eines Tages hat uns dann

einer beim Mittagessen in der Mensa darauf angesprochen und gemeint, er habe gehört, dass wir im Forum in London aufgetreten sind und dass er selbst auch schon dort gewesen sei. Wir waren ganz schön erstaunt, wie genau er über unsere Band Bescheid wusste. Und eure Mitschüler? Linnea: Denen ist das vollkommen egal. Die Fragen stellte Julia Gudzent Those Dancing Days »Those Dancing Days« (EP // V2 / Universal)

Sozialamt, bitte kommen Man musste kein reaktionärer 68er-Hardrock-Esel sein, um bei der Veröffentlichung der Videospiel-Simulation »Guitar Hero« kurz gedacht zu haben: »Geiles Spiel, aber mit dem gleichen Zeitaufwand könnte man doch eigentlich in echt Gitarre spielen lernen.« Die Kochsimulation »Cooking Mama« für Wii, bei der mittels Wiimote streng nach Rezept Zutaten geschnippelt und Pfannen geschwenkt werden müssen, hinterlässt jetzt ein ähnlich flaues Gefühl in der Magengegend. Wie heißt das noch mal? Ach ja: Hunger. Denn was machen wir Sklaven der virtuellen Welt? Natürlich den ganzen Tag kochen spielen, anstatt auch real die Grundversorgung aufrechtzuerhalten. Was kommt als Nächstes? »Wii Schlafen«, »Insulin-Spritzen Hero« oder »Toiletten Tycoon«? Bitte nicht. »Cooking Mama« (von THQ für Nintendo Wii, bereits erschienen)


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Neu auf intro.de Neue Videos und Audiofiles von Morrissey, Arcade Fire, Feist, We Are Scientists, Elbow, Fettes Brot, Hercules And Love Affair, Hot Chip, Miss Kittin, Nada Surf und noch viel mehr!

CUSTOMIZE MY COVER

Exklusive Interviews mit Jimmy Eat World, Madsen, Those Dancing Days, Eels, Slut, Robyn, Simon Reynolds, sowie Lang-Versionen der HeftInterviews. Unter www.intro.de/spezial/ onlinexklusiv

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DIE HARDER! In der letzten Ausgabe startete auf diesen Seiten hier die große Cover-EM. Es ging ums selber Stricken an all den Enden, die der gute alte Dinosaurier Plattencover so bietet. Eine Disziplin: Stellt Motive der Alben-Weltgeschichte mit Freunden, Verwandten oder Gegenständen nach – und vor allem: erkennt sie als solche. So suchten wir die Auflösung für das folgende Bilderrätsel. Die Lösung: Mobys »18«. Der Gewinner des Melt!-Tickets (18.-20.07.) ist Marc Biedermann.

Monster und Make-Up Für manche Bands ist immer Karneval: Die besten Verkleidungen von Gwar bis Kiss, von Gnarls Barkley bis Blue Man Group. Außerdem: Was macht eigentlich Jochen D.? Und wer kennt gute Songs mit Zahlen drin? 1,2,3,4 – mehr Listenwesen in der Intro-Community. www.intro.de/ forum.

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Platten vor Gericht Jetzt auch als Intro-User mitmachen und euer Verdikt über die neuesten Platten fällen. Bewerbungen bitte per Mail an pvg@intro.de

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Pete Doherty: Unterwegs in Köln Typisch: Gig nach nicht mal einer Stunde beendet, dann aber 3. Halbzeit im Kölner Stereo Wonderland eingelegt. Intro hat online noch mehr Bilder vom SpontanGig des Babyshambles-Sängers.

Und für's nächste Melt-Ticket muss nun noch mehr gegrübelt werden. Wen stellen diese halbnackten Endzeitstudenten nach? Welches Cover gehört ins Fragezeichen? Tipp: Ist eine classic 3-Piece-Girls-Band. Und schickt nur weiter eure eigenen Kreationen an cover@intro.de. * Ileana Wranke ** Matthias Wehofsky ***Kirsten Grebasch

Gratis-Downloadsampler Das Elektro-Mutterschiff !K7 haut raus und wir schlagen zu: In Zusammenarbeit mit dem Vertrieb Al!ve präsentieren wir euch einen exklusiven Download-Sampler mit Tracks aus dem Labelkatalog. Mit dabei u.a. Henrik Schwarz, Michael Fakesch, Booka Shade und Joakim. Mehr unter www.intro.de/k7 Intro als PDF und E-Paper Intro, das Heft, einfach auch online genießen: Egal, ob als PDF zum Runterladen oder als schmuckes E-Paper, zum Blättern und Schmökern am Bildschirm. www.intro.de/dasheft


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BITTE BLEIBEN SIE GESUND! MIT DEN BREEDERS

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as war die übelste Krankheit, die du jemals hattest? Kim Deal: Wahrscheinlich Nikotinabhängigkeit. Ich habe im November aufgehört. Und wie geht’s? Okay. Es gibt jetzt so eine Anti-RaucherPille, die heißt Champix, und ich muss sagen, es hilft wirklich. Aber ich glaube, seit ich dieses Zeugs nehme, bin ich so ein bisschen zur Soziopathin geworden. Ich bereue nichts mehr, seit ich diese Pille nehme. Was waren die Symptome? Null Grad Fahrenheit, zwei Uhr morgens, draußen ein Schneesturm, und du suchst deine Autoschlüssel. Da, wo ich in Ohio wohne, geht man nicht einfach runter auf die Straße und zum nächsten Eckladen. Wie wurde das behandelt? Wie gesagt ... Ich nehme jede Droge, die mir von jemandem empfohlen wird.

Gibt es Heilung? Keine Ahnung. Immerhin habe ich die ersten drei Monate überstanden. Prognose: Gute Heilungschancen. Welche Krankheit ist dagegen überschätzt? Rauchen. Ich habe geraucht, als wäre das mein Hauptberuf, aber in letzter Zeit hat es mir eigentlich keinen Spaß mehr gemacht. Und ich denke, meine Stimme hat drunter gelitten. Was ist euer Lieblingsmedikament? Opiate. Wie kuriert ihr den berüchtigten, unvermeidlichen Tourschnupfen bei Konzerten im Herbst und Winter? Gar nicht. Wir machen einfach weiter. Interview: Joachim Schaake / Foto: Jann Wilken The Breeders »Mountain Battles« (CD // 4AD / Beggars Group) Am 22.04. live im Luxor, Köln

Witze über Musiker-Ikonen? Wie abwegig, dass Ralph Ruthe uns Heinis aus der Plattensammler-Straße tatsächlich Humor unterstellt. Aber immerhin bunt und lustig. Mehr davon in: »Shit Happens – Das große Tröstbuch« (Carlsen)

Zwei wie ihr, die dürfen sich nie verlieren

Mit Uri Geller (Mentalist, Gabel, Löffel) und Günther Oettinger (Ministerpräsident Baden-Württemberg)


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Auf Tour mit Madsen: Sebastian, Sascha und Niko

REISEFIEBER/FIEBERREISE

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ie geht man künstlerisch mit dem Phänomen Tour um? Fließt das in eure Platten? Se: Das Tourleben an sich nicht. Trotzdem nimmt man aber viel mit. Ich bin ganz gut darin, Emotionen abzuspeichern. Es dauert dann aber eine Weile, bis das rauskommt. Deshalb kann ich auf Tour auch nicht gut schreiben. Da bin ich immer abgelenkt. Was macht ihr als Erstes, wenn ihr ins Hotelzimmer kommt? Se: Fernseher anmachen. N: Ja, das geht immer schnell. Aber als Erstes ziehe ich mir die Schuhe aus. Se: Und direkt aufs Bett! N: Schuhe aus, aufs Bett und dann Fernbedienung in die Hand. Se: Oh Gott, ist das traurig. Traurig und spießig. Nie ein Hotelzimmer verwüstet? Sa: Um Gottes willen. Obwohl ... Ich habe mal betrunken alle Sachen kreuz und quer aufgehängt. Dabei habe ich natürlich nichts kaputt gemacht, aber auf den ersten Blick hätte es wie eine Verwüstung aussehen können. Dann hat mir Sebastian ein schlechtes Gewissen eingeredet, und ich habe alles wieder aufgeräumt. Se: Hotelzimmer umzugestalten macht Spaß. Aber nur mit sehr viel Gefühl. Und was auch toll ist: mit den Bettlaken Geist spielen. Was ist das Abwegigste, das ihr je an einer Autobahntankstelle gekauft habt? Sa: Die Gala wird ständig gekauft. Aber das ist ja gute Unterhaltung. N: Schön ist auch immer BiFi, vor allem, wenn man mit dem kleinen Sprinter unterwegs ist und alle Fenster zu sind. Se: Das stinkt nach Mörderfurz! Aber auch Geburtstagsgeschenke werden gekauft. Truckershirts und Wundertüten sind der Renner.

Worauf freut ihr euch am meisten, wenn ihr von der Tour wieder nach Hause kommt? Se: Wenn wir zurück aufs Land kommen, ist das eine ganz andere Welt. Da gibt’s viel Ruhe und gute Luft. Normalität ist einfach total geil. N: Natürlich sind das eigene Bett und die eigene Toilette auch schön. Und man muss sich nicht in einem räudigen Club duschen, wo im Abfluss noch die Haare von irgendwelchen Engländern hängen. Was habt ihr vom MTV-»Band Trip« mitnehmen können?* Se: Der war sicherlich nicht der Höhepunkt unserer Karriere, aber es gab ein paar interessante Erfahrungen. Wir waren zuvor das luxuriöse Reisen gewohnt: im Nightliner fahren, überall jemanden haben, der sich um uns kümmert, und immer ausreichend Essen und Trinken. Dort mussten wir wieder alles komplett alleine machen. Und das war super. War denn wirklich nichts gefaket? Se: Eigentlich nicht. Außer der letzte Umschlag, den wir von MTV bekommen haben, der war so nicht vereinbart. Das war halt die letzte Aufgabe, die gebraucht wurde, um daraus noch ‘ne richtig gute Show zu machen. Da hat man dann gemerkt: Scheiße, wir sind der Bestandteil einer Survival-Show. Wie kuriert ihr den ewigen Tourschnupfen? Se: Ich trinke so viel Salbeitee mit Fenchelhonig, dass ich davon kotzen könnte. Manchmal noch mit Traubenzucker. Interview: Manuel Czauderna / Foto: Ingo Pertramer

* Im letzten Jahr nahmen Madsen an einer MTV-Reality-Show teil, die sie ohne Geld durch Osteuropa führte. Ihre Kontrahenten um Auftritte

Madsen »Frieden im Krieg« (Universal)

und Schnelligkeit auf dem Trip waren Itchy Poopzkid.


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Kunsttipp

MIT CORRECTO

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Hobnox Do the evolution with me! Am 28.02. im Berliner Tresor ist es endlich so weit: Der mit 75.000 Euro höchst dotierte Nachwuchs-Wettbewerb called »Evolution« erlebt seinen großen Tag. Die Sieger werden gekürt, der Schampus geöffnet, und im Rahmenprogramm treten u. a. Calvin Harris, Puppetmastaz, Missill, Die Sick Girlz (Foto) auf.

oko Asakai »Sight« (Konica Minolta Plaza, Shinjuku Takano Bldg. 4F, 3-26-11 Shinjuku, Tokio 160-0022) Je älter ich werde, desto regelmäßiger führe ich mit Freunden Gespräche darüber, wie wenig sie fernsehen – und noch radikaler: dass sie gar keinen Fernseher mehr besitzen. Manchmal fühl ich mich genötigt, ihnen zuzustimmen, um nicht zu blöde dazustehen, aber, ganz ehrlich: Ich liebe es, ab und an doch fernzusehen, gerade nach einem hart rockenden Tourtag ist es eine gute Gelegenheit, die wenig verbleibende Zeit so zu verschwenden. Ja, es hat etwas von Opium fürs Volk, aber das passt schon, immerhin muss ich nicht in fremde Häuser einbrechen, um meine Sucht zu befriedigen – und die Qualität ist stetig und okay. Yoko Asakais (YokoAsakai.com) Kollektion von Fotos fängt genau dieses cocoonartige Gefühl ein. Obwohl die Subjekte der Bilder einen Film ihrer Wahl anschauen (der zudem auch titelgebend für das jeweilige Bild ist), hat die Szenerie immer etwas sehr Familiäres und Humanes. Die Leute sind physisch zusammen im gemeinschaftlichen Prozess des Fernsehens – und doch getrennt durch die jeweils eigene Interpretation des Films.

Nachdem ich die Individuen ausgiebig betrachtet hatte, was an sich schon eine Beschäftigung für sich ist, begann ich mich damit auseinanderzusetzen, wie Asakai in diese Szenarien hineinpasst. Es könnte wie bei Lynch sein: »Ich bin in deinem Haus«, also eine bedrohliche Stimmung, aber dennoch ist da eine omnipräsente Wärme zu spüren. Was auch dadurch gestützt wird, dass die Porträts in vielen verschiedenen Städten auf der ganzen Welt entstanden sind, was eine Menge an persönlichen Gesprächen während der Vorbereitung und Ausführung nahelegt. Das alles merkt man den Bildern an. Danny Saunders ist Frontmann bei Correcto Correcto »Correcto« (Domino / Indigo)

»Eine kultische Veranstaltung, bei der die alten Inkas blass werden würden. Und nicht nur die. Michael Jackson erst, der plötzlich merkte, dass er ein trotteliger Braunbär war, ein peinlicher Hampelmann, im Vergleich zu diesem Magier, wie sie seinem Wort gehorchen! In Sachen Massenhysterie setzt er neue Standards. Das aufgerissene, euphorische Gesicht beherrscht die Situation. Dagegen sähe selbst Hitler alt aus.« So schreibt Joachim Lottmann über Tokio Hotels Bill Kaulitz (im Bild: der Bruder) in seinem neuen Sammelband »Auf der Borderline nachts um halb eins« (KiWi). Statt des ewigen »Kreischen = Beatles«-Vergleichs fällt in Lottmanns expressionistischem Dauerfeuer gleich Hitler. Ein Autor jenseits der kanonisierten Zurechnungsfähigkeit, aber in keinem seiner obszönen, falschen, genialischen Sätze ohne Reiz.


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Wie hast du mich genannt? – 13 Fragen aus der Hölle

BLACK LIPS

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as sollte man besser nicht über euch wissen? Dass wir eigentlich nette saubere junge Leute sind. Welches Gericht präsentierst du, wenn du ein Date beim ersten Candle-Light-Dinner beeindrucken willst? Kentucky-Fried-Chicken-Lieferservice. Wann hast du das letzte Mal gekotzt und warum? Ist einige Wochen her. Wir waren in Australien, ich trank zu viel und hatte vorher Känguru-Steak gegessen. Das war kein schöner Abend. Welches Tier möchtest du gern mal streicheln? Ich wollte immer gerne mal einen Bären streicheln, der mich dann aber nicht aufisst. Ich glaube, der Bär ist mein spirituelles Pendant im Tierreich. Was hast du schon mal geklaut? Ich bin kein Freund von Diebstahl. Das letzte Mal liegt auch Jahre zurück. Es waren nur kleine Dinge, wie Bier auf einer Party. Welches popkulturelle Phänomen (Film, Platte, Trend ...) findest du langweilig? Mich interessieren eigentlich nur ganz wenige solcher Dinge, insofern finde ich quasi fast alles davon öde. Welche Stadt, die du mal bereist hast, hat dir nicht gefallen und warum? Ich mag ja viele Städte nicht: Manchester – da wurden wir ausgeraubt, und keiner mochte uns. New York und Buffalo – da ist es kalt und hässlich. Turin – da hat

es gestunken, und wir wären beinahe zusammengeschlagen worden. Und der gesamte Mittlere Westen der USA ... Ich könnte noch ewig weitermachen. Aber trotzdem gibt es mehr Orte, die wir mögen als hassen. Welchem Fußballspieler würdest du vor Bewunderung die Stollen lecken? Ich mag Sport nicht so besonders, aber ich glaube, Maradona ist ziemlich cool. Und George Best. In welchen Schauspieler warst du in der Jugend mal bisschen verliebt? Die Cartoon-Lady aus dem Film »Roger Rabbit« [Jessica Rabbit]. Die war heiß. Und für eine Nacht? Mit welchem Prominenten würdest du heute deine Beziehung aufgeben, wenn du müsstest? Zumindest nicht für eine Comic-Figur. Was ist das schlimmste Vorurteil, das du immer noch nicht aufgegeben hast? Ich hasse Kanada. Und ich halte daran fest, bis die mich mal wieder in ihr Land reinlassen. Was ist die schlimmste Zwangshandlung, unter der du leidest? Ich gehe andauernd und immer wieder auf Tour. Welche radikale Position vertrittst du? Ich glaube, Gott schuf die Welt in sieben Tagen, und zwar vor 2500 Jahren. Wir hassen die Wissenschaft. Die Fragen stellte Linus Volkmann Black Lips »Good Bad Not Evil« (CD // Vice / Pias / Rough Trade). Auf intro.de: Verlosung

So sah ich doch nie aus! Mit Frank Spilker Kannst du dich an den Tag erinnern, als das B ld gemacht wurde? Das war eine Architektenparty. Meine Schülerband. Der Vater von dem Schlagzeuger hatte irgendein Fest zu feiern, und wir durften uns auf dem Acker aufbauen und richtig doll laut sein. Immerhin einer der wenigen Menschen, denen auf dem Dorf überhaupt an kultureller Betätigung lag. Meine eigenen Eltern hätten so etwas immer als Humbug angesehen. Der Vater von dem Gitarristen hat uns das Gitarrespielen beigebracht. Man beachte den Joint im Vordergrund. Was denkst du, wenn du dich da heute siehst? Gott, ist der jung. Oder auch: So lange ist das doch gar nicht her ... Besonders bemerkenswert an dem Foto finde ich aber das Styling. Das würde ich heute ganz genau so machen. Für welchen Klamotten-Style deiner Karriere schämst du dich bei genauerer Betrachtung? Cordhosen vor allem. Diesen Inbegriff bildungsbürgerlicher Bequemlichkeit zu recyclen – das hätte nicht passieren dürfen. Darüber hinaus gab es eine Phase, in der ich mich überhaupt nicht um Styling gekümmert habe und es super aussah (1992), und eine Phase, in der ich mich überhaupt nicht darum gekümmert habe und es scheiße aussah (1999). Frank Spilker Gruppe »Mit allen Leuten« (Staatsakt / Indigo)


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Impressum Verlag Intro GmbH & Co. KG, Postfach 19 02 43, 50499 Köln Fon (0221) 9 49 93-0, Fax (0221) 9 49 93 99 Mail verlag@intro.de, vorname.nachname@intro.de www.intro.de Herausgeber & Geschäftsführer Matthias Hörstmann Chefredakteur Thomas Venker (V.i.S.d.P.) Redaktion Peter Flore (Online), Wolfgang Frömberg, Matthias Hörstmann, Amelie Schneider (Mode & Foto), Felix Scharlau, Linus Volkmann, Kristina Engel (Lektorat) Online- & News-Redaktion news@intro.de Terminredaktion termine@intro.de Geschäftsführer Marketing & Online Matthias Fricke Projektmanagement & Personal Rebecca Wast Events Stefan Lehmkuhl (Leitung), Hendryk Martin, Julia Gudzent, Thomas Lorber (Termine), Sebastian Siegmund – Büro Berlin, Greifswalder Str. 224, 10405 Berlin, (030) 4 43 18 99-0 PraktikantInnen Senta Best, Elena Grunwald, Nils Lindenstrauß, Johannes Mihram, Michael Noll, Marlene Lucia Rehs Programmierung & Datenbanken Jan Plogmann (Leitung), Anna M. Stiefvater, Sandro Boege Artdirection Holger Risse (Jürgen und ich) Layout Jörn Osenberg (osi) Vertrieb Niels Kleimann (-41 / Leitung), Sebastian Siegmund (Berlin, Ost) Abo / Administration Johannes Röder, abo@intro.de Public & Media Relation Dirk Völler Anzeigenleitung & Administration Christian Schlage (-12/ Leitung), Johannes Röder (-14), Fon (0221) 9 49 93-12, Fax (0221) 9 49 93 88, Leonardo (0221) 9 49 93 66 Head of Marketing & Sales Oliver Bresch (-13) Marketing & Sales Martin Lippert (-17), Pete Schiffler (-19), Hendryk Martin (-32), David Winter (-63) Tonträger Matthias Fricke (-15), Matthias Hörstmann (-11) Konzertagenturen & Regionale Kunden Sebastian Siegmund (030) 4 43 18 99 17 Aktuelle Anzeigenpreisliste Mediadaten 2008 (Nr. 18 aus 11/’07) Bankverbindung Volksbank Borgloh e. G. BLZ: 26 5624 90, Nr.: 406490900 AutorInnen Alex Bechberger, Bernd Begemann, Dirk Böhme, Dana Bönisch, Georg Boskamp, Jochen Brandt, Andreas Brüning, Silke Bücker, Lars Bulnheim, Christoph Büscher, Uwe Buschmann, Martin Büsser, Cay Clasen, Calle Claus, Kerstin Cornils, Lina Dinkla, Jürgen Dobelmann, Henrik Drüner, Sonja Eismann, Rasmus Engler, Marco Fuchs, Boris Fust, Kerstin Grether, Sandra Grether, Andreas Grüter, Lutz Happel, Lee Hollis, Silke Hohmann, Ulf Imwiehe, Sebastian Ingenhoff, Alexander Jürgs, Jan Kage, Christian Kahrmann, Arnold Kant, Olaf Karnik, Jan Kedves, Kai Klintworth, Felix Klopotek, Felix Knoke, Daniel Koch, Christoph Koch, Hendrik Kröz, Mario Lasar, Alexander Lazarek, Nils Lindenstrauß, Aram Lintzel, Hannes Loh, Jasmin Lütz, Thomas Markus, Oliver Minck, Dörte Miosga, Dirk Mönkemöller, Severin Most, Tobias Mull, Wolfgang A. Müller, Felix Mutter, Tobias Nagl, Jasper Nicolaisen, Florian Opitz, Sven Opitz, Rainer Ott, Jan Pehrke, Bernhard Przybilla, Nils Quak, Arno Raffeiner, Andreas Reihse, Anja Reinhardt, T.L. Renzsche, Martin Riemann, Ingo Rieser, Thomas Ritter, Vanessa Romotzky, Gerd Rosenacker, Moritz Sauer, Frank Sawatzki, Joachim Schaake, Max Scharl, Susanne Schmetkamp, Simon Schmitz, Frank Apunkt Schneider, Matthias Schneider, Andreas Schnell, Barbara Schulz, Frank Schuster, Bernd Seidel, Sascha Seiler, Christian Steinbrink, Till Stoppenhagen, Barbara Streidl, Jörg Sundermeier, Klaas Tigchelaar, Markus Tomsche, Thees Uhlmann, Benjamin Walter, Klaus Walter, Matthias Weber, Ralf Weihrauch, Alexandra Welsch, Burkhard Welz, Christian Wessels, Christian Werthschulte, Franzi Widenmann, Nils Wiere, Gregor Wildermann, Roland Wilhelm, Meike Wolf, Peter Wolff, Vina Yun, Sascha Ziehn FotografInnen Lena Böhm, Sibilla Calzolari, Barbara Donaubauer, Markus Feger, Sibylle Fendt, Jonathan Forsythe, Nathalie Genet, Dominik Gigler, Gerrit Hahn, Rainer Holz, Alfred Jansen, Lars Kiss, Christian Knieps, Maryse Larivière, Elke Meitzel, Ela Mergels, Gianni Occhipinti, Reiner Pfisterer, Edzard Piltz, Katharina Poblotzki, Nadine Preiß, Nils Rodekamp, Claudia Rorarius, Katja Ruge, Arne Sattler, Lioba Schneider, Marc Seebode, Ansgar Sollmann, Sandra Steh, Sandra Stein, Maxi Uellendahl, Christoph Voy, Jann Wilken, Justin Winz, Joachim Zimmermann und Pressefotofreigaben Illustrationen Alex Jahn, Elisabeth Moch, Calle Claus, Gudrun Rau Cover Pixelgarten Termine für Nr. 159 / April 2008 Redaktionsschluss 27.02.2008 Termin- & Anzeigenschluss 06.03.2008 Druckunterlagenschluss 13.03.2008 Erscheinungstermin 25.03.2008 Druck Konradin Druck GmbH, Leinfelden-Echterdingen Geprüfte Auflage & Verbreitung laut ivw-IV. Quartal 2007 Druckauflage: 138.259 Verbreitung: 132.406 Vertrieb an 1.843 Auslagestellen im gesamten Bundesgebiet und Ausland, über diverse Mailorder sowie im Abonnement Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier, Inhalt aus 100% Altpapier Alle Veranstaltungsdaten sind ohne Gewähr und Verlosungen vom Rechtsweg ausgeschlossen. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages! Mit Namen gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Keine Haftung für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos!

Malcolm Middleton vs. Aidan Moffat

HERZBLATT Arab Strap, die großartigen, todtraurigen und lüsternen Schotten, sind Geschichte. Die beiden Bandmitglieder, Malcolm Middleton und Aidan Moffat, veröffentlichten schon zu Lebzeiten Arab Straps solo und bringen gerade fast zeitgleich neue Alben heraus. Gute Gelegenheit, beide nach der Arbeit des Ex-Partners zu befragen.

U

nd, wie ist die Platte deines Kollegens? MM: Beeindruckend. Es ist kein musikalisches Album im klassischen Sinn. Es fühlt sich eher an wie ein naher Freund, der dir von sehr persönlichen Aspekten seines Lebens erzählt. Aidan hat das großartig gemacht, er hat einen Weg gesucht, Musik und Literatur zu verbinden, und er hat ihn gefunden. Seine Sprache ist so rau, hart und unmittelbar. Eine wunderbare Platte. Sie stellt besondere Ansprüche an den Hörer. Aber gerade das gefällt mir sehr gut. AM: Ich finde sie toll, viel besser als »A Brighter Beat« davor. Die ruhige Stimmung und die reduzierten Arrangements passen viel besser zu ihm und seinem Gesang. Und er ist und bleibt ein großartiger Musiker und Songwriter. Woran denkst du am häufigsten, wenn du die Musik des anderen hörst? MM: Lass mich überlegen ...: an seinen buschigen Vollbart. Und an seine schönen braunen Augen. AM: Ich denke oft an Solosachen von ihm, die keiner außer mir kennt. Denn noch bevor wir Arab Strap gründeten, gab er mir fünf Tapes mit Songs von sich. Diese Songs sind für mich nach wie vor die besten, die er je gemacht hat. Sie waren ein entscheidender Grund für die Gründung von Arab Strap. Leider darf ich sie nicht herausgeben, das würde ihm wohl nicht besonders gefallen. Und was ist seine außergewöhnliche künstlerische oder musikalische Fähigkeit? MM: Oh, Aidan ist jemand, der sehr gerne die Kontrolle über die Dinge behält. Er mag es, die Songs konzeptionell zu verbinden und sie möglichst ursprünglich und reduziert zu halten. Er ist ein unglaublicher Schlagzeuger, wahrscheinlich der beste, den ich je gehört habe. Unsere Auseinandersetzungen gingen meistens darum, dass er die Musik redu-

ziert haben wollte, während ich sie gerne voller, klassischer und mit mehr Melodien mochte. Und er hat so etwas wie ein natürliches Gehör für Musik, er weiß sehr schnell, wie er etwas klingen lassen will. AM: Neben vielem anderen ist er ein großartiger Gitarrist. Ich liebe auch seine Texte, seine Stimme und seine Songs. Aber das, was mich immer am meisten beeindruckt hat, war sein Gitarrenspiel. Wenn man eure Solosachen hört, bekommt man den Eindruck, dass ihr euch möglicherweise gegenseitig musikalisch gehemmt habt. Kann man das so sagen? MM: Ja, definitiv. Mein erstes Soloalbum wurde oft besprochen als ein massiv von den ruhigen und schwermütigen Arab-Strap-Stücken beeinflusstes Album, in Wahrheit aber war es ein Kampf gegen die gebrochene, abstrakte Musik, die wir mit der Band damals machten. Aidan hatte zu der Zeit mit Lucky Pierre auch schon ein Projekt, das genauso in Opposition zu Arab Strap stand. Wir beide brauchten das. Die Arbeiten am letzten gemeinsamen Album haben dann gezeigt, dass wir beide zu viele Kompromisse eingehen mussten, dass die Auseinandersetzung im Studio nicht mehr wirklich produktiv war. Ab da war eigentlich klar, dass wir beide uns neuen Dingen zuwenden müssen. AM: Ja, das ist wahrscheinlich richtig und wohl auch völlig normal. Es gehört einfach dazu, dass man manche Dinge nicht durchsetzen kann, wenn man zu zweit Musik macht. Außerdem wird das ja auch durch unsere Soloprojekte deutlich. Das Interview führte Christian Steinbrink Malcolm Middleton »Sleight Of Heart« (CD // Full Time / Rough Trade). Aidan John Moffat »I Can Hear Your Heart« (CD // Chemikal Underground / Rough Trade). Auf intro.de: Verlosung.


Here’s to all the independent labels.

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Rock’ mit Leidenschaft. Geniesse mit Verstand.


022 Monitor

Im Theater mit Schorsch Kamerun

Adam Green.

B.R.D.! U.S.A.! Adam Green, das alte Wunderkind, der ewig babyspeckige Superstar. Hat mit "Sixes And Sevens" eine neue Platte voller beatseliger Verweislust und hittigen Geistesblitzen draußen. Und als Wanderer zwischen alter und neuer Welt, soll er uns doch mal beide erklären. Wie geht USA, wie geht BRD, Adam?

M

it welchen Ambitionen bist du an das aktuelle Album herangegangen? Beim Songwriting sollte es definitiv Veränderungen geben. Viele Songs klingen wie vorher noch nie da gewesen, besonders gesanglich. Auf »Jacket Full Of Danger« hatte ich das Showman-Ding vergessen. Diesmal wollte ich einen richtig smoothen BaritonCrooner verkörpern, und ich fand, das ist ein aufregendes Projekt, es über ein ganzes Album durchzuziehen. Alles ganz geschmeidig, trotzdem bombastisch und männlich. Wie das Video zum Song »Morning After Midnight« über eine traurige alte Drag-Queen, gedreht in Schwarz-Weiß, mit Parallelen zu »Control«. Hast du den Film gesehen? Ja, großartig! Eine angenehm erzählte Story, sehr schön geschnitten. Schwer umzusetzen ist so etwas bei Ray Charles oder Johnny Cash, aber hier geht es nur um ein Jahr. Nicht gefüttert mit obszönen Montagen, sondern mit schlichten Dialogen. Und das SchwarzWeiße passt super. Ich bin auch ein großer Joy-DivisionFan, wollte immer Goth sein. Wie erklärst du dir deine besonders große Popularität hierzulande? Glaubst du, dass es so ist? Kennst du die Verkaufsstatistiken des letzten Albums? Ich weiß es nicht. In England läuft es auch sehr gut. Ich kann überall in Europa ein ausverkauftes Konzert spielen – genauso wie in New York oder Los Angeles. Die Zuschauer wünschen sich bestimmte Songs, eine Zeit lang vor allem »Emily«, und haben einen gewissen kulturellen Hintergrund. Diesbezüglich unterscheidet sich das Publikum kaum. Wenn ich aber auf Tour in den mittleren US-Staaten bin, dann tritt der Gegensatz zutage: Dort spielt man meine Songs nicht im Radio,

und die Leute kennen mich überhaupt nicht. Ich fürchte, die haben nicht einmal eine Meinung zu dem, was sie tun. Mal abgesehen von deinen Freunden, worauf freust du dich am meisten, wenn du nach Deutschland kommst? Hm ..., das Schauspielhaus in Hamburg. Ich liebe es, in Theatern zu spielen. Viele Leute glauben, das sei zu entspannt, wollen losrocken, aber die Atmosphäre ist etwas Besonderes. Und dann diese gemütlichen Sitze! Das passt zu meinem Ansatz: Ich bin zwar Musiker, aber ich identifiziere mich auch mit Filmemachern: Wes Anderson, Woody Allen, den Coen-Brüdern oder Größen wie Federico Fellini. Sie können jede Einstellung, Schnitt oder Überblendung beeinflussen – und auch bei einem Album kann man im Bestfall jeden Aspekt des Endprodukts kontrollieren. Wie ist deine Meinung zu den sich abzeichnenden Kandidaten für das Amt des amerikanischen Präsidenten? Zu diesem Zeitpunkt würde ich bei den Demokraten für John Edwards stimmen. Aber ich sehe ihn nicht in der Position, bei der Entscheidung eine Rolle zu spielen. Also wähle ich Obama, nur um meine Stimme nicht Clinton zu geben. Es wäre doch schrecklich, wenn zwei Familien die Geschicke der USA über einen Zeitraum von 30 Jahren leiten würden. Bislang hab ich immer die Grünen-Partei gewählt, aber diesmal bin ich unsicher. Es ist im Grunde die Wahl des kleineren Übels. Nach der TV-Debatte war ich dennoch positiv überrascht von Obama. Er scheint ein geeigneter Kandidat zu sein. Aber Politik steht bei mir nicht im Mittelpunkt – und ich denke, dabei wird es auch bleiben. Interview: Henrik Drüner / Foto: Sybille Fendt Adam Green »Sixes And Sevens« (CD // Rough Trade / Beggars Group)

Viele Planungen verhindern Aufregung. Macht deshalb eure Proberäume weit auf und lasst endlich die Kinder wieder an die Tröten. Oder? Der meist verlässliche Soziologe Richard Sennett holt das Thema Handwerk aus dem Keller, hat man mir zugetragen. Um es als Plattschaufel gegen Unübersichtlichkeit einzusetzen? Allerhand. Ich behaupte: rein zur Verteidigung. Das heißt vor allen Dingen nicht, dass ihr das jetzt benutzen sollt in eurem Missverständnis, ihr bescheuerten Led-Zeppelin-Tröstlinge. Na egal. Also weiter und zum Zweiten – soll an dieser Stelle ja explizit um Theater gehen. Hier also ein ernst gemeinter Tipp für verzweifelte Fragesteller: »Wer bist du?« Mit dieser bewegenden Aufgabestellung haben die Münchner Kammerspiele ihre sechswöchige Reihe »Doing Identity / Bastard München« in Verbindung gebracht. Das ließ sich nicht so übel an bisweilen. Ein Stück über die Extrembiografie Murat Kurnaz, eine Collage mit Original-Identitäten aus verwechselten Perspektiven (»Fluchten 1-4« von Christine Umpfenbach) sowie ein Stadtspaziergang inklusive Moscheebesuch und abschließender Party im CVJM-Keller waren die ersten Highlights. Besonders letzteres, stark interessantes Gemenge aus Imamen, Junkies und verdrehten Christen ließ das Münchner Bahnhofsviertel über alle restlichen durchgesetzten Feiereien (Sven Väth) der Stadt in einer überraschenden Geste erhaben triumphieren. Das ist das Suppensalz, welches erträglich schmeckt dieser Tage. Verschränkte Biografien, überkreuzte Wege, hoffende Augen mit ihren bewaffneten Lehrern in der Kulisse. Gestern trat noch ein echter Evil Knievel auf, der die Figur des vollbayrischen »Brandner Kasper« mit seiner eigenen Todesüberwindungsstuntman-Geschichte übereinbrachte. Sehr aparte Type. So lässt sich an manchen Abenden der Knochenmann eben doch überraschen. Und merke: Mein G.G. Anderson ist viel schlauer als dein GG Allin. Das Festival »Doing Identity / Bastard München« geht noch in den März hinein. Der Schorsch von Persien


Grüße aus Paris Von One-Two Was findest ihr richtig klasse an eurer Stadt? Frédéric: Die Mädchen! Séverin: Mir gefällt die entspannte, ruhige Atmosphäre. Und was ziemlich mies? F: Es gibt keine Taxis in der Nacht. Dauernd muss man nach Hause laufen. S: Es ist zu ruhig und entspannt. Das wird manchmal ganz schön langweilig. Welches existierende Klischee über eure Stadt ist wahr / ist nicht wahr? F: Wahr ist, dass Paris sehr romantisch ist. Und dass dort viele Typen ihre Pullover um die Schultern tragen. Unwahr ist, dass die Mädchen dort ständig geil und leicht zu haben sind. Habt ihr eine persönliche No-Go-Area? S: Der Champs-Élysées. Das ist die schrecklichste »Avenue« der Welt. Der beste Club? F: La Flèche d’Or. Der goldene Pfeil. Da finden jeden Abend Gigs statt, der Eintritt ist frei, und die Getränke sind billig. Der Club ist sehr beliebt. Also kein Geheimtipp. Man sollte trotzdem unbedingt mal hingehen. Wir spielen auch öfters dort.

Das netteste Restaurant? F: Das Restaurant direkt neben meinem Appartement gefällt mir am besten. Es heißt Sinago. Man kann dort kambodschanisch essen. Der frühere Besitzer hat es so eingerichtet, dass man sich fühlen sollte wie in der Bretagne, komplett mit Fischernetzen und rustikalen Möbeln. Die Kambodschaner haben das einfach so gelassen. Jetzt laufen lauter Asiaten in diesem urfranzösischen Ambiente rum. Lustig. Was ist der beste Shopping-Ort eurer Stadt? F: Das 18. Arrondissement ist ganz gut dafür. Viele Secondhandläden. Was gibt es über den Fußballverein eurer Stadt zu sagen? F: Paris Saint Germain? Ich hasse ihn. Sie geben nur Geld für teure Spieler aus und kommen trotzdem nie auf einen grünen Zweig. Welchen Künstler aus eurer Stadt findet ihr richtig gut? S: Elvire Bonduelle! Sie macht Plastiken. Die Fragen stellte Martin Riemann One-Two »The Story Of Bob Star« (Four / SonyBMG)

ACHTUNG: VERWECHSLUNGSGEFAHR

Blood Red Shoes: Hektische Zwei-Mann/Frau-Band aus Brighton. Aktuelles Album »I Wish I Was Someone Better« (V2 / Rough Trade). Warum der Bandname? Ginger-Rogers-Referenz: So lange getanzt, bis die Schuhe blutrot durchtränkt waren.

Good Shoes: Radiokompatible 4-Mann-Rockband aus Morden bei London. Aktuelles Album »Think Before You Speak« (Emi). Warum der Bandname? Brave Mittelklasse-Kids aus gutem Hause. Da wird am Schuhwerk nicht gespart.

»Wirklich sympathisch bist du den Leuten eh nur in der Niederlage.« So gesagt einst von Falco. Das Biopic (»Falco – der Film«) startete gerade in den österreichischen Kinos. Weit über Falco hinaus geht übrigens unser Ö-Spezial im nächsten Heft.


Weitblick beim Start in die Zukunft. Mit dem VR-FinanzPlan. „Herausforderungen mit Weitblick meistern. Eigentlich sollten wir das auch bei der Zukunftsvorsorge machen…“ Sebastian Fischer und Steffi Arndt, Studenten, zwei unserer Mitglieder.

Grüße aus Stavanger Mit Thomas Dybdahl / The National Bank Was ist toll in Stavanger? Mit 120.000 Einwohnern ist es eigentlich gar nicht so klein, fühlt sich aber an wie eine Kleinstadt. Mir gefällt das, und die großartige Musikszene hier. Ich bin viel unterwegs, ich brauche die Großstadt nicht zu Hause. Am schönsten ist eigentlich die gemütliche Innenstadt, zum Umherlaufen und Relaxen. Und was ist mies? Über uns ist gerade so ein neues Yuppie-Zeitalter hereingebrochen, und die Leute haben generell ganz schön viel Geld, das ist nicht gut für die Musikszene ... Es bringt so eine gewisse Apathie mit sich. Wenn ich könnte, würde ich ganz gern die Zeit von Januar bis März überspringen, dann ist es einfach nur grau in Stavanger. Es benebelt mir die Sinne, und ich sehne mich nach Sonne. Welches Klischee über Leute aus Stavanger entspricht der Wahrheit? Wie in vielen mittelgroßen Städten gibt es eine gewisse Missgunst und eine falsche Vorstellung Großstädten gegenüber. Manchmal ist das der

schlecht verborgene Neid bezogen auf Osloer, ein leichter Minderwertigkeitskomplex, der aber an nichts festzumachen ist. Die Leute hier haben aber auch eine gewisse Art von unambitionierter Gelassenheit, und ich kann nichts Schlechtes daran finden. Was ist deine persönliche No-Go-Area? Ich halte mich von den Einkaufszentren fern. Ausgehen und Essen in Stavanger? Meine Lieblingsbar ist das Tango, dort isst man gut oder nimmt ein paar Drinks. Ich mag auch Bøker og Børst und Cementen. Ein fantastischer Künstler aus Stavanger? MoHa! Warum sollen die Leute in deine Stadt kommen? Aus Neugier. Die Fragen stellte Katharina Poblotzki The National Bank »Come Over To The Other Side« (Emarcy / Universal). Gut zu wissen: Stavanger ist eine Hafenstadt im Süden Norwegens, sie ist die viertgrößte Stadt des Landes.

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026 Musik

B-52’s / Simon Reynolds

DAS SALZ IN DER SUP PE

Nach Ewigkeiten eine neue Platte der B-52’s? Wolfgang Frömberg traf die Postpunks in Paris und erfuhr, wie glücklich Kate, Cindy, Fred und Keith mit ihrem »Funplex« sind. In Köln quatschte er mit Pophistoriker Simon Reynolds über alten Helden und neue Probleme. Fotos: Justin Winz und George DuBose.

A

ls 1973er-Jahrgang hat man Punk verpasst. Man wurde von der großen Schwester wegen Postpunk bzw. Synthiepop gehänselt, schämte sich für Eltern, die als Streikbrecher unterwegs waren, statt Ende der 60er auf die Barrikaden geklettert zu sein – und musste sich vom Opa erklären lassen, dass man es als kleines Licht im Dritten Reich nicht einfach gehabt habe. Eventuell, möchte der Autor dieser Zeilen betonen, ist es so gewesen. Eventuell. Und wen interessiert’s? Schließlich bildet das Persönliche im Text längst keine scharfe Waffe mehr im Kampf gegen ignorante Worthülsendrescher. Allzu zwangsläufig seit den Zeiten des New Journalism und Hunter S. Thompsons Idee, als Autor verändernd in die Geschichte einzugreifen, ist die Ich-Erzählung im Rahmen der Popkritik zum Bekennerschreiben aus den Privatsphären zahnloser Großmäuler mutiert. Also trotz der Gefahr, in eine weitere Falle der Beliebigkeitsprosa zu tappen, noch mal der Hinweis auf Eventualitäten: Es könnte seit 1973 auch ganz anders gelaufen sein. Schließlich möchte selbst ein 73er kein Kulturpessimist sein. Aber warum dünkt es nicht nur dem Autor dieser Zeilen, sondern ebenso einem versierten Popkulturanalytiker wie Simon Reynolds – Jahrgang 1963 –, die Entwicklung in den einzelnen Genres der Popmusik habe sich verlangsamt? Wieso hat den Verfasser von »Rip It Up And Start Again – Postpunk 1978-1984« seit Langem nix mehr vom Hocker gehauen, wie er in Köln unter vier Augen erklärte? Schuld an Reynolds’ Sentiment – gegen das er tapfer im eigenen Blissblog kämpft, den er mal wegen seiner Faszination für Grime aus der Taufe hob – könnte eine gewisse Routine sein, die wohl jeden ereilt, der sich über einen längeren Zeitraum mit den Produkten der Popkultur beschäftigt. Mit dem ganzen Ramsch, der im besten Fall das Leben

überhaupt erst ermöglicht hat, das er dann zerstört. Am schlimmsten ist die professionelle Routine. Die Spätgeborenen sind nicht nur dazu verdammt, Preissteigerung, Klimawandel und den Ausbau der Festung Europa mitzuerleben. Wir sind auch Zeugen der totalen Verausgabung von Heldinnen und Helden, die durch das Starsystem seit den Sixties – und allen Konkurrenzsystemen aus Gegenstrategien – zu aufgeschwemmten Ikonen wurden. In jeden Eimer voller Eiswasser aus den diversen Haifischbecken dieser Welt hat man sie getaucht. Nun wringen sie sich bis zum letzten Tropfen aus, weil der Schweiß ihres Angesichts das Einzige ist, was sie neben ihrem Backkatalog – lukrativ, wenn man die Stones ist, und weniger lukrativ, wenn man The Fall ist – noch zu Markte tragen können. Wer nicht stirbt, schwitzt weiter. Weshalb man sich um jene sorgt, von denen man nichts hört. Im Schwitzkasten Manch einen Bewunderer dürfte die Tatsache beruhigen, dass die Künstler selbst vom ewigen Kreislauf aus Produktion und Vermarktung niemals so müde zu werden scheinen wie ihre Kommentatoren. Wenn z. B. einstige Idole wie die B-52’s nach langer Zeit aus einer Versenkung auftauchen, in der sie sich selbst nie befunden haben wollen. Zwar ist seit über 15 Jahren kein Album mehr von ihnen veröffentlicht worden – zuletzt hatten sie 1992 auf solide Weise mit »Good Stuff« an den Sensationserfolg von »Cosmic Thing« anzuknüpfen versucht –, doch seit 1998, als Cindy Wilson ins Bandgefüge zurückgekehrt war, sind die Postpunk-Veteranen in Übersee wieder unterwegs. Dass sie zahlreichen Journalisten gegenüber immer aufs Neue die Frage nach der Bedeutung ihres Namens beantworten müssen und ab und an erstaunte Blicke ernten, wenn ein Medienvertreter auf das, ähm, Geheimnis

Simon Reynolds Der Autor im Gespräch kann auch auf www.intro.de/audiovideo/introtv angeschaut werden. Dort antwortet er auf Fragen nach dem Zustand von Popkultur und -kritik. Und wer erfahren will, wo er seine Platten aufbewahrt, ist dort auch richtig.


Musik

027

1979


028 Musik

Kate Pierson

Keith Strickland

Kelly Link ... wurde gerade zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht: Ihre Kurzgeschichten-Sammlung »Die Elbenhandtasche« (416 S., EUR 9,95) gibt es beim Heyne Verlag.

»The B-52’s« (aka »Play Loud«) ... zählt nicht nur zu den allerbesten Debütalben der Postpunk-Ära, sondern hat auch eins der auffälligsten Cover der Popgeschichte. Vor dem knallgelben handkolorierten Hintergrund posiert die ebenfalls eingefärbte Band, fotografiert von George DuBose, der auch viele andere Künstler wie die Ramones, R.E.M. und Klaus Nomi geknipst hat. DuBose hatte die Band 1977 kennengelernt und beschreibt sie auf seiner Homepage www.georgedubose.com (unbedingt anschauen!) als seine Traumband. Schließlich griffen sie in ihrem legendären »Planet Claire« Mancinis »Peter Gunn«-Thema auf, das DuBose mal auf der Gitarre gelernt hatte – und benutzten auch noch die gleichen Klampfenmodelle wie The Ventures! Der Art Director bei Island Records allerdings mochte die Band weniger gerne und nannte sich in den Credits »Sue Absurd«. Irgendwie absurd ...

≥ stößt, dass sie vor ihrer alle Rechnungen begleichenden Comeback-Single »Love Shack« im Jahr 1989 bereits vier Alben veröffentlicht hatten, ertragen sie strahlend und beweisen Humor. Eine Kurzgeschichte von Kelly Link, in der man für eine Nacht in einer Handtasche verschwindet und 20 Jahre übersprungen hat, wenn man sie wieder verlässt, soll das Gespräch mit den B-52’s in Paris eröffnen. Der Analogie zum überraschenden Wiederauftauchen der Band redet dann auch Cindy Wilson das Wort, als sie bemerkt, die B52’s hätten eigentlich nie aufgehört zu existieren. Etwas später wird sie es als den größten Fehler ihrer Laufbahn bezeichnen, Mitte der 90er-Jahre für eine Weile ausgestiegen zu sein, um emanzipiert eigene Projekte zu verfolgen. Fred Schneider, auf der Bühne und hinter den Kulissen eher Host als Frontmann der Gruppe, kreischt in Bezug auf Links Story: »Oh, then you’re an old bag.« Und selbst wenn er die Pointe auf sich bezieht, wirkt er nicht gerade zerknautscht. Nun haben diese netten Leute ja auch keinen Grund zur Verknautschung. Selbst wenn es lange nicht gut aussah, nachdem man zur Frühphase des Postpunk – folgen wir Reynolds’ Geschichtsschreibung – das Kunststück fertiggebracht hatte, zwei tolle Alben innerhalb kürzester Zeit rauszubringen, die in Sachen Sound und Gestaltung als Doppel-LP durchgehen könnten. Nach »The B-52’s« und »Wild Planet«, im Volksmund »die Gelbe« und »die Rote« genannt, machte man den zu dieser Zeit von Brian Eno besessenen David Byrne zum Produzenten der EP »Mesopotamia«: Hinter schnöden arty-farty Loops waren bloß noch schwach die charmanten Melodien und Charaktere der Band zu erkennen. Dass es die B-52’s bei ihrem seit »Mesopotamia« zu attestierenden Niedergang aber noch gut getroffen hatten,

ist schnell zu erfassen, wenn man sich Live-Aufnahmen von Iggy Pop Anfang der 80er-Jahre anschaut: mit Strapsen bekleidet, die Augen aus Glas und billige Klamotten à la »Bang Bang« feilbietend. Iggy & The Stooges hatten Ende der 60er-Jahre die Haltungen des Punk sowie des Postpunk vorweggenommen: Ihre aufs Nötigste reduzierten Power-Chords klangen wie Musik von einem anderen Stern; so unmenschlich und gefährlich, wie sich die Hippies und Friedensbewegten wohl das Gemetzel in Vietnam vorstellten. Der Song »Search And Destroy« katapultierte den marodierenden Soldaten aus dem Dschungel Südostasiens später in die urbane Kälte der Erste-Welt-Metropolen und formulierte die Figur zum einerseits verwahrlosten, andererseits unangepassten Einzelkämpfer um. Währenddessen schlugen Vertreter anderer, freierer Formen des Individualismus bereits den Karriereweg ein, dessen Verfolgung heute vielen politisch oder ästhetisch radikalen Typen unter dem Schlagwort der »68er« zum Vorwurf gemacht wird. So, wie Iggys eigene Karriere nach den zwei herausragenden, von Bowie in Form gebrachten Soloalben »The Idiot« und »Lust For Life« Anfang der 80er einen Knick machte, sackten zeitgleich auch die B-52’s ein, obwohl sie mit »Song For A Future Generation« mindestens noch einen Underground-Hit landen konnten. 1985 wurde dann zum tragischen Jahr, als Cindys Bruder Ricky Wilson an Aids starb. Für sie und den musikalischen B-52’s-Mastermind Keith Strickland, zugleich Rickys bester Kumpel, war dies ein noch härterer Schlag als für die übrigen Mitglieder Fred Schneider und Kate Pierson. Erst das besagte »Cosmic Thing«-Album mit den erfolgreichen Auskopplungen »Channel Z«, »Love Shack« und »Roam« markierte einen Einschnitt, der eventuell sogar für die Frage nach der Verlangsamung der Pop-Genres von Bedeutung ist. Eventuell.


Musik

Cindy Wilson

Suppenkasper Es könnte sogar sein, dass die 1976 in Athens, Georgia gegründeten B-52’s in den frühen 80ern zur Beendigung des Gang Warfare in Detroit beigetragen haben. So erzählt es jedenfalls Mike Banks von Underground Resistance im Interview mit der Zeitschrift The Wire. Ein Radio-DJ namens Mojo legte »Rock Lobster« vom Debütalbum in seiner Show auf. Man kann viel über die abgefahrene Nummer sagen, in der fantastische Meeresgeschöpfe die Tanzfläche betreten, oder an dieser Stelle Mike Banks zitieren: »You can’t be too much of a tough guy while doing the rock lobster.« Der Sog des Stückes mag daher rühren, dass die B-52’s sich notgedrungen als Dissidenten sahen; als von der Gesellschaft nicht in ihrer Mitte akzeptierte Außenseiter, deren Queerness einer Figur wie »Hairspray«-Regisseur John Waters gefallen sollte. Man kann sich ein Bild davon machen, wenn man Simon Reynolds’ Postpunk-Schmöker als Reiseführer durch die leidlich ausgeschilderten Landschaften von YouTube sowie anderer Clip-Portale nutzt. Da sieht man z. B. die für ihre Ära neuartige Formation in schrillen Kleidern – Cindy und Kate samt den notorischen Bienenkorb-Frisuren – vor einer beißenden Eighties-Mondrian-Kulisse. Man sieht die Freaks im Downtown Cafe, Atlanta, wo sie eine ausgelassene Crowd mit ihrem »Rock Lobster« in Bewegung bringen. Ein hagerer Fred Schneider im weißen ärmellosen Leibchen, das durchaus sein letztes Hemd gewesen sein könnte. Wäre es anders gekommen, bewohnte er womöglich noch immer eine Bruchbude in seiner Heimat, wo man mit wenig Kohle über die Runden kommt. Die B-52’s gehören zu den Glücklichen, deren Biografie durch eindrucksvolle Performances eine dramatische Wendung und durch späten Erfolg einen glücklichen Verlauf genommen hat. Sie haben sich lange durchgeschlagen, bis sie den

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Fred Schneider

entscheidenden Treffer landeten – und den Boxer-Mythos vom Aufstieg aus eigener Kraft verinnerlichten. Jetzt wollen sie nichts anderes, als noch mal in den Ring zu steigen. Wir werden ihre Tourplakate neben denen vieler alter Haudegen und neuer Retrobands sehen. Fred Schneider mochte Debbie Harrys Soloplatte, und er kann Gruppen wie LCD Soundsystem oder Franz Ferdinand gut leiden, die den Geist des Postpunk zitieren. Doch ähnlich wie den 1973er-Jahrgang beschleicht ihn das Gefühl, den retrospektiven Momenten in deren Sound fehle eine außerordentliche Vorgeschichte, die sie nicht nur zum Erfolgsmodell, sondern auch zur abweichenden Komponente machen könnte, als welche sich die B-52’s bis heute begreifen – und von der sie nun im Song »Deviant Ingrediant« singen. Was bei Simon Reynolds und anderen Rezipienten der Sehnsucht nach dem Salz in der Suppe entsprechen könnte. Role-Models wie der kaputte Krieger Iggy oder der coole Kasper Fred fallen in Zeiten

So erzählt es Mike Banks: »The gang thing was deep in 78 and 79, it had to be early 80s when he dropped that, that shit ended it. It was the B-52’s and cocaine, because once cocaine came, a lot of gangs started selling the drugs. But the B-52’s had a huge influence, I don’t know why, but cats wouldn’t fight off that record. You know, when you play Funkadelic, that’s fighting music, Flashlight was a fighting song (...), but the B-52’s had a calming effect.«

»YOU CAN’T BE TOO MUCH OF A TOUGH GUY WHILE DOING THE ROCK LOBSTER.« Mike Banks der Vereinzelung weniger aus dem Rahmen als früher. Das dürfte im Fall der B-52’s die Rückkehr Cindy Wilsons in den Schoß der Band ein Stück weit erklären. Aber auch ganz viele andere gescheiterte Versuche, etwas Ungewohntes zu wagen. Wenn alle zu laut »Ich« rufen, bleibt es schwierig, die eigene Stimme in Einklang mit einem stimmigen Umfeld zu bringen. Eventuell wurde der Autor dieser Zeilen aber längst eines Besseren belehrt. B-52’s Funplex CD // Emi / VÖ 21.03.


030 Musik

Hercules And Love Affair

DANCE LESSONS Man fühlt sich in die frühen Achtziger zurückversetzt: Sind das Yazoo? Soft Cell? Nein, es handelt sich um eine aktuelle Produktion, das geradezu magische Projekt des New Yorkers Andy Butler, mit dem er die goldenen Disco-Jahre auf ungemein geschmeidige Art Revue passieren lässt. Meint nicht nur Martin Büsser.


Musik

031

Holzfäller-Disco – der neue Grunge?


032 Musik

Antony And The Johnsons Mit seinen melancholischen, in FalsettGesang vorgetragenen Balladen mauserte sich Antony innerhalb kürzester Zeit zu Everybody’s Darling. Seine Musik schaffte es 2006 sogar in den ARD-Tatort »Dornröschens Rache«. Kein Musiker verstand es so brillant, den Gay-Pop der frühen Achtziger à la Marc Almond und Bronski Beat zu beerben. Sein neues Album erscheint im Mai.

Kid Creole And The Coconuts Sie waren der kommerzielle Ausläufer des New Yorker No Wave. Die 1980 vom Kanadier August Darnell gegründete Band schaffte es 1982 mit »Tropical Gangsters« in die Charts. Die Band präsentierte ihren Funk-Latin-Disco-Mix in aufwendigen Bühnenshows, in denen die Musiker verschiedene urbane Charaktere verkörperten.

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ür sein Album hat Andy Butler niemand Geringeren als Antony von Antony And The Johnsons als Gastsänger gewinnen können. Dessen Stimme passt – es war ja zu erahnen – hervorragend zu Discomusik und knüpft an große Discogötter wie Sylvester an. »Mit Antony bin ich seit einigen Jahren befreundet«, erzählt Andy, »aber erst, als mir ein Freund seine CD vorgespielt hatte, wurde mir klar, was für ein großartiger Musiker er ist. Ich war sofort von seiner Stimme begeistert, Als wir uns das nächste Mal trafen, sagte ich ihm, wie sehr mich seine Musik an die Cocteau Twins erinnern würde. Anthony war Feuer und Flamme: ›Was, du bist auch ein Cocteau-Twins-Fan?‹ Ab dem Moment war eigentlich klar, dass er mit mir zusammenarbeiten würde.« Wer aber ist dieser Andy Butler, der 1978 geboren die Blütezeit von Disco gar nicht live miterleben konnte? Etwa ein hedonistischer Retro-Fanatiker in Schlaghosen, der auf Trash und Camp steht? Nein, dazu ist seine Musik zu tricky. »Du wirst lachen, aber eigentlich komme ich von der Neuen Musik, also von der zeitgenössischen Klassik«, erzählt er. »Als Kind habe ich Klavierstunden genommen, mit 18 besuchte ich die Musikhochschule und studierte Komposition, kam mit Minimal Music in Kontakt, die von Disco und House ja gar nicht so weit entfernt ist. Ich habe mit zeitgenössischen Tanzensembles zusammen gearbeitet, Ballett-Kompositionen geschrieben. Zeitgleich war ich als DJ tätig, ich tingelte durch die Gay-Clubs, um mir die großen House-DJs anzuhören. Für mich ist das alles kein Widerspruch. Dadurch, dass ich die sogenannte seriöse Musik ebenso mag wie reine Unterhaltungsmusik, ist bei Hercules And Love Affair beides vorhanden: Die Platte ist absolut tanzbar, erschöpft sich allerdings nicht in reiner Funktionalität.« Death Disco Wenn Andy über Disco redet, dann ist er sich der politischen Tragweite bewusst, die diese Musik einmal hatte. »Ein paar Jahre lang, so zwischen 1978 und 1982, war es möglich, sowohl kommerziellen wie progressiven Pop zu machen. Mainstream und Radikalität waren kein Widerspruch. Es war die Zeit, als Disco sowohl die Rechte der Schwulen, der Frauen wie auch der Schwarzen einklagte. Aus diesem Grund kam es in den USA auch zu Disco-Plattenverbrennungen. Einige irre Fundamentalisten wussten genau, welche soziale Sprengkraft in dieser Musik steckte. Besonders aufregend wurde es dann, als die Punks Disco für sich entdeckten, also Musiker wie Liquid Liquid oder Kid Creole, die Funk, Latino-Elemente und Post-Punk miteinander verknüpften. Die Musik war plötzlich stilistisch total offen und in mehrfacher Hinsicht minoritär – aber gleichzeitig auch erfolgreich! Ich finde es sehr schade, dass die frühen Achtziger heute nur noch auf Depeche Mode und Human League reduziert werden. Viele übersehen, dass Pop damals die Gay-Bewegung wie zu keiner Zeit davor und zu keiner Zeit danach vorangebracht hat. Das war kurz bevor Aids aufkam ... und damit der reaktionäre Backlash.« Andy kennt das alles nur von Schallplatten und aus Erzählungen. Heute dagegen muss man sich als DJ und elektronischer Musiker in New York sein Publikum erkämpfen, an eine Charts-Platzierung ist nicht zu denken. »Wir haben in der Stadt noch immer das massive Problem, dass die wenigsten Clubs eine Cabaret Licence erhalten, dass du also in den wenigsten Clubs tanzen darfst. Seit den 2000ern geht die Tendenz zu reinen Lounge-Clubs. Wer in New York

tanzen gehen will, muss in die wenigen Großraumdiscos gehen, die es gibt, aber die sind die Hölle: Anmach-Schuppen mit mieser, indiskutabler Musik. Das genaue Gegenteil dessen, was Disco einmal erreichen wollte.« Andys Disco-Geschichtsstunde tut gut, denn sie korrigiert deutsche Vorurteile: Wer hierzulande in den Achtzigern Punk war, musste Disco automatisch hassen. »Folter für Travolta« zierte als Spruch die Häuserwände. Schuld daran war, dass Disco in der deutschen Provinz sofort in Form von jenen heterosexistischen Anmache-Läden ankam, wie Andy sie erwähnt hat. Von der No-Wave-Bewegung, Disco-Punk oder gar von den minoritären Wurzeln der Discobewegung war in den deutschen MainstreamMedien nichts zu lesen. Götter und ihre Liebhaber Das Faible für griechische Mythologie zieht sich durch alle Hercules-Stücke, die Namen wie »Athene« und »Iris« tragen. »Das ist sozusagen meine poetische Handschrift«, erklärt Andy, »ein Spleen aus meiner Kindheit. Als ich fünf war, hatte ich einen Lehrer, der mir die griechischen Göttersagen in Form von Kindermärchen vorlas, seitdem bestimmen sie meine Tagträume. Ich bin in Washington, DC aufgewachsen, einer Stadt, die von einem neoklassizistischen Baustil geprägt ist. Wenn ich als Kind durch die Straßen lief, stellte ich mir vor, zwischen Tempeln und griechischen Statuen zu wandeln – eine richtige Zeitreise. Im Übrigen hat der Bezug auf die Sagen- und Götterwelt eine lange Tradition in der Techno- und House-Szene. Es gibt DJs, die sich Adonis nannten; und Derrick Carter, einer meiner großen Helden, hat viele seiner Tracks nach obskuren Figuren der griechischen Mythologie benannt. Dieser Rückbezug liegt zum einen daran, dass sich die Gay-Community stets auf die Griechen bezog, zum anderen war es im House ein probates Mittel der Selbstmystifizierung. Das Erträumen von fremden, artifiziellen Welten ...« Ein weiteres Thema, die Authentizität. »Das HerculesProjekt reflektiert genau den Zustand, in dem sich Andy gerade befindet«, hatte sich Antony über das Album seines Freundes geäußert. Andererseits war es stets eine Qualität von Disco und House, mit Identitäten zu spielen und das Künstlersubjekt in den Hintergrund zu stellen. Für Andy ist das Album jedoch beides: Ausdruck seiner momentanen Stimmung und Artefakt zugleich, ein etwas kompliziert zu beschreibendes Gemisch aus persönlicher Befindlichkeit und Steinbruch aus Zitaten. »All diese Zitate sind ja Teil meiner Biografie,« sagt Andy, »beziehen sich auf Musik, die ich liebe. Und ich behandle diese Zitate mit sehr viel Herzblut, nie ironisch oder distanziert. Wenn ich zum Beispiel Dixieland-Jazz unter einen Beat lege, dann nicht, um besonders originell zu sein oder postmodern gewitzt, sondern ganz einfach, weil ich es mag und Spaß daran habe, zu ungewöhnlichen Kombinationen zu tanzen!« Mit dem bei DFA erschienenen Album könnte es Andy selbst gelingen, in den Olymp aufzusteigen. Zu einem Gipfeltreffen der Götter wird es allerdings nicht kommen: »Die Studioarbeit mit Antony war fabelhaft, aber ich glaube nicht, dass wir mal zusammen live auftreten werden. Das ist nicht geplant.«

Hercules And Love Affair Hercules And Love Affair CD // Emi


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034 Musik

Why?

RUCKSÄCKE, HAARE UND EN TGRENZUNG Why? ist eines der musikalischen Projekte, für welche die Metapher mit dem »eigenen Universum« erfunden wurde. Mithilfe des Why?-Initiators Jonathan Wolf lässt Hanno Stecher an dieser Stelle noch einmal die Entwicklung einer Band Revue passieren, die nie eine war.

D

ie Auskunft, dass jemand Musik jenseits des »Schubladendenkens« mache und die Grenzen zwischen Musikstilen verwische, gehört sicherlich zu den am häufigsten verwendeten Floskeln im Musikbusiness schlechthin. Egal, ob es am Ende stimmt oder nicht, für Mus ker und deren Promoter scheint es inzwischen beinahe obligatorisch geworden zu sein, auch die popeligste Form eines Mixens von Stilen

hervorzuheben und die »offene« Haltung des Künstlers gegenüber verschiedenen Stilrichtungen zu betonen. Das ist zwar einerseits nervtötend, hat jedoch auch sein Gutes, können doch nun andererseits Menschen wie Jonathan »Yoni« Wolf halbwegs unbehelligt vor sich hin werkeln, die schon seit Jahren daran arbeiten, Genres und


Musik

Genrecodes zu dekonstruieren, ohne es stets hervorzuheben und jedem aufs Brot zu schmieren. Näselnder Rap und folkiges Songwriting Seine Gelassenheit gegenüber Musikgenres und deren scheinbarer Unvereinbarkeit demonstrierte der Sohn eines Rabbis und einer Kunstbuchhändlerin aus Cincinnati bereits als Mitbegründer von cLOUDDEAD gekonnt.

Das wegweisende Projekt, das seit 2004 auf unbestimmte Zeit auf Eis liegt, hatte er Ende der Neunziger zusammen mit seinen Anticon-Kollegen Adam Ducker (a.k.a. Doseone) und David Madson (Odd Nosdam) ins Leben gerufen. Noch heute zählt cLOUDDEAD mit seinem nahezu unverortbaren Stil aus abgehangenen Beats, Klangteppichen und quäkigem Sprechgesang zu den wichtigsten Projekten eines »avantgardistischen« HipHop – auch wenn der Style der Truppe immer nur so sehr HipHop war, wie er es auch wieder nicht war. Neben der Arbeit bei cLOUDDEAD hatte Yoni darüber hinaus auch immer Kollaborationen mit anderen Künstlern aus dem Anticon-Umfeld wie Subtle oder Themselves am Laufen und experimentierte unabläs- ≥

035

Anticon ... wurde 1998 als Independent-HipHopLabel von sieben Musikern und deren Manager gegründet. Der Name Anticon steht für »anti-conventional« oder »anticonformity«, das Logo des Labels ist ein »Ant-Icon«, das Profil einer Ameise.


036 Musik

≥ sig als Solokünstler mit Mehrspur-Geräten und Drumcomputern vor sich hin. Resultat dieser Umtriebigkeit war das im Jahr 2003 unter seinem alten Tagger-Pseudonym »Why?« erschienene Debütalbum »Oaklandazulasylum«, ein virtuoses Sammelsurium aus geraden und ungeraden Drumcomputerbeats, schiefen und sauberen Melodien, Indie- und Folkgitarren-Arrangements, düsteren Geräuschfetzen und einem Vibrafon, alles über- und unterlagert von Yonis Stimme. Der uneinheitliche Charakter der Musik ermöglichte es ihm hierbei, zwischen näselndem AnticonRap und zurückhaltendem Folk-Songwriter-Gesang mit seiner Stimme zu experimentieren. Gleichzeitig vereinte »Oaklandazulasylum« die schluffige, abweichlerische Pose des Indie- und Collegerock der Neunzierjahre mit der nach innen gekehrten, selbstreflexiven Grundhaltung eines MCs, für den das Medium HipHop in erster Linie ein Mittel der Selbstbefragung anstatt der reinen Selbstbestätigung darstellt. Wer ist Why? Bis heute arbeitet Yoni an dieser Baustelle irgendwo im Niemandsland zwischen Indie, Folk und HipHop, auch wenn er »Why?« durch das Einspannen seines Bruders Josiah und des Musikers Doug McDiarmid langfristig mehr und mehr zu einer Bandformation umgerüstet hat und sich infolgedessen auch immer stärker einem klassischen Bandsound zuwandte, wodurch Elemente wie der Drumcomputer bald eine untergeordnete Rolle spielten. So handelte es sich, nimmt man es nicht zu genau, bei der 2005 erschienenen »Sanddollars«-EP ebenso um eine astreine und verspielte Indierockplatte wie bei dem Kritikerlieblingsalbum »Elephant Eyelash«, das Why? aufgrund der Eingängigkeit erstmals auch eine größere Aufmerksamkeit bescherte. Der neue Zuspruch ehrte die Jungs, zementierte jedoch die Außenwahrnehmung von Why? als einer Band im herkömmlichen Sinne, ein Bild, das sich bei vielen bis heute festgesetzt hat. Wie Yoni im Interview erklärt, will er Why? jedoch nach wie vor als Projekt verstanden wissen: »Was die Zusammensetzung der Leute betrifft, die an der Musik arbeiten, und was das Musikmachen selbst angeht, war Why? schon immer offen für Veränderungen, auch wenn ich verstehen kann, dass das für viele Leute verwirrend ist, weil ich das Ganze als Soloprojekt angefangen habe. Aber das heißt noch lange nicht, dass man sagen kann, dass ich Why? bin. Das ist einfach nur ein Name, der sich eben auf die Leute bezieht, die gerade dabei sind.« Und so ist es auch nur folgerichtig, dass zu dem Personenkreis, der am neuen Album beteiligt war, wieder zwei personelle Neuzugänge gehören: Andrew Broder und Mark Erickson aus Minneapolis sind alte Weggefährten Yonis und dürften manchem auch als Fog bekannt sein, deren im letzten Jahr erschienenes Album »Ditherer« von einer ähnlich desinteressierten Haltung gegenüber Genres und herkömmlichen Songstrukturen zeugt, wie auch Why? sie pflegt. Vor allem zu Andrew, der Fog 1999 ebenfalls als Soloprojekt gegründet hat, steht Yoni spätestens seit dem gemeinsamen Album »Hymie’s Basement« in engem Austausch. Gleichzeitig sind die beiden »Neuen« Teil eines weit über den Anticon-Verbund hinausreichenden Netzwerkes aus Künstlern und Bands wie Xiu Xiu, Sole, Boom Bip, Yo La Tengo oder Hood, das Yoni sich im Laufe der Zeit durch seine zahllosen Seitenprojekte, Remixe und Kollaborationen aufgebaut hat und das er gewissenhaft pflegt.

»Ich stehe auf mein Publikum.« »Alopecia«, so der Titel des im März erscheinenden Albums, bezeichnet im medizinischen Sinne die Folgen von Haarausfall. Bei Yoni, für den sein Bart und sein dichter Lockenkopf inzwischen eine Art Markenzeichen darstellen, wurde das Symptom vor gut zwei Jahren an einer kleinen Stelle an seinem Nacken festgestellt. Dies deutet jedoch nicht nur auf ein stressiges Musikerleben hin – für Yoni selbst hat sich das Wort zu einer Art augenzwinkernden Metapher für das Gefühl entwickelt, als Musiker und Schreiber von Texten immer wieder in einer gewissen Weise schutzlos der Umwelt ausgesetzt zu sein. Dieses »Offenlegen« innerer Vorgänge findet auf der neuen Platte vor allem auf der lyrischen Ebene statt. Die bildhafte Sprache, in der das Alltägliche scheinbar immer wieder wie vor einem inneren Auge gedreht und gewendet wird, gehört seit jeher zu den großen Stärken von Why?-Songs. Musikalisch vereint die Platte zwischen an cLOUDDEAD erinnernden, mehr in die Breite gehenden und zurückgelehnten Tracks sowie einigen hymnischen Indiesongs gekonnt so ziemlich alles, was Why? in den letzten Jahren ausgemacht hat, wenn auch etwas weniger verspielt und folkiger als gewohnt. Neu ist, dass »Alopecia« europaweit über das Kölner Label Tomlab vertrieben wird, dem Anticon eine Kooperation angeboten hat. Die neue, stark limitierte Single »The Hollows« erscheint in diesem Rahmen sogar in zwei verschiedenen Versionen auf beiden Labels. Diese Form der Zusammenarbeit und das »Verpflanzen« des Projektes in ein neues Umfeld kann auch als Zeichen dafür gewertet werden, dass sich Why? längst auch jenseits des AnticonUmfeldes etabliert hat. Darüber freut sich Yoni ganz besonders: »Unser Publikum hat sich verändert in den letzten Jahren. Es ist breiter geworden. Früher hat mich meine Schwester bei unseren Konzerten gefragt: Wo sind denn eigentlich die Mädels? Denn da kamen nur diese 16-jährigen Hoodie-und-Rucksack-Träger. Jetzt haben wir unser ganz eigenes Publikum, und da gehören Frauen ebenso dazu wie Hoodieträger und 50-jährige Rockfreaks. Ich stehe total auf mein Publikum, ich bin immer überrascht, was für tiefsinnige, nette Leute da kommen.« Und jeder, der einmal in den Genuss eines Why?-Konzertes gekommen ist, dürfte das Lob wohl ohne Zögern zurückgeben wollen. Mag der Grund nun die Begeisterung über Yonis Verdienst sein, Genregrenzen zu verflüssigen, oder schlicht, weil er und seine Jungs einfach großartige Musiker sind. Auf intro.de: Verlosung. Intro empfiehlt die Tour vom 10.05. bis 01.06. Intro empfiehlt

Why? Alopecia CD // Tomlab / Indigo / VÖ 04.03.

Alopecia dt.: Alopezie. Im Durchschnitt hat jeder Mensch 100.000 Haare. Nach spätestens sechs Jahren fällt jedes Haar aus und macht einem neuen Platz. Von Haarausfall spricht man, wenn regelmäßig mehr als 100 Haare täglich ausfallen.

Tomlab ... wurde 1997 von Tom Steinle gegründet und hat sich seitdem als Quelle für experimentelle Popmusik jenseits des Mainstream weit über die deutsche Grenze hinaus fest etabliert. Der Veröffentlichungskatalog umfasst u. a. Patrick Wolf, The Books, Xiu Xiu und Final Fantasy.


98./99./20. JULI 2008 FERROPOLIS Bisher bestätigt: Alter Ego | Björk | Booka Shade | Boys Noize | Burger/Voigt Crookers | dEUS | Editors | Efdemin | Ellen Allien | Franz Ferdinand | Gui Boratto Gus Gus | Kissy Sell Out | Len Faki | The Mitchell Brothers | Miss Kittin & The Hacker | Modeselektor | Sascha Funke | Supermayer | Róisín Murphy The Teenagers | Tobias Thomas | Tomas Andersson | Turbostaat | Uffie & Feadz

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038 Musik

Neon Neon

IM AUTORADIO SPI ZEITMASCHINE

Querstreifen & Graffiti machen fett – zum Glück nicht jeden


Musik

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ELT DIE Die Konjunktur der Biopics ist ungebrochen. Dank Neon Neon gibt es skandalträchtige Lebensgeschichten ab sofort auch im Musikformat. Arno Raffeiner hat sich ihr Synth-Hop-Musical über John De Lorean, den ersten Playboy-Ingenieur des Planeten, angehört.

B

Makelloser Stil Ein derart perfekt inszeniertes Konzeptalbum wie »Stainless Style« ist standesgemäß auch bei der Gästeliste verschwenderisch: Spank Rock, Yo Majesty und Fat Lip wurden für ihre toughen Reime eingeladen, Cate Le Bon und Har Mar Superstar für ätherischen Gesang und Fab Moretti von den Strokes bestimmt nicht nur, um den Celebrity-Faktor vollzumachen.

De Lorean DMC-12 Der DMC-12 war das einzige von John De Loreans eigener Autofabrik in Serie gefertigte Modell. Der aus rostfreiem Stahl gebaute Sportwagen mit Flügeltüren hatte auf dem Markt erhebliche Startschwierigkeiten und trieb die Firma schließlich in den Ruin. Seinen Ruhm verdankt der DMC-12 vor allem seiner Rolle als Zeitmaschine in den »Zurück in die Zukunft«Filmen – was als Motto natürlich auch für Neon Neon perfekt passt.

ryan Hollon zögert. Die Frage, wie sexy er Maschinen findet, bringt den amerikanischen Produzenten aus dem Konzept. »Na ja, ich spreche jetzt bestimmt nicht von meinen persönlichen Vorlieben«, brummt er, »aber gerade in L.A. gibt es viele sehr maskuline, grässliche Typen, die ihre Frauen wie ihre Autos behandeln und umgekehrt. Ich denke schon, dass man Fahrzeuge oder andere technische Gerätschaften sexualisieren kann. Aber falls du wissen möchtest, ob mich ein bestimmtes Gerät in meinem Studio wahnsinnig anzieht: nein, nicht wirklich.« Auch wenn Bryan Hollon (alias Boom Bip) erst mal bestreitet, Maschinen anziehend zu finden: Eine Kombination aus gebürstetem Edelstahl, Flügeltüren, Sechszylindermotoren, kaputten Ehen und fingierten Drogendeals scheint doch recht inspirierend auf ihn gewirkt zu haben. Schließlich hat der bisher für seinen Laptop-HipHop bekannte Boom Bip zusammen mit Gruff Rhys, dem Sänger der Super Furry Animals, unter dem Namen Neon Neon gerade ein Konzeptalbum genau darüber aufgenommen. Der blitzblank polierte SynthiePop des Albums »Stainless Style« (inklusive Spritztouren zu Grime-Beats und Abstechern zu Mainstream-Rock) sowie das eher ein- als zweideutige Artwork sprechen in Sachen Maschinen-Sex eine unmissverständliche Sprache. Doch bevor hier – so wie auf dem Cover der Vorab-Single »Raquel« – wieder lange, silbern lackierte Fingernägel an Schaltknüppeln rumfummeln, erst mal ein paar Worte zum Vorspiel. Denn dass der Sänger einer walisischen Indie-Band mit einem HipHopper auf retrofuturistische 80erJahre-Referenzen macht, passiert ja nicht alle Tage. Kennengelernt haben sich Boom Bip und Gruff Rhys auf einer US-Tour mit anschließendem Remix-gegen-GesangTausch. Der gemeinsame Draht kam für Hollon rasch: »Ich liebe die Vielfältigkeit der Super Furry Animals. Was ich selbst mit Boom Bip mache, ist auch sehr unterschiedlich, von hartem HipHop über elektronisches zu eher akustischem Zeug, und die Furries haben auch keine Angst davor, stilistisch rumzuspringen. Daher hat mir die Band sofort gefallen, auf Tour wurde ich endgültig ein großer Fan.« Doch auch wenn es Gruff Rhys umgekehrt ganz ähnlich erging, ist mit Hinweisen auf den vertrauten musikalischen Hintergrund der beiden Protagonisten diesmal nicht viel anzufangen, zumindest nicht im Sinne eines ästhetischen Referenzsystems. Denn bei Neon Neon bestand die ursprüngliche Übereinkunft vor allem darin, alles anders zu machen. Man einigte sich darauf, musikalisch die eige-

nen Erinnerungen an die frühen 80er-Jahre zu verarbeiten – Fortschrittsoptimismus, Zukunfts-Rhetorik, Weltall-Obsession! »Das ist der springende Punkt an diesem Projekt: die Leute zu überraschen. Neon Neon soll nicht klingen wie das, was alle von uns erwarten würden.« Und so kam ein Charakter wie John Zachary De Lorean mit seiner Lebensgeschichte gerade recht: De Lorean arbeitete sich aus Armut zu einem der wichtigsten Autoingenieure der USA empor, war besessen von Frauen, Hollywood und dem Wunsch, selbst ein Celebrity zu werden, und fuhr seine eigene Autofirma Anfang der 80er in einem großen Showdown (ein vom FBI eingefädelter XXL-Drogendeal) grandios gegen die Wand. Es gibt wohl kaum besseren Stoff, um dekadenten Glam-Pop zu inszenieren. Gerade deshalb ist es fast unglaublich, dass in Zeiten der Wikipedia-gesteuerten Konzeptkunst John De Loreans Leben nicht schon längst Pop-mäßig ausgeschlachtet worden ist. Eine so schillernde wie skandalträchtige Figur müsste man erst mal erfinden! Doch Neon Neon machen es sich im Umgang mit diesem perfekten Fundstück auch ein wenig einfach. Etwa, wenn sie stilistische Entscheidungen ganz aus dem gewählten Thema ableiten und dadurch teilweise zu passiven Zuschauern ihrer eigenen SynthetikPop-Show werden. So rechtfertigt Bryan Hollon die zwei, drei arg käsigen Mainstream-Radio-Stücke auf »Stainless Style« damit, dass man der Epoche im Sinne einer musikhistorischen Wahrheit vollständig gerecht werden müsse: »Solche Sachen waren damals eben erfolgreich. Die wirklich hippen Seiten der 80er, New Wave oder Postpunk, haben viele ja schon vor zehn Jahren erforscht. Wir wollten uns aber auch auf Songs beziehen, die zwar alle lieben, über die aber niemand gerne spricht. Richtig große Pophits von Tiffany oder Rick Springfield zum Beispiel. Es war unsere Absicht, auch ein bisschen billig und cheesy zu klingen. Schließlich liebe ich schmalzige Songs!« Ob sich der schmalzige Playboy-Ingenieur John De Lorean anno 1982 in seinem DMC-12 allerdings auch aggressive Raps über Grime-Beats reingezogen hat, sei mal dahingestellt. Vielleicht sind im retrofuturistischen Kontinuum ja bloß die Zeitebenen etwas durcheinandergeraten. Auf intro.de: Verlosung Neon Neon Stainless Style CD // Lex / Rough Trade / VÖ 14.03.


040 Musik

Operator Please

B-52’S AUF AM

From The Basement »I’m a sad fan trying to bring the magic back to music television«, sagt Topproduzent Nigel Godrich über das von ihm geschaffene Format und die Idee, Konzerte veritabler Indie-Acts ohne Publikum und in HD aufzunehmen und zu senden. Seit Ende 2006 gibt es Konzerte von u. a. The White Stripes, Thom Yorke oder Four Tet auf www.fromthebasement.tv gratis im Netz.

Winterschlussverkauf


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PHETAMINEN Alle Achtung vor so viel jugendlicher Chuzpe: Die Mitglieder der australischen IndieBand Operator Please sind zwar gerade erst den Kinderschuhen entwachsen, geben sich aber souverän kämpferisch und sympathisch-trotzig. Am Vorabend ihres bis dato größten Festivalauftritts sprach Peter Flore mit Sängerin und Gitarristin Amandah Wilkinson.

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reundschaften passieren einfach, man kann sie nicht planen. Ein Grund mehr für die Schülerin Amandah Wilkinson, ihre Band ausschließlich nach Talent zusammenzustellen: »Ich wollte eigentlich nur beim örtlichen Battle Of The Bands mitmachen«, erzählt sie, »und dafür war mir jedes Mittel recht: Ich habe einfach Leute zusammengetrommelt, die ein geeignetes Instrument spielen konnten, ohne Rücksicht auf etwaige Sympathien. Im normalen Leben wären wir wohl niemals Freunde geworden. So waren wir zwar anfangs eine Zweckgemeinschaft, sind mittlerweile aber auch ziemlich gut befreundet ...« Es wurden also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen – und gut möglich, dass sich im Nachhinein auch noch eine beachtliche Indie-Karriere darauf aufbauen lässt. Die Vorzeichen stehen jedenfalls nicht schlecht: eine Bande Teenager (alle zwischen 16 und 19 Jahre alt), ein so unbekümmertes wie rotznäsiges Debütalbum, das in der Heimat Australien gleich zu Majorehren kam, und ein Opening-Slot auf einem der größten Festivals weltweit, dem Big Day Out im australischen Adelaide, an dessen Vorabend Wilkinson keinerlei Aufregung verspürt, zu sehr überwiegt die Euphorie: Für sie und ihre Band Operator Please sei das augenblicklich ein kleiner Traum, gibt sie zu verstehen. In der Tat lief von Anfang an alles gut: Die sympathisch polternde Single »Just A Song About Ping Pong« fungierte gleich als Türöffner, wobei die Vehemenz, mit der sie einschlug, das Quintett selbst verblüffte. Kleine und kommerzielle Radiostationen gleichermaßen spielten den Song auf und ab, der Gossip-Blogger Perez Hilton hievte die Band als heißen Indie-Tipp auf die Startseite seines Hipster-Blogs, sodass Auftritte in Nigel Godrichs Musik-TV-Show »From The Basement« folgten, und schlussendlich heimste die Pingpong-Nummer auch noch einen ARIA-Award in der Kategorie »Breakthrough Artist-Single« ein. Das bereits im November in der Heimat und nun auch bei uns veröffentlichte Debüt »Yes Yes Vindictive« (auf Deutsch: »Ja ja rachesüchtig«) führt jetzt fort, was die Single angekündigt hatte: Operator Please spielen einen rasanten und juvenilen Indie-Pop, hektisch und voller kleiner Pop-Momente, wie die B-52’s auf Amphetaminen. »Der Albumtitel ist ein zweischneidiges Schwert«, erklärt Songwriterin Wilkinson. »Einerseits ist er bestärkend und posi-

tiv gemeint, andererseits hat er natürlich auch eine dunkle Seite. Das fasst die Band auch wunderbar zusammen: Die Schülerband, die alle belächeln und die dann wiederum denkt: Ha, euch zeigen wir’s!» Und so spielte sich die Band (neben Wilkinson sind das noch Drummer Tim Commandeur, Bassistin Ashley McConnell, Keyboarderin Sarah Gardiner und Violinistin Taylor Henderson) sofort nach Gründung nonchalant durch Gigs in und um die Heimatstadt Gold Coast im Staat Queensland, die sie dank ihrer Verflechtungen mit der lokalen Indieszene auch noch selbst organisierten: »In Australien gibt es neben den ganzen Rockgrößen auch eine ziemlich aktive Indieszene, unsere befreundeten Bands stammen alle aus kleinen DIYSzenen«, erzählt Wilkison und gibt gleichzeitig Einblick in hre (nicht ganz so Indie-affinen) Hörgewohnheiten mit persönlichen Lieblingsbands wie The Cars, Eurythmics oder CCR. Cool geht in dem Alter anders. Mit Simon Barnicott (u. a. Arctic Monkeys) hat die Band nun erstmals mit einem »richtigen« Produzenten zusammengearbeitet. Am Ende sei man selbst etwas erschrocken gewesen, über das Potenzial der eingespielten Songs. Erschrocken freilich im Sinne von »überrascht« und nicht »ängstlich«, fügt Amandah schnell an. Der kleine, aber feine Kniff, eine Violine als neben der Stimme melodieführendes Instrument ins Line-up zu nehmen beispielsweise, war nicht gerade die erste Wahl, erwies sich aber als finaler Distinktionsgewinn: »Eigentlich wollte ich einen klassischen Lead-Gitarristen, meine Schulkameraden spielten aber größtenteils in Death-Metal-Bands und waren nicht besonders interessiert daran, in einer derartigen Band zu spielen – zumindest nicht in meiner«, lacht Wilkinson. »Dann dachte ich: Eine Violine kann doch eigentlich das Gleiche wie eine Gitarre, so what!?« Spricht’s und verweist auf die Uhrzeit, es sei früher Abend, und sie müsse jetzt mal Schluss machen. Morgen stehe schließlich ein Festivalauftritt an ...

Vom 17.–20.03. live in Deutschland. Auf intro.de: Verlosung Operator Please Yes Yes Vindictive CD // Brille / Pias / VÖ 14.03.

ARIA-Awards Die seit 1987 jährlich zu vergebende Trophäe der Australian Recording Industry Association ist immerhin die höchste Auszeichnung in der australischen Popwelt, vergleichbar mit den Brit Awards oder dem deutschen Echo. Im letzten Jahr gewannen u. a. Powderfinger, die Platzhirsche Silverchair oder Wolfmother den Preis.


042 Musik

Vampire Weekend

VON CAPE COD NACH GRACELAND UND ZURÜCK

Wo ist denn jetzt die scheiß Garderobe – rechts oder links?


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Schön, die nachwachsende Generation ordentlich gekleidet in gelben Lacoste-Poloshirts, geflochtenen Gürteln, Khakis und Segelschuhen zu sehen, findet unser Autor Joachim Schaake. Noch schöner, dass Vampire Weekend genauso klingen, wie sie aussehen. Foto: Katja Ruge

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ährend sich Yeasayer dem Thema Weltmusik auf ihrem gelungenen Album »All Hour Cymbols« eher hippieesk und psychedelisch nähern, könnte man den Stil von Vampire Weekend passend zu ihrem äußerlichen Auftreten als Preppy World Music bezeichnen. 3-Minuten-Popsongs mit verspielten, afrikanisch angehauchten Gitarrenriffs statt ausufernder Ekstase. Auf angenehme Weise kolonial wie Wes Andersons neuer Film »The Darjeeling Limited«. Erfrischend wie ein Pimm’s No. 1 Cocktail an einem Sonntagnachmittag. Dass ihre Musik trotz des durchaus ernst gemeinten Snobgehabes wohl eher im Kunsthochschul-Umfeld funktionieren wird als in Segelclubs oder auf Polo-Turnieren, liegt vor allem daran, dass sie an vielen Stellen mit den so bewusst gewählten Klischees brechen. Vampire Weekend sind liebenswert schrullig wie die Protagonisten eines – noch mal – Wes-Anderson-Films. So segeln sie beispielsweise in ihrem ersten Videoclip zum Song »Mansard Roof«, der tolles Beach-Boys-Flair versprüht, nicht in den Hafen des exklusiven OstküstenUrlaubsparadieses Cape Cod ein, sondern durch das industrielle Hinterland von New Jersey.Doch warum nennt sich solch eine Band eigentlich Vampire Weekend? »Das Ganze startete als eine Art Witz«, erzählt Schlagzeuger Christopher Tomson. »Für unseren ersten Gig brauchten wir dringend einen Bandnamen, und zu dieser Zeit hatte unser Sänger Ezra gerade einen kleinen Film unter diesem Titel gedreht.« Dieses stark von »Rushmore« beeinflusste künstlerische Frühwerk des jetzigen Bandchefs ist der Trailer für ein dann leider nie realisiertes Filmprojekt. Kurzzeitig dachte die Band darüber nach, das Vampire aus dem Namen zu streichen, sich einfach Weekend zu nennen. »Aber wir fanden dann doch, dass der Name perfekt ist, gerade weil man erst einmal etwas komplett anderes erwartet«, schließt Ezra Koenig das Thema ab. Rock’n’Roll-Elite-Uni Alle vier Vampire-Weekend-Mitglieder sind Absolventen der Columbia University in New York. Sie lernten sich auf dem Campus kennen und bezogen dort ihren ersten Proberaum. »Es war gut, dass wir abseits von der New Yorker Szene genug Zeit hatten, unseren Sound zu definieren«, erinnert sich Christopher. »Es gab keinen Druck, wir spielten auf Partys von Freunden. Als wir dann anfingen, in richtigen Clubs aufzutreten, waren wir selbstbewusst genug und wussten, dass wir unser eigenes Ding machen.« Nach der Uni wurden Vampire Weekend vorübergehend zur Feierabendband. Man traf sich nach der Arbeit entweder bei Christopher oder einem Freund, der ein Schlagzeug im Keller hatte, probte und nahm die jeweils neuen Songs meist auch gleich auf. So entstanden in ungefähr eineinhalb Jahren die zehn Stücke, die sich nun auf dem Debütalbum finden. Natürlich, ohne von Beginn

an darauf hingearbeitet zu haben, eine komplette Platte zu machen. »Es war nicht so sehr ein künstlerischer Auswahlprozess«, sagt Koenig. »Wir haben Stück für Stück aufgenommen, produziert hat unser Keyboarder Rostam. Er hat es geschafft, die über einen relativ langen Zeitraum entstandenen Aufnahmen durch ein ziemlich einheitliches Soundkonzept zusammenzuhalten.« Ihr jetziges Label XL Recordings hat das natürlich gefreut: Außer für einen Mastering-Tag musste kein Geld in die Produktion des Albums investiert werden. DIY statt David Byrne Das erste und einzige je von der Band aktiv versendete Demo ging an Luaka Bop, das Label von David Byrne. Doch zurück kam nicht einmal ein Brief mit standardisiertem Absagetext. Stattdessen brachten Vampire Weekend einige der aufgenommenen Songs in Eigenregie auf einer selbst betitelten EP heraus. Durch Shows, die sie vorwiegend in NY spielten, entstand bald Interesse bei Bookern und Labels. Es folgte lokale Presseberichterstattung, die erste US-Tour im Sommer letzten Jahres, Label-Deal mit XL, Promo-Tour durch Europa, und dank der MySpace-Seite sind Vampire Weekend nun schon seit Längerem in den Ohren der stetig wachsenden Fangemeinde. Natürlich sind sie längst nicht die erste Band, die durch Web 2.0 schon vor VÖ des Debüts Bekanntheit erlangte. Was von den Vorschusslorbeeren übrig bleibt, ist unklar. Grund zur Sorge, weil die vier Jungs im Sommer letzten Jahres ihre Jobs gekündigt haben, besteht aber wohl ebenso wenig.

Preppy ... beschreibt Kleidung, Verhalten und Lifestyle von Schülern sogenannter Prepatory Schools – Vorbereitungsschulen für die Elite-Unis der Ostküste – und meint also Old Money, den klassischen College-BoyLook, Polo-Turniere, Segeln, Golf- und Ruderclub.

Trailer Cape Cod Kwassa Kwassa »Keine Verzerrer, keine Rockklischees, jeder Song ein Mix aus verschiedenen Musikstilen«, so beschreibt Ezra Koenig Stil und Herangehensweise von Vampire Weekend. Ihre Plattensammlungen beinhalten dabei auch afrikanische Gitarrenmusik, die lateinamerikanischen Classics und den World-Music-Meilenstein »Graceland« von Paul Simon. Des Konflikts, in den sich Zöglinge liberaler OstküstenIntellektueller mit Afrika-Einflüssen begeben, ist sich die Band mehr als bewusst. In »Cape Cod Kwassa Kwassa« heißt es: »But this feels so unnatural, Peter Gabriel too.« »Immer, wenn man zwei verschiedene Dinge zusammenbringt, gibt es eine Art von Konflikt, aber das macht es ja gerade interessant«, rechtfertigt sich Koenig. »Schwierig wird es ja meist erst, wenn zu viel gewollte Authentizität mit hereinspielt.« Und in diese Gefahr begibt man sich glücklicherweise erst gar nicht, wenn man in Lacoste-Poloshirts und Segelschuhen auf der Bühne steht. Intro empfiehlt

Vampire Weekend Vampire Weekend CD // XL Recordings / Beggars Group

Interessierte finden diesen mit dem Suchbegriff »Vampire Weekend Trailer« auf YouTube.

Kwassa Kwassa Ein in den späten 80ern sehr populärer Tanzrhythmus aus dem Kongo. »Kwassa« kommt möglicherweise von dem französischen Begriff »Quoi ça?« (also »Was ist das?«). Der Tanz wurde von dem kongolesischen Musiker Pepe Kalle erfunden.

Intro #158 - Teil 1  

Musik und so. Pop, Kultur und gute Noten.