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TIPPS & TRICKS

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FESTIVALS IN 20 JAHREN

ILLUSTRATI ON: ALEX RU PPERT

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Als wir neulich hinter einer Komposttoilette ein anscheinend frisch gerauchtes, noch dampfendes Erdloch fanden, haben wir die Situation genutzt, um darin kaffeesatzgleich die Zukunft zu lesen. So sahen wir die Festivals in 20 Jahren vor uns …

s ist 2037. Gerade wirft eine amazon-Drone kaltes Bier über unserem Zelt ab, das wir mit einem Blinzeln quittieren. Bezahlt wird per implantiertem RFID-Chip im Auge. Das Einsetzen ist fast schmerzfrei. Wir sagen den anderen Bescheid. Rufen ist unnötig, dafür gibt es jetzt die Hirnsonden, die direkt mit Thinkbook connected sind. Denken wir an das Festival selber, werden unsere Gedanken direkt gepostet und gescannt. Die positiven werden automatisch vom Veranstalter geboostet, die negativen direkt aus den Timelines gespült. Da der Headliner-Pool über die letzten 20 Jahre praktisch unverändert blieb, aber die Gagen weiter in astronomische Höhen gestiegen sind, kommen nur noch die superreichen Infield-Ticket-Besitzer in Sichtweite der Bühne, vor der eine riesige Rollator-Area abgesperrt ist. Die normalen Besucher zahlen ein Schweinegeld dafür, mit VR-Brillen im Zelt zu liegen, virtuell zu onanieren und Bio-MacFood per Dronenservice zu ordern. Für VIP-Ticket-

Besitzer kommen die Bands zum Meet & Greet – als Hologramm –, was gar nicht als Illusion auffällt, denn auf der Bühne stehen schließlich auch nur Hologramme. Wie auch sonst, da die Bands auf 20 Festivals rund um den Globus zeitgleich spielen. Manche davon sind schon tot, aber da die Meldung nie geboostet wurde, hat niemand davon erfahren und schwärmt weiter für die Hologramme. Manche haben sich rechtzeitig klonen lassen. Mick Jagger soll gleich mehrfach als 70-Jähriger auf die Welt gekommen sein. Wer einen Campingplatz in Hörweite der Bühne haben möchte, zahlt extra, die anderen liegen in den äußeren Randbereichen ihrer Heimatstadt auf einem der Franchise-Plätze oder streamen das Ereignis direkt auf die heimische Wohnzimmerwand. Im Zelt hat man den Vorteil, dass oben ein Trichter angebracht ist, über den man sich Synthohol-Blasen abwerfen lassen kann, die dann über einen Schlauch direkt ins Innere fließen und entsprechend schnell getrunken werden müssen. Die Mode kam auf, weil Oma und Opa

doch immer von diesem »Dosenstechen« von früher geschwärmt haben. Toll ist auch, dass der Campingplatzboden weich und bewachsen erscheint, in Wirklichkeit aber durchlässig ist und je Zelt verschiedene Anschlüsse bietet. Einen davon kann man direkt an die Spezialhose von Unilever anschließen, die man hier trägt. Der Dixitronic 3000 saugt alles rückstandslos ab. Doch keine Panik: die virtuelle Dixi-ZApp mit Gestanks-Rezeptor und UglyUmkippHallu garantiert dabei die (un)getrübte Vintage-Erfahrung. Zumindest, wenn man rechtzeitig geblinzelt hat. Und das ist nicht der einzige Vorteil von Festivals im Jahr 2037: Wenn alles vorbei ist, steigt man ins Google-Auto und muss nichts sagen. Das Auto weiß mehr über dich als du selbst und weiß selbstverständlich auch viel besser, wohin die Fahrt geht. Der Bioscan entscheidet: Entweder zum Vitamin-Drive-In, ins Oxydrome oder direkt nach Hause, wo die Wanne schon per Google Nest informiert wurde, sich genauso volllaufen zu lassen wie du selbst.

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Festivalguide 2017  

Festivalguide online lesen: Alle Infos zur Open Air Saison 2017.

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