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Veränderungen.« Vulcu hat Erfahrungen damit, Veränderungen herbeizuführen und Krusten aufzubrechen. Sie war zu Jahresbeginn mit vielen Tausend gleichgesinnten Demonstranten gegen Korruption und Amtsmissbrauch auf den Straßen Rumäniens. Vor zwölf Jahren startete sie

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niederländischen Lowlands Festivals (richtiger Name: A Campingflight To Lowlands Paradise), Eric van Eerdenburg, hat nicht vergessen, dass die Kultur auch in den Niederlanden von der PVV, der populistischen Partei von Geert Wilders (seit den Wahlen im März die zweitstärkste Partei des Landes) nach dem Motto »Kultur ist ein Hobby der Linken!« Alle Subventionen streichen und für niederländische Folklore-Events verwenden!‹ angegriffen wurde. Auf dem Lowlands Festival bewegt sich etwa ein Viertel des Programms außerhalb von Musik. Es gibt Platz für Tanz, Theater und Comedy, aber auch Programme für Literatur, Philosophie sowie für politische Debatten und Gesellschaftsthemen. »Ich habe auch den Vorsitzenden der populistischen Partei eingeladen«, so van Eerdenburg. »Er hat die Einladung nicht angenommen.« Und doch fand die Thematik ihren Platz im Festival. Van Eerdenburg lud einen Philosophen zum Festival ein, der ein Essay über die Zusammenhänge zwischen dem aufkommenden Faschismus der 1930er Jahre und der populistischen Bewegung, die sich derzeit in Europa ausbreitet, schrieb. Dies erregte große Aufmerksamkeit und wurde heftig in den Medien diskutiert – sicherlich auch ein Verdienst der Popularität des Festivals mit 55.000 Besuchern und seiner medialen Strahlkraft. Doch ist Politik tatsächlich die Aufgabe von Festivals, deren Kernkompetenzen seit jeher Unterhaltung und Eskapismus sind? Christof Huber, Geschäftsführer der europäischen Festivalvereinigung Yourope und Veranstalter des Open Air St. Gallen in der Schweiz, ist sich da sicher: »Europa ist in der wohl schwierigsten Krise seiner Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt leider bereits einige Länder in Europa, wo gewisse Festivals Angst haben müssen, sich politisch zu äußern, und Folgen fürchten müssen«, berichtet er und fährt fort: »Wir können das Sprachrohr sein von Generationen, erreichen Millionen von jungen Leuten bei unseren Events in ganz Europa. Wir können, nein, wir müssen heute unsere Besucher zur aktiven Arbeit in der Gesellschaft aufrufen.

Die Festivalszene, die ich kenne, und die Leute hinter diesen erstaunlichen Festivals: Wir haben eine gemeinsame Utopie. Respekt, Toleranz, Zusammengehörigkeit, Offenheit, Neugier, Leidenschaft, Inklusion, andere zu unterstützen und ihnen zu helfen und Liebe.

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als junge 25-jährige Frau und unabhängige Veranstalterin ihre Festivallaufbahn in einer postkommunistischen Gesellschaft, in welcher immer noch Männer für alles verantwortlich waren. Ihre gesamte Kreativität sei gefragt gewesen und das habe auch großen Spaß gemacht, erinnert sie sich. »Ich musste mit einer sehr veralteten Mentalität kämpfen, Überbleibsel der kommunistischen Zeiten, in welchen jeder, der Rock, Punk oder Metal hörte, als Problem für die Gesellschaft angesehen wurde.« Man ist versucht den Kopf über derlei antiquierte Ressentiments zu schütteln und doch scheinen sie heute ob der rückgewandten Gesellschaftsströmungen eben gar nicht mehr so weit weg. Der Chef des

B A C K S TA G E

werden, der Menschen verbindet und an dem man sich umeinander kümmert. Natürlich definieren die Festivalmacher ihre Ziele und Werte unterschiedlich. »Festivals sind wie Menschen: voneinander verschieden«, sagt Mauro Valenti, seit über dreißig Jahren verantwortlich für Italiens Arezzo Wave Love Festival mit bis zu 20.000 Besuchern am Tag. »In meinen Augen ist mein Fest wie ein Zug, der Musik als seine Lokomotive hat und seine Waggons sind Räume, die mit positiven Botschaften für das Publikum gefüllt werden.« Das klingt 1500 km weiter nördlich gar nicht so anders, wenn Thomas Jensen, einer der Veranstalter des Wacken Open Airs, über das bedeutendste Metalfestival der Welt sagt: »Für mich persönlich haben Musikfestivals immer den Geist von Freiheit und Austausch. Auf Wacken bezogen ist es immer unser Ziel, die dazu erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Also einen Ort mit möglichst wenig Einschränkungen und Verboten, wo jeder sein Ding machen kann.« In diesem Fall ist der Ort eben ein inzwischen weltbekanntes Dorf in Norddeutschland, in dem 80.000 Gleichgesinnte aus aller Herren Länder zusammenkommen, um unter dem Banner ihrer Musik vereint zu feiern. Denn »Musik bedeutet für mich schon immer Freiheit und sein Ding zu machen! Das war vor 28 Jahren so, ist jetzt so und wird auch in 15 Jahren so sein«, ist sich Jensen sicher. Offene Gesellschaft, Toleranz und Freiheit, durch Kultur und Musik verändern – die Schnittmenge der Festivalwerte ist groß und doch muss man weiter und über das Event hinaus denken, will man mit diesen Werten tatsächlich etwas Handfestes erreichen: »Ich glaube, dass eine wirkliche Veränderung in der Gesellschaft nur dann geschehen kann, wenn das Gefühl und die Werte, welche wir innerhalb der Festivalgemeinschaft teilen, in unsere alltäglichen Handlungen, die kleinen und großen, übersetzt werden«, meint Codruta Vulcu, Veranstalterin des ARTmania Festivals, dem bedeutendsten seiner Art in Rumänien. »Diese Alltagshandlungen sind die eigentlichen Auslöser für positive

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Festivalguide 2017  

Festivalguide online lesen: Alle Infos zur Open Air Saison 2017.

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