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Live Nation gönnte sich im November 2014 Seatwave, das ebenfalls im Jahre 2006 mit großen Mengen Geldes diverser Investoren in London aus der Taufe gehoben wurde. Angedockt an Ticketmaster, einem Tochterunternehmen von Live Nation, expandiert Seatwave derzeit in Europa und startete zu Beginn des Jahres Ableger in Finnland und Schweden. Kurz bevor Ticketmaster 2009 von Live Nation übernommen wurde, erwarb das Unternehmen 2008 in England noch die Ticketbörse Get Me In.com, die nun ebenso im Portfolio des US-amerikanischen VeranstaltungsGiganten aufging. Aktuell besitzt Viagogo Filialen in 60 Ländern und gilt als der Marktführer, während Stubhub in 48 Ländern seinen Geschäften nachgeht. Dementsprechend lang ist die Liste von Medienberichten über Gerichtsverfahren, Skandalen und sonstigen Missetaten im Bereich der regulären Presse, während in Wirtschaftsmedien über Wachstum und Gewinnaussichten berichtet wird. Im Geschäftsbericht für 2016 verkündete Live Nation, dass ihr Secondary Ticketing-Geschäft nochmals um 26 Prozent zulegte, während Ebay für Stubhub in 2016 einen Rekord von 167 Millionen Ticketverkäufen mit einem Umsatzvolumen von 1,2 Milliarden US-Dollar meldete. Dagegen wirkt das in Deutschland börsennotierte Unternehmen CTS Eventim mit seiner Börse Fansale.de nun wirklich wie ein kleiner Fisch.

UND DEUTSCH­L AND SO? Dass der Schwarzmarkt hierzulande prosperiert, bestätigt auch Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer bei FKP Scorpio, Marktführer für Festivals in Europa darunter Hurricane und Southside: »Nicht nur die Zahl der angebotenen Karten, sondern auch die Vielzahl der entsprechenden Plattformen und deren Professionalität hat enorm zugenommen und ist längst zu einem ernst zunehmenden Problem geworden.« Doch Medienberichte über derartige Geschäftsmodelle sind in Deutschland seit Jahren nicht nur zahllos, sondern vor allem folgenlos. Egal ob Bundesliga, Konzerte oder Festivals: Hierzulande versteht sich der Gesetzgeber immer noch als Gralshüter der freien Marktwirtschaft und räumt dies auf Anfrage auch gerne ein.

Festivalguide konsultierte das Bundesjustizministerium unter Leitung von Heiko Maas (SPD), das auch für den Verbraucherschutz zuständig ist und fragte nach den Gründen. Dazu äußerte ein Sprecher des Ministeriums wie folgt: »Veranstalter können sich gegen das Erwerben ihrer Eintrittskarten, mit der Absicht die Eintrittskarten gewinnbringend an Dritte weiter zu verkaufen, ausreichend selbst schützen, indem sie ihre Preise so kalkulieren, dass Dritte mit dem Weiterverkauf von Karten keine zusätzlichen Gewinne erzielen können, weil schon die Veranstalter den Markt ausgeschöpft haben.« Im Ernst? Heißt das nicht, dass die Veranstalter selbst schon mal 500 Euro verlangen sollen, damit es für Viagogos nicht mehr attraktiv wird? Auch in Sachen Bot-Einsatz ist man im Ministerium sehr freizügig mit lapidarer Hilfe zur Selbsthilfe (sofern man nicht gemeinsame Sache mit Ticketbörsen machen möchte): »Wenn der Veranstalter mit seinen Kartenpreisen den Markt selbst nicht ausschöpfen will, weil er seine Veranstaltung einem breiten Publikum zugänglich machen will, dann kann er die Eintrittskarten auf den Namen des jeweiligen Erwerbers ausstellen und die Abtretung des Anspruchs auf Teilnahme an der Veranstaltung grundsätzlich an seine Zustimmung binden. So lässt sich auch der Einsatz von Bots wirksam ausschließen.« Nun ja, theoretisch könnten personalisierte Tickets ein Mittel gegen den Wiederverkauf sein. Praktisch wird trotzdem verkauft und der Käufer trägt dabei das Risiko, sollten die Personalien überprüft werden. Abgesehen von einer deutlich erkennbaren Praxisferne innerhalb des Ministeriums, lautet die Botschaft hier: Möge der Markt dieses Problem doch selber lösen. Generell ist man offensichtlich dort der Ansicht, dass »ein strafrechtliches Verbot des gewerblichen Weiterverkaufs von Eintrittskarten für Veranstaltungen, wie dies Artikel 313-6-2 des französischen Code Penal vorsieht, mit Blick auf die Schutzmöglichkeiten, die schon das Zivilrecht den Veranstaltern bietet, nicht erforderlich ist.« Scumeck Sabottka, Geschäftsführer der Konzertagentur MCT (u.a. Rammstein, Kraftwerk, Robbie Williams, sowie Mitveranstalter des Hurricane) kommentiert die Haltung des Ministeriums so: »Nicht gerade solidarisch für einkommensschwächere oder jüngere Konzertbesucher/innen diese Stellungnahme des Amtes. Ebenso schade,

Beschwerden

bei der Verbraucherzentrale Bayern über Secondary-TicketingPlattformen nach Häufigkeit

1. Überhöhte Bearbeitungsgebühren, erst nachträglich ersichtlich 2. Tickets werden überteuert weiterverkauft 3. Ungültige Tickets 4. Tickets nicht erhalten, Rechnung schon 5. Karten werden kurzfristig (3 Tage vor Event) zugestellt 6. Kein Kauf, trotzdem Forderungen 7. Falsche Tickets erhalten 8. Aggressive Werbung 9. Identitätsdiebstahl

dass ein vom Gesetzgeber vorgegebenes Verbot wie in Frankreich hier nicht als Schutz der Fans vor Abzockern à la Viagogo und Seatwave verstanden wird – da muss den Damen und Herren vom Amt nochmal etwas erklärt werden.« Auch Kiki Ressler, Chef der Konzertagentur KKT, findet: »Diese Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für all jene Bands, die sich seit Jahrzehnten bei der Gestaltung der Eintrittspreise eben nicht an dem Marktwert orientieren, sondern versuchen, einen möglichst sozialen, von allen ihren Fans finanzierbaren, Eintrittspreis vorzugeben. Das betrifft im besonderen, aber nicht ausschließlich, die von uns vertretenen Gruppen Die Ärzte und Die Toten Hosen.« Hinzu kommt, »dass alle genannten Schutzmaßnahmen, die wir gegen einen Schwarzmarkt erheben sollen, nicht unerhebliche Kosten erzeugen und letztlich aus unserer Erfahrung her nicht wirklich wirksam, bzw. bei Großveranstaltungen auch nicht mal zu 60% durchzusetzen sind. Das ist wirklich kein Argument gegen eine gesetzliche Regelung.« Auch Karsten Jahnke (Elbjazz Festival, Reeperbahn Festival, Way Back When) merkt an: »Allein die Tatsache, dass sich alle großen Ticketanbieter mittlerweile

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Festivalguide online lesen: Alle Infos zur Open Air Saison 2017.

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