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durch den Weiterverkauf an Live Nation »rückvergütete«. Konfrontiert mit Lieferschein und Rechnungen, bemühte sich der Filialleiter des Unternehmens gegenüber dem TV-Team den Vorgang kleinzureden, was allerdings die Guardia Finanza im folgenden November nicht von umfangreichen Hausdurchsuchungen abhielt. Und das Problem ist ein weltweites: In Spanien verkauften Viagogo & Co. Karten für ein angekündigtes Konzert von Joaquín Sabina für das noch gar keine Karten im Vorverkauf waren. Die gleiche Verkaufsmasche ereilte den populären Barden Vasco Rossi in Italien. In Australien verklagen Verbraucherschützer zeitgleich Viagogo und Ticketmaster Resale für Wucherpreise für Konzerte von den Avalanches und Justin Bieber.

HANDARBEIT WAR GESTERN Längst ist klar, dass es keineswegs wieselflinke Fans sind, die es schaffen, ganze Ticketkontingente von Großveranstaltungen binnen Minuten aufzukaufen. Neuerdings erfolgt der An- und Verkauf von Eintrittskarten vollautomatisiert, wird von Algorithmen und Bots, also selbständig operierenden Computerprogrammen, erledigt. Aufgrund dieser Erkenntnis erließ die Obama-Administration kurz vor Ende ihrer Amtszeit den »BOTS-Act«, ein Gesetz, das den Einsatz von Bots beim Ticketkauf verbietet. So berichtete die New York Times am 8. Dezember, dass ein einzelner Käufer 1.000 Karten für ein Konzert von U2 in weniger als einer Minute erwarb. Auch verwies das Blatt auf politische Anstrengungen in Italien und England, diesem unlauteren Treiben gesetzlich beizukommen. Der italienische Kulturminister Dario Franceschini sprach sich nach dem »Coldplay-Gate« für die Einführung eines Gesetzes gegen den unautorisierten Wiederverkauf, ähnlich wie dem in Frankreich, aus. Dort erließ die französische Regierung unmittelbar vor den Wahlen im Frühjahr 2012, u. a. auf Druck des Konzertveranstalter-Verbands Prodiss, das bislang wirksamste Gesetz gegen den unerlaubten Wiederverkauf von Eintrittskarten. Verankert im Strafgesetz behalten Veranstalter vom Beginn des Vorverkaufs bis zum Veranstaltungsbeginn die Kontrolle über den Verkauf der Karten. Zuwiderhandlungen

werden im Erstfall mit einer Geldstrafe von 15.000 Euro, im Wiederholungsfall von 30.000 Euro geahndet. In England sorgte Anfang des Jahres der Weiterverkauf von Tickets eines CharityKonzerts von Ed Sheeran zugunsten des Teenage Cancer Trust in der Royal Albert Hall für den Gesinnungswandel in Politik und Verwaltung. Allen voran war es wieder einmal Viagogo, die, gemäß einem Artikel im Guardian, Karten mit einem Originalpreis von 75 £ schamlos für 500 bis 2300 £ anboten – selbstverständlich ohne die Absicht, den Mehrerlös dem Teenage Cancer Trust zu spenden. Im März diesen Jahres berichtete The Guardian, dass die britische Regierung an einem Gesetz arbeite, das, ähnlich wie in den USA, ein Verbot von Bots vorsehe, aber zugleich auch Verbraucher sowie Veranstalter besser schützen solle, als dies bislang der Fall sei. In England ist zwar der Wiederverkauf von Eintrittskarten für die Fußballspiele der Premier League aus Sicherheitsgründen gesetzlich untersagt, nicht aber für Konzerte oder Festivals.

WIE KONNTE ES SOWEIT KOMMEN? Das Thema ›Betrug auf dem Zweitmarkt‹ an sich ist nicht neu, die Industrialisierung des Schwarzmarkts hingegen schon. Binnen fünfzehn Jahren hat sich dieser Teil des Ticketgeschäfts verselbstständigt und profitiert von technologischen und medialen Entwicklungen sowie der Trägheit von Politik und Branche, die derartigem Geschäftsgebaren bislang nur punktuell entgegenwirken. Hinzu kommt, dass die Profitmargen in diesem Geschäft derart groß sind, dass sie das rasante Wachstum mitfinanziert haben. US-Konzerne wie Ebay und Live Nation konnten der Versuchung daher nicht widerstehen und verleibten sich die eine oder andere Börse ein. Eric Baker, ein ehemaliger Investment Banker, gründete 2000 mit Partnern Stubhub und verkaufte 2007 das Unternehmen für 310 Millionen US-Dollar an Ebay. Geschäftstüchtig wie Baker es an der Elite-Uni Stanford gelernt hat, gründete er parallel bereits 2006 in London Viagogo, unter anderem mit illustren Investoren wie den einstigen Tennis-Größen Steffi Graf und Andre Agassi; so berichtete das Handelsblatt im Februar 2009.

B A C K S TA G E

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er kennt es nicht: Festivals und Konzerte sind manchmal in Rekordzeiten ausverkauft. Man hofft und klickt, aber nichts ist zu machen. Anscheinend sind Eintrittskarten online zum regulären Eintrittspreis oftmals bereits Minuten nach Beginn des Vorverkaufs nicht mehr zu haben. Aber der Schein trügt, denn es gibt diesen feinen Unterschied zwischen Ticketportalen wie Eventim.de oder Ticketmaster.de und sogenannten Ticketbörsen wie Seatwave, Stubhub oder Viagogo. In den Ticketbörsen finden sich erfahrungsgemäß Restkarten oder Karten von mutmaßlich verhinderten Kartenbesitzern, die dort teils mit gehörigen Aufschlägen und absurd hohen Gebühren feil geboten werden. Trotzdem boomt der Wiederverkauf von Eintrittskarten über solche Ticketbörsen sogar und soll weltweit nach Medienberichten einen Jahresumsatz von rund 8 Milliarden US-Dollar generieren. Aber es sind nicht nur wirtschaftliche Erfolgsmeldungen, die Schlagzeilen machen. Immer wieder sind es Verbraucherschützer oder Whistleblower, die in steter Regelmäßigkeit die fragwürdigen Geschäftsmethoden dieser Branche anprangern und offen legen. In Deutschland zeugen davon aktuell TV-Reportagen, wie die des ZDF-Magazins Frontal21 unter der Überschrift »An der Ticketbörse abgezockt, überhöhte Preise, unzufriedene Kunden« vom 14. März oder »Viagogo – Verbraucherschützer warnen vor Abzocke« von Stern TV am 29. März. Im internationalen Vergleich nehmen sich diese Berichte eher harmlos aus. Im Oktober letzten Jahres sorgte das italienische TV-Magazin Le Iene mit einem Beitrag weltweit für Aufregung, der vor Ort nun Staatsanwälte und Regierung beschäftigt. Dank eines Whistleblowers konnten Journalisten anhand von Dokumenten und Abrechnungen belegen, dass der örtliche Ableger von Live Nation, dem weltgrößten Konzertkonzern, Karten für einen Auftritt von Coldplay noch vor Vorverkaufsbeginn direkt an Viagogo und andere Ticketbörsen lieferte, über die sie anschließend mit gewohnt deftigen Aufschlägen verkauft wurden. Abgesehen davon belegte die den Journalisten vorgelegte geschäftliche Korrespondenz, dass Viagogo im Gegenzug für die Tickets des Mailand-Konzertes der Band im Juli 2017 bis zu 90 Prozent der Gewinne

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