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weil sie ebenfalls drei Jahre hintereinander Pech mit dem Wetter hatten und weniger Leute kamen als angenommen. 2004 ist Intro eingestiegen, was auch musikalisch passte, weil sich auf deren Seiten eben auch über elektronische Musik unterhalten wurde und die Zeitschrift eh ein eigenes Festival ins Leben rufen wollte. Seitdem ist das Melt eigentlich nur noch gewachsen. Geht der Trend bei den Festivalveranstaltern weg von den klassischen Impresarios und Szeneliebhabern und hin zum Großkonzern und zur Aktiengesellschaft? SL: Die ganze Branche ist auf jeden Fall professioneller geworden. Viele Leute haben die Veranstalterei ursprünglich nebenher gemacht, bis sie gemerkt haben, dass man sich auch ein ganzes Jahr lang mit einem Festival befassen kann. Ab einer bestimmten Größenordnung bleibt einem auch gar nichts anderes mehr übrig, als Angestellte einzustellen. Es gibt natürlich immer noch Festivals, die von irgendwelchen Kumpels organisiert werden, aber vor allem gibt es heute zehnmal so viele wie vor 20 Jahren. Und das ist eben auch für Konzerne interessant. TR: Ich glaube, dass es heute viel schwieriger geworden ist, ein neues Festival zu etablieren. In dem Moment, wo man von der Größenordnung in professionelle Strukturen gezwungen wird, hat man am Markt Schwierigkeiten, weil das mittlerweile ein sehr großes Geschäftsfeld geworden ist. Viele Veranstalter gründen aus ihren Festivals heraus andere Geschäfte, und andersrum wünschen sich viele Veranstalter eigene Festivals, um Bands besser an sich zu binden. Auch für Konzerne wird das als Geschäftsmodell interessant, denn wenn ein Festival richtig läuft, ist das durchaus eine wirtschaftliche Größe. Andererseits: Wenn’s dann schiefgeht, streckt’s einen ordentlich dahin, wie ich aus Erfahrung sagen kann. Das Risiko ist größer geworden. Was sind die denkwürdigsten Erfahrungen, die sich euch in den 20 Jahren eingeprägt haben? SL: Einer meiner tollsten Momente war, bei meiner Lieblingsband Oasis mit auf der Bühne stehen zu müssen. Wie man sich

»Einer meiner tollsten Momente war, bei meiner Lieblingsband Oasis mit auf der Bühne stehen zu müssen.« Stefan Lehmkuhl

das von Superstars wie Oasis so vorstellt, wollten die damals eine Polizeieskorte und zehnmal so viel Security wie die anderen. Da sollte unbedingt ein Verantwortlicher mit auf die Bühne, falls irgendetwas schiefgeht oder ein verrückter Fan Noel abstechen will. Da habe ich mich aber gerne zur Verfügung gestellt. Statt Backstagepässen gab es bei denen Jacken, davon habe ich dann auch eine bekommen, die ich am Schluss behalten durfte. Umso schöner, weil das die vorletzte Oasis‑Show überhaupt war.

TR: Die skurrilen Erfahrungen macht man ja oft an Künstlern fest. Und gerade, wenn man wie wir auch Künstler aus dem Ausland vorstellen will, prallen teilweise zwei Welten aufeinander. Da holt man zum Beispiel Leute vom Flughafen ab, und da kommt einem ein Typ mit einer Fritteuse entgegen und sagt: »Ich bin der Koch von Snoop Dogg.« Den muss man dann durch die Sicherheitsschleuse bringen, ohne dass sich jemand daneben benimmt und die Polizei einfach sagt: »So, wir haben jetzt keine Lust mehr, jetzt bleibt ihr einfach hier.« Dann bringt man die alle ins Fünf-SterneHotel, der Typ mit der Fritteuse checkt ein und bekommt erst mal zu hören, dass man nicht auf dem Zimmer kochen darf. Dann muss man dem irgendwie einen Platz in der Küche organisieren. Klingt nach einem Job als Diplomat und Kindergärtner. TR: Genau. Das Schlimmste ist eigentlich, wenn die über mehrere Tage da sind. Dann haben die so viel Zeit, um Quatsch zu machen, dass garantiert immer etwas schiefgeht. Die schaffen es, zu spät zum Festivalgelände zu kommen, obwohl sie bereits seit zwei Tagen vor Ort sind. Oder sie gehen ihrem Kiffer‑Hobby so exzessiv nach, dass irgendwann der Anruf kommt: »Wir brauchen einen Arzt, Snoop Dogg sieht nichts mehr!« Solche Sachen haben wir schon relativ oft gehabt, und bei einigen Künstlern ist auch schon ein Extragefolge dabei, das weiß, wie sie auf ihren Typen am besten aufpassen können. Für den Veranstalter wiederum ist das eigentlich noch viel anstrengender, weil die dann alles in alle möglichen Richtungen absichern wollen, und wir dann so was sagen müssen wie: »Sorry, aber in Deutschland gibt es keine Polizeieskorte für Künstler.« Da haben wir vom Melt aber anderes gehört. SL: Es stimmt, dass wir in Gräfenhainichen einmal mit dem Präsidium geredet und die den Spaß ausnahmsweise mitgemacht haben. Bei Oasis haben wir es damals geschafft, dass die Polizei sie vom Festivalgelände begleitet hat. Zumindest noch bis zur Bundesstraße.

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Festivalguide 2017  

Festivalguide online lesen: Alle Infos zur Open Air Saison 2017.

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