Page 129

129

Stefan, Thomas, was muss man als Veranstalter heutzutage beherzigen, damit ein Festival sein Zwanzigjähriges erlebt und nicht vorher von einem Schicksal à la Bizarre, Rheinkultur oder Omas Teich ereilt wird? Stefan Lehmkuhl: Pauschal kann man das nicht beantworten, weil es viele Gründe für ein Scheitern geben kann. Beim Bizarre war es hinterher so, dass die alle total zerstritten waren, und dass unklar war, wer da überhaupt den Hut auf hat. Bei der Rheinkultur gab es irgendeinen behördlichen Ärger. Und Omas Teich ist verkauft worden, so dass dann irgendwann die Luft raus war, weil es keine richtige Kontinuität gab. Ich würde sagen: Man muss den Festivalkunden gegenüber kontinuierlich eine gute Leistung erbringen und hoffen, dass es ihnen gefällt, so dass sie im nächsten Jahr wiederkommen. Sowohl das Splash! als auch das Melt sind ja auch angetreten, um Dinge anders zu machen als die anderen Festivals. Das Hurricane und das Bizarre zum Beispiel bestanden damals im Grunde nur aus einer grünen Wiese mit einer Bühne drauf und ein paar Sponsoren drum herum, dazu Essen und Trinken in relativ schlechter Qualität. Okay: Nicht, dass wir das in den ersten Jahren viel besser gemacht hätten, aber wir haben uns zumindest vorgenommen, es anders zu machen. Thomas Resch: Wobei wir da durchaus wie die Jungfrau zum Kind gekommen sind. Das erste Splash! haben wir vom Grundsatz her noch für einen Verein organisiert, der sich hinterher wieder zurückgezogen hat, als ihm bewusst wurde, dass so ein Unternehmen auch mit Risiken behaftet ist. Nur, weil wir der Meinung waren, dass wir die ganze Arbeit nicht umsonst gemacht haben wollten, sind wir da reingeschlittert und haben gesagt: Dann machen wirʼs halt alleine. Was hat sich für euch als Veranstalter seit 1997 in diesem Geschäft verändert? SL: Der Kunde ist auf jeden Fall anspruchsvoller geworden. Beziehungsweise: Die Fes-

Thomas Resch

tivals sind mehr auf die Lebensbedürfnisse der Menschen eingegangen. Die absolute Grundversorgung mit Zeltplatz, Konservenbüchsen und Dosenbier spricht heutzutage vielleicht noch die Schulabgänger an, die ihr erstes Festival besuchen. Aber der 20-jährige Großstädter oder anspruchsvollere Musikhörer fragen sich schon, warum sie etwa auf die veganen Imbissangebote verzichten sollen, die sie von zuhause gewöhnt sind. TR: Beim Splash! beobachten wir, dass es da den Festivalisten gibt, der all den Neuerungen und dem vermeintlichen Luxus eher ablehnend gegenübersteht und sich fragt, was das noch mit Festival zu tun haben soll. Bei dem Publikum, das wir ansprechen, ist das aber auch ein Mythos. Das sind nicht mehr die, die Festivals noch so urtümlich kennengelernt haben, das ist mittlerweile eine ganz neue Generation. Dazu muss man sagen, dass wir früher auch schon Anrufe auf unserer Tickethotline hatten, in denen sich die Leute erkundigen wollten, wie das denn alles so funktioniert auf einem Zeltplatz. Da kamen Fragen wie: »Und wie viele Leute schlafen dann in so einem Zelt?« Die haben das so verstanden, als sei da schon alles hergerichtet, so wie es das inzwischen vermehrt ja wirklich gibt. Aber 1998 war das Splash! für 95% der Besucher das erste Festival, das sie überhaupt besucht haben, weil es vorher keine HipHop-Festivals gab. Mit all der fehlenden Erfahrung, die wir hatten, sind auch die Besucher da aufgeschlagen, von daher gab es nicht allzu große Aufschreie. Alle waren von der Gemeinschaftserfahrung so geflasht, dass andere Dinge ausgeblendet wurden. Trifft das von Veranstalterseite auch auf den finanziellen Aspekt zu? Da gab es zwischendurch ja eine besorgniserregende Schieflage.

B A C K S TA G E

»1998 war das Splash! für 95% der Besucher das erste Festival, das sie überhaupt besucht haben, weil es vorher keine HipHopFestivals gab.« TR: Wir haben auf jeden Fall viel zu lange gebraucht, um das Festival zu professionalisieren, was uns neben dem Wetterchaos zwischenzeitlich sicher auch zum temporären Scheitern gebracht hat. Wir konnten mit diesen widrigen Umständen damals nicht aktiv umgehen, und es hat uns finanziell in eine extreme Lage gebracht. Wir hatten im vorigen Zeitraum keine Rücklagen gebildet und konnten das, was durch die Schäden entstanden ist, deshalb nicht regulieren. Wir sind dann ganz klassisch in einen Insolvenzplan gegangen, mit einem Verwalter, der berechnet hat, wie wir über sieben Jahre unsere Schulden tilgen konnten. SL: Neben dem Wetter und den Finanzen kam da doch noch die Genrekrise dazu, oder? TR: Ja, da kam vieles zusammen. Mitte der 2000er war der HipHop in Deutschland mal wieder auf einem Tiefpunkt angelangt, der von außerhalb gerne als »Aggro‑Berlin‑Ära« bezeichnet wird. HipHop wurde damals ganz weit weggeschoben, nach dem Motto: Damit will man nichts zu tun haben, das sind ja ganz merkwürdige Menschen, das kann man sich nicht anhören, was die da wollen. Auch in der Szene gab es eine Bereinigung, und viele haben sich abgewandt, weil sie zu wenig daran gut fanden. Bis irgendwann wieder eine Erneuerung stattgefunden hat, rechtzeitig zum Wiederaufstieg des Splash!. Auch beim Melt gab es zwischendurch eine Pause und einen Relaunch. Was war da passiert? SL: Das Melt hat sehr klein als Tagesrave angefangen und dann 2004 den Veranstalter gewechselt. Das Festival war damals erst noch auf dem Weg zu seiner Größe, aber es hatte die Vision, Genres zu vermengen, vom reinen Technorave zum Multi‑Genre‑Festival. Zunächst gab es einen Techno- und einen Rocktag, was auch gut ankam, aber die Reputation des Festivals war dabei immer größer als das Festival selbst, das nur drei- oder viertausend Leute anzog. Den Veranstaltern ist dann finanziell die Puste ausgegangen,

Profile for Intro GmbH und Co. KG

Festivalguide 2017  

Festivalguide online lesen: Alle Infos zur Open Air Saison 2017.

Festivalguide 2017  

Festivalguide online lesen: Alle Infos zur Open Air Saison 2017.

Profile for intro
Advertisement