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THERESA LOCKER - DIE FARBE BLAU - TATTOOS UND GESELLSCHAFT

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s ist mir kein Fleck der Erde bekannt, von den Polarregionen bis Neuseeland, in denen sich die Eingeborenen nicht tatauieren“, schrieb Charles Darwin einst. Und heute? Ein Anker auf dem Oberarm, das Gesicht des verstorbenen Pudels auf dem Rücken oder ein „Arschgeweih“ über dem Hosenbund – Tattoos sind nach jahrtausendelanger Geschichte heute gängiger Modeschmuck quer durch alle Schichten und Teil der Alltagskultur in Westeuropa geworden. Doch nicht überall werden Tätowierungen so leicht genommen. In anderen Teilen der Welt kann das Zurschaustellen bestimmter Symbole eine Gefahr für das eigene Leben bedeuten. So zum Beispiel in Mittelamerika, wo sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte gewalttätige Jungendgangs, sogenannte Maras, zur Bedrohung für die ganze Region entwickelt haben. Die knapp 80 000 Mitglieder der größten Bande, „Mara Salvatrucha“, kontrollieren mittlerweile den Drogenhandel in den städtischen Vierteln Guatemalas, El Salvador, Honduras und zum Teil auch in den USA. Ihre Zugehörigkeit und ihre Vergehen lassen sie mit blauer Tinte in ihre Haut tätowieren. Je ranghöher das Mitglied, umso höher werden die Initialen „MS“ auf dem Körper platziert. Nach Jahren der eskalierenden Gewalt verabschiedeten die Regierungen

BRIEF UND SIEGEL

Zentralamerikas vor einigen Jahren strenge „Anti-Mara-Gesetze“, nach denen aufgegriffene Jugendliche allein anhand ihrer Tattoos zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt werden können. Rehabilitationsprogramme existieren so gut wie nicht. „Umso belastender ist für viele Mitglieder der Ausstieg“, erzählt der niederländische Ethnologe Maarten Hesselt van Dinter.

Die Technik entstammt der Holzschnitzerei, daher wurden die Designs eher in die Haut graviert als gestochen. Mit einem Schaber wurde die oberste Hautschicht abgetragen, dann rieben die Tätowierer blaue Pigmente unter die Haut. Das Ergebnis vernarbte reliefartig. So konnten Konturen plastisch hervorgehoben werden. Die Ta moko machten ihren Träger unverwechselbar – so sehr, dass die Engländer, wenn sie mit einem Maori-Häuptling einen Vertrag abschlossen, ein Bild seiner Gesichtszeichnung als Siegel verlangten. Das koloniale Erbe trug bizarre Früchte: Um 1880 florierte der Handel mit tätowierten Köpfen in Europa. Nachdem sich Maori im 20. Jahrhundert tendenziell eher für ihre verschlungenen Gesichtsmale schämten, entdecken sie erst in den letzten Jahren ihre eigene Kultur wieder.

Obwohl das Tätowieren in Haft verboten ist, gehören die oft aufwändigen Tattoos mit selbstgebauten Geräten in der Gefängnisgesellschaft zum guten Ton und verschaffen Respekt. In Japan sind Tätowierungen generell mit dem Ruch des Verbrechertums belastet. Yakuza, japanische Mafiosi, schmücken ihren gesamten Körper mit großflächigen traditionellen

DIE FARBE BLAU Zwischen Stolz und Stigma: Tattoos und ihr Ansehen in der Gesellschaft

Die permanente Markierung spielte auch in und nach der Zeit des Nationalsozialismus eine schreckliche Rolle im Zusammenhang mit Verbrechen in Deutschland. Während die Nazis KZ-Gefangenen eine Nummer eintätowierten, sie somit brandmarkten und gleichzeitig ihrer Identität beraubten, konnten die Alliierten nach dem Krieg Mitglieder der SS durch ihre damals obligatorische Blutgruppentätowierung auf dem Arm leichter identifizieren – sofern sich die Verdächtigen nicht vorher in den Arm schossen oder anderweitig versuchten, das Stigma zu vertuschen.

Ob Mitglied oder Aussteiger - Banden wie die Mara Salvatrucha zeichnen ihre Anhänger für’s Leben

„Das Brüsten mit den GangInsignien ist daher einer allgemeinen Vorsicht gewichen, die Tätowierungen innerhalb der Banden sind rückläufig“.

ihrer Bilder auf der Haut – so steht eine Träne zum Beispiel für einen begangenen Mord. Aber auch satirisch-politische Bilder sind seit den Sowjetzeiten verbreitet.“

Bildmotiven, die Stärke und Tapferkeit demonstrieren sollen. „Viele öffentliche Orte wie Badehäuser verweigern daher Tätowierten pauschal den Einlass“, so Van Dinter.

SIEGEL, SCHUTZ UND STRAFE

Mit derlei negativen Konnotationen sind Träger von Tattoos heutzutage in Deutschland weitestgehend nicht mehr behaftet. Trotzdem erkennt der Forscher van Dinter weltweit Konstanten in der gesellschaftlichen Funktion eines Körperbildes: „Es scheint, als gingen tätowierte Menschen einem uralten Drang nach, ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten und diesen nach außen hin zu signalisieren.“ Nicht umsonst sind die meisten Tätowierungen Amulette oder bestärken das Selbstbild: „So wie sich ein polynesischer Fischer mit einem tätowierten Talisman vor Haien schützt, präsentiert der Westler seinen Trotz in Form von zur Schau gestellten Bildern auf der Haut. Insofern fügt sich die westliche Praxis des Tätowierens nahtlos in die Bräuche der traditionellen Tätowierkulturen ein.“

3 FRAGEN AN DEN PROFI

EINE LINIE

Farbe in der Haut erfüllt unendlich viele Funktionen. Drei Beispiele.

■ Was kostet das Ganze? Ein Tätowierer nimmt pro Stunde ungefähr 80 Euro. Wer allerdings ein Design für sich persönlich entworfen haben möchte, muss bis zu 600 Euro zahlen. Ansonsten: Selbst eine Vorlage mitbringen!

AUF DER STIRN

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or dem Eintreffen der Europäer trugen alle hochrangigen Maori-Männer und auch manche Frauen Maskentattoos, die sogenannten Ta moko, im Gesicht. Die Ta moko sind akkurat gezogene Landschaften aus Spiralen, Kreisen und Winkeln. Sie stellen die eigene Lebens- und Stammesgeschichte dar, doch nur der Träger kennt die genaue Bedeutung. Kein Symbol gleicht dem anderen.

Der in Amsterdam geborene van Dinter hat acht Jahre lang weltweit für ein Buch über Tätowiergeschichte und -symbolik recherchiert und kennt die innige Verbindung zwischen Kriminalität und Tätowierung auch aus anderen Regionen: „In russischen Gefängnissen kommunizieren die Inhaftierten ihre Lebensgeschichte über die komplexe Symbolik

SPIRITUELLE VERSICHERUNG

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er im Straßenverkehr von Bangkok bestehen will, braucht starke Nerven – oder zumindest einen guten Schutz. Mindestens seit dem 16. Jahrhundert ließen sich Menschen, die in gefährlichen Berufen arbeiteten, in buddhistischen Tempeln blaue Tattoos stechen, denen magische Eigenschaftennachgesagt werden – die Sakyan. Auch heute blüht die traditionelle Tätowierkultur in Thailand und ein Großteil der Bevölkerung glaubt an den wirksamen Schutz vor Unfällen durch die in Khmer-Schrift codierten Formeln und Symbole, die nur der Tätowiermeister lesen kann. Bevor er die Haut mit einem Bambusstab punktiert und dabei Verse rezitiert, wählt er meist das Motiv für seinen zukünftigen Träger aus – nicht umgekehrt. So sieht man heutzutage landesweit Soldaten, Taxifahrer oder Polizisten, zunehmend aber auch westliche Touristen mit den Buddha- und Tiermotiven auf Brust und Rücken. Für die Karrierebewussten können die Sakyan unsichtbar mit Sesamöl gestochen werden. Bestimmte Berufsgruppen bevorzugen spezielle mystische Tierfiguren. So lassen sich Kickboxer gern den Affengott Hanuman stechen, weil er für seine Beweglichkeit geschätzt wird. Die Thais glauben, dass die Tätowierungen das Verhalten ihres Trägers beeinflussen; das bedeutet auch, dass zu viele mächtige Tattoos schaden und den Träger cholerisch machen können. Zum jährlichen Tattoo-Festival Wai Kru huldigen tausende Motivträger ihrem Tätowiermeister und pilgern zum Tempel. Oft fallen die Teilnehmer dort in Trance und werden vorübergehend zu einem Medium ihrer jeweiligen tätowierten Talisman-Figur – nicht ganz ungefährlich für Umstehende, wenn diese eine Schlange oder ein Tiger ist!

WEITERLESEN IM NETZ  Schutztattoos in Thailand : larskrutak.com/articles/Thailand/index.html  Eine Übersicht über die Symbolik der Maori: tiki-styles.de/uebersicht/

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ir waren an diesem Tag 200 Mann, wie Vieh aufgereiht, dann wurden uns die Ohren abgeschnitten und eine Linie auf die Stirn tätowiert. Es gab keine Betäubung und keine Verhaftung“, erinnert sich ein junger irakischer Flüchtling in einem Bericht von Human Rights Watch an die erlittene Tortur unter Saddam Hussein. Nach seiner Niederlage im Ersten Golfkrieg hatte Hussein kurzzeitig die Kontrolle über Bevölkerung und Armee verloren. Um seine Autorität wieder herzustellen und Macht zu demonstrieren, erließ er 1994 neun Dekrete mit drakonischen Strafen für kleinere Vergehen wie Korruption, Diebstahl oder Fahnenflucht. Fluchthelfern und Deserteuren wurden die Ohren amputiert, zudem musste ihnen der Arzt noch eine Linie oder ein großes X auf die Stirn tätowieren. So war der Beschuldigte für sein ganzes Leben als Verbrecher gekennzeichnet und zu einem Leben außerhalb der Gesellschaft verdammt. Viele der überlebenden Opfer bezeichneten diese Tätowierung als weitaus demütigender als die schon vor Saddam bei Dieben übliche Amputation von Gliedmaßen. In der Stadt Amara wurden 1995 sogar eine Reihe Ärzte hingerichtet, weil sie sich weigerten, das Straftattoo zu stechen.

■ Welche Trends gibt es? Das Arschgeweih ist in Verruf geraten. Dafür kommen stilisierte Blumenranken gerade bei Frauen sehr in Mode. Vor ein paar Jahren waren es noch Sterne. Unverändert ist der Wunsch nach fotorealistischen Darstellungen von geliebten Menschen oder Tieren.

GRAFIKEN: T.LOCKER, FOTOS (L NACH R): FLICKR GOEFTHEREV, THERESA LOCKER, FLICKR PERFECTANCE, T. LOCKER

Von Theresa Locker

JANUAR 2012

GRAFIK: THERESA LOCKER, FOTO: FLICKR JOHNBLUE/MARAKRINAFOTO

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■ Wie wird man Tätowierer? Dafür gibt es keine spezielle Ausbildung, aber man braucht schon ein paar Jahre, um die Technik zu beherrschen. Einfach mal beim Tätowierer mit ein paar selbstentworfenen Designs vobeikommen. Geübt wird natürlich auf künstlicher Haut!

Rodolpho Gonzales, 33, betreibt das Tattoo-Studio “La Ruina del Hombre?” in der Kölner Altstadt. www.laruinadelhombre.de facebook.com/lariunadelhombre

Die Farbe Blau  

Print-Projekt, Deutsche Welle Akademie, zur Farbe Blau

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