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Debora Dürksen

Älter werden als Prostituierte / Medienpraxisprojekt II

Juli 2012

Auf dem Strich bis in die Rente

Karin W. wirkt wie eine ganz normale ältere Dame. Sie ist Mutter und Großmutter, wie Tausende andere auch. Wären da nicht die breitmaschige Netzstrumpfhose und die grünen Fingernägel – niemand würde merken, dass die 56-Jährige ihr Geld mit Sex verdient. Karin W. ist Prostituierte

FOTO: DEBORA DÜRKSEN

Geschäftsfrau. Ein paar von ihnen kämen jede Woche zu ihr. „Da ist ein Opi mit 77 verstorben, der hat vor zwei Jahren einen Zungentumor gekriegt. Dann hat er sich wieder hochgeraffelt“, erzählt sie nachdenklich. Mit schwermütiger Stimme fährt sie fort: „Aber er meldet sich nicht mehr und irgendwie hab ich es im Gefühl, dass er nicht mehr unter uns ist. Der war die letzten zwei Male da und konnte nicht mehr abspritzen. Da hab ich nur noch Französisch jemacht. War keine Fickerei, sondern nur Französisch. Und den hab ich jetzt auch verloren. War jahrelang meine beste Quelle“. Sie klingt traurig.

Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar. Doch ihre Netzstrumpfhose verrät, womit Karin W. ihre Brötchen verdient

von Debora Dürksen

waren manchmal aber schon nach einem halben Jahr aufgebraucht.“ eit fast 25 Jahren arbeitet Doch auch die Zeiten, in deKarin in dem Gewerbe. „Dit nen es gut lief, waren irgendwann darf man keenem erzähvorbei. Nach 13 Jahren beschloss len“, sagt sie in starkem Berliner die Bordellbesitzerin aufzuhören. Akzent und lacht laut. Ihr dezent „Und dann bin ich hier jelandet.“ geschminktes Gesicht wird von Hier: das ist die Kurfürstenbraun-getönten kurzen Haaren straße in Berlin, auch bekannt als umrandet. Falten hat sie kaum. Drogenstrich. Hier und in den umFast ihr halbes Leben hat Karin liegenden Straßen stehen alle paar Männern für ein paar Scheine Meter leichtbekleidete Frauen, die Lust verschafft. auf Freierfang sind. Die BetongeEigentlich kommt sie aus Ostbäude in der Straße sind grau und Berlin, aus der ehemaligen DDR. kahl, ab und zu fahren langsam ein Dort ist sie aufgewachsen und zur paar Autos vorbei. Wer die Straße Schule gegangen. Als Schuhmacheentlang geht, spürt förmlich die lüsrin arbeitete sie zehn Jahre in einer ternen Blicke von der anderen SeiSchuhfabrik bevor sie 1985 nach te der Scheibe. Die Frauen in ihren West-Berlin kam. extrem kurzen, eng „Man kann mit anliegenden Hosen „Ich hab mich erst mal zwei Jahre den ganzen Auslän- und Netzoberteilen, lang ausgeruht und kommen vor allem dann dachte ich dern hier kein Geld aus Osteuropa, aus ‚jetzt musst du was mehr verdienen” Bulgarien, Ungarn, machen‘“, erinnert Rumänien, Polen. Karin sich. Sie arbeitete ein Jahr „Man kann durch die ganzen Auslang in einem Imbiss in Gruneländer hier kein Geld mehr verdiewald, bevor ihr gekündigt wurde. nen“, sagt Karin aufgebracht und Zu dem Zeitpunkt erfüllte sie sich fast schon wütend. „Die machen einen Traum: Sie reiste mit ihrem alles für billig Geld.“ Früher hätten damals vierjährigen Sohn nach sie bei 30 Euro angefangen. Daran Afrika; 14 Tage in Kenia, mit Kahabe es nichts zu rütteln gegeben. mera und Safari. „Das Ganze hat „Aber jetzt wollen sie ja schon für mich 11 000 DM gekostet. Und zehn Euro Französisch, am besten da bin ich dann so richtig abgenoch mit Analverkehr. Die sind ja rutscht.“ Sie brauchte Geld. nicht normal! Für zehn Euro machen die alles.“

men. Durch ihre Stammkunden verdient die 56-Jährige nebenbei noch etwas Geld – schwarz. Bei 25 Männern kommt sie auf 500 bis 700 Euro zusätzlich im Monat, zusammen mit Hartz IV sind das etwa 1 000 Euro. Auch wenn sie während der Zeit als selbständige Puffbesitzerin deutlich mehr verdiente, hat sie nie Gespartes zurückgelegt oder eine Altersvorsorge getroffen. Und da ist sie nicht die Einzige: Auch die anderen Frauen in diesem Gewerbe, die Karin kennt, sorgen nicht vor. Um Anspruch auf Sozialleistungen zu haben, müssten sie sich nach dem Prostitutionsgesetz von 2002 selbständig melden. Doch das Gesetz scheint in der Realität wenig Erfolg gehabt zu haben, denn nur ein Bruchteil der Prostituierten ist sozialversichert. Vor allem die Angst vor dem Finanzamt würde diese Frauen davon abhalten, sich selbständig zu melden, meint Karin. „Ich wurde tausendmal darauf angesprochen, ob ich nicht mal was für die Rente zurücklegen wolle“, erzählt sie und gestikuliert dabei wild. „Ich sagte immer nur: Ich bin eine Lebe-Dame. Lass mich damit in Ruhe!“ Wenn sie mal zu alt zum Arbeiten ist, dann würde ihr Sohn für sie sorgen, da ist sie sich sicher. Aber bis jetzt geht es ihr gut. „Ich bin kerngesund und fit“, sagt sie Inflation der Hurerei voller Überzeugung und lacht mit Über eine Freundin kam sie Die Lebe-Dame ihrer lauten verrauchten Stimme. im Februar 1989 an einen BerliDas Geschäft auf der StraSie bewegt sich fast ununterbroner Puff und beschloss kurzerhand ße lohnt sich für Karin gar nicht chen, mit ihren Hände fuchtelt sie ihn zu kaufen. 9 000 DM habe sie mehr. Deswegen habe sie nur ständig in der Luft herum. Auch damals hingeblättert, um den total noch Stammgäste, die sie anrufen sei sie nie in Drogen verfallen, „wie heruntergewirtschafteten Laden zu und dann zu ihr nach Hause komdie anderen“. Mit dem Sex gegen kriegen, erzählt sie. KaBezahlung aufzuhören, rin brachte das Modellhat sie nicht vor. „Bis 63 haus als selbständige Unkönnt ich mir noch vorternehmerin innerhalb stellen das zu machen, so weniger Monate wieder nebenbei. Ich kann doch in Schuss und verdiennicht meinen ganzen te monatlich 5 000 DM. Stammgästen sagen, ich Mehrere Frauen arbeihör jetzt auf. Das geht ja teten dort für sie. Wie gar nicht!“ viele, will sie nicht sagen. Ihre StammkunIhr Laden war jedenfalls den kennt sie teilweise gut besucht: „Anfang des schon seit Jahrzehnten. Jahres hab ich immer 1 Einerseits spricht sie von FOTO: NEUSTART 000 Kondome für den ihnen, wie von FreunLaden gekauft, weil es Kurfürstenstraße in Berlin: Die überwiegend aus dem Ausland den. Andererseits klingt dann billiger war – die kommenden Prostituierten fangen schon bei zehn Euro an sie abgebrüht wie eine

S

dem 13 Gäste in den Puff kamen und Karin sehr beschäftigt war. Als sie davon erzählt, lacht sie laut und schlägt sich auf die Schenkel. „Es ist wirklich selten, dass so viele an einem Tag kommen.“ Glücklich ist sie mit ihrem Leben auf der Kurfürstenstraße nicht so richtig. Letztes Jahr war sie total am Boden. Sie dachte: „Jetzt wirst du schon 56 und bist immer noch in so ‘ner Aktion.“ Für einen kurzen Moment spielte sie mit dem Gedanken sich das Leben zu nehmen. „Ich hab da gesessen und gedacht: Du müsstest im 20. Stock wohnen und dich einfach runterknallen.“ Dann habe es „tick“ gemacht in ihrem Kopf. Sie erinnerte sich an So wie früher, nur anders ihre zwei Kater und ihr Enkelkind. Ihrem Sohn konnte sie den Be„Und dann hab ich gedacht: Du ruf nicht verheimlichen und wollte musst dir was einfallen lassen.“ es auch gar nicht. Als sie nach BerSie ließ sich was einfallen. Über lin kam und 1989 den Puff kaufFreunde kam sie an eine Schule te, hat er dort mit ihr gewohnt. für Hauswirtschaft und begann Manchmal habe sie zu viel getrundort im Oktober 2011 eine Hausken und ihre Strapse dann irgendwirtschaftsschulung. Im Septemwo hingeschmissen. Ihr Sohn habe ber dieses Jahres wird Karin mit sie dann auch gefunden. Damals der Schulung fertig sein und darf dachte sie: „Das musst du doch mal sich dann „Managerin mit Spedem Kind sagen. Nicht so wie die zialisierung für Privathaushalte“ anderen, die vernennen. Ihre Chanheimlichen das. Und „Bis 63 könnt ich cen, von der Schuich dachte, das ist mir noch vorstellen, le übernommen doch Quatsch!“ 13 zu werden, stehen Jahre war ihr Sohn, das zu machen – so gut. „Dann kann als sie ihm erzählte, ich die letzten acht nebenbei” dass sie ihr Geld mit Jahre bis zur RenProstitution verdient. Er reagierte nochmal richtig planen.“ Doch te gelassen: „Ach Mama, du musst auch wenn sie nach Abschluss der wissen, wie du dein Geld verdienst. Schulung angestellt werden sollte Mir ist das egal, was du machst.“ und ein festes Einkommen hätte, Auch ihre Mutter und Gewill Karin auf ihre Dienste als Proschwister weihte sie kurze Zeit spästituierte nicht verzichten. Ob sie ter ein. Ihre Mutter reagierte erst nochmal die gleiche Entscheidung entrüstet, wollte sie dann aber untreffen und in dieses Gewerbe einbedingt einmal im Puff besuchen. steigen würde? „Auf keinen Fall“. Sie tauchte an einem Tag auf, an

Hintergrund: Prostitution in Deutschland In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge 400 000 Prostituierte. Die Angaben werden dadurch erschwert, dass viele Frauen dieser Tätigkeit nur nebenbei oder vorübergehend nachgehen und sie deswegen offiziell nicht angeben wollen. Fachberatungsstellen gehen davon aus, dass über die Hälfte der in Deutschland tätigen Prostituierten ausländischer Herkunft ist. Ein Großteil von ihnen hat keinen legalen Aufenthaltstitel und ist damit nicht zur Ausübung der Prostitution berechtigt. Der Lohn einer Prostituierten variiert sehr stark. Während der Einstiegspreis für eine sexuelle Dienstleistung auf dem Drogenstrich in Berlin bei zehn Euro liegt, verdient eine EscortDame in Hamburg oder München 200 Euro pro Stunde. Täglich nehmen in Deutschland mehr als eine Million Männer die sexuellen Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch. Der jährliche Umsatz im Wirtschaftssektor „Prostitution“ liegt Schätzungen zufolge im zweistelligen Milliardenbereich. Seit zehn Jahren ist die Prostitution in Deutschland legal. Das Prostituiertengesetz (ProstG) von 2002 ist eines der liberalsten der Welt und sollte die rechtliche und soziale Lage

von Prostituierten stärken. Neben der Tätigkeit als selbständige Prostituierte ist seitdem auch das Betreiben von Bordellen erlaubt und nicht länger sittenwidrig. Ziel des Gesetzes war es, Prostituierten Arbeitsverträge rechtlich zuzusichern und ihnen Sozial- und Krankenversicherung zu ermöglichen. Zudem sollte die Kriminalität verringert werden. Prostituierte sollten durch ihre sexuellen Dienstleistungen Anspruch auf das vereinbarte Entgelt haben und dieses auch vor Gericht einklagen können. Doch Befragungen des Sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsInstituts SoFFi K belegen, dass bisher nur vereinzelt Arbeitsverträge mit Prostituierten abgeschlossen wurden. Nur wenige Prostituierte wurden zur Sozialversicherung angemeldet, da viele „Prostitution“ nicht als Beruf angeben wollen. Die Mehrzahl der Prostituierten möchte anonym bleiben und fürchtet den Verlust ihrer sexuellen Autonomie. Ein weiterer Kritikpunkt des ProstG ist, dass es gerade den besonders schutzbedürftigen Personen Schutz vorenthält. Damit sind vor allem ausländische Prostituierte und Opfer des Menschenhandels und der Zwangsprostitution gemeint.


Auf dem Strich bis in die Rente