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Themenseite: Alkoholsucht 

Januar 2012

Der aufgeweichte Wille

FOTO: CHRISTINE ROHRER

Etwa zwölf Prozent der Deutschen konsumieren Alkohol in „gesundheitlich riskanter Form“, über eine Million Bürger sind laut dem jüngsten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung alkoholabhängig. Zwei Männer erzählen über ihr Leben mit der Sucht. Trugschluss. Höhen und Tiefen wechselten sich regelmäßig bei ihm ab. Er bekam ein Magengeschwür, Kreislaufprobleme, Bluthochdruck und Angstattacken. Daraufhin gab er sich einen Ruck. Über zwei Jahre hinweg besuchte er immer wieder Selbsthilfegruppen und Suchtberatungsstellen. Trotzdem fiel er nach kurzzeitigen Phasen des Verzichts wieder in die alten Muster zurück. „Der Alkohol macht auch den Willen weich, deshalb ist es so schwer, aufzuhören.“ Der heute 39-Jährige fand keinen Weg, sich vom Alkohol zu trennen. Als später aber seine Krankheit bei der Arbeit bekannt war, ihm das Geld für den Alkohol ausging, Familie und Freunde Druck ausübten und ihm die Suchtberatungsstelle mit Hausverbot drohte, gab es schließlich kein Zurück mehr. „Dann hätte ich einfach zu viel verloren.“ Insgesamt war es ein langer Weg für ihn. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten, drei stationären Langzeitentwöhnungen und einigen Rückfällen ist er heute seit sieben Jahren weg vom Alkohol. Nach 20 Semestern hat er sein Als Freiberufler, wie Sven als Journalist, ist es ein Leichtes, bei der Arbeit am heimischen Schreibtisch unbemerkt zu trinken. Studium abgeschlossen und einen neuen Job gefunden. Inzwischen lebt er mit seiie Vögel zwitschern, die Sonne tet: „Ich konnte mit den Leuten, die nichts gesellschaftlich akzeptiert. Die Zahlen ner Partnerin und zwei Kindern in einer wärmt die schon leicht gebräungetrunken haben, gar nichts anfangen.“ geben Markus Recht. Zehn Liter reinen neuen Stadt. te Haut. Grillduft liegt in der Bei Markus* verhält es sich ähnlich Alkohol trinkt der Durchschnittsdeutsche Auch Markus stellt alkoholbedingte, Luft und ein Gartenlokal lockt mit gewie damals bei Sven. Abends trinkt der pro Jahr. Markus hat ein Alkoholproblem. gesundheitliche Einschränkungen fest. kühltem Bier. Auch Sven* 32-Jährige mehr als ein Er weiß es. Und trotzdem fehlt ihm der Außerdem sind ihm seine Fitness, sein spürt die Verführungen des „klassisches FeierabendWille, etwas an der Situation zu ändern. Geld und sein Führerschein abhanden Bei der Arbeit beliebten Getränks. Doch bier“. Das Trinken hilft Auch Sven erinnert sich daran, wie gekommen. Nicht mehr zur Flasche funktionieren, ihm beim Abschalten und schwer es ihm fiel, weniger zu trinken. Im zu greifen, das kann sich der Pädagoder Angestellte lebt nach achtjähriger Sucht als tro- abends trinken Einschlafen. Dafür kommt Nachhinein sagt er, dass der Alkohol ihm gikstudent trotzdem nicht vorstellen. ckener Alkoholiker. Sven er morgens kaum aus dem geholfen hat, in einer auf den ersten Blick Aber etwas hat er sich vorgenommen: erzählt mit fester und klarer Stimme von Bett. Mit etwa 16 Jahren hat er den Alsorglosen „Nachpubertät“ zu verharren. bewusster und weniger zu trinken. seiner Vergangenheit. Wie viele andere kohol kennen und lieben gelernt. „Wenn Ohne Verpflichtungen und ZukunftsplaZurück im Biergarten. Svens Freunde hat auch er sich damals eine Strategie ausman keine Ausfallerscheinungen an den nung. Doch mit der Zeit konnte er die sind inzwischen beim fünften Bier angedacht, um die Sucht zu verstecken. Vor Tag legt, fällt niemandem auf, wer wie viel Sucht nicht mehr vor sich gelangt. Der Reiz, den der sich und vor den anderen. Er hielt sich trinkt“, glaubt er. Alkohol sei schließlich verbergen. ArbeitskolleFührerschein leidenschaftliche Musiker an sein Credo, „unter Arbeitskollegen gen wunderten sich, dass anfangs verspürt hatte, ist und funktionieren, abends trinken“. Sven ist es schon morgens in der verschwunden. „Wenn Geld sind weg die ersten dann anfangen Journalist. Als Freiberufler konnte er sich Redaktion nach Alkohol seine Termine relativ eigenmächtig legen. roch. Beim Gitarre spiezu labern, dann denk ich Und somit auch mal seinen Rausch auslen bekam er plötzlich Nasenbluten und mir immer, so ein Glück, dass ich damit schlafen. Oder zu Hause unbemerkt am Herzrasen. Er begann, heimlich im Internichts zu tun habe.“ Durch die Kinder fällt Schreibtisch trinken. Es war ein Balancenet nach Informationen zur Alkoholsucht ihm häufig auf, wie wertvoll es ist, einen akt zwischen Alltag und Alkoholabhänzu suchen. Bald ließen seine körperlichen klaren Kopf zu haben. „Ich bin immer gigkeit. Mit der Zeit hat er sich dann von Beschwerden nach und er konnte das ansprechbar, ich bin einfach immer da.“ seiner Familie zurückgezogen und seinen Problem wieder verdrängen. Er dachte, Svens Willenskraft ist zurückgekehrt. Markus holt Nachschub an der Tankstelle. Freundeskreis nach der Sucht ausgericheigentlich sei doch alles in Ordnung. Ein * Namen von der Redaktion geändert.

■ Schätzungen zufolge sterben in Deutschland mehr als 200 Menschen pro Tag an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Zahlen,

Fakten, Links

Eine Abhängigkeit lässt sich anhand verschiedener Kriterien diagnostizieren. Im Internet gibt es zahlreiche Tests, mit denen man sein eigenes Trinkverhalten überprüfen kann, z. B. www.kenn-dein-limit.info www.drugcom.de www.alkohol-selbsttest.de ■ Obwohl bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren der regelmäßige Alkohol konsum rückläufig ist (s.u.), wurden im Jahr 2009 rund 26.400 Personen im Alter von 10 bis 20 Jahren wegen akutem Alkoholmissbrauch stationär im Krankenhaus versorgt. Dies entspricht einem Anstieg von 178% im Vergleich zum Jahr 2000.

FOTO: CHRISTINE ROHRER

Christine Rohrer

FOTO: CHRISTINE ROHRER

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www.dhs.de/einrichtungen.html

Gemeinsam gegen den Alkohol Die wohl bekannteste der zahlreichen Selbsthilfegruppen ist die der Anonymen Alkoholiker (AA). Hans Jürgen gehört zu den AA und hat einige Fragen zu der Gemeinschaft beantwortet. Wie läuft ein AA-Treffen ab? Wenn ich in eine Gruppe gehe, wird der Gruppensprecher mich anschauen und sagen: Schön, dass du da bist. Sagst du uns deinen Vornamen? Hast du ein Alkoholproblem? Wenn ich bejahe, darf ich alles sagen, was mich bedrückt. Ich muss aber nichts sagen.

Wenn Sie von Ihrem Alkoholproblem erzählt haben, wie geht es dann weiter?

Dann werde ich von einer anderen Anonyme Alkoholiker verschwand. Amerikanische SolPerson eine Antwort bekommen, indem daten brachten die AA-Idee nach Deutschland. Inzwischen hat die internationale Organisation über 100.000 Gruppen weltweit.

■ Die Adressen aller Suchthilfe­ einrichtungen in Deutschland finden sich auf folgender Webseite:

sie erzählt, warum sie getrunken hat und wie sie es geschafft hat, vom Alkohol wegzukommen. Ich werde in den Gruppen keine Ratschläge bekommen, sondern persönliche Geschichten hören.

Daraus kann ich Rückschlüsse ziehen: Was ich gebrauchen kann, nehme ich mit nach Hause, was ich nicht gebrauchen kann, lasse ich im Raum stehen.

Wie findet man eine AA-Gruppe? Auf unserer Internetseite gibt es ein Meetingverzeichnis. Dort sucht man sich eine Gruppe aus und geht zur entsprechenden Uhrzeit in den angegebenen Meetingraum. Wenn die Gruppe nicht zu einem passt, geht man das nächste Mal zu einer anderen.

FOTO: CHRISTINE ROHRER

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Der Chirurg Bob und der Börsenmakler Bill haben die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) im Jahr 1935 in Ohio gegründet. BeiDie Anonymen de waren schwer Alkoholiker a l k o holkrank. Sie stellten fest, dass der Zwang zu trinken durch offene Gespräche über die Sucht

■ Auch in allen anderen Altersgruppen gab es in demselben Zeitraum eine Steigerung: die höchste bei den 20-25-Jährigen (194,40%), gefolgt von den 50-55-Jährigen (184,47%).

Überschaubarer Rahmen: Die nächsten 24 Stunden nicht zu trinken ist ein Ziel der AA. Danach wird eine erneute Entscheidung über die folgenden 24 Stunden getroffen.

Ist die Anonymität garantiert?

Kann ein betroffener Familienangehöriger auch Hilfe bekommen?

Wenn ich einen Namen und eine Geschichte auf die Straße trage, kann die andere Person ja dasselbe mit mir machen. Also warum sollte ich das tun?

Ja. Es gibt parallel zu den AAGruppen die sogenannten Anonymen Anon-Familiengruppen, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Dort

tauschen sich Betroffene aus, wie sie es geschafft haben, mit einem trinkenden Partner, Freund, Bruder oder Elternteil zurechtzukommen. www.anonyme-alkoholiker.de


Der aufgeweichte Wille