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REISEN PERFORMANCE HOTEL, STUTTGART

Tausche Tanz gegen Bett Folge Nr. 123 aus der Serie ”Was mache ich hier?”: Ein Besuch im Stuttgarter Performance Hotel, in dem die Gäste Darbietungen gegen Übernachtungen tauschen können VON Johannes

Schweikle | 31. März 2010 - 08:00 Uhr © Marijan Murat dpa/lsw

Gegen eine künstlerische Darbietung kann man hier auf einer Matratze oder einer Isomatte übernachten

»Jetzt kommen die vorwitzigen Protagonisten«, sagt die Künstlerin und schält eine Ingwerwurzel. »Sie haben eine Tendenz zur Selbstdarstellung – gerade deshalb wirken sie auf manche faszinierend.« Dann schnippelt sie eine rote Schote klein und fährt fragend fort: »Es gibt Menschen, die sagen, dass sie Chili lieben. Sie würden aber nie eine ganze Schote essen – kann man da von uneingeschränkter Begeisterung sprechen?« Man könnte das Kochen nennen. Aber Janina Haltke bereitet ihre Kichererbsen auf orientalische Art in Deutschlands erstem Performance Hotel zu. Es steht in Stuttgart. Sein Ruf ist bis in den Mittleren Osten gedrungen. Die Zeitung Arab News hat über dieses Haus berichtet. Und seine Besonderheit so formuliert: »Perform or pay« – wer etwas aufführt, übernachtet hier kostenlos. Wer das nicht will, zahlt zehn Euro. Dafür gibt’s Matratze und Bettzeug. Eine Nacht auf dem Boden kostet 50 Cent. Dieses Hotel versteht sich als Protest gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Es praktiziert eine alternative Ökonomie: Auf der Basis des Tauschhandels umgeht es den üblichen Geldkreislauf. Mit ihrer Kichererbsen-Performance bietet Janina Haltke, Referendarin am Gymnasium, einen realen Wert. Dafür bekommt sie ihre Übernachtung. Die Küche, in der sie an einem Donnerstagabend in Aktion tritt, erinnert an eine improvisierende WG. Die Einrichtung ist zusammengestückelt, Packungen mit diversen Teebeuteln sind zu einer kunstvollen Installation um den Ghettoblaster geschichtet. 1


REISEN Ursprünglich war dieses Hotel ein schmales Winzerhaus, erbaut um 1800. Es steht im Stuttgarter Osten, in einem traditionellen Arbeiterbezirk. Der Gaskessel und die Werkshallen von Daimler sind nahe, die Staatsgalerie ist weit weg. »Hier haben wir keinen Repräsentationsdruck«, sagt Susanne Jakob. Sie ist Dozentin an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und betreut dieses Projekt, gemeinsam mit Georg Winter von der Hochschule der Bildenden Künste in Saarbrücken. Ihr Hotel soll die Distanz der Kunst zur Gesellschaft verringern. »Wir wollen die Bewohner dieses Viertels nicht provozieren, sondern integrieren«, sagt Winter. »Das ist unsere Utopie von Performance: Sie erschöpft sich nicht in einer Aufführung. Sie zielt auf Beteiligung.« Die Schwelle zur performativen Kunst ist niedrig. Susanne Jakob beansprucht Joseph Beuys: »Jeder ist ein Künstler.« Die Bevölkerung des Stadtteils Gablenberg reagiert offen. Im Herbst kam eine Nachbarin ins Hotel und hat gezeigt, wie man aus Mirabellen Marmelade macht. Als ein Professor aus dem Kapital von Karl Marx las, wollten das 15 Leute hören. Nur eine Performance ist abgelehnt worden: Eine junge Frau bot sich an, Sushi auf ihrem nackten Körper zu servieren. Dafür forderte sie eine Gage, und Bild sollte berichten. Die Stadt stellt das Haus kostenlos zur Verfügung. Für Strom und Gas gibt es Mittel von kulturfördernden Institutionen. Der Kunststudent Byung Chul Kim fungiert als Hoteldirektor. Er ist 36 Jahre alt, stammt aus Korea und zeigt in Zimmer 307 einen seiner Videoclips: Einem Hund liest er aus dem Spiegel vor. Er jault und winselt den Artikel, das Tier kläfft zurück. Das andere Zimmer trägt die Nummer 253. In der bestgebuchten Nacht stiegen 17 Gäste in dem Zweiraumhotel ab, an anderen Tagen bleibt Kim allein. Mal macht ein reisender Musiker Station, eine Arbeitslose blieb vier Wochen. »Einen Stern bekommt diese Simulation von Hotel höchstens für die freundliche Betreuung«, sagt die Dozentin Jakob. Die Matratzen liegen auf den abgewetzten Dielen, neben jedem Bett hat Herbergsvater Kim liebevoll einen Stapel gebrauchter Bücher aufgeschichtet. Wer vor dem Einschlafen lesen will, dem bringt er eine Nachttischlampe. Zum Frühstück serviert Kim ein fröhliches Gesicht. Er legt ein Croissant auf den Teller und klackst mit unbeholfener Liebenswürdigkeit zwei Augen aus Erdbeermarmelade über den lachenden Mund. Im Bad sind die rosa Fließen genauso sauber wie die Wanne. Unter dem Waschbecken steht ein Fernseher, beim Zähneputzen könnte ich mir die VideoPerformance eines litauischen Künstlers anschauen. Aber es gibt nur eine Steckdose, es ist kühl. Sorry, Kestutis Svirnelis, ich habe mich für den Heizlüfter entschieden. Informationen: Performance Hotel, Gablenberger Hauptstrasse 22, 70186 Stuttgart. Tel. 0177/ 68 21 271, http://performancehotel.wordpress.com; Anfahrt vom Hbf Stuttgart: Bus Nr. 40 (Halt Wagenburgstr.) und 42 (Halt Libanonstr.), U 4 Haltestelle Ostendplatz, Fußweg 10 Min. 2


REISEN COPYRIGHT: DIE

ZEIT, 31.03.2010 Nr. 14

ADRESSE: http://www.zeit.de/2010/14/Was-mache-ich-hier

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