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DIPLOM 2O12 — H2O

EINLEITUNG

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DIPLOMAUFGABENSTELLUNG 2O12

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DIPLOMTHEORIEARBEIT 2O12

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ANHANG

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IMPRESSUM UND DANK

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SCHLUSSWORT

VALENTIN KÖHLER SIBYLLE MUGGLIN FLORIAN NIKLAUS

Diplomanden/-innen

ESTHER IRENE ANGULO CATHIA CORTI PETRA EGGENBERGER


ANNA LUZIA SCHULER KURT SCHUWEY PHILIP STRUB

STEPHANIE WIESENDANGER NATHALIE WENDEL LISA WIRZ


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EINLEITUNG

EINLEITUNG ≥ GESCHÄTZTE LESERIN, GESCHÄTZTER LESER

Ausgehend von den positiven Erfahrungen der letzten Jahre hat das Institut wieder ein gemeinsames Oberthema für die Diplome in Innenarchitektur, Objektdesign und Szenografie gewählt: H2O. Neu haben wir dieses Thema bereits im sechsten Semester mit unseren Bachelor-Studierenden als Semesterthema bearbeitet. Die intensive Auseinandersetzung nahmen wir als Ausgangspunkt für die Diplomsession 2012. Ebenfalls neu ist, dass die Diplomierenden ihre Diplomaufgabe zum gemeinsamen Oberthema Wasser – ihren Neigungen und Interessen entsprechend – selbst definieren konnten. Als Vorarbeit zur Entwicklung der eigenen Aufgabenstellung diente ihnen die erwähnte Beschäftigung mit dem Thema im sechsten Semester.


H2O SCHLUSSWORT

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Für die Diplomsession standen den Studierenden drei Diplomverantwortliche zur Verfügung: Prof. Uwe Brückner, Natalina Di Iorio und Thomas Wüthrich. Auf unserer Webseite zum Diplom http://diplomhgkfhnw.ch/ können Sie nachvollziehen, wie unsere Diplomierenden die Aufgabenstellungen gelöst haben: Sie finden dort zu jeder Diplomarbeit einen Konzepttext sowie Bilder und allenfalls weitere Visualisierungen, wie auch kurze Angaben zur Person. Unseren Absolventinnen und Absolventen wünschen wir viel Erfolg und Befriedigung bei ihrer zukünftigen Tätigkeit. Wir bedanken uns bei den betreuenden Dozierenden, Professoren, Assistierenden, den Mentorinnen und Mentoren und dem ganzen Werkstatt-Team für die Unterstützung und Förderung, welche sie unseren Bachelor-Abgängerinnen und -Abgängern 2012 haben angedeihen lassen. PROF. ANDREAS WENGER Leiter des Instituts Innenarchitektur und Szenografie


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EINLEITUNG

Dozenten/-innen

Mentoren/-innen

PROF. UWE R. BRÜCKNER

JEAN-LOUIS VIDIÈRE

MARTINA EHLEITER

[freier Creative Director,

[Assistenz]

Creative Consultant]

NATALINA DI IORIO

NADIA FISTAROL

VALERIE HESS

[dipl. Architektin ETH,

[Assistenz]

Ausstattungsdesignerin, Bühnenbildnerin]

THOMAS WÜTHRICH ROLF INDERMÜHLE

JENS HENRIK MÜLLER

[Assistenz]

[selbstständiger Architekt]

Theorie

PROF. DR. PHIL. CLAUDE ENDERLE

Experte/-in

PENELOPE WEHRLI [Szenografin, Regisseurin, bildende Künstlerin]

MORITZ SCHMID [Produktdesigner]


H2O

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DIPLOMAUFGABENSTELLUNG 2O12 ≥ H2O

«Wasser (H2O) ist eine chemische Verbindung aus den Elementen Sauerstoff (O) und Wasserstoff (H). Wasser ist die einzige chemische Verbindung auf der Erde, die in der Natur in allen drei Aggregatzuständen vorkommt. Die Bezeichnung ‹Wasser› wird dabei besonders für den flüssigen Aggregatzustand verwendet. Im festen (gefrorenen) Zustand spricht man von Eis, im gasförmigen Zustand von Wasserdampf.»1 «Wasser ist anders, Wasser täuscht. Die häufigste, scheinbar gewöhnlichste und normalste Flüssigkeit der Erde ist die Ungewöhnlichste. Sie verhält sich in vielerlei Hinsicht anders als man erwarten würde, anders jedenfalls als ‹normale› Flüssigkeiten.» 2

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‹de.wikipedia.org/wiki/Wasser›, besucht am 8. 2. 2012 «Wem gehört das Wasser?», hrsg. von Klaus Lanz, Lars Müller, Christian Rentsch, René Schwarzenbach, Verlag Lars Müller Publishers, Baden 2006


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DIPLOMAUFGABENSTELLUNG

Für das Semesterprojekt Frühling 2012 hat sich das Institut entschlossen, alle Studierenden des vierten und sechsten Semesters unter einem gemeinsamen Thema zu einer grossen Arbeits- und Forschergruppe zusammenzufassen. Wir befassten uns ein Semester lang mit dem Thema Wasser. Ziel war es, aus den vielfältigen Aspekten relevante Themen zu schöpfen und daraus szenografische und innenarchitektonische Projekte zu generieren. Das Ergebnis sollte neben den individuellen Projektvorschlägen auch eine umfassende Erkenntnissammlung zum Thema Wasser sein. Das Semester baute auf den bekannten Arbeitsphasen auf: thematische, inhaltliche Recherche und Analyse; Workshops zu Aggregatzuständen, Material, Raum und Theorie; Planung und Ausarbeitung; Dokumentation; begleitend dazu über das Semester verteilt Inputs und Vorträge von Spezialistinnen und Spezialisten sowie ein Blog als Diskussionsforum und Arbeitsinstrument. Für die Studierenden des sechsten Semesters fand die Beschäftigung mit dem umfassenden Thema Wasser ihre Fortsetzung im Diplom. Die Auseinandersetzung mit dem Thema war dementsprechend intensiv. Die erste Phase umfasste das Formulieren einer eigenen Aufgabenstellung. Jeder Student, jede Studentin erarbeitete ein individuelles Projekt. Neben der Projektarbeit war die Entwicklung des eigenen Programms und der eigenen Entwurfsparameter die eigentliche Herausforderung des diesjährigen Diploms. PROF. JASMIN GREGO UND NATALINA DI IORIO


AUSBLICK INS NICHTS DIPLOMTHEORIEARBEIT 2O12 AUSBLICK INS NICHTS

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EINE KREUZFAHRTKRITIK

DIPLOMTHEORIEARBEIT VON VALENTIN KÖHLER

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3. JUNI 2O12

VERANTWORTLICHER DIPLOMAUFGABE THEORIE

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PROF. DR. PHIL. CLAUDE

ENDERLE

Lektorat | Korrektorat Diese Theoriearbeit wurde von Claudia Bosshardt, wortgewandt Basel, lektoriert und von Marga Su Haller, typoHaller Basel, korrigiert.

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DIPLOMTHEORIEARBEIT VON VALENTIN KÖHLER

ENTGRENZUNG

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GEDANKEN ZU MEER UND RAUM

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KREUZFAHRTSCHIFF – HETEROTOPIE UND SPEKTAKEL?

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ONE BIG FAMILY

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REISE?

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ANHANG

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ENTGRENZUNG

Man muss sich den Vorgang in der Nacht der Havarie vor Augen führen: Während Tausende von Menschen panisch auf Rettung warten und die Costa Concordia sich langsam zur Seite neigt, passiert auf dem Oberdeck etwas, das bei näherem Betrachten durchaus Brisanz hat. Nicht, dass auf spektakuläre Weise jemand gerettet wird oder Dinge in die Luft fliegen. Nein, der Vorgang ist weitaus subtiler und steht doch stellvertretend für eine Katastrophe und für meine grundlegende Skepsis gegenüber dem Phänomen Kreuzfahrt: Ein kleiner Pool am Oberdeck hat sich während der Neigung des Schiffes langsam ins Meer entleert, während auf der anderen Seite des Schiffes noch immer ein Stück Felsen im Rumpf steckt und die dünne Grenze zwischen den Räumen «Meer» und «Schiff» verletzt und das Schiff im wahrsten Sinne des Wortes aufgeschlitzt hat.


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KAPITEL 1

Ist in diesem Vorgang die letztendliche Konsequenz des Schiffbruchs, wie Hans Blumenberg1 ihn beschreibt, versinnbildlicht? Wir bedienen uns ständig der Metaphorik des Meeres, wenn wir über unser Leben sprechen. Wir fahren in den Hafen der Ehe ein oder lassen uns durch gefährliche Gewässer lotsen. Dieses Paradoxon der Zuhilfenahme von Seefahrtsmetaphorik für unser Leben auf dem Festland gipfelt im Schiffbruch, der damit auch stellvertretend für ein Scheitern steht und im besten Fall zu einem Überdenken der Begrifflichkeiten und des Raumes «Meer» und unserer «Lebensreise» führt. Nicht der sinkende Koloss selbst ist das starke Bild, sondern diese Vermischung der Räume, diese Entgrenzung. Dieser Frachter der Unterhaltung, der am 13. Januar 2012 vor der Insel Giglio mit dem Felsen Le Scole kollidierte, ist vielleicht der Gipfel des Scheiterns einer Eroberung. Der Eroberung und Aneignung eines höchst ambivalenten Raumes: des Meeres. Nicht, dass diese Eroberung nun ein Ende hätte, vielmehr erlebt die Kreuzfahrtindustrie weiterhin einen Aufschwung, aber die Skepsis an diesem Unterfangen hat nun ein Bild bekommen, das nur schwer zu überbieten ist. Hier geht es nicht um die tragischen Toten dieser Nacht, die vielen Rettungsgeschichten der Einwohner von Giglio oder die Eskapaden des Kapitäns Schettino. Es geht um das Weiterdenken einer Metaphorik der Räume und um das Ausformulieren einer Skepsis einer Industrie gegenüber, die sich Phantasien bedient, die in 1

Blumenberg, 1997, «Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher»


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ihrer eigentlichen Bedeutung durch die Transformation vielleicht gar keine Relevanz mehr haben. Wenn also der Pool am Oberdeck als Sinnbild für eine vollkommene Unterhaltung in diesem Kosmos Kreuzfahrtschiff steht und sich aufgrund einer Havarie ins Meer entleert, dann hat das schon fast tragisch-komischen Charakter. Denn das Schiff ist bedingt durch das Wasser, das es umgibt, und doch tun diese Ozeanriesen alles, sich genau von diesem Raum bestmöglich abzuschotten. Nicht die metallene Hülle als Schutz vor dem Untergang ist hier gemeint, sondern die Scheuklappen, die dem Passagier aufgesetzt werden, um die Tatsache, dass man sich auf See befindet, fast zu negieren. Hier verschwimmen Grenzen, die vorher unter grosser Anstrengung aufgebaut wurden. Eine genauere Betrachtung dieser beiden Räume lohnt sich also, um diese «Grenzverletzung»2 beziehungsweise Entgrenzung zu verstehen. Auf der einen Seite ist da das Meer, ein über Jahrhunderte metaphorisch aufgeladener Raum, dem es sich anzunähern gilt, auf der anderen Seite das Schiff als «Heterotopie par excellence»3. Und um noch einen Schritt weiter zu gehen: das Kreuzfahrtschiff als Heterotopie und Spektakel 4 – als Produkt und Relikt einer zeitgenössischen Unterhaltungskultur.

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Blumenberg, 1997, «Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher» Foucault, 1992, «Andere Räume», in: Barck, Aisthesis – Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, S. 34 – 46 Debord, 1978, «Die Gesellschaft des Spektakels»


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KAPITEL 2

GEDANKEN ZU MEER UND RAUM

«Es gibt viele Meere, und doch nur das eine Meer.» Jorge Luis Borges, El Mar, 1964 Betrachten wir zunächst das Meer genauer – «den Zwischenraum» 5. Ein Raum, der unter anderem historisch geprägt ist durch seine Begrenzung durch Ufer, Länder, Inseln – je nach Sichtweise. Aber auch ein «liquider, formloser Körper»6, der eine ganz eigene Dynamik besitzt; einerseits die tatsächliche Dynamik der Wassermassen und anderseits eine Dynamik der Betrachtung. Je nach Blickwinkel sind viele unterschiedliche Betrachtungsweisen möglich, was darauf schliessen lässt, dass es sich um einen höchst ambivalenten Raum handelt, den man nicht vollumfänglich definieren kann. Auf einem Schiff wird man das Wasser als Oberfläche und glatten, 5 6

Baader und Wolf, 2010, «Maritime Tableaus. Eine Vorbemerkung», in: Das Meer, der Tausch und die Grenzen der Repräsentation, S. 8 Baader, 2010, «Gischt. Zu einer Geschichte des Meeres», in: Baader und Wolf, Das Meer, der Tausch und die Grenzen der Repräsentation, S. 31


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abgeschlossenen Raum empfinden, als Taucher hingegen vielmehr den darunterliegenden liquiden Körper wahrnehmen und entdecken. Hier ist also nicht nur der Raum in Bewegung, sondern auch der Begriff selbst. Dieser Raum ist bedingt durch sein Substrat – das Wasser. Diese Substanz ermöglicht erst die Kategorisierung als Raum. Der liquide Körperraum entsteht erst durch die Anwesenheit seines Materials. 71 % der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Und betrachtet man dieses Substrat nicht nur als Material, sondern auch als Medium, kann man bereits in der Genesis feststellen, welcher Stellenwert ihm in unserer Kulturgeschichte zugeschrieben wird. Das Wasser und das Meer sind in diesem Fall gleichzusetzen, denn die Erde entsteht aus dem Wasser.7 Auch ist die Verbindung zum Menschen eine sehr starke. Ein Erwachsener besteht zu 65 % aus Wasser, und die Zusammensetzung von Blut und Meerwasser gleicht sich so sehr, wie sonst bei keinen anderen natürlichen Flüssigkeiten.8 Und um 7

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Zunächst besteht die ganze Erde aus Wasser, der Urflut. Daraufhin trennt Gott das Wasser in die himmlischen Wasser und das Wasser der Erde, und im Anschluss trennt er das Wasser der Erde vom Land. Das Land wird aus der Erde heraus geboren. In der Hierarchie – und wir neigen stets dazu, Hierarchien zu bilden – steht das Wasser in dieser Anschauung über dem Festland und nicht umgekehrt. Es scheint aber, dass gerade die schwierige Aneignung dieses Raumes ihn zu einem Ort der Metaphorik, der Angst und des Ansporns hat werden lassen. Und somit das Land über das Wasser gestellt wurde. Das Land als Ausgangspunkt für die Taten und Entdeckungen auf See und das Meer als Ort der verborgenen und versteckten Ängste. Worthmann, «Salz in unseren Adern», Mare Online, 2006, ‹http://www.mare. de/index.php?article_id=1042&setCookie=1›, besucht am 20. 6. 2012


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KAPITEL 2

bei der metaphorischen Bandbreite zu bleiben: Wir hören das Meer in den Muscheln rauschen, obwohl es nur das Rauschen unseres eigenen Blutes ist. Das Meer ist auch Raum der Götter und Sagen; hier werden alle mythischen Ungeheuer hinein verfrachtet, die es auszugrenzen gilt, denen man sonst keinen Platz einräumen will. Welch faszinierender, undurchdringbarer Ort, der dies alles möglich macht. Da leben Meeresungeheuer wie Leviathan und Moby Dick Seite an Seite mit Arielle, der Meerjungfrau. Poseidon herrscht am Grunde des Meeres in einem goldenen Palast, während oben Odysseus von einem Sturm heimgesucht wird. Und sich, gefesselt an den Mast seines Schiffes, vor den Sirenen retten muss. Sich das Meer und all seine Facetten in den vielen Raumkonzepten komplett anzueignen, scheint schier unmöglich. Vielmehr interessiert mich das Spannungsfeld, das entsteht, wenn ein solch komplexer Raum auf einen zweiten trifft. In welcher Relation stehen diese beiden Räume, die beide höchst komplex sind, erst recht, wenn sie einander bedingen? Das Schiff braucht das Meer beziehungsweise das Wasser. Vielleicht ist das Schiff aber auch die logische Konsequenz aus der blossen Existenz des Meeres. Denn genauer betrachtet ist das Meer auch ein Körperraum, der dem Transport dient. Letztendlich ist selbst der kleinste Planktonorganismus eine kleine Galeere inmitten dieses Riesen.


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Das Meer ist also nicht nur ein Raum, es ist viele Räume. In unserem Sprachgebrauch verwenden wir ganz natürlich viele verschiedene Raumkonzepte 9, um das Meer zu beschreiben, oder benutzen es gar als metaphorisches Schlachtfeld, wie Blumenberg ausführlich zeigt und daraus seine «Metaphorologie» entwickelt. Wir verweisen stets auf den gleichen, aber auch anderen Ort. Vielleicht konnte dieser Raum gerade deshalb zu solch einem Sehnsuchtsraum werden, weil er so ambivalent ist und Spielraum bietet für Projektionen und Allegorien. Und doch ist diese metaphorische Vielfalt immer durch ein kulturelles Erbe verbunden und lässt sich auf einen Nenner bringen, der Ausdruck findet in der blossen Betitelung dieses Raumes – «das Meer». Im Falle der Seefahrt ist das Meer in den meisten Fällen Projektionsfläche und Hindernis zugleich. Zum einen gilt es, diesen Koloss Wasser zu überqueren, um an ein Ziel zu gelangen, zum anderen ist das Meer aber auch Projektions- und Imaginationsfläche für Phantasien und Phantasmen. Denn der Reiz einer Überfahrt liegt nicht nur in der Erwartung der Ankunft, sondern auch in der Fahrt selbst und den unerwarteten Begebenheiten. Schiff und Meer sind stark verbunden, denn um bei der oft erwähnten Metaphorik zu bleiben: Wir fahren nicht nur in den Hafen der Ehe ein, sondern entdecken Leuchttürme in unserem Leben, stranden an neuen Orten oder navigieren wie ein Frachter durch chaotische Zustände. 9

Ortner, 2008, «Wasser-Konzepte: Unser Wissen vom Wasser», in: Eibl, Ortner, Schneider, Ulf, Wasser und Raum – Beiträge zu einer Kulturtheorie des Wassers, S. 23


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KAPITEL 2

Es fällt auf, dass es gerade diese unbestimmte Bestimmtheit ist, die das Meer auszeichnet und zum verbindenden Element werden lässt. Nichts vereinigt so sehr wie «das Wasser. […] Das Meer gibt uns die Vorstellung des Unbestimmten, Unbeschränkten und Unendlichen, und indem der Mensch sich in diesem Unendlichen fühlt, so ermutigt dies ihn zum Hinausgehen über das Beschränkte.» 10 Damit stehen wir zum Schluss wieder am Anfang, denn ob wir das Meer als Repräsentationsfläche, als metaphorisches und kriegerisches Schlachtfeld, als Grenze oder Freiheit verstehen – allen gemeinsam ist die Tatsache, dass es ein Spielfeld und Überlebensfeld ist, auf das wir uns ständig beziehen und zu dem wir uns immer – egal in welcher geographischen Distanz wir uns befinden – in Relation setzen und uns seiner Divergenz sprachlich, symbolisch, gedanklich, räumlich, politisch usw. ständig bedienen. Dabei hat das Meer als Sehnsuchtsraum für diesen Essay die grösste Relevanz. Der Sehnsuchtsraum wurde vielleicht als solcher schon wieder durch eine Sehnsucht als Zeichen eines Zeichens abgelöst? Diese Idee der Postmoderne trifft sehr gut den Kern meiner Skepsis. Denn das Bild einer Kreuzfahrt als sehnsuchtstillendes Vehikel ist durch das Event Kreuzfahrt abgelöst worden, das sich dieser Sehnsucht, aber eben nur als Idee davon, bedient. Und diese mit einer Art Disneyland auf hoher See kombiniert hat. Wie sehr Sehnsucht da noch eine 10 Hegel, 1973, «Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte», S. 115


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Rolle spielt oder inwieweit diese gestillt wird, gilt es weiter zu erörtern. Denn erfahren wir auf einer Kreuzfahrt wirklich die Offenbarung und Entdeckung völlig neuer Welten? Oder leben wir auf Zeit in einem Replikat von völliger Überhöhung unseres konsum- und unterhaltungsorientierten Lebens? «Die aktuelle Epoche (ist) eher die Epoche des Raumes. Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein grosses sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.» 11 Diese Gedanken Foucaults zu seinem Raumkonzept, das in die Entwicklung der Heterotopologien mündet, zeigen nicht nur, dass diese Raumidee meiner Untersuchungssicht am nächsten ist, sie zeigen auch, dass die Beschreibung des Raumes selbst auf die Metaphorik der Seefahrt zurückgreift und vielleicht schon ganz zu Beginn vorwegnimmt, worin seine Gedanken münden: Das Schiff als «Heterotopie par excellence», da es all das beinhaltet und selbst nach aussen präsentiert, was eine Heterotopie auszeichnet. Ein Raum im Raum, der sich abgeschottet und doch eingebunden in einem Netz aus Seekarten durch die Weltmeere bewegt.

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Foucault, 1992, «Andere Räume», in: Barck, Aisthesis – Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, S. 34


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KAPITEL 3

KREUZFAHRTSCHIFF – HETEROTOPIE UND SPEKTAKEL?

Begeben wir uns auf eine Seefahrt, die versucht, eine Antwort zu finden auf die Frage, ob Kreuzfahrtschiffe nicht nur Heterotopien ganz eigener Manier sind, sondern auch die letztendliche Konsequenz aus Guy Debords Gedanken zu «Gesellschaft des Spektakels» 12. Wir buchen eine Kreuzfahrt von zu Hause aus oder im Reisebüro und schon da beginnen wir uns zu fragen, warum wir überhaupt solch eine Reise antreten. 13 Was sind denn unsere Kreuzfahrtphantasien? Welche Imaginationen verbinden wir mit der schwimmenden Urlaubsstadt auf See? Verführerisch wird im bunten Reiseprospekt ein Eindruck vermittelt, der vielmehr an ein Bild anknüpft, eine Vorstellung von Kreuzfahrt, die so vielleicht gar nicht mehr existiert. Hier wird eine Idee verkauft, die als Imaginationsraum des Einzelnen dient. 12 Debord, 1996, «Die Gesellschaft des Spektakels» 13 Eigentlich ist dieser Moment fast der Knackpunkt, denn sobald ich das Schiff betreten habe, liefere ich mich selbst dem Schiff mit all seinen Facetten aus. Und werde sozusagen zum Gefangenen auf See.


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Gar nicht so weit entfernt von der Idee der einsamen Insel, die selbst schon zur phantasmagorischen Projektionsfläche geworden ist und ihr Versprechen gar nicht mehr einhalten kann. Eine Idee von Kreuzfahrt, die an die Luxusdampfer der 1920er Jahre anknüpft, aber auch an das Bild der wilden Piraten oder des Odysseus, der die Meere überquerte. Es ist kein der jetzigen Realität entsprechendes Bild. Die Passagiere werden sicherlich nicht enttäuscht das Schiff verlassen. Vielmehr wird diese Idee als pure Idee weitergetragen. Das ist es, was mit der Ablösung des Zeichens durch ein Zeichen gemeint wurde. Nur scheint es, dass selbst dieses Ersatzzeichen Befriedigung im Sinne des Urlaubers verschafft. Und in dieser Erwartungshaltung sind Schiff und Meer gleich. Sie erzeugen Sehnsucht. In diesem Sinne sind beide Räume also bis zum Anschlag gefüllt mit Träumen und Leidenschaften – sie haben beide innere Qualitäten. Es sind Räume, die fliessen wie das Wasser, denn sie sind durchlässig für jedermann.14 Von aussen betrachtet und eingeordnet in ein System ist das Schiff aber nur bestimmten Individuen zugänglich. Diese haben zwar die freie Wahl, diesen Raum zu betreten, auch dadurch ist es ein ausgelagerter Ort. Für Foucault 15 ein Raum für Menschen im Krisenzustand – und bei genauerem Nachdenken ist der Urlaub nichts anderes als ein Krisenzustand, denn 14 Foucault, 1992, «Andere Räume», in: Barck, Aisthesis – Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, S. 34 15 Im folgenden Abschnitt untersuche ich das Kreuzfahrtschiff auf die fünf Grundsätze Foucaults zur Charakterisierung einer Heterotopie und beziehe mich auf seinen Essay «Andere Räume» aus dem Jahr 1967 und die Seiten 40–46.


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KAPITEL 3

hier wird eine Auszeit genommen. Fast schon zwanghaft wird erwartet, dass man sich jährlich zur Selbstreinigung ins Aus katapultiert, um danach wieder in der Gesellschaft funktionieren zu können. In der Hoffnung, den Urlaub als positiven Krisenzustand zu erfahren, was sich schon oft als Missverständnis herausgestellt hat. Foucault sieht zwar den Krisenzustand durch einen Abweichungszustand ersetzt, aber der Begriff der Krise scheint doch weitaus treffender. Wobei beide Begriffe ja von einem Normzustand ausgehen und sich über die Abgrenzung von diesem definieren. Urlaub als eine Auszeit und Krise gegenüber der Arbeitswelt als Normzustand. Inwieweit diese Kategorisierung vertretbar ist, bleibt fraglich. Geht man wieder einen Schritt zurück und betrachtet das Schiff, bevor es unter anderem Kreuzfahrtschiff wurde, stellt man fest, dass seine Divergenz in der Ausformulierung unterschiedlichster Anforderungen enorm ist. Vom Öltanker bis zum Whalewatching-Katamaran ist eine grosse Bandbreite an unterschiedlichsten Schiffen vorzufinden, jedes mit verschieden grosser Relevanz für die Gesellschaft.16 Der spannendste Grundsatz Foucaults in Zusammenhang mit dem Kreuzfahrtschiff scheint mir der dritte. Hier zeigt sich deutlich, was für ein enormes psychologisches, philosophisches und technisches Konstrukt diese Riesen sind. Sie vereinen an einem einzigen Ort mehrere Räume, die sonst unver16 Wobei ich betonen möchte, dass ich die Relevanz von Urlaub nicht völlig negiere. Vielmehr stelle ich diese Art und den dazugehörigen Raum in Frage.


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einbar sind. Vom Theater bis zum Pool werden auf engster Fläche unendlich viele Räume zusammengeführt. Wobei Foucaults Blickwinkel ein wenig anders ist. Ihm geht es nicht nur um die Divergenz vieler Räume, sondern um die Divergenz eines einzelnen. Betrachtet man das Kreuzfahrtschiff als einen einzelnen Raum, ist dieser an Vieldeutigkeit kaum zu übertreffen. Ein Kino auf hoher See, zum Beispiel, blendet die Anwesenheit des Wassers völlig aus und ist mit diesem eigentlich unvereinbar.17 Aus der Zeit herauszutreten ist ein grosses Anliegen des Urlaubers, und was liegt da näher, als sich selbst in eine Art «zeitliches Aus» zu befördern? Sich in einen Raum zu begeben, der zwar einerseits durch seine Öffnung dem Passagier gegenüber gekennzeichnet ist, sich dann andererseits aber nach dem Ablegen und Verlassen des Hafens durch eine völlige Abkapselung von der Umwelt auszeichnet. Ein selbst gewähltes Gefängnis? Auffallend ist aber, dass der Passagier sicherlich diese «Haft» anders beschreiben würde und auch die Erwartungshaltung der Entspannung und des Abschaltens einen anderen Blickwinkel vorsieht. Da sind wir auch wieder ganz nah bei der Ideologisierung der einsamen Insel, die im Grunde das Gleiche zu leisten vorgibt. Beim Kreuzfahrtschiff hat man zusätzlich das ganze Unterhaltungsprogramm, um ja nicht in eine nachdenkliche Lethargie oder gar Langeweile zu verfallen. 17 Für Foucault sind Kino und Theater exemplarische Räume für diesen Grundsatz der Heterotopie, weil sie immer noch einen anderen Raum erzeugen, den es so eigentlich nicht gibt.


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KAPITEL 3

«Der letzte Zug der Heterotopien besteht schliesslich darin, dass sie gegenüber dem verbleibenden Raum eine Funktion haben. Diese entfaltet sich zwischen zwei extremen Polen. Entweder haben sie einen Illusionsraum zu schaffen, der den gesamten Realraum, alle Platzierungen, in die das menschliche Leben gesperrt ist, als noch illusorischer denunziert. [...] Oder man schafft einen anderen Raum, einen anderen wirklichen Raum, der so vollkommen, so sorgfältig, so wohlgeordnet ist wie der unsrige ungeordnet, missraten und wirr ist.»18 Das Kreuzfahrtschiff kann man zwischen den beiden Polen anordnen. Foucault tut dies zwar auch mit dem Schiff 19, doch wenn man diesen letzten Gedanken und Grundsatz weiterführt, stellt man fest, dass gerade die nicht genaue Zuordnung zwischen «Imaginationsarsenal» und «Kompensationsraum» das Kreuzfahrtschiff auszeichnet. Denn was für Foucault das Schiff als Heterotopie auszeichnet – ein Pendel zwischen «Bordell» und «Kolonie»20, ein Raum im unendlichen Raum des Meeres –, hat das Kreuzfahrtschiff perfektioniert. Es ist nicht mehr nur Transportmittel zwischen zwei Häfen, die Bordelle beheimaten oder in Kolonien verortet sind. Diese Urlaubs18 Foucault, 1992, «Andere Räume», in: Barck, Aisthesis – Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, S. 45 19 «Wenn man daran denkt, dass das Schiff ein schaukelndes Stück Raum ist, ein Ort ohne Ort, der aus sich selber lebt, der in sich geschlossen ist und gleichzeitig dem Unendlichen des Meeres ausgeliefert ist, [...] dann versteht man, warum das Schiff für unsere Zivilisation vom 16. Jahrh. bis in unsere Tage [...] das grösste Imaginationsarsenal (gewesen ist). [...] Das Schiff, das ist die Heterotopie schlechthin.» ebd., S. 46 20 Für Foucault steht das Bordell stellvertretend für den Imaginationsraum und die Kolonie für den Kompensationsraum.


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dampfer haben Kolonie und Bordell gleich mit an Bord geholt und vermarktet. Foucaults Raumkonzept aus dem Jahr 1967 zeigt hier eine Aktualität auf, die eine Einordnung des Kreuzfahrtschiffs nahezu erfordert. Doch die Frage bleibt immer noch, was denn genau diese tiefe Skepsis und Fragwürdigkeit auslöst. Im selben Jahr hat Guy Debord seine Schrift «Gesellschaft des Spektakels» 21 veröffentlicht. Die Quintessenz seiner Schrift wurde bereits an einigen Stellen vorweg genommen: «Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.» 22 Repräsentation wird zum Ersatz für wirklich Erlebtes. Was bleibt, ist nur das Surrogat. Das Zeichen wird zum Zeichen seiner selbst. Das Spektakel durchzieht die ganze Gesellschaft; den Individuen werden Rollen und Handlungen vorgegeben. Dieser Kern einer ganzen Gesellschaftskritik hat mich dazu bewegt, das Kreuzfahrtschiff genauer auf diese Thesen hin zu untersuchen. Schnell kann man zum gleichen Schluss kommen wie bei Foucault, nämlich dass hier fast eine Perfektionierung dessen vorliegt, was beschrieben oder in diesem Fall vehement kritisiert wird. Wenn die ganze Gesellschaft Teil des Spektakels ist – und so versteht Debord seinen Begriff –, ist das Kreuzfahrtschiff natürlich auch Teil davon. Aber hier 21 Im folgenden Abschnitt beziehe ich mich auf: Debord, 1978, «Die Gesellschaft des Spektakels.» 22 ebd., S. 3


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KAPITEL 3

kann man an spezifischen Punkten die Kritik festmachen und ausformulieren. Die klassische Kreuzfahrt ist eigentlich ein Luxusphänomen. Es gibt in vielen Köpfen immer noch das Bild des Seniorendampfers, an dessen Deck Shuffleboard gespielt wird und man sich zum Vier-Uhr-Tee trifft. Die Reiseunternehmen haben hart daran gearbeitet, dieses Bild zu verändern, um ihre AIDAs und COSTAs an den Mann zu bringen. Eine neue Zielgruppe sollte erreicht werden: alle. Kreuzfahrten sind also zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden, das sich aber interessanterweise auf der Ebene bewegt, auf der es nicht näher betrachtet wird. Weder soziologisch oder philosophisch, noch im Designdiskurs. Es gehört zu den 95 Prozent Mainstream, die meist ausgeblendet werden, wenn es um Analysen in diesen Feldern geht. Hinzu kommt, dass Kreuzfahrten ein westliches Phänomen sind. Was wiederum dem Luxusgedanken geschuldet ist, dieser Idee der ständigen Verfügbarkeit aller Güter an Bord. Wir befinden uns also auch hier in einer «Welt der Ware». Alle Aspekte des Lebens werden in Form von Ware zugänglich gemacht. Und das beinhaltet wirklich alles: vom Buffet über die Musicalshow bis zur Fussmassage und den Shoppingmalls an Bord. All diese Events sind bewusst mit eingeschlossen. Auch Unterhaltung wird in diesem Kontext zu Ware, da sie einer Befriedigung dient und keinem anderen Anspruch als dem der Unterhaltung genügen muss.


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Debord sieht das Individuum durch das Spektakel seiner Freiheit beraubt. Dieser Vorgang ist kein offensichtlicher. Als Pauschaltourist habe ich auch nicht im Geringsten das Gefühl, dass ich mich eigentlich an Bord eines Gefängnisses begebe, mir meine Sträflingsurlaubsmontur anlege und mich dem unendlichen Spass unterwerfe. Dafür sind die Mechanismen der Urlaubsindustrie viel zu clever, denn diese bedient sich bereits erprobter Methoden, die wir aus jedem Supermarkt und jeder Kinowerbung kennen sollten. Da wir uns aber im «Krisenzustand» Urlaub befinden, akzeptieren wir dies – wir nehmen es sogar als positiv wahr. Dass durch diese Entpersonifizierung jeder Einzelne nur wieder zu einem Teil des Urlaubssystems wird, liegt ausserhalb unserer Wahrnehmung. Denn alle «Pseudozeichen» deuten daraufhin, dass hier gerade Wertvolles für die Erholung geleistet wird. Alles ist positiv konnotiert. Das sind die Scheuklappen des modernen Kreuzfahrtpassagiers. Das Subjekt selbst wird zum Zuschauer und entledigt sich seiner Aufgaben, indem es die Ideen übernimmt, die ihm vorgeben, was es zu tun hat. Geprägt durch Konformismus und Passivität ist der Kosmos Kreuzfahrtschiff eine enorme Leistung. Er scheint alle Ideale unserer Zeit in negativer Weise zu vereinen. Da bleibt an Bord auch Platz für das Sakrale und das Profane, da wird in eklektizistischer Manier alles zusammengewürfelt, was als brauchbar empfunden wird – dass Design da auf der


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KAPITEL 3

Strecke bleibt, scheint fast schon als logische Konsequenz. Besser gesagt, alles ist hier geprägt durch Quantitativen und nicht durch Qualitativen. Der Normalfall ist die Quantität, und wenn es mir doch nach mehr Qualität verlangt, dann kann ich mich der Qualität durch einen kleinen Aufpreis annähern, sodass aus dem Pauschal-Mittagsbuffet schliesslich ein 4-Gang-Menü wird. David F. Wallace beschreibt es treffend als «den Terror der fürsorglichen Entmündigung» oder: “(the) shipboard activities (were) organized for maximal stimulation down to the tiniest detail” 23. Die Passagiere kommen gar nicht mehr in den Zustand der Langeweile, der die Überseefahrt einst ausgezeichnet hat. Sie müssen keine Entscheidungen mehr treffen, über nichts mehr nachdenken. Ihr Handeln hat immer nur eine direkte Konsequenz und bedarf keiner Reflexion. Und diese eine Konsequenz dient immer der Befriedigung des Moments. Eigentlich wird dem Touristen wahnsinnig viel abverlangt, denn man kann soweit gehen, dies als die völlige Selbstaufgabe zu beschreiben. Eine Entfremdung von sich selbst in der Annahme, zu sich selbst zu finden. Diese hermetischen Orte reizen ihre Möglichkeiten voll aus. Sie sind Spektakel und Heterotopie in höchst kritischer Weise, weil sie nur vordergründig das eigenständige Agieren zulassen.

23 Wallace, 2006, “A supposedly fun thing I’ll never do again. Essays and arguments”, S. 260


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Wer sind also diese neuen Eroberer der Weltmeere? Und für wen wurden all diese Shoppingmalls, Wellnessbereiche, Theater, Sportstätten, Cafés, Casinos und Pools auf diesen Schiffen entworfen und zusammengewürfelt? Das Bild der Luxuskreuzfahrt ist passé – wobei solch eine Reise noch immer recht kostspielig ist –, und doch funktioniert das Unternehmen Kreuzfahrt über ein Luxusgefühl. Aber eben vielmehr ein Gefühl. Den Passagieren wird die volle Aufmerksamkeit geschenkt, es wird versucht, alles möglich zu machen. Das Vergnügen der einen ist die Arbeit der anderen. Und genau diese Haltung muss man als Tourist schon mit an Bord bringen. Man muss ein Jasager 24 sein und genau dieses Angebot auch erwarten. Als Gast muss ich das Schöne sehen und all die negativen Auswirkungen ausblenden wollen. 24 Blinda, «Kreuzfahrtschiff Oasis of the Seas – Voll die Fahrt», Spiegel Online, 2009, ‹http://www.spiegel.de/reise/aktuell/kreuzfahrtschiff-oasis-of-the-seasvoll-die-fahrt-a-664178.html›, besucht am 28. 4. 2012


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KAPITEL 4

«Wir alle sind eine grosse Familie an Bord»: “Mrs. Wiessen: [...] ‘The people on board – the staff – are really part of one big family.’ What I myself observed was that the Nadir was one very tight ship, run by an elite cadre of very hard-ass Greek officers and supervisors, and that the preterite staff lived in mortal terror of these greek bosses who watched them with enormous beadiness at all times, and that the crew worked almost Dickensianly hard, too hard to feel truly cheery about it.” 25 Die Haltung des Touristen auf der einen Seite trifft auf das Angebot des Reeders auf der anderen. Und beide haben sich fast gegenseitig hochgeschaukelt. Wenn man die ganzen Urlaubsressorts als Testgelände der Kreuzfahrtindustrie betrachtet, ist es nachvollziehbar, dass Anbieter diesem Trend nachgeben, ihn unterstützen und noch eines draufsetzen. Übrig bleibt dann so etwas wie Weltraumnahrung. Ein immenses Angebot in kleine Portionen verpackt, aufbereitet und zum direkten Verzehr geeignet. Da bedarf es keiner Transferleistung mehr beim Gegenüber, da wird das Ausschalten des Urlaubers zum Abschalten des Kreuzfahrtpassagiers. Und doch scheint es eine grosse Nachfrage zu geben nach diesen «Paradiesen», weil Passivität als Auszeit mit der vollen Passivität als Individuum verwechselt wird. Deshalb bleibt auch nur noch ein Gefühl von Luxus und nicht der Luxus selbst, weil hier in höchstem Masse getrickst und gespielt wird. Alles wird zur Verfügung gestellt und Familie Müller aus Nord25 Wallace, 2006, “A supposedly fun thing I’ll never do again. Essays and arguments”, S. 266


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rheinwestfalen ist dankbar und naiv. Was dann noch als Anhaltspunkt übrig bleibt, ist eine Konstante: die ständige Verfügbarkeit von allem. Gelangt man doch zu einem tiefen Moment der Reflexion und steht wie David Foster Wallace nachts – natürlich nach dem Mitternachtsbuffet – an der Reling und fühlt diese Ausgeliefertheit, dann ist so ein Gefühl von «Verzweiflung»26 ebenso nachvollziehbar. Nun bleibt nur noch der Sprung ins Wasser als einzige Fluchtmöglichkeit. REISE?

«Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.» Samuel Johnson, 18. Jahrhundert Was die beiden Räume noch verbindet, ist der Traum des Reisens, das Meer als Eroberungsfeld, um an fremden Küsten anzulegen, neue Welten zu entdecken und das Gefühl der Überfahrt zu erfahren. Was sind denn die klassischen Beweggründe für eine Reise? Wir wollen dem Alltag, dem Gewohnten entkommen, wollen und sollen unseren Geist wachhalten und uns öffnen für Neues. Unsere Sinne werden schliesslich geschärft, wenn wir uns ständig auf Neues einlassen müssen. 26 Wallace, 2006, “A supposedly fun thing I’ll never do again. Essays and arguments”, S. 261


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KAPITEL 4

Samuel Johnson formulierte da bereits einen sehr hohen Anspruch an den Reisenden, der aber eigentlich auch immer Ansporn sein sollte. Nur scheint es, als bleibe davon nichts mehr übrig. Das Reisen als solches ist quasi nicht mehr existent. Die Kreuzfahrtreise negiert das «Reisen». Denn neue Unterhaltungsangebote und Musicalshows gehören nicht gerade zu den Dingen, die es auf hoher See zu entdecken gilt. Man begibt sich also auf eine «Nicht-Reise», verhaftet eigentlich im Gewohnten und doch Überhöhten. Man möchte ja nichts Befremdliches erfahren, immer jemanden haben, an den man sich wenden kann, der einem hilft. Den Moment, in dem man sich etwas Ungewohntem ausliefert, gibt es nicht mehr. Der Landgang wird möglichst kurz gehalten und die Entdeckung der Karibik bleibt durchchoreographierter Bilderbuchspass. Und all das, was es nicht zu entdecken gibt, wird durch Animateure und Motorradsimulatoren an Bord kompensiert. Ein wenig kitschig könnte man sagen, dass auch immer der Weg das Ziel sein sollte. Aber das Kreuzfahrtschiff in seiner «Perfektion» hat es geschafft, dass diese Träume blosse Träume und Trugbilder bleiben. Und wenn dann so ein kleiner Pool am Oberdeck eines Schiffes sich langsam ins Meer entleert, dann sieht das doch fast so aus wie die Rache des Meeres – ein Raum, der viel mehr zu bieten hat als die blosse Nutzung als Transportgefäss, holt sich sein Substrat zurück. Und die «Reise» selbst verkommt zum völligen Nonsens.


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BIBLIOGRAPHIE Hannah Baader und Gerhard Wolf (Hrsg.): Das Meer, der Tausch und die Grenzen der Repräsentation. Zürich/Berlin: diaphanes, 2010 Antje Blinda: Kreuzfahrtschiff Oasis of the Seas – Voll die Fahrt. Spiegel Online, 2009 ‹http://www.spiegel.de/reise/aktuell/ kreuzfahrtschiff-oasis-of-the-seasvoll-die-fahrt-a-664178.html›, besucht am 28. 4. 2012 Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1997 Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Hamburg: Edition Nautilus, 1978 Berlin: Edition Tiamat, 1996 Doris G. Eibl, Lorelies Ortner, Ingo Schneider und Christof Ulf (Hrsg.): Wasser und Raum – Beiträge zu einer Kulturtheorie des Wassers. Göttingen: V&R unipress, 2008 Michel Foucault: Andere Räume, in Karlheinz Barck (Hrsg.) Aisthesis – Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig: Reclam, 1992


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ANHANG

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1973, Band 12 Elisabeth Ströker: Philosophische Untersuchungen zum Raum. Frankfurt a.M.: Klostermann, 1965 David Foster Wallace: A supposedly fun thing I’ll never do again. Essays and arguments. London: Abacus, 2006 Stefanie Wenner: Die Atopie des Horizonts und die Erweiterung des Hier. Medienphilosophische Erkundungen, in Schnittstellen. Vol. 1, Basler Beiträge zur Medienwissenschaft, Sigrid Schade, Thomas Sieber, Georg Ch. Tholen (Hrsg.), Basel: Schwabe, 2005 Benjamin Worthmann: Salz in unseren Adern. Mare Online, 2006 ‹http://www.mare.de/index. php?article_id=1042&setCookie=1› besucht am 20. 06. 2012


AUSBLICK INS NICHTS ZEITUNGSARTIKEL A 20MIN

Costa Concordia hatte zu alte Seekarten dabei <http://www.20min.ch/ ausland/dossier/costa/story/ Costa-Concordia-hatte-zu-alte-Seekarten-dabei-27729344>, besucht am 12. 7. 2012

B BELLENEWS Francesco Schettino curiculum vitae. A short biography of Costa Concordia captain. <http://www.bellenews. com/2012/01/17/world/europe-news/ francesco-...no-curiculum-vitae-ashort-biography-of-costa-concordiacaptain>, besucht am 7. 4. 2012 C BLICK

Kurz vor Bergung: Die «Costa Concordia» sinkt! <http://www.blick. ch/news/ausland/die-costa-concordiasinkt-id1923793.html>, besucht am 12. 7. 2012

D CABO RUIVO Costa Concordia-Havarie: 14 000 Euro Schweigegeld <http://caboruivo.ch/?p= 2203>, besucht am 13. 3. 12 Costa Concordia-Havarie: Die Frau, die dem Käpt'n die Sinne raubt <http:// caboruivo.ch/?p=2071>, besucht am 13. 3. 2012 Ein Kapitän auf Abwegen … <http:// caboruivo.ch/?p=2049>, besucht am 13. 3. 2012

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E DAILYMAIL Captain Calamity had already crashed another cruise ship before hitting the rocks in Costa Concordia <http://www.dailymail.co.uk/news/ article-2108790/Costa-Concordia-Captain-Francesco-Schettino-crashedANOTHER-cruise-ship.html>, besucht am 13. 3. 2012 F DER STANDARD Postkarten mit Wrack vor Insel Giglio verboten <http://derstandard.at/ 1332323919982/Costa-ConcordiaPostkarten-mit-Wrack-vor-Insel-Giglioverboten>, besucht am 29. 3. 2012 G DIEPRESSE Costa Concordia: Schiffsbergung um 300 Mio. Euro <http://diepresse. com/home/panorama/welt/767218/ Costa-Concordia_ Schiffsbergungum-300-Mio-Euro?from=gl.home_ panorama>, besucht am 17. 7. 2012 H FOCUS 50 000 Euro für ein Interview – Kapitän Schettino: «Gottes Hand hat mich gelenkt» <http://www.focus.de/ panorama/welt/costa-concordia /50-000-euro-fu...-kapitaen-schettinogottes-hand-hat-mich-gelenkt_ aid_778455.html>, besucht am 17. 7. 2012


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ANHANG

Gedenkstätte für ertrunkene Touristen – «Costa Concordia»-Felsen wird zum Denkmal <http://www.focus. de/panorama/welt/costa-concordia/ mittelmeerinsel...sta-concordiaungluecksort-bekommt-gedenkstaette_ aid_766864.html>, besucht am 12. 7. 2012

I FRANKFURTER ALLGEMEINE

ZEITUNG Havarie mit 32 Toten – Anwalt verklagt Architekten der Costa Concordia <http://www.faz.net/aktuell/ gesellschaft/ungluecke-und-katastrophen...oten-anwalt-verklagt-architekten-der-costa-concordia-11799721. html>, besucht am 12. 7. 2012

J FRANKFURTER RUNDSCHAU «Costa Concordia»-Kapitän ist ins Rettungsboot «gefallen» <http://www. fr-online.de/panorama/costa-concordia-kapitaen-ist-ins-rettungsbootgefallen-,1472782,11472544.html>, besucht am 18. 1. 2012 K FREIE PRESSE Costa verschärft Sicherheitsmaßnahmen nach «Concordia»-Havarie <http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/PANORAMA/Costa-verschaerf... icherheitsmassnahmen-nach-Concordia-Havarie-artikel7979946.php>, besucht am 12. 7. 2012

L KLEINE ZEITUNG «Costa Concordia»-Schwesterschiff beschlagnahmt <http://www. kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/ 2985339/costa-concordia-schwesterschiff-beschlagnahmt.story>, besucht am 2. 4. 2012 M N-TV Costa Concordia wird abtransportiert – US-Firma bekommt Zuschlag <http://www.n-tv.de/panorama/USFirma-bekommt-Zuschlag-article60854 91.html>, besucht am 22. 4. 2012 «Costa Concordia» wird geborgen: Arbeiter trennen Mast ab http://www.n-tv.de/panorama/ Arbeiter-trennen-Mast-ab-article6527 361.html> besucht am 12. 7. 2012 N NZZ Der Schiffbruch aus der Sicht Schettinos <http://www.nzz.ch/ nachrichten/panorama/costa_concordia-kapitaen_schreibt_ein_buch_ ueber_das_unglueck_1.15992566.html>, besucht am 21. 3. 2012 O RHEINISCHE POST Das Leben nach der Katastrophe <http://www.rp-online.de/bergischesland/solingen/nachrichten/das-lebennach-der-katastrophe-1.2885284>, besucht am 12. 7. 2012


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P SPIEGEL Unglücksschiff war Filmkulisse <http://www.spiegel.de/kultur/kino/ 0,1518,809691,00.html>, besucht am 17. 1. 2012

S TAGESSCHAU Gehen Sie an Bord, verflucht nochmal! <http://www.tagesschau.de/ausland/ concordiatelefonat100.html>, besucht am 13. 3. 12

Q SÜDDEUTSCHE ZEITUNG Havarie der Costa Concordia – Richterin hebt Hausarrest gegen Kapitän Schettino auf <http://www.sueddeutsche. de/panorama/havarie-der-costaconcordia-richterin-hebt-hausarrestgegen-kapitaen-schettino-auf-1.14 03078>, besucht am 12. 7. 2012 Nach dem «Costa Concordia»-Unglück – US-Anwalt umwirbt deutsche Überlebende <http://www.sueddeutsche. de/panorama/nach-dem-costa-concordia-unglueck-us-anwalt-umwirbtdeutsche-ueberlebende-1.1306275>, besucht am 13. 3. 2012

T WELT Kapitän soll sich schon vor Havarie verfahren haben <http://www.welt.de/ vermischtes/weltgeschehen/artic 13819361/Kapi...sich-schon-vor-Havarieverfahren-haben.html>, besucht am 17. 1. 12

R TAGESANZEIGER Schettino nennt Concordia-Unglück «banalen Unfall» <http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/ Schettino-nennt-ConcordiaUnglueckbanalen-Unfall/story/13287869>, besucht am 12. 7. 2012


4O BILDNACHWEIS A Costa Concordia

<http://cruisefever.net/wp-content/ uploads/2012/06/costaconcordiapool. jpg>, besucht am 6. 5. 2012 Der Inhalt dieser Diplom-Theoriearbeit ist in vollem Umfang selbstst채ndig erstellt worden. Zitierte oder paraphrasierte Text- und Bildquellen sind als solche gekennzeichnet und mit den jeweiligen Urheberangaben versehen.


41 IMPRESSUM KONZEPT UND GESTALTUNG | EDITH SPETTIG FOTOS DIPLOMANDEN/-INNEN | CORINNA REDWANZ BILDBEARBEITUNG | PROACTEAM AG DRUCK | KREIS DRUCK AG DANK | PASCAL STORZ


FHNW HGK INSTITUT INNENARCHITEKTUR UND SZENOGRAFIE

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