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GEWIDMET DR. HERBERT WATSCHINGER UND SEINEM LEBENSWERK.


„WAS HERBERT WATSCHINGER FÜR DIE GANZE REGION NGORONGORO GELEISTET HAT, IST UNGLAUBLICH.“ DR. JOSEF RATZENBÖCK


PROLOG DR. JOSEF RATZENBÖCK

Am 30. Juli 1991 ist Dr. Herbert Watschinger gestorben. 20 Jahre später blickt der OÖ Altherrenlandesbund im ÖCV mit der Herausgabe dieses Buches auf sein Lebenswerk zurück, welches fast 3 Jahrzehnte lang im Dienst der Maasai stand. Viele Jahre durfte ich Herbert, der in aller Öffentlichkeit mit seinem Verbindungsnamen Tschess gerufen wurde, begleiten. Wir hatten uns in der damaligen Marianischen Kongregation der Jesuiten in Linz kennengelernt und wurden Freunde. Unsere Wege trennten sich und fanden immer wieder zusammen. Mehr als die Hälfte des Jahrganges 1922 ist im 2. Weltkrieg gefallen. Herbert hatte das Glück, nach der Kriegsgefangenschaft wieder nach Hause zurückkehren zu können. Nach Abschluss seiner Studien, der Weihe zum Priester und mehrmonatigem Ostafrikaaufenthalt im Jahre 1960 folgte er wenig später der Bitte einer aus Altenberg bei Linz gebürtigen Missionsschwester. Es galt ein Krankenhaus zu bauen, das aber auch einen Doktor benötigte. Er war dafür der Richtige. Er verstand sich nie als Entwicklungshelfer, wenngleich zu helfen seinen ganzen persönlichen Einsatz forderte. Natürlich benötigte auch er Hilfe, um all seine Ideen im Zusammenhang mit der Errichtung einer Basis-Struktur für die medizinische Versorgung der Bevölkerung im Maasai-Land Tansanias umsetzen zu können. Seine Heimat Oberösterreich und die Republik Österreich hat ihn da nie im Stich

gelassen. In unzähligen „Rundbriefen“ bedankte er sich nicht nur für die gewährte Unterstützung, seine Schilderungen zu aktuellen Ereignissen und Erlebnissen ließen die Dankbarkeit, die er erfahren durfte, überzeugend spüren. Er war ein Visionär und hat nachhaltig Großartiges geschaffen.Wer aber weiß heute noch darüber Bescheid? Das Lebenswerk von Dr. Herbert Watschinger darf nicht in Vergessenheit geraten. Pro Watschinger, eine Initiative des oberösterreichischen Cartellverbandes, will dem Nachdruck verleihen, aber auch konkrete Hilfe leisten. Ganz besonders freut mich, dass das Lebenswerk von Dr. Herbert Watschinger nunmehr bei der jüngeren Generation so großes Interesse geweckt hat. Meinen größten Dank verdienen dafür Philipp Hieslmair, Ino Karning und Markus Wiesauer, die aus gewonnener Überzeugung vergangenes Jahr auf den Spuren von Dr. Herbert Watschinger wandelten, um das, was er einzigartig geschaffen hat, persönlich sehen und erfahren zu dürfen. Aus über 7000 Bildern haben sie eine kleine Auswahl getroffen, um uns und Ihnen mit dem vorliegenden Buch diese Eindrücke vermitteln zu können. Dr. Herbert Watschinger hat vielen, vielen Menschen, die selbst nicht einmal eine medizinische Grundversorgung hatten, entscheidend geholfen. Diesen Menschen weiterhin zu helfen sind wir aufgerufen.


DR. HERBERT WATSCHINGER EIN LEBEN IM DIENS T DER MAAS AI

Dr. Herbert Watschinger wurde 1922 in Linz an der Donau geboren. Das Medizinstudium begann er in Prag, wechselte aber bald nach Graz. Noch während des Studiums wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und geriet schließlich in englische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg setzte er das Medizinstudium in Innsbruck fort. Hier erfolgte auch die Aufnahme in den österreichischen Cartellverband bei der KÖHV Alpinia Innsbruck. 1947 promovierte er zum Dr.med.univ. Die Turnusausbildung absolvierte Dr. Herbert Watschinger anschließend im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. Ab 1952 nahm er das Theologiestudium in Innsbruck auf, welches er 1956 abschloss. Im gleichen Jahr wurde er zum Priester geweiht. Nach seinem Dienst als Kaplan in mehreren oberösterreichischen Pfarren fasste er 1960 auf einer Ostafrikareise den Entschluss zur Missionstätigkeit in Afrika und erhielt dafür 1964 die Freistellung vom bischöflichen Ordinariat in Linz. Dr. Herbert Watschinger wirkte 27 Jahre lang, von 1964 bis 1991, als Arzt und Priester in Tansania in der Erzdiözese Arusha im Ngorongorodistrikt, im sogenannten nördlichen Maasailand.


FATHER LAWRENCE

Eines Tages stieß Herbert Watschinger auf ein sehr aufgewecktes und zugleich intelligentes Kind mit dem Namen Lawrence. Die Förderung dieses Kindes lag Herbert Watschinger sehr am Herzen. Schon bald fungierte Lawrence als Dolmetscher, der zudem die Gegend und die Leute im Maasaigebiet sehr gut kannte. Herbert Watschinger wurde im Laufe der Zeit immer mehr zum Ziehvater für Lawrence und förderte seine schulische Ausbildung so gut es ging. Lawrence begann ein Medizinstudium, um einmal in die Fußstapfen von Herbert Watschinger als Arzt treten zu können. Doch es kam anders. Lawrence erkannte, dass nicht das Studium der Medizin, sondern das Studium der Theologie seine Berufung war. Er wechselte in das Priesterseminar und aus Lawrence wurde Father Lawrence. Er absolvierte in weiterer Folge noch ein Philosophiestudium und schloss mit Hilfe von Pro Watschinger und Gönnern im Juni 2011 auch ein Business-Management-Studium an der

St. Augustinus Universität in Mwanza ab. Seit 2008 führt er alle Pro Watschinger-Besucher fürsorglich durch das Maasailand zu den Spitälern. Dies durften auch wir bei unserer Reise in Anspruch nehmen und erfahren. Nachdem wir die erste Nacht in Tansania verbracht hatten, wurden wir am Morgen von Father Lawrence, den wir bis jetzt nur aus Erzählungen kannten, abgeholt. Father Lawrence empfing uns mit einem freundlichen „Welcome my brothers“. Wir wechselten ein paar Worte und schon war unser Gepäck in seinem Geländewagen verladen. Wir machten uns auf den Weg. Wohin, wussten wir anfangs nicht, doch während der Fahrt erzählte uns Father Lawrence, dass er uns eine Person vorstellen möchte, die sehr lange mit Herbert Watschinger zusammengearbeitet hat. Bei dieser Person handelte es sich um Pat Patten, einen amerikanischen Franziskanerpater, der das Flying Medical Service in Tansania gegründet hat.


„BESONDERS FASZINIERT MICH DIE LIEBEVOLLE FÜRSORGE DER MAASAI-MÜTTER FÜR IHRE KINDER!“ PAT PATTEN

die ihnen das weitere Leben erleichtern, wie beispielsweise das Anfertigen von Kleidungsstücken auf einfachen mechanischen Nähmaschinen sowie das Zimmern von Tischen, Stühlen und Gehhilfen. Neben dem praktischen Unterricht lernen sie auch lesen, schreiben und rechnen. Sie werden auch zur Zubereitung von Mahlzeiten eingeteilt. Nach erfolgreichem Abschluss der Schule bei Pat Patten bekommen die Schüler die nötigen Maschinen und Werkzeuge mit, um das Erlernte auch in ihren Dörfern anwenden und somit ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Auf seinem Stützpunkt unterhält er außerdem ein Kleinkrankenhaus, das

täglich ambulante Anlaufstelle für viele Frauen und Kinder aus der Umgebung ist. Als Anerkennung für seine Verdienste wurde Pat Patten im Rahmen eines Österreichaufenthalts im Jahr 2006 mit dem Erzbischof-Romero-Preis der Aktion „Sei So Frei“ ausgezeichnet. Pat Patten hatte bei einem Einsatzflug im Maasaigebiet selbst einen Schutzengel an Bord. Sein Flugzeug stürzte ab und begann zu brennen. Gerade noch rechtzeitig wurde er von zwei Maasai gerettet – ausgleichende „Gerechtigkeit“ für einen Menschen, der so viel Gutes getan hat und nach wie vor tut.


ENDULEN

Bild: Herbert Watschingers Haus in Endulen.

IN THE MIDDLE OF N OWHERE

Wir verließen die touristischen Pfade, die in den Ngorongoro-Krater führen. Mit jedem Kilometer, den wir uns in Richtung Endulen vorwärts bewegten, wurde der Weg schlechter und wir tauchten in eine völlig andere Welt ein. Das Vorankommen mit unserem Toyota Landcruiser gestaltete sich immer schwieriger und war schließlich nur mehr im Schritttempo möglich. Nach einer langen und anstrengenden Fahrt erreichten wir – in the middle of nowhere – das Krankenhaus Endulen. Herbert Watschinger hatte bald erkannt, dass man von einem Krankenhaus aus die Bewohner dieses großen Gebietes nicht versorgen konnte, weil von der Bevölkerung alle Wege zu Fuß bewältigt werden mussten. So errichtete er in Endulen ein zweites Krankenhaus, das wir als erstes kennenlernen durften. Endulen war anfangs eine einfache „Under Tree Clinic“, die kontinuierlich ausgebaut wurde. Der Klinikeröffnung im Jahre 1976 wohnten unter anderem auch der damalige Landeshauptmann Dr. Erwin Wenzl, der damalige Weihbischof Dr. Alois Wagner und Univ.Prof. Dr. Bruno Watschinger, der Bruder von Herbert Watschinger, bei. Das Krankenhaus Endulen hat ca. 60 Betten, ambulant werden täglich bis zu 80 Patienten behandelt. Dafür stehen neben einem ärztlichen Leiter auch noch ca. 45 Bedienstete zur Verfügung.


„ER WAR BODENSTÄNDIG, FREUNDLICH, GROSSHERZIG UND HIELT SEIN WORT. DAFÜR LIEBTEN IHN DIE MENSCHEN.“ RÖNT G E N ASSIS TENT SCHON ZU ZEITEN V ON HERBER T WAT SCHINGER (1986 – 1991)


Keine oder schlechte Verkehrswege zu den entlegensten Dörfern lassen eine medizinische Versorgung der Bevölkerung mit dem Auto nicht überall zu. Hier wurde Herbert Watschinger von Pat Patten ganz entscheidend unterstützt. Wie vor Jahrzehnten fliegen Pat Patten und sein Team wöchentlich ihre medizinischen Versorgungseinsätze. Unter dem Flügel der Cessna wird die „Tagesklinik“ aufgebaut, notfalls werden auch Krankentransporte zu den Krankenhäusern Wasso und Endulen durchgeführt – das „Flying Medical Service“ garantiert flächendeckende medizinische Grundversorgung.


ALLTAG IN DEN SPITÄLERN DAMAL S UND HEUTE

Die drei Krankenhäuser Wasso, Digo Digo und Endulen verfügen zusammen über ca. 240 Betten. Etwa 3000 Patienten werden pro Jahr stationär aufgenommen. Gemeinsam mit den mobilen Kliniken werden jährlich ca. 45.000 Patienten ambulant versorgt. Die häufigsten Erkrankungen sind Malaria, Lungenentzündung sowie Durchfallerkrankungen; letztere treten besonders bei Kindern sehr häufig auf. Auch Tuberkulose ist nach wie vor ein großes Problem, wohl infolge der schlechten Hygienestandards und des engen Zusammenlebens der Großfamilien. Natürlich gibt es auch Verletzungen und schreckliche Verbrennungen (insbesondere bei Kindern) zu versorgen. In den letzten Jahren ist auch AIDS

unter den 10 häufigsten Diagnosen. Zusätzlich wird ein umfangreiches medizinisches Vorsorgeprogramm ambulant in den Krankenhäusern und bei den mobilen Kliniken angeboten, und zwar Impfkampagnen mit Eintragung in den Mutter-Kind-Pass, Mutter-Kind-Betreuung, Schwangerschaftsberatung, Familienplanung, Gesundheitserziehung, Schüleruntersuchungen, Augenuntersuchungen, Zahnuntersuchungen, Tuberkuloseprogramm und Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten (insbesondere HIV). An den Krankheitsbildern sowie am Vorsorgeprogramm hat sich nichts geändert, die medizinische Versorgung der Bevölkerung hat aber eine Weiterentwicklung erfahren.


Für uns war es ein Tag voller neuer Erfahrungen, wir wurden in ein traditionelles Haus (Boma) der Maasai eingeladen. Zudem hatten wir Kontakt mit mehreren Personen und Zeitzeugen. Vom Dorfältesten durften wir erfahren, wie er Herbert Watschinger erlebte und welche Schwierigkeiten anfänglich auftraten. Die größten Probleme ergaben sich durch die große Skepsis der Maasai gegenüber dem „weißen Wunderheiler“, berichtete er uns.


„WO MENSCH UND TIER SO ENG BEIEINANDER LEBEN, SIND DIE FLIEGEN EINE SCHLIMME PLAGE.“ HERBER T WAT SCHINGER IN 'GIB DIE HOFFNUNG NICHT AUF'


SERENGETI V ON END ULEN N ACH WASSO

Der Abschied von Endulen fiel uns nicht leicht. So wie beim Empfang erfuhren wir auch beim Abschied eine große Herzlichkeit. Mit unserem Geländewagen machten wir uns am Rande der Serengeti in Richtung Wasso auf den Weg. In der Sprache der Maasai bedeutet Serengeti „das endlose Land“. Diese Übersetzung könnte die Landschaft, durch die wir unsere Spuren zogen, nicht besser beschreiben. Die Serengeti ist eine nahezu baumlose Savanne, welche sich vom Süden Kenias östlich des Victoriasees bis zum Ngorongoro-Nationalpark mit einer Fläche von über 30.000 Quadratkilometern erstreckt. Während der NgorongoroKrater mit seiner Einzigartigkeit fasziniert, verzaubert einen die Serengeti mit ihrer schier unendlichen Weite. Bei der Fahrt durch diese endlosen Ebenen beobachteten wir Antilopen, Büffel, Giraffen, Schakale, Zebras usw.


Nach dem Ableben von Dr. Herbert Watschinger wurde das Krankenhaus zum „District Designated Hospital“ erklärt, was zum einen die Wichtigkeit dieses Krankenhauses für die Region unterstreicht und zum anderen auch eine teilweise Unterstützung durch den Staat Tansania ermöglicht. Wir waren vor allem von der Größe des Krankenhauses, von seinem ordentlichen Zustand und dem medizinischen Angebot beeindruckt. Das Krankenhaus umfasst folgende Abteilungen: Frauen-, Geburtshilfe-, Kinder-, Männer-, Zahn- und Tuberkulosestation, Operationssaal, Labor, Röntgen, Apotheke, Ambulanz, Werkstättentrakt und Personaltrakt.


Nach der Messe erklärte uns Father Lawrence, worüber er gesprochen hatte. Wir verstanden erst jetzt, warum diese Messe die Menschen mit Hoffnung erfüllte. Father Lawrence meinte, dass materieller Reichtum nicht immer bedeutet, auch wirklich reich zu sein. Familie, Freunde und Gesundheit – diese Worte sprudelten nur so aus seinem Mund. Am Abend waren wir noch immer dankbar für den Reichtum, mit dem wir heute beschenkt wurden.


Anschließend führte er uns zu einem großen Baum, unter dem sich das ganze Dorf versammelt hatte. Es folgten Ansprachen der Dorfvertreter sowie von Father Lawrence. In seiner Rede betonte Father Lawrence einige Male, dass nicht ihm der Dank für die Dispensary gebührt, sondern der gesamten Gemeinde, die entscheidend an der Errichtung dieses Gesundheitszentrums mitgewirkt hatte. Während der Ansprachen wurde eine Ziege geschlachtet, zubereitet und uns als Essen gereicht. Die Zubereitung von Fleisch, speziell einer Ziege, zeugt von großer Wertschätzung für einen Gast und deshalb war es für uns eine besondere Ehre, vom Dorf eingeladen worden zu sein.


In stillem Gedenken an Brian, den Neffen von Father Lawrence, der am 16. Mai 2011 auf dem Heimweg von der Schule beim Versuch einen Fluss zu durchqueren gemeinsam mit seinem Freund ertrunken ist.


Auf den Spuren von Herbert Watschinger  

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