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Redaktion_0914_Redaktionsseiten 28.04.2014 12:38 Seite 24

Martin Lechner Kleine Kassa (Residenz Verlag)

Verpeilt, dann Absturz. Das geht dann ganz schnell für Georg. Der sieht zuviele Splattermovies, gibt zuviel Geld für schicke Sachen aus – und ist doch bloß Lehrling in Sicks Eisenwarenhandlung. Der Lehrherr schickt ihn gelegentlich mit einem Koffer los – und Georg, der Träumer, stolpert aus dem Regio-Bus ins Maisfeld, stößt auf einen Toten, liefert sich einen harten Kampf mit einem Mofa-Fahrer, rettet sich in eine Kneipe, verliert sich dort an des bedrohlichen Wirts verführerische Tochter... Kein Samstagsessen mehr bei Mama, Wohnung weg, Job weg, verfolgt von „Heidefunk“ und „Lokal TV“. Klingt wie eine Provinz-Posse irgendwo hinter Lüneburg, ist aber ein ausgefeiltes literarisches Debüt, ganz wunderbar erzählt aus der sehr körperbetonten Perspektive des jungen Mannes, der sich, wie alle hier, genaugenommen sehnt nach Recht und Ordnung und dem kleinen Glück, aber, desorientiert und mit allzu viel wilden Fantasien, in wenigen Stunden zum in jeder Hinsicht scheiternden Außenseiter wird. Eng. Und groß. Szene für Szene – filmreif. Samt kakophoner Blasmusik vom rettenden Chor. Mal Detlef Buck, mal US-Indie likes Coming of Age. Martin Lechner: Kann’s. Hermann Barth

Heinz Helle Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin (Suhrkamp)

Dieser kurze Roman ist wirklich genauso grandios wie sein toller Titel. Nur dass nichts wirklich in die Luft fliegt. Und dass alle Flugzeuge sicher landen. Erzählt wird – in der Nähe schaffenden, aber doch irritierenden Du-Perspektive – von einem Münchner, der in der viel größeren Stadt New York kirre wird. In der Lindwurmstraße, in den Clubs am Innenstadt-Ende der Thalkirchener Straße kennt er sich aus. Im Big Apple will er sich als Philosoph akademisch behaupten – und scheitert doch an Alltagsfragen, trotz der vielen famosen Partys, auf die er eingeladen wird. „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“ ist ein Text, der Äußeres schildert –

allerdings stets im Gestus des Nicht-WirklichDazugehörens und Zauderns. Ein junger Münchner kommt in die großartigste Stadt der Welt – nicht München, ausnahmsweise – und sieht sich mit der eigenen Anspruchshaltung überfordert, dass Manhattan den Menschen wirklich berührt. Es ist ein Roman, der um die bange Frage kreist, wie man eigentlich Gedanken beschreiben kann, die in die Leere gehen. Oder wie man das Nichts im Kopf festhalten kann. Dass derart grüblerischen Zeitgenossen nicht wirklich beziehungsfähig sind, steht außer Frage. Wie der Erzähler die Spannung, dass viel zu wenig passiert, dennoch aufrecht erhält, ist ziemlich großartig. Wer selbst schon mal versonnen auf dem Kanapee lag und darüber nachdachte, was es heißt, über seine eigenen Gedanken nachzudenken, weiß genau, was gemeint ist. Manchmal wäre es eben einfacher, wenn irgendwo im Hintergrund Kerosin explodiert. Lesetipp, definitiv! Rupert Sommer

Leo Tuor Cavrein (Limmat Verlag)

Jäger. Latein. Catscha sil capricorn. „Die Bündner Jäger identifizieren sich mit dem Steinbock“ weiß das Amt für Jagd und Fischerei in Chur. Das seltsame Tier mit den riesigen Hörnern und dem Tutanchamun-Kinn schmückt nicht nur das Graubündner Wappen. Es hat seinen besonderen Reiz, ihm nachzustellen über der Alp Cavrein. Es gilt: Erst Geiss, dann Bock – und die Wildhüter schauen, dass es mit rechten Dingen zugeht. Da droben, unterm Tödi, dem von keinen Göttern genutzten Schweizer Olymp: Da schaut es schlecht aus in diesem Herbst. Da kann man tagelang die Hänge hinaufkraxeln, die Rinnen hinunterrutschen. Da stiert Mann durchs Fernglas, kaut auf einem Stück Speck herum, „Die Stunden vergehen langsam wie beim Wiederkäuen von Wittgenstein“. Leo Tuor ist in Dissentis, im VorderRheintal auf der Klosterschule gewesen, schreibt auf Rätoromanisch, ist ein philosophisch gstudierter Hirt, Jager, Bergfex, Familienvater. Ganz bei sich. Heimatverbunden. Gottseidank (selbst)-ironisch, hie und da. Schöner Text. Ein „essai“. Und nebenbei lernen wir Oberlandler endlich mal Landkarte und Geschichte Graubündens kennen. Hermann Barth

in münchen Ausgabe Nr. 9/2014  
in münchen Ausgabe Nr. 9/2014  

in münchen - Das Stadtmagazin Ausgabe Nr. 9/2014 vom 17.4.2014 mit allen Tipps und Terminen aus den Bereichen Theater, Kunst, Ausstellungen,...