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Reise nach Loitoktok


Inga Israel (*1984 in Löbau) arbeitet als freiberufliche Illustratorin und Kommunikationsdesignerin in Berlin. Gründung des Produktlabels „INKO“. Veröffentlichungen von Illustrationen in Magazinen & Zeitungen, z.B. in der TAZ. Roman Israel (*1979 in Löbau) lebt als freier Schriftsteller in Leipzig. Autor der Dresdner Lesebühne Sax Royal und der Leipziger Lesebühne WEST. Als Gemeinschaftsarbeiten sind bisher erschienen: die Postkartenserie „Rotes Giräffchen“, der Jahreskalender „JANDEZ 2010“ sowie die Lyrikbände „Felder hinter Wäldern hinter Städten“ und „Rätsel von der Ankunft des Nachmittags“.


Text Roman Israel Illustration & Layout Inga Israel


Die jüngste Institution des Bürgerlichen ist der Trupp: Der Anmarsch auf Sehenswürdigkeiten ist heute nicht mehr die Sache einzelner – es rücken in zwangloser Formation Gruppen aus zehn bis dreiSSig Mitgliedern an. Jedem Trupp geht ein Führer voraus, er hält die Fahne in die Höhe, die auch ein Regenschirm, ein Teleskopstock oder sonst ein Wimpel sein kann. FAZ, 13.01.10


— Als ich endlich liebte — Vom Wasser her wehte eine steife Brise. Eine Möwe schwebte über dem Strand, schien stillzustehen in der Luft. Hatte die mich etwa gesehen? Falls ja, gab es nur einen einzigen Ausweg: anlocken, umbringen, Fischfutter. Ein Regenschauer hatte den Sand fest werden lassen. Er bildete eine feste Kruste. Jetzt in der Sonne zerbrach diese in handtellergroße Schollen. Wellen schmatzten und schwappten ans Ufer, brachten Schalen und Seetang mit. Ab und zu auch etwas Glibberiges: Quallen. In der Sonne schmolz ihr Gelee. Die Tentakel lagen da wie Gedärm. Lila Äderchen erinnerten an Geschehnisse aus dem letzten Jahr. Hinter einem flachen Wall aus Steinen, der wohl zum Schutz vor Sandböen aufgetürmt worden war, lagerte eine Gruppe Hippies. Einer war unermüdlich am Bauen. Wenn er sich bückte, baumelte sein Schwanz, eine lange Wurst, schlapp am Körper – ein fleischiges Pendel. Sein Rücken war unheimlich braun und ledrig. Die Haut überzogen mit Falten. Auf dem Kopf trug er einen Sombrero, der beschattete die Augenpartie. Als er sah, dass ich ihn anstarrte, grinste er. Ich schmeichelte ihm wohl. Für mich unsichtbar hinter dem Wall verborgen weinte ein kleines Kind. Die Mutter hatte es wohl splitternackt ausgezogen. Es schien sich nicht gut zu fühlen, wehrte sich heftig, boxte, strampelte. Jetzt tauchten die Köpfe der Eltern auf. Die Mutter besaß einen gewaltigen Wald zwischen den Beinen, der erst knapp unter dem Bauchnabel endete. Ihr Unterleib hatte die nahezu perfekte Birnenform, die Pobacken glänzten im Licht. Die Cellulite an den Oberschenkeln formte schöne Muster. Bis zum Steiß hing ihr verdrahtetes Haar. Auf dem Rücken unzählig viele Sommersprossen. Den Mann kann ich nicht beschreiben, er war weder hübsch noch hässlich.

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Mutter und Vater nahmen den nackten Schreihals in die Mitte. Sie packten seine Arme, schleiften ihn mehr über den Sand, als dass er von selbst lief, und so ging’s ins Wasser. Das Kind quiekte wie ein affenartiges Wesen, Todeskampf mit den Beinen. Dort wo es tief war, sollte es schwimmen lernen. Man zog es wie ein Schleppnetz durchs Meer. Aber es machte nicht mit, schluckte unentwegt und das nicht wenig. Am Ufer fanden sich Schaulustige ein und feuerten die junge Familie an. Ich schnappte ein paar Laute auf. Die Worte dazu verflogen im Wind, gingen im wahrsten Sinne des Wortes baden. Das Kind kreischte wie eine Möwe oder eine ganze Möwenschar, rief den Namen der Mutter, suchte Halt an ihr. Diese allerdings stieß es von sich. Als es unbeholfen paddelnd sich bis zum Vater hingekämpft hatte, drückte auch der es weg. Und immer wieder trank es große Schlücke. Das war Schwimmen lernen mit Brachialgewalt, das war das typisch Deutsche an den Hippies. Meine Faust schwoll an. Ich hatte vielleicht eine Wut gekriegt, auch das war deutsch, deutscher als deutsch. Ich fühlte Macht durch meine Adern fließen, große Macht und davon sehr viel, nicht oft gab es das in meinem Leben. Ich wollte jetzt hingehen, den Vater an der Gurgel packen, ihn niederstrecken und mehrere Meter durch die Luft schießen. Wie in dem Buch, von dem ich den Titel nicht mehr weiß, da war es ähnlich. Ich würde ihn unter Wasser drücken, bis ein Blubbern zu vernehmen wäre – Blasen, die er im Überlebenskampf ausstieße. Mindestens 30 Sekunden oder länger hätte ich gewartet. Meine Hand wäre zur Kralle erstarrt und die Finger so fest, dass sie sich nicht mehr von seinem Nacken hätten lösen lassen. Ich wollte ihn um die Ecke bringen. Das wäre ein Spaß geworden, man hat ja so wenig Spaß im Leben. Ich sah mich schon in der Gefängniszelle sitzen: muffige Luft, schlechte Aussicht, die metallenen Gitterstäbe – ja, so wird ein Mensch zum gehassten Verbrecher.

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Aber dazu kommt es natürlich nicht. Es kam anders, wie immer, jedenfalls diesmal. Langsam, der Beinarbeit einer Giraffe nicht unähnlich, humpelte ich zum Wasser. Versank im Sand, wurde langsamer. Meine Gelenke spreizten auseinander. Das Becken knackte. Muscheln piekten an den Sohlen. Ließen meine Schritte unbeholfen wirken. Braune Seetangfäden, die beinahe wie Tabak aussahen, verfingen sich zwischen meinen Zehen. Dann: Wasserkontakt! Kühle von unten, die sich von den Füßen bis zu den Knien und von dort Richtung Oberkörper vorarbeitete. Angenehm. Ich schloss für einen Minimoment die Augen und klemmte meine Zunge zwischen die Vorderzähne. Biss zu bis es prickelte. Wellen umspülten meine Knöchel, zogen mir den Sand unter den Füßen weg. Brachten mich aus dem Gleichgewicht, auch das alles sehr angenehm. Und nun wurde es kalt. Die Kälte des Wassers hatte die Kopfhaut erreicht. Vor meiner Brust schlug ich die Arme ineinander. Das Wasser wogte vor mir auf und ab. Das Meer öffnete zwischen den Wellen sein riesiges Maul. Dazwischen war es grün und blau und braun. So schön war die Ostsee.


— Reise nach Loitoktok — „Ziehen Sie aus?“, fragte mich die Nachbarin auf der Treppe und machte ein Gesicht, als würde gleich die Welt untergehen. „Ich bin schon. Die Wohnung ist leer.“ „Aber warum denn?“, ihre Stimme hatte einen weinerlichen Klang. „Irgendwann ist es eben mal soweit.“ „Ich wohne seit 23 Jahren hier und ich wollte nie, dass es soweit ist.“ „Ich komme ja wieder.“ „Und dann ziehen Sie wieder hier ein?“ „Die Wohnung wird kaum so lange leer bleiben können.“ „Wie lange sind Sie denn weg?“ „Ist noch nicht raus. Mehrere Jahre.“ „Und Ihre Freundin?“ „Ich habe keine.“ „Aber ich habe doch bei Ihnen immer etwas Stöhnen gehört!“ „Da müssen Sie sich verhört haben. Ich lebe allein.“ „So, ich auch.“ „Na dann, alles Gute!“ In der Stadt hatte ich noch einige Dinge zu erledigen. Das Sparbuch war zu kündigen, denn ich brauchte es nicht mehr. Darüber hinaus wollte ich ein paar Bücher erstehen und mich ein letztes Mal vergewissern, wo gebaut wurde und was alles nicht mehr sein würde, wenn ich wiederkäme. Auf der Bank ging alles schnell und flüssig. Die letzten Euro ließ ich mir auszahlen. Man kassierte mein Büchlein ein und zeigte sich tief betroffen. Allerdings nur für etwa zwei Sekunden. So etwas ist eiskalt einstudiert. Jeder wusste es, jeder kannte es. Nur die Naiven bildeten sich auf die Anteilnahme Fremder noch etwas ein. Ob das Konto gekündigt wird oder die Wohnung oder Krebs und tot, ach je. Und die Mutter jetzt auch? Wen kümmert das noch?

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Ein Standardsatz fiel vom Mann am Schalter, noch ein paar übers Wetter. Lachfratzen bei ihm und mir – zwei Kasper, zwei dicke Busenfreunde, die sich nie wieder über den Weg laufen würden. Und dann: „Gute Reise!“ Am Markt setzte ich mich in ein Café, in dem ich noch kein einziges Mal gewesen war. Ich bin nicht der Mensch, der sich allein in Cafés setzt, um dort etwas zu trinken oder die Zeitung zu lesen, dafür fehlen mir einfach die Moneten. Vielleicht bin ich auch zu kleinlich mit mir, keine Ahnung. Trotzdem war ich immer ein Geizhals gewesen. Nur Frauen hätten es ändern können. Leider hatte ich immer nur solche, die selbst knauserig waren. Der Kellner bringt einen Cappuccino und ich hole mir die Zeitung vom Ständer. Der Rahmen, in den sie eingespannt ist, stört beim Umblättern und Lesen. In den Nachrichten ist wieder das Übliche, die übliche Propaganda. Wachstum gesenkt, noch nie gab es so wenig Wachstum, aber im Weltvergleich, da sind wir weiterhin Spitze. Und blättert man um, da ist dann wieder das ganze Gegenteil: es geht bergauf und wie, aber die Chinesen haben uns trotzdem überholt. Ein ewiger Kampf in allen nur erdenklichen Disziplinen. Wofür kämpfen wir gleich noch mal? Der Cappuccino ist viel zu süß. Als der Kellner kommt und fragt, ob ich zufrieden bin, fällt mir nichts Besseres ein als zu sagen: „Hey supergut. Alles prima“, keine Lust auf irgendwelche Unannehmlichkeiten. Woanders werde ich allerdings erzählen, dass ich ihm das Gebräu am liebsten in die Schissritze gegossen hätte. Am Markt schritt ich die Schaufenster ab. Hier waren die Wege die saubersten der Stadt. An einem Spielwarenladen blieb ich stehen. Hinter der Scheibe war ein Puzzle ausgestellt, ein Ostseebild mit Möwen, die auf Buhnen saßen: raue See, jede Menge Wellen. Ich lachte, die werden sich hier nicht lange halten können. Damit habe ja nicht


— Wachsen sehen — Der Verfasser folgender Geschichte ist aus unbekannten Gründen unbekannt. Man nehme es mir nicht übel, wenn ich ihn der Einfachheit halber Roman nenne. Denn das schöne weiße Blatt hier, auf das ich schreibe, soll nicht seinen wahren Namen tragen, der alle mit Abscheu und Bedenken, ja, sogar mit Ekel erfüllt: „Diese hier sind von letzter Woche“, sagte der ohne Zigarre zu dem mit. Sein Gegenüber, ein kleiner Mann mit einer Mönchsfrisur und wenigen Bartstoppeln paffte. Da er keine Ringe blasen konnte, denn dafür fehlte ihm die Feinmotorik in den Lippenmuskeln, verließen nur Rauchklumpen sein Mundloch – diese jedoch so kunstvoll variiert, mal klein, mal groß, dass sie wie Töne eines großen Musikstückes daherkamen. Der Raucher betrachtete sich die Zeichnungen: kleine Häuser, Schornsteine, Rauch, Wald, Bäume, Berge. Ziemlich kühle Farben. Viel Blau, Grau, etwas Rosa. Auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe lange Falte. „Und davon willst du leben?“ Auch dort, wo gar nichts war, auch dort wurden Fotos geschossen. Zu Hause würde man sie Bekannten zeigen und davon erzählen. „Du hast nichts gesehen, nichts.“ Sie spricht leise, sehr leise zu mir. Ich mag das. Ich mag sie. „Ich habe alles gesehen“, sage ich. „Die Häuser, die Schornsteine, Bäume, den Wald.“ „Nein, du hast nichts gesehen. Absolut gar nichts.“ „Teilst du das Zimmer?“, fragte der Mann mit Zigarre den ohne. „Mit einer lausigen kleinen Ratte. Aber es ist billig so und warm.“ Der Geräuschpegel im Restaurant hatte sich spürbar vervielfacht,

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denn nun erschienen die Angestellten zur Mittagspause. Sie bestellten das Tagesgericht: Röstplatte, Bratkartoffeln, Spiegeleier. Durch die Fenster war ein guter Blick über den Platz. Unentwegt strömten Menschen und Bahnen vorbei. Am Morgen hatte es geschneit, nicht viel, aber doch genug, um nicht vollständig weggeschmolzen zu sein. „Ich werde mir auch einen Bart wachsen lassen“, sagte der Mann ohne zu dem mit. „Wozu?“ „Sieht gefährlicher aus.“ „Willst du dich etwa bewerben?“ „Ja.“ „Und wenn sie dich ablehnen?“ Die Baracken sind weg, die Fundamente sind weg, abgetragen. Die Löcher mit Schotter verfüllt. Über die Jahre hat er sich verfärbt wie ein Gleisbett für Eisenbahnschienen. „Du hast nichts gesehen. Gar nichts.“ Sie beackert mit ihrer Zunge meinen Bauch, macht sie fest, umkreist den Nabel. „Alles war gut beschildert. Und im Museum bin ich auch gewesen. Die Leute bestaunten das Gewesene auf Bildern.“ „Also sahen sie nichts. Sie sahen Beschreibungen anstelle der Wirklichkeit. Sie waren nur zu ihrem Vergnügen da.“ „Sie waren nicht deshalb da. Sie wollten es sehen. Und auch ich wollte es sehen. Es am eigenen Leib erfahren.“ „Das ist unmöglich!“ Das Männerwohnheim ist ein vierstöckiger Gründerzeitbau. Die Fassade wirkte abgegriffen und die Fenster waren mit Kreuzgittern versehen, wie im Gefängnis. Im Dachgeschoss stand ein Fenster offen.


Dort wohnte er. Wäsche hing zum Trocknen über einem Gitter: ein paar Socken, ein weißes Unterhemd, ein Handtuch. Auf dem Fensterbrett ein kleiner Topf mit Eingemachtem von seiner Mutter. Am Wochenende würde er sie besuchen fahren. Wie hoch würden sich da wohl die Schneeberge auftürmen, nicht wie hier in München. Im Keller gab es einen Gemeinschaftsraum. Die Wirtin verkaufte dort Alkohol und Tabak. Die Männer saßen auf klapprigen Holzstühlen. Die Tische klebten vom Bier. Ab zehn Uhr abends begann die Nachtruhe. Die Haustür wurde abgeschlossen. Wer nicht rechtzeitig kam, blieb ausgesperrt. Ein Schäferhund sprang ihm entgegen, als er die schwere Holztür ins Gebäude schob, gehörte zum Inventar. Die Schnauze weit geöffnet. Geifer tropfte aus seinem Maul. Die lila Zunge tänzelte in der Luft. Er streichelte seinen Kopf. Der Hund hob seine Schnauze, stand stramm. Zwischen den Ohren gekrault zu werden, das mochte er. „Wo die Unterkünfte standen, empfing mich ein Blitzlichtgewitter. Im Nacken waren Kameraaugen auf mich gerichtet. War mir schlecht.“ „Du hast nichts gesehen. Absolut nichts“, sagte sie. „Doch. Ich habe das Eisen gesehen, das verbogene Eisen. Ich habe Metall gesehen, das zu Kunstwerken geschwungen war.“ Zwischen den Zähnen halte ich die Enden ihrer Brust und drücke ein wenig. Sie macht das Gleiche mit ihrer Zunge in ihrem halb geöffneten Mund. „Dann hast du nichts gesehen!“ Hinter einem Gitter sitzt die Wirtin. „Sie wissen, wie ich heiße. Ich wohne seit Jahren hier“, antwortete er, weil sie zögerte, ihn einzuschreiben. Die Wirtin setzte die Brille auf und rückte ihr Dekolleté zurecht. Ihr strenger Mittelscheitel impo-

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— Feiertag — Drei schmale Streifen umsäumten jeden Artikel der Wochenendausgabe – ein Gewirr aus Schwarz-Rot-Gold. Darüber hinaus schmückte jede Kopfzeile ein kleines Schwarz-Weiß-Porträt, versehen mit dem Schicksal eines Kopfes, wie dieser das Gewesene miterlebt hatte. Tatsächliche Neuigkeiten waren so verkleinert und in den Hintergrund gedrängt, dass einem unheimlich werden konnte. Er durchblätterte alle dreißig Seiten und schlug dabei derart abrupt um, dass manche Ecke einriss. Selbst die Witzseite, dachte er, selbst die Witzseite haben sie angepasst. Er knüllte die Zeitung zusammen und versenkte sie in den tiefsten Tiefen des Mülleimers. Seinen Fuß warf er hinterher, nutzte ihn, um sie nur noch fester hineinzustopfen. Das Papier sollte künftig mit dem Restmüll eine Einheit bilden und mit dem Eimerboden verschmelzen. Wahrscheinlich klebte dieses wertvolle Stück Zeit jetzt für alle Ewigkeit da fest – als Erinnerung an den zwanzigsten Jahrestag einer Einheit, die er einfach nur lächerlich fand. „Jetzt haben wir kein Fernsehprogramm mehr“, klagte Rita. „Wir haben doch noch unseren Garten“, entgegnete Peter. Entlang der Flüsse erstreckt sich ein ausgedehntes Auwaldgebiet in Nord-Süd-Richtung, das im mittleren Bereich zum Teil in Parks umgestaltet wurde. Mit den Rädern befuhren sie die nassen, schlammigen Wege. Rechts und links versanken die Bäume im Wasser – Mangrovenwälder, in denen wilde Bestien hausten und erbärmliche Laute von sich gaben. Der Gegenverkehr ebbte nicht ab. Häufig gab es Stau, weil junge Familien mit kinderbestückten Radanhängern riskante Überholmanöver starteten und dabei den Gegenverkehr ausbremsten.

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„Siehst du, die Mehrheit der Deutschen fühlt sich wohl in ihrer Haut“, frohlockte Rita und hielt ihr Gesicht in den kühlen Fahrtwind, dass sie glaubte, ihre Ohren wackelten. „Das ist nur Statistik“, brüllte Peter, der hinter ihr fuhr, in den Gegenwind. Zwei Drittel seiner Wut verebbte dabei. „Statistiken sind die volle Wahrheit“, blökte Rita freundlich zurück. Einige Sekunden vergingen. Dann kam die Giftspritze. „Hatten wir früher etwa keine Statistiken?“ „Aber die heutigen sind unabhängig und garantiert. Man fühlt regelrecht, alles hat seine Richtigkeit.“ „Also, ich spüre das nicht. Die Deutschen fühlen sich wohl. Ich fühle mich nicht wohl. Die Deutschen finden, die DDR war ein Unrechtsstaat. Ich fühle das nicht.“ „Aber sie war ein Unrechtsstaat. Alle haben es gewusst. Zumindest später. Also heute.“ „Manche wussten es auch schon früher.“ Der Regenschatten des Harzes erreicht im Stadtgebiet seine südöstliche Grenze. Nach Süden schließen sich die Regenstaulagen des Erzgebirges an. Dies äußert sich in einem hohen Niederschlagsgradienten in der Umgebung der Stadt, aber auch innerhalb des Stadtgebietes. Als sie ihren Garten betraten, waren da kaum noch Bete zu sehen, stattdessen: ein flacher See. Die Sonne spiegelte sich im Wasser und ließ ihre Augen schmal werden. Die Stängel der Petersilie waren eingeknickt. Die glatte ähnelte Seerosen, die krause Schlingpflanzen. Die Blumenrabatten hatten Sturzbäche zerwühlt und teilweise umgegraben. Einzig die Bäume machten noch einen passablen Eindruck. Äpfel und Birnen hatten ordentlich Farbe getankt und konnten demnächst geerntet werden. Das wäre doch gelacht, wenn man im Oktober keine Birnen hätte. Ein Garten war eben doch die bessere Wahl.


Sie schlossen die Laube auf. Strom war da. Die Energiesparlampe zündete und wurde hell. Nur das Sofa schien Schaden genommen zu haben. Ein Ast hatte die Scheibe durchbohrt und das obere Drittel zertrümmert. Der Starkregen musste die Polster regelrecht getränkt haben. Das Sofa stand in einer Pfütze. Was hätte ihr Großvater dazu gesagt, dem Rita noch am Sterbebett versprechen musste, dieses antike Stück wie ihren Augapfel zu hüten, weil darauf einmal der Schwager eines Bruders der berühmten Comedian Harmonists gesessen hatte? Was hätte dieser also dazu gesagt, bekäme er es jetzt so zu Gesicht: die Polster vollgesogen und die nächsten Wochen, Monate oder sogar für immer nach Moder riechend? Wir hätten es damals wegwerfen sollen, als es nicht durch die Tür passen wollte, dachte Peter. Die Aktion mit dem Durchsägen und durchs Fenster war ein Schuss in den Ofen. Rita holte einen Fön aus dem Bad und bearbeitete das Kanapee liebevoll damit. Peter nagelte unterdessen eine Pressspanplatte von außen an die Fensteröffnung. Es dauerte nicht lange, da beugte sich der Nachbar über den Zaun, um Peter ein Gespräch aufzuzwingen. Man verständigte sich über Schäden im Schrebergartenverein Braunsche Lache. Peter nickte alles ab. Beim Vereinskiosk war die Dachrinne heruntergebrochen. Ach, so? Bei einem Mitglied hatte der angeschwollene Bach den Geräteschuppen unterspült. O je! Ansonsten sei alles glimpflich verlaufen. Der Winter könne, wenn das Wasser einmal weg sei, unbesorgt Einzug halten. Ja, ja! Bei den vorderen Gärten seien die Fluten bereits im Rückzug begriffen. Das im Wasser liegende vergorene Fallobst habe bereits Wildschweine angelockt, die sich unter der Hecke hindurch in einen der Gärten hineingegraben hätten. Der Wind trug ein paar Fetzen von der Festtribüne am Marktplatz herüber. Eine Coverband spielte 70er.

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„Wie finden Sie eigentlich das ganze Getue?“, outete sich Peter. „Finden Sie nicht auch, dass das alles ein bisschen zu viel des Guten ist?“ „Geschenkt. Wir haben doch Demokratie“, erwiderte der Nachbar. „Für Sie herrscht also das Volk?“ „Denke schon.“ „Haben Sie von Stuttgart gehört? Da haben drei Leute vor 15 Jahren etwas entschieden, das verkehrstechnisch der größte Blödsinn ist. Und heute heißt es, es wäre dabei auf die denkbar demokratischste Art zugegangen.“ „Sie sollten nicht alles so negativ sehen. Das bringt doch nichts.“ „Warum sind Sie denn nicht bei der Feier?“ „Interessiert mich nicht. Verblödung der Massen! Aber es hat ja auch Vorteile: Du kannst endlich reisen, wohin du willst. Deswegen sind wir doch damals überhaupt auf die Straße gegangen, oder?“ „Wir nicht. Wir waren, als die Mauer fiel, gerade im Urlaub“, erinnerte sich Peter. „Und wir hatten Westbesuch“, entgegnete der Nachbar. „Aber trotzdem, Sie können heute reisen, wohin Sie wollen. Das ist doch mal Fakt!“ „Ist mir schnuppe. Wir fahren sowieso nirgendwo hin. Wir haben uns erst unseren Garten schön gemacht.“ Der Nachbar lacht: „Da sagen Sie was Gutes. Sehen Sie mal unser Gewächshaus! Solar. Darin ziehe ich Ihnen im Frühjahr ein paar fette Krokusse.“ „Die wachsen doch auch so.“ „Aber bei mir sind sie früher.“ Peter ging zurück in die Laube. Rita hatte Kaffee auf den Tisch gestellt und zündete ein Teelicht an. Im Radio sprach ein Politiker von den Mühen, die das alles gekostet hatte, hätten nicht Sie, die Bürge-


— Bewohner des Wandschranks — „Siehst du die Kirschblüten dort in der Senke?“ Die Sonne war hinter Wolken hervorgekrochen und hatte das Tal und die Gipfel der Berge beleuchtet, nicht aber das Hier und Jetzt, in dem beide standen und hinunterblickten. Traurige Nebelwolken. „Das sind keine Kirschblüten. Das ist Schnee“, sagte sie. Ihr Mund begann runder zu werden. Die verkrampften Lippen tauten auf und strebten auseinander. „So mitten im Frühling?“ Sie stiegen den Hang hinab. Die Baumgrenze mochte hier oben längst überschritten sein, trotzdem wuchsen Krüppelkiefern. Ihre Stämme wanden sich zu bizarren Kunstwerken. „Nehmen wir Zweige mit?“ Sie kamen zu einem Bach, in den sie ihre Füße tauchten. Das Wasser war klar, kalt, murmelte. In Strudeln rotierten Schwebstoffe. „Kennst du die Bewohner meines Wandschranks?“ „Nein, wer soll das sein?“ „Sie sind klein, sehr klein. Mit wenigen Beinen.“ „Genau wie du?“ „Ja, so wie ich.“ „Mit kleinen Ohren?“ „Mit kleinen Ohren.“ „Mit kleinen Füßen?“ „Mit kleinen Füßen.“ Sie hob einen Stein und streichelte damit ihre Kniehöhlen, dann an der Achsel. „Willst du auch?“ „Nein.“ „Aber es ist erfrischend.“

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„Mir ist nicht warm.“ „Wir sind stundenlang bergauf gegangen. Dir muss warm sein.“ „Wir laufen jetzt bergab.“ Sie ließ den Stein in den Mahlstrom krachen. Kaum, dass es ein Geräusch gab, der Bach redete lauter. Eine Vogelformation zog krächzend vorbei. „Ob das Geier sind?“ „Geier gibt’s nur in Amerika.“ „Dann andere Raubvögel.“ „Vielleicht.“ „Ob hier irgendwo ein Toter liegt? Wie im Krimi? Und viel Blut. Stell dir vor: er läge schon seit Winter, läg im Schnee. Rot und weiß, verstehst du? Das gäbe einen angenehmen Kontrast.“ Bald hatten sie die Weggabelung erreicht. Ein roter Punkt markierte den Pfad ins Tal, ein weißer einen Aussichtspunkt. „Bitte, lass uns zum Aussichtspunkt!“ „Wozu? Am Aussichtspunkt sieht man nicht besser als auf dem Gipfel. Und dort sind wir doch schon gewesen.“ „Aber vielleicht ist dort eine andere Sicht auf ein und dasselbe, anders, aber so erotisch.“ In solchen Momenten mochten sie sich am allerliebsten. Ihre Haare lagen eng an den Köpfen, nur über den Ohren standen kleine Büschel ab und brachen die perfekte Harmonie. Sie hatten ähnliche Frisuren, das war jetzt Mode. „Du bist schwer zu halten.“ „Findest du mich also fett?“, erwiderte sie. „Nein, perfekt. Ich meinte: als Frau. Als Frau bist du schwer zu halten.“ Das wurde ihr ins Ohr geflüstert, sodass sie Gänsehaut bekam. „Nein, ich bin nicht schwer zu halten. Wir haben beide gemeinsam


— Kalt — Mein Wissen über den Wilden Westen ist nicht sehr ausgeprägt. Da ist Billy the Kid und höchstens noch das Massaker am Wounded Knee. Auf einem Foto liegt Scheckiger Elch im Schnee, erschossen. Die Arme leichenstarr, eine Eismumie. Festgefroren mit dem Gewehr in der Hand. Das mussten sie aus ihm herausschneiden, regelrecht. Dachten, er könnte plötzlich wieder bei Bewusstsein sein und schießen. Die Stellung der Arme: bizarr, bizarrer, äußerst. Ein durchgefaulter, schwarzer Finger umschließt einen nicht mehr vorhandenen Gewehrabzug. Es heißt, der Elch habe um sich geschossen. Dabei war er nicht einmal im Besitz eines Messers, geschweige denn einer Schusswaffe. Nie gewesen. Das Foto war gestellt. Der Spatengriff schmerzt beim Buddeln an den Händen. Das Eis ist so hart, dass es brennt bis in die Knochen, lässt selbst das Gehirn träge sein. So vergingen die ersten Tage, Wochen und Monate. Mit dem Rad ging’s zurück. Es war Sommer, also Winter. Die Sonne bleibt unterm Horizont, der Wind pfeift ordentlich. Schiffe fahren keine, der Sund ist vereist. Im Sommer gibt es ein Flugzeug. Im Winter nur unregelmäßig. Wie lange wird es brauchen? Drei, vier, fünf Tage? Oder zehn? Und dann noch mal ein, drei, zwei, fünf, vier? Wenn Schneestürme sind, kann es sein, dass es keinen Kontakt gibt. Der Satellit ist dann weg. Waiting for visibility! Ein hässliches Verlangen plagt mich. Ich will einen Grog. „Zeig mir noch einmal deine Muskeln!“ Die Kneipe hat sie ganz gut hinbekommen. Hat sie in eine bayrische Almhütte verwandelt. Geweihe an den Wänden und Pfötchen von Pelztieren, obwohl es hier gar keine solchen Tiere gibt – nie gegeben hat. Natürlich werdet ihr fragen, warum dann grade hier? Umgeben von Eis und Schnee und höchstens noch Pinguinen, warum gerade

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hier? Vielleicht würde sie wütend dabei werden. Hätte sie gern mal wütend gesehen, ihre roten wütenden Wangen. Das aufbrausende Gemüt. Ihre verkleinerten Augen. Wird Gründe haben, warum es so ist, wie es ist. Wird sich gestritten haben. Jemand von drüben. Denkt nicht ans große Geld. Klar, hier nicht, wird man nicht reich, noch nicht. Ich zog die Knöpfe aus den Löchern und zeigte ihr den aufgepumpten Bizeps. Sie beugte sich über die Spüle. Betastete sie, die festen Dinger. Schleuderte ihre Möpse dagegen, mit einem verschmitzten Lächeln. Reibt daran, damit. Sie ist nicht lang in meinen Augen – höchstens Sekunden. Normalerweise gehe ich nachher direkt in den Trainingsraum und spiele Basketball, manchmal stundenlang. Ich betrachte mich gern im Spiegel, meine schönen beleibten Hügel an Armen und Beinen, am Gesäß. Wisst ihr, es gibt hier nicht viel zu tun. Kannst nicht einfach mal so weggehen. Die Bars sind nicht wie in Berlin oder Chicago. Da sitzen nur ein paar alte Männer drin, und Frauen gar keine. Die Kneipen sind höchstens im Winter voll, dann ist hier Sommer, falls ihr euch erinnert. Unglaublich, hab es noch nicht geschafft, mich daran zu gewöhnen, in den Sommermonaten Winter zu sagen und in den Wintermonaten Sommer. Zeigt, wie wenig ich mich gelöst habe. Hab’s nicht abgelegt, davon zu sprechen, dass hier drüben ist, wenn ich telefoniere. Drüben, als wäre das eine Insel. Aber es ist keine, ist ein Kontinent, größer als Europa. Brauchst einen Monat mit dem Kettenfahrzeug von Küste zu Küste. Schaut ruhig nach, wenn ihr wollt! Nehmt ‘ne Karte! Draußen ist die Temperatur auf minus 20 gefallen. Die Schneedünen und Stürme erinnern an Wüstensand. Manchmal kommt es mir so vor, das hier sei der Wilde Westen. Vom Permafrost gefestigte Wege, keine ausgebauten Straßen, kein Asphalt, nur getrockneter Dreck, der


manchmal taut, wenn darunter Rohre liegen. Die spärlichen Hütten und Container erinnern an den Goldrush, weil es hier Bodenschätze in Hülle und Fülle gibt. Irgendwann werden sie graben. Da erzähle mir mal einer, die ganzen Leute, die kommen, die hier Läden betreiben und Hotels, kämen nur zum Forschen her. Bullshit ist das. Klar kommen auch welche zum Forschen, keine Frage, aber ... Sie lacht, Zahnpastalächeln. Ist aber schon über der Zeit. Kommt aus Bayern, eigentlich von noch weiter unten. Rumänien, Kroatien. Zugezogen. Stramme Waden, nur sieht man ’s eben nicht. Die Füße stecken in Monsterschuhen. Sind aus Plast und halten bis 100 Grad Kälte. Nicht, dass es hier, an der Küste so kalt wäre, doch im Landeserinnern, da kann es hin und wieder frieren, wenn ihr versteht, was ich meine. Versteht ihr, was ich meine? Vroni, ich nenne sie mal Vroni. Ihren richtigen Namen kann ich nicht aussprechen, hasse das. Vroni darf kein Hartes ausschenken. Wir könnten hier sonst was kriegen, so abgeschnürt von allem und jedem. Das einzig Dickere ist Grog. Der Rum lässt sich nicht pur trinken. Schmeckt wie Pansche. Holen’s aus Christchurch. Von dort starten die Maschinen. „Vroni mach mal ‘nen Richtschen!“ Vroni hasst Leute aus Sachsen. Vroni sagt: Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch in unseren Köpfen bleiben, sofern die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind. Was sie damit meint, bleibt neblig, aber im Großen und Ganzen gebe ich ihr Recht. Wahrscheinlich will sie, dass ich bayrisch spreche. Trotzdem lächelt sie manchmal. Immerhin bin ich berühmt. Bin nicht irgendjemand, irgendwas. Bin der eine, der da kommen soll. Leider wartet sie schon zu lange. Meine Muskeln sind geologisch einwandfrei, schöne Spitzen, schöne Täler. Sie macht mir unterm Tisch einen White Russian.

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— Warm — Über dem Tisch war der Leuchter angezündet, sechs Kerzen, sechs Flämmchen. Die Frau brachte Bratensoße in einem Porzellankännchen. Der große Mann hatte mit dem Wein Probleme, den gab es nur mal so. Den hatte man aufgehoben, der war jetzt fällig, das war sowieso nur Fruchtwein. Er schraubte den Dreher umständlich in den Kork und ging in die Knie, um Schwung zu holen. Die Flasche hielt er zwischen seinen Schenkeln, anders ging es ja nicht. Beim Herausziehen hing nur ein Teil des Verschlusses an der Schraube. Der Rest verstopfte den Flaschenhals. Der kleine Mann riss dem großen Mann, der sein Vater war, die Flasche aus der Hand und betastete den Pfropfen, der war angeschimmelt. Der kleine Mann hatte eine Anstellung bei der Bank. Er saß am Schalter. Am Abend erhielt er eine Lohntüte. Da standen lange Schlangen vor den Geschäften. Wenn er Glück hatte, gab es wenigstens Brot. Der kleine Mann hatte jeden Tag Scheine übrig. Damit tapezierte er die Wände. Die Stube war voll davon, die Küche, die Abstellkammer, der Flur. Er fühlte sich reich im Sinne von glücklich, allein schon beim Anblick dieser Wände. Er brauchte ja nur nach Hause zu kommen, sich in den Sessel fallen zu lassen und die Wände anzustarren. „Haben wir Räucherzeug?“ Die Frau holte eine Schachtel und knallte sie auf den Tisch wie ein Päckchen Zigaretten. „Tanne oder Weihrauch?“ „Das weiß ich nicht. Wovon kriege ich noch mal meinen Kopfschmerz?“ Der kleine Mann entzündete den Kegel. Aus der Spitze schoss eine Flamme. Sie begann zu glühen und Rauch stieg auf.

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Der große Mann nahm das Männlein vom Stubenschrank, es war ein schwarzer Teufel. Mit seinen roten Haaren und den grünen Glasaugen war dieser mehr als unheimlich. Natürlich handelte es sich um ein Geschenk, das nicht weggeworfen werden durfte. „Das sind sie. Von denen hab ich meine Kopfschmerzen.“ „Das ist Weihrauch.“ „Dann weg damit!“ „Aber es ist Weihnachten.“ Es musste auf drei, vier zugehen. Der Himmel war hellblau, sehr hellblau, fast türkis, meerwasserfarben. Die Äste der Bäume lagen in weißen Bandagen. Das Gekrächz von Raben drang durch die Fenster, durch die ein kalter Luftzug strömte und machte, dass die Füße des kleinen Mannes vor Kälte schmerzten. Kohlen hatte er genügend im Keller, trotzdem versuchte er, so viel wie möglich einzusparen. Unklar, was in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten geschehen würde. Vielleicht brach ja, keine Ahnung, mal plötzlich, so mir nichts dir nichts, die Währung zusammen. Die Zeitungen schrieben mal so, mal so. Irgendjemand schien irgendetwas zu wissen und irgendetwas schien sich irgendwie anzukündigen. Nur eben nicht klar, ob es positiv oder negativ war. Normalerweise verheizte er früh ein paar Kohlen und ließ sie über den Tag ausglühen. Kam er dann nachmittags oder am Abend von der Arbeit heim, brauchte es nur etwas Holz und der Ofen erzeugte ein gemütliches Knistern. Mit dem Messer drang der große Mann gewaltsam in den Brustkorb des Bratens ein und machte einen langen geraden Schnitt. Geduldig löste er die Keulen aus und drapierte das Fleisch auf einem Keramikoval. Die Knochen gingen in eine Schüssel. Der kleine Mann und die Frau füllten ihre Teller mit Rotkraut und Klößen und hielten sie dem großen Mann derartig angeekelt hin, als würden sie gezwungen, Gift zu nehmen.


— Paris — Es ist nicht gerade Absicht. Aber manchmal kommt jemand auf dich zu, um etwas abzustreifen, tritt etwas los und geht dann einfach wieder. „Darf ich? Hab nur was kurzes. Wollte nur sagen, Vorsicht vor dem! Vorsicht vor dem seiner Zunge, die hat’s in sich!“ Sie kam, sah, siegte! Alles in einem Atemzug. Sie ist schön. Sehr schön. Blond, ganz blond. Die Lippen rot gezeichnet. Hat sich aufgetakelt. Muss sich aufgetakelt haben. Wegen dir? Nein, ausgeschlossen. Du sitzt mit einer anderen da. Eine, die nach ihr kam. Hat sich ergeben so, konntest nichts dafür. Hat dich gefragt. Musstest gar nichts weiter tun und schon unterstellt man dir Absichten. Sie zieht dich nach draußen, während die andre fragend umherschaut. Innerlich mit dem Abend abschließt. Den Mond sinken sieht. Sich skeptisch das Kinnfleisch massiert. Wird die Welt untergehen? Wird es Krieg geben? Mach dich auf was gefasst! Es ist vor dem Café an der Ecke. Sie knetet mit ihren Zähnen einen Kaugummi und du hast altes Geruchgut in der Nase. Es ist die andre. Die alte. Ihr steht seitlich zueinander. Du siehst ihr Ohr, das kleine, mit den Ringen. Sie spricht sachlich und hysterisch. Frauen können das. Können beides zugleich. „Sag mal, dein Auto steht schon wieder vor meinem Haus.“ „Es ist ein öffentlicher Parkplatz.“ „Beobachtest du mich etwa?“ „Willst du das?“ Ja, sie möchte es, ein ganz kleines bisschen. Sie ist trocken. Hat keine Fahne. Wegen dem Kaugummi. Sie hustet etwas in dein Gesicht. Sie mag es, wenn du deine Wangen nicht rasierst. Du hast deine Wangen

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nicht rasiert. Du hast nicht mal geduscht. Lauf, sagt dein Kopf, lauf. Aber was ist mit der anderen? Die geht nun fehl! Du lachst, zählst mit der Zunge deine Zähne. Hinten fehlen zwei. Machst eine Statistik. Wie viele? Aber wen mitzählen? Ist Küssen schon ein Tor? Oder nur ohne? Was ist ein Tor? Woran man sich gern erinnert, oder? Was du verdammt noch mal willst, fragt er dich, dein Bruder. Das ist ganz woanders. Weit weg von zu Hause. Er fasst dich. Seine Hand wärmt deinen Unterarm. Hat er sonst nie getan. Ist wohl aus einem seiner Lehrgänge. Zeigen ihm, wie ’s geht, das mit der Körpersprache. Zeigen ihm seine Muskeln. Jeder hat Muskeln, bläuen sie ihm ein, was das Zwischenmenschliche angeht. Will wirken, dein Bruder, Eindruck schinden. Ist ein gemachter Mann. Trägt Anzug und Krawatte. Bist mit dem Rad gekommen. Bis hierher. Fast 1000 Kilometer. Über Reims und Saarbrücken. Einmal ist der Schlauch geplatzt, oder geplatzt wäre die falsche Umschreibung, gerissen ist er. Oder sagen wir: kaputt, war kaputt. An einer Tankstelle war das. Da sind zwei gekommen, die konnten ganz gut mit ‘nem Messer umgehen. Der Rest wäre gelogen. Lachten ganz nett, zeigten gebleichte Zähne. Natürlich sprachen sie französisch. Nicht, dass sie Franzosen waren, aber sie dachten, du wärst es. So schnell kann man sich irren. Eine Nacht schliefst du im Zelt, eine in einer Pension, dann war da noch ein Pfarrhaus, in dem du dich als Christ ausgabst – dein Bruder ist gläubig. Hattest vielleicht ein paar Phrasen drauf, da nannten sie dich fanatisch und gaben dir ein Gästebett. Neun Tage dauerte es. Das Zelt war nachher Schrott. Der Regen suppte durch die Imprägnierung, war schwer geworden. Hattest keine Zeit. Hast es einem Kind auf den Rücken getan. Ist doch schön, nimmst du’ s mit, hast du gesagt. Hast du ein neues Zelt!


Dein Bruder wohnt nun also hier. Kennst dich ja nicht aus in so einer großen Stadt. „Musst unbedingt zum Arc de Triomphe!“, ködert er dich. „Die gibt’s doch überall.“ Es ist so, dass du deinen Bruder nicht leiden kannst, hast ihn auch nie besucht. Vielleicht bist du gar nicht seinetwegen hier? Hat sich hier eingelebt, ganz gut. Hatte ‘ne Frau, und ein, zwei dumme Kinder. Ist gleich da geblieben. Haben ihn verbraucht, wie er sagte. In seinem Beruf werden sie immer verbraucht, haben ihn mit bisschen Ruhm bestochen. Da muss er selber grinsen. Am Nachmittag trennt ihr euch. Fährst ins Montmartre. Gibt ‘nen netten Friedhof da. War das Biermann oder Degenhardt, der da ein Liedchen schrieb? Geht ‘n bisschen eng zu da. Wird viel gestorben an diesem Ort. Zur Zeit sind’s 20.000 Gräber. Ein richtiges Problem, löse mal ein richtiges Problem und dir wird wohler! Da loderten wieder kleine Flämmchen zwischen euch. Geht immer um die alte Geschichte. Hast sie gesehen, vorige Woche. Eine, die ihr ähnlich war. Auf der Strecke. Sahst sie von hinten. Hast dich angeschlichen. Dachtest, hat ‘n schönes Gesäß. Hast gepfiffen sogar. Und schon war’s ‘ne andre Sache. Dir ist aber auch schnell langweilig, mein Gott! Die andren haben das nie verstanden. Nein, bringen tut das nichts, hast du gesagt, das sei dir auch klar geworden, aber wenn’s nun mal drin steckt in dir. Und was drin ist, das bleibt auch drin. Kannste nichts machen eben. Ihr trefft euch an der Seine. Willst eigentlich nicht dahin. Das bisschen Wasser. „Hast du ‘ne Rückfahrkarte?“ „Weiß nicht, bin mit’ m Fahrrad hier.“ „Wie lange bleibst du?“ Dein Bruder zeigt dir einen Vogel, aber nicht mit der Hand oder dem

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Finger der Hand. Er rollt die Parisien zusammen. Formt eine Rute und tippt damit an deine Schläfe. Zweimal. Und das dritte Mal härter, als müsse er eine Fliege töten. „Du kannst Französisch?“, du meinst die Parisien. „Mich interessieren nur die Bilder.“ „Spendierst du mir ‘nen Milchkaffee?“ „Sie trinken ihn nur zum Frühstück.“ „Und was trinken sie abends oder in der Nacht, um sich wach zu halten?“ Es hat nicht lange gedauert. Du brauchtest nicht mal unbedingt weit gehen. Du hast sie erkannt an diesem Hütchen und der spitzen Nase. Solche riechst du auf 5000 Meter. Willst du wissen, aus welchem Teil Europas eine Frau stammt, schaust du dir den Zinken an, verstanden! Bringst sie dahin, dass sie sich heranwagt an dich! Bis sie zahm wird! Ihre Augen sind ‘ne Wucht. Du rauchst draußen vor der Tür. Du spuckst den Rauch nicht aus, sondern du spückelst. Du wirfst nicht um dich mit Rauch, sondern du sprühst ihn sehr langsam wie durch eine Düse, als wärst du sehr empfindsam. Sie steht plötzlich neben dir. Hat dich ein paar Mal angesehen, lässt dich kommen. Was fragst du sie? Es ist nicht ewig, was du fragst und auch nicht wichtig. Fragst, ob sie von hier sei. Klar, sie schüttelt. Ihr steht an der Bar. Du erzählst von einer Anderen. Ihre Haare sind gelb in diesem Licht. Der Rock ist ein roter. Ihre Haut ist sehr weiß. Die kleinen Fältchen zeigen, du bist älter als sie. Du stammelst irgendwas. Wärst du nicht in festen Händen und so, dann könntet ihr jetzt und so weiter und so weiter. Schwenkst deine Hand, als wärst du sonst was für ein hohes Tier. Sie erzählt dir, dass sie Polin ist. Die S-Bahnen fahren zwei Meter unter ihrem Fenster. Ihr bleicher Körper wirkt noch bleicher im Mondlicht. Ihre Füße sind bläulich. Du


— White Out — „Musste Ahnung haben von. Ist nicht: Nimmst ‘n Messer. Setzt an, ratzen, fertig. Ein Flugzeug ist kein Auto. Okay?“ „Weiß ich doch nicht.“ Die Treibstoffreste werden mittels Schrubber zwischen Betonplatten gefegt, sind plötzlich weg, verdunstet. Da bleibt kaum ein Rest, nur Kaugummi. Es ist eine Hoppelpiste. Hier starten die Maschinen. Der Belag ist rissig, nur teilweise von Teerwürsten versiegelt, die mal dünner mal dicker sind, geknetet von Nachtfrösten und Mittagshitze. Ganze Dörfer sind in Flugzeugbäuchen verpackt über sie hinweggerollt, Häuser, Kirchen, Zäune. Haben umgestaltet und in die Länge gezerrt. Gert lehnt an der Gangway und saugt am Stängel, lässt es sich schmecken. Darf sich keine mehr schmecken lassen, hier sowieso nicht, macht es trotzdem. Die Lungen brennen. Er keucht. Die haben ihm lang nicht mehr so gut geschmeckt. Er würde gern ein Liedchen pfeifen jetzt, aber ihm fällt keines ein. Vielleicht eins von Vögeln, Zugvögel. Kläglich sucht er die Tonleiter ab. Fängt die Asche in der hohlen Hand. Die Glut erkaltet schnell. Der Wind trägt sie südwärts, auch seine Laute. Nicht weit entfernt startet eine Hercules. Ihr Bauch glänzt in der Sonne. Der Lärm drückt einem das Trommelfell ins Gehirn. Als wärst du hundert Meter unter Wasser, ohne Druckausgleich, so fühlt sich das an – Gert sucht nach einem Vergleich und verwirft ihn wieder; er merkt, es haut nicht hin. Den Mund öffnet er, damit der Schall aus dem Körper entweicht. Es stinkt nach Tabak. Er leckt sich die Finger der Raucherhand, jeden einzeln. Nimmt die Zunge und fährt die Hautrinnen ab bis in die Spitzen. Hornhaut schabt auf Zunge. Sandpapier-

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artig. Zwischen den Zähnen hat sich ein Kümmelkorn festgespießt. Es ist von der Suppe. Walther nähert sich mit eiligen Schritten. Ist ein Henker von einem Scheißkerl, von allen guten Geistern verlassen. Gert reißt er die Schapka vom Kopf – einfach so, aus einer Laune heraus. Gerts dunkle Mähne liegt frei, hängt bis zur Schulter. Zottellocken, ungewaschen, klebrig. Walther hat etwas von einem Walross. Die Brille hat einen dunklen Rahmen, macht seine Augen klein wie Kirschkerne. Gläser, groß wie Kompottschalen, bedecken das halbe Gesicht. Die Barthaare sind lang und vereinzelt. „Er hat’s gleich, Walther. Nur ‘n kleines Leck.“ Gert hustet und massiert sich die Rippen. Der Schmerz ist nicht gerade klein. Unter der hochgeklappten Motorhaube hantiert ein Mechaniker. Walther ballt seine Hand zur Faust und wiehert einen Fluch, der im Wind davongeht. Sie machen den Handknöchelgruß. Walther greift in die Tasche, nimmt einen Haufen zusammengeknüllter Scheine. Gert wird flau im Magen. Ihm kommt es vor, als fehle ihm Blut im Gehirn. Es reicht, um nachzudenken. Das geht automatisch. Wie gingen sie beide noch mal zusammen, er und Walther? Unzählige Mal. Achttausender sind sie hochgerobbt. Wenn Gert nicht mehr konnte, nahm Walther ihn auf die Schulter. Waren zusammen am Matterhorn und am K2. Pervers ist das, pervers. Walther trommelt auf die Motorhaube. Seine Augen sind plötzlich noch kleiner als Kirschkerne. „Ja, Tempo, Tempo!“ Der Mechaniker blickt auf, reibt sich das Genick, lacht sich eins, ist Mongole.


Der Motor brummt monoton. Walther will höher, immer höher, will ein besseres Panorama. Braucht Überblick. Muss sehen, ob da etwas ist, das ihnen an den Fersen klebt. Er sieht aus dem Fenster, rechts, links. Ihm ist so, als wäre da was. Schon eine ganze Weile. Man kann ja nie wissen. Nur ein Schatten! Ihr eigener! Bedingungslos und träge ahmt er jede ihrer Bewegungen nach, presst sich nah an den Boden. Gerettet! Er nimmt einen Schluck aus der Pulle. Walther hat keinen Pilotenschein. „Lass mich, verdammt! Kann doch selbst fliegen.“ Gert greift an seinen Bauch. Er weiß, dass er nichts mehr kann, kaum noch sprechen. War unvorsichtig. Er nimmt die Flasche und schüttet sie sich drüber. Brennt ihm fast den Verstand aus dem Kopf. Er fasst ins Steuer. Walther brüllt. Der Knüppel macht sich selbständig, rutscht nach oben. Walther hat ihn nicht mehr unter Kontrolle. Kriegt ihn nicht zu fassen. Der Propeller tourt ab. Wird leiser, lauter, leiser. Der Boden kommt näher. Die Wolken werden kleiner. Dann umgekehrt. Walther versucht einen Looping. Sie tauchen in weiße Watte. Bis zur Küste sind es tausende Kilometer. Zu Fuß über Schnee und Eis. Wenn du hier abstürzt, kannst du dich auch gleich umbringen, brauchst nicht erst loszulaufen, urteilt Walther. Würde ja doch nichts bringen. Gert nickt. Hält eine Hand auf den Bauch. Starrt aus dem Fenster. Hat Schweiß auf der Stirn, redet im Fieber.

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„Hast das auch schon mal gesehen? ... Doch! Ja? Da waren Tom und Thomas mit. Ja ... Und du warst auch dabei, Walther. Musst da gewesen sein, ja ... Warst längst fett, fraßt ständig Pizza. Wir waren längst nicht so ... drall wie heute, wir kannten uns kaum.“ Gert schnappt nach Luft, es fällt ihm schwer. Er macht eine Pause. Tut ihm nicht gut, das Reden. „Ich hatte dich auf ’n Schultern ... und Tom hatte Thomas drauf. Wir stehen bis zur Brust im Becken. Bewegen uns aufeinander zu ... Ganz langsam. Kinder schreien. Die Decke des Hallenbads reflektiert jeden Mucks ... Die beiden oberen, du, Walther, und Thomas, ihr lasst die Köpfe aufeinanderprallen und beginnt zu raufen ... Sieht gut für uns aus. Du punktest durch deine Masse ... hast ’n Sieg schon in der Tasche. Aber du bist unheimlich schwer ...“ Gert konnte ihn unmöglich halten, da brach er unter dem Gewicht des Walrosses zusammen. Er hat es vor Augen. Er fällt nach vorn, hat den Kopf unter Wasser. Spürt Walthers schwere Beine, die sich um seinen Hals krampfen. Er kann nicht mehr, will atmen, kann es nicht. Will sich aufrichten. Schafft es beinahe. Ist oben. Wieder drückt es ihn runter. Endgültig. Denkt nur noch: Walther, du Sau, hast jetzt einen Menschen auf dem Gewissen! Dann alles weiß. Kleine, schmale Blitze. Als Gert erwacht, unterhält sich Walther mit dem leeren Sitz des Copiloten und gurgelt mit Wodka. Spricht halb deutsch, halb englisch mit ihm. Macht sich einen Spaß daraus. Gert lächelt süßlich. Sein Gesicht ist irgendwie gelb. „Weißt du noch?“, sein Sprechen hat kaum noch Stimme, ist mehr ein Hauchen. Es strengt ihn über die Maßen an, man sieht’s. „Weißt du noch, als man mir diese Banane ... zusteckte? 86. Die war übelst grün. Kein bisschen ... Gelb, nirgends. Da war nicht mal ‘n Schimmer von


— Wald der Wunder — In der Mitte des Raumes schiebt eine Birke ihren schlanken Stamm durch den Boden. Der Belag schlägt hohe Wellen. Darunter breiten sich Wurzeln in alle Himmelsrichtungen aus. Birken haben keine großen Ansprüche, was Klima und Boden betrifft. Sie wachsen selbst auf Beton und Mauerwerk. Bohren sich tief hinein und graben Tunnel. In absehbarer Zeit wird die Krone die Decke durchstoßen und in den Himmel wachsen. Noch ist die Rinde nicht geweißt, noch ist sie dunkel. Jetzt im Frühling treibt sie aus. Wird größer werden und schwerer. Andere werden es ihr gleichtun. Es wird ein Wald sein, eines Tages, der so schwer ist, dass der Boden nachgibt und das Haus in sich zusammenstürzt. Schneemann macht große Augen, als ich es ihm erkläre. Schneemann hat viele Namen. Manchmal nenne ich ihn Riese oder Plumplum oder Hälftchen oder Eisbär. Und er nennt mich Äffchen. „Es werden neue Bäume wachsen und immer wieder neue. Es wird ein Hügel aus Bäumen entstehen. Bis eines Tages nichts mehr übrig ist vom Haus“, antworte ich ihm, weil er fragt, ob denn in dieses Gebäude eines Tages wieder Menschen einziehen werden. Die Fenster fehlen und der Innenraum ist zum Biotop geworden. Ameisenstraßen ziehen sich kreuz und quer durch die Räume. Auf den Stühlen und Tischen lagert Moos. An der Decke gewinnen Tropfsteine an Länge. In einer finsteren Ecke hängen Fledermäuse und tschilpen. So gesehen hat hier der Mensch etwas Gutes getan, hat für einige Arten perfekte Rückzugsgebiete und Brutplätze geschaffen. Wenn es nur nicht so verdammt makaber wäre, das zu sagen. Makaber! Makaber! Makaber! Wir gehen eine ehemals stark befahrene Straße entlang. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, hier gibt es keine Autos. Die Hoch-

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So zitiert eine Studie des Departments für Psychologie an der Münchner Universität einen Geschichtslehrer, der mit seinen Klassen grundsätzlich nur im Winter in die KZ-Gedenkstätte Dachau fährt. Sonst käme nicht das „richtige Feeling“ rüber. Bei einem der Besuche hätten die Schüler dennoch ihre Brote ausgepackt und im Bus gleich wieder mit ihren Handys gespielt. „Das nächste Mal fahren wir nach Auschwitz.“ Die Zeit, 04.11.10


Inhalt 7 Als ich endlich liebte 11 Reise nach Loitoktok 17 Blinded 23 Wachsen sehen 29 Italienische Reise 33 Berlin 39 Feiertag 45 Bewohner des Wandschranks 51 Manรถver 59 Kalt 67 Warm 73 Paris 79 White Out 87 Wald der Wunder


Limitierte Auflage / Berlin 2011 Alle Rechte vorbehalten. Illustration und Layout Inga Israel www.ingaisrael.de www.dawanda.com/shop/INKO Text Roman Israel www.romanisrael.de Die Story „Reise nach Loitoktok“ wurde erstmals abgedruckt in: SAX ROYAL – Eine Lesebühne rechnet ab. Voland & Quist Verlag 2010.

Reise nach Loitoktok  

Limitierte Auflage / Berlin 2011. Alle Rechte vorbehalten. Text > Roman Israel > www.romanisrael.de Illustration & Layout > Inga Israel >...

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