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INGA SEVASTIANOVA

WODKA IN LEDERHOSE

ODER DIE ÜBERLEBENSTIPPS DER SPÄTAUSSIEDLER


INHALTSVERZEICHNIS VORWORT

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URSPRUNG

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EXISTENZAUFBAU IN NORDKASACHSTAN

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BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG FREUNDE

BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG CLUBBING

BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG BANJA

BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG

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BADEAUSFLUG

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ANDERE SPRACHE

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KINDHEIT IN RUSSLAND

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UMZUG

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DIE EINSCHULUNG IN DEUTSCHLAND

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DER ERSTE SCHULTAG

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WERDEGANG

KASACHSTANDEUTSCHE

WERDEGANG

RUSSISCHE JUDEN

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WERDEGANG KAUKASEN

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DATE

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VERBINDUNG MIT DER HEIMAT

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GEWOHNHEIT

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EIN MAL IM LADEN

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JEDER BLEIBT BEI SEINER KRIPPE

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UNTERSCHIEDE

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FEIERN

ZU HAUSE

FEIERN PARTY

FEIERN FAMILIENFEIER

FEIERN

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FEIERTAGE

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WAS RUSSEN SO BESONDERS MACHT

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ALTE HEIMAT

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IMPRESSUM

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VORWORT Welches Thema wird in diesem Buch behandelt? Ein Thema, welches bereits auf allen Sendern und in allen Zeitungen tausend mal durchgekaut wurde. Integration. „Nein, nein, nicht schon wieder!“ wieder!“, sagen Sie? Kann ich Ihnen nicht verübeln, doch ich versuche es nicht so trocken und traurig, wie es sich bisher die klugen Köpfe geleistet haben, darzustellen. Wie ist die Vorstellung von russischen Menschen in Deutschland? Entweder ist es ein ewig trinkender Igor, der für das etwas Feuerwässerchen seinen letzten Goldzahn verpfändet oder es ist ein Mafiamillionär mit einem vollbehaarten Bierbauch und einer 20-fingerbreiten Goldkette, an der noch etwas Kaviar hängt. Ach ja, es gibt noch schöne Frauen mit meterlangen Beinen und unendlichen Wimpern. Die Vorstellungen stimmen mit der Realität sogar zu 90 % überein, wenn man sich in Russland befindet. Hier gibt es aber eine Grauzone, die sich


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„Spätaussiedler“ nennt. Diese wiederum kann man in drei Gruppen aufteilen: Spätaussiedler aus Russland oder Juden. Spätaussiedler aus anderen Regionen der glorreichen UdSSR. Kaukasen aus den Ländern, von denen ein Normalsterblicher noch nie gehört hat. Die dritte Gruppe besteht hauptsächlich aus politischen Überläufern. Die Verbindung zu den anderen beiden Gruppen besteht mittels der russischen Sprache, die meist auf grausame Weise bis zur Unkündbarkeit durch Akzent und Dialekt entstellt wird. Alle drei Gruppen werden von Deutschen und anderen in diesem wunderbaren sozialen Staat lebenden Völkern liebevoll „die Russen“ genannt. Dennoch gilt die Regel, dass sich nur maximal


VORWORT zwei der drei obengenannten Fronten, stressfrei in einem Raum befinden können. Sonst droht die alte russische Tradition aus der Zarenzeit „Stenka na Stenku“, was übersetzt „Wand gegen Wand“ heißt, wieder aufzuerstehen. Von der Frage nach der Heimat und den Klischees handelt diese Arbeit.

Es gibt in Russland eine vegetarische und zugleich günstigere Alternative zu den kostbaren Fischeiern. Und zwar bezeichnet man in der russischen Sprache auch die Gemüse Paste als Kaviar„Gemüsekaviar“.


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Auberginen, Zucchini, Tomaten, R체ben und gehackte Zwiebeln braten. Gepressten Knoblauch und etwas Kr채uter dazu geben. Alles vermischen und mit Salz und Pfeffer w체rzen.


URSPRUNG Gehen wir nun zum Ursprung zurück. Die gesamte Lappalie des Umsiedelns ereignete sich im 18. Jahrhundert, als Katharina Die Große deutsche Bauern in russische Weiten lockte. Wie sich herausstelle, gab es tatsächlich nur nackte Landschaften und 25-Stunden Arbeitstage. Das Land war fast unbrauchbar für die Landwirtschaft und das Klima unpassend für die zarte deutsche Seele. Doch die bekannten deutschen Tugenden, Fleiß und Disziplin, verholfen den Bauern zu langersehntem Wohlstand. Es bildeten sich rein deutsche Siedlungen mit autonomen Lebenssystemen. Eigene Schulen, Geschäfte und Werkstätten machten die Lebensweise der Deutschen zum Neidobjekt. Das harte, entsagende russische Volk mit dem Bolschewismus-Gesicht beschloss die Deutschen, aufgrund ihres unpassenden Benehmens wieder zu Habenichts zu degradieren. Alle die mehr als eine Stunde auf den Beinen stehen konnten, wurden


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an die Front oder in die Arbeitslager geschickt. Der Rest durfte es sich im abgelegen Osten der UDSSR, haupts채chlich in den Steppen von Nordkasachstan, gem체tlich machen. Es bildeten sich neue Siedlungen mit fast reinem deutschem Kontingent. Und in so einer beginnt auch meine Geschichte.


EXISTENZAUFBAU IN NORDKASACHSTAN Meine Vorfahren haben sich eine Existenz in Nordkasachstan aufgebaut. In einem Dorf, das in zwei Fraktionen geteilt war. In eine deutsche und eine polnische. Warum Nordkasachstan? Ganz einfach, die Deutschen sollten so weit wie möglich von der Grenze platziert werden. Nachdem die ersten Polen im Frühling 1936 die Steppe einigermaßen lebenstauglich präpariert hatten, kamen im Herbst die ersten Deutschen in die Siedlungen. Das Land wurde in mehrere Sektoren geteilt. In jedem dieser Sektoren war solch eine Siedlung. In jedem Haus wohnten zwei bis drei Familien mit jeweils drei bis zehn Kinder, die mindestens einmal pro Tag essen wollten. Bis Mitte der Fünfziger Jahre wurde jede Siedlung streng überwacht. An allen Straßen und Wegen, die aus dem Dorf hinaus führten, standen Posten. Die Kommandanten waren rein russischen Blutes, versteht sich. Um raus zu fahren, brauchte man ein beglaubigtes Schreiben von dem Vorsitzenden Auf die Frage nach der Heimat nennen Russen den Namen eines Dorfes oder einer Stadt, alle Anderen-ein Land. (Valery Krasovsky)


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der Kolchose und dem Parteivertreter. Bei einem Fernweh, brauchte man also nur ein korrekt formuliertes Schreiben, eine Woche für die Abhandlung des Dokuments von dem Vorsitzenden, einen Monat für die Beglaubigung von dem Parteivertreter und schließlich wartete man zwei Monate auf die Post. Aber dann konnte man endlich in den Urlaub. In das Nachbardorf. Als sehr fleißige und verlässliche Arbeitskräfte, waren die Deutschen von großem Schätzwert. Das trockene Land verwandelte sich sehr bald in viele, grüne, fruchtbare Oasen. Leider erlaubte das System der sowjetischen Kolchosen nicht wohlhabend zu werden. Je mehr man erntete, melkte und schlachtete, desto mehr musste man an die Allgemeinheit abgeben. Zwar galten die deutschen Siedlungen als leistungsstark, akkurat und reich, die Menschen an sich haben allerdings nicht davon profitiert.

Für jeden in Exil ist die Heimat-die Sprache, auf der man nicht aufhören will zu reden. (Mircea Eliade)


BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG FREUNDE

In solch einem Dorf gab es sehr viele Arten sich zu beschäftigen. Zum Beispiel beim monatlichen Treffen mit den Freunden. Zunächst sammelt man den Proviant für den Abend. Selbstverständlich wird alles geklaut, was für den kulinarischen Meisterwerk-Salat „Vinaigrette“* benötigt wird. „Venigret“ ist die beliebteste Speise zum selbstgebrannten Alkohol. Dem Raubzug fallen dabei nicht nur die Nachbarsgemüsegärten zum Opfer, sondern auch öffentliche Grünanlagen. Denn die jungen Damen werden nur durch hübsche Sträuße zum Saufen animiert. Für die ganz harten gab es Lebkuchen. Nach der Durchführung des üblichen Mädchenrituals, „So bin ich nicht!“ nicht!“, „Ich trinke normalerweise nicht!“ nicht!“, und „Ich bin vorbildlicher Komsomolanhänger! Die Sauferei schadet nicht nur dem Ruf, sondern auch der jungen Gesundheit. Es sollte euch, sowjetische Genossen, äußerst peinlich sein, denn wie es heißt „Im gesunden Körper lebt ein *In der russischen Küche versteht man unter Vinaigrette einen Salat

aus gekochtem Kartoffeln, Karotten, Rote Bete und Salzgurken, verfeinert mit Sonnenblumenöl oder Mayonnaise.


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gesunder Geist“ Geist“, wird Mundvorrat aus den Taschen hervorgeholt. Im Glanze der üppigen Beute und dem Duft von gelben Narzissen, werden alle Stöcke aus dem Arsch gezogen. Der Salat ist angerichtet. Selbstgebranntes 60%-haltiges ist eingeschenkt. Es geht los mit: Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinkenessen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruchtrinken-essen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinkenessen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruchtrinken-essen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinkenessen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruchtrinken-essen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinkenessen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruchtrinken-essen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinken-essen, Trinkspruch-trinkenessen, Trinkspruch-trinken-essen und so weiter. Selbstgebranntes Alkohol hat in der Regel bis zu 90 % vol.


BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG FREUNDE

Für manche Bewohner gibt es am nächsten Morgen eine kleine nette Überraschung, wenn sie in ihrem Garten statt Tomaten einen schlafenden Teenager vorfinden. Da die Jugendlichen in deutschen Siedlungen sehr streng erzogen wurden, gab es nach diesen Eskapaden immer Hausarrest für alle. Doch die Strafe wurde immer wieder gerne in Kauf genommen. Tradition bleibt Tradition.

Rezept für Vinaigrette: Kartoffel und Rote Bete in Schale gar kochen, abkühlen lassen und pellen. Das gekochte Gemüse und Salzgurken fein würfeln. Zwiebel ganz klein schneiden. Die Mayonnaise hinzugeben, ziehen lassen.


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BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG CLUBBING

Weniger extrem war Clubbing. In jeder Siedlung baute man ein schönes, prachtvolles Gebäude. Seine Räumlichkeiten wurden für das Vergnügen der Dorfbewohner bestimmt. Jeden Tag gab es eine neue Kinovorführung. Samstags und Sonntags gab es einen Tanzabend. Mädels führten neue Kleider vor, selbstverständlich selbstgenäht. Weil zum sowjetischen Gedanken die Gleichheit in allen Sphären dazu gehörte, gab es auf dem Markt nicht besonders viel Auswahl an glamouröser Kleidung. Jungs spielen Billiarde und rauchen Papirossen. Musik geht an. Die ersten mutigen Männer gehen langsam auf die Jagd. Die schönsten Mädchen haben die breitesten Hüften, die längsten Zöpfe und die rotesten Wangen. „Madame, Lust mit mir eine Runde Charleston auf den Parkett zu legen?“ legen?“- fragt er und kaut dabei ganz cool das Harz. Ja, ja. Denn man sollte wissen als erstes erreichte das Kaugummi Nordkasachstan In den 60 Jahren erschienen die ersten Musikstücke, die eng mit den Avantgarde-Bewegungen verbunden waren.


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über die Leinwand. Man wollte so aussehen wie die im Film. Es wurde nach Alternativen gesucht und Harz erwies sich als würdiger Ersatz. Sie schaut ihn ganz genau an. Etwas schmächtig. Sie überlegt eine angemessene Zeit. Es folgt ein Lebkuchen. Sie willigt ein. Weiter sind rhythmische Zuckungen und Bewegungen bis zur Erschöpfung auf dem Programm. Anschließend kommt von ihm ein Angebot, das sie sicherlich ausschlagen wird. „Lass uns auf den Heuboden gehen“ gehen“- was heißt „Lass uns pimpern“ pimpern“.

Die Werke der experimentellen Musiker, die den sub-sowjetischen Standards der akademischen Musik nicht entsprachen, wurden kaum veröffentlicht.


BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG BANJA

Saunieren auf russische Art heißt in die „Banja“ gehen. Im Gegensatz zu der Ihnen bekannten Sauna, wo Sie Ruhe und Entspannung vorfinden, wird man in der russischen „Banja“ so richtig vermöbelt. Als erstes sammelt man Zweige einer jungen Birke, die später zu einer Art Strauch gebunden werden. Dieses Werkzeug der Folter ist für eine bessere Durchblutung durch Auspeitschen zuständig. Folgend kommt eine gewaltige Ladung des Aufgusses, bestehend aus Bier. Die Temperatur steigt so bis zu gefühlten 2.000 Grad. Atmen ist nicht mehr möglich. Doch das nächste Date mit Gestänge steht bevor. Und dann, wenn man sich vom Leben bereits verabschiedet hat, darf man raus in die Kälte. Entweder geht es ins Eisloch oder in den Schnee. Da die Deutschen ein recht sauberkeitsliebendes Volk sind, war das erste errichtete Gebäude in der Siedlung die „Banja“. Riesengroß und weiß. Jeden Tag geöffnet.


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BESCHÄFTIGUNG IN DER SIEDLUNG BADEAUSFLUG

Der Badeausflug war und ist bis heute einer der beliebtesten Aktivitäten in den Dörfern Russlands. Mit der Familie oder Freunden geht es oft zum siedlungseigenen Badesee. Da es in vielen Regionen keine natürlich entstandenen Seen gab, haben die Bewohner mit Dynamit nachgeholfen. So lässt es sich super neben den Kühen plantschen. Die Reinheit des Wassers ist enorm hoch. Erst ab fünfzehn Zentimeter Abstand versinkt die Sicht in ewiger Dunkelheit. Nicht zuletzt gilt der Dank hier den Sauberkeitsfanatikern der Dörfer, die den See oft genug als Waschbecken für ihre Fahrzeuge nutzen. Erwachsene trinken an solch einem Ausflug Bier oder hausgemachten Wein. Frauen zaubern appetitliche Salate und Zwischenspeisen. Männer grillen. Ansonsten gilt entspannen und Spaß haben. Manche liegen einfach nur in der Sonne. In das drei Meter tiefe Wasser geschmissene Kinder lernen zu schwimmen. Die Mutigen erforschen


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die Seeunterwelt. Und falls es zu einem Notfall kommen sollte, spielt der N채chstbeste den Rettungsschwimmer. In der Rolle des Rettungsrings tritt ein Autoreifen auf.


ANDERE SPRACHE In der Siedlung wurden zwei eigene Sprachen gesprochen. Die erste ist eine Mischung aus russischer, ukrainischer und polnischer Sprache. Sie ist für die Verständigung mit Polen wichtig und wird „Surschik“ genannt. Die zweite Sprache ist Deutsch. Allerdings mit einigen eigenartigen Ausdrucksformen und Satzstellungen. So kristallisierte sich eine, mit alten Dialekten und anderen Sprachen vermischt, neue andersdeutsche Sprache heraus. Für mich, derjenigen, die eine solche Misch-Masch-Sprache nie benutzte, ergab manches einfach keinen Sinn. Hierzu ein Beispiel: Dieser dvatscher Boschorre macht immer dumme Renken. Er ist wohl nicht voll gehaspelt, nur Dremmel im Kopp.* Man versuchte an öffentlichen Plätzen und außerhalb der Siedlung ausschließlich Russisch zu sprechen, um von den polnischen Siedlungsbewohnern nicht als Faschist beschimpft * Die Übersetzung finden Sie im eingebundenen Wörterbuch.


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zu werden. Gerade kurz nach dem Krieg war der Ausdruck „Deutscher“ eine Beleidigung. Ebenfalls konnten Deutsche keine Führungspositionen besetzen. Als „unzuverlässiges Element“ waren sie auch in Parteien nur ungern gesehen. Die Unterdrückung schwächte zwar nach dem Tod von Stalin rasant ab, dennoch folgte in den 70er Jahren die Welle der Aussiedlung. Die Deutschen in der UdSSR hatten stets den Plan im Hinterkopf behalten, zurück nach Deutschland zu kehren. In manchen Fällen verlief die Umsiedlung etwas komplizierter. Die jungen Deutschen in der UdSSR waren schon so sehr integriert, dass sie sich fast nur russisch gefühlt haben. So ergaben sich viele Mischehen. Somit wollten nicht alle neuentstandenen Familien in ein anderes Land umziehen. Ich hatte richtig Glück. Wir zogen auf den gemütlichsten Fleck der Erde um, nämlich nach Sibirien. Erst nach zehn Jahren im Weißen zogen wir nach Deutschland.


KINDHEIT IN RUSSLAND Ach ja, wer erinnert sich nicht gerne an die eigene Kindheit? Ich muss sagen, in Russland und in Deutschland verlaufen die schönsten Zeiten der frühkindlichen Prägung etwas unterschiedlich. An meinem eigenen Beispiel kann man sehr gut den Unterschied erkennen. Meine Kindheit ist sozusagen typisch für jeden in Russland aufwachsenden Menschen. Abgesehen von dem full-time-job in der Schule, werden die Kinder zusätzlich in weiteren Schulen, wie Musikschulen, Tanzschulen und so weiter beschäftigt, um die Leistungsfähigkeit der Synapsen anzukurbeln und angeblich vorhandene Talente zu fördern. Ist nach Meinung der Eltern das „kleine Genie“ nicht genug ausgelastet, wird es über das Wochenende in weitere Vereine verbannt. Und gnade ihm Gott, wenn es wirklich ein Talent besitzt! Meine Eltern, wie die von vielen Anderen, waren den ganzen Tag auf der Arbeit beschäftigt. Vati hatte sein Leben den vielen Das Wissen ist das Licht, die Unwissenheit dagegen ist ein angenehmer Schatten. (Aphorismus)


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KINDHEIT IN RUSSLAND Bestechungsgeschenken von Patienten und dem brüderlichen Anstoßen mit den lieben Kollegen gewidmet. Meine Mama schenkte dagegen, wie es sich für eine Russisch-Deutsche gehört, ihre Zeit den Schülern und dies geschah, für deutsche Verhältnisse zumindest, fast auf ehrenamtlicher Basis. Sie versuchte ihnen das Licht der Gelehrsamkeit und die deutsche Sprache nahe zu bringen. Somit hatte ich in meiner zweistündigen Pause zwischen dem Gymnasium und der Kunstschule, unsere riesige 60m² Wohnung nur für mich alleine. Diese Freiheit durfte ich leider nur bis zur fünften Klasse genießen. Dann merkten meine Eltern nämlich, dass ich zu viel Freizeit habe. Sie beschlossen die lange Pause, die von mir ja so geliebt wurde, effizienter zu nutzen und drückten mir einige Aufgaben im Haushalt auf. Ab diesem Moment konnte ich entspannt das Abendessen vorbereiten, aufräumen, staubsaugen, wischen, spülen, den familieneigenen „Zoo“, den wir zu In den russischen Schulen gilt in der Regel eine fünf-PunkteBewertungsskala (1 bis 5), dabei ist die 1 die schlechteste Note.


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dem Zeitpunkt hatten, versorgen, mit dem Hund spazieren gehen, Hausaugaben sowie die Vor- und Nachbereitungen für die Kunstschule machen und erst nach getaner Arbeit die freie Zeit genießen. Also hatte ich kaum mit Puppen spielen können. Daraus entwickelte sich die recht kühle, typisch russische Gleichgültigkeit meinerseits.

Normalerweise fängt man mit 6 oder 7 Jahren eine Bildungseinrichtung zu besuchen, mit 17 oder 18 Jahren beendet man sie. Standard-Lehrplan der Sekundarstufe ist auf 10 - 12 Jahren ausgelegt.


UMZUG Im 15. Jahr meines Lebens hatte ich eine große Umstellung. Nach einem langen bürokratischen Verfahren bekamen wir eine Erlaubnis für die Familienvereinigung durch den Umzug nach Deutschland.Ich ließ meine Freunde, meine Schule und mein Leben in Russland zurück und zog mit meiner Familie nach Deutschland. In Deutschland erwarteten mich der Rest der Familie, neue Kultur und 15m² auf drei Personen. So ergeht es fast allen Aussiedlern. Ab diesem Zeitpunkt wurden ich und alle Russischsprechenden bloß noch als „Russen“ bezeichnet. Um den Leser nicht zu verwirren werden im Folgenden alle Gruppen (Kasachstandeutsche, Russlandsdeutsche, russische Juden und Kaukasen) als Russen benannt.


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DIE EINSCHULUNG IN DEUTSCHLAND Die Einschulung war sehr spannend. Dadurch dass meine Mutter Deutsch unterrichtete und ich auch zur Hälfte deutsche Wurzeln habe, hatte ich in Russland statt Englisch Deutsch als Fremdsprache gewählt. Sozusagen, um die Sprache meiner Vorfahren zu lernen. Eine Entscheidung, die ich bis heute bereue. Im Endeffekt kann ich heute keine der Sprachen wirklich gut. Und mein Englisch endet da wo es auch anfängt. Man sollte meinen, dass ich aufgrund meiner jahrelangen Aneignung der deutschen Sprache bereits in der Heimat, bei der Einschulung in Deutschland einen großen Vorteil haben sollte und diesbezüglich keine besonderen Probleme zu befürchten hätte. Doch es kam alles anders. So fleißig, wie ich war, behielt ich von den drei Unterrichtsjahren nur zwei einfache Aussagen und zwar, wie ich heiße und woher ich komme. So etwas Peinliches konnte meine Mutter, die für


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ihr Leben gerne lernt und lehrt, nicht dulden und verdonnerte mich zum Intensivkurs. Nach einem Monat fand eine Prüfung statt. Ich offenbarte mich als zweiter Goethe, indem ich an den Haaren herbeigezogenen, nicht zusammenhängenden Quatsch erzählte. Ich weiß nicht ob das ein verzweifelter und mitleidserregender Versuch war, mich zu verständigen oder die Dreistigkeit ständig zu betonen, dass ich doch eigentlich eine Deutsche bin und mit etwas Unterstützung alles schaffen würde. Das Glück war auf meiner Seite und die Prüferin erweichte. Sie erlaubte mir die Realschule zu besuchen, unter der Bedingung ein Schuljahr zu wiederholen. An der ich glücklich und zufrieden dem Englischunterricht bis zu meinem Abschluss auswich. Meine Englischkenntnisse, wie es auch für viele Russen typisch ist, begrenzen sich auf ein Paar Wörter aus den Hollywoodfilmen. Diese waren früher in Russland so schlecht synchronisiert, dass die Tonspur mit der Übersetzung etwa 2 Minuten


DIE EINSCHULUNG IN DEUTSCHLAND später antraf und bis zur 5. Klasse dachte ich, dass wir nur zwei Sprecher haben, die englisch können, nämlich die beiden männlichen. Und dass jeder Satz in dieser wunderbaren Sprache mit „yo, man“ und „fuck“anfängt.


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DER ERSTE SCHULTAG Der erste Schultag an einer deutschen Schule fällt allen Russen schwer. Das liegt aber nicht nur an der Sprachbarriere. Es ist nicht einmal die Beleidigung als „arrogante Mathegenies“, die des Öfteren mal fällt. Mathegenies deshalb, weil das russische Bildungssystem den elementaren Wissenschaften mehr Schulzeit widmet. Somit haben wir die Lerninhalte, die in Deutschland in der 8. Klasse auf dem Programm stehen, bereits in der 5. Klasse in Russland durchgenommen. Arrogant weil wir gelehrt werden, dass die beste Verteidigung immer noch der Angriff ist. So verteilt man gerne tödliche Blicke, da man nicht sicher ist, was genau um einen herum geredet wird. Am Ende ist es viel mehr das peinliche Verhalten, welches wir an den Tag legen. Am ersten Tag wird alles falsch gemacht, was nur geht. Bloß nicht reden, denn wenn man es versucht, sagt man sicherlich etwas Falsches. Ich habe stets meinen Mund gehalten. Ab und zu böse geschaut. Topologisches Geheimnis der russischen Seele - tief im Hintern zu sitzen, aber trotzdem auf alle herabschauen. (Aphorismus)


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Immer drauf geachtet einen undurchdringlichen Gesichtsausdruck zu bewahren, damit keiner merkt, dass ich kurz davor bin, mich zu übergeben. Meine Mitschüler versuchte ich zu ignorieren und wenn ich doch angesprochen wurde, ohne dass ich mich wegdrehen konnte, habe ich versucht zu lächeln. Anscheinend konnte ich vor Aufregung meine Mundmuskeln nicht wirklich kontrollieren, worauf alle mit einem Schreck, der ihnen in ihren weitgeöffneten Augen anzusehen war, reagierten. Meinen Platz gefunden, versuchte ich mich nicht zu rühren. Ich glaube fest daran, dass wenn man sich nicht bewegt, man für den Rest unsichtbar bleibt. Als ich gerade in strenggeometrischer Ordnung meine Sachen auf den Tisch legte, kam die Lehrerin herein. Sie erschreckte sich etwas, als ich zur Begrüßung aufsprang und mich gestreckt, wie ein Bajonett, neben meinem Tisch platzierte. Denn so war es in meiner Schule üblich. Zu dem Zeitpunkt habe ich noch nicht alle Unterschiede im Verhalten


DER ERSTE SCHULTAG eines Schülers gekannt. Ich merkte bloß, dass da was falsch lief und innerlich sterbend setzte ich mich wieder hin. Vor Nervosität verspürte ich den Wunsch eine Toilette aufzusuchen. Damit folgte das nächste Problem. Also meldete ich mich wie gewohnt, mit vorgestreckter, leicht nach links geöffneter, rechter Handfläche. Es ist schwer zu beschreiben, wie sich die Gesichter in demselben Augenblick veränderten. Die Lehrerin ließ ihr Handgepäck und die Schülerschaft, die etwa zu 90% türkischer Herkunft waren, die Unterkiefer fallen. Es war mir echt nicht bewusst, dass die Geste, mit der man sich an Russlands Schulen zur Wort meldet, so sehr dem Hitlergruß ähnelt. Ich brauchte ziemlich lange um Freunde zu finden. Zumal es außer mir keine Russen an der Schule gab. Um sich nicht zu blamieren bevorzugen die Russen den Umgang mit den Russen.


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WERDEGANG

KASACHSTANDEUTSCHE Unter den Kasachstandeutschen wird die Ausbildung zum Sozialempfänger bevorzugt. Dabei werden weder Kraft noch Mühe gescheut, um als Vorbild aller Arbeitslosen und Staatschmarotzer zu dienen. So ein Tag bedarf einer sorgfältigen Planung. Mit vollem Einsatz wird zunächst bis zum Mittag geschlafen. Nach dem Aufstehen opfert man die solch frühe Nachmittagszeit erst einem ausgiebigen Brunch. Man beachte, dass nur die Pizza aus dem Billigdescounter auf den Tisch kommt, man soll ja schließlich seine Marke halten. Nach dem täglichen intensiven Fernsehprogramm mit weiterbildenden Sendungen wie „Frauentausch“ und so weiter, wird das Unterhaltungsprogramm draußen fortgeführt. Wie es sich gehört, wird die nächstbeste Bank bis zur Dämmerung mit Kumpels belegt, dabei wird friedlich gepöbelt. Die Vorbeigehenden werden bescheiden bespuckt . Als unverzichtbare Accessoires des Abends dienen eine Flasche ...„Wenn wir über die deutsch-kasachischen Beziehungen sprechen, sollte man damit beginnen, dass es in Deutschland 800.000 Kasachstandeutsche gibt und dass wir 400.000 Deutsche im Land haben wie Sie wissen, wurden die Wolgadeutschen ja nach


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Bier und natürlich Sonnenblumenkerne. Nach solch einem anstrengenden Tag fällt es einem verständlicherweise schwer das Pflichtskandalprogramm durchzuführen. Da es sich hierbei allerdings um eine Ehrensache handelt, stellt man sich dieser. Und so vergehen Tag für Tag die harten Jahre der Ausbildung. Mit dem kleinen Unterschied, dass man im Winter das Bier durch Wodka ersetzt und ab und zu zu einer entsprechenden Behörde rennt. Aber Gott sei Dank, gibt es genügend Ausnahmen!

Kasachstan deportiert. Sie können jeden, der hier lebt, fragen: Man hat Kasachstan in guter Erinnerung behalten.“... (Angela Merkel. Aus Pressestatement, Mi, 08.02.2012 )


WERDEGANG

RUSSISCHE JUDEN Juden oder auch Russlands Deutsche haben mit ganz anderen Problemen bezüglich der Zukunftsplanung zu kämpfen. Es wird einfach nichts ohne Mamas Segen entscheiden. Angefangen bei der Kleidung, die sorgfältig jeden Morgen herausgelegt wird, bis hin zur Entscheidung wen man heiratet und wie viel Mal man in der Woche Sex haben darf. Da diese Kategorie der Aussiedler etwa bis zum 30. Geburtstag im elterlichen Haushalt wohnt, sind die meisten von ihnen recht unselbstständig. Selbst wenn man ausgezogen ist, stehen die fast stündlichen Anrufe von Mama auf dem Tagesplan. Weiterhin wird alles für denjenigen erledigt. Die Ausbildung bzw. das Studium werden ausgewählt und finanziert. Viele werden schließlich Bänker oder Lehrer. Freunde und Partner werden gründlich analysiert und wenn nötig ausgesiebt. Die Lebensmaxime wird vorgegeben. Als Entlohnung für die schwere Geburt und die investierte Zeit, sowie auch das Geld, bittet


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man ja nur um etwas Aufmerksamkeit. Bitte stets drangehen wenn man angerufen wird. Alles was im Leben so passiert, sollte man ebenfalls detailliert berichten. Man darf keinen Feiertag auslassen und seine Lieben immer großzügig beschenken. Die Familie überall hinfahren, wenn es erwünscht wird. Zu jedem Fest als Begleitung zur Verfügung stehen. Die Katze füttern. Die Kinder nach den Großeltern benennen. Bei jeder Entscheidung die Familie zu Rate ziehen. Wenn die Eltern alt werden und nicht mehr für sich sorgen können, muss man sie zu sich holen und sie pflegen. Aber Gott sei Dank, gibt es genügend Ausnahmen!


WERDEGANG KAUKASEN

Die Kaukasen sind einfach nur hart. Meist bleibt es ganz traditionell beim Familiengeschäft. Also das Übliche: furchteinflößend aussehen, Grillen und die etwas krummen Geschäfte drehen. Als Verkäufer machen sie sich alle Ehre. Sie drehen dir alles an, was du gar nicht brauchst. Dabei sind die Kaukasen so geschickt, dass du schließlich sogar auf mehr bestehst, um bloß heil wieder nach Hause zu kommen. Es werden viele traditionelle Instrumente eingesetzt wie der liebevolle Röntgenblick, ein süßes und gleichzeitig beängstigendes Lächeln und eine Aussprache, die zu 80% aus unverständlichen Wörtern besteht, die den kaukasischen Mann darüber hinaus noch so unwiderstehlich macht. Solch einem arglosen Menschen kauft man doch gerne auch mal Schnee für 25 Euro das Kilo ab. Zumal alle Kaukasen hier irgendwie miteinander verwandt sind und man nicht unbedingt die Familie verärgern mag. Aber Gott sei Dank, gibt es genügend Ausnahmen!


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DATE Eine merkwürdige Vorstellung spielt sich in Köpfen der Nichtrussen über Russland ab. Die territoriale Einschätzung über meine Heimat sprengt den Verstand. Beim jedem Date muss ich mich aufs Neue der Herausforderung stellen, den genauen Standort meiner Herkunft so verständlich wie möglich zu beschreiben. Für gewöhnlich läuft es wie folgt zwischen mir (I.) und meiner neuen Bekanntschaft (B.) ab: B.- Und wo kommst du her? Aus Ukraine oder Moskau? I.- Ich bin eine Russin B.- Dann kannst du bestimmt gut Ballett tanzen! I.- Na klar! Das gehört zu der Grundausbildung von jedem Mädchen in Russland. B.- Aus welcher Stadt bist du genau?


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I.-Ich komme aus Norilsk. B.- Was ist das denn? I.- Eine Stadt in Russland, in Sibirien. B.- Also in Russland oder Sibirien? I.- Sibirien ist in Russland. B.- Aha. Es ist sicherlich kalt dort. I.- Ja, weißt du, das macht Russland so aus. Es ist immer und überall kalt dort. So bis zu -60° Celsius kann’s schon werden. Wenn wir spucken, kommt ein Eisbrocken wieder am Boden an. Der Winter dauert bei uns ca. zehn Monate. Die restlichen zwei regnet es und die maximale Temperatur geht nicht über 10° Celsius hinaus. Wir sehen wirklich sehr selten das Tageslicht, denn in der Winterzeit geht die Sonne nicht auf. In den Sommermonaten dafür nicht unter. Ist ja auch am Polarkreis.


DATE B.- Was? Ihr habt doch Eisbären dort? Hast du schon einen gesehen? I.- Natürlich! Die laufen öfters bei uns auf der Straße herum. Einige meiner Freunde hatten kleine Bären geschenkt bekommen und haben sie dann dressiert. Eisbären sind also für unsere Region typische Haustiere. Sie sind viel besser als Wachhunde. B.- Nicht schlecht. Aber wie überlebt man dort, wenn es doch so kalt ist? I.- Um das eigene Abwehrsystem zu stärken, essen wir viel tierisches Fett. Nach Möglichkeit roh und frisch. Fleisch gib es aber nur dann, wenn der Vater eine erfolgreiche Jagd hatte. Und um nicht zu erfrieren trinken wir. B.- Dann ist das Leben hier der pure Luxus für dich? I.- Oh ja, ich hatte bis ich 15 Jahre alt war, nichts als Tundra, Schnee und Rentiere gesehen. Licht hatten


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wir nur zwei Stunden am Tag. Fließendes Wasser gab es nur in Träumen. Nicht nur das, wir wurden zudem auch sehr streng erzogen. Mein Platz, den ich als Frau zugewiesen bekam, war in der Küche. Ich wurde verpflichtet das Haus in Ordnung zu halten, die Kinder gut zu erziehen und meinen Mann in aller Hinsicht zufrieden zu stellen. B.- Und der Mann? I.- Er kann machen, was immer er möchte. Sein Wort war mir Befehl. Und wenn ich meinen Gesprächspartner genügend verwirrt habe erzähle ich ihm letzlich die Wahrheit.


VERBINDUNG MIT DER HEIMAT Eine erstaunliche Sache! Fast alle Russen, die in Deutschland leben, haben russisches Fernsehen zuhause, mindestens 267 Sender. Es wird eine Unmenge an Geld bezahlt, nur um sich wie „daheim“ zu fühlen. Es ist recht einfach einen russischen Haushalt von der Straße aus zu erkennen, denn um schimpfende, mit Luxus protzende, volloperierte Landsleute zu empfangen, benötigt man zwei Parabolantennen. Deshalb sieht man auch in einigen Stadteilen vor lauter Schüsseln nicht einmal die sorgfältig von der Stadt ausgesuchte Hausfarbe. Und auch in dieser Disziplin heißt es: „Wer die Größte hat, ist der King!“ Seltsamerweise werden die Geräte nie bei der GEZ angemeldet. Man erzählt beispielsweise, dass die runden, glänzenden Teile in unserer Kultur zum Schutz vor bösen Geistern gebraucht werden oder einfach nur zur Dekoration.


GEWOHNHEIT Nach der Auflösung der UdSSR strömten plötzlich solche Leckereien, wie Ketchup und Cola ins Land. Die Menschen strömten in die Geschäfte, als gebe es kein Morgen mehr. Vor dieser neuen Zeit gab es zwar genügend Geld, aber keine Möglichkeit es auszugeben. Die Theken in den Geschäften waren überwiegend leer und für die Produkte, die vorhanden waren, gab es eine bestimmte Anzahl pro Kopf, sodass jeder Bürger den gleichen Vorrat hatte. Nur die ganz hohen Tiere konnten sich ein Parfüm aus Frankreich oder ein Kleid aus der Tschechoslowakei oder leckere Konfitüre aus Deutschland leisten. Die Gewohnheiten des verrückten Einkaufsverhaltens sind auch mit nach Deutschland rüber gewandert. Die Angst, dass es die Produckte nur in überschaubarer Menge gibt und genau dann, wenn man an der Reihe mit einkaufen ist, ausgehen, ist fest in den Köpfen

In der Zeit der Sowjetunion waren die Namen der Shops in allen Städten gleich und einfach: „Brot“, „Milch“, „Fleisch“, „Fisch“.


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verankert. Somit wird bei jedem Sonderangebot zugeschlagen und mit doppelter Ausführung als es der liebe Kühlschrank aushalten kann eingekauft. Also werden die Tische bei den Russen nie leer sein.

In solchen Geschäften hat man statt Wechselgeld eine Schachtel Streichhölzer bekommen, weil die Verkäuferin gerade nichts anderes parat hatte.


EIN MAL IM LADEN Das Sparprogramm der Juden kennt einfach keine Grenzen. Ein Vergn端gen sie beim Einkaufen zu beobachten. Vor allem wenn sie glauben, es w端rde sie keiner verstehen. Es war nicht so lange her in einem Kaufhaus, da unterhielten sich mittels Geschrei zwei nicht mehr sehr junge j端dische Freundinnen auf Russisch. -Rosa, tr辰gst du eigentlich Tennissocken?- fragt ein Kollos die Freundin, die sich am anderen Ende des Ladens, in etwa 150 Meter Entfernung, befand. -Wie viel?- orgelt die zweite. -Einen Euro das Paar. -Ja, tue ich.


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Es wurden an diesem Tag so viele Socken verkauft, wie in einer Woche zusammen. Denn die Verwandtschaft freut sich sicher 端ber deutsche Socken zur Chanukka.


JEDER BLEIBT BEI SEINER KRIPPE Wissen Sie, obwohl wir in Europa nach einem anderen, besseren Leben streben, versuchen wir trotzdem unter uns zu bleiben. Man trifft wirklich selten gemischte Paare. Russen heiraten für gewöhnlich Russen. Kaukasen eben die Kaukasen. Und Juden, wie soll’s anders sein, die Juden. Wenngleich man mit der Sendung, „Traumfrau gesucht“, eine recht wage Theorie aufkommen ließ, dass sich alle russischen Frauen um einen deutschen Mann bemühen. Das gilt jedoch nicht für Spätaussiedler. Lediglich der Reichtum eines deutschen Mannes hat so seine Vorzüge. Dieses Anwerben spielt sich jedoch auf einer anderen Ebene ab. Es beginnt bereits beim ersten Date. Niemals lässt ein Ostblockmann die Frau bezahlen. Für Kaukasen ist es sogar eine Beleidigung. Selbst Juden, die für ihren Geiz bekannt sind, verabschieden sich letztlich vom Geld, um die Rechnung für beide zu zahlen. Auch wenn das nur ungern und mit einer Für eine glamouröse Frau ist das Köpfchen sehr wichtig... für das Make-up! (Aphorismus)


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Totenstille passiert. Auf die Frage, ob eben diese getrennt verrechnet werden soll, reagieren die Russen mit leichter Aggressivität, indem sie sich wie King Kong auf die Brust schlagen und schreien: „Ich bin ein Mann, also zahle ich!“ Ein Ostblockmann wird Sie niemals ins Kino einladen und den restlichen Abend dann damit verbringen auf eine Gegenleistung für das von ihm bezahlte Popcorn zu warten. Er wird Sie auch nicht in ein Museum ausführen und anschließend bei recht frischen Temperaturen einen Picknick mit „McDonalds-Burgern“ veranstalten, bloß weil das Bafög nicht für einen Restaurantbesuch ausreicht. Nein, ein russischer Mann legt ihnen die Welt zu Füßen. Schenkt Ihnen riesige Blumensträuße. Entführt Sie in andere Länder, nur um Sie die Spezialitäten probieren zu lassen. Leider verpufft sein romantischer Tatendrang, nachdem er verspürt, dass er Sie am Hacken hat.


JEDER BLEIBT BEI SEINER KRIPPE Falls aber ein deutscher Mann Interesse an einer Russin hat, hier ein paar Tipps: Blumen werden das Herz der Dame zum Schmelzen bringen. Hierbei ist es wichtig die richtige Farbe zu treffen. Bei jeder Gattung variiert diese. Sie d端rfen auf keinen Fall eine gerade Anzahl an Blumen schenken. In russischer Tradition bringt man nur den Toten zwei Blumen! Nelken sind keine Grabblumen, sondern das Symbol der Revolution. Wenn es mit den Blumen zu kompliziert ist, tut es auch eine Schachtel Pralinen. Die ersten Rechnungen immer 端bernehmen. Die weiteren auch. Niemals 端ber die eigene Lebenssituation jammern, z.B. dass man pleite oder arbeitslos ist.


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Daf端r sorgen, dass sie gut nach Hause kommt oder wenigstens nachfragen, wie dies geschehen soll.


UNTERSCHIEDE Für alle, die kein Radar zur Unterscheidung der genauen Herkunft haben, hier ein Paar einfache Merkmale der Aussiedler (hier Russen genannt): Eine russische Frau kann zwar ohne Make-up oder Wimperntusche aus dem Haus gehen, aber nie ohne Lippenstift! Wenn sie eine Dame sehen, die vollgestylt den Müll rausbringt oder die Post holt, ist es eine Russin. Russische Frauen über 40 tragen einen Kurzhaarschnitt. Alle über 50 färben ihre Haare rot. Alle Russinnen tragen russisches Gold (Rotgold) und davon so viel wie nur möglich. Wenn kein Schmuck getragen wird, dann aber wieder Lippenstift!


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Schuhe mit hohem Absatz gegen zwei Uhr mittags beim Einkaufen, dann ist es eine Russin. Nur russische Mädchen tragen geflochtene Hochsteckfrisuren mit riesigen glitzernden Haarspangen. Russische Männer bevorzugen einen offenen Brustbereich mit der obligatorischen Goldkette. Der angesagte Mixstil offenbart sich, indem der russische Mann entweder den Jogginganzug mit feinen Schuhen kombiniert oder aber umgekehrt zum feinen Anzug Schlappen trägt. Russische Geschäftsmänner tragen gerne Schirmmützen in einer Sachgesamtheit mit Männerhandtaschen.


UNTERSCHIEDE Im Urlaub am Meer: Nur russische Frauen liegen mit Abendmakeup, einer 350 Euro teuren Frisur und High Heels am Strand. Nur russische Männer essen unglaubliche Mengen vom Buffet, als hätten sie noch nie einen Happen im Munde gehabt. Läuft Ihnen ein ungleiches Paar entgegen, wo der Mann etwas hübscher ist als ein Affe, die Frau dagegen bildschön wie ein Supermodel, dann sind das Russen. Was aber beide Geschlechter gemeinsam haben könnten, ist ein etwas anderes Kapital, welches sie mit Freude im Munde tragen. Man investiert mit Bedacht in Edelmetalle, die in Form von Zähnen stolz dem Gesprächspartner präsentiert werden.


FEIERN

ZU HAUSE Was Sie längst über Russen wissen, ist die Tatsache, dass sie sehr gastfreundlich sind. Das wird uns bereits im Kindesalter eingetrichtert: „Du musst deinem Gast dein letztes Hemd geben, wenn er friert und dein letztes Stück Brot, wenn er hungrig ist“. ist“ Hier sind ein Paar Besonderheiten, bei denen Sie sich nicht wundern sollten: Beim Eintritt in den russischen Haushalt werden Sie drauf hingewiesen die Schuhe auszuziehen. Das haben die Japaner übrigens bei uns abgeguckt. Aber keine Angst es werden freundlicherweise Hausschuhe angeboten, die mit belustigenden Namen aus verschiedenen Hotels verziert sind. Man könnte diese sogar für ein Spiel verwenden: „Rate-in-welchem-Land-ich-Urlaub-hatte“ „Rate-in-welchem-Land-ich-Urlaub-hatte“. Auch wenn Sie zu einer Tasse Kaffee eingeladen wurden, finden sie jegliche Speisen des zweiten und des Zwischengangs sowie Softgetränke und Spirituosen auf dem Tisch vor. Der erste und der


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dritte Gang werden separat angeboten. Hat man einen leeren Teller vor sich, so darf man sich frei so viel man möchte vom Tisch bedienen. Immer aufessen, sonst verärgert man die Köchin, oder den Koch und bekommt ein lebenslanges Hausverbot, bis zur nächsten Feier. Alle 20 Fleischspeisen, 30 Salate und 50 Beilagen müssen probiert und bestaunt werden. Der Salat ist für einen Russen nicht die solch von Ihnen geliebte Rucola, sondern ein mit etwa zwei Liter Mayonnaise präpariertes Gemüse-Fleisch-Gemisch. Ohne einen Trinkspruch darf nicht getrunken werden. Also bereiten Sie sich auf lange Reden und kurze Essenszeiten vor. Derjenige, der gerade spricht, muss aufstehen, somit ist das Fitnessprogramm abgedeckt. Das Pflichtprogramm ist Lieder singen und alte peinliche Geschichten erzählen.


FEIERN

ZU HAUSE Zum Abschied wird Ihnen noch ein Kurzer angeboten. Dieser heißt: „na pasaschok“ pasaschok“. Spätestens dann verstehen Sie, dass Sie nicht nach hause laufen, sondern rollen werden. So als Tipp: Wenn Sie eine Gefahr von einem der Geste verspüren sollten, trinken Sie einfach mit ihm auf Bruderschaft und die Freundschaft ist Ihnen garantiert.

Vodka ist ein Schmiermittel zwischen Ihnen und der Welt. (Oksana Akinshina)


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FEIERN PARTY

Die Feierlaune der Russen Ist wahrlich sehr berühmt. Was mich immer zum Schmunzeln bringt, sind die ständigen Vergleiche von osteuropäischen Partys in den kognitiven Sendungen wie z.B. „Taff“. Man vergleicht eine Russenparty mit der polnischen oder kroatischen und es geht immer unentschieden aus. Das könnte natürlich daran liegen, dass wir nun mal alle zum Ostblock gehören und sich die Feierlichkeiten daher ähneln. Vergleicht man diese allerdings mit einer der deutschen, sind die Unterschiede sofort sichtbar. In einem deutschen Club finden Sie keine Frau, die, um sich ein wenig interessanter zu machen, ein Buch liest. Es werden auch keine sinnlosen und protzigen Spiele gespielt wie: „Wer-macht-meistenvollen-Champagnergläser-kaputt?“. Auf einer vollen-Champagnergläser-kaputt?“ russischen Party ist es dagegen ein recht beliebter Zeitvertreib. Ebenfalls wird nicht unappetitlich


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gestrippt, bloß um ein meterlanges Kreuz oder einen Davidstern auf einer oft zu sehr behaarten Brust zu präsentieren. Gewiss werden auch keine 180 Euro teueren Wodkaflaschen auf den Boden gekippt, um die Meere zu ehren und auch kein Kaviar als Beschussmonition für paarungswillige Weibchen benutzt. Es werden keine Augenweiden in kurzen Cocktailkleidern und 80cm hohen Absätzen vorbei schwingen. Es werden keine überteuerten, halbtoten Rosen verschenkt, nur weil man es sich leisten kann. Auch wird es dort keine Schlägerei geben, um am Ende des Abends mit allen daran Beteiligten auf Bruderschaft zu trinken und sich lieb zu haben. Grundsätzlich wird auf einer russischen Party niemals getrennt (und erst recht nicht von einer Frau!) bezahlt.


FEIERN

FAMILIENFEIER Die traditionelle Familienfeier geht noch einen Level höher in der Unterhaltungsskala. Wie das alte russische Sprichwort besagt: „Eine Hochzeit ohne eine Schlägerei ist keine gelungene Hochzeit!“. Es ist wahr! Für uns Russen machen Feiern ohne Skandale einfach keinen Spaß. Die „Babuschkas“ brauchen ja neuen Stoff für Klatsch um die Zeit bis zur nächsten Hochzeit auszufüllen. So sitzen sie bei Wind und Wetter, noch nach der alten Sowjetgewohnheit, mit Freundinnen im Hof beim gemütlichen knabbern von Sonnenblumenkernen und tauschen die letzten Sensationen aus. Und sie lassen auch wirklich nichts aus! Jede Sekunde der vergangenen Feier wird mit einer deutschen, peinlich genauen Gründlichkeit analysiert. Als Singlefrau, Mitte 20 komme ich natürlich jedes Mal unter Beschuss. Ja, zu Pre-Millenniumzeiten war es in Russland normal mit 20 verheiratet zu sein und mit 21 fünf Kinder zu haben. Nun sind wir aber in Europa und zwar einige Jahre später. Selbst


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in Usbekistan sind die Frauen emanzipierter und karriereorientierter geworden. Nach der Auflösung der Roten Union boten sich den Menschen-nicht zuletzt auch den Frauen- viele Möglichkeiten zur freien individuellen Entfaltung . Daher gleicht die heutige europäische Lebensplanung gewiss nicht jener der ehemaligen UdSSRler. Viele der Auswanderer leben allerdings immer noch nach den alten Vorstellungen. So bin ich zu einem Nichtsnutz und einer absoluten Ausnahme in meinem Klan geworden. Auf jedem Familientreffen werde ich gefragt, wann es denn endlich soweit ist? Wann wäre ich auch eine Braut? Ich habe natürlich nichts besseres, als „Hoffentlich bald“, zu antworten, worauf ein Kopfschütteln und ein bestürztes: „Was stimmt bloß nicht mit diesem Mädchen?“ folgt. Und da ich das einzige, einigermaßen hübsche, noch von niemandem okkupiertes Stück Singlefleisch bin, gibt es auf jedem Fest einen Freund von einem Freund von


FEIERN

FAMILIENFEIER einem Cousin 10. Grades von der Schwester meiner Tante, der glaubt, dass sein Sohn perfekt für mich wäre. Doch zunächst soll er mich auf Brust und Arsch prüfen. Also spricht er mich schüchtern, mit 3,4 Promille intus, mithilfe eines perversen Witzes, an. Dabei wird, als absolut notwendiges Begleitprogramm, wild mit den Händen herumgefuchtelt. Der Wein, der sich zu dieser Zeit in meiner Hand befindet, sollte nämlich virtuos auf mein Kleid, bestenfalls im Brustbereich, gekippt werden. Betatschen meiner Körperkonvexitäten ist ja erlaubt, solange man das, als einen Versuch den Stoff zu trocknen, deuten kann. Weiter im Plan gibt es stets einen Konkurrenten, der solch ein unangebrachtes Verhalten nicht dulden kann. Es folgen nette Drohungen und eine Bitte ihn freundlicherweise nach draußen zu begleiten. So ist ein neuer Skandal entstanden. Die Überbrückungszeit zur nächsten Feier ist gefüllt. Alle sind glücklich und zufrieden. Alle, außer mir,


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denn ich wurde schon wieder als Unruhestifterin abgestempelt. Zum Glückt bin ich das nicht immer. Als Auslöser einer mittleren Katastrophe kann sogar die Gefräßigkeit des Tischnachbars werden. Aber am nächsten Tag wird sich bei einander entschuldigt und feuchtfröhlich über die Nichtanwesenden getuschelt.


FEIERN

FEIERTAGE Feiertage, oh, die gib es in Russland zu genüge. Schon allein die klassischen Sommerferien dauern ganze drei Monate. Der zweitwichtigste Feiertag, nach dem eigenem Geburtstag, ist Silvester. Das ist wie Weihnachten und Fasching zusammen. Die Kinder verkleiden sich als alles Mögliche. Das beliebteste Kostüm bei den Mädchen ist „die Schneeflocke“, bei den Jungs, „der Pirat“. Es wird um eine prachtvoll geschmückte Tanne der Ringelpiez getanzt und gesungen. Väterchen Frost, der russische Santa Claus, der mit einem Sack voller Geschenke zu guten Kindern eilt, wird sehnsüchtig erwartet. Er war mir übrigens schon immer suspekt. Denn er lebt ganz weit im Norden in einem dunklen Wald zusammen mit seiner Enkelin namens „Snegurotschka“. Wer ihre Eltern sind und wo sie sich jetzt aufhalten, wurde nie in der Öffentlichkeit angesprochen. Da wir einen deutschen Ursprung haben, sind wir katholisch und nicht russisch-orthodox. Somit In Russland schmückt man die Tanne nicht zur Weihnachtszeit , sondern zum Silvester.


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feiern wir immer zwei Mal Weihnachten. Einmal im Dezember das deutsche Fest und einmal im Januar, nach dem russisch-orthodoxen Glauben. Doppeltes Fest, doppelte Geschenke. Diese Tradition wird auch hier in Deutschland fortgeführt. Davon abgesehen, wenn man dem russischen Feiertagskalender Glauben schenkt, so ist jeder Tag ein Feiertag. Demnach gibt es täglich einen guten Grund, um sich die Kehle anzufeuchten.

Geburtstage zu feiern ist eine angenehme Sache, aber in einer großen Menge ist sie tödlich. (Aphorismus)


FEIERN

FEIERTAGE JANUAR 01-05

Silvester

7.

Orthodoxe Weihnachten

13 bis 14

Das Alte Neue Jahr

25.

Tatiana Tag - Student Urlaub

FEBRUAR 14. 23.

Valentinstag. Valentinstag Tag der Verteidiger des Vaterlandes

2. Sonntag

Tag der Aeroflot

Mร„RZ 1.

Welttag der Zivildefensive

8.

Internationaler Frauentag

2. Sonntag

Tag der Vermessung und Kartierung

17.

St. Patrick 's Day

3. Sonntag

Tag der Versorgungs-und

27.

Internationaler Theatertag

รถffentliche Dienstleistungen


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APRIL 1.

Tag des Scherzes

1. Sonntag

Tag der Geologe

12.

Tag der Raumfahrt

2. Sonntag

Tag der Flugabwehr

3. Sonntag

Tag der Wissenschaft

JUNI 1.

Internationaler Kindertag

8.

Tag der Sozialarbeiter

12.

Tag Russlands (Tag der Erklärung der staatlichen Souveränität der Russischen Föderation) *

1. Sonntag

Tag der Verbesserer

2. Sonntag

Tag der Leichtindustrie

3. Sonntag

Tag des Mediziners

Letzter Sonntag

Tag der Jugend

Letzter Samstag

Tag der Erfinder und


FEIERN FEIERTAGE Innovatoren

JULI 1. Sonntag

Tag des Meeres-und Binnenschifffahrt

2. Sonntag

Tag der Fischer, Tag der russischen Post

3. Sonntag

Tag des Metallurgen

4. Sonntag

Tag der Verk채ufer

Letzter Sonntag

Tag der Milit채rsflotte

AUGUST 2.

Der Tag der Luftmilit채r

1. Sonntag

Tag der Eisenbahnmitarbeiter

2. Samstag

Tag der Athleten

2. Sonntag

Tag der Bauarbeiter

15.

Tag der Arch채ologie

3. Sonntag

Tag des Piloten

Letzter Sonntag

Tag der Bergarbeiter


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SEPTEMBER 1.

Tag des Wissens

1.

Tag der テ僕-und Gasindustrie

2.

Tag des Panzersoldaten

3. Sonntag im

Tag des Waldes

27.

Tag des Touristen

Letzter Sonntag

Tag der Maschinenbauer

OKTOBER 1.

Internationaler Tag der

2.

Internationaler Tag der Musik

1. Sonntag

Tag des Lehrers

2. Sonntag

Tag der Landwirtschaft

3. Sonntag

Tag der Lebensmittel

14.

Internationaler Tag der

テ、lteren Menschen

Normung 24.

Internationaler Tag der

Letzter Sonntag

Tag des Fahrers

Vereinten Nationen


FEIERN

FEIERTAGE 31. Oktober

Halloween (Halloween)

NOVEMBER 4.

Tag der nationalen Einheit

9.

Internationaler Tag der Qualität

10.

Tag der Polizei

16.

Tag Meeresforschung

17.

Internationaler Tag der Studenten

19.

Tag der Raketentruppen und Artillerie

21. 26.

Tag der Steuerbehörden Internationaler Tag der Information

Letzter Sonntag

Muttertag

DEZEMBER 1.

Welt-Aids-Tag

12.

Tag der Verfassung

20.

Tag der Staatssicherheit


22.

Tag Energie

25.

Katholische Weihnachten

31.

...und wieder Silvester


WAS RUSSEN SO BESONDERS MACHT * Wenn ich gefragt werde, was Russen so besonders macht, habe ich so manche Antwort parat: Wir sind diejenigen, die die schönsten Ballettstücke erschaffen, aber im Club am peinlichsten zucken. Nur bei uns kommt man im Internet immer erst auf eine Pornoseite, unbeachtlich dessen was man sucht. Wenn man alle unsere Wohnwände zusammenbaut, ergibt sich eine Mauer, die zwei Mal länger ist, als die Chinesische. Wir sind für Frieden in der Welt und für Sex beim ersten Date. Nur wir kennen die Beschriftungen auf dem Toilettenpapier auswendig. Wir waschen unsere Autos an der gleichen Stelle, wo wir auch baden gehen.


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Nur auf unseren Straßen trifft man öfter Bären als Busse. Nur wir können alle Gesetze brechen, außer eins: Niemals eine leere Flasche auf dem Tisch stehen lassen. Wir haben bloß eine zwei sekündige Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Kurzen. Wir haben es erfunden, bis 9 Uhr morgens zu trinken, aber um 8 Uhr schon auf der Arbeit zu sein. Nur wir kommen zu einer Geburtstagsparty hungrig, aber schon angetrunken. Das war unsere Erfindung: Die Kapazität des Mülleimers mittels des Fußes zu vergrößern. Einzig russische Schüler können viel mehr über die Türkei und Ägypten erzählen, als Geografielehrer. Nur bei uns enden die Hochzeiten wie die Schlacht


WAS RUSSEN SO BESONDERS MACHT von Kulikov. Das sind russische Frauen: Die, die mit den Ohren lieben und mit den Pfannen hassen. Wir haben es erfunden einen Teebeutel dreifach zu benutzen. Nur unsere Aufzüge dienen zusätzlich als Toiletten. Nur wir kaufen Wodka, wenn wir fischen gehen und Fisch wenn wir vom Fischen zurück kommen. Unser Mendeleev hat sowohl das Periodensystem wie auch den Wodka erfunden, damit wegen dem Ersteren die Kinder und wegen dem Zweiteren die Erwachsene leiden. Nur wir rufen ganz laut „gor’ko“, was übersetzt „bitter“ bedeutet, um dem Brautpaar das süße Liebesleben zu wünschen. Nur in unseren Bahnhöfen kann man ein Diplom


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kaufen. Nur wir bewahren für besondere Anlässe die Handtücher und Bademäntel aus den türkischen Hotels auf. Nur in unserem Land kann man einen Hollywoodfilm bereits vor seiner Premiere schauen. Wir haben die Wasserstoffbombe, das Auto „Lada“ und viele andere schreckliche Dinge erfunden.

* Quelle: TV Show „Наша Russia“, Übersetzung Inga Sevastianova.


ALTE HEIMAT Viele meiner Landsleute waren nach der Umsiedlung kein einziges Mal wieder in der alten Heimat. Dazu gibt es genügend Gründe. Manche von ihnen haben Nichts und Niemanden mehr, zu dem sie zurückkehren könnten. Auch möchten viele keine Enttäuschung erleben und den hellen Erinnerungen die Heiligkeit lassen und manche wollen einfach nicht in die Vergangenheit blicken. Aber es gibt auch jene, die gerne wieder zu den Plätzen ihrer Jugend wiederkehren. Sie verspüren große Sehnsucht! Und dann fahren sie zum Heimatdorf zurück. Und sie sehen die Halbruinen einst prächtiger Schönheit. Und sie atmen die Luft ein, die jährlich gnadenlos verpestet wird. Und sie bekommen die Trostlosigkeit des Daseins mit. Und sie erinnern sich gerne wieder daran, dass sie eigentlich Deutsche sind. Und trotz allem wird mit großer Freude sofort die nächste Reise nach Russland geplant. Man brennt regelrecht darauf, sich wieder auf


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russischem Grund und Boden zu befinden. Es macht einen glücklich, dass überall wo man hinschaut, kyrillische Schrift zu sehen ist. Ja, sogar das berühmte gelbe M hat einen russischen Schriftzug darunter. Die süßen Schimpfwörter der Verkehrsteilnehmer hätscheln das Ohr, wenn man als Fußgänger bei Grün die Straße zu überqueren gewagt hat. Der farbenfrohe Müll, vermischt mit flauschigem Schmutz der schlechtgemachten Straße, streichelt die neuen Schuhe. Ein Ensemble aus Abgasen, Essensgerüchen und Obdachlosigkeit kitzeln liebevoll die zarte europäisch gewordene Nase. In diesen Momenten ist sogar der größte Patriot bereit sich als Deutscher zu bekennen. Man hat sich einfach verändert. Die rauen Sitten, die früher normal schienen, kommen einem nun etwas plump und fremd vor. Man hat sich mittlerweile an ein etwas bequemeres Leben gewöhnt, gewiss auch an Freundlichkeit und


ALTE HEIMAT Ordnung und setzt daher die Prioritäten neu. Doch nichts desto trotz lieben wir alle unser Mütterchen Russland. Jeder von uns träumt immer mal wieder von der Straße, auf der man früher täglich zur Schule ging und dabei vielleicht der ersten Liebe hinterher dackelte. Man denkt an bestimmte Plätze, an denen man sich mit den Freunden getroffen hat, um wieder irgendein Unsinn zu planen oder den Geruch von frischgebackenem Brot aus der Nachbarsbäckerei wieder zu entdecken. Wie besonders das Licht durch die Herbstblätter auf den Asphalt fiel. Man träumt auch von den Geräuschen, die man macht wenn man durch den Schnee läuft. Das alles kann man nicht vergessen und schon gar nicht aufhören es zu lieben. Obwohl wir keine „richtigen Russen“ mehr sind, sind wir auch noch bislang keine „richtigen Deutschen“. Wir sind die „graue Zone“, zwischen zwei Welten, zwei Ländern. Unverstanden und heimatlos.


IMPRESSUM

„Wodka in Lederhose, oder Überlebenstipps der Spätaussiedler“, 2012 Gedrucht und gebunden von Indexdigital.Aus fremden Werken wörtlich oder sinngemäß übernommenen Gedanken sind unter Angabe der Quellen gekennzeichnet. Konzeption , Gestaltung, Texte, Illustrationen und Übersetzung Inga Sevastianova ©Inga Sevastianova Alle Rechte vorbehalten Ingasevastianova@yahoo.de



Wodka in Lederhose