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D THE LOOK OF SILENCE Blick in den Abgrund D IMAGINE WAKING UP TOMORROW AND ALL MUSIC HAS ­DISAPPEARED Hu Ha! Bumm Bumm! D TURBO KID Für Filmnerds und Nostalgiker D A PERFECT DAY Seile suchen in Bosnien D HOCKNEY Innere Unabhängigkeit und feiner Humor D LANDRAUB Globale Akquise D DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER Biopic eines echten Vorbilds D THE TRIBE Neue und erschreckende Bilder D HORSE MONEY Wie aus Steinen ­geschlagen D TRUE LOVE WAYS Käfer, iPhone und Snuff D WOCHENENDEN IN DER NORMANDIE Leben in Ausschnitten D IM SOMMER WOHNT ER UNTEN Rumhänger unter Druck D THE PROGRAM – UM JEDEN PREIS Gut geöltes Räderwerk

MAGAZIN DER UNABHÄNGIGEN BERLINER LICHTSPIELHÄUSER

D 19 D OKTOBER 2015

indiekinoBERL

THE LOOK OF SILENCE. START AM 1.10.2015


Filmgalerie 451 präsentiert

Die Christoph-Schlingensief-DVD-Edition

Neu ab 23. Oktober! AL NO INTE RNATION KI IM 15 20 ief ER B AM 28. OKTO ristoph Schlingens Ch n vo ag st rt bu Ge . Wir feiern den 55 rke r Meisterwe Doppelscreening de S DE UTSC HE DA d un EG OM AN IA SA KE R und KETTEN SÄ GE NM AS h Schlingensiefs Material aus Christop TO W ER S. TH E AF RI CA N TW IN des Operndorfs Afr

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Foto: © David Baltzer

Eintritt zugunsten

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DIE INDIEKINOS D ACUD KINO D B-WARE!LADENKINO D BALI KINO D ­ BUNDES­PLATZ KINO D CITY KINO WEDDING D EISZEIT KINO D EVA-LICHTSPIELE D FILMKUNST66 D FILMRAUSCHPALAST D FSK-KINO AM ORANIENPLATZ D HACKESCHE HÖFE KINO D IL KINO D SPUTNIK KINO AM SÜDSTERN D TILSITER ­ LICHTSPIELE D UNION FILMTHEATER D XENON KINO D ZUKUNFT D FLK FRIEDRICHSHAGEN D FLK HASENHEIDE D FLK INSEL D FLK POMPEJI D FLK „UMSONST & DRAUSSEN“ IM FILMRAUSCHPALAST D OPEN AIR KINO IM FMP1

EDITORIAL Der Oktober im INDIEKINO ist radikal. Thomas Groh schreibt in unserem ersten Feature über den Ausnahmedokumentarfilmer Joshua Oppenheimer. In seinem verstörenden Dokumentarfilm THE ACT OF KILLING, der 2013 ins Kino kam, gab Oppenheimer den Tätern, die in Indonesien Anfang der 60er Jahre Massaker an Hunderttausenden von „Kommunisten“ verübten, die Gelegenheit ihre Taten lautstark als Spielfilmszenen zu re-inszenieren. Im Komplementärfilm THE LOOK OF SILENCE, der nun ins Kino kommt, widmet sich Oppenheimer den Opfern und zeigt das gesellschaftsübergreifende Schweigen, das sich ausbreitet, sobald es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Ein nicht nur filmisch mutiger Film: Oppenheimer kann Indonesien nur noch unter Lebensgefahr betreten. Der Film IMAGINE WAKING UP TOMORROW UND ALL MUSIC HAS ­DISAPPEARED beobachtet den Ex-Popstar und Künstler Bill Drummond, der einst seine Einnahmen aus der Musikproduktion seiner Band The KLF öffentlich verbrannte, dabei, wie er Formen von Musik entwirft, die so tun als gäbe es kein musikalisches Gedächtnis, keine Geschichte der Musik und keine Archive. Drummond bringt Fabrikarbeiter, Nonnen, Seniorinnen, Leute, die überzeugt sind, nicht singen zu können und nicht zuletzt die Zuschauer zum Summen, Trällern und Rufen. HORSE MONEY von Avantgarde-Filmemacher Pedro Costa durchbricht die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation, Realismus und Traumgebilden. In fantasmatischen Bildern beschwört Costa Geschichten und Weggefährten aus dem Leben seiner zwei Protagonisten, Ventura und Vitalina, die beide von den Kapverden in das ehemalige koloniale Mutterland Portugal emigriert sind. DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER von Lars Kraume bietet dagegen sehr solides Erzählkino mit einem großartigen Burghart Klaußner in der Hauptrolle. Klaußner gibt den knurrigen, ständig vor sich hin paffenden Generalstaatsanwalt

04 MAGAZIN 06 BLICK IN DEN ABGRUND: THE LOOK OF SILENCE 10 HU HA! BUMM BUMM!: IMAGINE WAKING UP TOMORROW AND ALL MUSIC HAS DISAPPEARED 20 WIE AUS STEINEN GESCHLAGEN: HORSE MONEY 30 KINDERFILME 32 KINOHIGHLIGHTS 38 KINOADRESSEN, IMPRESSUM ABONNEMENT 39 NACHBILD

Bauer, der gegen alle Widerstände die Verfolgung von NS-Tätern im Nachkriegsdeutschland der 50er- und 60er Jahre durchsetzte, einen der wenigen echten Helden, die die deutsche Geschichte zu bieten hat. Viel Spaß beim Lesen und viel Spaß im Kino, Ihre/Eure INDIEKINO BERLIN Redaktion

NEU IM OKTOBER 26 18 27 16 26 26 17 12 26 20 25 10 27 14 25 6 13

Al Wadi – The Valley Arbeit macht das Leben süß, Faulheit stärkt die Glieder Black Mass Cut Snake Familienfest Guidelines – La marche à suivre Hip Hop-Eration Hockney Homesick Horse Money Im Sommer wohnt er unten Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared Kleine Ziege, sturer Bock Landraub Der letzte Wolf The Look of Silence Mediterranea

24 12 16 22 17 23 23 14 18 15 19 19 13 24 22

Nicht schon wieder Rudi! A Perfect Day Piccola Patria – Small Homeland Picknick mit Bären The Program – Um jeden Preis A Royal Night – Ein königliches Vergnügen Scultura – Hand. Werk. Kunst. Der serbische Anwalt – Verteidige das Unfassbare! Sicario Der Staat gegen Fritz Bauer The Tribe True Love Ways Turbo Kid Unser letzter Sommer Wochenenden in der Normandie

28 WEITER IM KINO Magie der Moore How to Change the World 45 Years OKTOBER 2015 D

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INDIEMAGAZIN

Singh is Bling

BOLLYWOOD CORNER

Das City Kino Wedding freut sich über eine neue Kooperation: Ab sofort werden die Bollywood-Fans der „Bollywood Corner“ regelmäßig indisches Blockbusterkino im Wedding auf die Leinwand bringen. Den Start macht am 7.10. um 20 Uhr die Action-Komödie-Romanze SINGH IS BLING (R: Prabu Deva), die Fortsetzung von SINGH IS KING, in der Tunichtgut Raftaar Singh, Augapfel seiner Mutter und größtes Ärgernis seines Vaters, in Goa lernen soll, Verantwortung zu übernehmen. Am 27. 10. um 20 Uhr läuft dann die Romantic Comedy SHAANDAAR (R: Vikas Bahl), in der sich der auf „Destination Weddings“ spezialisierte Hochzeitsplaner Jagjinder Joginder in die jüngste Tochter seines Auftraggebers verliebt. www.bollywood-corner.de

LICHTSPIELE FESTIVAL Bereits zum dritten Mal organisiert der Verein Lichtspiele das gleichnamige Kurzfilmfestival für Schülerinnen und Schüler. Dieses Jahr ist es im City Kino Wedding zu Gast. Gezeigt werden am 10.10. ab 11.30 Uhr ausschließlich Produktionen von den Jugendlichen selbst und zwar in den Kategorien „Unter 16 Jahre“ und „Über 16 Jahre“. In beiden Kategorien gibt es Preise zu gewinnen, die eine Fachjury verteilt. Außerdem bietet der Tag für Jugendliche und ihre Familien Informationen zu den Ursprüngen des Films und zum Spektrum der Filmberufe. lichtspiele-festival.de

SOCIETY IM FILMRAUSCHPALAST

Konzert – Performance – Film: Am 24.10. um 20 Uhr performt die finnische Dark Elektro Band Crystal Clears im Filmrauschpalast Musik und Sounds zum Film SOCIETY von Henrik Heselius (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Splatterfilm von Brian Yuzna), einer atmosphärischen Endzeit-Meditation über drei unterschiedliche Typen – den Wanderer, den Sammler und den Träumer - die versuchen nach der großen Katastrophe auf ihre je eigene Art zu überleben. www.dekristallklara.com D4

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INDIEMAGAZIN

BERLIN FILMSOCIETY: CHERRY PICKS Auf Deutsch würde das neue Programm der Berlin Film Society vielleicht „Rosinen aus dem Kuchen“ heißen. Mit „Cherry Picks“ präsentiert der Club von Filmenthusiasten ab sofort einmal im Monat im Il Kino ausgewählte Kurzfilme in gediegenem Rahmen: Um 19 Uhr gibt es Drinks, um 20 Uhr dann eine Einführung und die Filme, ab 21.30 Uhr mehr Drinks und Musik. Die nächste Session findet am 21. Oktober statt. www.berlinfilmsociety.com

PORYES AWARD Am 17.10. um 20 Uhr wird in den Hackesche Höfe Kinos der Feministische Pornfilmpreis Europa, der „PorYes Award“ verliehen, mit dem die Initiatorinnen bereits seit 2009 „hochwertige Erotikfilme, die vielfältige sexuelle Ausdrucksweisen weiblicher Lust zeigen und in denen Frauen bei der Filmproduktion maßgeblich beteiligt sind“ auszeichnen. Durch den Abend führen die Filmemacherin Ula Stöckl, Sexpertin Laura Merritt und Janina Rook, Reporterin bei ARTE, Moderatorin und Produzentin der feministischen Webshow HERE SHE IS. Um die Preisverleihung herum gruppieren sich eine Party in den Sophiensälen, eine Paneldiskussion und ein Pornstar Talk. www.poryes.de Nominiert für den PorYesAward 2015: Buck Angel

Phantom Lady

FROM STATION TO S ­ TATION: DIE GESCHICHTE DER DEUTSCHEN ­BAHNHOFSKINOS Das „Bali“ des Bali Kinos in Zehlendorf ist eigentlich eine Abkürzung für: Bahnhoflichtspiele. Sehr passend also, dass dort am 17.10. um 18 Uhr in Anwesenheit des Filmteams die Dokumentation FROM STATION TO STATION - DIE GESCHICHTE DER DEUTSCHEN BAHNHOFSKINOS gezeigt wird, die einen Einblick in die Geschichte dieser viel geliebten Schmuddelkinder des deutschen Kinos gibt.

VERLOSUNG: MEISTERWERKE DER SCHWARZEN SERIE – 10 KLASSIKER DES FILM NOIR Gerade bei Koch Media erschienen, haben wir ein (1!) Box-Set von Klassikern des Film Noir abgestaubt, das manche von uns in der Redaktion lieber behalten als verlosen würden, aber die Entscheidung ist nun mal gefallen. Drei Filme von Robert Siodmak: die hinreißende Hemingway-Verfilmung THE KILLERS (DIE KILLER) mit Burt Lancaster und Ava Gardner, seine Cornell Woolrich-Verfilmung PHANTOM LADY (ZEUGE GESUCHT) und THE SUSPECT (UNTER VERDACHT), sowie der Fritz Lang-Klassiker MINISTRY OF FEAR (MINISTERIUM DER ANGST) zeigen den Einfluss der deutschen realistischen und expressionistischen Filmtradition auf das amerikanische Genrekino. Mit Rudolph Matés D.O.A. (OPFER DER UNTERWELT), in dem ein Toter seinen Mörder sucht, ist der wohl finsterste Noir-Film überhaupt dabei, mit THE BLUE ­DAHLIA (DIE BLAUE DAHLIE, R: George Marshall) der melancholischste und romantischste. ­Manchen von uns wäre es lieber, wenn ihr nicht an dieser Verlosung teilnehmen würdet, aber wenn es unbedingt sein muss und ihr die Box haben wollt, schreibt eine Mail an info@indiekino.de, Betreff: Noir. Einsendeschluss ist der 15.10., der Rechtsweg ist ausgeschlossen. OKTOBER 2015 D

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INDIEFEATURE

THE LOOK OF SILENCE Blick in den Abgrund

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Wie sieht Schweigen aus? Vielleicht wie ein Tick, der weiterhin durchs Gesicht zuckt, wenn ein unangesprochener Konflikt rumort und die Kamera weiter ihren Dienst tut. Vielleicht wie ein lauernder, angriffslustiger Blick aus den alterstrüben Augen desjenigen, der schreckliche Verbrechen begangen hat und es auch weiterhin vorzieht, dafür nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Vielleicht wie simple Nachfragen, hinter deren Unbekümmertheit sich allerdings eine satte Drohung ans Gegenüber verbirgt, schon aus Eigeninteresse nur nicht allzu tief in der Vergangenheit zu forschen. Vielleicht aber auch wie die Tränen einer alten Frau, die sich plötzlich Bahn brechen. Oder wie die glückselige Demenz eines Alten, der sich im Delirium in eine Zeit zurückversetzt, in der das, über was nicht geredet wird, was anzusprechen zu viel an Überwindung kostet oder alte Wunden aufreißt, noch gar nicht stattgefunden hat. ­Joshua Oppenheimers Essayfilm THE LOOK OF SILENCE ist ein genau beobachtender Film über dieses Schweigen – ein sehr beredtes Schweigen, das zuweilen wie ein Abgrund hinter der Fassade des sozialen Lebens erscheint, oder wie eine Mauer, die etwas Unsagbares wegschließt. Ob nun persönlich durchlebtes Leid oder, in der Hauptsache, eine Schuld von solchem Ausmaß, dass die Verdrängungs- und Verleugnungsprozesse beinahe schon wie ein Uhrwerk greifen. Von was wäre zu sprechen? Rückblick ins Jahr 1965, Indonesien: Den bis heute nicht aufgeklärten Mord an einer Reihe ranghoher Militärs nimmt General Haji Mohamed Suharto zum Anlass, um ein brutales Massaker an tatsächlichen oder nur vermeintlichen Kommunisten im Land zu lancieren. Der Westen nimmt die Aktionen, die von massenhaften Meuchelmorden bis zu militärisch organisierten Internierungen reichen, wohlwollend zur Kenntnis. Zwischen einer halben und einer Million Menschen finden einen qualvollen Tod. Historisch, geschweige denn juristisch, wurde dieses Massenverbrechen nie befriedigend aufgearbeitet. Im Gegenteil, trotz politischer Entspannung sitzen die Verbrecher noch immer an den Schalthebeln der Macht – die besonders beherzten Mörder werden als Staatshelden gefeiert und leben zuweilen in ansehnlichem Wohlstand. Der in der heutigen historischen Forschung im Wesentlichen als Mär eingestufte Volksmythos, dass es sich bei den Morden um einen Akt der Notwehr handelte, um die Brutalitäten kommunistischer Verschwörer einzudämmen, ist zentraler Bestandteil des Schulcurriculums. Nicht auszudenken, welches psychische Leid die Betroffenen und Hinterbliebenen inmitten einer Gesellschaft der Täter ertragen müssen, welche enormen Verdrängungsleistungen dafür nötig sind.

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Blick nahm. Und wo THE ACT ein Film über das ständige Plaudern und Prahlen war, das eben doch nichts Substanzielles von sich gab, und ein Film über das Spektakel und den Exzess, so ist THE LOOK nun ein zurückgenommener Film über das Schweigen der Täter, was ihre Verantwortung betrifft, und über das bleierne Leben am Rande der Armut derjenigen, die sich damit arrangieren müssen, von den Mördern ihrer Väter, Söhne und Brüder umringt zu leben als sei nie etwas geschehen. Zwischen den Extremen beider Filme liegen ganze Welten – und doch bilden sie die Parameter dessen, was Leben im post-genozidalen Indonesien heute bedeutet. Mit seinem auf Grundlage jahrelanger Dreharbeiten vor Ort realisiertem Essayfilm THE ACT OF KILLING holte US-Regisseur Joshua Oppenheimer diese traurige Episode des an solchen nicht armen 20. Jahrhunderts im Jahr 2012 schlagartig zurück ins Gedächtnis. Der Clou seines kontroversen Films: Nicht die Opfer stehen im Mittelpunkt des Geschehens – sondern die Täter. In erstaunlicher Offenheit berichten diese von ihren Taten, die Oppenheimers Film – anders als zu erwartende Empörungsrührstücke – nicht moralisch auf leicht vermittelbare Distanz rückt, sondern sie im Gegenteil von den Tätern sogar nachspielen lässt. In Szenen, die aus dem Gangsterkino entnommen sein könnten, oder grotesk bunten Musicalsequenzen. Vielen war das zu pietätlos – andere dankten dem Regisseur für das einzigartige Psychogramm einer von Aufarbeitung und historischer Gerechtigkeit nie belangten Täterkaste, die sogar – eine Schlüsselszene des Films – im Fernsehen mit ihren Gräueltaten prahlen, während das Land sich mit den Insignien des relativen Shopping-Mall-Wohlstands des frühen 21. Jahrhunderts kleidet – eine ganz normale Nation, hinter deren Fassade die Nachwirkungen einer von brutaler Gewalt geprägten sozialen Zäsur schlummern. Die vereinzelt laut gewordenen Vorwürfe, Oppenheimer habe sich mit den Tätern gemein gemacht oder ihnen wenigstens ein Podium geboten, lassen sich freilich schon am Film selbst widerlegen – auch in den zahlreichen und lesenswerten Interviews betonte Oppenheimer, dass THE ACT OF KILLING tatsächlich im engen Kontakt zu Opfern und Hinterbliebenen entstanden sei. Dass die indonesischen Mitarbeiter im Abspann zu ihrem eigenen Schutz anonymisiert wurden, spricht Bände. Jetzt, drei Jahre später, weist sich, in welch engem Austausch Oppenheimer tatsächlich mit den Opfern stand – und warum er dieses Ausmaß bislang verschwiegen hat: In vielerlei Hinsicht ist THE LOOK OF SILENCE ein Komplementär-Film zu THE ACT OF KILLING – und das nicht nur, weil beide parallel entstanden, wobei THE ACT, als Porträt über die Täter, Oppenheimer erst das Maß an Sicherheit und Vertrauen verschaffte, das nötig war, um einen Film wie THE LOOK OF SILENCE unbemerkt und unbehelligt, gewissermaßen im Schatten des anderen Films, zu drehen. Ein Komplementärfilm ist THE LOOK auch, weil Oppenheimer hier vergleichbar radikal die Perspektive der Hinterbliebenen wählt, wie er zuvor die der Täter in den

Dänemark 2014 D 99 min D R: Joshua Oppenheimer D K: Lars Skree D S: Niels Pagh ­Andersen D M: Seri Banang, Mana Tahan D V: Koch Media

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieses an die Grenze zur Meditation konzentrierten, enorm gedämpften Films stehen der zwei Jahre nach den „anti-kommunistischen“ Ausschreitungen geborene Optiker Adi Rukun und dessen greise Eltern. Sein älterer Bruder Ramli wurde bei den Massakern brutal ermordet. Sein Schicksal und die den Atem verschlagende Grausamkeit seines Todes stehen beispielhaft für die im Namen der Militärregierung begangenen Taten. Oppenheimer begleitet Adi auf dessen Geschäftsreisen durchs Land, bei denen er die Sehstärke älterer Herrschaften misst, um neue Brillengläser anzufertigen. Dabei sucht er wie beiläufig das Gespräch über die Geschichte, insbesondere über die Geschehnisse der Jahre 1965 und 1966, in der Suche nach Antworten auf die brennenden, biografischen Fragen – warum musste sein Bruder so einen jämmerlichen Tod sterben? Und warum stellen sich die Täter ihrer Verantwortung und Schuld nicht? Es sind beklemmende Nicht-Gespräche, die Adi führt. Dass sie überhaupt nur im Schutzraum möglich sind, den ein westliches Filmteam darstellt, dessen Leiter den Schutz der Machthaber genießt, ist zu jedem Zeitpunkt spürbar. Die Täter, auf die Adi stößt, verleugnen ihre Verantwortung, insistieren darauf, nur Befehle ausgeübt zu haben, verweigern mitunter jedes Wort – „Man muss die Vergangenheit ruhen lassen“, solche und ähnliche, auch aus dem Zusammenhang der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung geläufige Floskeln hört man häufig – oder sprechen kaum verhohlene Drohungen aus: Aus welchem Dorf Adi denn stamme, will einer, dem es seiner Wohnung nach zu urteilen, offenbar ganz prächtig geht, mit Nachdruck wissen. Bis Adi schließlich offen anspricht, warum er ihm diese Information vorenthält: Weil er sonst um sein Leben fürchte müsse. Dann fragt er nach, was mit ihm geschehen würde, wenn er solche Fragen zu Zeiten der alten Militärdiktatur gestellt hätte. Worauf sein Gegenüber, ein Täter und Kommandeur der Morde, nur meint, dass er, Adi, sich das nicht ausmalen könne, was dann mit ihm geschehen wäre. Es sind kaum erträgliche Szenen wie diese, in denen der konkrete Schrecken aus der Vergangenheit geradezu physisch spürbar in der Luft liegt, die aus THE LOOK OF SILENCE einen so intensiven wie wertvollen Film machen. Begreifbar machen solche Momente unverhohlener Gewaltandrohungen auch, warum bereits THE ACT OF KILLING – in Indonesien auf private

Start am 01.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino DF OMU ab Mitte Oktober ¢ Filmrauschpalast OMU ¢ filmkunst66 OMU ¢ fsk-Kino am Oranienplatz OMU ¢ Hackesche Höfe Kino OMU ¢ Il Kino OMEU

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Joshua Oppenheimer’s spectacular documentary THE ACT OF KILLING showed the perpetrators of the Indonesian “anti-communist” 1960s massacres boasting about their crimes. THE LOOK OF SILENCE documents the deafening silence in Indonesian society when it comes to taking responsibility for those crimes.


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Initiative hin hundertfach, aber nie offiziell aufgeführt – aus Oppenheimer eine Persona non grata machte und das Land für ihn nun, nach THE LOOK OF SILENCE, endgültig unbetretbar geworden ist: Er wäre seines Lebens nicht mehr sicher. Auch erklärt sich, warum die Welt von der Existenz dieses nachgereichten Films überhaupt erst Jahre später erfuhr: In der Zwischenzeit wurden alle Maßnahmen getroffen, um Adi Rakun und seine Familie vor Übergriffen zu schützen. Kino als Mittel zur Aufklärung, als Instrument zum Weltverständnis: Selten in den letzten Jahren war diese Zuschreibung so gültig wie im Fall der Filme von Joshua Oppenheimer. Essenziell dafür ist, dass er weder stumpfen Dokumentarismus noch die Mechanismen einer bloßen Reportage bedient. Den Dokumentarfilmen seines Produzenten Werner Herzog nicht unähnlich, sind seine Filme in erster Linie gestaltet, also von bewusst gewählter Form: Historische Eckdaten sind spärlich gesetzt, man erfährt nur das Allerwichtigste. Weder gibt es „Talking Heads“, noch einen Voiceover und am allerwenigsten eine Lehrstunde in Sachen indonesischer Nationalgeschichte. Auch nehmen weder THE ACT OF KILLING noch THE LOOK OF SILENCE für sich in Anspruch, das konkrete indonesische

Alltagsleben repräsentativ abzubilden. Stattdessen gibt es Stimmungsbilder, Rückzugsorte zur Reflexion des Geschehens, offensichtlich in Szene gesetzte Zwischenbilder – Oppenheimer vertraut auf ein souveränes Publikum, das dieses Angebot zur Auseinandersetzung annehmen kann und will. Die vorgefertigten Meinungs- und Erkenntnishäppchen, die viele Event-Dokumentarfilme der letzten Jahre so öde machen, weil sie die Logik des Pitchings von den Geldgebern auch gleich noch aufs Publikum übertragen, sind Oppenheimers Sache nicht. Seine Filme funktionieren ähnlich wie die besten Horrorfilme, auch wenn sie im Faktischen rückgebunden sind: Wie Echolote skizzieren sie einen Zustand des Daseins, ertasten und erkunden eine Facette der conditio humana, die die Konsensmaschinerie des Kinos mitunter gerne überspielt. Die ästhetische Reflexion, durch die sich die Filme auszeichnen, rücken sie in die Nähe zur Kunst. Mit Meinungen und schnell gezogenen Fazits speist einen Oppenheimer nicht ab. Stattdessen erneuern seine Meisterwerke den Glauben daran, dass Kunst, Ästhetik und das Kino allen weichgespülten Unterhaltungsangeboten des Betriebs zum Trotz als Erkenntnisinstrumente zum einen, als Erfahrungsangebote zum anderen noch lange nicht ausgereizt sind und nichts von ihrer Dringlichkeit verloren haben. D Thomas Groh

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IMAGINE WAKING UP TOMORROW AND ALL MUSIC HAS DISAPPEARED Hu Ha! Bumm Bumm!

Als ich mir allein in der Wohnung den Dokumentarfilm IMAGINE WAKING UP TOMORROW AND ALL MUSIC HAS DISAPPEARED ansah, fing ich nach etwas über einer Stunde an, seltsame Brummtöne von mir zu geben. Da es in IMAGINE unter anderem darum geht, unterschiedlichste Leute, Landund Fabrikarbeiter, Seniorinnen, Taxifahrer, Nonnen, Bauarbeiter, Kinder, Kneipenbesucher und Berliner zum Singen zu bringen, ist das auch kein Wunder. Fast jeder, der diesen Film sieht, wird irgendwelche Töne von Deutschland/Schweiz/Großbritannien 2015 D 83 min D R: Stefan Schwietert D B: Stefan Schwietert D K: Adrian Stähli D S: Frank Brummundt, Florian Miosge D M: Jan Tilman Schade

sich geben. Er zeigt das Projekt „The 17“ des Ex-Popstars Bill Drummond. Drummond war der Anti-Establishment-Mastermind des Pop von 1988 bis 1992. Mit The KLF, The Justified Ancients of Mumu, The Timelords und Zodiac Mindwarp produzierte er ebenso subversive wie bescheuert-witzige Chartshits in Serie und veröffentlichte das Buch „The Manual. How to Have a Number One the Easy Way“. Bei den Brit Awards 1992, wo KLF als beste britische Band ausgezeichnet werden sollten, spielten sie ihren Hit „3 a.m. Eternal“ mit der Grindcore-Band Extreme Noise Terror in einer brachialen und antagonistischen Version, die damit endete, dass Drummond mit einer Maschinenpistole Platzpatronen ins Publikum schoss. Vor den Eingang der After-Show-Party legten Drummond und sein Partner Jimmy Cauty ein totes Schaf mit der Aufschrift: „I died for ewe – bon appetit“. Danach beschlossen Drummond und Cauty, aus dem Musikgeschäft auszusteigen. Das taten sie gründlich: Sie ließen ihren Backkatalog löschen. Ihre alten Platten und CDs gibt es nicht mehr zu kaufen, und auch bei iTunes oder Streaming-Diensten erscheinen sie nicht. Schließlich verbrannten Drummond und Cauty eine Million Pfund, die Reste ihrer Einnahmen mit The KLF, vor laufenden Kameras. Drummond verstand schon seine Arbeit im Pop-Geschäft als Kunst, nach seiner Pop-Karriere stänkerte er höchst amüsant gegen den Kunstbetrieb, indem er gleichzeitig zum Turner-Preis den „Worst British Artist“-Award unter den Turner-Preis-Nominierten ausschrieb. Der Preis für den/die schlechteste/n Künstler/in war doppelt so hoch dotiert wie der offizielle Turner-Preis. 1993 gewann Rachel Whiteread beide Preise, akzeptierte aber nur den Turner-Preis.

Start am 22.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ¢ fsk-Kino am Oranienplatz OMU ¢ Hackesche Höfe Kino OMU , Premiere am 19.10. um 20 Uhr mit Gästen ¢ Sputnik Kino am Südstern OMU ab 29.10. OMU

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Bill Drummond, an artist and enfant terrible in the British music scene, imagines a world without musical history. In his project “The 17” he arranges very simple, archaic noise-“scores” with volunteers that include factory workers, nuns and 150 Berliners.


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Von wenigen Ausnahmen abgesehen hatte Drummond danach auch genug von Provokationen gegenüber dem Kulturbetrieb. Unter dem Projekttitel „Penkiln Burn“ richtete er seine Arbeit auf Projekte aus, die sich dem Betrieb entziehen sollen. In vielen seiner Aktivitäten geht es um das Teilen und Verteilen, aber auch um kollektive Kunstproduktion und Kunsterfahrung. Drummond zieht Striche und Kreise auf Landkarten und verteilt entlang der Linien Suppen und Kuchen. Heute ist Drummond ein sehr sympathischer Herr Anfang 60, dem seine Kinder die Sache mit der Million Pfund übelnehmen, der aber sonst sehr entspannt wirkt. Sein Projekt „The 17“, das im Film IMAGINE WAKING UP ONE MORNING AND ALL MUSIC HAS DISAPPEARED mit der Kamera begleitet wird, folgt einfachen Regeln. Drummond nimmt die Stimmen von Leuten auf, die nach

bestimmten Partituren („Scores“) einzelne Töne oder einfache Tonfolgen singen. Am Ende des Projekts werden die Aufnahmen gemischt, der Mix wird einmal gehört und dann werden die Aufnahmen gelöscht. Drummonds Projekt ist eine Kritik der totalen Verfügbarkeit von Musik, die gleichzeitig dazu führt, dass die Bedeutung einzelner Stücke immer mehr verschwindet. Aber „The 17“ ist auch ein kollektives Vergnügen: Wenn Drummond in seinem abgewetzten Ledermantel in eine Fabrik stapft und die Arbeiter während ihrer Pause davon überzeugen will, vor seinem Mikrofon zu singen, trifft er zunächst auf eine Mischung aus Ablehnung und erheiterter Abwehr. Am Ende singen alle mit, und wenn die Kamera die Fabrik verlässt, trällern immer noch einige fröhlich ihre einfachen Tonfolgen. Hu Ha! Bumm Bumm! Drummond sagt, dass die Musik, die Menschen machen würden, wenn plötzlich alle Musik, alle Kenntnis von Musik, alle Erinnerung an sie verschwunden wäre, ungefähr so klingen müsste wie „The 17“. Wesentlich anders war das Konzept von KLF auch nicht. „Wenn du ein Musiker bist, hör auf, deine Instrumente zu spielen, oder besser noch, verkauf den Krempel“, empfahlen Drummond und Cauty in „The Manual“. Dass dadurch äußerst vergnügliche Kunst entstehen kann, hat Drummond schon oft bewiesen. IMAGINE macht jedenfalls großen Spaß. Eine der schönsten und rührendsten Performances von „The 17“, die im Film zu sehen ist, fand übrigens in Berlin statt. D Tom Dorow Bill Brummond aka Penkiln Burn: www.penkilnburn.com “The Manual: How to have a Number One the Easy Way:” freshonthenet.co.uk/the-manual-by-the-klf

INDIEKINO-Im-Sommer-wohnt-er-unten-170x122:Layout 1 21.09.2015 10:45 Seite 1

Ab 29. OktOber im kinO

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Sommer wohnt er unten Berlin-PreMiere in Anwesenheit von regisseur Tom Sommerlatte, den Schauspielern und der Produzentin. Montag, 26. Oktober in der Kulturbrauerei Berlin Karten sind im Kino erhältlich

www.imsommerwohnterunten.de


INDIEKRITIKEN Spanien 2015 D 106 min D R: Fernando León de Aranoa D B: Fernando León de Aranoa D K: Alex Catalán D S: Nacho Ruiz Capillas D M: Arnau Bataller D D: Benicio Del Toro, Tim Robbins, Olga Kurylenko, Mélanie Thierry, Fedja Stukan D V: X-Verleih

A PERFECT DAY

HOCKNEY

Seile suchen in Bosnien

Innere Unabhängigkeit und feiner Humor

Bosnien nach dem Bürgerkrieg. UN-Truppen sollen den fragilen Frieden bewachen, aber noch immer sind bewaffnete Milizen unterwegs, Rachemorde sind Alltag. Eine Gruppe von NGO-Mitarbeitern findet eine Leiche im letzten nutzbaren Brunnen der Region. Sie müssen die Leiche aus dem Brunnen holen, bevor sie das Wasser desinfizieren können, aber sie haben kein Seil und im nächsten Dorf verkauft ihnen auch niemand eines, vielleicht, weil die Leute dort zur anderen Kriegspartei gehören, vielleicht, weil man mit frischem Wasser in dieser Lage viel Geld verdienen kann. Unterwegs treffen die Aufbauhelfer einen kleinen Jungen, dem größere Jungs einen Fußball geklaut haben, und weil die Situation außer Kontrolle gerät, versprechen sie dem Kleinen einen neuen Ball. Ein Ball und ein Seil müssen also her, aber das ist nicht so einfach. A PERFECT DAY schafft es mühelos, die bedrückende Atmosphäre in einem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land zu zeigen. Gerade noch dominierten zynische Witze die Szene, da gerät man an einen Kontrollpunkt der Miliz, da zieht jemand unvermittelt eine Waffe, da findet jemand erhängte Leichen in einem ausgebombten Haus. Die NGO-Mitarbeiter versuchen ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen, wissen aber, dass sie selbst nur ein Player in einem komplexen Spiel sind. Ein wenig problematischer ist die Idee, den Film wie ein Buddy-Movie aufzuziehen, bei dem die guten, richtigen und sinnvollen Aktionen des ruhigen Mambrú (Benificio del Toro) und des zynischen, aber gutherzigen B (Tim Robbins) durch die Aktionen der unbesonnen-naiven Sophie (Mélanie Thierry) und der abgekocht-karrieristischen Katya (Olga Kurylenko) gefährdet werden. Der Film ist exzellent geplottet, schmissig erzählt und hat durchaus ein Anliegen, aber sein Blick auf die Girl Troubles seiner Helden wirkt wie aus einem Spencer Tracy/Katherine Hepburn Film der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts. D Tom Dorow

Start am 22.10.2015 + ¢ b-ware!ladenkino ab Ende Oktober OMU ¢ filmkunst66 ¢ Hackesche Höfe Kino OMU , tip Preview am 14.10. um 20 Uhr DF

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Großbritannien 2014 D 112 min D R: Randall Wright D B: Randall Wright D K: Patrick Duval D S: Paul Binns D M: John Harle D V: Arsenal Filmverleih

Bosnia after the civil war. NGO employees discover a body in the district’s last working well. They need to remove the body but rope is nowhere to be found.

Der Dokumentarfilm HOCKNEY ist wie der Künstler David Hockney ist wie sein Werk: flink, farbenfroh, frech, zugleich sehr aufmerksam, voller bewusster Wahrnehmung, mit Tiefgang und Zärtlichkeit, überhaupt nicht naiv und trotzdem optimistisch. In der dichten Mischung aus Interviewzeugnissen seiner Freunde und Kollegen, visuellen Befragungen seiner Werke und filmischen Experimenten aus Hockneys Privatarchiv wird zusammengepuzzelt, wie David die Welt sieht. Hockney ist – auf eine freundliche, aber bestimmte Art, die sehr britisch anmutet – ein Verteidiger von Freiheiten. Seine innere Unabhängigkeit erlaubt ihm einen feinen Humor, mit dem er auch in einer todernst auf abstrakten Expressionismus eingestimmten Umgebung seelenruhig weiter figurativ arbeiten konnte. Dabei hält er die verabsolutierte Zentralperspektive für „unmenschlich“ und plädiert für eine Multiperspektivität, die er in seinen Foto- und Gemäldecollagen selbst einlöst. Solch Nonkonformismus nahm seinen Anfang mit Davids Vater, der, obwohl ein Angehöriger der Arbeiterklasse und kein Aristokrat, ihm beibrachte, sich nicht „zu sehr“ darum zu sorgen, was die Nachbarn denken könnten. Folgerichtig versteckte der junge Künstler sein Schwulsein nicht, obwohl Homosexualität in den 60ern noch unter Strafe stand. Danach gefragt, ob er Diskriminierungen ausgesetzt war, bemerkt er nur lakonisch, er habe in „Bohemien“ gelebt, und das Reich der Bohémiens sei ein sehr tolerantes Land… Von dieser Lebenswelt der Künstler und Intellektuellen, die intensiven freundschaftlichen Austausch pflegen, bekommt man im Vorbeigehen einen vitalen Eindruck. Anschaulich werden ebenso die verschiedenen Werkgruppen Hockneys. Regisseur Randall Wright gelingt es, Entstehungskontexte so vor Augen zu führen, dass die zugrundeliegenden Fragestellungen des Künstlers gut nachvollziehbar werden. D Anna Stemmler

Start am 15.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ¢ City Kino Wedding ¢ Xenon Kino OMU

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HOCKNEY explores the world of the happiest of pop artists: David Hockney in a dense assemblage of interviews with friends and colleagues, visual explorations of his works and filmic experiments from his own private archive.

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INDIEKRITIKEN Kanada 2015 D 95 min D R: François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell D B: François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell D K: Jean-Philippe Bernier D S: Luke Haigh D D: Michael Ironside, Romano Orzari, Munro Chambers, Laurence Leboeuf, Edwin Wright, Aaron Jeffery D V: Ledick Filmhandel/Drop-out Cinema

TURBO KID

MEDITERRANEA

Für Filmnerds und Nostalgiker

Harte Realität im Land der Orangen

Achtung, jetzt wird es verwirrend: Die kanadischen Regisseure Francois Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell präsentieren im Jahr 2015 einen liebevollen Low-Budget-Actionfilm, der so tut als wäre er eine trashige Mitachtziger-Endzeit-Dystopie, die in der Zukunft des Jahres 1997 spielt. Oder um es in einer simplen Logline auf den Punkt zu bringen: DIE BMX-BANDE trifft MAD MAX. Mit TURBO KID haben die Filmemacher ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf gelassen und eine einzige nostalgische Liebeserklärung an eine Film-Ära geschaffen, die ihren Machern noch als kindliche, bisweilen auch abstruse Spielwiese diente und dabei im Zweifel die Fantasie über den Perfektionsdrang stellt. Hier nimmt es Comicfan The Kid (Munro Chambers) an der Seite der mysteriös-eigenartigen Apple (Laurence Leboeuf) mit dem sadistischen Zeus (Michael Ironside), seinem brutalen Gehilfen Skeletron (Edwin Wright) und ihrer Gang auf, um sich von deren Gewaltherrschaft zu befreien. Dabei helfen ihm die Turbokräfte des alten Raumfahreranzugs seines großen Idols Turbo Man – und natürlich sein jugendlicher Mut. Die Geschichte selbst wurde dafür bis auf ihr Skelett reduziert, doch als Ausgleich haben die Filmemacher den Splatter-Faktor exorbitant in die Höhe getrieben. Dazu kommen eine liebevolle Ausstattung, originelle Masken und ein wunderbarer Synthie-Soundtrack, der auch direkt von Giorgio Moroder oder John Carpenter stammen könnte. Das spricht natürlich vor allem Filmnerds und Nostalgiker an, ist so herrlich selbstreferentiell, dass sich die Balken biegen und macht einen Höllenspaß. TURBO KID verdeutlicht außerdem, was den durchgestylten und marketingorientierten Blockbuster-Produkten von heute in vielen Fällen fehlt – das Herz, die Seele und das feste Vertrauen auf verbündete Zuschauer, die dieses Abenteuer gemeinsam erleben wollen. D Jens Mayer

Start am 22.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ¢ Filmrauschpalast OMU ¢ Z-inema, 27.10. um 20 Uhr OMU

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Deutschland/Frankreich/USA/Italien/Qatar 2015 D 110 min D R: Jonas Carpignano D B: Jonas Carpignano D K: Wyatt Garfield D S: Nico Leunen, Alfonso Gonçalves, Sanabel Cherqaoui D M: Dan Romer, Benh Zeitlin D D: Alassane Sy, Koudous Seihon, Annalisa Pagano, Aisha, Paolo Sciarretta D V: DCM Film Distribution

TURBO KID takes viewers back into a1980s low budget b-movie universe. Comic book fan The Kid and the mysterious Apple fight against the devious Zeus, his brutal sidekick Skeletron and their gang in order to rid the world of Zeus’ regime of terror.

MEDITERRANEA erzählt die Geschichte von Ayiva und Abas, zwei jungen Männern aus Burkina Faso, die nach Italien auswandern. Ihre gefährliche Anreise führt sie über Algerien und Libyen, sie werden ausgeraubt, erleiden Schiffbruch und werden von der italienischen Küstenwache aufgelesen. In Italien kümmern sich Freunde und Verwandte, organisieren ihnen ein durchlässiges Zelt in einer Art Slum, einen Job auf einer Orangenplantage und erklären ihnen, wie es läuft: Ihr habt drei Monate Zeit, einen Arbeitsvertrag zu bekommen, dann erhaltet ihr ein Visum. Ein bisschen erinnert MEDITERRANEA an IN THIS WORLD von Michael Winterbottom, der 2002 semidokumentarisch den beschwerlichen Fluchtweg eines Jungen von Afghanistan nach England beschrieb. Hier ist die Reise allerdings nur der Anfang, vor allem geht es in MEDITERRANEA um die Ankunft in Italien, die prekären Lebensbedingungen, den Alltagsrassismus, die Überlebensstrategien, die ständige Ambivalenz der Gefühle. Während Ayiva mit seinem ruhigen, souveränen Blick die Realität taxiert, ackert und auch buckelt, ist Abas, der jüngere der beiden, entsetzt von dem, was er in Europa vorfindet. Besonders deutlich wird das bei einem Wohltätigkeitsessen, das eine ältere Dame gibt, die sich von den Flüchtlingen gerne „Mama Afrika“ nennen lässt. Mit gequälten Gesichtern spielen die Männer das zugleich entwürdigende und gut gemeinte Spiel mit. Was soll man auch tun, wenn man Hunger hat? Regisseur Jonas Carpignano bleibt stets dicht bei seinen Protagonisten, versteht sichtlich die Welt in der sie leben und aus der sie kommen. Tatsächlich ist Carpignano für seine Recherche in das Städtchen Rosarno gezogen, in dem 2010 die Gewalt gegen Flüchtlinge eskalierte, und hat dort seine Protagonisten und deren Situation kennen gelernt, bevor er gemeinsam mit ihnen zunächst den preisgekrönten Kurzfilm A CHJÀNA und nun mit MEDITERRANEA sein beeindruckendes Spielfilmdebüt gedreht hat. D Hendrike Bake

Start am 15.10.2015 ¢ fsk-Kino am Oranienplatz

OMU

MEDITERRANEA follows Ayiva and Abas on their dangerous journey from Burkina Faso to Italy where they try to start a new life.

OKTOBER 2015 D

13 D


INDIEKRITIKEN Österreich 2015 D 95 min D R: Kurt Langbein D B: Kurt Langbein, Christian Brüser D K: Attila Boa, Wolfgang Thaler, Christian Roth D S: Andrea Wagner D M: Thomas Kathriner D V: Movienet Filmverleih

LANDRAUB Globale Akquise

LANDRAUB geht ein komplexes Thema an, und tut es in der scheinbar einfachsten Art. Er verzichtet fast völlig auf Off-Kommentare und lässt die Betroffenen und Beteiligten selbst erzählen. Der Landraub selbst ist dabei nur ein kleiner Teil der größeren Geschichte, Detail eines überwältigend großen Systems. Weltweit werden Kleinbauern ihre Felder billig abgekauft oder schlichtweg gestohlen, um darauf großindustrielle Landwirtschaft zu errichten. Stolz erzählen die Geschäftsführer von produktiven Palmen und den zu erwartenden Gewinnen. Sie sehen sich als Wohltäter armer Regionen oder als Wahrer von Traditionen. Ungarn gehörte schon früher zu Österreich, deswegen liegt es nahe, wieder da zu investieren, erzählt einer. Auf der anderen Seite stehen Kleinbauern, die ohne Felder nicht mehr ihre eigene Nahrung anbauen können und für dieselben Firmen, die ihr Land nun besitzen, arbeiten müssen, um zu überleben. Wenn auch vieles nicht vor unserer Haustür stattfindet, so wird es doch befüttert von EU-Hilfsprogrammen, die ein sich selbst erhaltendes System geworden sind, in dem „garantierte Nachhaltigkeit“ ein eigenes Produkt geworden ist, bei dem es nur noch um Hektar, Erträge und Konzessionen geht. Insgesamt ist der Film als eine Reihe von Zoom-Outs gestaltet, die mit dem Fokus auf einer erzählenden Person beginnen und dann stetig den Blick ausweiten, bis man mit dem ganzen Komplex konfrontiert ist. Arbeiter in Reih und Glied, die ihrer Firma Treue schwören, bevor die Kamera sich hebt und man sie in endlosen Palmenplantagen ameisengleich herumwuseln sieht. Anderswo sind riesige Maschinen zu sehen, die Felder bewässern und dabei wie etwas aus TERMINATOR 2 erscheinen. Diese Bilder machen die Geschichten von nicht mehr überschaubaren Systemen erfahrbar, die erst Bedürfnisse erschaffen, um diese dann durch Raub und Ausbeutung profitreich zu befriedigen. D Christian Klose

Start am 8.10.2015 ¢ Acud Kino ¢ Filmrauschpalast OMU ¢ Sputnik Kino am Südstern

All over the world, peasants are driven off their land by multinational agricultural companies.

OMU

D 14

D OKTOBER 2015

OMU

Deutschland 2012-2014 D 82 min D R: Aleksandar Nikolic D B: Aleksandar Nikolic D K: Aleksandar Nikolic, Caspar Brink D S: Andreas Preisner, Aleksandar Nikolic D M: Enrica Sciandrone D V: Barnsteiner Film

DER SERBISCHE ANWALT – VERTEIDIGE DAS ­ UNFASSBARE! Rechtsstaatlichkeit im konkreten Vollzug

Mit seinem Porträt DER SERBISCHE ANWALT rückt Aleksandar Nicolic ganz dicht an eine schwer auflösbare Facette moderner Rechtsstaatlichkeit: Wie lassen sich der Glaube an Recht und Gerechtigkeit mit der juristischen Verteidigung von Schwerverbrechern vereinen? Etwa im Fall von Radovan Karadžić, dem einstigen Präsidenten der serbischen Republik, der sich seit seiner Verhaftung im Jahr 2008 vor dem Tribunal in Den Haag unter anderem für das Massaker von Srebrenica verantworten muss. Für Marko Sladojević aus dem Rechtsbeistand des Angeklagten stellt der Prozess aus Karrieregründen zwar eine einmalige Chance dar, doch aus biografischen Gründen zugleich auch eine besondere Herausforderung. Als junger Oppositioneller war er einst selbst vor Karadžićs Politik in die Niederlande geflohen. Eine schizophrene Haltung? Nur im Ansatz. Denn Nicolics einfühlsam beobachtendes Porträt zeigt nicht nur die identitären Widersprüche, die den Alltag von in der Diaspora lebenden Exilanten prägen. Es besticht auch als Demonstration von Rechtsstaatlichkeit im konkreten Vollzug: So macht sich ein guter Anwalt nicht mit der Position seines Klienten gemein – er trägt lediglich dafür Sorge, dass in der juristischen Bestandsaufnahme ein möglichst vollständiges Bild zur Kenntnis genommen wird, wie Sladojevićs Ehefrau, ebenfalls Anwältin aus Karadžićs Team, es an einer Stelle formuliert. Rechtsstaatlichkeit als demokratisches Gut, das eine maßregelnde von einer rächenden Gesellschaft unterscheidet: Dort, wo sie besonders schmerzt, tut sie erst ihren Dienst. D Thomas Groh

Start am 8.10.2015 ¢ filmkunst66

OMU

THE SERBIAN LAWYER is a subtle portrayal of Marko Sladojević, a lawyer whose current job is to defend Radovan Karadžić, the former president of the Serbian Republic, in the International Court of Justice in The Hague.

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INDIEKRITIKEN

DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER

Deutschland 2015 D 105 min D R: Lars Kraume D B: Lars Kraume, Olivier Guez D K: Jens Harant D S: Barbara Gies D M: Christoph Kaiser, Julian Maas D D: Burghart Klaußner, Jörg Schüttauf, Laura Tonke, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Dani Levy, Robert Atzorn, Götz Schubert, Matthias Weidenhöfer, Michael Schenk D V: Alamode Filmverleih

Biopic eines echten Vorbilds

Wenn DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER englischsprachig wäre, dann hätte Burghart Klaußner den Darsteller-Oskar so gut wie in der Tasche. Klaußner verkörpert den kleinen knurrigen, zähen, ständig an einer Zigarre oder Zigarette nuckelnden Generalstaatsanwalt Fritz Bauer mit einer Präzision der Bewegungen, der Haltung und der Sprache, die es einem schwer vorstellbar erscheinen lässt, dass Klaußner sich je anders bewegt oder gesprochen hat. Man spürt seine Präsenz im Raum, ahnt die unerzählten Vor- und Nebengeschichten, die Bauers komplexen Charakter ausmachen, vermeint den Tabak in Kleidung und Fingernägeln förmlich zu riechen, hört in den kurz gebellten Anweisungen eine ganze Welt: die Verwurzelung in der Provinz, die durchdachten Argumentationsketten des Juristen und den knatternden Immer-noch-Kommando-Sound der 50er Jahre. Fritz Bauer, der Jurist, der Anfang der sechziger Jahre die ersten Auschwitz-Prozesse in Frankfurt durchsetzte und damit die Mauer des Schweigens brach, die Deutschland um die NS-Vergangenheit errichtet hatte, erlebt derzeit eine sehr verdiente Wiederentdeckung. Christian Petzold widmete ihm sein Neo-Noir-Nachkriegsdrama PHOENIX. Giulio Ricciarellis IM LABYRINTH DES SCHWEIGENS erzählte, inspiriert von Bauer, von einem jungen Mann, der gegen alle Widerstände gegen einen ehemaligen KZ-Wächter ermittelt. In DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER fiktionalisiert Lars Kraume (MEINE SCHWESTERN, DIE KOMMENDEN TAGE) jetzt eine Begebenheit aus Fritz Bauers Leben, die sich vor den Auschwitz-Prozessen zutrug, aber erst nach seinem Tod ans Licht kam: Bauers Beteiligung an der Aufspürung und Verurteilung Adolf Eichmanns.

Start am 1.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ab Ende Oktober ¢ Bundesplatz Kino ¢ Eva Lichtspiele ab 15.10. ¢ Hackesche Höfe Kino ¢ Sputnik Kino am Südstern ab Ende Oktober

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THE PEOPLE VS FRITZ BAUER explores an episode in the life of Fritz Bauer, the Federal Prosecutor General, who was instrumental in the arrest and trial of Adolf Eichmann and who later initiated the Auschwitz trials.

Deutschland 1957. Der schwäbische Jurist und Sozialdemokrat Fritz Bauer, Sohn jüdischer Eltern, ist nach Verfolgung und Exil nach Deutschland zurückgekehrt. Seit sechs Jahren arbeitet er wieder als Staatsanwalt, seit einem Jahr macht er sich in seiner hessischen Heimat als Generalstaatsanwalt durch die hartnäckige Verfolgung von NS-Tätern unbeliebt. Bauer ist für die alten Netzwerke eine massive Bedrohung: er hat keine Angst vor der alten Garde und kein Problem damit, sich Feinde zu machen. Von ihm stammt der Ausspruch: „Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland.“ Als ihm ein Hinweis über den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns zugespielt wird, hütet er sich, den Hinweis an die Behörden weiterzugeben. Er weiht nur seinen alten Genossen, den hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn ein und kontaktiert den Mossad. Als er alleine nicht weiterkommt, wendet er sich an Karl Angermann, einen jungen enthusiastischen Staatsanwalt der für ihn arbeitet. Angermann, gespielt von Ronald Zehrfeld, ist eine der wenigen erfunden Figuren in Kraumes Fritz-Bauer-Universum, ein Vertreter einer jungen Generation, die sehnlichst auf einen wie Bauer gewartet hat, einen der sie nicht mit Lügen abspeist sondern der unangenehmen Wahrheit lieber ins Gesicht sieht und der eine Vorstellung davon hat, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte. Einen, der zum Vorbild taugt. In einer Fernsehsendung, die Kraume nachstellt, wird Bauer von ratlosen jungen Leuten gefragt, worauf man denn als Deutscher überhaupt noch stolz sein könne. Bauer, der Ex-Häftling und Ex-Flüchtling, kann die Frage beantworten, an der die meisten der Elterngeneration gescheitert wären: Auf das, was man selbst geschaffen und aufgebaut hat. DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER ist ein klug arrangiertes Biopic, ein kammerspielartiger Polit-Thriller, eine Hommage und darüber hinaus auch ein kleines bisschen Buddy-Movie. Sehr zurückhaltend erzählt der Film wie sich zwischen dem lakonischen alten Knochen Bauer und dem jungen, beflissen wirkenden Angermann mit seinem hübschen Allerweltsgesicht Vertrauen bildet. Beide sind Außenseiter in der erstickenden Adenauer-Ära und beide sind die Hoffnung auf eine Zukunft. D Hendrike Bake OKTOBER 2015 D

15 D


INDIEKRITIKEN USA/Australien 2014 D 94 min D R: Tony Ayres D B: Blake Ayshford D K: Simon Chapman D S: Andy Canny D M: Cornel Wilczek D D: Alex Russell, Sullivan Stapleton, Jessica De Gouw, Robert Morgan, Paul Moder, Jim Russell, Megan Holloway D V: Pro-Fun Media

CUT SNAKE

Italien 2013 D 110 min D R: Alessandro Rossetto D K: Daniel Mazza D S: Jacobo Quadri D D: Diego Ribon, Maria Roveran, Roberta Da Soller, Vladimir Doda, Mirko Artuso

PICCOLA PATRIA – SMALL HOMELAND

Männliche Gewaltverbrüderungen

Zwischen Doku und Fiktion Sidney, Mitte der siebziger Jahre. Der hübsche Merv und die brave Paula haben sich gerade verlobt. Merv hat einen neuen Job in einer Besenmanufaktur, Paula hat ein hübsches Haus. Da taucht Mervs alter Knastkumpel Jim auf, genannt „Pommie“. Ein Kasten von einem Kerl, wirkt Pommie wie die Apotheose der australischen „Mate“-Kultur: Bier in der einen Hand, Fluppe in der anderen, stets zu einem plötzlichen Gewaltausbruch bereit. Die Begrüßung zwischen Merv, den Jim stets „Little Sparra“, also etwa „Spätzchen“ nennt, ist einen Tick zu körperlich für Hetero-Kumpels, und Merv wirkt wenig begeistert über den Besuch seines alten Freundes, der ihn dann auch gleich für den alten Lebensstil gewinnen will. Als das nicht gelingt, zieht Jim andere Seiten auf, die schnell dazu führen, dass von Merv und Paulas Häuschen und Gärtchen nicht viel übrig bleibt. Die Geschichte von Männern, die von ihrer Vergangenheit wieder eingeholt werden, ist schon oft erzählt worden, die von Beziehungen, die durch Ex-Lover ins Wanken geraten, ebenfalls, aber von einer schwulen Gangstervergangenheit werden nicht so viele Filmhelden heimgesucht. CUT SNAKE ist zugleich Genre-Thriller und Beziehungsdrama. Merv hat sowohl seine Knast- als auch seine schwule (oder bisexuelle) Geschichte stets verheimlicht und sein Verhältnis zu Merv und seiner Vergangenheit ist komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Den ersten und auch den zweiten von Pommies Gewaltausbrüchen versucht er noch zurück zu halten. Bei einer dritten Schlägerei steigt er mit einer Begeisterung ein, als hätte er endlich zur wahren Natur gefunden. Prompt kommt es zur ersten echten erotischen Begegnung zwischen den beiden. CUT SNAKE ist sehr hartes, exzessives Genrekino, kann aber auch als queerer Kommentar zu männlichen Gewaltverbrüderungen in Gangsterfilmen verstanden werden. D Hannes Stein

Start am 15.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ¢ Xenon Kino OMU

D 16

OMU

D OKTOBER 2015

Merv is about to marry Paula, when his prison buddy Jim aka Pommie shows up. Pommie wants Merv to go back to the old lifestyle, but he also has an erotic interest in Merv. When Merv refuses, Pommie shows his violent side.

Die Luftaufnahmen der im Nordosten Italiens gelegenen Region Venetien erinnern an eine malerische und geordnete Modellbaulandschaft: Wiesen, Felder, Häuser, Gebäude, alles scheint in geometrische Formen geordnet und unterteilt. Doch was sich wie ein glücklich-ländliches Idyll präsentiert, wirkt auf den zweiten Blick verlassen und trostlos. Die beiden unterschiedlichen Freundinnen Luisa (Maria Roveran) und Renata (Roberta Da Soller) haben jedenfalls nur ein Ziel, sie wollen hier raus und nach China auswandern. Ihre mageren Gehälter als Zimmermädchen in einem schicken Hotel bessern sie als Gelegenheits-Prostituierte auf, doch dann wittern sie ihre Chance, durch eine Erpressung an das benötigte Geld zur Flucht zu kommen. In der Zwischenzeit verliebt sich Luisa ausgerechnet in den Albaner Bilal (Vladimir Doda), was zusätzliches Konfrontationspotenzial mit ihrem ausländerfeindlichen Vater Marco (Mirko Atruso) bedeutet. Der Dokumentarfilmregisseur Alessandro Rossetto hat mit SMALL HOMELAND sein Spielfilmdebüt als sozialrealistische Mischung aus Film Noir und Melodram angelegt. Dabei lässt er die dramaturgischen Zügel der Story eher locker schleifen und legt stattdessen Wert auf reale Situationen: „Als Dokumentarfilmer ist der letzte Moment der des Drehs, es gibt also etwas nicht Vorhersehbares. Ich lasse diesen letzten Moment immer noch für die Veränderung offen“, erklärt der Filmemacher seine Herangehensweise zwischen Doku und Fiktion, bei der er großen Wert auf die Improvisationsarbeit mit seinen Darstellern gelegt hat. Rossetto nutzt hier für sich die Mittel seiner bisherigen Arbeit, um das wenig schmeichelhafte Portrait einer Region zu zeichnen, unter deren Bilderbuchimage sich eine gesellschaftliche Atmosphäre der Unzufriedenheit, Gier, Heuchelei und Fremdenfeindlichkeit offenbart. D Jens Mayer

¢ Il Kino

OMU

Seen from above, Venetien, a region in Northeast Italy, seems like a rural haven. On second sight greed, hypocrisy and xenophobia show their ugly faces in this debut fiction feature by documentary filmmaker Alessandro Rossetto.

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INDIEKRITIKEN Originaltitel: The Program D Frankreich/Großbritannien 2015 D 103 min D R: Stephen Frears D B: John Hodge D K: Danny Cohen D S: Valerio Bonelli D M: Alex Heffes D D: Dustin Hoffman, Ben Foster, Chris O’Dowd, Lee Pace, Jesse Plemons D V: Studiocanal

THE PROGRAM – UM JEDEN PREIS

Neuseeland 2014 D 93 min D R: Bryn Evans D B: Bryn Evans D K: Bevan Crothers D S: Peter Roberts D M: Tom Fox, Marshall Smith, The Sound Room D V: Rise and Shine Cinema

HIP HOP-ERATION Mit Senioren-Hip Hop nach Las Vegas

Gut geöltes Räderwerk

So richtig sympathisch ist keiner der Protagonisten von Stephen Frears Verfilmung der Lance-Armstrong-Geschichte THE PROGRAM – UM JEDEN PREIS nach dem Buch „Seven Deadly Sins: My Pursuit of Lance Armstrong“ von David Walsh. Am ehesten taugt der hartnäckige irische Sportreporter und Radsportenthusiast David Walsh (Chris O’Dowd) als Identifikationsfigur. Gleich zu Beginn des Films gelingt es ihm, den jungen Radsport-Aufsteiger Lance Armstrong (Ben Foster) zu interviewen, der schon da Erfolgsversessenheit als einzige und alles beherrschende Charaktereigenschaft offenbart. Systematisch arbeitet Armstrong an seiner Karriere. Seine Selbstoptimierungsversuche führen ihn zu Drogen und zum sagenumwobenen italienischen Sportarzt Dr. Michele Ferrari, der von Guillaume Canet mit einem Hauch „Mad Scientist“ gespielt wird. Ferrari nimmt Maß und erklärt Armstrong für körperlich zum Bergfahrer ungeeignet. Aber er nimmt ihn in sein „Programm“ auf, das in Wirklichkeit ein ausgeklügeltes chemisches Experiment ist. THE PROGRAM folgt detailreich, effektiv und recht kühl den Stationen des bis dato größten Dopingskandals der Radsportgeschichte. Auf den ersten Erfolg folgt die Krebsdiagnose, die erfolgreiche Therapie und dann die sagenhaften Gewinne der Tour de France sieben Mal in Folge. Während Walsh nach Beweisen für seinen Dopingverdacht sucht und dafür von Journalisten und Verbänden gemobbt wird, nehmen Armstrong und das Team US Postal diese im Tourbus mit schöner Routine ein. Die Selbstverständlichkeit mit der sich alle Sportler, sogar die, die keine Drogen nehmen, am System beteiligen, ist schwindelerregend. Frears zeigt ein gut geöltes Räderwerk, in dem Doping selbstverständlich zur Ausstattung gehört. Zweifel scheinen gar nicht erst aufzukommen. Erst als Floyd Landis (Jesse Plemons) überführt wird und auspackt, bricht das System ein. D Hendrike Bake

Start am 8.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ab Mitte Oktober ¢ Bundesplatz Kino ¢ filmkunst66 DF

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THE PROGRAM tells the story of the biggest doping scandal to date very effectively if a tad removed. Ben Foster plays Lance Armstrong as he wins his first races, discovers doping, battles cancer, wins the Tour de France and is exposed as a fraud.

Eigentlich klingt die Idee nach einem PR-Gag, der ein bisschen zu niedlich ist um wahr zu sein: 27 Senioren zwischen 66 und 94 bilden eine Hip Hop-Tanzgruppe und beschließen, bei den Hip Hop-Weltmeisterschaften in Las Vegas aufzutreten. Tatsächlich wird die Geschichte der Crew HIP HOP-ERATION, die sich so nennt, weil so viele Mitglieder schon eine Hüft-OP hinter sich haben, schnell glaubhaft. Die Tanzlehrerin Billie Jordan unterrichtet ihre Truppe auf der kleinen Insel Waiheke, die 18 km vor Auckland in Neuseeland liegt. Daran, dass Billie enthusiastisch genug ist, um ein Filmteam von ihrer Idee zu überzeugen, kann kein Zweifel bestehen. Billie ist so herzlich und ansteckend begeistert, dass sie einem Pinguin einen Kühlschrank andrehen könnte. Weder Billie noch irgendjemand aus ihrer Seniorentanztruppe hört Hip Hop, aber Billie hat sich Youtube-Videos angesehen und ein paar Moves herausgefunden. Wirkliche Begeisterung bei den Senioren kommt aber erst auf, als Billies Truppe der DZIAH Dance Crew begegnet, einer erfolgreichen Hip Hop-Crew, die vor allem aus Maori und Pazifikinsulanern besteht. Die jungen Leute schließen die Alten sofort ins Herz, und die Alten sind begeistert von deren Athletik und Freundlichkeit. Regisseur Bryn Evans und sein Team kommen vor allem drei Frauen aus der HIP HOP-ERATION Crew allmählich näher: Maynie Thompson (95), Kara Nelson (94) und Terri Woolmore-Godwin (94). Maynie und Kara sind alte Freundinnen, die in den 60er und 70er Jahren zusammen Aktivistinnen der Friedensbewegung und Anti-Atomkraftbewegung waren. Die eher schüchterne ehemalige Musiklehrerin Terri sorgt sich vor allem um ihren an Alzheimer erkrankten Ehemann Bill, mit dem sie seit 73 Jahren verheiratet ist. HIP HOP-ERATION ist ein sehr freundlicher und rührender Feelgood-Film, der gerade den Preis der Jugendjury bei der Filmkunstmesse Leipzig erhalten hat. D Hannes Stein

Start am 1.10.2015 + ¢ b-ware!ladenkino ¢ Sputnik Kino am Südstern DF ¢ Union Filmtheater DF

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HIP HOP-ERATION shows how 27 non-agers between 66 and 95 form a hip hop crew and set out to perform a tribute show at the Hip Hop World Championship in Las Vegas.

OKTOBER 2015 D

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INDIEKRITIKEN Deutschland 2014 D 76 min D R: Claudia Funk D B: Claudia Funk D K: Julia Weingarten D S: Lale Özdönmez D M: Ensemble Vinorosso D V: GMfilms

ARBEIT MACHT DAS LEBEN SÜSS, FAULHEIT STÄRKT DIE GLIEDER Bauernhof-Alten-WG

Dass ausgerechnet in fast schon vergessenen Traditionen richtungsweisende Modelle für die Lebensformen der zukünftigen Gesellschaft liegen können, zeigt sich bereits seit einigen Jahren, beispielsweise im Trend zur ökologischen Landwirtschaft und dem Wiederentdecken alter Rezepte und Zutaten. Die Filmemacherin Claudia Funk stellt in ihrem Film über die Bewohner eines rumänischen Altenheims einen möglichen Entwurf für das zeitgemäße Wohnen im Alter vor. Dort haben sich die wenigen verbliebenen Siebenbürger Sachsen, eine deutschsprachige Minderheit und die älteste existierende deutsche Siedlergruppe der Region, versammelt, nachdem im Zuge der deutschen Wiedervereinigung die Mehrheit in Richtung Bundesrepublik auswanderte. Zurück blieben vor allem Alte, Kranke und Familienlose. In dem kleinen Heim leben sie weitgehend selbstständig in einer Art Wohngemeinschaft zusammen und arbeiten bis ins hohe Alter weiter in den angeschlossen Ställen und auf den Feldern, die sie im Stile eines genossenschaftlichen Betriebs nach alten Bräuchen bewirtschaften. Die Selbstversorgung bringt den Betreibern nicht nur eine essentielle wirtschaftliche Ersparnis, sondern den Bewohnern eine sinnvolle Beschäftigung, die sie aktiv hält und ihnen zudem Wertschätzung und Selbstachtung garantiert. Ruhig, sorgfältig, ganz auf die Menschen und ihren Lebensrhythmus ausgerichtet, portraitiert ARBEIT MACHT DAS LEBEN SÜSS damit nicht nur liebe- und respektvoll die aussterbende Sprache und Kultur der Siebenbürger Sachsen und ihre Stellung in der wechselhaften Geschichte des letzten Jahrhunderts, sondern findet hier auch ein alternatives Konzept zum Umgang der Gesellschaft mit der älteren Generation. D Jens Mayer

Start am 1.10.2015 ¢ filmkunst66

D 18

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D OKTOBER 2015

Claudia Funk’s documentary portrays an unusual Rumanian retirement home in which the inhabitants still work in the neighboring fields and tend to the livestock – each to his or her ability.

USA 2015 D 121 min D R: Denis Villeneuve D B: Taylor Sheridan D K: Roger Deakins D S: Joe Walker D M: Jóhann Jóhannsson D D: Benicio Del Toro, Emily Blunt, Josh Brolin, Jeffrey Donovan, Victor Garber, Daniel Kaluuya, Jon Bernthal, Raoul Trujillo, Maximiliano Hernández D V: Studiocanal

SICARIO

Wie ein böses schlafendes Tier Ein SICARIO ist ein Auftragskiller der lateinamerikanischen Drogenmafia. In Denis Villeneuves neuem Film scheint aber zunächst gar kein Auftragskiller aufzutreten. Die DEA-Agentin Kate wird nach einem Einsatz in Arizona, bei der ihre Einheit eine grausame Entdeckung macht, in eine geheime Spezialeinheit berufen. Was dort eigentlich ihre Aufgabe sein soll, bleibt ihr völlig unklar. Die Truppe besteht aus hartgesottenen Söldnern, ihr Kommandant wirkt ebenso autoritär wie geheimnisvoll, und dann ist da noch der Südamerikaner Alejandro (Benicio del Toro), dessen Rolle nebulös ist, der sich aber schnell als extrem gefährlicher Mann erweist. Denis Villeneuves Filme sehen immer originell aus, seine Schauspielerführung lebt von intensivem Understatement. Das macht sie vielen anderen überlegen, zumal, wenn Villeneuve mit wirklich guten Autoren zusammen arbeitet wie in ENEMY, PRISONERS und INCENDIES. SICARIO ist dagegen ein Film, der fast ausschließlich von Villeneuves Stärken leben muss. Das Drehbuch, Autorendebüt des Schauspielers Taylor Sheridan, pendelt unentschlossen zwischen Genre-Pop und Polit-Thriller mit dokumentarischem Anspruch. Aber Villeneuve macht die schwächelnde Story virtuos wett. Wenn Kate mit ihren neuen Chefs in die Grenzstadt El Paso fliegt, wirkt die Landschaft unter ihr wie ein großes, böses schlafendes Tier, das sich im nächsten Moment erheben wird. Alles ist belebt, und alles ist gefährlich. Das Böse durchdringt in Villeneuves Filmen das Reale und bedroht ständig die Identität der Personen. In SICARIO ist es vor allem Kates moralische Gewissheit, die auf dem Spiel steht. Das ist ein spannendes Motiv, zumal im Kontext des „War on Drugs“, und Villeneuve ist ein besserer Regisseur als Oliver Stone, der mit der Don Winslow-Verfilmung SAVAGES vor drei Jahren ein ähnliches Feld bearbeitete. Hätte nur Don Winslow das Drehbuch geschrieben. D Tom Dorow

Start am 1.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino DF + OMU ab Ende Oktober ¢ Hackesche Höfe Kino OMU ¢ Sputnik Kino am Südstern DF + ab 22.10.

OMU

DEA agent Kate is transferred to a secret task force that is part of the „War on Drugs“ on the Mexican border. Her role on this strange team is unclear and the role of the South American lawyer Alejandro is even more dubious.

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INDIEKRITIKEN Originaltitel: Plemya D Ukraine 2014 D 30 min D R: Myroslav Slaboshpytskiy D B: Myroslav Slaboshpytskiy D K: Valentyn Vasyanovych D S: Valentyn Vasyanovych D D: Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, Rosa Babiy, Alexander Dsiadevich, Yaroslav Biletskiy, Ivan Tishko, Alexander Osadchiy D V: Rapid Eye Movies Filmverleih

THE TRIBE

Deutschland 2014 D 105 min D R: Mathieu Seiler D B: Mathieu Seiler D K: Oliver Geissler D S: Sarah Clara Weber D M: Beat Solèr D D: David C. Brunners, Michael Greiling, Anna Hausburg, Beat Marti, Kai Michael Müller, Margarita Ruhl, Alina Sophia Wiegert D V: Drop-out Cinema

TRUE LOVE WAYS

Neue und erschreckende Bilder

Käfer, iPhone und Snuff

Ein Schüler-Gang-Film in ukrainischer Gebärdensprache ohne Untertitel: eine spezielle Erfahrung ist THE TRIBE auf jeden Fall. Aber Probleme mit dem Verständnis gibt es nicht, die Handlung erschließt sich sofort: Ein Junge kommt neu in eine Schule für Gehörlose. Dort muss er sich innerhalb der die Schule beherrschenden Gang durchsetzen. Sergey arbeitet sich hoch. Angefangen bei simplen Diebereien in Zugabteilen, über brutale Raubüberfälle auf der Straße wird er zum Bewacher der Mädchen, die von der Gang prostituiert werden. Zum Konflikt kommt es, als er sich von einer der jungen Prostituierten mehr erhofft als schnellen Sex gegen Geld. THE TRIBE schildert eine moralisch völlig verkommene Gesellschaft, in der die Autoritäten entweder abwesend sind oder mit dem Verbrechen verbündet. Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy hat einen Film gedreht, der eine eigene, extrem körperliche Filmsprache findet, bei der die Kamera fast immer in der Totalen oder Halbtotalen bleibt und lange Einstellungen und Steadycam-Sequenzen ausgeklügelte Choreografien begleiten. Das ist technisch brillant, und es erschafft neue und erschreckende Bilder. Die Entscheidung, die Dialoge nicht zu untertiteln, bedeutet einen Ausschluss der Zuschauer, verweist aber auch auf die Banalität der Dialoge im Film. Slaboshpytskiy zielt auf ein pures, visuelles Filmerzählen ab. THE TRIBE ist ein bewundernswertes Experiment, aber ein paar Einwände gibt es doch: Die Bewegungschoreografie des Films führt zu einer seltsamen Überhöhung des eigentlich realistischen Stils, die Szenen zu surrealen Metaphern gerinnen lässt. Damit werden die Gehörlosen in diesem Film wieder zu einer Metapher, wie es Behinderte im Film so oft sind, wenn sie nicht gerade als erzähltechnischer Kniff herhalten müssen. Hier stehen sie für eine brutale und tatsächlich „taubstumme“ Gesellschaft. D Tom Dorow

Retro ist in! Vor allem im Indie-Horror-Genre versuchen momentan viele Filme, den Charme vergangener Zeiten aufleben zu lassen. TRUE LOVE WAYS schafft in seinem Schwarz-Weiß-Ambiente und seiner zeitlichen Beliebigkeit ein ganz eigenes Retrogefühl. Käfer und iPhone finden hier gleichermaßen Platz. Auf dem Röhrenfernseher läuft ein Interview mit einer Schönheitskönigin (Margarita Ruhl) und eine Debatte über SnuffFilme – die Thematik ist also klar. Und auch danach ist durchgehend ein sexueller Subtext in TRUE LOVE WAYS spürbar. Der Geliebte Tom (Kai Michael Müller) wird abserviert, nachdem Severine (Anna Hausburg) ihm gesteht, dass sie sich im Traum in einen Mann in einem weißen Auto verliebt hat. Tom geht sich daraufhin in einer Bar betrinken und trifft auf einen zwielichtigen Mann (David C. Bunners), der sich seiner Probleme annehmen möchte. Der Plan: Ein inszenierter Überfall, bei dem Tom seine Severine retten kann und so zu ihrem „Tarzan“ wird. Nächste Szene: Severine liegt alleine in ihrem Bett und wird durch das Fenster gefilmt. Hinter den vermeintlich „freundlichen“ Absichten des Mannes in der Bar steckt nämlich eine Snuff-Video-Organisation und Severine soll ihr nächster Star sein. In den ersten dreißig Minuten wirkt TRUE LOVE WAYS geskriptet, aufgesetzt, angestrengt – schlichtweg falsch. Sobald das Geschehen jedoch Fahrt aufnimmt und Severine sich in dunkle Gefilde begibt, geht es bergauf. Der Film glänzt auf einmal mit tollen Einfällen und spannenden Szenen, auch wenn sich eine wirklich bedrohliche Atmosphäre nie einstellen will. Wenn Severine über sich hinaus wachsen muss und zum Rückschlag ansetzt, bekommt TRUE LOVE WAYS starke Anwandlungen eines Back- woods-Slashers und Regisseur Mathieu Seiler legt die Splatter-Ader offen. TRUE LOVE WAYS bietet interessante Ansätze und den Beweis, dass das deutsche Genre-Kino auf einem guten Weg ist. D Hardy Zaubitzer

Start am 15.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ¢ Filmrauschpalast ¢ Il Kino ¢ Sputnik Kino am Südstern

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THE TRIBE depicts the world of a gang in charge of a prostitution ring at a deaf-mute school. The extremely violent and multiple award winning film is a purely visual experience: it is filmed in Ukrainian sign language and there are no subtitles.

Start am 1.10.2015 ¢ City Kino Wedding, ¢ Filmrauschpalast ¢ Z-inema, 6.10. um 20 Uhr

Séverine is haunted by a reocurring dream that makes her doubt her relationship with her boyfriend. She decides to spent a couple of days alone at the seaside to think everthing over. But instead, she’s got to face her own primal fears.

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INDIEFEATURE

Den Anfang machen Schwarzweissaufnahmen. Jacob Riis hat sie um 1900 gemacht, in den Tenements der Lower East Side von Manhatten, als diese der am dichtesten besiedeltste Ort der Welt waren, bewohnt von Immigranten, in Umständen, die Riis unter dem Titel „How the Other Half Lives“ der Welt als skandalös vor Augen führen wollte. Die Szenen aus Straßen und Wohnungen, Kneipen und Hinterhöfen, Beobachtungen und Portraits, Riis Fotografien, wie auch die große Reportage, deren Teil sie waren, gelten als wegweisender Moment der Herstellung dokumentarischer Beweiskraft. Sie stehen zum einen im Kontext neuer technologischer Möglichkeiten – Blitzfotografie machte Aufnahmen in den oft finsteren Straßen und Räumen erst möglich. Zum anderen gehören sie einer spezifischen Poetik des Realen an, einer frühen Form des investigativen Journalismus in Wort und Bild, der im Arrangement ein Mittel der Wahrheitsfindung erkennt.

So reihen sich in den ersten Minuten von Pedro Costas jüngstem Film HORSE MONEY Riis Standbilder aneinander, erzählen ihre eigene Geschichte von subproletarischem Leben vor 100 Jahren und eröffnen dem Film zugleich einen weiten ästhetischen Bezug. Das scheinbar letzte Bild der Montage-Sequenz ist ein Gemälde, Portrait eines jungen schwarzen Mannes. In das Bild kommt auf einmal Bewegung, die Kamera schwenkt zur Seite, erfasst einen Raum, der an ein Verließ erinnert und folgt einem alten Mann eine Treppe hinab, an deren Ende er ein Eisengitter öffnet und hindurch tritt. Die Szenerie – Figur und Raum, Licht und Schatten – erinnert an den expressionistischen Stummfilm. Der alte Mann heißt Ventura und ist der Held des Films, wie auch schon in COLOSSAL YOUTH (2006) und einigen Kurzfilmen dazwischen. Und wir treten mit ihm ein in einen verzweigten, verwinkelten und verschlossenen Raum erlebter Geschichte.

HORSE MONEY

1997 drehte Pedro Costa den Film OSSOS in Fontainhas, einem heute geschliffenen Slum in Lissabon. Die Erfahrung des Zusammenpralls zweier Welten, eines 35mm Kunst-Kinos mit seiner Apparatur vom Drehbuch bis zur Beleuchtung, und dem Viertel und seinen marginalisierten Bewohnern und Bewohnerinnen, die zum Teil als Laiendarsteller an dem Film mitwirkten, löst eine Bewegung aus, die Costas nachfolgendes Werk maßgeblich prägt und ihn zu einem der wichtigsten Entwürfe eines zeitgenössischen politischen Kinos geführt hat. Eines Kinos, das sich einer einfachen Unterscheidung von fiktional und dokumentarisch entzieht. Costas Filme entstehen seither mit minimalen technischen Mitteln,

Wie aus Steinen geschlagen

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erarbeitet über lange Zeiträume zusammen mit den Protagonisten, aus deren Leben und Geschichten, Erfahrungen und Lebensräumen Bilder geformt werden, wie Skulpturen aus Steinen geschlagen. HORSE MONEY entfaltet sich als eine Folge von Szenen, die in ihrer großen Mehrzahl in verschiedenen institutionellen Settings spielen, zwischen psychiatrischer Anstalt, Krankenhaus und Gefängnis. Ventura und die zweite zentrale Protagonistin des Films, Vitalina, die wie er von den Kapverdischen Inseln in das ehemalige koloniale Mutterland eingewandert ist, erzählen und durchleben Episoden ihres Lebens, rufen die Geister verstorbener und verschwundener Freunde, Gefährten, geliebter Menschen. In der großartigsten Sequenz des Films erzählt ein Song der kapverdischen Band Os Tubaroes, von einer tragischen Liebe in der Arbeitsmigration, während die Kamera eine Reihe von Menschen aus dem sozialen Universum von Ventura und Vitalina porträtiert. Der historische Horizont, der am Anfang anklingt und sich im Verlauf des Films immer mehr konkretisiert, ist die Revolution, die, angestoßen durch einen Aufstand von Teilen des Militärs, 1975 das Ende der Diktatur in Portugal bedeutete. Costa beschreibt in Interviews als einen der zündenden Momente des Films, die Einsicht, dass dieser Moment für ihn selbst und den wenig älteren schwarzen Einwanderer völlig unterschiedliche Erfahrungen zeitigte: Während sich Costa als 13-jährigem Anarchisten plötzlich das ganze Leben eröffnete: Politik, Musik, Literatur und Sexualität, versteckte Ventura sich verängstigt vor den Soldaten. Versuche eine Handlung im klassischen Sinn zu erzählen laufen bei HORSE MONEY in die Leere, zu sehr ist hier das Kollabieren zeitlicher und räumlicher Ordnungen konstitutives erzählerisches Moment. Im Akt der Vergegenwärtigung ist alles Hier und alles Jetzt. Die Atemporalität verbindet sich mit dem tragischen Lamento Venturas über den zirkulären Verlauf des Ausgeschlossenseins: Wir werden weiter aus dem dritten Stock fallen, wir werden uns weiter an den Maschinen verletzen, wir werden weiter Kopfschmerzen und Lungenprobleme haben, wir werden weiter Verbrennungen haben, verrückt werden wegen der Feuchtigkeit an den Wänden unserer Häuser. So werden wir weiter langsam sterben, das ist unsere Krankheit, wenn Du mich nicht zuerst mit deinem Messer tötest, sagt er an einer Stelle. So desorientierend die mitunter phantasmatische Eigenlogik des Films manchmal wirken mag, ist er in einer anderen Hinsicht als eine unmittelbare Form dokumentarischen Kinos lesbar: als sichtbare Spur einer (Zusammen-) Arbeit der Erinnerung, die, um wirksam zu sein, zeitliche und soziale Räume überbrücken muss, ein meisterlicher und emphatischer Akt der Sichtbarmachung. D Sebastian Markt

Originaltitel: Cavalo Dinheiro D Portugal 2014 D 103 min D R: Pedro Costa D B: Pedro Costa D K: Leonardo Simões D D: Tito Furtado, Vitalina Varela D V: Grandfilm

Start am 08.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ¢ Filmrauschpalast

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Fiction and fact, realism and extreme artifice: in HORSE MONEY Ventura and Vitalina, who emigrated from Cape Verde to Portugal, recount episodes of their life and recall the ghosts of their dead friends, companions and loved ones.


INDIEKRITIKEN Originaltitel: Week-ends D Frankreich 2014 D 90 min D R: Anne Villacèque D B: Sophie Fillières, Gilles Taurand, Anne Villacèque D K: Pierre Milon D S: Nelly Quettier D D: Karin Viard, Noémie Lvovsky, Jacques Gamblin, Ulrich Tukur, Aurélia Petit, Iliana Zabeth D V: Kairos Filmverleih

WOCHENENDEN IN DER NORMANDIE

Originaltitel: A Walk in the Woods D USA 2015 D 104 min D R: Ken Kwapis D B: Bill Holderman D K: John Bailey D S: Carol Littleton D D: Robert Redford, Nick Nolte, Emma Thompson, Mary Steenburgen, Nick Offerman, Kristen Schaal D V: Alamode Filmverleih

PICKNICK MIT BÄREN Brummelnde Buddies im Wald

Leben in Ausschnitten

Über 30 Jahre kennen sie sich, seit Jahrzehnten sind sie Nachbarn in ihren Ferienhäusern in der Normandie, die Kinder sind groß geworden, doch hier ändert sich wenig. Die Esel schreien, der Wind weht, Ebbe und Flut wechseln sich ab. Bis eines frühen Morgens Jean abhaut und seine Frau Christine sitzen lässt. Die ist ohnehin neurotisch angespannt, jetzt ist sie völlig durch den Wind. Wut und Verzweiflung und Einsamkeit – können, wollen die Freunde Sylvette und Ulrich da helfen? Andererseits: Hören Christine und Jean eigentlich wirklich auf Sylvette und Ulrich, wollen die sich überhaupt helfen lassen? Wie umgehen mit Jeans neuer Freundin, wie umgehen mit Christines sprunghaften Spleens? Anne Villacèque erzählt episodisch von Wochenenden der Entspannung, in denen sich innere und gegenseitige Spannungen mehr und mehr aufbauen. Die sich dann allerdings gar nicht unbedingt in dramaturgischen Höhepunkten entladen, denn Villacèque erzählt auch ganz unaufgeregt. Wir erhalten nur sporadische Einblicke in das Leben am Wochenende, der normale Alltag wird ausgeblendet und dadurch erhält der Film seine Stärke: Wir sind nur unsichtbare Besucher bei den Wochenenden in der Normandie, lernen die Charaktere kennen, ohne sie je wirklich zu kennen. Die heruntergedimmte Handlung gibt den Darstellern umso mehr Raum. Karin Viard, Noémie Lvovsky, Jacques Gamblin und Ulrich Tukur füllen ihn mit so einem detailreichen, natürlichen Spiel, dass es eine Freude ist, ihnen zuzusehen, bei diesen Ausschnitten aus ihrem Leben, in dem vieles offen liegt – und in dem viele Geheimnisse belassen werden. D Harald Mühlbeyer

Start am 8.10.2015 ¢ Bundesplatz Kino ¢ fsk-Kino am Oranienplatz OMU

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For thirty years couples Christine and Jean and Sylvette and Ulrich have been spending their holidays in their adjoining summer cottages in Normandy. Only the tides seems to change here … until one early morning Jean leaves Christine.

Robert Redford, Nick Nolte und Emma Thompson könnten das Telefonbuch von Mumbai vorlesen und es würde immer noch Spaß machen. PICKNICK MIT BÄREN, nach dem Reiseroman von Bill Bryson, ist besser geschrieben und hat wesentlich mehr Pointen, die mit perfektem Timing abgeschossen werden. Bryson (Redford) ist hier ein brummeliger älterer Reiseschriftsteller, der schon länger nichts mehr geschrieben hat und sich mit seiner reizenden Frau (Thompson) eigentlich zur Ruhe setzen könnte. Bryson hasst allerdings soziale Verpflichtungen und verhält sich bei solchen Ereignissen nicht immer geschickt. Auf den Satz „Ich freue mich, dass ihr gekommen seid“ kann man zwar an sich ohne Weiteres „War uns ein Vergnügen“ antworten, aber nicht auf einer Beerdigung. Als Bryson in den Wald hinter seinem Haus geht, um alleine ein wenig vor sich hin zu brummeln, entdeckt er einen Wanderweg, der als „Appalachian Trail“ beschildert ist. Redford spielt den erwachenden Abenteuergeist mit seiner typischen, selbstverständlich wirkenden Fokusverschiebung: Der Blick wird etwas schärfer, der Mund etwas schmaler, in Kürze wird die Bank geknackt, das Pferd geheilt, das Boot noch einmal flott gemacht. Schnell fällt die Entscheidung, diesen Appalachian Trail, der 3300 Kilometer über die Bergkette im Osten der USA führt, von Georgia bis nach Maine herunterzuwandern. Als Wanderpartner findet Bryson nur seinen alten Schulfreund Katz (Nolte), einen trockenen Alkoholiker, der guten Grund hat, in die Wildnis zu verduften und noch tiefer brummeln kann als Bryson. Ihre Begegnungen mit Bären, Nervensägen, Sport-Fuzzis, Schnee und Regen sind höchst amüsant, die unvermeidbare Sinnstiftung wird lässig überspielt, denn vor allem geht es in diesem harmlosen Buddy-Movie darum, dem gealterten Sundance Kid und einem guten Butch Cassidy-Ersatz dabei zuzusehen, wie sie versuchen, keine nassen Füße zu bekommen. D Tom Dorow

Start am 15.10.2015 ¢ filmkunst66 ¢ Union Filmtheater DF

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ab 29.10.

Bill Bryson (Robert Redford), retired author of travel guides and his best friend Katz (Nick Nolte) an alcoholic out of shape, decide to walk the Appalachian Trail.

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INDIEKRITIKEN Originaltitel: Il gesto delle mani D Italien 2014 D 80 min D R: Francesco Clerici D B: Francesco Clerici, Martina De Santis D K: Francesco Clerici D S: Francesco Clerici D M: Claudio Gotti D V: drei-freunde Filmverleih

SCULTURA – HAND. WERK. KUNST. Die Gesten der Hände beim Bronzegießen

Bei „Skulptur“ denkt man meist an ein fertiges Kunstwerk und bei dessen Entstehung vielleicht an den ursprünglichen künstlerischen Entwurf. Im Dokumentarfilm SCULTURA wird entgegen solcher vom Titel geweckten Erwartungen ganz konkret der Prozess der Herstellung einer Bronzeplastik geschildert. Ausgehend vom Modell in Wachs über die verschiedenen Stadien der Gussformerzeugung, des Gießens und Nachbearbeitens folgt die filmische Erzählung wie einem roten Faden einer Skulptur von Velasco Vitali, der in Italien berühmt ist für seine Hundeplastiken. Die vielschichtige Tonmischung stellt hierbei durch Geräusche aus dem Off schon Arbeitsschritte akustisch in den Raum, bevor sie im Blickfeld sind. Dabei enthält sich der Film jeglichen erklärenden Kommentars. Auch die Handwerker der Fonderia Artistica Battaglia sprechen selten während ihrer ruhigen, konzentrierten Arbeit. Allein aus der Beobachtung ihrer routinierten Gesten ergibt sich ein Gefühl für die Kunstfertigkeit, die für das Vollenden einer Bronze vonnöten ist. Das jahrtausendealte Verfahren des Bronzegießens wird von jeher durch Zuschauen erlernt. Daran knüpft Regisseur Francesco Clerici mit seinem zurückhaltenden und dennoch nahen Blick an. Archivmaterial aus derselben Gießerei in den 60er Jahren unterstreicht die Beständigkeit des beobachteten handwerklichen Vorgehens. Zugleich entwickelt sich durch die Rücksprünge eine Ahnung davon, dass in einem filmischen Zeitzeugnis, wie es SCULTURA ist, immer auch der drohende Verlust des Dargestellten mitschwingt. Was früher alltägliche und damit fast unsichtbare Handgriffe waren, wird nun aufgezeichnet, weil es zu verschwinden droht. Clericis Respektsbekundung für eine rar werdende Handwerkskunst wurde übrigens selbst gewürdigt – mit dem Preis der Kritiker auf der 65. Berlinale. D Anna Stemmler

Start am 22.10.2015 ¢ fsk-Kino am Oranienplatz

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SCULTURA observes the process involved in creating one of the Italian artist Velasco Vitali’s dog sculptures – from the wax model to the manufacturing of the casting mold, and finally, to the casting of the sculpture.

Originaltitel: A Royal Night Out D Großbritannien 2015 D 97 min D R: Julian Jarrold D B: Trevor De Silva, Kevin Hood D K: Christophe Beaucarne D S: Luke Dunkley D M: Paul Englishby D D: Emily Watson, Rupert Everett, Sarah Gadon, Jack Reynor, Jack Laskey D V: Concorde Filmverleih

A ROYAL NIGHT – EIN KÖNIGLICHES VERGNÜGEN Die Queen allein unterwegs

Die Queen. Wer verkörpert den Nimbus weihevoller Würde und unnahbarer Aristokratie wie sie? Doch auch Elisabeth, der Windsor-Spross, war einmal jung: Am 8. Mai 1945 feiert ganz London. Auch die Prinzessinnen Elisabeth und Margaret trotzen ihren Eltern ab, mal nachts lang aufzubleiben, eine Party zu feiern, den Lindy Hop zu tanzen – man gewinnt nicht alle Tage einen Weltkrieg. Dumm nur, dass die Prinzessinnen irgendwann in verschiedenen Bussen sitzen. Dass eine Unmenge an Menschen auf dem Trafalgar Square unterwegs ist. Und dass London mehr als die vornehmen Etablissements zu bieten hat, die für die standesgemäßen Feierlichkeiten vorgesehen sind … Es ist historisch gesichert, dass Elisabeth und Margaret am V-Day nicht im Buckingham Palace feierten: „Dass die Geschichte wahr ist, macht sie nur noch faszinierender“, meint Regisseur Julian Jarrold. „Allerdings wissen wir nicht genau, was damals passiert ist. Deshalb haben wir die Ereignisse mit ein wenig Phantasie weitergesponnen.“ Und dieses Zusammengesponnene, das entwickelt sich zu einer schönen Romanze der Inkognito-Thronfolgerin mit dem unehrenhaft entlassenen Arbeiterjungen Jack, die sich auf der Suche nach Margaret und verfolgt von der Militärpolizei näher kommen. Wie hanebüchen das ist, weiß der Film selbst, und er setzt die Unwahrscheinlichkeiten subtil ironisch für seine Komik ein. In abstrusen Situationen wird das Spiel um Geheimnisse und Verwechslungen gespielt, mit einer wunderbaren Leichtigkeit, die sich bewusst abhebt von dem Image der so zurückhaltenden, huldvollen Queen – die hier ganz ausgelassen und lebendig gezeichnet wird. D Harald Mühlbeyer

Start am 1.10.2015 ¢ Eva Lichtspiele ¢ filmkunst66 DF

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It is a historical fact that the young princesses Elisabeth and Margaret didn’t spent V-Day at Buckingham Palace. The romance that A ROYAL NIGHT depicts on that night is pure rumbustious invention.

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INDIEKRITIKEN Deutschland/Polen 2015 D 100 min D R: Michal Rogalski D B: Michal Rogalski D K: Jerzy Zielinski D S: Milenia Fiedler D M: Alexander Hacke D D: André Hennicke, Steffen Scheumann, Gerdy Zint, Jonas Nay, Filip Piotrowicz D V: farbfilm Verleih

UNSER LETZTER SOMMER Jazzplatten und moralische Ambivalenz

Ostpolen, 1943. Der siebzehnjährige Deutsche Guido ist Rekrut eines Wachbataillons, das eine Bahnstrecke sichern soll. Eigentlich ein Etappenposten, auf dem er den Krieg ruhig überstehen zu können glaubt. Der Pole Romek ist genauso alt und Heizer, wäre aber lieber Lokomotivführer auf der Warschau-Strecke. Die sechzehnjährige Bauerntochter Franka hat eine Anstellung als Küchenhilfe im deutschen Posten bekommen. Zwischen den Dreien entwickelt sich eine gefährliche Dreiecksbeziehung. Michal Rogalskis Film UNSER LETZTER SOMMER, eine polnisch-deutsche Koproduktion, zeichnet seine Hauptpersonen als Menschen, die weder besonders gut, noch besonders böse sind, sondern zu beidem fähig scheinen. Guidos Begeisterung, als er Romek und Franka dabei überrascht, wie sie Jazzplatten hören, scheint so aufrichtig wie sein Anspruch auf eine Romanze, aber wie sehr er damit alle anderen und sich selbst gefährdet, und wie sehr er seine Machtposition ausnutzt, ist ihm nicht klar. Romek schwärzt den Geliebten seiner Mutter, der zugleich sein Vorgesetzter ist, wegen Diebstählen und Plünderei an, dabei durchwühlt auch er selbst Jacken, Mäntel und Koffer, die neben einer Bahnstrecke liegen, deren Ziel nie in Zweifel steht. Andererseits hilft er, wenn auch zunächst widerwillig, einer jungen Jüdin, die er verletzt neben der Bahnstrecke findet. Die moralische Ambivalenz der Figuren ist ein Motiv von Rogalskis Film, der Gegensatz zwischen der idyllischen Natur, dem Anspruch der jungen Leute auf privates Glück einerseits und der Realität des Kriegs und der Naziherrschaft andererseits. An diesem ländlichen Nebenschauplatz erscheinen die großen Verwüstungen nur in Form von Zeichen und Andeutungen. Man glaubt, sich arrangieren zu können. Wie falsch das ist, zeigt sich am Ende des Films. D Hannes Stein

Start am 22.10.2015 , ¢ Hackesche Höfe Kino am 23.10. um20 Uhr in Anwesenheit des Filmteams OMU

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Poland 1943. In the midst of war four young people find each other. Romek and Franka are Polish locals, Guido is a German soldier who loves jazz and Bumia is an escaped Jewish girl. In the remote countryside they allow themselves to dream of private happiness.

Deutschland 2015 D 91 min D R: Ismail Sahin, Oona-Devi Liebich D B: Ismail Sahin, OonaDevi Liebich D K: Edwin Krieg D S: Robert Hauser, Ismail Sahin D M: Robin Schlochtermeier D D: Frank Auerbach, Julia Dietze, Matthias Brenner, Ismail Sahin, Oona-Devi Liebich, Marianne Schubart-Vibach D V: Macchiato Pictures

NICHT SCHON WIEDER RUDI! Ungewöhnlicher Blick auf Demenz

In Filmen wie STILL ALICE und HONIG IM KOPF hat sich das Kino zuletzt mit Demenzerkrankungen beschäftigt. Dass es auch in der Komödie von Ismail Sahin und Oona-Devi Liebich um das ernste, in der öffentlichen Wahrnehmung immer präsentere Thema geht, weiß der Film zunächst gut zu verschleiern. Ein fülliger, bärtiger Mann steigt da eines regnerischen Morgens in seinen Volvo, um mit drei weiteren Männern zu einem Angelausflug aufzubrechen. Der gemächliche Sprachduktus der Vier, kongeniale Musik, Männergespräche an einem pittoresken See, die Bierflasche immer in Reichweite: Als Kinobesucher stellt man sich zunächst auf ein behäbiges Wochenende unter Kerlen ein, aufgelockert vielleicht hie und da durch an amerikanische Buddy-Movies gemahnende Gags. Irgendwann erzählt dann der Älteste, Klaus, von seinem verstorbenen Hund, der ihm beigebracht habe, was Treue bedeutet. „Rudi war ein toller Hund!“. Nach einem Unfall mit einer Badeschaukel ist am nächsten Morgen alles anders: Klaus ist nun davon überzeugt, dass Rudi noch lebt, und sein bester Freund, Bernd, will Klaus auch in dem Glauben lassen. Also macht sich das Quartett auf die Suche nach Rudi. Sukzessive stellt sich heraus, dass Klaus ein Problem mit dem Gedächtnis hat; mal lebt Rudi für ihn, mal ist er tot, mal erkennt er gar einen der Männer nicht. NICHT SCHON WIEDER RUDI! ist ein eigensinniger, teils schrulliger Film. Sein spezieller Humor aber und der gelassene Erzählton ermöglichen einen besonderen, einen erfrischenden Zugang zum Thema. Beeindruckend, was dieser Film, in dem nicht ein Mal das Wort „Demenz“ fällt, über Bilder erzählt. In einer so lustigen wie subtil komponierten Einstellung sitzt der verwirrte Klaus, angetan nur mit Unterwäsche, auf einer Mauer, drei Männer zu seinen Füßen. Es sind Nonsens-Momente dieser Art, die etwas sehr Befreiendes haben. D Matthias von Viereck

Start am 15.10.2015 ¢ City Kino Wedding, am 18.10. um 18 Uhr in Anwesenheit des Regieteams* ¢ Eva Lichtspiele, am 15.10. um 20.15 Uhr in Anwesenheit des Regieteams* ¢ Sputnik Kino am Südstern, am 16.10. in Anwesenheit des Regieteams* *Ismael Sahin und Oona Devi-Liebich

NICHT SCHON WIEDER RUDI! looks like a buddy movie about four men on a weekend trip in the beginning. Later on it turns out that one of them suffers from the onset of dementia.

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INDIEFEATURE

INDIEKRITIKEN

Originaltitel: Le dernier loup D Frankreich 2015 D 120 min D R: Jean-Jacques Annaud D B: Jean-Jacques Annaud D K: Jean-Marie Dreujou D S: Reynald Bertrand D M: James Horner D D: Shawn Dou, Shaofeng Feng D V: Wild Bunch Germany

DER LETZTE WOLF

Epische Steppenbilder und niedliche Wolfswelpen

Deutschland/Frankreich 2015 D 100 min D R: Tom Sommerlatte D B: Tom Sommerlatte D K: Willi Böhm D S: Anna Kappelmann D D: Sebastian Fräsdorf, Alice Pehlivanyan, Karin Hanczewski, Godehard Giese, William Peiro D V: Kinostar Filmverleih

IM SOMMER WOHNT ER UNTEN Unterspannter Rumhänger unter Druck

Schon mit dem Eröffnungsbild verortet der Franzose Jean-Jacques Annaud (SIEBEN JAHRE IN TIBET) den Wolf als mythologisches Wesen, wenn ein stolzer Vertreter der Spezies in einer sternenklaren Nacht zum Geheul ansetzt. Das ikonische Bild deutet an, dass es Annaud im Folgenden weniger um einen dokumentarisch profunden Einblick ins Leben der Wölfe geht, sondern vielmehr um eine märchenhaft aufgeladene Geschichte über das Bild, das sich Menschen vom Wolf machen – und um die Darstellung der Schönheit und Eleganz dieser Wildtiere. Dass Annaud in seiner Adaption die politische Dimension des chinesischen Bestsellers „Der Zorn der Wölfe“ von Jiang Rong weitgehend außen vor lässt, ergibt sich auch aus der grundsätzlichen Stoßrichtung des 3D-Abenteuers und ist nicht unbedingt nur darauf zurückzuführen, dass die 40-Millionen-Dollar-Produktion mit chinesischen Geldern finanziert wurde: Im Jahr 1967, also mitten in der chinesischen Kulturrevolution, reist der Student Chen Zhen als Kulturvermittler in die Innere Mongolei. Hier lernt Chen die Lebensweise der Nomaden schätzen und entwickelt eine starke Faszination für die Wölfe, deren Lebensraum in der Steppe durch menschliche Eingriffe bedroht ist. Als aus Peking die Order kommt, den Wolfsbestand drastisch zu reduzieren, rettet Chen einen der Welpen und zieht ihn heimlich auf. Seine Schauwerte bezieht DER LETZTE WOLF vor allem aus den opulenten Aufnahmen der eigens für die Dreharbeiten trainierten Wölfe und der Weite der mongolischen Landschaft. Von Annauds Kameramann Jean-Marie Dreujou (ZWEI BRÜDER) in großen Panoramen eingefangen und vom im Juni verstorbenen Komponisten James Horner episch untermalt, wird sie zu einem eigenen Protagonisten des Films. Die visuelle Kraft des Abenteuerfilms ist es letztlich auch, die den einen oder anderen erzählerischen Lapsus verschmerzen lässt. D Christian Horn

Start am 29.10.2015 + ¢ b-ware!ladenkino ab November DF ¢ filmkunst66 ¢ Hackesche Höfe Kino OMU DF

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Jacques Annaud’s Adaptation of the Chinese bestseller “The Wolf Tuteng” focuses on epic tundra landscapes and cute wolf cubs.

Der Schauspieler Tom Sommerlatte inszeniert in seinem ersten Spielfilm, einer sehr sommerlichen und souveränen Komödie, ein heiteres Familiendrama mit vielen netten Details. Der unterspannte Rumhänger Matthi (Sebastian Fräsdorf) ist ganzjährig in das Ferienhaus seiner gut betuchten Eltern in Südfrankreich gezogen. Hier wohnt er mit seiner französischen Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) und ihrem fünfjährigen Sohn Etienne, für den er inzwischen eine Art Vaterfigur darstellt. Es ist Sommer und in der Landhaus-Blümchentapeten-Idylle scheint, abgesehen von ein bisschen Pärchengeplänkel, alles in Butter. Dann taucht Matthis überspannter Banker-Bruder David (Godehard Giese) mit seiner Frau Lena (Karin Hanczewski ) eine Woche früher als vereinbart auf und in kürzester Zeit sind alle sehr genervt: David hatte sich auf einen ruhigen Urlaub gefreut und nicht mit Kindern gerechnet, Matthi fühlt sich von allen wie immer unter Druck gesetzt und Camille, die entdeckt, dass Matthi ihren Sohn offenbar weder seiner Familie gegenüber erwähnt hat noch jetzt bereit ist, ihn zu verteidigen, ist auf Ärger aus. Lena dagegen möchte es allen recht machen, was dann wieder allen auf die Nerven geht. So geht es weiter, mit kleinen Spitzen, wechselnden Bündnissen, mittleren Katastrophen und größeren Enthüllungen. Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil Sommerlatte die Macken seiner Protagonisten in den Kleinigkeiten punktgenau inszeniert und ein ausgezeichnetes Gespür für Paardialoge hat, die sich in Sekunden von genervt zu amüsiert oder von vertraut zu ablehnend entwickeln können. Vor allem Sebastian Fräsdorf als Matthi arbeitet darüber hinaus mit einer feinen Köperkomik, wenn er sich beispielsweise mitsamt Luftmatratze in den Pool fallen lässt und dort erstmal, von den ganzen Ansprüchen der höherenergetischen Anwesenden ermattet, in sich zusammen fällt. D Toni Ohms

Start am 29.10.2015 ¢ Sputnik Kino am Südstern ¢ Hackesche Höfe Kino OMU

Layabout Matthi has moved into his rich parents’ holiday cottage with his girlfriend and her son in the South of France. Tensions rise when his brother turns up to spent his holidays in the house, in this very well observed summer comedy.

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INDIEKRITIKEN

HOMESICK

AL WADI – THE VALLEY

Die Cellostudentin Jessica bezieht mit ihrem Freund, dem jungen Physiotherapeut Lorenz, die erste gemeinsame Wohnung. Die schöne neue Welt beginnt allerdings Risse zu bekommen, als Jessica immer verbissener für einen bevorstehenden Musikwettbewerb probt. Unter dem Druck entgleitet ihr zusehends die Realität: Sie fühlt sich von einem älteren Nachbars-Ehepaar beobachtet und kontrolliert, nahe Bekannte scheinen hinter ihrem Rücken über sie zu tuscheln, weder die gut meinenden Eltern noch der besorgte Freund erscheinen zuverlässig.

Ein Mann, der behauptet nach einem Autounfall das Gedächtnis verloren zu haben, wird widerwillig von einer seltsam familienähnlichen, aber schwer bewaffneten Kommune im libanesischen Beka-Tal aufgenommen. Das eigentliche Geschäft der Gruppe ist die Produktion neuartiger Drogen. Regisseur Ghassan Salhab bewegt sich mit AL WADI zwischen verschiedenen Genres und Stilen, Thriller und Endzeitdrama, Bergman und Godard, um seine Allegorie eines permanent vom Krieg bedrohten Landes zu entfalten.

Start am 15.10.2015 ¢ City Kino Wedding, 15.10. um 20.30 Uhr Pemiere mit Streichquartett

Deutschland 2015 D 98 min D R: Jakob M. Erwa D D: Lutz Blochberger, Hermann Beyer, Tatja Seibt, Ralph Kretschmar, Matthias Lier, Karim Cherif, Esther Maria Pietsch, Eric Bouwer, Janusz Cichocki

Start am 22.10.2015 ¢ Filmrauschpalast

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Deutschland/Frankreich/Libanon/Katar/ Vereinigte Arabische Emirate 2014 D 135 min D R: Ghassan Salhab D D: Carol Abboud, Fadi Abi Samra, Carlos Chahine, Mounzer Baalbaki, Yumna Marwan, Aouni Kawas, Rodrigue Sleiman, Ahmad Ghossein

GUIDELINES – LA MARCHE À SUIVRE

FAMILIENFEST

Der kanadische Dokumentarfilmer Jean-Francois Caissy hat Problemschüler einer Oberschule im ländlichen Quebec bei Gesprächen mit ihren Lehrern und Sozialpädagogen gefilmt. Es geht um Drogenmissbrauch, Rüpeleien, Schulschwänzen. Die Autoritäten sieht man dabei meist nicht, der Blick der Kamera ruht auf den Delinquenten, und sieht ihnen wohlwollend dabei zu, wie sie versuchen, ihr idiotisches Verhalten zu erklären. Zusammen mit Bildern der Jugendlichen in ihrer Freizeit entsteht ein Eindruck eines seltsamen Lebensabschnitts.

Der Geburtstag eines Pianisten führt zum Aufeinandertreffen der betulichen aktuellen Frau des Meisters, seiner drei Söhne – einer ein verschuldeter Hallodri, einer ein schwuler Lehrer, einer ein netter Journalist – mitsamt ihren Partnerinnen und der Ex-Gattin des Jubilars, einer flamboyanten Alkoholikerin. Es gibt reichlich komische Konflikte, bevor sich herausstellt, dass einer der Söhne nicht mehr lange zu leben hat. Die exzellente Besetzung und Lars Kraumes souveräne Regie machen aus der altbackenen Konstruktion einen ganz charmanten Film.

Kanada 2014 D 76 min D R: Jean-Francois Caissy

Start am 8.10.2015 ¢ fsk-Kino am Oranienplatz

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OMU

Start am 15.10.2015 ¢ Bundesplatz Kino ¢ Eva Lichtspiele

Deutschland 2015 D 96 min D R: Lars Kraume D D: Hannelore Elsner, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Jördis Triebel, Lars Eidinger, Günther Maria Halmer, Michaela May

TERMINE UNTER WWW.INDIEKINO.DE


KLEINE ZIEGE, STURER BOCK Viel Zeit hat Jakob (Wotan Wilke Möhring) nicht, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass er Vater einer zwölfjährigen Tochter ist, denn kurz nach dem Anruf seiner Exfreundin Julia steht Mai (Sofia Bolotina) auch schon vor ihm. Weil Jakob gerade einen lukrativen Job angenommen hat, für den er einen widerwilligen Schafbock in einem klapprigen Kastenwagen bis nach Norwegen transportieren muss, entschließt er sich kurzerhand dazu, Mai auf die lange Fahrt mitzunehmen, und sich unterwegs seiner Rolle als Vater anzunähern …

BURGHART KLAUSSNER RONALD ZEHRFELD „Politik, Geschichte und Emotionen ergeben hier eine Kombination, die man sehen muss.“ BLICKPUNKT:FILM

EIN FILM VON Deutschland 2015 D 107 min D R: Johannes Fabrick D D: Wotan Wilke Möhring, Wanda Perdelwitz, Tilo Prückner, Julia Koschitz, Sofia Bolotina, Karin Heine

Start am 15.10.2015 ¢ filmkunst66

BLACK MASS Nach jahrzehntelangen Auftritten als Keith-Richard-Imitator versucht sich Johnny Depp noch einmal als Schauspieler, offenbar mit Erfolg. In BLACK MASS gibt er James „Withey“ Bulger, Bostoner Gangsterboss zwischen 1974 und 1996, der mit dem FBI kollaborierte, um die italienische Mafia aus dem Weg zu räumen. Die internationale Kritik lobt Depps energische Darstellung, der „Hollywood Reporter“ vergleicht BLACK MASS mit CITIZEN KANE und THE GODFATHER.

Start am 15.10.2015 ¢ Hackesche Höfe Kinos

OMU

USA 2015 D 122 min D R: Scott Cooper D D: Johnny Depp, Kevin Bacon, Benedict Cumberbatch, Joel Edgerton, Dakota Johnson

LARS KRAUME AB 1. OKTOBER IM KINO WWW.DERSTAATGEGENFRITZBAUER.DE


WEITERINDIEKINO

MAGIE DER MOORE

45 YEARS

In DAS GRÜNE WUNDER – UNSER WALD widmete sich Jan Haft dem Wald, nun nimmt er eine andere einheimische Landschaft unter die Lupe: Das Moor. Es geht um bekannte Lebewesen wie Elche und Rebhühner, und um solche, die meistens unbemerkt bleiben wie Insekten, Sporen und Gräser. Mit rasanten Zeitrafferaufnahmen, ansonsten aber angenehm viel Platz für die einzelnen Protagonisten vermittelt MAGIE DER MOORE einen Eindruck vom optimal aufeinander abgestimmten Zusammenleben der Arten im Mikrokosmos Moor.

Geoff Mercer (Tom Courtenay) ist ein pensionierter Ingenieur, überzeugter Linker und Gewerkschafter, Tory- und New Labour-Hasser, ein gealterter, aber immer noch wütender Rebell. Seine Frau Kate (Charlotte Rampling) ist eine beherrschte, organisierte, selbstbewusste Dame, die gerade die Feier zum 45. Hochzeitstag des Paares vorbereitet. Als Geoff die Nachricht erhält, dass seine bei einer Bergwanderung vor 45 Jahren verunglückte Verlobte Katya im Eis einer Gletscherspalte eingefroren gefunden worden ist, gerät die eingespielte Welt des Paares ins Wanken.

¢ Acud Kino ¢ Union Filmtheater

Deutschland 2015 D 90 min D R: Jan Haft

¢ b-ware!ladenkino DF + OMU ¢ Bundesplatz Kino DF + OMU ¢ City Kino Wedding DF + OMU ¢ fsk-Kino am Oranienplatz OMU ¢ Hackesche Höfe Kino OMU ¢ Sputnik Kino am Südstern DF + ¢ Union Filmtheater DF

Großbritannien 2015 D 93 min D R: Andrew Haigh D D: Charlotte Rampling, Tom Courtenay, Geraldine James, Dolly Wells, David Sibley

OMU

10 MILLIARDEN

CAN’T BE SILENT

45 YEARS

CODENAME U.N.C.L.E.

¢ Bali Kino

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AM ENDE EIN FEST ¢ b-ware!ladenkino, City Kino Wedding, Eva Lichtspiele, Hackesche Höfe Kino, Union Filmtheater

HOW TO CHANGE THE WORLD

AMY

Die spielerisch als Leitfaden zur Rettung der Welt aufgemachte Doku erzählt von der Anfangszeit von Greenpeace und der Initialzündung der Bewegung, als eine hippieske Truppe um Bob Hunter sich aufmachte, einen US-Atombombentest vor Alaska zu stoppen. Archivbilder und Interviews verdeutlichen, dass der Erfolg der Truppe schon damals ohne die Wirkmacht der Massenmedien nicht möglich gewesen wäre. Die zweite Hälfte des Films beleuchtet die internen Zerwürfnisse, die die unkontrollierte Expansion von Greenpeace mit sich brachte.

B-MOVIE: LUST AND SOUND IN WEST BERLIN

¢ b-ware!ladenkino OMU ¢ Bali Kino OMU ¢ City Kino Wedding OMU

Kanada/Großbritannien 2015 D 109 min D R: Jerry Rothwell

¢ b-ware!ladenkino, Union Filmtheater

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BROADWAY THERAPY

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CALIFORNIA CITY ¢ Bali Kino

¢ City Kino Wedding

¢ Union Filmtheater

ES IST SCHWER EIN GOTT ZU SEIN ¢ b-ware!ladenkino, Filmrauschpalast

EVEREST

¢ Union Filmtheater

FACK JU GÖHTE 2 ¢ Eva Lichtspiele, Union Filmtheater

GEFÜHLT MITTE ZWANZIG ¢ Hackesche Höfe Kino

GIOVANNI SEGANTINI – MAGIE DES LICHTS ¢ Acud Kino, Bali Kino, Eva Lichtspiele

A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT ¢ Il Kino

D 28

D OKTOBER 2015


„Bildgewaltig“

HONIG IM KOPF ¢ Bali Kino

HOW TO CHANGE THE WORLD

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I WANT TO SEE THE MANAGER ¢ Bali Kino, Hackesche Höfe Kino

ICH UND KAMINSKI ¢ Hackesche Höfe Kino, Sputnik Kino

KLEINE GRAUE WOLKE ¢ Eva Lichtspiele

DIE KLEINEN UND DIE BÖSEN ¢ Acud Kino

KNIGHT OF CUPS

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KÖNIGIN DER WÜSTE

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L’ CHAIM – AUF DAS LEBEN! ¢ Eva Lichtspiele, Sputnik Kino am Südstern

LIFE

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LIMBO

¢ fsk-Kino am Oranienplatz, Hackesche Höfe Kino

MAGIE DER MOORE ¢ Acud Kino, Union Filmtheater

DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN ¢ b-ware!ladenkino

MORD IN PACOT ¢ Hackesche Höfe Kino

NICHT ALLES SCHLUCKEN ¢ Bali Kino

PEDAL THE WORLD

RICKI – WIE FAMILIE SO IST

„Beeindruckend“

„Sehenswert“

VARIETY

STERN.DE

KINO-ZEIT.DE

GEWINNER

BESTES DREHBUCH

THE MONTREAL WORLD FILM FESTIVAL

¢ Union Filmtheater

INTERNATIONALE HOFER FILMTAGE

DAS SALZ DER ERDE

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SEARCHING FOR SUGAR MAN ¢ Sputnik Kino am Südstern

DER SOHN DER ANDEREN ¢ Hackesche Höfe Kino

DER SOMMER MIT MAMA

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STELLA

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STRAIGHT OUTTA COMPTON

FILIP PIOTROWICZ GERDY ZINT

URSZULA BOGUCKA EIN FILM VON

MICHAL ROGALSKI

JONAS NAY ANDRÉ M. HENNICKE

AB 22. OKTOBER IM KINO

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WWW.UNSERLETZTERSOMMER.DE

TANGO PASIÓN

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TAXI TEHERAN

Karin Viard

¢ Hackesche Höfe Kino

¢ Bali Kino

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VICTORIA

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Jaques Gamblin

Ulrich Tukur

n e d n e n e h c o W Normandie

THULETUVALU DER VATER MEINER BESTEN FREUNDIN

Noémie Lvovsky

ín der

DIE YES MEN – JETZT WIRD’S PERSÖNLICH

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YOU AND I ¢ Xenon Kino

PRIVATE REVOLUTIONS – JUNG, WEIBLICH, ÄGYPTISCH ¢ Eva Lichtspiele

Ein Film von Anne Villacèque Aurélia Petit · Iliana Zabeth · Paul Bartel · Philippe Rebbot · Aurore Broutin · Laure Calamy · Marc Bodnar · Jeanne Ruff · Gisèle Casadesus

ab 8. Oktober im fsk-Kino und im Kino Bundesplatz Buch Anne Villacèque und Sophie Fillières Kamera Pierre Milon · Schnitt Nelly Quettier · Produzent Nicolas Blanc Eine Ex Nihilo Koproduktion in Assoziation mit Sofitvciné und Cinémage 6 Canal+,, Ciné+ und Région Haute-Normandie gefördert von Canal+

www.kairosfilm.de

( AktıvDruck Göttingen 0551/6 70 65 · grafik@aktivdruck.com

¢ City Kino Wedding


INDIEKINDER Deutschland 2013 D 97 min D R: Arend Agthe D B: Arend Agthe, Bettina Kupfer D K: Thomas Benesch D D: Henriette Heinze, Nicolaus von der Recke, Sophie Lindenberg, Claes Bang, Abi Kitzl, Bettina Kupfer D V: MFA+ Filmdistribution

KINDERFILME A–Z DIE ABENTEUER DES HUCK FINN (2012) D 2012 D R: Hermine Huntgeburth D 102 min, FSK: 6

Um sein Vermögen vor dem versoffenen Vater zu schützen macht sich Huck auf die Flucht. An seiner Seite ist der geflüchtete Sklave Jim. ¢ Bali Kino

ALLES STEHT KOPF

USA 2015 D R: Pete Docter, Ronaldo Del Carmen D 94 min, FSK: oA

RETTET RAFFI!

Mit dem Charme des echten Hamsters Der 8-jährige Sammy liebt seinen Goldhamster Raffi – und Raffi liebt Sammy. Das flauschige Nagetier ist das Abschiedsgeschenk von Sammys Vater, der Abstand von seiner Familie sucht und als Arzt nach Afghanistan geht. Doch dann werden Sammy und Raffi jäh auseinander gerissen: Ein Gauner klaut das Familienauto und somit auch Raffi, dessen Käfig nach einer Tierarzt-Operation auf der Rückbank steht. Der schüchterne Sammy sucht in ganz Hamburg nach seinem tierischen Kumpel, der in der Zwischenzeit einige turbulente Abenteuer besteht. Der Kinderfilmregisseur Arend Agthe ist vor allem für seinen 80er-Jahre-Klassiker FLUSSFAHRT MIT HUHN bekannt. Mit RETTET RAFFI! verfilmt Agthe nun das gleichnamige Kinderbuch, das er gemeinsam mit Bettina Kupfer geschrieben hat. Die Adaption des „Hamsterkrimis“ arbeitet in typischer Kinderfilm-Manier mit überzeichneten Figuren und liefert altersgerechte Unterhaltung mit einer eigenwilligen Musikgestaltung. Zwei Handlungsstränge stellen die Erlebnisse von Sammy und Raffi gleichberechtigt nebeneinander. Die Perspektive des Jungen rückt neben der tiefen Freundschaft zu Raffi die zerrüttete Familie in den Mittelpunkt. Die Mama hat ihre liebe Not, das Familienchaos ohne den ausgebüxten Papa zu stemmen, während Sammys pubertierende Schwester Molly in ihrer eigenen Welt lebt. Die Herzen fliegen indes dem titelgebenden Nager zu, der es in einer rasanten Sequenz mit einer Hafenkatze zu tun bekommt und anschließend in die Elbe platscht, oder durch einen irrwitzigen Zufall zum Star einer Fernsehshow aufsteigt. Die kreativen Hamster-Szenen, bei denen die Kamera oft knapp über dem Boden filmt, kommen fast komplett ohne Computereffekte aus. Dem entwaffnenden Retro-Charme der echten Hamster ist es wohl auch zu verdanken, dass RETTET RAFFI! den Publikumspreis beim diesjährigen Kinderfilmfest in München gewinnen konnte. D Christian Horn

Start am 22.10.2015 ¢ b-ware!ladenkino ¢ Bundesplatz Kino ¢ Eva Lichtspiele ¢ Sputnik Kino am Südstern

D 30

D OKTOBER 2015

8 year old Sammy and his hamster Raffi are best friends. When the family car is stolen, Raffi disappears with it. While Sammy searches Hamburg for his pet, Raffi has exciting adventures in the big city.

Im Kopf der 11-jährigen Riley hat eigentlich Joy, die für die Freude zuständig ist, das Sagen. Aber als die Familie umzieht und Riley Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung hat, werden die anderen Emotionen aufmüpfig. ¢ b-ware!ladenkino ¢ Eva Lichtspiele ¢ Sputnik Kino am Südstern

ANTBOY 2 – DIE RACHE DER RED FURY Deutschland/Dänemark 2014 D R: Ask Hasselbalch D 79 min, FSK: 6, empfohlen ab 9

Neue Abenteuer warten auf Pelle aka Antboy. Diesmal muss er es mit den Terror-Zwillingen und der geheimnisvollen Red Fury aufnehmen. ¢ b-ware!ladenkino

„Panama“ vorbeischwimmt, die nach Bananen duftet … ¢ Bali Kino

KÄPT’N SÄBELZAHN UND DER SCHATZ VON LAMA RAMA

Norwegen 2014 D R: John Andreas Andersen, Lisa Marie Gamlem D 97 min, FSK: oA

Käpt’n Säbelzahn, der Waisenjunge Pinky und das Mädchen Raven machen sich auf nach Lama Rama, um den Schatz von König Rufus zu heben. ¢ b-ware!ladenkino

KINDERFILM DES MONATS: WINNETOUS SOHN Deutschland 2015 D R: André Erkau D 91 min, FSK: oA, empfohlen ab 8

Der zehnjährige Max war schon immer ein großer Indianer. Dann hat er die Chance, bei den Karl-May-Festspielen vorzusprechen … ¢ Bali Kino ¢ Bundesplatz Kino ¢ Eva Lichtspiele ¢ Sputnik Kino ¢ Union Filmtheater ¢ Xenon Kino Alle Termine unter www.kinderkinobuero.de Vorbestellungen unter 030/235 562 51

DER KLEINE MAULWURF (1963–1975) CSSR 1963-1975 D R: Zdenek Miler D 69 min

IM REICH DER AFFEN

Der kleine Maulwurf erlebt Geschichten. Zeichentrickfilm.

Disney-Naturdoku über eine Affenmutter und ihr Kind.

DER KLEINE RABE SOCKE 2 – DAS GROSSE RENNEN

USA 2015 D R: Mark Linfield, Alastair Fothergill D 81 min, FSK: oA

¢ filmkunst66 ¢ Union Filmtheater

JANOSCH: OH WIE SCHÖN IST PANAMA! Deutschland 2006 D R: Martin Otevrel D 70 min, FSK: oA, empfohlen ab 5

Der kleine Bär und der kleine Tiger leben glücklich in ihrem Haus am Fluss, bis eines Tages eine Kiste mit der Aufschrift

¢ b-ware!ladenkino ¢ Bali Kino

Deutschland 2015 D R: Ute von Münchow-Pohl, Sandor Jesse D 103 min, FSK: oA

Es wird Winter und alle Tiere helfen brav, die Wintervorräte einzusammeln – nur der kleine Rabe Socke macht lieber Seifenkistenrennen… ¢ b-ware!ladenkino ¢ Acud Kino ¢ filmkunst66 ¢ Union Filmtheater


INDIEKINDER

KNERTEN TRAUT SICH

Norwegen 2011 D R: Martin Lund D 78 min, FSK: oA, empfohlen ab 6

Alles war gerade so gut und dann verliebt sich Knerten in einen Birkenzweig und Lillebrors Mutter hat einen mysteriösen Fahrradunfall … ¢ Bali Kino

MÄRCHENKURZFILMWOCHE Vom 8.10. bis 11.10. zeigt das Bali immer um 16 Uhr ein Märchenkurzfilmprogramm für Kinder ab 6 Jahren. Mit dabei sind der

OSTWIND 2 – RÜCKKEHR NACH KALTENBACH

Deutschland 2015 D R: Katja von Garnier D 108 min, FSK: oA

Sommerferien, das heisst für Mika vor allem: Zeit für ihren geliebten schwarzen Hengst Ostwind. Doch dann erfährt sie, dass Oma Kaltenbachs Hof vor dem Bankrott steht. ¢ b-ware!ladenkino

RICO, OSKAR UND DAS HERZGEBRECHE

Deutschland 2015 D R: Wolfgang Groos D 95 min, FSK: oA, empfohlen ab 8

Die kleinen Detektive und besten Freunde Rico und Oskar haben einen neuen Fall. Diesmal geht es um Ricos Mutter Tanja, die offenbar erpresst wird… ¢ Acud Kino ¢ b-ware!ladenkino

Puppenfilm DAS URWALDMÄRCHEN über einen ängstlichen Drachen, der VOGEL DER NACHT und der sanft gezeichnete META MORFOSS über ein Mädchen, das sich verwandeln kann. Eintritt: 2 Euro ¢ Bali Kino

MINIONS

USA 2015 D R: Kyle Balda, Pierre Coffin D 91 min, FSK: oA

Die Minions, kleine gelbe Schurken, verlassen ihren Rückzugsort in der Arktis, um neue Gaunereien anzustellen. ¢ b-ware!ladenkino (3D) ¢ Eva Lichtspiele ¢ Union Filmtheater

OOOPS! DIE ARCHE IST WEG …

Deutschland 2015 D R: Toby Genkel D 85 min, FSK: oA

Bei der Passagierliste der Arche Noah wurden der Nestrier Dave und sein Sohn Finny leider nicht berücksichtigt. Animation. ¢ b-ware!ladenkino (3D)

SAM O’COOL: EIN SCHRÄGER VOGEL HEBT AB

Frankreich/Belgien 2014 D R: Christian De Vita D 91 min, FSK: oA

Nesthäkchen Sam muss überraschend den ganzen Schwarm sicher nach Süden bringen. Animation.

EIN STACHELIGES VERGNÜGEN will niemand mit dem Igel tanzen. ¢ Bali Kino ¢ Eva Lichtspiele, ¢ Xenon Kino ¢ alle Termine unter www-spatzenkino.de, Vorbestellungen unter 030/449 47 50

SPUTNIK

Deutschland/Belgien/Tschechien 2013 D R: Markus Dietrich D 84 min, FSK: oA, empfohlen ab 8

Herbst 1989: Im beschaulichen Malkow arbeitet die zehnjährige Rike mit ihren Freunden an einem Teleporter, der Onkel Mike aus West-Berlin zurück in den Osten beamen soll. ¢ Sputnik Kino am Südstern

VILJA UND DIE RÄUBER

KINDERKINO IM INDIEKINO

ACUD KINO TÄGLICH B-WARE! LADENKINO TÄGLICH BALI KINO DO, FR, SA, SO BUNDESPLATZ KINO DO, FR, SA, SO EVA-LICHTSPIELE DO, FR, SA, SO FILMKUNST66 DO, FR, SA, SO SPUTNIK KINO DO, FR, SA, SO TILSITER LICHTSPIELE DO, FR, SA, SO UNION FILMTHEATER DO, FR, SA, SO XENON KINO wechselnde Termine Eine aktuelle­ Programmübersicht über alle KinderfilmTermine finden Sie auf www.indiekino.de

Finnland 2015 D R: Marjut Komulainen D 85 min, FSK: oA

Es gibt sie noch, die die Freiheit liebenden Piraten, die lieber raufen und saufen als sich um Gott und Vaterland zu kümmern.

Die Altersempfehlungen orientieren sich in der Regel an den Vorschlägen der Bundeszentrale für politische Bildung/Vision Kino.

¢ b-ware!ladenkino ¢ Sputnik Kino am Südstern ¢ Union Filmtheater

»Spektakuläre Bilder, einzigartige Aufnahmen, magische Momente – ein Meisterwerk.« TV HÖREN UND SEHEN NACH

DAS GRÜNE WUNDER – UNSER WALD DER NEUE FILM VON

JAN HAFT

¢ b-ware!ladenkino (3D)

SHAUN DAS SCHAF: DER FILM GB/F 2014 D R: Mark Burton, Richard Starzack D 85 min, FSK: oA, empfohlen ab 5

Shaun, das Schaf, die Schafherde und Hund Bitzer fahren in die Großstadt, um den Bauern zu retten. Knetfilm.

ERZÄHLT VON

AXEL MILBERG

¢ b-ware!ladenkino

SPATZENKINO: BUNTES HERBSTVERGNÜGEN ca. 45 min, empfohlen ab 4

Im Spatzenkino wird es herbstlich: DER KLEINE VOGEL UND DAS EICHHÖRNCHEN balgen sich und eine Gießkanne; ASTON WILL NICHT ALLEINE SEIN und sammelt Steine; Maus, Frosch und Igel feiern ein ERNTEFEST und in

Fünf Jahre Drehzeit • 500 Drehtage • 80 Drehorte

AB 24. SEPTEMBER IM KINO www.magiedermoore-derfilm.de /magiedermoore


INDIEKINOHIGHLIGHTS

D 32

D OKTOBER 2015


KINO UNION BACK TO THE FUTURE –TRILOGIE Wer die BACK TO THE FUTURE-Trilogie noch nicht gesehen hat, muss sie unbedingt sehen, möglichst rechtzeitig vor dem Start von Robert Zemeckis neuem Film THE WALK, der, einem der großartigsten, witzigsten und diskordianischsten 9/11-Paranoia-Videos zufolge („BACK TO THE FUTURE predicts 9/11“) bereits in der Trilogie vorausgesagt wurde und unglaubliche Enthüllungen versprechen soll! Wer nicht an diskordianische Paranoia-Witze glaubt, hat aber sicher auch seinen Spaß. Die BACK TO THE FUTURE-Trilogie war schon in den 80er Jahren Anlass für bizarre Pseudo-Philosophien, Wahngebilde und irrwitzige Spekulation. Außerdem ist sie sehr, sehr komisch und bietet reichlich Gelegenheit, Zemeckis Voraussagen für den 21. Oktober 2015 - die „Zukunft“ in BACK TO THE FUTURE 2 - zu überprüfen: Handys ja, Hoverboards irgendwie auch, auf fliegende Autos warten wir schon seit THE JETSONS.  21.10. ab 18 Uhr

OKTOBER 2015 D

33 D


INDIEKINOHIGHLIGHTS

ACUD KINO FILMRAUSCHPALAST SPUTNIK KINO AM SÜDSTERN 5. LITAUISCHES FILM FESTIVAL „LITAUISCHES KINO GOES BERLIN“ Zum fünften Mal lädt „Litauisches Kino Goes Berlin“ dazu ein, die Filmlandschaft des baltischen Staates kennenzulernen. Vom 9. bis 12. Oktober 2015 werden in den Lichtspielhäusern Sputnik, Acud und Filmrauschpalast drei Programme mit den besten litauischen Kurzfilmen der letzten Jahre gezeigt. Dabei handelt es sich um Werke junger litauischer Regisseurinnen und Regisseure, die in dem kleinen Land mit sowjetischem Vermächtnis groß geworden sind und nun ihre nach der Unabhängigkeit Litauens erlangte (künstlerische) Freiheit auskosten. Dies sieht man vor allem an der Vielseitigkeit der Genres: Vom fiktionalen Kurzfilm über Dokumentar- und Experimentalfilme bis hin zu Animationen ist bei „Litauisches Kino Goes Berlin“ alles vertreten. Die Filme werden in der Originalsprache mit englischen Untertiteln oder in englischer Sprache gezeigt. Sie sind in drei Programme und ein „Best-Of“-Programm „verpackt“. Zusätzlich zum Litauischen Filmfest gibt es im Filmrauschpalast eine Ausstellung der  Programm 1: 9.10. um 21 Uhr im Acud Kino  Programm 2: 10.10. um 20 Uhr im Filmrauschpalast litauischen Fotografin Dalia Mikonytė. Unter dem Titel „Analogophilia“ verspricht sie  Programm 3: 11.10. um 20 Uhr im Sputnik Kino am Südstern „Ruhe und Chaos am Ferienort. Zwei sehr unsittliche Wochen, aufgenommen auf ech „Best of“-Programm: 12.10. um 20 Uhr im Sputnik Kino am Südstern  „Analogophlia“: Eröffnung am 10.10. um 19 Uhr im Filmrauschpalast tem und trashigem Negativfilm.“ facebook.com/LitauischesKinoGoesBerlin

FILMRAUSCHPALAST 14KM 14km – das ist die kürzeste Distanz zwischen Afrika und Europa. Der Verein 14km e.V. setzt sich für Austausch und Verständigung der beiden Nachbarregionen nördlich und südlich des Mittelmeeres ein und veranstaltet regelmäßig Filmabende, immer zu einem speziellen Thema und immer mit Filmgespräch und Diskussion im Anschluss an die Vorführung. Im Oktober läuft zum Thema „West Sahara“ die Dokumentation LIFE IS WAITING – REFERENDUM AND RESISTANCE IN WESTERN SAHARA (USA/West-Sahara 2015, 59 min, OmeU) von Lara Lee über die Sahrawis, die Menschen in West-Sahara, der letzten Kolonie Afrikas, die immer noch für ihre Unabhängigkeit von Marokko kämpfen, obwohl ihnen diese bereits vor vierzig Jahren von der ehemaligen Kolonialmacht Spanien versprochen wurde. Unter dem Motto „Migration nach Europa“ wird 14 KILOMETER – AUF DER SUCHE NACH DEM GLÜCK (Spanien 2008, 95 min, OmU) von Gerardo Olivares gezeigt. In seinem semidokumentarischen Film erzählt der spanische Regisseur die gemeinsame Fluchtgeschichte dreier Menschen aus Mali und Niger nach Europa. 14km.org  LIFE IS WAITING – REFERENDUM AND RESISTANCE IN WESTERN SAHARA: 7.10. um 18.45 Uhr  14 KILOMETER – AUF DER SUCHE NACH DEM GLÜCK : 28.10. um 18.30 Uhr

D 34

D OKTOBER 2015

14 km – Auf der Suche nach dem Glück


INDIEKINOHIGHLIGHTS

BUNDESPLATZ KINO EVA LICHTSPIELE IL KINO KLEINES KÜNSTLERPORTRÄT: HOMMAGE AN CARLO VERDONE AUTOFOKUS Eine Filmreihe im Bundesplatz Kino und Il Kino lädt im Oktober und November mit acht Titeln dazu ein, den in Deutschland wenig bekannten Regisseur und Schauspieler Carlo Verdone zu entdecken: „Wenn man sich heute mit der „commedia italiana“ befasst, kommt man an Carlo Verdone nicht vorbei. Aber es wäre verkürzt, ihn nur als Komödianten zu begreifen – nach einer 35-jährigen Karriere mit 25 Filmen als Regisseur und noch viel weiteren als Schauspieler, etwa als Romano in Paolo Sorrentinos LA GRANDE BELLEZZA – DIE GROSSE SCHÖNHEIT. Verdone wandelt zwischen Komödie, Groteske und Tragödie. Seine Figuren spiegeln mit ihren Neurosen und Unsicherheiten unsere Ängste als Italienerinnen und Italiener wider.  Wir lachen über seine mit einer Prise Zynismus gezeichneten Charaktere, aber auch über uns selbst. Seit fast vier Generationen gehören seine Figuren und Filme zu den kollektiven Erinnerungen und Bildern eines jeden Italieners, und seine Filmsätze sind zu geflügelten Worten geworden.“ (Christos Acrivulis, missing films). Alle Filme werden im Original mit englischen Untertiteln gezeigt. www.ilkino.de, www.bundesplatz-kino.de

Der Kurz-Dokumentarfilm AUTOFOKUS des Filmkollektivs TakeSeven stellt den Berliner Fotokünstler und Autodidakt Bertolt Prächt vor. Seit 2012 arbeitet Prächt an einer Fotostudie über einen – er sagt dazu bewusst nicht Autofriedhof – ganz besonderen Parkplatz in den Wäldern Idahos. Aktuell schraubt er an einem Geschichten-Bildband über seine „alten Damen“. Der 15-minütige Film gibt einen Einblick in Arbeit und Werdegang des Fotografen. Der Künstler und die Filmemacher werden anwesend sein, der Eintritt ist frei. bertolt-praecht.de  10.10. um 11 Uhr

BALI KINO AFRIKA-WOCHE

ACUD KINO KINO GLOBAL

Water Makes Money

Filme über globale Misstände zeigt das Acud Kino in der Reihe „Kino Global“ aller zwei Wochen donnerstags um 19 Uhr, immer mit Filmgespräch. OUR TERRIBLE COUNTRY porträtiert die gefährliche Reise des Intellektuellen Yassin al-Haj Saleh und des jungen Fotografen Ziad Homsi durch Syrien. WATER MAKES MONEY beobachtet das Treiben der weltgrößten Wasserkonzerne Veolia und Suez, die immer dann zur Stelle sind, wenn finanziell klamme Kommunen nach Entlastung suchen. UNTOUCHABLE: CHILDREN OF GOD handelt vom Missbrauch junger, oft aus dem benachbarten Nepal entführter Mädchen in den Bordellen von Indien, und von den Menschen, die ihr Leben riskieren, um sie zu retten. www.acudkino.de Immer um 19 Uhr  1.10.: OUR TERRIBLE COUNTRY  15.10. WATER MAKES MONEY  29.10. UNTOUCHABLE: CHILDREN OF GOD

Mama Africa – Miriam Makeba

In seiner „Afrika-Woche“ zeigt das Bali Kino fünf Filme aus und über Afrika, viele von ihnen handeln von Migration und Exil: Mika Kaurismäkis Dokumentarfilm MAMA AFRICA – MIRIAM MAKEBA (22.10.) ist ein Porträt der südafrikanische Musikerin und Bürgerrechtsaktivistin. Moussa Tourés Film DIE PIROGE (23.10. + 27.10.) erzählt von einer Gruppe von senegalesischen Migranten, die versuchen mit einem kleinen, für den Fischfang gebauten Boot die kanarischen Inseln zu erreichen. Sarah Bouyains UNSERE FREMDE (24.10.) gewann 2011 beim Filmfestival in Ouagadougou den Preis der Jury. Er erzählt von Amy, der Tochter einer Bourkinabé und eines Franzosen, deren Vater sie mit acht Jahren nach Paris holte. Nun fährt sie nach Burkina Faso, auf der Suche nach ihrer Mutter. UNTERM STERNENHIMMEL (25.10. + 28.10.) von der franko-senegalesischen Regisseurin Dyana Gaye erzählt drei Migrationsgeschichten: Die Senegalesin Sophie kommt in Turin an, wo sie ihren Ehemann Abdoulaye treffen will, doch der ist bereits nach New York weitergereist, wo er nur Sophies Tante kennt. Die ist allerdings mit ihrem Sohn gerade auf dem Weg nach Dakar. Der Dokumentarfilm KEN BUGUL – PERSONNE N’EN VEUT (26.10.) von Sylvia Voser folgt der verschlungenen Lebensgeschichte der senegalesischen Schriftstellerin Ken Bugul. www.balikino-berlin.de  22.10.–28.10., immer um 18 Uhr OKTOBER 2015 D

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INDIEKINOHIGHLIGHTS

Neun Leben hat die Katze

BUNDESPLATZ KINO 50 JAHRE „KURATORIUM JUNGER DEUTSCHER FILM“ Am 28. Februar 1962 verkündeten 26 bundesdeutsche Filmschaffende – unter ihnen Alexander Kluge, Edgar Reitz und Peter Schamoni - bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen das Oberhausener Manifest, in dem sie ein neues deutsches Kino forderten. Nie zuvor, nie danach wurde mit einer solchen Vehemenz ein Bruch mit den bestehenden Produktionsverhältnissen verlangt und auch herbeigeführt. Eine Folge war das „Kuratorium junger deutscher Film“, ein von allen Bundesländern gemeinsam getragenes Fördergremium, das seit 1965 den jungen Kinofilm fördert. Zu den ersten geförderten Produktionen gehörten ABSCHIED VON GESTERN von Alexander Kluge und NEUN LEBEN HAT DIE KATZE von Ula Stöckl, zu den jüngsten CALIFORNIA CITY von Bastian Günther, der gerade mit dem Förderpreis der Neuen Nationalgalerie ausgezeichnet wurde, RETTET RAFFI! von Arend Agthe und STAATSDIENER von Marie Wilke. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Immer Sonntag um 15.30 Uhr verdienten Organisation gehen einige der schönsten und interessantesten Produktionen  4.10.: LEBENSZEICHEN von Werner Herzog auf Kinotournee. Im Bundesplatz Kino läuft vom 27. September bis zum 3. Januar 2016  11.10.: NEUN LEBEN HAT DIE KATZE von Ula Stöckl  18.10.: DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER von Wim Wenders immer Sonntag um 15.30 ein anderer Meilenstein der deutschen Filmgeschichte. Im  25.10.: FLUSSFAHRT MIT HUHN von Arend Agthe (zu Gast) Oktober werden die nebenan aufgelisteten FIlme zu sehen sein.  25.10.: WIR WAREN KÖNIGE von Philipp Leinemann

SPUTNIK KINO AM SÜDSTERN VERBOHRTE ENTWICKLUNG: ­ BERGBAU UND EXTRAKTIVE INDUSTRIEN IN LATEINAMERIKA Die Rohstoffausbeutung in Lateinamerika produziert vielfältige Konflikte: Menschenrechtsverletzungen, Zwangsumsiedlungen, Zerstörung der Biodiversität, Verseuchung von Trinkwasser. Meist werden kurzfristige Wirtschaftsinteressen über grundlegende Rechte auf Leben und Selbstbestimmung gestellt. Anlässlich der „Alternativen Rohstoffwoche 2015“ laufen im Sputnik Kino sechs Dokumentationen die sich mit den Konsequenzen der Ausbeutung beschäftigen, aber auch den Widerstand der betroffenen Bevölkerung zeigen. DER WEIßE SCHATZ – DIE SALZARBEITER VON CAQUENA (19.10.) porträtiert die Situation bolivianischer Salzarbeiter in der größten Lithium-Mine der Welt, TIERRA SUBLEVADA (20.10.) zeigt die Kontinuität kolonialer Ausbeutung anhand des argentinischen Bergbaus, YASUNÍ – EL BUEN VIVIR (21.10.) erzählt die Geschichte der Yasuní-Initiative, die den Erhalt der Biodiversität vor die Ausbeutung der Rohstoffe stellte, RESISTENCIA (22.10.) hat den Widerstand in Mittelamerika als Schwerpunkt, MARMATO (24.10.) und LA BUENA VIDA – DAS GUTE LEBEN (25.10.) begleiten Kleinbergbauern und die indigene Wayuú-Gemeinschaft in Kolumbien in ihren Auseinandersetzungen mit den Großkonzernen. Alle Filme werden im Original mit deutschen Untertiteln gezeigt.  19.10.–25.10., immer um 19 Uhr, der Eintritt ist frei!

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D OKTOBER 2015


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FILMKUNST66 PREVIEW: DAS HOTELZIMMER

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In Anwesenheit des Regisseurs Rudi Gaul, der Hauptdarsteller Mina Tander und Godehard Giese und weiteren Teammitgliedern lädt das filmkunst66 zur exklusiven Preview von Rudi Gauls kammerspielartigem Thriller DAS HOTELZIMMER: Ein Journalist und die Autorin eines erfolgreichen Romans treffen sich in einem Hotelzimmer zu einem Interview. Als der Mann plötzlich behauptet, mit der Frau vor über zehn Jahren an einem folgenschweren Unfall beteiligt gewesen zu sein, wird aus der scheinbar harmlosen Interview-Nacht ein Psycho-Spiel voller Fallen und falscher Fährten …  13.10. um 19.30 Uhr

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Eine Komödie von ISMAIL SAHIN und OONA-DEVI LIEBICH

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Schwank mit echt Berliner Typen, die für reichlich Amüsemang sorgen.  28.10.

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Mit der flotten Musik von Peter Kreuder und dem Erfolgsteam Jugo/Engels.  14.10.

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Spannendes Drama mit Krimielementen.  21.10.

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NACHBILD Nach einer hohen Dosis Hardcore-Arthouse-Filmen hat man ja gelegentlich auch mal das Bedürfnis nach etwas ganz anderem, Riesenrobotern, die die Welt vernichten, oder Videos von Katzen in Pappkartons, oder meinetwegen irgendwas mit Dirndln und Tischdecken. Das hier ist ein Still aus DIE TRAPP FAMILIE – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK, der im November startet. Nun kann man sich über einen Mangel an Trapp-Familie-Filmen nicht beklagen, es gibt sogar eine japanische Anime-Serie über die Trapps. Andererseits mag man sich zwar über die deutschen Trapp-Wirtschaftswunderheimatschnulzen und die Süßlichkeit der US-Version THE SOUND OF MUSIC von 1956 lustig machen, aber der Film wirkt immer noch nach: Bei der letzten Oscar-Verleihung sang Lady Gaga ein Medley von Songs aus dem Film. Die fünfte von links im Bild ist übrigens Yvonne Catterfield, die deutsche Rache für Lady Gaga.

VORSCHAU INDIEKINO IM NOVEMBER D LOVE Gaspar Noé goes 3D D HALLOHALLO Krankenschwester am Wendepunkt D AUS UNERFINDLICHEN GRÜNDEN Abhängen in Budapest D EL CLUB Priester in der Vorhölle D DIE GETEILTE STADT Fotograf in der Grenzstadt D DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE Lehrerin und Kollektivgeist D SCHMITKE Ingenieure im Wald D ALKI ALKI Freundschaft mit Flasche D CHUCK NORRIS UND DER KOMMUNISMUS Revolution durch VHS D EISENSTEIN IN GUANAJUATO Im Bett mit Greenaway D A MAN CAN MAKE A DIFFERENCE Kampf gegen Kriegsverbrechen D VIRGIN MOUNTAIN Fusi muss erwachen werden D 4 KÖNIGE Weihnachten in der Jugendpsychiatrie D HAPPY WELCOME Clowns ohne Grenzen D HERR VON BOHLEN Schwuler Industriellensohn D MIA MADRE Der neue Nanni Moretti D RIVERBANKS Liebe am Grenzfluss D STONEWALL Lothar Emmerich über Gay Pride D STURE BÖCKE Verfeindete Schafzüchter D YOU’RE UGLY TOO Irischer Humor D ELECTROBOY Hipster-Model mit Angststörung D EWIGE JUGEND Reiche alte Herren D HASRET – SEHNSUCHT Geister in Istanbul D DER JUNGE UND DIE WELT Meisterwerk des Animationsfilms OKTOBER 2015 D

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INDIEKINO BERLIN Magazin #19, Oktober 2015  

Magazin der unabhängigen Berliner Kinos

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