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Auszug Reiseaufzeichnungen Indien 23. Februar - 7. April 2010 von Julika Welge und Ina-Marie v. Mohl

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Auszug Reiseaufzeichnungen Indien 23. Februar - 7. April 2010 von Julika Welge und Ina-Marie v. Mohl

Während unserer sieben wöchigen Reise durch Indien - ermöglicht durch die Unterstützung der Karl-Heinz-Ditze-Stiftung - erkundeten wir Projekte, die sich mit dem Thema Indoor Air Pollution beschäftigen. Unser Ziel war und ist herauszufinden, welche Möglichkeiten es gibt umwelt- und gesundheitsschonend zu kochen. 52 Prozent der Weltbevölkerung kocht mit Holz, Kohle und Dung auf ineffizienten Kochstellen, ohne Belüftungssysteme. In Entwicklungsländern sterben mehr Menschen an den Folgen der Indoor Air Pollution als an Malaria. Allein in Indien sind es jährlich bis zu 500.000 Menschen, die meisten davon Frauen und Kinder. Beim Kochen von drei Mahlzeiten pro Tag mit einer traditionellen drei Steine-Kochstelle entsteht genauso viel Rauch wie beim Rauchen von 60 Zigaretten. Da Holz und Kohle günstiger als Gas und Elektrizität sind wird in den ländlichen Gegenden mit diesen Rohstoffen gekocht. In Indien ist der getrocknete Kuhdung das größte Problem, denn er ist klimaschädlich, wenn er ungenutzt in die Atmosphäre entweicht. Darüber hinaus ist es in trockenen Gebieten oft schwer brennbare Materialien zu finden, so dass oftmals Müll als Ersatz dient.

Diese Reiseaufzeichnungen befassen sich mit der Indoor Air Pollution Problematik in Indien - zeigen bereits bestehende Lösungen und Schwierigkeiten auf. --

Dienstag, 23.02.2010 Um vier Uhr morgens landen wir in Delhi. Draußen ist es noch dunkel und eine Horde wartender Taxifahrer stürmt uns entgegen. Nach einer abenteuerlichen Fahrt kommen wir zwei Stunden später doch noch am Connaugh Place im Zentrum Delhis an. Unser erster Programmpunkt bei Sonnenaufgang ist der Kauf einer Handykarte. Durch ein wirres Gewusel werden wir zu einem kleinen Eingang geführt und entdecken dahinter einen Handyladen. Nur ein Rupie (61 INR=1 €) kostet die Minute. Wir kaufen zwei Prepaidkarten, lernen, dass Namaste Guten Tag und Auf Wiedersehen heißt und sind stolz über unseren ersten erfolgreichen Einkauf in diesem undurchdringlich wirkenden Gewirr an Geräuschen, Farben, hupenden Rikshaws und Menschen. Schon jetzt wissen wir, die sieben Wochen hier werden spannend. Wir gehen zurück zu unserer Herberge Snowwhite. Dort telefonieren wir unsere Liste an Firmen und Organisationen ab, um Termine auszumachen und unsere neue indische Nummer mitzuteilen. Wir lernen schnell einen kleinen indischen Akzent zu imitieren, und dass man durch lautes Schreien


am Ende doch immer zum richtigen Ansprechpartner weitergeleitet wird. Den ersten Termin, ohne Kommunikationsschwierigkeiten machen wir mit der deutschen Firma Bridge to India aus. Sie hat ihren Sitz in Delhi. Wir vereinbaren das erste Treffen drei Tage später. Mittwoch, 24.02-25.02.2010 Wir fahren nach Old Delhi und laufen durch die engen Straßen. Überall entdecken wir Kochstellen, essen Pani Puri und treffen eine indische Freundin, bei deren Familie wir übernachten dürfen. Wir machen einen Ausflug nach Uttam Nagar und besuchen eine Tandoor Ofen Fabrik. In diesen Öfen wird das traditionelle Tandoor Brot gebacken. Die Teigfladen werden an die Innenwände des erhitzten Ofens geklebt. Der Tandoor Ofen wird aus einer Mischung von ungebranntem Ton und Pferdehaar, die zur Stabilisation dienen, gefertigt. Am unteren Rand ist ein Loch, durch das die Kohle angezündet und die Sauerstoff Zufuhr reguliert wird. Der Ton wird während der Nutzung gebrannt. Der riesige Ofen erhitzt sich und speichert die Wärme. Mister Rakesh erzählt uns, dass die Öfen auch mit Gas funktionieren, aber die Kohle dem Brot

ihren typischen Geschmack gibt. Um den Ofen herum sorgen Glasfaserwolle und Stein dafür, dass die Wärme nicht entweicht. Bei der Herstellung werden unterer, mittlerer und oberer Abschnitt einzeln geformt und später zusammen gefügt. Wir kommen in den Lagerraum, wo zwischen ein paar Kühen verschiedene Ausführungen an Öfen stehen. Ein Ofen wiegt ca. 140 Kilo. Je nach Gebrauch muss er alle 12 Monate ausgetauscht werden, da der Ton mit der Zeit porös wird. Nach einem guten Masala Chai und selbstgemachten Sweets fahren wir wieder zurück nach Delhi. Freitag, 26.02.2010 In einem Tuctuc geht es Richtung Panch Sheel Park. Dort treffen wir Isabelle Roth von Bridge to India. Wie der Name schon sagt, ist die Firma Schnittstelle zwischen deutschen Technologien und indischem Markt. Spezialisiert haben sie sich auf erneuerbare Energien, insbesondere Solartechnik. In Indien beträgt die Sonneneinstrahlung vier bis sieben kWh pro Tag. Mit etwa 300 Sonnentagen pro Jahr hat es die besten Vorraussetzungen für diese Energiegewinnung. Oft jedoch sind deutsche Produkte für den indischen Markt übertechnologisiert. --

Deutsche Wasserfilter beispielsweise haben für das indische Wasser viel zu feine Filter und verstopfen schnell. Mit Isabelle und der deutschen Praktikantin unterhalten wir uns über Themen, wie dem Klimawandel und fragen, was in Indien dagegen unternommen wird. Sie erzählt uns, dass das Bewusstsein über den Klimawandel hier kaum vorhanden ist. Von der Regierung kommt nur schleppend Unterstützung, da das Entwicklungsland mit größeren Problemen zu kämpfen hat. Seit einiger Zeit gibt es jedoch eine zunehmende grüne Bewegung unter jungen Indern. Sie treffen sich wöchentlich in Delhi und diskutieren über neue grüne Ideen. Ein aktuelles Projekt von Bridge to India sind die Icecream Wallahs. Sie verkaufen Eis am Stil in den Strassen Delhis. In kleinen Eiswagen haben sie in Gefriertruhen ihr Eis. Bridge to India untersucht das System dahinter. Lena, die Praktikantin, kommt von einer RechercheTour zurück. Sie berichtet uns, was sie herausgefunden hat: Jeden morgen holen die Icecream Wallahs ihre Eiswagen von einer großen Verteilhalle ab, dort wurden sie über Nacht aufgeladen. Sie dürfen die mobilen Verkaufsstände für einen Tag mieten. Da der Strom jedoch nur unzuverläs-


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sig ins System gespeist wird, kann es sein, dass einige Wagen nicht vollständig aufgeladen werden. Die Technik der Eistruhen ist veraltet, und sie verbrauchen sehr viel Energie. Nicht selten passiert es, dass die Kühltruhen mitten am Tag ausgehen. Das Eis schmilzt. Der Icecream Wallah fährt zurück zur Ladestation, lädt seine Truhe auf und verkauft das Eis wieder. Die Gefahr einer Salmonellen-Infektion ist groß. Bridge to India möchte

herausfinden, wie es möglich ist, die alten Eistruhen gegen neue verbesserte Kühltechnologien, die mit Solar arbeiten, einzutauschen, ohne dabei das Budget der Kleinunternehmer zu sprengen. Um das zu erreichen, ist es notwendig, das System dahinter zu verstehen und eine Methode zu entwickeln, die Icecream Wallahs von ihren Vorteilen zu überzeugen. Auf unserem Rückweg versuchen wir noch einmal bei TERI-The Energy and

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Resource Institute anzurufen. Leider wird uns gesagt, dass unser Ansprechpartner frühestens Dienstag nächster Woche zurück in Delhi sein wird, da es einen Todesfall in seiner Familie gab. Wir müssen uns an unseren Zeitplan halten, um die anderen Termine einzuhalten, und reisen weiter. Über Email Kontakt versuchen wir Informationen von TERI zu bekommen.


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Dienstag, 02.03.2010 Inzwischen sind wir in Rajasthan unterwegs. Heute sind wir in Pushkar. Wir machen einen Ausflug durch den kleinen Ort und wollen einen Tempel auf einem der Berge besuchen. In einem ausgetrockneten Flussbett laufen wir in die Richtung, wo wir unseren Tempel vermuten. Auf dem Weg begegnen wir Schulkindern die früh am Morgen in ihren Uniformen von überall herkommen. Als wir am Fuße des Berges ankommen, sehen wir, dass er für den Aufstieg ungeeignet ist und beschließen noch ein bisschen horizontal weiter zu spazieren. Die Landschaft ist unglaublich schön, sehr trocken, steppenartig, mit Felsbrocken dazwischen. Plötzlich sehen wir 50 Meter vor uns einen Tiger. Entweder rennen wir zurück, legen uns flach auf den Boden oder finden heraus, dass es nur ein harmloser Hund ist. Es war natürlich ein Hund, was bei den restlichen 1.500 wilden Tigern auch viel wahrscheinlicher ist. Mit noch zitternden Knien beobachten wir den gefleckten Hund. Wir versichern uns, dass er keine zu großen Zähne hat und gehen weiter. Auf einem riesigen Feld, dass von zwei Bergen eingeschlossen ist, entdecken wir eine kleine Hütte aus Ästen und Heu. Wir gehen hin und werden von der Familie mit leuchtenden Augen empfangen. Der kleine Junge versteckt sich hinter seiner Mutter und wir versuchen uns in Zeichensprache mit seinem Vater zu verständigen. Fünf Ziegen mit langen Schlappohren laufen um uns herum. Wir werden auf einen Masala Chai eingeladen. Ein paar Äste und Kuhdung sammelt die junge Mutter zusammen und macht zwischen drei Steinen ein Feuer. Sie stellt den Topf mit frischer Ziegenmilch darauf und entzündet das Feuer. Die gemahlenen Gewürze mischt sie unter die kochende Milch. Der Tee schmeckt so gut, wie noch keiner davor. - 11 -


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Sonntag, 07. - Dienstag, 09.03.2010 Heute fahren wir zum Mount Abu, um den Shantivan Complex der Brahma Kumaris zu besuchen. Brahma Kumaris ist eine Religion, deren Anhänger den Glauben vertreten, dass alle Weltreligionen den selben Gott haben, nur verschiedene Glaubensformen. Da eines ihrer Hauptziele die Erhaltung der Erde ist, sind sie Vorreiter in der Solartechnik. Schon 1996 haben sie zusammen mit dem deutschen Ingenieur Scheffler die weltweit größte Solardampfkochanlage entwickelt, die sie immer wieder verbessern und deren Technik gerne an andere interessierte Ingenieure weitergeben. Der Ingenieur Mister Kartic führt uns auf dem Gelände herum. Alle sind in weiß gekleidet und das umschlossene riesige Gelände wirkt wie eine Parallelwelt. Aus Lautsprechern ertönt stündliche eine Art Andacht auf Hindi. Wir sehen riesige Hallen mit rötlichem Licht und meditierenden Menschen. Unser Hauptinteresse ist die Solardampfkochanlage auf dem Dach der

Großküche. Mit dieser bekochen sie täglich bis zu 25.000 Pilgerer. Wir sehen riesige Parabolspiegel, die das Sonnenlicht auf die Receiver konzentrieren. Diese runden Gefäße sind zur Hälfte mit Wasser und Dampf gefüllt. Der durch die Sonneneinstrahlung entstandene Wasserdampf wird in großen Rohren in die Küche geleitet. In den Rohren entsteht ein Druck von 2 Bar. Der Wasserdampf kommt mit einer Temperatur von mindestens 100/120°C in der Küche an. Dort gart er in doppelwandigen Töpfen Reis und Gemüse. 40 Kilo Reis sind in 12 Minuten fertig. Alle 3 Sekunden verändert sich automatisch die Position der Parabolspiegel, die immer ausgerichtet nach dem Stand der Sonne. Ein Seasonal Adjustment sorgt dafür, dass die Schüsseln im Sommer wie im Winter richtig eingestellt sind. Bis zu zwei Stunden nach Sonnenuntergang kann die Wärme gespeichert und genutzt werden. Dieses Prinzip des Dampfgarens ist besonders schonend für die Lebens- 14 -

mittel und entspricht dem vegetarischen Essen der Brahma Kumaris Anhänger. Die Hauptgerichte sind Dal, ein Erbsen-Linsen Eintopf, Reis und Gemüse mit sehr scharfen Soßen und dazu Masala Chai. Zum Essen gibt es immer Chapatis, kleine Fladenbrote. Sie werden hier mit einer Maschine hergestellt, die stündlich 2000 Brote produziert. Die fertigen Chapatis werden von Frauen an großen Tischen in Öl getunkt und gebraten. In Indien isst man ohne Besteck. Stattdessen reißt man eine kleine Ecke Fladenbrot ab und stapelt das Essen dazwischen. In den zwei Monsoon Monaten wird hier mit Kerosin gekocht. Wir fahren mit dem Auto zur aktuellen Baustelle. Etwa 200m vom Shantivan Complex entfernt wird an einer riesigen Solarkraftwerkanlage gebaut. Alle Solarschüsseln werden hier vor Ort produziert. Wir sehen, wie sie eine der riesigen Schüsseln zusammen bauen. In ein paar Jahren wird hier ein neuer Superlativ stehen und Teile der Stadt mit sauberer Energie versorgen.


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Donnerstag, 11.03.2010 Wir sitzen im Nachtzug von Udaipur nach Ahmedabad. Früh am morgen kommen wir an. Hier besuchen wir das NID, National Institute of Design. Wir treffen Professor Konkar, der den Produktdesign Bereich leitet, in seinem Büro. Er ist sehr interessiert an unserem Projekt und Studium. Wir beantworten ihm gerne seine Fragen. Am NID wird in Blockvorlesungen

unterrichtet. Professor Konkar ist gerade dabei den Plan für das nächste Semester durch zugehen. jedes Jahr werden 90 Studenten für alle Studiengänge aufgenommen. Man kann sich beispielsweise im Automobil-, Textil-, Keramik- und Möbeldesign spezialisieren und darin seinen Abschluss machen. Mister Konkar stellt uns Kunal vor, der kurz vor seinem Masterabschluss steht. Er arbeitet

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zusammen mit der Firma Icarus an einem solar water purifier System. Es besteht aus Materialien, die leicht zu beschaffen sind. Die Bauanleitung soll demnächst von der Firmenwebseite www.icarus.com abrufbar sein. Das System kann sich jeder leisten und selbst auf seinem Balkon, Garten oder Dach installieren. Wir bekommen einen Einblick in seine umfangreiche Recherche- und Entwicklungsarbeit.


Samstag, 13.03.2010 Um 8 Uhr fahren wir nach Goraj um den Muni Seva Ashram zu besuchen. Es gibt einen eigenen Bus, der von Vadadora nach Goraj fährt und direkt vor dem Ashram hält. Vor 27 Jahren hat Pujya Anuben den Ashram gegründet. Es gehören ein Krankenhaus, zwei Schulen, ein Altenheim, ein Heim für Behinderte und ein kleines Waisenhaus dazu. Wir sind hier, um uns die Schule anzuschauen. Dort wird Kindern schon in jungem Alter beigebracht in der hauseigenen Küche mit Solar zu kochen. Ähnlich wie bei Mount Abu stehen auf dem Dach der Schule große Solarschüsseln, die das Wasser in den Receivern zu Dampf umwandeln. Was hier jedoch neu hinzu kommt ist, dass auch Öl erhitzt wird. Dieses heiße Öl wird in ständigem Kreislauf verwendet. In doppelwandigen Pfannen kann damit sogar gebraten werden. Dieses Konzept, Kinder früh mit der Technik des Solarkochens vertraut zu machen, ist die beste Lösung des Indoor Air Pollution Problems. Während unserer Reise durch die Dörfer hören wir immer wieder von den Dorfbewohnern, dass sie Erfahrungen mit Solarkochern haben.

Diese sogar für eine Weile genutzt haben, dann aber wieder auf Holz/Kohle und Kuhdung umgestiegen sind. So kocht man hier seit Generationen, warum sollte es auf einmal nicht mehr möglich sein? Die Hoffnung der Lehrer ist, dass wenn Kinder in der Schule damit aufwachsen auch später mit der Sonne kochen, auch wenn ihre Eltern zu Hause noch traditionell Feuer machen. Wir gehen weiter zu den Feldern die hinter der Schule liegen. Hier bauen die Schüler selbst Gemüse und Kräuter an und werden in ökologischem Anbau ausgebildet. Gedüngt wird umweltschonend mit Kuhurin und Asche. Zur Insekten Bekämpfung setzen sie einen Sud aus Blättern des Neembaumes ein. Wassersparende Punktbewässerung in Schläuchen sorgt dafür, dass auch bei hohen Temperaturen die Pflanzen ausreichend Flüssigkeit bekommen. Eine große Plantage von Sandelholzbäumen ist die Aktie der Schule. Sandelholz bekommt erst nach 15 Jahren seinen begehrten Geruch, für den ein hoher Preis gezahlt wird. Nach vielen interessanten Pflanzen und Bäumen, wie zum Beispiel dem Cashew-, Curry- und Zimtbaum werden wir in das große Krankenhaus - 18 -

geführt. Hier reisen die Patienten von weit her an. Die Behandlung ist besser und günstiger als in den staatlichen Krankenhäusern. Speziell der weit verbreitete Kieferkrebs wird hier mit neuester Technik behandelt. Paan, der Kautabak, der überall auf den Straßen verkauft wird, ist Ursache dafür. Auch hier ist Aufklärung dringend notwendig, da die Behandlung gefährlich ist und den Kiefer nachhaltig schädigt. Eine weitere sehr häufige Krankheit, die ihre Ursache auch im Kautabak hat, ist Tuberkulose. Es breitet sich durch Tropfeninfektion aus. In Indien wird überall hin gespuckt und besonders das Paan wird nach dem Kauen in einem roten Schwall auf die Straße gerotzt. Die Regierung versucht mit Schildern dagegen vorzugehen. Mit dem Auto fahren wir in die Nähe des kleinen Flusses, hier steht ein riesiges Krematorium. Es wird mit einer großen Solarschüssel betrieben. Zur Verbrennung einer Leiche wurden vorher mindestens zwei Bäume benötigt. In Indien wird die Asche der Toten in Flüsse gestreut. Am heilbringensten ist es, wenn man am Ganges stirbt und die Asche in den Fluten der Göttin Ganga schwimmt.


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verschiedene Paan/Kautabak P채ckchen

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Freitag, 19.03.2010 Nach zwei Tagen im südlichen Teil des früheren Bombays sind wir nun auf dem Weg zum IIT-Indian Institute of Technology Bombay im Norden der Millionenstadt. Zwei Stunden Fahrt in einem vollgestopften Wagon und wir erreichen endlich die Station Ganjurmargk. Drängeln uns in letzter Sekunde durch die Tür und fahren mit einer Autoriksha bis zum großen Eingangstor des IDC. Nach strenger Sicherheitskontrolle und Vorlage eines Besucherscheins dürfen wir den Campus betreten. Vor uns liegt ein riesiges umzäumtes Gelände mit langer Allee. Rechts und links der Straße stehen Schilder, die auf die unterschiedlichsten Fakultäten hindeuten. Wir treffen auf dem Weg zum IDCIndustrial Design Center einen Studenten des Aerospace Engeneering Instituts. Er hilft uns eine Abkürzung zum Design Departement zu finden. Auf den Schildern der Fakultäten lesen wir Biosciences and Engeneering, Energy Science, Earth Science, Chemistry uvm.. Als wir bei dem weißen Gebäude mit der großen Aufschrift IDC ankommen merken wir schon in der Eingangshalle, dass wir richtig sind. Rechts von

uns ist ein kleiner verglaster Ausstellungsraum, in dem auf Präsentationstafeln die Arbeiten der Masterstudenten zu sehen sind. Alle Portfolios haben das gleiche Layout das, wie wir später heraus finden, immer von der Grafikklasse erstellt wird. Von irgendwo her hören wir das Surren einer Kreissäge. Wir fragen uns zum Office durch und treffen dort Professor Ramachandran. Er gibt uns einen kurzen Überblick über das IDC. Es gibt vier Departments: Industrial Design, Grafik/VK, Interaction Design und Animation. Vorbild für das seit 40 Jahren bestehende IDC ist die Ulmer Hochschule. Als wir danach fragen, wie die Berufsaussichten der Masterstudenten aussehen erklärt er uns, dass indische Firmen immer mehr Bedarf an gut ausgebildeten Designern haben. Im Laufe der letzten Jahre fand in Indien eine Professionalisierung der Industrie statt. Von einer Zulieferindustrie in eine die komplette Produkte entwickelt. Einmal pro Jahr findet eine Degree Show am IDC statt. Es werden Firmen eingeladen und nicht selten entsteht eine Kooperation daraus. Auch schon während ihres Masterstudiums arbeiten die Studenten eng mit Firmen zusammen. Wir erfahren, - 23 -

dass das Hostel in dem wir übernachten sollten für heute schon belegt ist. Da auf dem Campus eines der monatlich stattfindenden Kongresse zum Thema India HCI 2010 and Interaction Design for International Development 2010 morgen beginnt. Alle Studenten wohnen hier auf dem Campus in Hostels, die mit Ein- oder Zwei Bettzimmern ausgestattet sind. Jedes Hostel hat ein kleines Cafe und eine große Kantine. In einem Hostel wohnen ca. 150 Studierende. Nachdem wir auch das Organisatorische geklärt haben stellt uns Professor Ramachandran zwei seiner Masterstudenten Priyanka und Suhrid vor. Sie führen uns in der Universität herum und erzählen viel über ihr Studium. Priyanka erzählt, dass sie ihren Bachalorabschluss in Produktdesign gemacht hat. Suhrid dagegen hat vorher Ingenieurwesen in Gujarat studiert. Pro Jahr werden 12 Studierende mit abgeschlossenem Bachelor angenommen. Der Abschluss eines technisch- oder designorientierten Faches ist Vorraussetzung für die Bewerbung. Sie zeigen uns ihre Arbeitsräume. Gleich neben dem Studio der Grafikklasse befinden sich die Plätze der Designstudenten. Jeder Student hat einen eigenen Tisch, an


den Trennwänden zwischen den Plätzen hängen Skizzen, Textauszüge auf Englisch oder inspirierende Bilder. Einige Studenten bauen an ihren Modellen, lesen Bücher oder arbeiten an aktuellen Projekten am Labtop. Wir gehen weiter zu den Werkstätten. Ähnlich wie an der HFBK gibt es eine Holz-, Metall-, Keramik-/Glas-, Kunststoff- und Kleywerkstatt. In der Keramikwerkstatt sehen wir Tongefässe, die sich an den traditionellen Krügen orientieren, die man überall in Indien sieht. Sie dienen als Wasserspeicher, da der Ton das Wasser kühlt und antibakteriell wirkt. Die Anfängerklasse besuchen wir auch kurz und schauen uns tiefgezogenen Modelle von Motorradhelmen und Produktstudien an. In den ersten Jahren werden keine Projekte bearbeitet, sondern Fähigkeiten, wie Zeichnen, Umgang mit Material und Form gelehrt. Wir gehen weiter über einen kleinen Innenhof und gelangen zur Bambuswerkstatt. Sehr beeindruckt sind wir von den vielen interessanten Produkten die überall im Raum zu sehen sind. Leider dürfen wir nicht fotografieren, weil hier an neuen Flechtmethoden geforscht wird. Auf den Arbeitstischen liegen angefangene Bambusarbeiten

und an den Wänden hängen traditionelle Bambuskörbe, die über die Jahre hinweg schwarz geworden sind. Früher hingen sie über den Kochstellen. Fett, Dampf und Ruß haben sie gezeichnet. Das Werkzeug, was die Studierenden für die Bearbeitung benötigen, wird größtenteils von ihnen selbst hergestellt. Ganze Bambusbearbeitungssets kann man kaufen. Wir hätten gerne eines mitgenommen, aber leider ist es zu schwer für uns Backpacker. Vor der Verarbeitung wird die äußere, brüchige Rinde vom Bambus geschält. Wir dürfen selber Bambus spalten und erfahren viel über die verschiedenen Sorten. Elefantenbambus kann bis zu 38 Meter hoch werden. Den Bambusa oldhamii pflanzen sie an der Universität selber an. Zwei Stühle aus geflochtenem Bambus stellen sich als aufwendige Masterarbeit heraus. Der Student hat 3 Monate an der Sitzschale geflochten. Sie sind sehr bequem und stabil. Bambus ist so elastisch wie Stahl. Auf unserer Reise sehen wir viele Baugerüste aus dicken Bambusstäben die mit Kokosseil verbunden sind. Nachdem wir uns für den Newsletter der Bambuswerkstatt eingeschrieben - 24 -

haben, gehen wir zurück ins Hauptgebäude und schauen uns die Abschluss Arbeit von Suhrid an. Einen Hometrainer, der sogar in kleine Wohnungen passt. Er hat verschiedene Armmuskeltrainingsfunktionen und ist zusammenklappbar. Da in Indien die Zahl der DiabetesKranken in den letzten Jahren auf ca. 38 Mio. gewachsen ist, beschäftigen sich am IDC viele Studierende mit diesem Thema. Die beiden Studenten erzählen uns, dass der Schwerpunkt ihrer Universität im nachhaltigen Design mit sozialem Aspekt liegt. Der eigene Schwerpunkt ist zwar frei wählbar die Mehrheit der Studierenden jedoch beschäftigt sich mit Themen wie Klimawandel, Überbevölkerung oder altengerechten Produkten. Leider ist es schon 16 Uhr und die beiden müssen zu einer Vorlesung. Sie zeigen uns noch die Bibliothek mit Rollregalen und Klimaanlage. Hier recherchieren wir zu unserem Projekt. Lesen viel über Solarkocher und interessante Studentenarbeiten. Wir bleiben bis die Bibliothek schließt. Gerne hätten wir noch einen Tag länger recherchiert, aber die Bibliothek hat samstags geschlossen.


Samstag, 20.03.2010 Es ist 4 Uhr morgens, wir sitzen im Bus nach Pune. Um 10 Uhr haben wir einen Termin mit Herrn Dr. Karve vom ARTI, Appropriate Rural Technology Institute. Was uns in Pune als erstes auffällt sind die Tuctucs. Sie haben kleine, blaue Sonnendächer am oberen Rand der Frontscheibe. Als wir Herrn Dr. Karve in seinem Büro treffen, zeigt uns der Ingenieur seine Erfindungen. Viele verschiedene Kocher stehen im Raum. Er erklärt uns die Funktionen vom Sarai Cooking System, den Kochern: Laxmi, Vivek Sawdust, Sampada Gasifier und Bharat Laxmi. Alle Kocher nutzen die Kohle oder das Holz effektiv aus und verringern so die Rauch Entwicklung. Einige sind mobil und können, wie das prämierte Sarai Cooking

System, während des Kochvorgangs alleingelassen werden. Die Frauen können sich in der Zwischenzeit um andere Dinge kümmern. Damit die Kosten der Kocher so gering wie möglich gehalten werden, vertreibt ARTI seine Produkte selbst. Jede Woche gehen Mitarbeiter in die Dörfer rund um Mumbai und Pune. Dort erklären und verkaufen sie die Chulhas auf dem Wochenmarkt. Herr Dr. Karve ist auch Biologe und entwickelt Biogasanlagen, die mit Kuhdung und Küchenabfällen arbeiten. Die Anlagen bestehen aus zwei ineinander gesteckten großen Wasserbehältern. Sie werden in Indien zu Massen produziert, sie stehen auf Dächern um Wasser zu erwärmen. Das 1000 Liter Modell kann 700 Liter Biogas alle 24 Stunden aus nur einem Kilo Rohmas- 25 -

se produzieren. Diese Menge reicht aus um 1,5 Stunden eine Mahlzeit für 4-5 Leute zu kochen. Als Restprodukt bleibt eine nährstoffhaltige Flüssigkeit übrig, die als Düngemittel genutzt werden kann. Der Kuhdung wird effektiv und schadstofffrei genutzt. Unser Interesse wird von einer Maschine geweckt, die aus Zuckerrohr Abfällen Kohle herstellt. Die Kohle kann verkauft werden - Hilfe zur Selbsthilfe ist auch bei den anderen Projekten ein wichtiges Thema. In Schulungen unterrichten sie neue Methoden des Tissue Farmings oder die Verwendung von Meereswasser zur Bewässerung von Feldern. Mit der richtigen Drainage können so beispielsweise Kokosnussbäume und Kasuarienen, eine Buchenart bewässert werden.


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Dienstag, 06.04.2010 Wie bei unserem ersten Besuch angekündigt, kommen wir nach einer 26 stündigen Zugfahrt an unserem letzten Tag noch einmal beim IIT vorbei. Wir treffen Professor Ray, der bei unserem ersten Besuch leider verhindert war. Er erzählt uns viel über den gesellschaftlichen Wandel, der mit der zunehmenden Industrialisierung in Indien stattfindet. Er selber kommt

aus einem kleinen Dorf in der Nähe Mumbais. Sein Vater war Landwirt. Das Land haben sie vor einigen Jahren an einen großen Industriekonzern verkauft. Wie überall in Indien kommt es immer häufiger vor, das Kleinbauern ihr Land an überwiegend ausländische Firmen verkaufen. In die Stadt ziehen, wo sie oft keine Arbeit finden. Mister Ray ist Professor geworden und stolz auf seinen Erfolg.

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Wir berichten ihm von unserer Reise und unseren neuen Erkenntnissen. Außerdem erzählen wir ihm von der weltgrößten Solardampfkochanlage und all den anderen schon beschriebenen Projekten. Abschließend bestärkt er uns in unser Vorhaben die Kommunikation des Indoor Air Pollution Problems zu verbessern.


Durch unsere Indienreise hatten wir die Möglichkeit, eine fremde Kultur kennen und verstehen zu lernen. Wir hatten die Gelegenheit, vor Ort Kontakte zu Ingenieuren, Firmen, Universitäten und den Stadt- bzw. Dorfbewohnern zu knüpfen. Viele wertvolle Beobachtungen im gestalterischen und kulturellen Bereich konnten wir während dieser Reise machen. Wir haben Familien in Dörfern, Städten und Slums besucht und deren Be-

dürfnisse sowie Lebensbedingungen untersucht. Auf viele Fragen konnten wir Antworten finden und interessante Projekte kennen lernen. Während unserer Recherche ist uns immer wieder aufgefallen, dass es nicht an innovativen Lösungen mangelt, sondern an dem Wissen um die Gefahr. Es müssen also keine neuen effektiven Kochstellen geschaffen werden, sondern das Pro-

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blembewusstsein geweckt werden. Ein System dafür wollen wir in diesem Semester entwickeln. Die gemachten Erfahrungen und gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur für unser aktuelles Projekt notwendig, sondern insbesondere auch für den weiteren Verlauf unseres Studiums und unseres späteren Lebensweges eine ergänzende Erfahrung.


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B채ckerei in Munnar - 35 -


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Brennholzwaage in Kochi - 50 -


morgendliche Verbrennung von Abfall am StraĂ&#x;enrand - 51 -


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Dabbawala in Mumbai, der B端roangestellten zuhause oder in einer Dabba-K端che zubereitetes Mittagessen zustellt. - 53 -


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Indien Bericht 2010  

We traveled around India to research about the indoor air pollution problem. This report shows already existing sollutions and their diffic...

Indien Bericht 2010  

We traveled around India to research about the indoor air pollution problem. This report shows already existing sollutions and their diffic...