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Abschlussarbeit für den Master of Arts in Architecture an der Peter Behrens School of Arts, Hochschule Düsseldorf mit dem Thema:

Ertüchtigung eines Arbeiterhauses in der Zechensiedlung Oberdorstfeld in Dortmund vor dem Hintergrund der digitalen Erfassung des Denkmalbestandes in Nordrhein-Westfalen

Vorgelegt von Ilka Andrea Neu Matrikelnummer 614152 Abgabetermin: 01. Februar 2018 Prüfungstermin: 08. Februar 2018

Prüfer: Prof. Dr. Thorsten Scheer Zweitprüfer: Prof. Robert Niess Drittprüfer: Prof. Peter Pütz


,,Nur, wenn wir wissen, woher wir kommen, kĂśnnen wir sagen, wohin wir gehen“ deutscher Sinnspruch


Danksagung

An erster Stelle gilt mein Dank meinen betreuenden Prüfen Herrn Prof. Dr. Thorsten Scheer und Herrn Prof. Robert Niess für ihre wissenschaftliche, methodische und auch persönliche Unterstützung während der gesamten Bearbeitungsphase meiner Masterthesis. Außerdem gilt mein Dank Frau Dr. Andrea Pufke, Frau Dr. Claudia Euskirchen, Herrn Jascha Braun, Herrn Jörg Beste und Herrn Christof Birkendorf, die mich schon im Vorfeld dieser Arbeit durch zielführende Diskussionen und anhaltende Hilfestellung begleitet und unterstützt haben. Frau Kaja Fischer und Herrn Dr. Stephan Strauss danke ich für die zahlreichen und unermüdlichen fachlichen Gespräche, Ratschläge und Anmerkungen, die mich auf dem Weg zur fertigen Arbeit immer wieder neue Aspekte und Ansätze entdecken ließen. Auch die vielen nicht wissenschaftlichen und motivierenden Gespräche mit Mitstudenten und Freunden haben meine Arbeit unterstützt. Besonders möchte ich an dieser Stelle auch meiner Familie, Susi Zolke, Günter Zolke, Wiebke Zolke, Gabriele Neu und vor allem meinem Ehemann Christopher Neu für die unermüdliche Stärkung und Motivation danken, sowie für das stets offene Ohr für meine Gedanken. Vielen Dank! Ilka Neu


Inhaltsverzeichnis

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Einleitung Teil I- Geschichte der Denkmalpflege 01. Die Denkmalpflege – Eine Definition 1.1 Prägung des Begriffs Denkmalpflege 1.2 Denkmalbegriff Denkmale oder Denkmäler? – Das Denkmalverständnis 1.3 Denkmaltypen 1.4 Denkmalwert

14 15 16

Denkmalpflege in der Antike und im Mittelalter

22

03.

Zeitalter der Aufklärung 3.1 Buchdruck und Reformation 3.2 Dreißigjähriger Krieg

24 25 27

04.

Spätes 18. Jahrhundert und erste denkmalpflegerische Maßnahmen 4.1 Von deutscher Baukunst- Goethe 4.2 Verordnung, die im Lande befindlichen Altertümer betreffend

28 29 30

05.

Denkmalpflege im 19. Jahrhundert - Aufschwung 5.1 Die Marienburg als Fallbeispiel 5.2 Erste Dokumentationen und vorsichtige Instandsetzungen 5.3 Der Weiterbau des Kölner Doms 5.4 Der erste Konservator Preußens 5.5 Restaurieren oder Konservieren 5.6 Heidelberger Schlosskonflikt

32 33 36 38 41 43 47

06.

Denkmalpflege und Historismus 6.1 Kunsthistorik als Wissenschaft 6.2 Neue Definitionen des Denkmalwertes 6.3 Umschwung der Denkweise

50 51 52 54

02.

18 21

07. Denkmalpflege in der Weimarer Republik 7.1 Heimatschutz 7.2 Der erste Weltkrieg und seine Folgen

55 57 59

08.

61 63 64

Denkmalpflege im dritten Reich 8.1 Charta von Athen 8.2 Denkmalpflege und Wiederaufbau


09.

Denkmalpflege in der Zeit des Wirtschaftswunders

68

10. Vor und nach der Wiedervereinigung 10.1 Charta von Venedig 10.2 Denkmalschutzgesetze 10.3 Europäisches Denkmalschutzjahr 1975 10.4 Nach der Wiedervereinigung

69 70 71 72 74

11.

75 77 80 82

Denkmalpflege heute 11.1 Zur Differenzierbarkeit des Denkmalbegriffs 11.2 Ein Plädoyer zur Abschaffung der Denkmalpflege 11.3 Budget Fragen und aktuelle Diskussionen

Teil II Denkmalpflege heute Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege 1. Aufgaben und Definitionen 1.1 Bauforschung 1.2 Inventarisation 1.3 Maßnahmen der Denkmalpflege 1.4 Praktische Denkmalpflege 1.4.1 Dokumentation 1.4.2 Restaurierung 1.4.3 Bau- und Kunstdenkmalpflege

84 85 86 87 89 90 91 92

2. Behörden deutschlandweit 2.1 Organigramm 2.2 Denkmalschutzgesetze 2.3 Besonderheiten und Unterschiede 2.4 Unterschutzstellung

93 94 95 97 99

101

3.

Aktuelle Diskussionen

Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

103

1.

Der Architekt Oskar Schwer

104

2.

Gartensstadt nach Ebenezer Howard

106

3. Arbeitersiedlung Oberdorstfeld als Ensembledenkmal 3.1 Lage 3.2 Beschreibung 3.3 Denkmalbegründung

107 108 109 112

Schützenswerte Merkmale des Ensembledenkmals

114

Haustypen 5.1 Eckhaustyp mit 7 Varianten 5.2 Symmetrischer Haustyp mit 7 Varianten 5.3 Asymmetrischer Typ mit 16 Varianten 5.4 Sonderhaustyp mit 5 Varianten

116 117 118 120 123

4.

5.


Teil IV Maßnahmenplan für ein Arbeiterhaus

124

1.

Dachdämmung und Einbau Dachfenster

125

2.

Wanddämmung

128

3.

Fenster

129

4.

Anbaumöglichkeiten

132

Teil V Digitale Denkmalerfassung

134

Zusammenfassung

137

I.

Abkürzungsverzeichnis

II.

Abbildungsverzeichnis

III.

Personen- und Namensverzeichnis

IV.

Literaturverzeichnis

V.

Internetquellen

VI. Eigenständigkeitserklärung


10


Vorbemerkung

Schon zu Beginn meines Architekturstudiums an der Peter Behrens School of Arts habe ich meine Leidenschaft für die Denkmalpflege und das Bauen im Bestand entdeckt. Die Möglichkeit, ein eigenes Thema zu wählen hat mich dazu veranlasst, mich eingehender in meiner Abschlussarbeit damit zu beschäftigen. Für mich ist der Umgang mit dem Bestand der Urgedanke der Architektur und er wird mich in meiner angestrebten Berufspraxis zu 80% begleiten. Die wenigsten Bauaufgaben finden heute auf weiter Flur statt, sondern müssen immer in einen städtischen, zum Teil historischen Kontext eingebunden werden. Die gründliche Beschäftigung mit dieser Substanz hat mir schon immer Spaß gemacht und mich zur Wahl meines Themas gebracht. Ertüchtigung eines Arbeiterhauses in der Zechensiedlung Oberdorstfeld in Dortmund vor dem Hintergrund der digitalen Erfassung des Denkmalbestandes in Nordrhein-Westfalen, besagt, dass es sich hierbei nicht nur um eine schriftliche Auswertung der Geschichte der Denkmalpflege handelt, sondern auch eine Analyse einer Arbeitersiedlung und eine Möglichkeit der digitalen Erfassung des Denkmalbestandes bezeichnet. Eine Möglichkeit, die Rezeption des gebauten Erbes zu verbessern, ist den Informationsfluss zum Laien zu verbessern und die Wünsche eines Denkmaleigentümers zu akzeptieren und zu berücksichtigen. Wenn diese ihr Denkmal und den Denkmalschutz besser verstehen, kann man in Zukunft auf eine intensivere Mitarbeit der Eigentümer bei der Denkmalpflege hoffen. Als Zielgruppe dieser Arbeit sehe ich vor allem interessierte Laien, da das Fachpersonal in den meisten Fällen schon über den Aufbau und die Geschichte der Denkmalpflege informiert ist. Trotzdem bietet diese Arbeit eine zusammengefasste Version der Denkmalgeschichte an und kann innerhalb kurzer Zeit, ohne viele Originaltexte in alter Sprache, eine Übersicht über den geschichtlichen Verlauf bieten. Ich möchte mit dieser Arbeit bei denen, die bisher noch nicht über die Denkmalpflege informiert sind, das Interesse für diese wecken und bei denen, die meine Leidenschaft teilen, Lust auf intensivere Betätigung in diesem Feld animieren.

11


12


Einleitung

Anlässlich meiner Masterarbeit zum Abschluss meines Architekturstudiums an der Peter Behrens School of Arts habe ich mich eingehender mit der Denkmalpflegepraxis und deren Geschichte befasst. Die Denkmalpflege hat in Deutschland eine sehr gemischte Rezeption. Zum Einen gibt es viele Menschen, die sich mit unserem gebauten Erbe auseinander setzen und versuchen, dieses mit allen Mitteln zu schützen. Leider gibt es auf der anderen Seite oft Probleme, wenn ein Haus unter Denkmalschutz gestellt werden soll. Diese Probleme werden oft durch ein Unverständnis für die Denkmalpflege ausgelöst. Viele Vorurteile prägen das allgemeine Bild der Denkmalpflege. Als Ziel dieser Arbeit soll das Verständnis für die Arbeit und Aufgaben der Denkmalpflege verbessert und im Zuge dessen genauer beleuchtet werden. Im ersten Teil dieser Arbeit wird zunächst die Geschichte der Denkmalpflege grob beleuchtet, um die heutige Denkmalpflegepraxis zu begründen. Im zweiten Teil werden Aufgaben, Ziele und Praxis der heutigen Denkmalpflege behandelt. Neben der Darstellung der Behördenstrukturen und der Arbeitsabläufe werden auch einige aktuelle Probleme angeschnitten. Teil III zeigt exemplarisch für die Denkmalpflege die Eigenschaften des Ensembledenkmals der Arbeitersiedlung Oberdorstfeld. Aus der Zechensiedlung wurde ein Gebäudetyp für die weitergehende Analyse ausgewählt. An diesem Gebäudetyp wird in Teil IV mit einem Maßnahmenplan eine mögliche, denkmalgerechte Sanierung durchgeplant, die mit Details für verschiedene energieeinsparende Maßnahmen und der Diskussion für eventuelle Anbauten ergänzt wird. Um die Denkmalerfassung in Zukunft zu erleichtern und vielleicht auch Laien in diesen Vorgang einzubeziehen, wird in Teil V ein Konzept zur Digitalen Denkmalerfassung dargestellt. Die Denkmalpflege ist Bewahrer der Geschichte jenseits von Geschichten. Gebäude sind stumme Zeitzeugen, an denen historische Details weiterhin abgelesen werden können. Dies geht aber nur so lange, wie wir das gebaute Erbe den nachkommenden Generationen bewahren.

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Teil I 1.

Geschichte der Denkmalpflege

Die Denkmalpflege - Eine Definition

Die Denkmalpflege beschäftigt sich mit sämtlichen Maßnahmen handwerklicher, technischer, künstlerischer und geistiger Art, die zur Er- und Unterhaltung von Kulturdenkmälern nötig sind. Sie selbst ist historisch gewachsen und wird durch den Denkmalschutz, der entgegen den praktischen Maßnahmen der Denkmalpflege eher theoretischer Natur ist, geprägt. Der Denkmalschutz besteht vor allem aus rechtlichen Anordnungen, Verfügungen, Genehmigungen, Auflagen und Untersagungen, die die Denkmalpflege sicherstellen. Die zentrale Fragestellung ist und war dabei die Frage nach dem Warum. Warum sollten wir überhaupt Denkmale schützen und was macht es mit unserem Land, wenn wir unser gebautes Erbe vielleicht verlieren? Warum gibt es so viele Vorurteile in der Bevölkerung über den Denkmalschutz? Warum ist dieses Haus ein Denkmal und jenes nicht? Warum haben einige Denkmale einen höheren Wert für unsere Gesellschaft als andere? Warum beschäftigen sich eigentlich so wenige Menschen mit der Denkmalpflege und was kann man tun, um dies zu verändern? Ganz am Anfang der Denkmalbetrachtung steht eine Definition, die aus dem Denkmalgesetz (hier in der Ausgabe des DenkmalschutzgesetAbb. 1 Denkmalplakette zes NRW) entnommen ist: ,,§ 2 (1) Denkmäler sind Sachen, Mehrheiten von Sachen und Teile von Sachen, an deren Erhaltung und Nutzung ein öffentliches Interesse besteht. Ein öffentliches Interesse besteht, wenn die Sachen bedeutend für die Geschichte der Menschen, für Städte und Siedlungen oder für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse sind und für die Erhaltung und Nutzung künstlerische, wissenschaftliche, volkskundliche oder städtebauliche Gründe vorliegen. [...]“1 1

Davydov, S. 29

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 1

In dieser Definition unterscheiden sich die einzelnen Denkmalschutzgesetze, haben aber doch einen zentralen Kern gemeinsam. 1. Denkmäler sind nicht lebendig und 2. muss ein öffentliches Interesse für ihren Erhalt bestehen. Je nach Denkmalschutzgesetz (im folgenden DSchG) wird dieses öffentliche Interesse weiter definiert. Grob bedeutet es aber, dass die Allgemeinheit einen Nutzen aus einem Denkmal ziehen können soll und dieses damit schützenswert wird.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

1.1 Prägung des Begriffs Denkmalpflege

,,Das lateinische Wort für Denkmal monumentum setzt sich aus den Wörtern monere »mahnen, erinnern« sowie mens, mentis »Denkkraft, Sinn, Gedanke« zusammen [...]“.2 Auch im neutestamentlich-griechischen mnemosynon »Gedächtnis«3 lässt sich der Zusammenhang zu dem deutschen Monument finden. In diesem Sinne benutzt Martin Luther diesen Begriff zuerst, indem er 1528 aus dem lateinischen Alten Testament monumentum mit Denkmal übersetzt.4 Zunächst wurde das Wort aber seit dem 16. Jahrhundert eher im Sinne von ,,Gedächtnisstütze“ benutzt und erlangte erst im 19. Jahrhundert die uns heute bekannte Bedeutung. Hierbei ist aber zu unterscheiden, ob es sich um ein Denkmal im herkömmlichen, engeren Sinne handelt

oder um eines im weiteren. Bis ins 19. Jahrhundert wurde das Denkmal auch synonym für Monument, oder in seiner adjektivischen Form monumental für Bauwerke besonderer Größe benutzt. In der Kunstgeschichte bezeichnet das Wort zum Zweck der Erinnerung aufgestellte Denkmale. Im Denkmalschutz wird ein anderer Denkmalbegriff benutzt. Die Denkmalpflege selbst beschäftigt sich mit der Bewahrung ebenjener Denkmale. Dabei ist nicht nur das gelegentliche Säubern oder Ausbessern der Gebäude und Bauwerke gemeint, sondern auch konservierende und restaurierende Tätigkeiten. Die Praxis der Denkmalpflege wird im zweiten Teil dieser Arbeit abgehandelt.

2

Hubel, S. 158 3 Götze, S. 41 4 Scharf, S. 8

1.1 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

15


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

1.2 Denkmale oder Denkmäler? - Das Denkmalverständnis

In der Dualität des Plurals des Wortes Denkmal, nämlich 1. Denkmale und 2. Denkmäler, die auch noch synonym verwendet werden, zeigt sich schon die Mehrzahl der Bedeutungen dieses Wortes. ,,Der Unterschied zwischen intendierten und nichtintendierten, zwischen vorbewußten (sic) und nachbewußten (sic) Denkmälern ist hier schon präsent, d.h. man differenziert zwischen Monumenten, die von vornherein und bewußt (sic) als Denkmäler geschaffen worden sind, und solchen, die auf Grund ihrer inhaltlichen oder formalen Bedeutung für den historisch reflektierenden Menschen im nachhinein bewußt (sic) geworden sein und Denkmalcharakter erhalten haben können.“ 5 Zum Einen gibt es also Denkmale, die im engeren Sinne ein zum Erinnern an eine Person, ein Ereignis oder einen Zeitrum bewusst gesetztes Zeichen darstellen. Gemeint sind Denkmale wie zum Beispiel eines der vielen Bismarck- Denkmale, das Deutschlands Markt- und Rathausvorplätze ziert und Zeugnis von dessen Geburt, Leben, Handlung oder Tod ablegen soll. Meist stehen diese Denkmale an prominenter Stelle im städtebaulichen Bild und/oder erhöht auf einem Sockel oder einer Plinthe. ,,Was ein Denkmal ist, hängt immer davon ab, welchen Stellenwert das herrschende oder als Tradition überkommene Bewußtsein (sic) einer spezifischen historischen und gesellschaftlichen Situation ihm beimißt (sic).“ 6 Ein solches Denkmal hat vorrangig die Aufgabe, die ,,Herrschaft aus der Vergangenheit zu legitimieren (Legitimation), Herrschaft in der Gegenwart darzustellen (Repräsentation), Herrschaft dauerhaft in die Zukunft zu tradieren.“ 7 Zum Anderen gibt es Denkmale im weiteren Sinne. Diese sind Objekte oder, wie es das DSchG nennt, Sachen, die von historischen Zeiten Zeugnis ablegen,

Scharf, S. 11 Scharf, S. 5 7 Scharf, S. 20 5

8

Scharf S. 5

6

16

Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 1.2

ohne eigens dafür vorgesehen worden zu sein. Es dokumentiert eine Zeit durch seine Technik, seine epochalen Merkmale, sein Material oder seine Verstrickung in die historischen Ereignisse in seiner Gegend. Auch muss ein Kulturdenkmal nicht von Menschenhand errichtet sein, es kann genau so durch Wettereinflüsse entstanden, tierischen oder pflanzlichen Ursprungs sein. Der Unterschied ist also die Absicht der Errichtung und seine Entstehung. Ein Denkmal im engeren Sinne hat (meistens) den alleinigen Zweck, zu Erinnern. Ein Denkmal im weiteren Sinne oder zur besseren Unterscheidung zukünftig Kulturdenkmal, hatte vormals einen anderen Zweck. Es war z.B. ein Wohnhaus oder diente repräsentativen Zwecken, war ein Wanderweg, ist ein alter Baum eines Parks usw. Die Zwecke sind vielfältig und nicht vorher definiert. So kann ein Denkmal auch zum Kulturdenkmal erklärt und unter Denkmalschutz gestellt werden, wenn es zum Beispiel eine Technik zeigt, die heute nicht mehr verwendet wird; Kulturdenkmäler aber stellen keine Denkmäler im engeren Sinne dar. In Deutschland gibt es keinen einheitlichen Denkmalbegriff, der verbindlich definiert ist. ,,Kaum ein Begriff ist heterogener als der des Denkmals.“ 8 Das liegt daran, dass die Denkmalpflege Sache der einzelnen Bundesländer ist und in jedes ein eigenes Denkmalschutzgesetz (DSchG) hat. Was alle DSchGesetze gemeinsam haben, ist aber die Setzung der Priorität auf die historische Dimension. Das Denkmal soll ein Zeichen der Vergangenheit sein, eine Erinnerung an schon Geschehenes. Seit dem 19. Jahrhundert versteht man unter einem Kulturdenkmal eine Sache, die


hauptsächlich also einen historischen oder auch ästhetischen Wert hat, speziell aber eine, deren Aufgabe es ist, Erinnerungen zu überliefern und Tradition zu bewahren. Im 20. Jahrhundert wandelt sich dieser Denkmalbegriff in einen, der die Erhaltung in den Vordergrund stellt. Zum Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 wurden neue Richtlinien formuliert, die eine Erweiterung des Denkmalbegriffes zur Folge hatten. War der Begriff vorher eher retrospektiv orientiert, enthielt er neben der rein historischen und ästhetischen

Dimension, auch eine zugunsten aktueller gesellschaftlicher Werte. Damit sollte vorläufig alles inventarisiert werden, was Wände und ein Dach hat oder hatte, was mit anderen zusammen eine Gesamtheit bildete (Straße, Platz) oder auch nur ein Teil eines Denkmals war (Tor, Fenster, Schlußstein). ,,In diesem Denkmalbegriff spiegelt sich nicht nur ein erweitertes monumentales, sondern auch ein demokratisches Verständnis wider, [...]“9 was eine Denkmalflut zur Folge hatte.

Abb. 2 Bismarckdenkmal 1901- 38 vor dem Berliner Reichstag, in der NS-Zeit in die Nähe des großen Sterns versetzt.

9

Scharf, S. 19

1.2 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

1.3 Denkmaltypen

Um die Klassifizierung der Denkmäler zu vereinfachen, werden die Denkmäler in verschiedene Denkmaltypen unterteilt. Denkmäler werden dabei in vier verschiedene Kategorien eingeteilt.

Abb. 3 Schloss Benrath

Abb. 4 Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

Baudenkmäler bestehen aus baulichen Anlagen oder Teilen derer. Auch zu den Baudenkmälern zählen Garten-, Friedhofs-, und Parkanlagen sowie historische Ausstattungen, wenn sie mit dem Denkmal eine Einheit bilden. Beispiele für Baudenkmäler sind u.A. Schlösser, die inklusive Garten- und Bewässerungsanlagen sowie Mobiliar unter Denkmalschutz stehen, wie das Schloß Benrath in Düsseldorf oder das Schloß Sanssoucci in Berlin.

Denkmalbereiche oder Ensembles schließen Denkmäler ein, die als Gesamtheit unter Schutz stehen und Mehrheiten von Baudenkmälern bilden, auch dann, wenn nicht jede bauliche Anlage des Bereiches die Kriterien eines Denkmals erfüllen. Ein Beispiel für einen Denkmalbereich ist die Zechensiedlung Oberdorstfeld, die in der vorliegenden Arbeit als Schwerpunkt behandelt wird.

18

Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 1.3


Abb. 5 Bodendenkmal Römerkastell Ruffenhofen

Abb. 6 Bentley S1 von 1956

Bodendenkmäler sind sowohl bewegliche als auch unbewegliche Denkmäler. Hierbei handelt es sich um alle Denkmäler, die nicht menschlichen Ursprungs sind. Sie sind Zeugnisse tierischen oder pflanzlichen Lebens. Auch Bodenverfärbungen, die durch nicht mehr erkennbare Baudenkmäler, z.B. verbrannte Holzhäuser usw., verursacht wurden, gehören dazu.

Bewegliche Denkmäler sind alle Denkmäler, die nicht ortsfest sind. Ein Beispiel für ein bewegliches Denkmal wäre historisches Mobiliar oder Fahrzeuge. Ausserdem gibt es noch weitere Untertypen, die in der folgenden Grafik in Verbindung gebracht werden.

1.3 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Naturdenkmal

Einzeldenkmal

Kunsthandwerkliches Denkmal

Klang denkmal

Verkehrsdenkmal Kunstdenkmal

Bewegliches Denkmal

Industriedenkmal

technisches Denkmal Baudenkmal

Kulturdenkmal Milit채rhistorisches Denkmal

Gartendenkmal

Fl채chendenkmal / Denkmalensemble

Abb. 7 Grafik Denkmaltypen

20

Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 1.3

Flurdenkmal

Klein denkmal

Bodendenkmal - arch채ologisches - pal채ontologisches Sepulkraldenkmal


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

1.4 Denkmalwert

Wie bereits in der Definition erwähnt, muss für den Erhalt eines Bauwerkes als Denkmal ein öffentliches Interesse bestehen. Dieses öffentliche Interesse ist Teil des Denkmalwerts, der sich aus drei Faktoren zusammen setzt. Die architekturhistorische, künstlerische oder industriegeschichtliche Bedeutung bildet den ersten Faktor. Hier wird überprüft, ob das Gebäude eine besondere künstlerische Höhe aufweist, es also gewissermaßen auch bezeichnend für einen bestimmten Architekten oder Künstler, eine Epoche oder eine Region ist. Ist dieser Aspekt nicht nur für eine kleine Gruppe Menschen wichtig, sondern für einen großen Teil der Bevölkerung, ist das öffentliche Interesse bestätigt. Dabei geht es nicht darum, ob das Gebäude ästetisch ansprechend ist, sondern nur, ob es in gewisser Weise bedeutend ist. Neben dem ersten Aspekt ist die Baugeschichte eines Gebäudes von großer Bedeutung für seine Unterschutzstellung. Sowohl der historische Kontext als auch die Entstehung des Gebäudes selbst sind wichtig für seine Entstehungsgeschichte und bilden den Denkmalwert mit aus. An geschichtlichen Spuren eines Gebäudes sind Epochen und Techniken ablesbar und damit wichtig für seine Rezeption. Neben den primär historischen Eigenschaften eines Gebäudes ist die konstruktive Beleuchtung

des Erhaltungszustandes einer der wichtigsten Aspekte zur Benennung des Denkmalwertes. Je besser ein Gebäude erhalten ist, desto besser kann man das gebaute Erbe einordnen. Trotzdem sind natürlich auch Ruinen oder im schlimmsten Fall Erdverfärbungen aufschlussreich für die Rekonstruktion von geschichtlichem Kontext. Gerade bei zweifelhaften Entscheidungen kann das Baualter ausschlaggebend für den Erhalt eines Denkmals sein. ,,Entscheidend für die Anerkennung eines Objekts als Denkmal ist die Zeit, die seit der Entstehung des Objekts vergangen ist. Erst die Geschichtlichkeit macht die Deklarierung eines Denkmals möglich.“10 Dieser Ausdruck, der auch in den Gesetzen verfasst wurde, ist bewusst schwammig formuliert, um das Voranschreiten der Zeit mit in die Denkmalerfassung einzubeziehen. Hat Schinkel noch gefordert, nur Gebäude bis 1650 als Denkmäler zu erfassen, mussten schon im späten 19. Jahrhundert auch die der Barock- und Rokokozeit aufgenommen werden, gefolgt von den weiteren Epochen bis hin zu der heutigen Erfassung der 60er und 70er Jahre - Bauten des 20. Jahrhunderts. Das bedeutet gleichzeitig für die Denkmalpflege, dass es keinen Almanach gibt, der beschreibt, was für Eigenschaften ein Denkmal haben muss und dass der Denkmalwert und –begriff sich auch in Zukunft wandeln wird. Deswegen ist die Unterschutzstellung immer Ermessenssache der jeweilig zuständigen Behörde.

10

Hubel, S. 160

1.4 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

Denkmalpflege in der Antike und im Mittelalter

2.

Der eigentliche Beginn der Denkmalpflege ist unklar. Eine Erhaltung bedeutender Bauwerke gab es schon immer und die Instandsetzung solcher Gebäude war selbstverständlich und bedurfte keiner Benennung. Eine Schwierigkeit hierbei waren immer Zeiten politischen Umsturzes und Änderungen gesellschaftlicher Werte. Gerade dann konnte es passieren, dass bestimmte Gebäude nicht mehr genutzt werden mussten oder durften und daher von dieser selbstständigen Instandhaltung nicht mehr betroffen waren. Als Beispiel für den Umgang mit denkmalwerten Gebäuden wird in der Literatur die Handhabung alter Tempelanlagen in der späten römischen Kaiserzeit genannt. Im frühen 4. Jahrhundert mit Erlaubnis der Religionsfreiheit durch den Kaiser Konstantin fand die zunehmende Christianisierung des römischen Reiches statt und die Tempelanlagen wurden durch christliche Kirchengebäude ersetzt oder von der christlichen Kirche übernommen. Aus dieser Zeit existieren Edikte der römischen Kaiser, die dafür sorgten, dass die Tempel nicht als Steinbruch für neuere Gebäude genutzt werden sollten und vor dem Verfall geschützt wurden. Konstantin der Große veranlasste beispielsweise 321 das ,,Verbot, Marmore, Säulen und andere Zierstücke aus der Stadt zu entfernen.“11 Schon damals hat die sinnvolle Umnutzung der Gebäude eine Reihe von Gebäuden gerettet. Im 6. Jahrhundert konnten einige Tempel erhalten bleiben, nachdem Papst Gregor der Große eine Empfehlung ausgesprochen hatte, heidnische Tempel nicht zu zerstören, sondern als christliche Kirche umzunutzen. Beispiele dafür sind das römische Pantheon, das vormals allen Göttern geweiht war, oder der Siegestempel der Athena, der zur christlichen Basilika Santa Maria delle Colonne in Syrakus in Sizilien umgebaut wurde. Interessant an dieser Praxis ist, dass schon in der

11

Cod. Just. VIII, S. 167

22

Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 2.

Antike versucht wurde, eine neue Bedeutung für veraltete Gebäude zu schaffen und sie damit zu erhalten. Dabei ging es nicht nur um die Bewahrung der Substanz, sondern auch deren Bedeutung. Auch der Tourismus zu diesen alten Stätten war selbstverständlich. Für viele junge, reiche und interessierte römische Bürger war es selbstverständlich, sich auf eine Bildungsreise nach Griechenland zu begeben, um dort Tempelanlagen zu bestaunen sowie den Kunsthandel mit originalen Skulpturen berühmter Bildhauer voranzutreiben. Es gehörte zum guten Ton einige originale Skulpturen oder wenigstens eine gute Kopie zu besitzen. So groß die Begeisterung für vergangene Epochen und Bauweisen in Antike und Spätantike war, so sehr wurde der Schutz derselben im Mittelalter vernachlässigt. Mit dem Christentum wurde ein gefestigtes Weltbild geformt, das sich vor allem im Abendland verbreitete und dort unangefochten herrschte. Durch diese Stabilität, in der sich die Menschen befanden gab es auch keine Kritik am System oder den Wunsch, an vergangenen Zeiten festzuhalten und sich mit Hilfe künstlerischer oder baulicher Zeitzeugen daran zu erinnern. Schon in der Renaissance wird das Mittelalter als ein finsteres Zeitalter bezeichnet, das die Werte und das Wissen, das schon in der Antike bekannt war, in Vergessenheit geraten ließ und oft als geistig und kulturell unterlegen bezeichnet wird. Auch der Zusammenbruch des einheitlichen römischen Reiches nach der Absetzung des letzen weströmischen Kaisers Romulus Augustus 476 n. Chr führte dazu, dass viele Informationen, auch den Bau betreffend, verloren gingen. Die sogenannten Bücherverluste der Spätantike zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert führten dazu, dass das kulturelle Erbe der Antike erhebliche Einbußen erdulden musste.


Wenn überhaupt, existieren nur noch wenige originale Texte aus der Antike, und diese sind zumeist Abschriften aus dem Mittelalter. Das Interesse an materieller Überlieferung, wie sie in der Denkmalpflege stattfindet, war demnach zwar vorhanden, aber nicht besonders ausgeprägt und sinnvoll verfolgt. Es war zu dieser Zeit auch wichtiger, durch Zeichenhaftigkeit an Traditionen anzuknüpfen und im besten Falle diese sinnvoll zu zitieren. Auch gab es andere Zeichen, die Verbundenheit zu Tradition und Vergangenheit signalisierten. Das Aufbewahren von religiösen Reliquien Heiliger war eine Praxis, da man ,,überzeugt war, dass die Heiligen als Fürbitter wirken und sogar wundertätig sein konnten“ und deswegen ,,sprach man ihren materiellen Überresten die Kraft zu, Gnadengaben spenden zu können.“12 Die Rückbesinnung auf ältere Tradition äußerte sich vor allem im Einbau von sogenannten Spolien (Erinnerungs- und Legitimationsstücke) in den Kirchenbau. Schon Kaiser Karl der Große zitierte mit der Kapelle zu seiner Pfalz in Aachen, die Grundstein für das heutige Münster ist, die Kirche San Vitale in Ravenna. Diese war unter Theoderich dem Großen zur Zeit des römischen Reiches entstanden. Um dieses Zitat deutlich zu machen, wurden Säulen der

älteren Kirche aus Ravenna abtransportiert und tragen teilweise heute noch die oberen Arkaden des Münsters. Karl, der erste Kaiser seit dem Untergang des römischen Reiches, verdeutlichte damit seine legitime Nachfolge und wollte das römische Reich wieder auferstehen lassen. Diese Art des Zitats nennt sich pars pro toto (Teil fürs Ganze). Aus dieser Denkweise entstand unter Bischof Bernward die Klosterkirche St. Michael in Hildesheim. Er ließ in die Kapitelle der Säulen des Kirchenbaus, die er am Anfang des 11. Jahrhunderts in Auftrag gab, Reliquien von Heiligen einlegen. Der Kirchenbau wird damit quasi von den Heiligen getragen und diese sind durch die Reliquien sogar körperlich präsent. Das Bauwerk erhielt mit dem Vorhandensein der sterblichen Überreste einiger Heiliger damit eine höhere sakrale Bedeutung, als jeder ältere Kirchenbau zu diesem Zeitpunkt hätte haben können. Für die Legitimation eines Denk- oder Herrschaftsanspruches konnten diese Spolien also nützlich sein; mit Denkmalpflege im eigentlichen Sinne hatte diese Praxis aber nichts zu tun und der Erhalt alter Bausubstanz war deswegen auch nicht unbedingt erforderlich.

12

Hubel, S. 18

2 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

23


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

Zeitalter der Aufklärung

3.

Die vorherrschende Einstellung des Mittelalters erhielt sich bis ins 16. Jahrhundert. Öffentliche Bauten, sowie Kirchen, Paläste und Wohnhäuser, die in Gebrauch waren, wurden zur Genüge gepflegt, repariert und in Stand gehalten, nicht aber erhalten, wenn Schäden zum Beispiel durch einen Brand oder andere Zerstörungen das Gebäude unbrauchbar machten. An deren Stelle traten dann neue Gebäude der zeitgegnössischen Baustile. Selbst die Reformation und der Dreißigjährige Krieg konnten den Grundsatz des Christentums nicht erschüttern und die Bevölkerung zweifelte nicht an der Grundstruktur und Rechtmäßigkeit der politischen und religiösen Systeme. Auch die Gründung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im 10. Jahrhundert als Idee eines erneuerten Römischen Reiches änderte wenig an der denkmalpflegerischen Praxis. Die Begeisterung für Bauwerke und Erinnerungen an vergangene Zeiten kam erst durch die Reichsreform im 15. und 16. Jahrhundert, die das Reich an die Anforderungen eines frühmodernen Staats anpasste und eine einheitliche Regierung bildete, zurück. Vor allem die Vereinfachung der rechtlichen Prozesse innerhalb des Reiches begünstigten das Aufkeimen einer neueren Denkmalbewegung. Es gab die Möglichkeit, vor Gerichten friedlichere Lösungen für eine Einigung bei Konflikten zu erwirken und die Verrechtlichung und Verdichtung des Staates führte zunehmend zu einem Umsturz der traditionellen Gesellschaft dieser Zeit. Dem Adel und dem Klerus wurde zunehmend mehr Macht entzogen und der Reichstag als ständische und parlamentarische Vertretung

13 14

Huse, S. 13 Germann, S. 93 ff.

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 3.

des Volkes als Gegengewicht zum Kaiser gebildet. Die damit einhergehende Tradierungskrise der Gesellschaft führte wiederum dazu, dass eine Leidenschaft des Bewahrens ausgebildet wurde, wie sie schon in der spätrömischen Antike feststellbar war. In einem etwa 1520 n. Chr. an Papst Leo X. gerichteten Memorandum, das wahrscheinlich von dem Künstler Raffael verfasst wurde, findet sich die bis dahin erste und umfassendste denkmalpflegerische Konzeption, die bisher überliefert wurde. Er hatte die vorhandene Bausubstanz der römischen Hauptstadt nicht nur sorgfältig vermessen, sondern auch mit antiken Autoren abgeglichen und kam zu dem Schluss, dass von Rom ,,nur das Skelett, ohne das Fleisch des Körpers“13 übrig geblieben sei. Er selbst sah sich verpflichtet, dieser Zerstörung entgegen zu wirken und das nicht nur aus eigenem, sondern aus öffentlichem Interesse. Auch der Papst wurde von ihm dazu aufgerufen, mehr für den Schutz alter Bausubstanz zu tun, denn „die, die den römischen Denkmälern Väter und Beschützer hätten sein müssen, haben lange geholfen, sie zu zerstören ... Wie viele Päpste, Heiliger Vater, haben antike Tempel, Statuen und Bögen zerstört?“14 Raffael beschwerte sich in seinen weiteren Ausführungen nicht nur über die aktuelle Lage, sondern machte auch Vorschläge zur Verbesserung der Umstände. Es solle eine genaue Bauaufnahme mit einer ersten Skizze, Grundrissen, Querschnitt und Ansicht erfolgen und erstmals wird dabei auch die architektonische Zeichnung von der mit künstlerischer Absicht unterschieden.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

3.1 Buchdruck und Reformation

Der moderne Buchdruck wurde Mitte des 15. Jahrhunderts durch den Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg erfunden. Seine Druckerpresse mit beweglichen Lettern ermöglichte den häufigen Bedruck von Papierseiten und machte das geschriebene Wort zum Massenartikel. Bis dahin wurden Schriftstücke durch Schriftgelehrte, vornehmlich Angehörige des Klerus, mühsam in Handarbeit in geringer Stückzahl vervielfältigt. Der Vorteil gegenüber der Handschrift wurde durch das Abgießen des flexibel gesetzten Textes mit festen Druckplatten durch das ,,mater pater“ Verfahren noch verbessert. Texte, die ihren Wortlaut nicht so schnell änderten, wie die Bibel, konnten so noch schneller und effektiver vervielfältigt werden. Auch kleinere Texte, wie Ablassbriefe, Kalender, Donate und Flugblätter konnten so in höherer Stückzahl hergestellt werden.

Dieses Verfahren nutzte Martin Luther 1517 für den Druck seiner Schriften. Der Augustiner Mönch sah in der Rechtfertigung des Glaubens und Gottes Gnadenzusage das Wesen des christlichen Glaubens und wollte die Fehlentwicklungen des christlichen Kirche seiner Zeit beseitigen und reformieren (wiederherstellen). Entgegen seiner Absicht kam es durch die Veröffentlichung seiner bekannten 95 Thesen an der Tür der Wittenberger Schlosskirche zur Spaltung der Kirche. Als Anlass für diese Thesen nahm Luther den damals gängigen Ablasshandel, der den Gläubigen durch einen Geldbetrag die Sündenfreiheit bescheinigen und sich selbst und Angehörige vor dem Fegefeuer bewahren sollte. Die Thesen waren allerdings höchstwahrscheinlich schon vor dem berühmten Thesenanschlag bekannt und wurden durch den Buchdruck auch weit über die Wittenberger Grenzen hinaus verbreitet. Die daraus resultierende Diskussion um die Bußgesinnung, die sich aus dem Ablasshandel bildete, war der Auslöser für die darauf folgende Reformation. Luther prangerte nämlich nicht die Finanzkultur der römischen Kirche zur Bezahlung der Schulden bei den Fuggern, sondern den Glauben, dass mit dem Erwerb eines Ablassbriefes keine Reue für Schandtaten notwendig sei, an. Der Ablasshandel war demnach nur ein Anlass, um eine grundlegende Reform der Kirche zu fordern. Da die Thesen nur dem gelehrten Volk verständlich waren, verfasste Luther 1518 einen einfacheren Sermon von dem Ablass und Gnade. Daraufhin wurde Luther nach Rom vorgeladen, um in einem Prozess die Vorwüfe der Häresie (Lehre, die widersprüchlich zu kirchlich-religiösen Grundsätzen steht) zu untersuchen. Im Laufe des Prozesses wurde er als Häretiker verurteilt und verfolgt. Luther entzog sich der Verurtei-

Abb. 8 Johannes Gutenberg

3.1 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

25


lung und wurde nach diversen Verhandlungen als vogelfrei erklärt. Seine Schriften wurden verboten und Luther als Geächteter behandelt. Am 4. Mai 1521 wurde er auf der Wartburg festgesetzt und lebte dort inkognito als ,,Junker Jörg“. Dort übersetzte er das Neue Testament in die deutsche Sprache und machte die biblischen Inhalte dem gemeinen Volk zugänglich. Auch hier leistete der Buchdruck wieder gute Dienste. Im Verlaufe dieser Arbeit prägte er durch seine Übersetzung viele Ausdrücke und unter anderem auch das Wort Denkmal. Als Reformation bezeichnet man in diesem Zusammenhang die kirchliche Erneuerungsbewegung zwischen 1517 und 1648, die zur Spaltung des westlichen Christentums in römisch-katho-

Abb. 9 Martin Luther 15

Internetquelle

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 3.1

lisch und reformierte protestantische Religionen führte. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bestand aus vielen Einzelterritorien, das zwar durch den von den Kurfürsten gewählten Kaiser gelenkt wurde, aber territorial eigene Rechte zustehen musste. Die Reformation entschied sich daher auch auf territorialer Ebene und aufgrund der fehlenden Zentralinstanz15 führte sie zu einer Fragmentierung des Reiches. Zusätzlich musste sich der Kaiser Karl V. vornehmlich um außenpolitische Konflikte wie Kriege mit Frankreich und dem osmanischen Reich kümmern. Seine verspätete Reaktion auf die reformativen Handlungen Luthers sorgten nach einigen kleineren Gefechten innerhalb des Landes für Zugeständnisse (Vertrag von Passau, 1552) an die Protestanten.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

3.2 Dreißigjähriger Krieg

Die Alleinherrschaft der römischen Kirche auf deutschem Grund hatte damit einen jähen Dämpfer verpasst bekommen und die nachfolgenden Vertreter des Volkes verstrickten sich in diverse Erbfolgekriege und in inneren Konflikten. Diese gipfelten 1612 in der Verletzung des Majestätsbriefes von 1609, der den böhmischen Protestanten Religionsfreiheit zusicherte, und dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618, bei dem die königlichen Statthalter Jaroslav Borsita Graf von Martinitz und Wilhelm Slavata sowie der Kanzleisekretär Philipp Fabricius von erbosten Protestanten unter der Führung von Heinrich von Thurn aus einem Fenster der Prager Burg geworfen wurden. Das Defenestrieren war eine härtere Version des Fehdehandschuhs, der dem Kaiser Rudolf II. und dem gewählten böhmischen König Ferdinand von Steiermark zugeworfen wurde, als die Vertreter der Protestanten während des Böhmischen Ständeaufstandes ihrem katholischen Landesherrn Kaiser Matthias vorwarfen, die 1609 zugestandene Religionsfreiheit zu verletzen. Das Ende der Ständever-

sammlung wurde damit zum äußeren Anlass des Dreißigjährigen Krieges. Während dieses Krieges entluden sich sämtliche Konflikte Mitteleuropas. Die zwischenzeitlichen Versuche, die Konflikte zu beenden, wurden dadurch gestört, dass nicht alle Interessen aller direkt oder indirekt beteiligten Parteien berücksichtigt werden konnten. Die Kriegshandlungen selbst wurden vornehmlich auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ausgetragen und hinterließen durch Hungersnöte, Krieg und Zerstörung verursachte leere Landschaften. Nur etwa ein Drittel der Bevölkerung überlebte diese Zeit und es brauchte etwa ein Jahrhundert, um sich von diesen Folgen zu erholen. In dieser Zeit entwickelte sich eine neue Rezeption für Denkmale. Dabei ging es vor allem um Denkmale im engeren Sinne. Die neuen Herrschaftsstrukturen erforderten Legitimation und Reiterdenkmale und Gedenktafeln sorgten dafür, dass der Bevölkerung wichtige und richtige Denkvorbilder geschaffen wurden.

3.2|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

Spätes 18. Jahrhundert und erste denkmalpflegerische Maßnahmen

4.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts brachten Ereignisse wie die Französische Revolution 1789, die napoleonische Diktatur und die gleichzeitige Säkularisation sowie die Befreiungskriege eine erneute Tradierungskrise für Mitteleuropa. Auch die Aufklärung, die Ende des 18. Jahrhunderts als soziale und geistige Reformbewegung einen Vernunftglauben in die Bevölkerung einbrachte, sorgte für eine Emanzipation von traditionellem Gedankengut. Der Befreiungsgedanke dieser Zeit, dass die Vernunft und die Abwendung von althergebrachten sowie überholten Ideologien und Verhaltensweisen eine Hinwendung zu Naturwissenschaften und die Orientierung am Naturrecht zur Folge hatte, trugen zu einer Rationalisierung von Politik und Gesellschaft bei. Um das vergangene „finstere“ Zeitalter hinter sich zu lassen und eine neues, „helleres“ zu beschreiten, besann man sich zurück auf Werte der Antike als Vorbild.

Jean-Jacques Rousseau, ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution, sprach vom Jahrhundert der Lichter (Siécle des Lumières) und deswegen nannten sich die Vertreter dieser Ideologie Les Lumières. Ebenfalls Rousseau zugeschrieben wird die Aussage Zurück zur Natur, die nicht auf ein ökologisches Interesse zurück geht, sondern die Erkenntnis beeinhaltet, dass der Fortschritt der Menschheit mit einem Verfall der Kultur einhergegangen war. Gerade das Verhalten des Adels am Hof veranlasste Rousseau dazu, zu denken, dass die Gesellschaft in ihrer Hochzeit großzügiger und bequemer als jemals zuvor leben werden würde, dies aber mit dem Verfall der Sitten bezahlen würde.16 Die Kirche nahm die Kritik und die entwicklungsgeschichtlichen Theorien gerne auf, um eigene Schöpfungen wieder in das rechte Licht zu rücken. „Die Vorstellung, dass die Menschen früherer Zeiten charakterlich höher einzuschätzen seien, als die der eigenen Gegenwart, ließ plötzlich auch die Schöpfungen aus der Vorzeit in einem neuen Licht erscheinen. Man entdeckte deren konstruktive Qualität, aber auch ihre Schönheit.“17 Aus diesem Grund entstand die Theorie, dass die Gotik am Anfang der Baukunst stand. Auch wurde verbreitet, dass die Menschen zu dieser Zeit besonders gut und fromm waren und damit jeder Baumeister und gleichbedeutend auch sein Bauwerk diese positiven Eigenschaften automatisch mitverkörperte. Die Gotik sollte damit als Hilfsmittel zur Rückgewinnung von Tugend und Anstand dienen und Menschen, die dieser Architektur ausgesetzt wären, müssten von diesen besonderen Gläubigen dazu zu motivieren sein, wieder fromm und gläubig hinter der Kirche zu stehen.

Abb. 10 Jean-Jacques Rousseau 16 17

Hubel, S. 23 Hubel, S. 22

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 4.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

4.1 Von deutscher Baukunst - Johann Wolfgang von Goethe

ästhetische Wertschätzung des Münsters mit der Verehrung des gotischen Baumeisters, den er ehrfürchtig den „heiligen Erwin“ nannte. Die Veröffentlichung des Aufsatzes war eher an junge deutsche Männer gerichtet als an kompetente Leser und fand damit auch erst in der Romantik seinen gewünschten Anklang. Bei der Wiederentdeckung waren vier Faktoren besonders wichtig: „1. der Nachweis, daß Grundforderungen der traditionellen Ästhetik, wie die nach dem ganzheitlichen Zusammenwirken des Ganzen und seiner Teile in der Gotik in tieferer Weise erfüllt seien als in den der Antike verpflichteten ArchiAbb. 11 Straßburger Münster tektursystemen; 2. die Verbindung des GeniebeGenau diesen Gedanken stimmte Johann Wolf- griffs mit der Architektur im allgemeinen und der gang von Goethe in seinem Aufsatz Von deut- Gotik im Besonderen; 3. die positive Bewertung scher Baukunst an. Goethe studierte 1770 in der seit der Renaissance nur wenig veränderten Straßburg und besuchte zu dieser Zeit oft das Phänomenologie der gotischen Baukunst; und 4. dortige Münster. Dieser enstand 1771/72 und die These, daß (sic) in den genialischen Regelvererschien als Teil der Broschüre Von deutscher stößen des gotischen Architekten von Straßburg Art und Kunst. In diesem Aufsatz sprach Goethe [...] die Grundlagen für eine spezifisch nordische 19 den Baumeister des Münsters in Straßburg, Er- und deutsche Kunst zu finden seien.“ win von Steinbach, an und pries seine gotische Kirche. Zunächst beschrieb er seine Bestürzung, Goethe beanspruchte patriotisch die Erfindung als er festellen musste, dass dem Baumeister kein der Gotik für das deutsche Volk und daraus Denkmal gestellt worden war, an dem man kurz entwickelte sich dann 1812 die Interpretation, dass Gotik mit wahrer Religion und Nationalität verweilen und an ihn denken könne. gleichzusetzen sei. Den selben Anspruch erhoGleichzeitig sieht Goethe jedoch ein, dass von ben natürlich auch England und Frankreich für Steinbach sich mit dem Münster schon selbst ein sich. In Deutschland aber lag darin vermutlich Denkmal gesetzt hatte. Vollbeladen mit Vorurtei- die Wurzel der Denkmalpflege im engeren Sinn, len, in denen sich die allgemeine Unzufrieden- die wir auch heute noch praktizieren. heiten des Volkes mit der aktuellen Baukunst wi- Seit dieser Rezeption wurde sich nicht nur gederspiegelten, sah er das Münster und zeigte sein zielter vor allem um die mittelalterlich gotischen Missverständnis des Begriffs Gotik. Für ihn ,,hieß Bauwerke gekümmert, sondern ließen sich mehr alles gotisch, was nicht in (sein) System passte“18 Maßnahmen, die den Erhalt der mittelalterlichen und dieses Missverständnis räumt er reuig wäh- Strukturen unterstützte und die neue Wertschätrend seiner Beschreibung ein. Ganz bewusst ver- zung der gegebenen Bauwerke zeigte, verzeichknüpfte Goethe dabei seine uneingeschränkte nen.

Huse, S. 23 Huse, S. 21-22 18

19

4.1|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

4.2 Verordnung, die im Lande befindlichen Altertümer betreffend

Christian Friedrich Karl Alexander von Brandenburg-Ansbach war der letzte Markgraf der fränkischen Markgraftümer Brandenburg-Ansbach und Brandenburg- Bayreuth. Da seine Ländereien ohne leibliche Erben nach seinem Ableben sowieso an Preußen gefallen wären, trat er diese durch einen Geheimvertrag ab. So wurden diese fränkischen Regionen preußisch. 1791 unterzeichnete er in Bordeaux seine Abdankung und lebte daraufhin als Privatmann. Am 10. April 1780 veröffentlichte von Bayreuth in seiner Funktion als Markgraf das Landesväterliche Ausschreiben, das wiederum auf einem weiteren Ausschreiben vom 4. Juli 1771 beruhte. Aus diesem Ausschreiben entwickelte sich 1780 die Verordnung, die im Lande befindlichen Monumente und Altertümer betreffend, die von Friedrich II., Landgraf zu Hessen, veröffentlicht wurde. In der Überschrift ist 1779 als Veröffentlichungsjahr angegeben, was aber laut der deutschen Kunsthistorikerin Gabriele Dolff- Bonekämper ein redaktionelles Versehen sein muss, das sich in der Literatur gehalten hat und in der Vergangenheit zu Verwirrung geführt hat. Es ist davon auszugehen, dass die Verordnung von 1780 auf das Ausschreiben gefolgt ist. Diese Veröffentlichung beinhaltet acht Artikel, die den Umgang mit den im Lande befindlichen Monumenten regeln sollten.

Abb. 12 Alexander von Bayreuth

30

Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 4.2.


4. Handwerkern wird unter Androhung von Sanktionen verboten, Steine, Wappen oder Inschriften zu bearbeiten oder zu entfernen, sofern dies nicht vorher bei Kirchen durch den Pfarrer oder bei öffentlichen Gebäuden durch die örtliche Obrigkeit genehmigt wurde. 5. Vom Verfall bedrohte Gebäude sollen schnellstmöglich dokumentiert werden. 6. Gefundene Münzen müssen schnellstmöglich dem nächsten Beamten übergeben werden damit bewertet werden kann, ob der Staat diese übernimmt. Wird der Fund übernommen, wird der Finder entsprechend entschädigt. Im Falle eine Unterschlagung wird die Münze jedoch beschlagnahmt und nur derjenige, der die Anzeige erstattet hat zu einem Drittel des Wertes entschädigt. Abb. 13 Landesväterliches Ausschreiben Seite 1

Inhaltlich behandeln die einzelnen Artikel folgendes:

7. Gold- und Silberschmiede, die Münzen zum Einschmelzen ankaufen sollen diese erst der Obrigkeit zur Begutachtung zukommen lassen.

8. Alle Beamten und Pfarrer sind angewiesen, 1. Bei sämtlichen Baumaßnahmen an histori- dieser Verordnung Folge zu leisten und dafür schen Gebäuden muss darauf geachtet werden, Sorge zu tragen, dass sie auch umgesetzt wird. dass historische Zeugnisse, egal ob Teile des Gebäudes oder Ausstattungsstücke, erhalten bleiben müssen und weder, beschädigt, noch beseitigt oder unkenntlich gemacht werden. 2. Wenn Beschädigungen oder Entfernungen von historischen Zeugnissen unabweichlich sind, müssen die historischen Bauteile aufbewahrt und nach Möglichkeit wieder eingebaut werden. Hauptsächlich den Pfarrern der Kirche wird aufgetragen, besonders auf historische Kirchengebäude zu achten. 3. Auch Fundstücke wie Münzen und alte Dokumente sollen bei Abbrucharbeiten oder Reparaturen mit genauer Fundstelle dokumentiert und protokolliert werden. Diese Protokolle sollten der Regierung übersandt werden.

Abb. 14 Landesväterliches Ausschreiben Seite 2

4.2|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

Denkmalpflege im 19. Jahrhundert - Aufschwung

5.

eigenen Authentizität durch ihre ursprüngliche Bauart, auch in ihrer Fremdheit. Hieraus folgte der Versuch, sich mit dem gebauten Objekt in seiner Gesamtheit auseinander zu setzen, die Bauforschung und eine systematische Vorgehensweise, um die Art dieser Bauwerke zu begreifen und zu bewahren. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, begünstigt durch den wirtschaftlichen Aufschwung ab 1871, erfolgte die Aneignung der Denkmäler. Die Erkenntnisse an Architektur und Baukunst vergangener Epochen gingen so weit, dass Neubauten im Stile alter Epochen errichtet wurden und alte Gebäude auf ihre vermeintlichen ursprünglichen Formen zurück geführt wurden. Die ästhetische Selbstidentifikation trat in den Vordergrund. „Damit war für die Denkmäler Bis zu diesem Zeitpunkt war die Wiederentde- die Andersartigkeit verschwunden, die Distanz ckung des Mittelalters eher der gebildeteren zur Geschichte aufgehoben. Um den Preis der Volksschicht vorbehalten und wurde vor allem Authentizität wurden die Denkmäler vereindurch Vetreter des Klerus, Intelektuelle und nahmt.“20 Künstler ausgeübt. Doch auch die gemeine Bevölkerung fand um 1800 Interesse an der Erhaltung von historischer Architektur. Abb. 15 Marienburg

Das wachsende Interesse vor allem an der mittelalterlichen Architektur und der zunehmende Kenntnisstand ist die Grundlage, auf der sich der Umgang mit dem deutschen Denkmalbestand im 19. Jahrhundert aufbaute. Im Grunde teilte sich dieser Entwicklungsprozess in drei Phasen auf. Seit dem späten 18. Jahrhundert bis etwa 1830 wurden die mittelalterlichen Bauwerke zunehmend anerkannt. Unter der Prämisse, sie an den zu dieser Zeit vorherrschenden klassizistischen Stil was Ausstattung und Materialität angeht anzupassen, wurden sie geduldet. Später folgte die Anerkennung der Bauwerke in ihrer Abb. 16 Kölner Dom 20

Hubel, S. 47

32

Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

5.1 Die Marienburg als Fallbeispiel

Abb. 17 David Gilly

1794 unternahm der Berliner Architekt David Gilly im Auftrag der preußischen Bauverwaltung eine Dienstreise zur Marienburg. Die gotische Burganlage war im 14. Jahrhundert erbaut worden und gehörte seit der polnischen Teilung 1772 zum Königreich Preußen. Im 14. Jahrhundert war sie der Sitz des Hochmeisters des Deutschen Ordens, gehörte danach aber zum Königreich Polen. Nach der Teilung Polens Ende des 18. Jahrhunderts, bei dem der westliche Teil Polens an Preußen fiel und damit auch die Marienburg in der Stadt Malbork am Ufer der Nogat. Die mittelalterliche Burg wurde von den Preußen dann später als Militärmagazin und Arbeits- bzw. Wohnstätte mehrerer Weber genutzt.

Abb. 18 Friedrich Gilly

Mittelschlosses vor, um mit den so gewonnenen Backsteinen ein neues Militärmagazin zu errichten. Gilly war in Begleitung seines damal 22 jährigen Sohnes Friedrich, der diese Auffassung nicht teilte. Er war begeistert von der mittelalterlichen Burg und fertigte mehrere großformatige, lavierte Zeichnungen an, die er ein Jahr später in der Berliner Akademie der Künste ausstellte. Die Zeichnungen stellten einen idealen Zustand und nicht den realen, heruntergekommenen Zustand der Burg dar. Die zerschlagenen Gewölbe zeigte er vervollständigt, die vermauerten Fenster geöffnet und Menschengruppen belebten die Darstellung.

Die Resonanz der Berliner Bevölkerung auf diese Bei seinem Besuch bescheinigte David Gilly Zeichnungen war ein Erfolg. Die Zeichnungen der Burg einen eher schlechten Zustand und zeigten ein bis dahin unbekanntes gotisches schlug deshalb den Abbruch des Hoch- und Bauwerk, mit prächtigen Formen und feinglied-

5.1|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

33


rigen Gewölben und überwältigten die Betrachter förmlich. Die Popularität des Gebäudes und der Zeichnungen wuchs noch, als der Kupferstecher Friedrich Frick 1799 Aquatinta-Radierungen dieser Abbildungen erstellte und diese noch weiter im Reich verbreitete. Die Begeisterung der Bevölkerung über die Marienburg sorgte schnell dafür, dass es Versuche gab, den geplanten Abbruch zu verhindern, weil sie ein Denkmal der deutschen Nation darstellte. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. stimmte diesen Bemühungen 1804 zu und obwohl die Marienburg keinen direkten Bezug zur deutschen Geschichte hatte, wurde sie zum ersten deutschen Nationaldenkmal.

unterbrochen werden. Ab 1815 widmete sich Theodor von Schön, der später für seine Tätigkeit an der Burg zu deren Burggrafen ernannt wurde, der Restaurierung. ,,Es gelang ihm, den Wiederaufbau der Marienburg als eine gesellschaftliche Verpflichtung hinzustellen, zu der möglichst alle beitragen sollten, und tatsächlich konnte er zahlreiche Spenden aus allen Schichten des Adels und der Bürger einsammeln.“21 Die Bauform wurde nach damaligem Stand des Wissens und der Technik rekonstruiert, wobei die Inneneinrichtung dem damaligen Geschmack nachempfunden wurde. Ein gutes Beispiel für die zeitgemässe Interpretation des Baus sind die eingebauten, farbigen Glasfenster, die im Stil romantischer Historienmalerei Geschichten und Die geplanten Wiederherstellungsmaßnahmen Wappen des Deutschen Ordens zeigten. mussten wegen der napoleonischen Kriege

Abb. 19 Marienburg Luftbild 21

Hubel, S. 37

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.1


Abb. 20 Marienburg Handzeichnungen Gilly

Abb. 21 Marienburg

5.1|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

5.2 Erste Dokumentationen und vorsichtige Instandsetzungen

Nach seinem Erfolg wurde Friedrich Gilly 1799 Professor an der Berliner Bauakademie und kann als einer der begabtesten Architekten seiner Zeit bezeichnet werden. Einer der Schüler, die seine künstlerische Gabe und Auffassung teilten war Karl Friedrich Schinkel, der wohl der bedeutendste Architekt des 19. Jahrhunderts war. Nach dem Vorbild seines Lehrmeisters studierte er die Marienburg intensiv und lieferte Entwürfe für ihre Wiederherstellung. Vor allem mit dem Mittelalter setzte er sich auseinander und forschte an dessen Baukunst. Seine eigenen Entwürfe entsprachen dem Klassizismus, aber auch Bauten im gotischen Stil verfasste er, wenn es eine besondere Bauaufgabe gab, wie z.B. das Mausoleum für die verstorbene preußische Königin Luise von Preußen (1810) oder einen gotischen Dom als Denkmal für die Befreiungskriege (1814/15) auf dem Leipziger Platz in Berlin, der aus Kostengründen nie gebaut wurde. Nach seinen Plänen wurde u. A. das Nationaldenkmal im Kreuzberger Viktoriapark (1818/1819) errichtet, das auch gotischer Art ist. Seit 1810 war Schinkel Beamter der „Ober-Bau-Deputation“, zunächst als Ober-Bau-Assessor und ab 1830 dann als Ober-Bau-Direktor und damit der oberste Baudirektor der Preußen. Durch seine Dienstreisen bereiste er das gesamte Königreich Preußen und besuchte zahllose Baudenkmäler. Er erhielt dadurch einen Überblick über die Gesamtsituation des Denkmalbestandes des ganzen Landes und hiel dies in seinen Reisetagebüchern fest. Die teils beklagenswerten Zustände der Bauwerke veranlassten Schinkel dazu, sich für Baudenkmale einzusetzen und machten ihn zu einem der bedeutendsten Vorreiter der Denkmalpflege im 19. Jahrhundert.

und Stifte hatten unter der Säkularisation gelitten und waren verlassen und teilweise zerstört worden. „Schinkel überlegte, wie er diesen unfassbaren Verlusten entgegenarbeiten könne und auf welche Weise sich ein wirksamer Denkmalschutz durchsetzen ließe.“22

Abb. 22 Karl Friedrich Schinkel

Anlässlich eines Berichts über den Zustand der Wittenberger Schlosskirche, dem Denkmal der Reformation, schrieb Schinkel 1815 an König Friedrich Wilhelm III. ein Memorandum, das ein Schreckensbild des Denkmalbestandes zeichnete und die Wichtigkeit der Denkmäler für das Land betonte. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es keine offiziellen Anlaufstellen oder Behörden, die sich um die Verwaltung dieser Gebäude kümmerte und weisungsbefugt Entscheidungen für oder gegen den Erhalt traf. Der unvermeindliche Untergang des Kulturerbes durch Zerstörung und Umgestaltung stünde laut Schinkel bevor und man müsse allgemeine Maßregeln ergreifen, beVor allem sakrale Gebäude wie Kirchen, Klöster vor das Land „in kurzer Zeit unheimlich nackt

22

Hubel, S. 39

36

Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.2


und kahl, wie eine neue Colonie (sic) in einem früher nicht bewohnten Lande“23 dastünde. Für die einzurichtenden Denkmalschutzbehörden stellte Schinkel sich einen dreistufigen Aufbau vor. Die unterste Ebene wurde durch die sogenannten Schutzdeputationen gebildet. Diese sollten im regional begrenzten Rahmen handeln und sich aus ehrenamtlichen Angehörigen einschlägiger Berufe zusammensetzen. Gemeint waren dabei Lehrer, Geistliche, Kirchenvorsteher, Baumeister, Künstler usw. Die Schutzdeputationen waren den zuständigen Provinzregierungen unterstellt und wurden durch zwei höhere Beamte des Bauamtes und der geistlichen Belange personifiziert. Alle Entscheidungen dieser Deputation sollten jedoch an höherer Stelle, wahrscheinlich einem entsprechenden Ministerium in Berlin, zur Rücksprache gebracht werden. Die Aufteilung in beratende Fachbehörde, Regierungsbehörde und letzte Entscheidungsinstanz, das Ministerium, wird noch heute erfolgreich praktiziert. Als wichtigste Aufgabe der Schutzdeputation sah Schinkel Verzeichnisse anzufertigen, die ein Gutachten über den Zustand aller Denkmale in ihrem Bezirk und der Art, wie man sie erhalten könne, beinhalteten. Schinkel hatte schon früh erkannt, dass nur ein Bestand, der gründlich inventarisiert wurde, auch beachtet und erhalten werden konnte. Das Memorandum zeigte also ein weitreichendes Konzept zur Denkmalerhaltung mit genauen Ausführungen, wie diese zu praktizieren wäre, noch vor der ersten Einrichtung einer solchen Behörde 1830 in Frankreich (Inspecteur Général des Monuments historiques). Der König zeigte leider wenig Interesse an Schinkels Memorandum, ordnete aber noch im gleichen Jahr an, dass die Ober-Bau-Deputation bei geplanten Veränderungen an öffentlichen Gebäuden und Baudenkmälern um Erlaubnis zu bitten wäre. Erst sein Nachfolger, König Fried-

rich Wilhelm IV., verwirklichte 1843 einen Teil von Schinkels Vorschlägen. Da Schinkel in seiner Funktion als Ober-Bau-Direktor alle wichtigen Bau- und Veränderungsvorschläge Preußens begutachtete, konnte er sich in großem Umfang der fachgerechten Denkmalpflege widmen und sorgte für den Erhalt vieler Denkmäler. Dies tat er nicht nur, indem er Gutachten und Emfpehlungen aussprach, sondern auch selbst Entwürfe fertigte. Sein Grundinteresse lag dabei nicht nur bei den herausragenden Denkmälern des Hochmittelalters, vielmehr kümmerte er sich um den Erhalt jeder Epoche, selbst wenn er diese persönlich nicht schätzte. Interessant jedoch ist, dass Schinkel bei der Wiederherstellung beispielsweise der verwitterten Skulpturen des gotischen Kölner Doms 1834, diese mit antiken Gewändern ausstattete und das Bauzeitalter der Kathedrale, für deren Aufbau er sich seit 1816 eingesetzt hatte, damit missachtete. Auch die gotische Apostelkirche in Münster erhielt nach seinen ästhetischen Vorstellungen einen Hochaltartryptichon aus der italienischen Frührenaissance. Das Hauptinteresse Schinkels lag also bei aller Mittelalterbegeisterung immer noch der Architektur und nicht der Skulptur oder anderen bildenden Künsten dieser Epoche. Trotzdem mahnte Schinkel immer zur äußersten Vorsicht, wenn es um Restaurierungen ging, denn niemals hieß diese für ihn moderne Wiederherstellung, da Bauwerke dadurch ihren gesamten epochalen Charakter verlieren würden. Auch war er gegen Praktiken, die beispielsweise alten Mörtel abfärbten, um ihn an den neueren anzupassen. Vielmehr sorgte er dafür, dass der neuere Auftrag farblich mit Hilfe von Abbeizungen und Farbstoffen an den älteren angepasst wurde. Auch durften solche Arbeiten nur von geschultem Fachpersonal ausgeführt werden, um dem „Einflusse des Dilettantismus“24 entzogen zu werden.

23 24

Hubel, S. 40 Huse, S. 68

5.2|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

5.3 Der Weiterbau des Kölner Doms

Nicht nur Schinkel prägte das Bild der Nationaldenkmäler zu seiner Zeit. 1806 veröffentlichte Friedrich Schlegel seine Grundzüge der gotischen Baukunst und zeichnete dort ein Bild von feiner, pflanzenhafter, kristalliner Architektur, die Freiheit und Gotik jenseits der Architekturnormen zeigte. Die Begeisterung für die Gotik wuchs in der Bevölkerung. Keiner der Repräsentations- oder Herrschaftsbauten der Vergangenheit war gotisch gewesen und die Baustelle des Kölner Doms ragte schon seit dem 16. Jahrhundert unvollendet über der Stadt am Rhein. Die Grundsteinlegung des Kölner Doms fand 1248 statt. Er sollte die erste Kirche des deutschen Reichs unter Erzbischof Konrad von Hochstadten werden. Der Dombaumeister Gerhard wurde damit beauftragt, nach dem Vorbild der Kathedrale von Amiens das Idealbild der gotischen Architektur zu schaffen. Auf dem Fundament eines Apsidenbaus aus dem 6. Jahrhundert und des Alten Doms (Hildebold- Dom) aus dem 9. Jahrhundert entstand der Neubau. Dieser war notwendig geworden, als zu viele Pilger den Alten Dom besuchten, da sich seit 1164 die Reliquien der Heiligen Drei Könige dort befanden. Der Bau des Doms wurde von der Gründung der Dombauhütte begleitet und unter der Bauherrenschaft dieser verwirklicht. Erst 1510 erkannte man, durch Geldmangel, dass der Bau ein zu großes Projekt für die damaligen technischen Begebenheiten gewesen war und stoppte sukzessive die Bauarbeiten. 1560 wurde die Finanzierung durch das Domkapitel endgültig eingestellt. Die nutzbaren Räume wurden im 18. Jahrhundert zunehmend barock umgestaltet. Auch kam es seit der französischen Besatzung 1794 zu erhebliche Beschädigungen, die auch die Einstellung

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Huse, S. 40 -41

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.3

der Gottesdienste zur Folge hatten. Der Dom wurde in Folge dessen als Pferdestall und Lagerhalle durch die Franzosen genutzt. Der Dreikönigenschrein war vor dem Einfall der Franzosen nach Westfalen verbracht worden, was einen Abriss der Pilgerströme bewirkte. Der glorreich geplante Kirchenbau drohte als Bauruine vollständig zu verfallen und sogar ein Abriss wurde zwischenzeitlich erwogen. Über 300 Jahre prägte der hölzerne Baukran aus dem 14. Jahrhundert auf dem unvollendeten Südturm das Stadtbild Kölns. Anfang des 19. Jahrhunderts gewann der Kölner Dom mit seiner Lage am Rhein und seinem Baustil der Gotik wieder an Bedeutung. Die Gotik wurde, wie überall, mehr und mehr als Nationalstil interpretiert. Den Franzosen galt sie als besonders französisch, den Engländern als spezifisch englisch und den Deutschen im höchsten Maße deutsch. Die Konkretisierung der Aufbaupläne zum Vollendungsprojekt verdankte man aber Sulpiz Boiserée. Dieser hatte 1808 angefangen den gesamten Dom mühselig zu vermessen und zeichnerisch darzustellen, ganz im Sinne des späteren Memorandums Schinkels. Nachdem der Architekt Georg Moller 1814 in Darmstadt einen Teilplan der Nordfassade wieder gefunden hatte, für dessen Aussehen es keinerlei Hinweise an den schon bestehenden Gebäudeteilen gab und Boiserée 1816 in Paris einen weiteren Originalplan mit dem Grundriss des Südturms fand, faszinierten die daraus entstehenden Zeichnungen die gesamte Bevölkerung. ,,Das Faszinierendste am Domwerk waren für das Publikum nicht die Aufnahmen des Bestandes, sondern die rekonstruierenden Vorwegnahmen des Fehlenden, [...].“25 Die Innenraumdarstellungen des Mittelschiffes von Moller waren am beeinflussendsten. Sie zeigen einen lichtdurchfluteten Raum ohne


Abb. 23 Kölner Dom

sichtbare Grenzen nach Oben und den Seiten, in dem Menschen in altdeutscher Tracht knien und beten. Von dem vor Ort nicht einmal Ansätze zu diesem Zeitpunkt erkennbar waren. Durch die Bemühungen der lokalen Befürworter mittelalterlicher Architektur angefacht entwickelte sich das Projekt Aufbau des Kölner Doms bald zur Nationalen Initiative. Nachdem monatelang darüber debattiert worden war, in welcher Form man der napoleonischen Besatzung und deren Ende gedenken sollte und in welcher Art, an welchem Ort und in welcher Gestalt diese Denkmäler errichtet werden sollten, brachte der Kölner Publizist Joseph Görres mit seinem am 14.11.1814 im Rheinischen Merkur veröffentlichten Aufsatz ein ganz neues Denkmalkonzept ins Gespräch. Kein neu zu errichtendes Monument, sondern die noch zu vollendende Kirche sollte das Denkmal über den Triumph über die französischen Truppen werden und Zeugnis über

die neue nationale Einheit und Freiheit ablegen. Auch das preußische Königshaus war begeistert von dieser Idee, da diese zu diesem Zeitpunkt im Rheinland nicht allzu populär waren und sie so eine Möglichkeit sahen, die rheinische Bevölkerung zu besänftigen, indem der von diesen geliebte Dombau endlich beendet werden sollte. Auch Schinkel sprach sich für die Vollendung aus, da jederzeit eine Unfallgefahr von der Baustelle ausging, es konnten ungesicherte Teile herabstürzen und ein Unglück drohte jederzeit stattzufinden. „Der Denkmalwert des Kölner Doms bestand darin, die Gegenwart an die Zeiten früherer Zerissenheit zu erinnern, während er für die Späteren, und zwar in einem konventionelleren Sinn, Denkmal der 1813/14 neu gewonnenen Einheit sein sollte, die Gemeinschaftsleistungen wie die Domvollendung wieder möglich machte.“26 Er

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Huse, S. 44

5.3|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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war gleichzeitig das Bild von Zerstörung und dem Vermögen, auch aus dieser wieder aufzuerstehen und Neues zu schaffen, während man sich auf Altes besinnt. Die Grundsteinlegung erfolgte 1842 durch den neuen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Im gleichen Jahr jedoch erschütterte eine Brandkatastophe in Hamburg ganz Deutschland und stellte viele vor die Frage, was wichtiger sei: Die Vollendung der Domkirche oder die Unterstützung der vielen jüngst obdachlos gewordenen Menschen? Viele Menschen ergriffen Partei für die Brandopfer, da den Menschen mit einem Wohnhaus doch mehr gedient sei, als mit einem unbewohnbaren Gotteshaus.

dem gleichen Plan folgten, sich sogar an einer französischen Vorlage, nämlich der Kathedrale in Amiens, orientierten. Diesem vermeintlichen Mangel, da ja bisher vom Urdeutschen als Bauvater und dem Genius eines Einzelnen ausgegangen worden war, konterte der Bauhistoriker Franz Kugler mit dem Gedanken, dass der Dom das Werk des gesamten deutschen Volkes sei, mit den Baumeistern als ihre ausführende Hand. Deshalb könnte diese Reihe auch fortgeführt werden, wenn man nicht versuchte, zu Kopieren sondern durch das Herausarbeiten von Stilprinzipien und Entwicklungsgesetzen die Bautätigkeit zu schließen und ihr eine Richtung zu weisen. Trotz dieser widrigen Umstände wurde der Kölner Dom erstmals 1880 nach über 600 Jahren Auch der Düsseldorfer Dichter Heinrich Heine Bauzeit vollendet und am 15. Oktober desselben schreibt in seinem Schmähgedicht, Deutschland, Jahres feierlich durch Wilhelm I. als identitätsstifein Wintermärchen in Kapitel IV: „Er wird nicht tendes Element des 9 Jahre zuvor gegründeten vollenendet, der Kölner Dom“ und „Er ward Deutschen Kaiserreiches eingeweiht. Der Kölner nicht vollendet – und das ist gut. Denn eben Dom ist eines der ersten denkmalpflegerischen die Nichtvollendung macht ihn zum Denkmal Großprojekte und seine Vollendung machte ihn von Deutschlands Kraft und protestantischer zu einem bemerkenswerten Baudenkmal der Sendung“27 und sagte damit als später protes- deutschen Architektur. tantisch getaufter Jude, dass die Reformation Luthers den Kirchenbau in die Knie gezwungen hat. Desweiteren schlägt er vor, den Dom doch wieder als Pferdestall zu nutzen und hat als ehemaliger Befürworter des Dombaus 1844 nur noch Spott für das Unternehmen übrig. Auch zeigten sich Probleme in der wissenschaftlichen Integrität der Pläne. Zunächst hatte man noch angenommen, dass sämtliche Pläne auf den Dombaumeister Gerhard zurück zu führen waren, es stellte sich aber heraus, dass mehrere Baumeister an diesen gearbeitet hatten. Somit hatte der Dom nicht mehr die Denkmalbedeutung eines Künstlergenies, wie das Straßburger Münster für Goethe, sondern formte sich zu einem Denkmal über die geschichtliche Entwicklung. Es entwickelten sich Verfahren zu Bauuntersuchung, geschichtlicher Einordnung, Quellen- und Stilkritik, die auch heute noch praktiziert werden und maßgeblich das Verfahren mit einem Denkmal beeinflussen. Durch diese Methodik fand man heraus, dass die verschiedenen Baumeister des Doms, die nicht einmal alle Abb. 24 Riß F Kölner Dom 27

Heine, S. 3-8

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.3


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

5.4 Der erste Konservator Preußens

Abb. 25 Ferdinand von Quast

Nachdem Karl Friedrich Schinkel als Ober-Bau-Direktor große Erfolge für den Denkmalschutz erringen konnte, wurde 1843 das Amt des Konservators der Kunstdenkmäler eingeführt. Erster Inhaber dieses Amtes war der deutsche Architekt und Kunsthistoriker Ferdinand von Quast. Als Schüler Karl Friedrich Schinkels legte er 1836 das Baumeisterexamen an der Berliner Bauakademie ab. Die Qualifikation als erster und oberster Konservator Preußens erlangte er unter anderem durch sein Pro memoria in bezug auf die Erhaltung der Altertümer in den Königlichen Landen von 1837. In diesem führte er aus, dass die Denkmalpflege hauptsächlich durch neu zu gründende Provinzialgesellschaften zu tragen seien und sich nach dem Vorbild der freien Kunstvereine um die Katalogisierung und Überwachung der heimischen Denkmäler kümmern sollten. Als Angehöriger des Adels war er konser-

vativ und hielt die Denkmalpflege auch für eine Instanz zur politischen Restauration. „Die Denkmäler wurden dabei zum Beleg einer ursprünglichen Einheit zwischen Volk, Religion und Herrscher, die es in neuer Form zurückzugewinnen gelte.“28 Von Quast vertrat dabei die Meinung, dass schon die schonendste Unterstützung des Denkmals zu dessen Erhalt ausreichend sein müsse, um Verunstaltungen wegen Unwissenheit, falschem Ehrgeiz und Halbbildung zu vermeiden. Dadurch sollte die alte Substanz als solche für die Allgemeinheit zu erkennen sein und diese nicht durch mehr oder weniger gute Kopien täuschen. Als Konservator der Denkmäler des gesamten Königreiches Preußens lag es in seinem Aufgabenbereich, eine Inventarisation des Denkmalbestandes durchzuführen, weswegen er das gesamte Königreich bereiste. Er erstellte fachliche Gutachten zu Anträgen bezüglich Abrissen, Umgestaltungen, Restaurationen und besaß das Recht, einen Baustopp zu veranlassen, wenn er eine Gefährdung des Denkmals sah. Auch führte er regen Kontakt mit den Altertums- und Denkmalvereinen, die sich auf sein Pro Memoria hin gegründet hatten. Da er, anders als Schinkel, aber nicht der Vorsitzende in letzter Instanz seiner Behörde darstellte, sondern nur ein eher niedriger Beamter war, konnte er sich nicht auch noch gestaltend in jeder Maßnahme durchsetzen. In vielen Bauprojekten gab es schon zuständige Architekten, deren Beteiligung zu vielen Auseinandersetzungen um die Entwürfe und zu Kompromisslösungen führen mussten. Von Quast machte von Anfang an den Fehler, seine als eher beratend angelegte Stelle für eine Entwurfsabsicht zu nutzen und war deshalb bei seinen Kollegen der Baubehörden eher unbeliebt. Viele Bauanträge wurden auch heimlich an

28

Huse, S. 69

5.4|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Abb. 26 Ferdinand von Quast Medaille für besonderes Engagement im Denkmalschutz

ihm vorbei entschieden und er konnte aufgrund mangelnder Weisungsbefugnisse kaum etwas dagegen unternehmen. Seine eigentliche Aufgabe, die Inventarisation, baute er auf dem Vorbild Schinkels auf. Dieser hatte 1819 angefangen, Verzeichnisse der Denkmäler anzufertigen, die von den zuständigen Baubeamten erstellt wurden. Diese Aufstellung war aufgrund der Fülle der Denkmäler und der Größe des Königreichs lückenhaft und sollte nun vervollständigt werden. Inventarisiert wurden dabei alle Denkmäler bis etwa Mitte 18. Jahrhundert. Von Quast entwickelte für diesen Zweck einen umfangreichen Fragebogen, der an Pfarrer, Ortsbehörden und andere ortskundige Personen versendet werden sollte. Diese setzten aber ein so umfangreiches Fachwissen voraus, dass das Kultusministerium umfangreiche Kürzungen veranlasste und diese letzten Endes doch nicht versendete. 1858 legte von Quast einen neuen Fragebogen vor, der probehalber an Königsberg und Münster verschickt wurde. Die Resonanz dieser Regierungsbezirke war jedoch nicht zufriedenstellend, weswegen man die Fragebogenkampagne 1868 endgültig beendete. Die Kampagne war aber nicht ohne Erfolg. Es wurde zunehmend klar, dass nur Denkmäler erhalten werden konnten, die bekannt waren. Als wichtiger Schritt für die Denkmalpflege ist also das Jahr 1870 zu sehen, in dem der erste gedruckte, gebundene Band eines Denkmalin-

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.4

ventars erschien. Der Regierungsbezirk Kassel hatte unter der Provinzregierung Hessen-Nassau auf der Basis eines einfachen Fragebogens eine tabellarische Liste seiner Denkmäler erstellt und dem Berliner Kultusministerium 1867 vorgelegt. Die weitere Bearbeitung übernahm unter Anderem der Nachfolger von Quasts, Baurat Heinrich von Dehn- Rotfelser, der sich auch maßgeblich dafür einsetzte, dass die Provinzialverwaltungen eigene Konservatoren ernannten, um den Berliner Staatskonservator zu unterstützen. Als in den weiteren Ländern Deutschlands entsprechende Denkmalschutzbehörden eingerichtet wurden, übernahm man dieses System und legte den Schwerpunkt der Arbeit auf die Inventarisation. So kam es beispielsweise dazu, dass 1892 der erste Band der Kunstdenkmale des Königreichs Bayern veröffentlicht wurde. Ab diesem Zeitpunkt wurden in regelmässigen Abständen im ganzen Land Inventarlisten des Denkmälerbestands gedruckt. Zwar hatten die Denkmalämter immer noch zur Aufgabe, im Umgang mit den Denkmälern zu schulen sowie aufgrund ihres umfangreichen Fachwissens Gutachten zu erstellen und weisend zu beratend, dennoch lag der Schwerpunkt auf der Inventarisation, zumal sich die Sichtweisen der beratenden Fachleute selten von denen der ausführenden Architekten unterschieden.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

5.5 Restaurieren oder Konservieren

Lange wurden überwiegend, beginnend mit den Kirchen, die herausragenden Gebäude des Mittelalters, aber auch späterer Epochen bis hin ins 18. Jahrhundert, von der Denkmalpraxis beachtet. Auf Bürgerhäuser oder den Städtebau wurde kein besonderer Wert gelegt. Jenseits der Debatte, welche Gebäude Beachtung der Denkmalpflege erhalten sollten, gab es ein weiteres zentrales Thema. Im Laufe des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, seit wahrscheinlich 1852, entwickelte sich vor allem unter dem Fachpublikum der Denkmalpflege eine angeregte, teils untereinander feindselige Diskussion um die Maßnahmenart des Denkmalschutzes, an der sich auch heute noch die Geister scheiden. Die Frage hieß: Restaurieren oder Konservieren?

1852 erschien ein Aufsatz von Ludovic Vitet, der die Grundsätze der französischen Denkmalpflege, die schon weiter vorangeschritten war als in Deutschland, auch vor Ort bekannt machte. In diesem Aufsatz wurden Ursachen für die Zerstörung oder Beschädigung von Baudenkmalen aufgeführt, und angeprangert, dass diese nicht nur durch natürliche Vorgänge, zerstörende Unfälle oder Krieg geschehen, sondern dass sich vor allem Menschen mit „guten Absichten“ oder mit Mangel an Verständnis und Sucht nach Neuerungen an diesen vergingen. Die Wertschätzung jedes kleinen Details, das auf seine Entstehungsund auch Zerstörungsgeschichte hinweist, müsse vorrangig im Umgang mit dem Denkmal sein. In Deutschland hielte sich jeder Architekt dazu befähigt, ohne weiteres die Restauration eines Denkmals zu überwachen und durchzuführen. Vitet führte weiter aus: „ Zur Restaurazion (sic) einer alten Kirche gehören mehr Kenntnisse als Genie, mehr Beharrlichkeit als Fülle des Geistes, mehr Gewissenhaftigkeit als Enthusiasmus [...].“28 Vitet, als Inspecteur des Monuments Historiques in Frankreich war prädestiniert, solche Hinweise und Überlegungen anzustellen, da in Frankreich schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts ein funktionierende Denkmalpflege praktiziert wurde. Neben Vitet machte sich ein weiterer Franzose für den Denkmalerhalt stark. Der vierundzwanzigjährige Architekt Eugéne-Emmanuel Viollet-le-Duc wurde in seinem jungen Alter schon als Synonym für die Denkmalpflege genannt. „Seine technischen, organisatorischen und konzeptionellen Leistungen waren so außerordentlich, seine Aktivitäten so ausgreifend und seine Erfolge so strahlend, daß (sic) er lange Zeit auch für die Denkmalpfleger anderer Länder die Identifikationsfigur schlechthin war.“29 Seine einfühlsamen Maßnahmen konnten aufgrund der gründlich recherchierten Theorie fast bis zum genauen

Abb. 27 Ludovic Vitet 28 29

Huse, S. 85 Huse, S. 85

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Nachahmung des Originals führen. Auch war er der erste Denkmalpfleger, der über sein Handeln genaue Rechenschaft ablegte und dies auch öffentlich erörterte. Obwohl auch sein Schwerpunkt vor allem auf der mittelalterlichen Kathedralenarchitektur lag, ging es ihm nicht hauptsächlich um die Frömmigkeit und Sakralität der Gebäude, die in ihrer Architektur vermeindlich zum Ausdruck kommen, sondern vor allem um die konstruktive Gestaltung der Architekten, deren fachliche Kompetenz und Qualitäten zur Formung einer solchen Ingenieursleistung maßgeblich beitrugen. Wenngleich Viollet-le-Duc sich eingehend mit der Theorie befasste, blieb seine Ausführung, auch wenn diese auf für damalige Verhältnisse sehr präzisen Bestandsaufnahmen beruhte, hinter dieser weit zurück. „Ohne diese Unterlagen wäre eine Analyse seiner perfektionistischen, die historische Wirklichkeit einer nicht selten fiktiven Idealgeschichte opfernden Restaurieungen gar nicht mehr möglich.“30 Auch modischen Erscheinungen zum Trotz restaurierte Viollet-le-Duc stiltreu und diskret. Kamen in einem Gebäude verschiedene Epochen zusammen, so wurde jedes Teil getreu seiner Epoche restauriert und nicht dem aktuellen Stil angepasst. Nach Viollet-le-Duc sollte sich der Restaurierende vollkommen zurück nehmen und zurückhaltend arbeiten. Dieses Verhalten prägte eine ganze Generation an Denkmalpflegern, die zu diesem Zeitpunkt ihre Aufgabe auch öfter in einer idealisierenden Verbesserung der Objekte vielmehr als in ihrer Erhaltung sahen. „Ein Gebäude restaurieren, das heißt nicht, es zu unterhalten [entretenir], es zu reparieren oder zu erneuern [réparer, refaire], es bedeutet vielmehr, es in einen Zustand der Vollständigkeit zurückzuversetzen, der möglicherweise nie zuvor existiert hat [rétablir dans un état complet, qui peut n’avoir jamais existé] (sic).“31 Während sich in Frankreich eine vorsichtige, restaurierende Denkmalpraxis etablierte, wurden in Deutschland vor allem Gesuche nach rückführenden Maßnahmen an den König herangetragen. „Verunstaltete“ Kirchen und andere Gebäude wurden durch diesen Restaurierungseifer, der vornehmlich durch Ignoranz und Gleichgültigkeit geprägt war, in weni-

gen Jahren stärker beschädigt, als es die Jahre der Vernachlässigung vorher geschafft hatten. Teilweise wurden ganze Gebäudeteile abgerissen und entfernt, um den urspprünglichen Stil eines Bauwerks reinzuhalten. Dieses Postulat der Stilreinheit war außerdem dadurch unzureichend, da die Vorstellungen des betroffenen Stils weit auseinander gingen und solche sorgfältigen Bauuntersuchungen und präzisen Aufnahmen, wie Viollet-le-Duc sie praktizierte, erst gar nicht im Vorfeld unternommen wurden. 1852 wurde nach dieser verschandelnden Praxis auch die Münchener Frauenkirche „restauriert“. Die mittelalterliche Ausstattung wurde vernichtet, die mittelalterlichen Fresken, die man fand, wurden, da sie nicht „mitterlalterlich genug“ waren, wieder überkalkt, die Glasfenster, die die Kirche so besonders machten, kurzer Hand an andere Plätze getauscht und grün gestrichen, damit sie den neugotischen Altar nicht überstrahlten. Die Zwiebeltürme, die das Stadtbild schon seit ihrer Errichtung maßgeblich beeinflussten, sollten noch zusätzlich gotischen Helmen wie die des Kölner Doms weichen, um dem gotischen Idealbild von Sulpiz Boiserée noch ähnlicher zu werden. Noch während der Umbaumaßnahmen ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung

Abb. 28 Eugéne-Emmanuel Viollet-le-Duc Huse, S. 86 Viollet-Le-Duc, S. 14 ff. 32 Huse, S. S. 90 30 31

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.5


geführte Denkmalpflege, dass Gebäude „kaputt restauriert“ wurden und der eigentliche Wert eines Denkmals vor allem in seiner Patina und seinen Gebrauchsspuren läge. Die Restaurierung bedeute deshalb „die vollständigste Zerstörung: eine Zerstörung, aus der keine Bruchstücke gerettet werden können, geleitet von einer falschen Vorstellung von dem zerstörten Werk“33. Die Aufgabe der Denkmalpflege sollte damit also eben in dieser liegen, der Pflege des Denkmals. Einer behutsamen Bewahrung, die die Erinnerung an vergangene Zeiten sichtbar behält und dem vorzeitigen Verfall damit vorsorgt. „Kümmert Euch um eure Denkmäler, und ihr werdet nicht nötig haben, sie wiederherzustellen. [...](sic)“34

Abb. 29 John

Ruskin

und die Presse titelte, dass sich ein seltsamer Widerspruch bilde, dass man die geborgenen Zeugnisse der Veränderung der Kirche im Nationalmuseum barg und gleichzeitig das Original unwiederbringlich daneben zerstöre. Einer der wichtigsten Sätze dieser Zeit ist noch heute: „Wie die beste und tugendhaftste Frau die sei, von der man nicht spreche, so sei die beste Restaurierung die, die man nicht sehe.“32 Als Gegenentwurf zur Restaurationsbewegung gab es den Ansatz, den bestehenden Zustand eines Denkmals zu bewahren und das Gebäude in Würde altern zu lassen. Gerade in England wurden die vandalisme restaurateur als unerwünscht angesehen und der Protest dagegen wurde von dem Engländer John Ruskin geleitet. Sein bekanntester Gegner in dieser Diskussion war Gilbert Scott, der das englische Pendant zu Viollet-le-Duc darstellte. Ruskin veröffentliche 1849 sein erstes Hauptwerk, The Seven Lamps of Architecture (Die Sieben Leuchter der Baukunst) und das Kapitel, das sich mit der Denkmalpflege beschäftigte sorgte für eine Neuorientierung der Praxis. Laut Ruskin bedeutete die momentan

Wie schon in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es auch in England Mitte des Jahrhundert die Avantgardisten, die durch ihre Radikalität ästhetische und politische Normen der Idee des Fortschritts forcieren wollten, dieses aber nicht auf Kosten des zu erhaltenden Denkmalbestandes sehen wollten. Die Konservierer hatten dabei ein sehr gut nachvollziehbares Rechtgefühl. Die Denkmäler waren demnach nicht als der Besitz der existierenden Generation zu betrachten, sondern zum Einen den Erbauern zuzuordnen und zum Anderen den noch kommenden Generationen, die daraus lernen sollten. Die Aufgabe der aktuellen Menschen sei demnach in jedem Zeitalter, das gebaute Erbe auch den nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen und ihre Zeitspuren so gut wie möglich zu dokumentieren und zu konservieren. Was Andere gebaut haben oder noch bauen werden, musste geschützt und bewahrt werden. John Ruskin war dabei mit seiner Ansicht nicht allein. William Morris, der später neben Ruskin einer der Gründer de Arts and Crafts Movements wurde, unterstützte Ruskins Philosophie. Ein besonderer Wert wurde dabei den handwerklichen Techniken und der Materialität zuteil. Die maschinelle Produktion, die durch die Industrielle Revolution an Popularität gewonnen hatte, da sie schnellere, günstigere und effektivere Produktionsweisen verbreitete, hatte auch in der Baukunst zu einer Veränderung der Bauweise

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Huse, S. 90 - 91 Huse, S. 90 - 91

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geführt. Auch neue Materialien wie beispielsweise Stahl wurden zunehmend verwendet. Diese neuen Materialien waren historisch nicht zum Bauen verwendet worden, aber weil ihre Handhabung teilweise einfacher oder auch günstiger oder vielversprechender war, musste die Denkmalpflege sich auch mit dieser Veränderung beschäftigen, was Morris dazu veranlasste, auch auf die Bewahrung des Handwerks hinzuarbeiten. Denn egal wie objektiv ein Restaurator sich an ein zu restaurierendes Gebäude begeben würde, bei einer wiederherstellenden Handlung müsse man zweifelsohne Substanz entfernen und dann die entstandenen Lücken durch andere Materialien wieder verschließen. Diese doppelte Beschädigung des Gebäudes wäre als schlimmerer Schaden zu betrachten, als das Gebäude in seinem vermeintlich unvollendeten oder veränderten Stil zu bewahren und zu schützen. Und wenn ein Gebäude seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllen konnte, sei es durch Schäden oder Verlust der Funktion durch beispielsweise politische Prozesse usw. so Abb. 30 William Morris sollte besser ein neues für diesen Zweck errichtet eines bestimmten Zeitpunkts zu versetzen. Die werden. Renovierung und die Rekonstruktion bildeten Unter der Konservierung eines Baudenkmals Unterkategorien der Restaurierung. Bei der Reverstand man also die Bewahrung der Substanz novierung wurde über die konstruktive Instandin ihrem vorgefundenen Zustand. Das in „Schön- setzung des Denkmals hinaus ästhetische Veränheit sterbende Denkmal“ sollte dabei dem durch derungen am Denkmal unternommen, vor allem Restaurierungen beeinträchtigten Denkmal vor- wurden nachträgliche Maßnahmen wieder zugezogen werden. Die beste konservatorische rückgebaut umdie ursprüngliche Konzeption der Maßnahme beschränkte sich auf die konstrukti- Erbauungszeit wieder darzustellen. Voraussetve Sicherung des vorgefundenen Baubefundes zung für einer Renovierung ist das Vorhandenund berücksichtigte, wenn auch formal-ästhe- sein der Originalsubstanz. Die Rekonstruktion tisch nicht immer befriedigend, sämtliche Spu- ist eher vorsichtig zu betrachten gewesen. Fehlren, die sich im Laufe der Zeit am Baudenkmal te der Träger der Geschichtsdokumentation in entwickelt haben und Bestandteil seiner Existenz Form von Originalsubstanz entschied man sich in seltenen Fällen zur Rekonstruktion des Denkwaren. mals aufgrund einer präzisen Bauforschung. Bis Die Restaurierung basierte aus denkmalpflege- zu diesem Schritt vergingen noch einige Jahrrischer Sicht auf formalhistorischen Aspekten. zehnte. Nach erfolgter Dokumentation und auf Basis entsprechender Bauforschungsergebnisse konnten epochenspezifische Maßnahmen getroffen werden, um das Denkmal in den Zustand

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.5


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

5.6 Heidelberger Schlosskonflikt

Einer der Ersten in Deutschland, der gemeinsamen Konsens mit Ruskin und Morris bildete, war der deutsche Kunsthistoriker Wilhelm Lübke, der sich schon bei der Debatte um den Münchener Dom als Gegner der restaurierenden Maßnahmen zu Wort gemeldet hatte. Er vermutete im Gedanken der Restauratoren den inneren Konflikt, dass die eigene Epoche keinen nennenswerten Stil zu Stande gebracht hatte und sich dadurch vielleicht das Bedürfnis der Zerstörung alter Zeitzeugnisse und herausragender Gebäude entwickelt hatte. „Was haben wir denn gegen die Sicherheit, das Stylgefühl (sic), die Energie des Lebens einzusetzen, die aus den besseren Werken jener geschmähten Epoche so siegreich hervorleuchten? Wir ästhetischen Bettler, die wir bei allen Zeiten und Epochen um Almosen herumziehen, sollten etwas vorsichtig seyn (sic) wenn es gilt, unter den Werken irgendeiner früheren Epoche tabula rasa zu machen.“35

Dieses war 1689 und 1693 durch die Truppen Ludwigs XIV. im Pfälzer Erbfolgekrieg zerstört und nach einem Blitzschlag 1763 endgültig nicht wieder aufgebaut worden. Bis zur Niederlage Frankreichs im deutsch-französischen Krieg 1871 wurde die Ruine des Schlosses am Neckartal als Denkmal deutscher Niederlagen gewertet und das Bedürfnis der Bevölkerung, das Schloss wiederherzustellen, wuchs. An dieser Wiederherstellungsaufgabe erhitzten sich jedoch die Gemüter und die Auseinandersetzung eskalierte. Viele Denkmalpfleger und andere Vertreter der Praxis wollten ein gesamtdeutsche Exempel statuieren und nach jahrelanger Irrfahrt klar definieren, was die Aufgabe der Denkmalpflege sei. Bei dem Heidelberger Schloss handelte es sich um eine komplexe Anlage, die in der Renaissance zu einer Festung ausgebaut worden war. Gestaltprägend waren vor allem der Ottheinrichsbau, der 1556-1566 entstanden war und der Friedrichsbau aus 1601- 1607. Letzterer sollInsgesamt wurde eine richtige Debatte um Kon- te auch in einer ersten Maßnahme rekonstruiert servieren oder Restaurieren in Deutschland erst und wieder aufgebaut werden. Dieser Aufgabe Ende des 19. Jahrhunderts entfacht. Auslösend nahm sich der Karlsruher Architekt Carl Schäfer dafür war die Diskussion über das Heidelberger an. Von 1897 bis 1903 wurde der Friedrichsbau Schloss. erneuert, wobei Schäfer fast ein Drittel der ursprünglichen Steine und Werkteile ersetzte und auch die Innenräume, von denen nichts mehr an der Ruine zu finden war, komplett neu ausbaute. Schon während seiner Arbeiten am Friedrichsbau erhielt Schäfer auch den Auftrag, den Ottheinrichsbau zu bearbeiten. Schäfer legte für diesen Zweck umgehend Pläne bei der Badischen Landesregierung vor, die wie beim Friedrichsbau eine vollständige Wiederherstellung der Schaufassaden anstrebte und die vormals existenten Doppelgiebel durch frei erfundene Neuschöpfungen ersetzen wollte. Diese Planungen waren der zündende Funke für die darauf folgende Diskussion. Abb. 31 Heidelberger Schlossruine 35

Huse, S. 104

5.6|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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mehr gibt, könne man unter ganz bestimmten, beschränkten Bedingungen an eine Wiederherstellung denken.

Abb. 32 Streitschrift

Wortführer der Contraposition war dabei der Straßburger Professor für Kunstgeschichte Georg Dehio. 1901 veröffentlichte dieser die Streitschrift Was soll mit dem Heidelberger Schloß werden? und kritisierte das geplante Vorhaben Schäfers aufs Schärfste. Der Ottheinrichsbau war in noch schlechterem Zustand, als der Friedrichsbau vor dem Wiederaufbau, und deshalb würden nach Schäfers Plänen weitgreifendere Umbaumaßnahmen in Form von Auswechselungen notwendig sein. Anstelle des vorhandenen Zustands würde ein Gebäude treten, dass mehr Kopie und Neubau als historische Substanz vorweisen könne. Auch die veränderte Giebeldarstellung, die Carl Schäfer ohne historische Belege frei erfunden hatte, stelle eine veränderte Entwurfssituation dar und könne Schäfers Versprechen, den „Ottheinrichsbau so wiederherzustellen, wie er gewesen war“36 nicht einhalten. Ähnlich wie eine gefälschte Urkunde, die, egal in welchem Zustand, ein Dokument ihrer Zeit darstellt, sei den „Raub der Zeit durch Trugbilder ersetzen zu wollen, [...] das Gegenteil von historischer Pietät.“37 Die Kritik an der Verfahrensweise Schäfers nutzte Dehio für eine Grundsatzdiskussion über die Aufgaben der Denkmalpflege und unterstützte damit das noch kleine Feld der Konservatoren. Grundsätzlich müsse die Denkmalpflege erhalten und erst dann, wenn es keine nennenswerte Substanz, die erhaltenswert wäre,

Der Begriff „Verschäferung“ wurde geläufig für die unüberlegte und unreflektierte Restaurierungswut Einiger zugunsten einer historisch inakkuraten Imitation, die zur Abstraktion des gebauten Erbes führte. „Dehio hatte erkannt, dass es nicht darum ging, ein Objekt zu überformen –in welcher Art auch immer-, sondern dass die Bedeutung und der Wert eines Baudenkmals ausschließlich in seiner Authentizität liegen und Erhaltung der historischen Substanz entscheidend sei.“38 Daraus entwickelte er seinen Leitspruch Konservieren, nicht rekonstruieren. Nicht nur Dehio kritisierte das Vorhaben Schäfers. Auch der junge Architekt und Hochschullehrer Theodor Fischer unterstützte Dehios Meinung. Schon zu Anfang seines Aufsatzes Über das Restaurieren von 1902 sagte er, dass es bald in Deutschland einen Zeitpunkt geben würde, in dem es kein unrestauriertes Bauwerk mit künstlerischer Bedeutung mehr geben würde. Die wenig erstrebenswerte Stilreinheit sorgte dafür, dass aus gutem Willen und gleichzeitiger Unwissenheitden erhaltenswerten Bauwerken so viel Schaden zugefügt wurde, dass diese unwiederbringlich zerstört waren und ein Großteil der Restaurierungsgegner nur händeringend daneben stehen konnte.

Abb. 33 Georg Dehio Hubel, S. 82 Hubel, S. 83 38 Hubel, S. 84 36 37

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 5.6


Abb. 34 Heidelberger Schloss heute

Abb. 35 Heidelberger Schloss Rekonstruktion um 1683

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

Denkmalpflege und Historismus

6.

Aus dieser Haltung entwickelte sich abermals ein erneuertes Denkmalverständnis und der fachliche Austausch der Denkmalpfleger musste verbessert werden. Schon seit 1899 wurde die Zeitschrift Die Denkmalpflege veröffentlicht, die vom Berliner Centralblatt der Bauverwaltung verbreitet und der preußischen Bauverwaltung angeregt worden war. Diese Zeitschrift wird noch heute von der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger herausgegeben. Darüber hinaus entwickelte sich das Bedürfnis nach einer zentralen Jahresversammlung, um mit Fachkollegen eigene Prinzipien entwickeln und Probleme der Denkmalpflege lösen zu können. Der erste Tag für Denkmalpflege fand deshalb 1900 in Dresden statt und in den folgenden Jahren trafen sich die Denkmalpfleger immer in einer anderen Stadt. Gerade am Anfang wurden heftige Diskussionen um die Art und den Umfang der Denkmalpflege diskutiert. Die Befürworter und Gegner des Historismus standen sich neben den beiden Lagern für Restaurieren oder Konservieren gegenüber. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Epochen bildeten sich im Historismus mehrere verschiedene Stile aus, die sich anders als im Klassizismus, der eine Rückbesinnung auf die Antike darstellte, andere Epochen imitierten oder zitierten, aber gleichzeitig einander gleichstellten. Unterarten, die zu dieser Zeit entstanden sind u.A. die Neoromanik, Neogotik, Neorenaissance und der Neobarock, wobei sich zeitgleich in der Spätphase schon der Jugendstil entwickelte, der maßgeblich durch den Historismus beeinflusst wurde. Es gab also keinen vorrangigen Stil, der der aktuellen Mode entsprach. Diese vermeintliche Rückbesinnung auf alte Bauweisen stieß bei den Denkmalpflegern, allen voran Georg Dehio, allerdings nicht auf viel Gegenliebe, weshalb

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 6.

man anfing, egal welche Form des Historismus konsequent abzulehnen. Die Kopie alter Bauweisen durfte eine authentische Denkmalpflege nicht ersetzen, da nur echte alte Substanz als Zeugnis für vergangene Epochen gelten konnte. Je mehr die Denkmalpfleger ihre Aufgabe im Konservieren und nicht mehr im Restaurieren sahen, sich dem Historismus ab und der Moderne zuwendeten, desto mehr wurde die Denkmaltheorie von Kunsthistorikern bestimmt. Neben Georg Dehio gab es einen weiteren Kunsthistoriker, Alois Riegl, der versuchte, das Prinzip der Denkmalpflege neu zu begründen und sachgemäße Krieterien dafür zu finden, was eigentlich ein Denkmal ausmacht. Die früheren Argumente waren für die Praxis des Konservierens nicht mehr anwendbar, da das Gebäude in einem solchen Fall nicht vollendet oder aufgebaut werden sollte, sondern auch Ruinen in ihrem desolaten Zustand oder unfertige Kirchen ein Zeugnis der Zeit ablieferten. Obwohl die beiden Kunsthistoriker ein gemeinsames Ziel hatten, nämlich Denkmäler vor Abriss und Beschädigung zu bewahren, stellten sie zeitweise scharfe Kritiker der gegenseitigen Arbeit dar. Zum Einen lag das an der etwas konservativeren, vor allem national gedachten Einstellung Dehios, als auch an der selbstsicheren und teilweise arroganten Art Riegls, der schon 1902 der Meinung war, das ästhetische Grundgesetz des 20. Jahrhunderts gefunden und formuliert zu haben. Mit ihren fundierten Ausführungen aber konnten beide Anhänger in ihren Fachkollegen finden und diese überzeugen, ihren Umgang mit den Denkmälern anzupassen und umsichtiger mit ihnen zu verfahren. Die Denkmalpflege begann sich in ihrer Praxis Anfang des 20. Jahrhunderts zu wandeln.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

6.1 Kunsthistorik als Wissenschaft

Die Kunstgeschichte, die der Denkmalpflege neue Ansätze liefern und sie unterstützen sollte, steckte selbst noch in den Kindsschuhen. Die These, das eigentliche Wesen von Kunst sei die Form, und diese entwickele sich aus ihrer eigenen Gesetzlichkeit, die so objektiv feststellbar war, wie die der Natur, machte die Kunsthistorik zu einer Wissenschaft statt zu einer Geschichte der schaffenden Künste. Georg Dehio stellte hier in seiner eher distanzierten Ansicht den Konservativeren dar. Er sah in dieser Betrachtungsweise eine Beschränkung der Analyse der historischen Entwicklung eines Gebäudes, da sich jeder Stil so naturgegeben entwickeln musste und ihr keine Gesetzmässigkeit und damit Ordnung mehr vorliegen würde. Die Kunst frage zu wenig, was für äußere Umstände für die Erschaffung bestimmter Stile und Bauwerke zugrunde liegen und was die materiellen Voraussetzungen dafür waren. Gerade der purifizierende Historismus, der nach Stilreinheit strebte, ging Dehios Meinung nach gegen die Natur eines Gebäudes, da dieses- wie eine Pflanze- in den verschiedenen Epochen gewachsen war.

1905 das Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, in Kennerkreisen auch Der Dehio nach seinem erstmaligen Autor genannt, das ein Gesamtverzeichnis der Denkmäler im deutschen Sprachraum und eine Art Handbuch für den Umgang mit diesen darstellt.

Abb. 36 Der Dehio

In seinen Überlegungen war Dehio vor allem an der Erhaltung deutscher Denkmäler interessiert. Seine Ausführungen sollten auch als Grundlage für die Gründung einer neuen Disziplin an den Universitäten dienen. Das größte Konfliktpotenzial sah der Kunsthistoriker vor allem in der Unanatastbarkeit des Privateigentums. Der Erfolg der Gesellschaft, auf die der Konservative vertraute, beruhte auch auf dieser Tatsache. Würde der Denkmalschutz konsequent betrieben, müsse zwangsläufig zu Konflikten mit diesem Bereich kommen, da das historische Allgemeingut über die Unversehrtheit und Gestaltungsfreiheit des Eigenheims und des Privatbesitzes gestellt würde. Um diesem Konflikt vorzubeugen erschien Abb. 37 Proportionslehre nach Dehio

6.1|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

6.2 Neue Definitionen des Denkmalwertes

Alois Riegl definierte Anfang des 20. Jahrhunderts (1902) einen neuen Denkmalbegriff. Früher hatte sich die Denkmalpflege auf den Kunst- beziehungsweise Erinnerungswert eines Objektes berufen können. Diese Werte galten aber als veraltet und an ihre Stelle musste ein neuer Wert treten. Am 4. Januar 1904 wurde Riegl zum Generalkonservator für die Kunst- und historischen Denkmäler Österreichs ernannt. Diese Stelle füllte er bis zu seinem Tod 1905 aus. Obwohl er den Posten nur kurz ausfüllte, schaffte er innerhalb von kurzer Zeit, sich ein Gesamtbild über den Denkmalbestand Österreichs zu verschaffen und fundierte Stellungnahmen zu den denkmalpflegenden Maßnahmen, die getätigt wurden, zu nehmen. Vor allem aber machte er sich grundsätzlich Gedanken über die Eigenschaften, die ein Denkmal haben musste, um für das Allgemeingut wertvoll zu sein.

Der Erinnerungswert besteht aus dem Alterswert und dem historischen Wert. Letzterer beschreibt dabei die Zeitspanne, die zwischen der Bauzeit und der Gegenwart bzw. der Zeit des Betrachters vergangen ist. Er bildet einen wissenschaftlichen und reflektierten Wert, der oft nur einer kleinen Gruppe von Fachleuten und an Denkmalen interessierten Laien etwas bedeutet. Der Alterswert hingegen ist ein Gefühlswert, der sich auch allen anderen Menschen erschließt. Für Alois Riegl hat er besondere Bedeutung, da die Spuren zeitlicher Veränderung besonders deutlich ablesbar sind. Mit der Zeit altert jedes Gebäude, bekommt Patina und zeigt Spuren von mechanischer, chemischer und natürlicher Zerstörung. Anhand der Altersspuren kann das Alter eines Gebäudes selbst für den Laien nachvollzogen werden.

„Der Alterswert verbietet also ein Eingreifen des Menschen gegenüber dem Denkmal, und zwar In seinem Aufsatz Der moderne Denkmalkultus, nicht nur ein Eingreifen im Sinne von Zerstören, Sein Wesen und seine Entstehung, der Grund- sondern auch ein Eingreifen im Sinne von Erhallage für einen Entwurf für ein neues österreichi- ten [...].“40 Den Gedanken des Konservators unsches Denkmalschutzgesetz war, definierte er terstützt Riegl damit. Auch die Argumente der Wertekategorien. Demnach besitzen Denkmä- Restaurierungsgegner aus dem Konflikt um das ler Erinnerungswerte, die an Vergangenes er- Heidelberger Schloss kamen Riegls Theorie zu innern, und Gegenwartswerte, die die Nutzung Gute. Auch die Ruine bietet genügend authenzur heutigen Zeit sicherstellen, denn wie auch tisches Material, an dem man zeitliche Spuren im DSchG steht, sind Denkmale ,,einer sinnvollen ablesen kann, um sich die Geschichte des geNutzung“39 zuzuführen. bauten Dokuments zu erschließen. In diesem Urkundencharakter muss das Gebäude möglichst I. Erinnerungswert: in seinem vorgefundenen Zustand erhalten blei a.Der Alterswert ben, um auch späteren Generationen dieselben b.Der historische Wert Rückschlüsse auf ihre Entstehung zu ermögliII. Gegenwartswert: chen. Aus diesen Überlegungen ergaben sich a.Der Gebrauchswert zwei logische Folgerungen: Zum Einen darf ein b.Der Kunstwert Denkmal trotz jeglicher Überlegungen zu Rei. Der Neuheitswert konstruktion, Restaurierung oder Rückführung ii. Der relative Kunstwert nur in der Theorie verändert werden. Auf Zeichnungen, in Modellen oder Beschreibungen

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Davydov, Hönes, Otten, Ringbeck, S. 29 Hubel, S. 89

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 6.2


ab, da dieser nur mit Eingriffen wie Übermalungen, Ergänzungen und Wiederherstellungen zu erreichen war und die gewünschte Patina des Alterswerts verschwinden lassen würde, auch wenn das Neue stets einen Reiz auf die Menschheit ausübt. Gerade im Historismus war es das Ziel, den Neuheitswert mit dem historischen Wert gleich zu setzen, deswegen widerspricht dieser Umgang Riegls Konzept. Als letzten Wert ist der relative Kunstwert ein flexibler Wert, der von Denkmal zu Denkmal verschieden ausgelegt werden kann. Im Laufe der Zeit verändern sich die ästhetischen Ansprüche und Maßstäbe von Künstlern und deren Rezipienten. Die Qualitäten eines Denkmals dürfen aber nicht aufgrund neuester Geschmäcker und Abb. 38 Alois Riegl Mode beurteilt sondern immer im Kontext ihres können sämtliche Gedankenexperimente durch- geschichtlich verankerten Stils bewertet werden. geführt werden, in der Praxis muss das Denkmal „Weil sich also die Wertekategorien im Lauf der aber unberührt bleiben. Zum Anderen muss das Zeit nachweisbar wandeln, ist der Kunstwert bei Denkmal für spätere Generationen möglichst einem Denkmal nie absolut zu setzen, sondern originalgetreu erhalten bleiben, damit es die bleibt immer relativ.“41 Die Schwierigkeit des notwendigen historischen Informationen auch Kunstwerts ist also die jeweilige Einstellung des in spätere Zeiten tragen kann. Mit dieser Forde- Betrachters zum Denkmal. Ist dieser dem Denkrung stellte Riegl den Alterswert, den er eigent- mal gegenüber positiv eingestellt, wird er immer lich als das höchste Gut eines Denkmals ansah, in versuchen dessen künstlerische Qualität als erden direkten Gegensatz zum historischen Wert, haltenswert einzustufen, fällt die Beurteilung nedenn mit dieser Methodik würde eine weitere gativ aus, kann es zu anderen Einschätzungen Verwitterung oder andere zeitliche Komponen- des künstlerischen Werts kommen. ten unterbunden werden. Damit stellte er den wissenschaftlichen historischen Wert über den emotionalen Alterwert und sagte gleichzeitig, dass in der Denkmalpflege ständig Kompromisse gefunden werden müssen. Die Gegenwartswerte stellen den Erhalt des Denkmals auch in Zukunft sicher. Solange ein Gebäude gebraucht wird, ist es nicht in der Gefahr, vernachlässigt zu werden und zu verfallen. Deshalb war es für Riegl auch durchaus in Ordnung, alte Gebäude an die modernen Nutzungen anzupassen oder sich ihnen anzunähern, solange diese Umbaumaßnahmen, die die Erinnerungswerte beeinträchtigen nicht das gesamte Denkmal dominierten. Den Neuheitswert als Gegner des Alterswerts lehnte Riegl kategorisch

40

Hubel, S. 93

6.2|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

6.3 Umschwung der Denkweise

Die Ausführungen Dehios und Riegls fanden auch bei zeitgenössischen Architekten, die sich der Avantgarde verschrieben hatten, Anklang. Die Avantgarde war eine Bewegung, die sich an den modernen Fortschritt der Zeit anpasste und sich durch ihre besondere Radikalität gegenüber herkömmlichen ästhetischen Verfahrensweisen auszeichnete. Sie versuchten sich klar von den Formen des Historismus abzusetzen, was ja auch die neue Intention der Denkmalpflege war. Zugefügte oder geänderte Elemente sollten klar abgegrenzt und erkennbar neu sein, damit sie nicht aus Versehen als dem alten Denkmal zugehörig betrachtet werden konnten. Mit ihrer Reform wurde die Denkmalpflege zu einer fortschrittlichen, zeitgemässen Disziplin des Bauwesens. Ein Dokument dieser Haltungsänderung war die ehemalige Benediktiner-Abtei St. Georg in Regensburg-Prüfening. Während des Prozesses ihrer Restaurierung hatte sich die Denkmalpraxis gewandelt und die Verfahrensweise mit dem vorgefundenen Bestand geändert. 1897 waren romanische Wand- und Deckengemälde im Ost-

Abb. 39 Kloster Prüfening Wandmalerei

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 6.3

teil der Kirche entdeckt worden, weswegen der Münchner Restaurator Prof. Hans Haggenmiller, der mit der Restaurtion betraut worden war, mit dem Rest der Gemälde im Hauptchor in der damals üblichen Weise verfuhr. Die Gemälde mit einer Allerheiligenlitanei wurden nach der Freilegung restlos übermalt und an einigen Stellen, auch noch fehlerhaft, zu einer historistisch motivierten Wand- und Deckendekoration ergänzt, auf Basis der zuvor gefundenen romanischen Malereien. 1907 jedoch, als Überlegungen angestrengt wurden, wie mit den restlichen Malereien in den Nebenchören und an den Vierungspfeilern verfahren werden sollte, konnten die neu gefundenen Grundsätze zur Erhaltung des Alterswerts durch Georg Hager, den Generalkonservator des Bayrischen Landesamts für Denkmalpflege, durchgesetzt werden. Die Fundstücke wurden nach ihrer Freilegung im vorgefundenen, authentischen und teilweise stark fragmentierten Zustand konserviert und sind so heute noch zu betrachten. Die wechselnde Verfahrensweise um 1900 kann hier sehr deutlich nachvollzogen werden.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

Denkmalpflege in der Weimarer Republik

7.

Abb. 40 Ausrufung der Weimarer Republik

Das Interesse der Denkmalpfleger war bis Ende des 19. Jahrhundert vor allem auf das herausragende Einzeldenkmal gerichtet. Dabei fanden schlichtere Gebäude, wie Bürgerhäuser eher wenig Beachtung und wurden zumeist sogar als störend empfunden. In der Umgebung des Kölner Doms wurden beispielsweise während seiner Fertigstellung und auch noch danach einige Gebäude abgebrochen, unter Anderem drei Kirchen, das Dompfarrhaus und andere als störend bewertete Bauten, die sogar zum Dom gehörten. Ziel war es, der Kathedrale Raum zur Betrachtung zu bieten, um ihre Schönheit mit genügend Abstand betrachten zu können. Sys-

tematisch wurden in dieser Zeit vor vielen großen Kirchen solche Vorplätze gebildet, die es geschichtlich betrachtet, vorher nie gab. Solche Maßnahmen fanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Kritiker. Der Wiener Architekt Camillo Sitte veröffentlichte 1889 sein Buch Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. Dieses Buch beschäftigte sich eingehend mit der Schönheit eines gelungenen Städtebaus, dass die Stadt nicht nur von einzelnen ästhetischen Gebäuden profitierte, sondern in seiner Gesamtheit zu betrachten war. Der Reiz der kleinen, verwinkelten Gassen einer Altstadt,

7.|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

55


mit daran angeschlossenen Plätzen und vielen, verschiedenen, kleinen, historischen Gebäuden, der beschrieben wurde, leitete eine Wandlung der Städtebauprinzipien um 1900 ein. Auch die Denkmalpfleger, über die neue Beachtung der Altstädte erfreut, schätzten diese Betrachtungsweise. Der von Alois Riegl beschrieben Alterswert ließ sich hier besonders gut anwenden. Die Bewertung des Ensembles, oder des Gesamtdenkmals, stieg. Riegl übernahm Sittes Idee, als er sich mit der Altstadt von Split in Dalmatien in der Funktion als Generalkonservator auseinander setzen musste. Die Diskussion um das Verfahren mit Split ähnelte der Debatte um das Heidelberger Schloss und setzte einen Meilenstein für die Behandlung von Ensembles. Die östliche Hälfte der Stadt stand auf dem früheren Areal eines Palastes des römischen Kaisers Diokletian, den er im 4. Jahrhundert errichten ließ. Die Palastanlage war mit Mauern eingefasst und beinhaltete neben prunkvollen Profangebäuden und dem Mausoleum auch zahlreiche einfachere Gebäude. Die Anlage wurde im Mittelalter mit weiteren Wohnhäusern erweitert. Um 1900 war Dalmatien Bestandteil des österreichischen Reiches, weshalb sich Riegl mit Split beschäftigte. Während des 19. Jahrhunderts hatten sich Archäologen mit der Freilegung des antiken Kaiserpalasts beschäftigt und Rekonstruktionen gezeichnet. Als das Vorhaben geäußert wurde, den größten Teil der mitterlalterlichen und späteren Ein-

Abb. 41 Altstadt von Split 42

Hubel, S. 104

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 7.

bauten in der Stadt abzureißen, um die antiken Bestandteile der Stadt und das als Kathedrale genutzte Mausoleum herauszuarbeiten, wurde eigens dafür eine Komission des Wiener Unterrichtsministeriums eingerichtet. Die Komission war an der behutsamen Denkmalpflege interessiert, deshalb beauftragte man Alois Riegl nach Split zu reisen und ein Gutachten der Situation vor Ort zu erstellen. Dieser untersuchte die Altstadt 1903 eingehend und stimmt kleineren Abbrüchen zu, widersprach aber den freilegenden Abbrüchen im Umfeld der Kathedrale. Es handelte sich zwar nicht um besonders bedeutende Einzeldenkmale, aber die Stadtstrukturanalyse hatte ergeben, dass gerade diese Gebäude für das Stadtbild bestimmend seien. Hatte man noch Jahre vorher der kompletten Freilegung des Kölner Doms zugestimmt, wandelte sich das Verfahren jetzt. Riegl kämpfte bis zu seinem Tod 1905 erbittert gegen Archäologen und Politiker, die dennoch die Freilegung in Split forderten und wurde auch von seinem Nachfolger, dem Kunstprofessor Max Dvorák, in diesem Kampf unterstützt. Dvorák erreichte, dass alle Abbrüche rund um die Kathedrale untersagt wurden. „Die Altstadt von Split wurde so zu einem Modellfall grundsätzlicher Auseinandersetzungen um die Gewichtung von ganzheitlichen Strukturen.“42 Der Grundriss der Stadt wurde als ebenso erhaltenswert betrachtet wie einzelne Gebäude in deren Struktur.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

7.1 Heimatschutz

kämpfte. Dem Einsatz Rudorffs und Riegls war es zu verdanken, dass 1904 beim Tag der Denkmalpflege in Dresden unter dem Vorsitz des Architekten und Publizisten Paul Schultze-Naumburg der Deutsche Bund Heimatschutz gegründet wurde. Dieser sah sich als Organisation, die nicht nur die Anliegen des Denkmalschutzes und des Naturschutzes verfolgte, sondern sich des Weiteren um Neubauten und volkskundliche Themen kümmern sollte. Die Ziele waren: 1. Denkmalpflege 2. Pflege der überlieferten ländlichen und bürgerlichen Bauweise, Erhaltung des vorhandenen Bestandes 3. Schutz der landschaftlichen Natur einschließlich der Ruinen 4. Rettung der einheimischen Tier- und PflanzenAbb. 42 Paul Schultze-Naumburg welt sowie der geologischen Eigentümlichkeiten Der wirtschaftliche Aufschwung der frühen 5. Volkskunst auf dem Gebiet der beweglichen Gründerzeit brachte neben der Industrialisie- Gegenstände rung und der damit einhergehenden Zerstö- 6. Sitten, Gebräuche, Feste und Trachten43 rung vieler Baudenkmäler auch große Eingriffe in die bisher unbeschädigte Natur mit sich. Die Die Popularität Schultze-Naumburgs trug dazu zunehmende Vernetzung der Städte und Dör- bei, dass der Bund bis 1912 15720 Mitglieder fer untereinander, der Ausbau des Eisenbahn- zählen konnte. Er war sehr erfolgreich, da er ein netzes und die Regulierung von Flüssen und überzeugender Redner und produktiver SchriftBächen sorgten für eine negative Einflussnah- steller war. Er publizierte eine populäre Reihe me auf natürliche Prozesse. 1897 erschien zu kleinfromatiger Bücher zu den Themen Hausdiesem Phänomen der Aufsatz Heimatschutz bau, Dörfer, Städtebau usw. die er Kulturarbeiten von Ernst Rudorff, in dem auf diesen Missstand nannte. Sehr emotional warb Schultze-Naumaufmerksam gemacht wurde. Auch Riegl hatte burg für die Anliegen des Denkmalschutzes und auf den Naturschutz aufmerksam gemacht und des Naturschutzes in diesen Arbeiten mit einer seine Verbindung zum Denkmalschutz erklärt. Fülle an Bildmaterial. Auf Doppelseiten zeigte Die Grundlage der Erhaltensprinzipien glichen er vergleichend gute und schlechte Bauarten, sich und fanden im Alterswert einen gemeinsa- wobei er, ganz der Denkmalpflege dieser Zeit men Ursprung. Wer für die Erhaltung der Natur entsprechend, den Historismus strikt ablehnte. kämpfe, würde dies aus den gleichen Gründen Interessant ist dabei zu erwähnen, dass er diese tun, wie ein Denkmalpfleger für ein Denkmal theoretischen Überlegungen nicht mit in seine

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Hubel, S. 108

7.1|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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riefen im Gegenteil sogar dazu auf, Schöpfungen dieser Zeit sogar zu zerstören. Trotzdem suchte die Denkmalpflege die Nähe des Bundes deutscher Heimatpflege, da diese große Popularität erreichte. Umgekehrt brauchte dieser die Expertise der Denkmalpfleger und so war es nicht verwunderlich, dass 1911 der erste Gemeinsame Tag für Denkmalpflege und Heimatschutz statt fand, der fortan jedes zweite Jahr gemeinsam stattfinden sollte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 unterbrach dieses Vorhaben und der Tag für Denkmalpflege in Augsburg wurde abgesagt.

Abb. 43 Ernst Rudorff

eigene Baupraxis übertrug. Trotz seiner Meinung zum Historismus entwarf Schultze-Naumburg beispielsweise den Gutshof Marienthal bei Eckartsberga, der 1913 errichtet wurde, im Stile des späten 18. Jahrhunderts. „Offensichtlich entging ihm völlig, dass bei seinen eigenen Schöpfungen der eine Historismus nur durch den anderen abgelöst worden war.“44 Interessanterweise teilte sein Nachfolger Thilo Freiherr von Wilmoski die gleiche Ansicht. Schultze-Naumburg verließ den Deutschen Bund Heimatschutz zugunsten des als Gegner des Rings, einer Vereinigung des Neuen Bauens, gegründeten Blocks.

Abb. 44 Max Dvorák

Max Dvorák übernahm in seinem Katechismus der Denkmalpflege 1916 viele von Schultze-Naumburgs Ansätzen, beispielsweise die paarweie Gegenüberstellung verschiedener Denkmalmaßnahmen mit ähnlich emotional belasteten, kurzen Kommentaren. Wo Riegl noch mit dem relativen Kunstwert auf die Änderung der ästhetischen Rezeption eingegangen war, konnten seine Wertekategorien nicht mehr in Einklang mit der Abneigung des 19. Jahrhunderts gegen den Historismus gebracht werden. Dvorák und Schultze-Naumburg Abb. 45 Logo Deutscher Bund Heimatschutz 44

Hubel, S. 111

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 7.1


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

7.2 Der erste Weltkrieg und seine Folgen

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die sich daran anschließende Zeit aus Krieg und einer Hyperinflation, die erst 1923 mit Einführung der Rentenmark beendet werden konnte, verursachte einen großen Rückschritt in der Denkmalpflege. Deutschland hatte den Krieg verloren und befand sich mit einer föderativen Republik auf neuem politischem Terrain. Die Weimarer Republik wurde am 13. Februar 1919 während der Nationalversammlung in Weimar ausgerufen und hatte direkt zu Anfang mit den Kriegsfolgen zu kämpfen. Das Volk litt Not durch Hunger und das Land musste als Kriegsverlierer Reparationskosten und Schulden bezahlen. Deshalb beschränkte sich in der Zeit bis 1923 die Denkmalpflege auf Instandhaltungen und musste größtenteils auf höhere Geldsummen für große Reparaturen und Restaurierungen verzichten. Die bestehenden Unteren Denkmalbehörden sahen ihre Hauptaufgabe weiterhin in der Dokumentation des Bestands.

Walter Gropius und Max Taut. Schultze-Naumburg machte bereits in seinem Buch Kunst und Rasse deutlich, dass sein nationaler Gedanke rassistisch inspiriert war und verglich dort Gemälde expressionistischer Künstler wie Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und Amedeo Modigliani mit Fotos geistig oder körperlich behinderter Menschen. Die Darstellung der körperlichen Deformationen könnten auf den geistigen Zustand der Künstler rückschließen und so prägte er maßgeblich den Begriff Entartete Kunst, der auch in der Architektur verwendet wurde. Dieses Gedankengut, das später im Zweiten Weltkrieg zur Ächtung aller nicht konformistischen Künstler und zur systematischen Verfolgung und Vernichtung ihrer Werke führte, wurde unter Anderem durch Schultze-Naumburg als Reaktionär ebenfalls in den Bund Heimatschutz hineingetragen.

Der Deutsche Bund Heimatschutz jedoch entwickelte eine neue Herangehensweise, die durch Schultze-Naumburg inspiriert wurde. 1929 veröffentlichte dieser anlässlich der Deutschen Werkbundsausstellung in Stuttgart sein Buch Das Gesicht des deutschen Hauses, das nicht nur mit den zeitgenössischen Architekten der Avantgarde und des Neuen Bauens abrechnete, sondern auch anfing, rassistisches Gedankengut zu verbreiten. Im Prinzip sprach er rein ästhetische „Probleme“ der Neubauten an, wie beispielsweise die neu gefundene Form der Flachdächer und bedachte die neue Formensprache mit negativen Bemerkungen wie „Tat eines Halbirren“, „Aneinanderreihung von Bedürfnisanstalten“ usw. Auch kritisierte er dabei auf emotionaler Ebene die Architekten zeitgenössischer Architektur, wie Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe, Abb. 46 Cover der Deutschen Bauzeitung zur Werkbundausstellung

7.2|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Abb. 47 Haus vor...

Abb. 48 ... und nach einer ‚Instandsetzung‘

Die Denkmalpflege, die seit den gemeinsamen Jahrestagungen eng mit dem Bund Heimatschutz zusammen arbeitete, distanzierte sich nicht ausreichend von dieser Ideologie.

mus überformt oder bearbeitet oder stilrein gemacht worden war, kam, sahen sie ihre Aufgabe darin, diese Maßnahmen wieder zu beseitigen. Mit der „Bereinigung“ dieser Denkmäler fanden die Denkmalpfleger ein neues Tätigkeitsfeld, da die so bearbeiteten Denkmäler durch Übermalungen und Entfernungen oft kahl und leer aussahen. Die entstandenen Leerfelder wurden durch sog. Künstlerkonservatoren neu gestaltet und begannen eine Aufgabe zu übernehmen, die bisher eher von Architekten ausgeführt wurde und seit dem Ersten Weltkrieg geruht hatte. „Beim Denkmalpflegetag 1930 in Köln stellte man fest, »daß die künstlerische, neuschöpferische Tätigkeit des Denkmalpflegers als die wichtigste Aufgabe [der Denkmalpflege] angesehen wird.«“45 Der Historismus, der jahrzehntelang von der Denkmalpflege bekämpft wurde, wich einer Form der Umgestaltung, die dieser nicht unähnlich war und eine ebenso historisierende Ästhetik zeigte.

Auch mit den Architekten der Avantgarde, mit denen sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein Konsens gebildet hatte, überwarfen sich die Denkmalpfleger. Seitdem unterstützten die Vertreter des Neuen Bauens die Denkmalpflege ebenso nicht mehr, da sie sich selbst missverstanden fühlten, was zum zwischenzeitlichen Verlust der Bautätigkeit im und am Baudenkmal führte, obwohl das Planen und Entwerfen im Bestand in der Denkmalpflege Ende der 1920er Jahre anfing eine größere Rolle zu spielen. Ein weiteres Problem lag auch in der negativen Haltung dem Historismus gegenüber. Alle damaligen Denkmalpfleger empfanden die Leistungen des Historismus als minderwertig. Wenn es zu einer Restaurierung eines Gebäudes, das im Historis-

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Hubel, S. 117

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 7.2


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

Denkmalpflege im Dritten Reich

8.

Die Weimarer Republik endete faktisch am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten war für die Denkmalpflege im ersten Moment ein positives Ereignis. Die finanziellen Mittel, die der Denkmalpflege vorher zur Verfügung gestellt wurden, konnten erhöht werden und auch neue Arbeitskräfte wurden eingestellt. Die Verbindung zum Deutschen Bund Heimatschutz, der die nationalsozialistische Ideologie verkörperte, war in dieser Hinsicht von Vorteil. Retrospektiv betrachtet wurde die Denkmalpflege durch die damals geförderten Projekte zum Instrument der nationalsozialistischen Propaganda. Beispielsweise wurden besonders die bis zu diesem Zeitpunkt eher vernachlässigten Bürgerhäuser im Fachwerkstil mit Mitteln gefördert. Allerdings handelte es sich dabei vornehmlich um den Bautyp, der als genuin deutsch bezeichnet wurde, da das Fachwerk als eine urdeutsche, germanistische Bauart interpretiert wurde.

Hatten andere Baustile wie die Gotik oder die Renaissance auch Teile ihres Ursprungs in Frankreich und Italien gefunden, war das deutsche Fachwerk ein besonders gelungenes Beispiel deutscher Baukunst. Für das extreme überhöhte Selbstbild der Deutschen waren Denkmale reindeutschen Ursprungs wichtig. Galt im 17. und 18. Jahrhundert das Fachwerk noch als rückständig und bäuerlich, wurden nun sämtliche Fachwerke, die in der Renaissance und im Mittelalter verputzt oder mit Steinfassaden versehen worden waren, freigelegt. Der Eifer auf der Suche nach verstecktem Fachwerk ging teilweise so weit, dass auch Holzstützen, die nie als Sichtfachwerk gedacht waren und deshalb auch keine entsprechenden Verzierungen oder besonderen Formen aufwiesen, geöffnet wurden. Auch die bereits in den Zwanziger Jahren begonnene „Enthistorisierung“, oder wie die Nazis sie nannten Entschandelung, vieler Baudenkmale bildete einen neuen Schwerpunkt der Denkmalpflege. Dies führte zu der Frage, wie man besser mit den Befunden umgehen solle, wenn nicht wie im Historismus. Dies führte zu zwei verschiedenen Verfahren. Zum Einen wurde nach dem „Authentischen“ gesucht. Dazu legte man diverse Farbschichten frei und untersuchte die zu unterst liegende Schicht, bei der man den originalen Zustand vermutete, um dann zu versuchen, diese wieder herzustellen. Da man durch die Freilegung einen Beweis für einen vermeintlichen originalen Zustand hatte, konnte dieser wissenschaftlich bewiesen, ganz anders als im Historismus belegt werden. Auch wenn es bei der Rückführung oft zu einem Zustand, den ein Baudenkmal nie hatte, kam, war diese Wissenschaftlichkeit vermeintlich weniger absurd als die freie Tätigkeit des Historismus. Zum Anderen gab

Abb. 49 Freigelegtes Fachwerk 43 44

Hubel, S. 108 Hubel, S. 111

8. |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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es den Ansatz, bei einem Mangel an Befunden, das Gesamtbild des Denkmals zu vervollständigen. Die Künstlerkonservatoren und geeignete Architekten entwarfen einfach die fehlenden Teile und statteten das Denkmal dementsprechend aus. Für diese Art der Denkmalpflege wurde der Begriff Schöpferische Denkmalpflege verwendet. Der Unterschied zu den ähnlichen Rekonstruktionen des Historismus war, dass neu zugefügte Bauteile optisch an die verwitterten Originalbauteile angepasst wurden. Trotz dieses Unterschieds war genau diese Art von Maßnahme dem Historismus so ähnlich. Sie überformte die vorgefundenen Epochenmerkmale mit dem Stilempfinden der eigenen Generation. In der Publikation Die Stadt- ihre Pflege und Gestaltung, 1939 von Werner Lindner und Erich Bäckler veröffentlicht, ist die komplette zweite Hälfte der Entschandelung und Gestaltung alter Denkmale gewidmet. Dort sind „verschandelte“ und „entschandelte“ Gebäude gegenüber gestellt und es wird anschaulich dargestellt, wie man sich die Denkmalpflege im Dritten Reich vorstellte. „Denkmalpflege wurde lediglich als ästhetische Verbesserung gesehen; der vorhandene Bau wurde nahezu zerstört, um durch eine Lösung ersetzt zu werden, die dem gängigen Klischee

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 8.

der im Dritten Reich geförderten Architektur entstprach.“46 Die „Denkmalpflege“ dieser Zeit versetzte auch viele andere, nicht historistische Bauwerke in den sogenannten Heimatschutzstil und verfälschte so nachhaltig einen Teil der deutschen Baugeschichte. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 wurden die Restaurierungsmaßnahmen eingestellt, da weder Geld, noch Material oder Arbeitskräfte weiterhin zur Verfügung standen. Die Denkmalpfleger, die nicht in der Wehrmacht dienen mussten, konzentrierten sich in der Kriegszeit vor allem auf den Kunstschutz. Dieser betraf vor allem Einrichtungen wie Skulpturen, Möbel, Ausstattungen, Bilder, Glasfenster und Schmiedewerke, die leicht zu bergen und zu verstecken waren. Durch diese Maßnahmen konnten sehr viele wertvolle Kulturgüter vor der Zerstörung des Kriegs bewahrt werden. Objekte, die nicht durch Abtransport und Verstecken schützbar waren, wurden zunächst mit Stoff abgehängt und mit Sandsäcken vor eventuellen Bombardements geschützt. Da dies aber oft nur wenig nützte, wurden sie irgendwann einfach massiv ummauert.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

8.1 Charta von Athen

Abb. 50 Vision der Stadt von morgen, Le Corbusier

1933 entwickelte der Schweizer Architekt Le Corbusier im Rahmen des Kongresses für die Entflechtung städtischer Funktionsbereiche und die Schaffung von lebenswerten Wohn- und Arbeitsumfeldern in der Zukunft, die Charta von Athen, die dann im Oktober 1943 in Paris veröffentlicht wurde. Sie bildete ein Konzept des avantgardistischen Städtebaus und zeigte das Bild einer funktionellen Stadt. Während des Zweiten Weltkriegs fand sie wenig Beachtung, wurde aber von Hans Pieper, der 1942 den Auftrag für einen Wiederaufbauplan Lübecks erhielt, angewendet. Die Charta von Athen wurde durch die unerträglichen Lebensbedingungen in den industrialisierten Städten inspiriert und suchte Lösungen und Vorschläge, um diese wieder zu verbessern. Sie ist Ausdruck einer Bewegung, die sich mit der Verbesserung des Städtebaus beschäftigte und Ausdruck des Bauens der Moderne. Trotz ihrer teils konkreten Vorschläge war sie eher als ideologische Lehre denn als Leitbild für die Praxis gedacht. Dennoch prägte sie den Städtebau, oft aber missinterpretiert, der Nachkriegszeit maßgeblich.

Der für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte gegründete Arbeitsstab beauftragte schon 1942 unter strengster Geheimhaltung den dortigen Baudirektor Hans Pieper mit einem Wiederaufbauplan für Lübeck, den er 1944 vorlegte. Bekannt wurden die Pläne durch Piepers Sohn, der sie 1946 veröffentlichte. In Piepers Plänen für Lübeck wird kaum Rücksicht auf die vorher herrschende Städtebaustruktur genommen. Straßenzüge wurden verbreitert und zu großen Verkehrsachsen ausgeweitet, die Grundstücke an den berühmten Kaufmannhäusern mit Backsteinfassaden bereinigt und durch große Blockrandbebauungen mit Grünflächen ersetzt usw. Einige dieser Vorgaben kamen durch das Regime des Dritten Reichs, das in jeder verwinkelten Altstadt Verstecke revolutionärer Verbindungen vermutete. Desweiteren waren breitere Straßen besser mit Militärfahrzeugen befahrbar und Menschen in Blockbauten, entweder zum Arbeiten oder Wohnen, besser kontrollierbar. Für Pieper hatten die Ruinen der zerstörten Stadt keinen nennenswerten Denkmalwert. So wurden 1942 die nach der Zerstörung ausgebrannten, aber noch stehenden Fassaden in letzter Konsequenz wegen angeblicher Einsturzgefahr abgebrochen. Nur einige besondere und gut erhaltene Fassaden wurden vorsichtig abgebaut und eingelagert um an anderer Stelle wieder aufgebaut zu werden. Die Begeisterung am Ensemble und der Erhaltung des Stadtbilds Anfang des 20. Jahrhunderts war während des Zweiten Weltkriegs unter der Ideologie der Nationalsozialisten verloren gegangen. Die Durchsetzung der „Schöpferischen Denkmalpflege“ im Dritten Reich konnte eben so viele Denkmäler gravierend zerstören wie der Historismus im 19. Jahrhundert.

8.1|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

8.2 Denkmalpflege und Wiederaufbau

Nach Beendigung der Kriegstätigkeiten 1945 sah die Denkmalpflege sich einem unermesslichen Berg an Arbeit gegenübergestellt. Die Erfassung wertvollster Baudenkmäler, ihre Ausstattungen, historische Altstädte, Schlösser, Burgen, Kirchen und Profanbauten, durch alle Bautypen hindurch, war durch die Zerstörung Deutschlands schwer zu bewältigen. Neben der vorsichtigen Beseitigung der Trümmer und Sicherung einsturzgefährdeter Gebäude ergab sich eine Diskussion über die Art des Wiederaufbaus. Interessanterweise wurde diese Frage nicht aus der Sicht der Denkmalpflege gestellt, also aufgrund der bereits bestehenden Theorien zur Erhaltung von alter Bausubstanz. Zunächst wurde der Blick zurück gescheut. Vor allem zu jüngsten Ereignissen und der Konflikt um eine Theoriediskussion, wie etwa um 1900, wurde vermieden. Trotzdem erfolgt keine kritische Auseinandersetzung oder Distanzierung von denkmalpflegerischen Theorien des Dritten Reichs. Zur selben Zeit arbeiteten die Denkmalbehörden unverändert weiter, es gab nicht einmal personelle Veränderungen, auch nicht nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Die Denkmalpfleger versicherten glaubwürdig, ihre Tätigkeit im Dritten Reich fachbezogen und ideologiefrei ausgeübt zu haben. Verfahren wie die Schöpferische Denkmalpflege und die Entschandelung blieben unverändert und ungeprüft weiterhin gültig. Jahrzehnte zuvor galten Wiederherstellungsarbeiten an zerstörten Gebäuden gerade dann als vorbildlich, wenn die Kriegsspuren nicht vollständig ausgelöscht wurden sondern in den Wiederaufbau integriert wurden. Denn auch die Merkmale der Zerstörung gehörten zur Ge-

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Schumacher, S. 196

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 8.2

schichte des Denkmals. Die Masse der Ruinen 1945 war aber so überwältigend, dass an eine sinnvolle Erhaltung aller Ruinenbilder überhaupt nicht zu denken war. Vor Allem der Wohnungsmangel und der Verlust vieler Arbeitsplätze der Hinterbliebenen sorgten für die Priorisierung des schnellen Wiederaufbaus vor dem Erhalt alter Gebäude. Auch der Gedanke, sich nicht mehr von alten Zeiten beherrschen zu lassen und aus seiner Vergangenheit wie Dornröschen aus dem Schlaf zu erwachen, sorgte für einen Zugzwang der Denkmalpflege. Eine Idee war, an einigen Plätzen der zerstörten Städte wie im Forum Romanum zu verfahren, und die Ruinen als Mahnmal stehen zu lassen. Andere, wie beispielsweise die Stadt Rotterdam, zielten auf einen kompromisslosen Neuanfang ab, während wieder andere, wie Warschau, sich auf die vorsichtige Rekonstruktion der Altstadt beschränkten. In Deutschland setzte sich ziemlich schnell ein Mittelweg durch. Auch, wenn der unbestimmbare Charakter einer Stadt nicht unwiederherstellbar war, so konnten doch einzelne, erhaltene Gebäude Fragmente ihrer Geschichte erzählen. Fritz Schumacher statuierte dazu in seiner berühmten Rede Zum Wiederaufbau Hamburgs 1945, dass es gilt, „etwas von diesem unbestimmbaren Charakter ihres zerstörten Wesens einzufangen und sich doch nicht durch die Zufälligkeiten ihrer historischen Reste bei unvermeidlichen Eingriffen beirren zu lassen.“47 Viele Konzeptionen der Denkmalpflege liefen zu dieser Zeit auch außerhalb der dafür zuständigen Behörden, teilweise der Masse an rekonstruktionsbedürftigen Gebäuden und der städtebaulichen Situation geschuldet. Viele Architekten und Städteplaner trugen so außerhalb ihres eigentlichen Tätigkeitsfeldes zur Bildung der Denkmalrezeption bei.


Abb. 51 Forum Romanum

Abb. 52 Rekonstruierte Altstadt von Warschau

8.2|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Abb. 53 Goethehaus vor 1755

Abb. 55 Alte Pinakothek

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 8.2

Abb. 54 Goethehaus nach Rekonstruktion


Eine Beteiligung der Denkmalpflege an diesen Maßnahmen war nicht geplant und so blieben die Denkmalschutzämter ihrer Beschäftigung mit dem Einzeldenkmal treu. Die Totalzerstörungen eines Krieges, wie der Zweite Weltkrieg, waren vorher nicht kalkulierbar oder vorhersehbar und vorher extreme Einzelfälle, wie beispielsweise das Heidelberger Schloss, gewesen. Für eine solche Flut an verschiedenen Denkmalaufgaben war die Denkmalpflege nicht vorbereitet, geschweige denn, dass sie auf dazu passende Konzepte oder Grundhaltungen hätten zurückgreifen können. Die Beschäftigung mit der restaurierenden Denkmalpflege des 19. Jahrhunderts lag bereits so weit zurück, dass praktische Probleme eines rekonstruierenden Aufbaus kaum noch aus eigener Erfahrung bekannt waren. Deswegen verfielen viele Denkmalpfleger wieder in alt bekannte Muster und übersahen, wie eine unspezifische Dokumentation des vorgefundenen Materials und die daraus resultierenden falschen Entscheidungen beim Wiederaufbau zwangsläufig zu einem verfälschten Bild des Gebäudes führen mussten. Viele Rekonstruktionen dieser Zeit wirken wie eine Stille Post des ursprünglichen Gebäudes. Hinzu kam, dass die Deutschen in ihrer Gesamtheit für den Krieg verantwortlich gemacht wurden und sich selbst scheuten, die lückenlose Dokumentation ihrer eigenen Geschichte zuzulassen. Die Annahme, Deutschland habe das Recht auf die Kontinuität seiner eigenen Geschichte verwirkt und nur in einem Neubeginn die Chance auf eine Läuterung, hielt sich auch in der deutschen Bevölkerung. Ein Beispiel für den Konflikt, der in der Bevölkerung herrschte, ist die Rekonstruktion des Goethehauses in Frankfurt. Für viele war es das Sinnbild eines deutschen Denkmals, das in seiner Zerstörung die Schuld, die Deutschland am Krieg hatte, bestätigt sah und dann die Gegenseite, die den Wert des Denkmals nicht an die Unversehrtheit und das Alter der Bausubstanz knüpfte, sondern an seinen symbolischen Wert, der helfen könnte, die Deutschen nicht auf nationalso-

zialistische Weise an ihre deutsche Identität und ihre eigene Geschichte zu erinnern. Nach Beenden der Kontroverse wurde eine Rekonstruktion 1947 vom Magistrat beschlossen und das Goethehaus besteht nicht als Denkmal, sondern als „Wiederbezeichnung eines Denkmalortes“.48 Bei einigen Gebäuden wurde ein Verfahren genutzt, das aus der Archäologie bekannt ist. Teilbeschädigungen werden nicht rekonstruiert, sondern mit einem anderen, sich deutlich absetzenden Material ergänzt. Ein solches Verfahren wurde bei der alten Pinakothek in München angewendet. Eine Bombe hatte einen großen Krater in die Mitte des Museums gerissen. Das beschädigte Gebäude wurde so ergänzt, dass die Reparatur als diese erkennbar bleibt und sowohl die Beschädigung als auch die anschließende Rekonstruktion als Teil der Geschichte der Alten Pinakothek ablesbar bleibt. Das Rekonstruieren von Ensembledenkmalen blieb größtenteils, bis auf einige wenige Beispiele, aus. Ein Beispiel für eine gelungene Ensemblerekonstruktion zeigt der Prinzipalmarkt von Münster. Der traditionelle Marktplatz sollte nach seiner Zerstörung erst verlegt werden, aber 1948, als man mit der Währungsreform wieder Stabilität in die Wirtschaft brachte, entschied man sich dazu den Prinzipalmarkt wieder aufzubauen. Aus Kostengründen wurden die Brandmauern und Versogungseinrichtungen im Boden wieder benutzt, was zur Beibehaltung des Grundrisses führte. Bei den Fassaden und dem generellen Aufbau der Kaufmannshäuser entschied man sich gegen eine Rekonstruktion. Für die Beibehaltung des Stadtbildes war die detaillierte Ansicht der Fassaden nicht wichtig und auf die Grundsubstanz reduziert. Der Leiter des städtischen Baupflegeamtes erstellte für diesen Zweck verschiedene typische Fassaden, die in der gesamten Stadt zur Anwendung kommen sollten. Diese Lösung zeigt eine vorsichtige und rücksichtsvolle Maßnahme, um das Stadtbild zu pflegen ohne zu versuchen, aus dem Nichts eine Kopie anzufertigen.

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Gebeßler,Eberl, S. 25

8.2|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

Denkmalpflege in der Zeit des Wirtschaftswunders

9.

In den 1950er Jahren erfuhr Deutschland einen unerwarteten wirtschaftlichen Aufschwung. Das Straßennetz war während des Krieges nur wenig zerstört worden und infrastrukturelle Gesamtstrukturen konnten auf dieser Grundlage weiter ausgebaut werden. Stadt- und Verkehrsplaner, Politiker und Investoren entwickelten dennoch einen enormen Veränderungsdruck auf die Stadtzentren. Straßen sollten weiterhin verbreitert werden, um größere Verkehrsmassen aufnehmen zu können als bisher. Standen diesen Maßnahmen im Konflikt mit schon bestehender Bebauung, wurde diese ungeachtet des Alters oder eines Denkmalwertes entfernt. Das Wirtschaftswunder wurde zum bestimmenden Maßstab, dem man alles andere unterordnete. Wenn ein Bürgerhaus eine schöne Fassade besaß, durfte diese oft bestehen bleiben, während die Struktur dahinter durch eine andere Konstruktion ersetzt wurde. Dies war vor allem der Ausbildung der damaligen Architekten geschuldet. Der Umgang mit dem Altbau war nicht Teil des Studiums und ausschließlich auf den Neubau ausgerichtet. Auch die Praxis der Handwerker hatte sich geändert. Diese waren ebenfalls vermehrt im Neubau tätig und gaben die alten Details, die vorher vom Meister an den Schüler weitergegeben wurden, nicht mehr wider. Der richtige Umgang mit den entsprechenden Materialien und Techniken ging so langsam verloren. Nicht nur in den Städten wurde zugunsten der neuen Infrastruktur ein Kahlschlag der Grundstücke veranlasst. Auch auf dem Land wurden Flüsse begradigt, um Felder wirtschaftlicher aufzuteilen, Straßen gebaut und verbreitert, damit der Verkehr besser und schneller fließen konnte, sowie historische Kulturlandschaften vernichtet. Sämtlichen Politikern war die Denkmalpflege eher unwichtig. Sogar das barocke Berliner Schloss wurde, da es für die Machthaber der

DDR als Symbol des Absolutismus galt, 1950 gesprengt, obwohl es größtenteils unbeschädigt war. Weitere Gebäude, die den Krieg weitesgehend unzerstört überlebt hatten, wurden auf diese Art behandelt und mussten dem Fortschritt der Stadt weichen. Es wird geschätzt, dass die Zerstörung der Baudenkmäler in der Nachkriegszeit etwa ähnliche Ausmaße, wie während des gesamten Krieges durch Bombenangriffe und darauf folgende Feuerstürme, hatte. Ein weiterer Grund für die Entkernung der Altstädte mag auch das aus England bekannte Konzept der Gartenstadt und der Wunsch nach dem Wohnen im Grünen sein. So wurde beispielsweise 1958 von dem Münchner Architekten Hans Döllgast auf der Grundlage dieses Konzeptes eine Entkernung zahlreicher Parzellen des Regensburger Altstadtquartiers vorgeschlagen. Die ihres Kontextes beraubten Einzeldenkmale, die diese Sanierungswelle überlebten, hatten einen schwierigen Stand. Da ihr architektonisches Umfeld einerseits zu ihrer Formsprache beigetragen hatte, sich vielleicht gegenseitig bedingt hatte und andererseits ersetzbar war, fielen weitere Denkmale den Städteplanungen der 60er zum Opfer.

Abb. 56 Berliner Schloss um 1900

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 9.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

10. Vor und nach der Wiedervereinigung

Die Flächensanierung hielt bis etwa in die frühen Siebziger Jahre an. In den Sechziger Jahren hatten sich massive Proteste in der Bevölkerung gegen den Städtebau der Nachkriegszeit gebildet, der vor allem durch die Neubauten geprägt war. Allmählich begannen sich auch Zweifel in den Architektenkreisen zu bilden. Eine Wende zeigte die Wiederentdeckung der Tradition der „europäischen Stadt“ durch den italienischen Architekten Aldo Rossi. Die Rückkehr traditioneller

Bauformen wurde durch die Postmoderne eingeleitet ebenso wie die Hinwendung zum gewachsenen Stadtgrundriss, der bei der Internationalen Bauausstellung in Berlin während der achtziger Jahre als „Gedächtnis der Stadt“ verstanden wurde. Die abermalige Rückbesinnung auf vergangene Werte, diesmal auf die der Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts, bedeutete zunächst aber keine Sicherung der Denkmäler vor Zerstörung und Abriss.

Abb. 57 Nolli Plan, der traditionelle Stadtgrundriss

10.|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

10.1 Charta von Venedig

Erst in den Siebziger Jahren wurde hauptsächlich den Denkmalpflegern ihre Nachlässigkeit und zu welchem Ausmaß an Verlusten diese geführt hatte, bewusst. Ihre Proteste blieben meist ohne Erfolg, da es weder in der Bundesrepublik noch in der DDR wirksame Denkmalschutzgesetze gab, auf deren Basis ein sicheres Agieren möglich gewesen wäre. Zwar gab es in den entsprechenden Baugesetzen Paragraphen, die den Umgang mit einem Denkmal reglementierten, diese waren aber zu vage gehalten, als dass sie eine verlässliche Diskussionsgrundlage in Zweifelsfällen bieten konnten. Aus diesem Grund wurden beim II. Kongress der Architekten und Techniker der Denkmalpflege 1964 in Venedig Anregungen über die Aufgaben der Denkmalpflege und allgemeingültige Grundlagen der Denkmalpflegepraxis gesucht und als Charta von Venedig veröffentlicht. Bei genauer Betrachtung kann festgestellt werden, dass es sich bei den meisten Thesen um Neuformulierungen der Prinzipien um 1900 handelt. Der Denkmalbegriff wurde sehr deutlich definiert und behandelte diesmal nicht nur das Ein-

Abb. 58 St. Pauli in Leipzig

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 10.1

zeldenkmal, sondern auch Ensemble und diverse andere Arten von Denkmälern. Ein weiterer Punkt war die unmissverständliche Klarstellung, dass es sich sowohl bei Restaurierung als auch bei Konservierung um Disziplinen der Denkmalpflege handelt, die mit wissenschaftlicher Präzision erfolgen müssen und am Besten interdisziplinär ausgeübt werden. Desweiteren wurde festgehalten, dass Denkmale der dauerhaften, und nicht nur einmaligen, Pflege bedürfen, was bestenfalls mit einer gleichzeitigen dauerhaften Nutzung einhergeht. Auch das gestaltgebende Umfeld eines Denkmals ist Teil dessen und darf nicht verändert werden. Wenn am Denkmal selbst gearbeitet werden muss, sollen etwaige Ergänzungen im Stile der aktuellen Zeit erfolgen und nicht historisierend sein. Restaurierungen müssen stets im Stil der jeweiligen Epoche ausgeführt werden, ohne Stilreinheit oder ästhetische Veränderungen zu erzielen, da alle Epochen zur Geschichte des Denkmals beitrugen. Jede Art der Bearbeitung eines Denkmals muss sorgfältig dokumentiert, aufbewahrt und der Wissenschaft zugänglich gemacht werden.

Abb. 59 St. Pauli modern rekonstruert


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

10.2 Denkmalschutzgesetze

Die Ausführungen der Charta von Venedig wurden kaum bis gar nicht von der allgemeinen Bevölkerung wahrgenommen. Trotzdem war bald ein ähnlicher Punkt erreicht wie um 1900, in dem der Allgemeinheit der Umgang mit dem gebauten Kulturerbe bewusst wurde. Es wurde von der „Unwirtlichkeit der Städte“ gesprochen, die durch die fast schon zwanghafte Neubauwut der Investoren und Spekulanten in den Innenstädten zu großflächigen Versiegelungen großer Flächen und einem regelrechten Raubbau an den Kulturzeugnissen, die der Krieg noch übrig gelassen hatte, geführt hatte. Die Grundstückspreise hatten sich so stark erhöht, dass die Wohnungsmieten kaum bezahlbar waren und die steigende, sichtbare Verschmutzung von Luft, Gewässern und der gesamten Natur, sowie die Angst vor Gefährdung durch Atomkraftwerke, führte zu Unstimmigkeiten in der Bevölkerung.

es folgten Bayern und Hamburg 1973, Hessen 1974 und Bremen 1975. Die anderen Bundesländer folgten nach dem Europäischen Denkmalschutzjahr 1975, zuerst Westberlin und Saarland 1977, dann Niedersachsen und Rheinland-Pfalz 1978 und als letztes Bundesland der BRD Nordrhein-Westfalen 1980. Interessanterweise gab es im Jahr 1968 auch für die DDR ein Umdenken, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen. Walter Ulbricht ließ die Universitätskirche St. Pauli in Leipzig sprengen, um Platz für einen Neubau der Universität zu schaffen. Obwohl der spätgotische, als Dominikanerklosterkirche gebaute Sakralbau den Zweiten Weltkrieg vollkommen intakt überstanden hatte, nutzte der Staatsratsvorsitzende die Planung dafür, das Monument christlicher Verehrung zu entfernen. Eine ungeahnte Welle des Entrüstung ging nicht nur durch die westlichen Beobachter, sondern kam vor allem aus den Reihen der eigenen Mitbürger der DDR. Aufgrund der anschließenden In allen freien Ländern, auch in der BRD, formier- Proteste wurde festgestellt, welche Traditionsten sich deshalb 1968 Studentenbewegungen, verluste das Land schon zu verzeichnen gehabt die gegen autoritäre Strukturen an Hochschulen hatte und was dies für die Bevölkerung bedeuund politische Leitbilder der Gesellschaft protes- tete. Dies führte sodann in der DDR zur Erarbeitierten. Mit diesen Protesten als Vorbild bildeten tung eines Denkmalschutzgesetzes, das 1975 in sich Bürgerinitiativen mit dem Ziel, Baudenkmä- Kraft trat. ler vor dem Abriss zu retten, verkehrsberuhigte Zonen in den Städten zu schaffen und den Na- Nach der Wiedervereinigung erhielten erst Branturschutz stärker zu praktizieren. Obwohl aus denburg und Sachsen-Anhalt 1991, dann Thüder Politik starker Widerstand gegen diese Bewe- ringen 1992, Mecklenburg-Vorpommern und gungen erfolgte, wuchsen die Mitgliederzahlen Sachsen 1993 und zuletzt Gesamt- Berlin 1995 dieser Vereinigungen. Hieraus bildete sich auch eigene Denkmalschutzgesetze. die Partei der „Grünen“. Der positive Effekt des Umschwungs wirkte sich auch auf die Denk- Die Charta von Venedig, die zu ihrer Veröffentmalpflege aus. In allen Bundesländern der BRD lichung nur wenig Beachtung bekommen hatwurden nach und nach Denkmalschutzgeset- te, bildete für diese Denkmalschutzgesetze die ze verabschiedet. Bisher hatte es nur in Schles- Grundlage. Durch sie wurde der Denkmalbegriff wig-Holstein seit 1958 ein Denkmalschutzgesetz wieder auf die Werte um 1900 festgelegt und gegeben. Baden-Württemberg begann 1971, diesmal durch die Gesetze gesichert.

10.2 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

10.3 Europäisches Denkmalschutzjahr 1975

Unter dem Motto Eine Zukunft für unsere Vergangenheit erklärte der Europarat 1975 zum Europäischen Denkmalschutzjahr. Es markiert den Beginn moderner Denkmalpflege auf technisch angemessenem Niveau unter einer sinnvoll geführten Struktur.

bautes Erbe erhalten werden musste. Spöttisch sprach man auch vom „totalen Denkmalschutz“. Die Denkmalbehörden wurden vergrößert und das Personal besser geschult. Aus der Denkmalpflege war ein interdisziplinäres Arbeitsfeld aus Kunsthistorikern, Volkskundlern, Historikern, Bauforschern, Naturwissenschaftlern, Archäologen, Restauratoren, Planern, Architekten und Handwerkern geworden. Durch ihre Öffnung für die Bevölkerung, Politik und Stadtplanung wurde die Denkmalpflege verständlicher und nahbarer und blieb nicht eine Disziplin der Historiker, die vergebens versuchten an alten Zeiten um der alten Zeiten willen festzuhalten. Die Bevölkerung verstand inzwischen, warum es wichtig war, sich um das gebaute Erbe zu kümmern. Der wachsende gesellschaftliche Druck und die Aufmerksamkeit von Außen sowie neue, jüngere Konservatoren, die den Dienst in den Ämtern antraten, wandelte das Leitbild der Amtsdenkmalpflege.

Die leise Kritik im Denkmalschutzjahr ist, dass der einstigen Zerstörungswut ein Konservieren ohne Rücksicht auf Verluste gewichen war. Das Bestreben, aus dem gesamten Denkmalbestand eine Art museale Ausstellung zu gestalten, in dem die Bewohner als Statisten lebten, führte Abb. 60 Gedenkmünze Europ. Denkmalschutzjahr zu der Idee der Freilichtmuseen. Der vorsichtiDurch die in der Öffentlichkeit geführte Kont- ge Kompromiss sollte ein Beschränken auf einiroverse über den nicht mit Geld aufwiegbaren ge wichtige Denkmäler mit besonderem Wert Wert historischer Gebäude und natürlich ge- sein, beispielsweise durch besondere Ereignisse wachsener Stadtstrukturen, entbrannte eine oder Personen wichtig gewordene Gebäude. Diskussion um gestaltpsychologische, soziologi- Auch weniger beachtet war der Wille des kleische und politische Argumente für das Denkmal. nen Denkmalbesitzers, dessen gesamtes Hab Medial durch Zeitungen und das neue Medium und Gut in diesem einen Gebäude steckte und Fernsehen verbreitet, festigte sich der Gedanke, der sich plötzlich einer hohen Anzahl verschiedass zukünftigen Generationen ein ungeschön- dener Aufgaben und Auflagen gegenüber sah tes Bild der nationalen Geschichte durch ge- und dies vollkommen fremdbestimmt.

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 10.3


Abb. 61 Chemnitz Beckerstraße, Komplettsanierung und Umbau

Deshalb empfahl das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, 1975 zusätzliche Beträge für Ankauf, Restauration und Instandhaltung denkmalgeschützter Gebäude zur Verfügung zu stellen. Ferner sollten Wettbewerbe, Privatinitiativen und Spendenaufrufe zur Beschäftigung mit dem Denkmalschutz anregen und eine besondere Berichterstattung in der Presse erfolgen. Besondere Programme sollten während des gesamten Jahres auf Führungen und Besichtigungen hinarbeiten. Im Sinne des Europäischen Denkmalschutzjahres finden noch heute jährlich sogenannte Tage des Denkmals/Denkmalschutzes statt, an denen Denkmäler jeder Art geöffnet und besichtigt werden können. Jedes Jahr steht dabei unter

einem Motto, auf das einen besonderen Schwerpunkt gesetzt wird. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, das ursprünglich nur für die Vorbereitung des Europäischen Denkmalschutzjahres gegründet worden war, kümmert sich noch heute um die Belange der deutschen Denkmalpflege. Neben den „klassischen“ Denkmälern wie Burgen, Schlössern, Sakralbauten und öffentlichen Gebäude traten seit dem Europäischen Denkmalschutzjahr Gebäude des 19. und 20. Jahrhunderts in den Vordergrund. Vor allem Industriebauten und Häuser der Moderne erweckten das Interesse der Denkmalpfleger und Bevölkerung.

10.3 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

10.4 Nach der Wiedervereinigung

Durch die neuen Denkmalschutzgesetze und das zurückliegende Denkmalschutzjahr änderte sich die Rezeption der Denkmalpflege maßgeblich. Die Landesdenkmalämter erstellten unter großem Zeitdruck Denkmallisten der vorhandenen Gebäude mit historischem Wert, sowie Ensemble bzw. Denkmalbereiche. Außerdem wurden den privaten Denkmalbesitzern mit dem Gesetz zur Erhaltung und Modernisierung kulturhistorisch und städtebaulich wertvollter Gebäude Steuervergünstigungen erteilt, die bei fachlich kompetenten Sanierungsmaßnahmen geltend gemacht werden konnten. Diese brachten eine erhebliche finanzielle Entlastung für die Privathaushalte und bildeten einen wirkungsvollen Anreiz für die Pflege des Denkmals im Privateigentum. Der Verlust einiger Techniken wurde mit der Gründung der Unterdisziplinen Restaurierungswissenschaft und Bauforschung revidiert und es konnten wieder Handwerker in ursprünglichen Techniken ausgebildet werden. In der DDR war der Umgang mit den Denkmälern nicht so einfach wie in der BRD, da die Denkmalschutzgesetze durch das totalitäre politische System ohne weiteres ausgehebelt werden konnten. Erst mit der Wiedervereinigung 1990 konnten auch die neuen Bundesländer in der Denkmalpflege unterstützt werden. Zum Einen gab es unzählbare Einzeldenkmäler, deren Zustand aufgrund des Geldmangels für Sanierungen sehr unzufrieden-

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 10.4

stellend war, zum Anderen waren ganze Stadtkerne aber von Entkernungsmaßnahmen und Modernisierungen, wie sie in der BRD stattgefunden hatten, verschont geblieben. Gerade in den ersten fünf Jahren bekamen die neuen Bundesländer deshalb hohe Zuwendungen aus den Kassen der alten Bundesländer und des Bunds, um die schlimmsten Schäden zu beheben und den Denkmalbestand so gut es ging schnellstmöglich zu sichern. Der in 1985 gegründeten Deutschen Stiftung Denkmalschutz verdankten die neuen Bundesländer alleine umgerechnet 410 Millionen Euro Investitionen für den Denkmalschutz und so konnten viele Denkmäler letzten Endes gerettet werden. Die Wiedervereinigung brachte Deutschland in Denkmalsicht nicht nur Gutes. Die erhebliche finanzielle Belastung zwang viele Politiker, an entscheidener Stelle die Gelder zu kürzen. Es wurde zuerst bei Kultur und Bildung gespart, was eine erneute Bedrohung des Baudenkmalbestandes zur Folge hatte. Diese Kürzungen trafen vor allem die Denkmalpflege besonders hoch. Der politische Standpunkt, an dieser Stelle zu kürzen legte die Interpretation, Denkmalpflege sei ein Verhinderer des Fortschritts, nahe. So wird immer noch, wenn sich Denkmalpfleger für den Erhalt oder gegen die radikale Umgestaltung eines historischen Gebäudes einsetzen, das Verhalten als Hindernis für Investitionen kritisiert.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

11. Denkmalpflege heute

Ein aktuelles, noch nicht allzu altes Großprojekt der Denkmalpflege, das zeigt, dass nicht nur das Fachpersonal Interesse am Denkmalschutz hat, ist der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden.

zusammenhingen, führten zu immer wieder kehrenden Reparaturmaßnahmen an der Kirche. Die Kuppel wurde, anders als von Bähr geplant, statt von den Außenmauern zum Teil, vollständig von den acht innenliegenden Pfeilern getragen, deren Material, Sandstein, und Verfugung Die evangelisch-lutherische Frauenkirche wurde gar nicht auf diese Belastung ausgerichtet war. ursprünglich als Kirche unserer Lieben Frau im Während des Siebenjährigen Kriegs ab 1756 Barockstil zwischen 1726-1743 nach Entwürfen wurde die Kuppel der Frauenkirche beschosvon George Bähr errichtet. Sie entstand an der sen und erst 1765 wieder in Stand gesetzt. Das Stelle, wo im 12. Jahrhundert eine kleine roma- Grundproblem der auseinandertreibenden und nische Missionskirche zur Christianisierung der absinkenden Kuppel konnte aber nicht gelöst umliegenden serbischen Dörfer gestanden hat- werden. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte te. Im 14. Jahrhundert wurde diese Kirche im go- man noch durch Maßnahmen wie Stahlanker, tischen Stil umgebaut. Gegen Ende des 18. Jahr- Betonringe und neuen Fundamenten die Kuphunderts wurde diese Kirche baufällig und war pel dauerhaft zu reparieren. ohnehin nicht mehr ausreichend für die wachsende Zahl der nun protestantischen Kirchen- Nachdem im Zweiten Weltkrieg durch die RAF gänger. Das neue barocke Gotteshaus entstand und der USAAF am 13. und 14. Februar 1945 bei unmittelbar neben der gotischen Kirche, die erst drei Luftangriffen auf Dresden und den darauf abgerissen wurde, als diese den Weiterbau der folgenden Feuerstürmen die Frauenkirche vollneuen Kathedrale behinderte. Bähr wollte nach ständig ausbrannte, fiel sie nach 2 Tagen Brand ursprünglichen Plänen eine große Außenkup- aufgrund von Materialermüdung in sich zusampel aus Holz und Kupfer errichten, die aber zu men. Nur der Altar konnte durch das herabtropkostspielig war und zugunsten einer Steinkup- fende Zinn der Orgel, das ihn vollständig konserpel nach dem Vorbild der venezianischen Kir- vierte, vor den herabstürzenden Trümmern und che Santa Maria della Salute weichen musste. der vollständigen Zerstörung bewahrt werden. Der barock-klassizistische Entwurf wurde 1826 durch Einwände von Zacharias Longuelune und seinem Schüler Knöffel verworfen. Diese gestalteten daraufhin eine ovale Form im Stile des klassizistischen Barocks in Frankreich. Gaetano Chiaveri, der Architekt der katholischen Hofkirche in Dresden, führte zu dieser Zeit Untersuchungen am Petersdom in Rom durch und stellte fest, dass die Kuppelstruktur erhebliche Mängel aufwiesen. Diese und andere bautechnische Schwächen, die mit dem Gewicht, immerhin 12.000 Tonnen, und der Größe der Kuppel Abb. 62 Ruine Frauenkirche

11.|Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Unmittelbar nach dem Krieg, 1947, wurde unter der Leitung des damaligen Landeskurators Hans Nadler mit dem Wiederaufbau der Kirche begonnen. 850 Steine wurden inventarisiert und der Altar zugemauert, um ihn zu schützen. 1959 wurde allerdings die Hälfte dieser Steine zur Pflasterung der Brühlschen Terrasse benutzt, die andere zum Trümmerberg zurückgebracht. Obwohl es Versuche gab an seiner Stelle einen Parkplatz zu errichten, blieb der Trümmerberg als Mahnmal gegen den Krieg bestehen, zu dem die Ruine auch 1966 offiziell erklärt wurde. Über vier Jahrzehnte stand die zerstörte Kirche als Mahnmal gegen den Krieg auf dem Altmarkt. Zwischenzeitlich versammelten sich immer am Jahrestag der Bombardierung Menschen zum Protest gegen Krieg und Zerstörung. Neben der Funktion als Mahnmal gegen den Krieg wurde es einmal im Jahr das Symbol einer Friedensbewegung, deren gewaltfreie Proteste von keiner Instanz zerschlagen werden konnen. 1985 wurden Vorbereitungen für einen Wiederaufbau nach Beendigungen der Rekonstruktion der Semperoper getroffen. Als Grund dafür wurde unter Anderem die anhaltende Verwitterung des Trümmerbergs genannt. Mit fortschreitendem Substanzverlust wäre der Denkmalcharakter auf Dauer verloren gegangen. Durch die politische Wende wurden jedoch alle Pläne, die bereits getroffen worden waren, hinfällig. 1990, am Jahrestag der Angriffe, wurde ein Aufruf an die Bevölkerung Deutschlands veröffentlicht, der die Gründung der Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche in Deutschland eV. zur Folge hatte. Die Gesellschaft entwickelte ein Konzept für einen archäologischen Wiederaufbau und sammelte Spenden, die den Wiederaufbau durch die Stiftung für den Wiederaufbau der Frauenkirche finanzierten. Wie bei jedem Projekt mit größerem Geldaufkommen gab es auch hier Kritiker. Allen Kritikpunkten voran gab es Bedenken, dass das Projekt aufgrund seiner massiven Kriegsschäden nur ein historisierender Neubau sein könnte. Die geplante Konstruktion war eine Verbesserung

der Pläne Bährs und mit seinen neuen Materialien keineswegs zeitgenössisch. Die Befürworter des Neubaus betonten hingegen den Symbolwert der Kirche und die positive Finanzierung durch überwiegend private Spenden, die sich letzten Endes auf rund 180 Millionen Euro beliefen. Im Laufe des Wiederaufbaus von 1993 bis 2005 wurde zunächst der Trümmerhaufen abgetragen und jeder Stein millimetergenau vermessen und katalogisiert. Aus der Lage im Trümmerberg und den genauen Maßen konnte bei sehr vielen Steinen der ursprüngliche Platz ermittelt werden. Insgesamt über 8000 Steine konnten so geborgen, inventiert und später im Neubau verbaut werden. Durch die Verwendung eines Wetterdaches, das zu verschiedenen Zeitpunkten des Baus hydraulisch angehoben wurde, konnte die Kirche schon im Herbst 2005, nur 11 Jahre nach der Grundsteinlegung am 27.Mai 1994 beendet und geweiht werden. Obwohl in dieser Zeit oft in der Kritik, stellt sich die Rekonstruktion der Frauenkirche als bemerkenswerte Arbeit der Denkmalpflege auch ausserhalb einer Behörde dar. Mit starkem Willen und vielen privat aufgebrachten Mitteln konnte dieses Projekt innerhalb kürzester Zeit vollendet werden und stellt heute in seiner Pracht sowohl ein Denkmal für klassizistisch-barocke Kirchenarchitektur als auch für die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs und der Möglichkeiten der heutigen Denkmalpflege dar.

Abb. 63 Rekonstruierte Frauenkirche

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 11.


Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

11.1 Zur Differenzierbarkeit des Denkmalbegriffs – Georg Mörsch

„Die Arbeit an einem verbesserten Denkmalpflegeinstrumentarium, die Suche nach geeigneten Erhaltungsmitteln, seien sie natur- oder geisteswissenschaftlicher Art, erscheint deshalb denkmalpflegerisch nur sinnvoll, wenn die [...] Verantwortung und Kompetenz des Anwenders entweder selbstverständlich wäre oder wenn zumindest gleichzeitig auch an ihrer Entwicklung gearbeitet würde.“49 Das grundlegende Verständnis eines Gebäudes muss auch in Zukunft gewahrt werden. Es liegt nahe, in den Denkmälern nach immer tiefer liegenden Schichten zu suchen und das Gebäude, ganz dem Historismus verfallen, in diesen zuunterst gefundenen Zustand zurückzuversetzen. Die Gefahr, dass das Gebäude nie in seiner Gesamtheit eben dieser Zeitschicht entsprochen hatte, ist dabei groß. „Vor und während der Entwicklung solcher Hilfsmittel, vor und während der Anwendung solcher Hilfsmittel wird nur selten die Frage nach dem Sinn gestellt, was nicht bedeutet, daß (sic) sie Abb. 64 Lasermesssoftware längst gültig beantwortet ist, sondern daß (sic) die Fachwelt und Öffentlichkeit sie in verführeDie Diskussion um die Denkmalpflege ist erst rischem Aktionismus und Pragmatismus bewußt seit den Neunziger Jahren in alle Richtungen als (sic) oder unbewußt (sic) ausklammern.“50 Die differenziert zu betrachten. Der Kunsthistoriker Schwierigkeit, laut Mörsch, unserer fortschirttliund Denkmalpfleger Georg Mörsch ist einer der chen Technik ist deshalb, diese gewinnbringend leidenschaftlichen Verfechter der Denkmalpflefür das Projekt einzusetzen. Deshalb gibt es auch ge in Deutschland und hat in seiner Publikation heute noch denkmalpflegerisch Tätige, die das Aufgeklärter Widerstand seine VeröffentlichunHandaufmaß der Laseraufmessung vorziehen, gen 1989 zusammengefasst. Er stellt sich darin um Verfälschungen der neuen Technik zu entzentralen Fragen der Denkmalpflege und vergehen. sucht, allgemein gültige Antworten auf diese zu finden. Ein weiteres Problem ist die Haltung der Allgemeinheit zu Denkmälern. Es wird nur das als erDie heutigen technischen Möglichkeiten durch haltenswert anerkannt, was direkt als Kunstwerk Verfahren wie die 3D-Lasermessung stellen uns oder heimatlich vertraut gilt. Der Wunsch, in vor neue Probleme. Es besteht die Gefahr, aufeinem Denkmal das Schöne zu sehen ist allgegrund der Leichtigkeit der Messung, das Wesentgenwärtig. Die ästhetische Empfindung wird der liche des Denkmals aus den Augen zu verlieren.

49

Mörsch, S. 10

11.1 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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historischen Komponente eines Denkmals oft vorgezogen, was zu einer Homogenisierung des Bestands führt. Desweiteren ist das Zugeständnis eines Denkmalwerts auch für Werke jüngerer Zeitgeschichte, also weniger als 100 Jahre entfernt, auch für das Fachpersonal ein schwieriges Thema.

- die Bereitschaft, auch in seinen Altersspuren, seiner Patina, prinipiell die nichtwiederholbare Würde des Denkmals zu erkennen und nach Möglichkeit zu erhalten.“51

Ein weiterer Punkt in Mörschs Kritik ist die Differenzierbarkeit des Denkmalbegriffs. Zunächst müsse betrachtet werden, wie sich der heutige Denkmalbegriff zusammen setzt. Natürlich gibt es Anstrengungen einzelner, alles Schöne, Teure, Seltene und Vertraute zu bewahren. Diesen Dingen fehlte aber vor allem die für die Denkmalpflege so wichtige Dimension der Geschichtlichkeit. Ein geänderter Denkmalbegriff könnte nur entstehen, wenn neben den Kriterien, die sowieso schon zur Denkmalüberlegung gehören, auch andere zum Tragen kämen. Wenn also nicht nur Abb. 65 Clouth Gelände die geschichtliche Komponente, sondern zum Beispiel Standtortfaktoren oder wertende Urteile Berücksichtigung finden würden. Diese Art der Betrachtung würde aber unweigerlich eine Veränderung des Weltbilds nach sich ziehen. Denkmalen würde eine Abstufung ihrer Wertigkeit zukommen. „Das Freiburger Münster ist größer und älter als die Augustinerkirche der gleichen Stadt; ein Altarkreuz aus Bronze ist schwerer als ein solches aus Elfenbein bei gleicher Größe [...]“52 und diese Wertigkeiten, die in der freien Wirtschaft unhinterfragt Bestand haben mögen, Abb. 66 Tausendfüßler Düsseldorf können in der Denkmalpflege nicht zählen. Ein Laut Mörsch gehören zu den schwierigen Ein- Denkmal wird erst dazu, wenn es mit einem sich sichten der Allgemeinbevölkerung und der erinnernden Gegenüber konfrontiert sieht und Denkmalpflege: erhält seinen Wert nur durch dessen Verknüp- „das Zugeständnis von Denkmalwert auch für fung mit der Geschichte. die Werke der jüngsten Vergangenheit und für außerkünstlerische Objekte; Eine weitere Verführung liegt laut Mörsch in - die Einsicht in den Wert auch späterer Verän- dem Bestreben, Denkmäler in Klassen einteilen derungen am Denkmal, d.h. seiner historischen zu wollen. Dies ginge zwar aufgrund ihrer EigenEntwicklung, die selbst mit unerfreulichen Mo- schaft als beispielsweise Bodendenkmal oder menten den Aussagereichtum des Denkmals beweglichem Denkmal, aber an dieser Stelle ausmachen; müsse die Einteilung enden. „Wer glaubt, in der - die Anerkennung der Existenzweise des Denk- Betrachtung der Denkmäler hauptsächlich Unmals in Abhängigkeit von ursprünglichem Mate- terschiede bemerkt zu haben, die sich in wenirial und Konstruktion; gen Wertungsstufen realitätsbezogen umsetzen - die Hinnahme seiner grundsätzlichen Vergäng- ließen, muß (sic) sein Wahrnehmungsvermögen lichkeit bei gleichzeitigem ernstestem Engage- als Denkmalpfleger überprüfen oder sich fragen ment für seine Erhaltung; lassen, woher er sich seinen Auftrag formulieren

Mörsch, S.10 Mörsch, S.10 52 Mörsch, S.95 50 51

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 11.1


ließ. Natürlich lassen sich aus Alter, Seltenheit, Schönheit und Einflußnahme von Gegenständen aus der Vergangenheit und der jeweiligen vorhandenen oder erreichbaren Reaktion der Öffentlichkeit wertende Differenzierungen im Denkmalbestand versuchen, aber je mehr man die Dinge vourteilslos betrachtet, desto mehr nähert sich die Anzahl versuchsweise Wertstufen der Anzahl der Objekte; [...]“53 Je mehr man sich mit einem Denkmal befasste, desto mehr verschiedene Abstufungen würde man erhalten. Die Frage, wo an dieser Stelle die Grenze zu ziehen sei bliebe aber unbeantwortet.

neuen Regelungen so nicht mehr errichtbar wären. Ob dies allerdings eine sinnvolle Pflege des Stadtbilds darstellt, ist fragwürdig. Eine denkmalpflegerische Maßnahme stellt sie keinesfalls dar. Ein aktuelles Beispiel ist die Entkernung des Clouth-Quartiers in Köln-Nippes. Dieses stand zwar nicht unter Denkmalschutz, war aber 140 Jahre ein stadtbildprägendes Gebäude. Die Gummiwarenfabrik war 2005 stillgelegt und gleich darauf von der Stadt gekauft und zum Wohnbauprojekt ausgeschrieben worden. Um dem Stadtbild nicht zu viele neue Fassaden zuzumuten, entschied man sich, die Hallenfassade an der Xantener Straße und Niehler Straße Auch nur die Denkmale besonders zu beachten, beizubehalten, dahinter aber alles zu entfernen. die als besonders gefährdet zu betrachten sind Leider ist anhand der Planungen absehbar, dass ist ähnlich sinnvoll wie der Artenschutz einer vor eine weitere Aufstockung der Bestandsfassade dem Aussterben bedrohten Tierart. Vielleicht geplant ist, und das Argument der Stadtbilderkann die vollständige Ausrottung im letzten Mo- haltung damit hinfällig wird. ment verhindert werden. Wenn allerdings alle nicht domestizierten Tiere unter Artenschutz Georg Mörsch ist mit seinen Auffassungen keistehen würden, müsste man sich nicht mit hals- ner der vorsichtigen Kritiker der hochakutellen brecherischen Aktionen um deren Erhalt küm- Denkmaldiskussionen. Schon 1989 formulierte mern. Ähnlich steht es mit dem Denkmalschutz. er Fragen und fand Antworten zu noch heute Wenn nur gehandelt wird, wenn ein Denkmal aktuellen Themen. Dennoch stellt er einen Befürin irgendeiner Weise bedroht ist, wie beispiels- worter der Denkmalpflege dar. weise 2012 beim Abriss der Autohochbrücke (Tausendfüßler) in Düsseldorf, ist es oft von Seiten der Denkmalpflege schon zu spät. Wenn ein Denkmal rechtzeitig dokumentiert wird, kann es damit sogar vor Naturkatastrophen geschützt werden, wenn vielleicht nicht in seiner Substanz, kann es zumindest als Dokumentation der Nachwelt erhalten bleiben. Eine weitere Praxis, die Mörsch anprangert ist die Auskernung alter Gebäude, um das Stadtbild zu erhalten, hinter der alten Fassade aber einen Neubau zu verstecken. Diese Maßnahmen werden heute, obwohl sie schon in den 90ern stark in die Kritik genommen wurden, ausgeführt. Der Vorteil für die Befürworter liegt klar auf der Hand. Altfassaden genießen Bestandsschutz, und selbst wenn sie vollständig entkernt werden, können Abstandsflächenregelungen und Grundstücksausnutzung nach alten Standards genutzt werden, die wahrscheinlich mit Abb. 67 Münster Freiburg 53

Mörsch, S.95

11.1 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

11.2 Ein Plädoyer zur Abschaffung der Denkmalpflege – Dieter Hoffmann-Axthelm

sembles wurden missachtet, die man doch erst kurz zuvor definiert und gefunden hatte. Laut Hoffmann-Axthelm war die Denkmalpflege zum „Komplizen der Abrißmaschinerie geworden“ 55 und verdiente die Unterstützung des Fachpublikums nicht. In seinem Artikel nimmt er vor allem den damaligen Landeskonservator Berlins, Helmut Engel, in die Kritik. Engel hatte bis 1977 noch kein DSchG hinter sich und selbst der Titel musste ihm vom Abgeordnetenhaus anerkannt werden, da es auch kein Landesdenkmalamt gab. Seine Arbeit war dementsprechend sehr durch politische Interessen geprägt und oft wie ein Fähnchen im Wind. Hoffmann-Axtehlm wirft in seinem Artikel dem Landeskonservator vor, dass „die Denkmalspflege zum Erfüllungsgehilfen staatlicher und städtebaulicher Dekorationsstrategien geworden ist“56, da die Praxis, Fassaden zum Erhalt des Stadtbilds stehen zu lassen als gängige Maßnahme der Denkmalpflege vollAbb. 68 Dieter Hoffmann-Axthelm Knapp 10 Jahre vorher, 1980 meldete sich der zogen wurde. Die historischen Zusammenhändamals als Redaktionsmitglied der ARCH + täti- ge gingen dadurch verloren und entkernt hatge Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm ten die Denkmäler weniger Wert als Neubauten. ebenda mit seinem Artikel Plädoyer zur Abschaffung der Denkmalpflege zu Wort. Laut Hoff- Dies hing vor allem mit dem Wandel des Denkmann-Axthelm wurden zu dieser mehr Häuser malbegriffs zusammen, der nicht mehr nur als unter Denkmalschutz gestellt als jemals zuvor, künstlerischer gesehen werden musste. Vor alaber auf eine nicht zufrieden stellende Weise. lem Profanbauten, Industrielle Bauten und Ähn„Da werden Schlösser wieder aufgebaut, die liches rückten in den Fokus der Denkmalpflege man bisher als unwiederbringlich zerstört an- und entsprachen nicht mehr den ästhetischen gesehen hatte, da werden barocke Gebäude Ansätzen des Denkmalwerts. Die Denkmäler, die abgetragen und am gleichen Ort auf der Beton- nur durch das tägliche Erleben zu einem wichtidecke eines U-Bahnhofs wieder hingestellt oder gen Bestandteil des Stadtbilds wurden, würden auch ein paar Straßen weiter verschoben, da sträflich missachtet. „Denn bei der Mehrzahl der werden Häuser bis auf minimale Fassadenteile zentralen historischen Orte handelt es sich nicht abgerissen und diese Reste dann mit Kaufhäu- um ästhetisch herausragende Objekte“57 und sern, Eigentumswohnungen oder Altersheimen durch die teilwese abgeschiedene Lage in nicht hinterbaut. Zerstörung und Denkmalsschutz touristenfreundlichen Gegenden, fielen solche schließen sich nicht mehr aus, sondern gehen in- Denkmäler oft unter den Radar der Denkmalpfleeinander über.“54 Die Zusammenhänge des En- ge. „Die Denkmalspflege bestimmt also schein-

54 55

Hoffmann-Axthelm, S. 44 Hoffmann-Axthelm, S. 44

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Hoffmann-Axthelm, S. 44 Hoffmann-Axthelm, S. 45

Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 11.2


bar auch, wo die Denkmäler hinkommen“58 und „(sie) bestimmt, was zu einem Baudenkmal gemacht wird und was nicht.“59 Gerade die Entkernung historischer Gebäude sieht Hoffmann-Axthelm sehr kritisch. „Das Haus ist also gerettet und vernichtet zugleich“60 und solche Kompromisslösungen zerstörten mehr Denkmalsubstanz, als sie retteten. Hoffmann-Axthelm spricht sich offen für den Erhalt wichtiger Bausubstanz aus, kritisiert aber vor allem die Art, wie die Denkmalpflege damit umgeht. Die museumsartige Ausstellung von Stadtgeschichte, in der die zuvor lebenden Menschen verdrängt wurden, kann keine Art sein, in der man versucht, für die Denkmalpflege zu werben, das Arbeiterviertel dürfe nicht zum Touristenmagnet werden. Dadurch würden die historischen Zusammenhänge beseitigt und zur Geschichtsfälschung beitragen. „Statt den Raubbau zu verhindern, liefert die Denkmalspflege Argumente der Verteidigung indem sie die ästhetische Verpackung der Stadt-

zerstörung besorgt. [...] Dann lieber die offene, ehrliche Abschaffung aller Denkmäler und der beherzte Abriß (sic) von allem, was abreißbar ist.“61 Hoffmann-Axthelm kritisiert die Sackgasse, in der sich die Denkmalpflege in den 80er Jahren befunden hatte, die aber mit der Einführung der Denkmalpflegegesetze überwunden werden konnte. In erster Linie als Denkmalkritiker gesehen, bildete er aber den Gegenpart, der der Denkmalpflege half, Stellung zu beziehen und einen neuen Denkmalwert zu finden, der dann von Mörsch aufgenommen werden konnte und weiterformuliert. Hoffmann-Axthelm, obwohl namentlich als Denkmalgegner gesehen, trug also viel zur Entwicklung des neuen Denkmalwertes bei, da auch Kritiker helfen können, festgefahrenen Prozessen eine neue Richtung zu weisen. Die Forderung, entweder die Denkmalpflege vollständig ab zu schaffen oder sich intensiverm it ihrem Wert zu beschäftigen, war durchaus legitim zu diesem Zeitpunkt.

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Hoffmann-Axthelm, S. 47 Hoffmann-Axthelm, S. 50

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Hoffmann-Axthelm, S. 46 Hoffmann-Axthelm, S. 46

11.2 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil I

Geschichte der Denkmalpflege

11.3 Budget Fragen und aktuelle Diskussionen

Auch heute ist die Denkmalpflege noch nicht an einem Punkt angelangt, der allgemeine Akzeptanz in der Bevölkerung erreicht. Schwer wiegen die Vorurteile der Denkmalgegner.

Denkmalbehörden und auch die KfW mit Fördergeldern ein wenig Erleichterung zu verschaffen. Leider ist das Budget für solche Finanzierungen immer abhängig von der jeweiligen Regierung. Wie die Landeskonservatorin NRWs, Frau Dr. „Gott schütze mich vor Staub und Schmutz, vor Andrea Pufke, im Interview zur EntscheidungsFeuer, Krieg und Denkmalschutz“, so lautet die macht der Politik sagte, könne man mit der DenkInschrift auf einem denkmalgeschützten Gebäu- malpflege im Hinterkopf eigentlich keine soziale de in Bamberg.62 Natürlich wird das Eigentums- Partei in die Regierung wählen. Die neue (und recht durch den Denkmalschutz eingeschränkt, alte) Bundesregierung stellt seit 2007 bis zu 190 das ist leider wahr. Dabei muss man aber das Millionen Euro Fördergelder für denkmalpflegeWohl der Allgemeinheit im Kopf behalten, dass rische Aufgaben zur Verfügung. Soziale Parteien der Erhalt der Geschichte für die Nachkommen- müssten ihren Etat eher für Schulen und andere schaft schwerer wiegt als das Interesse einzelner. soziale Projekte zur Verfügung stellen. Was unKritiker besagen, dass der Denkmalschutz sich zu abhängig von der Förderung allen Denkmaleitief und zu häufig in den Privathaushalt einmi- gentümern, die ihr Eigentum fachgerecht pflesche. Dass die Denkmalpflege Eigentümern vor- gen, zugute kommt, ist die Erteilung erheblicher schreiben will, welche Tapeten an den Wänden Steuervorteile. Diese sind für alle anrechenbaren zu kleben haben und welche Möbel sie nutzen Sanierungsmaßnahmen in vollem Umfang abdürfen. So weit geht die Denkmalpflege in der setzbar. Realität allerdings nicht. Es ist natürlich so, dass bei substanzändernden Maßnahmen erst um Er- Die Vorurteile, mit denen die Denkmalpflege zu laubnis gebeten werden muss. Das betrifft aber kämpfen hat, zeigen verheerende Folgen. in den allerseltensten Fällen die Innenraumge- Den Landesdenkmalämtern für Denkmalpflege staltung. Dabei ginge es eher um den Erhalt ori- wird seit den 90ern sukzessive weiterhin das Budginaler Vertäfelungen, von Stuck oder beispiels- get gekürzt. Fachreferenten und andere Stellen, weise Türen und Fenster. Wenn der Erhalt von die durch Fachpersonal besetzt werden sollten, Fenstern und Türen aber unzumutbar wäre, da werden gestrichen und die Zuschüsse gekürzt. sie so beschädigt sind, dass sie auch nicht vor- Auch im Privatbereich können Denkmalbesitzer handen sein könnten, wird zunächst eine Re- immer weniger Fördermittel für die sachgemäße paratur in Erwägung gezogen, und wenn alles Pflege ihres Denkmals als Unterstützung gestellt nichts hilft auch eine Entfernung erlaubt. Leider werden. Wegen der Kürzung des Budgets und werden viele Denkmäler deshalb mit Absicht der Stellen können die Denkmalämter sich ihren vor der Eintragung beschädigt, zerstört, entfernt grundlegenden Aufgaben nur noch unzureioder trotz Denkmalschutz geändert. chend widmen, so dass die Grundaufgabe der Inventarisation aller Bau- und Kunstdenkmale in Dass Umbaumaßnahmen unter Denkmalschutz den letzten Jahren fast zum Erliegen kam. teuer sind, und oft auch langwieriger als „normale“ Baumaßnahmen, ist ein offenes Betriebs- Desweiteren werden die Denkmalschutzgesetgeheimnis. Diesem Umstand versuchen die ze immer mehr gelockert, um den Auflagen der

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merkur.de

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Teil I - Geschichte der Denkmalpflege | 11.3


neuen Bauweisen Möglichkeiten zu erschließen. In der Energieeinsparungsverordnung gibt Ausnahmeregelungen für den Denkmalschutz (§ 24 Abs. 1 EnEV), die besagen, dass die Anforderungen der EnEV zurückstehen, wenn sie den Denkmalschutz beeinträchtigen würden, aber diese gelten vor allem für das äussere Erscheinungsbild und die Substanz, sofern eine sanierende Maßnahme nicht laut DSchG genehmigt werden und die Anforderungen nur mit unverhältnismäßigem Aufwand erfüllt werden könnten. Trotzdem haben auch die Besitzer eines Denkmals einen Anspruch darauf, ihr Eigentum wirt-

schaftlich zu betreiben, was oft den Einbau von erneuerbaren Energiequellen und den Aufbau einer Wärmedämmschicht zur Folge hat. Fest steht jedoch, dass Denkmalschutz, auch wenn er nur teilweise mit der EnEV vereinbar ist, ökologisch ist und zum Naturschutz beiträgt. Jedes Gebäude, das nicht abgerissen werden muss, sondern erhalten bleibt und weiter genutzt wird, muss nicht entsorgt werden, um dafür ein neues Gebäude zu errichten. Die graue Energie zur Herstellung dieses neuen Gebäudes kann durch den weiterbenutzten Bestand entfallen.

Abb. 69 EnEV Thermobild

11.3 |Teil I - Geschichte der Denkmalpflege

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Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

Aufgaben und Definitionen

1.

In diesem Kapitel wird auf die Aufgaben und Definitionen der Denkmalpflege eingegangen. Es geht hierbei vor allem um die ausführenden Denkmalpfleger, also hauptsächlich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Denkmalbehörden

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Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 1.

und –fachämter, sowie Planer und Architekten. Die Aufgaben der Denkmaleigentümer decken sich zum Teil mit denen der praktischen Denkmalpfleger, aber sind im einzelnen in den DSchG der verschiedenen Bundesländer festgehalten.


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

1.1 Bauforschung Der Bereich der Bauforschung befasst sich innerhalb einer Denkmalschutzbehörde mit der wissenschaftlichen und analytischen Beschäftigung mit Baudenkmalen. Sie reiht das Gebäude in den kunsthistorischen Kontext ein und gibt Informationen über Technik und Konstruktion, die dem Gebäude zugrunde liegen.

5. verschiedenen bautechnischen Untersuchungen

Im Detail beschäftigt sich die Bauforschung mit:

8. Erforschung der stadtbauhistorischen Entwicklung

1. der Projektierung von Bauforschungsmaßnahmen

6. farbrestauratorischen Untersuchungen 7. Dokumentation und Publikation der Ergebnisse

9. Erstellung eines Gesamtbefunds und Bauphasenplans

2. der Sichtung und Auswertung schriftlicher und bildlicher Quellen 10. Erstellung eines Schadenskatasters 3. der Befundermittlung

11. Formulierung des Befunds von Farbfassungen

4. Grabungen und genauer Bauaufnahme

Abb. 70 versch. Ergebnisse einer digitalen Bauaufnahme

1.1 |Teil II - Probleme der Denkmalpflege

85


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

1.2 Inventarisation Die Inventarisation folgt auf die Bauforschung. Sie stellt die Bestandsaufnahme eines Denkmals in Hinsicht auf seine spezifischen Merkmale dar. Die Bauforschung liefert für diese Bestandsaufnahme das Material und in der Inventarisation wird dann ein Profil des Denkmals erstellt. In vielen Bundesländern erfolgt mit der Inventarisation die Eintragung in die Denkmalliste. Die Erfassung in die Denkmalliste erfolgt beim Feststellen eines bestimmten Denkmalwerts. Da dieser Wert von Denkmal zu Denkmal verschieden ist und immer spezifisch auf das Denkmal abgestimmt ist, muss dieser wissenschaftlich untersucht werden. Damit diese Schritte in Deutschland ähnlich verlaufen und nicht nur durch die verschiedenen DSchG abgesichtert sind, hat die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland eine Rahmenrichtlinie erstellt.

Denkmalinventar (Denkmalliste) Dabei geht die Inventarisation nicht nur auf das heutige Erscheinungsbild des Denkmals ein, sondern erfasst seinen topographischen, epochenspezifischen und funktional-/konstruktionstypologischen Charakter.

Diese stellt folgende Schritte als Teil der Inventarisation dar: 1. Die Benennung des Denkmals 2. Eine Zusammenstellung aller Quellen und Traditionen, die im Zusammenhang mit dem Denkmal stehen, auch den Schöpfer betreffend. Zu Belegen sind diese Quellen mit Abbildungen, vor allem Fotos, Zeichnungen, Plänen und Karten 3. Eine Ausführliche Beschreibung des Denkmals, die die Planung und Ausführung sowie die historische Einordnung berücksichtigt 4. Die Anfertigung von Zeichnungen, insbesondere Grundrisse, Schnitte und Ansichten 5. Die Begründung und Formulierung des Denkmalwertes 6. Die Publikation dieser Arbeiten, meist in einem Abb. 71 Bauaufnahme

86

Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 1.2


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

1.3 Maßnahmen der Denkmalpflege

Die Erhaltung der historischen Substanz ist bei Eingriffen in ein Denkmal vorrangig. Ihr Ziel ist es, der Zerstörung der Denkmalsubstanz durch äussere Faktoren entgegenzuwirken, ohne dabei die Spuren, die die Zeit hinterlassen hat, zu verändern. Deswegen müssen auch jüngere Zeitschichten am Denkmal gewahrt werden, da auch diese geschichtsprägend für das Objekt sind. Aufgrund ihrer verändernden Natur müssen bewahrende Maßnahmen immer auf das Notwendigste beschränkt werden, um vor allem den Alterswert des Denkmals nicht zu beeinflussen. Die Maßnahmen der Denkmalpflege werden aufgrund einer vorherigen Analyse des Bestands getätigt. Dabei wird der individuelle Zustand des Denkmals beurteilt und im Anschluss die nötigen Schritte zur Durchführung der denkmalpflegerischen Maßnahme eingeleitet. Ist der unabwendbare Ersatz von Denkmalsubstanz notwendig, muss dieser unbedingt aufgrund der vorliegenden Analysen die Kriterien der Materialgleichheit, Werkgerechtigkeit und dem Erhalt des Erscheinungsbildes folgen. Maßnahmen, die zum Denkmalschutz durchgeführt werden sind:

2. Instandhaltung Mit Instandhaltung ist die Pflege reinigender Natur gemeint. Hier geht es darum, ohne größere Eingriffe den jetzigen Zustand des Denkmals zu erhalten. Maßnahmen hier sind zum Beispiel das Befestigen von gelockerten Dachziegeln, das Streichen von Fensterrahmen und ähnlichen pflegenden Eingriffen. Diese Art von Pflege gab der Denkmalpflege auch ihren Namen. 3. Konservierung Neben den pflegerischen Maßnahmen der Instandhaltung wird hier die Festhaltung des jetzigen Zustandes besonders forciert. Es werden Maßnahmen zur Bewahrung ergriffen. Zum Beispiel können Fas¬saden vor äusseren Einflüssen durch einen Schutzanstrich oder eine Überbauung geschützt oder Materialien vor dem altern bewahrt werden.

4. Instandsetzung Maßnahmen dieser Art dienen dazu, den Original-zustand zu erhalten oder auch wiederherzustellen. Dazu gehört die Restaurierung, die die originale Substanz unter Wahrung der ursprünglichen Gebrauchsfähigkeit wiederherstellt. Hier1. Altern lassen/ kontrollierter Verfall unter fällt beispielsweise die Reparatur einer Tür Obwohl widersprüchlich in seiner Bedeutung, mit bauzeitlichen Techniken und Materialien. kann der Verfall eines Denkmals die Maßnahme Hier ist es nicht wichtig, den Originalzustand zu sein, die ihm am ehesten gerecht wird. Im 18. und erreichen. 19. Jahrhundert oft bei Burgruinen praktiziert, Die Renovierung führt auch wieder in die urkommt diese Art der Denkmalpflege heute vor sprüngliche Gebrauchsfähigkeit zurück, hat aber allem alternden In-dustrieanlagen zugute. Nicht das Ziel, dies unter Wahrung des originalen Bejede Anlage hat einen so wichtigen Wert wie an- funds zu tun. Hierunter fällt beispielsweise das dere und deswegen wird vor dem vollständigen Abtragen mehrerer Farb¬schichten an einer geAbriss oft diese Form des Erhalts gewählt, um strichenen Wand bis zur ers¬ten Farbschicht und das Denkmal noch zumindest eine absehbare deren Wiederherstellung. Zeit ablesbar zu behalten oder gründlich zu dokumentieren. Danach wird es dann dem natürlichen Lauf der Verwitterung preis gegeben.

1.3 |Teil II - Probleme der Denkmalpflege

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5. Rekonstruktion Bei der Wiederherstellung handelt es sich nicht um eine Maßnahme der Denkmalpflege im herkömm¬lichen Sinne. Hierbei wird das verloren gegangene Erscheinungsbild eines Denkmals, oft auch ohne vorhandene Pläne und ohne Originalbefund, auf der Grundlage schriftlicher oder bildlicher Quel¬len und Ergebnissen der Bauforschung hergestellt. Hierbei handelt es sich um eine Neuschöpfung und ist deswegen nicht als denkmalpflegerische Arbeit zu sehen. Dieser Rekonstruktion kann aber mit der Zeit ein Denkmalwert zugesprochen werden, da sie trotzdem eine dokumentierende Funktion hat. 6. Anastilosis Abb. 72 Baustelle Unter diesem Begriff versteht man die partielle Wiedererrichtung eines Denkmals unter Verwendung der originalen Bauteile. Ein Beispiel für diese Maßnahme ist der bereits erwähnte Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. 7. Translozierung Bei der Translozierung wird das zu erhaltende Gebäude zunächst gründlich dokumentiert, abgebaut und dann möglichst originalgetreu an einem anderen Ort wieder aufgebaut. Dies ist eine Notmaßnahme, wenn der Erhalt des Denkmals an dieser Stelle nicht mehr gewährleistet werden kann und es vor einem Verlust bewahrt werden soll. Ein Denkmal kann seinen Denkmalwert auch durch seine Lage und den örtlichen Kontext bekommen, deswegen kann diese Maßnahme unter bestimmten Umständen auch keinen Sinn machen. Ein Beispiel für eine Translozierung in Deutschland ist der Kaisersaal des Grand- Hotel Esplanade in Berlin, das auf dem Potsdamer Platz um 75 m für den Bau der großen Kreuzung verschoben und in das Sony Center integriert wurde.

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Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 1.3


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

1.4 Praktische Denkmalpflege Die Denkmalpfleger, die in der Praktischen Denkmalpflege arbeiten, vertreten im Rahmen der gesetzlich verfügten Erlaubnis- und Genehmigungsverfahren die Denkmalschutzbehörden und –ämter. Sie stehen Denkmaleigentümern mit fachlicher Beratung und Betreuung während Maßnahmen zur Pflege, Erhaltung und Nutzung des Denkmals zur Seite . Im Detail kümmern sich die Praktischen Denkmalpfleger unterstützend um folgende Belange:

- Kostenermittlung nach DIN - Informationen zur Finanzierung 3. Vollzug des DSchG 4. Abwicklung des Genehmigungsverfahrens nach LBO und DSchG 5. Betreuung der Baumaßnahme/Objektüberwachung 6. Dokumentation der Baumaßnahme

1. Beratung von Bauherr und Architekt im Planungsbereich 2. Formulierung eines Erhaltungskonzeptes: - Befundermittlung - Baubeschreibung - Konzeption - Funktionsbedarf - Denkmalpflegerische Zielsetzung - Entwurf - Maßnahmenkatalog

7. Abwicklung von Zuschußverfahren 8. Verfassen denkmalpflegerischer Stellungnahmen/ Gutachten im städtebaulichen Bereich Es ist aufgrund dieses Aufgabenfelds durchaus üblich, dass Architekten in der praktischen Denkmalpflege tätig sind, während in den anderen Bereichen hauptsächlich Kunsthistoriker arbeiten.

Abb. 73 Praktische Denkmalpflege

1.4 |Teil II - Probleme der Denkmalpflege

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Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

1.4.1 Dokumentation Da ein Denkmal in seiner Funktion als Zeugnis vergangener Zeiten ständigen Veränderungen unterliegt, müssen diese für nachkommende Generationen festgehalten werden. Das Objekt selbst ist eine zitierbare Quelle, deren Veränderungen, um ihre Quelleneigenschaft und Möglichkeit künftiger Erkenntnis zu wahren, dokumentiert werden. Ist einmal der Denkmalwert eines Gebäudes festgestellt worden, unterliegt es der Dokumentationspflicht. Der Zustand vor und nach einer etwaigen Änderung muss gründlich festgehalten werden. Der Umfang der Dokumentation hängt dabei vom betreffenden Objekt ab und wird von der jeweiligen Behörde im Voraus festgelegt. In den meisten Fällen ist eine ausführliche Fotodokumentation und ein Aufmaß, bestehend aus Grundriss, Schnitten und Ansicht, im Maßstab 1:50 ausreichend. Mit der Komplexität der Baugeschichte (meist gleichbedeutend mit dem Alter) und der Fülle an erhaltener Ausstattung, sowie der Seltenheit eines Phänomens, steigen die Anforderungen an das Aufmaß. Bei der Anforderung einer Dokumentation werden aber von der betreffenden Behörde Angaben zu deren Umfang gemacht. Für die vollständige Dokumentation hat in erster Linie der Verursacher Sorge zu tragen und es obliegt dem Denkmalschutzamt, fachlich beratend tätig zu sein und gegebenenfalls Fachpersonal für eine Dokumentation zur Verfügung zu stellen. Das Denkmal darf nicht verändert oder abgerissen werden, bis die Dokumentation vollständig abgeschlossen ist. Wenn Originalmaterial ersetzt oder abgebrochen werden muss, ist die Einlagerung eines Substanzmusters in der Denkmalbehörde Teil der Dokumentation. Um den Verlust der Informationen Vorschub zu leisten, müssen diese in archivierbarer Form dokumentiert werden. Dies bedeutet immer noch, diese

analog ausgedruckt abzuheften. Mittlerweile werden aber große Bestände der Archive digitalisiert, um einen Informationsausstausch auch in Zukunft zu gewährleisten. Katastrophen wie die Zerstörung des Kölner Stadtarchivs im März 2009 können nicht ausgeschlossen werden und deshalb werden viele, wichtige, unwiederbringbare Dokumente seit 1972 im Barbarastollen in der Nähe von Freiburg im Breisgau auf Mikrofilm zur Langzeitarchivierung gebracht. Alle anderen Dokumente werden mittlerweile auch digital auf Servern gespeichert. Bei der Dokumentation gilt der Grundsatz, dass man sich vom Großen ins Kleine bewegt, ebenso von außen nach innen und im Innern geschoßweise von unten nach oben. Bei Fotografien ist darauf zu achten, dass diese ausreichend belichtet sind, orthogal zum Objekt aufgenommen wurden und in den besten Fällen mit einem Maßstab versehen sind. Bevor ein Denkmal abgerissen werden darf, muss eine Austragung aus der Denkmalliste erfolgen.

Abb. 74 Baualterskartierung als Dokumentation

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Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 1.4.1


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

1.4.2 Restaurierung Restaurierungen am Denkmal sind Maßnahmen, die die Wahrnehmung, Wertschätzung und das Verständnis eines Denkmals verbessern sollen. Diese Art von Maßnahmen wird von der Denkmalpflege nur durchgeführt, wenn sich die Bedeutung oder das Verständnis des Objektes durch die Zeit oder vergangene Veränderungen oder Zerstörungen geändert hat. Beispielsweise kann ein gealtertes Bild, das zu dunkel zum Erkennen geworden ist, nicht mehr verstanden werden, da sich dem Betrachter das Abgebildete entzieht. In einem solchen Fall kann das Abtragen von Zeitschichten die Rezeption wieder verbessern. Die Restaurierung ist damit im Unterschied zur Konservierung, die den momentanen Zustand eines Objekts stabilisiert, ein Eingriff in seinen Alterswert. Es gibt aber auch Maßnahmen, die beide Bereiche umfassen. So kann das Entfernen von Salzverkrustungen einer Keramik, also eine restaurierende Maßnahme, zu dessen Konservierung beitragen.

Zweck ist die Erhaltung der Originalsubstanz, die in der Denkmalpflege einen hypothetischen Zeitpunkt darstellt, an den das Objekt zurückgeführt werden soll. Wann dieser Zeitpunkt sein soll, ist Ermessenssache. Ein wichtiges Kriterium ist die Reversibilität der Restaurierung. Sie darf an der Originalsubstanz nur so viel verändern, dass diese auf Wunsch rückgängig gemacht werden kann, ohne von dem vorgefundenen Zustand abzuweichen. Beispiele sind das Entfernen von Schmutz oder Korrosion. Ziel der heutigen Denkmalpflege ist nicht das Einfrieren eines bestimmten Zustands, das ein großer Teil des Denkmalwerts aus dem Alterswert besteht und deshalb ist das zentrale Anliegen einer Restaurierung, das Objekt in seiner Alterung vorsichtig zu unterstützen und zu kontollieren, um kommenden Generationen zu ermöglichen, vergangene Zeiten am bestehenden Objekt nachzuvollziehen. Es wird eine möglichst umfassende Lesbarkeit des Denkmals erreicht.

Abb. 75 Restaurierungsarbeiten in einem Gewölbekeller

1.4.2 |Teil II - Probleme der Denkmalpflege

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Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

1.4.3 Bau- und Kunstdenkmalpflege

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Bauund Kunstdenkmalpflege beschäftigen sich hauptsächlich mit der gesetzestreuen Durchführung von Maßnahmen am Denkmal. Im Prinzip sind alle Aufgaben der praktischen Denkmalpflege auch Aufgaben der Bau- und Kunstdenk-

malpflege. Die fachliche Betreuung während Instandsetzungs- und Umbaumaßnahmen sowie die Beratung von Eigentümern, Planern und Handwerkern soll den reibungslosen Ablauf am Denkmal ermöglichen.

Abb. 76 Restaurierungsarbeiten an einem Wandteppich der Notre Dame, Paris

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Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 1.4.3


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

Behörden deutschlandweit

2.

Die Denkmalschutzgesetze (DSchG) wurden deutschlandweit in drei Wellen jeweils von 1971 bis 1978, von 1991 bis 1993 und von 2001 bis 2010 neu verfasst oder fortgeschireben. Sie beruhen in ihrer Grundart auf dem DSchG aus Schleswig-Holstein von 1953, das bis heute kaum verändert wurde. Die neuen Bundesländer orientierten sich nach der Wiedervereinigung an denen der alten Bundesländer. Insgesamt sind sich die DSchG in den denkmalfachlichen Grundsätzen sehr ähnlich, es gibt aber auch Unterschiede.

der zuständigen Behörde. Das bedeutet, dass sie die Behörde informieren und ihr die Möglichkeit geben, sich zu einer Sachlage zu äußern, diese aber auch ohne deren Einverständnis handeln können. Fast allen Denkmalschutzbehörden, außer in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, sind auch ehrenamtliche Beiräte in verschiedenen Ebenen zur Verfügung gestellt. Auch diese haben eine beratende Tätigkeit.

Die DSchG werden durch die Denkmalschutzbehörden und die Denkmalfachbehörden vollzogen. Teilweise werden auch die Bauaufsichtsbehörden in deren Vollstreckung einbezogen. Darüber hinaus bilden die 395 Unteren Denkmalbehörden der Gemeinden die erste Instanz der Denkmalpflege. Die Denkmalschutzbehörden sind Dienstleister der allgemeinen inneren Verwaltung, das heißt sie kümmern sich um kommunale, landes- oder bundesinterne Angelegenheiten, also Beamte des gehobenen Dienstes. Daneben haben die Bundesländer die Denkmalfachbehörden, in Nordrhein-Westfalen die Denkmalpflegeämter, eingerichtet, um die Behörden fachlich zu beraten. Diese sind für die Erfassung der Denkmäler, die Verfassung von Gutachten und die fachliche Betreuung von Maßnahmen am Denkmal zuständig. Desweiteren gibt es in einigen Ländern eigene Fachbehörden für den Bodendenkmalschutz oder Ärchäologie. Die meisten Fachbehörden sind dabei nicht berechtigt, fachlich unabhängig ihre Gutachten an Behörden und Eigentümer weiterzugeben, sondern sind in die Behörde integriert. In Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg dürfen die Ämter fachlich unabhängig arbeiten und stehen im Benehmen mit Abb. 77 Denkmalschutz

2.|Teil II - Probleme der Denkmalpflege

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Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

2.1 Organigramm Die Zuständigkeit des Denkmalschutzes liegt bei den Bundesländern, deswegen gibt es in Deutschland auch 16 verschiedene Denkmalschutzgesetze, die den Aufbau der Denkmalschutzbehörden regeln. Diese gestalten den Behördenaufbau ähnlich und weichen nur gering voneinander ab. Unterschieden wird grundsätzlich zwischen Denkmalschutzbehörden und Denkmalfachbehörden. Die Denkmalschutzbehörden sind die Vollzugesbehörden, die über Maßnahmen an Denkmälern entscheiden. Auch die Unterschutzstellung ist Sache dieser Behörden. Sie sind in den staatlichen Verwaltungsaufbau eingegliedert und bestehen in der Regel aus zwei (Untere und Obere Denkmalbehörde) oder drei Stufen (Untere, Obere und Oberste Denkmalbehörde).

Die oberste Denkmalbehörde ist dabei immer das Landesministerium, die obere in der Regel das Regierungspräsidium oder die Bezirksregierung und die untere Behörde bei einer kommunalen Behörde wie dem Landkreis oder der kreisfreien Stadt angesiedelt. In den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen weichen diese Regelungen ab und im Saarland ist die Denkmalverwaltung im Ministerium zusammengefasst. An die Denkmalschutzbehörden sind die Denkmalfachbehörden bzw. Denkmalämter angegliedert und stehen den Behörden mit fachlicher Beratung zur Seite.

Organigramm am Beispiel NRWs

Oberste Denkmalbehörde Bauministerium NRW Obere Denkmalbehörde Bezirksregierung

Kontrolle

Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 2.1

Benehmen

Benehmen

Kontrolle

Landeskonservatorin bei den Landschaftsverbänden LWL und LVR

Untere Denkmalbehörde Kreisfreie Städte Genehmigungsbehörde

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Obere Denkmalbehörde Landrat/Landrätin

Untere Denkmalbehörde Kreisangehörige Gemeinden Genehmigungsbehörde


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

2.2 Denkmalschutzgesetze Die Denkmalschutzgesetze sehen neben den sonstigen Bauvorschriften eines Landes Normen, Verordnungen, Satzungen und Gesetze für den Umgang mit Denkmälern jeder Art vor. Auf Basis dieser Gesetze werden Gestaltungsvorschriften, Erhaltungs- und Sanierungssatzungen erstellt. Sollen Ausnahmen oder Gestattungen ausserhalb dieser Satzungen erfolgen, bedarf es einer Erlaubnis, Genehmigung oder Befreiung. Generell darf jedes Denkmal, egal welcher Art, nur mit einer Erlaubnis verändert, von seinem Standort entfernt, zerstört, instand gehalten, wiederhergestellt, teilweise beseitigt oder in seiner Nutzung geändert werden. Meist geht einer solchen Erlaubnis eine individuelle Begutachtung der zuständigen Denkmalschutzbehörde voraus. Diese Amtshandlungen nach den DSchG kosten ausser in Baden-Württemberg normalerweise nichts, werden aber im Falle einer Vorwegnahme einer Bautätigkeit im Nachhinein als Strafe oft eingetrieben.

serer und Erwerber. Natürlich können sich alle diese Arten an Eigentümern auf das Grundrecht des Eigentums, den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und den Gleichheitssatz berufen. Das Grundrecht des Eigentums besagt nach §903 BGB, dass ein Eigentümer das Recht hat, mit seiner Sache so zu verfahren, wie es ihm beliebt. Das DSchG greift aber unter einem Gesetzesvorbehalt in dieses Recht ein. Der Denkmalschutz ist höher zu werten, als beispielsweise der Wunsch eines Eigentümers, sein Haus blau zu streichen. Das DSchG greift hier nicht in den Wesenszug des Eigentumsrechts ein, sondern gibt gestalterische Vorgaben.

Bei beweglichen Denkmälern und Bodendenkmälern sieht der Eigentumssachverhalt anders aus. In Hessen und Bayern gibt es kein „Schatzregal“, das dafür sorgt, dass Bodendenkmäler, deren Eigentümer unklar ist, in den Besitz des Landes übergehen um gesichert zu werden. Einige Baumaßnahmen stehen nicht in Denkmal- Deshalb gibt es viele illegale Ausgräber, die den verträglichkeit und werden deshalb nur in den Fundort eines Bodendenkmals als Hessen oder wenigsten Fällen genehmigt. Dies äussert sich in Bayern angeben. Selbst die Regelung nach §17 den DSchG in der Genehmigungsfähigkeit vieler DSchG, die eine Entschädigung nach einer AbMaßnahmen. Veränderungen, die selten geneh- lieferung vorsieht, kann laut §984 BGB nicht vor migt werden betreffen vor allem die Fassaden dem unrechtmässigen Eigentumserwerb vieler und Dachgestaltung eines Denkmals, da es dort Raubgräber schützen. Bis 2013 gab es auch in um von aussen sichtbare Veränderungen des NRW noch kein Schatzregal, das aber mit der Denkmals geht. Dort geht es meistens entweder Neufassung des DSchG NRW vom 16. Juli 2013 um eine nachträgliche Dämmung oder die Ver- eingeführt wurde. änderung des Belagmaterials. Der Grundatz der Verhältnismäßigkeit besagt, Die Denkmalschutzgesetze richten sich in erster dass kollidierende Interessen, Freiheiten und Linie an die Eigentümer eines Denkmals, egal ob Rechtsprinzipien nur dann angemessen im Verprivat oder in öffentlicher Hand. Dies beinhaltet hältnis zueinander gesetzt sind, wenn das zu je nach Bundesland auch sog. Nießnutzer, Erb- wahrende Interesse schwerer wiegt als das aufbauberechtigte, Nutzungsberechtigte, Unterhal- geopferte. Dies bedeutet für die Denkmalpflege, tungsverpflichtete, Finder, Entdecker, Veräus- dass sie in das Grundrecht des Eigentums bis zu

2.2 |Teil II - Probleme der Denkmalpflege

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einem gewissen Grad eingreifen darf, da sie das öffentliche Interesse wahrt. Maßnahmen, die unverhältnismäßig teuer, kompliziert oder nicht erforderlich sind, sind damit aber auch rechtswidrig und müssen nicht durchgeführt werden. Der Gleichheitssatz besagt schlicht, was der Nachbar darf, darf der Eigentümer auch. Sofern eine Maßnahme also die gleichen Grundbedingungen hat, kann ein Eigentümer fordern, diese auch ausführen zu dürfen. Gleichzeitig kann die Denkmalpflege aber auch bestimmen, wenn eine Maßnahme verboten ist, ist sie dies bei anderen gleichwertigen Denkmälern auch. Dieses Verfahren kommt vor allem in Denkmalensembles sehr oft zum Einsatz.

nahmen wird mit dem Erlaubis- und Genehmigungsverfahren sichergestellt. Auch kann die Denkmalschutzbehörde bestimmte Arten von Maßnahmen zur Sicherstellung des Denkmals verlangen, sofern sie zumutbar sind.

Wird in ein Kulturdenkmal eingegriffen, so hat der Verursacher des Eingriffs die Kosten zu tragen, die für die Erhaltung und fachgerechte Instandsetzung, Bergung und Dokumentation des Kulturdenkmals anfallen. (DSchG M-V und ThürDSchG) Trotz der kontrollierenden Aufgabe der Denkmalschutzbehörden, zählen diese nicht als Veranlasser einer Maßnahme, ebenso wenig wie ein Architekt als Veranlasser für einen Bauherrn gilt. Die Kostenfolgen verschiedener EinNeben allen Auflagen, die ein Denkmaleigentü- griffe tragen die Eigentümer selbst und hier gilt mer erfüllen muss, hat er auch gewisse Rechte. das Veranlasserprinzip und die KostentragungsEs gibt Steuerermässigungen für geleistete Maß- pflicht. nahmen und in vielen Gemeinden und Kommunen gibt es Budgets für finanzielle Förderun- Der oberste Grundsatz der Denkmalschutzgegen. Auch muss jede Maßnahme zumutbar sein. setze ist die Nutzungspflicht. Ein Denkmal muss Niemand würde von einer jungen Eigentümer- für seinen Eigentümer nutzbar sein. Ist seine familie, die ihr letztes Geld für einen Hauskauf Nutzung mit der Zeit obsolet geworden, beizusammengekratzt hat erwarten, dieses nach spielsweise des Flughafens Berlin Tegel sobald allen Regeln der Kunst innerhalb kürzester Zeit der neue Flughafen fertig gestellt ist, kann eine in Stand zu setzen. Bei einem öffentlichen Besit- Nutzungsänderung beantragt werden. Die Sonzer oder der Kirche fiele das Urteil dementspre- dernutzung des Leerstands ist keine denkmalchend ungnädiger aus. gerechte Nutzung und rechtswidrig. Baudenkmäler sollen möglichst ihrer ursprünglichen Alle Denkmaleigentümer sind dazu verpflichtet, Bestimmung entsprechend genutzt werden, ihr Denkmal zu pflegen und zu erhalten. Die Er- kann dies nicht gewährleistet werden, muss die haltungspflicht ist insbesondere dann wichtig, neue Nutzung aber gleichwertig sein. Wenn wenn ein Denkmal zugunsten eines Neubaus ab- verschiedene Nutzungen denkbar sind, muss gerissen werden soll und es dem geplanten Ver- die Nutzung gewählt werden, die das Denkmal fall ausgeliefert wird. In einem solchen Fall kann am wenigsten beeinflusst. Die sonstigen zutrefdie zuständige Denkmalschutzbehörde hohe fenden Gesetze müssen dabei berücksichtigt Geldbußen oder bis zu zwei Jahren Gefängnis werden. Deshalb kann nicht ohne weiteres aus verhängen und die sofortige Instandsetzung des einem Bauernhof, der nach §34 BauGB zum AuDenkmals verlangen. Auch im Falle einer un- ßenbereich zählt, ein Wohnhaus mit mehreren abgesprochenen Umbaumaßnahme, kann die Wohnungen entstehen, wohl aber eine HundeDenkmalschutzbehörde die Wiederherstellung zucht oder ein Ponyhof. des beschädigten Objekts verlangen. Das höchs- Bevor eine Maßnahme egal welcher Art am te Ziel der Denkmalschutzgesetze ist die Pflege Denkmal durchgeführt wird, bedarf sie einer und Erhaltung historischer Substanz und die Si- Genehmigung. Dabei liegt es im Ermessen der cherstellung der Nutzung von Baudenkmälern. Obersten Baubehörde, welche Unterlagen für Die Denkmalverträglichkeit verschiedener Maß- eine solche Genehmigung einzureichen sind.

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Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 2.2


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

2.3 Besonderheiten und Unterschiede der DSchG

Die größten Unterschiede der jeweiligen DSchG zeigen sich signifikant bei der Definition des Denkmalbegriffs, dem System der Unterschutzstellung, dem Verhältnis zu Genehmigungen nach anderen Gesetzen (Bsp. nach BauO), in ihren Zuständigkeiten, Verpflichteten und dem Recht an Schatzfunden. In einigen Bundesländern gibt es zur Zeit Überlegungen, die Unteren Denkmalschutzbehörden abzuschaffen und deren Zuständigkeiten in die Bauverwaltung einzugliedern. Andere planen die Landesämter abzuschaffen. Ein wichtiger Diskussionspunkt zur Zeit ist auch die neue Rolle der Denkmaleigentümer. Das Veranlasserprinzip, das schon für den Bodendenkmalschutz gilt, soll ausgeweitet werden. Dies würde bedeuten, dass vor allem bei der Beseitigung oder Änderung eines Denkmals der Eigentümer demnächst für die Kosten der vorherigen Dokumentation und eventuellen weiteren Untersuchungen tragen müsste. Bisher werden solche Maßnahmen oft von den jeweiligen Landesämtern finanziert oder aus einem allgemeinen Budget der Stadt. Nur in einzelnen Fällen haben die Bundesländer jeweils die kommenden Problematiken direkt gelöst. Es handelt sich dabei um sich unterscheidende Definitionen einiger Begrifflichkeiten. In Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen können die Gemeinden nach Art. 28 Abs. 2 GG selbstständig Denkmalpflegepläne erstellen. Dieser Artikel sichert die Planungshoheit auf dem gesamten Gemeindegebiet. Diese Art von Denkmalpflegeplänen unterscheiden sich von denen, die in Berlin, §8 Abs. 3 BDSchG an die Eigentümer eines Denkmals zur Pflege des Eigentums ausgegeben werden können. Im Saarland wird laut §7 Abs. 5 Satz 2 SDSchG

beim Verkauf eines Baudenkmals der öffentlichen Hand die Eintragung einer beschränkt persönlichen Dienstbarkeit nach §1090 BGB verlangt. Das bedeutet, dass weiterhin das Interesse der öffentlichen Hand an dem Baudenkmal gewahrt werden muss und beispielsweise Wegerecht und Nutzungsrecht weiterhin in der öffentlichen Hand bleiben. Hessen, Saarland und Sachsen ermöglichen zur Sicherung eines Denkmalbestandes eine Eintragung einer Nutzungsbeschränkung im Grundbuch. Durch diesen Grundbucheintrag können nur einige Arten der Nutzung erlaubt oder verboten werden (sofern diese zB. nicht mit § 33 und 34 der BauGB intervenieren). Im Saarland, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es besondere Hinweise für den Schutz des gebauten Erbes gegen Katastrophen, namentlich Naturkatastrophen. Die Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen sehen eine Kennweispflicht für alle Denkmäler vor. Diese müssen dort mit der weiß-blauen Kennzeichenmarke markiert werden. In allen anderen Ländern passiert dies auf freiwilliger Basis. Hamburg sieht im Falle einer entschädigungspflichtigen Maßnahme an einem Denkmal vor, den Eigentümer zu einer Übertragung des Eigentums oder eines nach dem Bundesbaugesetz teilbaren Grundstückteils zu zwingen, sofern diese Maßnahme mehr als 50 % des Eigentumswertes beträgt. Der Übertragungsanspruch erlischt, wenn der Eigentümer auf die Mehrkosten verzichtet. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der Eigentümer nur Maßnahmen im Wert der Hälfte seines Eigentums erstattet bekommen kann.

2.3 |Teil II - Probleme der Denkmalpflege

97


In Nordrhein-Westfalen kann das Land einen Wertausgleich für Wertsteigerungen, die durch die Kostenbeteiligung daran entstanden sind, verlangen.

In Mecklenburg-Vorpommern ist eine vorausschauende Planung im Sinn eines Denkmalpflegeplans nach §7 Abs. 3 Nr. 1 MDSchG der Fachbehörde vorzulegen. Auch Thüringen kann dies zur Ergänzung eines Antrags verlangen.

Abb. 78 Artiekl zum Thema Unterschutzstellung

98

Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 2.3


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

2.4 Unterschutzstellung In Deutschland gibt es zwei verschiedene Verfahren zur Unterschutzstellung eines Denkmals. Das erste Verfahren nennt sich Eintragung in eine nachrichtliche oder deklaratorische Denkmalliste. Dieses Verfahren steht im Gegensatz zur konstitutiven Denkmalliste.

Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen führen hingegen deklaratorische Dnekmallisten.

Im Gegensatz dazu sind Denkmale in einem Bundesland mit konstitutiver Denkmalliste erst dann unter gesetzlich Schutz gestellt, wenn es durch einen bestandskräftigen Verwaltungsakt in die Liste aufgenommen wurde. Der Denkmaleigentümer hat im Verlaufe der Unterschutzstellung die Möglichkeit, gegen die Aufnahme in die Denkmalliste vorzugehen.

An erster Stelle wird geprüft, ob das vorgeschlagene Objekt die Eigenschaften nach dem DSchG erfüllt. Dies erfolgt durch die Benehmensherstellung der Unteren Denkmalbehörde mit dem Landschaftsverband. Das jeweilige Fachamt (LVR oder LWL) erstellt daraufhin eine ausführliche Denkmalbegründung, die die verschiedenen Kriterien des DSchG aufgreift und darlegt.

Nordrhein-Westfalen und Schleswig- Holstein sind die einzigen beiden Bundesländer mit einer konstitutiven Denkmalliste, Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen,

Bei der Beurteilung des Denkmalwertes erfolgt keine Abwägung. Das bedeutet, dass das Denkmal nicht mit anderen gleichartigen Denkmalen verglichen wird und deshalb eine Entscheidung

Die konstitutive Denkmalliste ist aus denkmalpflegerischer Sicht einfacher zu Handhaben, da bei Bei der deklaratorischen Denkmalliste, oder auch Bauvorhaben zunächst immer erst einmal davon ipso iure-System genannt, sind automatisch alle ausgegangen werden muss, dass es sich um ein Objekte als Denkmal zu bezeichnen, die die da- Gebäude mit kulturellem Wert handelt und die für notwendigen Parameter, die im DSchG §2 (1) Reaktion auf eine entsprechende Maßnahme im festgehalten sind. Voraus erfolgen kann. In Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen kann es dazu kommen, „Denkmäler sind Sachen, Mehrheiten von Sachen dass Denkmäler schon beschädigt oder zerstört und Teile von Sachen, an deren Erhaltung und wurden, bevor die entsprechende DenkmalbeNutzung ein öffentliches Interesse besteht. Ein hörde eine Dokumentation erstellen oder einen öffentliches Interesse besteht, wenn die Sachen Einspruch dagegen erheben konnte. bedeutend für die Geschichte des Menschen, für Städte und Siedlungen oder für die Entwick- Exemplarisch wird im Folgenden die Unterlung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse schutzstellung anhand der DSchGs Nordrheinsind und für die Erhaltung und Nutzung künst- Westfalens erklärt. Um ein Denkmal in die Denklerische, wissenschaftliche, volkskundliche oder malliste aufzunehmen, muss ein Anstoß für das städtebauliche Gründe vorliegen.“63 Die Inven- Verfahren kommen. Dieser erfolgt entweder tarliste des Denkmalbestands eines Bundeslan- durch den Eigentümer, den Landschaftsverband des ist damit gleichzeitig die Denkmalliste, die oder das Denkmalamt. Die Eintragung erfolg alle unter Schutz gestellten Objekte verzeichnet. dann durch die Untere Denkmalbehörde.

63

DSchG NRW §2 (1)

2.4 |Teil II - Probleme der Denkmalpflege

99


für oder gegen das Denkmal herbeigeführt wird. Wird der Denkmalwert festgestellt, wird das Denkmal in die Denkmalliste eingetragen. Eine Abwägung erfolgt erst, wenn Veränderungen des Denkmals beantragt werden und eine denkmalrechtliche Erlaubnis erteilt werden soll. Sollten Untere Denkmalbehörde und Landschaftsverband innerhalb solcher Verfahren Differenzen aufweisen, kann der Landschaftsverband eine Entscheidung der Obersten Denkmalbehörde, im Falle NRWs des Ministeriums, anstreben. Die Entscheidung der Obersten Denkmalbehörde ist für beide Seiten bindend und kann nicht wieder geändert werden.

Abb. 79 Bauphasendokumentation

100 Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 2.4

Nach Feststellung des Denkmalwerts und Eintragung in die Denkmalliste erfolgt die Anhörung der Eigentümer oder Nutzungsberechtigten. Dabei werden diese über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt, die im Zuge des Eintragungsverfahrens für die Denkmaleigentümer relevant werden. Sobald ein Objekt in die Denkmallliste aufgenommen wurde, wird dies dem Eigentümer mitgeteilt. Er kann innerhalb eines Monats Widerspruch gegen die Eintragung einlegen und vor dem Verwaltungsgericht den Rechtsweg begehen.


Teil II

Denkmalpflege heute - Aufgaben, Ziele und Probleme der gegenwärtigen Denkmalpflege

Aktuelle Diskussionen

3.

Der Weg, den die Denkmalpflege in nächster Zeit beschreiten wird, ist noch nicht festgelegt. Fest steht, dass sich die Denkmalpflege weiter entwickeln muss. Zu den alten historischen Gebäuden kommen jetzt die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts hinzu.

vermittelt werden. Die Berührungsangst mit dem Denkmal müsse kleiner werden. Ein weiteres Problem stellt die einseitige Berichterstattung in den Medien dar. Negative Schlagzeilen verkaufen sich besser. Deswegen steht die Denkmalpflege in der Pflicht, positive Denkmalpflegeergebnisse besser zu kommunizieren. Hilfreich sind bereits Laut einer Berechnung des Geschäftsführers des die gut besuchten Tage des offenen Denkmals, Architektur Forums Rheinland e.V., Jörg Beste, die der Bevölkerung sonst verschlossene Denkstehen zur Zeit rund 3% des Baubestands unter mäler öffnen. Denkmalschutz, weitere 30% hätten diesen Status auch verdient und die übrigen 67% könnten Auch Profanbauten können damit ihren besongenau so gut aus volkswirtschaftlichen und öko- deren Reiz zeigen und für das Verständnis der logischen Gründen bewahrt werden. So beträgt Denkmalpflege geworben werden. der eigentliche Denkmalbestand in Deutschland Gerade jetzt, wo sich die Denkmalpflege eingealso gut ein Drittel. Von diesen Gebäuden wer- hender mit der Pflege von Industriedenkmälern den in Nordrhein-Westfalen ungefähr 300 neue oder den ungeliebten Nachkriegsbauten, soDenkmäler pro Jahr dokumentiert. Das sind we- wie Gebäuden des Brutalismus und des Neuen niger als 1 Denkmal pro Untere Denkmalbehör- Bauens beschäftigen muss, muss die Betonung de, nämlich 396 an der Zahl, im Jahr. Zur Zeit darauf liegen, dass Denkmale nichts mit dem ist man bei der Dokumentation der Denkmäler ästhetischen Empfinden der heutigen Zeit zu der 1950er Jahre angekommen. Das bedeutet, tun haben. Ein Denkmal muss nicht schön sein. auf Grund der Sparmaßnahmen, die geplant Der Wallfahrtsdom Maria Königin des Friedens sind, ist die Denkmalpflege in der Dokumentati- in Neviges-Velbert von Gottfried Böhm, das on hoffnungslos unterbesetzt. Es muss also eine technische Denkmal der TU Berlin der ehemalineue Struktur für Unterschutzstellungen gefun- gen Wasserumwälzanlage oder die mittlerweile den werden. Die Denkmalpfleger müssen mehr aufgrund von schlechter Verarbeitung auseinUnterstützung durch Fachkollegen wie Architek- ander fallende Kapelle Notre-Dame-du-Haut in ten, Städteplaner und Kunsthistoriker sowie der Ronchamp von Le Corbusier haben genau so allgemeinen, interessierten Bevölkerung bekom- eine Beachtung und denkmalpflegerische Auseimen. Frau Dr. Andrea Pufke, die Landeskonserva- nandersetzung verdient, wie das geliebte barotorin des Rheinlandes, sieht auch im Unterschied cke Schlösschen im Stadtpark oder der hübsche zwischen Praxis und Theorie (an der Uni) einen Fachwerkbau in der Altstadt. Alle diese Gebäude großen Dissenz. In der Theorie könne Denkmal- sind Teil der deutschen Baugeschichte und wie pflege eigentlich sehr einfach sein, wenn sich der Sinnspruch schon sagt, ist „Geschichte nicht alle, die in ihrer beruflichen Karriere damit in Be- reproduzierbar“. rührung kämen, für jeweils ein paar Projekte im Denkmalschutz stark machten. Daraus würden Auch die Wertigkeit der Denkmale darf nicht die Erfahrungswerte mit dem Bestand wachsen unterschätzt werden. Nur weil ein Gebäude gröund diese könnten wieder in der Theorie besser ßer und vermeintlich schöner als ein anderes ist,

3. |Teil II - Probleme der Denkmalpflege 101


heißt es nicht, dass das kleinere nicht den gleichen, oder sogar höheren Wert für die Geschichte der Denkmalpflege haben kann. Der Deutsche Pavillon der Weltausstellung 1926, besser bekannt als der Barcelona Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe war in seiner Formensprache, Materialität und Bauweise wegweisend für die Architektur, also ein ganz wichtiger Meilenstein. Findet man sich jedoch vor Ort ein, steht dieser am Fuß einer riesigen Treppe, die zum Museum Nacional de Arte de Cataluña (Nationalmuseum der katalanischen Kunst, MNAC), das im gleichen Jahr gebaut wurde, führt. Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude, als wäre es im französischen klassizistischen Barock errichtet, ist aber wieder nur eine historisierende Bauweise des frühen 20. Jahrhunderts. Die Rezeption des Barcelona Pavillons kann, für den betrachtenden Laien, der nicht weiß, welches Monument der Baukunst zu seiner Rechten steht, vom Prunk des MNAC abgelenkt sein und bei der Befragung, welches Gebäude wichtiger für die Geschichte wäre, vielleicht verwirrt werden. Der Alterswert vermeintlicher moderner Architektur wird in diesem Fall nicht anerkannt.

Abb. 80 Das MNAC neben dem...

102 Teil II - Probleme der Denkmalpflege | 3.

Das liegt vor allem auch daran, dass sich in den letzten 100 Jahren kein eindeutig festzusetzender Architekturstil mehr entwickelt hat. Anders als zu früheren Zeiten, wo ein Bauwerk als klassisch, romanisch, antik oder barock usw. bezeichnet werden konnte, beeinflussen sich die Architekturstile der heutigen Zeit gegenseitig so stark, dass sie kaum voneinander abgrenzbar sind. Einzelne Architekten sind an ihrer Formsprache deutlich zu erkennen, aber es käme zur Zeit niemand auf die Idee, ein Gebäude als hadidisch, gehryhaft oder liebeskindisch zu bezeichnen, vor allem, wenn eine Schöpfung nicht auf die betreffenden Architekten zurück zu führen ist. Um die Rezeption des gebauten Erbes wieder zu Verbessern, findet jährlich am zweiten Wochenende im September bundesweit der Tag des offenen Denkmals unter verschiedenen Schwerpunkten statt. Desweiteren ist 2018 wieder Europäisches Denkmaljahr, diesmal unter dem Motto Sharing heritage, Erbe teilen, bei dem viele Angebote dazu führen sollen, sich mit der Denkmalkultur zu beschäftigen und bei dem sicher wieder viele Erkenntnisse gewonnen werden können.

Abb. 81 Barcelona Pavillon


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

Im folgenden Teil wird die Arbeitersiedlung der Zeche Oberdorstfeld in Dortmund beschrieben und analysiert. Die Werkssiedlung wurde 1913 bis 1922 nach Planungen des Essener Architekten Oskar Schwer errichtet. Sie war der Zeche Dorstfeld angegliedert und diente als Wohnkolonie für die Bergarbeiter der Zeche und deren Angehörigen. Die Siedlungsgestaltung trägt Merk-

male der Gartenstädte nach Ebenezer Howard. Die verschiedenen Haustypen, die Selbstversorgergärten, begrünte Vorplätze und Vorgärten tragen zum abwechslungsreichen Siedlungsbild bei. Die Zechensiedlung steht mit seinen Eigenschaften als Dokument der Geschichte der Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet seit 1993 als Ensemble unter Denkmalschutz.

|Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 103


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

1.

Der Architekt Oskar Schwer

nestine in Stoppenberg. Ebenfalls 1908 wurde er in den Bund Deutscher Architekten aufgenommen. Bereits 1909 beschäftigte sich Oskar Schwer mit dem aus England bekannten Prinzip der Gartensiedlung und plante die ,,Schwestersiedlung“ Gottfried- Wilhelm- Kolonie in EssenRellinghausen. Aus diesem Erfolg und dem Entwurf für die Friedrich- Ernestine Kolonie erfolgte wohl die Beauftragung für die Bergbausiedlung der Zeche Oberdorstfeld in Dortmund in 1912. Jenseits der Bergbauaufträge beschäftigte sich der Architekt ausserdem mit einigen größeren Bauten wie dem Kaufhaus Schürmann, dem Wohn- und Geschäftshaus am Rüttenscheider Stern und beispielsweise dem Bankgebäude des Essener Bankvereins. Interessant dabei ist, dass der Wirkbereich des Architekten dabei nie über das Ruhrgebiet hinaus ging, die Autragslage für ihn also in diesem Bereich ausreichend war. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen seines offensichtlichen Erfolgs, vor allem im Zusammenhang mit den Bergbaukolonien, war die Zechenkolonie Oberdorstfeld sein letztes großes Projekt. Er verstarb bereits im Alter von 49 am 12. April 1921 in Essen und wurde auf dem Friedhof Abb. 82 Stempel O.Schwers Pläne Bredeney beigesetzt. Er hinterließ seine Frau MaOskar Schwer wurde am 18. November 1872 in ria und seine beiden Kinder, Barbara (geb. 1914) Triberg geboren. Abgesehen davon, dass er seit und Oskar (geb. 1915). 1901 im Essener Adressbuch, wohnhaft in der Viktoriastraße 3, nachgewiesen werden kann, Obwohl also nicht viel über den Architekten ist wenig über den Architekten bekannt. 1901 selbst bekannt ist, prägt sein Werk noch heute begann er seine berufliche Laufbahn mit Innen- das Stadtbild des Ruhrgebiets und löst immer ausbauten und Möbelentwürfen, 1905 baute er wieder aktuelle Diskussionen aus. Bis auf das Rheinisch-Westfälische das erste Einfamilienhaus.64 Von da an plante er Verwaltungsgebäude zahlreiche Einfamilienhäuser und erhielt auch Hütten- und Walzwerks- Berufsgenossenschaft größere Aufträge. Neben dem Damenheim der in Essen sind alle Gebäude erhalten und stehen Ernst und Helene Waldthausen-Stiftung, dem oder standen zwischenzeitlich unter DenkmalRestaurant ,,Zum Dortmunder“ und einem Ge- schutz. Die Gottfried- Wilhelm- Kolonie hat ihren schäftshaus baut er auch 1908 bis 1911 seine Denkmalstatus wieder aufgrund diverser Veränerste Arbeiterkolonie für die Zeche Friedrich Er- derungen verloren.

64

Scheer, S. 104

104 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 1.


Zur Übersicht sind hier noch einmal Oskar Schwers Bauten in tabellarischer Form aufgelistet: 1901

Wohnhaus in Essen-Rüttenscheid, Hedwigstraße 34 (seit 1992 unter Denkmalschutz)

1908

Bergarbeiter-Siedlung „Friedrich-Ernestine“ in Essen-Stoppenberg (nicht erhalten)

1909–1913 Bergarbeiter-Siedlung „Gottfried-Wilhelm-Kolonie“ in Essen-Rellinghausen, Gott fried-Wilhelm-Straße usw. (nicht im ursprünglichen Zustand erhalten) 1909

Wohn- und Geschäftshaus für Heinrich Strunk in Essen-Rüttenscheid, Rosastraße 2–4 / Rüttenscheider Straße 97–103 (seit 1993 unter Denkmalschutz)

1910

Verwaltungsgebäude für die „Rheinisch-Westfälische Hütten- und Walzwerks-Berufs genossenschaft“ in Essen, Ottilienstraße (nicht erhalten)

1910/11

Wohnhaus für den Bergwerksdirektor Fritz Winkhaus im Moltkeviertel Essen, Ro bert-Schmidt-Straße 5 (seit 1988 unter Denkmalschutz)

1909-1911 Wohnhaus der Familie Heinrich Koppers im Moltkeviertel in Essen, Moltkeplatz 61 / Moltkestraße 29 (seit 1985 unter Denkmalschutz). 1913–1914 Möbelkaufhaus der Gebr. Schürmann AG in Essen, Kettwiger Straße 44 (seit 1992 un ter Denkmalschutz) 1914 Bankgebäude für die Essener Credit-Anstalt in Essen-Borbeck, Marktstraße 37 (erhal ten) 1914

Bankgebäude in Duisburg-Hamborn, Weseler Straße 14 (erhalten)

1913–1919 Bergarbeiter- Siedlung „Oberdorsfeld“ der „Zeche Dorsfeld“ in Dortmund (seit 1993 unter Denkmalschutz). 1920er Wohnhaus im Moltkeviertel Essen, Moltkestraße 46 (seit 1985 unter Denkmalschutz)65

65

Friedhofsguide Essen

1. |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 105


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

2.

Gartenstadt nach Ebenezer Howard

Die Gartenstadt beschreibt ein Städtebaumodell des Briten Ebenezer Howard, das er 1898 in England entwickelte. Es sollte den schlechten Lebens- und Wohnverhältnissen und gestiegenen Wohnpreisen in den Großstädten entgegenwirken. In diesen stiegen aufgrund der Industriellen Revolution die Bewohnerzahlen enorm, da die Bevölkerung vom Land in die Stadt gewandert war, um dort bessere Arbeit zu finden. Die Gartenstädte sollten in der Nähe der Städte auf dem landwirtschaftlich genutzten Umland gegründet werden. Die sieben einzelnen, eigenständigen Teile der Stadt sollten durch Agrarland voneinander getrennt und durch Eisenbahnen miteinander verbunden sein. Dadurch sollte die bisherige Trennung von Stadt und Land aufgehoben werden und die Grenzen verfließen. Die Nachteile der Großstadt (beengter Wohnraum, ungesunde Lebensumstände usw.) und ihre Vorteile (gut zu erreichende Kultureinrichtun-

Abb. 83 Garden Cities of Tomorrow

106 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 2.

gen, Verkehrsmittel usw.) sowie die die Nachteile des Landes (Abgeschiedenheit, wenig Arbeit usw.) und Vorteile (gesunde Umgebung, Weitläufigkeit usw.) waren so in Einklang gebracht. Desweiteren wurden die Nutzungen streng getrennt und konzetrisch um das Zentrum angeordnet. Im Kern sollten die öffentlichen Gebäude um einen gartenähnlich gestalteten Platz angeordnet werden, um diese herum ein Parkring mit einem etwa 600 m tiefen Ring aus Wohngebäuden. Innerhalb des Wohnrings sollte sich eine Grand Avenue mit einem Grüngürtel aus Schulen, Kirchen und Spielplätzen befinden. Je weiter man sich vom Zentrum der Stadt entfernt, desto mehr Gebäude industrieller und gewerblicher Nutzung sollen sich ansiedeln. Das hält die Lieferwege zwischen den Städten kurz und verlagert die schädlichen Einflüsse der Industrie ausserhalb der Wohngegenden.


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

3.

Arbeitersiedlung Oberdorstfeld als Ensembledenkmal

Die Arbeitersiedlung Oberdorstfeld zeigt eine typische Geschichte einer Zechensiedlung. Durch die Industrialisierung Europas blühte Anfang des 20. Jahrhunderts auch das Ruhrgebiet auf. Große Steinkohlevorkommen, die Untertage abgebaut werden mussten, hatten zur Folge, dass

viele Arbeiterkolonien gegründet wurden. Der Wohnungsnot, die durch die Migration der Arbeiterschaft vom Land in die Stadt entstanden war, konnte so entgegen gewirkt werden und der kurze Arbeitsweg band die Arbeiter dauerthaft an die jeweilige Zeche.

Abb. 84 Oberdorstfeld Lageplan

3. |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 107


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 3.1 Lage

Dorstfeld liegt mit dem Hellweg auf einem der ältesten Heer- und Handelswege und wird schon in frühen Stadtbeschreibungen der Stadt Dortmund erwähnt. Früher der Abtei Essen zugehörig, gehörte das Dorf seit 1841 dem Amtsbezirk Lütgendortmund an und damit der Provinz Westfalen. Seit 1886 ist Dorstfeld als Amtsbezirk selbstständig und für die Landgemeinden Dorstfeld, Huckarde, Marten, Rahm und Wischlingen zuständig. Während der Gründung der zur Zeche Oberdorstfeld zugehörigen Arbeitersiedlung wurde Dorstfeld 1914 nach Dortmund eingemeindet.

schacht schon 1902 abgeteuft. Alle Dorstfelder Anlagen wurden 1951 zusammengefasst, bevor die Anlage 1963 endgültig stillgelegt wurde.66 Der Anstieg der Belegschaft veranlasste die Eigentümerin des Grubenfeldes Vereinigte Dorstfeld bereits 1847 eine Gewerkschaft zu gründen, die dann auch Bauherrin der Kolonie werden sollte. 1912 wurde die Ansiedlung von 150 Arbeiterwohnhäusern und Beamtendoppelhäusern in der Wittener- und Fritz-Funke- Straße beantragt. Einer der Gründe dafür war die Abwanderung von über hundert Arbeiterfamilien, die, so die Hoffnung, durch verbesserte Wohnverhältnisse in einer ansässigen Siedlung auch Schon in den 1840er Jahren bekam Dorstfeld An- dauerhaft an die Zeche gebunden werden sollschluss an die industrielle Entwicklung des Ruhr- ten. Schon im Bauantrag 1912 kündigte der Gegebiets. 1841 fand man Kohle, die dann ab 1854 neraldirektor der Gewerkschaft Dorstfeld Ernst gefördert wurde. Die erst vergleichbar kleine Be- Tengelmann eine ,,Colonie (sic)“ an, „welche in legschaft von 96 Arbeitern wuchs auf 1217 und gesundheitlicher, wirtschaftlicher und schönso wurde bald die Zeche Dorstfeld 1889 mit der heitlicher Hinsicht allen heutigen AnforderunGrube Vereinigte Carlsglück und der Schacht- gen entsprechen soll“67, die durch den Essener anlage Planetenfeld zusammengelegt. Der so Architekten Oskar Schwer in Form einer ,,halbumgetaufte Schacht Dorstfeld II wurde 1909 ländlichen Industriesiedlung“ als Gartenstadt zur und 1911 erweitert, sowie ein weiterer Doppel- Ausführung gebracht wurde.

Abb. 85 Oberdorstfeld Zechenstraße 66 67

Gestaltungsfibel Gestaltungsfibel

108 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 3.1


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 3.2 Beschreibung

Wie schon in der Schwestersiedlung GottfriedWilhelm Kolonie in Essen-Rellinghausen ließ sich der Architekt Oskar Schwer bei der Planung der Bergbausiedlung in Oberdorstfeld von dem Vater der Gartenstadt, Ebenezer Howard, inspirieren. Dieser hatte 1898 ein Konzept veröffentlicht, das die sozialen und hygienischen Zustände der englischen Großstädte verbessern sollte. Diese waren im Zuge der Industriellen Revolution im späten 18. und laufenden 19. Jahrhundert stark gewachsen und hatten zu einer unkontrollierbaren Verdichtung und damit einhergehenden verschlechterten Wohnsituationen geführt. Howard schlug im Zuge seiner Veröffentlichung die Erschließung des umliegenden Agrarlandes für begrenzte neu zu gründende Städte vor. Diese sollten desweiteren durch landwirtschaftlich genutzte Zonen getrennt bleiben. 1903 kaufte die Garden City Association in Hertfordshire Land an und baute dort die Gartenstadt Letchworth nach Plänen von Barry Parker und Raymond Unwin. Im Gegensatz zu den Plänen Howards, die geometrisch gegliedert sein sollte, passte sich die Siedlung der Umgebung an. Dieses Verfahren wurde in vielen Siedlungen Englands angewandt und diente auch als städtebauliches Vorbild für die Bergbausiedlungen Oskar Schwers. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde bereits angeregt, Bergarbeiter durch zur Verfügung gestellten Wohnraum länger und effektiver an die Zeche zu binden. Es ging dabei nicht nur darum, die Arbeiterfamilien von der Abwanderung abzuhalten, sondern auch um der allgemeinen Wohnungsnot in Dorstfeld zu begegnen. Diese herrschte, da das Amt Dorstfeld 1900 mehrere Ansiedlungsgesuche abgelehnt hatte. „Nur etwa 15% der Arbeiterfamilien waren mit Wohnraum durch die Gewerkschaft Dorstfeld versorgt, obwohl der Grundbesitz der Zeche ausreichend war.“68 1876 hatte das Preußische Ansiedlungs-

gesetz, das neben der Baugenehmigung eine Ansiedlungsgenehmigung vorsah, eine Einigung zwischen Bauherren, Gemeinde, Kirche und Schulbehörde gefordert. Dies nahmen viele Gemeinden zum Anlass, wie auch in Dorstfeld, die Bauherren an Baukosten für Erschließung, Schulen und deren Betriebskosten zu beteiligen. Deswegen kam es erst 1912 zu einer Einigung zwischen dem Dorstfelder Amt und den Zechenbetreibern. Daraus folgend kam es zur Beauftragung Oskar Schwers mit der Siedlung in Dorstfeld im Stile der Schwestersiedlung Gottfried-Wilhelm Kolonie in Essen-Rellinghausen. ,,Neben einer unverkennbaren Verwandtschaft der Haustypen sind die Zuschnitte der Grundstücke, Platzbildungen und die Rücksprünge aus den Baufluchten Gemeinsamkeiten der beiden Siedlungsentwürfe.“69 Der Entwurf wird vor allem durch die typischen Merkmale des Gartensiedlungskonzepts geprägt. Es gibt eine Auflockerung der Bebauung durch verschiedene Bautypen, der Verzicht auf starre Baufluchten, den sogenannten Sichtachsen, sowie großzügige Vorgärten und rückwärtige Gärten, die den Anbau von Gemüse für die Selbstversorgung ermöglichten. Um dieses städtebauliche Bild zu ermöglichen entwickelte Oskar Schwer unterschiedliche Haustypen, die aus ein bis acht Einzelhäusern bestehen. Insgesamt werden 35 Haustypen unterschieden, die sich jeweils in vier Gruppen einteilen lassen und teilweise nur Spiegelungen schon vorhandener Grundrisse abbilden. Die einzelnen Haustypen unterscheiden sich in einigen Punkten im Grad ihrer Gestaltungshöhe und in Größe und Aufwand, haben aber auch einige Gemeinsamkeiten. Die einheitliche Dacheindeckung und der ungestrichene Fassadenputz bilden eine einheitliche Gestaltung, obwohl sich die

Scheer, S.110 Scheer, S.109-110 68

69

3.2 |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 109


Abb. 86 Oberdorstfeld Zechenstraße

Häuser in Größe und Form unterscheiden. Auch die Dachform variiert von Walmdach über Sattelund Mansarddach bis zu einigen Sonderformen. Nachdem die Bauanträge erfolgreich angenommen wurden, begannen die Bauarbeiten 1913, die auch während des Ersten Weltkrieges fortgeführt wurden. Die Rohbauabnahme des letzten Gebäudes erfolgte 1919. Bereits 1920 wurde die Siedlung im Nordwesten über den Tod Oskar Schwers hinaus durch den Architekten Otto Salvisberg erweitert. Dem Gartenstadtkonzept entsprechend bilden die Straßen ein ausdifferenziertes Netz, das abwechslungsreiche Straßenbilder entstehen lässt. Das Ensemble in Oberdorstfeld wird durch die Wittener Straße in eine nordwestliche und eine südöstliche Hälfte geteilt. Als Hauptverkehrstraße mit 7-8 m ist sie breiter angelegt, als die umliegenden Wohnstraßen, die versetzt zueinander an diese angeschlossen sind. Die Parzellen inklusive der Bürgersteige sind damit 16-20 m breit. Der Fußweg ist ab dem Abschnitt südwestlich der Straße Am Rode durch eine erhöhte Böschung von der Straße abgetrennt. Die Hügelstraße und der Straßenzug Am Rode und Lange Fuhr fungieren ebenfalls als Hauptverkehrsstraße

110 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 3.2

und begrenzen das Gebiet nach Nordosten und Nordwesten. Mit 7- 7,5 m (Hügelstraße) und 6 m (AmRode/Lange Fuhr) sind diese auch breiter als die anderen Straßen. Typisch für die Wohnstraßen ist eine Breite von 5 m innerhalb einer 7-8 m breiten öffentlichen Parzelle. Obwohl die Straßen unterschiedliche Straßenquerschnitte aufweisen, gliedern sie sich alle in Straßen mit beidseitigen Bürgersteigen und weisen durch ihre Straßenführungen einen eigenen Charakter auf. Aufgrund der Hanglage sind viele der Straßen sogar mehrfach gekrümmt und es existiert in der Siedlung keine Straße, die komplett linear verläuft. Desweiteren sind die Straßen als Einmündungen gestaltet, bis auf die Fritz-Funke-Straße/ Karlsglückstraße, die eine T-Kreuzung bilden und den Straßenzug optisch abschließen. Auch dieser Abschluss entspricht dem Prinzip des Gartenstadtkonzeptes. Durch den Straßenversatz wird ein ähnlicher Effekt erzielt. Im Gegensatz zu anderen gleichzeitig erbauten Siedlungen besitzt die Arbeitersiedlung Oberdorstfeld keinen zentralen Platz. Dennoch gibt es zwei kleinere Plätze im südwestlichen Teil des Denkmals. Zwischen der Sengsbank und der Knappenstraße befindet sich ein baumbewachsener Platz, der eine Art Eingangsituation aus dieser Richtung bildet.


Heute befindet sich an dieser Stelle ein Spielplatz. Der Platz wird vor allem durch die Gebäudeanordnung als auch durch die hindurch laufende Symmetrieachse entscheidend geprägt. Auch die Gestaltung der Häuser bezieht sich auf den Platz. Den zweiten Platz bildet der Kreuzungsbereich zwischen Knappenstraße und Zechenstraße. Dort bildet sich ein sogenannter Turbinenplatz aus, der durch seine langgezogene Form und seine abgerundeten Ecken seinen Namen erhielt. An diesem Platz befinden sich heute einige Parkplätze. Neben den Straßenzügen bestimmen die Gebäude in ihrer Stellung und Anordnung zueinander das Erscheinungsbild der Siedlung. Der Wechsel zwischen offener und geschlossener Bauweise bringt Abwechslung in das Stadtbild. Die einzelnen Haustypen sind Konglomerate verschiedener Bauformen eines Einzelfamilienhauses. Um die offenen , freistehenden Bauteile herum bilden sich große Freiflächen, die zwischen halböffentlicher, öffentlicher und privater Nutzung alternieren.

Siedlung intensiv Gebrauch macht, indem er die Hausreihen einer Binnengliederung unterzieht, die es gleichzeitig erlaubt, mit benachbarten Einheiten zu korrespondieren, oder auch bewusste Brüche herbeizuführen.“70 Die traufständigen Haustypen wurden oft von Zusammenschlüssen mehrerer Hinterbliebener, oft Witwen der Zechenarbeiter, als Wohngemeinschaft genutzt. Diese lebten dann gemeinsam auf den etwa 65 qm der mittelständigen Häuser. Die Geschosswohnungstypen waren ursprünglich so ausgelegt, dass mehrere Familien sich ein Haus teilten. Die oberen Geshcosse wurden dabei durch separate Eingänge erschlossen. Allen war, entweder an der Hinterseite oder integriert, ein kleiner Stall zur Viehhaltung zur Verfügung gestellt und es lebten teilweise bis zu 14 Menschen auf zirka 65 – 70 qm mit jeweils drei Zimmern pro Geschoss, von denen eines die Küche war. Der Abtritt befand sich meist im Stall, durch den für die obere Mietpartei auch der Garten erschlossen werden konnte. Neben den verschiedenen Dachformen der Geschosswohnungsbauten erhielten die traufständigen Reihenhäuser, teilweiZwischen den privaten Selbstversorgergärten, se zusammengeschlossene, teilweise eigenständie früher nicht einmal durch einen Zaun von- dige Gauben. einander getrennt wurden, führen halböffentliche Wege mit der Funktion, als Dungweg ge- Die Häuser sind aus Ziegelmauerwerk erstellt nutzt zu werden, zur Straße. Die Vorgärten sind und mit einem Muschelkalkputz rauh verputzt. mit ihrer Lage direkt an der Straße optisch dem Zur Errichtungszeit war kein Farbauftrag vorgeöffentlichen Raum zugehörig. Nur von Hecken sehen. Der Sockel ist im im Gegenteil dazu glatt oder an den Hängen durch niedrige Steinmau- verputzt. Die Sprossenfenster der Häuser waren ern vorm Abrutschen geschützt, sind diese jeder- weiß gestrichen, die Türen und Fensterläden zeit begehbar. Trotz der Wiederverwendung der dagegen tannengrün. Über den Türen der Geverschiedenen Bautypen, der Einheit der Materi- schosswohnungstypen befinden sich Supraporalien und Gestaltungsdetails wirkt die Siedlung ten, die neben den Rankgittern an den Giebelvielgestaltig und es fällt kaum auf, dass die Häu- seiten den einzigen Bauschmuck der Siedlung ser im Prinzip auf vier Grundtypen bestehen, bilden. Die Türen der Reihenhäuser sind über die durch geschickte Spiegelung, Versprünge, in die Fassade hineinreichende Veranden zu erwechselnde Dachformen und Umplatzierung zu reichen, die mit ihrer L-Form auch ein typisches ihrer Form gelangt sind. Siedlungsbild darstellen. Laut Oskar Schwers „Die zeilenartigen Häusergruppen bestehen aus Baubeschreibung wurden die Dächer mit graueiner Kette der Reihenhaustypen deren jeweili- en Falzziegeln gedeckt, die auf den Sparrendäges Ende von den etwas höheren Geschosswoh- chern mit Kehlbalken auflagen. An der Mauernungstypen eingefasst wird. So ergibt sich durch kante bildet sich ein deutlicher Ortgang aus, um die Betonung der Zeilengrenzen ein komposito- den Eindruck einer ländlichen Siedlung zu verrisches Mittel von dem Schwer bei der Anlage der stärken.

70

Scheer, S. 54

3.2 |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 111


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 3.3 Denkmalbegründung

In der Gestaltungsfibel im Bereich der Denkmalbereichssatzung des Ensembledenkmals ist die Denkmalbegründung wie folgt ausformuliert: „Für die Festsetzung eines Denkmalbereichs nach § 5 DSchGNW liegen die denkmalrechtlichen Voraussetzungen vor. Wegen der baugeschichtlichen, städtebaulichen und stadtgeschichtlichen Bedeutung der Werkssiedlung Oberdorstfeld besteht ein öffentliches Interesse am Schutz ihres historischen Erscheinungsbildes. Trotz einzelner baulicher Veränderungen hat sich die Gesamtstruktur der Werkssiedlung erhalten, und sie ist daher als flächenwirksames historisches Dokument in hohem Maße für die Geschichte des Arbeiterwohnbaus aussagefähig. In der Zeit von 1913 bis 1919 entstanden, trägt die Siedlung wesentliche formale Merkmale des sog. Gartenstadt-Konzeptes.

Der Arbeiterwohnungsbau im Ruhrgebiet erfolgte bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts ohne architektonischen und stadtgestalterischen Aufwand. Die monoton gereihten Häuser der älteren Siedlungen haben Ähnlichkeit mit Militärkasernen. Dagegen setzte sich im ersten Viertel dieses Jahrhunderts das Konzept der gartenstadtähnlichen Siedlungen durch. Dieser Wandel entsprach in starkem Maße sozialen Reformbestrebungen um 1900. Die ausufernden Großstädte des 19. Jahrhunderts zeigten in ihrer Zusammenballung von Wohnungen und Industriebetrieben die negative Seite des rapiden Industrialisierungsprozesses. Wohn- und Lebensbedingungen waren mitunter katastrophal und Seuchen nicht zu vermeiden. Die Forderung nach mehr Licht, Luft und Freiraum verband sich mit grundsätzlichen Zielen politischer und sozialer Veränderung. In England proklamierte EbeDies drückt sich sowohl in der Architektur als nezer Howard Ende des vorigen Jahrhunderts auch im Städtebau aus. Geprägt wird die Werks- den systematischen Bau neuer Gartenstädte als siedlung Oberdorstfeld durch: umfassende nationale Aufgabe, um das weitere Aufblähen Londons zu verhindern und eine aus- ein- bis zweigeschossige Typenhäuser, die bei gewogene Siedlungsstruktur anzustreben. Soleinheitlicher Formensprache unterschiedlich che weit reichenden und selbst praktikableren ausgebildet sind und ihre städtebauliche Wir- Vorstellungen neuer Städte konnten sich aber in kung insbesondere durch ihre räumliche Zuord- Deutschland nicht durchsetzen. nung und die abwechslungsreiche Dachlandschaft entfalten. Was von alledem übrig blieb, waren gartenstadtähnliche Vorortsiedlungen und Arbeitersied- Vorgärten beiderseits der Straßen, die zusam- lungen. Mit der Gartenstadtbewegung verband men mit den weiträumigen Hausgärten im sich die Theorie des malerischen Städtebaus. Blockinnenbereich und der Kleinteiligkeit der Starre Baufluchten wurden vermieden und eine Bausubstanz einen ländlichen/vorstädtischen aufgelockerte Bebauung angestrebt durch MiEindruck hervorrufen, sowie durch schung verschiedener Haustypen, Gliederung der Baukörper, abwechslungsreiche Straßenräu- die Eigenart des Straßennetzes und der Raum- me sowie großzügige Haus- und Vorgärten. Für struktur, die – in Wechselwirkung mit dem to- die Planung setzten die Fabrikbesitzer ihre Baupographisch teilweise stark bewegten Gelände abteilungen ein oder bedienten sich auswärtiger – lebendige Straßenbilder bewirken. Architekten. Die Gewerkschaft Dorstfeld beauf-

112 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 3.3


tragte den Essener Architekten Oskar Schwer. Neben baugeschichtlichen und städtebaulichen Erwägungen ist die Siedlung auch bedeutsam für die Geschichte der Stadt Dortmund. Als Dokument der Stadtentwicklung verdeutlicht sie den Wohnbedarf und die bauliche Weiterentwicklung der Stadt, trotz der Krisenzeit des ersten Weltkrieges. Sie bezeugt zugleich die starke ökonomische Bedeutung, die der Bergbau mit seinen Großschachtanlagen zu dieser Zeit in

Dortmund noch besaß, zu einer Zeit, als der nach Norden wandernde Bergbau bereits die Lippe überschritten hatte. Indem die Siedlung in ihrer Gesamtheit die Wohn- und Lebensverhältnisse der Bergarbeiterschaft dokumentiert, spiegelt sie einen wichtigen Teil der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Stadt Dortmund wider. Dies gilt umso mehr, als der Bergbau in den Kernstädten des Ruhrgebiets heute keine Rolle mehr spielt.“71

Abb. 87 Wittener Straße, hist. Foto

Abb. 88 Wittener Straße, hist. Foto

Abb. 89 Lange Fuhr, hist. Foto

Abb. 90 Lange Fuhr, hist. Foto 71

Gestaltungsfibel, S.75

3.3 |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 113


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

4.

Schützenswerte Merkmale des Ensembledenkmals

Das historische Erscheinungsbild der gesamten Siedlung soll geschützt werden. Gegenstand der Unterschutzstellung sind deshalb nicht die einzelnen Häuser, sondern die gesamtstädtebauliche Anlage, inklusive ihrer Topografie, iherer Einbauten, Straßenbilder und Gartengestaltungen. Das Gesamterscheinungsbild ist damit wichtig für die Denkmalpflege. Die schützenswerten Merkmale sind damit:

Haustypen Diversität ins Straßenbild bringen. Ob diese Leistung von einem anderen Architekten in der selben Art heute noch einmal praktiziert werden würde ist fraglich. Vor allem die Bildung der halboffenen, halbgeschlossenen Bauweise in scheinbarer Willkür wäre heutzutage schwierig zu begründen.

4. Die Vor- und Hausgärten Heutige Grundstücke sind kleiner als die vor 1. Der Siedlungsgrundriss hundert Jahren. Deswegen „verschwenden“ Die Kolonie Oberdorstfeld hat eine einmalige To- weniger Bauherren den teuren Baugrund an pografie, die ihrem Siedlungsgrundriss zugrun- große Vorgärten, da sich diese zur Straße hin de liegt. Selbst wenn man die gleichen Gebäude nur schlecht als privater Raum eignen. Auch ist aus den gleichen Materialien zur gleichen Zeit es heute nicht mehr notwendig sich als Selbstan einer anderen Stelle als dem Dorf Dorstfeld versorger einen Gemüsegarten anzulegen. Naerbaut hätte, würde sich ein anderes Sielungs- türlich gibt es immer noch Hobbygärtner, die dabild ergeben. Gerade bei den Siedlungen Oskar rauf nicht verzichten wollen, aber aufgrund von Schwers ist dieses Merkmal gut nachvollziehbar, Zeitmangel und dem Bedürfnis, Zeit im Garten da dieser in seinen verschiedenen Arbeitersied- als Freizeit zu nutzen, kommt es immer weniger lungen oft die gleichen Gebäudetypen nutzte. zu reinen Gemüsegärten. Die Schwestersiedlung Gottfried-Wilhelm-Kolonie in Essen- Rellinghausen hat trotzdem einen 5. Die Gestaltelemente der Häuser zwar ähnlichen, aber anderen Siedlungsgrund- Durch außenliegende Rolladen sind Fensterläriss. Bild Essen den obsolet geworden. Als gestalterisches Element werden sie immer noch teilweise verbaut, 2. Das Straßennetz inklusive der Plätze haben aber selten noch ihre ursprüngliche FunkEbenso wie der Siedlungsgrundriss unterliegt tion. Auch die Supraporten würden aufgrund eidie Parzellenplanung und damit der Straßenfüh- nes geänderten ästhetischen Blickwinkels und rung ein topografisches Netz. Auch diese kann der Tatsache, dass nur noch wenige Handwernur an diesem bestimmten Ort dieses Bild erlan- ker für viel Geld diese Stucktechniken beherrgen. Die Bildung von Plätzen und Straßennetz schen, geschuldet heute eher selten angebracht hängt ausserdem mit der Anordnung und Grö- werden. ße der gewünschten Grundstücke zusammen. Die einzelnen Merkmale sind vor allem von der 3. Die Stellung und Anordnung der öffentlichen Seite der Straße aus zu erhalten. Dies Häuser zueinander bedeutet, dass äußere Gebäudemerkmale nicht Oskar Schwer hat bei der Anordnung der ver- geändert wertden dürfen und alle Maßnahmen, schiedenen Haustypen darauf geachtet, dass die auf eine Veränderung dieser abzielen, vorVersprünge und Abwechslung in der Wahl der her mit der Unteren Denkmalschutzbehörde in

114 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 4.


Dortmund abgestimmt werden müssen. Diese trotzdem in Gleichklang mit den Anforderungen sind mittlerweile zu dem Schluss gekommen, der Denkmalpflege gebracht werden können, dass verändernde Maßnahmen an der Rückseite behandelt der nächste Teil dieser Thesis. der Häuser erlaubt sind. Wie solche Maßnahmen

Abb. 91 Gestaltelement Rankgitter

Abb. 92 Gestaltelemente Sprossenfenster und Fensterläden

Abb. 93 Eingangsloggia

Abb. 94 Supraporta

4. |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 115


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

5. Haustypen

Die 35 verschiedenen Haustypen der Zechen- Aus der folgenden Aufstellung kann entnomsiedlung Oberdorstfeld sind grob in vier Kate- men werden, welche Häuser welcher Kategorie gorien einteilbar. Eine Eckhauskategorie, eine angehÜren. symmetrische, eine asymmetrische und eine Sonderhauskategorie.

Abb. 95 Eckhaustyp

116 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 5.


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

5.1 Eckhaustyp mit 7 Varianten

Typ 1

Karlsglückstraße 2-6/ Wittener Straße 173-177 Dieser Eckhaustyp kommt in der Siedlung nur einmal vor. Die Dachformen und Dach aufbauten gliedern das Gebäude abwechslungsreich. Insgesamt ergeben sich 6 Hauseinheiten in diesem Typ.

Typ 2

Knappenstraße 2-4/ Wittener Straße 204-210 Dieser Eckhaustyp stellt den spiegelbildlichen Grundriss des Typs 1 dar.

Typ 3

Zechenstraße 33-41/Knappenstraße 11-13, Zechenstraße 54-62/ Knappenstraße Lange Fuhr 26-28/Dickebankstraße 21-29 Karlsglückstraße 1-3/ Wittener Straße 179-187 Wittener Straße 201-203/ Dickebankstraße 2-10 Karlsglückstraße 1-3/Fritz-Funke-Straße 27-35 Dieser Eckhaustyp kommt in der Siedlung sechsmal vor. Dabei ist der Baukörper in verschiedene Dachformen und sowohl ein- als auch zweigeschossige Bauteile geglie dert. Neben den traufständigen Satteldachformen, befinden sich zwei giebelständige Satteldächer und ein Walmdach. Die Hauseinheiten besitzen keine Anbauten.

Typ 4 Hügelstraße 34-36/ Kometenstraße 12-20 Dieser Eckhaustyp stellt die Spiegelung des Typs 3 dar und kommt einmalig in der Siedlung vor. Typ 5

Wittener Straße 292/ Zechenstraße 144-150 Auch dieser Eckhaustyp kommt nur einmal in der Siedlung vor. Jede der fünf Haus- einheiten verfügt über einen eigenen rückwärtigen Anbau.

Typ 6 Wittener Straße 262-268/ Zollvereinstraße 1-7 Dieser Eckhaustyp kommt in der Siedlug einmal vor. Er wechselt zwischen Zwei- und Eingeschossigkeit. Sechs der acht Wohneinheiten dieses Typs haben einen rückwärti- gen Anbau. Typ 7 Zechenstraße 104-110/ Zollvereinstraße 8-12 Zechenstraße 43-49/ Knappenstraße 18-22 Lange Fuhr 50-54/ Karlsglückstraße 39-45 Fritz-Funke-Straße 2-8/ Hügelstraße 22-26 Dieser Ecktyp kommt in der Siedlung viermal vor. Die durchlaufenden Trauflinien und Firstlinien dieses Haustyps bilden ein ruhigeres Bild als die meisten dieser Sied- lung.

5.1 |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 117


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 5.2 Symmetrischer Haustyp mit 7 Varianten

Typ 1 Wittener Straße 141-143, Wittener Straße 258-260 Fritz-Funke-Straße 10-12, Karlsglückstraße 5-7, 36, Knappenstraße 9, Kometenstraße 1, Lange Fuhr 22-24, Sengsbank 13-15, Zechenstraße 52, Zollvereinstraße 9-11 Dieser symmetrische Haustyp kommt neunmal in der Siedlung vor. Er ist deshalb ei ner der häufigsten Bautypen der ganzen Siedlung. Beide Hauseinheiten besitzen ei nen rückwärtigen Anbau. Das Dach ist als Mansarddach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befindet sich ein großer, liegender Schleppgiebel. Typ 2

Am Rode 18-20, Karlsglückstraße 8-10, Dickebankstraße 5-7, Fritz-Funke-Straße 14-16, Knappenstraße 1-3, Kometenstraße 3-5, Sengsbank 41-41, Wittener Straße 157-159, 189-191, 197-199, Zechenstraße 100-102 Dieser symmetrische Haustyp kommt elfmal in der Siedlung vor. Er ist damit der häu- figste Bautyp. Beide Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach ist als Krüppelwalmdach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befin- det sich ein Zwerchhaus.

Typ 3

Dickebankstraße 1-3, 26-28, Karlsglückstraße 31-33, Lange Fuhr 56-58, Wittener Straße 224-226, 242-244, 270-272, Zechenstraße 86-88 Dieser symmetrische Haustyp kommt achtmal in der Siedlung vor. Er ist deshalb einer der häufigsten Bautypen der ganzen Siedlung. Beide Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach ist als Krüppelwalmdach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich zwei Giebel, die miteinander verbunden sind.

Typ 4

Hügelstraße 28-32, Knappenstraße 6-10, 15-25, Lange Fuhr 32-36, Wittener Straße 1, 82-186, 236-240, 286-290, Zollvereinstraße 2-6 Dieser symmetrische Haustyp kommt achtmal in der Siedlung vor. Er ist deshalb ei- ner der häufigsten Bautypen der ganzen Siedlung. Er besteht aus zwei Hauseinhei- ten. Beide Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach ist als Krüp pelwalmdach mit Abstufung ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich breite Dachaufbauten, die die Gauben wie ein zweites Geschoss wirken lassen.

Typ 5

Karlsglückstraße 27-29, 35-37, Knappenstraße 5-7, Sengsbank 29-31, Wittener Straße 188-190, 193-195, 219-221, Zechenstraße 10-12 Dieser symmetrische Haustyp kommt achtmal in der Siedlung vor. Er ist deshalb ei ner der häufigsten Bautypen der ganzen Siedlung. Er besteht aus 4 Hauseinheiten. Beide äußeren Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach ist als Krüppelwalmdach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich breite Dachaufbauten, die die Gauben wie ein zweites Geschoss wirken lassen.

118 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 5.2


Typ 6

Hügelstraße 6-12 Dieser symmetrische Haustyp kommt nur einmal in der Siedlung vor. Er besteht aus 4 Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach ist als Krüppelwalmdach ausgebildet. Dieser Typ verfügt über keine Dachaufbauten.

Typ 7 Fritz-Funke-Straße 44-54, Wittener Straße 161-171, 274-284, Zechenstraße 14-24, 81-91 Dieser symmetrische Haustyp kommt fünfmal in der Siedlung vor. Er besteht aus 6 Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach der äußeren Hauseinheiten ist als giebelständiges Krüppelwalmdach ausgebildet, die inneren als traufständige Satteldächer. An der Vorder- und Rückseite befinden je- weils drei Dachgauben.

Abb. 96 Symmetrischer Haustyp

5.2 |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

119


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld

5.3 Asymmetrischer Typ mit 16 Varianten

Typ 1

Karlsglückstraße 9-15, Kometenstraße 7-13, Wittener Straße 228-234, Zechenstraße 1-7, 73-79 Dieser asymmetrische Haustyp kommt fünfmal in der Siedlung vor. Er besteht aus vier Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als Krüppelwalmdach, das rechte, äu ßere als giebelständiges Satteldach und die beiden inneren Einheiten als traufständi- ges Satteldach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils zwei Giebel. Dieser Haustyp ist auch Teil der weitergehenden Analyse dieser Arbeit.

Typ 2

Lange Fuhr 14-20 Dieser asymmetrische Haustyp ist das Spiegelbild des Typ 1.

Typ 3 Knappenstraße 21-27 Dieser asymmetrische Haustyp kommt einmal in der Siedlung vor. Er besteht aus vier Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als giebelständiges Satteldach, das rechte, äußere als Walmdach und die beiden inneren Einheiten als traufständiges Satteldach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils zwei Gie- bel. Typ 4

Am Rode 2-6, Sengsbank 3-9, Wittener Straße 145-151, Dickebankstraße 30-34, Fritz-Funke-Straße 38-42, 56, Karlsglückstraße 25, Sengsbank 33-39, Wittener Straße 223 Dieser asymmetrische Haustyp kommt sechsmal in der Siedlung vor. Er ist spiegel- bildlich zum Typ 3.

Typ 5 Fritz-Funke-Straße 37, Karlsglückstraße 17-23, Wittener Straße 160-168, Zechenstraße 64-72 Dieser asymmetrische Haustyp kommt dreimal in der Siedlung vor. Er besteht aus fünf Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als giebelständiges Satteldach, das rechte, äußere als Pyramidendach und die inneren Einheiten als traufständiges Satteldach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils mehrere Giebel. Typ 6 Sengsbank 11, Fritz-Funke-Straße 18-26, Zechenstraße 2-8 Dieser asymmetrische Haustyp ist spiegelbildlich zu Typ 5. Er kommt zweimal in der Siedlung vor.

120 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 5.3


Typ 7

Fritz-Funke-Straße 3-13, Knappenstraße 24-34, Lange Fuhr 2-12, Wittener Straße 170- 180, 207-217, Zechenstraße 21-31, 26-36, 112-122 Dieser asymmetrische Haustyp kommt achtmal in der Siedlung vor. Er ist deshalb ei- ner der häufigsten Bautypen der ganzen Siedlung. Er besteht aus sechs Hauseinhei ten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als Pyramidendach, das rechte, äußere als giebelständi ges Satteldach und die inneren Einheiten als traufständiges Satteldach ausgebildet. Durch Vor- und Rücksprünge der Fassaden ist dieser Typ besonders spannend ge- gliedert. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils mehrere Giebel.

Typ 8 Zechenstraße 74-84 Dieser asymmetrische Haustyp ist spiegelbildlich zu Typ 7. Er kommt einmal in der Siedlung vor. Typ 9

Wittener Straße 150-158, Karlsglückstraße 12-20, Zechenstraße 90-98 Dieser asymmetrische Haustyp kommt dreimal in der Siedlung vor. Er besteht aus fünf Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als Walmdach, das rechte, äuße re als giebelständiges Satteldach und die inneren Einheiten als traufständiges Satteldach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils drei Giebel.

Typ 10

Hügelstraße 14-20, Fritz-Funke-Straße 1, Kometenstraße 2-10/ Zechenstraße 63-71 Knappenstraße 36-44/ Fritz-Funke-Straße 39-47/ Am Rode 8-16 Lange Fuhr 30, Dickebankstraße 36-42 Dieser asymmetrische Haustyp kommt siebenmal in der Siedlung vor. Er ist spiegel- bildlich zu Typ 9.

Typ 11

Zechenstraße 38-50 Dieser asymmetrische Haustyp kommt einmal in der Siedlung vor. Er besteht aus sechs Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als Pyramidendach, das rechte, äußere als giebelständiges Satteldach und die inneren Einheiten als traufständiges Satteldach ausgebildet. Durch Vor- und Rücksprünge der Fassaden, vor allem eines straßenseitig vorspringenden Gebäudeteils, ist dieser Typ besonders spannend ge- gliedert. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils mehrere Giebel.

Typ 12 Dickebankstraße 12-24 Dieser asymmetrische Haustyp ist spiegelbildlich zu Typ 11. Er kommt einmal in der Siedlung vor. Typ 13 Wittener Straße 212-222/ Zechenstraße 124-134 Sengsbank 17-27/ Lange Fuhr 38-48 Fritz-Funke-Straße 15-25/ Karlsglückstraße 38-48 Dieser asymmetrische Haustyp kommt sechsmal in der Siedlung vor. Er besteht aus sechs Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als Satteldach, das rechte, äußere als Pyramidendach und die inneren Einheiten als traufständiges Satteldach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils ein kleinerer und ein größerer Giebel.

5.3 |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 121


Typ 14

Dickebankstraße 9-19, Hügelstraße 38-48, Zechenstraße 51-61 Dieser asymmetrische Haustyp ist spiegelbildlich zu Typ 13. Er kommt dreimal in der Siedlung vor.

Typ 15

Fritz-Funke-Straße 49-59, Wittener Straße 192-202, 246-256, Zechenstraße 9-19 Dieser asymmetrische Haustyp kommt viermal in der Siedlung vor. Er besteht aus sechs Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als Walmdach, das rechte, äußere als Krüppelwalmdach und die inneren Einheiten als traufständiges Satteldach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils vier Giebel, wovon jeweils zwei miteinander verbunden sind.

Typ 16 Fritz-Funke-Straße 28, Karlsglückstraße 26-34 Dieser asymmetrische Haustyp ist spiegelbildlich zu Typ 15. Er kommt zweimal in der Siedlung vor.

Abb. 97 Asymmetrischer Haustyp

122 Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld | 5.3


Teil III Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 5.4 Sonderhaustyp mit 5 Varianten

Typ 1

Wittener Straße 139 Dieser Sonderhaustyp ist einmalig in der Siedlung, wurde vermutlich vor 1914 errich tet und erst im nachhinein in die Werkssiedlung von Oskar Schwer integriert.

Typ 2

Wittener Straße 153 Dieser Sonderhaustyp ist einmalig in der Siedlung, wurde vermutlich vor 1914 errich tet und erst im nachhinein in die Werkssiedlung von Oskar Schwer integriert. Beson ders ist die Dreigeschossigkeit in einer sonst zweigeshcossigen Wohnsiedlung.

Typ 3

Hügelstraße 2-4 Dieser Sonderhaustyp ist einmalig in der Siedlung und wurde als Beamtenwohnhaus geplant. Besonders ist der dreieckige Giebel über den Haustüren.

Typ 4

Sengsbank 1/ Wittener Straße 146-148 Dieser Sonderhaustyp ist einmalig in der Siedlung und gleichzeitig ein Ecktyp. Das Wohn- und Geschäftshaus wurde ursprünglich als Lebensmittelladen und Barbier ge nutzt und ist seit 1948 eine Metzgerei.

Typ 5

Wittener Straße 205 Dieser Sonderhaustyp ist einmalig in der Siedlung. Sie beherbergt die Gaststätte der Siedlung. Durch ihr Volumen und ihre erhöhte Stellung wirkt sie städtebaulich sehr dominant und ist schon von weitem erkennbar.

Abb. 98 Sonderhaustyp

5.4 |Teil III - Arbeitersiedlung Oberdorstfeld 123


Teil IV Maßnahmenplan für ein Arbeiterhaus

In diesem Teil der Arbeit wird der asymmetrische Wohnhaustyp Typ 1 behandelt. Wie bereits erwähnt kommt dieser Haustyp, inklusive des gespiegelten Typs 2 sechsmal in der Siedlung vor. Er besteht aus vier Hauseinheiten. Die beiden innenliegenden Hauseinheiten sind jeweils 65 qm groß. Früher war das Dachgeschoss aller Wohnungen nicht ausgebaut und wurde als Trockenraum genutzt. Typisch war, dass diese sich von hinterbliebenen Witwen der Bergarbeiter als Wohngemeinschaft geteilt wurden.

Zimmer geteilt, von denen eines die Küche ist. Die Küchen sind jeweils zur Gartenseite ausgerichtet.

Heute teilen sich nur noch wenige Familien das Haus als Mehrfamilienhaus sondern bewohnen es als Einfamilienhaus. Dafür haben viele die Trennwand zwischen Treppenhaus und Abgang in den Keller entfernt und dieses so geöffnet. Desweiteren wurde einer der Eingänge zugesetzt, meist durch ein Fenster. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Dieser wurde früher als Stall für kleine Bis auf die Dachform unterscheiden sich die bei- Nutztiere benutzt, meist Hühner, Schweine oder den Randgebäude nur unwesentlich. Der linke Kaninchen. Der Garten sowie Vorgarten war für Geschosswohnungsbau besitzt ein Krüppel- eine Nutzung als Gemüsegarten vorgesehen. walmdach, der rechte ein giebelständiges Sat- Hier wurden zur Selbstversorgung einheimische teldach. In ihm fanden früher zwei Familien mit Gemüse- und Obstsorten angebaut. Heute dient jeweils bis zu 12 Personen Platz. Der Grundriss er in den meisten Fällen einer gewöhnlichen ist auf vier gleich große Zimmer aufgeteilt, eines Gartennutzung. davon ist die Küche. In den restlichen drei Zimmern fand das tägliche Leben der Familien statt. Da die gesamte Siedlung seit 1993 unter DenkDie obere Wohnung wird durch einen separa- malschutz steht, müssen alle Maßnahmen, die ten Eingang und ein Treppenhaus erschlossen. das äußere Erscheinungsbild des Hauses veränDurch das Treppenhaus ist auch der außenlie- dern könnten, mit der Unteren Denkmalbehörde gende Stall erreichbar. Durch diesen kann auch abgestimmt werden. Trotzdem müssen die geder Garten erschlossen werden. Auch im unte- wünschten Maßnahmen mit der Denkmalpflege ren Teil ist der Wohnraum in vier gleich große vereinbar sein.

124 Teil IV- Maßnahmenplan


Teil IV Maßnahmenplan für ein Arbeiterhaus

1.

Dachdämmung und Einbau Dachfenster

Der Wunsch nach Wohnraumvergrößerung ließ bereits viele Familien den Dachraum ausbauen. Um diesen als Wohnraum zu deklarieren, muss dieser belichtet und nachgedämmt werden. Die Dachdämmung stellt meistens kein Problem für die Denkmalpflege dar, da sie unter der Dachhaut angbracht werden kann und so von außen nicht sichtbar ist. Hier kann man auch Unzulänglichkeiten der Fassadendämmung zum Teil ausgleichen, da die Dachdämmung dicker ausgeführt werden kann. Im Beispiel wurde eine Zwischensparrendämmung des Sparrendachs von der Innenseite angewendet. Diese ist auf Ziegelseite und Innenraumseite hinterlüftet. So kann eventeull kondensierende Feuchtigkeit ohne Probleme durch Luftzirkulation abgetragen werden. Die Dachflächenfenster bieten ein größeres Problem. Historisch waren auf der Dachhaut keine Fenster vorgesehen. Jedes nachträglich eingearbeitete Fenster stört demnach das Bild des Ensembles. Aus denkmalpflegerischer Sicht spräche aber nichts dagegen, Fenster einzubauen, die historisch zu diesem Zeitpunkt existiert hätten. Diese Art von Fenstern wird beispielsweise von der belgischen Firma Historische Fenster hergestellt. Durch einen Wechsel wird dabei die Traglast der Sparren auf die umliegenden Sparren verteilt. Mittels Bleischürzen wird der Dachanschluss des Metallfensters erzielt. Das Fenster besteht aus zweifach pulverbeschichtetem Stahl und hat besitzt ein Zweischeibenglas. Optisch fügt es sich mit seiner zurückhaltenden Färbung und dem historischen Aussehen sehr gut in die Dachhaut aus grauem Falzziegel ein.

1. |Teil IV - Maßmahmenplan 125


Dachaufbau

GSEducationalVersion

Falzziegel Lattung 40 *60 mm Konterlattung 40*60 mm Unterspannbahn Dachsparren 80*220 mm Folie Lattung 40*60mm Wandbekleidung MaĂ&#x;stab 1:20

GSEducationalVersion

126 Teil IV- MaĂ&#x;nahmenplan | 1.

Abb. 99 Dachdetails alt


Dachaufbau Falzziegel Lattung 40 *60 mm Konterlattung 40*60 mm Unterspannbahn Dachsparren 80*220 mm Dampfbremse Lattung 40*60mm Wandbekleidung MaĂ&#x;stab 1:20

GSEducationalVersion

Abb. 100 Dachdetails neu

1. |Teil IV - MaĂ&#x;mahmenplan 127


Teil IV Maßnahmenplan für ein Arbeiterhaus 2. Wanddämmung

Das 40 cm dicke Mauerwerk trägt schon maßgeblich zur Wärmedämmung bei. Wer trotzdem noch weiter an der Wärmedämmung arbeiten möchte, kann von innen mit einer Innendämmung oder einem Dämmputz nachhelfen. Aus denkmalrechtlichen Gründen muss meistens auf eine Außendämmung verzichtet werden. Deswegen wird dann auf eine Innendämmung zurück gegriffen. Probleme bei der nachträglichen Innendämmung ergeben sich aus der Bauphysik. Dies führt oft zu einer Verschiebung des Taupunktes im Mauerwerk. Dadurch, dass die Wärme vom Mauerwerk ferngehalten wird, findet Tauwasserbildung am Mauerwerk statt, was zu Schimmelbildung führen kann. Desweiteren bringt die Anbringung einer Innendämmung mit sich, dass sich der Grundriss verkleinert. Sind an den Innenwänden beispielsweise Stuckapplikationen angebracht, ist auch eine Innendämmung eher selten gewünscht. Im Fall des Beispiels wird eine 6 cm dicke Schicht wärmedämmender Putz, den es auch als Trockenbauplatten (z.B. Firma ISOTEC) gibt, aufgebracht. Die trockene Verklebung bringt den Vorteil, dass keine weitere Feuchtigkeit in den Raum eingebracht wird und der Schimmelbildung im Innenraum vorgebeugt werden kann. Diese werden danach nur noch sehr dünn verputzt, wenn keine Tapete aufgebracht wird. Dann würden nur die Fugen verspachtelt werden.

128 Teil IV- Maßnahmenplan | 2.


Teil IV Maßnahmenplan für ein Arbeiterhaus 3. Fenster

Sollte eine Dämmung der Fassade in Betracht gezogen werden, ist es meist auch notwendig, über die Ertüchtigung der Fenster nachzudenken. Fenster sollten generell immer, sofern vorhanden, aus thermischen Gründen in der Dämmebene liegen. Bei einer Innendämmung kann sich also die äußere Leibung vertiefen. Dies kann unter Umständen von der Denkmalpflege nicht gewünscht sein. Beim Austausch der Fenster müssen diese entsprechend der alten gestaltet werden und auch die Ertüchtigung mit neuer Verglasung ist möglich. Da die alten Sprossenfenster oft nicht mehr dicht schließen, kann hier nachgebessert werden. Im Beispiel wird die Dichtigkeit der Fenster wieder hergestellt und sofern das alte Fenster noch vorhanden ist, kann dieses durch ein Kastenfenster erweitert werden. Ebenso kann damit eine eventuelle Nachdämmung mit aufgenommen werden. Das Kastenfenster entsteht zusätzlich zu dem alten Fenster und beeinträchtigt das Bild des Denkmals von außen nicht. Gestaltungstechnisch wird es an den Bestand angepasst.

3. |Teil IV - Maßmahmenplan 129


Fensteraufbau Außenputz ca. 1-2 cm Mauerwerk 40 cm Sprossenfenster (Holz) Innenputz Maßstab 1:10

Abb. 101 Fensterdetails alt

130 Teil IV- Maßnahmenplan | 3.


Fensteraufbau Außenputz ca. 1-2cm Mauerwerk 40 cm Sprossenfenster (Holz) Innenputz Wärmedämmputz als Trockenausführung 6 cm Spachtelmasse <1cm Maßstab 1:10

Abb. 102 Fensterdetails neu

3. |Teil IV - Maßmahmenplan 131


Teil IV Maßnahmenplan für ein Arbeiterhaus 4. Anbaumöglichkeiten

Um den Wohnungsraum zu vergrößern könnten Eigentümer den Wunsch äußern, durch einen Anbau das Haus zu erweitern. Da dies nur bedingt mit dem Denkmalschutz vereinbar ist, gibt es höchstens an den rückwärtigen Fassaden die Möglichkeit, anzubauen. Im Vorfeld dieser Arbeit wurden einige Möglichkeiten für Anbauten angedacht. Leider gehen durch Anbauten und die Höhenunterschiede der Fußböden entscheidende Teile der rückwärtigen Fassade verloren oder werden ungünstig beschnitten. Die nach hinten ausgerichteten Küchen würden ihre Belichtung und Belüftung verlieren. Eine Möglichkeit, ein weiteres Zimmer im Erdgeschoss zu gewinnen wäre daher, den Stall auszubauen. Dafür würden die innen liegenden Wände entfernt werden und ein zirka 12 qm großer Raum würde entstehen. Dieser könnte als Gästezimmer dienen, als neue Küche genutzt werden, so dass der größere Küchenraum anderweitig genutzt werden kann, ein Gästbadezimmer enthalten oder ein kleinerer Aufenthaltsraum sein. Möglich wäre auch, den Küchenraum und den Stall von den sonstigen Wohnräumen zu trennen und eine kleine Einliegerwohnung, z.B. zur Pflege eines Familienmitglieds oder zur Vermietung herzustellen. Dabei bestünde die Möglichkeit, den Garten weiterhin durch den Stall zu erschließen oder an der rückwärtigen Fassade das schmalere Küchenfenster zu einer Tür zu erweitern. Dieser Eingriff in die Fassade wäre minimal und im Zweifel sogar rückbaubar. GSEducationalVersion

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Abb. 103 verworfene Anbaumöglichkeiten M 1:40

132 Teil IV- Maßnahmenplan | 4.


Abb. 104 Vorschläge Wohnraumerweiterung M 1:200

4. |Teil IV - Maßmahmenplan 133


Teil V

Digitale Denkmalerfassung

Ein großes Problem der Denkmalpflege ist der Zeitdruck, unter dem sie steht. Täglich werden ältere Gebäude historisch wertvoller und die Inventarisierung steht vor vielen undokumentierten Bauten. Auch rücken oft die akuten Fälle, die es vor dem drohenden Abriss oder Verfall zu bewahren gibt spontan in den Fokus und lassen die laufenden Inventarisierungen beiseite treten. Zum Einen liegt das daran, dass die Anzahl der Denkmale in Deutschland schon sehr groß ist und immer mehr wird. Zum Anderen ist der Etat der Denkmalpflege sehr begrenzt und die Stellen der Ämter und Behörden stark eingekürzt worden, so dass die Denkmalpfleger in der Inventarisation fast handlungsunfähig bleiben.

herum. Wenn einem interessierten Nutzer der App ein Gebäude auffällt, dass offensichtlich gekennzeichnet durch die Denkmalplakette ein Denkmal ist oder aufgrund seiner Optik ein Denkmal sein könnte, schießt dieser ein Foto davon und postet es in der App. Die Admins der App prüfen dann anhand der Koordinaten, die automatisch mit dem Foto ermittelt werden, ob das Gebäude bereits als Denkmal eingetragen ist. Wenn ja wird das Foto dem entsprechenden Denkmal zugeordnet, wenn nein, wird ein neuer Eintrag erstellt und in Erwägung gezogen, eine Eintragung zu erzielen. Neben diesen aktiven Funktionen soll die App auch über die Denkmalpflege informieren. Die Geschichte der Denkmalpflege und was dazu beigetragen hat, dass die Denkmalpflege so funktioniert wie sie heute arbeitet wird dargestellt. Desweiteren kann man sich über generelle Bauteile oder „Vokabeln“ des Fachjargons in einem Lexikon informieren. In Foren und Kommentarsektionen kann man sich mit weiteren Usern und Fachleuten austauschen und Fragen stellen.

Um diesen Umstand zu verbessern war mein Gedanke, die allgemeine Bevölkerung in die Inventarisation einzubeziehen und gleichzeitig das Interesse am gebauten Erbe zu wecken und im Umgang mit Denkmalen zu schulen. Wenn der Weg vom Auffinden eines Denkmals bis zu seiner Eintragung in eine Denkmalliste verkürzt würde, wären einige Schritte eingespart und die Denkmalpflege könnte schneller reagieren. Meine Hoffnung ist, so mehr als die bereits erwähnten geschätzen weniger als ein Denkmal pro Da diese Arbeit eine Abschlussarbeit der ArchiJahr pro Unterer Denkmalbehörde unter Schutz tektur und nicht der Informatik darstellt, besteht zu stellen. diese App nicht in Wirklichkeit, bei entsprechender Nachfrage könnte aber über die Entwicklung Jeder von uns trägt heute zu jeder Zeit eine mo- einer App aufgrund dieser Arbeit entstehen. bile Kamera in Form der Smartphones mit sich

134 Teil V- Digitale Denkmalerfassung


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Zechenstraße 1-7, Dez 2017 © Max M.

Denkmale in der Umgebung

Fotos Grundrisse Ansichten Schnitte Details Hilfen Ansprechpartner

1 2 3 4 5 ... 10 Asymmetrischer Haustyp 1

Denkmal was nun?

Karlsglückstraße 9-15, Kometenstraße 7-13, Wittener Straße 228-234, Zechenstraße 1-7, 73-79 Dieser asymmetrische Haustyp kommt fünfmal (und einmal gespiegelt) in der Siedlung vor. Er besteht aus vier Hauseinheiten. Alle Hauseinheiten besitzen einen rückwärtigen Anbau. Das Dach des linken, äußeren Geschosshauses ist als Krüppelwalmdach, das rechte, äußere als giebelständiges Satteldach und die beiden inneren Einheiten als traufständiges Satteldach ausgebildet. An der Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils zwei Giebel.

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1814

Hallo Denk Mal!

1814 wurde der Prozess des Aufbaus des Kölner Doms eingeleitet, dadurch, dass Georg Moller und Sulpiz Boisserée verschollene Pläne der Fassaden fanden...weiter

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Schloss Sansoucci, April 2015, ©Denk Mal

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Schloss Sanssoucci Berlin - Denk Mal

Abb. 107 Profil

Dom Aufbau

Publikationen

Abb. 108 Teil der Geschichte

| Teil V- Digitale Denkmalerfassung 135


136 Teil V- Digitale Denkmalerfassung


Zusammenfassung

Wie in der vorliegenden Arbeit erläutert wurde, steht die Denkmalpflege auf den Pfeilern ihrer eigenen Geschichte. Die Diskussionen in der Vergangenheit sind immer wieder von den aktuellen Denkmalpflegern wieder aufgenommen und weiter diskutiert worden. Zwischendurch gab es Rückschritte in der Entwicklung, vor allem rund um den Zweiten Weltkrieg, die aber reflektiert betrachtet nötig waren, um die Diskussion um die Denkmalpflege immer wieder neu zu entfachen. Die Errungenschaften um 1900 mit seinen Denkmalwerten werden heute ebenso aktiv genutzt wie die technischen Erfindungen, die die Arbeit der Denkmalpflege erleichtern. Die Geschichte der Denkmalpflege zeigt eine Entwicklung, die schon früh begonnen hat und noch so lange weiterdauern wird, wie es erhaltenswerte Gebäude historischer Zeiten gibt und Menschen, die sich dafür interessieren. Der vorsichtige Umgang mit dem gebauten Erbe ist vor allem in Zeiten von Wohnungsnot und Grundstücksmangel wichtig, damit Altbauten nicht abgerissen, um Neubauten Platz zu machen, oder verschandelt werden, um zugunsten des aktuellen ästhetischen Geschmacks ihre historische Bauform zu verlieren. Um dieses Ziel auch in Zukunft noch zu erreichen muss sich die Denkmalpflege besser auf die betroffenen Denkmaleigentümer und ihre

Wünsche einstellen. Nur solange ein Denkmal regelmässig genutzt wird, kann es erhalten werden. Ein Verständnis Denkmalgegnern gegenüber kann helfen, bessere Überzeugungsarbeit zu leisten. Dabei muss die Denkmalpflege auf Unterstützung aus den Reihen der verwandten Disziplinen bauen können. Deshalb muss die Denkmalpflege auch auf die Ausbildung von Bauingenieuren und Architekten wieder größeren Einfluss nehmen. Die Denkmalpflege hat weiterhin das Potenzial, sich stetig weiter zu entwickeln und an seinen Aufgaben zu wachsen. Aus der Politik muss Unterstützung für die Arbeit der Behörden kommen, sowohl finanziell als auch rückendeckend. Desweiteren müssen die Aufgaben der Denkmalpflege an die „neueren“ Denkmäler angepasst werden und diese in die Neuzeit hinübertragen. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung versteht, dass die Denkmäler nicht unser Besitz sind. So, wie die großen Kathedralen der Gotik über Jahrhunderte gebaut wurden und bis heute existieren, müssen sie noch für kommende Generationen bestehen. Deshalb ist unsere Aufgabe, alle wichtigen Dokumente der Vergangenheit in die Zukunft zu transportieren, so wie es die Generationen vor uns getan haben. Denn nur wenn wir wissen, woher wir kommen, können wir sagen, wohin wir gehen.

Zusammenfassung 137


I. AbkĂźrzungsverzeichnis

DSchG Denkmalschutzgesetz NRWDSchG Denkmalschutzgesetz Nordrhein- Westfalen usw. und so weiter Ca. Circa v.Chr. vor Christus n.Chr. nach Christus sog. So genannte bzw. beziehungsweise EnEV Energieeinsparungsverordnung BauO Bauordnung BauGB Baugesetzbuch z.B. zum Beispiel


II. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Denkmalplakette https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1c/Denkmalplakette_Deutschland.svg Abb. 2 Bismarck- Denkmal Berlin http://www.damals.de/de/13/Bismarck-und-kein-Ende.html?aid=190146&cp=1&action=showDetails Abb. 3 Schloss Benrath http://www.schloss-benrath.de/mieten/ Abb. 4 Arbeitersiedlung Oberdorstfeld historisches Postkartenmaterial, Archiv Dortmund Abb. 5 Bodendenkmal Römerkastell Ruffenhofen http://www.blfd.bayern.de/presse_publikationen/pressefotos/, Bildnachweis: BLfD, K. Leidorf Abb. 7 Grafik Denkmaltypen Abb. 8 Johannes Gutenberg https://amazingpeopleeducation.com/2013/10/09/he-was-born-around-1400-johannes-gutenberg/ Abb. 9 Martin Luther http://www.wartburg.de/de/luther-2017/luther-und-die-deutschen.html Abb. 10 Jean-Jacques Rousseau http://thebooksoffoundation.blogspot.de/2015/10/book-xvi-false-dawn-enlightenment.html Abb. 11 Straßburger Münster http://architekturcollage.de/arbeiten/strassburger-muenster/ Abb. 12 Alexander von Beyreuth http://www.kultur-pool.at/plugins/kulturpool/showitem.action?itemId=64424774550&kupoContext=smartworkDetail Abb. 13 Landesväterliches Ausschreiben Seite 1 https://download.digitale-sammlungen.de/pdf/1516462144bsb10945881.pdf Abb. 14 Landesväterliches Ausschreiben Seite 2 https://download.digitale-sammlungen.de/pdf/1516462144bsb10945881.pdf


Abb. 15 Marienburg http://kulturportal-west-ost.eu/die-marienburg-und-der-koelner-dom-denkmalpflege-und-architekturvollendung-in-der-romantik Abb. 16 Kölner Dom http://kulturportal-west-ost.eu/die-marienburg-und-der-koelner-dom-denkmalpflege-und-architekturvollendung-in-der-romantik Abb. 17 David Gilly https://igarciasimon.wordpress.com/karl-friedrich-schinkel-1781-1841/ Abb. 18 Friedrich Gilly http://kunstmuseum-hamburg.de/friedrich-gilly-in-berlin/ Abb. 19 Marienburg Luftbild http://www.schloss-marienburg.de/meta/presse/ Abb. 20 Marienburg Handzeichnungen Gilly http://hailetravel.blogspot.de/2007/02/around-and-about.html Abb. 21 Marienburg http://www.neuepresse.de/Nachrichten/Kultur/Maechtig-was-los-im-Schloss-Marienburg Abb. 22 Karl Friedrich Schinkel http://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/234744 Abb. 23 Kölner Dom Ramona Mockenhaupt, 2016 Abb. 24 Kölner Dom Riß F https://www.koelner-dom.de/index.php?id=dieteufelswette Abb. 25 Ferdinand von Quast https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ferdinand_von_Quast.png Abb. 26 Ferdinand von Quast Medaille für besonderes Engagement im Denkmalschutz http://www.tautes-heim.de/berliner-denkmalpreis.php Abb. 27 Ludovic Vitet http://www.guizot.com/en/friendships/louis-vitet/ Abb. 28 Eugéne-Emmanuel Viollet-le-Duc https://www.gutenberg.org/files/30781/30781-h/30781-h.htm Abb. 29 John Ruskin https://vialucispress.wordpress.com/2013/02/01/theories-of-architectural-conservation-a-guest-post-by-douglas-read/936full-john-ruskin/


Abb. 30 William Morris https://www.vam.ac.uk/articles/introducing-william-morris Abb. 31 Heidelberger Schlossruine http://www.staedte-fotos.de/name/galerie/kategorie/deutschland~baden-wuerttemberg~heidelberg/digitalfotografie/120.html Abb. 32 Steitschrift http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dehio1901/0005 Abb. 33 Georg Dehio https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/PERSON/wlbblb_personen/11852433X/ person Abb. 34 Heidelberger Schloss heute http://www.heidelberg-marketing.de/erleben/sehenswuerdigkeiten/heidelberger-schloss.html Abb. 35 Heidelberger Schloss Rekonstruktion um 1683 https://www.kit.edu/kit/21242.php Abb. 36 Der Dehio http://docplayer.org/39332496-Denkmalpflege-in-westfalen-lippe-das-acrylharzvolltraenkungsverfahren-die-instandsetzung-des-turmhelmes-von-st-stephanus-in-lippetal-oestinghausen.html Abb. 37 Proportionslehre nach Dehio https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/PERSON/wlbblb_personen/11852433X/ person Abb. 38 Alois Riegl https://kunstgeschichte.univie.ac.at/ueber-uns/institutsarchiv/riegl-alois/ Abb. 39 Kloster PrĂźfening Wandmalerei http://mapio.net/o/210013/ Abb. 40 Ausrufung der Weimarer Republik http://geschichte-wissen.de/blog/politische-parteien-weimarer-republik/ Abb. 41 Altstadt von Split https://www.kroati.de/kroatien-dalmatien/split.html Abb. 42 Paul Schultze- Naumburg https://idw-online.de/de/news640023 Abb. 43 Ernst Rudorff http://classical-music-online.net/en/composer/Rudorff/28147 Abb. 44 Max DvorĂĄk http://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_D/Dvorak_Max_1874_1921.xml


Abb. 45 Logo Bund Deutscher Heimatschutz https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=22496661984&searchurl=hl%3Don%26tn%3D50%2Bjahre%2Bdeutscher%2Bbund%26sortby%3D20#&gid=1&pid=1 Abb. 46 Cover der Deutschen Bauzeitung zur Werkbundausstellung https://www.db-bauzeitung.de/aktuell/diskurs/totgesagte-leben-laenger/ Abb. 47 Haus vor.. Paul Schultze-Naumburg: Die Stadt, ihre Pflege und Gestalung, Verlag Georg D.W.Callwen, München, 1939, S. 263 Abb. .. und nach einer ‚Instastandsetzung‘ Paul Schultze-Naumburg: Die Stadt, ihre Pflege und Gestalung, Verlag Georg D.W.Callwen, München, 1939, S. 263 Abb. 49 Freigelegtes Fachwerk http://www.frohmuth-maler.de/arbeitsbeispiele/ Abb. 50 Vision der Stadt von morgen, Le Corbusier https://www.jeder-qm-du.de/ueber-die-platte/detail/charta-von-athen/ Abb. 51 Rekonstruierte Altstadt von Warschau http://www.skr.de/polen-reisen/sehenswuerdigkeiten/warschau/ Abb. 52 Goethehaus vor 1755 http://drm.highest-mountains.de/drm/overview-page.html Abb. 53 Goethehaus nach Rekonstruktion http://www.gothereguide.com/goethe-haus+frankfurt-place/ Abb. 54 Alte Pinakothek http://www.muenchen.de/sehenswuerdigkeiten/orte/249886.html Abb. 55 Berliner Schloss um 1900 https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Schloss Abb. 56 Nolli Plan https://blogs.uoregon.edu/610f14/2014/10/07/nolli-plan/ Abb. 58 St. Pauli in Leipzig https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Paulinerkirche-leipzig-vor-1899-2.jpg Abb. 59 St, Pauli rekonstruiert Ramona Mockenhaupt, 2016 Abb. 60 Gedenkmünze https://www.ma-shops.de/schimmer/item.php5?id=2682 Abb. 61 Chemnitz Beckerstraße, Komplettsanierung und Umbau http://cib-g.de/referenzobjekte/spezielle-bauprojekte


Abb. 62 Ruine Frauenkirche http://www.metropole-dresden.de/wiederaufbau-dresdener-frauenkirche-636/ Abb. 63 Rekonstruierte Frauenkirche https://www.stadtrundfahrt.com/dresden/kuppelaufstieg-frauenkirche/ Abb. 64 Lasermesssoftware https://www.laser-scanning-architecture.com/laserscan-software.html Abb. 65 Clouth Gelände https://www.rundschau-online.de/region/koeln/clouth-quartier-in-nippes-waechst-eine-spannende-mischung-24277354 Abb. 66 Tausendfüßler Düsseldorf http://www.urbanophil.net/urbane-mobilitat/tausendfusler-ade/ Abb. 67 Münster Freiburg http://www.landeskunde-online.de/rhein/staedte/freiburg/muenster/index.htm Abb. 68 Dieter Hoffmann-Axthelm http://dieter.hoffmann-axthelm.de Abb. 69 EnEV Thermobild https://www.daemmen-und-sanieren.de/dach/daemmung/enev Abb. 70 versch. Ergebnisse einer digitalen Bauaufnahme http://www.b-f-k.de/webpub03/content/pic-03-01.html Abb.71 Bauaufnahme http://blog.rammelsberg.de/2013/07/inventarisierung-was-bedeutet-das/ Abb. 72 Baustelle https://de.wikipedia.org/wiki/Denkmalpflege Abb. 73 Praktische Denkmalpflege https://www.denkmalpflege-bw.de/geschichte-auftrag-struktur/bau-und-kunstdenkmalpflege/ denkmalfoerderung/ Abb. 74 Baualterskartierung als Dokumentation http://www.denkmalpflege.lvr.de/de/aufgaben/dokumentation_1/bauforschung/bauforschung_1.html Abb. 75 Restaurierungsarbeiten in einem Gewölbekeller http://www.hfbk-dresden.de/studium/studiengaenge/fakultaet-2/restaurierung/ Abb. 76 Wandteppich Paris eigenes Foto, 2017 Abb. 77 Denkmalschutz http://www.hochtaunuskreis.de/Bauen_+Umwelt+_+Verkehr/Bauen/Untere+Denkmalschutzbehörde.html


Abb. 78 Artikel zum Thema Unterschutzstellung https://www.uni-weimar.de/de/architektur-und-urbanistik/professuren/denkmalpflege-und-baugeschichte/professur/aktuelles/titel/plattenbau-unter-denkmalschutz/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail Abb. 79 Bauphasendokumentation http://www.backsteinbau.de/backsteinbau_bf.htm Abb. 80 Das MNAC neben dem ... eigenes Foto, 2014 Abb. 81 Barcelona Pavillon eigenes Foto, 2014 Abb. 82 Stempel O. Schwers Pläne Scans der Originalpläne der Zeche Oberdorstfeld, Bauaktenarchiv Dortmung Abb. 83 Garden Cities of Tomorrow https://scodpub.wordpress.com/2011/03/01/garden-cities-by-ebenezer-howard/ Abb. 84 Lageplan Ensemble Oberdorstfeld eigene Zeichnung Abb. 85 Oberdorstfeld Zechenstraße eigenes Foto, 2017 Abb. 86 Oberdorstfeld Zechenstraße eigenes Foto, 2017 Abb. 87 Wittener Straße, hist. Foto Archiv Dortmund Abb. 88 Wittener Straße, hist. Foto Archiv Dortmund Abb. 89 Lange Fuhr, hist. Foto Archiv Dortmund Abb. 90 Lange Fuhr, hist. Foto Archiv Dortmund Abb. 91 Gestaltelement Rankgitter eigenes Foto, 2017 Abb. 92 Gestaltelemente Sprossenfenster und Fensterläden eigenes Foto, 2017 Abb. 93 Eingangsloggia


eigenes Foto, 2017 Abb. 94 Supraporta eigenes Foto, 2017 Abb. 95 Eckhaustyp eigenes Foto, 2017 Abb. 96 Symmetrischer Haustyp eigenes Foto, 2017 Abb. 97 Asymmetrischer Haustyp eigenes Foto, 2017 Abb. 98 Sonderhaustyp eigenes Foto, 2017 Abb. 99 Dachdetails alt eigene Zeichnung Abb. 100 Dachdetails neu eigene Zeichnung Abb. 101 Fensterdetails alt eigene Zeichnung Abb. 102 Fensterdetails neu eigene Zeichnung Abb. 103 verworfene Anbaumรถglichkeiten eigene Zeichnungen Abb. 104 mรถgliche Wohnraumerweiterung eigene Zeichnungen Abb. 105 Startseite der App eigene Darstellung Abb. 106 Steckbrief eigene Darstellung Abb. 107 Profil eigene Darstellung Abb. 108 Teil der Geschichte eigene Darstellung


III. Personen- und Namensverzeichnis

Borsita, Jaroslav

1582-1649

Bähr, George

1666-1738

Bayreuth, Alexander von

1736-1806

Bismarck, Otto von

1815-1898

Boisserée, Sulpiz

1783-1854

Chiaveri, Gaetano

1689-1770

Dehio, Georg Dehn-Rotfelser, Heinrich von

1850-1932 1825-1885

Döllgast, Hans

1891-1974

Wilhelm Lübke Dvorák, Max

1826-1893 1874-1921

Fabricius, Phillipp

1608-1628

Fischer, Theodor

1832-1938

Frick, Johann Friedrich

1774-1850

Friedrich II. Friedrich Wilhelm III.

1194-1250 1770-1840

Friedrich Wilhelm IV. Gilly, David

1795-1861 1748-1808

Gilly, Friedrich

1772-1800

Goethe, Johann Wolfgang von Görres, Joseph Gregor der Große Gropius, Walter Gutenberg, Johannes Hager, Georg Haggenmiller, Prof. Hans

1749-1832 1776-1848 540-604 1883-1969 1400-1468 1709-1777 1864-1920

Graf von Martiniz, wurde beim zweiten Prager Fenstersturz aus dem Fenster geworfen Deutscher Baumeister des Barocks, Frauenkirche Markgraf zu Brandenburg-Ansbach, Geheimvertrag zum Verkauf der Fürstentümer an Preußen Graf von Bismarck, Ministerpräsident Preußens, Bundeskanzler Norddeutscher Bund, Reichskanzler Sammler, Kunsthistoriker und Architekturhistoriker, Förderer der Vollendung des Kölner Doms Italienischer Baumeister und Architekt des Dresdener Barocks Deutscher Kunsthistoriker Deutscher Architekt, Baubeamter und Denkmalpfleger Deutscher Architekt, Hochschullehrer und Grafiker Deutscher Kunsthistoriker Tschechisch-österreichischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Böhmischer Kanzlersekretär und einer der drei Überlebenden des Prager Fenstersturzes Deutscher Architekt, Stadtplaner und Hochschullehrer Kupferstecher, der die Werke Friedrich Gillys verbreitete Römisch-Deutscher König 1797 König von Preußen und Markgraf von Brandenburg König von Preußen Deutscher Architekt, Stadtplaner, Baureformer des Klassizismus, Oberbaudirektor Deutscher Architekt, seine Zeichnungen hatten die Diskussion zum Aufbau des Marienberger Schlosses ausgelöst Deutscher Dichter und Naturforscher katholischer Publizist, Naturphilosoph Papst Gregor I. Deutscher Architekt und Begründer des Bauhauses Erfinder des modernen Buchdrucks Deutscher Pädagoge und Geograph Restaurator und Kunsthistoriker


Heine, Heinrich Hildesheim, Bischof Bernward Hitler, Adolf Hochstaden, Konrad von Hoffmann-Axthelm, Dieter Karl der Große Karl IV. Konstantin der Große Kugler, Franz Le Corbusier Leo X. Longuelune, Zacharias Ludwig XIV. Luther, Martin Matthias Mies van der Rohe, Ludwig Modigliani, Amedeo Moller, Georg Morris, William Mörsch, Georg Nolde, Emil Nolli, Giovanni Battista Hans Pieper Quast, Ferdinand von Raffael Riegl, Alois Romulus Augustus Rossi, Aldo Rousseau, Jean-Jacques Rudolf II. Rudorff, Ernst Ruskin, John Schäfer, Carl

1797-1856 Deutscher Dichter, Schriftsteller und Journalist 950/960-1022Erbauer von St. Michael in Hildesheim 1889-1945 Diktator des Deutschen Reiches 1205-1261 Erzbischof von Köln *1940 Architekturkritiker und Stadtplaner 747-814 König des fränkischen Reiches von 768-814 1316-1378 römisch-deutscher Kaiser ab 1355 270/288 - 337 Römischer Kaiser von 306-337540-12.3.604 1808-1858 Deutscher Historiker, Kunsthistoriker und Schriftsteller 1887-1965 Schweizerisch-französischer Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler, Zeichner,Bildhauer und Möbeldesigner 1475-1521 1513-1521 Papst 1669-1748 Französischer Architekt und Architekturzeichner 1636-1715 König von Frankreich 1483-1546 Zentrale Persönlichkeit der Reformation, 99 Thesen in Wittenberg 1557-1619 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1886-1969 Deutsch-amerikanischer Architekt, einer der bedeutendsten Architekten der Moderne 1884-1920 Italienischer Maler, Zeichner und Bildhauer des Fauvismus 1784-1852 Architekt und Stadtplaner 1834-1896 Britischer Maler, Architekt, Dichter, Ingenieur und Drucker *1940 Kunsthistoriker und Denkmalpfleger 1867-1956 Einer der führenden Maler des Expressionismus, trotz seines Engagements für die NSDAP als Entarteter Künstler verfolgt 1652-1756 Italienischer Ingenieur, Architekt, Kupferstecher und Kartograf 1902-1980 Gestapobeamter, SS-Mitglied 1807-1877 Erster preußischer Staatskonservator 1483-1520 Italienischer Maler und Architekt 1858-1905 Österreichischer Kunsthistoriker, Denkmalpfleger und Kunsthistoriker 460-476 Letzter Römischer Kaiser des Weströmischen Reiches 1931-1997 Einer der richtungsweisenden Architekten und Designer des 20. Jahrhunderts 1712-1778 Philosoph, Naturforscher, Vorreiter der Aufklärung und Wegbereiter der Französischen Revolution 1552-1612 Kaiser des Heiligen römischen Reiches von 15761612 1840-1916 Deutscher Komponist, Musikpädagoge und Naturschützer 1819-1900 Britischer Schriftsteller und Maler, Kunsthistoriker und Sozialphilosoph 1844-1908 Deutscher Architekt und Hochschullehrer


Schinkel, Karl Friedrich Schlegel, Friedrich Schmidt-Rottluff, Karl Schön, Theodor von Schultze-Naumburg, Paul Schumacher, Fritz Sitte, Camillo Slavata, Wilhelm Taut, Max Theoderich der Große Viollet-Le-Duc, Eugène Emm. Vitet, Ludovic

1781-1841

Architekt, Stadtplaner, der den Klassizismus entscheidend mitgestaltete, Leiter Oberbaudeputation, Architekt des preuß. Königs 1772-1829 Deutscher Kulturphilosoph, Kunstkritiker, Historiker 1884-1976 Deutscher Maler, Grafiker und Plastiker, einer der führenden Vertreter des Expressionismus 1773-1856 Preußischer Staatsmann 1869-1949 Deutscher Architekt, Kunsttheoretiker, Maler, Publizist und Politiker 1869-1947 Deutscher Architekt, Stadtplaner, Baubeamter, Hochschullehrer und Oberbaudirektor in Hamburg 1843-1903 Österreichischer Architekt, Stadtplaner, Städtebauund Kulturtheoretiker 1572-1652 Oberstkämmerer von Böhmen, Opfer des Prager Fenstersturzes 1884-1967 Deutscher Architekt 451/456-526 König der Ostgoten 1814-1897 Französischer Architekt, Denkmalpfleger und Kunsthistoriker 1802-1873 Französischer Politiker und Schriftsteller der sich vor allem für die Denkmalpflege einsetzte


IV. Literaturverzeichnis

Dr.Dr. Dimitrij Davydov, Prof. Dr. Ernst Hönes, Dr. Thomas Otten, Dr. Brigitta Ringbeck: Denkmalschutzgesetz Nordrhein- Westfalen, Kommentar 5. Auflage, Wiesbaden 2009 Hrsg. Dr. August Gebeßler/ Dr. Wolfgang Eberl: Schutz und Pflege von Baudenkmälern in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch, Verlag W. Kohlhammer Stuttgart 1980 Georg Germann: Einführung in die Geschichte der Architekturtheorie, 2. Auflage,Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1987 Hrsg. Stadt Dortmund: Gestaltungsfibel Werkssiedlung Oberdorstfeld, Dortmund-Agentur, Dortmund 10/2009 Hrsg. Alfred Götze: Trübners Deutsches Wörterbuch, Berlin 1940, Zweiter Band C-F, Artikel Denkmal Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844, Phillipp Reclam jun., Leipzig, 1974, S. 3-8 Dieter Hoffmann-Axthelm: Plädoyer für die Abschaffung der Denkmalpflege, ARCH+ Ausgabe 54, , ARCH+ Verlag GmbH, Aachen, 01.12.1980 Prof. Dr.Achim Hubel: Denkmalpflege, 2. Auflage, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2006/2011 Hrsg. Norbert Huse: DENKMALPFLEGE Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten, 3. Auflage, Verlag C.H. Beck München, 1984 Georg Mörsch: Aufgeklärter Widerstand, Das Denkmal als Frage und Aufgabe, Birkhäuser, Basel, Boston, Berlin, 1989 Helmut Scharf: Kleine Kunstgeschichte des deutschen Denkmals, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1984 Hrsg. Thorsten Scheer: Die Gottfried- Wilhelm-Kolonie in Essen-Rellinghausen, 1. Auflage, Klartext Verlag 2009 Fritz Schumacher: Strömungen in deutscher Baukunst seit 1800, 2. Auflage, Verlag C.A.Seemann Verlag, Köln 1955 Cod. Just. VIII, 10,6 , Edikt von Vespasian Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc: Dictionnaire raisonné de l’architecture francaise du XIe au XVIe siècle, Paris 1854-1869, VIII


V. Internetquellen zuletzt am 18.01.2018 abgerufen

https://de.wikipedia.org/wiki/Reformation#Soziale_und_wirtschaftliche_Faktoren https://www.merkur.de/leben/wohnen/denkmalschutz-hauseigentuemern-schlaf-rauben-kann-6709120.html http://www.ardmediathek.de/tv/Die-Sendung-mit-der-Maus/Sachgeschichte-Martin-Luther/ Das-Erste/Video?bcastId=1458&documentId=47250400) https://de.wikipedia.org/wiki/Reformation#Soziale_und_wirtschaftliche_Faktoren

weitere interessante Links http://www.denkmalliste.org/denkmalschutzgesetze.html https://www.gleisslutz.com/uploads/tx_gldataobjects/GleissLutz_Otting_2004.pdf https://www.juraforum.de/lexikon/denkmalliste https://gso.gbv.de/?COOKIE=U999,K999,D2.1,Ecb6dec89-20,I0,B9994++++++,SY,A ,H12-15,,17-23,,30,,73-78,,88-90,NGAST,R37.201.227.228,FN https://www.wr.de/staedte/dortmund/nord-west/siedlung-oberdorstfeld-darf-doch-denkmal-bleiben-id9372155.html https://www.lwl.org/LWL/Kultur/Westfalen_Regional/Siedlung/Arbeitersiedlungen https://www.kuladig.de/ http://www.architektur-forum-rheinland.de/wp-content/uploads/2013/12/140113-Joerg_Schulze_Erinnerungskultur_und_Denkmalpflege.pdf https://www.baunetzwissen.de/altbau/fachwissen/sanierung-denkmalschutz/denkmalschutz-und-altbaumodernisierung-148224 https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Siedlung_Oberdorstfeld?uselang=de http://www.hufeisensiedlung.info/no_cache/Paster-Behrens-Stra%C3%9Fe%2017/grundrisse.


html?houseApart=29&houseDraft=6322&garden=5163&location=haus http://friedhofsguide.hv-essen.de/detailpopup.html?id=43 (https://www.juraforum.de/lexikon/denkmalliste) https://www.berliner-zeitung.de/landeskonservator-helmut-engel-scheidet-aus-dem-amt-denkmalpflege-als-avantgarde-16232032


Teil VI - Eigenständigkeitserklärung

Hiermit erkläre ich, dass ich diese Masterthesis mit dem Thema Ertüchtigung eines Arbeiterhauses in der Zechensiedlung Oberdorstfeld in Dortmund vor dem Hintergrund der digitalen Erfassung des Denkmalbestandes in Nordrhein-Westfalen selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe. Die Stellen der Arbeit, die anderen Werken im Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, sind durch Angaben und Quellen deutlich gemacht. Dies gilt auch für Zeichnungen, Skizzen, bildliche Darstellungen und andere Abbildungen. Weiterhin erkläre ich, dass diese Abschlussarbeit noch nicht von mir oder Anderen im Rahmen einer staatlichen oder anderen Prüfung eingereicht wurde. Düsseldorf, den 1. Februar 2018

Ilka Andrea Neu

Master Thesis  
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