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DIE ERFINDER UND SICH WIEDER NEU ERFINDER Die Erfolgsgeschichte der Macher in Südthüringen


Industrie- und Handelskammer Südthüringen

Die Erfinder und sich wieder neu Erfinder

Herausgeber: Industrie- und Handelskammer Südthüringen Konzept, Redaktion und Gestaltung: PURE Public Relations Marlis Gregg, Dortmund Texte: Marlis Gregg und das PURE-Team Layout, Satz und Grafik: Klaus-Peter Hüning Herstellung: Waissraum Druck- und Veredelungsmanufaktur, Steinbach-Hallenberg Copyright: Industrie- und Handelskammer Südthüringen, Suhl, 2016


GRUSSWORTE

Die Erfinder und sich wieder neu Erfinder Wenn es eine Konstante in Wirtschaft und Gesellschaft gibt, dann ist es der Wandel. Aus Anlass unseres 150-jährigen Jubiläums haben wir uns aufgemacht, den Wandel und die Wandlungsfähigkeit unserer heimischen Wirtschaft zu analysieren – mit einem erstaunlichen Ergebnis. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche gab es seit dem Jahr unserer Gründung im Jahr 1866 viele. Überdauert hat jedoch die immerwährende Besinnung auf regionale Kernkompetenzen, die auch durch aufgezwungene Veränderungsprozesse niemals verlorengingen, sondern sich im Gegenteil beständig anreicherten.

Dr. Peter Traut Präsident der IHK Südthüringen

So finden wir heute in Südthüringen eine evolutionär geformte Metall- und Werkzeugindustrie, die seinerzeit die durchgesteckte Zange erfand und heute intelligente Werkzeuge auf den Weltmärkten platziert, eine Nahrungsgüterindustrie, die erstmals den Nougat mischte und heute Leckereien in alle Welt liefert. Wer ahnte, seit das erste funktionsfähige Tretkurbelfahrrad in Suhl in Betrieb genommen wurde, dass 150 Jahre später modernste Automobilscheinwerfer, Wasserpumpen und unzählige andere Komponenten zu Tausenden die Region verlassen. Wer konnte voraussehen, dass die Glaskugel die Welt erobern und sich die Glasindustrie zum Schwergewicht im Thüringer Wald entwickeln würde. Allen Geschichten ist eines gemeinsam – Kompetenzen brauchen Zeit, um sich auszuprägen, sie müssen vererbt werden, um sich zu differenzieren, sie bleiben jedoch der Garant erfolgreicher Bewältigung weiterer Wandlungen, die ganz sicher kommen werden.

Dr. Peter Traut, Präsident der IHK Südthüringen

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Verantwortung und Veränderungsbereitschaft Zum Jubiläum gratuliere ich allen Mitgliedern, dem Präsidium, der Geschäftsführung und den Mitarbeitern sehr herzlich. Die IHK Südthüringen blickt auf eine lange Tradition zurück: Seit 150 Jahren setzt sie sich mit ganzer Kraft für die Interessen ihrer Mitglieder und deren positive wirtschaftliche Entwicklung ein. Die IHK Südthüringen hat die politischen und strukturellen Entwicklungen in ihrer Region mit Mut, Verantwortung und Veränderungsbereitschaft mitgestaltet. Sie ist integraler Bestandteil einer wirtschaftlich starken und vielfältigen Region. In ihrer Rolle als geschätzte Ratgeberin für die Wirtschaftspolitik ist sie nicht mehr wegzudenken.

Dr. Eric Schweitzer Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK

An Herausforderungen wird es der IHK auch in Zukunft nicht mangeln: Fachkräfte müssen gefunden, Flüchtlinge integriert sowie Betriebe und die eigene Organisation für die fortschreitende Digitalisierung fit gemacht werden. Ich bin zuversichtlich, dass die IHK diese Aufgaben mit ihren engagierten Menschen in Haupt- und Ehrenamt erfolgreich meistern wird. Damit wird sie der wirtschaftlichen Entwicklung der Region Südthüringen weitere positive Impulse verleihen.

Dr. Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK

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INHALT

KURZVORSTELLUNG PROLOG

10 Vorzeichen und Entwicklungen IHK – und plötzlich waren es neun Die Welt um 1866

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866-1945

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DIE MACHER

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Die Menschen der Region – Macher des Erfolgs

ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1945-1990

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DURCHBRUCH UND REVITALISIERUNG

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Mut zur Brücke Der vergessene Korridor und seine Pfadfinder

ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1990-2016 Von 0 auf 30.000 in 1.300 Wochen Selbstverwaltung der Wirtschaft – Bonbon der Demokratie

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BRANCHENGESCHICHTEN

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Großes Können – große Marken METALL UND MASCHINENBAU Eisen und Stahl bringen Arbeit und Brot Die ehrgeizige Jagd nach der perfekten Büchse Rasierklingen aus Eisfeld erobern die Welt GLAS Das gläserne Herz Europas Edles Bleikristall aus Südthüringen strahlt bis in Königshäuser NAHRUNG UND GENUSSMITTEL Sahnehäubchen aus der Region SPIELZEUG Die Wiege der Spielzeugproduktion AUTOMOTIVE Innovativer Leitmarkt: Automotive gibt Gas Erfinder machen das Land mobil Von der heimischen Garage in den Weltkonzern ZUKUNFTSTECHNOLOGIEN Heute ein erfolgreiches Morgen schaffen Warum Lufthansa und Rolls Royce auf Arnstadt fliegen

95 96 104 106 108 114 116 118 120 124 128 130 136

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KURZVORSTELLUNG

Wo sind wir? Die Sprache: Von Dialekt bis akzentfrei Wenn man am Telefon nicht hören kann, aus welcher Region jemand stammt, dann muss es wohl hochdeutsch sein. Ist da nicht der Hauch eines weichen Einschlags – vielleicht Richtung Rheinland? Nein, eher doch nicht … Und schon im nächsten Ort klingt der Zungenschlag wieder anders.

Mehr über die Menschen der Region – die Macher: Seite 54

Auf den Straßen: Fahrt ohne Grenzen Ohne Stress und Schlagloch einfach pünktlich ankommen, immer staufrei ans Ziel. Und die Aussicht links und rechts der Straße: Wellness pur fürs Auge. Die Region feiert ihre Grenzenlosigkeit, ist großzügig mit ihrer Infrastruktur, reich an historischer Architektur und überschwänglich in ihrer Natur.

Mut zur Brücke: Seite 74 Der vergessene Korridor und seine Pfadfinder: Seite 78

Der Arbeitsmarkt: Nahe Vollbeschäftigung Auch 25 Jahre nach der Wende weist der deutsche Arbeitsmarkt noch ein Gefälle zugunsten des Westens auf. Und doch gibt es im Osten wahre Leuchttürme, die jeder Statistik trotzen: Regionen, um deren Beschäftigtenquote sie manch Stadthalter beneidet. Bei 3,8 Prozent Arbeitslosenquote wie im Landkreis Sonneberg spricht man von Vollbeschäftigung, der Durchschnitt des IHK-Bezirks liegt im Juni 2016 bei 5,2 Prozent.

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Von 0 auf 30.000 in 1.300 Wochen: Seite 81


Die Landschaft: Legendär Erst wenn man‘s sieht, versteht man: Woanders stehen Baumgruppen, aber das hier ist – Wald. Das größte zusammenhängende Waldgebiet der Bundesrepublik ist nicht nur groß, es ist großartig, ergreifend, imposant. Dieser Wald umhüllt Gegenden und Orte, von denen Geschichtsbücher erzählen, und dient als Kulisse für Film- und Fernsehproduktionen. Auch Winter ist hier ursprünglicher: In den Höhenlagen des Thüringer Waldes gibt es oft Schnee von Spätherbst bis Frühling. Und unseren funkelnden Christbaumschmuck hat ein Glasmacher erfunden, der Äpfel und Nüsse lieber essen als an eine Tanne hängen wollte.

Die erste Christbaumkugel der Welt: Seite 26 Das gläserne Herz Europas: Seite 108

Die Industrie: Arbeiten, wo andere Urlaub machen Die Menschen hier sind bekannt für ihren Fleiß und ihre Findigkeit. Aus dem Holz ihrer Wälder haben sie seit jeher Energie gewonnen, Werk- und Spielzeug, ja sogar Fahrräder geformt. Es befeuerte die Öfen, um aus den Bodenschätzen in einem magischen Prozess Eisen- und Metallwaren sowie feinstes Glas und Porzellan zu fertigen. Hier wurde der Dosenöffner perfektioniert, die Babypuppe und das erste wirklich ablesbare Fieberthermometer. Von hier stammen Zündkerzen und die regelbare Kühlmittelpumpe. Auch heute lebt die Region vor allem von ihrer Industrie – im Herzen einer blühenden Landschaft, die jährlich mehr als 4,3 Millionen Touristen anzieht.

Die Größe: Reichlich Spielraum Rund 1.000 Quadratkilometer größer als das Saarland, aber rund 600.000 Einwohner weniger: Die Region der IHK Südthüringen bietet ihren Unternehmen viel Spielraum und ihren Bewohnern Platz satt. Das sorgt für hohe Zufriedenheit – und für jede Menge Superlative. Die Fuchs-Gruppe z. B. betreibt hier eines der größten Gewürzwerke der Welt.

Von Tüftlern und Global Playern – oder: Eine Schwalbe macht viele Sommer: Seite 60 und 122

Das größte PumpspeicherwerkDeutschlands: Seite 83 Sahnehäubchen aus der Region: Seite 116

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KURZVORSTELLUNG

Das Alter: 65 + 25 = 150 Jahre Eine Pistole, die Flughafen-Scanner nicht erkennen können? Die berühmte Szene mit Bruce Willis in „Stirb langsam 2“ ist pure Film-Phantasie, denn Lauf und Verschluss von Pistolen sind immer aus Metall – bis heute das Material, das den dort wirkenden Kräften standhält! Logisch also, dass die Experten in einer Gegend, die sich seit Jahrhunderten mit Metallverarbeitung befasst, ihr Können auch in der Waffenschmiedekunst bewiesen. Sie entwickelten das Repetier- und zuvor schon das Zündnadelgewehr, dem z. B. die preußischen Siege Friedrich Wilhelm IV. zugeschrieben werden. Kein Wunder, dass zu Kriegszeiten die jeweiligen Herrscher hier immer gewaltig dreingeredet, die Produktion bestimmt und die Unternehmer

samt ihrer Kammervertreter kurzerhand entmachtet haben. Zwischen den beiden Weltkriegen gab es nur eine kurze Zeitspanne des Aufatmens. Ebenso lagen nur vier ganze Jahre zwischen dem Ende des Nationalsozialismus und dem Aufbau der DDR, die die Industrie- und Handelskammern erstmal ganz abschaffte. So kommt es, dass heute der Präsident der wieder und wieder neu aufgebauten Industrie- und Handelskammer Südthüringen, Dr. Peter Traut, eine einfache Rechnung aufmacht: Die jüngsten 25 Jahre freier Marktwirtschaft und die (mit Unterbrechungen) 65 Jahre zuvor addieren sich zu exakt 90 Jahren, in denen Wirtschaft und IHK in Südthüringen bisher frei agieren konnten. Und das, obwohl das offizielle Gründungsdatum der IHK sich 2016 zum 150. Mal jährt.

Die Welt um 1866: Seite 32

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Der Erfindungsreichtum: Dynamisch bis explosiv Seit Menschen denken, erfinden sie Dinge. Oft fängt es mit dem „Finden“ an – der Feuerstein etwa musste wohl einfach nur gefunden werden –, dann geht es ans Herausfinden. Wer aber Dinge erfindet, erschafft etwas völlig Neues, noch nie Dagewesenes. Wie zum Beispiel Heinrich Ehrhardt, der 1840 in der Nähe von Zella zur Welt kam. Mit 27 Jahren erfand er den Korkenzieher, der wirklich funktionierte. Der Gewinn floss in Strömen – leider jedoch nicht in seine Taschen, denn Patente und Lizenzen sind wieder eine Welt für sich. Doch elf Jahre später hatten ihm weitere Erfindungen genug eingebracht für eine eigene Werkstatt in Zella, von wo aus eine der größten Erfindungen den Weg in die Stahl- und Walzwerke antrat. Tausende von Patenten, die die Welt verändert haben, sind in Südthüringen entwickelt worden. Und mancher hier hat ein Imperium darauf begründet. Wie die Südthüringer Unternehmen Wirtschaftsgeschichte schreiben: Branchengeschichten ab Seite 94

Die Zielstrebigkeit: Beharrlichkeit gewinnt den Streit Heute würde man es wohl Zielstrebigkeit, Engagement oder „involvement“ nennen, was die Menschen der Region im 19. Jahrhundert voran getrieben hat. In einer Zeit aber, in der die geltende Ordnung – und Unterordnung – jedem seinen Platz im gesellschaftlichen Gefüge genau zuwies, mag die unbeirrbare Forderung nach einer gemeinsamen Plattform für die Aktivitäten von Handel und Gewerbe durchaus schon mal eigenwillig bis aufmüpfig gewirkt haben. Doch die Geschichte zeigt: Beharrlichkeit gewinnt den Streit. IHK – und plötzlich waren es neun: Seite 30 Die Kammer-Gründung war längst versprochen – doch nichts geschah. Die Sonneberger Kaufleute mahnten 1864 den Herzog mit dieser Eingabe.. Foto: Thüringisches Staatsarchiv Meiningen

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PROLOG

Vorzeichen und Entwicklungen bis 1866 Die Menschen in Südthüringen haben Herausragendes geleistet, ehe Industrie und Handel sich mit den ersten Kammern ihrer Geschichte ein festes Profil geben können. Vor harter Arbeit macht man sich nicht bang, zugleich treffen sich hier Denker und Lenker – so z. B. am 2. Oktober 1808 Dichterfürst Goethe und Kaiser Napoleon. Der hatte zum Frühstück nach Erfurt geladen, neben Zar und Herzögen eilt Goethe herbei. Seit Jahren erlebt er die Region mit dem Herzen des Dichters – seine Zeilen an der Wand einer Forsthütte bei Ilmenau werden als „Wanderers Nachtlied“ weltberühmt – und dem Kopf eines Politikers. Goethe ist in die Landesregierung eingebunden und hat etwa bis zur Jahrhundertwende versucht, den Bergbau in Ilmenau neu zu aktivieren. Doch schon gibt die erste funktionsfähige Dampfmaschine Thüringens in einem Bergwerk bei Mühlberg der Geschichte eine neue Wendung. Die Metallverarbeitung der Region entwickelt sich durch die neuen Maschinen rasant, während die Glas- und Porzellanmacher weit über die Grenzen hinaus als Künstler berühmt sind. Spielzeug aus Südthüringen gelangt mit den ersten Eisenbahnen in die ganze Welt. Je genialer die Produkte, umso turbulenter die Handelsströme. Die Wirtschaft ruft nach klaren Regeln.

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Erste Glashütte in Langenbach Langenbach/ Schleusegrund Fehrenbach/ Masserberg

Die „Mutter der Glashütten“ Südthüringens: Nachgewiesen ist, dass spätestens um 1460 Glashütten im Thüringer Wald bestanden. Bedeutungsvoll war die Gründung der Glashütte zu Langenbach, die 1525 bis 1589 bestand und als „Mutter der Glashütten“ in der

1525 Region gilt. Denn aus ihr gingen die Glasmeister hervor, die mit Betrieb der Glashütten in Fehrenbach 1590 und Lauscha 1597 die weitere Entwicklung bestimmten.

Waldglashütte am Lauschabach Hans Greiner, Christoph Müller Lauscha

Thüringer Waldglas: Die Stadt Lauscha entstand 1597 durch die von den Familien Hans Greiner und Christoph Müller am Lauschabach errichtete Waldglashütte. Die ersten in Lauscha hergestellten Gläser

1597 Glasmacher um 1927 Foto: Museum für Glaskunst Lauscha

fielen durch eine dezente Grünfärbung und viele eingeschlossene Luftbläschen auf. Der Farbton ergab sich aus dem hohen Eisenanteil des Thüringer Glases, die kleinen Bläschen entstanden durch den Schmelzprozess mit Holzfeuer – das Thüringer Waldglas.

1670: Von Malermeistern und Bossierern 1670 formieren sich in Sonneberg zwölf Malermeister zu einer Interessengemeinschaft, der „Sonneberger Lade“, einer vermutlich nicht von der Obrigkeit anerkannten Innung. In den Jahren 1760 bis 1789 gründen auch die Schreiner, die Bossierer und Puppenmacher sowie die Kaufleute ihre Innungen. Längst werden in Südthüringen Porzellanfiguren gefertigt: „Bossierer“ sind zunächst in der Porzellanherstellung tätig. Nach dem kreativen Modellieren setzen sie die aus der Rohmasse geformten Einzelteile zu einer Gesamtfigur zusammen. Die Berufsbezeichnung aus den Porzellanmanufakturen – damals meist „Poussirer“geschrieben – hält mit dem Papiermaché für figürliche Spielwaren Anfang des 19. Jahrhunderts auch in der Spielzeugbranche Einzug.

1710: Die Gewehrhändler Am 27. Januar 1710 ergeht an die privilegierten Gewehrhändler von Zella und Mehlis der Erlass: Sie können eine Gewehr-Handlungs-Compagnie bilden. Die Societät hat 12 bis 14 Mitglieder und fungiert ab 1807 als geschlossene Gesellschaft.

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PROLOG

Der „Vater des Thüringer Porzellans“

1736: Das Glashütten-Syndikat Im Jahr 1736 gründen 18 Glasmeister und Hüttenbesitzer in der Glashütte Allzunah das Thüringische Glashütten-Syndikat. Sie verstehen sich als Fachverband der Glashütten und regeln u. a. die Arbeitszeiten, die Absatzwege und die Preisgestaltung. Im Syndikat sind auch die Glashütten von Fehrenbach, Lauscha, Schmalkalden, Piesau und Gehlberg vertreten, die bereits Mitte des 18. Jahrhunderts im wichtigen Erwerbszweig der Glasindustrie von überregionaler Bedeutung sind.

Johann Gotthelf Greiner Limbach Großbreitenbach Rauenstein Kloster Veilsdorf

Südthüringische Porzellanmanufakturen: Johann Gotthelf Greiner (1732 -1792) gilt als „Vater des Thüringer Porzellans“. Er entstammte einer Glasmacherfamilie, die 1525 nach Thüringen kam. Die Glasmeister nutzten kaolinhaltigen Ton und stellten fest, dass sich am Glas Porzellan ablagerte – dies wollten sie nun gezielt erreichen. 1761 suchten sie bei ihrem Landesherrn, dem Herzog von Sachsen-Meiningen, um die Konzession für eine Porzellanmanufaktur nach. Sie wurde ihnen 1762 gewährt, jedoch ohne Garantie für das nötige Brennholz. Gottfried Greiner gründete ein eigenes Unternehmen. Neben Limbach, wo man früher Goldbergbau betrieben hatte, gehörten die Manufakturen in Großbreitenbach, Rauenstein und später Kloster Veilsdorf zum Familienbesitz der Greiners, die damit um 1800 die Produktion in Südthüringen beherrschten.

1762 Porzellanfabrik Limbach, Aquarell von E. Dietz, 1859 Fotos (2): Museum Eisfeld

Bildnis der fünf Söhne Greiner, Gemälde von Gottwald Kühn, 1820

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Arbeit vor der Lampe Glasmacher Greiner-Habakuk Lauscha

Bis zu 6.000 Glasperlen am Tag: Nach einer Anregung des Glasmachers Greiner-Habakuk wurde 1770 eine neue Art der Glasbläserei, die „Arbeit vor der Lampe“, eingeführt und damit zugleich der Grundbaustein

Voraussetzung war allerdings eine niedrigschmelzende Glassorte, ein Kalknatronglas. Denn die Lampen, die mit einem gewöhnlichen Baumwolldocht Rüböl, Talg oder Petroleum verbrannten, erreichten nur Temperaturen um die 600° C. Lange waren die so hergestellten Perlen die Haupt-einkunftsquelle der Südthüringer Lampenbläser. Sie waren bei den Rosenkranzherstellern ebenso gefragt wie in der Modeschmuckindustrie und wurden in die überseeischen Kolonien exportiert.

1781 verkauften die Händler bunte Glasperlen zur Herstellung von Schmuck bereits bis nach Holland, England, Amerika und auch nach Berlin, Nürnberg, Brüssel, St. Petersburg sowie nach Ostindien und China. 1789 produzierten 21 Betriebe in Lauscha lampengeblasene Perlen. Die Perlenherstellung war zu einem selbständigen Industriezweig geworden.

1770 für die Heimindustrie gelegt. Die „Lampe“ war eine schlichte Ölfunsel, vor deren Flamme man – später unterstützt von einem Blasebalg – einfache Glasbläserarbeiten ausführen konnte. Ein geschickter Arbeiter schaffte es, damit täglich etwa 4.000 bis 6.000 kleinere oder aber 1.200 bis 1.500 größere Hohlperlen zu fabrizieren.

Glasbläserwerkstatt, Lauscha, um 1930, Volkskundemuseum Erfurt

Foto: Andreas Praefcke

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PROLOG

Von Biedermeierporzellan bis Gebrauchsgeschirr Ilmenau

Porzellanmanufaktur Ilmenau: Die Gründung der ersten Porzellanmanufaktur in Ilmenau geht auf das Jahr 1777 zurück. Doch erst mit der Tätigkeit Johann

1777

Gotthelf Greiners ab 1786 und seines Nachfolgers, Christian Nonne, sowie dessen Schwiegersohn, Ernst Carl Rösch, entwickelt sich die Fabrik zu einem rentablen Unternehmen. Ein reiches Repertoire an Porzellan wird vor allem zwischen 1792 und 1815 in weite Teile Europas und in die Türkei exportiert.

Figur eines Kardien mit Rose, um 1770, Kloster Veilsdorf Foto: Museum Eisfeld

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Anlässlich einer Sonderausstellung 2010 hat das GoetheStadtMuseum Ilmenau eine wissenschaftliche Bearbeitung historischer Dokumente und wertvoller Porzellane aus Christian Nonnes Nachlass vorgenommen: Bisher unbekannte Medaillons à la Wedgwood, faszinierende Ziergegenstände mit feiner Vedutenmalerei, Biedermeierporzellan und Gebrauchsgeschirr geben Zeugnis vom reichen Formen- und Motivschatz der Ilmenauer Porzellanmanufaktur.

1789: Das Sonneberger Handelsprivilegium Am 24. Februar 1789 führt Sonneberg das „Große Handelsprivilegium“ ein. Es gilt für die Kaufleute der Sonneberger Kaufmannschaft sowie für die Handwerker, die ihnen Waren liefern, und schreibt vor: 1. Die Kaufleute dürfen selbst keine Waren herstellen. 2. Die Arbeiter dürfen ihre Ware nur an Sonneberger oder Neustadter Kaufleute verkaufen. 3. Die Kaufleute sind generell zur Abnahme ihrer Bestellungen verpflichtet und müssen die notwendigen Lagermöglichkeiten zu eigenen Lasten einrichten.

1793: Strafpassus für Handwerker Am 24. Mai 1793 wird das Sonneberger Handelsprivilegium um einen Strafpassus erweitert: Den Handwerkern, die sich nicht an die Richtlinien für die exklusive Belieferung der Sonneberger Kaufmannschaft halten, drohen empfindliche Strafen. Der Kaufmannschaft hingegen werden großzügige Ausnahmeregelungen zugestanden, falls sie selbst Handelswaren herstellen sollten.


„Die Glasbläserin“ im Wirbel der Handelsströme Die positiven Auswirkungen der Sonneberger Organisation beschreibt Petra Durst-Benning in ihrem 2012 erschienenen Roman „Die Glasbläserin“, der Südthüringen in den 1890er Jahren zeigt. Johanna, die Tochter eines Glasbläsers, nimmt schwerbepackt den vierstündigen Marsch nach Sonneberg auf sich, um die von der Familie produzierten Waren zu verkaufen:

„Sonneberg war um diese Jahreszeit voller Menschen, deutsche Dialekte und fremde Zungen begleiteten Johanna wie ein Schwarm Mücken auf ihrem Weg durch die Stadt. Schilder vor den Gasthöfen zeigten schon von weitem an, dass es kaum ein freies Bett gab, von nah und fern waren Aufkäufer da, um zu begutachten, was die vielfältigen Handwerksbetriebe aus der Gegend in den vergangenen Monaten hergestellt hatten. Vor allem jedoch wollten sie ihre Einkäufe fürs Weihnachtsgeschäft tätigen. In Kaufhäusern und Läden in München, Nürnberg, Hamburg, aber auch in Sankt Petersburg, Kopenhagen oder Brüssel – überall wurde mit Thüringer Handwerkskunst gutes Geld verdient. Dafür mussten die Geschäftsleute nicht etwa von Haus zu Haus ziehen und sich die einzelnen Teile mühselig zusammensuchen, sondern konnten auf ein ausgeklügeltes Vertriebssystem zurückgreifen, das in Sonneberg seit vielen Jahren praktiziert wurde und in dieser Form einzigartig war: das Verlegerwesen. Mindestens zwanzig dieser Zwischenhändler gab es, und ihre Verlagshäuser, die von außen oft gar nicht als Geschäfte auszumachen waren, verfügten allesamt über ein breitgefächertes Warenangebot. Wer allerdings glaubte, dass sämtliche Waren in den Geschäften vorrätig seien, der irrte: Der Großteil der Bestellungen wurde aufgrund von Musterbüchern gemacht, die die Verleger ihren Kunden vorlegten. In diesen dicken, großformatigen Büchern, um die jeder Verleger ein Geheimnis machte, wurde jeder Artikel als Zeichnung oder Fotografie gezeigt, seine Maße genannt und das Material beschrieben. Preise standen dort nicht geschrieben, diese waren Verhandlungssache. Porzellanpuppen mit beweglichen, gläsernen Augen und echtem Frauenhaar, gekleidet in feinste Seidenstoffe, aufwendig bestickt und herausgeputzt, gehörten zu den begehrtesten Artikeln, die die Geschäftsleute für ihre Kundschaft zu Hause einkauften. Auch Spielzeug aus Blech oder Holz, bunte Glasmurmeln, mundgeblasene Teile aller Art und natürlich Glasperlen in allen Variationen wurden in Sonneberg an den Mann gebracht. Gefiel einem Einkäufer ein Artikel im Musterbuch, wurde ein Preis dafür ausgehandelt, die gewünschte Stückzahl und der Liefertermin festgelegt. Mit dieser Bestellung in der Hand ging der Verleger zu seinem Lieferanten und ließ die Ware anfertigen. Jetzt, so kurz vor dem Weihnachtsgeschäft, standen die Türen der Verleger nicht mehr still, Einkäufer und Hersteller gaben sich gegenseitig die Klinke in die Hand.“ Petra Durst-Benning, historischer Roman „Die Glasbläserin“, Taschenbuch List, 2012

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PROLOG

1808: Schmalkalden – ein Königreich für die Gewerbefreiheit

Schnelldruckpresse

Im Jahr 1808 gehört Schmalkalden zum „Königreich von Westphalen“, das Napoleon Bonaparte 1807 nach dem Frieden von Tilsit für seinen jüngsten Bruder Jérôme geschaffen hat. Am 5. August, einem Freitag, führt Jérôme Bonaparte – offiziell König Hieronymus Napoleon – mit dem sogenannten Patentgesetz die Gewerbefreiheit ein.

Friedrich Koenig

Napoleon etablierte in den eroberten Gebieten das allgemeine Wahlrecht, eine unabhängige Justiz und als zivilrechtliches Gesetzbuch den „Code Civil“ – und damit die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz (Frauen allerdings galten weiterhin nicht als eigenständige Personen). Der „Code Civil“ hob die Zunftzwänge auf und führte die Gewerbefreiheit ein, so auch im Königreich Westphalen. Es löste sich 1813 nach der Völkerschlacht bei Leipzig mit dem Zerfall des napoleonischen Reiches auf. Napoleons Dekade als Kaiser der Franzosen endete 1814.

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Suhl

Friedrich Koenig hatte in Leipzig Drucker und Setzer gelernt, ehe er etwa 1802 nach Suhl kam. Hier wollte er seine Vision einer schnelleren Drucktechnik umsetzen – Gutenbergs Handpresse schaffte höchstens 300 Bögen pro Tag. Gemeinsam

1810 Die ersten Modelle der „Doppelzylindermaschine“ verkauften Koenig und Bauer 1814 an die Times. 1817 gründeten sie bei Würzburg mit „Koenig & Bauer“ den heute ältesten und zudem zweitgrößten Druckmaschinenhersteller der Welt. Foto: bogart99

mit dem Mechaniker Wolfgang Kummer baute er in dessen Werkstatt 1803 eine neue Maschine, die als „Suhler Presse“ in die Annalen einging. Ihre Mängel jedoch ließen sich mit den verfügbaren Mitteln nicht beheben. Koenig suchte zunächst in Meiningen und ab 1806 in England sein Glück. Hier standen ihm der Buchdrucker Thomas Bensley als Geldgeber und Andreas Friedrich Bauer, ein Mechaniker aus Stuttgart, zur Seite. 1810 erhielt er das Patent für seine Tiegeldruck-Schnellpresse, die bis zu 400 Bögen in einer Stunde bedrucken konnte. Weitere Erfindungen führten zu 1.600 Drucken pro Stunde. Am 29. November 1814 wurde die Londoner „Times“ erstmalig auf einer von Koenig konstruierten Schnellpresse gedruckt. Ab 1822 hielt die neue Technik auch in Deutschland Einzug.


1816: Gewerbefreiheit wird gestrichen 1816, genau am 5. März, wird im wiedererstandenen Kurhessen eine neue Zunftordnung herausgegeben und damit auch im Kreis Schmalkalden die Gewerbefreiheit wieder abgeschafft. Die neue Ordnung änderte jedoch nichts am langsamen Verfall der Schmalkalder Industrie in dieser Zeit. „Kurhessen“ oder „Kurfürstentum Hessen“ bezeichnete ab 1815 die Landgrafschaft Hessen-Kassel, deren Landesherr seit 1803 zum Kurfürsten ernannt war. Nachdem Napoleon das Territorium 1807 aufgelöst und größtenteils in das Königreich Westphalen eingegliedert hatte, stellte der Wiener Kongress 1815 den Staat wieder her. Die gesamten vom Kurfürsten regierten Territorien wurden mit der Verwaltungsreform von 1821 einer einheitlichen Verwaltung unterstellt und waren bis zur preußischen Annektierung 1866 Mitglied im Deutschen Bund.

Blasebalg: Mehr Glut für die Glasbläser Glasschleifer Johann Georg Greiner Lauscha

Die Lauschaer Glaskünstler versuchten beständig, die Temperatur der Flamme beim Glasblasen zu erhöhen, denn ihr „Stiefelrohr“ – ein mit Öl betriebenes Lötrohr – lieferte wenig Hitze. Dem Glasschleifer Johann Georg Greiner, auch „Stürmers Jörg“

1820 genannt, gelang dies um 1820: Mittels Blasebalg, den er mit dem Fuß betätigte, entfachte er Flammen mit viel höheren Temperaturen, so dass sich rationeller arbeiten ließ und die „Lampenarbeiter“ auch größere Stücke formen konnten. Später erzielte Ludwig Müller Uri aus Lauscha mit einigen Veränderungen weitere Steigerungen der Leistung.

1827: Und wieder eine neue Gewerbeordnung Am 14. Februar 1827 tritt für Kurhessen erneut eine neue Gewerbeordnung in Kraft, die somit auch in Schmalkalden Gültigkeit hat.

1830: Das IHK-Vorbild moderner Prägung Am 20. Juni 1830 feiert die Handelskammer von Elberfeld und Barmen, heute zum nordrhein-westfälischen Wuppertal gehörig, die Genehmigung ihres Status: Sie hat sich in Deutschlands erstem großen industriellen Ballungsraum formiert und gilt als Vorbild der sich nun rasch entwickelnden Industrie- und Handelskammern moderner Prägung.

Zur gleichen Zeit in Sonneberg: Kommerzienrat Joh. Chr. Lindner hat die Grundzüge einer Handels- und Gewerbevertretung entworfen. Damit bildet Sonneberg noch 1830 einen „Handelsvorstand“, der bis 1860 tätig sein wird – um „die Beschwerden der Kaufleute untereinander auszugleichen, das Beste der Kaufmannschaft im Allgemeinen zu beraten und das Interesse der Arbeiter zu wahren“.

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PROLOG

Erste industrielle Thermometerherstellung in Deutschland Glasbläsergeselle Wilhelm Berkes und Mühlenbesitzer Franz Ferdinand Greiner Stützerbach

Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse haben zu unserem heutigen Temperaturbegriff und der dazugehörigen Temperaturskala geführt, während findige Köpfe über Jahrhunderte hinweg die Wärme über die Ausdehnung von Flüssigkeiten oder Gasen zu messen suchten.

durch Lampenglasbläserei mit den gängigen Glasperlen und Nippesartikeln auf, bis er den wandernden Glasbläsergesellen Wilhelm Berkes als Gehilfen einstellte. Sie entwickelten gemeinsam das erste deutsche Thermometer – Berkes brachte mit dem Wechsel zur Füllflüssigkeit Quecksilber den Durchbruch, Greiner erkannte das Potenzial dieser Entdeckung und ging zielgerichtet die industrielle

Fertigung an. Die gewerbliche Thermometerfertigung war geboren. Ab 1833 fertigte das ebenso innovative wie prosperierende Unternehmen 64 verschiedene Aerometer und Thermometer. Es legte so den Grundstein für die Entwicklung der „Thermometer-Industrie“ im Ilmenauer Raum und gilt zugleich als Pionier der gesamten deutschen Thermometer-Industrie.

1830 schließlich gelang in Stützerbach die Herstellung des

1830 ersten deutschen Thermometers: Franz Ferdinand Greiner hatte die väterliche Wassermühle in Stützerbach übernommen und besserte seinen Lebensunterhalt

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Karte des Heimat- und Geschichtsvereins Stützerbach aus dem Jahr 2008


Die ersten Laborgeräte, Glastextilien ... Lauscha

Und Glasblumen blühen: Die Südthüringer Glasbläser hatten ihre Waren selbst im Hausierhandel vertrieben, doch durch das Sonneberger Verlags-

gläser, pharmazeutische und chemische Laborgeräte sowie Isoliermaterial und Glastextilien aus Glasfasern. Sie alle wurden ebenso wie die Tiere und Puppen, Murmeln und Glasknöpfe aus dem Material der Glasröhren, die man im Ziehverfahren gefertigt hatte, vor der Lampe geblasen. Das galt auch für die künstlichen Augen für Menschen. Paris war ein Zentrum für Glasaugen,

1835

system übernahmen vielfach Großkaufleute den Verkauf. Durch deren weitreichende Kontakte zogen die Produkte international Kreise, doch zugleich wuchs unter den Heimarbeitern der Wettbewerb um Bestellungen. Das führte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu neuer Kreativität. Nun entstanden fantastische Glastiere, -blumen und -früchte sowie zauberhafte Parfumflakons, aber auch Verpackungs-

Glasaugen im Etui mit Schriftzug von Ludwig Müller-Uri Foto: Concord

doch 1835 fabrizierte der Lauschaer Glasmacher Ludwig Friedrich Müller-Uri unter Anleitung des Würzburger Prof. Dr. Adelmann Modelle, die diese an Optik und Tragbarkeit weit übertrafen. Der Absatz stieg so rasant, dass Elias Greiner Vetters Sohn 1853 die neue Farbglashütte Lauscha gründete. Die Einmaligkeit und das komplizierte Verfahren seiner Erfindung brachten Müller-Uri viele Ehrungen ein. Seit 2014 zeigt das „Museum für Glaskunst Lauscha“ eine einzigartige Sammlung von Glaserzeugnissen direkt an der traditionsreichen Farbglashütte mit authentischer Glasproduktion.

Erste Waffenfabrik in Deutschland Heinrich Schilling und Friedrich Klett Suhl

Die Suhler Handwerkskunst hatte sich schon jahrhundertelang als Waffenschmiede bewiesen, als 1838 die ersten Teile nicht mehr von Hand, sondern in Gesenkschmieden nach einem bestimmten Modell gefertigt wurden. Die Suhler Schmiede von Heinrich Schilling und Friedrich Klett, der „Schilling'sche Rohrhammer“, wurde so aufgrund der stei-

1838

genden Nachfrage der preußischen Armee zur ersten Waffenfabrik im modernen Sinne. Suhl gilt bis heute als „Waffenstadt“. Nachweislich wurden hier seit 1499 Harnische, Panzer und Schwerter gefertigt.

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PROLOG

1838: Unternehmen machen Dampf 135 Unternehmen gründen 1838 den Sonneberger Gewerbeverein „zur Hebung von Handel und Gewerbe“. Alle Stände waren vertreten. Der Verein hatte die Aufgabe „der Belebung und Förderung aller in Sonneberg und Umgegend ansässigen Gewerbe“. Im 19. Jahrhundert, besonders nach Gründung des Zollvereins 1834 mit den daraus erwachsenden Handelsmöglichkeiten, drängten die Selbständigen in Südthüringen verstärkt auf Bildung neuer Vereinigungen. Ihr Antrieb war der durch die Dampfkraft ausgelöste wirtschaftliche Aufschwung.

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Meilenstein in der Geschichte der Enzyklopädie Carl Joseph Meyer, deutscher Verleger und Gründer des Bibliographischen Instituts Hildburghausen

Conversations-Lexicon Verleger und Essayist Carl Joseph Meyer übersiedelte 1828 sein Bibliographisches Institut von Gotha nach Hildburghausen. Verlagsdruckerei und Institut beschäftigten bis zu 400 Personen: Bis 1850 wurden hier mit modernster Technik 25 Millionen

1839 Carl Joseph Meyer, 1796-1856 Foto: Stadtmuseum Hildburghausen

Bücher produziert. Das „große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände“, 1839 -1855 herausgebracht in 52 Bänden, zählt zu den wichtigsten Bucherscheinungen des 19. Jahrhunderts – ein Meilenstein der Enzyklopädie. 1874 erfolgte der Umzug der Einrichtung nach Leipzig.

Meyers Titelseite von 1840. Foto: Universitätsbibliothek Mannheim


1844: Der Sonneberger Handelsverein belebt das Geschäft

Tretkurbelfahrrad

Am 9. Juli 1844 wird in Sonneberg die Satzung des „Handelsvereins“ genehmigt, mit dem zehn kaufmännische Geschäfte aus Sonneberg die Ausweitung der Handelsbeziehungen anstreben. Sein Zweck ist die Förderung des Exports von Sonneberger Produkten besonders nach Übersee. Auf Vermittlung durch Herrn von Reuchlin erfolgen Lieferungen nach Ostindien, Griechenland, Brasilien, China und Ostasien. Der Verein bleibt bis 1858 aktiv.

Themar

Heinrich Mylius

Wie hat die Region Hildburghausen die moderne Mobilität in Gang gebracht? 1845 konstruierte der Mechaniker Heinrich Mylius in Themar aus Eisen und Holz ein Tretkurbelfahrrad – das erste seiner Art, das funktionierte. Es wog ca. 2 Zentner, doch furchtlose Fahrer schafften damit etwa 15 km/h. Die Bremse wirkt bei Verdrehen der Lenkstange auf das Hinterrad, der Sitz ist bereits gefedert!

1845 Heinrich Mylius, am 5. September 1813 in Friedrichsthal geboren und in Themar aufgewachsen, wollte ein Fahrrad zur schnelleren Fortbewegung konstruieren – mit Erfolg! Es ist heute in Themar zu besichtigen. Foto: Touristinformation Themar

1849: Zella legt erste KammerStatuten in Sachsen-Gotha vor Am 3. April 1849 stellt die BüchsenmacherInnung von Zella als erste ihr Statut zur Errichtung einer Gewerbekammer als übergeordnetes Organ in der Residenzstadt Gotha vor. Rund um Zella und Mehlis hatte die Gewehrhändler-Societät großen Einfluss gewonnen und übte u. a. erheblichen Druck auf das Handwerk aus. Sie hatte ihre Privilegien aus der Gewehr-Handlungs-Compagnie seit 1710 gepflegt und diese 1807 in eine geschlossene Gesellschaft umgewandelt. Jetzt aber war die Zeit reif, über 200 Jahre alte Vorschriften an die neuen Verhältnisse anzupassen – und das im gesamten Staat Sachsen-Gotha. Den Anfang machte die Residenzstadt Gotha selbst am 8. Dezember 1848 mit neuen Provisorischen Statuten für die Innungen, darin enthalten: Die Errichtung einer Gewerbekammer als übergeordnetes Organ! Als ständigen Ausschuss bildete die Kammer den Gewerberat, der Innungsangelegenheiten und das Gewerbegericht betreute. Zu ihren Aufgaben zählten zudem Begutachtungen in Handwerkssachen, Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Handels- und Fabrikstand und die Definition von Berufen, aber auch der enge Kontakt zu Staats- und Stadtbehörden. Als beratende Körperschaft konnte die Kammer Gesetzentwürfe beantragen und ausarbeiten.

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PROLOG

Die erste Christbaumkugel der Welt Ein Lauschaer Glasbläser Lauscha

Der Legende nach stammt die Idee, Kugeln aus Glas für den Christbaum herzustellen, von einem Lauschaer Glasbläser aus dem Jahr 1847. Er konnte sich die teuren Walnüsse und Äpfel nicht leisten und ahmte diese aus Glas nach. In einem erhaltenen Auftragsbuch eines Lauschaer Glasbläsers wurde 1848 zum ersten Mal ein Auftrag über sechs Dutzend „Weihnachtskugeln“ in verschiedenen Größen vermerkt. Auch Früchte und Nüsse aus bunt bemaltem Glas konnten bald als Einzelstücke an den Baum gehängt werden und imitierten den gewohnten, oft essbaren Christbaumschmuck. Ab 1860 funkelten die Kugeln und Formsachen, die man nun mit einer Silbernitratlösung von innen verspiegelte. 1880 dann entdeckte der US-Amerikaner Frank Winfield Woolworth, Begründer der Woolworth-Kaufhauskette, die gläsernen Christbaumkugeln aus Lauscha und importierte sie in die USA, wo sie eine riesige Nachfrage auslösten. In kürzester Zeit wurde die Produktion ausgeweitet, der Christbaumschmuck aus Lauscha eroberte die ganze Welt.

1847

Bis 1900 war eine reiche Formenvielfalt des schillernden Schmuckes entstanden und, mit Unterstützung des deutschen Kaiserhauses, der geschmückte Baum zum Inbegriff des festlichen Weihnachtsabends geworden.

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1849: Der Suhler Gewerberat Am 15. Dezember 1849 gibt der Magistrat von Suhl bekannt: Der Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten genehmigt für den Gemeindebezirk der Stadt die Errichtung eines Gewerberates gemäß Verordnung vom 9. Februar 1849. Dieser Gewerberat setzt sich zusammen aus neun Mitgliedern des Handwerkerstandes, fünf des Fabrikantenund fünf des Handelsstandes. Diese Gründung eines Gewerberats mitsamt Gewerbegericht ist von den im Suhler Raum ansässigen Unternehmen ausgelöst worden, die ein erhebliches Industriepotenzial im damaligen Kreis Schleusingen vereinten. Schon einmal hatte 1829 ein gewisser Hofrat Schellwitz die Bildung eines Gewerbevereins angeregt zwecks Förderung des Gewerbewesens, Organisation von Ausstellungen, Einrichtung von Sonntagsschulen zur Hebung der wissenschaftlichen Bildung aller Mitglieder usw. Dieser bestand aus drei Abteilungen mit insgesamt 22 Mitgliedern und wählte seine führenden Köpfe jährlich neu, verlor jedoch an Bedeutung und stellte etwa 1836 seine Tätigkeit ein.


Die erste Babypuppe: Der Täufling mit beweglichen Gliedern Kaufmann Edmund Lindner Sonneberg

Weltweit führend in der Glasmurmel-Produktion Johann Christian Simon Carl Greiner Lauscha

Märbelschere revolutioniert die Fertigung: Schon auf alten Gemälden sieht man Kinder mit Murmeln spielen, doch der Siegeszug der handgefertigten Glasmurmeln in Deutschland begann mit Johann Christian Simon Carl Greiner (genannt „alt Vetterle“) und seiner Märbelschere: Dank des neuen Werkzeugs ließen sich die bunten Kugeln viel schneller zuschneiden. Die „Märbel“ aus Lauscha erlangten rasch Weltruhm, mehrere Glashütten belieferten Europa und Übersee. Deutschland war bis zum Ersten Weltkrieg die führende Nation in der Murmelproduktion. Noch heute fertigt die „Elias“-Farbglashütte Lauscha die filigran gemusterten Kugeln für Sammler – aus Kristallglasstäben mit farbigen Fäden von Hand gezogen.

Die ersten Sonneberger Spielzeugmacher waren Drechsler und Schnitzer, die im 17. Jahrhundert von der Nähe zur Handelsstraße Nürnberg-Leipzig und den in Nürnberg ansässigen Spielwarenhändlern beflügelt wurden. Neben Holz griff man auf immer neue Materialien zu, 1930 schließlich wurde in 95 Orten Spielwarenproduktion betrieben. Motor waren auch hier findige Unternehmer, so der Sonneberger Kaufmann Edmund Lindner, der 1851 auf der Weltausstellung in London chinesische Gliederpuppen entdeckte. Eine nahm er mit heim und entwickelte sie weiter, bis es sich bei dem „Täufling“ um ein echtes Sonneberger Kind handelte: Im wahrsten Sinne, denn erstmals stellte diese Puppe nicht erwachsene Damen und Herren en Miniature dar, wie bis dahin in Europa üblich, sondern ein etwa 18 Monate altes Kind. Sie besaß bewegliche Arme und Beine und kam in ein Hemdchen gekleidet in den Handel; weitere Kleidungsstücke und ein Bettchen waren erhältlich.

1851

1849

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PROLOG

1861: Die Kaufleute gründen den Deutschen Industrie- und Handelskammertag Am 13. Mai 1861 konstituiert sich in einer ersten staatsübergreifenden Versammlung deutscher Kaufleute in Heidelberg der „Allgemeine Deutsche Handelstag“ – bis heute als „Deutscher Industrie- und Handelskammertag e. V.“ DIHK die Dachorganisation aller derzeit 79 deutschen Industrie- und Handelskammern. An diesem Montag im Mai 1861 erscheinen 91 Handelskammern und Korporationen, die nicht nur das Zentralorgan der deutschen Handelskammern gründen, sondern sogleich Verbesserungen für die Wirtschaft beschließen: Sie diskutieren Währung und Zölle, fordern einheitliche Maße und Gewichte.

Serienartikel erweitern das Sortiment Kloster Veilsdorf

Die künstlerisch geprägte Porzellanmanufaktur in Kloster Veilsdorf begann schon 1862/63 mit der Produktion von Serienartikeln: Knöpfe, Gardinenringe, Puppenköpfe und -körperteile, selbst technische Porzellane wurden ins Sortiment aufgenommen und steigerten, zunächst ohne größere Investitionen, das Produktionsvolumen erheblich.

1862

Ab 1918 wird der „Allgemeine Deutsche Handelstag“ dann „Deutscher Industrie- und Handelstag“ heißen – und als solcher 1934 vom NS-Regime aufgelöst werden. Die Gründung 1861 musste noch 31 (!) deutschen Einzelregierungen mitgeteilt werden; mit Bismarck – 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches – trug man wirtschaftspolitische Gefechte aus. Das Prinzip der ersten Stunde aber, der Ruf nach „Freiheit und Wettbewerb“, zieht sich wie ein roter Faden durch die IHK-Geschichte.

Türkische Kaufleute („Asien“) aus einem Tafelaufsatz, Porzellan, Kloster Veilsdorf, um 1776, Kunstgewerbemuseum Berlin, Inv. Nr. 87,560 Foto: FA2010

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1862 Herzogtum Sachsen-Meiningen: Gewerbefreiheit mit Aussicht 1862 wird am 16. Juni im Herzogtum Sachsen-Meiningen, in dem auch Sonneberg liegt, das Gesetz über das Gewerbewesen bekannt gegeben. Die neue Gewerbeordnung tritt am 1. Januar 1863 in Kraft. Sie führt die Gewerbefreiheit ein und stellt die Gründung von Handels- und Gewerbekammern in Aussicht.


1864: Sonneberg fordert Handels- und Gewerbekammer Am 24. Februar 1864 wenden sich die Sonneberger Kaufleute mit einer Eingabe an das Staatsministerium des Herzogtums in Meiningen: 21 Einzelpersonen und Firmen fordern nachdrücklich die Bildung einer Handels- und Gewerbekammer. Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826-1914) wurde 1866 regierender Herzog und durch sein Engagement für das Meininger Hoftheater bekannt als „Theaterherzog“. Foto: G. Wölfing, Kloster Veßra, 1994

1864 Neu: Der Gewerbeverein Suhl Am 6. April 1864 gründet sich der Gewerbeverein in Suhl. An der ersten ordentlichen Vollversammlung nehmen 49 Mitglieder teil. Neubegründer war Friedrich Eckold, erster Vorsitzender Reinhold Schlegelmilch.

1866 Neu: Der Bürger- und Gewerbeverein zu Zella und Mehlis Am 3. Februar 1866 gibt der neue Bürgerund Gewerbeverein zu Zella und Mehlis seine Statuten heraus.

1866 Neu: Die Handels- und Gewerbekammer Sonneberg Am 15. Dezember 1866 erstellt das Herzogliche Staatsministerium das Gründungsdokument für die Handels- und Gewerbekammer in Sonneberg. Die Kammer für diesen Verwaltungsbezirk besteht aus neun Mitgliedern. Erster Vorsitzender ist bis 1871 Louis Müller, anschließend bis zum 24. August 1873 Adolf Fleischmann und von da an bis zu seinem Tode am 18. Juli 1882 Bernhard Dietz. Seit 1863 galt im Herzogtum Sachsen-Meiningen die allgemeine Gewerbefreiheit, ebenso lange stand bereits die Zusage zur Kammer-Gründung im Raum. Anfang 1864 hatten Sonneberger Kaufleute eine Eingabe an den Herzog gerichtet, der daraufhin endlich das Verwaltungsamt in Sonneberg anwies, gemeinsam mit den Kaufleuten Statuten und Geschäftsordnung zu entwerfen. Am 2. Juli waren die Satzungen ausgearbeitet. Nach längeren Beratungen gab die Regierung am 25. Februar 1865 ihre Ergänzungsvorschläge bekannt. So wollte sie durch ein von ihr bestimmtes Organ vertreten sein und forderte für diesen Vertreter besondere Rechte – z. B. bei einem für die Regierung ungünstigen Verlauf den sofortigen Abbruch einer Sitzung zu bewirken. Solche Bevormundung allerdings wollte die Kaufmannschaft nicht dulden. Sie lehnte mit Eingabe vom 7. November 1866 die Forderung der Regierung ab und betonte nochmals die Zielsetzung einer Kammer. Mit Ausschreiben Nr. 23 der landesherrlichen Oberbehörden, Abteilung des Inneren, vom 15. Dezember 1866 schließlich genehmigte Herzog Georg II. als eine seiner ersten Amtshandlungen überhaupt die Errichtung und das Statut der Handels- und Gewerbekammer in Sonneberg. Damit war in Sonneberg erstmals eine Körperschaft des öffentlichen Rechts entstanden, um als Vermittler zwischen den Handel- und Gewerbetreibenden einerseits und der Regierung des Herzogtums anderseits zu fungieren. Mit Stolz konnten die Sonneberger in einem Schreiben von 1909 behaupten, die erste rechtlich anerkannte Kammer der Thüringischen Staaten überhaupt gewesen zu sein! Mit Beschluss vom 6. Dezember 1877 trat die Kammer auch dem 1861 in Heidelberg gegründeten Deutschen Handelstag als Zentralorgan der Handelskammern bei. Doch vorerst fand das Beispiel der Sonneberger Kammer als Interessenvertetung von Handel, Gewerbe und Industrie in den anderen Kreisen des Herzogtums Sachsen-Meiningen keine rechte Beachtung. Die Gründerjahre nach 1870 brachten dann aber einen solchen Aufschwung in Wirtschaft und Verkehr, dass weitere Gründungen einfach zur Notwendigkeit wurden.

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PROLOG

IHK – Und plötzlich waren es neun Der Bezirk der Industrie- und Handelskammer Südthüringen umfasst heute eine Fläche von rund 3.525 Quadratkilometern, in der rund 392.500 Einwohner in rund 29.000 Unternehmen aktiv sind. Der Einzugsbereich grenzt im Norden an den IHK-Bezirk Erfurt, im Osten an Ostthüringen und im Süden und Westen an die Bundesländer Bayern bzw. Hessen. Er setzt sich zusammen aus den Landkreisen Schmalkalden-Meiningen, Hildburghausen, Sonneberg, Ilm-Kreis und der kreisfreien Stadt Suhl. Die Anfangszeit ihrer industriellen Entwicklung war vor allem durch große Mobilität geprägt. Es gab Unmengen von Holz, wie sie z. B. für die Erzverhüttung, die Glasherstellung, aber auch die Köhlerei benötigt wurden. So errichtete man schlichte Hütten gleich mitten im Wald; war der Holzvorrat erschöpft, zog man weiter und baute am nächsten Standort eine neue Hütte. Ähnliches galt für die Gewinnung u. a. von Eisenerz, Kupfererz oder den Schieferabbau. Nach und nach jedoch suchten die Gewerke zunehmend die Nähe der einstigen Handelsstraßen und wurden sesshaft, was den Transport der hergestellten Waren ebenso sicherte wie die Versorgung mit Ausgangsstoffen. Die weiterverarbeitenden und dienstleistenden Gewerbe folgten; die Bevölkerung wuchs, die zunehmende Gewerbetätigkeit musste geordnet werden. Handwerker und Händler schufen sich ihre Regeln in Zünften,

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Gilden und Innungen, den Vorläufern unserer heutigen Industrie- und Handelskammern. Als die ersten Handels- und Gewerbekammern entstanden, nahm das Herzogtum Sachsen-Meiningen einen Großteil des heutigen Südthüringens ein und umfasste weite Teile der Landkreise Meiningen, Hildburghausen und Sonneberg. Zur preußischen Provinz Sachsen gehörten große Flächen des Landkreises Hildburghausen um Schleusingen und die kreisfreie Stadt Suhl. Teile des Ilm-Kreises wurden von den Schwarzburgern regiert. Zella-Mehlis wiederum war Bestandteil des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha und Schmalkalden stellte eine Exklave des Kurfürstentums Hessen-Kassel dar. In der Folge des Preußisch-Deutschen Krieges von 1866 wurde das Kurfürstentum zusammen mit Schmalkalden 1867 von Preußen einverleibt und gehörte ab 1868 zur preußischen Provinz Hessen-Nassau. In diesen Staaten galten verschiedenste Gesetze, und gravierende Unterschiede in der Handhabung des Zunft- und Konzessionswesens prägten das wirtschaftliche Leben. Immer nachdrücklicher forderten Handel und Gewerbe als unterstützende Plattform der Wirtschaftsaktivitäten eine Kammer – tatsächlich wurden es neun! Allein im Herzogtum Sachsen-Meiningen kam es infolge unterschiedlicher industrieller Entwicklung zur Entstehung von vier Kammern: In Sonneberg, Hildburghausen, Meiningen und Saalfeld organisierte man sich eigenstän-


dig, doch der einstmals preußische Teil Südthüringens – der Kreis Schleusingen mit der Stadt Suhl – gehörte zur Handels- und Gewerbekammer Erfurt. Der heutige Kreis Sonneberg um Neuhaus am Rennweg gehörte zur Kammer Rudolstadt. In Arnstadt widerum bestand für Schwarzburg-Sondershausen eine siebte Kammer. Schmalkalden kam als Teil der preußischen Provinz Hessen-Nassau zum IHK-Bezirk Kassel; für Zella-Mehlis war die Kammer in Gotha zuständig. Schon in der 130 Jahre-Chronik von 1996 hält der Chronist daher fest:

„A

us dem bisher Gesagten ist erkennbar, daß eine geradlinige Chronik der Südthüringer Industrie- und Handelskammer – bezogen auf den heutigen territorialen Wirkungsbereich – nicht möglich ist. Die folgenden Ausführungen können sich somit nur über einzelne ausgewählte Kammern bzw. Gebiete erstrecken und sind stellvertretend für die anderen anzusehen. Der Zweck der Kammern und deren Vorläufer, der Entwicklung von Handel, Industrie und Gewerbe dienlich zu sein, ist ja allen gleich.“

Es gab Unmengen von Holz, wie sie z. B. für die Erzverhüttung, die Glasherstellung, aber auch die Köhlerei benötigt wurden. So errichtete man schlichte Hütten gleich mitten im Wald; war der Holzvorrat erschöpft, zog man weiter. Foto: Privat

Handwerker und Händler schufen sich ihre Regeln in Zünften, Gilden und Innungen – die Landesherren mischten sich mit „landesherrlichen Verordnungen“ ein, wie hier Herzog Bernhard zu Sachsen-Meiningen am 16. Juli 1862. Fotos: Thüringisches Staatsarchiv

Wie bestrebt die Menschen in diesem Landstrich aber stets waren, sich selbständig die nötigen Strukturen zu schaffen, zeigen schon ab dem 17. Jahrhundert die Meilensteine.

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PROLOG

Einen „lieblichen Thalgrund“ in Südthüringen empfiehlt „Die Gartenlaube“ 1866 als Zufluchtsort vor den drohenden „kriegerischen Begebnissen“.

Die Welt um 1866 Stellen wir uns die Welt um 1866 ohne Autos und Telefone vor. Immerhin wurde der „Fernsprechapparat“ erst zehn Jahre später erfunden: Der Schotte Alexander Graham Bell erwirkte dieses Patent 1876. Und es dauerte ein weiteres Jahrzehnt bis zur Geburtsstunde des „Motorwagens“, den Carl Benz 1886 anmeldete – unter dem „Reichspatent Nr. 37435“, denn 15 Jahre zuvor hatte sich das Deutsche Reich gegründet und 1877 das lange geforderte einheitliche Patentgesetz geschaffen.

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Doch noch besteht Deutschland aus 31 Einzelregierungen mit all ihren eigenen Regelungen für Post und Verkehr, Export und Zölle. Die Mode hat die Herren gerade von Glanz und Seide des Biedermeier befreit. Die Industrialisierung schreitet voran und die Unternehmer kleiden sich immer praktischer, ganz langsam setzen sich Sakko und Jackett durch. Darunter trug man das „Unterkleid“. Unterhosen führte erst das Militär ein, sie werden sich allerdings rasant verbreiten. Der Anzug ist 1866 noch nicht im Straßenbild aufgetaucht.


Immer wieder treffen sich die Unternehmer, um ihre Angelegenheiten zu besprechen. Zu den Versammlungen, die zur IHK-Gründung im heutigen Südthüringen führten, wird man zu Fuß oder, wenn man es sich leisten konnte, mit der Kutsche gekommen sein. Viele Wege sind steil, im Winter beschwerlich, aber „... so reizend und waldfrisch, daß, wer es einmal kennen, es sicher auch lieben lernt.“ So jedenfalls schildert im Jahr 1866 „Die Gartenlaube – ein illustrirtes Familienblatt“ die sogenannte „Thüringer Romantik“.

Kanonendonner im Naturparadies Doch diese Romantik wird bald gestört: Der Deutsche Krieg − auch als Preußisch-Deutscher oder Siebenwöchiger Krieg bekannt – hatte bereits im Mai 1866 Fahrt aufgenommen, als Bayern unter Ludwig II. zur Mobilmachung rief und sich auf die Seite Österreichs schlug. Italien hielt am Bündnis mit Preußen fest, in Frankeich hoffte Kaiser Napoleon III. auf außenpolitische Erfolge, wenn Österreich und Preußen gegeneinander antraten. Sie waren die zwei großen Rivalen im Deutschen Bund, der seit dem Wiener Kongress 1815 die Sicherheit Deutschlands sowie die Unabhängigkeit seiner einzelnen Staaten gewährleisten sollte. Praktisch jedoch behinderte er die Einigungsbestrebungen unter den deutschen Kleinstaaten; es bestand weder ein einheitliches Maß- und Münzsystem noch ein übergreifendes Postwesen oder gemeinsames Heer. Stattdessen gab es unzählige Zoll- und Handelsschranken, die die wirtschaftliche Entwicklung hemmten. Während Österreich dem Deutschen Bund als Präsidialmacht vorstand, wollte Bismarck nach dem Deutsch-Dänischen Krieg (1864) die Machtfrage endgültig entscheiden und forderte den Ausschluss des Nachbarn. Anfang Juni 1866 erließ erst Österreich, dann auch Preußen ein Kriegsmanifest.

„E

s war ein herrlicher Morgen in den ersten Tagen des Juni, als ich mit einem Freunde den lieblichen Thalgrund hinauffuhr, der sich hier öffnet. Kaum ist das stattliche Dorf passirt, so schieben sich die nächsten Höhen links und rechts auseinander und die lieblichste Waldlandschaft entfaltet sich vor unsern Blicken. An den steilen Berg lehnen sich die Häuser des Dorfes eng an, besonders rechts und links vom Gasthofe, der mit seiner hochaufwärts führenden Steintreppe einer Herberge aus alter Zeit gleicht, als die Knappen der Burg mit den Thalbewohnern beim frischen Trunk zusammensaßen da, wo jetzt ein treffliches gesundes Bier den Durstigen labt. Als ein ganz besonderer Vorzug muß neben seiner eigenen wunderprächtigen Lage die Nachbarschaft einer Reihe hochromantischer und weitberühmter Punkte des Thüringer Waldes hervorgehoben werden.“ Aus: „Die Gartenlaube“, Heft 26, S. 411 - 414, Verlag von Ernst Keil, Leipzig 1866 [gekürzt]

„D

er Frühling grünt und blüht, schön und wonnig wie nur je, er lockt hinaus zu wandern über Berg und Thal. Die Zeit ist da, wo sonst der Tourist seine Sommerfahrten beginnt, wo die große und die kleine Welt die Koffer packt für die Thüringer Wälder und Harzer Berge. Wer aber denkt heuer an Lustreisen und Sommerfrischen, wenn rundum die Kanonen drohen? Im Geiste nur versetzt man sich jetzt in jene glücklichen Tage und stillen Naturparadiese, im Geiste nur – oder als Flüchtling, um aus den Wirren und Aengsten der Gegenwart sich zu retten. Wir führen den Leser heute nach einem Asyl in den Thüringer Bergen, das, abseits der großen Heerstraße, alle mögliche Aussicht auf Schutz und Sicherheit vor den kriegerischen Begebnissen verspricht und doch dem großen Verkehrsnetze nahe genug liegt, um von Verbindungen und Nachrichten nicht abgeschnitten zu sein.“

Aus: „Die Gartenlaube“, Heft 26, S. 411 - 414, Verlag von Ernst Keil, Leipzig 1866 [gekürzt]

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PROLOG Premiere: Das Rote Kreuz auf dem Schlachtfeld Zur ersten Schlacht kam es am 26. und 27. Juni beim heutigen Bad Langensalza. War diese Schlacht auch nicht entscheidend, so markiert sie doch zwei Meilensteine im weiteren Geschichtsverlauf: Zum einen fand hier der weltweit erste Einsatz des Roten Kreuzes auf einem Schlachtfeld statt. 30 Freiwillige, erkennbar an weißen Armbinden mit einem roten Kreuz, durften als Neutrale mit Verbandsmaterial, Tragbahren und Getränken auf das Schlachtfeld. Zum anderen zeichnete sich die bessere Ausrüstung der preußischen Armee ab. Zwar musste sie sich in Langensalza, da zahlenmäßig unterlegen, zunächst zurückziehen. Insgesamt aber siegte Preußen und Deutschland ordnete sich neu: Der preußische König Wilhelm I. wurde mit der Reichsgründung 1871 zum Deutschen Kaiser proklamiert, Fürst Otto von Bismarck der erste Reichskanzler. Seinen weltweit ersten Einsatz hatte das Deutsche Rote Kreuz im Deutschen Krieg 1866 – hier die Versorgung von Verwundeten vermutlich im Juli 1866 im bayrischen Kissingen. Foto: DRK

Konkurrenten um die Macht im Deutschen Bund: Der Österreichische Kaiser Franz Josef I . (18. August 1830 auf Schloss Schönbrunn, nahe Wien; † 21. November 1916) ...

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... und Fürst Otto von Bismarck (*1. April 1815 in Schönhausen (Elbe); † 30. Juli 1898 in Friedrichsruh bei Hamburg), Kanzler von Preußen.


Eine thüringische Erfindung beeinflusst das Weltgeschehen Es war eine thüringische Erfindung, die hier im Weltgeschehen mitmischte: das Zündnadelgewehr, 1827 in Sömmerda entwickelt durch Kommerzienrat Johann Nikolaus von Dreyse. Die preußische Armee war die erste, die ihre gesamte Infanterie mit den Zündnadel-Hinterladern ausstattete. Der Geschichtsforscher Ralph Anton aus Blankenhain (Weimarer Land) schildert:

„N

ur wenige Beobachter waren sich völlig darüber im Klaren, wie ungeheuer groß die Überlegenheit der preußischen Infanteriebewaffnung ist. Die österreichische Infanterie war mit einem Vorderladergewehr ausgerüstet, die preußische Armee dagegen mit einem Hinterlader, dem Zündnadelgewehr. Diese neue Waffe hat zwei enorme Vorteile: Ihre Feuergeschwindigkeit ist dreimal so hoch wie beim Vorderlader. Und sie kann vom Schützen im Liegen geladen werden; während ein Soldat, der mit dem Vorderlader bewaffnet ist, zum Laden aufstehen muss und sich dadurch gegnerischem Feuer aussetzt.“

Damals die Revolution auf dem Schlachtfeld, heute wohlgehütet im Schwedischen Armeemuseum in Stockholm: Frühe Exemplare des Dreyse'schen Zündnadelgewehrs (1841). Foto: Armémuseum, Stockholm

Im Suhler Haus Rüsse hat sich 1863 Simson eingerichtet. Foto: Archiv Fajas/E. Dähn

Preußens Sieg: „Startschuss“ für einzigartige Firmenentwicklung Die preußischen Erfolge im Deutschen Krieg 1866 brachten schnell auch andere Staaten dazu, ihre Infanteriebewaffnung umzustellen. Das hatte im südthüringischen Suhl weitreichende Folgen. Hier betrieben die beiden Brüder Löb und Moses Simson seit 1862 die Firma „Gebr. Simson“, im Suhler Handelsregister als Bajonett- und Ladestockfabrik geführt. 1863 holten sie den Mechaniker und Handwaffenspezialisten Karl Luck hinzu und expandierten zur Gewehrfabrik „Simson & Luck“ – im wahrsten Sinne des Wortes der „Startschuss“ zu einer über Jahrhunderte reichenden Wirtschaftsgeschichte mit dramatischen Höhen und Tiefen.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945

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Von Spitzentanz zu Spitzentechnologie Porzellan und Südthüringer Unternehmergeist – oft werden sie in einem Atemzug genannt. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist die Region im Porzellanfieber erblüht. Nach 1871 setzt ein regelrechter Gründungsboom ein: 1895 gibt es in Thüringen 878 Porzellanunternehmen mit 15.762 Beschäftigten. Die Künstler unter ihnen schaffen Meisterstücke, Spitzentänzerinnen, Rokokogruppen, Ziergegenstände mit reichem Blumenbelag und feinster Malerei. Bald entsteht auch Gebrauchsgeschirr und man entdeckt die Vorzüge des Materials – hoch hitzebeständig, säurefest und elektrisch nicht leitend – für Chemie und Medizin, Elektrotechnik und Fahrzeugbau. In den heutigen Werken ist Porzellan ein hochmoderner, ständig weiterentwickelter Werkstoff mit Zukunft; entlang der „Thüringer Porzellanstrasse“ indes bewahren 13 Museen und 19 Manufakturen u.a. in den Landkreisen Hildburghausen, Sonneberg und Ilm-Kreis die kunstvolle Schönheit.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945

1866 Infolge des Krieges von 1866 gelangt Kurhessen und somit auch Schmalkalden in Preußischen Besitz. Die Preußischen Gesetze bieten Gewerbefreiheit und wesentlich erweiterte Freizügigkeiten.

1869 Der erste Bericht der Handels- und Gewerbekammer Sonneberg zu den Jahren 1867/1868 erscheint handgeschrieben. Den Vorsitz der Kammer, die 1866 mit 9 Mitgliedern gegründet wurde, hat bis 1871 Louis Müller. Ab 1875 erscheinen ihre Berichte bereits gedruckt.

1870 24.02.1870 Bekanntgabe des Preußischen Gesetzes über die Handelskammern.

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Knöpfles pressen „wie geschmiert“

1870 Heimarbeiter Neidnicht

Kloster Veilsdorf Landkreis Hildburghausen

Polstermöbel, geziert von Nägeln mit einem Porzellankopf – das war im ausgehenden 19. Jahrhundert groß in Mode. Die Nachfrage war enorm, der Werkzeugaufwand gering und also ideal für Heimarbeit: Man presste die Porzellanmasse in eine Form, setzte einen Stempel mit Zapfen auf, drückte mit dem Holzhammer und zog den Pressling aus der Form. So einfach der Vorgang war – er machte immer dann Probleme, wenn das Teil in der Form stecken blieb und somit nicht zu gebrauchen war.

Der Heimarbeiter Neidnicht wird wohl geflucht haben, als auch noch seine Lampe herunterfiel und ihr Öl über die Porzellanmasse ergoss. Materialverlust kam nicht in Frage, also machte er weiter – und nun glitt der Pressling aus der Form wie geschmiert. Seine Knöpfe ließen sich auch in der Fabrik einwandfrei brennen, wo seine enorme Leistungssteigerung bald auffiel. Dem wurde Anerkennung gezollt und Heimarbeiter Neidnicht zum Oberpresser in der Veilsdorfer Porzellanfabrik.

Knöpflespress, die erste mechanische Formpresse

1872 Neidnicht, Pommer, Weller

Kloster Veilsdorf Landkreis Hildburghausen

Nun suchte Neidnicht gezielt nach Verbesserungen; mit seinem Kollegen Weller und dem Tischlermeister Pommer aus Veilsdorf wollte er das Porzellan-Pressen mechanisieren. Auf Basis einer Kartoffelpresse – wie für die Thüringer Klöße – gelang ihnen 1872 die Konstruktion der ersten mechanischen Formpresse für Porzellan. Die ersten beiden „Knöpflespressen“ bewährten sich so hervorragend, dass die Fabrik sie für 40 Gulden erwarb.


1872

Eines der ersten Püppchen mit Schlafaugen aus der Werkstatt von Heinrich Stier, Sonneberg: Die Vollwachspuppe ist etwa 20 cm groß und originalbekleidet mit Babydoll und Haube. Passend zu ihren winzigen Wachstuchschuhen gibt es noch ein weißes Röckchen samt Strohhut – und ihr original gepolstertes Reisekörbchen. Foto: Auktionshaus Wendl, Rudolstadt

In Schmalkalden vereinigen sich der 1855 gegründete Gewerbeverein und der Handwerkerverein zum Handels- und Gewerbeverein. 13.12.1872 Erlaß des Königlichen Handelsministeriums über die Reorganisation der Handelskammern in der Preußischen Provinz Sachsen: Ab April 1873 gehören die Stadt Suhl und der Kreis Schleusingen zum Handelskammerbezirk Erfurt.

Waschbare Puppen und „Schlafaugen“

1878 Heinrich Stier

Sonneberg Landkreis Sonneberg

Schon zu Beginn des Jahrhunderts hatten steigende Holzpreise die Spielzeugmacher gezwungen, alternative Rohstoffe zu finden: Sie entwickelten eine Art „Brotteig“ aus Schwarzmehl und Leimwasser, der sich ideal modellieren ließ. Um 1815 stieß man auf Papiermaché und kreierte eine Masse, die sich sogar in Formen gießen ließ. Das ermöglichte erstmals

die Serienproduktion. Auf der ständigen Suche nach Verbesserungen gelang es 1878 dem Fabrikanten Heinrich Stier, waschbare Puppen herzustellen. Stier erfand auch das sogenannte „Schlafauge“. Heute heißen solche Puppenkinder „Schlummerle“: Legt man sie hin, fallen ihnen die Augen zu.

1874 30.11.1874 Das neue „Gesetz über den Markenschutz“ schützt Bildmarken durch Eintrag in das Reichswarenzeichenregister, abgekürzt R.W.Z.R. Porzellan-Hersteller lassen ihre Marken fleißig eintragen, sodass Sammler dieses Kürzel bis heute kennen.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945

1877 25.05.1877 Die Industrie drängt auf weitere Regelungen zu Patent-, Muster- und Markenschutz. An den Beratungen im Reichskanzleramt wirkt Kommerzienrat Adolf Fleischmann als Delegierter der Handels- und Gewerbekammer Sonneberg mit (er war 1871-1873 auch deren Vorsitzender). Sofort nach Herausgabe des Patentgesetzes gehen erste Anmeldungen ein, bis Jahresende sind es bereits 3.212 Anträge, zu denen noch 190 Patente erteilt werden. Im Folgejahr wächst die Zahl der Anmeldungen auf 5.949, 4.200 Erfindungen werden angenommen.

06.12.1877 Die Handels- und Gewerbekammer Sonneberg beschließt den Beitritt zum Deutschen Handelstag.

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Vakuumgefäße aus Glas

1881 Firma Greiner & Friedrichs Stützerbach Landkreis Ilm-Kreis

1881 fertigte die Firma Greiner und Friedrichs das erste wärmeisolierende, doppelwandige Vakuumgefäß aus Glas gemeinsam mit dem Chemnitzer Ingenieur Adolf Ferdinand Weinhold. Er hatte die „Weinholdsche Flasche“ vorher aus Metall erfunden. 1890 verspiegelte der englische Chemiker James Dewar die Innenwände, sein „Dewar-Gefäß“ steigerte den Isolier-Effekt.

Als 1881 in England die Produktion von Glühlampen gelang, ging der Produktionsauftrag an Greiner und Friedrich, die sogleich vertraglich die Zulieferung großer Mengen übernahmen. Erster in Deutschland war wohl der Thüringer Glasbläser Carl Heinrich Florenz Müller. In Hamburg stellte er ab 1882 – ein Jahr nach Bekanntwerden von Edisons Glühlampe in Europa – Glühlampen her.

Gewehrsystem

1884

Carl Wilhelm Aydt Suhl

Für sein neues Gewehrsystem erhielt Carl Wilhelm Aydt ein Patent und vielfaches Lob, so im Mai 1885 in der Fachzeitung „Der Waffenschmied“: „Der Fachmann wird auf den ersten Blick erkennen, daß wir es hier nicht mit einer geringfügigen Veränderung

bereits bekannter Systeme zu thun haben, sondern mit einer wirklich neuen, sinnreichen Erfindung“, schwärmt Redakteur Richard Bornmüller, selbst ein Gewehrfabrikant aus Suhl. An Einfachheit, Solidität, leichter Reinigung und Handhabung

sei „eine sehr hohe Stufe der Vollkommenheit“ erreicht. Aydt gehörte zu den „legendären Konstrukteuren des königlich-preussischen Gewehrfabrik-Kommissars Carl Gottlieb Haenel“, die seit 1840 Jagd- und Präzisionswaffen gefertigt haben.


1881 Gräfenroda: Die Wiege der Gartenzwerge

1884 Philipp Griebel

Gräfenroda Landkreis Ilm-Kreis

Die Geschichte des Gartenzwergs beginnt im Tal der „Wilden Gera“ in Gräfenroda. Hier eröffnet der gelernte Tierkopfmodelleur Philipp Griebel 1874 seine Werkstatt, fertigt Tierköpfe auf Maß für Geweihe sowie Tiere aus Ton und etwa ab 1880 die ersten „Gnome“. Sie sind meist 68 cm groß und eigentlich Modelle von „Bergmännern mit Bart und Zipfelmütze“. Als Griebel sie 1884 auf der Leipziger Messe präsentiert, treten sie ihren Siegeszug an: Um 1900 sind in Gräfenroda allein 15 Terrakottawerke damit beschäftigt, die Nachfrage zu decken; die „Gnömchenmacher“ füllen die Zwergenwelt mit Fliegenpilzen und Waldbewohnern. Zugleich haben sich ab 1869 von Leipzig aus die nach dem Arzt Daniel Schreber benannten

Familiengärten rasant verbreitet. Hier halten die Gnome triumphalen Einzug, als sie durch industrielle Fertigung erschwinglich werden. „In den Schrebergärten der Fabrikarbeiter dürfte der Begriff Gartenzwerg etwa um 1930 entstanden sein“, vermutet Thomas Brinkmann, der sich für den Zwergenpark in Trusetal mit der Historie befasst hat. Dort hat Frank Ullrich 1996 „eine Art Nationalpark für Gartenzwerge“ auf rund 5.000 qm errichtet. Derweil hat Reinhard Griebel in Gräfenroda ein Museum über die Geschichte der Gartenzwerge geschaffen, die eng mit seiner Familie verbunden ist: Nachdem das Land Thüringen 1948 die Herstellung von Gartenfiguren verboten hatte, wuchs das Familienunternehmen bis 1970 wieder auf 23 Beschäftigte an, wurde 1972 jedoch als „VEB Terrakotta“ verstaatlicht. 1990 gelang Reinhard Griebel der Neuanfang: Heute produziert die Manufaktur Gartenzwerge in der 4. Generation, jährlich bis zu 5.000 Stück. Mittlerweile sollen sich in deutschen Gärten rund 20 Millionen Zwerge tummeln.

11.12.1881 Gründung der Handelsund Gewerbekammer in Meiningen durch Ministerielles Ausschreiben – sie umfaßt die Amtsgerichtsbezirke Meiningen, Salzungen und Wasungen.

1883 20.06.1883 Die Handels- und Gewerbekammer Sonneberg ändert ihre Statuten: Die Mitgliederzahl wird von bisher 9 auf 21 erhöht.

1884 12.01.1884 Gründung der Handelsund Gewerbekammer Hildburghausen durch Ministerielles Ausschreiben – sie umfaßt die Amtsgerichtsbezirke Eisfeld, Heldburg, Hildburghausen, Römhild und Themar und besteht aus 13 Mitgliedern.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945

1891 01.10.1891 Zur geplanten Verbesserung des Markenschutzund Patentgesetzes hat sich die Sonneberger Kammer 1889 und 1890 gutachterlich geäußert und an den Verhandlungen zum geplanten Gebrauchsmustergesetz regen Anteil genommen. Dabei konnte Kammermitglied Ph. Samhammer im Reichstag alle Anträge der Region wirksam vertreten. Das neue Gebrauchsmustergesetz tritt 1891 mit dem revidierten Patentgesetz in Kraft. Ergänzungen zum Markenschutz trifft ab Oktober 1894 das „Gesetz zum Schutze der Warenbezeichnungen“.

„Ehrhardt-Speichenrad“

1885 Heinrich Ehrhardt

Zella-Mehlis Landkreis Schmalkalden-Meiningen

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Freude nutzten selbst die führenden Maschinenbaufabriken seine Patente und entrichteten Lizenzgebühren. Doch noch immer waren ihm die Prozesse zu unwirtschaftlich. 1885 schließlich gelingt ihm das „Ehrhardt-Speichenrad“: Es wird aus einem Stück gepresst, ist dadurch preiswerter herzustellen und deutlich langlebiger. Es erhält Patent Nr. 87030 und beschleunigt maßgeblich die Kraftfahrzeugentwicklung (siehe auch „Automotive“).

Die ersten nahtlosen Rohre

1894 1891 Gründung der ersten Auslandshandelskammer in Brüssel.

Um 1880 wurden Eisenbahnräder aus mehreren Teilen zusammengeschweißt. Nach etwa 25.000 km Fahrt hatte sich ihre Lauffläche „kaltverformt“ und musste erneuert werden. Das Abdrehen eines Radsatzes dauerte bis zu 12 Stunden und führte regelmäßig zu Überlastungen der Eisenbahnwerkstätten. Der Metallbauer Heinrich Ehrhardt aus Zella erfand ein Verfahren, das die Leistung prompt verdreifachte, indem man laut Patent „in einem Arbeitsgang mit einem ersten Stahl die harte Schicht aufreißen muß und im gleichen Zuge weitere Stähle zur Fertigbearbeitung nutzt.“ Auf dieser Basis schuf er eine Drehbank, auf der man statt einem nun fünf Räder zugleich bearbeiten konnte. Zu seiner

Heinrich Ehrhardt

Zella-Mehlis Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Am 28. Januar 1891 erteilt das Kaiserliche Patentamt Heinrich Ehrhardt Patent Nr. 67921 für sein „Verfahren zum Lochen und gleichzeitigen Formgeben von Eisen- und Stahlblöcken in erhitztem Zustand“, das unzählige Experimente endlich mit Erfolg krönt. Für sein neues Press- und Ziehverfahren folgt am 21. April 1892 das Patent Nr. 73005. Die so gefertigten Rohre und

Hohlkörper sind in der Industrie ebenso gefragt wie beim Militär, bei Reedereien, der Eisenbahn sowie in der Gas- und Wasserversorgung.


Die erste Röntgenröhre

1895 Wilhelm Conrad Röntgen, Max Gundelach, Firma Greiner und Friedrichs, Glasbläser Carl Heinrich Florenz Müller Gehlberg Stützerbach Landkreis Ilm-Kreis Hamburg

Drei Orten wird die Herstellung der ersten Röntgenröhre zugeschrieben, doch alle wurzeln in Südthüringen: 1895 Gehlberg und Stützerbach 1874 kam Franz Schilling aus Stützerbach nach Gehlberg und übernahm mit Emil Gundelach eine Glashütte. Er brachte nützliches Wissen in chemischer Labortechnik mit. Gundelachs Sohn Max und sein Bruder führten die Hütte weiter. Max Gundelach hatte an der Universität Heidelberg Wilhelm Conrad Röntgen getroffen, der 1895 die X-Strahlung entdeckte. Gundelach und Mitarbeiter Röntgens arbeiteten in Gehlberg an der Produktion einer Röntgenröhre. 1897 bedankte sich Röntgen in einer Publikation bei ihnen und den Stützerbacher Glasbläsern der Firma Greiner und Friedrichs. Beide hatten Glasröhren mit verschiedenen Anoden und Kathoden geliefert, wie es auch Zeichnungen und Entwürfe zeigen. In welcher der Glashütten die erste Röntgenröhre entstand, lässt sich nicht belegen. Die industrielle Herstellung erfolgte in Gehlberg, wo 1928 „den Arbeitern der Firmen Gundelach und Schilling, die aus Unkenntnis der schädlichen Wirkung von Röntgenstrahlen“ gestorben waren, ein Gedenkstein gesetzt wurde.

1896 Sohn der Glasbläser-Region in Hamburg Doch auch der Glasbläser Carl Heinrich Florenz Müller, der 1865 eine Glaswerkstatt in Hamburg eröffnet hatte, spielt eine tragende Rolle: Die Glasmacherfamilie Müller ist seit 1567 in Thüringen nachgewiesen, zuerst in Langenbach/Schleusingen im Landkreis Hildburghausen. Vorfahr Christoph Müller hatte 1597 mit Hans Greiner die Glashütte in Lauscha gegründet. Carl H. F. Müller, 1845 in Piesau geboren, folgte 1863 dem ebenfalls aus der Lauschaer Region stammenden Glasbläser C. P. Greiner nach Hamburg, wo sich dieser auf medizinische Geräte spezialisiert hatte. Ab 1865 fertigte Müller in eigener Werkstatt zunächst künstlerisch gestaltete Gläser, doch 1882 – ein Jahr nach Bekanntwerden von Edisons Glühlampe in Europa – soll Müller bereits die ersten und besten Glühlampen in Deutschland gefertigt haben. Und nach Bekanntwerden von Röntgens X-Strahlen versuchte er sich umgehend an solchen Röhren. Im März 1896 soll Müllers erstes Röntgengerät am Krankenhaus Eppendorf in Betrieb gegangen sein. 1899 erhielt Müller das deutsche Reichspatent Nr. 113430 auf eine Röntgenröhre mit wassergekühlter Anode. Seine Firma „C.H.F. Müller“, nun als „Röntgen-Müller“ bekannt, ging 1927 mit dem Philips-Konzern zusammen. Als AG produzierte sie in der Röntgenstr. 24/26 in Hamburg-Fuhlsbüttel mit Philips als Großaktionär, bis 1988 firmierte sie unter dem Namen des Firmengründers. Wenige Wochen nach Entdeckung durch die Glasmacher realisiert: Die erste Röntgenröhre. Foto: Daderot

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945

1898 05.06.1891 12 mitteldeutsche Handelskammern gründen in Magdeburg den „Verband deutscher Handelskammern“.

Im Jahr 1900 brachte der Auftritt des Weihnachtsmannes auf der Pariser Weltausstellung, von Reinhard Möller und seinen Schülern attraktiv in Szene gesetzt, den Sonnebergern ihren ersten Weltausstellungs-Grand-Prix.

1899 30.07.1899 Herausgabe des Gesetzes zur Bildung einer Handelskammer in Schwarzburg-Sondershausen. Sie besteht aus 15 Mitgliedern, davon 9 aus der „Oberherrschaft“ mit Arnstadt und Gehren sowie 6 aus der „Unterherrschaft“ mit Sondershausen und Ebeleben. Kommerzienrat Rudolf Rieck aus Arnstadt leitet die Geschicke der Kammer. 01.09.1899 Die Handelskammer zu Kassel gründet in Schmalkalden einen „Localausschuss“ mit 9 Mitgliedern, Bankier Fritz Gumprich wird Vorsitzender.

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Weltausstellung: Grand Prix für Sonneberg

1900 Industrieschule Sonneberg unter Direktor Reinhard Möller

Sonneberg Landkreis Sonneberg

Längst ist Sonneberg mit Spielzeug, Glas und Porzellan zur regen Gewerberegion erblüht. Die Unternehmen legen Wert auf guten Nachwuchs, seit 1883 bildet die „Industrieschule Sonneberg“ u. a. Modelleure und Gestalter für die Spielzeug- und keramische Fertigung aus. Schon das erste gemeinschaftliche Exponat der Sonneberger Industrie, von Industrieschuldirektor Reinhard Möller konzipiert und durch seine Schüler realisiert, wird auf der Weltausstellung in Chicago 1893 zum Erfolg. Der Auftritt eines

Weihnachtsmannes, auf festlichem Schlitten mit Rentieren gestaltet, bringt auf der Pariser Weltausstellung 1900 erstmals den Grand Prix. Der sagenhafte Triumph wiederholt sich 1910: Die Kollektivgruppe „Thüringer Kirmes“ ist erneut von Möller und seinen Schülern attraktiv in Szene gesetzt und gewinnt den Grand Prix der Weltausstellung in Brüssel. Ab 1912 entwerfen Lehrkräfte und Schüler unter der Leitung von Karl Staudinger für die Stadt Sonne-


berg Broschüren und Notgeldscheine und werden zur Gestaltung öffentlicher Gebäude hinzugezogen. 1927 geht die Industrieschule als Kunstgewerbliche Fachschule in die Trägerschaft des Landes über und wird 1995 in die „Staatliche Berufsbildende Schule Sonneberg“ integriert. Sie ist Deutschlands einzige Schule, die den Beruf des Spielzeugherstellers anbietet.

Aus ungeklärten Umständen ist die Weihnachtsmanngruppe im Jahr 1900 aus Paris nicht mehr zurückgekommen. Fachschüler rekonstruierten sie 1999 nach Fotos für eine Ausstellung in Hamburg-Altona.

1900 31.07.1900 Die Handels- und Gewerbekammer Sonneberg meldet ihre Mitgliedschaft im Verband mitteldeutscher Handelskammern an.

1908 Die „Thüringer Kirmes“ in ihrer originalen Aufstellung für die Weltausstellung in Brüssel 1910 auf einer zeitgenössischen Postkarte. Fotos (3): Staatliche Berufsbildende Schule Sonneberg

22.07.1908 Der XIII. Verbandstag mitteldeutscher Handelskammern findet in Sonneberg statt. Der Verband zählt jetzt 21 Mitglieder.

1909 10.08.1909 Eine Ergänzung der Statuten der Handels- und Gewerbekammern im Herzogtum Sachsen-Meiningen mittels landesherrlicher Verordnung bewirkt eine wesentliche Erweiterung der Befugnisse sowie die Angleichung an Preußisches Recht.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945

Älteste Spezialsammlung für Spielzeug

1901 Auf Initiative des Lehrers Paul Kuntze

Sonneberg Landkreis Sonneberg

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Sonneberg um 1900: Der Ort mit noch nicht 15.000 Einwohnern ist international bekannt als Reich der Puppen und berühmt als „Werkstatt des Weihnachtsmannes“. Es ist der Berufsschullehrer Paul Kuntze (1867-1953), der den Stolz auf die Region in einem Museum verkörpern und das Geschaffene als Vorbild dokumentieren will. 1901 entsteht das „Industrie- und Gewerbemuseum des Meininger Oberlandes“, das heute als Deutsches Spielzeugmuseum Sonneberg die älteste Spezialsammlung des Landes beherbergt. Die großzügigen Schenkungen der einheimischen Verleger – prachtvolle Spielzeugmusterbücher und -kataloge des 19. Jahrhunderts – hat es über zwei Kriege bewahrt, zudem zarte Puppen aus Brotteig, Papiermaché oder Porzellan, Holzspielzeug, Teddybären und Modelleisenbahnen … Bei einem Zuwachs von jährlich rund 1.000 Exponaten zählt das Deutsche Spielzeugmuseum heute über 100.000 bemerkenswerte Objekte.


Von der Thermoskanne zur Luxus-Uhr

1903 Reinhold Burger Berlin Langewiesen Landkreis Ilm-Kreis

Reinhold Burger (1886-1954): Durch Einbau eines Vakuums entwickelte er die Thermoskanne. Foto: Museumsdorf Baruther Glashütte

Am 1. Oktober 1903 registrierte das Kaiserliche Patentamt eine Erfindung des Glastechnikers Reinhold Burger: Die Thermoskanne. Zuvor hatte der britische Chemiker James Dewar das Weinholdsche Isoliergefäß durch Verspiegelung der Innenwände perfektioniert. Burger experimentierte mit den „Dewar-Gefäßen“, die zur Isolierung von verflüssigter Luft verwendet wurden, und fragte sich: Warum nicht auch heiße oder kalte Getränke? Dafür konstruierte er stabile äußere und bruchfeste innere Zylinder. 1906 gründete Burger die Thermos-Gesellschaft mbH in Berlin, doch verkaufte er sie 1909 – da er sich eher als Forscher denn

als Kaufmann sah – inklusive Reichspatent und geschütztem Warenzeichen an die eigens gegründete Berlin-Charlottenburger Thermos-Aktiengesellschaft für 495.000 Reichsmark. Ab 1927 produzierte die Thermos AG, später VEB Thermos, im Südthüringer Glasbläserort Langewiesen. Hier hatte Carl Mittelbach 1904 auf 22.000 qm die Glashütte „Camico“ – Carl Mittelbach und Co. KG – gegründet, die neben Thermometern und Glasinstrumenten dann auch Thermosflaschen herstellte. Nach der Enteignung wurde aus Camico „Thermos“ – ein staatlicher Betrieb, der bis 1994 u. a. die original Thermosflaschen fertigte, in Spitzenzeiten mit bis zu 500 Beschäftigten. 1991 wird die „Thermos GmbH” von der „Thermos Limited England” übernommen, 1994 jedoch endgültig geschlossen. Seit 2010 aber lebt die Marke „Camico“ wieder: Claudia Schubert-Otto, Ururenkelin von Carl Mittelbach, vermarktet unter diesem Label Damenuhren mit handgefassten Swarovskisteinen und einem Clip für alle, die sie statt am Handgelenk z. B. am Gürtel tragen wollen.

1918 Der Deutsche Handelstag (DHT) heißt jetzt Deutscher Industrie- und Handelstag (DIHT), um die wachsende Bedeutung der Industrie zu zeigen, und übernimmt die Koordination der dualen Berufsausbildung.

1919 12.12.1919 Der Landtag SachsenMeiningens nimmt die Denkschrift zum Beitritt zur Thüringer Staatengemeinschaft an. Diese besagt u. a., dass die IHK in Sonneberg bestehen bleiben und speziell für Spielwaren sowie Glaserzeugnisse „südlich und auf dem Thüringer Wald“ ausgebaut werden soll.

1920 01.05.1920 Bildung des Landes Thüringen

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945

1921 Mit Änderung des Handelskammergesetzes wird u. a. das „gleiche Wahlrecht“ eingeführt und die Wahl somit, wie seit dem 19.01.1919 gesetzlich verankert, auch Frauen zugestanden. Nach Machtergreifung des NSDAP-Regimes wird ihnen dieses jedoch bald wieder entzogen.

1923 10.02.1923 Gesetz über die Industrie- und Handelskammern in Thüringen: Die bisherigen 11 Handelskammern in Altenburg, Arnstadt, Gera, Gotha, Greiz, Hildburghausen, Meiningen, Rudolstadt, Saalfeld, Sonneberg und Weimar werden aufgelöst und dafür 3 neue Kammern gebildet – die Ostthüringische IHK in Gera, die Mittelthüringische IHK in Weimar und die Südthüringische IHK in Sonneberg.

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Aschenbecher-Automat

1909 H. A. Erbe AG

Schmalkalden Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Auch heute noch bekannt: Aschenbecher, die nach einem von der H.A.Erbe AG in Schmalkalden erfundenen Prinzip funktionieren: Durch Druck auf eine herausstehende Spindel dreht sich ein Teller abwärts und befördert so die Tabakreste in den umgebenden Behälter. Nach Loslassen der Spindel geht alles per Rückholfeder in seine Ausgangslage zurück.

Wellschere und Onduliereisen

1910 Friedrich Adolf Recknagel, Firma Rommel, Heinrich Eger

Steinbach-Hallenberg Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Gleich mehrere Frisiergeräte aus Südthüringen prägten die deutschen Haarmoden für lange Zeit. Die „Wellschere“ meldete Friedrich Adolf Recknagel aus Steinbach-Hallenberg am 18.10.1910 zum Patent an; am 15.05.1914 folgte das „Onduliereisen mit selbsttätig verschiebbaren Ondulierschiffchen“ der Firma Rommel. Diese hatte 1913 kurz nach Heinrich Eger auch einen „Elektrischen Haarbrennapparat zum Kreppen der Haare“ angemeldet. Anders als die bis dahin üblichen Kreppapparate musste das Gerät nicht mehr über einer Flamme erhitzt werden; das Risiko, die Haarpracht zu versengen, sank beträchtlich.


„Selbsttätiges Füllen mit stehender Schnecke“

1910 Karl Wiszler

Breitungen Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Entscheidend für das Gelingen von Porzellanbrand sind das richtige Verhältnis und die Verbindung der Zutaten. Damit befaßte sich Karl Wiszler aus Winnemühle Post Farnbach. Er entwickelte „Verfahren und Vorrichtung zum selbsttätigen Füllen von Mischmaschinen mit stehender Schnecke von jeder beliebigen Behälterstelle aus“ und erhielt am 8. November1910 das Reichspatent Nr. 253262.

Neue Verbindungstechnik für Laborgeräte: Normschliff

1924 Firma W.K. Heinz Firma Greiner und Friedrichs Stützerbach Landkreis Ilm-Kreis

1924 erfand die Stützerbacher Firma W.K. Heinz eine neue Technik zur Verbindung äußerer und innerer Glasgefäße: den austauschbaren Kegelschliff. Erhältlich war das System nur für eigene Geräte.

1924 01.04.1924 Eine neue Verordnung zum Reichsgesetz ersetzt den Begriff „Handelskammer“ durch „Industrie- und Handelskammer“, um die zunehmende Bedeutung der Industrie im Wirtschaftsleben zu dokumentieren.

1925 01.01.1925 Errichtung einer Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer Kassel in Schmalkalden anstelle des bisherigen Localausschusses; ihre Leitung übernimmt der Rechtsanwalt Dr. jur. Adolf Otto.

Vier Jahre später entwickelte die Firma Greiner und Friedrichs, ebenfalls aus Stützerbach, darauf basierend ein einheitliches Schliffsystem. Dieser „Normschliff“ war als Baukastensystem für alle Hersteller gedacht und revolutionierte so die Fertigung von Laborteilen und -gerätestets.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945

1931 16.04.1931 Die Vollversammlung der Kammer in Sonneberg wählt für die Zeit vom 01.04.1931 bis 31.03.1935 ihren Vorstand, darin 20 Vertreter der Industrie, 5 des Großhandels, 9 des Einzelhandels.

Fahrradglocken aus Zella-Mehlis

1926 Wissner AG

Zella-Mehlis Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Fahrräder aus dem Hause Simson waren in den 1920er Jahren sehr beliebt, deshalb siedelten sich Zulieferer in der Umgebung an. Einer davon war die Wissner AG in Zella-MehIis, die sich auf die Herstellung von Läutwerken spezialisiert hatte. Bekannt und von den Radfahrern geschätzt wurde ihre Fahrradklingel mit dem Ton einer „Kuckucks-

1933 18.03.1933 Einrichtung einer Aufsichtsbehörde für die Thüringer Industrie- und Handelskammern in Weimar mit Bestellung eines ehrenamtlichen Beauftragten, der wiederum für Sonneberg einen Unterbeauftragten beruft. Zunehmend wandelt die nationalsozialistische Diktatur die Kammern um zu Instrumenten der staatlichen Wirtschaftspolitik.

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Abwiegelöffel

1926 H. A. Erbe AG

Schmalkalden Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Mehl oder Zucker wurde in den 1920er Jahren zum Verkauf häufig einem Schubkasten entnommen und vor den Augen der Kunden abgewogen. Aus dieser Zeit stammt das Gebrauchsmuster „Abwiegelöffel“ der Firma H. A. Erbe. Seine Formgebung bestach, da er nach dem Ablegen stehen blieb und man zudem damit in jede Ecke eines Kastens reichen konnte.

glocke“, für das man sich am 23. Februar 1926 das Patent Nr. 349026 sicherte. Weitere Patente sollten die Reparatur von Klingeln erleichtern. Ab 1936 war die „Fahrrad-Trillerglocke“, die man sogar auch im Ausland anmeldete, mit dem Patent Nr. 659708 geschützt. Bei ihr sollte ein Klappern während der Fahrt nicht mehr auftreten.


Dosenöffner und Korkenzieher

1927 A. W. Rommel

Steinbach-Hallenberg Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Mit dem Aufkommen der Konservendosen im 19. Jahrhundert ergab sich unweigerlich die Frage: Wie öffnen? Es heißt, oft wurden Bajonette benutzt, denn die ersten Dosen waren vor allem für die Soldaten im Feld gedacht. Mit der Qualität aber stieg die „zivile“ Verbreitung. Die Lösung aus Steinbach-Hallenberg war so funktionell, dass sich das Prinzip bis heute erhalten hat. Das Patent vom 14. Dezember 1927 beschreibt: „Beim Gebrauch wird das Messer dicht am Deckel einer Dose eingestoßen, das Zahnstück an den Rand gedrückt und am Griff derart hin und her bewegt, dass die Zähne gegen das Büchsenmaterial greifen.“

Der Korkenzieher, vermutlich im 17. Jahrhundert erfunden, erforderte viel Kraft, bis die Firma A.W. Rommel 1928 das Flaschenöffnen mit einer „2 in 1“-Lösung revolutionierte: „Nunmehr schraubt man das Gewindeteil soweit in den Kork, bis die Stützen auf den Flaschenrand zu stehen kommen. Durch einen leichten Druck der seitlichen Hebel nach unten hebt sich der Kork leicht und bequem aus der Flasche. Im geschlossenen Zustand stellt der Hebeldruckkorkenzieher einen Kapselheber dar.“ Die historische Korkenzieherwerkstatt in Steinbach-Hallenberg erzählt heute vom Erfindergeist der Korkenziehermacher, die über 130 Patente und Gebrauchsmuster zur Anmeldung brachten.

Graphitform für Soffittenlampen

1928 Gustav Eiternick Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Eine Soffittenlampe (im Elektrofach auch Soffitte genannt) ist ein zylinderförmiges Leuchtmittel, dessen zwei Kontakte an den gegenüberliegenden Enden angebracht sind – wie man sie etwa als Schilder-, Bilder- oder Vitrinenbeleuchtung kennt. Die Voraussetzungen dafür schuf die Entwicklung einer Graphitform

für Soffittenlampen durch Gustav Eiternick. 1928 gründete er in Ilmenau die Firma „O. Gustav Eiternick – Erste Deutsche Werkstätte für Glasbläsereiformen“. Noch heute steht Graphit im Zentrum des Unternehmens, das Urenkel Stefan Andrä mit „Grafittechnik“ betreibt.

1933 11.07.1933 Herausgabe des Thüringer Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über die IHK: Allgemeine Einführung des Führerprinzips und Ernennung eines Kammerpräsidenten. Berufung eines Beirates von 13 Mitgliedern. In Meiningen und Saalfeld werden Außenstellen eingerichtet.

1934 17.02.1934 Gesetz zur Vorbereitung des Organischen Aufbaues der deutschen Wirtschaft: Der Reichswirtschaftsminister wird ermächtigt, die Führer von Wirtschaftsverbänden zu bestellen und abzuberufen, Satzungen zu ändern sowie Neugründung, Auflösung oder Verschmelzung von Wirtschaftsverbänden vorzunehmen.

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1934 20.08.1934 Verordnung des Reichswirtschaftsministers über die Industrie- und Handelskammern: Nun erfolgt die Staatsaufsicht nicht mehr durch die Länder, sondern durch den Reichswirtschaftsminister.

1935

Berühmt durch James Bond: Die Walther PPK

1931 Fritz Walther

Zella-Mehlis Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Der Industrie- und Handelstag (DIHT) wird aufgelöst und die wirtschaftliche Selbstverwaltung aufgehoben.

1936 Neues Patentgesetz.

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produktion Millionen Waffen her. Doch 1945 blieben Fritz Walther nur einige Zeichnungen und gut 80 Patente, als er bei Ulm den Neustart wagte. Dort und in Arnsberg begeht die Carl Walther GmbH 2016 ihr 130jähriges Bestehen – heute als weltweiter Lieferant von Polizei-Pistolen und Sportwaffen für Olympia. Bei Sammlern begehrt: Vorkriegsmodelle mit der Gravur „Zella-Mehlis“.

Das erste wirklich ablesbare Fieberthermometer

1939 1933

26.01.1939 Die Industrie- und Handelskammer Südthüringen weiht in Sonneberg ihr neuerbautes Dienstgebäude ein.

1931 entwickelt Fritz Walther in Zella-Mehlis die „Walther PPK“ als besonders kompakte Pistole, ideal für verdecktes Tragen bei der Polizei und bei Behörden. Weltbekannt aber wird sie als „die Waffe von James Bond“, denn in den Romanen von Ian Fleming wie in den Verfilmungen taucht sie namentlich auf. Schon 1886 hatte Walthers Vater Carl in Zella St. Blasii das Familienunternehmen begründet, Jagd- und Scheibenbüchsen u. a. mit Aydtsystemen gefertigt und sich ab 1908 mit Selbstladepistolen befasst. In den Weltkriegen stellte man im Zuge der Rüstungs-

Keiner, Schramm & Co. GmbH Gehlberg Landkreis Ilm-Kreis

Die Erfindung des Fieberthermometers, wie wir es heute kennen, begann bei Heinrich Geißler, der dazu die besonders geformten Kapillare entwickelte. In seiner südthüringischen Heimat versuchten Unternehmen, die sich bereits auf die Produktion allgemeiner Thermometer spezialisiert hatten, das Instrument weiter zu verbessern. So erwies sich

das Ablesen des Messwertes wegen der dünnen Kapillare als extrem schwierig. 1933 löste die Keiner, Schramm & Co. GmbH in Gehlberg das Problem: Sie verlängerte die Kapillare am oberen Ende und füllte diesen Teil mit farbiger Flüssigkeit – schon konnte der Benutzer das Ende des Quecksilberfadens und damit den Wert hervorragend sehen.

Foto: Carl Walther 2016

ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1866 - 1945


Kein Patent für die beleuchtete Handtasche

1936 Hammermühle

Steinbach-Hallenberg Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Ein Erfinder aus der Firma Hammermühle in Steinbach-Hallenberg hatte die Idee, eine „Handtasche mit Leuchteinrichtung“ zum Patent anzumelden. Als wichtigsten Patentanspruch formulierte er am 14. März 1936, die Handtasche sei u. a. „... dadurch gekennzeichnet, daß eine Leuchtvorrichtung eingebaut ist, die wahlweise zur Beleuchtung des Tascheninneren wie auch für die Außenbeleuchtung benutzt werden kann.“ Dieser Antrag wurde am 28. Dezember 1937 zurückgewiesen.

Schraubenzieher für elektrische Zwecke

1938 Hammermühle

Steinbach-Hallenberg Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Vielfach profilierte sich die „Hammermühle“ als Werkzeugfabrik. Davon zeugt das Patent „Mehrfachwerkzeugsatz“ von 1934 ebenso wie der „Schraubenzieher für elektrische Zwecke“ aus dem Jahr 1938: Das Neue an dieser bis heute nützlichen Erfindung war eine auf dem Klingenschaft angebrachte drehbare Hülse aus Isoliermaterial zum Schutz vor elektrischen Schlägen.

1942 20.04.1942 Nationalsozialistische Verordnung über die Vereinfachung und Vereinheitlichung der Organisation der gewerblichen Wirtschaft.

1945 Die Russen besetzen den Osten Deutschlands und übernehmen die Kontrolle der wichtigsten Unternehmen. 01.09.1945 Unter sowjetischer Militäradministration kommen der Kreis Schmalkalden sowie große Teile des früheren Regierungsbezirks Erfurt zu Thüringen. Dr. jur. Rudolf Paul wird zum Präsidenten des Landes Thüringen ernannt. Neue Gesetze der Siegermächte - Befehl Nr. 1079 der sowjetischen Besatzungsmacht besagt: Alle Patente militärischen Charakters sind abzuliefern.

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Die Macher Aus Südthüringen kommen Überflieger, Erfinder, herausragende Unternehmer, Künstler – und u. a. die weltbekannte Fassung des Weihnachtslieds „Oh Tannenbaum…“. Hoch über den Tannen fliegen die WeltklasseSportler. Foto: ddp

Die Menschen der Region – Macher des Erfolgs Wenn man am Telefon nicht hört, woher jemand stammt, dann muss es wohl hochdeutsch sein. Ist da nicht ein weicher Hauch …? Doch schon im nächsten Ort klingt der Zungenschlag wieder anders. Woran kann man den Charakter einer Region ausmachen, ihrer Überflieger, Erfinder, Unternehmer, Künstler? Zuhause, Ziele, Zukunft – dahinter stecken die Menschen einer starken Region.

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Wer in Südthüringen anruft, kann längst nicht immer heraushören, wo er gelandet ist, und der „Uiswäardije“ mag schon mal meinen, er sei in Hessen oder Franken. Da gibt es die Mainfränkischen Dialekte – Itzgründisch, Hennebergisch und Grabfeldisch. In der Rhön und im Nordwesten werden eher Westthüringische bzw. Osthessische Mundarten gesprochen, nicht zuletzt das Rhöner Platt. Die auffällige Mischung führen Sprachforscher auf den ständigen Wechsel der Machtverhältnisse zurück, den die Region im Laufe der Geschichte erlebte.


Auf den Spuren der Alemannen So wird vermutet, dass Alemannen das Gebiet durchzogen und Orten mit der Endung „-ingen“ und „-ungen“ ihre Namen gaben. Beispiele sind Meiningen, Breitungen oder Wasungen – in der hiesigen Mundart Breidje und Woasinge, worin bereits das typisch Melodische der Region anklingt. Auch das weiche „B“ für „W“ bei Fragewörtern oder die Bezeichnung „Nächde“ für Gestern, wie es in der Rhön und im Hennebergischen vorkommt, weist auf germanische Vorfahren hin, denn diese zählten nicht die vergangenen Tage, sondern die Nächte.

des Thüringer Waldes, aber natürlich spiegeln Wirtschaftskraft und Arbeitsleistung nur einen Teil der Seele, die die Menschen der Region ausmachen. Ihre Taten reichen weit über die Heimat hinaus. Werke, die die Welt bewegen, hat die Region zahlreich hervorgebracht, und das auf den unterschiedlichsten Gebieten: Neben wegweisenden Erfindern sind z. B. Sportler, Schauspieler und Musiker über die Grenzen des Freistaates hinaus berühmt geworden.

Zum Beispiel: Oberhof „Was hast du gestern eingekauft?“ heißt dann „Boas hoast dou nächde ihn'käuft?“ Und der Ort Steinbach-Hallenberg – seit dem Mittelalter zusammen mit Schmalkalden die Wiege der deutschen Werkzeugindustrie – heißt daheim liebevoll „Steimich“ (Steinbach).

Vom Thüringer Wald in die ganze Welt

Der Wintersport etwa ist weltweit ohne die Namen aus Südthüringen nahezu undenkbar. Das beginnt schon mit dem Ort Oberhof: Seit 1861 kommen Gäste, um dort Wintersport zu treiben. Bereits zur Kaiserzeit hatte der höchstgelegene Luftkurort der Region jährlich zwanzigmal so viele Besucher wie Einwohner. Heutzutage sind es rund 278mal so viele: 2014 hießen die 1.634 Einheimischen exakt 453.985 Touristen willkommen.

Heute bildet Steinbach-Hallenberg das Zentrum der Werkzeug- und Kunststoffindustrie im IHK-Bezirk. Der Kurort (!) ist mit mehr als 200 Industriearbeitsplätzen je 1.000 Einwohner industrieller Spitzenreiter der Region. Südthüringen definiert sich vielfach über seine intensive Industrie inmitten

Berühmt wurde Oberhof spätestens, als man 1906 eine Bobbahn und Skisprunganlage baute. Bobfahrer und Nordische Kombinierer richteten 1931 erstmals ihre Weltmeisterschaften hier aus. „Wer etwas auf sich hielt, erholte sich in Oberhof. Zu den Gästen gehörten UfA-Stars wie Marlene

Steinbach-Hallenberg und Schmalkalden sind seit jeher bekannt für ihr Bergbau- und Handwerkzeug, Bohrer, Messer, Essbestecke u. v. m. aus der Metallverarbeitung – hier Teile der Marken „Smalcalda“ bzw. „WMW“ des ehemaligen VEB Werkzeugkombinats Schmalkalden. Foto: Thomas0303

Biathlon-Wettkampf in Oberhof Foto: Tourismus GmbH Oberhof

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Die Macher Dietrich und Willy Birgel, ihnen folgten Nazigrößen wie Joseph Goebbels und nach 1945 dann die DDR-Größen Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Ulbricht“, schildert Klaus Taubert 2010 im „Spiegel“. 1947 gründete sich der gewerkschaftliche FDGB-Feriendienst, der Urlaub in Oberhof an Werktätige vermitteln sollte. 75 private Hotels und Pensionen gab es 1950 in der Gemeinde am Rennsteig; 1951 waren die Inhaber zwangsdeportiert, ihre Rückkehr ebenso wie ihre Aufnahme bei Verwandten oder Freunden am alten Wohnort bei Strafe verboten, der Tourismus in Oberhof verstaatlicht und in Volkseigentum überführt. Anträge auf Rückgabe oder Entschädigung konnten meist erst nach 1989 gestellt und geregelt werden.

Mattenskispringen – die Erfindung aus Zella-Mehlis Heute ist der Olympiastützpunkt Thüringen mit dem Wintersportzentrum Oberhof Heimat für sieben Olympische Wintersportdisziplinen und Schauplatz internationaler Wettkämpfe, die ebenso hochkarätig sind wie die Sportler der Region. Einer von ihnen war Hans Renner, vor dem Zweiten Weltkrieg Mitglied der deutschen Skisprungnationalmannschaft. 1954 wurde er Skisprung-Trainer an seinem Heimatort, beim SC Motor Zella-Mehlis, sowie des Nationalteams der DDR-Skispringer. Um die Leistung zu steigern, wollte er das Training bereits im Sommer starten und nutzte die Gleitfähigkeit feuchter PVC-Matten. Am 20. November 1954 wurden 15.000 Zuschauer Zeuge des ersten öffentlichen Mattenskispringens an der heutigen Jugendschanze in Oberhof. Renner ließ seine Idee patentieren, die sich zum devisenträchtigen DDR-Exportschlager entwickelte. Zahlreiche weitere Innovationen für den Sport stammen aus Südthüringen, seien es Ski, Skiroller, Gleitschuhe, Schlitten-Neuheiten, Verbesserungen bei Sport- und Jagdwaffen oder fürs Eisstockschießen. Und die Ski der Kultmarke Germina hatten sogar das „Fliegen“ gelernt: Ab 2010 prangte das fluege.de-Logo auf den Langlauf- und Sprungski aus Floh-Seligenthal. Die Unister-Gruppe war angetreten, „zwei attraktive Flugthemen miteinander zu verbinden“ und hatte unter dem Namen fluege.de-Sprungskiproduktions-GmbH die Produktionsanlagen übernommen. Das Logo warb somit telegen für eines der größten deutschen Airline-Portale im Internet und zugleich für die Skier. Denn laut Internationalem Skiverband (FIS) darf auf deren Unterseite nur der Name der Ski-Marke stehen. Seit den Olympischen Winterspielen 2014 wurde dieser „Werbetrick“ jedoch erneut heftig diskutiert und das Verbot wieder in den Vordergrund gestellt. Zum Ende der Saison 2015/16 beendete fluege.de sein Marketing-Engagement, die S.K.I. GmbH & Co. KG übernahm die Anlagen wieder zurück.

Der Deutsche Richard Freitag mit fluege.de-Skiern beim Weltcup 2014 in Engelberg. Foto: Clément Bucco-Lechat

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Biathletin Andrea Henkel, mehrfache Weltmeisterin und Doppelolympiasiegerin. Foto: Бисмарк

Wintersport-Ikonen im Dienst der Wirtschaft Dort kam 1990 Sascha Benecken zur Welt und wurde 1999 Mitglied des Rodelteams Suhl. Den bisher größten Triumph konnten er und sein Team-Kollege Toni Eggert mit Silber im Doppel und Gold in der Teamstaffel bei den Weltmeisterschaften 2012 in Altenberg feiern. Der erfolgreiche Rennrodler engagiert sich vielfältig. 2016 wirkt er schon zum vierten Mal als Schirmherr beim Schulwettbewerb der IHK Südthüringen „besteneunte“ mit: Weil immer mehr Unternehmen gute Auszubildende suchen, bietet er allen Neuntklässlern der 45 Regelschulen im IHK-Bezirk einen Leistungsansporn.

Sport: Weltmeister und Olympiasieger Ungeachtet dessen glänzen die Sportler der Region kontinuierlich in ihren Disziplinen.1996 z. B. gewinnt der gebürtige Schmalkalder Sven Fischer bei den Biathlon-Weltmeisterschaften Silber mit der deutschen Staffel. Rennrodler David Möller, 1982 in Sonneberg geboren, wird mehrfacher Weltmeister, Europameister, Weltcupsieger und holt 2010 Olympia-Silber. Andrea Burke (1977, geb. Henkel) aus Großbreitenbach hat das Sportgymnasium Oberhof besucht und seit ihrem 13. Lebensjahr in Oberhof trainiert. Nach ihrem Doppel-Olympiasieg 2002 war die Biathletin bis 2012 dreimal Weltmeisterin, 2007 Doppelweltmeisterin und 2008 gar dreifache Weltmeisterin. Auch ihre Schwester Manuela Henkel, die Skilangläuferin, wurde Weltmeisterin und holte 2002 olympisches Gold in der Langlauf-Staffel. Sie verkauft in Oberhof ihre eigene Modekollektion: Neuartige warme Winterröcke – sie nennt sie „Jacken für die Beine“. Jens Filbrich wurde 1979 in eine sportbegeisterte Suhler Familie geboren. 2001 gewann der Skilangläufer die Weltmeisterschaft und 2002 Bronze bei den Olympischen Spielen. Neben den Weltmeistertiteln 2003, 2005, 2007 und 2009 holte er bei den Olympischen Spielen 2006 Silber und 2010 den sechsten Platz in Vancouver. Genau dort errang André Lange seinen historischen Sieg: Er ist der erste Bobfahrer, der, neben 45 Weltcupsiegen, viermal Olympia-Gold heimbrachte – und damit der bislang erfolgreichste Bobpilot der Welt. Fans des Bobsports wüssten, informierte die „Thüringer Allgemeine“ 2010, dass „Bärchen“ in Ilmenau aufwuchs, später für Oberhof startete und dann nach Suhl zog.

Auch Kati Wilhelm, 1976 in Schmalkalden geboren, stellt sich als Wintersport-Ikone in den Dienst der Wirtschaft vor Ort. Nachdem die mehrfache Biathlon-Weltmeisterin und Olympiasiegerin 2014 in Steinbach-Hallenberg ihr Restaurant „Heimatlon“ eröffnete, ist sie jetzt für die ARD weltweit als Sport-Expertin unterwegs – und für die IHK Südthüringen als Botschafterin. Bei der „BerufsErlebnisMesse“ 2016 in Schmalkalden z. B. steht sie jungen Menschen Rede und Antwort zur Berufsorientierung in Tourismus, Hotellerie, Gastronomie oder Freizeitwirtschaft in Südthüringen. Diese bilden eine

Rennrodler Sascha Benecken (r.) und Südthüringens IHK-Präsident Dr. Peter Traut (l.) 2014 mit der Siegerklasse der „Joseph Meyer“-Schule aus Neuhaus. Foto: IHK Südthüringen

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Die Macher erfolgreiche Branche, denn auch im Sommer hat der Thüringer Wald viel zu bieten. Marcel Kittel aus Arnstadt könnte eine lebende Werbung für dessen Wander- und Radwege sein: Der Radrennfahrer holte den Weltmeistertitel im Juniorenbereich und 2010 Bronze bei der Weltmeisterschaft.

Theatergrößen und Fernsehstars Auch Peter Liebaug aus Arnstadt war Leistungssportler, er wollte eigentlich im Olympia-Zehnkampf antreten. 1987 entschied er sich aber für ein Schauspiel-, Gesang- und Tanzstudium und trat u. a. an den Landestheatern Schleswig-Holstein und Hessen auf. Ab 2008 stand er als Schauspieler und Entertainer auf den Clubschiffen der AIDA-Flotte auf der Bühne. Von Stationen wie Karibik, Asien, Grönland und Amerika kehrte er 2014 in die Heimat zurück und wirkt seitdem als Ensemblemitglied am Südthüringischen Staatstheater in Meiningen mit. Dort war 1930 Irmgard Düren, geborene Schmidt, zur Welt gekommen, die im DDR-Fernsehen zur Berühmtheit wurde. Sie spielte in zahlreichen Filmen und moderierte große Unterhaltungsshows. Von 1960 bis 1975 rief sie jeden Sonntagnachmittag „Wünsch Dir was“ in die Wohnzimmer.

Vom Pfarrerssohn Ernst Anschütz aus Goldlauter bei Suhl stammt das Kinderlied „Alle meine Entchen“, 1825 verfasste er das Lied vom diebischen Fuchs – beide sind seither in aller Munde. Foto: Volksliederarchiv

Lieder aus Südthüringen gehen um die Welt

Nach Auftritten auf der ganzen Welt gehört Schauspieler Peter Liebaug aus Arnstadt heute zum Ensemble des Staatstheaters in Meiningen. Foto: Kulturstiftung Meiningen-Eisenach

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Aus Meiningen stammt der Film- und Fernsehstar Irmgard Düren († 2004 in Berlin), die mit Fernsehshows, aber auch mit Rollen wie die des Lieschen im „Faust“ berühmt wurde. Foto: Archiv Volker Wachter

Und alljährlich zur Weihnacht, wenn Wünsche wahr werden, erklingt auf der ganzen Welt ein Lied: „Oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter …“ Das ist wohl vor allem Ernst Gebhard Salomon Anschütz, dem Komponisten und Organisten aus Goldlauter bei Suhl, zu verdanken: Im Jahr 1780 verfeinerte er die Liedvorlage aus dem 16. Jahrhundert. Berühmte Kinderlieder wie „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ entstammen direkt seiner Feder. Der Südthüringer Pfarrerssohn dichtete und komponierte u. a. „Wenn ich ein Vöglein wär“, „Alle meine Entchen“ und „Wer hat die schönsten Schäfchen“. Zu den Liedern „Alle Jahre wieder“ und „Ein Männlein steht im Walde“ schrieb er die Melodie und den Text für „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“.


„Diesen Weg auf den Höhn bin ich oft gegangen …“ Nicht nur im Thüringer Wald singen Wanderer das Rennsteiglied von Herbert Roth (hinten links), hier um 1970 mit seiner Instrumentalgruppe. Foto: celestion65

Herbert Roth stammte nicht nur aus Südthüringen, er besang die Region auch in seiner volkstümlichen Musik. Das wohl bekannteste Werk des Komponisten, der von 1926 bis 1983 in Suhl lebte, ist die heimliche Hymne des Thüringer Waldes – das „Rennsteiglied“ mit seinem Refrain „Diesen Weg auf den Höhn bin ich oft gegangen …“. Es wurde 1951 im Gemeindesaal in Hirschbach, dem späteren Hotel „Zum goldenen Hirsch“, erstmals öffentlich aufgeführt. Bis 1983 stand der Volksmusiker dann mit seiner Instrumentalgruppe rund 10.000 Mal auf der Bühne, zudem regelmäßig vor Rundfunk-Mikros und Fernsehkameras.

„auftakt“ für die Karriere Gehören Computer dazu? Die Software „Songs2See“ soll es jedem ermöglichen, ein Instrument zu erlernen. Damit hat sich die Firma Songquito 2012 als Spin-off des Fraunhofer Instituts für Digitale Medientechnologie (IDMT) gegründet, das in Ilmenau Schlüsseltechnologien für künftige digitale Medienwelten erforscht. Hinter „Songquito“ stehen eine Saxophonistin, ein Schlagzeuger und ein Gitarrist – Estefanía Cano, Christian Dittmar und Sascha Grollmisch, die das Gründerforum Ilmenau in die Selbständigkeit begleitet hat. Das Gründerforum ist der Transferstelle der TU Ilmenau angeschlossen und trägt den passenden Namen „auftakt“. Das musikalische Trio jedenfalls hat seither Erfolge und Preise eingeheimst; einer davon die Auszeichnung Christian Dittmars zu einem der 30 digitalen Köpfe Deutschlands.

Gute Noten für den Erfolg Für die deutsche Techno-Szene gilt der gebürtige Suhler Marc de Clarq als „Mann der ersten Stunde“, er steht mit DJ’s wie Paul van Dyk auf der Bühne. In den 1990er Jahren landeten seine Songs in den Club- und Dancecharts. Unter seinem bürgerlichen Namen Markus Siewert veröffentlichte er das Buch „IM Techno“ über die Techno-Szene in der DDR. Die Freie Universität Berlin verlieh dem Werk das Prädikat „geschichtspolitisch wertvoll“. Seit 2006 arbeitet Marc de Clarq vorwiegend als Produzent im Pop-Bereich für den Nachwuchs. Südthüringens vielleicht jüngster Exportschlager ist Christin Henkel mit Kabarett und Chanson. Die gebürtige Untermaßfelderin spielt Klavier und singt dazu mit engelsgleicher Stimme Texte, in denen sie Phänomene der heutigen Zeit auf die Schippe nimmt.

Modernste Technik zum Erlernen von Musikinstrumenten entwickelten die „Songquito“-Gründer Christian Dittmar, Estefania Cano und Sascha Grollmisch (v.l.). Foto: Songquito

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1945 - 1990

Simson Schwalbe KR51 original unrestauriert 1964 Foto: Max schwalbe

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Freie Fahrt mit engen Grenzen Seit 1964 schwirren im Frühjahr die „Schwalben“ aus – obwohl die KR51 seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gebaut wird. Weltweit haben die Kult-Mopeds Fans. Dem ersten zweisitzigen Kleinkraftrad der DDR gaben die Simson-Konstrukteure 3,4 PS, seine 60 km/h (selbst mit Sozius!) schafften es 1990 sogar in den Einigungsvertrag zur Deutschen Einheit. Ersatzteile kommen auch heute noch aus Suhl, wo die Stahlschmiede Simson von 1856 bis 2002 über Generationen hinweg hunderte von Erfindungen konstruiert und tausende von Menschen ernährt hat. Allein von 1955 bis 1990 liefen über 5.000.000 Kleinkrafträder vom Band. Die engen Grenzen, welche die DDR mit der Mauer auch für die Materialbeschaffung und manche Fortentwicklung setzte, konnten den freien Erfindergeist nicht stoppen – im Gegenteil. Jetzt aber wurden kaum noch die Erfinder bekannt: Die Erfindung gehörte nicht dem Werktätigen, sondern dem Werk – und somit dem Staat. So stammt die erste elektrische Küchenmaschine der DDR, „Komet KM 3“, 1958 aus dem Kombinat VEB Elektrogerätewerk Suhl, mit rund 4.000 Beschäftigten eines der größten seiner Art. Ebenso die Geschirrspülmaschine GA 4, die 1972 in Zella-Mehlis entstand.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1945 - 1990

1946 Auch Thüringen setzte nach dem Krieg alles daran, die Wirtschaft in neuen Strukturen wiederzubeleben. Die Verantwortung für die betreffende Berichterstattung gab der Oberbefehlshaber der Sowjet-Militär-Administration mit Befehl Nr. 9 den Geschäftsführern der einstigen Gauwirtschaftskammern, die nun wieder IHK genannt, am 2. Mai 1946 aber abgeschafft wurden: Das Gesetz über den Neuaufbau der Organisation der gewerblichen Wirtschaft führte eine zentrale Industrie- und Handelskammer für ganz Thüringen mit Sitz in Weimar ein, die dem Ministerium unterstand. Jeder Landkreis erhielt eine Bezirkskammer mit begrenzten Befugnissen. So entstanden im heutigen IHK-Bezirk regionale IHKs in Arnstadt, Meiningen, Suhl, Schmalkalden und Sonneberg mit der Nebenstelle Hildburghausen.

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Porzellanfabrik Neuhaus fertigt erste Isolator-Zündkerze

1947 Porzellanfabrik Neuhaus

Neuhaus-Schierschnitz Landkreis Sonneberg

1947 wird in Neuhaus-Schierschnitz die erste Zündkerze der Marke „Isolator“ hergestellt und 1957 bereits das 25-millionste Stück gefeiert – Zündkerzen, auf die auch die DDR-Nationalmannschaften im Geländesport setzen und die der 1960 gegründete Motorsport-Club „MC Isolator-Neuhaus“ stolz in seinen Namen einbaut. Nach dem Krieg, 1947, nahm man die Produktion von Isolator-Zündkerzen als sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) „Porzellanwerk Neuhaus“ wieder auf und stellte in Handarbeit vier bis sechs Typen in kleinen Stückzahlen her. Mit Umwandlung in einen volkseigenen Betrieb 1948 wurde die Produktion mit neuen Techniken ausgestattet und rasant ausgebaut. 1987, im 40. Jahr der Produktion, fertigte der Betrieb die 450-millionste Zündkerze. 50 verschiedene Isolator-Kerzentypen gab es 1988. Im November 1991 ging die Zündkerzenfertigung der ehemaligen „Elektrokeramischen Werke Sonneberg“ an die BorgWarner BERU Systems GmbH, die im Bereich der Zündungstechnik weltweit zu den führenden Anbietern zählt. Speziell für den

Zweitakt-Betrieb – PkW der Marken Skoda, Trabant und Wartburg sowie die Motorräder MZ und Simson – bietet BERU heute die traditionsreiche Isolator-Zündkerze an. BERU ist eine Marke des Federal-MogulKonzerns, der als innovativer Zulieferer mehrere tausend Patente hält und mit rund 45.000 Mitarbeitern in 34 Ländern nahezu alle Automobil- und Motorenhersteller der Welt beliefert.


1946 Das Landesamt für Wirtschaft genehmigte mit Verfügung vom 20. August 1946 die Geschäftsordnung der Industrie- und Handelskammer Thüringen.

1948 Das Magische Auge für die Rundfunk-Kultur

1947 Telefunken-Rundfunkröhrenhaus

Neuhaus am Rennweg Landkreis Sonneberg

Die Suche nach dem störfreien Rundfunkkanal war über Jahre mühevolle Kleinstarbeit am Frequenzrad. Das 1936 eröffnete TelefunkenRundfunkröhrenhaus in Neuhaus am Rennweg entwickelte mit dem „Magischen Auge“ erstmals eine Abstimmanzeige, die die Signalstärke eines Senders visuell abbilden konnte. Das Magische Auge ist eine Elektronenröhre, die anzeigt, wie exakt die Frequenz des Senders eingestellt ist. Dazu wird der Elektronenstrom auf eine fluoreszierende Schicht, meist aus reinem Zinkorthosilikat, gelenkt, die stets in grünem oder blaugrünem Licht leuchtete.

Dadurch wurde das Einstellen der Sender viel einfacher und das Magische Auge sehr gefragt. Bis in die 1960er Jahre war es die beliebteste und günstigste Abstimmanzeige. Die Hersteller entwickelten auf Basis der Technologie weitere Formen, darunter das „Magische Band“ und den „Magischen Fächer“. Heute können Abstimmanzeigen preiswerter hergestellt werden, und die modernen Geräte finden Sender automatisch. Das Magische Auge gilt als Sammlerstück.

Im Februar 1948 hatte die Sowjetische Militär-Administration in Deutschland (SMAD) die Deutsche Wirtschaftskommission (DWK) als zentrales Organ der staatlichen Wirtschaftsleitung gegründet. Sie beschloss am 15. September 1948 die Errichtung einer Patent-, Gebrauchsmuster- und Warenzeichen-Anmeldestelle im Büro für Erfindungswesen in Berlin, damit war der rechtslose Zustand in der Sowjetischen Besatzungszone beendet. Eine gesetzliche Regelung brachte schließlich das Patentgesetz von 1950.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1945 - 1990

1949 Die sowjetische Besatzung hatte mit ihrem Eintreffen begonnen, Unternehmen zu demontieren, „Reparationen“ zu entnehmen oder sie ganz zu enteignen. Ein Teil wurde in sogenannte Sowjetische Aktien-Gesellschaften (SAG) überführt, die 1953 an die DDR zurückgingen, weitere zu volkseigenen Betrieben (VEB) erklärt. Mit der Zahl der Enteignungen wuchs die Beschränkung der IHK-Befugnisse, so wurden am 1. April 1949 alle VEB und Genossenschaften aus deren Wirkungsbereich herausgelöst. Zugleich wurde das gesamte Lehrlingsprüfungswesen dem Ministerium für Arbeit und Sozialwesen übertragen.

1949 Gründung der DDR am 7. Oktober 1949

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Ausgeklügelte Technik im Koffer: Die Nähmaschine FREIA

1948 Werkzeugmacher Ernst Fischer Stadt Suhl

Die ersten elektrischen Nähmaschinen der DDR kamen aus Suhl. Fotos: Quittenbaum Kunstauktionen GmbH

Nach dem Krieg besaßen Nahrung und Kleidung oberste Priorität, mit einer Nähmaschine konnte man sich glücklich schätzen. Der Werkzeugmacher Ernst Fischer (1910-2006) erfand in Suhl die ersten elektrischen DDR-Nähmaschinen, darunter die legendäre Freiarmmaschine kurz FREIA - im Koffer. Ihr Patent „Tragbare Sockelnähmaschine“ trug die Nummer 878594 und galt ab dem 6. Oktober 1948.

Das Besondere: Die Nähmaschine konnte bei Nichtgebrauch in einem Koffer versenkt werden. Dieser enthielt obendrein einen elektrischen Antriebsmotor mit Drehzahlregelung und fungierte beim Nähen als Auflageplatte. Sie kam ohne Pedal aus, eine integrierte Arbeitsleuchte erleichterte das Nähen weiter. Dank dieser ausgeklügelten Konstruktion war FREIA in beiden deutschen Staaten überaus erfolgreich und wurde ab 1949 im VEB MEWA Ernst-Thälmann-Werk in Serie produziert. Mehr als 120.000 Koffernähmaschinen hielten in DDR- und BRD-Haushalten Einzug.


Rotierender Schnee- und Schaumschläger

1949 A. Frenzel GmbH

Schmalkalden Landkreis Schmalkalden-Meiningen

1949, als die tägliche Verpflegungsration noch per Lebensmittelkarte zugeteilt wurde, meldete die A. Frenzel GmbH aus Schmalkalden das Patent „Rotierender Schnee- und Schaumschläger“ an. Noch vor der Gründung des westdeutschen Patentamtes am 1. Oktober 1949 wurde es am 14.09.1949 unter Nr. 886059 auch in der Bundesrepublik wirksam. Da nun ab Oktober 1949 der Osten als Ausland galt, kam es hier unter der Nr. 516 zur Erteilung eines Ausschließungspatents. Dieses gestattete nur dem Patentinhaber die Nutzung bzw. Lizenzvergabe seiner Erfindung, beim „Wirtschaftspatent“ der DDR hingegen konnte das Patentamt diese Rechte im Rahmen der Wirtschaftsplanung

auch weiter vergeben. Dem Erfinder stand dann eine Abfindung zu. War die Erfindung durch einen Werktätigen im volkseigenen Betrieb entstanden, wurde sie stets als Wirtschaftspatent angemeldet. Bei der Erfindung handelte es sich nun um ein handgetriebenes Rührgerät mit Kurbel, die über ein großes Zackenrad ein kleineres antreibt, das wiederum eins von gleicher Größe in entgegengesetzter Richtung dreht. An diesen beiden sind die Rührer angebracht, die sich somit auch gegenläufig drehen. Besonderes Augenmerk legt der Patentanspruch darauf, dass die Zahnräder aus Kunststoff bestehen und einen weichen Gang gewährleisten. Eier und Schlagsahne jedoch waren noch Mangelware, daher blieb die Erfindung zunächst eher unbekannt.

1950 Das Patentwesen in der „Zone“ wurde gemäß der Richtlinien der SED-Führung mit dem Patentgesetz vom 6. September 1950 geregelt. Es löste das seit 1936 geltende Patentrecht ab und wurde als eines der ersten Gesetze nach dem Krieg an sozialistische Bedürfnisse angepasst. Die ostdeutschen Juristen konstruierten eine Art „sozialistisches Patent“: Erfindungen waren – innerhalb der DDR – für alle da. Der Erfinder sollte die Möglichkeit erhalten, „das Ergebnis seiner schöpferischen Arbeit dem Interesse der Gesellschaft entsprechend auszuwerten“, so betonte die Präambel. Gegen eine relativ geringe Gebühr durfte jeder volkseigene Betrieb die Patente anderer nutzen; bis zu 200.000 Mark zahlte er dafür.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1945 - 1990

1950 Das „Amt für Erfindungsund Patentwesen“ (AfEP) bezog im September 1950 die Mohrenstraße 37 b in Berlin-Mitte. Es galt als zentrales Organ, wie obere Regierungsbehörden der DDR hießen, und war dem Ministerium für Planung unterstellt.

„Luftpistole mit starr angeordnetem Lauf“

1953 Erich Leyh Stadt Suhl

1952 Nachdem Modelle oder Muster von Erfindungen zunächst bei den Kreisgerichten zu hinterlegen waren, führte das Patentamt der DDR am 15. Oktober 1952 ein Zentralregister für Geschmacksmuster ein.

Das Problem zeigte sich bei der Nutzung im Ausland, und dazu zählte 41 Jahre lang auch die BRD. Der Betrieb wandte sich an den zuständigen Patentanwalt, der am 03.08.1955 schrieb: „Solange in der DDR ein Verbot der Herstellung von Waffen (...) besteht, ist natürlich die praktische Verwertung der angemeldeten Erfindung nicht möglich.“ Dem Patent-Inhaber sei zwar das Ausfuhrrecht gewährleistet, doch gingen Staatsverträge natürlich vor. Er könne nicht über dieses Patent verfügen, „da das Recht der Lizenzvergabe an Wirtschaftspatenten dem Staate zusteht“.

Neuer Pistolen-Abzug: „Geheime Verschlußsache“

1958 VEB MEWA ErnstThälmann-Werk zu Suhl Stadt Suhl

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Strenge Sitten herrschten zu DDR-Zeiten speziell auf dem Gebiet des Waffenwesens, wie der Erfinder Erich Leyh aus Suhl zu spüren bekam. Zur „Luftpistole mit starr angeordnetem Lauf“ schrieb er: „Eine Luftpistole mit einsteckbarem Magazin ist bis jetzt noch nicht bekannt und bedeutet gegenüber dem Stand der Technik eine Fortentwicklung auf diesem Gebiet.“ Über den VEB MEWA Ernst-Thälmann-Werk wurde ihm zum 30.10.1953 das Wirtschaftspatent Nr. 9615 erteilt – selbst in der BRD erhielt er ab 05.09.1954 ein Patent, Nr. 1009972.

Mit der Maschinenpistole kann man Daueroder Einzelfeuer schießen. Auf Dauerfeuer ging bei zu langem Festhalten des Abzuges die Zielsicherheit verloren. Zwei Ingenieure, ein Konstrukteur und ein Versuchsmechaniker aus dem Thälmann-Werk in Suhl hatten die Idee, den Abzug so zu verändern, dass man drei Schüsse dosiert abgeben und dann den Abzug erneut durchziehen könnte.

Erfreulich für die vier: Die Erfindung wurde am 21.11.1958 als Wirtschaftspatent und „Geheime Verschlußsache“ registriert. Über die Einführung dieser Erfindung jedoch berichtet die Akte nichts.


1953 Internationaler Ruhm m für spektakuläre Glaskunst askunst

1959 Albin Schaedel

Neuhaus am Rennweg, Arnstadt Landkreis Sonneberg, Landkreis Ilm-Kreis

In den 1950er Jahren wandelte sich die Bedeutung der figürlichen Glasgestaltung im Thüringer Wald. Als einer der ersten ging Albin Schaedel neue Wege, der bald zu den produktivsten und einflussreichsten Glaskünstlern seiner Zeit zählte und 1959 bei der Ausstellung „Glass“ im Corning-Museum of Glass in New York internationale Anerkennung fand. Gezeigt wurde dort u. a. ein „gemasertes Glas“, mit dem Schaedel das am Hüttenofen gefertigte venezianische Fadenglas ins Lampenglas übersetzte. Mit immer neuen Dekoren hat er die im technischen Glasapparatebau alltäglichen und im Kunstgewerbe erprobten Montagetechniken für Gefäßgestaltung weiterentwickelt und zur Kunst erhoben. Zu seinen spektakulärsten Fadenglasarbeiten zählen die „Muscheldekore“, zu den Höhepunkten der Farbglas-Arbeiten die „Harlekingläser“ und „Kirchenfenstergläser“ (um 1965).

In einer Familie mit 200 Jahren Glas-Tradition hatte Albin Schaedel als Glasperlenmacher in der Werkstatt des Vaters begonnen und dann die Kunstglasbläser-Lehre bei Edmund Müller absolviert, wo er u. a. hohlgeblasene Parfümflaschen in Tierform und Schlangenvasen fertigte. Er bildete sich ab 1934 bei dem Maler Prof. Karl Staudinger weiter, der an der Fachschule für Keramik und Spielzeuggestaltung in Sonneberg unterrichtete. 1952 wurde er in die Prüfungskommission für Kunstglasbläsermeister und den Verband Bildender Künstler aufgenommen. Exponate von Schaedel sind heute u. a. in Arnstadt, Erfurt, Lauscha, Leipzig, Berlin, London, Sapporo (Japan) und Corning N.Y. (USA) zu sehen.

Als sich die DDR 1952 neu gliederte, entschied die SED: „Im Zuge der Entwicklung unserer Volkswirtschaft, des Aufbaues und der Festigung unserer Deutschen Demokratischen Republik ... sind die Aufgaben, die den Industrie- und Handelskammern nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus durch die heldenhafte Sowjetarmee übertragen wurden, gelöst. Es besteht also keine Notwendigkeit mehr für die Fortführung der Tätigkeit der Industrieund Handelskammern.“ Der Regierungsbeschluss vom 10. März 1953 schrieb bis zum 31. des Monats die vollständige Auflösung der IHKs vor. Diese jedoch verlief nicht nach Plan, immer mehr Fragen um Zuständigkeiten und auch Besitztümer der IHKs taten sich auf. Mit Mahnschreiben setzte die Bezirksregierung dann die Einstellung zum 30. Juni 1953 durch.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1945 - 1990

1953 Auf die durch Mangelwirtschaft entstehenden Unruhen in der Bevölkerung reagierte die SED mit russischen Panzern, aber auch mit Zugeständnissen. Dazu zählte am 1. August 1953 die Wiedererrichtung einer Industrieund Handelskammer als juristische Person mit Sitz in Berlin und Bezirksdirektionen samt Kreisgeschäftsstellen.

Schaumglas als Dämmstoff

1960 Dr. Ernst Schulz Rudolf Greiner

Neuhaus am Rennweg, Lauscha, Schmiedefeld Landkreis Sonneberg, Landkreis SaalfeldRudolstadt

1953 Neue IHK des Bezirkes Suhl: Gründung der Bezirksdirektion

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Schaumglas GmbH“ am 1. Juli 1963 die Produktion aufnahm – bis 2013 einer der drei wesentlichen Foamglas-Standorte in Europa.

Seilwinde mit pneumatischer Kupplung

1954 1965 Die Bezirksdirektion in Suhl – ein provisorischer Beirat aus je drei Vertretern der privaten Wirtschaft, der Beschäftigten sowie des Bezirksrats – konstituiert sich jedoch erst am 21.09.1954.

Auch die DDR wollte Glas als Bau- und Dämmstoff einsetzen, z. B. mit Schaumglas, wie es bereits seit den 1930er Jahren in den USA und westlichen Teilen Europas bekannt war. Dr. Ernst Schulz, der bis zu seinem Tod 1982 in Neuhaus am Rennweg lebte, und Rudolf Greiner aus Lauscha begannen Anfang der 1950er Jahre mit der erfolgreichen Forschung zur Herstellung von Schaumglas. Um 1960 folgte die Errichtung eines volkseigenen Schaumglaswerkes beim ehemaligen Uhrenglaswerk Taubenbach, einem Ortsteil von Schmiedefeld im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, wo die „Deutsche

Günter Rössel

Zella-Mehlis Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Von jeher war der Abtransport des Langholzes aus dem Wald eine überaus beschwerliche Angelegenheit. Bereits das Beladen der geeigneten Fahrzeuge mit den langen und zentnerschweren Baumstämmen setzte bei den Waldarbeitern Können und erhebliche Muskelkraft voraus. Günter Rössel aus Zella-Mehlis ist es zu verdanken, dass diese schwere Arbeit wesentlich erleichtert

werden konnte: Er erfand eine Seilwinde mit zwei Seiltrommeln, die mit einem Spezialgetriebe durch je eine Seiltrommelwelle über eine pneumatische Kupplung kraftschlüssig verbunden waren. Für diese Erfindung erhielt er am 01.12.1965 das Wirtschaftspatent Nr. 51400. Nutzer dieses Patents war die VVB Forstwirtschaft in Suhl.


1954

Der erste Personal Computer in Serie

1966 VEB Büromaschinenwerke Zella Mehlis, auch „Robotron Elektronik“ Zella-Mehlis Zella-Mehlis Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Die Vorläufer der heutigen Computer waren Großrechner, die ganze Räume einnahmen. Doch 1966 gelang die Sensation mit einem Gerät, das auf und unter einem Schreibtisch (!) Platz hatte: Der volkseigene Betrieb Büromaschinenwerke Zella-Mehlis produzierte das technische Wunder „Cellatron C8205“ und legte so den Grundstein zur Entwicklung der Personal Computer. Dafür hatte man eine Vorlage der TU Dresden weiter entwickelt: Am dortigen Institut für Maschinelle Rechentechnik war drei Jahre zuvor der Kleinst-Rechenautomat „D4a“ entstanden und dann in Zella-Mehlis serienfähig gemacht worden.

Der Leiter der IHK-Bezirksdirektion Suhl ist republikflüchtig.

1956 Cellatron C8205

Foto: nn

Die Kampagne zur Umwandlung von Privatbetrieben in Betriebe mit staatlicher Beteiligung beginnt. 1956 sind im Bezirk Suhl noch 42.224 Unternehmer, 25.869 mithelfende Familienangehörige und 61.098 Arbeiter und Angestellte tätig – das entspricht 46,7 Prozent aller Wirtschaftsbereiche, für die die IHK als Organisationsplattform fungiert.

1958 Kleinstrechner D4a

Foto: Florian Schäffer

Die zentrale IHK in Berlin wird aufgelöst. Bezirkskammern mit Direktoren werden den neuen Wirtschaftsräten der Bezirke unterstellt. Vertreter der privaten Wirtschaft fungieren als „Beirat“.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1945 - 1990

1961 Als gigantischer Einschnitt trennt die Mauer ab 1961 das Land von seinen Nachbarn und zahlreichen weiteren Entwicklungen. So wird u. a. die Bahnstrecke Berlin - Zürich zwischen Meiningen und Mellrichstadt stillgelegt. Für Sperrgebiet und „Todesstreifen“ werden Betriebe und Höfe dem Erdboden gleich gemacht. An der Zonengrenze steht das Leben still.

Pädagogisch wertvoll mit Weltruhm: Rupfentiere

1963

Sonneberg Landkreis Sonneberg

Das Gebrauchsmustergesetz der DDR wird zum 1. August 1963 aufgehoben, Gebrauchsmuster können nicht mehr angemeldet werden.

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1967 Renate Müller

Rupfentiere sind besonders große und stabile Stofftiere. Ihren Namen haben sie dank des besonderen Materials, aus dem sie gefertigt werden: Rupfen ist ein Gewebe aus naturbelassenen Jute- oder Flachsgarnen. Die Rupfentiere dienen dem Vergnügen der Kinder, aber auch therapeutischen Zwecken: So lehrt der Strauß z. B. das gerade Sitzen. Das Nilpferd soll die Balance der Kleinsten verbessern. Rund 100 Modelle gibt es, alle in Handarbeit im Wohnhaus von Rupfen-

tier-Erfinderin Renate Müller hergestellt. Die ersten entstanden 1967 während Müllers Studium an der Sonneberger Spielzeugakademie. Das Spielzeug war ihr quasi schon bei der Geburt 1945 in die Wiege gelegt: Ihre Eltern betrieben eine Spielzeugfabrik in Sonneberg, die 1912 gegründete H. J. Leven KG. Dort nahm Renate Müller die Produktion auf. 1972 wurde sie enteignet, der VEB Sonni übernahm, bis Müller 1991 nach der Wende ihren Betrieb zurückbekam. 2010 gelangte sie zu Weltruhm, nachdem die New York Times die Rupfentiere unter dem Titel „The Zootopian“ veröffentlichte. 2012 lieh sich das weltberühmte New Yorker Museum of Modern Arts Exemplare aus Sonneberg für eine Sonderausstellung aus.


Henneberg-Porzellan führend in Osteuropa

1973 Henneberg Porzellan/Ilmenau Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Die 1777 gegründete Graf von Henneberg-Porzellanmanufaktur gehörte zu den namhaften Ilmenauer Manufakturen, die 1973 zum VEB Henneberg Porzellan/Ilmenau zusammengefasst wurden. Das Kombinat war vor 1990 eines der modernsten Werke der Porzellanindustrie in Osteuropa mit etwa 3.000 Beschäftigten. Nach 1990 wurde ein Großteil der Mitarbeiter entlassen, die Stadt Ilmenau war mit einem grundlegenden Strukturwandel konfrontiert. 2002 musste die Produktion

endgültig eingestellt werden. Wenig später wurde aber eine neue Produktion mit etwa 50 Mitarbeitern auf dem alten Werksgelände aufgenommen: Hero-Design führt die Marke Graf von Henneberg weiter. Der Werksverkauf handelt auch Stücke aus den Beständen vor 2002. Besonders die alten Kunstwerke der Manufaktur sind heute von hohem Wert und können u. a. bei Auktionen sehr gute Preise erzielen.

1971 Mit der Neuererverordnung von 1971 wird das Neuererwesen der DDR letztmalig aktualisiert. Seit 1963 hat es über die „Neuerervorschläge“ und „Neuerervereinbarungen“das Vorschlagswesen für betriebliche Abläufe geregelt. Ab einer gewissen Größe hatte jeder Betrieb ein „Büro für die Neuererbewegung“ (BfN) zu führen. Als Teil der Planwirtschaft machte es exakte Vorgaben zur Anzahl der Vorschläge und zum wirtschaftlichen Nutzen, den diese bringen sollten. Je nach Auswirkung der Neuerung konnte sie mit 30 oder einigen tausend Mark vergütet werden.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1945 - 1990

1974 Bereits Mitte 1972 sind Kammern unter dem Vorwand von Kosteneinsparungen zusammengelegt worden. Der Trend hält an: Am 31. August 1974 werden alle Südthüringer IHK-Geschäftsstellen aufgelöst und dafür nur noch drei Geschäftsstellenbereiche in Bad Salzungen, Sonneberg und Suhl eingerichtet.

1983 Die Industrie ist vollständig verstaatlicht, also heißen die IHKs mit Beschluss des DDR-Ministerrats vom 2. Februar 1983 nun „Handelsund Gewerbekammern“. Sie sind noch für Einzelhändler, Gastronomen und kleine Dienstleistungsbetriebe zuständig und mit ebensowenig Handlungsfreiheit wie Personal ausgestattet.

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Das „unverwüstliche“ RG28 – jetzt auch Filmstar

1979 Kurt Boeser, VEB Elektrogerätewerk Suhl/ Zella-Mehlis Stadt Suhl, Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Ein elektrisches Gerät, das nach 40 Jahren noch voll funktionsfähig ist? Eine seltene Erfahrung, die das Rühr- und Mixgerät RG28 für sich in Anspruch nehmen darf. Das Kultobjekt wird jetzt zum Filmstar: „Kommen Rührgeräte in den Himmel?“ fragt die Suhler „Clip Film- und Fernsehproduktion“ und bittet am 25.09.2016 ins Cineplex Suhl zur Kinopremiere. Darin spielt das RG28 die Hauptrolle als Paradebeispiel für Dinge, die „ewig“ halten. Dieser Klassiker der DDR-Konsumgüter, 1979 von Kurt Boeser entworfen, ist typischerweise weiß oder orange und gilt

als sagenhaft langlebig. Im April 2016 gab der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) ein 40 Jahre altes RG28 ins Labor zu Prüfingenieur Frank Kieschnik, der diese Mixer schon in den 1970er Jahren testete. Das Ergebnis auch jetzt: keinerlei Mängel, wohl dank strenger Vorgaben. So sollte z. B. geschlagene Mayonnaise nach sechs Stunden noch konturenfest sein. Und da Material knapp war, mussten die Geräte lange halten. Nach den Technischen Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen der DDR, kurz TGL, wurde das RG28 während seiner Entwicklung über Monate geprüft – und dann von seinen Besitzern über Jahrzehnte geschätzt.


Porzellanpresse „NPE 6“ presst zehnmal so schnell

1985 Porzellanwerk Veilsdorf Kloster Veilsdorf Landkreis Hildburghausen

Das Porzellanwerk Veilsdorf arbeitete in den 1970er und 80er Jahren mit eigenen Ingenieuren sowie Experten des Sondermaschinenbaus an der Automatisierung des Nasspressverfahrens. 1985 gelang ein Coup mit dem Automaten „NPE 6“: Er konzentrierte die Arbeitsgänge Pressen - Trocknen - Spritzglasieren - Palettieren derart auf engstem Raum, dass nur noch ein Zehntel der früheren Durchlaufzeit benötigt wurde. Zu der Zeit bildete die wohl älteste Porzellanmanufaktur Thüringens als VEB mit den Standorten Sonneberg und Hermsdorf das Kombinat Keramische Werke Hermsdorf – nach der Wende Tridelta AG Hermsdorf. Das Werk Kloster Veilsdorf, das seit Gründung 1760 durch Prinz Eugen von Hildburghausen zahlreiche Besitzerwechsel erfahren hatte, war nun GmbH und gehörte ab 1992 zur Jenoptik GmbH Jena. 1996 schließlich stieg die Rauschert-Gruppe ein, für die Veilsdorf z. B. mit 1.300 Beschäftigten vor dem Ersten Weltkrieg und auch nach der Grenzöffnung einen bedeutenden Wettbewerber dargestellt hatte.

Firmengründer Paul Rauschert hatte 1898 in der aufkeimenden Elektrotechnik seine Zukunft erkannt und im südthüringischen Hüttengrund eine Fabrik für Elektroporzellan gegründet. Veilsdorf erlebte zu der Zeit den wirtschaftlichen Aufstieg mit Gebrauchs- und Industrieporzellan. Heute ist die „Rauschert Kloster Veilsdorf GmbH“ einer von zwölf Fertigungsstandorten, die Rauschert mit rund 1.200 Beschäftigten in acht Ländern betreibt. Zentrale der inhabergeführten „Rauschert GmbH Technische Keramik und Kunststoff-Formteile“ ist das südthüringische Judenbach-Heinersdorf.

1985 Die DDR führt den Rechtsschutz für Herkunftsangaben ein. Mit den „geografischen Herkunftsangaben“ verbinden immer mehr Verbraucher Erwartungen an ein Produkt, etwa an Qualität oder Inhaltsstoffe. Daher haben z. B. die Mitglieder vom „Herkunftsverband Thüringer und Eichsfelder Wurst und Fleisch e. V.“ ihre Waren mit Gütesiegel gekennzeichnet.

1989 Mit „Wir sind das Volk“ kam die Wende, die friedliche Revolution der DDR-Bürger gipfelte am 9. November 1989 im Fall der Mauer. Schon vor der offiziellen Auflösung der DDR am 3. Oktober 1990 brauchte die Wirtschaft kompetente Vertreter und Ansprechpartner. Sie brauchte eine Industrieund Handelskammer, wie wir sie heute kennen.

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DURCHBRUCH UND REVITALISIERUNG

Mut zur Brücke Fast 1,7 Kilometer grünes Tal überspannt die längste Brücke Thüringens, die Ilmtalbrücke; rund acht Kilometer misst der längste Straßentunnel Deutschlands, der Rennsteigtunnel bei Suhl; und schon folgt Deutschlands zweitgrößte Bogenbrücke, die Talbrücke „Wilde Gera“. Wer per Auto oder Bahn durch Südthüringen fährt – den Panoramablick auf Deutschlands größtes Waldstück „Thüringer Wald“ inklusive – nutzt eine Ingenieur-Meisterleistung nach der anderen.

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Höchste Ingenieurskunst, modernste Infrastruktur: Die Autobahnbrücke der A71 über den Schindgraben überspannt in 55 Meter Höhe einen Kalksteinbruch und die Landesstraße 1140 von Rohr nach Meiningen. Foto: Michael Reichel/arifoto.de

Das ist auch für alteingesessene Südthüringer keinesfalls selbstverständlich: Kaum eine andere Region hat in den letzten 25 Jahren eine solche infrastrukturelle Entwicklung durchgemacht. Zu DDR-Zeiten blieb der Fortschritt auf der Strecke – „Flugverkehr, Schienennetz, Autobahn: Die DDR hinterließ enorme Infrastrukturlücken“, resümierte Tobias Jaeck 2010 für die Bundeszentrale politische Bildung. Moderne Straßen und Schienen gab es nur westlich des Eisernen Vorhangs. Dabei war Südthüringen als schöpferische Heimat des Stahl- und Metallbaus im Zeitalter des Eisenbahnbaus ganz vorn. 1891 eröffnete die legendäre Zahnradbahn von Suhl nach Schleusingen die bis heute steilste regelspurige Bahnstrecke Deutschlands mit bis zu fast sieben Prozent Steigung. Über 70 Jahre war Dampfbetrieb die treibende Kraft. Seit 2001 befahren wieder historische Züge die Rennsteigbahn Ilmenau – Schleusingen und bringen jährlich mehrere tausend Touristen durch die Täler des Thüringer Waldes hinauf zum Bahnhof Rennsteig, hinab durch das wildromantische Engertal im UNESCO-Biosphärenreservat nach Schleusingen und weiter in die Kulturlandschaften


des Henneberger Landes. Südthüringens allererste Bahnlinie aber war die Werrabahn 1858 von Eisenach nach Lichtenfels – wie ihre Nebenlinie Sonneberg – Coburg wurde sie später von der die DDR umgebenden Mauer vor Coburg gekappt. So waren, als die Mauer fiel, für die Südthüringer noch längst nicht alle Wege frei. Deutschland war wieder vereint, aber es klafften große Lücken zwischen West und Ost – in Gleisen, Autobahnen, Landstraßen. Entschlossen begann die IHK Südthüringen 1990, den Ausbau der Infrastruktur voranzutreiben, und meldete sich zu Wort: „Wir brauchen zügig eine Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur“. Für rund 1,6 Milliarden Euro entsteht die Hauptschlagader der Region, die A71, als „Autobahn der Superlative“, so heißt es 2014 in der WELT. Die 220 Kilometer, die Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern verbinden, seien im Abschnitt durch den Thüringer Wald von den Kilometerkosten die teuerste Autobahn Deutschlands. Diese summieren sich schließlich auf fast 10 Millionen Euro pro Kilometer – „ein Projekt, das wegen der Ballung von Brücken und Tunneln absolut heraussticht“, erläutert der Geschäftsführer der Bundesfernstraßenbaugesellschaft Deges, Dirk Brandenburger.

Hinzu kommen zahlreiche weitere Straßen. Die Investitionen in Verkehrswege zahlen sich aus: Autofahrer schaffen es z. B. von Schweinfurt nach Erfurt in gut 75 Minuten, von Suhl nach Meiningen in einer Viertelstunde. Das wäre auf den Straßen von 1990 selbst mit einem modernen Auto unmöglich gewesen. Gerade einmal 250 Kilometer Autobahn gab es im rund 16.200 Quadratkilometer großen Thüringen; heute ist es mehr als das Doppelte. Zum Vergleich: Die ähnlich großen Bundesländer Sachsen und Schleswig-Holstein (18.420 und 15.800 km²) sind mit jeweils etwa 535 Kilometern Autobahn vernetzt. Im Jahr 2020 „wird das Autobahnnetz in Thüringen auf rund 550 Kilometer angewachsen und komplett erneuert sein“, erklärt das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (TMIL).

Drehscheibe zwischen West- und Ost-, Nord- und Südeuropa Das macht den Standort auch wirtschaftsgeografisch immer interessanter. „Es wird direkte Verbindungen von Stuttgart, von Frankfurt und von Nürnberg in die Mitte Deutschlands geben. Dann bestehen kurze Distanzen zu den europäischen Märkten mit mehr als 160 Millionen Konsumenten im Umkreis von 500 Kilometern. Thüringen wird zur ‚Drehscheibe‘ zwischen West- und Ost- sowie Nord- und Südeuropa“, so das TMIL.

Deutschlandweit einzigartig: Der Tunnel Behringen zwischen Arnstadt und Ilmenau besteht aus zwei Tunnelröhren für die A71 und einer dritten Röhre für die Eisenbahnneubaustrecke Erfurt–Ebensfeld. Foto: Michael Reichel/arifoto.de

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DURCHBRUCH UND REVITALISIERUNG Der rasche Ausbau und die Instandhaltung der neuen Straßen ist auch den Südthüringern zu verdanken. Von Zella-Mehlis aus agiert das Straßenbauamt Südwestthüringen; von hier aus überwacht zudem die Zentrale Betriebsleitstelle des Landesamts für Bau und Verkehr alle großen Tunnel in Thüringen und koordiniert die Instandhaltungsarbeiten. Der Hauptakt, die Bundesautobahn A71, ist als Teil des Verkehrsprojektes „Deutsche-Einheit-Straße Nr. 16“ abgeschlossen und bietet seit dem 5. Juli 2003 ein besonderes Highlight: Nach 57 Monaten Bauzeit wurde mit dem „Tunnel Rennsteig“ feierlich Deutschlands längster Autobahnund Europas viertlängster zweiröhriger Straßentunnel eröffnet. Er führt auf einer Länge von 7.916 Metern unter Oberhof hindurch Richtung Suhl durch den Kamm des Thüringer Waldes. In einem Punkt sorgt der Tunnel bis heute für Diskussionen: Er ist für den Transport kennzeichnungspflichtiger Gefahrgüter gesperrt, denn Gutachten besagten, der Austritt druckverflüssigter, brennbarer Gase und Explosivstoffe könne angesichts seiner Länge problematisch werden. „Wir setzen uns dafür ein, die Beschränkungen zu lockern“, betonte Thüringens damaliger Verkehrsminister Christian Carius 2010 im Interview mit der IHK Südthüringen. Die IHK fordert weiterhin mit Nachdruck, die Landstraßen von den Gefahrguttransporten freizuhalten, und kämpft nicht allein: „Es geht nicht zu sagen, wir verteilen das Gefahrgutrisiko auf die Dörfer“, erklärte SPD-Verkehrspolitiker Frank Warnecke im Juni 2015 bei insuedthueringen.de. Auch das Thüringer Verkehrsgewerbe hat eine Freigabe des Tunnels gefordert, wie „Die Welt“ am 24. Mai 2015 berichtete. Die Tunnelkette sei eine der sichersten in Europa, so Landesverbands-Geschäftsführer Martin Kammer. Aktuell prüft die rot-rot-grüne Landesregierung für einen Teil des Gefahrgutverkehrs die Öffnung des Tunnels, der laut ADAC-Test 2015 unter allen in Europa getesteten Tunnel der zweitsicherste ist.

Bis zu 300 km/h: Neue Gleise für den Zugverkehr Nicht nur vom Auto aus sind die beeindruckenden Bauwerke zu bewundern. Mit Thüringens Rekord-Brücke – 1.681 Meter Bauwerk in 50 Meter Höhe über dem Ilmtal – sollen ICE-Züge die schnelle Verbindung von Erfurt und Coburg herstellen. Bis zur Wende war die Technik der Eisenbahn in Thüringen auf dem Stand der 1940er Jahre stehengeblieben: Eingleisige Strecken, fehlende Elektrisierung, Mängel am Gleis – oft mussten die Züge im Schneckentempo fahren. Dabei bietet sich Thüringen im Herzen Deutschlands als Verkehrsknotenpunkt förmlich an: Mit dem Mauerfall sollten sich die Ströme des Verkehrs ändern.

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Die „schnelle Mitte Deutschlands“ Ab 2017 soll Erfurt der Knotenpunkt des deutschen Bahnverkehrs werden, viele Strecken mit Halt in der Landeshauptstadt sind bereits ausgebaut. Aus ganz Deutschland können die Menschen dann mit bis zu 300 Stundenkilometern nach Thüringen reisen. Die „schnelle Mitte Deutschlands“ bedient bereits einige Expressstrecken wie etwa die Strecke nach Halle an der Saale. „Mainfranken und Thüringen können aus ihrer bisher peripheren Lage wieder in ihre alte zentrale Position im Herzen Mitteleuropas hineinwachsen“, schrieb 1990 Dr. Eberhardt Adelmann, Leiter der Verkehrsabteilung der IHK Würzburg-Schweinfurt. Diese Vision ist Schritt für Schritt wahr geworden, und die Menschen der Region und ihre politischen Vertreter arbeiten weiter intensiv daran, die letzten Lücken entlang der ehemaligen, insgesamt knapp 1.400 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze zu schließen.

Deutschlands längster Autobahntunnel: Der Rennsteigtunnel. Foto: Michael Reichel/arifoto.de

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DURCHBRUCH UND REVITALISIERUNG

Der vergessene Korridor und seine Pfadfinder Es fehlten nur knapp zehn Kilometer Gleis, um Südthüringen 1990 wieder ins Zentrum Deutschlands zu rücken: Die ehemalige Reichsbahnstrecke von Berlin nach Stuttgart war von der DDR zwischen Rentwertshausen und Mühlfeld stillgelegt worden. Hier im Bereich der „Zonengrenze“ – von der DDR bis 1956 offiziell als „Demarkationslinie“, ab 1964 als „Staatsgrenze“ bezeichnet – stand über vier Jahrzehnte lang das Leben still. Den Schienenverkehr zwischen Meiningen und Schweinfurt hatte die Sowjetunion schon direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs und Besetzung der Zonen unterbrochen. Mit der Berlin-Blockade 1948/49 wurde der Schienenpersonenverkehr völlig, der Schienengüterverkehr weitgehend eingestellt. Danach gab es neue Zuständigkeiten: Aus der westdeutschen Bahnverwaltung gründete sich am 7. September 1949 die Deutsche Bundesbahn, für den Osten sprach die Deutsche Reichsbahn, als 1949 die betrieblichen Fragen des Grenzverkehrs geregelt wurden. Im Zuge der zunehmenden Grenzbefestigung und „Sicherung“ wurden 1952 zahlreiche Grenzübergänge geschlossen, so der bis dahin

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noch für Güterverkehr zugelassene Straßenübergang sowie Eisenbahnverkehr von Sonneberg nach Neustadt bei Coburg. Südthüringen war von den wichtigen Handelswegen abgeschnitten. So unternahmen die ersten demokratisch gewählten IHK-Vertreter 1990 alles, um die Verkehrsströme wieder fließen zu lassen. „Nur eine Wiederaufnahme der Schienenverkehre Meiningen-Mellrichstadt führt Südthüringen aus seiner Totwinkellage zwischen Hessen und Oberfranken heraus“, erklärte Dr. Eberhardt Adelmann 1990. Er war zu dieser Zeit Leiter der Verkehrsabteilung der IHK WürzburgSchweinfurt, die die gute nachbarschaftliche Beziehung zur IHK in Suhl aus der Zeit vor der deutschen Teilung umgehend wieder aufgenommen hatte. Einer der ersten „Pfadfinder“ dieses vergessenen Korridors war Professor Dr. Alfred Herold vom Geografischen Institut der Universität Würzburg. Er träumte bereits 1990 von einer dritten Schnellstrecke von Nord nach Süd. Sie sollte von Berlin über Leipzig, Würzburg und Stuttgart nach Zürich führen und die bisher dagewesenen Nord-Süd-Strecken am Rhein entlang und von Hamburg über Würzburg nach München ergänzen. Für Südthüringen als Wirtschaftsstandort war eine Verkehrsachse durch die Region von enormer Bedeutung, die IHKs Südthüringen und Würzburg-Schweinfurt untermauerten Herolds Forderungen. Ihre Aktivitäten zeigten bald Erfolg: Bereits 1991 wurde die Verbindung wieder aufgenommen. Da die Strecke zwar abgebaut, aber niemals formell stillgelegt worden war, handelte es sich offiziell nur um eine Streckensanierung.

Herzstück des Nahverkehrs statt Nord-Süd-Magistrale Im Laufe der Jahre wurde die Strecke zahlreichen Sanierungen unterzogen, mittlerweile wird sie von zwei Regionalexpress-Linien der Deutschen Bahn und diversen Linien der Erfurter Bahn befahren. Der Regionalverkehr zwischen Meiningen und Schweinfurt könnte heute auf das Streckenstück über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze nicht mehr verzichten. Im Fernverkehr hat die Verbindung sich jedoch nicht etabliert. Die heutigen Hochgeschwindigkeitszüge umfahren die malerischen kleinen Orte, die links und rechts des einst vergessenen Korridors zu bestaunen sind.


Historische Trasse mit Hindernissen: Die Werrabahn

Eine der Hauptbahnlinien Bayerns und Thüringens war bis 1945 die Zugstrecke von Eisenach nach Lichtenfels, kurz „Werrabahn“ genannt, da sie von der Werra-Eisenbahngesellschaft erbaut und zu großen Teilen entlang des Werratales geführt wurde. Heute werden nur Teilstrecken befahren, doch gibt es starke Fürsprecher, mittels Lückenschluss eine Verbindung zwischen Eisfeld und Coburg zu schaffen. Diesen widersprach 2009 eine Studie: Der Lückenschluss würde nicht lohnen. Das Unterfangen wäre teuer, denn die Strecke kann nicht exakt nach ihrem historischen Vorbild gebaut werden. Tatsächlich befinden sich mittlerweile an einigen Stellen einzelne Gebäude über der Trasse. Die könnten doch mit leichten Schlenkern umgangen werden, erklärten die IHK Südthüringen und die Initiative „ProBahn“ und kämpften weiter für die historische Strecke. 2012 kam eine von den IHKs Südthüringen und Coburg beauftragte Studie dann zu einem neuen Ergebnis: Durch die Anbindung an die neue ICE-Trasse um Coburg wäre der Lückenschluss durchaus rentabel. Die Freistaaten Thüringen und Bayern haben den Lückenschluss für den Verkehrswegeplan des Bundes 2015 angemeldet. Bisher sieht es also gut aus für die Werrabahn.

Bahn frei für Südthüringen: Verkehrsprojekte Deutsche Einheit

Insgesamt 17 Projekte sollen Deutschland auch verkehrstechnisch vereinen – daran planen und bauen Bund und Länder seit 1992. Die „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ (VDE) sind auch 2016 noch nicht abgeschlossen. Hinsichtlich der Schienenprojekte sind für die Verkehrsregion Südthüringen vor allem die Projekte 7 und 8 ausschlaggebend: VDE 7 veranlasste bis 1995 den Ausbau der Schnellbahnstrecke von Bebra nach Erfurt. VDE 8.1 soll voraussichtlich im Dezember 2017 abgeschlossen sein, damit wird auch der letzte Streckenabschnitt zwischen Erfurt und Ebensfeld unter Verkehr genommen. Die Gleisverbindungen zwischen Nürnberg und Erfurt – quer durch den Thüringer Wald – machen Thüringen dann auch zur infrastrukturellen Mitte Deutschlands. Diese Projektreihe, an der Menschen schon so lange und noch bis in die Zukunft arbeiten, ist entscheidend, um das volle Potenzial der Region Südthüringen zu nutzen. Die Infrastruktur bietet optimale Bedingungen für Wirtschaft und Tourismus, denn die Mitte Deutschlands wird wieder von allen Seiten hervorragend zu erreichen sein. In der Zukunft kann Südthüringen vom geplanten ICE-Drehkreuz in Erfurt profitieren. Seit 2015 hat sich die Reisezeit nach Leipzig durch die neu gebaute Hochgeschwindigkeitsstrecke erheblich verringert. Ebenso werden bis 2017 mehrere neue Regionalexpresslinien in Betrieb genommen oder ausgebaut, welche den Reisekomfort in ganz Thüringen verbessern.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1990 - 2016

Entwicklung und Investitionen 1995 = 100, Betriebe mit mindestens 20 Beschäftigten (2002-2012) 225 % 200 % 175 % 150 % 125 % 100 % 75 %

2002

2003

2004

IHK-Bezirk Südthüringen Thüringen

2005

2006

2007

2008

2009

2010

Neue Bundesländer mit Berlin Alte Bundesländer ohne Berlin

Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Thüringer Landesamt für Statistik

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2011

2012

Deutschland


Von 0 auf 30.000 in 1.300 Wochen Zum Ende der DDR waren die von ihr ausgehöhlten Handels- und Gewerbekammern die einzige Interessenvertretung der wenigen noch privat arbeitenden Geschäfte. Als aber Ende 1989 eine Gründungswelle einsetzte, wuchs mit der Mitglieder-Zahl auch die Kritik an deren Arbeitsweise. Die Unternehmer Südthüringens wollten eine Industrie- und Handelskammer. Anfang 1990 gewährt die Juristin Karin Rau, zuvor Wohnungsbaukombinat Berlin und gebürtig aus Sonneberg, Einblick in die Aufbauarbeit: „Ein Ehrenamt hat sich formiert. Für mich ganz neue Begriffe. Ich muss umdenken. Was ist die IHK? … Es laufen tägliche Konsultationen mit Existenzgründern – manchmal viel zu viel. … Die Zusammenarbeit mit der IHK Würzburg-Schweinfurt ist gut und der Sache dienlich. … Verstohlene Erinnerungen an geordnete Arbeitsabläufe in der Wirtschaft. Die Tage schlagen Wogen.“ Den Weg in die Marktwirtschaft begleitet die Sorge um die De-Industriealisierung: Allein die führenden 35 Industriebetriebe hatten 1990 über 57.000 Beschäftigte, Ende 1992 bieten die 70 daraus entstandenen Unternehmen nur noch 11.000 Stellen. Doch gemeinsam geht es aufwärts: Aus 2.100 Mitglieds-Firmen 1990 werden bis Ende 1994 schon 22.000. Die IHK gründet Wirtschaftsjuniorenkreise, Regional- und Fachausschüsse. Heute betreut sie knapp 30.000 Unternehmen (am 13. Juli 2016 waren es exakt 28.665). In der Region erwirtschaften rund 137.000 Menschen 11,5 Milliarden Euro Jahresumsatz, davon 43,4 Prozent in Betrieben der Industrie.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1990 - 2016

1990 Am 17. Februar 1990 erfolgt die Gründung der Industrie- und Handelskammer Südthüringen auf Initiative von Unternehmern der Region. Verordnung über die Industrie- und Handelskammern der DDR vom 1. März schafft die rechtliche Grundlage für die Arbeit der IHKs. Der wichtigste Punkt: Die Wahl eines legitimierten Vorstands aus Vertretern der freien Wirtschaft.

1990 Die IHK hat mehrfach geeignete Büroräume beantragt und am 19. April schließlich die Rückübertragung des einstigen IHK-Gebäudes in Sonneberg, das Volkseigentum und sanierungsbedürftig war.

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„Ilmenauer Fass“: Weltweit einzigartige Turbulenzmessung

2001 Institut für Thermo- und Fluiddynamik, Fakultät für Maschinenbau, TU Ilmenau

Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Mit dem weltweit einzigartigen Experiment „Ilmenauer Fass“ versuchen Turbulenzforscher der TU Ilmenau, Klimaphänomene durch hochkomplexe Strömungsexperimente vorherzusagen. So können Rückschlüsse u. a. auf die Erderwärmung gezogen werden. Die Vorhersage der Wirbelströme spielt z. B. bei der Entwicklung sparsamer Verbrennungsmotoren und bei der Analyse von Schadstoffausbreitung in der Atmosphäre eine zentrale Rolle. Das sieben Meter hohe „Ilmenauer Fass“, im Schortetal am Schaubergwerk Volle Rose gelegen, ist das weltweit größte Rayleigh-Bénard-Experiment zum Studium hochturbulenter Konvektionsströmungen in Luft. Im Inneren kann eine nahezu homogene und isotrope Turbulenz erzeugt und soll mit modernernster Lasertechnologie und eigens entwickelten Miniaturströmungssensoren gemessen werden.

Das Langzeit-Projekt findet auf dem Gebiet der Fluiddynamik weltweit große Beachtung und steht unter Federführung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).


1990 Das größte Pumpenspeicherwerk Deutschlands

2003

Vattenfall Wasserkraft GmbH Goldisthal Landkreis Sonneberg

Am Abend des 4. November 2006 saßen 15 Millionen Europäer anderthalb Stunden lang im Dunkeln. Ein Energieunternehmen hatte an der Ems eine Hochspannungsleitung ausgeschaltet, um ein Kreuzfahrtschiff auf die Nordsee zu lassen. Der Strom aus dieser Leitung überflutete Netze in mehreren Ländern: Stromausfall. Nicht betroffen aber war der deutsche Osten, weil in Goldisthal bei Sonneberg rechtzeitig eine „Sicherung“ ansprang: Das größte Pumpspeicherwerk Deutschlands, ab 1997 gebaut und seit 2003 in Betrieb. Die Funktionsweise ist relativ simpel. Auf einem Berg liegt ein Becken, das etwa so viel Wasser fasst wie zehn olympische Schwimmhallen. Von hier führen Rohre in ein unterirdisches zweites Becken. Ist im Netz mehr Strom verfügbar als nötig, pumpen Turbinen Wasser nach oben.

Mangelt es an Energie, rauscht das Wasser gut 300 Meter in die Tiefe und erzeugt Strom. Als an jenem Novemberabend die Stromlawine aus dem Norden heranrollte, stellten die Thüringer Techniker ihre Turbinen auf Pumpbetrieb und verhinderten so, dass der Stromausfall auf Osteuropa übergriff. Derzeit gibt es neben Goldisthal vier weitere Pumpspeicherwerke in Thüringen: Hohenwarte I und II, Bleiloch und Wisenta. Und es könnten mehr werden, denn mit der Energiewende nimmt der Bedarf zu, überschüssigen Strom aufzunehmen. Er entsteht z. B., wenn es anhaltend stürmt. Derzeit müssen Windräder gerade an solchen Tagen häufig abgeschaltet werden, um die Netze zu schützen.

Am 18. Oktober stellt das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen beim Landratsamt Sonneberg einen Antrag auf Änderung des Grundbucheintrags. Die Renovierung kann man mit großzügiger Unterstützung der IHK Coburg in Angriff nehmen und das Gebäude am 5. November 1991 als Außenstelle des Weiterbildungszentrums der IHK Südthüringen einweihen. Das Gebäude der ehemaligen Handels- und Gewerbekammer Suhl in der Auenstraße 27 ist zunächst Sitz der neu gegründeten Industrieund Handelskammer Südthüringen.

1990 Die IHK eröffnet das Weiterbildungszentrum in Suhl zum 1. Juli 1990.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1990 - 2016

1990 „Südthüringische Wirtschaft“, die neue IHK-Zeitschrift, erscheint erstmals im Juli 1990 und „bedarf weder einer Genehmigung noch einer Kontrolle. Nachdem bisher Informationen über die Wirtschaft selbst als eine Art Geheimnis gewahrt wurden, wird ein erster Versuch, den Industriestandort Südthüringen zu beschreiben, sicher weitgehendes Interesse finden.“

1990 Die erste demokratisch gewählte Vollversammlung nach über 60 Jahren besteht aus 41 Unternehmern Südthüringens. Sie wird Mitglied im Deutschen Industrie- und Handelstag DIHT und wählt am 20. September Dr. Werner Linde zum Präsidenten und Karin Rau zur Hauptgeschäftsführerin.

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Erste automatische Analyse von Getreidequalität

2010 Prof. Gerhard Linß, Dr.-Ing. Peter Brückner, TU Ilmenau

Für Mühlen und Silobetriebe gibt es bei der Annahme der Ernte strenge Qualitätskriterien. Dabei konnte die Zusammensetzung von Getreide bisher nur manuell mit der sogenannten Besatzanalyse bestimmt werden. In Ilmenau hat man die Untersuchung mit „grainspector“ erstmals voll automatisiert.

Das erste Besatzanalysegerät stellt numerische und grafische Statistiken der Probe zur Verfügung. Das neue Verfahren wurde unter der Leitung von Prof. Gerhard Linß und Dr. Peter Brückner innerhalb des Fachgebiets Qualitätssicherung der TU Ilmenau entwickelt; es basiert auf modernster Farbbilderfassung und intelligenten Erkennungsalgorithmen.

Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

SoundPrism macht das iPhone zum Tonstudio

2010 Sebastian Dittmann und Gabriel Gatzsche, Audanika GmbH Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Musikinstrument, Synthesizer und Fernbedienung in einem? Am 19. August 2010 ging die Musik-App SoundPrism in Apple‘s App-Store online und wurde binnen 24 Stunden zur meistgeladenen Musik-App. SoundPrism dient als professionelles Kompositionswerkzeug, MIDI Controller oder Generator für harmonische Klangtexturen. Nutzer können professionell Soundtracks

komponieren, neue Akkordfolgen finden oder etwa Loops erstellen. 2011 wurden die Entwickler Sebastian Dittmann und Gabriel Gatzsche, Begründer der Firma Audanika, mit dem Thüringer Innovationspreis ausgezeichnet.


1990 Wiedergründung des Landes Thüringen am 3. Oktober 1990: Es besteht aus 35 Landkreisen und 5 kreisfreien Städten.

Dynamische Lichtquelle V-Light V8

2010 Klaus Wammes, Global LightZ GmbH

Breitungen Landkreis Schmalkalden-Meiningen

Licht beeinflusst den menschlichen Biorhythmus. Die Firma Global LightZ hat eine Lichttechnologie entwickelt, die den Wandel des Tageslichts nachbilden kann. Stufenlos regelbar nimmt es alle Farben und Helligkeiten an, vom roten Sonnenaufgang bis zu direkter weißer Sonneneinstrahlung. Damit kann einfallendes Tageslicht ebenso simuliert werden wie Kerzenlicht. „Dynamisches Licht führt in Schulen und Büros zu mehr Leistungsfähigkeit. In Krankenhäusern verbessert es das Wohlbefinden der Patienten. Die Helligkeit ist bis zu zwölfmal höher als die einer Glühbirne – bei einem Zehntel des

Energieverbrauchs. Mehr als zehn Jahre Lebensdauer und Einsatzmöglichkeiten bei extremen Umgebungstemperaturen von -35 bis +240 Grad machen die V8 zum Allrounder“, erklärt Global LightZ. Unter allen Alternativen zur Glühbirne weise das V8-Licht die beste Ökobilanz auf: „Light Engine V8“ erzeuge kaum Wärme und sei zu 100 Prozent recycelbar. 2010 wurde Klaus Wammes, Geschäftsführer von Global LightZ, für seine dynamische Lichtquelle V8 mit dem Innovationspreis Thüringen ausgezeichnet.

Am gleichen Tag hat das Deutsche Patentamt in München laut „Handelsblatt“ den Schutz für rund 111.000 DDR-Patente übernommen. Viele waren jedoch Ausdruck der Mangelwirtschaft, hinkten der aktuellen Entwicklung hinterher oder wurden rasch überholt. Und tausende Patente erloschen, weil die Jahresgebühren von bis zu 1.940 Euro nicht mehr gezahlt wurden. Umzug der IHK Südthüringen am 23. Oktober auf den Suhler Friedberg, um die Arbeitsbedingungen für das anwachsende Team zu verbessern.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1990 - 2016

1991 Einstimmig wählt die Vollversammlung am 20. Juni den Sonneberger Unternehmer Wilhelm Salzmann zum neuen Präsidenten der IHK Südthüringen, nachdem Werner Linde aus gesundheitlichen Gründen Platz machte. Wolfgang Voigt, Geschäftsführer der Karabinerhaken-Vertriebs GmbH, wird ins Präsidium gewählt.

1993 Hauptgeschäftsführerin Karin Rau übernimmt das Delegiertenbüro der deutschen Wirtschaft in Kiew. Die Vollversammlung bestellt einstimmig ihren bisherigen Stellvertreter Lothar Siegemund zum neuen Hauptgeschäftsführer.

Das härteste Messer der Welt

2010 Peter Herwig, Herwig Bohrtechnik Schmalkalden GmbH Schmalkalden Landkreis Schmalkalden-Meiningen

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Sicherheit ist eines der bedeutendsten Themen für die Automobilindustrie. Doch je härter und stoßfester die Karosserien, desto schwieriger kann die Rettung nach einem Unfall aus dem verformten Fahrzeug werden. Als erstmals eine Frau nicht befreit werden konnte, weil sich die tragenden A- und B-Fahrzeugsäulen nicht mehr zerschneiden ließen, setzte Peter Herwig alles daran, die Arbeit der Rettungsteams effektiver zu machen:

Die Herwig Bohrtechnik Schmalkalden GmbH entwickelte das härteste Messer der Welt – mit 107 Tonnen Schneidkraft. Der Clou: Es besteht aus zwei unterschiedlich harten Stählen, ein harter Schneideinsatz fügt sich in die zähe Klinge. Herwig Bohrtechnik ist der einzige Hersteller eines solchen Werkzeugs und hat bereits 10.000 in die ganze Welt exportiert. Bei einer Schulung 2012 zerschnitten 2.500 Feuerwehrleute 200 Autos, ohne dass ein einziges Schermesser versagte. 2010 wurde Herwig Bohrtechnik für das Schermesser mit dem Innovationspreis Thüringen ausgezeichnet.


Starker Sound aus flachen Boxen

1994

2010

Mit der Gebietsreform vom 1. Juli 1994 gehört der neue Ilm-Kreis zum Gebiet der IHK Südthüringen; der Wartburgkreis und somit die Außenstelle Bad Salzungen sind nun Teil der IHK Erfurt. Das Innenministerium hatte das Gesetz zur Neugliederung (ThürNGG) auf den Weg gebracht, da 916 der insgesamt 1.707 Gemeinden des Landes weniger als 500 Einwohner hatten.

Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Fernseher oder Laptops werden immer dünner und die verwendeten Lautsprecher deswegen immer kleiner. Darunter leidet die Soundqualität deutlich. Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie in Ilmenau entwickelte daher einen neuartigen Flachlautsprecher, der erstmals in einem flachen Gehäuse oder direkt an der Wand sehr gute Tonqualität verspricht. Dabei kann durch die ausgeklügelte Platzierung mehrerer kleiner Lautsprechermembranen in einem flachen Gehäuse das Klangvolumen eines großen Lautsprechers abgebildet werden.

2010 wurde das Institut für den Flachlautsprecher mit dem Innovationspreis Thüringen ausgezeichnet.

Videomodifikation in Echtzeit

2011 André Münnich, Jan Herling und Wolfgang Broll, fayteq AG Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Reale Objekte in Echtzeit verschwinden lassen? Was wie Utopie anmutet, ist schon Wirklichkeit. Die fayteq AG ist ist deutscher Pionier der Technologie „Real-Time Diminished Reality“: Damit können Objekte aus Live-Videos automatisiert retouchiert oder durch andere ersetzt werden – und das sogar in Echtzeit und bei Live-Übertragungen. So lässt sich z. B. ein versehentlich durchs Bild fliegendes Flugzeug sauber entfernen. Umgekehrt kann man etwa ein Marken-Logo zu Werbezwecken auch nachträglich in Videos einbauen. André Münnich, Jan Herling und Wolfgang Broll trafen sich an der TU Ilmenau. Als

universitäre Ausgründung entwickelt die fayteq AG heute in Erfurt, Berlin und Dresden Softwarelösungen für die Videobearbeitung und erhielt 2012 für die neue Technologie den Innovationspreis Thüringen.

Gemäß seiner wirtschaftlichen Bedeutung soll der Ilm-Kreis eine IHK-Außenstelle erhalten. Die neuen Räume in Arnstadt füllen sich ab 20. September 1994 unter Leitung von Margitta Huck mit Leben.

1995 Die IHK Südthüringen bezieht ihr Gebäude an der Hauptstraße 33 in Suhl-Mäbendorf.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1990 - 2016

1996 Von der Schulbank zum Ausbildungsplatz: Mit Handwerkskammer und Arbeitsamt Suhl initiiert die IHK die erste Berufsinformationsmesse (BIM) für Schüler und Eltern in Meiningen, Sonneberg und Arnstadt und gibt dem Thema Ausbildung neues Gewicht. 1997 folgt die Vergabe der ersten Bildungsfüchse.

1998 Die Vollversammlung wählt Martin Röder zum neuen Präsidenten. Der damals 47-Jährige ist geschäftsführender Gesellschafter der Gelenkwellenwerk Stadtilm GmbH und der Landund Kraftfahrzeugtechnik Stadtilm GmbH. Sein Vorgänger Salzmann wird Ehrenmitglied.

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Das genaueste Messgerät der Welt

2011

SIOS Messtechnik GmbH Ilmenau & Institut für Prozessmess- und Sensortechnik der TU Ilmenau Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Die genaueste Präzisionswaage der Welt kommt aus Ilmenau, ebenso die genaueste Präzisionsmess- und -positioniermaschine der Welt. Sie kann in einem Raum Strukturen antasten, die dem Tausendstel Durchmesser eines menschlichen Haares entsprechen, und wurde innerhalb eines EU-Projektes vom Institut Prozessmess- und Sensortechnik PMS der TU Ilmenau und der SIOS Meßtechnik GmbH entwickelt. „Der Weltstand auf diesem Gebiet wird von Ilmenau bestimmt“, so Prof. Klaus Weinert vor dem Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die „NMM-2“ ist mit einem Messbereich von 25 x 25 x 5 Millimetern und einer Auflösung von 0,1 Nanometern die genaueste Maschine der Welt. Ihre Präzision entspricht dem Aufspüren eines Gegenstandes vom Durchmesser eines Haares im Großraum München [25 Quadratkilometer] bis in eine Höhe von 5.000 Metern, also mehr als der höchste Alpen-Gipfel Mont Blanc.

SIOS ist weltweiter Marktführer auf Gebieten der höchst präzisen Längenmessung und hat in zehn Jahren gemeinsam mit der TU Ilmenau die Genauigkeit der Nanomessmaschinen um den Faktor 64 gesteigert, d. h. von 1,24 Nanometer auf aktuell 20 Pikometer. Deren Aufgabe ist es, innerhalb von Halbleitertechnik bis zu Bio- und Gentechnik technologische und analytische Operationen auszuführen. Die Ilmenauer Ergebnisse finden in der industriellen Serienproduktion Verwendung und gelten im internationalen Maßstab und in den metrologischen Instituten vieler Länder als Standard.


Messtechnik für schnellsten Mobilfunk

2001

2014

Der DIHT nennt sich nun Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK), um seine Gemeinsamkeit mit IHKs und Auslandshandelskammern zu betonen.

Prof. Reiner Thomä, Elektronische Messtechnik, TU Ilmenau Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Schneller, weiter, höher – das mobile Internet will Superlative. Smartphones und Tablets sollen immer flotter Ergebnisse liefern und dabei größere Datenmengen bewältigen. Professor Dr. Reiner Thomä, Leiter des Fachgebiets Elektronische Messtechnik an der Technischen Universität Ilmenau, hat die „Sounder“-Technologie entwickelt. Mit ihr lässt sich die Ausbreitung von Funkwellen in bestimmten Umgebungen erforschen.

Dringlich ist das vor allem in Großstädten und Ballungsgebieten: Dort greifen besonders viele Menschen mit mobilen Geräten auf das Internet zu, was die Funknetze an die Grenzen des physikalisch Möglichen bringt. Professor Thomäs Forschungen tragen dazu bei, dass dem Mobilfunkstandard der vierten Generation (LTE/4G) mit „5G“ bald die nächste folgen kann. Dafür erhielt er 2014 den Vodafone-Innovationspreis.

Digitale Modellbahn

2015 PIKO Spielwaren GmbH Sonneberg Landkreis Sonneberg

Touch-Screen, Sender und digitaler Trafo: So könnte die Zukunft in deutschen Kinderzimmern aussehen. 2015 entwickelte PIKO, einer der führenden deutschen Modellbahnhersteller mit

Sitz in Sonneberg, das preisgekrönte SmartControl-System für die Modelleisenbahn. Hupe, Fernlicht, Weichen oder Signale: 28 Zusatzfunktionen können drahtlos über das Handy-Display gesteuert werden. Via WLAN werden die Signale auf die Schienen und von dort auf die Modellzüge übertragen. Auch selbst aufgenommene Bahnhofsdurchsagen spielen die High-Tech-Loks ab.

Am 01.09.2001 eröffnet die IHK das Bildungszentrum in Suhl-Mäbendorf nach zwei Jahren Bauzeit. Bund und Land fördern die Kosten von 12,3 Millionen DM zu 85 Prozent, zur Stärkung der regionalen Wirtschaft blieben 93 Prozent des Autragsvolumens innerhalb Thüringens.

2002 Im Dezember 2002 startet die IHK Südthüringen mit der ersten Pro€ent-Sendung das Wirtschaftsfernsehen.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1990 - 2016

2003 Am 27. Februar tagt die konstituierende Sitzung der neu gewählten Vollversammlung: Dr. Peter Traut ist neuer Präsident der IHK Südthüringen. Die IHK Südthüringen vergibt den ersten Unternehmerpreis „Mittelstand und Thüringen“ MuT gemeinsam mit den regionalen Medien sowie der IHK Erfurt. Ab 2004 beteiligt sich auch die Handwerkskammer Südthüringen.

2004 Dr. Ralf Pieterwas wird neuer Hauptgeschäftsführer und löst am 1. Juni nach fast zwölf Jahren Lothar Siegemund ab, der die IHK dienstleistungsorientiert nach unternehmerischen Grundsätzen geführt hatte.

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Roboter soll Pflegebranche revolutionieren

2015

Dr. Andreas Bley, MetraLabs GmbH, und TU Ilmenau Ilmenau Landkreis Ilm-Kreis

Ein Roboter aus Ilmenau soll Menschen nach einem Schlaganfall bei der Rehabilitation helfen. Die Tests mit Roboter-Assistent „Roreas“ sind vielversprechend, so das Bundesministerium für Forschung und Bildung. „Er ist nie müde, unendlich geduldig und sieht auch noch sympathisch aus. Roreas hilft Patienten, nach einem Schlaganfall das Gehen neu zu erlernen, sich besser zu orientieren und so schnell wie möglich wieder eigenständig zu leben“, erklärt Dr. Andreas Bley, Geschäftsführer der MetraLabs GmbH aus Ilmenau, wo Roreas gemeinsam mit der TU Ilmenau entwickelt wurde.

Bei den Tests gehen freiwillige Patienten mit dem Roboter spazieren: Er spricht zu ihnen, wartet Pausen ab oder erläutert den Weg zurück. Dabei wertet er Daten aus wie z. B. Länge und Dauer der Strecke. Seine Fragen nach dem Befinden kann man über einen Touchscreen beantworten. Schlaganfall ist in Deutschland die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für Behinderungen bei Erwachsenen. Jedes Jahr erleiden 250.000 Menschen einen Schlaganfall. Projekte wie Roreas können laut Dr. Andreas Bley die Pflegebranche revolutionieren, aber den Therapeuten nicht ersetzen, nur ergänzen.


Der erste 4K USB-Stick der Welt

2005

2015

Das Regionalmarketing etabliert auf IHK-Initiative den Wirtschaftsraum Südthüringen als Marke, Wirtschaftsstandort und Zukunftsregion. Rund 70 Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung kommen zur Auftaktveranstaltung. 2009 wird das Regionalmarketing im Verein „forum Thüringer Wald“ institutionalisiert.

CDA GmbH Suhl Stadt Suhl

Jetzt kann man echte 4K-Videos per USB auf kompatiblen Geräten abspielen. 2015 meldete CDA den ersten 4K USB-Stick der Welt mit rund 13,5 GB 4K-Daten. 4K nutzt 3840 x 2160 Pixel – das Vierfache der üblichen TV-Auflösung Full-HD. Seit 1994 geht es in Suhl um Speichermedien; heute ist CDA einer der größten unabhängigen Hersteller von CDs, DVDs und Blu-ray-Discs in Europa, das CD-Presswerk ein Technologieunternehmen in globalen Zukunftsmärkten wie Automotive oder Biotechnologie. Seit 2014 ist „CDA“als Namensgeber der früheren OEM auch in den USA präsent, mit aktuell über 500 Mitarbeitern in Suhl und North Carolina.

Einziger Hersteller von Mikroliterspritzen in Deutschland

2016 ILS – Innovative Labor Systeme GmbH Stützerbach Landkreis Ilm-Kreis

Ein Labor- und Messgerätehersteller führt die Glasmacher-Tradition mit neuestem Know-how fort: Die 1992 gegründete Innovative Labor Systeme GmbH ILS ist einziger deutscher Produzent von Mikroliterspritzen. ILS fertigt mehr als 1.000 Varianten mit Volumen von 0,5 µl bis 100 ml u. a. für die klinische und chemische Analytik. Herstellung und Bearbeitung erfolgen komplett „Made in Südthüringen“.

2016 Die IHK bezieht das neue „Haus der Wirtschaft“ in der Suhler Bahnhofstraße, wo für 14 Millionen Euro gebaut wurde, 1,9 Mio. davon trägt die Städtebauförderung. 5.488 Quadratmeter bieten Platz für 50 IHK-Mitarbeiter, 500 qm Konferenz-Flächen sowie 30 externe Arbeitsplätze. 200 Ehrengäste aus Wirtschaft, Politik und Handwerk feiern am 5. April die Eröffnung.

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ERFINDUNGEN UND MEILENSTEINE 1990 - 2016

Das Gebäude der früheren Handels- und Gewerbekammer Suhl in der Auenstraße 27 (l.) wird 1990 zunächst Sitz der neu gegründeten Industrieund Handelskammer Südthüringen, die noch im gleichen Jahr an den Suhler Friedberg zieht. Ihr Weg führt 1995 ins eigene Gebäude an der Hauptstraße 33 in Suhl-Mäbendorf (r.) ...

... und schließlich im April 2016 in die Suhler Bahnhofstraße zum neuen „Haus der Wirtschaft“: Anlaufstelle für rund 29.000 Unternehmen, die jetzt im IHK-Bezirk aktiv sind. Foto: MichaelReichel/ arifoto.de

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Selbstverwaltung der Wirtschaft – Bonbon der Demokratie Totalitäre Systeme mögen keine selbstbewussten unabhängigen Selbstverwaltungen. Deshalb mussten die ersten Handels- und Gewerbekammern am Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber dem feudalen Adel mit viel Kraft vom aufstrebenden Bürgertum durchgesetzt werden. Weil Unternehmerdemokratie und Interessenvertretung im Dritten Reich nicht ins Schema passten, wurden IHKs gleichgeschaltet und zu zentral geführten Gauwirtschaftskammern umfunktioniert. Und weil auch die DDR die selbstbewusste Vertretung der Gewerbetreibenden fürchtete, wurden die Industrie- und Handelskammern nach ihrer Wiedereinführung im Jahre 1946 bereits 1953 aufgelöst. Glücklicherweise erfuhren die IHKs unter dem Eindruck der Ereignisse des 17. Juni 1953 noch im Jahr ihres Verbotes ihre Renaissance. Fürwahr, einfach zu verstehen ist die Selbstverwaltung der Wirtschaft auf den ersten Blick nicht, statt dessen sind IHKs wie Feuer und Wasser – vom Staat als Teil seiner selbst eingerichtet, um die Mitwirkung aller Gewerbetreibenden zu sichern, muss er sich der Kritik der Selbstverwaltung der Wirtschaft stellen, muss es aushalten, dass Selbstverwaltung auch selbstbewusste Positionierung der regionalen Wirtschaft bedeutet, die nicht für jeden bequem sein dürfte. Aber so machen Kammern Sinn, wenn alle Branchen vertreten sind und der Staat Selbstverwaltung der Wirtschaft mit ihrer gelebten Unternehmerdemokratie nicht nur gewähren lässt, sondern als Teil seiner eigenen Demokratiegeschichte und -entwicklung begreift.

Dr. Ralf Pieterwas Hauptgeschäftsführer der IHK Südthüringen

Dr. Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer der IHK Südthüringen

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BRANCHENGESCHICHTEN

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Großes Können – große Marken Großes Können lockt große Marken. Ob Sie einen Duft von Boss oder Chloé im Bad haben oder ein Duschgel von Yves Rocher – der wertvolle Parfumflakon kommt ebenso wie die funktionelle Tube von Südthüringer Experten. Seit die Grenzen wieder offen sind, strömt der Material- und Warenfluss. Ohne Zögern hat die Region ihre guten nachbarschaftlichen Beziehungen wieder aufgenommen, die Infrastruktur auf Stand gebracht, ihren Radius erweitert und sich in ihren Kernkompetenzen auf die Überholspur begeben. 2014 weist der IHK-Bezirk doppelt soviele Industriebetriebe auf wie der Bundesdurchschnitt, nämlich elf je 10.000 Einwohner. An kaum einem Ort werden verhältnismäßig so viele Fachkräfte aus- und weitergebildet wie in Südthüringen. Und wo Auszeichnungen für Erfinder und Innovationen vergeben werden, steht die Region regelmäßig mit auf dem Siegerpodest. Südthüringen baut den Turbo ein, in Motoren ebenso wie auf dem Weg zur Zukunftsindustrie.

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BRANCHENGESCHICHTEN METALL UND MASCHINENBAU

Eisen und Stahl bringen Arbeit und Brot Südthüringen zeichnet sich durch eine im Deutschland-Vergleich überdurchschnittlich hohe Dichte an Industriearbeitsplätzen aus: 43 Prozent aller Umsätze wurden im Jahr 2014 im idyllischen Thüringer Wald in den Bereichen Industrie und Bergbau erwirtschaftet. Das kommt nicht von ungefähr. Metallgewinnung und -verarbeitung sind von Beginn an gewichtige Säulen der hiesigen Wirtschaft. Denn neben seinem unübersehbaren Holzreichtum hat der Thüringer Wald zahlreiche abbaufähige Bodenschätze versteckt: In frühesten Zeiten wurde unter anderem bei Suhl und Sonneberg Eisenerz gefunden und der Eisenbergbau schon in den Jahren um 900 geschichtlich erwähnt. Außer Eisenerz hielt der Boden aber auch Kupfererz und goldhaltigen Quarzkies bereit. So widmeten sich die Menschen nahezu überall in Südthüringen der Metallgewinnung und -verarbeitung. Vor allem in Schmalkalden war die Ausbeutung einstmals mächtiger Eisenerzlager entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung: Das Brennholz aus den umliegenden Wäldern bot beste Voraussetzungen für das Entstehen einer Eisen- und Stahlindustrie – und das schon im Jahr 385, als ein Mann namens Merkel hier Eisenerz abgebaut und verarbeitet haben soll.

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Die Wildbäche lieferten die Energie zum Antrieb der Pochwerke und Blasebalge. Nachgewiesen ist, welch hohes Ansehen Handwerk und Kleineisenindustrie schon im Mittelalter in Schmalkalden genossen. Während hier Zangen, Ahlen und Feilen entstanden, produzierte man in SteinbachHallenberg Nägel, Bohrer, Korkenzieher und später gar Lockenbrenneisen. Für die Menschen südlich des Rennsteigs – um Suhl, Zella-Mehlis und Schmalkalden – bedeuteten Eisen, Stahl und Metallwaren seit jeher zugleich Arbeit und Brot. Und immer wieder taten sich unter den Könnern auch erfinderische Begabungen hervor. So gründete der aus dem Raum Zella stammende Heinrich Ehrhardt 1878 eine eigene Werkstatt, um seine Ideen umsetzen zu können. Tatsächlich trat von hier aus eine der größten Erfindungen den Weg in die

Besonders die Kleineisen-Produktion hat eine lange Tradition in Südthüringen: Nägel sind die ältesten bekannten Verbindungselemente. Foto: Metzner


Stahl- und Walzwerke an: Das „Verfahren zum Lochen und gleichzeitigen Formgeben von Eisen- und Stahlblöcken in erhitztem Zustand“, dessen Patent er am 28. Januar 1891 unter Nummer 67921 eintragen ließ. Erst mit diesem Verfahren wurde es möglich, Hohlkörper in den verschiedensten Formen herzustellen. Zahlreiche Firmen investierten Millionen in die Aufnahme einer Lizenzproduktion. Wie die Waffenindustrie eine ganze Stadt berühmt gemacht hat Währenddessen hatte sich das Gebiet um Suhl seit dem Mittelalter einen Namen als Waffenstadt gemacht. Die Waffenproduktion erlebte im Zuge der Industrialisierung ein Wachstum, das seinesgleichen sucht: Aus den Handwerksbetrieben wurden zunächst Manufakturen – sie kombinierten die traditionelle handwerkliche Arbeit mit ersten industriellen Fertigungsmethoden – und später Fabriken, die jetzt sogar Massenproduktion ermöglichten. Genau hier bildeten sich die spezialisierten Berufsbilder heraus, es entstanden die Gewerke von Büchsenmacher, Schäfter und Rohrschmied. Von jeher galten die Suhler als Meister edler Stücke, wie sie heute u. a. als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen im Grünen Gewölbe zu Dresden zu sehen sind oder aber natürlich im Waffenmuseum Suhl, das als eines der bedeutendsten Spezialmuseen Deutschlands gilt. Im historischen Malzhaus präsentiert es seit 1971 die fast 600-jährige Geschichte der Suhler Waffenfertigung – von der Materialgewinnung im Bergbau bis hin zur Feinarbeit der Graveure. Einen frühen Meilenstein bildet das Jahr 1751, als mit „Sauer & Sohn“ Deutschlands erste Waffenfabrik gegründet wurde: Nachdem Preußen 1756 in den Siebenjährigen Krieg zog, verkauften die Suhler Büchsenmacher allein in vier Jahren 25.000 Gewehre. 1838 begann die fabrikmäßige Herstellung von Waffen zwischen Suhl und seinem heutigen Ortsteil Heinrichs, der bis 1936 eigenständig und schon seit dem 16. Jahrhundert durch Erzbergbau und Eisenverhüttung geprägt war: Mit dem Schilling'schen Rohrhammer entstand hier die erste Waffenfabrik im modernen Sinne. Bestimmte Einzelteile wurden nicht mehr von Hand,

Einblick in eine historische Büchsenmacherwerkstatt – heute noch möglich im Waffenmuseum in Suhl. Foto: Carl Walther 2016

sondern in Gesenkschmieden gefertigt. Damit war die für den Militäreinsatz wichtige Gleichheit der Teile gewährleistet. Kurz darauf gründete im Jahr 1840 Carl Gottlieb Haenel eine zweite Waffenfabrik in Suhl: Der königlich-preußische Gewehrfabrikskommissar begann mit Präzisionsfeuerwaffen auf industrieller Ebene. Schnell wurden seine Firma und ihr Haenel-Pfeil zum Symbol für Präzision, innovatives Design und Robustheit. Hier entwickelte Carl Wilhelm Aydt im 19. Jahrhundert die Aydt-Büchse; im 20. Jahrhundert erfanden Hugo und Hans Schmeisser legendäre Maschinen- und Sturmgewehre. 1898 schließlich gründeten die Brüder Merkel ihre Waffenfabrik in Suhl [siehe „Unternehmensprofil: Die ehrgeizige Jagd nach der perfekten Büchse“]. Eine weitere Büchsenmacherwerkstatt wurde ab 1886 in Zella-Mehlis von Carl Walther betrieben, er fertigte Jagd- und Scheibenbüchsen u. a.

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BRANCHENGESCHICHTEN METALL UND MASCHINENBAU mit Aydtsystemen. Mit Sohn Fritz entwickelte er die aufkommende Technik der Selbstladepistolen, später Schrot- und Doppellaufflinten sowie Kleinkalibermodelle. Parallel erweiterte sich die Produktpalette um Rechenmaschinen, die in den 1920er Jahren weltweiten Absatz fanden. Ab 1929 legte man mit Pistolen wie der „PP“ und „P38“ den Schwerpunkt wieder auf Waffen – Millionen waren es im Zuge der Rüstungsproduktion.

Gefragte Markenware: Jagd- und Sportwaffen waffen aus Südthüringen

Metallbau mobil: Tragfähig und rekordverdächtig Als die Brüder Simson 1856 in Suhl ihre Stahlschmiede „Simson & Co.“ gründeten, waren zwar zunächst auch Waffen ihr Thema. Doch ihre eigentliche Domäne, der Fahrzeugbau, führte sie in eine unvergleichlich wechselvolle Geschichte, die nahezu eineinhalb Jahrhunderte umspannen sollte. Die Stadt Suhl präsentiert heute ihre tragkräftige Tradition im Fahrzeugbau auf rund 1.100 qm Ausstellungsfläche mit rund 220 Exponaten aus

Zum Zweiten Weltkrieg waren nicht nur Handfeuerwaffen, sondern sogar Raketenwerfer gebaut ut worden. Mit der Jagdwaffenherstellung hingegen, zuvor oft als „Notgewerbe“ angesehen, schufen sich die Büchsenmacher her ab 1945 eine neue Nische: Als der Frieden Einzug gehalten hatte, fertigte tigte man Jagd- und Luftgewehre. Um 1990 war das Suhler Kombinat noch immer der vermutlich größte Jagdwaffenproduzent Europas. Mit der Wende wurde der technische Fortschritt behutsam in die traditionelle Produktion integriert. rt Mit dem Ende der DDR verschwand die Traditionsfirma Haenel zunächst, bis sich 2006 die „Suhl Arms Alliance“ gründete: Büchsenmacher und industrielle Hersteller hauchten der Marke neues Leben ein. Seit 2008 werden aus der Waffenstadt wieder Haenel-Gewehre geliefert – von der „C. G. Haenel GmbH“ im Verbund mit der Suhl Arms Alliance, der auch Merkel angehört. Merkel hat seinen guten Ruf bis heute bewahren oder gar steigern können; die Jagd- und Sportwaffen sind auf der ganzen Welt begehrt. Parallel nimmt vor allem die Fertigung von Präzisionswaffen für Sicherheitsbehörden stetig zu. Die Carl Walther GmbH liefert heute weltweit Polizei-Pistolen und Sportwaffen für olympische Wettkämpfe. Doch Vorkriegsmodelle mit der Gravur „Zella-Mehlis“ sind noch immer bei Sammlern begehrt.

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Auch Franz Götz tüftelte in seiner Suhler Manufaktur stetig Verbesserungen aus: Diese Scheibenpistole mit System von Götz nahm der Suhler Meisterschütze Friedrich Krempel 1935 mit nach Rom, er wurde damit Vizeweltmeister. Foto: Privat

Diese Scheibenpistole mit Selbstspannersystem von Büchel und reichverziertem Perlmuttgriff war um 1900 das „Meisterstück“ von Wilhelm Goebl. Der Bildhauer war aus Erfurt nach Zella St. Blasii umgesiedelt und legte hier als Büchsenmacher seine Meisterprüfung ab. Foto: Privat


allen Bereichen vom Fahrrad über das Moped und Motorrad bis zum Automobil. Dem erfolgreichen Suhler Motorsport widmet sie dabei einen eigenen Raum: Hier finden sich die Simson-Motorräder der Europa- und Weltmeister sowie der legendäre „Greifzu-Rennwagen“ von BMW. Paul Greifzu war 1902 in Suhl geboren und zunächst, wie viele seiner Zeit, als Werkzeugmacher und Mechaniker in die Lehre gegangen. Ab 1921 fuhr er sich mit Autorennen an die Spitze, in den 50er Jahren schließlich zählte er zu Deutschlands Top-Rennfahrern und siegte u. a. vor 300.000 Zuschauern beim Internationalen Avusrennen 1951 gegen starke nationale und internationale Konkurrenz.

Simson entwickelt in 14 Jahren 62 Patente Derweil entwickelte die Firma Simson auf Basis des Metallbaus ein immer breiter werdendes Leistungsspektrum; der Südthüringer Erfindergeist blühte und fand weltweit begeisterte Abnehmer. Allein aus den Jahren 1918 bis 1932 liegen 62 Patenturkunden vor – von Waffentechnik über Farbfilter für optische Geräte bis hin zur elektrischen Widerstandsschweißung. Kontinuierlich lieferten die Bauer und Entwickler Höchstleistungen, z. B. in der Fahrradproduktion, die schon 1896 anlief. Ebenso zahlreich wie berühmt sind die Simson-Mopeds, von denen bis 1959 bereits 500.000 Stück produziert wurden. Und schon ab 1911 gingen hier Autos in Serie, allen voran der PKW Simson A. Auch zum Ende des Zweiten Weltkriegs standen die Räder nicht still: Man wich auf Bratpfannen, Hämmer, Hacken, Äxte und Zangen aus. Als 1946 im Zuge der Reparation in der Fabrik 4.313 Maschinen abgebaut wurden, produzierte man mit den jetzt noch 883 Maschinen Kinderwagen und Fahrräder – über 1,3 Millionen Fahrräder allein bis 1957.

Erfolgreich gegen widrige Umstände Gegen welch widrige Umstände sich die Südthüringer dabei immer wieder behaupten mussten, zeigt die Geschichte von Simson schon fast

Fabrikarbeiter bei der Carl Walther GmbH.

Foto: Carl Walther 2016

beispielhaft anhand ihrer Namensänderungen: In insgesamt 146 Jahren erlebte „Simson & Co.“ tatsächlich elf Um- und Neubenennungen, statistisch also rund alle 13 Jahre. Die erste erfolgte 1934, als der Familie Simson ihre Firma zwangsweise entzogen und zur „Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke Simson & Co.“ (BSW) umbenannt wurde. Es folgen 1939 „Gustloff-Werke - Waffenwerk Suhl“ – 1945 „Simson & Co.“ – 1946 „Simson & Co. Suhl, Fahrradfabrik der sowjetischen Aktiengesellschaft für Spezialmaschinenbau“ SAG-Betrieb – 1947 Staatl. Aktiengesellschaft „Awtowelo“ Werk vorm. Simson & Co.; Suhl (Thür.) – 1952 „VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl“ – 1968 Zusammenschluss mit dem Ernst-Thälmann-Werk Suhl zum „VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann Suhl“ – 1970 Zusammenschluss mit MZ (Zschopau) und dem Mifa-Werk Sangerhausen zum IFA-Kombinat Zweiradfahrzeuge – 1991 untersteht Simson der Treuhandanstalt; ehemalige Geschäftsführer und Simson-Mitarbeiter gründen die „Suhler Fahrzeugwerke GmbH“ und produzieren wieder unter dem Markennamen „Simson“ – 1997 Gründung der „Simson Zweirad GmbH“ für Vertrieb und Produktentwicklung der „Simson Fahrzeug Werke“ – 2000 Insolvenz und Übernahme durch Klaus Bänsch, der neue Name: „Simson Motorrad

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BRANCHENGESCHICHTEN METALL UND MASCHINENBAU GmbH & Co. KG“. Diese meldete 2002 Insolvenz an und setzte damit einen Schlusspunkt hinter die bewegte Firmengeschichte. Die Marke Simson aber war damit noch lange nicht aus der Welt: „Eine Firma in Suhl produziert Ersatzteile für ein Zweirad, das seit zwanzig Jahren Geschichte ist. Und der Umsatz wächst“, berichtete die Süddeutsche Zeitung am 7. September 2011. Falko Meyer leitet „mit dem Simson-Ersatzteilwerk MZA in Suhl einen wachsenden Produktionsstandort und kann auf zweistellige Umsatzzuwächse in den vergangenen Jahren verweisen. Zwölf Millionen Euro Umsatz machte er 2010 mit Simson-Teilen.“ Für Fans aus aller Welt produziert MZA heute am ehemaligen Simson-Standort in Suhl u. a. Teile des legendären Kult-Zweirads Schwalbe, organisiert Clubtreffen in zahlreichen Ländern und sucht stetig weitere Fachkräfte – so im Bereich Maschinenbau, Anlagentechnik, Fahrzeugelektronik, Fertigung und Montage sowie Konstruktion und Entwicklung.

Die Wiege der deutschen Werkzeugindustrie Überhaupt ist die Produktentwicklung ein herausragendes Merkmal der metallverarbeitenden Industrie in der Region. Bis heute bedeutsam ist die

Schmalkalder Werkzeug- und Kleineisenindustrie, aber auch im Meininger und im Sonneberger Raum beschäftigten sich verschiedenste Unternehmen mit der Herstellung von Metallwaren.

Aus DDR-Werkzeugkombinat erwachsen 40 Betriebe In Schmalkalden hat die Herstellung diverser Eisen- und Stahlwaren sowie Werkzeuge eine lange Tradition, die Region gilt als die „Wiege der deutschen Werkzeugindustrie“. Zahlreiche mittelständische Unternehmen, die teilweise schon seit dem 19. Jahrhundert erfolgreich arbeiteten, wurden in der DDR zum „VEB Werkzeugkombinat Schmalkalden“ zusammengefasst – und einige von ihnen nach der Wende wieder von den früheren Eigentümern übernommen. Aus dem ehemaligen Werkzeugkombinat sind 40 Betriebe mit rund 2.000 Beschäftigten entstanden – ein Netzwerk, das sich seit 1990 bestens behauptet hat. Aus dem DDR-Forschungszentrum der Werkzeugindustrie ist die heutige „GFE – Gesellschaft für Fertigungstechnik und Entwicklung Schmalkalden e. V.“ hervorgegangen. Die GFE ist eine gemeinnützige Forschungsvereinigung aus vorwiegend mittelständischen Unternehmen, Verbänden, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und öffentlich-rechtlichen Körperschaften. Ihre Forschungsergebnisse aus den Kompetenzfeldern Werkzeugtechnik, Messtechnik, Dünnschichttechnik und Werkstoffprüfung kommen den mittelständischen Unternehmen der Region zugute.

Forschung und Industriecluster stärken den Mittelstand

Rechenmaschinen aus Zella-Mehlis standen in den 1920er Jahren auf zahlreichen Schreibtischen rund um den Globus. Foto: Carl Walther 2016

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Die GFE hat eine führende Rolle im Industriecluster „FerMeTh – Fertigungstechnik Metallbearbeitung Thüringen“ übernommen, das seit 2008 Unternehmen der Metallbearbeitung mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen vereint, die in der Fertigungstechnik tätig sind. Es bietet eine Plattform für Kooperation und hilft, strukturbedingte Nachteile von kleinen und mittleren Unternehmen zu beseitigen, damit sie im Wettbewerb bestehen. Dies gilt besonders bei Forschung und Entwicklung sowie Forschungs- und Fertigungskooperationen.


Im gleichen Zeitraum hat sich das Industriecluster „ELMUG – Elektronische Mess- und Gerätetechnik Thüringen eG“ entwickelt. Hier haben sich Entwickler, Hersteller, Anbieter, Dienstleister sowie Forschungseinrichtungen der Elektronischen Mess- und Gerätetechnik zusammengefunden. Die IHK Südthüringen hat beide Netzwerke in der Anlaufphase unterstützt.

DDR Museum Zeitreise Radebeul, Staubsauger vom VEB EIO Sonneberg Foto: Stefan Kühn

Technik, die das Leben leichter macht Die Elektro- und Feintechnik sind weitere tragende Zweige der Industrie im IHK-Bezirk. Nach der Wende konnten in Südthüringen einige Unternehmen nachhaltig privatisiert werden. Bei manchen prominenten DDR-Betrieben hat sich jedoch früh herausgestellt, dass ihre Produkte – insbesondere im Konsumgüterbereich – im Wettbewerb nicht bestanden. So waren zum Beispiel die Radio-Geräte der „VEB Stern-Radio Sonneberg“ für den Westexport ungeeignet, weil ihre Empfangsfrequenzen den Empfang von West-Radioprogrammen gänzlich verhinderten. Darüber hinaus waren Design und Bedienungstechnik nicht marktgerecht und das Produkt insgesamt technologisch rückständig.

Die größte Staubsaugerfabrik des Kontinents Andere Unternehmen haben marktfähige Produkte hergestellt, die schon zu DDR-Zeiten auf Westmärkten abgesetzt worden waren und deren technologisches Know-how in Fertigung und Anwendung eine schnelle Anpassung begünstigte. Der „VEB EIO Sonneberg“ war vor 1945 ein Werk für elektronische Kleinteile von Siemens-Schuckert. Seit 1957 wurden Staubsauger der Marke EIO – Elektroinstallation Oberlind – produziert und auch an westdeutsche Versandhäuser und Importeure in Frankreich und Spanien geliefert. Mit einer Jahresproduktion von ca. 900.000 Einheiten war man vor 1990 die größte Staubsaugerfabrik des Kontinents. Dann folgte ein Rationalisierungs- und Sanierungsprogramm in Produktentwicklung, Fertigung und Beschaffung. Heute werden die EIO-Bodenstaubsauger als Teil der „Glen Dimplex Deutschland-Gruppe“ produziert; das Unternehmen gilt als wichtiger Arbeitgeber in Sonneberg.

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BRANCHENGESCHICHTEN METALL UND MASCHINENBAU In Eisfeld blickt eine Rasierklingenfabrik auf fast 100 Jahre Firmengeschichte zurück: Ab 1920 wurde Albin Ritzmann hier mit „RITZMA-Werke“ ein wichtiger Arbeitgeber. In der DDR wurde das Unternehmen dann zum einzigen Hersteller von Rasierklingen und exportierte als „VEB Feintechnik Eisfeld“ seine Produkte weltweit. Nach der Wende erwarb ein Südtiroler das Unternehmen, sanierte und verkaufte es an eine schweizerische Private Equity Gesellschaft. 2014 übernahm schließlich ein New Yorker Start-up die Rasierklingenfabrik, um damit die größten Nassrasierer-Marken der Welt anzugreifen. 2016 hat sich die „Feintechnik GmbH Eisfeld“ umbenannt in „HARRY’S“ [siehe auch „Unternehmensprofil: Rasierklingen aus Eisfeld erobern die Welt“].

2014: Die Branche erwirtschaftet Milliarden-Umsätze In folgenden Wirtschaftszweigen sind die Unternehmen im IHK-Bezirk Südthüringen besonders erfolgreich – die Daten des Thüringer Landesamts für Statistik aus dem Jahr 2014 berücksichtigen alle Industriebetriebe mit 20 und mehr Beschäftigten: Herstellung und Bearbeitung von Metallerzeugnissen: 110 Betriebe haben 8.177 Personen beschäftigt und insgesamt mehr als 1,3 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Die Exportquote lag bei 30 Prozent. Maschinenbau: 51 Betriebe haben 4.387 Menschen Arbeit gegeben und ingesamt 730 Millionen Euro Umsatz gemacht. Die Exportquote liegt bei 34 Prozent.

Heute: In einem der modernsten Ausbildungszentren Deutschlands für industrielle Metallberufe bietet das Hildburghäuser Bildungszentrum (HBZ) in Eisfeld die überbetriebliche Ausbildung und koordiniert zudem Ausbildungsverbünde für Betriebe der Region. Seit über 16 Jahren hat sich der „Anerkannte Ausbildungsbetrieb der IHK“ bewährt – vorn: Geschäftsführer Kai Michaelis. Foto: Michael Reichel/ arifoto.de

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Der Nachwuchs qualifiziert sich vor Ort Den steigenden Fachkräftebedarf decken die Unternehmen im IHK-Bezirk verstärkt durch ihre Ausbildung im eigenen Haus – in Kooperation mit den Ausbildungszentren der Region – und mit Unterstützung der Hochschulen vor Ort: Ausbildungszentrum für industrielle Metallberufe in Eisfeld: Seit 2011 bietet das Zentrum den Unternehmen der Region eine fachlich hochwertige Ausbildung. Insgesamt sind in Eisfeld mit 5,2 Millionen Euro – 2,8 Millionen stecken davon alleine im Maschinenpark – großzügige Räume für modernste Ausbildungsbedingungen geschaffen worden; Träger ist das Hildburghäuser Bildungszentrum. Die Unternehmen vor Ort haben zusammen mit dem Landkreis einen Eigenanteil von ca. 800.000 Euro aufgebracht. SAZ – Sonneberger Ausbildungszentrum: Auch das SAZ bietet den Unternehmen der Region die überbetriebliche Erstausbildung in Metall-, Elektro- und Kunststoff-Berufen.

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as ist ein Garant für die Zukunft, dass wir hier die Fachkräfte für morgen, die wir ganz dringend brauchen, in unserem Ausbildungszentrum in Eisfeld ausbilden lassen können.“ Reinhard Jacob, Geschäftsführer der Analytik Jena AG Niederlassung Eisfeld, Oktober 2011.

Hochschule Schmalkalden: Über 3.000 Studierende werden in den Fakultäten Elektrotechnik, Informatik, Maschinenbau, Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsrecht auf die Wirtschaft vorbereitet. Technische Universität Ilmenau: Fünf Fakultäten bilden derzeit 6.600 Studierende in 19 Bachelor- und 24 Masterstudiengängen in Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Naturwissenschaften sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften aus.

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BRANCHENGESCHICHTEN METALL UND MASCHINENBAU Fremdinvestition

Die ehrgeizige Jagd nach der perfekten Büchse Der Ort, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht!“ sagen? Von wegen! In Suhl hat die traditionsreiche Jagdgewehrmanufaktur Erfolgsgeschichte geschrieben: Die „MERKEL Jagdund Sportwaffen GmbH“ ist einer der führenden Hersteller in der Jagdgewehrindustrie. Die Geschichte der Büchsenmacher reicht bis in das Jahr 1898 zurück, als die Brüder Merkel – Albert Oskar, Gebhard und Karl Paul – eine Gesellschaft „zum Zwecke der gemeinschaftlichen Fabrikation von Schusswaffen und sonstigen Artikeln“ gründen. Hier produzieren sie Jagd-, Sport- und Luxuswaffen, die aufwendig konstruiert und technisch variantenreicher sind als Militärgewehre. Genau das stellt die Brüder im Ersten Weltkrieg vor eine Herausforderung, denn Luxus und Ästhetik sind auf den Schlachtfeldern nicht gefragt. Sie verlieren die Auslandsmärkte, können aber nach Kriegsende ihre Exportzahlen wieder ankurbeln. Das wieder aufgebaute Absatzgeflecht – mit Vertriebsniederlassungen u. a. in Argentinien, Frankreich, Norwegen und den Vereinigten Staaten – zerreißt mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erneut. In der Kriegsproduktion ab 1939 wird Merkel Teilelieferant für Vergasermotoren, Karabiner und Entfernungsmesser und beschäftigt in Spitzenzeiten 350 Menschen.

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nnovativ: Die Merkel-Brüder setzen von Anfang an auf Innovation. Sie tragen den „Bock“ – die Waffe mit übereinanderliegenden Läufen – als Marke ein und revolutionieren damit das sportliche und jagdliche Schießen. Die Bockdoppelflinte 303 wird im 20. Jahrhundert als „Königin der Jagdwaffen“ gefeiert. Das Jagdgewehr für das 21. Jahrhundert hat Merkel 2010 mit dem Geradezugrepetierer „Helix“ entwickelt.

Unter der „Käseglocke“: Vorbildunternehmen der DDR Nach Kriegsende bewahrt der gute Ruf der edlen Gewehre Merkel vor der Demontage. Schon Ende 1945 werden wieder Jagdgewehre hergestellt, fast 700 gehen bis 1947 als Reparationsleistungen in den Osten. 1948 folgt die Enteignung der Gründerfamilien. Mit Fortschreiten des Sozialismus wird das Unternehmen in die Vereinigung volkseigener Betriebe „MEWA Gebrüder Merkel Jagdgewehrfabrik Suhl“ integriert und beschäftigt 1952 in der Jagdwaffenfertigung 200 Menschen. Zwischen 1945 und 1987 werden allein 150.000 Merkel-Bockgewehre hergestellt. Zur Wende ist das Suhler Kombinat noch immer der vermutlich größte Jagdwaffenproduzent Europas – seine Fertigung allerdings auf dem technischen Niveau der 1950er Jahre. Gerade das aber habe die einzigartige Kombination aus High-Tech-Schmiede und Büchsenmacherwerkstatt ermöglicht, die Merkel heute so erfolgreich macht, sagt Geschäftsführer


Olaf Sauer: „Die ‚Käseglocke‘, die zwischen 1949 und 1990 über das Land gestülpt wurde, hat die alte Tradition frisch gehalten.“

Ein Jagdgewehr besteht aus bis zu 130 Einzelteilen – jedes wichtige Teil davon fertigt die Suhler Manufaktur selbst.

Einzigartig: Tradition in High-Tech Nur in wenigen Industriebranchen erwies es sich als Chance, 40 Jahre lang fast ohne Technologiedruck arbeiten zu können. So habe man sich erhalten, was anderswo verloren ging. Denn viele Waffenfirmen verließen nach dem Krieg die Region, haben im Westen neu gegründet und ausschließlich industriell gefertigt. Nach der Wende wird schnell klar: „Es gibt keine Zukunft ohne die Werte der Vergangenheit. Es gibt keine industrielle Präzision ohne das handwerkliche Wissen“, so Olaf Sauer. Mitte der 1990er Jahre wird das Merkel-Sortiment einem behutsamen „Reengineering“ unterzogen: Wo Spitzentechnologie der Sicherheit, Präzision oder Lebensdauer einer Waffe dient, wird sie angewandt.

Dieses Foto von der Nachkriegsproduktion bei Merkel hat der damalige Generaldirektor Kessel in einem Fotoalbum verwahrt.

Allerdings hemmen unsichere und wechselnde Eigentumsverhältnisse das Unternehmen bis zur Jahrtausendwende. Erst dann fasst die Traditionsmarke wieder Tritt: Von 2003 bis 2007 ist die „Heckler & Koch GmbH“ Firmeneigentümer; seither ist Merkel Teil der „TAWAZUN-Gruppe“ aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Suhler Fabrik ist heute eine ungewöhnliche Verbindung von Jagdgewehr-Manufaktur und High-Tech-Schmiede. Bei jedem Teil wird sorgfältig abgewogen, wie weit es handwerklich gefertigt oder maschinell produziert wird. Merkel exportiert in über 40 Länder; die 160 hochqualifizierten Beschäftigten stammen oft aus Familien, die seit Generationen im Büchsenmacherhandwerk verwurzelt sind. Sie produzieren die sogenannten „Meisterstücke“ – weitgehend handwerklich hergestellte Gewehre, die man an den klassischen Arabesken, der traditionellen Gravur mit kunstvoll stilisierten Pflanzenranken, erkennt. Das zweite Standbein „MEM – Merkel Engineered Manufacturing“ sind Jagdgewehre, die mit modernsten Materialien und auf aktuellstem Stand der Technik realisiert sind.

Fotos: Merkel Jagd- & Sportwaffen GmbH

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BRANCHENGESCHICHTEN METALL UND MASCHINENBAU Fremdinvestition

Rasierklingen aus Eisfeld erobern die Welt Ein New Yorker Start-up greift die größten Nassrasierer-Marken der Welt an – mit Hilfe einer Rasierklingen-Fabrik in Südthüringen. 2014 kauft „HARRY’S“ die fast 100 Jahre alte „Feintechnik GmbH Eisfeld“. Nie zuvor hat ein so junges Unternehmen ein so traditionsreiches Produktionswerk erworben. Erst neun Monate zuvor waren die amerikanischen Gründer Andy Katz-Mayfield und Jeff Raider, beide Anfang 30, in die Welt der Rasierer eingestiegen. Ihr Ziel: Den Marken Gillette und Wilkinson, die rund 80 Prozent der weltweiten Umsätze unter sich aufteilen, einen Teil davon streitig zu machen. Mit der „Feintechnik“ an Bord haben sie heute das weltweit einzige Unternehmen für Rasur- und Pflegeprodukte aufgebaut, das die gesamte Wertschöpfungskette abbildet – von der Klinge über den kompletten Rasierer bis hin zum eigenen Kundenservice und direkten Kontakt zum Endverbraucher. Um das Know-how einer eigenen Produktion zu besitzen, haben sie 122,5 Millionen US-Dollar aufgenommen und in die Suche nach dem geeigneten Partner viel Zeit investiert. „Nur wenige Fabriken weltweit beherrschen die Produktion jener hochwertigen Fünf-Klingen-Rasierer, die im Zentrum des HARRY‘S-Angebots stehen. Und fast alle gehörten

zu Gillette oder Wilkinson-Sword“, schildert Niklas Wirminghaus von „Gründerszene“. Denn für die Herstellung von Nassrasierern ist sehr spezielles Know-how nötig. Das ist in Südthüringen in lebhaften 95 Jahren Firmengeschichte gewachsen. 1920 gründet Albin Ritzmann die „RITZMA-Werke“, die auch Haarschneidemaschinen oder Bleistiftspitzer fertigen und an ihrem Sitz im fränkischen Teil Thüringens bald ein wichtiger Arbeitgeber werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Unternehmen zum volkseigenen Betrieb: Der „VEB Feintechnik Eisfeld“ ist in der DDR der einzige Hersteller von Rasierklingen und exportiert seine Produkte weltweit; selbst in Afrika und Asien rasiert man sich mit „FTE Start“ oder „Croma“. 1952 startet die industrielle Produktion von Rasierklingen aus Kohlenstoffstahl, bis 1974 schließlich die Massenproduktion von rostfreien Rasierklingen einsetzt. Nach der Wende fordert Gründer-Enkel Hanns H. Neumaier die Rückgabe des ursprünglichen Familienbesitzes, doch das sieht der Einigungsvertrag für Betriebe, die die Sowjets zwischen 1945 und 1949 enteignet und verstaatlicht hatten, nicht vor. Schließlich erwirbt der Südtiroler Franz Holzknecht das Unternehmen von der Treuhand, saniert es und verkauft die profitable Firma 2007 an eine schweizerische Private Equity Gesellschaft. Foto: HARRY’S Inc.

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Die Feintechnik hat den „gotischen Bogen“ ‘raus 2010 ist die Feintechnik der einzige Private-Label-Anbieter in Europa, der einen Fünf-Klingen-Rasierer entwickelt. Im Jahr darauf zahlen sich Jahre intensiver Forschung und Produktentwicklung aus: Die Feintechnik hat „den Bogen ‘raus“ – den Gotischen Bogen für die nächste Klingen-Generation, bei dem die Schneide dank Bogenschliff im Profil einem gotischen Kirchenfenster ähnelt. Dazu sind diverse Härte-, Schleif- und Beschichtungsprozesse nötig, doch das Ergebnis ist eine Klinge, die besser schneidet und länger hält. „Diese Schleiftechnik steht für unser außergewöhnliches Know-how und für die Premiumqualität ‚Made in Germany‘, auf die wir stolz sind“, so Geschäftsführer Joachim Rath.

Alle Zeichen stehen auf Wachstum Seit 2014 investieren die New Yorker nachhaltig und mit großem Finanzvolumen in den Produktionsstandort Eisfeld. Für mehrstellige Millionenbeträge erwarben sie neue Grundstücke und High-Tech-Maschinen, um weitere Verbesserungen in der Produktion und für die Belegschaft zu erreichen. Erst im September 2015 hat Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee ein neues Fabrikgebäude eingeweiht. Der Ausbau unterstreicht die Verbundenheit der beiden Jungunternehmer zum Standort in „Thuringia“: „In Eisfeld liegen unsere Wurzeln. Von hier stammen der Innovationsgeist und der Drang, für unsere Kunden immer bessere Produkte herzustellen, Tag für Tag“, betont Andy Katz-Mayfield. Für die nächsten Jahre stehen Produktionserweiterungen an, bei denen viele neue Arbeitsplätze entstehen sollen. „Leider kein leichtes Unterfangen und das, obwohl wir die neuen Fachkräfte deutschlandweit suchen“, so Joachim Rath.

Rund 1 Million Menschen nutzen HARRY’S-Rasierer In den USA und Kanada rasieren sich mittlerweile mehr als eine Million Menschen mit HARRY’S. Für die kommenden Jahre steht die Eroberung des europäischen Marktes an – undenkbar ohne die Feintechnik, die

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ie Verbindung von traditionellem Handwerk und amerikanischem Gründergeist ist wegweisend und kann zur Blaupause einer neuen Gründerkultur in Thüringen werden.“ Wolfgang Tiefensee, Thüringer Wirtschaftsminister, in der Zeitung „Freies Wort“ vom 27. September 2015 Fotos: HARRY’S Inc.

neben der Eigenmarke HARRY’S weiterhin Einwegrasierer und Rasiersysteme für private Label im europäischen Markt herstellt. Heute definiert sich HARRY’S durch das Zusammenspiel von Innovation und Design mit hochwertiger Handwerkskunst und herausragender Ingenieurleistung. Das Unternehmen beschäftigt rund 600 Mitarbeiter, davon ca. 500 in Eisfeld und 100 in New York City.

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BRANCHENGESCHICHTEN GLAS Edle Glasflakons für die bekanntesten und teuersten Parfum-Marken der Welt – gefertigt in Südthüringen mit neuester Technik und Jahrhunderten an Erfahrung. Foto: Heinz-Glas

Das gläserne Herz Europas Glas blickt auf eine über neuntausendjährige Geschichte zurück. Längst hat das wandlungsfähige Material alle Lebensbereiche erobert – als temperaturbeständige Verpackung, als Kochfeld oder Glasfaserkabel, in der Architektur und in Zukunftsbranchen. Die südthüringischen Glasmacher haben sich dabei zahlreich als Pioniere hervorgetan und ihren Heimvorteil genutzt; früh wussten sie die Bodenschätze ihrer Heimat zu veredeln. Denn Glas wird ausschließlich aus natürlichen bzw. naturidentischen anorganischen Rohstoffen wie Quarzsand und Kalk hergestellt, daher kann gebrauchtes Glas auch im geschlossenen Kreislauf immer wieder zu neuem Glas werden.

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Auch bei Solaranlagen, Displays oder Halbleitern ist Glas eine der wichtigsten Komponenten. Der Wachstumskern GLASING bündelt die traditionell starken technologischen Kompetenzen Südthüringens in den Bereichen Glasindustrie und Glasmaschinenbau mit dem Bereich Solarenergie der Technologieregion Freiberg und ihren Bildungs- und Forschungseinrichtungen. Das Ziel: Weitere Innovationen. Ganz oben auf der Agenda steht die Entwicklung von dünnem Sicherheitsglas mit Spezialbeschichtung für Solar- und Architekturanwendungen. Und Solarmodule sollen noch leichter und effektiver werden. Solches Streben zieht sich durch die gesamte Geschichte der Südthüringer Glasmacher.


Eine Weiterentwicklung der Geißlerschen Röhre Foto: Museum Geißlerhaus

In keinem anderen Land in Europa gibt es so viele Glas produzierenden Unternehmen wie in Deutschland. Rund 400 Branchenbetriebe meldet der Bundesverband Glasindustrie 2016 für die Bereiche Behälterglas, Flachglas, Spezialglas sowie Glasbearbeitung und -veredelung. Einen beachtlichen Ausschnitt davon bietet Südthüringen, eine der bedeutendsten Glasregionen Europas. Von hier aus erstrahlt der Glanz des Weihnachtsfestes, seit 1847 ein Lauschaer Glasbläser die erste funkelnde Christbaumkugel geschaffen hat. Weltweit ist die „Lauschaer Glaskunst“ ein Begriff für in Jahrhunderten verfeinerte Kunstfertigkeit. Mit der Kombination des Wissens um Glasherstellung und Physik erfand Johann Heinrich Geißler aus Igelshieb um 1857 die Niederdruck-Gasentladungsröhre, die als „Geißlersche Röhre“ und Grundlage für Leuchtstoff-, Röntgen- und Spektralröhren sowie Glühlampen in die Geschichte einging.

92,5 Millionen Fieberthermometer Planwirtschaft und Privatisierung Ilmenau und Umland gelten als die Wiege des technischen Glases. Schon 1830 legte Stützerbach den Grundstein für die deutsche Thermometer-Industrie. 1921 wurde das „Thüringische Landesamt für Maß und Gewicht in Ilmenau“ eine der drei amtlich befugten Stellen im Lande zur „Prüfung und Beglaubigung von Fieberthermometern“: Bis 1939 hatte dessen Eichbehörde rund 92,5 Millionen Fieberthermometer geprüft, von denen der Großteil im Ilmenauer Raum gefertigt und rund 90 Prozent für den Export bestimmt war. Südthüringen hat sich aus dem fragilen Material ein tragendes Standbein geschaffen und Glas mit immer neuen Produktentwicklungen nahezu feuer- und stoßfest gemacht. 202 der insgesamt 2.529 Industriebetriebe fertigen oder veredeln Glas und Keramik. Damit stellen sie einen wichtigen Teil der Arbeitsplätze: Laut Arbeitsagentur Suhl waren 2015 allein in den acht größten Glaswerken Südthüringens rund 1.500 festangestellte Mitarbeiter tätig. Und es könnten noch mehr sein: Allein im August 2015 hatten die Glaswerke über 40 Stellen für speziell ausgebildete Formenbauer und Fachmechaniker ausgeschrieben, wie der MDR Thüringen meldete.

Auch in Zeiten der Planwirtschaft produzierte Südthüringen erfolgreich Glas. Die DDR fasste die Betriebe in Kombinaten zusammen, u. a. im VEB Technisches Glas Ilmenau und VEB Thüringer Behälterglas. Das allein beschäftigte 1990 rund 750 Mitarbeiter, die meisten im Landkreis Hildburghausen. Sie produzierten pro Jahr etwa 130 Millionen Gläser und Flaschen für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Mit der Reprivatisierung ging es in Schleusingen als Thüringer Behälterglas GmbH weiter, auch die Glaswerke Piesau und Katzhütte standen als GmbH wieder auf eigenen Füßen. Mit der Wiegand-Gruppe übernahm 1991 quasi ein Nachbar und Gleichgesinnter das Glaswerk Großbreitenbach. „Die innovativen Traditionalisten“ nannte das Handelsblatt sie 2007, denn rund 450 Jahre ist die Familie Wiegand bereits mit dem Werkstoff Glas verbunden, „Urvater“ Niclas Wiegand hatte die Glasproduktion 1570 in der Rhön begonnen, 1853 gründete man eine Glashütte in Schleusingen, ab 1906 schließlich gab es sechs Werke mit Zentrale in Großbreitenbach. 1945 erfasste die Enteignung alle Werke außer einer Glashütte im 40 km entfernten bayerischen Steinbach am Wald.

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BRANCHENGESCHICHTEN GLAS Die erste westdeutsche Investition nach Grenzöffnung Es war unmittelbar nach der Grenzöffnung, als sich im Dezember 1989 die Wiegand-Geschäftsführer mit der Leitung des VEB Glaswerks Großbreitenbach trafen. Schon wenige Wochen später, im Januar 1990, wurde die Zusammenarbeit per Handschlag besiegelt und im Mai notariell bestätigt – das erste westdeutsche Unternehmen, das auf ostdeutschem Boden investierte, ging nach Großbreitenbach. Nach dem Siegeszug der PET-Flasche gründete Wiegand hier auch 1997 die PET-Verpackungen GmbH Deutschland, die heute zu den namhaften Preform- und PET-Flaschen-Herstellern in Europa zählt. Voraussetzung dafür ist die permanente Anpassung des Werkzeug- und Maschinenparks: Als im April 2016 „die PET“ eine neue Anlage in Betrieb nimmt, herrscht nebenan schon wieder Baustellenbetrieb zur Erweiterung der Produktion. Rund 120 Beschäftigte fertigen täglich mehr als sieben Millionen Preforms und eine Million Flaschen. 2011 hatte Wiegand mit Übernahme der schweizerischen Vitrum Holding AG auch deren Tochtergesellschaft Thüringer Behälterglas GmbH Schleusingen nach Hause geholt und ordnete 2015 die Werke neu in der Wiegand-Glashüttenwerke GmbH und der Wiegand-Glas Logistik GmbH mit Verwaltung in Steinbach am Wald. Im Januar 2016 schießlich erwarb die Wiegand-Gruppe das Glaswerk in Ernstthal, das seit der Wende manchen Kampf auszufechten hatte. Vertrauen in die Region und ihre Fachkräfte, Weitergabe von Knowhow durch Generationen übergreifende Zusammenarbeit. Foto: Wiegand-Glas

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Mit IHK-Patenschaft aus der Krise 1923 im Landkreis Sonneberg gegründet, war das Glaswerk Ernstthal 1990 zur selbständigen GmbH umgewandelt worden. Seine Produkte waren zum Teil bereits auf dem westlichen Markt eingeführt, ihre Qualität anerkannt. Doch war der Fortschritt wie in vielen DDR-Industriekombinaten auf der Strecke geblieben. Trotz erneuerter Glasform-Maschine und Energieversorgung gestaltete sich die Privatisierung schwierig. Die IHK sprang als Pate ein: 1993 konnten 150 Mitarbeiter übernommen werden, Investitionen und eine verfeinerte Produktpalette halfen dem Glaswerk aus der Krise. 1994 übernahm es der Wuppertaler Glasfabrikant Eberhard Robke, heute Ehrenbürger von Lauscha, dann folgten größere Entwicklungssprünge: Ende 2015 werden pro Tag 600 Tonnen Glas verarbeitet in Flaschen z. B. für Saucen, Öle oder Designerflaschen für Spirituosen.

Die erste westdeutsche Investition auf ostdeutschem Boden: Das Glaswerk Großbreitenbach. Foto: Wiegand-Glas


In der 950-Seelen-Gemeinde Ernstthal beschäftigt das Glaswerk 553 Menschen, ist einer der größten Arbeitgeber im Landkreis, eine tragende Wirtschaftskraft Südthüringens – und eine ideale Ergänzung für die Wiegand-Gruppe. Sie stärkt damit ihre Position im Segment Spirituosen und Miniaturen, wird noch flexibler im Einsatz modernster Technologien und Innovationen. Nicht zuletzt bekräftigt sie das Vertrauen in die wirtschaftliche Stärke der Region und ihrer Arbeitskräfte, nun auch in Ernstthal und Neuhaus am Rennweg. Damit zählt Wiegand-Glas zu den Top-3-Behälterglasherstellern in Deutschland und produziert in den Werken Ernstthal, Großbreitenbach, Schleusingen sowie Steinbach am Wald täglich mehr als acht Millionen Glasbehälter für die Getränke- und Nahrungsmittelindustrie.

Fertigung und Veredelung: In Südthüringen machen sich Flakons schick für die große Welt der Düfte. Foto: Heinz-Glas

Parfümflakons für die geheimen Sehnsüchte Parfümflakons hingegen sollen andere Ansprüche erfüllen. „Parfüms vermitteln Gefühle und geheime Sehnsüchte. Sie bringen zum Ausdruck, wie ein Mensch gerne sein möchte. Damit ein Kunde bereit ist, für einige Milliliter einen zwei- bis dreistelligen Euro-Betrag auszugeben, muss auch der Flakon perfekt sein“, schrieb Wolfgang Lenders 2015 nach einem Besuch bei Heinz-Glas. Die Gruppe gehört zu den Weltmarktführern in der Herstellung und Veredelung von Glasflakons und Verschlüssen für die Parfüm- und Kosmetikindustrie und basiert auf fast 500 Jahren Glasmachertradition in der Familie Heinz. Heinz-Glas macht die Flakons für das Who is who der Parfüm- und Kosmetikbranche. Wenn es mal wieder einen Preis für gelungene Produkte gibt, leuchten Namen auf wie Chloé, Hugo Boss oder „Black Opium“ von Yves Saint Laurent, ansonsten aber sind Kundennamen hier geheim. Damit die Liebhaber der edlen Düfte die wohlige Mischung aus Andacht und purem Genießen empfinden können, setzen die Glasmacher jede Menge Techniken zur Veredelung der gläsernen Verpackung ein. Rund 250 Fachleute

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BRANCHENGESCHICHTEN GLAS dafür sitzen in Spechtsbrunn, wo das in Piesau hergestellte Klar- oder Farbglas u. a. durch Besprühen, Bedrucken, Mattieren oder Metallisieren seine individuelle Note erhält. Allein in der Rennsteigregion – im südthüringischen Piesau und Spechtsbrunn sowie am Firmensitz Kleintettau auf der bayerischen Rennsteig-Seite – sind 1.500 Mitarbeiter tätig. Insgesamt agiert die Heinz-Glas-Gruppe 2016 mit rund 3.000 Beschäftigten an 16 Standorten in 12 Ländern.

MuT-Preis: „Unternehmen des Jahres“

gefertigt wurde und den Ruf Südthüringens mit prägte. Ab 1949 führte die Verstaatlichung zum VEB Glasverarbeitung Neuhaus mit 45 Betriebsteilen und rund 1.200 Beschäftigten, die für die DDR-Pharmaindustrie produzierten. Der Weg in die Moderne führte 2005 zur Gründung der heutigen Thüringer Pharmaglas GmbH & Co. KG unter der Geschäftsführung von Dr. Helga Zimmermann, deren Weg von Innovationen und Auszeichnungen gepflastert scheint. 2011 wurde „Pharmaglas“ zum erfolgreichsten mittelständischen Unternehmen Südthüringens gewählt, die Auszeichnung „Unternehmen des Jahres“ überreichte die Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht.

Präzision im Hundertstel-Bereich, hygienische Präzision und mikrobiologische Produktreinheit sind das besondere Merkmal der Thüringer Pharmaglas in Neuhaus am Rennweg, wo noch 1904 das Glas in Handarbeit

„Genau wissen, was Kunden brauchen und wollen; genau wissen, ob und wie diese Ansprüche wirtschaftlich zu realisieren sind“, beschreibt Pharmaglas die Strategie. Das Ergebnis: Zweistellige Umsatzsteigerungen Perfekte Präzision in Glas für Laborbedarf und Pharmaindustrie. Foto: Thüringer Pharmaglas

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Viele kleine Teile für die großen Pharma-Unternehmen: Glasfläschchen mit Gewinde, Injektions-und Rollrandgläser, Steckgläser. Foto: Remy & Geiser

jährlich, 50-prozentige Personalaufstockung in zehn Jahren. Für Laborbedarf und Pharmaindustrie produzieren rund 100 Fachkräfte heute rund 260 Millionen Flaschen und Ampullen jährlich.

Klare Sache für die Pharma-Industrie Auch bei „Remy & Geiser“ in Altenfeld im Ilm-Kreis wird man den hohen Anforderungen der Pharmaindustrie gerecht. Vor allem das Röhrenglas der „Klasse 1“ ist für Arzneien die erste Wahl: „Es wird direkt in einen Reinraum hinein produziert, es ist daher ein fast steriles Erzeugnis“, erklärt Sebastian Höhn, Prokurist bei Remy & Geiser. Das 1868 gegründete Unternehmen hatte sich nach Investitionen 1990 in Hinternah und Übernahme der Glasring Thüringen AG 1991 in Altenfeld im Jahr 2012 konsequent für Südthüringen entschieden und seine Produktion von Rheinland-Pfalz hierher verlegt.

500 verschiedene Produkte – Glasfläschchen mit Gewinde und Crimprand – entstehen für Flaschengrößen von 1 bis 100 ml Inhalt. 120 Millionen Teile verlassen jährlich die Produktionshallen und dienen weltweit als Primärverpackung von Medikamenten, darunter solche der großen Pharma-Unternehmen wie GSK und ratiopharm. Heute arbeiten ca. 250 Mitarbeiter an den Standorten Altenfeld und Hinternah. Andere Betriebe der Region wiederum stellen einzigartige, handgefertigte Glasprodukte her, die so nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sind. Die Manufakturen machen sichtbar, dass die Glasmacherkunst vor allem eines ist – eine Kunst. Mehr dazu: Im Unternehmensprofil Arnstadt Kristall: „Edles Bleikristall aus Südthüringen strahlt bis in Königshäuser“.

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BRANCHENGESCHICHTEN GLAS Reprivatisierung

Kenner und Sammler auf der ganzen Welt schätzen die Synthese aus überliefertem Wissen, modernsten Technologien und meisterlichem Können – hier die Jardiniere Viola. Foto: Volker Hielscher

Edles Bleikristall aus Südthüringen strahlt bis in Königshäuser Zuerst ist es wohl ein feierliches Gefühl, das „Arnstadt Kristall“ auslöst, fast schon andächtig und, ja, ein wenig wie Weihnachten. Eben noch eilte man durch den Tag, dann plötzlich muss man innehalten, schauen, staunen: Da ist ein Funkeln und Glitzern, vielfarbiges Leuchten wie in Aladins Höhle – selbst an dunklen Tagen fängt dieses Kristallglas das Licht ein und hüllt Gläser und Schalen, Karaffen und Kelche in seinen luxuriösen Schimmer.

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Wer die Seitenstraße zu Thüringens größtem Fachgeschäft für Glas und Kristall befährt, ahnt kaum, dass am Bierweg 27 das Herz einer Weltmarke schlägt. In vierter Generation kultiviert Familie Heller hier die höchste Kunstfertigkeit des Glasmacherhandwerks. Malaiische Königshäuser und Sultanspaläste im Oman zelebrieren Feste wie aus 1001 Nacht mit der Arnstädter Glaskunst. Im Regierungsflugzeug von Venezuela trinkt man aus Bleikristall, das in Arnstadt handgeschliffen und mit 24 Karat Gold veredelt wurde. Und Berühmtheiten wie Mario Hofferer, der zu den weltbesten Bartendern zählt und seine Gäste mit Drinks verzaubert, haben mit den Könnern aus Arnstadt ihre eigenen, unverwechselbaren Glasserien gestaltet.


Außergewöhnliche Formen und reinste Materialien, filigrane Schliffe und aufwendige Gravuren sind das Erkennungszeichen der Arnstadt Kristall GmbH, die Menschen rund um den Globus mit dem gläsernen Glanz beliefert. In den Metropolen der Welt – von Mailand über New York und Dubai bis Tokio – finden sich ihre Department-Stores und Exklusiv-Shops.

Faszination zum Anfassen In der mit über 1.300 Jahren ältesten Stadt Thüringens aber bietet der Werksverkauf auf 600 Quadratmetern Einblicke in den Produktionsprozess und Faszination zum Anfassen. Hier war ein Meistergraveur aus Nordböhmen 1947 der südthüringischen Tradition der Glasveredlung gefolgt, gründete eine Firma und gab ihr seinen Namen: Heinrich Arlt KG. Der Familienbetrieb wuchs schnell; immer höhere Ansprüche stellte Arlt an seine Gläser, bis Bleikristall das anfängliche Zier- und Gebrauchsglas abgelöst hatte. Schon in den 1960er Jahren war es u. a. in Italien, Kanada und den USA gefragt. Arlts Tochter, Gerda Heller, hatte erfolgreich die Geschäftsführung übernommen, als ihr diese 1972 entrissen und der Betrieb verstaatlicht wurde. Nun war es der „VEB Bleikristall Arnstadt“, der Auszeichnungen und Erfolge einheimste. Bei der Wiedervereinigung 1990 wird der volkseigene Betrieb reprivatisiert; es sind Gerda Hellers Enkel, die nun in die Arnstadt Kristall GmbH investieren, sie neu strukturieren und weltweit die Gunst der Kunden zurückerobern. Die Erschließung neuer Märkte geht Hand in Hand mit der Entwicklung neuer Kollektionen. Die familieneigenen, traditionellen Muster – von Generation zu Generation vererbt – werden zur Inspiration für neue, wertvolle Dekorationen.

werden. Die Gravur auf farbigem Glas setzt edle Akzente.

Europaweit einzigartig Blüten und Sterne erglühen in Rubinrot oder bernsteinfarbenem Amber, 24-karätiges Gold strahlt über königlichem Türkis. Die Farben entstehen nicht etwa durch Bemalung, sondern mit der „Überfangtechnik“, bei der das Glas noch während des Formens mit Schichten flüssigen, farbigen Glases überzogen wird. Arnstadt Kristall ist mit diesem aufwendigen Verfahren europaweit der einzige Hersteller und exportiert seine Produkte aktuell in rund 50 Länder – an private Liebhaber und First-Class-Hotels ebenso wie an Paläste. Die Hauptmärkte liegen im nahen und fernen Osten, doch auch an europäischen Höfen tafelt man mit Kollektionen aus Arnstadt. Und kann sich natürlich auch im eigenen Wohnzimmer mit hochkarätigem Glas jeden Tag ein wenig wie Weihnachten fühlen.

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er Überdruss an billigen Waren mit kurzer Lebenszeit steigt. Die Menschen sehnen sich wieder nach Dingen, die auch über Generationen etwas bedeuten. Es ist die Sehnsucht nach wahren Werten.“ Christian Heller, Geschäftsführer der Arnstadt Kristall GmbH im 70. Jahr der Firmengeschichte

Rund 30 Spezialisten machen heute aus ungeschliffenen, manuell geformten Rohlingen Meisterwerke und Unikate von bleibendem Wert. Bleikristall hat eine Dichte, welche die von Gebrauchsgläsern weit übersteigt und exklusive Gravuren erlaubt – von der feinen „Liane“ über die blumige „Primerose“ und die elegante „Princess“ bis hin zum prallen „Rococo“. Wie ein Edelstein wird jedes Glas von Hand geschliffen, bis die besondere Lichtbrechung es funkeln lässt. Das einzigartige Dekor kann durch Reliefkanten aus Gold oder Platin – und mit sehr viel Erfahrung – weiter veredelt

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BRANCHENGESCHICHTEN NAHRUNG UND GENUSSMITTEL In Südthüringen hat die Veredelung und Vermarktung der erlesenen Kräuter und exotischen Pflanzen eine weit reichende Geschichte. Foto: FUCHS Gewürze

Sahnehäubchen aus der Region Was wäre die Welt ohne Konserven? Die ersten „Condensierten Suppen“ der Welt kochten vermutlich in Hildburghausen. Hier sorgte sich Rudolf Scheller im Kriegsjahr 1870 um die Verpflegung der Soldaten.

Paprika, Zimt und Nelken – auf den Spuren der Witwe Maria Schmidt ist in Schönbrunn eines der weltgrößten Gewürzwerke entstanden. Die FUCHS-Gruppe betreibt hier zudem eigene Kunststoffherstellung, Hochregallager und Logistik.

Die eigens für sie hergestellte „Erbswurst“ bestand lediglich aus Erbsmehl, grob mit kleinsten Anteilen Fett, Salz und Fleisch vermischt. Eine Zumutung, fand Scheller, der die Männer mit schmackhafterem Gemüse und Suppen versorgen wollte. Es gelang ihm, die Zutaten in bester Qualität zu konservieren, was auch das Kriegsministerium überzeugte. Selbst die Maschinen zum Pressen der „Suppentafeln“ baute Scheller in Eigenregie. Ein Exemplar ist heute im Stadtmuseum Hildburghausen zu besichtigen. Ab 1872 produzierte er in großem Stil und verkaufte bis in die USA.

Veredelung und Vermarktung von Gewürzen haben in Südthüringen Tradition. Die des Gewürzdorfes Schönbrunn begann 1873 mit dem „Gewürzwerk Rud. Schmidt Wwe.“, das sich bis 1939 prächtig entwickelte: Mit eigenen Anbaugebieten in Böhmen und Ungarn sowie Niederlassungen in Köln, Berlin und Wien.

Erst nach zwei weiteren Kriegen brachte 1947 der Rohstoffmangel sowie der Wettbewerb durch Knorr und Maggi die Hildburghausener „Erste Fabrik condensirter Suppen“ 1947 zum Erliegen.

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Die Enteignung 1948 führte zur „Konsum-Gewürzmühle“ als größtes Gewürzwerk der DDR. Als die FUCHS Gewürze GmbH aus Dissen am Teutoburger Wald 1990 übernahm, errichtete sie mit den damaligen Mitarbeitern ein integriertes Gewürzwerk. Über Generationen haben die Spezialisten im Landkreis Hildburghausen ihr Wissen weitergegeben. Das Schönbrunner Gewürzmuseum zeugt von den Anfängen.


Seit über 120 Jahren weht die süße Welt der Geschwister Viebahn Schoko-Düfte durch Floh-Seligenthal im Kreis Schmalkalden-Meiningen. Ab 1893 fertigten die Geschwister Willi Viebahn und Anna Reim Süßes für ihr „Café Viebahn“. Bald gab es edles Nougat in Blöcken als „BückDich-Ware“ – die man für ausgewählte Kunden unter der Ladentheke verbarg. Auf einer Zigarrenpackmaschine rollten 1920 die ersten Nougatstangen vom Band. 1972 als VEB „Nougat und Marzipan“ verstaatlicht, wurde die Firma 1990 zur Viebahn Süßwaren GmbH. 1991 war „Viba“ wieder erhältlich; Neuheiten wie die „Viba Nougat-Milch“ sowie 44 Viba-Shops von Berlin bis Frankfurt stärken die Marke. Seit 2012 präsentiert sich die „Viba Nougat-Welt“ auf 2.500 Quadratmetern in Form einer gläsernen Pralinenschachtel mit Schau- und Erlebnis-Confiserie. Mit 245 Mitarbeitern ist Viba 2016 Marktführer im deutschen Nougatriegel-Markt.

Eine Pralinenschachtel mit Format: Die Viba Nougat-Welt bietet u. a. mehr als 30 verschiedene Nougat-Erzeugnisse und Erlebnis-Confiserie. Fotos: Pierre Kamin, VIBA sweets GmbH

Wo in Deutschland gibt es eine Cola, die der Weltmarke Coca-Cola locker den Rang abläuft? In Südthüringen! „Vita Cola“ aus Schmalkalden ist im Bundesland Thüringen Marktführer – eine der wenigen Regionen weltweit, deren heimische Marke sich vor die Amerikaner an die Spitze gesetzt hat. Entwickelt wurde „Vita Cola“ 1958 im Auftrag der DDR-Regierung, die ein Pendant zur Coca-Cola wollte. Schon das erste Jahr erlebte eine Nachfrage, die den zur Produktion geplanten Bedarf an Ascorbinsäure verzehnfachte und selbst mit Hilfe der pharmazeutischen Industrie kaum zu decken war. 1994 nach einem kurzen Wende-Aus wiederbelebt, ist Vita Cola heute Kult. Die Marke gehört zur Thüringer Waldquell Mineralbrunnen GmbH, Schmalkalden, ein Unternehmen der HassiaGruppe mit rund 130 Mitarbeitern. Unter der Dachmarke firmieren vier Colasorten, ein Cola-Orangen-Mix und fünf Limonaden.

2015 verkaufte die Marke Vita Cola insgesamt 82,1 Millionen Liter ihrer zehn Cola- und Limonadensorten – erneut ein Rekordabsatz in der Geschichte der Marke. Fotos: Thüringer Waldquell Mineralbrunnen GmbH

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BRANCHENGESCHICHTEN SPIELZEUG

Die Wiege der Spielzeugproduktion Spielzeug aus Sonneberg ist seit dem 17. Jahrhundert ein Begriff. Die Handelsstraße Nürnberg-Erfurt vergrößerte den Radius und die Motivation zur Produktion, auch im Nebenerwerb. Der Erfolg war immens: 20 Prozent des Weltspielwarenmarkts stammten 1913 aus der Region. Ihre Spielzeugmacher bewiesen sich als Könner und Kreative. Um den Bedarf an exzellenten Modelleuren und Gestaltern zu sichern, wurde 1883 die Sonneberger „Industrieschule“ gegründet, die weitere Künstler anzog: Im Deutschen Reich war der Besuch Voraussetzung für die Aufnahme in eine Kunstakademie. 1960 wurde man „Fachschule für Spielzeug“, doch 1966 kamen schon wieder technische Fachrichtungen hinzu. Heute bietet die „Staatliche Berufsbildende Schule Sonneberg“ das Miteinander von Technik und Gestaltung – das Potenzial für die Zukunft. Unverändert ist Sonneberg Heimat von Traditionsunternehmen. Seit 1901 dokumentiert das Deutsche Spielzeugmuseum die Zeit als eine der größten Spielwarenmetropolen der Welt.

VEB Sonni: Heimat, Familie und Massenproduktion In Sonneberg schlug auch das Herz der DDR-Spielwaren-Industrie. Über 100 private Spielzeugbetriebe, die hier 1952 bestanden, gingen 1956 im „VEB Vereinigte Spielwarenwerke Sonneberg sonni“ auf, 1971 wurden vier volkseigene Betriebe zum „Kombinat Spielwaren Sonneberg – sonni“

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„Inge“ stammt aus den 1950er Jahren: Das Schildkröt-Kind war ein wahrer Export-Schlager und erfreute Kinder in der ganzen Welt. Foto: Holger Ellgaard


Die Weichen auf Erfolg gestellt: Wie PIKO-Bahnen echte Sonneberger wurden Die DDR war 1948 noch nicht gegründet, da produzierte die „Gesellschaft Kabel“ in Chemnitz schon Modellbahnen. Ihre Neuheit auf der Leipziger Herbstmesse 1949: „Pico Express“, die ersten Spielzeugeisenbahnen der Spurgröße H0.

zusammengeführt. 1972 gab es keinen einzigen privaten Spielzeugbetrieb mehr. Die Produktion hieß ab 1981 „VEB sonni Sonneberg“: Hier beim Stammbetrieb saß die Kombinatsleitung.

1952 zog es die Spielzeugmacher ins größte Kinderzimmer der Welt, nach Sonneberg: Die Produktion wurde zum VEB Elektroinstallation Oberlind (EIO) verlagert. Seither sind die PIKO-Eisenbahnen echte Sonneberger. 1962 wurde der VEB Piko Sonneberg gegründet, nach der Wiedervereinigung 1990 kaufte Dr. René Wilfer Teile des VEBs. Seit dem 1. Mai 1992 gehören sie zusammen und tragen den Namen „PIKO Spielwaren GmbH“ – heute Deutschlands drittgrößter Modellbahn-Produzent.

1.800 Menschen schufen das Spielzeug, das nicht nur in der DDR Kinderaugen strahlen ließ: Bis zu 6.000 Kuscheltiere und fast 10.000 Puppen täglich verließen das Stammwerk zu Spitzenzeiten. Das lag u. a. an der hohen Motivation der Mitarbeiter. 2010 beschrieben ehemalige „Sonnis“ den Betrieb in einer MDR-Dokumentation als „Gemeinschaft“ und „Familie“. Es gab betriebsinterne Ärzte und Kindergärten sowie Betriebsfeiern.

Schildkröt: Sonneberger Know-how lockt Puppenhersteller Der älteste Puppenhersteller Deutschlands zog 1993 nach Rauenstein im Kreis Sonneberg, um vom Know-how der hiesigen Spielzeugmacher zu profitieren. Und das, obwohl „Schildkröt“ selbst damals bereits fast 100 Jahre Erfahrung mitbrachte. 1896 hatten die Gründer Viktor und Alfred Lenel sowie Friedrich Julius Bensinger die Idee, anstelle mancher Rohstoffe den Werkstoff Celluloid einzusetzen; sie erbauten in Mannheim eine Fabrik. Dadurch wurden Schildkröt-Puppen für viele erschwinglich und 1911 ein Großteil bereits in die ganze Welt exportiert. Heute werden bei Schildkröt Sonneberger Puppenkinder geboren. Das Erfolgskonzept: Kleine Stückzahlen, hohe Qualität.

Diesellok oder ICE - PIKO fertigt alle Arten von Modelleisenbahnen und Gleise, Bahnhöfe und Kulissen. Foto: PIKO

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BRANCHENGESCHICHTEN AUTOMOTIVE

Innovativer Leitmarkt: Automotive gibt Gas Ein Modell für die erfolgreiche deutsche Automobilwirtschaft? Sie finden es auf einem Fleck zwischen Bayern und Hessen: In Südthüringen, wo Automotive mit 1,9 Milliarden Euro mehr als ein Viertel des Industrieumsatzes erwirtschaftet. 17 Betriebe* waren 2014 in Südthüringen allein in der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen tätig: Sie haben mehr als 2.400 Menschen beschäftigt und über 645 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Der IHK-Bezirk dreht ein traditionell wichtiges Rad in der deutschen Automobilindustrie, dem mit Abstand bedeutendsten Industriezweig des Landes. Die Branche steuert mit rund 40 Pozent den größten Anteil an

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den gesamten Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen der deutschen Wirtschaft bei und schafft stetige Wachstumsraten. Die Automobilzulieferindustrie etwa brachte es 2015 auf einen Umsatz von 75,8 Milliarden Euro und ist damit seit 1990 (26,8 Mrd.) um fast das Dreifache gewachsen. In Südthüringen war man durch die herausragenden Kenntnisse in der Metallerzeugung und -verarbeitung für die Automobilindustrie nahezu prädestiniert. Mancher, der im 19.

Innovative Lichttechnologie aus Brotterode gibt den Fahrzeugen der Gegenwart und Zukunft ein neues Gesicht. Foto: Automotive Lighting Brotterode GmbH


Industrieumsatz im IHK-Bezirk Südthüringen nach Wirtschaftszweigen *Betriebe mit mindestens 20 Beschäftigten, 2014

1 273 786 TEUR

Herstellung von Metallerzeugnissen Maschinenbau

730 000 TEUR

Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteile

645 227 TEUR

Herstellung von Glas und Glaswaren, Keramik, Verarbeitung von Steinen und Erden

534 401 TEUR

Metallerzeugung und -bearbeitung

112 145 TEUR

Herstellung von Holz-, Flecht-, Korb- und Korkwaren (ohne Möbel)

93 967 TEUR

Herstellung von Druckerzeugnissen, Vervielfältigung von bespielten Ton-, Bild- und Datenträgern

88 401 TEUR

Herstellung von sonstigen Waren

74 277 TEUR

Getränkeherstellung

Jahrhundert Eisenwaren oder Stahl produzierte, wandte sich Mitte des Jahrhunderts dem Bau von Waffen oder Fahrrädern zu und erwarb so exakt die Fähigkeiten, die der Automobilbau später benötigte. Hinzu kommt der prägende Erfindergeist der Region, der immer wieder für Entwicklungsvorsprung sorgt. So konstruierte z. B. in Themar, Landkreis Hildburghausen, der Mechaniker Heinrich Mylius 1845 das Tretkurbelfahrrad. Zwei Holzspeichenräder in einem eisernen Rahmengestell, die Laufflächen verstärkt mit dünnen Eisenstreifen: Die Tretkurbelpedale treibt das Vorderrad an, das kleinere Hinterrad läuft mit, kann aber mit eisernem Hebelarm gebremst werden. Bei diesem Materialeinsatz bringt es rund 100 Kilogramm auf die Waage, was den geübten Fahrer aber nicht hinderte, stolze 15 Stundenkilometer (km/h) zu erzielen. Zur 1.200-Jahr-Feier der Stadt Themar 1996 haben Handwerker das Rad nachgebaut, Mutige konnten ihre Geschicklichkeit darauf beweisen. Zu Mylius‘ Zeiten ging mit den Eisenbahnen gerade eine umwälzende

53 690 TEUR

Quelle: Thüringer Landesamt für Statistik

Erfindung auf die Schiene. 1835 war die erste Lok zwischen Nürnberg und Fürth gefahren, und Bernhard Gleichmann aus Suhl, Jahrgang 1868, war fasziniert. 1895 trat er in den Dienst der Königlich-Bayerischen Eisenbahn, wurde dann in das bayerische Verkehrs- und von dort in das Reichsverkehrsministerium berufen, wo er für Maschinenbau und Elektrotechnik der Reichsstraßenverwaltung zuständig war. Diese Position nutzte er zur Gestaltung des elektrischen Bahnbetriebes und der Lokomotiven. Einen wesentlichen Grundstein legte er 1912 mit dem „Übereinkommen betreffend die Ausführung elektrischer Zugförderung“: Erstmals einigten sich die Verwaltungen der preußisch-hessischen, bayerischen und badischen Eisenbahnen auf den Betrieb mit Einphasenwechselstrom, die Nennfrequenz von 162/3 Hertz und die Fahrdrahtspannung von 15 Kilovolt – durchweg zukunftsweisende Parameter. Heinrich Ehrhardt aus Zella St. Blasii war von den eisernen Ungetümen ebenso fasziniert, er verlieh aber als Metallbauer der Entwicklung auf

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BRANCHENGESCHICHTEN AUTOMOTIVE den Schienen auf völlig andere Weise Schwung (siehe Folgeseiten). Früh wusste er sich auch aus Frankreich eine Lizenz für den Automobilbau zu sichern: Schon Ende 1898 rollte das erste Modell aus seiner Fabrik.

die Motorradproduktion ein, was ihn wertvolle Fachkräfte kostete. Insgesamt waren bei Simson mehr als 210.000 Motorräder gefertigt worden. Die später so erfolgreiche Vogel-Serie der Kleinkrafträder befand sich noch in der Erprobung und wurde ab 1964 gebaut: Schwalbe, Spatz, Star, Sperber und Habicht. Ihr Kult-Status lebt weiter.

„Simson Supra“ – das bekannteste Automobil aus Suhl Zwei Jahre zuvor hatte man in Suhl bei der 1856 gegründeten Firma „Simson & Co.“ mit der Fahrradproduktion begonnen, 1904 waren hier bereits 1.200 Menschen beschäftigt. Zulieferer siedelten sich in der Nachbarschaft an und auch bereits ansässige Unternehmen sprangen auf den Zug auf, so etwa die Wissner AG in Zella-MehIis, die sich auf die Herstellung von Läutwerken spezialisiert hatte und ihren Namen später z. B. mit der Fahrradklingel „Kuckucksglocke“ hörbar in alle Welt trug. 1908 begann man bei Simson mit der Entwicklung eines Automobils, 1911 ging der „Simson A“ in Serie. Von da an wurden in den Simson-Werken fünf PKW-Generationen entwickelt und produziert. Der „Simson Supra“ ist das Bekannteste, zwischen 1924 und 1934 sind rund 1.520 Exemplare entstanden, entwickelt von Konstrukteur Paul Henze, der 1922 von der Reichenberger Automobilfabrik und den Steiger-Werken Burgrieden zu Simson wechselte. Sein Supra war ein echter Sportwagen: Typ S von 1924 leistete 50 Pferdestärken aus zwei Litern Hubraum, glänzte mit bis zu 140 km/h und Motorsportsiegen. Die Automobilproduktion wurde aber nach der Enteignung der Familie Simson 1934 zu Gunsten der Rüstungsproduktion eingestellt. 1936 gelang der jüdischen Familie die Flucht; sie wanderte in die USA aus.

Räder bewegen die Welt: 1950 stellte Simson ein Motorrad mit 250-ccm-Viertaktmotor vor, die legendäre „AWO 425“. Foto: Deutsche Fotothek

Ende 1990 hielt die Treuhandanstalt Simson nicht für privatisierungsfähig. Einige sahen in dem weltweiten Bestand von Millionen Simson-Fahrzeugen Potenzial, doch alle Anläufe scheiterten, Simsons Tore schlossen sich 2002 nach 146 Jahren. Als beharrlich im Geschichtsverlauf erwiesen sich die Ehrhardt’schen Gründungen; die Fahrzeugfabrik Eisenach etwa ist seit 1896 der drittälteste Automobilstandort Deutschlands.

Die Vogelserie: Eine Schwalbe macht viele Sommer Ende 1948 erteilte die Sowjetische Militäradministration den Befehl, ein seitenwagentaugliches Motorrad mit 250-Kubikzentimeter-Viertaktmotor zu bauen – die legendäre „AWO 425“. 1950 auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt, wurden bis Jahresende bereits 1.000 Maschinen gebaut. Auch die Folgemodelle waren gefragt, doch auf Beschluss der DDR-Wirtschaftsführung, die so die Auslastung des Motorradwerkes Zschopau steigern wollte, stellte der nunmehr volkseigene Betrieb 1961

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Nach der Wende: Die Zulieferindustrie strebt auf Südthüringen wusste den Standortvorteil ab 1990 nach diffizilen Strukturveränderungen zu nutzen. Neues Kapital suchte althergebrachtes Können, mit den großen Namen und ihren Forschungs- und Entwicklungs-Kapazitäten steigern sich die Marktfähigkeit der Produkte und das Wissen in der Region erneut. So lockte z. B. der Produktionsstandort der


Isolator-Zündkerzen im Landkreis Sonneberg die BorgWarner BERU Systems GmbH an, ihrerseits bekannt für technische Innovationen und Teil von Federal-Mogul. Mit rund 45.000 Beschäftigten in 34 Ländern ist der Konzern globaler Anbieter von Produkten u. a. für Bremsen und Motoren der Fahrzeuge von Straße bis Luftfahrt, Schifffahrt und Schienenverkehr. Die Automotive Lighting Reutlingen GmbH ging nach Brotterode-Trusetal und fertigt hier mit rund 700 Mitarbeitern u. a. Haupt- und Nebelscheinwerfer der Spitzentechnologie. Als ein international führendes Unternehmen der innovativen, externen Fahrzeugbeleuchtung beschäftigt Automotive Lighting an 24 Standorten auf vier Kontinenten rund 18.000 Mitarbeiter.

Von A wie Auspuff bis Z wie Zylinderkopfdichtung Ein PKW besteht heute aus rund 10.000 Teilen plus Schrauben, Muttern und Clipse. Zwischen A wie Auspuff und Z wie Zylinderkopfdichtung erfordern Motor, Getriebe, Karosserie, Interieur sowie die immer anspruchsvollere Elektronik sehr spezielles Know-how. So hat sich in jüngster Zeit vor allem die Zulieferindustrie in Südthüringen stark entwickelt. Der „automotive thüringen e. V.“, der seit 2000 die Zulieferer in Thüringen vernetzt, zählte zum 1. Januar 2016 stolze 96 Mitgliedsunternehmen mit 4,19 Milliarden Euro Umsatz, die rund 30.000 Mitarbeiter beschäftigen. Die Unternehmen im IHK-Bezirk suchen kontinuierlich weitere Fachkräfte. Einige sind klare Technologieführer in ihren diversen Geschäftsfeldern. Ob Pumpen, Kunststoff, Glasfaser oder Licht – hier können nur beispielhaft Unternehmen genannt werden: Der weltweit erste Voll-LED-Scheinwerfer kommt aus Brotterode Die „Automotive Lighting Brotterode GmbH“ fertigt Haupt- und Nebelscheinwerfer in Großserie sowie Kunststoffstreuscheiben und Stahlreflektoren. Das Unternehmen zählt 2015 und 2016 zu den „100 innovativsten Mittelständlern“ Deutschlands: Bereits 2008 hatte die Firma den weltweit ersten Voll-LED-Scheinwerfer auf den Markt gebracht, 2011 zeichnete man sie für ihre Scheinwerfer mit kameragesteuertem Nachtsichtassistenten aus.

Pumpen aus Merbelsrod Die „NIDEC GPM GmbH“ gehört zu den weltweiten Technologieführern der Automobilbranche. Der Zulieferer versorgt Hersteller wie VW, Audi, BMW oder Porsche mit Öl- und Kühlmittel-Pumpen. Isolationsmaterial aus Neuhaus Die „DBW Fiber Neuhaus GmbH“ entwickelt und produziert Fasern u. a. aus Mineralwolle und textiler Glasfaser, die als Isolationsmaterial in Abgasanlagen und im Motorraum zum Einsatz kommen. Stahl aus Amt Wachsenburg Die „Gonvauto Thüringen GmbH“ ist Teil der spanischen Gonvarri-Gruppe und beliefert die Automobilindustrie seit 2007 mit Stahlprodukten aus Amt Wachsenburg in der Nähe von Arnstadt. Saugrohre aus Sonneberg Die MANN+HUMMEL GmbH in Sonneberg ist Teil der MANN+HUMMELGruppe, die für die Automobilbranche vor allem Saug- und Filtersysteme als Serien- und Ersatzteile produziert. Das Werk in Sonneberg ist auf Saugrohre aus Kunststoff spezialisiert. Antriebskomponenten aus Arnstadt Die „BorgWarner Transmission Systems Arnstadt GmbH“ ist Teil des US-amerikanischen Automobilzulieferers BorgWarner, weltweiter Technologieführer für High-Tech-Komponenten und -Systeme für den Antriebsstrang. Systemlösungen aus Suhl Die „paragon AG“ in Suhl ist eine Zweigniederlassung des paragon-Konzerns, der Lösungen für den Fahrzeuginnenraum und höherwertige Systeme sowie zunehmend auch für die Elektromobilität entwickelt. Aus Suhl kommen z. B. Klima- und Rückfahrkamera-Systeme sowie Mikrofon-Varianten.

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BRANCHENGESCHICHTEN AUTOMOTIVE

Damen-, Herren- und Rennräder aus der Fahrzeugfabrik Eisenach hießen „Wartburg“ und zeichneten sich unter Ehrhardts Leitung durch ihre technischen Innovationen aus. 1899 wurde das „Motor-Zweirad“ entwickelt, 1898 „zur Schonung der Pferde“ für das Heer ein „Bergrad“ mit kettenloser Kraftübertragung. 10.000 Fahrräder baute man in dem Jahr – der Preis lag um 290 Mark, ein gutes Drittel des durchschnittlichen Jahreseinkommens von 834 Mark. Foto: Prometheus

Erfinder machen das Land mobil Nicht jede Geschichte der südthüringischen Erfinder kann ausführlich erzählt werden und nicht jede ist ausführlich bekannt. Kaum eine aber schildert das Ausmaß, in dem eine Erfindung Kreise ziehen und die nachfolgenden Generationen prägen kann, plastischer als die von Heinrich Ehrhardt aus Zella St. Blasii. Als er um 1885 seine wegweisenden Patente zur Metallverarbeitung einreichte, war er Mitte Vierzig und schon viel herumgekommen.

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Als Kleinkind mit drei Jahren Vollwaise geworden, wuchs er bei der Großmutter auf und ging schließlich als 14-Jähriger bei seinem Vetter in der Schmiede zur Lehre. Der drangsalierte ihn dermaßen, dass Heinrich davonlief. In Erfurt fand er Arbeit bei einem Reparaturwerk der Preußischen Staatsbahn und nahm auf eigene Kosten einen Privatlehrer für die Ausbildung in Technischem Zeichnen und Maschinenbau. 1860 fand er Anstellung in der Sömmerdaer Gewehrmanufaktur Dreyse, wo der Inhaber und Konstrukteur Johann Nicolaus Dreyse 1836 das überaus gefragte Zündnadelgewehr entwickelt hatte.


Ehrhardts Weg führte ihn an die verschiedensten Orte, wo Fleiß und Entdeckerfreude ihm Erfolge wie Rückschläge bescherten. So brachte etwa ein leicht zu handhabender Korkenzieher aus dem Jahre 1867 nicht ihm, sondern anderen beträchtlichen Gewinn. Erst in seiner Zeit als selbständiger Zivilingenieur in Düsseldorf, 1873 bis 1878, gelang es ihm zunehmend, Erfindungen zu Geld zu machen. Seine finanzielle Situation verbesserte sich entscheidend, sodass er 1878 in Zella eine eigene Werkstätte gründen und Versuche nun unbeobachtet von der Konkurrenz durchführen konnte. Unzählige Experimente und Berechnungen führten zu einer der größten Erfindungen, die von hier aus den Weg in die Stahl- und Walzwerke antrat: Erstmals gelang es mit seinem „Verfahren zum Lochen und gleichzeitigem Formgeben von Eisen- und Stahlblöcken in erhitztem Zustand“, Hohlkörper in den verschiedensten Formen herzustellen. Dank Patent Nr. 67921 vom 28. Januar 1891 flossen nun Millionen für die Lizenzproduktion. Zugleich war Ehrhardt ab 1889 maßgeblich beteiligt am Aufbau der „Rheinische Metallwaaren- und Maschinenfabrik Aktiengesellschaft“, heute „Rheinmetall AG“, die im Geschäftsjahr 2015 mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete. Der südthüringische Ingenieur hat das Rheinmetall-Werk in Düsseldorf aufgebaut, leitete es bis 1920 als Aufsichtsratsvorsitzender und stellte ihm viele seiner Patente und Erfindungen zur Verfügung, was die technische Entwicklung der Rheinmetall-Produkte maßgeblich prägte. Als die Geschäfte im Dreyse’schen Werk rückläufig waren, übernahm Ehrhardt die Fabrik in Sömmerda 1901 für Rheinmetall und erweiterte so deren Produktpalette u. a. um Handfeuerwaffen und Patronen.

der Vereinigung Volkseigener Betriebe – „VVB Datenverarbeitungs- und Büromaschinen Erfurt“ (1958) – wurden 1967 Drucker die Haupterzeugnisse des Werks, das jetzt als VEB Robotron Büromaschinenwerk Sömmerda (BWS) firmierte. 1969 entstand daraus das VEB Kombinat Zentronik, das wiederum 1978 in dem VEB Kombinat Robotron aufging. Rund 12.000 Beschäftigte waren hier tätig, ehe die Fabrik unter Regie der Treuhandanstalt als Robotron Büromaschinenwerk AG privatisiert und 1992 liquidiert wurde. 1923 erschien das Buch „Hammerschläge“ des Ingenieurs und Erfinders Heinrich Ehrhardt (1840-1928) im Leipziger Verlag K.F. Koehler schon in zweiter Auflage. Der Autor unterzeichnete darin sein Portrait mit „Heinz Ehrhardt“. Foto: Metilsteiner

Zum Ende des Ersten Weltkriegs war Rheinmetall einer der größten Rüstungshersteller des Landes. Als der Versailler Vertrag die Umstellung auf zivile Produkte erforderte, spezialisierte man sich in Sömmerda auf feinmechanische Geräte wie Schreib- und Rechenmaschinen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1952, gab die sowjetische Regierung das Werk an die DDR zurück. Als „VEB Mechanik Büromaschinenwerk Rheinmetall Sömmerda“ stellte man nun Büromaschinen, Mopedmotoren für die Suhler Simson SR1, SR2 und Spatz sowie Fotoapparate her. Innerhalb

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BRANCHENGESCHICHTEN AUTOMOTIVE Von Zella-Mehlis zum „Wartburg“ Heinrich Ehrhardt indes hatte 1896 von der Kaiserlichen Militärverwaltung den Auftrag zur Lieferung von 1.000 Militärfahrzeugen erhalten, was die Kapazitäten der Werke in Zella-Mehlis und im Rheinland überstieg. So gründete Heinrich am 3. Dezember 1896 mit seinem Sohn Gustav und Financiers die Fahrzeug-Fabrik Eisenach (FFE) als Aktiengesellschaft, erwarb ein Grundstück und begann umgehend, für den Neubau bis zu 1.000 Bauarbeiter und Hilfskräfte anzuwerben. Am 11. August 1897 kamen per Sonderzug Maschinen, Werkzeuge, Material und fast 200 seiner Fabrikarbeiter aus Zella-Mehlis in Eisenach an; bereits am Folgetag begann die Produktion.

Schon Ende 1898 rollte das erste Automobil aus der Fabrik. Ehrhardts Aktionäre waren ebenso skeptisch wie die Öffentlichkeit – auch Daimler und Benz hatten eben erst mit ihren Fabrikationen begonnen. Um die Kraft seines Motorwagens zu beweisen, fuhr Ehrhardt die steile Straße zur Wartburg hinauf: Der „Wartburg“ war geboren. Auch Wartburg-Fahrräder und Geschütze produzierte das Werk in Eisenach, das gegen Ende des Jahrhunderts mit 1.300 Beschäftigten zu Thüringens Großbetrieben gehörte.

Zwischen 3,5 und 8 PS brachten die ersten Wartburgs auf die Straße, hier Modell 2 von 1899, und schafften damit bis zu 40 km/h. Als Sonderausstattung standen schon damals Lederpolster zur Wahl, außerdem Schirmständer an der Seitenwand, Hupe mit Gummiball, geflochtene Seitenverkleidung, Azetylenlampen und ein Regenverdeck mit Klappmechanismus. Fotos: Softeis; Klaus Nahr

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Ab 1903 jedoch zogen sich die Ehrhardts nach Zerwürfnissen aus der Firmenleitung zurück; nun schuf Heinrich Ehrhardt in Zella St. Blasii die „Ehrhardt-Automobil AG“ in seiner dortigen Maschinenfabrik und fusionierte sie mit einem kleineren seiner Unternehmen in Düsseldorf. Die neue Automobilfabrik stellte u. a. eine „Kaiserklasse“- Limousine mit 50 PS und 8 Litern Hubraum her, doch bald herrschten LKW vor, die das Deutsche Reich subventionierte: Im Kriegsfall mussten die Käufer sie dem Heer zur Verfügung stellen. Nach dem Ersten Weltkrieg endet die Geschichte dieses Ehrhardt‘schen Unternehmens. 1920, im Alter von etwa 80 Jahren, trat Ehrhardt von der Rheinmetall-Leitung zurück; er starb 1928 in seinem Heimatort Zella-Mehlis.

wendet werden, so z. B. das 1891 patentierte „Ehrhardt'sche Preß- und Ziehverfahren“ zur Herstellung nahtloser Rohre. Das von ihm gegründete Werk in Eisenach wurde 1928 von den Bayerischen Motoren Werken, kurz BMW, übernommen und nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht. 1953 hieß es VEB Automobilwerk Eisenach (AWE) und produzierte ab 1955 erneut „Wartburg“-Fahrzeuge. Seit 1991 die Schließung durch die Treuhandanstalt erfolgte, führt Opel die Autoindustrie am Standort fort.

128 Patente von Heinrich Ehrhardt sind registriert worden. Auf ihnen basieren zahlreiche industrielle Fertigungsprozesse, die bis heute ange-

Der Wartburg 312 von 1966, hier eins der seltenen Modelle mit Rechtslenker. Ab 1974 durften Fahrzeuge mit dem nicht mehr zeitgemäßen Zweitaktmotor nicht länger nach Großbritannien importiert werden. Foto: Supercone

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BRANCHENGESCHICHTEN AUTOMOTIVE Reprivatisierung - Fremdinvestition Mit höchster Präzision fertigt der führende Automobilzulieferer NIDEC GPM in Merbelsrod Teile u. a. für die Pumpen und Motoren von Porsche, BMW, VW oder Audi. Fotos: NIDEC GPM

Von der heimischen Garage in den Weltkonzern Was vor 77 Jahren als Garagenfirma mit fünf Mitarbeitern im südthüringischen Merbelsrod begann, ist heute Teil eines weltumspannenden Konzerns: Die Entwicklung der „NIDEC GPM GmbH“ ist Erfolgsgeschichte pur, schließlich gehört man mittlerweile zu den weltweiten Technologieführern der Automobilbranche. Der Zulieferer versorgt Hersteller wie VW, Audi, BMW oder Porsche mit Öl- und Kühlmittel-Pumpen.

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Mit der Gründung der Firma „Karl Schmidt Präzisions-Flugzeugteile“ nimmt die Geschichte 1939 ihren Anfang als fünfköpfige Initiative in einer Garage im kleinen Ortsteil Merbelsrod der Gemeinde Auengrund im Landkreis Hildburghausen. Erst zehn Jahre später beginnt man dort mit der Produktion und Reparatur von Wasserpumpen für Fahrzeuge. Die Entwicklung und Herstellung diverser Pumpen für die Automobilindustrie sollen das Unternehmen noch lange beschäftigen. Und auch die regionalen Wurzeln haben sich die Merbelsroder bis heute erhalten.


1990 erhält die Gründerfamilie ihr Unternehmen zurück In der DDR liefert das Unternehmen Wasser-, Kühlmittel- und Ölpumpen für Fahrzeuge sowie Gleitringdichtungen für den Maschinen- und Anlagenbau – und wird erst 1972 zum volkseigenen Betrieb verstaatlicht. Nach der Wende erhält die Gründerfamilie ihr Unternehmen schließlich zurück. Die Firma wird als „Geräte- und Pumpenbau GmbH Dr. Eugen Schmidt“ reprivatisiert. GPM übernimmt damals 200 Beschäftigte, heute arbeiten allein am Standort Südthüringen 1.100 Menschen. Der erste Großauftrag zur Aufbereitung von Wasserpumpen kommt 1991. Verschiedene Ausbaustufen in der Fertigung und die Entwicklung von Serienkonzepten zählen zu den weiteren Meilensteinen. Mit Fertigungsstandorten in Brasilien und China und einem Vertriebsbüro in den USA fasst man seit der Jahrtausendwende auch weltweit Fuß.

effizienzsteigernden Maßnahmen der Motorenhersteller: Pumpenkonzepte in Leichtbauweise sparen Gewicht und sichern bei robuster Auslegung höchste Zuverlässigkeit im Dauerbetrieb. Seit 2008 die erste pneumatisch schaltbare Wasserpumpe an den Serienstart ging, wurde das Konzept bei zahlreichen Erstausrüstern eingeführt. Die Pumpen sind direkt mit der Motorsteuerung verbunden und regeln den Volumenstrom bedarfsgerecht – damit die Kühlung nur läuft, wenn sie benötigt wird. Bei so viel Spezialwissen wird Ausbildung im eigenen Hause großgeschrieben, um genügend Fachkräfte für die Zukunft zu haben; derzeit werden 44 Lehrlinge in Kooperation mit dem Sonneberger Ausbildungszentrum ausgebildet. Mit heute über 110 Entwicklungsingenieuren, von denen der Großteil ebenfalls vor Ort gelernt hat, ist beinahe jeder zehnte Beschäftigte in der Forschung und Entwicklung tätig. 1.130 Beschäftigte, darunter 110 Entwicklungsingenieure und 44 Auszubildende, arbeiten bei GPM an Technologien für die Zukunft. Foto: NIDEC GPM

GPM und Nidec wollen gemeinsam den Weltmarkt erobern 2015 folgt der neueste Meilenstein der Unternehmensgeschichte: Die Übernahme durch die Nidec Corporation, den weltweit größten Hersteller von Elektromotoren. „Wir haben uns den japanischen Konzern ausgesucht, weil es immer schwieriger wurde, dem Preisdruck auf dem globalen Markt für Autoteile zu widerstehen“, erläutert der Familienunternehmer Andreas Schmidt Ende 2014. Die Rechnung ist aufgegangen: Das globale Vertriebsnetzwerk wird zum wichtigen Erfolgsbaustein und die Nutzung weltweiter Einkaufs-Synergien senkt die Kosten. Intensive Entwicklungsaktivitäten verfolgt man heute auf dem Gebiet elektrischer Kühlmittel- und Ölpumpen; Produkt-Synergien mit den Nidec-Elektromotoren sind hierbei von großer Bedeutung.

Damit die Kühlung nur läuft, wenn sie benötigt wird Konventionelle Pumpen, die mit dem Riementrieb des Motors laufen, sind die traditionelle Kernkompetenz. NIDEC GPM unterstützt zugleich die

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er japanische Nidec-Konzern ist bekannt dafür, die Unternehmenskultur der von ihr akquirierten Firmen zu erhalten. Die börsennotierte Firmengruppe ist selbst ähnlichen Ursprungs: Vom DreiMann-Betrieb 1973 in einer umgebauten Garage hat sie sich zum Konzern mit 240 Firmen und ca. 100.000 Beschäftigten weltweit entwickelt. „Nidec ist stolz darauf, mit GPM eines der innovativsten Unternehmen seines Marktes gewonnen zu haben. Kompetenz und Ausrüstung haben überzeugt. Heute bauen wir unsere Technologieführerschaft gemeinsam aus.“ Olav Schulte Geschäftsführer der NIDEC GPM GmbH

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BRANCHENGESCHICHTEN ZUKUNFTSTECHNOLOGIEN

Heute ein erfolgreiches Morgen schaffen Die Zukunft kann nur meistern, wer die ökonomischen und sozialen Veränderungen versteht, aktuelle Megatrends aufnimmt und daraus neue Antworten für Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt. Aus Sicht des Thüringer Wirtschaftsministeriums steht dabei vor allem der Umbau der Energiesysteme im Fokus: „Grüne Technologien sind der vielleicht wichtigste Wachstumstreiber der Zukunft. Wir brauchen eine Energiewende, die bezahlbare Energiepreise mit Impulsen für die wirtschaftliche Entwicklung verbindet.“

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Die Energiewende ist eine enorme Herausforderung. Der Freistaat Thüringen hat sich das Ziel gesetzt, seinen Energiebedarf bis 2040 ausschließlich durch regenerative Energie zu decken; dabei bildet die Windenergie den Schwerpunkt der erneuerbaren Energien im Lande. Eine zukunftsorientierte Wirtschaftsentwicklung forciert die Landesregierung mit Hilfe des Thüringer ClusterManagements, das Unternehmen und Forschungseinrichtungen vernetzt und damit die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen

Die „Lange Nacht der Technik“ am Humboldtbau der TU Ilmenau, Thüringens Technischer Universität. Foto: TU Ilmenau/ari


fördern will. Zwölf Leitmärkte zählen zu den Wachstumsfeldern, die vorangetrieben werden sollen:

Die zwölf Leitmärkte Optik und Optoelektronik Life Sciences Umweltfreundliche Energien GreenTech Maschinenbau Kunststoffe und Keramik Automobil Mikro- und Nanotechnik Mess-, Steuer- und Regeltechnik Service-Robotik Ernährung Logistik 150 Jahre Zukunft gestalten Eindrucksvoll zeigt der Blick auf 150 Jahre IHK Südthüringen und 150 Jahre Wirtschaftsgeschichte, wieviel Erfindergeist, Zukunftspotenzial und Wirtschaftskraft in der Region stecken: Immer wieder treiben Innovationen aus Südthüringen die Wirtschaftsentwicklung voran. Obwohl die Menschen nur rund 90 der vergangenen 150 Jahre frei wirtschaften konnten, tragen sie erneut in erheblichem Maße dazu bei, die wirtschaftliche und technologische Wettbewerbsfähigkeit und damit die Zukunft zu gestalten. Sieben zukunftsträchtige, innovative Technologiefelder bilden die Schwer-

Die Schwerpunkte der Forschungsregion Automotive Fertigungs- und Automatisierungstechnologien Informations- und Kommunikationstechnologien Medizintechnik und Biotechnologie Neue Materialien Optik und Photonik Solar- und Umwelttechnologien

punkte der Forschungsregion Thüringen mit ihrem Netz aus elf Hochschulen. Eine besondere Rolle nehmen dabei die beiden Hochschulen Südthüringens für die Zukunftsfähigkeit ein – spezialisierte Wissenszentren, die Nachwuchs-Talente für den dringenden Bedarf der Gegenwart ausbilden und Forschung für die gefragten Entwicklungen der Zukunft betreiben.

An der Hochschule steht die Kraftfahrzeugtechnik von morgen, hier für die Bremsen, auf dem Prüfstand. Foto: TU Ilmenau/ari

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BRANCHENGESCHICHTEN ZUKUNFTSTECHNOLOGIEN

Vom „Thüringischen Technikum“ zur Technischen Universität Ilmenau Die TU Ilmenau ist die einzige Technische Universität Thüringens; sie blickt auf eine lange Tradition in der Ausbildung von Ingenieuren der Elektrotechnik und des Maschinenbaus zurück. Ihre Geschichte beginnt im Jahr 1894 als „Thüringisches Technikum“. Im Laufe der Zeit wird sie zur Ingenieurschule Ilmenau (1926), Fachschule für Elektrotechnik und Maschinenbau (1950), Hochschule für Elektrotechnik (1953), Technischen Hochschule (1963) und erhält nach der Wende 1992 den Status als Technische Universität. Heute umfasst ihr Profil Technik, Naturwissenschaften, Wirtschaft und Medien. Fünf Fakultäten bieten 6.600 Studierenden 19 Bachelor- und 24 Masterstudiengänge an – in Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Naturwissenschaften sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

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Das technisch-naturwissenschaftliche Spektrum eröffnet der Universität eine intensive Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen und Institutionen in Deutschland, Europa und weltweit. Mit ihrer Infrastruktur für Forschung und Entwicklung (FuE) spielt die TU Ilmenau eine wichtige Rolle als innovativer Impulsgeber für die Regionalwirtschaft und ist insbesondere technologieorientierten Unternehmen ein wichtiger Partner: Heute bestehen Kontakte zu rund 300 Unternehmen. Mehr als 100 technologieorientierte Unternehmen haben sich in den letzten Jahren im direkten Umfeld der TU Ilmenau angesiedelt bzw. aus der Universität ausgegründet. So ist rundherum ein Industriegürtel mit neuen Gewerbegebieten entstanden. Der Wissens- und Technologietransfer wird auch in Zukunft wichtiger Impulsgeber der regionalen Wirtschaft sein.

Physikpraktikum an der TU Ilmenau heute und in den 1960er Jahren an der damaligen „Hochschule für Elektrotechnik“. Fotos: TU Ilmenau/ari


Hochschule Schmalkalden Die Hochschule Schmalkalden wurde 1991 neu gegründet, ihre Wurzeln liegen jedoch bereits im Jahr 1902. Ausgangspunkt war die „Königliche Fachschule für Kleineisen- und Stahlwarenindustrie“, die 1918 zur Staatlichen Fachschule wurde. Während der DDR-Zeit 1950 bis 1990 wurde in der „Ingenieurschule Schmalkalden“ gelehrt, seit 1991 gibt es die heutige Hochschule mit ihrer dynamischen Entwicklung und der internationalen Bezeichnung „HS Schmalkalden University of Applied Sciences“. Im Jahr 2000 wurde der Campus nach dreijähriger Bauzeit um neue Gebäude erweitert: Dazu gehören ein Hörsaalgebäude mit Audimax (300 Plätze), zwei weiteren Hörsälen und Seminarräumen, eine Bibliothek und ein Laborgebäude für die Fakultäten Maschinenbau und Elektrotechnik. Für die Fakultät Informatik wurde ein eigenes Institutsgebäude mit Computertechnik geschaffen. Die Hochschule Schmalkalden bildet mehr als 3.000 Studierende in den fünf Fakultäten Elektrotechnik, Informatik, Maschinenbau, Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsrecht aus. Ihre internationalen Partnerschaften und Intensivprogramme vernetzen Lehrende wie Studierende von A wie Australien bis Z wie Zypern quer über den Globus. Als Kompetenzzentrum für Technologie und Innovation ist die Hochschule für zahlreiche Industrieunternehmen ein wichtiger Kooperations- und Netzwerkpartner in Forschung und Technologietransfer.

und das 1992 gegründete Technologie- und Gründerzentrum Schmalkalden (TGZ). Daraus sind seither bereits weit über 100 Existenzgründungen hervorgegangen – Unternehmen, die u. a. in den umliegenden Gewerbegebieten zahlreiche weitere Arbeitsplätze geschaffen haben.

Damit steht sie vor allem auch den kleinen und mittelständischen Unternehmen der Region zur Seite: Zum einen als Nachwuchsschmiede für Fachkräfte, zum anderen als Partner bei der Lösung anwendungsorientierter Forschungsfragen. Die Zusammenarbeit eröffnet Unternehmen und Institutionen direkten Zugang zu neuen Ergebnissen der aktuellen Forschung.

Ausgezeichnete Innovationen aus Südthüringen

Forschungsschwerpunkte setzt Schmalkalden vor allem in den Bereichen Produktentwicklung und Werkzeugbau sowie Adaptive Signalanalyse. Der Austausch mit der Wirtschaft erfolgt über namhafte Partner wie die Gesellschaft für Fertigungstechnik und Entwicklung e. V., die TU Ilmenau

Erweitert und modernisiert: Der Campus der Hochschule Schmalkalden. Foto: Sascha Bühner

Ob traditionell oder modern – in welchem Produktsegment Südthüringer Unternehmen auch tätig sind, vielfach bringen sie einzigartige Innovationen hervor, die in der Region, in ganz Deutschland, Europa und sogar weltweit Anerkennung und Anwendung finden. Kürzlich sind erneut sechs Unternehmen für bedeutende Innovationen ausgezeichnet bzw. nominiert worden:

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BRANCHENGESCHICHTEN ZUKUNFTSTECHNOLOGIEN

Werkzeuge

Kunststoff

Sascha Zmiskol: Werkzeug für das größte Passagierflugzeug der Welt. Foto: Michael Reichel/arifoto.de

Toralf (l.) und Peter Herwig: Vielfach ausgezeichnete Entwicklungen. Foto: STIFT

TUBEX-Geschäftsführer Jochen Braun: Nahtlos Material gespart. Foto: STIFT

MuT-Unternehmen 2015: Zangen für die Größten der Luftfahrt Die Rennsteig Werkzeuge GmbH aus Viernau ist das MuT-Unternehmen des Jahres 2015. Der Unternehmerpreis „Mittelstand und Thüringen“ (MuT) ist eine Initiative der IHK und der Handwerkskammer Südthüringen, regionaler Tageszeitungen und des Regionalmarketings Thüringer Wald. Der Südthüringer Betrieb ist der einzige zertifizierte Lieferant von High-Tech-Zangen, die beim Bau des größten Passagierflugzeugs Airbus A380 und des A350 zum Einsatz kommen: Mit den Spezialzangen werden Aluminiumkabel durch ein Doppelcrimp-Verfahren mit gedrehten Kontakten verbunden. Allein 300.000 Crimps stecken in jedem A380.

Für Innovationspreis Thüringen 2015 nominiert: Beim Straßenbau Schlaglöchern vorbeugen Die Herwig Bohrtechnik Schmalkalden GmbH aus Schmalkalden wurde 2015 für den Innovationspreis Thüringen in der Kategorie „Tradition und Zukunft“ nominiert und hatte bereits 2010 einmal die Auszeichnung gewonnen. Der Werkzeug-Spezialist hat ein Hinterschnittwerkzeug zur Vermeidung von Schlaglöchern entwickelt: Bei der Fertigstellung neuer Straßen werden zu Prüfzwecken Bohrkerne entnommen. Dadurch bekommt die Asphaltdecke Sollbruchstellen, die durch Witterung und Verkehrsbelastung zu Schlaglöchern führen. Das Problem löst Herwig Bohrtechnik mit einem neuartigen Hinterschnittwerkzeug, das die glatte Bohrlochinnenwand „hinterschneidet“ – es entsteht eine Rille, in der sich Füllmaterial verankern kann. Das Prinzip erhöht die Standfestigkeit um das 17-fache.

Innovationspreis Thüringen 2015: Die revolutionär neue Tube Die TUBEX Wasungen GmbH aus Wasungen hat den Innovationspreis Thüringen 2015 in der Kategorie „Industrie und Material“ gewonnen: Für die Entwicklung der ersten schulterlosen Kunststofftube mit nahtlos verschweißtem Verschluss. Aus Kunststoff gefertigte Tuben bestehen gewöhnlich aus einem Verschluss, dem Tubenschlauch sowie einer sogenannten Tubenschulter, die beides verbindet. Die Schulter hat darüber hinaus keine weitere Funktion, trägt jedoch entscheidend zum Gewicht der Tube bei. TUBEX hat ein Produktionsverfahren entwickelt, mit dem der Verschluss erstmals direkt auf den Tubenschlauch geschweißt werden kann und damit die gesamte Tubenbauart revolutioniert: Es gibt keinen Spalt und keine zusätzliche Nahtstelle mehr; bei der Produktion wird etwa ein Viertel weniger Kunststoff als bei der herkömmlichen Herstellung verbraucht.

Für die digitale Vierdorncrimpzange mit integrierter Verschleißüberwachung hat das Unternehmen 2014 den Innovationspreis Thüringen in der Kategorie „Tradition und Zukunft“ gewonnen.

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Maschinenbau

Keramik

Sensorik, Robotik und Automation

Jens Truckenbrodt (l.) und Björn Bodenstein: Steuern die IT bei Nidec GPM. Foto: transtec AG

Dr. Karl Berroth: Keramik fürs Weltall. Foto: Michael Reichel/arifoto.de

Die größten kleinsten Strukturen der Welt im 3D-Druck. Foto: TETRA GmbH Ilmenau

Für Innovationspreis Thüringen 2014 nominiert: Effektive und wartungsfreie Wasserpumpen Die Nidec GPM GmbH, früher Geräte- und Pumpenbau GmbH Merbelsrod (GPM), war 2013 Sieger und 2014 Nominierter beim Innovationspreis Thüringen in der Kategorie „Industrie und Material“. Ihre Innovation im Bereich Wasserpumpen ist montagefreundlicher, weist eine längere Lebensdauer auf und kann Kosten einsparen: Stand der Technik war bis dato die Einzelmontage der Bauteile Wellenlagerung, Wellendichtung und Lippendichtung. Bei Nidec GPM wurden sie erstmals in einer kompakten Baueinheit vereint. Sie gewährleistet auch bei hohen Laufzeiten und extremen Temperaturen eine zuverlässige Wasser- und Fettabdichtung. Sie kommt in wartungsfreien Kühlmittelpumpen für alle Arten von Verbrennungsmotoren zum Einsatz.

„Top 100“ der innovativsten Mittelständler: Anwendungen von Photovoltaik bis Raumfahrt Die FCT Ingenieurkeramik GmbH aus Frankenblick hat den Sonderpreis „Aufstieg durch Innovation“ des MuT-Preises 2015 gewonnen. Sie gehört zudem zu den fortschrittlichsten Mittelständlern 2015: „TOP 100“ zeichnet die 100 innovativsten Unternehmen aus. Die FCT Ingenieurkeramik findet mit ihren technischen Keramikbauteilen immer wieder neue Fertigungstechniken für individuelle Anforderungen der Kunden. Diese kommen aus der Verfahrenstechnik, der Photovoltaik oder der Luft- und Raumfahrt, wo man eine der wichtigsten Innovationen platzierte: Für Satellitenteleskope fertigt man ultraleichte, hochsteife Strukturen aus Spezialkeramik, die sich trotz Bauteilhöhen von z. B. 2,3 Meter bei Temperaturwechsel kaum verformen, sodass die darauf montierten Spiegel stets ihren exakt gleichen Abstand im Mikrometer-Bereich bewahren.

Erfinder-Goldmedaille: Für 3D-Nanodrucker und Co. Die TETRA GmbH aus Ilmenau entwickelt Systeme und Komponenten der Sensorik, Robotik und Automation – von hochspezialisierten Testund Fertigungssystemen für die Mikro- und Nanotechnik bis hin zu Leichtbau-Robotersystemen für die Automatisierung von sensiblen Produktions- und Serviceprozessen. Schwerpunkte liegen im Life-Science-Bereich, in der Elektro- und Elektronikindustrie sowie in der Grundlagenforschung. Auf der 67. internationalen Fachmesse für „Ideen – Erfindungen – Neuheiten“ iENA 2015 in Nürnberg wurde TETRA gemeinsam mit Projektpartnern für die Entwicklung „Hochgradig effizienter Zwei-Photonenpolymerisations-Initiatoren für Rapid Prototyping“ mit der Goldmedaille ausgezeichnet. In das Gemeinschaftsprojekt hatte TETRA einen 3D-Nanodrucker eingebracht.

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BRANCHENGESCHICHTEN ZUKUNFTSTECHNOLOGIEN Neugründung

Foto: Sonja Brüggemann

Warum Lufthansa und Rolls Royce auf Arnstadt fliegen Die riesigen Triebwerke wollen hoch hinaus – bringen sie doch normalerweise große Langstreckenflugzeuge auf 10.000 Meter und mehr in die Luft. Zur Wartung „landen“ sie seit 2007 regelmäßig in Arnstadt. Hier im Gewerbegebiet „Erfurter Kreuz“ überholt das noch junge Unternehmen „N3 Engine Overhaul Services“ die Airbus-Triebwerke und Flugzeugmotoren von Rolls-Royce.

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Das Gemeinschaftsunternehmen der Lufthansa Technik AG und Rolls Royce plc. überarbeitet und prüft die Triebwerke Trent 500, 700 und 900 der großen Langstreckenflugzeuge Airbus A340, A330 und A380. Von Südthüringens nördlicher Spitze aus betreut man Fluggesellschaften in Europa, Amerika, Afrika sowie der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und ist eingebunden in das globale Netzwerk von Rolls-Royce – für den raschen Austausch mit den Betrieben in Hong Kong, Singapur und Großbritannien.


Warum hat Südthüringen die europaweite Standortwahl gewonnen?

„Wir haben uns schnell einen guten Ruf in der Luftfahrtbranche erarbeitet, besonders wenn es um Qualität, Flexibilität und Liefertreue geht“, sagt Alexander Stern. Der Geschäftsführer weiß, warum Thüringen die europaweite Standortwahl für das neue Werk gewonnen hat: „Gründe dafür waren vor allem die gute Infrastruktur am Erfurter Kreuz, die Nähe zu den wichtigen nationalen und internationalen Luftfahrtknotenpunkten sowie das Fachkräftepotenzial vor Ort.“

„G

ute Infrastruktur am Erfurter Kreuz, die Nähe zu den wichtigen nationalen und internationalen Luftfahrtknotenpunkten sowie das Fachkräftepotenzial vor Ort.“

N3 schreibt deutsch-britische Erfolgsgeschichte Zum Aufbau von N3 wurden mehr als 350 Fachkräfte vorwiegend aus der Metall- und Elektroindustrie für eine Tätigkeit an Flugzeugmotoren qualifiziert. Von den ersten 270 Beschäftigten kam die Hälfte aus der Arbeitslosigkeit, 15 Prozent waren Rückkehrer aus den alten Bundesländern in ihre Heimat Thüringen. Mittlerweile arbeiten 630 Menschen bei N3, darunter 53 Auszubildende. Sie haben im Dezember 2013 das fünfhundertste Triebwerk überholt, ein Meilenstein in der Unternehmensgeschichte. N3 war ein Pionier am Erfurter Kreuz und ist heute eines der umsatzstärksten Unternehmen am Standort. Als „Triebwerk für eine ganze Region“ bezeichnete der damalige Bundesverkehrsminister und heutige Thüringer Wirtschaftsminister, Wolfgang Tiefensee, das Unternehmen 2007 bei der

N3-Geschäftsführer Alexander Stern Foto: Johannes Vogt

offiziellen Eröffnung. Bald zeigte sich die Zugkraft, weitere Firmen siedelten sich an, das deutsch-britische Gemeinschaftsunternehmen hat in der Region auch wirtschaftlich für Auftrieb gesorgt. Mit seinen hochmodernen Anlagen und der breiten technologischen Prozesskapazität ist das Werk schon heute für die Wartung zukünftiger Triebwerksgenerationen gerüstet. Der Triebwerk-Prüfstand gehört zu den modernsten und größten seiner Art auf der Welt.

„Beste Fluggerätmechaniker Deutschlands“ Für gut ausgebildeten Nachwuchs sorgt N3 bereits seit 2008: Jedes Jahr werden Fluggerätmechaniker mit der Fachrichtung Triebwerkstechnik ausgebildet, seit 2016 alle zwei Jahre auch Fachkräfte für Lagerlogistik. Schon dreimal wurden N3-Nachwuchskräfte mit dem Preis für den besten Fluggerätmechaniker Deutschlands ausgezeichnet. Das Unternehmen unterstützt bereits Schülerinnen und Schüler mit Veranstaltungen und Praktika bei der beruflichen Orientierung. Foto: Dr. Jan Kobel

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ANHANG Werte Leserinnen und Leser,

Fotonachweis

die IHK Südthüringen legt Wert auf geschlechtliche Gleichberechtigung. Wird in dieser Publikation zugunsten der Lesbarkeit nur die maskuline oder feminine Form gewählt, so impliziert dies keine Benachteiligung des jeweils anderen Geschlechts. Frauen und Männer mögen sich von den Inhalten gleichermaßen angesprochen fühlen. Viele der Menschen, von denen das Buch berichtet, tragen Titel oder akademische Grade. Sollten Angaben hierzu nicht bekannt gewesen oder unvollständig sein, bitten wir um Verständnis. Sofern nicht anders angegeben, beziehen sich statistische Angaben auf den Zeitraum bis 31.12.2014.

Sind Abbildungen hier oder am Bild nicht aufgeführt, so sind diese gemeinfrei oder von der IHK Südthüringen zur Verfügung gestellt. Die folgenden Angaben orientieren sich an den Seitenzahlen des Buches: Anders Beer Wilse/Norwegian Museum of Cultural History: 42; Andreas Praefcke: 17; Andreas Weise / Thüringer Tourismus GmbH: 36; Archiv Fajas/E. Dähn: 35.2; Archiv Volker Wachter: 58.2; Armémuseum, Stockholm, Schweden: 35.1; Arnstadt Kristall GmbH: 115.2; Auktionshaus Wendl, Rudolstadt: 39; Automotive Lighting Brotterode: 120; Benedikt.Seidl: 49; bogart99: 20; Carl Walther 2016: 52; 97; 99; 100; CDA GmbH: 8.3; 91.1; celestion65: 59.1; Clément Bucco-Lechat: 56; Concord: 23; Daderot: 43; ddp images/Jens-Ulrich Koch: 54; Deutsche Fotothek: 68; 122; DIHK / Thomas Kierok: 7; Dr. Jan Kobel: 137.1; DRK: 34.2; FA2010: 28; Fahrzeugmuseum/Jörn Greiser: 8.1; Farbglashütte Lauscha: 26.1; 26.2; Fayteq: 87.2; Federal-Mogul Motorparts: 62; Florian Schäffer: 69.2; Formost.de: 70.1; 70.2; 70.3; Frank C. Müller, Frankfurt am Main: 48; Fraunhofer IDMT: 87.1; Fuchs Gewürze GmbH: 116.1; 116.2; Gartenzwergmanufaktur Griebel: 41.1; 41.2; G. Wölfing, Kloster Veßra, 1994: 29; gemeinfrei: 12; 32; 34.1; 34.3; Global LightZ: 85; GMfilms: 72.1; 72.2; Gordon Bussiek, fotolia: 21; HARRY’S Inc.: 106; 107.1; 107.2; 107.3; Heimat- und Geschichtsverein Stützerbach e. V.: 22; Heimatmuseum Geißlerhaus: 63; Heinz-Glas: 94.1; 94.2; 108; 111.2; Herwig Bohrtechnik Schmalkalden GmbH: 86; Holger Ellgaard: 118; IHK Südthüringen: 11.2; 57.2; 92.1; 92.2; ILS Innovative Labor Systeme GmbH: 91.2; Johannes Vogt: 137.1; Klaus Nahr: 8.2; 126.2; Kulturstiftung Meiningen-Eisenach: 58.1; Levi Szekeres: 65; Manfred Jahreiss: 115.1; Max schwalbe: 60; Merkel Jagd- & Sportwaffen GmbH: 105.1; 105.2; Metilsteiner: 125; Metzner: 96; Michael Reichel/ arifoto.de: 6; 10.1; 10.2; 74; 75; 76-77; 92.3; 93; 102; 134.1; 135.2; Museum Eisfeld: 16.1; 16.2; 18; 38; Museum für Glaskunst Lauscha: 15; Museum Geißlerhaus: 109; Museumsdorf Baruther Glashütte: 47; Neue Porzellanfabrik Ilmenau GmbH: 71; NIDEC GPM: 128.1; 128.2; 129; nn: 69.1; OSTBLOCK Australia: 67; Petra Durst-Benning, historischer Roman „Die Glasbläserin“, Taschenbuch List, 2012: 19; PIKO: 89; 119.2; Pixabay: 53; 103; Privat: 31.1; 40; 98.1; 98.2; Prometheus: 124; Quittenbaum Kunstauktionen GmbH: 64.1; 64.2; 64.3; Reinhard Eisele: 79; Remy & Geiser: 113.1; 113.2; 113.3; Sascha Bühner: 133; Softeis: 126.1; Songquito: 59.2; Sonja Brüggemann: 136; Spielzeugmuseum Sonneberg: 27.2; SRF - Südthüringer Regionalfernsehen GmbH: 11.3; Staatliche Berufsbildende Schule Sonneberg: 44; 45.1; 45.2; 46; 119.1; Stadtmuseum Hildburghausen: 24.1; Stefan Kühn: 101; Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung Thüringen (STIFT): 134.2; 134.3; Supercone: 127; taddle, fotolia: 27.1; Tetra Ilmenau GmbH: 135.3; Thomas Reimer, fotolia: 10.3; Thomas0303: 55.1; Thüringer Pharmaglas: 112; Thüringer Waldquell Mineralbrunnen GmbH: 117.3; 117.4; Thüringisches Staatsarchiv Meiningen: 13; 31.2; Toma Babovic, Thüringer Tourismus GmbH: 11.1; Tourismus GmbH Oberhof: 55.2; Touristinformation Themar: 25; transtec AG: 135.1; TU Ilmenau: 82; 132.1; TU Ilmenau / ari: 88; 130; 131; 132.2; TU Ilmenau, MetraLabs: 90; Tubex Wasungen: 94.3; Universitätsbibliothek Mannheim: 24.2; Vattenfall Wasserkraft GmbH: 83; VIBA/Pierre Kamin: 117.1; VIBA sweets GmbH: 117.2; Volker Hielscher: 114; Volksliederarchiv: 58.3; Wiegand-Glas Unternehmensgruppe: 110.1; 110.2; 110.3; 111.1; womue, fotolia: 50; Бисмарк: 57.1

Unser Dank gilt den zahlreichen Personen, die unsere Dokumentation mit Fotos und Informationen unterstützt und bereichert haben. Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber zu ermitteln, und bitten um Benachrichtigung, wo dies ggf. nicht vollständig gelungen ist. Vor allem danken wir Herrn Roland Sturm, Sachsenbrunn, der bereits vor zwei Jahrzehnten im Auftrag der IHK Südthüringen den herausragenden Erfindergeist der Region erkannt, gründlichst erforscht und einen umfangreichen Wissensfundus dazu angelegt hat.

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Die Erfinder und sich wieder neu Erfinder  

Die Erfolgsgeschichte der Macher in Südthüringen

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