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> Gesundheitspolitik: S. 2, 3 > Rentenpolitik: S. 4,5 > Nachrichten S. 6

aktuell

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Der Newsletter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie

03 | 2010

21. Oktober

STANDPUNKT

Herbst der Weichenstellungen

Michael Vassiliadis vorsitzender@igbce.de

SOZIALSYSTEME

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Der demografische Wandel stellt die sozialen Sicherungssysteme vor enorme Herausforderungen. In einer alternden Gesellschaft müssen sowohl das Gesundheitssystem als auch die Rentenversicherung reformiert werden. Doch die wirklichen Zukunftsfragen geht Schwarz-Gelb nicht an. Stattdessen wird am System herumgedoktert, vor allem die eigene Klientel bedient und die soziale Spaltung der Gesellschaft weiter vorangetrieben. Weder sozial ungerechte Kopfpauschalen in der Gesetzlichen Krankenversicherung noch das Beharren auf der Rente mit 67 machen unser Sozialsystem zukunftsfest. Derzeit reist Kanzlerin Merkel durch die Republik und wirbt an ihrer Parteibasis für den Regierungskurs. In diesem „Herbst der Entscheidung“ gehe es um Haushaltssanierung, die Energiepolitik und die Zukunft der Sozialsysteme, so Angela Merkel. Was die Themen betrifft, sieht das die IG BCE ähnlich. Doch Schwarz-Gelb stellt die falschen Weichen. Deshalb mobilisiert die IG BCE in diesem Herbst für sozial gerechte Reformen, dafür, dass Solidarität eine Zukunft hat. Sowohl bei der Rente als auch bei der Gesundheitsversorgung muss das Solidarsystem erhalten bleiben. Wir brauchen kein Rentensystem, das Privilegien von Selbstständigen und Beamten festschreibt. Und auch kein Gesundheitssystem, das die Privatversicherer bevorteilt, aber die Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Kassen nicht nachhaltig löst. <

es ist beunruhigend, wie wenig die Politik in diesen Tagen die Sorgen der Menschen zur Kenntnis nimmt. Da wird die Rente mit 67 exekutiert, ohne auch nur ansatzweise zu erklären, woher die Arbeitsplätze für die Älteren kommen sollen und als wäre es für alle gleichermaßen zumutbar, länger zu arbeiten. Genauso ungerecht ist die Gesundheitsreform gestaltet: Sie bringt zusätzliche und einseitige Belastungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, und die Arbeitgeber kommen mal wieder besser weg. Eine Politik, die vielen schadet und wenigen nutzt, das ist kein Weg in eine gute Zukunft. Gerade unsere alternde Gesellschaft braucht nicht weniger, sondern mehr Solidarität, um leistungsstark zu bleiben. Wir wissen: Wer gegen die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit verstößt, löst kein Problem, aber schafft viele neue, von der Altersarmut bis zur Zwei-Klassen-Medizin. Es ist also Zeit zur politischen Umkehr, und dazu werden wir unseren Beitrag leisten.

POLITIKaktuell Eine Petition an den Bundestag zur geplanten Gesundheitsreform hat das vom DGB gegründete Bündnis „Köpfe gegen Kopfpauschale“ gestartet. Gefordert wird, die paritätische Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung durch Arbeitgeber und Versicherte wieder herzustellen. Bis zum 25. 10. muss die Petition 50 000 Unterstützer finden, damit sich der Bundestag damit befassen muss. http://bit.ly/aKOQb7


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03 | 2010

GESUNDHEITSPOLITIK

Das Solidarprinzip erhalten

Die IG BCE fordert:

Unser Gesundheitssystem benötigt Reformen. Doch die von SchwarzGelb geplante Reform löst nicht die Probleme, sondern führt zur ZweiKlassen-Medizin. Auf höhere Beitragssätze – für Beschäftigte – und Zusatzbeiträge hat sich die Koalition geeinigt: „Die beschlossenen Reformvorschläge unterhöhlen das solidarisch finanzierte Krankenversicherungssystem auf Dauer und lösen dabei nicht ein einziges Finanzierungsproblem“, bringt der stellvertretende IG BCE-Vorsitzende Ulrich Freese die Kritik auf den Punkt. Gesundheitsminister Rösler beweise sich damit einmal mehr als Lobbyist der Privatkassen.

> Die paritätische Finanzierung

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KRANKENVERSICHERUNG

An der größten Schwäche der Gesetzlichen Krankenversicherung ändern Röslers Reformen nichts. Zentrale Finanzierungsquelle der GKV bleiben die Arbeitseinkommen, deren Anteil am Brutto-Inlandsprodukt seit langem sinkt. Kapital- und Gewinneinkommen haben zugelegt, sollen aber weiter außen vor bleiben. So entsteht keine sichere Finanzierungsbasis. Wenn die Gesundheitszuschüsse aus Steuermitteln nicht steigen, ist die nächste ungedeckte Finanzierungslücke bald da. Und dann ist mit weiteren sozialen Härten durch Leistungskürzungen oder höhere Zusatzbeiträge zu rechnen. Mehr Netto vom Brutto hatte Schwarz-Gelb versprochen, herausgekommen ist eine Mini-Reform, die vor allem die Bezieher mittlerer und kleiner Einkommen sowie die Rentner belastet. <

> Die unsoziale Kopfpauschale muss gestoppt werden.

der gesetzlichen Krankenversicherung muss wieder hergestellt, das Einfrieren der Arbeitgeberbeiträge aufgehoben werden.

> Die heutige Abgrenzung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung hat sich überlebt. Wir brauchen eine Bürgerversicherung, die alle Versicherten mit einschließt und weitere Einkünfte berücksichtigt – neben Einkommen aus Arbeit auch Einkünfte aus Zins- und Kapitalausgaben.

> Eine Reform gelingt nur auf Basis des Solidarprinzips. Notwendige medizinische Leistungen müssen auch künftig garantiert sein.

FAQ aktuell BÜRGERVERSICHERUNG Die IG BCE setzt sich für eine Bürgerversicherung als Alternative ein. Was sind die Vorteile? Die heutige Abgrenzung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung hat sich überlebt. Es ist mit den Sozialstaatsprinzipien nicht vereinbar, wenn ein Besserverdiener die Wahl zwischen PKV und GKV hat, andere Beschäftigte aber keine Wahlalternative haben. Das befördert die Entsolidarisierung der Versicherten – zumal privat Versicherte von den Leistungserbringern bevorzugt werden. Wir wollen keine Zwei-Klassen-Medizin. Für gesetzliche und private Krankenversicherungen müssen einheitliche gesetzliche Rahmenbedingungen gelten. Die Bürgerversicherung, die alle Einkommensarten mit einbezieht, ist sozial gerecht und Voraussetzung für ein gut funktionierendes Gesundheitssystem.

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PRIVATE KRANKENVERSICHERUNG Die Gewerkschaften kritisieren, dass die Koalition in ihrer Gesundheitsreform die privaten Versicherer eindeutig bevorzugt. Wie das? Die Koalition erleichtert zum einen den Wechsel von der GKV in die Private Krankenversicherung (PKV) – so soll die nach dem Willen von Schwarz-Gelb die Wartefrist für den Wechsel von der GKV in die PKV von drei auf ein Jahr verkürzt werden. Im Übrigen wird auch Ende des Jahres zum ersten Mal seit 1949 die Mindesteinkommensgrenze, die für einen Wechsel erforderlich ist, heruntergesetzt – von 49 950 Euro Bruttojahreseinkommen auf 49 500 Euro. Auch finanziell greift Schwarz-Gelb den Privaten unter die Arme: Die PKV soll jetzt ebenfalls von den staatlich verordneten Medikamentenrabatten für die GKV profitieren. Und künftig sollen nur

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noch die Privaten attraktive Zusatzpolicen in der Krankenversicherung anbieten können. SOZIALAUSGLEICH Die Koalition will die Einführung von einkommensunabhängigen Zusatzbeiträgen durch einen „Sozialausgleich“ abfedern. Reicht das nicht aus? Nein. Zwar sieht der Gesetzentwurf tatsächlich den angekündigten Sozialausgleich vor, setzt aber gleichzeitig hohe Hürden: Erst ab Mehrbelastungen von zwei Prozent des Einkommens soll ein Ausgleich stattfinden. Die tatsächlichen – einkommensunabhängigen – Pauschalzusatzbeiträge, die die Krankenkasse erhebt werden nicht ausgeglichen. Für Durchschnittsverdiener mit 2500 Euro monatlich gäbe es damit selbst bei einem Zusatzbeitrag von 50 Euro im Monat keinerlei Entlastung.

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GESUNDHEITSPOLITIK

Bislang nimmt die gesundheitliche Versorgung in Deutschland weltweit eine Spitzenstellung ein. Das muss so bleiben, sagt die IG BCE. Foto: colourbox

LEISTUNGSERBRINGER

Gleiche Belastung für alle

Kopfpauschale durch die Hintertür ZUSATZBEITRÄGE

Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt einkommensunabhängige Kopfpauschalen in der Krankenversicherung ab. Das hat die Regierung verstanden – und plant stattdessen neue Zusatzbeiträge der Krankenkassen, die in beliebiger Höhe erhoben werden können: Das ist nichts anderes als die „Kopfpauschale durch die Hintertür“, kritisieren die Gewerkschaften. Bei Amtsübernahme der konservativ-liberalen Bundesregierung hatte die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) noch ein Finanzpolster von 1,8 Milliarden Euro. Es folgte ein Jahr schwarz-gelber Tatenlosigkeit. Jetzt wird der GKV für 2011 ein Defizit von bis zu 11 Milliarden Euro prognostiziert, und die Koalition bittet zur Kasse. Abkassiert werden soll vor allem bei den Versicherten. Die von Schwarz-Gelb in der GKV geplanten „Zusatzbeiträge“ könnten bereits innerhalb weniger Jahre zu einer massiven monatlichen Belastung der Versicherten führen. Eine vom DGB in Auftrag gegebene Studie der Uni Köln rechnet vor: Steigen die Gesundheitskosten jährlich nur um zwei Prozent, liegt die Kopfpauschale innerhalb von zehn Jahren rechnerisch schon bei über 70 zusätzlichen Euro im Monat. Bei stärkerem Kostenanstieg sind sogar über 150 Euro möglich. Widerstand gegen Röslers Pläne gibt es auch in den Regierungsparteien. Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) sieht bei der geplanten Gesundheitsreform „erheblichen Nachbesserungsbedarf“. <

Arbeitnehmer zahlen immer mehr Entwicklung der Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), des Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteils sowie des durchschnittlichen Bruttojahresgehalts von 1993 bis 2008 (Zunahme gegenüber 1992, in Prozent) 62,2

60

Arbeitnehmeranteil Ausgaben GKV gesamt Arbeitgeberanteil

50 40

50,4 43,6

30 24,9

20

durchschnittliches Bruttojahresgehalt

10 0

1994

1996

1998

2000

2002

2004

2006

2008 Quelle: DGB

3

Die IG BCE will, dass bei der Gesundheitsreform Arbeitnehmer wie Arbeitgeber gleich belastet werden. Nichts anderes gilt für die Leistungserbringer – für Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken und Pharmaindustrie. Doch auch die Leistungserbringer werden von der Bundesregierung einseitig belastet: Sparpotenziale bei Ärzten und Apotheken werden kaum genutzt, die Arzneimittelhersteller müssen sich hingegen der Herausforderung neuer Rabatte stellen. Die Rabatte dürften aus Sicht der IG BCE allenfalls für kurzfristige Einsparungen sorgen, belasten aber vor allem kleine und mittlere deutsche Hersteller – und gefährden hoch qualifizierte Arbeitsplätze. Unternehmen, die viel Geld in Innovationen und Forschung investieren, dürfen keinen zusätzlichen Risiken ausgesetzt werden. Gesundheitspolitik ist auch Arbeitsmarkt- und Industriepolitik. < Die IG BCE-Position zum Arzneimittel-Sparpaket: http://bit.ly/aOcyhb

Die Pläne der Bundesregierung sehen vor, den Beitragssatz in der Gesetzlichen Krankenkasse (GKV) 2011 von 14,9 auf 15,5 Prozent zu erhöhen. Letztmalig soll auch der Beitrag der Arbeitgeber von 7,0 auf 7,3 % erhöht werden und danach eingefroren werden. Künftige Erhöhungen sollen allein die Versicherten, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, tragen. Damit setzt sich fort, was bereits seit 2004 gilt: Vom ursprünglich solidarisch finanzierten Gesundheitssystem ist Deutschland immer weiter entfernt. Seit 2004 steigt der Arbeitnehmeranteil in der GKV überproportional gegenüber dem Arbeitgeberanteil. Mittlerweile zahlen die Versicherten 60 % der Kosten in der GKV. Auf diese Weise wird die solidarisch finanzierte Krankenversicherung ausgehöhlt. Gerecht wäre, wenn die Arbeitgeber wieder den gleichen Beitrag zahlen wie die Beschäftigten. Die IG BCE streitet deshalb für eine volle paritätische Finanzierung.

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RENTE

03 | 2010

RENTENPOLITIK

Sicher und armutsfest

Die Rente mit 67 ist eine falsche Weichenstellung. Solange der Arbeitsmarkt älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern kaum Beschäftigungschancen bietet, ist sie nichts anderes als ein Rentenkürzungsprogramm. Klar ist: Die Zahl der Älteren wächst. Aber nicht alle können oder wollen bis 63, 65 oder 67 arbeiten. Statt starrer Altersgrenzen brauchen die Menschen deshalb flexible Übergänge in den Ruhestand – und eine armutsfeste Alterssicherung. Davon ist die IG BCE überzeugt und setzt sich deshalb für flexible Übergänge in den Ruhestand ein. 2007 hat der Bundestag die stufenweise Einführung der Rente mit 67 beschlossen. Derzeit überbieten sich Arbeitgeberfunktionäre und „Experten“ in Forderungen, das Rentenalter noch weiter zu erhöhen. Den Vogel schießt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft ab: Dessen Präsident Michael Hüther fordert: „Ein weiterer Anstieg des Rentenzugangsalters ist geboten. Die Zielmarke liegt bei 70 Jahren.“ Die Wirklichkeit in der Arbeitswelt nimmt keiner dieser „Experten“ zur Kenntnis. Die IG BCE ist überzeugt: Es kann keine Lösung nach Schema F geben, starre Altersgrenzen sind falsch. Notwendig sind flexible Übergänge in den Ruhestand. Schließlich sind die Belastungen in den einzelnen Berufen und Tätigkeitsgruppen sehr unterschiedlich. Die IG BCE setzt sich ein für eine armutsfeste Alterssicherung, für ein sorgenfreies Leben im Alter. <

Jeder Zweite mit Abschlag Anteil der Altersrenten mit Abschlag unter allen Rentenzugängen 2009 (in Prozent) Insgesamt

46,6

Männer/West

42,4

Frauen/West

42,5

Männer/Ost

59,3

Frauen/Ost

77,4

Quelle: Deutsche Rentenversicherung

Schon heute erreichen viele das reguläre Renteneintrittsalter von 65 nicht mehr gesund und in Arbeit. Deshalb müssen fast die Hälfte aller Altersrentner Abschläge bei der Rente in Kauf nehmen – durchschnittlich 114 Euro pro Monat. Kommt die Rente mit 67, wird sich diese Zahl erhöhen und damit auch die Altersarmut steigen. Für jeden Monat, den man vor der Regelaltersgrenze in den Ruhestand geht, müssen 0,3 % Abschlag in Kauf genommen werden – ein ganzes Rentnerleben lang.

FAKTEN aktuell 20,4 Millionen Menschen bezogen Mitte 2009 eine Rente (ohne Waisenrenten). >>> 2009 wurden 1,59 Millionen Rentenneuanträge gestellt. Von den 1,25 Millionen neuen Ruheständlern in 2009 sind 50 % aus Altersgründen in Rente gegangen, 28 % gesundheitsbedingt vorzeitig ausgeschieden und 22 % zuvor arbeitslos oder im Vorruhestand gewesen. >>> Das durchschnittliche Renteneintrittsalter lag 2009 bei 63,2 Jahren (Altersrente). >>> Ende 2008 betrug die durchschnittliche Altersrente von Männern 970 Euro in den alten Bundesländern und 1044 Euro in den neuen, von Frauen 473 Euro im Westen und 676 Euro im Osten. Die Durchschnittsrente der Neuzugänge wegen Altersrente lag noch niedriger – bei den Männern 865 Euro (West), 902 Eu-

ro (Ost), bei den Frauen 449 Euro (West), 667 Euro (Ost). >>> Altersarmut ist nach wie vor überwiegend weiblich. Frauen arbeiten überdurchschnittlich häufig in Teilzeit und Minijobs. Daraus resultieren Armutsrenten. >>> Die Zahl der Älteren mit geringen Rentenansprüchen wird steigen. Zum einen wird das Leistungsniveau in der gesetzlichen Rentenversicherung abgesenkt, zum anderen nehmen unstete Erwerbsbiografien mit Zeiten geringfügiger Beschäftigung, der Arbeitslosigkeit, der Kurzarbeit oder der vorübergehenden Selbstständigkeit zu. Die wenigsten Beschäftigten erreichen 45 Beitragsjahre, die der Bemessung der so genannten Standardrente (1224 Euro monatlich bei einem jährlichem Einkommen von 30 240 Euro, Stand: 1.7.2009) zugrunde liegen.

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>>> Erhebliche Renteneinbußen müssen diejenigen hinnehmen, die wegen Erwerbsminderung vorzeitig aus dem Job ausscheiden. Die durchschnittliche Erwerbsminderungsrente ist mittlerweile auf 643 Euro gesunken – und liegt damit unter dem Sozialhilfeniveau. >>> Nur mit betrieblicher und privater Altersvorsorge können Versicherte künftig im Rentenalter ihren Lebensstandard weiter aufrecht erhalten. Wegen der Finanzkrise hat aber bereits jeder fünfte Beschäftigte seine private Altersvorsorge gekappt – mit steigender Tendenz. Nach einer Studie des Allensbach-Instituts im Auftrag der Postbank haben 20 % aller Berufstätigen 2010 private Vorsorgeverträge gekündigt oder reduziert. Bei den über 50-Jährigen beträgt der Anteil sogar 23 %.


RENTENPOLITIK

Kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt ÄLTERE BESCHÄFTIGTE

Alle reden vom Fachkräftemangel – und davon, dass die Unternehmen künftig verstärkt auf ältere Beschäftigte angewiesen sind. Noch ist die Realität eine andere: Gerade mal ein Fünftel aller 60- bis 64-Jährigen hat noch einen sozialversicherten Job. Folgt man dem Gesetz zur Rente mit 67, dann müsste die Anhebung des Renteneintrittsalters gestoppt werden. Wie schlecht es um die Beschäftigungschancen von älteren Menschen bestellt ist, zeigt der 4. Monitoring-Bericht des „Netzwerkes für eine gerechte Rente“. Die Zahlen sind ernüchternd: Nur 9,2 Prozent der 63-Jährigen und 6,3 Prozent der 64-Jährigen haben noch eine Vollzeitbeschäftigung. Doch die Bundesregierung arbeitet mit anderen, „schöneren“ Zahlen. Nach dem Deutschen Alterssurvey hat sich etwa die Erwerbsquote der 60- bis 64-Jährigen im Zeitraum 2000 bis 2008 von 20 auf 33 % erhöht. Statistiken, die täuschen – Grundlage der Untersuchung sind nicht die sozialversicherten Beschäftigten, sondern jede/r wird mitgezählt, der mindestens eine Stunde in der Woche erwerbstätig ist. < Die IG BCE fordert > flexible Übergänge in die Rente zu schaffen > die Rente mit 67 auszusetzen > die Altersteilzeitregelung wieder in Kraft zu setzen > die Teilrente aufzuwerten > alternsgerechte Arbeitsbedingungen, damit die Jungen von heute irgendwann gesund in Rente gehen können > altersgerechte Arbeitsbedingungen für ältere Beschäftigte.

IG BCE Unser

Generationenvertrag Auch die Tarifvertragsparteien sind in der Pflicht, sich dem demografischen Wandel und seinen Auswirkungen auf Arbeitswelt und Sozialsysteme zu stellen. Deshalb hat die IG BCE gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband BAVC für die Chemiebranche 2008 den Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ abgeschlossen. Ähnliche Regelungen gibt es inzwischen auch für drei weitere IG BCE-Tarifbereiche. Mit dem Vertrag zwischen IG BCE und BAVC haben die Sozialpartner Tarifgeschichte geschrieben. Nie zuvor haben Gewerkschaften und Arbeitgeber das Thema so umfassend gemeinsam

in Angriff genommen. „Unser Generationenvertrag“ umfasst Regelungen zu allen betrieblichen Themen, die in Hinblick auf eine alternde Gesellschaft unter den Nägeln brennen – von der altersund alternsgerechten Arbeitsorganisation über Langzeitarbeitskonten und Qualifizierung bis hin zur die Gesundheitsvorsorge. Er bietet den Betriebsparteien einen kompletten Werkzeugkasten für ein produktives und faires Miteinander von jüngeren und älteren Beschäftigten. In der Folge wurden 2009 in allen Betrieben Demografie-Analysen durchgeführt. 2010 sind 180 Millionen Euro von den Arbeitgebern in den Demografie-Fonds für Maßnahmen nach dem Tarifvertrag geflossen. <

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Altersarmut wächst Entwicklung der Armutsrisikoquote in Deutschland insgesamt und für über 65-Jährige (in Prozent) insgesamt über 65-Jährige

17 14

10

10

2000

15

12

2005

2007

Quelle: EU-Kommission

Altersarmut wird zunehmend zum Problem – auch wenn die Zahl der Grundsicherungsempfänger im Alter noch relativ gering ist. Sie steigt aber stark an. Schon heute sind 17 Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland von Armut bedroht, so die EU.

IM NETZ 4. Monitoring-Bericht des Netzwerks für eine gerechte Rente: http://bit.ly/dis529 Video-Statement von Michael Vassiliadis zur Altersvorsorge der Zukunft: http://bit.ly/9Kg1lq IG BCE-Positionen zur Alterssicherung: http://bit.ly/awAx8M

RENTE MIT 67 Der Fahrplan Das Gesetz zur Rente mit 67 sieht vor, in diesem Herbst zu prüfen, wie es um die Beschäftigungssituation Älterer bestellt ist. Je nachdem wie das Ergebnis ausfällt, muss die Rente mit 67 auf Eis gelegt werden. Voraussichtlich soll der Bericht dazu am 17. November im Kabinett beraten werden. Ansonsten sieht das Gesetz vor, ab 2012 bis 2029 für die Jahrgänge ab 1947 stufenweise das Renteneintrittsalter zu erhöhen. 1961 Geborene können danach erst ab 66,5 Jahren eine ungekürzte Rente erwarten. Für alle, die 1964 oder später geboren sind, gilt die Rente mit 67. <


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NACHRICHTEN

DGB Gegen vorzeitiges

Zechen-Aus Im Dezember wird sich in Brüssel entscheiden, ob es gelingt, das von der EU-Kommission vorgesehene Aus für die deutschen Zechen 2014, statt wie vereinbart 2018, zu verhindern. Unterstützung erhalten die Bergleute vom DGB. Am 5. Oktober hat der DGB-Bundesvorstand die Bundesregierung aufgefordert, „ihren Einfluss gegenüber dem EUMinisterrat geltend zu machen, sodass der 2007 in Deutschland gefundene gesellschaftliche Kompromiss bis 2018 erhalten bleibt“. Deutschland könne nicht auf die bewährte Technologie in Form eines Sockelbergbaus verzichten. Zudem wäre der frühere Ausstieg ein nicht „vertretbarer Vertrauensbruch gegenüber den Beschäftigten“. < http://bit.ly/duTEHh

Michael Vassiliadis: Für den Fortschritt. Industriepolitik im 21. Jahrhundert, Vorwärts Verlag, Berlin 2010, 117 Seiten, 10 Euro Es ist Zeit für „eine neue Kultur des Fortschritts“, fordert der IG BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Sein Buch lädt zur Debatte ein, was wir in Deutschland unter Fortschritt verstehen und wie wir eine neue Fortschrittskultur entwickeln können. „Zukunft hat der Fortschritt nur in ganzheitlicher Dimension“, stellt Vassiliadis klar: Technologischer und wirtschaftlicher Fortschritt müssen mit sozialem und ökologischem Fortschritt verbunden werden. In neun Thesen bietet der IG BCEVorsitzende anregenden Stoff für Diskussionen. Er bekräftigt, dass innovative Industrien auch im 21. Jahrhundert der Schlüssel zum Fortschritt hierzulande sind. Er kritisiert, dass es immer schwieriger wird, industrielle Neuinvestitionen in der Gesellschaft durchzusetzen. Er fordert, den Gedanken der

Teilhabe in umfassender Weise neu zu beleben. Von der Politik erwartet er mehr Mut zu Entscheidungen, von den Unternehmen mehr Verantwortung auch für die soziale und ökologische Entwicklung. Er ist überzeugt: Wer, wenn nicht die Gewerkschaften, sollte die Debatte über nachhaltigen Fortschritt anstoßen. Die Diskussionen werden fortgesetzt, verspricht Vassiliadis – zunächst in der eigenen Organisation, später mit allen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die an der Entwicklung einer neuen Fortschrittskultur mitwirken wollen.

BRAUNKOHLE Kundgebung In den Energiemix der Zukunft gehört die heimische Braunkohle – die Aktionen der IG BCE Nordost für eine „Zukunft mit unserer Kohle“ gehen am 28.10., 17 Uhr, mit einer Kundgebung in Cottbus weiter. Hauptredner ist neben Michael Vassiliadis der brandenburgische Arbeitsminister Günter Baaske (SPD). < www.nordost.igbce.de

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IMPRESSUM Herausgeber: IG Bergbau, Chemie, Energie Michael Vassiliadis Chefredakteur und verantwortlich: Christian Hülsmeier Redaktion: Michael Denecke, Rudolf Heim Text: Graewis Verlag GmbH Gestaltung: zang.design Infografik: Niesen Mediendesign

Cartoon: Gerhard Mester

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LESEZEICHEN

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Kontakt: IG Bergbau, Chemie, Energie Abteilung Medien + Kommunikation Königsworther Platz 6, 30167 Hannover Tel. 0511 / 76 31 - 698, Fax 0511 / 7 00 08 91 presse@igbce.de IG BCE aktuell, der IG BCE-Newsletter für Aktive, kann – unter Angabe der E-MailAdresse – im Internet bestellt werden unter: http://bit.ly/a8vPp5 oder per Fax: 0511/7000891.


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