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Lisa Fuhr

We Are Cypriots Wir sind Zyprer

! Here you see just a small selection of the texts and the pictures. (Compare page numbers.) ! Wir zeigen hier nur eine kleine Auswahl der Texte und Bilder. Bitte beachten Sie die Seitenzahlen.

icon Verlag 1


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für Hubert

Turkish names of places often occur in interviews taken in the Turkish speaking part of Cyprus.

Türkische Ortsnamen kommen in Interviews vor, die im türkischsprachigen Teil von Zypern gemacht wurden.

Nikosia – Greek: Levkosia, Turkish: Lefkoşa Kyrenia – Turkish: Girne Famagusta – Turkish: Mağusa Varosha – Maraş (cordoned-off part of / abgeriegelter Teil von Famagusta) 18


Inhalt Klaus Hillenbrand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Lisa Fuhr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Christina Koutsavaki . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 Niki Tsianakka / Androulla Tsianakka / Nikolas Krstic . . . . . . . . . . . . . 76 Mustafa Keleşzade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Panagiotis Ecosaris and his wife Elli . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Anna Marangou . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Müge Şevketoğlu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .136 Andreas Triantafillis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Ceren Ataker Etçi / Constantinos Hadjichristofi . . . . . . . . . . . . . . . .158 Katie Clerides . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Maro Emmanuel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 Şener Levent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Ibrahim Aziz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .210 Savvas Christofides . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 Soti Christodoulou / Kyriakos Kyriakou . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 Ergün Pektaş . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 Alexis Sofocleous . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270 Committee on Missing Persons / Alexandra Mouski . . . . . . . . . . . . 284 Arianna Economou . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300 Fatma Özok . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314 Nora Nadjarian . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 Akis Lordos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334 Özkan Tekman / Ahmet Tekman . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348 Magda Zenon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370 Evren Inançoğlu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384 Imprint / Impressum, Acknowledgements / Dank . . . . . . . . . . . . . . 416

The date of the interview indicates whether it was taken before or after the negotiations in Crans-Montana failed on 7 July 2017.

Das Datum der Interviews zeigt an, ob es vor oder nach dem Scheitern der Verhandlungen in Crans-Montana am 07. Juli 2017 stattgefunden hat. 19


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Klaus Hillenbrand

One Conflict – Multiple Causes

‘When, after passing a pleasant range of hills, Levkosia first bursts upon the sight, with her slender palms and minarets, seated in a desert plain, a chain of picturesque mountains as the background, it is like a dream of the Arabian Nights realised – a bouquet of orange gardens and palm trees in a country without verdure, an oasis encircled with walls framed by human hands. Great is the contrast between the town and its surroundings, and greater still between the objects within the city. There are Venetian fortifications by the side of Gothic edifices surmounted by the Crescent, on antique Classic soil. Turks, Greeks, and Armenians, dwell intermingled, bitter enemies at heart, and united solely by their love for the land of their birth.’ Levkosia, The Capital of Cyprus. London 1881

When Archduke Ludwig Salvator of Austria wrote these words, Cyprus was seen from a European perspective as a remote island, one that had been under the political rule of the Ottoman Empire for three hundred years. Although travellers did occasionally stray to this island and its capital city of Nicosia, their visits were usually only short respites on their journey to or from the Holy Land. Their accounts of the island

offer little more than sketchy impressions that are often coloured by questionable comparisons with their purportedly far more civilized homelands. Naturally there were exceptions, of which Ludwig Salvator was one. Information also existed in reports by the Ottoman administration and even some accounts by Cypriots themselves, although the great majority of them could neither read nor write. 21


doÄ&#x;an has largely lost interest in EU accession, just as the EU hardly appears willing to accept Turkey as a member. The entire matter has not become any simpler over the years, especially since a new point of contention has arisen. This revolves around the large reserves of natural gas found under the seabed within the economic zone of the island. The Cypriots hope to earn billions from this, but even the test drillings have caused strife. While the Turkish Cypriots insist that they be allowed to participate in the process, the Greek Cypriots reject any such participation and only suggest that the Turks might be allowed to profit from the gas reserves once a solution to the conflict has been found. Turkey, in turn, strictly denies that the Republic of Cyprus has a right to drill and extract the gas and has sent war ships into the area several times to reinforce its standpoint. All the while, the EU is funding research on the construction of a pipeline from the East Central Mediterranean region via Greece to Italy. The controversy over shared resources has already divided the inhabitants of Cyprus once before, namely shortly after the founding the Republic of Cyprus in 1960. This could happen yet again, 60 years later, over the natural gas reserves. However – and this really reveals the 40

absurdity of this conflict – it has not yet been established whether extracting and exporting this gas would even be a profitable endeavour. In other words, the two sides are counting their chickens before they have hatched. Despite all this, there are still people in Nicosia and other places across Cyprus who are attempting to overcome resentments and create trust between the two communities. They do not necessarily make themselves popular thereby, but they remain unswerving in their determination. It is to let these people voice their visions, dreams, and ideas that this book exists.


Klaus Hillenbrand

Ein Konflikt – viele Ursachen

„Wenn man nach dem Ersteigen sanfter Hügelwellen Levkosia mit ihren schlanken Palmen und Minareten und die malerische Gebirgskette in deren Hintergrunde auf der sonnenverbrannten Ebene von Cypern zum erstenmale auftauchen sieht, so glaubt man ein Bild aus tausend und einer Nacht in Wirklichkeit vor Augen zu haben. Ein Juwel von Orangengärten und Palmenbäumen in der baumlosen Gegend, eine vermöge ihrer Wälle durch Menschenhand geschaffene Oase. Und so wie der Gegensatz zwischen Stadt und Umgebung scharf und grell hervortritt, ebenso macht sich auch der Geist des Widerspruches in der Stadt selbst geltend. Venetianische Festungswerke und gothische Bauten, die nun der Halbmond krönt, auf antikem klassischem Boden; Türken, Griechen, Armenier bunt durcheinander gemengt, unter einander verfeindet, aber durch gemeinsame Liebe zu der nun Allen gleich heimischen Scholle vereinigt.“ Levkosia, die Hauptstadt von Zypern. Prag 1873

Als der österreichische Erzherzog Ludwig Salvator diese Zeilen schrieb, war Zypern mit seiner Hauptstadt Nikosia eine aus europäischer Sicht abgelegene Insel, politisch seit dreihundert Jahren in der Hand des Osmanischen Reichs. Wohl verirrten sich immer wieder Reisende auf dieses Eiland, doch ihre Besu-

che waren in der großen Mehrzahl nur kurze Zwischenstopps auf dem Wege zum Heiligen Land oder auf der Rückreise, und die daraus erwachsenen Berichte vermitteln kaum mehr als skizzenhafte Eindrücke, häufig geprägt von zweifelhaften Vergleichen mit der vorgeblich so viel zivilisierteren Heimat des Rei41


Aus Sicht des nationalistisch geprägten Papadopoulos begünstigte der Annan-Plan einseitig die türkische Seite. Demgegenüber forderte der Führer der türkischen Zyprer, Mehmet Ali Talat, seine Bevölkerung dazu auf, dem Annan-Plan zuzustimmen. Am 24. April 2004 votierte eine Mehrheit von 64,9 Prozent der türkischen Zyprer mit „Ja“. Doch 75,8 Prozent der Insel-Griechen lehnten den Plan ab. Die Initiative zur Wiedervereinigung war damit gescheitert. Eine Woche später wurde die Republik Zypern Mitglied der Europäischen Union. Formal zählt seitdem auch der Nordteil der Insel zur EU. Alle Regularien der Mitgliedschaft bleiben dort aber ausgesetzt, solange keine Konfliktlösung gefunden ist. Die von der EU in Aussicht gestellten Wirtschaftshilfen für die ärmeren türkischen Zyprer blieben weitgehend aus, während die Griechen von der EU-Mitgliedschaft profitieren konnten. Viele türkischen Zyprer fühlten sich von ihren Landsleuten im Süden im Stich gelassen. Auch wenn Papadopoulos seiner Bevölkerungsgruppe versprochen hatte, man werde schon bald eine bessere Lösung finden – nach den gescheiterten Referenden herrschte erst einmal für lange Zeit Funkstille. Erst im Jahr 2015, als auf beiden Seiten liberale Kräfte an die Regierungsmacht gekommen waren, ka60

men sich Insel-Griechen und -Türken wieder näher. Die Verhandlungen gipfelten im Juni 2017 in ein Treffen zwischen den Führern beider Gemeinschaften unter Hinzuziehung von Vertretern der Garantiemächte Griechenland, der Türkei und Großbritannien auf neutralem Boden im schweizerischen Crans-Montana. Doch entgegen der hoch gesteckten Erwartungen auf der Insel endeten die Gespräche, so wird berichtet, im Gebrüll der Teilnehmer und mussten abgebrochen werden. Beide Seiten machten sich gegenseitig für das Scheitern verantwortlich. Ein Konfliktpunkt blieb die Rolle der Türkei bei einem Friedensschluss, aber auch bei der Frage der Aufteilung des Landes blieb man sich uneinig. Die Verhandlungen in Crans-Montana werden nicht die letzten in der unendlichen Reihe der Bemühungen um einen Friedensschluss gewesen sein. Aber die Entfremdung zwischen den beiden Gemeinschaften macht eine Lösung zunehmend schwieriger. Zudem zeigte die Türkei in jüngster Zeit weniger Bereitschaft zu einem Kompromiss. 2004, beim gescheiterten Versuch einer Wiedervereinigung durch den Annan-Plan, hatte Ankara noch auf eine Integration in der Europäischen Union gesetzt. Eine Lösung des Zypernkonflikts aber galt als Voraussetzung für die EU-Mitgliedschaft. Inzwischen hat Präsident Erdoğan das Interesse an einem EU-Beitritt weitgehend


verloren, wie auch die EU kaum bereit erscheint, die Türkei als Mitglied zu akzeptieren. Die Angelegenheit wird nicht einfacher, zumal zwischenzeitlich ein neuer Streitpunkt aufgetaucht ist. Dabei geht es um reiche Gasvorkommen unter dem Meeresgrund in der Wirtschaftszone der Insel, von der sich die Zyprer Milliardenerlöse versprechen. Aber schon die Probebohrungen internationaler Konzerne sorgen für Zwist: Die türkischen Zyprer beharren darauf, dass sie an dem Prozess beteiligt werden, während die zyperngriechische Seite deren Beteiligung ablehnt und lediglich in Aussicht stellt, diese würden nach einer Konfliktlösung von den Gasvorkommen profitieren. Die Türkei wiederum spricht der Republik Zypern das Recht zu Bohrungen und Förderung grundsätzlich ab und hat mehrfach Kriegsschiffe entsandt, um diese zu behindern, während aus EU-Mitteln der Bau einer Pipeline vom Ostmittelmeerraum über Griechenland nach Italien untersucht wird.

jemals rentieren wird. Beide Seiten streiten über ungelegte Eier. Dennoch bemühen sich in Nikosia und in anderen Orten Zyperns weiterhin Menschen darum, Ressentiments zu überwinden und Vertrauen zu schaffen. Sie machen sich mit ihrem Engagement nicht unbedingt beliebt, aber sie bleiben doch unbeirrbar. Von ihnen und von ihren Vorstellungen, Träumen und Ideen erzählt dieses Buch.

Der Streit um gemeinsame Ressourcen hat schon einmal die Bewohner Zyperns entzweit, damals, kurz nach Gründung des gemeinsamen Staates im Jahr 1960. Er könnte sich rund 60 Jahre später wiederholen. Wobei, und das führt diesen Konflikt endgültig ins Absurde, bis heute ungeklärt bleibt, ob sich ein Gas-Export 61


Lisa Fuhr

A Linguistic Balancing Act – How to Handle Sensitive Terms or Squaring the Circle

Cyprus is a beautiful island, its inhabitants warm-hearted and open-minded in my experience. Other cultures, mentalities, and languages have always fascinated me. So, despite knowing I won’t solve the Cyprus problem, but as a person who sees the island with both open-mindedness and great affinity, I could perhaps contribute to inspiring even further interest and understanding for the country and its conflict with my book and photo project. I began my conversations with Cypriots all over the island in 2015 and continued to have them during numerous trips up until 2018, even after the reunification talks had failed in 2017. Something I never could have imagined back then: Apparently the Cyprus problem has not only been impossible to solve at the highest political level for over 40 years, but this dilemma is even reflected in every day speech. Speaking about 62

the Cyprus problem without running the risk of offending one of the two sides through one’s choice of words can only be done through linguistic acrobatics – as can be seen in the official UN texts, where it is necessary and makes sense. In July 2018, the OSCE addressed this issue by publishing a guide for journalists with a detailed list of terms in Greek, Turkish, and English (explicitly not as a regulation or an attempt to muzzle them): “Words that Matter: A Glossary for Journalism in Cyprus”, downloadable as a PDF document: www.osce.org/ representative-on-freedom-ofmedia/387269 Although these expressions are frequently used by both sides, they are often considered unacceptable, if not insulting, by the other side. This list gives an exact explanation of how the expressions are perceived and what alternatives there are. Fourteen out of 56 expressions, however, offer no alternatives what-


soever that are acceptable to both sides. Finding a solution to this is what “squaring the circle” refers to.

ty for decades now? After all, the realities of life are what this book is all about.

An example of one of these expressions is the term for the state-like construct comprising the northern part of the island (according to international law, after all, it is not a “state”), the “TRNC” or “Turkish Republic of Northern Cyprus”, which declared its independence in 1983. For the people in the northern part of the island, however, the “TRNC” is a reality without quotation marks. It is undisputed that this construct is recognised by only one country – namely Turkey. Its Unilateral Declaration of Independence (UDI) was not recognised by the UN because it is incompatible with the 1960 Treaty concerning the establishment of the Republic of Cyprus and the 1960 Treaty of Guarantee (the UN Security Council’s Resolution 541 of 18 November 1983).

In any case, attentiveness is required. A tourist might say: “Let’s cross the border today …” Border? It looks like a border and functions as a border, but it isn’t one – at least it’s not a border between two states according to international law. Fortunately, there is a solution in this case: the Green Line. Both sides agree to using this term (even though some people would prefer to do away with the Green Line, others to fortify it). In this book I will quote my interviewees’ expressions in cases where no inoffensive words can be found. My wish is to not censor my conversation partners. In the texts I have written, I will keep to the OSCE list of expressions – wherever possible.

Yet has the reality of these people’s lives been merely a “so-called” reali63


Lisa Fuhr

Zum Umgang mit heiklen Begriffen oder die Quadratur des Kreises

Zypern ist eine wunderschöne Insel, seine Bewohner habe ich als herzliche, weltoffene Menschen kennen gelernt. Andere Kulturen, Mentalitäten, Sprachen haben mich immer interessiert. Und so dachte ich, mit meinem Buch- und Fotoprojekt werde ich zwar nicht das Zypernproblem lösen, aber als Mensch, der der Insel offen und mit großer Sympathie begegnet, kann ich vielleicht dazu beitragen, noch mehr Interesse und Verständnis für das Land und seinen Konflikt zu wecken. 2015 begann ich meine Gespräche mit Zyprern auf der gesamten Insel und führte sie auf mehreren Reisen bis 2018 fort, also auch nachdem die Wiedervereinigungsgespräche im Juli 2017 gescheitert waren. Was ich mir damals nicht träumen ließ: Das Zypernproblem scheint nicht nur auf höchstem politischem Niveau seit über vierzig Jahren unlösbar zu sein, dieses Dilemma spiegelt sich auch in der Alltagssprache. Über das Zypernproblem zu spre64

chen, ohne Gefahr zu laufen, in der Wortwahl eine der beiden Seiten vor den Kopf zu stoßen, ist nur mit sprachlichen Verrenkungen möglich, wie sie in den offiziellen Texten der UNO natürlich sinnvoll und notwendig sind. Die OSZE hat im Juli 2018 zu diesem Thema als Handreichung für Journalisten (explizit nicht als Vorschrift oder gar als Maulkorb) eine detaillierte Liste von Begriffen auf Griechisch, Türkisch und Englisch veröffentlicht: „Words that Matter: A Glossary for Journalism in Cyprus“ als PDF zum Herunterladen: www.osce.org/representative-onfreedom-of-media/387269 Es sind Ausdrücke, die auf beiden Seiten zwar häufig benutzt werden, oft aber von der anderen Seite als unzulässig wenn nicht als verletzend wahrgenommen werden. In dieser Liste wird genau erläutert, wie die Begriffe empfunden werden und welche Alternativen es gibt. Für 14 der 56 Begriffe gibt es allerdings keine von beiden Seiten akzeptierte Al-


ternative. Hier eine Lösung zu finden, entspricht der Quadratur des Kreises. Ein Beispiel für einen dieser Begriffe ist der Name des staatsähnlichen Gebildes im Norden der Insel (es ist ja völkerrechtlich kein „Staat“): „TRNZ“, also die „Türkische Republik Nordzypern“, die sich 1983 für unabhängig erklärt hat. Im Norden der Insel ist diese TRNZ für die Menschen jedoch eine Realität ohne Anführungszeichen. Es ist unbestritten, dass dieses Gebilde nur von einem einzigen Land als Staat anerkannt wird, nämlich der Türkei. Seine „einseitige Unabhängigkeitserklärung“ (UDI) wurde von der UNO nicht anerkannt, weil sie mit dem Abkommen von 1960 zur Gründung der Republik Zypern und dem Garantieabkommen von 1960 nicht vereinbar ist (Resolution 541 des UN-Sicherheitsrates vom 18.11.1983) Aber ist die Lebensrealität dieser Menschen – und um Lebensrealitäten geht es in diesem Buch – seit

Jahrzehnten deshalb nur eine „sogenannte“? Achtsamkeit ist jedenfalls geboten: Manch ein Tourist wird vielleicht sagen „Heute wollen wir über die Grenze gehen …“ Grenze? Es sieht aus wie eine Grenze, funktioniert wie eine Grenze, ist aber keine – jedenfalls nicht im völkerrechtlichen Sinn eine Grenze zwischen zwei Staaten. Zum Glück gibt es in diesem Fall eine Lösung: die Green Line – damit sind beide Seiten einverstanden. (Auch wenn manche sie am liebsten einreißen, andere sie gern zementieren würden.) In diesem Buch werde ich in der wörtlichen Rede der Interviewten die Ausdrücke benutzen, die diese Personen im Gespräch mit mir benutzt haben, falls es keinen unverfänglichen Begriff gibt. Ich möchte meine Gesprächspartner hier nicht zensieren. In den Texten, die ich selbst formuliert habe, halte ich mich an die Liste der OSZE – so weit es eben möglich ist. 65


» Just remembering the fragrance of jasmine freed me from my nightmares. «

Christina Koutsavaki Construction Engineer *1959

After the island's independence from the British in 1960, a number of profound incidences impacted people’s lives. These included the war of 1974 which resulted in the division of the island, the forced exile, the absolute separation of the two parts, and the opening of the checkpoints in 2003 which at least made contact between the two sides possible again. Everyone who has experienced this has their own memory of it – and these memories certainly differ greatly. Christina Koutsavaki is one of 165 000 Greek and 45 000 Turkish Cypriots who were displaced at the time.

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Nicosia, 17 October 2016 Famagusta, summer 1974 My father was a taxi driver and owned a small minibus. This was a real stroke of luck when we were forced to flee Famagusta in 1974 – he put us and half the neighbourhood in his taxi. Officially, the minibus only had a license for seven people but our family already consisted of eight people, plus seven of our neighbours: the sisters and two old women who didn't have a car, and some children – I don't remember exactly. All I know is that there wasn't much air to breathe because we were all sitting on top of each other.

The only things my mother took with her were potatoes, oil and onions so that we had something to eat the first day. I took a small bag with a few photos and a stone I always carried with me. I was fifteen at the time. I didn't realise we were never coming back. I just thought these things shouldn't break if a bomb hit my room. In the first months from August to October we lived with other refugees in the fields in Ormideia near the British military base Dhekelia. That’s where we felt safe; the Turks wouldn't attack the area. For the first few days, the British brought us food and water from the base. After that, the Governor of Dhekelia ar67


» Dieser Gedanke an den Duft von Jasmin erlöste mich von meinen Albträumen. «

Christina Koutsavaki Bautechnologin *1959

Nach der Unabhängigkeit der Insel von den Briten im Jahr 1960 wurde das Leben der Menschen von einer Reihe tiefgreifender Ereignisse geprägt – dazu gehörte der Krieg von 1974, der in der Teilung der Insel, der Vertreibung und der absoluten Abschottung der beiden Teile mündete, und die Öffnung der Checkpoints im Jahr 2003, durch die zumindest der Kontakt zwischen beiden Teilen wieder möglich wurde. Jeder, der dies erlebt hat, hat seine eigene Erinnerung daran – und sicherlich unterscheiden sich diese Erinnerungen stark. Christina Koutsavaki ist eine von 165 000 griechischen und 45 000 türkischen Zyprern, die damals vertrieben wurden.

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Nikosia, 17. Oktober 2016 Famagusta, im Sommer 1974 Mein Vater war Taxifahrer, er besaß einen kleinen Minibus. Das war ein großes Glück, als wir 1974 aus Famagusta fliehen mussten – er packte uns und die halbe Nachbarschaft in sein Taxi. Offiziell waren nur sieben Personen für den Minibus zugelassen – unsere Familie bestand schon aus acht Leuten und dazu kamen noch sieben Nachbarn: Die Schwestern und zwei alte Frauen, die kein Auto hatten, und einige Kinder – ich erinnere mich nicht genau. Ich weiß nur, dass wir kaum Luft zum Atmen hatten, weil wir alle aufeinander saßen. Das Einzige, was meine Mutter mitnahm, waren Kartoffeln, Öl und Zwiebeln, damit wir am ersten Tag zu essen hatten. Ich nahm eine kleine Tasche mit ein paar Fotos und einem Stein mit, den ich immer bei mir trug. Ich war damals fünfzehn. Mir war nicht klar, dass wir nie mehr zurückkommen würden. Ich dachte nur: Diese Dinge sollen nicht kaputt gehen, falls eine Bombe in meinem Zimmer einschlägt. In den ersten Monaten von August bis Oktober lebten wir zusammen mit anderen Flüchtlingen auf den Feldern in Ormideia in der Nähe des britischen Militärstützpunktes Dhekelia. Dort fühlten wir uns sicher, dort würden die Türken nicht angreifen. In den ersten Tagen brachten uns die Briten vom Stützpunkt

Wasser und Nahrungsmittel. Danach ließ der Gouverneur von Dhekelia uns versorgen – wir waren inzwischen Tausende von Menschen. Die nächste größere Stadt war Larnaka. Viele versuchten, dort Arbeit zu finden, aber nach ein paar Monaten war uns klar, dass das aussichtslos war. Die Stadt war von Flüchtlingen überschwemmt. Mit seinem Taxi konnte mein Vater auch in Limassol arbeiten. Also siedelte die ganze Familie nach Limassol über … Nikosia, 23. April 2003 Inzwischen lebte ich schon jahrelang in Nikosia, war mit Savvas Christofides verheiratet und hatte zwei Söhne. Ich arbeitete gerade im Garten, die Kinder waren in der Schule, da kam Savvas herein und sagte: „Hol unsere Pässe und komm mit. Sie haben die Checkpoints geöffnet! Wir fahren rüber.“ Mir blieb die Luft weg, ich konnte es nicht glauben. Auf diesen Moment hatte ich so lange gewartet. Ich war völlig verwirrt, ich sagte: „Ich kann nicht, gib mir Zeit. Du sagst mir so was und ich soll innerhalb von Sekunden bereit sein …“ Aber dann sagte er: „Ob du mitkommst oder nicht, ich fahre. Und ich nehme die Kinder mit.“ „Was?! Mit den Kindern?!“ Ich hatte wahnsinnige Angst. „Klar nehme ich die Kinder mit.“ „Gut, dann komme ich.“ Jahrelang hatte ich wieder und wieder diesen Traum: Ich komme in das Dorf meiner Familie zurück, wo ich 73


» We have to shape a common history together – after all, our island is so small. «

Mustafa Keleşzade

Director of Khora Book Café, Publisher Activist with Baraka Cultural Centre *1990 The Khora Book Café is a bookstore and publishing house in the northern part of Lefkoşa (Nicosia). It is run as a collective with the political scientist Mustafa Keleşzade at the helm. The publishing house has already published 47 books by Turkish-Cypriot and Greek-Cypriot authors to date. They are usually about Cyprus, but also generally revolve around politics, history and literature. The collective’s main objective is to offer a lively forum with its Khora Book Café , where people meet up, have discussions and attend events with important Cypriot authors and intellectuals. Meanwhile the Khora Book Café also has a subsidiary in Mağusa (Famagusta) and a second location in Lefkoşa (Nicosia).

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Lefkoşa, 7 June 2016 Signing a treaty is all well and good, but it certainly won’t bring peace. It might mean a political solution but to create true peace means doing more: one has to deal with the more deep-rooted problems – the fear, the resentment and the distrust between both peoples. For the last 42 years, the trauma has been resting very deep. It has to be overcome. Efforts towards this have been initiated, both on a state as well as on a social level. Bi-communal events,

meetings, discussions, and cultural events are paving the way for us to eventually admit our own failings and be able to get along with each other. Until now, however, there has been much too little of this type of thing. We cannot see an agreement just as a first step and think the rest will surely follow. No – the reconciliation has to take place simultaneously at all levels. The war crimes on both sides, all the rapes and injustice, have to be dealt with at a judicial level. Only then will 95


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» Wir müssen unsere Geschichte gemeinsam gestalten – unsere Insel ist doch so klein. «

Mustafa Keleşzade

Geschäftsführer des Khora Book Café, Verleger Aktivist bei Baraka Culture Centre *1990 Das Khora Book Café ist eine Buchhandlung und Verlag in Lefkoşa (Nikosia). Sie wird im Kollektiv geführt und von dem Politikwissenschaftler Mustafa Keleşzade geleitet. Der Verlag hat bis jetzt 47 Bücher von türkisch-zyprischen und griechisch-zyprischen Autoren verlegt. Darin geht es meist um Zypern, aber auch allgemein um Politik, Geschichte und Literatur. Das Hauptanliegen des Kollektivs ist es, mit seinem Khora Book Café ein lebendiges Forum zu bieten, wo man sich trifft, diskutiert und an Veranstaltungen mit wichtigen zyprischen Autoren und Intellektuellen teilnimmt. Inzwischen hat das Khora Book Café auch eine Niederlassung in Mağusa (Famagusta) und eine zweite Filiale in Lefkoşa (Nikosia).

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Lefkoşa, 7. Juni 2016 Ein Abkommen zu unterzeichnen ist schön und gut, es bringt aber noch lange keinen Frieden. Es bedeutet vielleicht eine politische Lösung. Aber um echten Frieden zu schaffen, braucht es mehr: Man muss die tiefer liegenden Probleme angehen – die Angst, den Groll und das Misstrauen zwischen den beiden Volksgruppen. Seit 42 Jahren sitzen die Traumata auf beiden Seiten sehr tief. Sie müssen überwunden werden. Bemühungen in dieser Richtung gibt es bereits, sowohl auf der staatlichen als auch auf der zivilgesell-

schaftlichen Ebene. Bi-kommunale Veranstaltungen, Begegnungen, Diskussionen, kulturelle Ereignisse bereiten den Weg, damit wir uns irgendwann unsere eigenen Versäumnisse eingestehen und einander näher kommen können. Aber bis jetzt geschieht viel zu wenig in dieser Richtung. Wir dürfen in einem Abkommen nicht nur einen ersten Schritt sehen, der Rest werde dann schon folgen. Nein: Die Versöhnung muss auf allen Ebenen gleichzeitig stattfinden. Die Kriegsverbrechen auf beiden Seiten, die Vergewaltigungen, all das Unrecht müssen juristisch aufgearbeitet werden. Erst dann werden die 103


» Our people need to understand that it’s important to look towards the future and not just dwell on the past. «

Anna Marangou

Archaeologist, Art Historian, Author *1951 Anna Marangou is a scholar and the author of books about the history of Cyprus, and of Nicosia, Famagusta, and Paphos. She has written theatre pieces and children’s books and is a curator of exhibitions. She acted as Nicosia’s Cultural Officer from 1976 to 1991. She is passionate about her work and shares her extensive knowledge of art history in her guided tours.

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Nicosia, 11 October 2016 I live in Agios Andreas, a peaceful residential area with many gardens just outside the old city walls in Nicosia. This neighbourhood was originally built by the British. They had their ministries and offices in the stuffy city centre and wanted to live in a place with more greenery and fresher air. Today, the area is protected to an extent – that is, you can’t just build any way you want. That wasn’t always the case. In the early nineties, residents received notice from the municipality that they intended to build a motorway between Nicosia and Kyrenia and that

our peaceful residential streets were going to be turned into access roads – rather an ambitious undertaking considering that it hadn’t been many years since the war and reunification with the north was pure illusion. Kyrenia lies north of the Green Line after all. But the city builders wanted to tag our properties and gardens for the construction of a four-lane motorway just to be on the safe side. Luckily, nothing came of the idea. It was at a time when people wanted “European conditions” – a car-friendly city, so to speak. Back then we set up a committee in our residential district. There is one 123


of us for every street to keep an eye on things at all times. At the slightest hint that construction is going on, we follow up and demand that they present us with the complete building plans. We are seeing the same misguided belief in modernity at the moment at Eleftherias square. It’s about the redesigning of a square that is part of the historic city wall and was built by the Venetians in the 16th century. To this day, it’s an intact structure that encircles the city and is reinforced by eleven pentagonal bastions. The shape of its layout is the city’s emblem. There was a call for tenders and Zaha Hadid won it. No one was bothered by the fact that she had never visited Nicosia or that she once said in an interview that she hated historical cities because they didn’t allow for real life to unfold. For her, it’s just a small project among many that are carried out by her office. But for us it directly affects history and the character of Nicosia. There was heated debate. Archaeologists, architects, and a large majority of the public vehemently opposed the plan. However, the mayor and the municipality supported it. As specialists in the field and staunch opponents of the plan, we travelled to Brussels and argued that not only was the historical aspect being disregarded, but also that this immense concrete plate would have a negative impact on 124

the microclimate. Nicosia is a city where the sun shines for nine months of the year. In July and August temperatures between 40 and 45 degrees are quite normal. No one cared about this in Brussels. The only comment was, “Your city council made the decision.” It hurts to have a historical landmark like this city wall destroyed. In any case, there are far fewer historical landmarks in the city’s GreekCypriot south than in the Turkish-Cypriot north because the former was largely destroyed during the Ottoman conquest in the 16th century. Another example of reckless construction is the huge, eight-story church that our archbishop is currently having built. He feels that the gorgeous Agios Ioannis Cathedral, with its famous and fully preserved 18th century frescoes, isn’t big enough. The intention was to build the new church higher than the two 71-metre high minarets of the Selimiye Mosque, the former Cathedral of Saint Sophia. This Gothic structure is in the Muslim northern part of Nicosia and was already converted into a Mosque by the Ottomans.

Archbishop’s Palace Sitz des Erzbischofs


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» It is thanks to our excavations in Tatlısu that we had qualified employees for the Committee on Missing Persons. «

Müge Şevketoğlu Archaeologist *1966

The United Nations does not acknowledge the “Turkish Republic of Northern Cyprus” as a state, nor does it recognise the Unilateral Declaration of Independence, UDI of 1983 (UN Resolution 541 and 550), which, like the Turkish occupation since 1974, is considered legally invalid. No country is permitted to enter official relations with a non-recognised state. Müge Şevketoğlu is directly affected by this as her excavation site at Tatlısu – in Greek Akanthou – is located on the north coast on the eastern part of the island.

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Tatlısu, 11 April 2018 I don’t feel a part of any particular country – I feel at home everywhere and nowhere. I’ve travelled much and seen lots. I’ve always been attracted to distant destinations, even when the people there are poor. I think if you travel a lot you begin to see things from a different perspective. You run into normal people everywhere – they look after their children and just want to put food on the table every day. I’m not a political sort of person and don’t belong to any party. I don’t

like to talk politics. I became an archaeologist so that I could be close to nature and hear the birds sing, and to make fascinating discoveries while excavating. What a mistake: I landed smack in the middle of politics – and all because of my work! First, as a scientist I wanted to attend international conferences and to publish. I was denied this because I was an archaeologist from northern Cyprus. Then, I was blocked because archaeology is considered a particularly controversial topic as research results can sometimes be interpreted differently: Has the is137


» Dass wir heute die qualifizierten Mitarbeiter für das Committee on Missing Persons haben, ist unseren Ausgrabungen in Tatlısu zu verdanken. « Müge Şevketoğlu Archäologin *1966

Die „Türkische Republik Nordzypern“ ist von der UNO nicht als Staat anerkannt. Die „Einseitige Unabhängigkeitserklärung“ (Unilateral Declaration of Independence, UDI) aus dem Jahr 1983 wird von der UNO als rechtlich ungültig betrachtet (UN Resolutionen 541 und 550), ebenso die seit 1974 währende türkische Besatzung. Mit einem nicht anerkannten Land darf kein Staat offiziell verkehren. Davon ist Müge Şevketoğlu unmittelbar betroffen, denn ihre Grabungsstätte in Tatlısu – griechisch Akanthou – liegt an der Nordküste im Osten der Insel.

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Tatlısu, 11. April 2018 Ich empfinde mich keinem bestimmten Land zugehörig – ich fühle mich überall und nirgends zu Hause. Ich bin viel gereist und habe viel gesehen. Zu fernen Gegenden habe ich mich immer hingezogen gefühlt, auch wenn die Menschen dort arm sind. Ich glaube, wenn man viel reist, sieht man die Dinge mit anderen Augen. Überall begegnen einem ganz normale Menschen, sie kümmern sich um ihre Kinder und wollen jeden Tag Essen auf den Tisch stellen. Ich bin kein politischer Mensch, ge-

höre keiner Partei an und rede nicht gern über Politik. Ich wurde Archäologin, um in der Natur zu sein, wo die Vögel singen, und um bei Ausgrabungen faszinierende Entdeckungen zu machen. Was für ein Irrtum – ich landete mitten in der Politik, und zwar wegen meiner Arbeit. Einmal weil ich als Wissenschaftlerin natürlich im internationalen Rahmen an Konferenzen teilnehmen und publizieren wollte – was mir als Archäologin in Nordzypern verwehrt blieb. Und dann, weil Archäologie häufig ein heißes Eisen ist, denn Forschungsergebnisse lassen sich manchmal unterschiedlich interpre143


» Most people think that reunification means they can get their houses back. «

Andreas Triantafillis

Graphic Designer Waiter at the Leventis Art Gallery Café *1987 Andreas Triantafillis, like many Cypriots, completed his studies in Great Britain. Some spent many years there – a formative experience. Many Greek-speaking Cypriots encountered Cypriots from the north for the first time. They got to know them as colleagues at work, and after initial hesitation found they had more in common than differences.

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Nicosia, 19 October 2016 If, back when I was ten years old, a teacher had asked me: “Andreas, you know the Turks invaded and occupied the north many years ago. Many bad things happened and, at the moment, things are as they are. You didn’t go through it. How do you see your future when you’re grown up? And what are you going to do to achieve that?” If a teacher had asked me that question, I would have grown up with a more positive mindset – namely, as a person who seeks solutions. My sisters are teachers in Paralimni. That’s where I come from. They ask the children questions like that and the kids answer, “I don’t want my mum to cry because she lost her

home and all those other things that happened. I want her to be happy. I don’t want to keep hearing about the past. I can understand her, but I want to do everything I possibly can to make sure there are no more wars like that.” That’s a positive approach. Her pupils also suggested meeting the kids from the other side, and now my sisters are trying to organise a trip to visit a school in the north. Whether in school or at home – people always tend to take either a left or a right position. The war has been over for 40 years and people are still arguing. That’s got to stop – there’s a new generation. The people from those days are no longer alive and the new generation has to start thinking more positively. There’s so 149


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» Schon mein Großvater sagte damals: Ich habe es satt, mein Leben lang über das Zypernproblem zu reden. « Ceren Ataker Etçi Wirtschaftsprüferin *1979

Constantinos Hadjichristofi Klinischer Psychologe *1973

Fast alle türkischsprachigen Zyprer leben im Norden der Insel. Wenn sie selbst oder ihre Eltern vor der Teilung im Jahr 1974 in Zypern gelebt haben, können sie den EU-Pass der Republik Zypern beantragen – im Gegensatz zu den aus der Türkei zugewanderten Türken, die etwa die Hälfte der Bevölkerung im Nordteil ausmachen. Fast alle griechischsprachigen Zyprer leben im Süden. Christlich-muslimische Ehen sind zwar erlaubt, aber sehr selten. Ceren Ataker Etçi und Constantinos Hadjichristofi führen eine solche Ehe.

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Girne, 26. Oktober 2016 Ceren: Wir haben uns vor drei Jahren bei gemeinsamen Freunden kennen gelernt und letzten Oktober in Griechenland geheiratet – genauer gesagt, wir haben eine eingetragene Lebensgemeinschaft mit den gleichen Rechten wie Ehepartner geschlossen. Das war keine Notlösung, sondern wir wollten das so. Ich habe ja einen Pass der Republik Zypern, deshalb hätten wir auch im Süden regulär heiraten können. Der Norden erkennt die Republik Zypern allerdings nicht an und würde deshalb auch meine Ehe nicht anerkennen. Als wir überlegten, wo wir uns niederlassen wollen, entschieden wir uns für Kyrenia. Mit dem Auto ist es nicht weit von Nikosia, aber hier ist die Lebensqualität viel besser: Wir haben die Berge, das Meer und viel Grün ganz in der Nähe. Wir haben zwei Hunde und können hier lange Spaziergänge mit ihnen machen. Unsere Eltern leben in Nikosia und wir haben auch noch ein Haus in Protaras, einem Badeort an der Ostküste. Constantinos: Ceren ist beruflich etablierter, sie hat zusammen mit Partnern ein Büro im Norden. Auch deshalb haben wir uns für Kyrenia entschieden. Ich bin weniger ortsgebunden. Beruflich bin ich in einer Übergangssituation und werde demnächst meine Ausbildung zum klinischen Psychologen abschließen und mich dann mit einer Praxis im Süden niederlassen. Außerdem gründe ich

zurzeit eine bi-kommunale NGO für psychische Gesundheit. Lästig ist natürlich, dass wir praktisch täglich die Checkpoints passieren müssen. Ceren: Zum Beispiel fragen sie mich dort: „Wo ist Ihr Wagen?“ Nur weil ich am Vortag mit Constantinos’ Wagen einen anderen Checkpoint benutzt habe. Es geht sie nichts an, wo ich mein Auto stehen lasse. Aber sie wollen einen spüren lassen, dass sie alles unter Kontrolle haben. Constantinos: Ich habe ein Handy für den Norden und eins für den Süden. Gleich zu Beginn der Verhandlungen hieß es, man wird Radiosender und Mobilfunknetze kompatibel machen, um den Menschen den Alltag zu erleichtern. Aber dann hat man nichts mehr davon gehört. Sie haben es nicht hingekriegt. Ich verstehe ja, dass die großen Themen – z. B. die Klärung des Grundbesitzes – nicht so schnell zu lösen sind. Aber Alltagsprobleme? Wenigstens das sollte möglich sein. Ceren: Viele Leute profitieren von der Situation, wie sie ist. Jede Veränderung macht nur Umstände. Die Leute haben Angst davor, selbst wenn sich ihre Lage verbessern würde. Viele haben kleine Vorteile aus der derzeitigen Situation, die wollen sie nicht verlieren. Das ist menschlich, aber es ist trotzdem nicht fair. Über vierzig Jahre sind vergangen – wenn jetzt nichts passiert, wird es wieder vierzig Jahre dauern. Und was dann? Wir wollen sehen, dass es vorwärts geht! Die Öffnung der 165


» The only thing that I really want from life is to see the reunification of Cyprus. «

Katie Clerides

*1949 Pioneer of the Peace Talks Katie Clerides is the daughter of Glafcos Clerides (1919–2013). He was the President of the Republic of Cyprus from 1993 until 2003. Founder of the conservative, Christian-democratic party DISY (Democratic Rally), he was dedicated to the reunification of the island. His daughter, Katie, and her husband, Costas Shammas, are among the trailblazers of the peace effort.

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Nicosia, 29 May 2016 Today the public eye is on the peace talks between the two leaders of state in the north and the south of Cyprus. Since 2015 they have been working with great dedication and focus to find an agreement that will lead to the reunification of the island. This development began in the 90s, when relations were practically non-existent or very strained between the two parts of the island. At the time my then future husband and I were already very involved with the Cyprus Peace Centre, a

forerunner in the field of conflict resolution. This work ultimately led to the reconciliation process with the Turkish Cypriots. I was already a member of parliament for the Democratic Rally and took part in the conflict resolution workshops. Initially these activities only took place on our side but then our work became bi-communal and we built up a network with like-minded people on the other side which is still active today. Back then, the border was absolutely closed. We could only meet in the Ledra Palace Hotel in the buffer zone. 169


» We will not become extinct – we will be back. «

Maro Emmanuel

Architect, dedicated Maronite *1960 Cypriots are very much attached to “their village”. Many people, after all, have only been living in the city for one generation, and distances on the island are not very long. The Maronites’ attachment to their village is particularly strong because their village reinforces their sense of origin and cultural identity. There are a mere four Maronite villages left, all of which lie in the northern part of the island. The Maronites emigrated from Lebanon in the 7th Century, where about a million Maronites still live today. Their official church language is related to Aramaic, the traditional Maronite language, and the pope is recognised as the head of the church.

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Agia Marina (Gürpinar Köyü) 21 November and Nicosia, 24 November 2017 My great passion is collecting wild herbs near Agia Marina, the Maronite village my family is from. It can easily be reached by car from Nicosia. Together with other women, we go for long walks and collect herbs, vegetables, and mushrooms. We are not just concerned with finding plants that you can’t get at the

market or having particularly fresh vegetables to take home. It’s equally important for us to be aware of what we feel – a strong bond with our place of origin. At the same time, we send a signal: This is our village, this is our home! Until 1974 Agia Marina had about 700 inhabitants. Not too long ago it was a Turkish military base. The original inhabitants, both Maronites and Turks, were driven out after 1974. During the course of reunifica189


The new Maronite cemetery / Der neue maronitische Friedhof On the mountainside a quote of Atatürk: “Happy is he who says I am a Turk.” Im Hintergrund auf dem Berg das Atatürk-Zitat „Glücklich, wer sich Türke nennt.“

tion talks, the Turkish-Cypriot side offered the Maronites the return to their villages. In the case of Agia Marina, the Turkish military not only withdrew their soldiers from the village, but even moved the base a few 190

hundred metres further and gave us back our houses. Today we can celebrate the inauguration of our new cemetery. That’s a big step for us – a return to a normal village. Our relationship with the Turkish


Cypriots is different from that of most Greek Cypriots. For the GreekCypriot politicians, it’s a question of power. For us it’s less complicated – we go to our village, we enjoy being together, and we picnic out-

doors because it’s so beautiful there and because it’s our home. We constantly remind the others of this and do it quite casually by maintaining contact with Turkish-speaking neighbouring villages and being 191


drei Stunden lang und setzte ihn massiv unter Druck. Unser Vertreter sagte: „Das kann ich nicht. Meine Gemeinde steht kurz vor dem Aussterben. Dass wir in unsere Dörfer zurückkehren dürfen, ist ein Privileg, es ist nicht illegal.“ Nun wollte ihn der Präsident erpressen: „Dann werden wir die Zuschüsse für Ihre Leute in den Enklaven streichen.“ Daraufhin brachten wir die Sache in die sozialen Medien – ein großartiges Instrument, um Druck von unten auszuüben. Ich habe selbst geschrieben: „Der Präsident erpresst die Gemeinde. Wir wollen nicht aussterben, wir kehren zurück.“ Nun ging die öffentliche Debatte los: Die Regierenden leugneten erst alles und mussten sich schließlich rechtfertigen. Nach einer Woche – als wäre nichts gewesen – begrüßten sie unsere Rückkehr. Die türkischen und die griechischen Zyprer haben uns großartig unterstützt. Die griechisch-zyprischen Vertriebenen aus Varosha, dem seit 1974 abgeriegelten Teil von Famagusta, sind gut organisiert. Dass die türkisch-zyprische Regierung den Maroniten die Rückkehr in ihre Dörfer angeboten hat, ist auch den Anstrengungen der Famagusta-Leute zu verdanken. Wenn man Druck macht, erreicht man etwas. Sie haben eine ähnliche Haltung wie wir: Sie arbeiten mit den türkischen Zyprern zusammen. Eine andere Bewegung von unten ist Unite Cyprus Now, sie entstand während der Wiedervereinigungsgesprä198

che als Appell an die Regierenden, ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sie fordern vertrauensbildende Maßnahmen, um die menschlichen Beziehungen zwischen beiden Seiten zu normalisieren. Das ist auch unser Weg. Aber auch auf der politischen Ebene könnte man Beziehungen neu denken: Die türkischen Zyprer wären der beste Schutz, den die griechischen Zyprer vor der Türkei haben. Schließlich wollen auch sie keinesfalls zur Türkei gehören, aber für sie könnte es bald keine Alternative geben. Ein kluger griechisch-zyprischer Regierungschef würde mit ihnen zusammenarbeiten. Ich persönlich komme aus einer sehr gemischten Familie, in der es auch türkische Zyprer gab. Der Mädchenname meiner Mutter war Hasani, ein türkischer Name. Als ihr Vater im Sterben lag, sagte er: „Den Maroniten gebe ich meine Seele, den türkischen Zyprern meinen Leib.“ Mein griechisch-zyprischer Großvater kam als Süleyman auf die Welt und starb als Solomis. Er änderte seinen Namen im Lauf des Lebens, als er neu heiratete. Das ist typisch für die Geschichte von Agia Marina. Wir haben unseren türkisch-zyprischen Teil nie verleugnet. Auch wenn wir heute nicht alle im Dorf wohnen – es ist wichtig, die Beziehung zu unserem Heimatdorf aufrechtzuerhalten. Die Präsenz der maronitischen Gemeinschaft bildet einen Schutz für das Dorf.


Die griechischen Zyprer wollen, dass alles so wird, wie es einmal war, wie von Zauberhand. Wir denken anders: Wir wollen vorwärts schauen, nicht zurück. Wir besuchen die türkisch-zyprischen Dorfvorsteher, wir suchen den Kontakt zum ganzen Dorf. Dabei entdeckten wir, dass sie einen ähnlichen Kampf führen wie wir: Sie wurden ebenfalls vertrieben, als der Militärstützpunkt errichtet wurde und durften nach der Invasion nicht mehr zurück. Wenn es eine aufgeklärte politische Führung gäbe, die erkennbar für das Gemeinwohl eintritt, dann wäre eine Lösung wahrscheinlicher. Aber solange die Führungsebene korrupt

ist … ein paar Leute sitzen ja sogar im Gefängnis, z. B. der Stellvertretende Generalstaatsanwalt, einer von Anastasiades’ Leuten. Anastasiades hat ihn bis zum Schluss protegiert, damit er nicht hinter Gitter muss. Uns war von vornherein klar, dass unser Präsident bei den Wiedervereinigungsverhandlungen keine Lösung wollte. Er tat, was er konnte, um in einer Sackgasse zu enden. Das ist mein Eindruck. Was also bleibt, ist die Graswurzelbewegung – die Kräfte, die für eine Lösung kämpfen, kommen von unten. Und wir sind ein Teil davon. 199


» Don’t worry. The whole thing is just a show …And the show must go on. «  

Şener Levent

Owner and Editor-in-Chief of the Turkish Language Daily Newspaper Afrika *1948 In his diary notes, Occupation, written while he was in jail and published in 2004, Levent talks about his arrest in 2000 during the Denktaş administration and the weeks spent in jail being interrogated by soldiers from the Turkish mainland. He was accused of espionage – an allegation that was dropped after barely two weeks in custody. Having experienced this absolute arbitrariness and helplessness in the face of the inhumane conditions during his imprisonment, he changed the name of his newspaper from Avrupa (Europe) to Afrika in 2001 – it was meant as a statement: The country he lives in hardly complies with European standards – at least not where respect for human rights and basic principles of democracy are concerned. Levent studied journalism in Moscow from 1969 to 1979 and worked for some years as an assistant professor. After returning to Cyprus he spent a number of years working as a journalist for different newspapers until founding Avrupa in 1997. His focus is always on justice and basic principles of democracy. He does not avoid controversy and has been arrested several times. More than once, he became the target of attacks. The bullet holes in his office door attest to this.

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Lefkoşa, 13 October 2016 Since Cyprus was divided in 1974 the world has undergone fundamental changes. The Soviet Union has disintegrated, the Berlin Wall has fallen, and the two German states have been reunited. Yugoslavia split up and successor states were established. It’s only in Cyprus that nothing has changed over the past 42 years – only statements of intent and negotiations. Even if we had wanted to, as Cypriots we have no say in the matter. Did we want war in 1974? No – but we were suddenly caught in the middle of it anyway. The Cyprus problem can’t be considered apart from

the situation in the Middle East. Because of its geopolitical position, Cyprus is indispensable for the US and Great Britain. Both have the entire Middle East in view at all times from their military bases – be it for reconnaissance purposes or to drop bombs on the region. The problems in Cyprus came about as a result of the British military bases, which incidentally are also used by the Americans. The imperialist powers don’t want a peaceful solution in Cyprus. They don’t want to go as far as to see Greek and Turkish Cypriots reach an agreement. For the past 42 years both the British and the Americans have favoured the divided status of Cyprus. Offi201


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» Zypern ist mein Land, ich konnte und wollte nicht akzeptieren, dass es aufgeteilt werden sollte. «

Ibrahim Aziz

Weinbauingenieur, Journalist *1938 Ein friedliches Zusammenleben der griechischsprachigen und der türkischsprachigen Zyprer wurde seit den nationalistischen Auseinandersetzungen der 60er Jahre von weiten Teilen der Bevölkerung entweder bekämpft, mit Misstrauen gesehen oder zumindest für unmöglich gehalten. Heute hat sich das Blatt gewendet und in den laufenden Verhandlungen wird eine Wiedervereinigung angestrebt, eine Rückkehr zu den Zeiten, als man jahrhundertelang friedlich zusammenlebte. Ibrahim Aziz hat sich dafür in all diesen Jahrzehnten aktiv eingesetzt. Unbeirrbar ist er sein Leben lang für ein gemeinsames Zusammenleben der türkischen und griechischen Zyprer eingetreten, auch in den Zeiten, als dies lebensgefährlich war und er dafür angefeindet wurde.

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Nikosia, 14. Oktober 2016 Ich stamme aus Potamia, etwa zwanzig Autominuten südöstlich von Nikosia. Obwohl ich seit 1965 in Nikosia wohne und arbeite, bleibt Potamia meine Heimat, der Ort, wo meine Wurzeln sind, wo mein Elternhaus steht, wo meine Erinnerungen lebendig sind. Der Ort, der mich geprägt hat. Denn viele Orte in der Gegend von Potamia – zum Beispiel Louroujina, Dali, Agios Sozomenos – hatten lange Zeit eine gemischte Bevölkerung: In meiner Jugend lebten türkische und griechische Zyprer gemeinsam in den Dörfern, sie wuchsen wie ich mit beiden Sprachen auf und lebten in Eintracht miteinander. Das hat sich leider sehr geändert. 1960 endete die britische Kolonialherrschaft in Zypern. Vor 1963 stammten in Potamia je 300 Einwohner aus türkischsprachigen Familien und 300 aus griechischsprachigen. 1963 war ein Wendepunkt, es war der Beginn der interkommunalen Konflikte. Heute leben überwiegend griechische Zyprer dort und nur noch zehn oder fünfzehn türkische Zyprer. Den 16. August 1960, der Tag, an dem Zypern nach 82 Jahren Kolonialzeit seine Unabhängigkeit erlangte, verbrachte ich in Bulgarien, wo ich von 1958 bis 1965 als Stipendiat Weinbau studierte. Als ich nach dem Studium nach Zypern zurückkehrte, fand ich mich in einem neuen Staat.

Aber es war nicht nur die Verfassung, die sich in der Zwischenzeit geändert hatte. Die Forderung der griechischen Zyprer nach der Vereinigung mit Griechenland und der Widerstand der türkisch-zyprischen Minderheit dagegen hatten sich zugespitzt. Auf beiden Seiten bekamen die Nationalisten die Oberhand. 1963 begannen die interkommunalen Gewaltausbrüche in Nikosia und dehnten sich in der Folge auch auf die ländlichen Gebiete aus. In Agios Sozomenos kam es zu Zusammenstößen und in Louroujina wurde eine sogenannte Enklave eingerichtet. Von 1963 bis 1974 mussten die türkischen Zyprer dort leben, wie auch in vielen anderen Gegenden des Landes, wo sie in den Enklaven auf engstem Raum eingesperrt waren und die sie nicht verlassen durften – und zwar auf Druck von beiden Seiten. Ich verweigerte mich dem. Zypern ist mein Land, ich konnte und wollte nicht akzeptieren, dass es aufgeteilt werden sollte. Damit begab ich mich in eine sehr gefährliche Situation: Auf der einen Seite die türkisch-zyprischen Nationalisten, die mit Gewalt durchsetzen wollten, dass wir in den Enklaven und nicht mehr zusammen mit den Griechen leben sollten. Auf der anderen Seite die griechisch-zyprischen Nationalisten, die uns vertreiben wollten. Ihre EOKA-B, anstatt gegen die türkische Invasion zu kämpfen, nahm uns türkische Zyprer ins Visier. 221


Es war eine Zeit des militanten Nationalismus auf beiden Seiten, der damals Hunderte von Menschen das Leben kostete. Die türkischen Nationalisten wollten das Land teilen und dagegen wandte ich mich. Als Journalist bei der Cyprus Broadcasting Corporation, der CBC, genoss ich eine gewisse Protektion seitens des Staates, so dass ich einigermaßen in Sicherheit war. Aber der Druck auf die wenigen türkischen Zyprer, die nicht in den Norden gehen wollten und darüber hinaus gegen diese Politik ankämpften, war gewaltig. Wir galten als Volksfeinde und waren dementsprechend gefährdet. Ich stand als Verräter auf ihrer Fahndungsliste. Heute wundere ich mich manchmal, dass ich noch am Leben bin. An meinem anderen Arbeitsplatz im Agricultural Research Institute stand plötzlich jemand mit einer Kalaschnikow vor mir und wollte mich mitnehmen. Mir war klar: Wenn ihm das gelingt, bin ich verloren. Aber meine Freunde im Institut beschützten mich. Danach erlaubte man mir, bei vollem Gehalt einige Zeit zu Hause zu bleiben. Um wirklich sicher zu sein, ging ich mit meiner bulgarischen Frau und den Kindern drei Monate nach Sofia. Wir kamen erst zurück, als Makarios am 7. Dezember 1974 zurückkehrte und die politische Lage sich zu stabilisieren schien. In all diesen Jahren war ich in einer Gruppe von Zyprern aktiv, die dafür 222

eintraten, dass wir in friedlicher Koexistenz gemeinsam leben: die Patriotic Union of Turkish Cypriots. Unser Motto war Living Together. Bis 1974 war ich hauptamtlicher Vorsitzender dieser Vereinigung. Aber als nach dem Krieg die meisten türkischsprachigen Bewohner in den Norden gingen, gab es keinen Kontakt mehr zu ihnen, so dass unsere Vereinigung kaum mehr Mitglieder hatte. Ich arbeitete weiter im Agricultural Research Institute in Nikosia und als Journalist für die CBC, so dass ich die Aktion Living Together weiter unterstützen konnte. Die beiden Landesteile blieben bis 2003 hermetisch voneinander getrennt. Erst als 2003 die Checkpoints geöffnet wurden, konnte man sie in beiden Richtungen passieren. Mit dieser Lockerung verfolgte der Norden die Absicht, dass die Menschen sich an den Zustand der Teilung gewöhnen sollten: friedlich, aber getrennt. Ganz im Sinne der übergeordneten politischen Interessen. Ich blieb bis zu meiner Pensionierung im Jahr 2008 im Agricultural Research Institute. Als freiberuflicher Journalist aber arbeite ich immer noch. Ich schreibe jetzt Bücher und Artikel für Afrika, eine Tageszeitung, die im Norden erscheint. Ich beschäftige mich darin vor allem mit unserer Zeitgeschichte. Unter anderem habe ich in meinem Buch Perde aralığından / Ματιά στο Παρασκήνιο (Blick hinter die Kulissen) über die Männer berichtet, die sich in den


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» Unite Cyprus Now! Unite Cyprus? But How? «

Savvas Christofides *1956 Architect

Solving the Cyprus problem means for many that everything should return to the way it was over 40 years ago. Even if people know that you can’t turn back the clock, different rules apply on the emotional level. Varying opinions coexist in this sphere of conflict. But then there was also the financial crisis …

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» That’s the system – and the system is rotten. «

Ergün Pektaş

Founder and Director of Cyprus Private Ethnographic Museum (Kıbrıs Özel Etnografya Müzesi) Former Teacher of Natural Science and both Founder and Owner of a Factory for Rubber Articles (1973–1996) *1944 What it means to live in a “non-recognised state” is made apparent by Ergün Pektaş’ story. The “Turkish Republic of Northern Cyprus” is forbidden to trade with any countries other than Turkey, and – to a certain extent – with the Republic of Cyprus in the south. This means, however, that both the import of raw materials and the export of finished goods are subject to tariffs. This way the product cannot remain competitive. The domestic market with its population of 200 000 inhabitants is much too small to generate profitable production.

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Lefkoşa, 6 October 2016 It makes sense that a country has its own interests at heart and doesn’t want others to be independent. Those who run the country don’t want you to take matters into your own hands and start producing goods. After all, you’re meant to be dependent. The first step towards achieving this is to put so-called politicians in power. We never did have real politicians. What is a politician, anyway? The way I see it, politicians are committed to politics, but in the interests of their own country. But

our so-called politicians work for someone else, and in so doing they direct the course according to what the other country expects. Even the few authentic politicians we do have are powerless – every single one of them. I had already set up my company for rubber articles in the eighties when Turgut Özal was president in Turkey. He visited us and gave a speech: “You Cypriots belong to Turkey. You are only a small country, more like a district in Turkey. We are concerned for your wellbeing. We want to provide everything for you and don’t 257


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» Expect nothing – just go ahead and do it. «

Alexis Sofocleous

Producer, Cultural Events Manager, Musician *1968 The former trade fair grounds outside the city centre of Nicosia have seen better times. For many years now, events have been happening only sporadically at this largely deserted place. Here, Alexis Sofocleous shares the story of his life as cultural events manager and musician.

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Nicosia, 25 May 2016 I produce music and theatre performances and organise cultural exhibitions. Last year, we founded the Avanti Crossover Symphonic Orchestra, the first private symphony orchestra that now rehearses in our concert hall at the former trade fair centre. I was able to recruit 50 musicians – men and women of different ages and nationalities – Greek Cypriots, Greeks, Turkish Cypriots, one Armenian, one Romanian, a woman from Moldavia and a number of other European musicians. I welcome everyone, provided they are first of all good people, secondly good musicians, and are here legally. One of our musicians from the north is a member of the newly founded symphony orchestra there. We get along really well and we have no problems whatsoever. However, the new orchestra is called the “Symphony Orchestra of the Turkish Republic of Northern Cyprus”; in other words, it carries the name of a state that officially doesn’t exist. So, I don’t attend these concerts. Personally, I’ve visited the north only once for purely sentimental reasons to see the house I grew up in. But that’s one of those stories that people all over the world share. Today, artists from both the north and south work together and are influenced by each other’s ideas. In my

opinion, the division will be ancient history in one or two generations down the line. I don’t think the arts and politics are a good fit. I want to reach a large audience with my work and enable both the musicians and the audience to draw from their full potential. There’s no place for politics here. The symphony orchestra was just the beginning. Meanwhile, we’ve also created the Vocal Quartet Avanti Four with two tenors and two baritones, one of whom is me. We adapt songs from around the world: Cypriot, Greek, English, Italian, Spanish, Russian, German, and French. Next, we set up the Avanti Cultural Point, a small concert hall here at the trade fair site that seats about 150 people. This way the musicians don’t have to rent space – they can just come and make music. A place like this was badly needed in Cyprus. If you want to perform, be it in a theatre piece, as a musician or something else, the first thing you ask yourself is: “How am I going to pay for the venue?” We’re talking about between 1000 and 3000 euros. Our problem in Cyprus is that we only have a small audience. Of the 800 000 inhabitants, most are interested in what’s offered commercially, that is, things they are familiar with, like Greek popular music and well-known international musicians. The national symphony orchestra in Cyprus does a great job of offering 271


classical music, but the number of people who attend is moderate. That’s why we don’t play purely classical music. We bring in crossover music under our name instead. For instance, we include film music in our program and accompany sing272

ers, tenors or sopranos, who then sing popular music. It’s a mix between classical and pop music. The audience loves it. They hear songs they know performed by a large orchestra with magnificent voices. They are happy to pay for it and, in turn, we


are paid for making it possible. In Russia, opera and concerts are offered on a daily basis and people attend them in droves. That’s not possible in our case – it’s not our culture. The climate is different and people have a different mentality.

We have to make it work on our own. We can’t wait for government backing – we’re on our own. I’m a musician myself. I studied musicals in New York 35 years ago. I’m a baritone in our Vocal Quartet Avanti Four, where we sing only crossover pieces. Even when we sing folk music or the hits our grandparents knew, the audience is enthralled. It’s a way to attract young people to the music of the good old days. I played some pieces from my youth for my fourteen-year-old son and he died laughing. “What on earth is that?!” A few days ago, he insisted that I listen to a song on YouTube. It turned out to be a hit from the sixties, electronically reworked for a new PlayStation game. It was Paint It, Black by the Rolling Stones! I truly believe that you simply have to go ahead and try things. Don’t expect anything – just do it. If you’re always just reacting, nothing happens. Before founding the Avanti Crossover Symphonic Orchestra, everyone told me to forget it – it simply can’t work. To begin with, I didn’t have enough musicians. Furthermore, where was I going to get the money? How could that work? Even I don’t have all the answers yet but I do know one thing – you’ve got to keep going and things have a way of turning out. I’m convinced that where cultural work is concerned, we all have to 273


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» The work of the CMP – a contribution to reconciliation. «

Committee on Missing Persons The Committee for Missing Persons (CMP) in Cyprus was founded in 1981 with the support of the UN as a bi-communal institution. Its task is to clarify the fate of the people who are missing due to the intercommunal conflicts in the 60s and the conflicts in 1974. After long negotiations, a list of 1511 missing Greek Cypriots and 492 Turkish Cypriots was agreed upon in the mid-90s. This official list of a total of 2003 people reflects the population ratio.

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In the period after independence in 1960 there were many Turkish-Cypriot victims. One reason for this was that in the 50s the British colonial power was fought by EOKA, a nationalist, conservative, anti-communist, armed underground movement. Their goal was the unification of Cyprus with Greece. It was supported by the church. To combat EOKA, the British deployed a special unit of Turkish Cypriots. They gave them considerable freedom, which in turn led to acts of revenge by the Greek Cypriots. Many members of this special unit were targeted and murdered after independence and remained missing. In 1964, a United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (UNFICYP) was ultimately established. The second wave came after 1974, when Turkey invaded. It was a short, violent war. Many soldiers were killed and their remains were never found – they make up a large part of the CMP list. There were also massacres on both sides. For instance, within two days 140 women, children and elderly were killed in three villages near Famagusta, presumably by Greek-Cypriot irregular troops. A few days later, 80 Greek Cypriots were massacred in this area in the village of Asha. Terrible things happened – on both sides. When the war ended towards the end of 1974, two to three thousand people were considered missing. After years of negotiations and consid-

erable pressure from the UN, in 1981 a decision was made to establish the CMP as a trilateral institution: UN, Greek, and Turkish Cypriots. The mandate is very precise: “to establish the fate”, i.e. what happened to a person? At that time, there were no DNA tests and no bones were exhumed or even identified. Initially, they began to research and gather information. Who disappeared where? Were there any witnesses? It was not until 1990 that the next step was taken. Both sides agreed to draw up an official list of missing persons: the list of 2003 persons. In fact, even more had disappeared, but only in long negotiations was it possible to agree on this official list. It was important that the list reflected the population ratio in Cyprus, so for every Turkish, there were three Greek Cypriots. Then it took another ten years for the list to be approved. It was only in 2006 that the forensic laboratory was established, and experts were hired: archaeologists and a highly specialised group from Argentina, who dealt with the victims of the dictatorship there. Over the course of two years, the scientific infrastructure was established. Now there are nine teams of archaeologists, so nearly 50 specialists, who search all over the island for possible gravesites. They go to the villages every day in search of witnesses. There are twelve forensic anthropologists and two geneticists 285


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» Die Arbeit des CMP – ein Beitrag zur Versöhnung. «

Committee on Missing Persons Das Komitee für vermisste Personen (CMP) in Zypern wurde 1981 mit Unterstützung der UNO als bi-kommunale Institution gegründet. Seine Aufgabe ist es, das Schicksal der Menschen aufzuklären, die aufgrund der interkommunalen Konflikte in den 60er Jahren und der Auseinandersetzungen von 1974 vermisst werden. Nach langen Verhandlungen einigte man sich Mitte der 90er Jahre auf eine Liste mit 1 511 griechischen und 492 türkischen vermissten Zyprer. Diese offizielle Liste von insgesamt 2 003 Personen spiegelt das Bevölkerungsverhältnis wider.

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In der Zeit nach der Unabhängigkeit 1960 gab es sehr viele türkisch-zyprische Opfer. Ein Grund dafür war: In den 50er Jahren wurde die britische Kolonialmacht von der EOKA bekämpft, einer nationalistischen, konservativen, antikommunistischen, bewaffneten Untergrundbewegung. Ihr Ziel war die Vereinigung Zyperns mit Griechenland. Dabei wurde sie von der Kirche unterstützt. Zur Bekämpfung der EOKA setzten die Briten eine Spezialeinheit aus türkischen Zyprern ein. Sie ließen ihnen ziemlich freie Hand, was wiederum zu Racheakten seitens der griechischen Zyprer führte. Viele Angehörige der Spezialeinheit wurden nach der Unabhängigkeit gezielt ermordet und blieben vermisst. 1964 wurde schließlich eine Friedenstruppe der Vereinten Nationen in Zypern – UNFICYP – eingerichtet. Die zweite Welle kam nach 1974, als die Türkei einmarschierte. Es war ein kurzer, heftiger Krieg. Es kamen viele Soldaten um, die vermisst sind – sie bilden einen Großteil der CMP-Liste. Es gab auch Massaker auf beiden Seiten. So wurden z. B. innerhalb von zwei Tagen in drei Dörfern bei Famagusta 140 Frauen und Kinder und alte Leute umgebracht, vermutlich von griechisch-zyprischen irregulären Kämpfern. Wenige Tage später wurden in dieser Gegend in dem Dorf Asha 80 griechische Zyprer massakriert. Es passierten schreckliche Dinge – auf beiden Seiten.

Als dann gegen Ende 1974 der Krieg zu Ende war, galten 2 000 bis 3 000 Menschen als vermisst. Nach jahrelangen Verhandlungen und viel Druck durch die UN wurde 1981 beschlossen, das CMP zu gründen, und zwar als trilaterale Institution: UN, griechische und türkische Zyprer. Das Mandat ist sehr eng gefasst: „to establish the fate“, was ist mit einer Person passiert? Damals gab es noch keine DNA-Untersuchungen, man hat auch noch nicht Gebeine exhumiert oder gar identifiziert. Man begann erst einmal, zu recherchieren und Informationen zusammenzutragen. Wer ist wo verschwunden? Gab es Zeugen? Erst 1990 kam der nächste Schritt. Beide Seiten einigten sich darauf, eine offizielle Liste der Vermissten zu erstellen: die Liste der 2 003 Personen. Tatsächlich sind mehr verschwunden, aber erst in langen Verhandlungen, konnte man sich auf diese offizielle Liste einigen. Wichtig war, dass die Liste das Bevölkerungsverhältnis in Zypern widerspiegelte, also für jeden türkischen drei griechische Zyprer. Dann dauerte es noch mal zehn Jahre, bis die Liste verabschiedet war. Erst 2006 wurde das forensische Labor gegründet und Fachleute engagiert: Archäologen und eine hochspezialisierte Gruppe aus Argentinien, die sich dort mit den Opfern der Diktatur beschäftigte. Im Lauf von zwei Jahren wurde die wissenschaftliche Infrastruktur aufgebaut. 293


Im Moment sind es neun Teams von Archäologen, nahezu 50 Spezialisten, die jeden Tag auf der ganzen Insel nach möglichen Grabstätten suchen. Sie gehen in die Dörfer und suchen nach Zeugen. Im Labor arbeiten zwölf forensische Anthropologen und zwei Genetiker. Mittlerweile werden auch Satellitenbilder ausgewertet, um an zusätzliche Informationen zu kommen. Wenn bekannt ist, dass an einem bestimmten Tag in einem bestimmten Dorf mehrere Menschen verschwunden sind, dann gehen CMP-Ermittler dorthin und suchen mögliche Zeitzeugen. Viele geben gern Auskunft, andere gar nicht. Von manchen weiß man, dass sie direkt beteiligt waren, die Ermittler reden also manchmal auch mit Tätern, Massenmördern und Kriegsverbrechern. Aber das CMP hat keine Polizeigewalt, niemand kann gezwungen werden, Informationen zu geben. Es ist eine delikate Angelegenheit. Das Mandat des CMP ist rein humanitär: die Identität der Toten festzustellen und ihre Überreste den Familien zurückzugeben. Es geht nicht darum zu klären, wer sie ermordet hat oder wie sie zu Tode gekommen sind. Aus der Sicht der Angehörigen kann das unbefriedigend sein, dann wenn sie sich eine Wiedergutmachung oder einen Gerichtsprozess wünschen. Aber es gibt keinen politischen Konsens, mehr zu tun als das Allernötigste, nämlich das Humanitäre. 294

Das CMP hat in rund einem Jahrzehnt von über 2 000 Vermissten etwa 1 200 exhumiert. Von diesen stehen etwa 1 100 Exhumierte tatsächlich auf der offiziellen Liste. Die anderen stehen nicht auf der Liste, obwohl sie während der beiden Konfliktperioden ums Leben kamen. Wieder andere haben gar nichts damit zu tun – unter Umständen handelt es sich sogar um Gebeine aus antiker Zeit. So wurden Überreste von 1974 ermordeten Menschen entdeckt, die in antike Höhlengräber geworfen worden waren, und von den CMP-Archäologen vierzig Jahre später gefunden wurden. Von den 1 100 Exhumierten wurden bis jetzt etwa 850 identifiziert. Die meisten von ihnen konnten ihren Familien zurückgegeben werden. In manchen Fällen ist die Familie nach Australien ausgewandert oder kein Angehöriger mehr auffindbar. In seltenen Fällen weigert sich die Familie, die Gebeine zurückzunehmen. Manchmal sind die Grabstätten nicht unversehrt und man findet nur ganz kleine Knochen. Als aus zwei Brunnen ein Karton voll Gebeine gerettet wurde, konnte das CMP-Team sie in jahrelanger Arbeit 68 Personen zuordnen. Viele dieser Familien konnten wirklich nur einen oder zwei kleine Knochen bekommen. Das ist emotional, politisch und religiös problematisch. Manche Familien sagen dann: Die Mutter ist nun sehr alt, wir wissen nicht, wie lange sie noch lebt. Es ist wichtig,


dass sie das Thema abschließen kann und ihren Frieden findet – selbst wenn es nur ein Knochen ist. Andere Familien weisen ein solches Angebot empört zurück. Zypern ist ein kleines Land und deshalb ist die Zahl der Vermissten – absolut gesehen – relativ klein. Nur darum ist es möglich, die aufwendigen Untersuchungen durch hoch qualifizierte Wissenschaftler und mit enormem finanziellen Aufwand durchzuführen. Dies erfolgt hauptsächlich durch EU-Gelder. Jede einzelne Knochenprobe, aus der DNA extrahiert

wird, muss in die USA geschickt werden. Das kostet im Normalfall 500 Dollar, aber es können auch 10.000 Dollar für eine Person sein. In anderen Ländern mit ähnlichen Problemen ist das kaum vorstellbar. Durch die Arbeit des CMP werden auch die folgenden Generationen mit dem konfrontiert, was stattgefunden hat. Beide Seiten müssen wissen, dass schreckliche Dinge passiert sind, die von ihren eigenen Leuten begangen wurden. Dass das aufgearbeitet wird, ist die Voraussetzung für eine Wiederannäherung.

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Alexandra Mouski

Forensische Archäologin des Komitees für vermisste Personen (CMP) in Zypern *1987

Nikosia, Pufferzone 21. November 2017 Ursprünglich habe ich Archäologie studiert, mich interessierte die Geschichte der Menschheit. Aber nach und nach erkannte ich: Wenn man mehr über die Geschichte der Menschen herausfinden will, dann kommt man sehr viel weiter, wenn man ihre Knochen studiert. Außerdem wusste ich während meines Anthropologie-Studiums in England schon von der Arbeit des Komitees für vermisste Personen. Mir war klar, wie wichtig diese Arbeit für unser Land ist. Dreißig bzw. vierzig Jahre, nachdem die Menschen ums Leben gekommen und immer noch vermisst waren, war es allerhöchste Zeit, ihre Überreste zu finden und zu identifizieren. Wir forensische Anthropologen sind neben den Archäologen die Ersten, die nach so vielen Jahren die Gebeine dieser Menschen sehen und einen physischen Kontakt mit ihnen haben. Wir nehmen sie aus der Schachtel, legen sie auf den Tisch, ordnen sie, und beginnen, sie zu analysieren. Jeder Fall ist anders, und aus wissenschaftlicher Sicht finde ich es immer 296

sehr aufregend, wenn wir einen neuen Fall bekommen. Besonders nahe geht es einem, wenn wir zum Beispiel einen Schädel mit einem Einschussloch bekommen. Wir säubern die Knochen mit einem weichen Pinsel und waschen sie mit Wasser. Dann legen wir sie anatomisch richtig als Skelett auf den Tisch – wenn möglich, denn manchmal fehlen viele Knochen. Manchmal sind sie auch mit anderen Knochen vermischt oder es fehlt vielleicht ein Gelenk. Auf jeden Knochen schreiben wir mit Bleistift einen Code, damit wir jederzeit genau wissen, woher er stammt und damit er nicht mit anderen vermischt werden kann. Wenn wir Fragmente haben, z. B. von einem Schädel, dann


kleben wir sie zusammen, so dass man sie besser analysieren kann und damit die Familie ein möglichst intaktes Skelett sieht. In diesem Zustand können wir auch erkennen, ob es Verletzungen gegeben hat. Dann machen wir ein Foto. Wir sprechen mit den Angehörigen, der Witwe oder den inzwischen erwachsenen Kindern und informieren sie über unsere Erkenntnisse. Dies

ist natürlich sehr schmerzlich für die Hinterbliebenen. Wenn man das erlebt, ist einem klar: Es ist das Mindeste, was wir als Land für sie tun können, nämlich ihnen zu ermöglichen, den Verlust zu verarbeiten, zu trauern und damit abzuschließen. Der Schmerz verschwindet dadurch nicht, aber jetzt haben die Hinterbliebenen ein Grab, das sie besu297


» Wir kämpften für einen Tanz, der von uns Zyprern kommt, der unser Eigenes ist.« Arianna Economou

Choreographin, Tänzerin, Tanz-Aktivistin Arianna Economou gilt als die Wegbereiterin des zeitgenössischen Tanzes in Zypern. Sie studierte Tanz in England an der Ballet Rambert School of Dance, der London School of Contemporary Dance und am Dartington College of Arts, und Tanz- und Theater-Pädagogik an der University of Exeter. Bei Vera Orlock bildete sie sich fort in Body Mind Centering und in Berkeley, Kalifornien, in Developmental Movement. Nach der Rückkehr in ihre Heimat im Jahr 1981 brachte sie weltberühmte Künstler der Improvisation und Tanz-Performance nach Zypern, organisierte mit ihnen Workshops und trat mit ihnen auf. Sie ist Leiterin des Echo Arts Living Arts Center und des Dance-Gate Lefkosia, das dem European Dancehouse Network angeschlossen ist. Seit 2003 arbeitet sie mit Dorinda Hulton, Horst Weierstall und Peter Hulton am Thema Performance Training in Konfliktgebieten und an grenzübergreifenden Forschungsprojekten. Sie wurde mit zahlreichen Preisen für ihren Beitrag zu Kultur und Tanz ausgezeichnet und hat an nationalen und internationalen Tanz-Festivals teilgenommen. Zuletzt präsentierte sie ihre Videoinstallation Far Off Lands bei der Eröffnung der Festlichkeiten zur Europäischen Kulturhauptstadt 2017 in Paphos.

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Nikosia, 9. Juni 2016 Für eine Zyprerin wie mich ist Identität eine vielschichtige Angelegenheit, gerade auch die kulturelle. Auf den ersten Blick erscheint einem Zypern wie der Nahe Osten, aber dann stößt man schnell auf den britischen Einfluss – der Linksverkehr, tea and biscuits, britische Produkte in den Läden. Dieser Einfluss ist nicht nur äußerlich, viele Zyprer haben wie ich jahrelang in England studiert und das hat sie geprägt. Unsere Muttersprache ist zwar Griechisch, aber bei genauerem Hinhören weicht es stark vom Standardgriechisch ab. Unser Dialekt ist eine Mischung aus vielen Elementen, angefangen beim Altgriechischen. Ich liebe die antike griechische Religion, aber ich bin keine Griechin. Ich bin griechische Zyprerin. Die Kultur unserer Region hat viele Wurzeln – die Franzosen waren hier, die Venezianer, die Osmanen – und ich bin mir immer dessen bewusst, dass ich viele dieser Schichten und Facetten in mir vereine. Auch in meiner Entwicklung als Tänzerin habe ich mich auf vielen Ebenen bewegt. Meine Mutter war Klavierlehrerin, ich bin mit Musik aufgewachsen und hatte von klein auf den Impuls, dazu zu tanzen. Ballettschulen gab es zu dieser Zeit in Zypern nicht, und was meine damalige Lehrerin „Ballett“ nannte, hatte genau genommen nicht viel damit zu tun – wie ich im Rückblick erkannte.

Immerhin lernte ich damals schon die Labanotation kennen, eine Methode, um Bewegungen aufzuzeichnen, die mich fasziniert hat. Als ich 15 war, gastierte das Ballet Rambert in Kyrenia. Als ich das sah, wollte ich unbedingt nach England und Tanz studieren. Die RambertLeute empfahlen meinen Eltern, eine Bewerbung mit Fotos an die Schule zu schicken. So fand ich mich mit 17 in England wieder, in einer Klasse von Schülern, die schon als Fünfjährige mit klassischem Ballett begonnen hatten. Die Lehrerin gab Kommandos: rond de jambe en l’air, promenade en attitude – und ich hatte keine Ahnung, was gemeint war. Ich bemühte mich, es mir bei den anderen abzuschauen – eine frustrierende Erfahrung. Was aber gut war: Sie arbeiteten mit der Benesh-Tanznotation, der Choreologie. Das hat mich gerettet: Ich studierte das theoretische System sehr genau und konnte dann auch die Praxis verstehen. Aber erst im dritten Jahr hatte ich mit den anderen einigermaßen aufgeholt. Meine Eltern wollten natürlich, dass ich nach Zypern zurückkomme. Um dort ein Einkommen zu haben, machte ich eine Ausbildung zur Tanzpädagogin, die weitere zwei Jahre dauerte. Nun hatte ich also fünf Jahre Tanzausbildung hinter mir. Aber ich fühlte mich noch nicht reif, nach Zypern zurückzukehren. Ich hatte meinen eigenen Ausdruck noch nicht gefunden. 307


Ich bekam ein einjähriges Stipendium an der School of Contemporary Dance in London. Dort arbeitete man mit der Martha Graham Methode. Aber auch das war nicht das Richtige für meinen Körper – jede Technik stellt andere Anforderungen an den Körper. Als 1974 die Türkei in Zypern einmarschierte, kam meine Mutter nach London und wollte mich holen – ich hätte jetzt „genug Ausbildung“ erhalten. Mir wurde mulmig bei dem Gedanken, ich wusste, dass ich noch nicht so weit war, ich hatte meinen eigenen Weg noch nicht gefunden. Ich versuchte, ihr das zu erklären und schließlich flog meine Mutter ohne mich zurück – die Lage in Zypern war kritisch, sie konnte gerade noch den letzten Flug bekommen. Sie machte sich Sorgen, aber ihr war auch klar geworden, dass sie mich nicht überzeugen konnte. Das war mein Durchbruch, denn von da an übernahm ich Verantwortung für mich selbst: Wenn ich noch nicht nach Zypern zurückgehe, dann muss ich hier Arbeit als Lehrerin finden. Und damit begann mein Weg. Ich ging an das Dartington College of Art, um dort eine dreijährige Ausbildung zur Tanz- und Theaterpädagogin zu machen. In dem alten Herrenhaus Dartington Hall wurde 1925 von Leonard Elmhirst und seiner vermögenden amerikanischen Frau Dorothy eine Schule mit Internat gegründet, und zwar nach reformpädagogischen Grundsätzen. Hier soll308

ten sich Landwirtschaft und Kunst begegnen, man arbeitete auf dem Feld und anschließend machte man Kunst: bildende Kunst, Musik, Theater und Tanz. Es wurde schnell ein Magnet für Intellektuelle und Künstler aus der ganzen Welt wie z. B. Rabindranath Tagore, Igor Strawinsky,


Benjamin Britten, Walter Gropius und Isadora Duncan. Zu meiner Zeit unterrichtete dort die postmoderne Tanzpädagogin Mary Fulkerson. Die Tänzer in Amerika fragten damals: Wieso sprechen wir von plié tendu, contraction, pointed? Wir brauchen ein neues Vokabular. Leuten wie

Yvonne Rainer, Trisha Brown, Lucinda Childs, Steve Paxton, Mary Fulkerson und Anna Halprin ging es darum, die Prinzipien der Bewegung zu hinterfragen und neu zu definieren. Mabel Todd entwickelte in ihrem Buch Der Körper denkt mit die Ideokinese, das Arbeiten mit Bil309


» Meine künstlerische Arbeit machte mich glücklich, weil ich damit einen Beitrag zur Gesellschaft leisten konnte. « Fatma Özok Keramikerin *1963

Fatma Özok hat in eine Familie eingeheiratet, die in der vierten Generation Möbel produziert. Trotz aller Schwierigkeiten, die durch die wirtschaftliche Isolation des Nordteils von Zypern verursacht sind, konnte sich die Firma bis heute halten. Aber um weiterhin erfolgreich zu sein, musste sich die Familie diversifizieren und auf ein ganz anderes Gebiet erweitern: Sie gründete eine Universität für eine internationale Klientel, hauptsächlich aus Asien und Afrika. Im Norden Zyperns sind solche Privat-Universitäten inzwischen zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden. Die Diplome werden vom türkischen Erziehungsministerium anerkannt. Die Studenten schätzen die großzügige Ausstattung und Betreuung.

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Lefkoşa, 22. November 2017 Als ich 1981 die Schule abschloss, wollte ich eigentlich Medizin studieren. Aber hier gab es damals keine Universitäten, man ging in die Türkei zum Studieren. Allerdings lag der Militärputsch dort erst ein Jahr zurück, es war eine sehr unruhige Zeit voller Gewalt, dort zu studieren kam nicht in Frage. Ich komme aus einer Familie, wo die Beschäftigung mit Kunst Tradition hatte: Viele von uns hatten ein künstlerisches Talent, mein Onkel und mein Bruder malten und auch

ich fing früh an, mich mit Kunst zu beschäftigen. In der Schule hatte ich schon Preise gewonnen und ich nahm drei Jahre lang Privatunterricht bei einer Lehrerin und neben der Schule besuchte ich KeramikKurse. Dann heiratete ich, bekam zwei Kinder und als sie größer waren, beschloss ich, mir etwas Eigenes aufzubauen und widmete mich wieder der künstlerischen Arbeit mit Ton. Ich besuchte noch einen einjährigen Kurs in osmanischer Keramikmalerei in Istanbul und danach eröffnete ich mein Keramik-Studio. Heute ist es 319


» Some things can be left unsaid … «

Nora Nadjarian Author and Poet *1966

Nora Nadjarian writes poems and short stories in English, Greek and Armenian. She has received awards from numerous international competitions and poetry festivals and her works have appeared in anthologies in Cyprus, the UK, the USA, Germany, New Zealand, India, and Israel. The Voice at the Top of the Stairs (2001) was the first of three poetry collections to date. In 2006 Ledra Street was published, a short story collection. In 2010 eleven of her poems were published in German by hochroth Verlag as part of the Poesiefestival Berlin. Selfie and Other Stories appeared in 2017.

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Nicosia, 3 June 2016 My work is minimalist, whether poetry or short stories – all of it is condensed, intense and compressed. I go a step further with my microfiction – tiny stories inspired by fairy tales such as Pinocchio, Rumpelstiltskin, and Snow White: “His father, who had created him, given him life, made him a human being, once told him: Life is a lie. Treat it gently. One day you will grow up, and you’ll know. Life is a beautiful lie.” By minimalist, I also mean some things can be left unsaid. I don’t

want to preach, don’t want to spread any hidden or political messages. As a Cypriot author, however, it’s barely possible to avoid a political touch. But actually I only offer something to the readers and then let them decide what to make of the rest, how to fill in what I’ve left out. To mark the end of the Dutch Presidency of the Council of the European Union in 2016, a poetry event was planned. Poets from all 28 EU countries were called on to submit a poem on one of three themes, EU and democracy, EU and peace, or EU and refugees. I decided on the latter and my poem was selected as the Cypriot entry. The texts were translated into Dutch and appeared, 323


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» Meanwhile they’ve been negotiating for over forty years … «

Özkan Tekman

Social Worker, Restaurant Owner *1935

Ahmet Tekman

Özkan Tekman’s son, Restaurant Owner *1959 The Kyrenia Tavern is an unusual restaurant – not only because of its setting in a creatively designed garden full of mystical surprises, but also because of its cuisine. As soon as guests arrive at 7:00 p.m. and it is clear how many will be dining, the Tekmans begin cooking up a multiple course meal for everyone. All ingredients are freshly prepared. Here’s where Özkan Tekman and his son Ahmet tell their life stories. Originally, they came from the south of the island, where Özkan’s father-in-law ran a restaurant before him.

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Girne, 25 October 2016 Özkan Tekman When we were driven out of Larnaca in 1974 and came here to Girne, we had to start a new life. I was a social worker and my father-in-law had a restaurant in Larnaca. My wife and I often helped him on our time off. Once in Girne, we tried to take up our former life as quickly as possible.

In those days refugees were assigned a flat or a house and a job to compensate for what was left behind. That’s how we got this restaurant and the house that goes with it. I continued my job as a social worker. Our clients were an assortment of different people. Cyprus is a small country. You can’t focus on any particular group of people like you can in England, e.g. less privileged children, elderly or poor people. We had 349


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» A Voice for Women. «

Magda Zenon

Women’s Rights Activist Member of the Cyprus Women’s Lobby One of the founding partners of Hands Across The Divide She hosts the weekly radio programme Kaleid’HER’scope – a voice for women in the multilingual community radio station, MYCYradio.eu *1957 Magda Zenon is passionate about giving women a voice. She speaks of a stroke of luck when one day she was asked, “Do you want to host a series about women’s rights and voices?” At first, she was unsure, thinking that it would be quite difficult to find both a topic and an interviewee every week. And yet for the past three years, she has been on the air weekly with great success. She always carries a recording device with her and interviews all sorts of different women, whether it be a Filipino maid or Eve Ensler, the author of the Vagina Monologues or Annika Söder, the Secretary of State for the Swedish foreign office.

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Nicosia – buffer zone 19 May and 6 June 2016 Men set the tone where the Cyprus conflict and the peace process are concerned. The patriarchy is omnipotent, even to the point where things incessantly revolve around ethnicity regarding Turkish and Greek Cypriots. Women’s voices and their demands for equal rights go unheard. The only concession made at all was in connection with the war of 1974; after the many rape incidents, abortion laws were modified in the south making abortion now legal after a rape. It’s only been four or five years since the topic could be addressed publicly. Because the issue has been shrouded in secrecy for so long and women have been left alone with their experiences, the wound has never healed. Mothers were not able to pass on their citizenship to their children until 2002. If women had ever had a voice – if they had ever sat at the same table – would we have had to wait until 2002 for this? Back in the nineties while living in Greece – my ex-husband is Greek – I wanted to visit my parents in South Africa with my young son. I wanted to have him registered in my Cypriot passport, but that wasn’t possible. Citizenship could only be inherited from the father in those days. In retrospect, this turned out to be a stroke of luck. When my son turned sixteen, I was pressurized into hav-

ing him registered in my passport so that he would have to join the military. I merely said, “Tough luck! When I wanted to have him registered, you refused. Now you want him in the military. That’s out of the question!” As women we need to learn to have a voice. Why should I leave everything to the politicians? They don’t represent me. We make up half the population, we are not a minority. But the patriarchal mindset is so deeply rooted in our society, that even the most adamant feminist will say that first and foremost the conflict between Turkish and Greek Cypriots must be resolved. This problem still exists, despite the fact that the Security Council Resolution 1325 had already been passed unanimously in 2000 by the UN Security Council. The resolution calls upon conflicting parties to protect women’s rights and to include women on an equal basis in peace talks and conflict arbitration. We need to invoke Resolution 1325 and demand that we be included in the peace process. But in order to do that, we have to speak openly about the rapes, as well as about the panic, fear and helplessness that women experienced during displacement, where women took on the sole responsibility for their children and parents. Everything points to the necessity that women must be present at the negotiation table. Women are disadvantaged in many 371


areas. In terms of equal pay things look pretty dismal in Cyprus. Rarely does a woman go to court over this. I did exactly that and was proven right. But only a few take this risk. We are a small country and everyone knows each other. Women are afraid – if they speak up, they might not get another job. Women here are well educated. 372

They are knowledgeable and are aware of what’s going on, but they don’t act. Feminism doesn’t mean I want to take something away from anyone. It’s about something entirely different. If everyone has the same rights, then society as a whole grows stronger in the long run. I can certainly say that I was born an activist, having grown up in South


Africa at the time of racial unrest. That’s where it all started. There it was about the struggle against Apartheid – it was about being black or white. The issue was simpler but also more dangerous. I was lucky because my parents let me do my thing even though they were always worried about my safety. In the 70s, South Africa was a police

state. You could be thrown in jail just like that. First it was for 99 days without a charge and later 180 days. Undercover police were everywhere. I studied at a liberal university and when demonstrations were happening on campus, you could see that the police were photographing us from the surrounding higher buildings. Our world literally collapsed during the Soweto uprising in 1976. I’ll never forget the day when eight of us were in downtown Johannesburg watching the Rocky Horror Picture Show. We went to the matinee and when we came out of the cinema in the afternoon all hell had broken loose. The police fired into the middle of a crowd of school kids. It was sheer panic – everyone just ran. Tear gas was everywhere. There were no mobile phones in those days and when we got home our parents were beside themselves with worry. They were often worried about me as I wasn’t afraid of anything. That’s still true today. It never occurs to me that I might be in danger. I have my parents to thank for that because they were always imperceptibly present. I was studying international law and international relations in those days – topics that have always interested me, and I went on to get my Master’s degree. I married a Greek man and lived in Greece for 16 years. Then I got divorced and moved to Cyprus with my young son in 2000. 373


» If we cannot unite Cyprus, then let’s unite the Cypriots. «

Evren Inançoğlu

Press Officer and on the Governing Board of the Association for Historical Dialogue and Research (AHDR) *1976 As press officer at the Association for Historical Dialogue and Research (AHDR), Evren Inançoğlu has his office at the Home for Cooperation in the buffer zone, which owes its foundation to the AHDR. Numerous NGOs are based here, including Voice of the Island, Peace Players Cyprus, Humanitarian Relief Mission, Religious Track of the Cyprus Peace Process, Cyprus Dialogue Forum, and Colive-oil. The H4C – as it is usually called – is very popular for its Turkish and Greek courses, its interesting cultural events and its cosy café. The typical clientele are young people (and the young at heart) from both sides of the buffer zone – and from all over the world!

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» Wenn wir Zypern nicht einen können, dann zumindest die Zyprer. «

Evren Inançoğlu

Vorstandsmitglied und Pressesprecher der Association for Historical Dialogue and Research (AHDR) und des Home for Cooperation (H4C) *1976 Als Pressesprecher der Association for Historical Dialogue and Research (AHDR) hat Evren Inançoğlu sein Büro im Home for Cooperation in der Pufferzone, das seine Entstehung der AHDR verdankt. In diesem Haus haben zahlreiche NGOs ihren Sitz, unter anderen Voice of the Island, Peace Players Cyprus, Humanitarian Relief Mission, Religious Track of the Cyprus Peace Process, CYprus Dialogue Forum, Colive-oil. Beliebt ist das H4C – so sein Kurzname – für seine Türkisch- und Griechisch-Kurse, seine interessanten kulturellen Veranstaltungen und sein gemütliches Café. Die typischen Besucher sind junge (und jung gebliebene) Leute von beiden Seiten der Pufferzone – und aus aller Welt!

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Nikosia – Pufferzone 11. Oktober 2016 Das Engagement für die Zivilgesellschaft war immer schon mein Thema. Deshalb entschied ich mich, Wirtschaft und Sozialwissenschaften an der Marmara Universität in Istanbul zu studieren. Als ich wieder in Zypern war und meinen Militärdienst geleistet hatte, war 2004 meine erste Arbeitsstelle beim Anti-Korruptionsrat von Nordzypern – dem ich bis heute angehöre. Wir recherchieren im staatlichen Auftrag Verstöße gegen Transparenzvorschriften und gegen Gesetze. Unsere Erkenntnisse darüber leiten wir an die

Gerichtsbarkeit weiter, die dann aktiv wird. Wir sind zwanzig Leute, die entweder bestimmte Vorgänge regelmäßig überprüfen oder Pressemeldungen aufgreifen bzw. Vorfällen nachgehen, die uns gemeldet werden. Neben meinem Hauptberuf als Pressesprecher der AHDR, engagiere ich mich in Kulturzentren und bei verschiedenen NGOs, die für ein wiedervereintes Zypern eintreten. Ich gehöre auch einigen Technical Committees an – das sind bi-kommunale Fachausschüsse, die 2008 gegründet wurden und die die Wiedervereinigung vorbereiten sollen. Sie kümmern sich um verschiedene gesellschaftlich relevante Themati395


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Ledra Palace as seen from the north west 409


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People supporting the two leaders during the negotiations at Crans-Montana. Photo: Nicosia 28 June 2018

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Imprint / Impressum Texts and Photography: Lisa Fuhr Preface / Vorwort: Klaus Hillenbrand Editing / Lektorat: Gabriela Weitenauer English translation / Übersetzungen ins Englische: Texts: Megan Hayes und Charlotte Weston-Horsmann Preface / Vorwort “One Conflict – Multiple Causes”: Dona Geyer Proof reading / Korrektorat (English): Teresa Schiller Transcription of the Interviews: Elena Urban Design: Hubert Kretschmer Print / Druck: ScandinavianBook Paper / Papier: 115g Munken White 1,5 © icon Verlag Hubert Kretschmer, München 2019 © Texts and Photography: Lisa Fuhr © Preface / Vorwort: Klaus Hillenbrand ISBN 978-3-928804-95-0 icon Verlag München www.icon-verlag.de

Acknowledgements / Dank Special thanks to Anastasia Charalambous and Elena Mendoza Savvas Christofides, Theodora Hajimichael Ruth Keshishian, Moustafa Keleşzade Christina Koutsavaki, Petros Koutsoftas Uli Piller, Christian Topp, Heidi Trautmann Karin Varga, Ute Wörmann-Stylianou I would especially like to thank my interview partners in Cyprus for their trust in sharing these insights into their lives. www.we-are-cypriots.de 416


Profile for icon Verlag München Hubert Kretschmer

Lisa Fuhr, We are Cypriots - Wir sind Zyprer. 28 Cypriots Tell Their Stories  

“We Are Cypriots” is a chronicle that takes us behind the scenes sharing personal histories that official histories often ignore. Traveller...

Lisa Fuhr, We are Cypriots - Wir sind Zyprer. 28 Cypriots Tell Their Stories  

“We Are Cypriots” is a chronicle that takes us behind the scenes sharing personal histories that official histories often ignore. Traveller...

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