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Geschichte wird spürbar, wenn man sie aus ganz persönlicher Sicht erfährt. Erzählungen sind immer nur einzelne Erfahrungen, aber gerade diese machen die Vergangenheit lebendig. Deshalb sind Gespräche mit Zeitzeugen so wertvoll und ihre Berichte festzuhalten. In dieser Ausgabe erinnert sich die 96-jährige Maria Muck aus Wultendorf an Frauenberufe in ihrem Dorf. geschriebenes: ingrid fröschl-wendt // fotografiertes: zur verfügung gestellt von maria muck

frauen hielten das am leben orf d

Nun wurde die Hebamme geholt. Unterstützung für die Geburt kam von der Mutter der Gebärenden. Sie sorgte für heißes Wasser und Tücher und kümmerte sich um die Familie. Die Hebamme blieb im Haus, bis das Kind gesund geboren war. Und dann kam sie eine Woche lang jeden Tag. Sie hat das Kind gebadet und

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in Stück Oral History, also erzählte, rein subjektive Auszüge der Zeitgeschichte, macht frühere Zeiten für uns real. Eine Bäuerin aus Wultendorf kann fast auf ein ganzes Jahrhundert zurückblicken. Was für ein Geschenk für uns! Dabei hat die begeisterte Orgelspielerin selbst kein Interesse an Geschichte, als sie noch zur Schule ging. Handarbeiten oder Naturlehre waren ihr damals wichtiger. Schade, meint sie heute. Doch jetzt ist ihr Tagebuch selbst ein Geschichtsbuch. Sie schreibt für ihre Kinder und Enkel viele ihrer Erinnerungen auf und erzählt gerne von früher. Auch Ahnenforschung ist ihre große Leidenschaft.

Von Maria Muck lernen wir speziell von den wichtigen Frauenberufen in unseren Dörfern. Das sind vor allem einmal die Hebammen. Ihnen oblag im Dorf die Hauptverantwortung, wenn sich ein neuer Erdenbürger ankündigte. Ein Arzt wurde nur in Notfällen gerufen und natürlich wurden die meisten Kinder zu Hause geboren. Von der behutsamen Rundumversorgung mithilfe des Mutter-Kind-Passes unserer Tage war damals keine Rede. Die Hebamme, von deren Zunft einst in fast jedem zweiten Ort eine Vertreterin lebte, lies man holen, wenn sich eine Geburt angekündigt hatte. Karenz und monatelange Schonung werdender Mütter wäre seinerzeit undenkbar gewesen, Frauen arbeiteten bis knapp vor der Geburt. Maria Muck hatte vor einem ihrer drei Kinder noch an einer Chorprobe teilgenommen. Sie hatte das Harmonium gespielt, als die Wehen einsetzten, danach hätte sie es kaum mehr nach Hause geschafft, erinnert sie sich heute.

gewickelt, aber auch die junge Mutter gewaschen, denn die hatte im Bett auszuharren. Eine Woche lang musste die Wöchnerin wirklich liegen bleiben. Außerdem wurde ihr Bauch ganz fest eingefascht, um die ausgedehnten Bauchmuskeln wieder in die alte Festigkeit zurückzubekommen. Die einzige Abwechslung war das Stillen, dazu wurde der Mutter das Kind ins Bett gebracht. Einmal habe sie sich aufgesetzt, erinnert sich Maria Muck, um am Taufkleid zu sticken, da hagelte es gleich Vorwürfe von der Hebamme.

Doch auch wenn die Mutter nicht aus dem Haus durfte, sollte das Kind so schnell wie möglich getauft werden. Ein ungetauftes Kind dürfe nicht über den »Dachtropfen« hinausgehen. Mit dem Dachtropfen ist die Dachtraufe gemeint, das bedeutet, das Kind durfte nicht aus dem Haus getragen werden. Also wurde meist noch innerhalb der ersten Woche getauft, oft ohne die Mutter. Die Feier fand im Haus statt. Dazu wurde das große Zimmer ausgeräumt und eine Festtafel aufgestellt. Das Kochen hat die frisch gebackene Großmutter übernommen. Beim ersten Kind von Maria Muck stand das Wöchnerinnen-Bett im Zimmer mit der Festtafel. Während sich die Gäste an der Tafel vergnügten, hatte die junge Mutter den Tag noch immer im Bett zu verbringen, konnte aber zumindest von dort aus an der Gesellschaft teilhaben. Doch muss es damals sehr lustig zugegangen sein und der Wultendorfer Berglwein ist ordentlich geflossen, denn der Pfarrer und die Taufpaten ließen es sich schmecken und dachten gar nicht daran, nach Hause zu gehen. Die junge Mutter im Bett gleich daneben hatte das geduldig hinzunehmen und musste ihre Rast auf später verschieben. Nach acht Tagen wurde es der jungen Frau zu bunt und sie stand auf, um das Baby herumzutragen, da gab es große Aufregung im Haus, weil man fürchtete, die ungeübten Hände könnten das kleine Wesen fallen lassen. »Da ist es jetzt viel besser«, meint Maria Muck, »dass die Frauen gleich aufstehen dürfen.«

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miju #30  

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