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N — No. 7 | 2013

Der Heiler von Bern. Wie die Begegnung mit ihm Janines Leben zerstörte. — Seite 8

Wein muss sein. Mit diesen Tipps wählst du bestimmt den besten Tropfen für die Festtafel. — Seite 21

Vater Spezial. Eine schwierige Vater-Beziehung, moderne Papas und alles zum Vater im Himmel. — Seite 37

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Seite 42

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Persisch — Pedar

Türkisch — Babamiz

Bosnisch — Otac

Suaheli — Baba

Swahili — Baba

Ungarisch — Atyánk

Weissrussisch — Backa

Spanisch — Padre

Polnisch — Ojce

Khmer — Preahvorbetea

Rumänisch — Tatal

Russisch — Otsche

Ukrainisch — Bat'ko

Norwegisch — Fader

Litauisch — Teve

Hebräisch — Abba

Latein — Pater

Portugiesisch — Pai

Mazedonisch — Tatko

Indonesisch — Bapa

Schottisch — Faither

Hindi — Pita

Französisch — Père

Gotisch — Atta

Chinesisch — Fùqin

Englisch — Father

Grönländisch — Attatarput

Japanisch — Chichi

Finnisch — Isä

Isländisch — Faðir

Urdu — Abba

Holländisch — Vader

Arabisch — Abina

Tamilisch — Tantai

Tschechisch — Nas

Japanisch — Otosan

Thailändisch — Phx

Aramäisch — Abbun

Arabisch — Abi

African — Vader


Love People 6 Wie dem Fussballer bei der Nationalhymne, so geht es dem Normalsterblichen in der Kirche, wenn das Vater Unser gebetet wird. Hilflos klappt man den Mund auf und zu, versucht, im Takt zu bleiben und wenn möglich die Worte irgendwie voraus zu ahnen.

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48 Fragen an... Andreas Bächler

HIV-positiv. Janines Leben mit AIDS. Umfrage: Wie lebt's sich mit Jesus so?

Love Life Unser Vater im Himmel. So beginnt das Gebet, das Jesus seine Nachfolgern gelehrt hat. Ob man es positiv empfindet, dass Gott unser Vater sein will, hängt häufig davon ab, wie man den eigenen Vater erlebt hat. Im Special zum Thema Vaterschaft erzählen Menschen von ihrer Beziehung zu Gott, ihrem leiblichen Vater und dem Wunsch nach Versöhnung. «Es gibt keinen Heiligen ohne Vergangenheit und keinen Sünder ohne Zukunft», dieses Zitat von Augustinus bringt auf den Punkt, warum wir Kirche bauen. Wir glauben, dass wir Gott nicht erst im Himmel als Vater kennenlernen können. Jesus hat eine persönliche Beziehung zu diesem Gott bereits hier auf der Erde ermöglicht. Wir wünschen uns, dass du diesem Vater-Gott während dem Lesen des ICF Magazins begegnest.

Redaktion — Domenica Winkler, David Gemperli, Res Hubler, Therese Hubler, Markus Hänni, Thirza Schneider, Priscilla Schranz und andere. Fotos — Kevin Frank, Debi Gerber, Christina Mäder, Simon Schaller, Jan Stoller, Naomi Tanaka

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Trend: Welcher Hashtag-Typ bist du?

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So ist das. Gempi erklärt die Welt.

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In den Himmel und zurück. Ian McCormack über seine unglaubliche Reise.

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Pimp my Meal. Dinner for more than one.

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Etikettenschwindel ade. So sieht man, was in der Flasche ist.

Love Church 28

Markus macht's. Zu Besuch bei den Ladies.

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Die Auswanderer. Ein ICF für Kambodscha.

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Theo-logisch: Ein Plädoyer für weniger ist mehr.

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Psychoprinzessin goes ICF

Love God 38

Kunstgalerie: Rückkehr von Rembrandts Verlorenem Sohn

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Vater im Himmel. Saraj Stutz entdeckt Gottes Vaterherz.

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Eine schwierige Beziehung. Res Hubler über seinen Vater.

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Beni Gerber: Papa von heute.

Layout & Grafik — Rawiri from Aotearoa Herausgeber — ICF Bern, Monbijoustrasse 8, 3011 Bern


Love People Fragen 端ber Fragen. 48 Antworten von Andreas. 6

Der Heiler von Bern. HIV statt Heil. 8

Jesus und ich. Wie geht das? 12


INSIDER

48 Fragen an... Andreas Bächler TEXT: CHA / FOTO: JAN STOLLER

Andi Bächler, Pastor des ICF Thun, über seine Frau, seine Sünden und die böse Welt. Dein Heimatort? Trub im Emmental – ich war noch nie dort. Wo bist du aufgewachsen? Uetendorf. Was wolltest du als Kind werden? Schreiner. Aber ich habe zwei linke Hände und alles Daumen. Was bist du geworden? Bahnbetriebsdisponent. Danach Lehrer. Wann sollte man nicht Pastor werden? Wenn man ein chilliges, absehbares, gut organisiertes und finanziell gesichertes, freizeitgeregeltes Leben will. Drei Gründe, die für dich als Pastor sprechen? Meine Liebe zu Jesus, ich mag Menschen, ich bin initiativ. Warum ICF? Weil die Leute hier eine grosse Leidenschaft haben, Menschen in eine Beziehung mit Jesus zu bringen. Warum Jesus? Die pure Liebe und Annahme, wo man kommen kann, wie man ist – das habe ich in keiner anderen Religion gefunden. Vers des Lebens? Mein Konfirmationsvers: «Ohne mich könnt ihr nichts tun.»

Dein wertvollster Besitz? Mein Rennvelo und mein neues Mountainbike.

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Häufigstes Gebet? Aktuell: Danke! Für jenste Dinge, die teilweise auch total alltäglich sind.


Lieblings-Gebetsposition? Sehr variabel. Liegen, stehen, laufen, velofahren. Häufigste ist Laufen und Joggen. Was liegt – ausser der Bibel – auf deinem Nachttisch? Ich habe gar keinen. Deine Lieblingszeitschrift? Lese täglich den «Berner Oberländer.» Was ist dein Ämtli? Wocheneinkauf. Wer am meisten isst, sollte auch einkaufen. Und wenn wir Besuch haben, dann koche ich. Was bedeutet dir deine Frau? Sie ist DIE zentrale Person in meinem Leben. Wenn unsere Ehe kaputt gehen würde, das wär der Super-GAU. Warum grad zwei Kinder? Wir wollten viel Zeit haben für Beziehungen ausserhalb und hatten das Gefühl, mit einer kleinen Familie liegt mehr drin. Was ist dein wertvollster Besitz? Mein Rennvelo und mein neues Mountainbike mit 29-Zoll-Rad. Wohin reist du am liebsten? Dorthin, wo's warm ist. Spielst du ein Instrument? Klavier und etwas Gitarre. Was gibts, wenn du kochst? Spaghetti. Italienisch. Was ärgert dich? Am meisten ärgere ich mich über mich selbst. Deine Telefonrechnung im Monat? Das weiss ich gar nicht, läuft über Spesen. Wieviele Mails kriegst du pro Tag? Zwischen 10 und 20. Dein Ritual? Ich gehe nie in einen Tag rein ohne das Gefühl zu haben, ich sei connected mit Gott.

Dein intensivstes Erlebnis? Die Geburt unserer Kinder.

Berge oder Meer? (lange Pause) Meer.

Wie trinkst du deinen Kaffee? Heiss, ohne Zucker mit etwas Milch.

Darf man das als Oberländer sagen? Berge habe ich halt immer.

Wie isst du Fondue am liebsten? Vacherin. Klassisch mit Brot, vielleicht noch Essiggurken dazu.

See oder Aare? See.

Deine Sünde? Ich esse zu viel und zu ungesund. Was weiss kaum jemand über dich? Dass ich von Natur aus eher unsicher bin. In Entscheidungen und im Kennenlernen neuer Leute. Was sollte man bei dir vermeiden? Wenn ich was mit Herzblut gemacht habe, das bitte nicht locker vom Hocker kritisieren. Wem würdest du gerne welche Frage stellen? Brian Houston, dem Gründer von Hillsong. Mich nähme wunder, ob er immer überzeugt war, dass mal so eine Kirche entstehen würde, von der er immer träumte. Dein Lieblingspreacher auf dem Erdball? Aktuell Joel Osteen. Ich mag die Freude, das Motivierende, das er rüberbringt. Was ist ungerecht? Die Welt. Dein grösster Luxus? Meine Velos. Auswärts essen mit meiner Frau. Mit Kindern spezielle Highlights organisieren wie Europapark oder Lauberhornskirennen. Warum trägst du jetzt auch Gürtelschnallen? Tue ich fast nie. Die tun immer weh, weil der Bauch drüber hängt. Wenn ich einen Gurt trage, dann ist das Zeichen, dass ich mich getraue, Figur zu zeigen. Bier oder Wein? Wein.

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Was müssen Frauen unbedingt tragen? Ob Hosen oder Röcke, egal welcher Stil, mir gefällt, wenn es Weiblichkeit ausdrückt. Bestes Kompliment? Wenn mir jemand attestiert, dass ich mit Herzblut und Leidenschaft engagiere. Deine Jugendsünde? Heimlich unter der Bettdecke die Eishockeyberichte im Radio zu hören. Wann hast du schlaflose Nächte? Wenn ich in meiner Begeisterung Entscheidungen fälle und dann kommt's in die Phase, wo nicht sicher ist, dass es wirklich zustande kommt. Wann ist ein Pastor erfolgreich? Wenn er nahe am Herz von Gott ist. Deine erste Predigt? Vor 6,7 Jahren im ICF Thun. Titel war: «Wow, ich habe Gott erlebt.» Welche Schlagzeile möchtest du in Zeitung über dich lesen? «Andreas Bächler: Ein Mann, bei dem Wort und Tat übereinstimmen» Abschliessendes Statement? (lange Pause) In mir brennt ein Feuer. Ich will miterleben, dabei sein, sehen, wie sich das Reich Gottes so richtig grassierend ausbreitet in der Schweiz. Das will ich sehen und am liebsten Teil davon sein. Dein nächster Termin? Mittagessen mit Jon.


LEBEN MIT HIV

« Du wirst krank sein und dich ein Leben lang an mich erinnern. » Der sogenannte Heiler von Bern. Sechzehn Menschen soll der 54-jährige Musiklehrer absichtlich mit HIV infiziiert haben. Keines seiner Opfer hat sich öffentlich dazu geäussert. Bis jetzt. Im ICF Magazin spricht die 34-jährige Janine* exklusiv über den Heiler, den verhängnisvollen Nadelstich und ihr Leben danach. T E X T : S TA / F O T O S : S I M O N S C H A L L E R

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Name d. Red. bekannt


Endlich haben wir einen Termin gefunden, der allen Beteiligten passt, als ich die Nachricht bekomme: «Ich bin leider krank. Aber wenn ihr mögt, dann kommt trotzdem, das gehört ja auch zu meinem Alltag.» Und so trete ich mit dem Fotografen unsere kleine Schweizerreise an. Wir treffen auf eine zierliche, etwas blasse Frau, die sich während des Interviews in Wolldecken einhüllt. Janine (34) kämpft seit ein paar Tagen mit einer Grippe. Krank ist sie aber schon seit zwölf Jahren. Auch damals deutete vieles auf eine heftige Grippe hin. Aber als sich die ersten Symptome legten, kamen neue hinzu: Zuerst folgten Probleme mit der Niere, dann mit der Blase. Janine wurde immer müder. Sie fühlte sich konstant krank, merkte, dass ihr Körper ständig kämpfte. «Es war wie eine Grippe, aber ohne die Erkältung: Ich hatte Schwindelanfälle und Fieberschübe. Ich arbeitete im Detailhandel, aber wenn ich morgens um 7 Uhr mit der Arbeit begann, konnte ich um 7.30 Uhr schon fast nicht mehr.» So schloss Janine auf einen Erschöpfungszustand. Seit Jahren arbeitete sie Vollzeit, musizierte intensiv, war in der Kirche aktiv. Vielleicht war einfach alles zu viel geworden. Aber auch ein Stellenwechsel brachte keine Besserung. Janines Zustand wurde immer schlechter. Die Ärzte führten zahlreiche Tests durch. Eine Antwort fanden sie nicht. In dieser Zeit wurde Janine im Alltag immer wieder mit dem Thema HIV konfrontiert. Bei einem Dokumentarfilm über einen Mann mit HIV fiel es ihr dann wie Schuppen von den Augen: Es war, als ob er ihr Leben und ihre Symptome beschreiben würde. Sie musste sich auf HIV testen lassen, obwohl es keinerlei Risikofaktoren in ihrem Leben gegeben hatte. Als der Anruf von der Medizinischen Praxisassistentin kam, war es Dezember 2002. Das Testergebnis wollte sie Janine nicht am Telefon mitteilen. Und so ging sie bei ihrer Ärztin vorbei, um die Diagnose zu erhalten, welche sie bereits befürchtet hatte: HIV-positiv. «In dem Moment war ich gar nicht so schockiert. Es war einfach eine Bestätigung des Gefühls, das ich ohnehin schon hatte. Es war, als hätte mich Gott durch all die Begegnungen mit dem Thema bereits darauf vorbereitet. Das fand ich ja herzig von ihm, aber warum er es nicht gleich verhindert hat, ist mir bis heute nicht klar.» Der Zusammenbruch kam erst am Abend, als Janine bei einer Freundin zu Besuch war. Das HIV war beängstigend, sie rechnete damit, nicht mehr lange zu leben. Aber noch mehr Angst als vor dem HIV hatte sie vor den Medikamenten. Diese sollten verhindern, dass Aids ausbrechen würde. Aber die Nebenwirkungen waren furchteinflössend. Zudem nagte die brennende Frage: Wo hatte sie sich angesteckt? Die allgemein bekannten Infektionswege wie Bluttransfusionen, ungeschützter Geschlechtsverkehr oder intravenöse Drogen fielen ausser Betracht. Hatte sie sich auf bisher unbekannte Weise angesteckt? Und wenn ja, konnte es sein, dass es ein besonders aggressiver Virenstamm war und sie für andere auch aussergewöhnlich ansteckend war? Nachdem sie einige Monate weiter funktioniert hatte, musste sie im März 2003 mit der Medikamententherapie beginnen. «Als die Medikamente anfingen, hörte das Leben auf. Ich litt darunter wesentlich mehr als unter dem HI-Virus.» Beständige Übelkeit, täglich mehrmalges Erbrechen. Ausser Cola light ging nichts mehr runter, nicht einmal

So berichteten die Medien über Janines Musiklehrer,sie nannten ihn den «Heiler von Bern».

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«Du kannst dir Heilung nicht erglauben.» Wasser. Sobald ihre Organwerte besser wurden, setzte Janine daher die Medikamente immer wieder ab. So lange, bis die Blutwerte erneut lebensbedrohlich waren. Dann kam der Wiedereinstieg und da waren die Nebenwirkungen besonders hart. Im 2006 hatte sie die Kraft nicht mehr, dies alleine durchzuziehen. Aber auch im Inselspital, umgeben von schwerkranken Leuten, war ihr nicht wirklich wohl. So durfte sie den Wiedereinstieg in die Medikamententherapie in einer christlichen Klinik machen. «Zu diesem Zeitpunkt war ich total frustriert gegenüber Gott und betete kaum mehr. Ich hatte jahrelang alles probiert und immer geglaubt, dass Gott mich heilen würde. Aber nichts hatte geholfen und ich hatte keine Energie mehr, weiter zu beten und an ein Wunder zu glauben. Das Team der christlichen Klinik betete jedoch täglich für die Patienten. Ich hatte immer noch die genau gleichen Medis wie die Jahre zuvor. Aber es war unglaublich: Vom Moment an, als ich dort war, musste ich nie wieder wegen der Medikamente erbrechen. Durch dieses Wunder habe ich gelernt, dass du dir die Heilung nicht erglauben, nicht erbeten, nicht erarbeiten kannst. Schlussendlich ist es einfach Gott, der es macht oder nicht macht.» Die Schwächung durch das HI-Virus ist jedoch geblieben. Janine beschreibt ihren Zustand nach wie vor wie eine Art Grippe ohne Erkältung. An manchen Tagen weniger schlimm, an anderen so, dass sie im Bett bleiben muss. Ein normaler Alltag ist nicht mehr denkbar. Ebenfalls geblieben ist die zermürbende Frage nach dem Woher. Wie konnte sie sich mit HIV angesteckt haben, wo doch alle bekannten Risikofaktoren wegfielen. Erst durch die Frage eines Mitarbeiters der Aidshilfe hat es plötzlich Klick gemacht: Ja, sie war einmal mit einer Nadel gestochen worden. Es war im Jahr 2001 und sie hatte die Begebenheit längst wieder vergessen. Sie wollte damals an die Jazzschule und nahm daher fast täglich Musikunterricht bei einem sehr charismatischen Musiklehrer. Er war eine Art Guru: Er war sehr

charmant und wusste genau, wie er die Leute abholen musste, er war aber auch sehr besitzergreifend. Einige der Schüler lebten sogar bei ihm im Haus. Er stellte auch Regeln auf, mit wem man befreundet sein durfte. Er machte viele Schüler hörig und wenn jemand nicht mitmachen wollte, drohte er mit Krankheit und seinen «Kräften». Seine sehr esoterisch geprägten Überzeugungen und Janines christliche Werte prallten immer wieder aufeinander. «Es ergaben sich viele Gespräche über den Glauben, er bat um Gebet und ich glaubte, bei ihm etwas bewirken zu können. Und so ging ich weiterhin zu ihm in den Unterricht. Eines seiner Hauptthemen war, ob ich für Gott leiden würde und ob Gott mich schmerzfrei machen könnte. Ich bejahte dies, woraufhin er Letzteres immer wieder testen wollte. Er sagte, das wäre für ihn ein Beweis für Gott. Aber ich versuchte ihm immer wieder klar zu machen, dass ich hierzu nur bereit wäre, wenn Gott mir dies befehlen würde.» In einer Musikstunde sagte er Janine dann, sie müsse auf den Bauch liegen und einen Kristall fixieren. Er machte oft seltsame Übungen mit seinen Schülern und so machte sie sich keine grossen Gedanken darüber. Plötzlich spürte sie, wie ihr T-Shirt am Rücken ein bisschen runtergezogen wurde, fühlte einen Stich und hatte das Gefühl, als wäre ihr etwas injiziert worden. Als Janine ihn darauf ansprach, zeigte er eine lange Nadel und sagte, er hätte sie nur damit gestochen. Janines Folgerung war, dass er wohl nur habe testen wollen, ob Gott sie schmerzunempfindlich machen würde und so fragte sie nicht weiter nach. Er hatte sie ja schon seit Langem von Akupunktur überzeugen wollen. Und wenn er ihr wirklich etwas injiziert haben sollte, würde sie dies in den nächsten Stunden sicher merken, indem sie bewusstlos oder wie auf Drogen sein würde. Als nichts geschah, vergass sie die Begebenheit bald wieder. «Mit der Frage des Aidshilfe-Mitarbeiters ging mir ein Licht auf. Es machte alles Sinn: die Drohungen des Musiklehrers, der Zeitpunkt der Ansteckung. Der Lehrer hatte mir beim Abschied nach der letzten Musikstunde noch gesagt ‹Du wirst krank sein und dich ein Leben lang an mich erinnern.› Aber ich nahm es damals nicht ernst.» Und so war es auch, als Janine die Geschichte dem Mitarbeiter bei der Aids-Hilfe erzählte: Er notierte diese, belächelte sie aber eher. Niemand glaubte, dass so etwas passieren konnte und viele nahmen ihre Erzählungen nicht ganz ernst. Bis der gleiche Mitarbeiter ein Jahr später anrief und sagte, jemand anderer hätte die genau gleiche Geschichte erzählt. Die Aids-Hilfe reichte daraufhin Anzeige ein. Auch von anderen Seiten waren bereits Meldungen bei der Polizei eingegangen. So sagte Janine im 2005 dann zum ersten Mal bei der Polizei und daraufhin beim Untersuchungsrichter aus. «Ein paar Wochen nach der Einvernahme beim Untersuchungsrichter habe ich die Namen der anderen Betroffenen erfahren und es waren einige darunter, die auch Schüler meines Musiklehrers gewesen waren. Wir waren total unterschiedliche Leute: Männer, Frauen, Ältere, Jüngere.

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Er hat einfach genommen, wen er erwischt hat. Für mich war es eine riesige Erleichterung, zu wissen, wo ich mich angesteckt hatte, denn bis dahin hatte ich immer mir selbst die Schuld gegeben. Jetzt gab es endlich jemanden, auf den ich wütend sein konnte. Und ich war auch beruhigt, dass die Krankheit doch nicht so leicht übertragbar ist.» Heute hat sich in Janines Leben so ziemlich alles verändert: der Job, die Kirche, der Wohnort, das Umfeld. Ihre Träume von einer eigenen Familie und intensivem Musizieren sind in die Ferne gerückt. Die Kraft würde dafür nicht reichen. Nach wenigen wöchentlichen Arbeitsstunden ist ihre Energie am Ende. Ihre Schmerzen und Entbehrungen sind alle auf eine Person zurückzuführen: den Musiklehrer. An manchen Tagen macht sie das noch heute «sauhässig». Aber den Entscheid ihm zu vergeben, hat sie schon vor Jahren getroffen. Sie hatte das Gefühl, sie sollte ihm vergeben und Freunde beteten für sie, bis sie die Kraft dazu hatte. «Ich konnte es nicht, Gott musste es machen. Und von meiner Seite war es dann einfach ein Entscheid, der auch bestehen bleibt, wenn ich mal wieder hässig bin. Und ich würde ihm wieder vergeben, denn ich konnte es dadurch ablegen. Ich bin zwar manchmal noch sauer, aber ich hasse ihn nicht mehr. Dafür bin

ich dankbar, denn Hass macht einen kaputt. Ich habe ihm vergeben und der Rest liegt nun zwischen ihm und Gott.» Wie ihre Zukunft aussehen soll und was Gott mit all dem noch vorhat, weiss Janine heute noch nicht. Sie glaubte damals, dem Musiklehrer etwas von Gott Medikamente gehören zu Janines Alltag. mitgeben zu können, wähnte sich in Gottes Auftrag. Dennoch hat er sie nicht vor einer Ansteckung bewahrt. Immer wieder hat er Wunder getan in ihrem Leben. Mehrmals kam es zu Komplikationen, die aus menschlicher Sicht tödlich hätten enden müssen und Janine hat in diesen Situationen immer wieder gemerkt, dass Gott seine Hand im Spiel hatte. Und doch hat er sie nie vollständig geheilt. Das hat immer wieder viele Fragen aufgeworfen. Damit hat sie Gott auch bombardiert. Auf alles eine Antwort gefunden hat Janine bis heute nicht. Sie ist jedoch der festen Überzeugung, dass Gott auch mit dieser Situation etwas vorhat und er Leid nicht sinnlos zulässt. «Ich glaube, dass er einen Plan damit hat. Und dass die Aufgabe, welche Gott für mich geplant hat, erst noch kommt. Ich fühle mich, als wäre ich völlig unvorbereitet in einer Schlacht gewesen, abgeschlachtet worden und würde jetzt lernen, mit den Wunden trotzdem wieder aufzustehen und wieder kampffähig zu werden. Und ich denke, dass ich immer noch am Lernen bin. Was ich schon seit meiner Kindheit auf dem Herzen habe, ist mit Kindern in Afrika zu arbeiten. In Uganda gibt es ein Dorf für Waisenkinder, deren Eltern mehrheitlich an Aids gestorben sind. Wenn es Gottes Wille ist, werde ich vielleicht ja eines Tages dorthin gehen.» *

Der Heiler von Bern Der heute 54-jährige Musiklehrer und selbst ernannte «Heiler» ist Inhaber einer Musikschule in Bern und führte zudem über Jahre Akupunkturbehandlungen durch. Zwischen 2001 und 2005 soll er mindestens 16 Menschen vorsätzlich mit HIV und teils zusätzlich mit Hepatitis C infiziert haben. Die Opfer wurden anscheinend willkürlich ausgewählt, ein Motiv ist nicht ersichtlich. Am 22. März 2013 verkündete das Regionalgericht Bern-Mittelland sein Urteil: Der «Heiler» soll wegen Verbreitens menschlicher Krankheiten und mehrfacher schwerer Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von 12 Jahren und 9 Monaten verbüssen. Hinzu kommen fast 2 Millionen Franken Verfahrenskosten und Genugtuungen. Wichtigste Grundlagen für das Urteil waren die Aussagen der Opfer und ein phylogenetisches Gutachten, welches zum Schluss kam, dass die Viren der Infizierten alle aus derselben Quelle stammen müssen. Eine gegenseitige natürliche Ansteckung über sexuelle Kontakte oder die Benützung desselben Drogenbestecks könne praktisch ausgeschlossen werden. Der «Heiler» selbst hält an seiner Unschuld fest. Er bezeichnet die Aussagen der Opfer als eine Verschwörung. Gegen das Urteil des Regionalgerichts Bern-Mittelland hat er Berufung eingelegt.

Janine vor ihrer HIV-Ansteckung. Danach wurden ihre Haare so dünn, dass sie sie abschneiden musste.

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Me & My Jesus Jesus. Er sei auferstanden und lebe, behaupten die Christen. Auch ICF Bern, Biel und Thun glauben, dass Jesus der Sohn Gottes war und – wie in der Bibel steht – heute lebt. Doch: Wie kann man mit einem auferstandenen Gott kommunizieren? Vier Personen packen aus. I N T E RV I E W S : D O M E N I C A W I N K L E R

1. Wer ist Jesus für mich? Was bedeutet er für mich? Jesus ist mein Freund, mein Begleiter, mein Retter. Durch ihn habe ich Zugang zu Gott, dem Vater, und durch ihn habe ich den heiligen Geist in mir. Er gibt mir Frieden, wenn mein Herz unruhig oder aufgewühlt ist, er gibt mir meine Lebensfreude und das grosse Vertrauen, dass Gott mein ganzes Leben in seiner Hand hat. Er gibt meinem Leben Sinn.

Ursina Trummer

2. Wie erlebe ich ihn im Alltag? Ich weiss, dass er immer da ist. Immer. Ich spüre seine Gegenwart nicht immer gleich, doch er ist immer da. Gibt mir seine Liebe, gibt mir Sicherheit und Frieden in mein Herz. Das spüre ich ganz fest. Durch seinen Heiligen Geist spüre ich, was ich tun oder lassen soll. Oft legt er mir Personen aufs Herz, die ich kontaktieren soll. Er zeigt mir bei der Arbeit, in meinen Beziehungen und in der Familie, wie ich nach seinem Herzen handeln kann. 3. Wie pflege ich meine Beziehung zu ihm? Im Gebet bringe ich alles, was mich beschäftigt: meinen Dank und auch meine Fragen. Oft nehme ich mir bewusst Zeit, zu beten – seine Nähe in der Stille zu suchen. Doch oft geschieht es beinahe automatisch in meinen Gedanken, dass ich mit Jesus kommuniziere.

Wer ist Jesus für mich? Jesus ist die Essenz meines Lebens. Er ist mein innerer Friede und mein äusseres Funkeln. Wie erlebe ich ihn im Alltag? Tagaus tagein halte ich mich an den Glaubenssätzen fest und erlebe ihn als meine Inspiration während und als Anti-Frust-Partner nach Meetings.

Mathias Becher

Wie pflege ich meine Beziehung zu ihm? In der Ruhe am Morgen, durch den Tag im Pärkli und beim Erarbeiten von biblischen Konzepten.

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NAC H G E F RAG T

Wer ist Jesus für mich? Jesus ist für mich mehr als nur ein guter Freund im Alltag. Er ist die Antwort auf alle meine Fragen und so versuche ich, all meine Dinge mit ihm zu besprechen, egal wo ich gerade bin. Wie erlebe ich ihn im Alltag? Als ständiger Begleiter, der sich nicht aufdrängt, aber immer zur richtigen Zeit bereit ist, mich zu führen und leiten. In der Bibel zu lesen ist auch eine grosse Ermutigung. Seine Verheissungen immer wieder konkret über allen Schwierigkeiten im Alltag auszusprechen, schafft mir die nötige Perspektive: Gottes Sicht der Dinge.

Chrigu Dössegger

Wie pflege ich meine Beziehung zu ihm? Ich möchte jeden Tag mit Jesus beginnen, jedoch schaffe ich es nicht immer, mir am Morgen eine halbe Stunde Zeit zu nehmen. Sowieso möchte ich meine Jesus-Zeit nicht auf eine Morgenstunde beschränken. Ich nehme mir am Tag Zeit, spontan und wenn es gerade passt. Das Mittwochmorgen-Gebet um sechs Uhr mit Freunden ist für mich ein Treffen, welches ich nicht mehr wegdenken könnte.

Was bedeutet mir Jesus? Er ist für mich der beste und treuste Freund. Ihm kann ich alles anvertauen und er hilft mir in vielen Entscheidungen. Ich wünsche mir, noch viel mehr über ihn zu erfahren und zu lernen, um ihm ähnlicher zu werden. Wie erlebe ich ihn im Alltag? Ich weiss, dass Jesus mein Versorger ist und ich erlebe ihn in vielen kleinen Situationen im Alltag. Er führt mich beispielsweise an Dinge heran, die ich schon lange suche oder in Situationen, in denen ich aufgefordert bin, meine Meinung oder mein Handeln zu hinterfragen.

Damaris Mühlheim

Wie pflege ich die Beziehung zu ihm? Ich finde es extrem praktisch und unverzichtbar, überall wo ich gerade bin, in Verbindung mit Gott treten zu können. Vor allem während der Arbeit bete ich oft zu Jesus um Weisheit und Geduld. Ich weiss einfach, dass ich ihn jederzeit um etwas bitten kann und er mir zuhört.

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Love Life Himmel oder HĂślle? Ian McCormack sah beides. 18

KĂźche mit Sternen. Res Hublers Festtagsmenu. 21

Oh du (Wein)-Selige. Die beste Wahl zum Mahl. 24


TREND

Hashtag your Life! T E X T & B I L D : D AV I D G E M P E R L I

Hashtag!? Nein, das ist kein Zürcher, der genervt seine Freundin fragt, ob sie ihre Mens hat. Das ist Englisch und heisst auf Schwyzerdütsch Gartenhag. Spätestens seit Facebook, die alte Fasnacht, den berühmt-berüchtigten Hashtag eingeführt hat, gibt es von diesem Sonderzeichen kein Entkommen mehr. Das Doppelkreuz war schon früher in der Informatik und IT ein fester Bestandteil der Programmiersprache. Am bekanntesten ist es allerdings als Sonderzeichen auf den alten Festnetztelefonen. #Item. Das war früher. Heute benutzt man den Hashtag auf Facebook, Twitter oder Instagram. Um die Bekanntheit zu steigern, um den eigenen Beitrag einem Thema zuzuordnen oder aus Spass! Gerade auf Instagram tummeln sich vielerlei Arten von Hashtaggern herum. Wetten, du erkennst dich mindestens in einem wieder.

Hier die aktuellen Top Ten Hashtags, Kategorie Christlich:

1.  #churchflow 2.  #ilovemylife 3.  #welcomehome 4.  #ilovejesus 5.  #jesuslovesyou 6.  #ilovemychurch 7.  #thebestisyettocome 8.  #iamblessed 9.  #thisisrevival 10.  #churchinthewild

 # 1  Der Hashtag-Bomber Typisches Merkmal: Seine Hashtag-Zeilen sind mindestens genau so lang wie sein Bild. Hier finden wir oft Hashtags wie #pic oftheday #followme #follow4follow #like4like #instadaily #instacool #instalike und noch mehr absolut beknackte Hashtags. Ich meine, was picoftheday? Wer entscheidet das? Follow me? Whaaat? Ich followe nur Jesus, das reicht. Like for like? Heisst das, wenn ich dein Foto like, likest du meins – und ich muss davon aussgehen, dass du mein Foto nur likest, weil ich deins geliked habe?! Total absurd so was. Der Hashtag-Bomber will eigentlich nur eins und das sind Likes, nichts als Likes. Und wenn's geht noch so 600 Follower minimum. Instagram, das ist seine Bühne. Er träumt nachts davon, dass ihn die Leute im Bus erkennen und ihm einen Sitzplatz anbieten, oder so.  # 2  Der Hashtag-Poet Er sagt was Sache ist, wenn er #tree oder #house schreibt, kann man sicher sein, auf seinem Bild ist zu 100% ein Baum mit einem Haus zu sehen. Er wählt seine Hashtags sehr behutsam aus, oft schläft er noch eine Nacht darüber, bevor er #cloud, #sky oder #selfie postet. Manchmal, wenn er so richtig aus sich raus kommt, tippt er #foodporn #skyporn oder #cloudporn. Über unzüchtiges, ungesundes Essen kann man diskutieren, Stichwort Hamburger. Aber die meisten posten eh nur Salate... Der Hashtag-Poet ist ein bodenständiger User, zahlt seine Steuern pünktlich und ist intelligent. Er hatte eigentlich noch nie Konflikte mit dem Gesetz, vielleicht einmal, als er inflagranti erwischt wurde, als er mit seinem Velo über einen Zebrastreifen fuhr – allerdings kam die Rüge lediglich von einem Verkehrskadetten in Ausbildung.  # 3  Der Hashtag-Erfinder Er ist der kreativste unter den Hashtaggern. Seine Hashtags sorgen für mehr Unterhaltung als das Bild an sich. Ohne weiteres kann er einen roten Bus von Bernmobil posten und Hashtags wie #Fahrmau #wasverspätig? #drschoffeurhetäschnouz #eigentlechheiauischnöiz #geizmitgrosskontrolle #ivermissedrghüderimbus #iwottdreilkurs zrügg und so weiter hinzufügen. Der Hashtag-Erfinder ist en nature ein Rebell. Er möchte sich abheben von seinen Mitmenschen. Manchmal, wenn ihm langweilig ist, liest er in seinem Profil alle seine selbst erfundenen Hashtags, schmunzelt vor sich hin und denkt, «Ha! Ich bin eigentlich schon e geile Siech.» Er verliert sich auch öfters in seinem Spiegelbild, und wenn plötzlich jemand in die öffentliche Toilette reinplatzt, fährt er sich rasch alibimässig durch die Haare.

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G E M P I E R K L Ä R T D I E W E LT

10 Dinge, die ein Vater mit seinem Sohn unternehmen sollte.

Vater-Sohn Geschichten sind anziehend und gehen unter die Haut. Hollywood hat das Geheimnis dieser wertvollen Konstellation schon lange erkannt und mit Filmen wie «Findet Nemo», «Das Streben nach Glück» oder «Real Steel» die Kino-Kassen klingeln lassen. Passend zum «The Way Back»-Musical ein paar Todos, die man als Vater mit seinem Sohn unternehmen sollte. T E X T & B I L D : D AV I D G E M P E R L I

* Ich erinnere mich, dass ich mal mit meinem Sohn

1 — Ein Match eines lokalen

7 — Ein Baumhaus oder eine

Sportvereins besuchen. «Die Erinnerungen an das erste Spiel überhaupt werden unbezahlbar sein». Ich empfehle YB oder SCB.

Seifenkiste bauen – egal, ob es funktioniert.

2 — Wandern gehen und dabei Beziehungstipps – oder zuerst Anmachsprüche – mit auf den (Wander)weg geben.

3 — Velofahren lehren – das freihändige Fahren lernt er noch früh genug.

4 — 1. August-Feuerwerk verballern. Je nach Typ Vater sogar das ‹Frisieren› forcieren.

8 — Ihn beim Fussballspiel im

6 — Ihm bei den Hausaufgaben helfen – einfach solange das geht.

war das erbärmlichste Spiel, das man sich nur vorstellen kann. Sechs oder sieben Vierjährige, die einfach nur ziellos herumrannten. Doch plötzlich flog der Ball aus diesem Haufen heraus und sprang in Richtung Tor. Zion riss sich vom Rest der Mann-

örtlichen Club anfeuern.*

schaft los und nahm die Verfolgung auf. Ich sprang

9 — Mit ihm anregende

rannte am Spielfeldrand entlang. «Schiess den Ball

Diskussionen über das Militär, Politik oder zur Lage der Schweiz führen.

10 — Ihm elementare Sachen im Haushalt beibringen. Zum Beispiel Tisch decken: Das Gäbeli links, wegen der Punk-Frisur, und das Messer rechts, wie der Herr Messerli von der SVP.

auf meine Füsse und schrie: «Los, Sohn, lauf.» Ich ins Tor!» Ich sollte noch erwähnen, dass ausser mir keine anderen Eltern beim Fussballtraining dabei waren. Ich bin sicher, der Trainer dachte: «Guter Gott, wer ist dieser Mann?» Dann sah Zion mich an – er schaute nicht mehr auf den Ball -, lächelte und sonnte sich in meinem Stolz. Dann holte er zufällig mit seinem Fuss Schwung – und der Ball prallte gegen seinen Knöchel und rollte ins Tor. Jaaaaa! Ja! Ja! Wow!! Das ist mein Junge. Ja! Ich kreischte hemmungslos. Ich hatte schon viele Väter gesehen, die bei Spielen überreagieren. Ich hatte mir

5 — Eine Velotour machen und Cervelat grillen. Dabei am Lager-feuer die früheren Lausbuben-Geschichten erzählen.

Zion beim Fussballtraining war, als er vier war. Es

geschworen, das selbst nie zu tun, doch hier war ich beim Training, schrie mir die Seele aus dem Leib und verlor schier den Verstand. Ich kann es nicht er-

11 — Egal, was man unternimmt, die Lausbuben wollen am Schluss immer noch ein Päckli Panini-Bildli oder sonst was vom Kiosk! Neeeein, das Wichtigste ist einfach die gemeinsame Zeit, die man zusammen verbringt.

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klären. Ich hatte mir das nicht vorgenommen. Es hat mich in diesem Moment einfach überkommen. Das ist Wahnsinnsliebe. Das ist die Liebe eines Vaters. Aus dem Buch « Jesus ist ___ » Seiten 74/75 von Pastor Judah Smith; www.jesus-ist-buch.de


«An manchen Tagen bereue ich, ins Leben zurückgekehrt zu sein. » TEXT: MHA / FOTO: KEVIN FRANK

Ian, wenn jemand so etwas erlebt hat wie du, fällt einem das Glauben dann leichter? Ist das Leben als Christ dann einfacher? In gewisser Hinsicht ist es einfacher, weil ich das Ende bereits gesehen habe. Trotzdem musste auch ich am Anfang beginnen und mir Grundlagen eines Lebens als Christ erst erarbeiten. Und wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel verlangt. Wir kämpfen nicht gegen Fleisch und Blut – und dieser geistliche Kampf kann von Zeit zu Zeit ziemlich überwältigend werden. Es ist für dich also nicht automatisch einfacher, Versuchungen zu widerstehen? Der geistliche Kampf wird intensiver, das Mass der Versuchung steigt. Doch Gott sei Dank sind die Versuchungen vorübergehend. Und das Leiden auf dieser Welt ist nichts im Vergleich zu dem, was vor uns liegt. Es ist es wert! Hast du nie bereut, in dieses Leben zurückgekehrt zu sein? An einigen Tagen tue ich das. Das ist normal. Doch ich habe eine Frau und drei wunderbare Kinder. Die Gelegenheit, mein Leben hier auf der Erde noch einmal als Christ zu leben und andere zum Glauben zu führen, ist besser, als wenn ich einfach gegangen wäre. Doch an manchen Tagen denke ich, dass ich lieber dort drüben wäre. Dann sagen meine Kinder aber: «Nein, Daddy, bleib hier!» Auch andere Menschen erzählen von sogenannten Nahtoderfahrungen.

Viele von ihnen sagen, dass sie ein Licht gesehen hätten und dass alles gut werde nach dem Tod. Was unterscheidet dein Erlebnis von ihren? Ich glaube, dass viele dieser Menschen in Tat und Wahrheit Gott gesehen haben. Doch weil die Kirche sie die Wahrheiten der Bibel nicht lehrt, erkennen sie nicht, dass die Person innerhalb dieses Lichtes Jesus ist. Deshalb sprechen sie nachher einfach davon, dass sie eine grosse Liebe gespürt hätten. Du bist Gott begegnet, doch zuvor hast du dich an einem beängstigenden dunklen Ort befunden. Tonnenweise Bibelstellen sagen klar, dass es zwei Königreiche gibt: Das Reich der Dunkelheit, das durch Satan regiert wird, und das Reich des Lichts, das durch Jesus regiert wird. Jesus ist das Licht. Das Licht vertreibt die Dunkelheit. Im Kolosserbrief heisst es, dass Gott uns vom Reich der Dunkelheit befreit hat und uns in das Reich seines Sohnes Jesus gebracht hat. Ich glaube, dass die meisten Christen nach ihrem Tod direkt ins Licht gehen. Ich danke Gott aber, dass er mich zuerst in die Dunkelheit führte, um mir zu zeigen, wo ich eigentlich hingegangen wäre. Meist wird Satan nicht mit Dunkelheit, sondern mit Feuer assoziiert. Die Bibel beschreibt Gott als Feuer. Gott kommt in einem Feuersturm, er spricht zu Mose aus einem Feuerbusch. Jesus sagt, dass wir mit Feuer getauft werden. Am Ende, so heisst es in Offenbarung 20, werden der Teufel, der Tod und die Unterwelt – grie-

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Ian McCormack wurde 1982 von mehreren Quallen gestochen und im Spital für tot erklärt. Nach seinem Tod sah er die Hölle und begegnete Gott persönlich,


ERLEBT chisch: der Hades – in den Feuersee geworfen. Feuersee und Hades sind dasselbe. Und welchen Ort hast du gesehen? Hades, die Hölle. Warum lässt der liebende Gott die Hölle zu? Gott hat zu Adam und Eva gesagt, dass sie den Tod essen, wenn sie vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nehmen. Gott wünscht sich, dass niemand verloren geht. Viele Menschen leben mit vielem Bösen und bekennen ihre Sünden erst in ihrer letzten Sekunde. Auch dann ist Gott gnädig. Doch wenn du einmal stirbst, muss er urteilen. Was passiert mit Menschen, die Gott nicht um Vergebung gebeten haben? Die Bibel sagt, dass sie nach ihrem Tod an einen Ort gehen, der Hades heisst, den Ort der Dunkelheit. Ich war dort. Die nächste Frage ist: Ist dies das Ende? Die Bibel antwortet: Nein. Hades ist nur eine Art Aufbewahrungsort für menschliche Seelen. Denn der Tod und die Hölle werden später in den Feuersee geworfen. In Offenbarung 20 Vers 15 heisst es, dass auch jeder Mensch, dessen Name nicht im Buch des Lebens gefunden wird, in den Feuersee geworfen werde. Das ist der zweite Tod.

wie er in den ICF Bern und Thun erzählte. Anschliessend traf er das «ICF Magazin» zu einem Gespräch über Leben und Tod.

Was bedeutet dieser zweite Tod? Darüber debattieren die Theologen seit Urzeiten. Viele sagen: Weil der Teufel laut Offenbarung 20 ewig im Feuersee gequält wird, werden auch die Menschen, die im Hades sind, für alle Ewigkeit im Feuersee gequält. Andere Theologen sagen, dass das griechische Wort für zweiten Tod Nichtexistenz bedeute. Sie argumentieren, dass Gott diese Seelen vernichtet – so als ob sie nie existiert hätten. Diese zweite Vorstellung ist gnädiger, weil die Menschen so nicht länger leiden würden. Doch was auch immer richtig

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ist – beide Vorstellungen sind entsetzlich: Ewige Qual oder Nichtexistenz. Die Hölle ist real und niemand will dorthin gehen, weder für begrenzte Zeit noch für immer. Was sagst du Leuten, die sagen, du habest dir alles nur eingebildet? Oder Neurologen, die deine Erlebnisse auf Kurzschlüsse der Synapsen in deinem Gehirn zurück zu führen? Warte nur, bis diese Neurologen herausfinden, dass es nicht in meinem Kopf passiert ist! Es gibt viele Theorien und die meisten versuchen, die Existenz Gottes zu negieren. Denn wenn es etwas ausserhalb unseres irdischen Lebens gäbe, müssten sie sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass dieses Etwas Gott sein könnte. Viele Ärzte beschreiben Erfahrungen wie die meine als ‹Nahtoderlebnisse›. Dieser Begriff setzt voraus, dass die Person gar nicht tot war. Ich war im Leichenhaus und hatte einen Totenschein. Ich kenne Leute, die für mehrere Stunden oder sogar Tage für tot erklärt waren. Dann kommt der Einwand: Aber sie waren nicht hirntot, sie waren nur herztot. Nein, nein! Wieso glaubst du das nicht? Nachdem das Herz aussetzt, versorgt kein Sauerstoff mehr das Gehirn. Der Verstand stoppt. Die Synapsen funktionieren nicht mehr. Wenn Menschen in dieser Zeit irgendetwas sehen, sehen sie es ausserhalb ihres leiblichen Körpers. Ich höre auch noch andere Einwände. Welche Einwände denn? Einige sagen, ich hätte einen Traum gehabt. In Träumen wacht man aber immer mitten drin auf. Mein Erlebnis hatte einen Anfang und ein Ende. Andere sagen: Es war eine Halluzination, wie auf Drogen. Halluzinationen sind aber zufällig. Doch Leute, die solche Erfahrungen nach dem Tod machen, erleben alle das Gleiche. Andere sagen, wenn


das Gehirn vom Sauerstoff abgeschnitten werde, entstehe ein Lichttunnel. Ich aber sah im Licht eine Person und interagierte mit ihr. Doch all diese Einwände sind nicht überraschend.

er zu Gott rufen soll, dass er gehört und ihm vergeben werde. Zur gleichen Zeit erwacht seine Mutter in Neuseeland, spürt, dass ihr Sohn in Gefahr ist und betet. McCormack, der bis dahin Gott nicht persönlich erlebt hat, bittet Gott im Ambulanzfahrzeug um Vergebung seiner Sünden.

Warum überrascht dich das nicht? In Lukas 16 erzählt Jesus das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus. Darin heisst s: «Sie werden sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.»

Im Spital angekommen spürt er Lähmungen im ganzen Körper und schliesslich hört sein Herz zu schlagen auf. «Ich war ein geistiges Wesen, mein Körper war gestorben» — so beschreibt McCormack diesen Moment in seinem Buch ‹A Glimpse of Eternity›. Als Erstes umgibt ihn eine grosse Dunkelheit, er hört verzweifelte Stimmen anderer Seelen und verliert jegliches Zeitgefühl – diesen Ort beschreibt er heute als die Hölle. McCormack glaubt, dass Gott ihm diesen Ort zeigte, um ihm zu zeigen, wo er eigentlich geendet hätte (sh. Interview). In diesem schrecklichen Ort schreit McCormack zu Gott: «Ich habe dich doch um Vergebung gebeten – warum bin ich hier?» Und tatsächlich fällt plötzlich ein helles Licht auf ihn und zieht ihn wie durch einen Tunnel aus der Dunkelheit. Er fühlt Liebe und sieht ein gleissendes Licht, wie er beides nie zuvor gekannt hat. «Ich glaube, dass ich in diesem Moment die Herrlichkeit des Herrn sah», schreibt McCormack. Aus dem Licht hört er eine Stimme, die einen Dialog mit ihm führt. Er will an diesem Ort bleiben, doch als Gott ihn fragt, ob er zurück möchte, antwortet McCormack, dass er nochmals zu seiner Mutter möchte, um ihr zu sagen, dass ihr Glaube wahr ist. Dann wirft McCormack einen Blick über seine Schulter und sieht eine Menschenmasse. Familienmitglieder, Freunde und viele andere Leute, die auf Erden leben. Gott sagt ihm, wie sehr er all diese Menschen liebe und sich wünsche, dass sie zu ihm kommen. «Wenn du

*

Sein Totenschein war bereits geschrieben

zurück kehrst, musst du die Welt in einem anderen

Ian McCormack hat erlebt, was sich viele Christen

dass er beauftragt ist, den Menschen von Gott und

Licht sehen», sagt ihm Gott. McCormack versteht, sehnlichst wünschen: Ein direktes Gespräch mit

Jesus zu erzählen, und dass er sie mit Augen voller

Gott. Das geschah während einer Viertelstunde, in

Liebe und Vergebung anschauen muss.

der die Ärzte ihn für tot hielten. In einem Buch und

Nach 15 bis 20 Minuten ohne Herzschlag kehrt

unzähligen Vorträgen in vielen Ländern hat er von

McCormack in seinen Körper zurück. Zu diesem

seinem Erlebnis erzählt, von seinem Blick in die

Zeitpunkt liegt er bereits im Leichenhaus – die Ärz-

Ewigkeit. Der Neuseeländer Ian McCormack ist 24

te hatten seinen Totenschein ausgestellt. Seit rund

Jahre alt und reist mit seinem Surfbrett von Strand

30 Jahren reist McCormack nun rund um die Welt,

zu Strand, immer auf der Suche nach der perfekten

lehrt und predigt. In den letzten Jahren arbeitet er

Welle. Beim Nacht-Tauchen auf Mauritius wird er

zudem als Pastor einer Kirche in London.

1982 fünfmal von Würfelquallen gestochen, deren Gift eines der stärksten im Tierreich ist. Ein einziger

www.ianmccormack.de

Stich ist tödlich. Auf dem Weg ins Spital sieht er seine gläubige Mutter vor sich, die ihm sagt, dass

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PIMP MY MEAL

Sie gaben alles, die acht Ladies von Eveline Bühlmanns Smallgroup. Je nach Rolle stürzten sie sich in festliche Abendrobe, liessen sich Hollywood-Frisuren stylen, dezentes Make-up auftragen oder kleideten sich als Maids in schwarzem Kleid mit weissem Schürzchen. Spätestens beim Anblick der üppigen, festlich gedeckten Tafel im Dining Room war man mitten drin im Ambiente von Dinner-for-One.

Das Festmenü Für 8 Personen

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TEXT: RES HUBLER / FOTOS: DEBI GERBER

Pimp My Dinner for eight

Smoked Salmon-Tatar with celery on Melba toast — Goat-cheese with honey-lavender glaze, walnuts and red chicory — Roast beef Baked potato with horseradish sour-cream Broccoli with roasted almonds and cherry tomatoes — Warm chocolate-pudding with clotted cream and raspberries


APPETIZER

Apéro-Häppchen Rauchlachs-Tatar auf Melba-Toast 200g Rauchlachs, in kleine Würfelchen geschnitten 150g Stangensellerie in kleine Würfelchen geschnitten 200g Philadelphia-Frischkäse Salz, Pfeffer aus der Mühle Stangensellerie in dünne, ca. 4cm lange Stäbchen geschnitten zum Garnieren 1.

Alle Zutaten, ausser Stangenselleriestäbchen, zusammen verrühren, abschmecken

Melba-Toast 2. 3. 4.

Tostbrotscheiben horizontal halbieren, Brotrinde entfernen Scheiben diagonal halbieren und in der Mitte des auf 150°C vorgeheizten Ofens hellbraun backen. Vom Tatar kleine Klösschen formen, auf Toast geben, mit Selleriestäbchen garnieren.

VORSPEISE

Geisskäse mit Lavendelhonig auf rotem Chicorée und Nüssler 300g Geisskäse buche 8 KL Honig Lavendelblüten 100 g Baumnusskerne, grob gehackt 2 EL Butter 8 Blätter von rotem Chicorée Nüssler Olivenöl extra vergine, Balsamico, Salz 1.

2. 3. 4. 5.

Chicorée 5 Min. in warmem Wasser einlegen damit die Bitterstoffe entzogen werden, mit Küchenpapier trocken tupfen, auf Teller legen 3 Scheibchen Geisskäse p.Pers. schneiden und auf Chicorée anrichten Lavendelblüten und einige Tropfen Wasser in Honig geben, lauwarm machen und über Käse träufeln. Nusskerne im Butter warm machen und über Käse streuen. Bouquet von Nüssler leicht salzen, mit Balsamico und Olivenöl beträufeln.

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H AU P T G A N G

Roastbeef mit Ofenkartoffel und Meerrettich-Sauerrahm, Broccoli und Cherry-Tomaten 1,2 kg Rindshuft oder Entrecôte gut gelagert Salz, Pfeffer aus der Mühle Bratfett zum Anbraten 8 grosse, mehlig kochende Kartoffeln, gewaschen 450ml Crème fraîche 2 EL Meerrettich gerieben Salz, Pfeffer aus der Mühle 1 kg Broccoli 40g gehobelte und geröstete Mandeln 2 EL Butter 250g Cherry-Tomaten Butter zum Anbraten

DESSERT

Warmer Schokoladenpudding mit Doppelrahm und Himbeeren

1.

2.

3. 4. 5.

Fleisch mit Salz und Pfeffer würzen, mit Bratfett heiss anbraten, bis es allseitig leicht Farbe genommen hat. Auf Gitter legen, mit Klarsichtfolie abdecken. Bei 75°C 5-7 Std. Niedertemperatur-garen bis die Kerntemperatur von 50°C bis 55°C erreicht ist. Vor dem Aufschneiden in Butter nochmals kurz anbraten. Dabei können zum Schluss noch die Cherry-Tomaten beigegeben und warm gemacht werden. Crème fraîche mit Meerrettich verrühren, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Kartoffeln im Ofen bei 250°C mit Dampf ca. 45 Min. backen bis sie gar sind. Aufschneiden, salzen und Meerrettich-Sauerrahm einfüllen. Broccoli in Röschen zerteilen, Stiele schälen und längs halbieren, in kochendes Salzwasser geben, aufkochen, dann unter dem Siedepunkt ziehen lassen bis er gar ist, abtropfen und anrichten oder in viel kaltem Wasser abschrecken, damit die Farbe erhalten bleibt, abtropfen und im Mikrowellenofen heiss machen. 2 EL Butter aufschäumen lassen, Mandeln beigeben und über Broccoli verteilen. Cherry-Tomaten dazu anrichten.

250g dunkle Schokolade 120g Butter, in kleinen Würfeln 6 Eier 140g Zucker 60g Mehl, gesiebt Prise Salz Mehl zum Stäuben Minze zum Garnieren 1. 2. 3. 4. 5. 6.

Förmchen zum Backen/Stürzen oder Muffinförmchen buttern und kalt stellen Schokolade schmelzen, Butter nach und nach einrühren bis die Masse glatt ist. Eier und Zucker leicht schaumig rühren, zuerst Schokolade, dann Mehl einrühren. Förmchen stäuben, Masse einfüllen. In der Mitte des auf 180°C vor geheizten Ofens 8-10 Min. backen. Förmchen auf Teller stürzen oder Muffinförmchen auf Teller stellen, mit Doppelrahm, Himbeeren und Minze garnieren

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SOMMELIERE

Weinwahl leicht gemacht

Nie mehr wie ein Öchsle vor dem Regal stehen und nullpromille Ahnung haben, welche dieser Flaschen wirklich guten Geist enthält. Therese Hublers Tipps, wie man guten Wein von einer guten Etikette unterscheiden kann. TEXT: THERESE HUBLER / LABEL: OBRIST SA VEVEY

Noch vor 20 Jahren musste man sich strikt an vorgegebene Grundsätze halten. Bestellte man im Restaurant zu Fisch einen Rotwein, wurde man als «kulinarischer Banause» bezeichnet. Fast mantramässig wurden die Regeln beachtet: trocken vor süss, weiss vor rot, leicht vor körperreich, jung vor alt. Heute gilt: Erlaubt ist, was gefällt. Denn die Freiheit, das zu trinken was einem Freude macht, ist durchaus akzeptiert und sogar salonfähig geworden. Viel wichtiger ist zu wissen, ob der gewählte Wein zu einer gegebenen Situation passt und gefällt. Hendrik Thoma, einer der lediglich drei «Master of Wine» Deutschlands, sagt: «Luxus ist zu wissen, was man wo, wozu und mit wem trinkt.» Sich dieses Wissen anzueignen, braucht einen Lernprozess. Willst du dir in einem Geschäft einen Wein empfehlen lassen, ist die Aussicht auf Erfolg sehr gering wenn du «eifach e guete Tropfe» verlangst. Geschmack ist immer subjektiv. Du musst lernen, dir selber Antworten geben zu können: Wie schmeckt ein Wein, der im Eichenfass ausgebaut wurde? Mag ich diesen Gout? Schmeckt mir die Rebsorte Cabernet Sauvignon oder bevorzuge ich Sangiovese? Mag ich alkoholreiche Weine oder schwärme ich für ‹Blätterli›? Wann beschreibe ich einen Wein als ‹erdig› und was genau meine ich damit? Weinetiketten verraten viel über den Inhalt der Flasche und sollen dir eine Informationsgrundlage sein, damit du optimal einkaufen kannst. Nimmst du die Angaben bewusst wahr, kannst du dir mit zunehmender Übung ein konkretes Bild über den Wein machen, lange bevor du den Zapfenzieher zur Hand nimmst. Apps wie ‹Vino mobile› oder ‹Weine und Rebsorten› können dich hilfreich unterstützen. So kannst du dich vor Enttäuschungen schützen. Dein erarbeitetes Wissen gibt dir Sicherheit und damit auch die Freiheit zu sagen: «Erlaubt ist was gefällt!»

Propriétaire de ce vignoble — Obrist S.A. Vevey Die Firma Obrist AG in Vevey ist Eigentümerin dieses Rebbergs. Kennt man diese Firma, kann man auf die Qualität ihrer Weine Rückschluss ziehen.

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Anbaugebiet — Yvorne Eine Weinbaugemeinde im Chablais, Kanton Waadt. Kauf dir eine Serie der beliebten weissen Rebsorte Chardonnay – aus der Schweiz, Australien und Chile zum Beispiel. Degustiere sie und merke dir die Unterschiede. So lernst du die Weinbaugebiete der

Mise en bouteilles par le Propriétaire

Welt kennen. Lies die Etiketten aufmerksam, auch die auf der Flaschenrückseite: Wurde der Wein im Stahltank oder im Eichenfass vergoren und ausgebaut? Wenn du weisst,

Flaschen wurden durch Eigentümer abgefüllt. Dies

was du magst, bist du einen wichtigen Schritt weiter gekommen. Beim nächsten Besuch

gibt Gewähr, dass der fertige Wein nicht an eine Ver-

im Weinladen kannst du mit Bestimmtheit sagen: «Ich möchte einen Chardonnay aus

triebsgesellschaft verkauft wurde und zusammen

Australien, der im Eichenfass ausgebaut wurde.»

mit andern Weinen vermischt als Massenprodukt auf den Markt kommt.

Grand Cru Suisse — Reine Phantasiebezeichnung Schweiz als Herkunft ist durch «Yvorne» ohnehin gegeben und die Bezeichnung «Grand Cru» ist in der Schweiz nicht geschützt, bedeutet also gar nichts.

Appelation d’origine contrôlée — Schutzsiegel Abgekürzt AOC ist ein Schutzsiegel für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Die Voraussetzung für die Erteilung dieses Zertifikats ist die Einhaltung gewisser Kontrollbestimmungen wie z.B. Herstellung auf traditionelle Weise, strenge Überwachung und Regulierung, Zutaten aus bestimmtem geografischem Raum. Das Produkt muss in dieser Region auch hergestellt werden.

Nicht ersichtlich auf dieser Etikette:

Alkoholgehalt — 12.5 Vol% Achte unbedingt darauf, denn Weine mit hohem Volumenprozent machen dich nicht nur schneller betrunken, sie schmecken auch wesentlich kräftiger. Sie können den Geschmack einer feinen Speise erschlagen, also Menü rechtzeitig planen. Durchschnittswerte: Weisswein 9-11 Vol%, Rotwein 11-14 Vol%

Clos du Rocher — Ein «Clos» ist exakt definierter Weinberg, früher oft ummauert. Ist immer eine genaue Herkunfts- und meistens eine Qualitätsgarantie. Lerne die Herkunftsbezeichnungen zu verstehen. Wenn die Etikette dir sagt: «Appellation Bordeaux controllée», dann weisst du, dass diese Flasche aus dem 120’000 Hektar (1 ha = 10'000 m2) grossen Gebiet Bordeaux stammt – also von irgendwo und irgendwie zusammengemixt. Der Preis ist (sollte) entsprechend niedrig sein. Doch aufgepasst! Gerade in diesem Segment werden oft Phan-

Jahrgang — Bei Schweizer Weinen meistens auf einer separaten Flaschenhalsetikette gedruckt, damit die Hauptetikette jedes Jahr wieder verwendet werden kann (Kostenersparnis). Nebst der Arbeit des Winzers hat das Wetter einen grossen Einfluss auf das Endprodukt in der Flasche. Bei Weinen aus Gebieten, die den Reben ‹von Natur aus› optimale Wachstumsbedingungen schenken, hat der Jahrgang eine geringere Bedeutung. Die Qualität ist konstanter. Der Jahrgang gibt zudem Aufschluss über die Reife des Weins. Auch hier gilt: Ausprobieren. So lernst du, ob ‹jung & spritzig› oder ‹gereift & mild› angesagt ist.

tasiebezeichnungen, künstlerische Etiketten und gutes Marketing gebraucht, um einen billigen Wein als edles Produkt mit entsprechend hohem Preis zu vermarkten. Steht hingegen 'Appellation Médoc controllée' – hat sich die Fläche bereits auf 15’950 ha reduziert, denn das Médoc ist ein begrenztes Gebiet innerhalb der Gesamtbezeichnung Bordeaux. Es werden qualitativ hochwertige Weine produziert. Steht gar «Château Latour» auf der Etikette, ist die Fläche auf 65 ha eingegrenzt, und du hältst einen kostbaren Wein aus einem der berühmtesten Weingüter der Welt in den Händen. Willst du diese Flasche nicht nur halten, sondern haben, musst du gewillt sein, etwa 1600 Franken hinzublättern!

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Rebsorte — Ein Weisswein aus einer AOC-Lage der Gemeinde Yvorne muss zwingend ein Chasselas (Gutedel) sein, deshalb wird dies nicht besonders erwähnt.


Love Church Markus macht's. Einmal ins W&D und zur端ck. 28

13 000 Kilometer z端geln. Neue Heimat, Kambodscha. 30

Basta! Genug geschrieben, lest selbst. 34


M A R KUS M AC H T 'S

Ein Mann unter Frauen

Markus Hänni hat ein Y-Chromosom. Damit ist er an diesem Abend der einzige von vielen. «I feel beautiful» ist denn auch ein klassisches Thema für die XX-Kombination, sprich Frauen. Ein Wine & DineAbend aus männlicher Sicht. T E X T : M A R K U S H Ä N N I / F O T O S : N A O M I TA N A K A

Um mich herum lauter Menschen mit manikürierten Nägeln. Das sei doch lustig, so die Redaktionskollegen, ein Mann wagt sich unter Frauen. Eine einmalige Chance. Etwas verschämt verstecke ich meine Hände mit den ungepflegten der Blumen sowie den appetitlichen Snackplatten entfaltet sich eine Nägeln in den Hosentaschen. Sowieso weiss ich nicht wohin mit mir. himmlische Atmosphäre für alle Sinne. Ich stehe da wie ein Ausrufezeichen: Hallo, ich bin ein Mann! Plötzlich bin ich etwas unsicher, ob es wirklich eine gute Idee war, sich an der Redaktionssitzung als Freiwilliger zu melden. Die Aufgabe: einmal ein Wine & Dine zu besuchen – das Frauen-Ministry von ICF Bern – und darüber zu schreiben, was an einem solchen Abend passiert. Das sei doch lustig, so die Redaktionskollegen, ein Mann wagt sich unter Frauen. Eine einmalige Chance. Und diese einmalige Chance muss ich geniessen. Das U2, die ansonsten eher karg eingerichtete Celebrationhall an der Monbijoustrasse, gleicht jetzt eher einer Blumenmesse. Die Buketts von Pfingstrosen, Bartnelken, Margeriten, bis hin zum Frauenmänteli (meine Mutter ist begeisterte Hobby-Biologin) sind alle gekonnt zusammengestellt und auf den Tischen verteilt. Doch wer glaubt, sich im Dekohimmel zu befinden, sei belehrt: Diese üppige Blumendeko ist erst der Anfang. Sogar die Vasen sind mit Herzchen geschmückt, die Tischen mit weissen Spitzen-Tischtüchern gedeckt. Zusammen mit den festlich wirkenden Kerzenlichtern, den wohlriechenden Düften

Während mich so viel Schönheit fast überwältigt, schweben um mich herum ebenso schöne Wesen. Plaudern und lachen. Ich bin das Zentrum der Aufmerksamkeit und werde nicht nur mit Blicken überhäuft. Alle wollen mit mir sprechen, sogar ein Drink wird mir spendiert. Aber irgendwie komme ich mir trotzdem so deplatziert vor, als ob ich in einem Parkhaus einen Frauenparkplatz besetzt hätte. Nur cool bleiben jetzt, in Bachelor-Manier locker bleiben und sich nichts anmerken lassen. Bewegung hilft immer. Also gehe ich zum aufliegenden Gästebuch. Weiss und damit perfekt zur Dekoration passend liegt es vor mir. Jungs, ich sage euch: Die Herzen der Frauen liegen ausgebreitet vor mir. Und sie sind just beautiful – oder anders ausgedrückt: dieses Buch kurz in die Arktis geworfen und sie ist geschmolzen. Eine Offenbarung an Weisheiten, Erkenntnissen der vorangegangenen Wine & Dine Abende, viele ermutigende Bibelverse, entsprungen in den Tiefen der Frauenherzen – wunderschön und inspirierend.

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Da muss ich mich erstmal setzen. Dankbar, dass die Gespräche nicht gleich verstummen, als ich mich aufs Sofa setze, schaue ich mich um. Krass, mit wie viel Liebe zum Detail hier gearbeitet wird. Die Bühne, bereit für die Guestspeakerin und Frauen, die aus ihrem Leben erzählen, sieht aus wie ein Wohnzimmer: Sofa, Barockspiegel, Lampe – alles in ein sanftes, orange-goldenes Licht getaucht.

Celebrationhall sieht man vor lauter Frauen die dekorierten Tische nicht mehr. Knapp kann ich es mir verkneifen, laut in die Runde zu rufen: «Wem von hier gehört dieses Packet von Zalando?» und setze mich ganz hinten still und unauffällig hin. Trotzdem scheine ich ein Blickfang zu sein und bereue es fast ein wenig, ausgerechnet jetzt keine Cola light dabei zu haben. Laut Coca-Cola-Werbung soll das anscheinend ganz gut ankommen.

Obwohl Männer bekanntlich nichts anderes als Essen, Autos und Fussball im Kopf haben, fällt mir erst jetzt auf, dass es hier total lecker duftet. Wie konnte ich das bisher ignorieren? Meinen Instinkten folgend geht’s schnurstracks zum Buffet. Ein Traum, liebe Geschlechtsgenossen. Warme Brownies, Törtchen, die Reinkarnation eines Betty Bossi-Aprikosen-Streuselkuchens. Da stellt sich mir die Frage: Wo sind all die Weight Watcherinnen geblieben? So viele Punkte wie Leckereien auf dem Buffet, darf man sich pro Tag doch kaum antun. Inzwischen ist das U2 gefüllt. Rund sechzig Frauen besuchen die Wine & Dine-Abende durchschnittlich. Noe Studer (30) ist die Gründerin und Leiterin des Ministry. Eine blonde, zierliche Frau im besten Alter. Ihr Herz schlägt für die Ladies, die sie und ihr Team alle zwei Monate willkommen heissen. Angefangen hat aber alles ganz klein. Mit acht Frauen in Noes WG. Doch bald hatte es in Noes Stube keinen Platz mehr und das Wine & Dine zügelte ins U2. Die grosse Nachfrage erklärt sich Noe damit, dass Frauen von Frauen, die bereits mehr Lebenserfahrung haben, lernen und profitieren wollen. Dass das Wine & Dine generationsübergreifend ist, ist ein wichtiger Grundpfeiler. Das Ziel ist, dass sich Frauen gegenseitig unterstützen und einander im Leben mit Gott ermutigen können. «It's all about Jesus», so Noe. «Es ist so wichtig, dass jede Frau erkennt: Da ist ein Plan in meinem Leben und ich kann einen Unterschied auf dieser Welt machen.» Wie ich Noe und ihr Team so beobachte, fällt mir der Spruch der drei Musketiere ein. «Einer für alle, alle für einen» oder eben: Jesus für alle, alle für Jesus. Irgendwie bin ich grad ein bisschen stolz auf diese Musketiere, die Verantwortung übernehmen, vorangehen und einen Unterschied machen, indem sie voll anpacken und den Aufwand nicht scheuen. Solche Menschen faszinieren und motivieren mich zugleich.

Guestspeakerin heute ist Margaritha Staudenmann. Der Familienberaterin sieht man die 65-jährige Lebenserfahrung kaum an. Schwungvoll spricht sie über das Thema des Abends «I feel beautiful», ich fühle mich schön. Wie schlimm ist es, wenn man keine Modellmasse hat? Sind Schönheits-OP ein sündiger Eingriff in Gottes Schöpfung oder ist Botox ein Geschenk Gottes? Margaritha macht ihren Zuhörerinnen klar, dass alles bei ihnen selbst anfängt. «Holt das Beste aus euch raus», sagt sie vehement und weiter, «Die wahre Schönheit kommt von innen.» Guckt die mich jetzt absichtlich so herausfordernd an? Als Mann kann ich dem doch nur beipflichten. Also nicke ich nachdenklich und schreibe eifrig weiter Notizen.

In Bachelor-Manier locker bleiben und sich nichts anmerken lassen.

Fleissig mache ich mir Notizen, damit ich ja nichts vergesse von dem, was ich an diesem Abend miterlebe. Und wer geglaubt hat, Backen und Dekorieren ist alles, was Frauen drauf haben, sei eines Besseren belehrt: Jetzt geht der Abend erst richtig los. In der

Es geht noch weiter mit kernigen Aussagen wie: «Negative Worte, die über einem ausgesprochen wurden und im Herzen verankert sind, dürfen keine Macht haben und können im Namen Jesus gebrochen werden.» Oder: «Wenn der Heilige Geist Raum einnimmt und man die eigene Werte sowie die eigene Schönheit erkennt, fühlt man sich selbstbewusster und die innere, wahre Schönheit dringt nach aussen durch.» Danach folgt das «Q&A» (Questions & Answers). Hier ist Endstation für alle Männer – denn so viel Einblick ich in die Damenwelt nehmen durfte, ein paar Geheimnisse wollen die Frauen für sich behalten. Ich schliesse das Notizbuch und schleiche mich aus der Runde. Auf dem Buffet liegen noch wenige Reste. Und da auch das Mageninnere über die äussere Form entscheidet, verzichte ich auf einen Nachschlag. Als ich beschwingt die Treppen hochgehe, komme ich mir vor wie die Kinder von Narnia, die nach einem Besuch im zauberhaften Land wieder zurück in die normale Welt müssen. Ich hoffe, dass das Gästebuch auch nach dem heutigen Abend wieder mit vielen Einträgen gefüllt sein wird, in denen Frauen über die Power von Gott berichten. Und dass die Erfolgsgeschichte des Wine & Dine weiter geht – Eine für alle, alle für eine! *

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Wine & Dine Für Frauen aller Generationen. In lockerer Atmosphäre werden Frauenthemen behandelt und gemeinsam Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht. http://www.icf-bern.ch/generations/ladies


Move to Kambodscha ND — Ich war sechs Jahre im ICF Movement in der Coach-Funktion tätig. Jetzt freue ich mich auf den neuen Lebensabschnitt

Sophal — Ich freue mich, dem Schweizer

und darauf, direkt ein Team zu leiten und

Lifestyle zu entrinnen und unser Leben zu

als Familie gemeinsam etwas aufzubauen.

entschleunigen. Gleichzeitig mache ich mich

Das Loslassen und Loswerden all unserer

natürlich als Mutter Sorgen um die Kinder,

Sachen gab mir ein gutes Gefühl. Mal wieder

ob sie das schaffen, die neue Schule, die

alles auf Null zu bringen und nur noch

Sprache, ob sie Freunde finden werden. Ich

das zu haben, was in den Koffer passt. Ein

selbst werde meine Freundinnen vermissen,

wesentliches Gepäckstück für mich sind die

mit denen ich gerne käffele, meine Eltern,

Boxen für den iPod, damit wir von Anfang an

Nachbarn und meine Smallgroup. Dann ma-

Musik hören können. Am meisten vermissen

che ich mir Gedanken darüber, ob wir alles

werde ich die teils jahrelangen Beziehungen

Wichtige wirklich mitgenommen haben und

mit Freunden und Verwandten. Auch die

ob alles klappt mit dem Flug. Dass ich mein

Qualität in der Schweiz und die Schweizer

Retro-Villiger-Velo aufgeben musste, tat

Kultur. Ich bin ein Optimist, dementspre-

schon etwas weh. Was in meinem Gepäck

chend mache ich mir nicht so Sorgen, dass

nicht fehlen durfte waren einige meiner

es mit unserem Plan nicht klappt. Doch ich

Handtaschen und auch meine Nespresso-

habe nicht so viel Geduld und habe etwas

maschine mit den Kapseln! Die befindet sich

Bedenken, dass ich nicht so gut und schnell

bereits in Kambodscha und wartet auf uns.

wie geplant in die Kultur hineinkomme

Ich erwarte, dass wir Gott auf eine neue

oder die Sprache lernen kann. Es wird mich

Art kennen lernen werden, vor allem als

sicher herausfordern, wenn ich am Anfang

Versorger. In der Schweiz hatten wir einen

wegen der Sprachbarriere nicht so gut

Lohn und eigentlich alles, das wir brauchten.

kommunizieren kann, denn das ist mein

In Kambodscha sind wir viel mehr auf ihn

bestes Tool. Es wird nicht einfach, wenn

angewiesen. Ich habe eine Vorahnung, dass

ich die Kultur und die Religion gar nicht

wir Zeichen und Wunder erleben werden.

verstehe und ich werde Mühe haben mit der

Das brauchen wir, in so einem Land, wo eine

Korruption. Aber ich liebe Kambodscha als

so grosse medizinische Not besteht. Es wird

Land, die vielen Palmen und auch die Art

sicher speziell sein, dass ich in Kambodscha

der Kambodschaner. Allem voran liebe ich

nicht mehr der Exot sein werde, den ich in

das Abenteuer und Herausforderungen und

der Schweiz immer war.

freue mich darauf, eine neue Kultur kennen zu lernen. Ich erwarte von Gott, dass er uns Tag für Tag hilft, uns einzuleben, Freunde und einen Ort zu finden, wo wir wohnen können. Wir kommen mit einer Vision und unseren Koffern und Gott wird die Türen öffnen, dass wir mit den richtigen Menschen in Kontakt kommen.

Bei ND & Sophal Strupler verlief bisher alles in geordneten Bahnen. Toller Job, tolle Familie. Doch dann kriegt ND 2012 die Jahreslosung: «Siehe, ich mache alles neu» (Offenbarung 21,5). Dieser Vers aus der Bibel bewegt ihn tief, aber er ahnt noch nicht, was er für ihn und seine Familie bedeuten wird. Im Sommer geht die Familie nach Kambodscha in die Ferien. Sophals Heimatland. ND erinnert: «Wir sassen in einer Kirche und es war schmerzhaft langweilig. Ich sagte zu meiner Frau, dass ich jetzt die grösste Not von Kambodscha gesehen hätte. Wenn die Kirche so langweilig ist, wie wollen die Kambod-

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ICF ON THE MOVE

Zwei Tage vor ihrer Abreise liegen die Emotionen blank. Ihr ganzes Hab und Gut haben sie verschenkt oder verkauft. Die Familie Strupler hat ein One-Way-Ticket nach Kambodia und ein Ziel: den Menschen dort zu dienen. Ein Einblick kurz vor der Abreise und einen Monat nach der Ankunft. T E X T : T H I R Z A S C H N E I D E R / F O T O S : FA M I L I E S T R U P L E R

Kimo — Ich mache mir gar keine Sorgen und habe keine Angst. Ich freu mich einfach nur, Noa — Ich hange eigentlich nicht so an Ma-

vor allem auf das neue Auto, einen Jeep und

teriellem, aber ich hatte ein tolles Gestell in

darauf, dass wir Jesus neu erleben können.

meinem Zimmer, das ich aufgeben musste.

Am meisten vermissen werde ich die

Das hat schon ein wenig weh gemacht. Der

Schweizer Schokolade und all mein Lego.

Abschied von meinen Freundinnen und Kol-

Ich hatte sehr viel Lego und das meiste

legen war schwierig. Meine Klasse hat mir

musste ich verschenken. Etwas Lego kann

einen Brief geschrieben und ein Klassenkol-

ich aber in meinem Koffer mitnehmen. In der

leg kann so gut zeichnen und schreiben und

Schweiz spielte ich gerne Fussball und ich

er hat meinen Namen so schön geschrieben.

hoffe, dass ich in Kambodscha in einen Fuss-

Dieser Brief kommt also unbedingt mit in

ballclub anfangen kann. Ausserdem möchte

den Koffer. Natürlich auch meine Kleider

ich dort gerne ins Kickboxen und sicher

und Schminksachen. Ich wollte immer schon

gehen wir viel schwimmen. In Kambodscha

mal zügeln und dass wir jetzt so zügeln

gefallen mir die buddhistischen Tempel,

ist schon etwas komisch, aber ich freue

das Essen und dass es so wie in einem

mich mega darauf. Manchmal habe ich

Dschungel aussieht. Aber mir gefällt die Un-

Angst, dass ich in der neuen Schule keine

gerechtigkeit und die grossen Unterschiede

Freundinnen finde, dass ich ausgeschlossen

zwischen Arm und Reich gar nicht. Ich freue

werde und dass meine Freunde hier in der

mich auf die Schule, auch wenn ich noch

Schweiz mich vergessen werden. Dass die

nicht so gut Englisch kann. Aber Gott wird

neue Schule in Englisch sein wird, macht

mir da sicher helfen. Ich möchte, dass sich

mir nicht so Sorgen, ich kann es schon ein

die Menschen bekehren und dass sie sehen,

wenig und werde sicher nicht so viel Mühe

dass es Gott gibt und dass sie ihn erleben.

damit haben. Ich freue mich sehr auf das feine Essen in Kambodscha und auch auf die neue Schule und allgemein auf das neue Leben. Die Kultur interessiert mich und die Menschen sind so freundlich. Aber weniger schön ist, dass die reichen Menschen in Kambodscha nichts für die Armen tun, weil sie Buddhisten sind. Es ist mega ungerecht, dass sie nur für sich leben. Ich erwarte von Gott, dass er zu den Menschen reden wird, die ins ICF kommen und dass sich bereits in den ersten zwei, drei Monaten Menschen bekehren und Gott Wunder tun wird.

schaner den begeisternden Gott, den wir lieben, kennen lernen?» Daraufhin fragt Sophal: «Warum gründen wir hier kein ICF?» Diese Antwort ist ein Schock für das Ehepaar. Denn obwohl ND schon lange darüber nachgedacht hatte, irgendwo ein ICF zu gründen, war Sophal immer klar, dass eine Kirche gründen nicht auf ihrer To Do Liste steht. Und jetzt das! Die Struplers geben sich ein Jahr die Zeit, sich auf die grosse Veränderung in ihrem Leben vorzubereiten. Schliesslich buchen sie ein Oneway-Ticket nach Siem Reap für den 4. August 2013.

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Die Reise via Bangkok nach Siem Reap verlief problemlos. Einen Monat später wohnt die Familie immer noch bei Freunden. Sie hat mittlerweile dreissig Häuser angeschaut. Die Kinder haben mit der Schule angefangen und sich dort gut eingelebt. Sie sind in einer kleinen christlichen Schule, wo der Unterricht auf Englisch ist, doch beide lernen schnell und verstehen sich gut mit ihren Klassenkameraden. ND und Sophal

ND — Der erste Monat war cool! Ich hatte besonders Freude an einzelnen

Sophal — In diesem ersten Monat in Kambodscha gab es viele Aufs und

Begegnungen mit Kambodschanern, zum Beispiel mit einem Coiffeur und

Abs. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass ich angekommen bin, dann

seiner Familie, die kein Wort Englisch können. Ich fahre mit meinem Töffli

doch wieder nicht. Ich vermisse Familie und Freunde in der Schweiz. Hier

zwei, drei Mal pro Tag an ihrem kleinen Coiffeurladen vorbei und hupe,

in Kambodscha sind wir als Familie viel zusammen, was auch nicht immer

winke oder halte manchmal auch an. Wir sind hier mit offenen Armen

nur einfach ist. Die bisherigen Highlights waren sicher gute Begegnungen

empfangen worden, auch durch Pastoren, die in unserer Stadt Siem

und gute Gespräche mit verschiedenen Menschen, auch das warme

Reap Kirche bauen. Sie haben uns gesagt, dass es so etwas wie das ICF

Wetter und die Fortschritte in der Sprache. Es macht mir Spass, wenn ich

unbedingt braucht und sind extrem offen. Es ist übernatürlich, wie die

immer wieder mal ein neues Café entdecke. Es sind die kleinen Sachen,

Menschen von uns hören und wie Gott sie zu uns führt, um in unserem

die Freude machen. Leider hat mein Magen nicht so gut auf die vielen

Team mitzuarbeiten. Eine Herausforderung ist die Sprache. Es ist nicht

neuen Bakterien hier reagiert. Ich hatte schon recht oft Bauchweh. Auch

einfach, jeden Tag die Disziplin zum Lernen zu haben, weil wir täglich so

ist es sehr herausfordernd, ein neues Zuhause zu schaffen, da wir noch

viele neue Sachen erleben. Auch ist es eine Herausforderung, einen Schritt

nicht das richtige Haus gefunden haben und noch alle Möbel machen

nach dem anderen zu machen und nicht zu schnell zu viel zu wollen. Das

lassen müssen. Wir haben hier ja keine Ikea. Generell konnten wir leider

Entschleunigen liegt nicht in meiner Grundnatur und deshalb haben wir

noch gar nicht entschleunigen. Wir hatten in diesen ersten Wochen ziem-

noch ein viel zu schnelles Tempo für dieses Land und diese Kultur. Bis

lichen Stress mit Khmer lernen, Häuser anschauen, Menschen kennen

Ende Jahr erwarte ich von Gott, dass wir immer mehr gute Menschen im

lernen, Sitzungen, die Stadt erkunden. Alles ist viel langsamer hier, denn

Team haben und dass wir an Weihnachten einen super VIP-Event machen

in der Hitze ist alles anstrengender als in der Schweiz. Wir stehen früh auf

können, um die Story von Jesus den Menschen zu bringen. Ich bin noch

und gehen früh ins Bett, da wir wegen der Hitze und der Luftfeuchtigkeit

nicht angekommen, noch nicht zur Ruhe gekommen und ich hoffe, dass

bereits am Nachmittag fix und foxi sind. Von Gott erwarte ich, dass wir bis

ich bis Ende Jahr wirklich angekommen bin.

Weihnachten ein Daheim aufbauen können. Auch möchte ich sehen, wie es vorwärts geht im ICF und dass wir neue Freundschaften schliessen können. Für meine Familie wünsche ich mir, dass wir zusammen wachsen, einander tragen und miteinander in diese Zeit gehen.

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haben sich sofort ins Sprachstudium gestürzt und haben schon alle Khmer Konsonanten gelernt auszusprechen, zu schreiben und zu lesen. Da das Sprachstudium am Anfang ein wenig zu intensiv war, mussten sie etwas reduzieren. Die ersten Herausforderungen und Schwierigkeiten liegen also bereits hinter ihnen, alle sind immer noch positiv eingestellt und freuen sich auf die nächsten Monate.

Noa — Die christliche Schule hier ist ganz anders als in der Schweiz.

Kimo — Für mich war das grösste Highlight in diesem ersten Monat die

Nicht nur, dass sie in Englisch ist, wir haben zum Teil auch andere Fächer.

Schule. Am Anfang war ich nicht so gut im Englisch, aber jetzt wird es

Aber alle sind sehr nett, auch die Lehrer. Nur haben wir viele Regeln und

schon besser. Ich verstehe noch nicht alles, aber das Meiste. Mir gefällt

das finde ich etwas doof. Ich habe das Gefühl, dass ich noch gar nicht

es besonders, dass alle in der Schule so nett sind. Auch gefällt mir die

angekommen bin und hoffe, dass geschieht bald. Ich hoffe auch, dass

School Assembly zweimal pro Woche, wo wir Gott loben und auch beten.

wir das eine Haus bekommen, das wir gesehen haben, denn das ist das

In meiner Klasse sind nur sieben Kinder und nur drei davon Buben. Von

Einzige, das mir gefällt. Mit dem Englisch geht es sehr gut. Auch habe ich

Gott erwarte ich, dass wir so richtig ankommen können hier, dass ich mich

schon recht gute Freundinnen gefunden. In meiner Klasse sind nur zehn

hier wohlfühle, dass wir ein schönes Haus bekommen und dass wir einen

Schüler, fünf davon Mädchen. Wir sind immer zusammen. Die anderen

guten Start haben im ICF.

Mädchen sind von Korea, Japan und Amerika. Die grösste Herausforderung bis jetzt war ein Familienstreit, wo wir uns nicht verstanden und nicht gut miteinander geredet haben. Ich erwarte von Gott, dass er mein Herz hierher bringt und dass ich Freude habe hier und Daheim sein kann. Ich hoffe, dass wir bald das ICF starten können und dass wir ein gutes Zuhause bekommen.

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THEO-LOGISCH

Wie viel ist genug? TEXT: DOMENICA WINKLER

Die Welt scheint immer mehr aus den Fugen zu geraten, unsere Habgier, der Wunsch nach immer mehr bringt uns an den Abgrund unserer gesellschaftlichen Ordnung. Die daraus resultierende Unzufriedenheit – immer mehr zu besitzen, macht nicht glücklicher – führt auf immer absurdere Wege, die Sehnsucht zu befriedigen. Denn obwohl wir immer mehr haben, nimmt die Sehnsucht nicht ab, egal wie sehr wir uns auch anstrengen. Immer mehr, immer schneller, immer grösser, immer weniger Zeit. Wie viel ist genug? Man könnte ja meinen, Menschen, die an Gott glauben, seien vor solchen Herausforderungen gefeit, da sie sich ja mehr für die geistliche als für die materielle Welt, mehr fürs Jenseits als fürs Diesseits zu interessieren haben. Weit gefehlt! Auch unsereins sieht sich vor gewaltigen Problemen stehen. Wie viel ist genug? Genug für uns, genug für Gott? Was sind eigentlich seine Massstäbe, seine Vorstellungen und Pläne? «Ein Leben, das halb gelingt, reicht aus.» Als ich diesen Satz zum ersten Mal hörte, erkannte ich die Sprengkraft noch nicht. Doch intensives Nachdenken und mich Versenken in den Worten lösten in mir einen Befreiungsschlag aus. Das bedeutet, dass ich nicht allen Ansprüchen, die ich an mich selber habe, oder die von aussen an mich herangetragen werden, genügen muss. Und es sind viele. In menschlicher, geistlicher und sachlicher Dimension werden Erwartungen an mich gestellt. Erwartungen wie: ∑ ∑ ∑ ∑ ∑ ∑

Ernähr dich gesund! Finde die optimale Work-Life Balance! Engagier dich für soziale Projekte! Schütze die Umwelt! Pflege deine Beziehungen! Setze die richtigen Prioritäten! Wie soll ich das nur alles schaffen?

Von Gott kann man nie genug kriegen. Von allem anderen schon. Besinnung. Ein Wort, das in all meinen Überlegungen immer wieder vorkam. Wir leben in einer besinnungslosen Gesellschaft, Sinnlosigkeit greift immer weiter um sich. Wir müssen uns wieder besinnen, zur Besinnung kommen. Wir sind nicht die erste Generation, der mehr Besinnung und Fokussierung auf das Wichtige gut tun würde. 380 n. Chr. wird das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich. Eine direkte Folge davon war, dass die Christenverfolgung durch die Obrigkeit aufhörte. Für die damaligen Christen begann eine ziemliche bequeme, unbekümmerte Zeit. Im Lauf der Zeit erkannten aber verschiedene Frauen und Männer, dass diese Bequemlichkeit gefährlich für den persönlichen Glauben an Gott ist. Als Reaktion darauf zogen sich einige von ihnen in die Wüste zurück, um dort mit ungeteiltem Herzen und weg von aller Ab-lenkung Gott zu suchen, zur Besinnung zu kommen. Diese Wüstenmütter und –väter waren die ersten christlichen Mönche und Nonnen. Durch sie entstanden die klassischen Klöster, die im Mittelalter über ganz Europa verteilt waren. In gewisser Weise sind wir heute wieder in einer ähnlichen Situation. Es besteht die Dringlichkeit zur Besinnung. Fokussierung auf das Wichtige. Vor gut 1700 Jahren haben sich die Wüstenmütter und –väter für die räumliche Abgrenzung entschieden. Was gibt es heute für Möglichkeiten, Orte und Zeiten der Besinnung zu finden?

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Neben allen externen Angeboten, wie Kurse, Seminare und Auszeiten fängt Besinnung im ganz Kleinen, im Alltag an: Eine Minute pro Stunde, zwanzig Minuten pro Tag, einen Tag pro Monat, eine Woche pro Jahr. Dies nicht als Gesetz oder fixe Regel sondern als Vorschlag.Eine Minute pro Stunde Besinnung. Ich glaube, es würde uns allen gut tun. Annette, 20 Jahre, Schweizen-Wiese Taizé, 12.10.1977: «Nicht nur still werden und den Lärm abschalten, der mich umgibt. Nicht nur entspannen und die Nerven ruhig lassen. Das ist nur Ruhe. Schweigen ist mehr: Schweigen heisst: mich loszulassen, nur einen winzigen Augenblick verzichten auf mich selbst: auf meine Wünsche, auf meine Pläne, auf meine Sympathien und Abneigungen, auf meine Schmerzen und Freuden, auf alles, was ich von mir denke, und was ich von anderen halte, auf alle Verdienste und alle Taten. Verzichten auch auf das, was ich nicht getan habe, auf meine Schuld — und auch auf alle Schuld der anderen an mir; auf alles, was in mir unheil ist. Verzichten auf mich selbst. Nur einen Augenblick 'Du' sagen und Gott da sein lassen. Nur einen Augenblick sich lieben lassen ohne Vorbehalt, ohne Zögern, bedingungslos. Und ohne auszuschliessen, dass ich nachher brenne. Das ist Schweigen vor Gott.» Durch Stille wird das Glaubensleben nicht spektakulärer, aufregender oder spannender, aber es hilft mir, Gottes Stimme in all den anderen Stimmen wahrzunehmen. Es hilft, zu erkennen, dass Gott keine Ansprüche an mich stellt, sondern dass er mir zulächelt und sagt: «Ein Leben, das halb gelingt, reicht.»


P S YC H O P R I N Z E S S I N G G O E S I C F

Psychoprinzessin: Babyworld Seit neuestem bin ich für die Baby GmbH tätig. Der Chef: ein kleiner, unkoordinierter Mensch, der – statt normal mit mir zu reden - nur rumbrüllt. Ich mache Überstunden, die nicht bezahlt werden und habe neu auch Nachtschichten übernommen. Ich habe ein Kind. Damit bin ich nicht alleine. Die halbe Kirche hatte wohl just im selben Moment dieselbe Idee. So kommt es, dass ich mich plötzlich in einem separierten Babyabteil wiederfinde, zusammen mit lauter anderen Frauen, die ihre Babys stillend an die Brüste drücken – natürlich ein verhüllendes Nuscheli drübergeschletzt. Ich kriege eine persönliche Einladung ins mum2mum, bin ab sofort im ChinderExpress zum Hüten eingeteilt und der Familysunday ist plötzlich the Place to be am Sunntig Morge. Das die formellen Änderungen. Informell stehe ich dumm in der Gegend rum, während alle Freunde nur noch mit dem Baby auf meinem Arm sprechen. Die ICF-Begrüssungs-Hugs werden ab jetzt ausschliesslich seitlich ausgeübt, da das Baby sonst erdrückt würde. In der HalbSechs-, beziehungsweise Halb-Acht Celebration bin ich mit Baby so ähnlich quer drin wie als Ü30 an einer U20-Party. Und

allgemein ist es so, dass ich im Worship nicht mehr auf Gott, sondern auf mein Baby konzentriert bin – welches natürlich genau dann, wenn die Celebration los geht, Hunger hat. Also sitze ich etwas abgesondert dort, wo der Pfeil Richtung 'Parentsroom' zeigt. In weiter Ferne spricht der Pastor, blinken die Lichter und leuchtet die Leinwand. Kurz bemitleide ich mich selbst. Dann kommt auch schon Jesus und sagt: «Ey im Fall, in der Bibel sage ich, dass den Kindern das Himmelreich gehört.» Jaja, kommt mir bekannt vor. «Und nicht nur das! Ihre Engel sehen Gottes Angesicht jederzeit. Ist das nicht krass?» Oh, das ist neu. Und voll krass. Näher an Gott geht ja kaum mehr. Ob Jesus bei dieser Aussage wohl an abgesondert-stillende Mütter gedacht hat?

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Love God Kunstgalerie. Rembrandt neu aufgelegt. 38

Unser Vater im Himmel. Was passiert, wenn man Gott sucht. 42

Vater versagt. Eine schwierige Beziehung. 45


von Rembrandt van Rijn aus dem 17. Jahrhundert.

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Rembrandt reloaded

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes ist eines der bekanntesten Gemälde

Wie der Vater den Sohn in die Arme schliesst und der Bruder daneben ziemlich unglücklich dreinschaut: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes ist eines der bekanntesten Gemälde von Rembrandt. Was passiert, wenn sich neun Normalsterbliche an eine Neuinterpretation wagen? Ein künstlerischer Querschnitt mit Lego, Collage und Fotoapparat.


VAT E R- S O H N S P E C I A L

1

3

2

4

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1 — Leiter Geschäftsarchitektur & Projekte, 38

5 — Zimmermann, 31

Gott hält seine wohlgeformte Hand auf unser knorriges, unansehnliches,

Mit diesem Bild assoziiere ich die neue Auferstehung des Mannes. Das

kaputtes Sein. Durch die Berührung seiner Schöpferhand bekommen wir

leibliche Vaterbild revidieren und uns bewusst in die Hände des einen

Kontur und Identität.

wahren Vater fallen lassen. Damit wir unserer Aufgabe bewusst werden und in eine neue Dimension des Mannseins eintauchen.

2 — Kindergärtnerin, 25

Aus diesem Grunde habe ich die 69-Woodstock-Hippie-Zeit gewählt, da

I will never run away again.

es für mich die Zeit des Aufbruchs und des Aufstehens am besten zum Ausdruck bringt.

3 — Hausfrau & Büroangestellte, 37 6 — Studentin Sozialpädagogik, 23

Der Sohn kehrt nach Hause zurück und nähert sich zaghaft mit gebro-

Wird von der linken, oberen Ecke im Uhrzeigersinn gedeutet.

chenem Stolz dem Vater. Dieser streckt ihm liebevoll und urteilsfrei die Hände entgegen und nimmt ihn wieder auf.

7 — Unternehmer, 63 4 — IV-Rentnerin, 23

Aus dem Schmutz der Sünde wächst Gold: «Wenn eure Sünde gleich

Der Sohn, der die Welt entdecken wollte, kehrt beschämt zu seinem Vater

blutrot ist, soll sie doch schneeweiss werden; und wenn sie gleich ist wie

zurück. Sein Leben gleicht einem Scherbenhaufen... Durch die Liebe und

Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden» (Jesaja 1,18)

Zuneigung des Vaters dringt Licht in die Verzweiflung des Sohnes.

5

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6

7

9

8 8 — Kindergärnter, 7 «Itz chöi sie aui ä grossi Party fiire!»

9 — Hausfrau, 65 Nach Jahren kehrt der Sohn zurück, schaut seinem Vater tief in die Augen, umarmt ihn fest und sagt: «Je weiter ich mich durch Berge und Täler entfernte und je einsamer ich mich fühlte, desto mehr dachte ich an dich zurück.»

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VAT E R- S O H N - S P E C I A L

An Gottes Vaterherz T E X T : S TA / F O T O S : C H R I S T I N A M Ă„ D E R

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Leidenschaftliche Künstlerin, verheiratet und Mutter eines kleinen Jungen. Wer Saraj zum ersten Mal sieht, erlebt sie selbstbewusst und souverän. Doch hinter den Kulissen ist vieles anders. Die 30-jährige über ihren Zusammenbruch, eine ungewollte Schwangerschaft und ihren Weg zu einem neuen Gottesbild. Alles war voller Scherben, mit Blut verspritzt. Die Arme in Bandagen. Es war der 6. September 2011, der Tag nach meinem persönlichen 9/11 und der Zustand der Wohnung war ein Abbild meiner Lebensträume und meines Glaubens. Es war alles zersplittert. Ich konnte längst nicht mehr und dieser Anblick führte es mir nur zu deutlich vor Augen. Alles was mich, meinen Charakter, meine Fähigkeiten ausgemacht hatte, schien auf einmal blosse Einbildung gewesen zu sein. Über Jahre hatte ich Gott gefragt, was mein beruflicher Weg sein soll. Schon als Kind liebte ich die Bühne und als ich die Aufnahmeprüfung einer Musicalschule bestanden hatte, hielt ich dies für ein Zeichen. Zuerst ist auch alles gut gelaufen, nach Abschluss der Musicalausbildung hatte ich viele Engagements. Doch nach einem Jahr flaute es ab. Immer wieder fragte ich Gott, wo ich mich bewerben, wie ich vorgehen sollte. Immer wieder fragte ich nach Zeichen, ob der Weg noch richtig sei. Es kamen Bestätigungen von wildfremden Menschen, die mir sagten, ich hätte eine besondere Begabung für die Bühne, das sei mein Weg. Aber es wollte nicht mehr richtig klappen. Um mein berufliches Niveau zu halten, musste ich mich ständig weiterbilden, Unterricht nehmen und viel trainieren. Und um dies zu finanzieren, machte ich seit Jahren Promotionen. An einem Event musste ich in einem hautengen Ganzkörperkondom «Chrummi» verkaufen. Das sind Bauernzigarillos. Es war eine derartige Erniedrigung. Ich war wütend auf meine Auftraggeber, auf Gott und auf mich selbst, weil ich mich für diese Jobs immer wieder so verbiegen musste. Ich musste zeitlich, finanziell und auch von meiner Energie her so viel investieren und hatte dennoch immer weniger schauspielerische Engagements. Das ging einfach nicht auf und ich wollte nicht mehr auf so etwas angewiesen sein. So beschloss ich, Gott all das abzugeben. Ich fing wieder an, mich auf meinem ursprünglichen Beruf zu bewerben. Ich probierte alles, aber auch im kaufmännischen Bereich fand ich keinen Job. In mir drin entstand ein Überdruck: So oft hatte ich Gott nach seinem Weg gefragt und immer mein Bestes gegeben. Ich war bereit, meine eigenen Träume zurückzustellen und eine kaufmännische Stelle zu suchen. Ich wünschte mir so sehr, dass Gott sich endlich zeigen, mir ein Zeichen geben und die Richtung weisen würde. Aber wieder wollte es nicht klappen. Ich verzweifelte an meiner Person und allem, was ich geglaubt hatte.

Dieser Druck in mir drin wurde so übermächtig, dass ich eines Abends explodiert bin. In meiner Verzweiflung schlug ich mit den Fäusten gegen die Küchentüre. Dabei habe ich das Glas in der Türe durchschlagen. Mit mehreren grossen und tiefen Schnittwunden musste ich ins Spital zum Nähen. Das war am 5. September 2011. Nach diesem Zusammenbruch folgte eine Zeit der Depression und der völligen Verzweiflung. Meine Freunde haben dann für mich gebetet, auf Gott gehört und mir ihre Eindrücke weitergegeben. Diese Eindrücke waren das, woran ich mich in dieser Zeit festklammern konnte. Sie zeigten mir, dass Gott immer noch an meinem Leben interessiert war und den Weg mit mir weitergehen wollte. Während dieser Phase sagte ein Referent in meiner Beraterausbildung, er gebe sich immer ein bis zwei Jahre Zeit, um etwas zu verinnerlichen. Alles Schnellere sei utopisch. Da dachte ich mir: «Ok, ich nehme mir jetzt 1,5 Jahre Zeit, um diesen Gott kennenzulernen. Und zwar diesen Vater-Gott, diesen Schöpfer.» Denn ich bin christlich aufgewachsen, wusste sehr viel, war schon zuvor immer auf diesem Weg unterwegs und hatte auch viel mit Gott erlebt. Es war überhaupt kein toter Glaube. Aber ich merkte, dass es vorher immer darum gegangen ist: «Gott, was ist dein Weg für mich? Was ist dein Ziel für mich? Was soll ich tun? Gott, was soll ich noch lernen?» Es ging immer um mich und ich musste mir eingestehen, dass dieser Weg versagt hatte. Ich hatte es lange auf diese Weise probiert und es ist alles eingestürzt. Und so wollte ich mir 1,5 Jahre Zeit nehmen, um Gott als diesen Vater kennenzulernen. Als Schöpfer, der mich mit einem Gedanken erschaffen hat. Ich habe das ICH gestrichen und fing an, auf das DU zu fokussieren und zu fragen: «Gott, wer bist du? Was machst du? Wie bist du? Und warum bist du so?» So fing ich an mit regelmässigen Fatherfinding-Sessions zuhause auf dem Sofa. Das Buch «Vater» und später auch dasselbe Hörbuch von Geri Keller wurden zu meinen wichtigsten Begleitern.

Ich habe ein Ja zu dir. Dieses Ja zu dir habe ich auch, wenn du im siebten Monat schwanger bist und dein Kind nicht willst.

Zwischen all diesen Fragen und all der Enttäuschung über Gott kam der Schock: Ich war schwanger. Obwohl ich in meinem ganzen Leben nie einen Kinderwunsch verspürt hatte. Obwohl mein Ehemann eigentlich unfruchtbar ist. Ich hatte meinen eigenen Lebensentwurf aufgegeben. War es jetzt das, was Gott von mir wollte: Dass ich mich um ein schreiendes Kind kümmere? Ich beschloss aber, einfach mit den Fatherfinding-Sessions weiterzufahren und mir nicht

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zuviele Gedanken darüber zu machen, was das mit der Schwangerschaft sollte. In meinen Fatherfinding-Sessions spürte ich immer wieder, dass Geri Keller mehr von diesem Vater-Gott erfahren hat und näher an ihm dran ist als ich. Ich spürte die Wahrheit, die Gott durch ihn zu mir sprach: Der einzige Grund, warum Gott mich geschaffen hat, ist, mit mir in Beziehung zu treten. Er hat mich aus seinem Herzen geschnitten, geformt und mir einen freien Willen geschenkt, weil er mich liebt. Weil er sich nach mir sehnt und nach meinem freiwilligen Wunsch, ihm nah zu sein und ihn kennenzulernen. Ihn so kennenzulernen, wie er wirklich ist. Zu erkennen, wie gross sein Herz ist. Immer wieder habe ich Bäche geheult, weil Gott mir begegnet ist und weil mir bewusst wurde, dass Gott viel weiter und grösser ist, als ich jemals erfassen werde.

Vor dem Fotoshooting wird Sarajs Bauch von ihrer Schwester Naëmi bemalt.

Doch der Kinderwunsch wurde nicht grösser. Ich war inzwischen im siebten Monat schwanger und ich konnte mir das Leben mit einem Kind schlicht nicht vorstellen. Ich bin daran fast verzweifelt, weil ich weiss, welche Konsequenzen es für ein Kind hat, wenn es nicht gewollt ist. Das ist eine Katastrophe für die Identität des Kindes. Und doch hätte ich lügen müssen, um zu behaupten, dass ich mich darauf freue. Im Hörbuch erzählte dann Geri Keller, wie Gott ihm gesagt hatte: «Die einzige Lektion, die du lernen musst, ist, dass Gnade Gnade ist. Meine Gnade kannst du nicht verdienen. Und wenn ich mich entschieden habe, dich, Kerl, zu brauchen, wenn ich dich will als meinen Sohn, dann habe ich das gefälligst entschieden – nicht du.» Und dann sprach Gott zu mir selber und sagte: «Ich habe ein Ja zu diesem Kind und mein Ja ist grösser, weiter und besser als das beste Ja von der besten Mutter, die ihr Kind mehr liebt als alle anderen. Und ich habe ein Ja zu dir. Nicht weil du das Kind willst, sondern einfach weil ich ein Ja zu dir habe und es nichts auf der Welt gibt, was dieses Ja kaputt machen könnte. Dieses Ja zu dir habe ich auch, wenn du im siebten Monat schwanger bist und dein Kind nicht willst.» Diese Worte haben mich, mein Denken und mein ganzes Wesen völlig neu definiert. Auch heute bin ich immer noch überwältigt davon und bin immer noch daran, dieses Ja von Gott zu verdauen. Und ich werde mich jeden weiteren Tag meines Lebens von diesem Ja ernähren, es kauen, es verarbeiten. Es ist, als wären diese Worte zu meiner neuen DNA geworden und ich wünsche mir, dass sie mit jedem weiteren Tag noch tiefer in mir drin verankert werden. Durch diese Worte habe ich wieder Boden unter die Füsse bekommen und das hat sich seither nie mehr verändert. Ich habe zum ersten Mal verstanden, dass es nicht darum geht, Gott besser nachzufolgen oder mir etwas anzutrainieren. Gott zeigte mir, dass er jeden Einzelnen von uns aus seinem Herzen heraus geschnitten hat. Jeder Einzelne repräsentiert Teile davon, wie Gott ist. Ich muss nicht sein wie irgendjemand anderer. Und ich muss auch kein besseres Ich werden. Mein Job ist es, auf Gott zu schauen und dadurch kann das, was Gott in mich hineingelegt hat, wieder näher an ihn und an seinen Plan mit mir herankommen. Wenn ich Gott besser kennenlerne, passiert alles andere automatisch.

Inzwischen ist Morijah ein Jahr alt. Ich weiss nicht, was ich dazu sagen kann. Ich liebe ihn von Herzen. Morijah bedeutet «Sicht Gottes». Es ist aber auch der Name des Berges, auf den Abraham ging, um Isaak zu opfern. Gott hatte Abraham und seiner Frau einen Sohn verheissen und Isaak war dieser einzige Sohn. Er war Abrahams Lebensverheissung. Aber Gott wollte wissen, ob Abraham ihn wirklich liebt, ihm vertraut. Und ich glaube das ist auch die Frage, die Gott mir stellt: «Bist du Christ, weil du den besten Segen auf deinem Leben willst oder liebst du mich wirklich?» Auch die 1,5 Jahre, in denen ich Gott als meinen Vater kennenlernen wollte, sind jetzt vorbei. Mit den Fatherfinding-Sessions habe ich nicht mehr aufgehört. Es hat sich beruflich immer noch keine totale Neuausrichtung ergeben. Ich konnte mir zwar mit der Beratungstätigkeit ein Standbein aufbauen, das mir sehr Spass macht. Doch meine ganz grosse Liebe gehört immer noch der Bühne. Aber mein Fokus ist jetzt, Gott Raum in meinem Leben zu machen und er bestimmt den Rest. Das ist eine Entscheidung, die ich immer wieder treffen muss. Ich will nicht mehr davon abhängig sein, wie gut ein bestimmter Teil meines Lebens läuft, sondern ich möchte einfach diesen Gott besser kennenlernen. Denn das, was ich aus meiner Kraft geleistet habe, hat völlig versagt. Heute bin ich froh darum, denn sonst hätte ich damit nie aufgehört. Und während meiner Schwangerschaft habe ich irgendwann gemerkt, dass ich lieber fett und schwanger auf den Knien von diesem Gott sitzen will, als auf irgendeiner Bühne zu stehen, wo Gott nicht ist. Das muss schrecklich sein.

*

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(Hör)buchtipp: «Vater. Ein Blick in das Herz Gottes» von Geri Keller In dieser Sammlung von Predigten malt Geri Keller das Bild eines Gottes, der weder distanziert und unnahbar noch kleinlich und überfordernd ist, sondern unendlich leidenschaftlich und unsere menschlichen und religiösen Vorstellungen von Gott immer wieder radikal in Frage stellt. Es sind die Worte eines Mannes,bei dem man merkt, dass er das, wovon er spricht, offensichtlich selbst erlebt hat.


TEXT: RES HUBLER / FOTOS: JAN STOLLER

VAT E R- S O H N S P E C I A L

Die Krone meines Vaters


Um seinem Vater zu gefallen, reichten weder gute Noten, noch Gault Millau-Sterne. Nichts war gut genug und der Druck, der auf ihm lastete, war schier unerträglich. Res Hubler über die schwierige Beziehung zu seinem Vater.

Er starb zuhause, in den frühen Morgenstunden des 3. März 2003. Meine Mutter, meine Schwester und ich begleiteten ihn auf diesem Weg. Er durfte in Frieden gehen, ohne Schmerzen und ohne Todeskampf. Während diesen letzten Tagen konnte ich mit ihm beten und ich bin zuversichtlich, dass er im Vertrauen auf Gottes Gnade heimgehen durfte. Damit fand eine schwierige und belastete Vater-Sohn-Beziehung einen gesegneten Abschluss. Ich empfand an seinem Sterbebett eine Liebe zu meinem Vater wie nie zuvor in meinem ganzen Leben. Schon als Kleinkind war er mir fremd. Ich hatte den Eindruck, dass ihm die »Krone« viel wichtiger sei als ich, und das blieb so bis zu seinen letzten Tagen. Die «Krone» ist unser traditionsreicher Gasthof in Bätterkinden, seit 1838 im Besitz unserer Familie. Ich bin die fünfte Generation in der Hubler–Krone-Dynastie. Das war einerseits ein Privileg aber ande-

Die Männer vor Res: vier Generationen Hubler-Wirte.

rerseits eben auch eine Hypothek, weil der Erhaltung dieser Tradition oberste Priorität eingeräumt wurde, auf Kosten von persönlichen Wünschen und Bedürfnissen. Weil ich einziger Sohn war, lastete die ganze Hoffnung meines Vaters auf mir. Das empfand ich schon von früher Kindheit an als schwere Bürde. Jahrelang hatte ich das Gefühl, davon erdrückt zu werden. Erst Jahrzehnte später realisierte ich, dass Vater ebenfalls ein Opfer von Tradition, Erwartungen und Leistung gewesen war und

dass er wahrscheinlich genauso darunter gelitten hatte wie ich. Während meiner Kindheit hatten wir keine Wohnung. Die Eltern, meine zwei Jahre ältere Schwester und ich hatten je ein Schlafzimmer. Das Badezimmer lag neben den Gästetoiletten und wir mussten denselben Korridor benutzen wie diese. Ein Wohnzimmer oder eine private Küche gab es nicht. Wir hatten sozusagen keine Privatsphäre und kaum ein Familienleben. An den Wochenenden herrschte im Gasthof Hochbetrieb und an den Abenden meistens auch. Mutter musste sich die Zeit für uns stehlen. Vater erlebten wir vorwiegend als geschäftliche Autorität, als Menschen eigentlich fast nur während den sehr spärlichen Ferien. Er hat nie mit uns gespielt oder Aufgaben gemacht, geschweige denn Freizeit mit uns verbracht. Wärme und Geborgenheit fand ich bei Mutter und der Grossmutter. Vater war und blieb mir fremd. Ich war ein kränkliches Kind, litt als Baby unter «echtem Milchschorf» und später, fast während der ganzen Schulzeit, unter Asthma. Aus diesem Grund war ich meistens vom Turnunterricht dispensiert und konnte keinen Sport treiben. Ich weiss nicht, wie Vater damit umging. Geäussert hat er sich dazu nie. Aber ich hatte natürlich Minderwertigkeitsgefühle. Als Junge möchte man doch gerne kräftig und sportlich sein. Ich war sehr sensibel und eher musisch als kämpferisch. Entsprechend schlimm erlebte ich die raue Atmosphäre, die in der Küche herrschte, in unserer ebenso wie dazumal eigentlich in jeder anderen auch. Vater fluchte viel und es verging kaum ein Wochenende, ohne dass meine Mutter oder eine der Mitarbeiterinnen weinte. Eines Tages lieferte der «Tube-Duri» Forellen, die dann im Brunnen hinter der Küche schwammen, bis sie auf Bestellung geschlachtet und »blau« oder nach Müllerinart zubereitet wurden. Beim Wägen haute Vater den Duri irgendwie übers Ohr. Ich kapierte zwar nicht wie, aber als er es mir stolz erklären wollte, brach für mich eine Welt zusammen. «Händele» nannte er das. Für mich war es abscheuliches «Bschysse». Mein Vertrauen war erschüttert. Ich verachtete ihn. Ich verachtete zum Beispiel auch die Unterwürfigkeit, mit welcher man damals im Allgemeinen und mein Vater im Besonderen

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Diesmal kam der Frust aus einer VIPs behandelte. Herr Doktor hier ganz andern Ecke: Ich musste mir und Frau Direktor dort, «Grüessech ernüchtert eingestehen, dass mich Herr Oberst» und «ja gerne, Frau die Freiheit, ohne Verpflichtung Grossrat. » und Termine tun oder lassen zu Das Wort «Stress» gab es, können, was ich wollte, auch nicht glaube ich, damals noch nicht, frei machen. Stress dafür umso mehr. «Chramp26-jährig landete ich wieder fe», Geld verdienen, «öppis wärde». in der «Krone». In erster Linie, um – andere Parameter kannte ich in meiner Mutter beizustehen, die meinem Leben nicht. Selbst Ferien schlicht am Ende ihrer Kräfte war. waren aufreibend, wenn Vater Max Hubler (1914 - 2006, rechts) und sein Sous-chef in Aktion. Ich entlastete sie im Service, Vater unseren Opel über zig Alpenpässe regierte die Küche. Es ging mehr schlecht als recht. Vater war Matequälte, mit einer todmüden Ehefrau neben sich und uns gelangweilten Kindern hinten drin. Und dann besuchten wir unzählige rialist, misstrauisch, nachtragend und negativ denkend. Dabei lief Wirte-Kollegen und «führende Gasthäuser», wo meine Eltern mit den das Geschäft sehr gut, und er hätte gute Gründe gehabt um fröhlich, Inhabern fachsimpelten derweilen wir Kinder artig ausharrten. dankbar und zufrieden zu sein. Das Thema Berufswahl wurde gar nie angesprochen. Von der Ich weiss nicht, ob es psychisch oder physisch bedingt war, Wiege an war klar, dass ich die Krone weiterführen und eine entsprejedenfalls fiel ich in ein tiefes schwarzes Loch von Depressionen und chende Ausbildung durchlaufen würde. Nach der Sek in Bätterkinden Panikattacken. Dank Psychiater und entsprechenden Medis konnte ich weiterhin »funktionieren« das wurde ich ins Welschland in ein kaheisst arbeiten. Aber mehr nicht. tholisches Institut gesteckt. Lernen Ich hasste den Vater und ich hasste und Büffeln war angesagt. Dazu mich selber, weil ich weder Vision vierzehn offizielle Gebete pro Tag, noch Mut hatte, um einen eigenen zwei Stunden Ausgang pro Woche. Weg einzuschlagen. Nächteläng Nach einem Jahr schloss ich als malte ich mir aus, wie ich mich Bester von allen 140 Schülern ab. durch Suizid befreien und damit Anschliessend durfte ich für gleichzeitig rächen könnte. Aber fünf Monate in eine Sprachschule dazu fehlte mir der Mumm und ich nach England. Dann begann meine hasste mich noch mehr. Kochlehre im «Schweizerhof», Von Klein auf hatte Mutter uns Kinder beten gelernt und Gedem damals führenden Hotel der Stadt Bern unter dem legendären Ernesto Schlegel als Küchenchef. Drei Jahre später legte ich mit einem schichten aus der Bibel erzählt. Sie war sanftmütig, fürsorglich und Notendurchschnitt von 5.8 die beste Prüfung des Kantons ab. Bei der liebenswürdig. Sie schlichtete und tröstete, wo Vater Porzellan zerAbschlussfeier waren weder meine Eltern noch jemand vom Lehrschlagen hatte. Ich hatte wahnsinnig Mühe, sie unter Vaters negativer Art und der Überlastung durch den Betrieb so leiden zu sehen. Die betrieb dabei. Niemand hatte Zeit. Aber die Karriere musste weiter Kluft zwischen Vater und mir wurde tiefer. aufgebaut werden. Ich trat in die Hotelfachschule Lausanne ein und Nach einigen Jahren Psychiater und Medis suchte ich Hilfe bei schloss auch diese mit Auszeichnung ab. der Quelle wo auch Mutter Kraft schöpfte. Jesus. Bis dahin hatte ich den Erwartungen meines Vaters entsproAn einem schönen Ferientag setzte ich Therapie und Medichen, wahrscheinlich sogar seine Träume erfüllt. Aber ausdrücken konnte er das kaum und es machte ihn weder glücklich noch zufriekamente ab, begann die Bibel zu lesen und eine ganz persönliche Beziehung zu Gott aufzubauen und zu pflegen. Ein Prozess von Vergeden. Frust pur machte sich breit! Nun wollte ich ausbrechen, das väterliche Korsett abschütteln! bung , Heilung und Verstehen setzte ein. Ich erkannte aber auch viele Ich suchte Glück und dunkle Stellen in meinem Leben, die ich bekennen und in Ordnung Freiheit in ausschweibringen musste. Damit war ich zwar auf dem richtigen Weg, aber die Beziehung zu meinem Vater sollte noch Jahrzehnte lang die Baustelle fendem Leben und Nummer eins in meinem Leben bleiben. einer Reise nach AmeNoch vor dieser entscheidenden Wende heiratete ich meine rika. Mit Jobs in Ontario und Michigan verdiente Traumfrau Therese. Sie war eigentlich nur für eine Sommersaison bei uns in der «Krone» als Betriebsassistentin engagiert. Daraus sind ich genug Dollars, um inzwischen fünfunddreissig «Jahresstellen» geworden. 1978 übernahanschliessend fünf Monate lang bis Buenos men wir den Betrieb und in den folgenden zehn Jahren wurden wir Aires zu trampen. glückliche Eltern von Susanne und Barbara.

«Ich hasste den Vater und ich hasste mich selber, weil ich weder Vision noch Mut hatte, um einen eigenen Weg einzuschlagen.»

Hublers «Krone»

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Meine Eltern wohnten nur ein paar Schritte von der «Krone» entfernt in einem grossen Haus. Vater kam jeden Tag ins Geschäft und belastete die Atmosphäre mit seiner Kritik, seinen Ängsten, Zweifeln und Bedenken. Er war zwar stolz auf unsere Erfolge und verteidigte die «Krone» gegen aussen. Aber weder unsere siebzehn Punkte im Gastroführer Gault Millau noch die Auszeichnung mit einem MichelinStern konnten ihn glücklich machen oder davon überzeugen, dass die «Krone» bei meiner Frau Therese und mir in kompetenten Händen lag. Mit ihm konnte ich nicht rational diskutieren und argumentieren. Seine Ängste und Sorgen waren schlichtweg krankhaft. Er hatte keine Hobbies und kaum andere Interessensgebiete als die Gastronomie. Somit konnten Konversationen auch nicht auf eine andere, entspanntere Ebene als die geschäftliche gelenkt werden. Als Therese und ich begannen, uns als Christen zu «outen», führte das in eine ganz neue Dimension von Spannungen. Ich schrieb Kolumnen unter dem Titel «Der Seelenwirt» in der «Wirte-Zeitung» und war gelegentlich Gast bei Podiumsgesprächen. Vater machte mir deswegen Vorwürfe. Es sei geschäftsschädigend, warf er mir vor. Das traf leider tatsächlich und schmerzhaft zu, aber wir waren trotzdem nicht bereit, diesbezüglich Kompromisse einzugehen. So kam zu un-

«Erst Jahrzehnte später realisierte ich, dass mein Vater ebenfalls ein Opfer von Tradition, Erwartungen und Leistung gewesen war.» serer schwierigen Beziehung auch noch die geistliche Barriere dazu und diese blieb geschlossen bis, wie erwähnt, zu seinen letzten Tagen. Mein Vater war kein schlechter Mensch und kein böser Mann. Den Lebensabend erlebte Mutter sogar gut mit ihm. Mehr als einmal sagte sie: «Ar isch ä Liebä worde.» Und Aussenstehende nahmen ihn durchaus als liebenswürdig wahr. So erlebten ihn, Gott sei Dank, auch unsere Töchter. Sie hatten ihn fest lieb. Doch er war gefangen und versklavt von Geschäft, Geld und Prestige. Er litt schrecklich darunter, Mutter, Therese und ich auch. Es war tragisch. Aber wir durften versöhnt und in Frieden Abschied nehmen. Ich glaube, dass er die «Krone Bätterkinden», gegen die Krone des Lebens eintauschen durfte. Und ich ging geheilt, gestärkt und gereift aus dieser jahrelangen Lebensschule hervor — Gott sei Dank!

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Siebzehn Gault Millau-Punkte und ein Michelin-Stern: Spitzenkoch Res Hubler.


VAT E R- S O H N S P E C I A L

Teilzeit-Vater Vater werden, das wollte Beni Gerber bereits als Jugendlicher. «Eine Familie zu gründen war für mich immer die höchste aller Karrieren», sagt er. Zu 100 Prozent arbeiten und am Wochenende feststellen, dass seine eigenen Kinder ihm gegenüber fremdeln? Keine Option für Beni. Lieber wollte er seinen Kindern auch unter der Woche als Papa zur Verfügung stehen und miterleben, wie sie aufwachsen und sich entwickeln. Als junger Erwachsener traf Beni auf Debi. Ihr Traum war es, sich als Fotografin selbstständig zu machen und ein eigenes Fotostudio einzurichten. Vor sechs Jahren

Vater ist man(n) noch schnell einmal. Ein guter Vater, das ist bereits etwas schwieriger. Auch Beni Gerber (32) hat sich Grosses vorgenommen. Dass er ein aktiver, gerechter und toller Vater sein will, war für ihn schon immer klar. Jetzt wird dieser Vorsatz von seinen Söhnen täglich auf die Probe gestellt. Und nicht selten muss Beni sich eingestehen, dass er einmal mehr gescheitert ist. TEXT: PRISCILLA SCHRANZ / FOTOS: DEBI GERBER

heirateten die beiden. Sie waren sich von Anfang an einig, dass sie die Familienarbeit im Jobsharing bewältigen wollten. Das Leben ist wie eine riesige Sandburg, so fasst das eine deutsche Journalistin zusammen: Tritt ein Kind in das Leben von Erwachsenen, kommt es wie eine grosse Welle daher. Der ganze Bau wird weggespült. Zwar ist der Sand noch da, aber nur noch als formlose

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Masse, aus der Stück für Stück wieder eine neue Sandburg gebaut werden muss. Beni wusste Bescheid über die Welle, die da kommen würde. Trotzdem, als sein erster Sohn Jaron geboren wurde, war die Umstellung heftiger als er erwartet hatte. Die Geburt seines ersten Kindes beschreibt er heute als die grösste Zäsur in seinem Leben seit seiner eigenen Geburt. «Kein anderes Ereignis war


so einschneidend, nichts anderes hat in meinen 32 Lebensjahren so vieles auf den Kopf gestellt», sagt er. Knapp einen Monat vor Jarons Geburt hatte Beni eine neue Stelle angetreten. Neben der Einarbeitung in seinen Job warteten zuhause die vielen neuen und noch unvertrauten Aufgaben eines Vaters auf ihn. Jaron weinte oft. Lange fanden Beni und Debi keine Ursache für sein Schreien, bis sich schliesslich herausstellte, dass der Kleine beim Stillen zu wenig Nahrung erhielt. Ihr Elternsein war mit vielen, oftmals überwältigenden Emotionen verknüpft. Trotz der Herausforderungen wünschten sich die beiden ein zweites Kind. Ein Jahr und drei Monate später wurde Jascha geboren. Die vier Gerbers haben sich als Familie eingelebt und den Bau einer neuen Burg in Angriff genommen. Vieles ist bereits gebaut, hier und da stehen noch Gerüste. Gerbers Familienburg ist kein Rokoko-Schloss, es gibt immer irgendwo eine Baustelle. Manches muss umhergeschoben oder neu aufgestellt werden. Dabei kommen immer wieder kleine Wellen, welche die Arbeit erschweren. Mit diesen ist Beni täglich konfrontiert, zum Beispiel in der frisch aufgeräumten Wohnung: «Eben hast du Ordnung geschaffen und damit ein Stück Burg gebaut. Dann stehen die Kinder auf, essen in der Küche, kleckern alles voll und schon ist das Stück Burg weg. Wenn die Kinder noch klein sind, kommen solche Wellen immer wieder. Du kannst dich entweder entscheiden, den Sandhaufen für diesen Teil der Burg vorerst so zu belassen. Oder du baust ihn neu im Wissen, dass er nicht lange stehen bleibt.» Debi arbeitet Teilzeit als Fotografin, Beni hat an der Berufsmaturitätsschule in Zollikofen eine 50%-Anstellung als Lehrer. Freitags besucht er eine Weiterbildung. Nicht immer fällt es ihm leicht, den Job seinem Karriereziel «Familie» unterzuordnen: «Als ich Vater wurde, habe ich bald gemerkt: Jetzt müssen meinen grossen Worten Taten folgen. Es kostet mich etwas, ich muss auf manches verzichten.» Manchmal wäre es verlockend, mehr zu arbeiten, sich Aufgaben zu widmen, die er mit seinem reduzierten Pensum nicht übernehmen kann. Verzicht ist auch in anderen Lebensbereichen nötig. Beni ist oft nicht dabei, wenn seine Smallgroup-Jungs

spontan ausgehen oder ein Wochenende im Tessin verbringen. Sonst käme Debi zu kurz, die dann immer zuhause bleiben und zu den Jungs schauen müsste. Sowohl Beni als auch Debi brauchen einen Ausgleich zum Familienalltag. Beni findet diesen im Worship Minstry, wo er regelmässig Bass spielt. Daneben hat nicht mehr viel anderes Platz. «Du bringst nie alles unter einen Hut, du musst Prioritäten setzen. Mir sind das Vatersein und meine Beziehung zu Debi wichtig. Der Job muss sein, mein Sozialleben und meine Hobbys kommen manchmal zu kurz.» Jede Woche im Alltag von Gerbers erfordert eine gute Planung. Zeiten als Familie zu viert sind zuweilen selten. Es ist schwie-

perament ihres Vaters wenig stören: «Es kam schon vor, dass Jaron sich einfach die Ohren zuhielt, wenn ich laut schimpfte. Oder lachte, wenn ich genervt war», Beni schmunzelt. Beni hat den Anspruch, seine beiden Kinder stets gerecht zu behandeln. «Aber ich erlebe immer wieder, dass ich dabei versage.» Er beschreibt dies mit einem Beispiel: «Kürzlich sagte ich Jaron, dass er gleich mit seiner Mutter in die Stadt fahren dürfe, während Jascha noch Mittagsschlaf halten werde. Als es soweit war, rannte Jaron strahlend ins Kinderzimmer, um seinen kleinen Bruder zu wecken.» Der Plan wäre allerdings gewesen, dass Jascha weiterschläft und Beni Zeit zum Arbeiten hätte. »Ich ärgerte mich über Jaron,

Sandhaufen statt Sandburgen: Beni Gerber mit seinen Söhnen Jaron (l.) Jascha (m.).

riger geworden, Zeit als Paar zu finden, seit die Kinder da sind. Beni weiss, dass auch die aktuelle Situation nur eine Lebensphase ist. «Im Moment müssen wir deutlich zurückstecken. Aber später ist wieder mehr Luft da für anderes.» Eine der grössten Herausforderungen als Vater sieht Beni in seiner explosiven Art. In manchen Situationen reagiert er zu heftig. Dies ist für ihn nicht einfach, zumal er seine reflexartigen Handlungen schon kurze Zeit später bereut. Jascha und Jaron hingegen erwecken den Eindruck, als würde sie das Tem-

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weil dieser soeben den Nachmittagsplan über den Haufen geworfen hatte und tadelte ihn. Jaron weinte und sah irritiert aus. «In dem Moment wurde mir klar, dass Jaron mich nicht provoziert hatte, sondern ganz einfach meine Erklärungen nicht verstanden hatte.» Nicht immer ist es als Erwachsener leicht, nachzuvollziehen, was im Kopf eines Kindes vorgeht. Einmal hatte Jaron viele Kissen auf dem Balkon ausgelegt. Jascha stampfte begeistert darüber, worauf Jaron ihn wütend wegschickte. Weinend eilte Jascha zu seinem Papa. Beni forderte Jaron auf, seinen


Bruder mitspielen zu lassen. Nun brach Jaron in Tränen aus und erklärte schluchzend, die Kissen seien Kuchen, welche er zum Auskühlen auf den Balkonboden gelegt habe. Jascha habe soeben alle zerdrückt. «Manchmal kann ich die Erlebniswelten von Jascha und Jaron nicht vereinen. Wenn ich versuche, Jaron gerecht zu werden, tue ich Jascha unrecht, weil er die Situation nicht verstehen kann — und umgekehrt. Heute würde ich vermutlich versuchen, Jaron die Kuchen zu lassen und Jascha andere Kissen zu geben.»

«Schliesslich dressiere ich keine Pudel, sondern begleite meine Kinder auf ihrem Weg zu mündigen Persönlichkeiten.»

Beide Male besprach Beni alles mit seinen Söhnen und entschuldigte sich. Denn eines ist ihm wichtig: «Jaron und Jascha sollen wissen, dass ich sie immer liebe, egal, was ist.» Daran scheinen die zwei Kleinen keine Sekunde Zweifel zu hegen. Während Beni erzählt, spielen sie am Boden mit Duplo-Steinen, Fahrzeugen und Stofftieren. Einmal stolpert Jaron und fällt um. Sofort eilt er zu seinem Vater, wo er in den Arm genommen und getröstet wird. Etwas später ärgert sich Jascha, weil sein grosser Bruder ihm ein Spielzeug entrissen hat. Beni äussert ein paar schlichtende Worte und ermuntert die beiden zum Weiterspielen. Beni scheint sehr im Hier und Jetzt zu leben und geniesst viele schöne Momente mit Jaron und Jascha. Ihre strahlenden Gesichter, das glucksende Gelächter der beiden. Umarmt zu werden und eine kindliche Liebeserklärung zu erhalten. Gemeinsam friedlich ein Buch anzuschauen oder Steine in einen Fluss zu werfen. Entwicklungsschritte mitzuverfolgen. «Plötzlich merkst du, dass das, was du weitergibst, Wurzeln schlägt. Kürzlich ist Jaron umgefallen und hat geweint, da ist Jascha gekommen und hat ihn umarmt. Das sind

richtige Highlights.» Genau davon träumt Beni: Dass seine zwei Söhne immer mehr zu einem Team werden, zu Freunden, welche gemeinsam durch dick und dünn gehen. «Ich möchte, dass sie zu geradlinigen, aufrechten Männern werden, welche ihre Werte vertreten und dafür aufstehen.» Beni wünscht sich, dass die Beiden einmal selber Was haben Väter, was Mütter nicht haben? zu Familienvätern werden und gesunde Beziehungen leben dürfen. Arbeitgeber, welche mehr Flexibilität zeigen. Beni hat klare Vorstellungen davon, wie Seine Kinder erlebt Beni als Bereicherung, er seine Kinder erziehen möchte. Er möchte er möchte sie nie mehr missen. «Bevor man seinen Kindern aber nicht einfach ein Verhal- Kinder hat, kann man sich nicht vorstellen, wie sehr man sie einmal lieben wird. Es wäre ten antrainieren. Sie sollen auch nachvollzieeine Katastrophe, wenn Jaron und Jascha hen können, warum dieses Verhalten Sinn nicht mehr da wären.» macht. Und lernen, dass sie die KonsequenSandburgen werden nie für die Ewigkeit zen ihrer Entscheidungen selber tragen müserbaut. Sind es nicht Wellen, so ist es der sen. «Schliesslich dressiere ich keine Pudel, sondern begleite meine Kinder auf ihrem Weg Wind, der sie irgendwann austrocknet und zu mündigen Persönlichkeiten», sagt er. Jeden verweht. Mit viel Liebe und Kreativität haben Abend beten Beni und Debi für ihre Jungs. Sie Gerbers auf festem Grund das Fundament für eine neue Burg gelegt. Es ist inspirierend, legen sie in Gottes Hände und bitten ihn, ihihnen beim Bauen zuzusehen. nen nahe zu sein. Sie bitten Gott darum, dass er sie als Eltern in der Erziehung leitet und die Fehler ausgleicht, die sie dabei machen. Es ist Gerbers wichtig, dass ihre Kinder Jesus kennenlernen und eine Beziehung zu ihm aufbauen können. Was haben Väter, was Mütter nicht haben? Beni muss nicht lange nachdenken: «Ein Vater kann einem Kind mitgeben, was es heisst, als Mann zu leben. Das mag banal klingen. Aber ich denke, dass Männer und Frauen auch abgesehen von körperlichen Unterschieden nicht gleich sind und unterschiedlich funktionieren. Ein Vater kann seinen Söhnen vorleben, wie man gut mit einer Frau umgeht. Ein Kind braucht beides, einen Vater und eine Mutter. Gott hat sich das so ausgedacht. Zusammen bilden sie ein Team und können viel weitergeben.» Beni würde sich immer wieder für eine Familie entscheiden. Und dabei als Vater eine aktive Rolle wahrnehmen. Er wünscht sich, dass auch andere Väter entdecken können, wie wertvoll es ist, viel Zeit in die Familie zu investieren. Gleichzeitig betont er, dass es vielen Männern noch nicht möglich ist, Teilzeit zu arbeiten. Er wünscht sich eine Gesellschaft, die familienverträgliche Jobs anbietet,

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ICF Bern Magazin 7/2013  
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