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BALZRUF DES LANDADELS

Mark stierte über seine Espressotasse hinweg in Carmens beeindruckende Grünaugen, die ihn an eine fleischfressende Pflanze erinnerten und jedes einzelne ihrer Worte unterstrichen. Er war fasziniert von diesem 5-Sternedeluxe-Gesicht. Die Wort-Fluten, die Carmen dabei ausstieß, überforderten seinen Arbeitsspeicher allerdings zu dieser Uhrzeit. Sein Hirn leitete nur etwa jedes fünfte Wort an Marks Bewusstsein weiter – den Rest löschte es gleich wieder. Dabei hatte Carmen eine Stimme, die jedem Hörfunkredakteur eine Gänsehaut aufs Trommelfell getrieben hätte. Und sie hatte Feuer. Außerdem sah sie aus wie die kleine Schwester von Collien Fernandes, und dieses Paket weckte Marks unmittelbaren Beutetrieb. Er grinste. Doch irgendein verirrtes „Aber“ schwirrte Mark durchs Bewusstsein, taumelte mal hier und mal da gegen seine Aufmerksamkeitsfilter, fiel hin, stand wieder auf, klopfte gegen seinen Verstand und hielt ein riesiges Warnschild mit einem Venuszeichen hoch. Plötzlich formulierte sich ein irritierender Parallelgedanke in seinem Bewusstsein …

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‚Hallo?! Bist du eigentlich total zernagelt? Du flirtest hier mit der Mitbewohnerin einer Frau, die du gestern gegen deinen Willen flachgelegt hast! Oder zumindest ohne dein Zutun. Die kann jede Sekunde reinkommen und Stress machen!! Flieh, kleiner Hobbit, flieh!!!‘ Aus irgendeinem Grund sprach Carmen gerade von der SpoHo. Mark nutzte die Chance, nahm das Stichwort auf und leitete zum direkten Ausstieg über. „Du studierst auch an der Sporthochschule?! Dann lass uns mal in der Auszeit treffen.“ Mark war seit Monaten weder im Spoho-Café noch an der Sporthochschule selbst gewesen. Aber Carmen schien ein Spitzengrund, das zu ändern. „Du bist an der Spoho?“ Sie stieß ein ansteckendes Aschenbecherlachen aus, „ich fass es nicht. Echt?“ Mark verband sein Nicken mit einem möglichst sportlichen Blick. Carmen geierte. „Dann versteh ich auch die Bodenturn-WM von heute Nacht.“ Mark verschluckte sich an einem Milchschaumatom – Carmen hatte heute nacht mitgehört? Verdammt. Natürlich! Doch sie wirkte null abgeschreckt. Vielleicht sogar interessiert? © eckermann&müller Prologe „Wir vom Neptunplatz“

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„Das unsterbliche SpoHo-Barmann-Klischee …“, Carmen schenkte Mark einen weiteren Stoß ihres Aschenbecherlachens. „Ich dachte, du bist Teilhaber im Glamrock. Zumindest hat Eva sowas gesagt.“ „Na ja“, er ließ diese beiden Unverbindlichkeits-Joker kurz im Raum stehen und verzichtete auf weitere Klarstellung. Wenn Katze, seine Chefin im Glamrock, den Satz samt „Na ja“ gehört hätte, sie hätte seine Augäpfel gekocht und an die Ratten verfüttert. Carmen grinste ihn jetzt an wie Ka den kleinen Mogli. „Dann komm ich doch lieber in deinen Laden. Ist doch eh viel netter. Wir wollen ja nicht übers Studium quatschen. Hoffe ich.“ Mark genoss Carmens Balz. Doch plötzlich poppte das „Aber“ wieder auf. Und zwar in Gestalt von Eva, die verschlafen die Tür zur WG-Küche aufschob, zum Kühlschrank taumelte, eine Plastikflasche Sprudel rauszog, ansetzte und mit gewaltigen Kehlkopf-Situps vernichtete. Sie saugte und saugte, verbiss sich fast im Flaschenrand. Dann riss sie die leere Flasche von den Lippen, warf sie in die Spüle und schickte einen kohlensauren Rülps Richtung Zimmerdecke. „Hmmm“, schwärmte Carmen ironisch, „der Balzruf des Landadels.“

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„Kauf halt Wasser ohne Blubber“, blaffte Eva. Dann sah sie Mark. Carmen?? Mark!! Ihr Gesichtsausdruck rochierte von Liebe zu Hass zu Liebe. „Ach, du bist ja noch da“, in einem mädchenhaften Reflex schob sie ihre Hand vor den Mund. „Sorry.“ Mark verdrängte die fauligen Höhlen-Bilder aus seinem Alptraum und versuchte ein unschuldiges „Wir … haben übers Studium gequatscht.“ Er tauchte zum Abschied kurz in den Nektar von Carmens Augenkelchen, versuchte dann einen Blick knapp an Eva vorbei auf die Küchenuhr. „So, ihr beiden, ich muss jetzt aber wirklich.“ Damit sprang er auf, griff nach seinem Mantel, zwinkerte Carmen zu, ignorierte Evas „Kussi!“ und verschwand. Raus aus diesem Duell. Zurück in sein eigenes Leben.

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BUNDESWEHR-PR

Ihre Ängste und Sorgen wegen der SMS des Majors hatte Rudi in den letzten zwei Stunden im Bree-Van-De-Kamp-Modus weggeputzt, weggesaugt und poliert. Bad, Küche und Flur waren jetzt blitzblank, sogar die Fenster hatte sie geputzt. Okay, die Fenster der Jungs hatte sie ausgespart, aber dafür hatte sie sich das Wohnzimmer vorgenommen – in dem neuerdings das Sofa fehlte, seit irgendeine Tussi es mit einem THCbeschleunigten Trampolinsprung in Dutzende Kleinteile zerlegt hatte. Geschafft saß Rudi in der erstaunlich gemütlichen Küche auf einem erstaunlich stabilen Stuhl und beobachtete den dampfenden Wasserkocher. Sie hatte gute Arbeit geleistet, die Wohnung konnte sich sehen lassen. Selbst der Major wäre zufrieden. Der Kocher begann zu brodeln, und wie durch Zauberhand floss durch ein unsichtbares Loch in der Nähe des Griffs ein Rinnsal kochend heißes Wasser. Rudi stand auf, hob den Kocher vorsichtig an und goss einen Schwall Wasser über den Beutel Schwarztee in ihrer Worf-Tasse. Die hatte Hannes ihr vor Jahren aus New York mitgebracht. Hannes. Oh Gott. © eckermann&müller Prologe „Wir vom Neptunplatz“

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Hoffentlich war er unverletzt. Ohne lange nachzudenken, griff Rudi zum Handy. „Rudi-Schatz!“ „Hi, Mama.“ „Dass du dich mal meldest!“ Rudi atmete erleichtert auf. Ihre Mutter klang völlig normal, im Hintergrund summte der Staubsauger, es konnte also nichts Schlimmes mit Hannes passiert sein. „Stör ich?“ „Ich saug grad. Was gibt es denn?“ „Ich ruf an wegen Hannes.“ Rudi tunkte einen Löffel in das Glas Thymianhonig, das neben ihrer Tasse auf dem Tisch stand. Am anderen Ende verstummte der Staubsauger. „Weißt du schon, wann er ankommt? Dass er bei dir übernachten kann, hat deinen Vater einige Mühe gekostet. Gut, dass er seine Kontakte ins Ministerium ...“ „Hä?“ Rudi pfefferte den Löffel mit Honig unsanft in ihre Tasse.„Hannes kommt? Zu mir? Ich dachte, ihm ist was passiert!“ „Nein, Schatz“, flötete ihre Mutter besänftigend, „Hannes geht es gut!“ „Und woher soll ich das wissen? Kannst du mich mal aufklären?“ © eckermann&müller Prologe „Wir vom Neptunplatz“

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„Ach Kind ... die Bundeswehr dreht einen Image-Film. Mit Soldaten, die im Auslandseinsatz sind. Und dein Bruder spielt mit! Ist das nicht toll?“ Abgesehen davon, dass die Bundeswehr und Werbung für die Bundeswehr ganz und gar nicht toll waren, störte Rudi etwas anderes. „Und wieso Hannes?“ „Sie wollen zeigen, dass die Truppe auch Ausländer nimmt, wenn sie die Deutschen Werte verinnerlicht haben. Und weil dein Bruder nun mal nicht typisch Deutsch aussieht ...“ „Typisch Deutsch?“ Wütend rührte Rudi ihren Löffel durch den Tee. „Wie muss man denn so aussehen als typisch Deutscher? Blond und blauäugig, mit SS-Runen am Hals?“ „Gertrud Hansen“, schimpfte ihre Mutter, „du redest Unsinn.“ „Tu ich nicht, Mama! Überleg doch mal: Dass ein Schwarzer ganz normal Deutsch sein kann, geht in die Köpfe der Leute nicht rein. Und Hannes sorgt auch noch dafür, dass das so bleibt, wenn er den Quoten-Exoten spielt.“ „Kind,“ jetzt klang auch ihre Mutter verärgert, „ich frag mich, was du in letzter Zeit hast. Du bist so aggressiv.“

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„Bin ich nicht! Ich hab nur keinen Bock mehr, den Mund zu halten, wenn mir was nicht passt.“ Rudi stoppte den Löffel und beobachtete den Wirbel, der sich um den Stiel herumdrehte. „Schatz“, probierte ihre Mutter es in einem versöhnlichen Tonfall, „freu dich doch, dass du Hannes endlich wieder siehst! Ihr wart doch immer ein Herz und eine Seele.“ Rudi zog den Löffel aus der Tasse und hob sie auf Augenhöhe. Worf sah ihr mit seinem unbestechlichen Blick direkt ins Herz. Irgendwie hatte ihre Mutter ja recht. Hannes kam. Gesund. Vielleicht war das wirklich das einzige, was zählte.

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Wir vom Neptunplatz  

Auszug 4. Teil

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