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Wir vom Neptunplatz Ein Vorabendroman von Patricia Eckermann und Stefan MĂźller

LESEPROBE Auszug Seite 9-13 Š Carlsen Verlag, Hamburg 2011


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Rudi saß mit angezogenen Beinen auf dem Bett und heulte. Nur noch fünf Tage bis Silvester. Draußen war’s sibirisch, und drinnen hatten die Stadtwerke Wasser, Strom und vor allem Gas abgestellt. Als wäre das nicht schon schlimm genug, musste sie sich endgültig eingestehen, dass sie dieses verranzte, düstere und viel zu mickrige WG -Zimmer hasste. Abgrundtief und über alle Maßen. Am liebsten hätte sie die altersschwache Federkernmatratze, die vermutlich schon zig Studentenärsche malträtiert hatte, samt Billy-Regal aus dem Fenster geschmissen. Das Einzige, das ihr in diesem Raum ein Gefühl von Geborgenheit vermittelte, war das riesige Star-Trek-Poster an der Wand gegenüber. Darauf prangte Worf, der Klingone, der als taktischer Offizier der Enterprise die brenzligsten Situationen gemeistert hatte. Rudi straffte die Schultern und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Was Worf konnte, musste sie zumindest versuchen. Es gab keine Entschuldigung für eine verpasste Revolution. Schuld an ihrem Elend waren eindeutig ihre Mitbewohner, zwei Jungs, die Rudi stark an Cheech & Chong aus der Kifferkomödie erinnerten. Die beiden waren so abseitig, dass Rudi jedes Gespräch mit ihnen mied wie ein Albino die Sonne. Dabei hatte alles so perfekt angefangen. Erst der Kölner Studienplatz in Medienwissenschaften. Dann auch noch das WG /


Zimmer. Mitten im ausgekachelten Epizentrum Kölns, am Barbarossaplatz. Dass sie dafür in einem Casting eine Tüte bauen musste, hätte ihr allerdings gleich zu denken geben können. Zwei Monate war das jetzt her. Zwei Monate, in denen Rudi ihre Heimat Bielefeld vermisste wie ein Delphin das Thunfischnetz. Nur ihr großer Bruder Hannes fehlte ihr. Doch der Vollidiot hatte sich nach Afghanistan verpflichtet. Und so half der katastrophale Neuanfang in Köln ihr wenigstens, die Horror-Szenarien von flaggengeschmückten Soldaten-Särgen in den hintersten Winkel ihres Schädels zu verbannen. Mit der Stadt hatte Rudi sich schnell angefreundet. Das Studium war von null auf hundert gestartet, doch auch das war völlig okay. Cheech & Chong dagegen waren das exakte Gegenteil von okay. Keinen einzigen Tag hatte Rudi die beiden ohne Joint, Tinpipe, Blubber, Chillum oder andere THC -Aggregatauflöser erlebt. Ihre Augen hatten die Farbe eines gut abgestandenen Bordeaux. Und ihre Witze waren so pointenfrei wie ein Abend mit Oliver Pocher Das allein hätte Rudi sogar noch tolerieren können. Was aber gar nicht ging, waren die unterschiedlichen Vorstellungen von Hygiene, die die WG -Bewohner an den Tag legten. In der Küche stapelte sich Geschirr mit Steinzeitkruste, am Waschbecken im Bad klebten betonharte Zahnpasta-Spritzer, und die dem Sperrmüll entrissene Wohnzimmercouch beherbergte eine Wanzenfamilie aus 42 munteren Generationen. In ihrer Not stürzte Rudi sich in Arbeit. Sie fuhr morgens ins '&


Gym am MediaPark, schwamm hundert Bahnen und duschte anschließend. In der Uni blieb sie bis zum letzten Seminar um viertel vor acht, tauchte danach im 1-Euro-Kino am Friesenplatz ab und schlich zwei oder drei Filme später nach Hause in ihr Bett. In ihre Alpträume. Sie hatte sich so viel von Köln erhofft. Und jetzt steckte sie in der Hölle fest. Doch Aufgeben war nicht drin. Die Klingonin in ihr hatte Blut geleckt. Sie würde die Uni auf jeden Fall durchziehen. In dieser Stadt. Dafür musste sie allerdings erst mal den Winter überleben. Und das bedeutete Revolution. Sofort. »Sag mal, Cheech, hast du mit den Stadtwerken telefoniert?« Rudi beobachtete, wie sich ihre Frage durch harzige THC Schichten in Cheechs Bewusstsein zu kämpfen versuchte. Seine Lider bewegten sich in Mikrometern Richtung Augenbrauen. Und irgendwie schienen die Muskeln, die dafür nötig waren, mit seinen Mundwinkeln verklebt zu sein, denn auch die zogen sich langsam nach oben, so dass etwas entstand, was ein Mensch mit sehr viel Gottvertrauen (und wenig Umgang mit Kiffern) als Lächeln bezeichnet hätte. »Hey, Prinzessin! Was geht?« »Nichts geht! Es ist arschkalt hier. Der Strom ist weg. Und im Klo schwimmt seit Tagen eine Kackwurst.« »Krass, oder?« Cheech grinste grundlos. »Aber irgendwie ist die Spülung kaputt, keine Ahnung.« Unvermittelt schüttelte ein Lachen den mageren Körper des Studenten durch. ''


»Hör zu, Cheech! Ihr müsst endlich die Rechnung zahlen, sonst feiern wir Silvester im Gefrierfach.« »Was hast du gesagt?« Cheech grinste Rudi stumpf an. »I-h-r m-ü-s-s-t d-i-e R-e-c-h-n-u-n-g b-e-z-a-h-l-e-n«, artikulierte sie so betont wie eine Grundschullehrerin beim Diktat. »Nee, vorher? Wie hast du mich genannt?« »Keine Ahnung. Ist doch scheißegal, Mann.« Cheech griente debil. »Du hast mich Cheech genannt.« Er gluckste. »Cheech! Wie Cheech & Chong … wie geil ist das denn?« Rudi blieb streng und kreuzte die Arme. »Hast du mit den Stadtwerken gesprochen?« Cheech schien in Gedanken sein Tagebuch durchzublättern. Dann glimmte ein Erinnerungsfetzen durch seine nebligen Augen. »Keine Ahnung, Rudi, aber da war neulich so’n Typ da. Wegen der Rechnung, weissu? Er wollte uns den Strom abstellen.« »Er hat den Strom abgestellt, Cheech.« »Echt? Krass … Sag mal, wie hast du mich gerade genannt?« Ein konstruktives Gespräch mit Cheech schien ausgeschlossen, also verließ Rudi die süßliche Duftmischung aus abgestandenem Rauch und abgestandenem Studenten und zog genervt die Tür hinter sich zu. »Ach, hör mal, Prinzessin …«, rief Cheech ihr hinterher. Widerwillig steckte Rudi noch einmal den Kopf durch die Tür. »Ich hab’s total vercheckt, Rudi. Ist auch echt scheiße, so kurz nach Weihnachten, aber … wir müssen dich leider rausschmeißen.« '(


»Was?!« Rudi stockte der Atem. Die setzten sie einfach vor die Tür? Verdammt, warum hatte sie nicht längst den Mietvertrag unterschrieben? »Nicht persönlich gemeint, weissu. Aber irgendwie bist du zu spießig für unser kleines Paradies.« Cheech breitete die Arme aus und sah sich zufrieden um. Rudi folgte seinem Blick. Paradies war so ziemlich das Letzte, was ihr zu dieser Walhalla für Messies eingefallen wäre. Abgesehen von der verwanzten, schlammbraunen Couch wurde das Wohnzimmer von einer hölzernen Essecke beherrscht, über der nur noch der röhrende Hirsch fehlte. Stattdessen hing dort eine Reihe von Playboy-Heften, ordentlich in durchsichtigen Gefrierbeuteln an die Wand gepinnt. Der hellgraue Niederflorteppich, über und über mit Flecken aus verschiedenen Jahrzehnten und Substanzen übersät, war mit zwei fliederfarbenen Toilettenvorlegern belegt, die Chong in einem Anfall von Kreativität zu Wohnzimmerteppichen umfunktioniert hatte. Rudi straffte die Schultern und atmete durch. Vielleicht war es das Beste so. »Ich krieg noch 200 Euro Kaution zurück.« »Ja klar, kein Problem, Prinzessin. Aber wir sind gerade was klamm. Die Stadtwerke haben schon gedroht, uns den Strom …« Rudi knallte die Zimmertür mit aller Macht zu. Die Klingonin in ihr brüllte. Und sie brannte darauf, Lichtjahre entfernt von dieser Misere neue Welten zu entdecken.

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Neptunplatz - 1. Auszug  

Erster Auszug aus dem Buch

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